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Der Kirchenlehrer

Routiniert, souverän, modern – ein Meister seines Fachs. Joseph Ratzinger wird als einer der ganz großen Theologen dieser Zeit in die Geschichte ein- gehen. Ein Text aus dem Jahr 1962 zeigt, wie der junge Professor sich schon damals nicht scheute, dem heiligen Augustinus Fehler nachzuweisen

Von Paul Badde und Guido Horst

I n der Ruinenbasilika San Giovanni Rotondo auf dem Celio-Hügel steht links neben dem Eingang fast unbe-

achtet ein antiker Marmorschemel an der Wand. Es ist der alte Bischofssitz Papst Gregors des Großen. In Sankt Peter schwebt der Heilige Stuhl in der Apsis vom Heiligen Geist herab in die Hände von Johannes Chrysostomos, Athanasius, Ambrosius und Augustinus. die Cathe- dra der nachfolger Petri war immer auch schon ein Sitz der Kirchenlehrer für ost und West. Routiniert wie ein Schuster Schuhe besohlt, hat auf diesem Stuhl auch der 266. nachfolger Petri diese Aufgabe über- nommen, oder vielleicht doch noch etwas routinierter. denn ihm – dem Professor Papst – ist diese Rolle wie auf den Leib geschrieben. Mittwoch für Mittwoch hält er deshalb auf dem Petersplatz oder in der Audienz- halle kleine Vorlesungen auf Italienisch, die nur wenige der angereisten Pilger ver- stehen, aber wohl alle in das große Lehr- buch der Kirche eingefügt werden. das Schrifttum, das Benedikt XVI. dabei allein

seit seiner Wahl angesammelt hat, weist ihn schon jetzt als weiteren großen Kir- chenlehrer aus. dabei geht er überaus systematisch vor. nach seiner Wahl hat er zuerst alle Apostel Stück für Stück und hintereinan- der behandelt, dann den heiligen Stepha- nus und die Gestalten der frühen Kirche, die großen Kirchenväter und inzwischen – wir haben ja das Paulus-Jahr – das Leben und denken des Völkerapostels. die beständige Lehre ist die Grund- konstante im Pontifikat Benedikts XVI., die von Anfang an als das größte Anliegen des Theologen-Papstes zu erahnen war:

die unablässige darlegung der Glaubens- wahrheiten. Er krempelt nicht die Medien- Arbeit des Vatikans um, auch die Reorga- nisation der römischen Kurie wird er wohl einem seiner nachfolger überlassen. Eben- falls ist Benedikt XVI. kein „Reise-Papst“, auch wenn er pro Jahr einige wenige, dafür aber wichtige Auslandsbesuche auf dem Programm hat. Stattdessen reiht er sich selber in die lange Abfolge der Kirchen- lehrer ein, über die er in der Katechese bei den Generalaudienzen spricht und weiter

sprechen wird. Hier hat Joseph Ratzinger, einer der großen Theologen der heutigen Zeit, mit einer langen Erfahrung auf den Feldern des Austauschs zwischen Glaube und Vernunft, auf ganz natürliche Weise seine Hauptaufgabe als Papst gefunden. dabei zitiert er auch einmal dante oder unbekanntere Kirchenlehrer wie den heiligen Andreas von Kreta. In fast jeder Ansprache bei der Generalaudienz oder zum sonntäglichen Angelus-Gebet geht Benedikt XVI. auf die Grundlagen des Glaubens und die letzten Heilsgeheimnisse zurück. Er muss nicht mehr wie früher als Präfekt der vatikanischen Glaubenskon- gregation die scharfe unterscheidung zwi- schen reiner Lehre und häretischer Abwei- chung ziehen. Vom Verteidiger des Glau- bens – was mitunter auch disziplinarische Maßnahmen der Glaubenskongregation einschloss – zum Verkünder des Glaubens gewandelt legt der deutsche Theologen- Papst den ganzen Schatz der kirchlichen Erlösungslehre dar. die letzten zwanzig Generalaudienzen hat er dem heiligen Paulus gewidmet und wir gehen wohl nicht fehl in der Annahme,

Der junge Theologe Joseph Ratzinger. Foto: KNA

dass er eines fernen Tages ganz bei sich selbst ankommen wird, dem wohl bedeu- tendsten Kirchenlehrer des 21. Jahrhun- derts. Angefangen hat er mit der Arbeit der Kirchenlehre schon in der Mitte des letzten Jahrhunderts – wie der folgende Text zeigt, den der junge Joseph Ratzin- ger vor dem Zweiten Vatikanischen Kon- zil verfasst hat, als Stellungnahme zu den so genannten Schemata, den Entwürfen der Konzilstexte, die die Vorbereitungs- kommissionen für diese größte Kirchen- versammlung des vergangenen Jahrhun-

derts schon einmal vorsorglich aufgesetzt hatten. der Text trägt das datum vom 10. oktober 1962 – einen Tag später begann das Konzil –, behandelt den Entwurf für ein Konzilsschreiben zur offenbarung, wie sie in Heiliger Schrift und Überlieferung zu Tage tritt – und zeigt schon die ganze Souveränität, mit der der damals 35 Jahre alte Ratzinger sein theologisches Hand- werk betrieb. Als Berater des Kölner Erzbi- schofs Joseph Kardinal Frings war er nach Rom gekommen und ließ sich nicht im

Geringsten von den römischen Glaubens- wächtern unter Kardinal Alfredo ottavi- ani beeindrucken. nicht nur dass er den – wohl zu ängstlichen und älterem Lehr- buchwissen verpflichteten – Autoren des offenbarungs-Entwurfs kräftig auf die Finger klopfte. So ganz nebenbei bekam auch der heilige Augustinus eins ausge- wischt. der Text ist hochtheologisch, aber auch für Laien verständlich und behan- delt die zentrale Frage, auf welche Weise der Gott der Christen zu den Menschen gesprochen hat.

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Die Offenbarung:

Ausdruck einer Geschichte Gottes mit den Menschen

Einspruch! Wie Professor Ratzinger 1962 einen Entwurf der Vorbereitungs- kommissionen des Zweiten Vatikanums über die Heilige Schrift und die Tra- dition zerlegte.Auszüge aus seiner Stellungnahme

Schrift und Überlieferung

» Wenn man Schrift und Überlieferung als die Quellen der Offenbarung bezeichnet, identifiziert man praktisch die Offenba- rung mit ihren Materialprinzipien. In die- sem Fall wird die Gefahr, in den Skriptu- rismus, das heißt in das sola scriptura, in die Identifizierung von Schrift und Offen- barung, abzugleiten, besonder akut. Man braucht ja nur zu behaupten, daß die Überlieferung keine zusätzlichen Inhalte zur Schrift hinzubringe, dann ist damit schon klar, daß die Schrift die ganze Offen- barung ist, daß Schrift und Offenbarung sich decken, daß sola scriptura in einem strengen und exklusiven Sinne gilt. Diese Gefahr ist mit dem eingentümlichen Posi- tivismus, der die Offenbarung mit ihren konkreten Zeugnissen gleichsetzt, unaus- weichlich gegeben. In der Tat sind die Verfasser unseres Schemas offenbar in diese Falle gegangen:

Sie verteidigen, wie anschließend zu zei- gen sein wird, die Lehre, die Überlieferung müsse eigene Materialien neben der Schrift enthalten, weil sie offensichtlich meinen, nur so sich gegen das sola scriptura abschir- men zu können. Sobald man aber begrif- fen hat, daß dieser Positivismus, der über- dies auf einer Vermengung von Seins- und Erkenntnisordnung und einer Absolutset- zung der Subjektperspektive beruht, falsch

ist; sobald man begriffen hat, daß Offenba- rung in jedem Fall ihren materialen Bezeu- gungen vorausliegt, besteht die Gefahr des Skripturismus überhaupt nicht mehr. Denn dann ist klar, daß die Offenbarung selbst immer ein Mehr ist gegenüber ihrer fixierten Bezeugung in der Schrift, daß sie das Lebendige ist, das die Schrift umgreift und entfaltet. ( ) Das sachliche Ergebnis der bisherigen Überlegungen könnte lauten: Das Verhält- nis der beiden Größen Schrift und Über- lieferung ist nur zu begreifen in Unter- ordnung dieser beiden Größen unter die

dritte, die in Wahrheit die erste ist, unter die Offenbarung selbst, die ihren posi- tiven Bezeugungen vorausliegt und sie übergreift. Schrift und Überlieferung sind Erkenntnis-und Materialprinzipien der Offenbarung, nicht die Offenbarung

selbst. (

Die Geschichte kann praktisch keine Satz nennen, der einerseits nicht in der Schrift enthalten ist und andererseits auch nur mit einiger historischer Wahrschein- lichkeit bis auf die Apostel zurückgeführt werden könnte. Gerade die drei klas- sischen Lehrbuchbeispiele – Kanon der Schrift, Siebenzahl der Sakramente, Kin- dertaufe – bestehen diese Probe nicht Nein, die Kirche hatte keine fertig formu-

)

lierte Mitteilung des letzten Apostels zur Verfügung, der testamentarisch hinter- ließ, welche Bücher zusammen die Schrift ausmachen sollten. Sondern sie mußte sich in der Selbstbesinnung auf den in ihr wirksamen Heiligen Geist in der Mühsal menschlicher Geschichte fragen, in wel- chen Bücher sie diesen Geist erkannte und in welchen nicht, ehe sie scheiden konnte, was ihr Wesengesetz ausdrückte und was nicht. ( ) Natürlich drängt sich hier sofort der Einwand auf: Aber es gibt doch Dogmen, die nur aus der Überlieferung, nicht aus der Schrift zu beweisen sind. Nach 1950 war keine Auskunft beliebter als zu sagen, dieses Dogma sei ein typisches Beispiel eines nur durch die Tradition zu bewei- senden Satzes. In Wirklichkeit ist gerade in diesem Fall mit einer solchen Auskunft gar nichts gewonnen, sie ist im Grunde eine Flucht, keine Erklärung. Denn auch die Überlieferung weiß bekanntlich vor dem 5. Jahrhundert von der assumptio corpora- lis der Gottesmutter nichts und es ist histo- risch vollständig klar, daß es sich bei den ersten schließlich auftauchenden Nach- richten keineswegs um verspätete Nieder- schriften einer bisher nur mündlich wei- tergegebenen Nachricht handelt, sondern um eine Erkenntnis, die eben erst neu ans

Licht drängt, um deren Verständnis dann ein jahrhundertelanges Ringen anhebt und von der schließlich 1950

Licht drängt, um deren Verständnis dann ein jahrhundertelanges Ringen anhebt und von der schließlich 1950 die Kirche erklärt hat, daß es eine Erkenntnis im Heiligen Geiste war, die zum Grundbestand der Offenbarung zu rechnen ist. Die Tradition als ein eigenes Materialprinzip kann man gerade von hier aus nicht beweisen, son- dern wiederum erscheint sie als der Vor- gang der geistigen Aneignung und Ent- faltung des Christusgeheimnisses in der geschichtlichen Mühsal der Kirche. Ich glaube, daß dieser historische Tat- bestand entscheidend sein sollte, um eine Fixierung in dem von der Vorlage vor- gesehen Sinn auf alle Fälle zu verneinen. Ich sage nochmal: Es gibt keinen Satz, der einerseits nicht in der Schrift steht und anderseits mit irgendeiner historischen Wahrscheinlichkeit bis in die Apostel- zeit zurückgeführt werden könnte. Wenn es so ist – und es ist so –, dann darf man Überlieferung nicht als materiale Weiter- gabe ungeschriebener Sätze definieren. Die Väter und die vortridentinischen Schola- stik haben das auch nicht getan. ( )

Professor Ratzinger trifft zum Konzil auf dem römischen Flughafen Fiumicino ein. Foto: SLOMI

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Inspiration und Irrtums- losigkeit der Schrift

» Die Inspirationslehre, wie sie in Abschnitt 8-11 von Caput 2 entwickelt wird, hat zweifellos wiederum einen Großteil der gegenwärtigen theologischen Lehrbücher hinter sich, aber das allein kann doch nicht genügen, um sie konzilsreif erscheinen zu lassen. Viel eher ist dies einer der Punkte, die an den bisher vorgelegten Schemata besorgt stimmen können: Daß man den Eindruck gewinnen muß, hier werde ver- sucht, die Durchschnitts-Theologie der lateinischen Lehrbücher, die als solche durchaus ihr Recht und ihre Bedeutung hat, dogmatisch verbindlich zu machen, was nun doch hieße, dieser Theologie, die als Theologie ihr Recht hat, ein kirchliches Gewicht zu geben, das sie von der Überlie- ferung her nicht beanspruchen kann. Der erste Wunsch, der hier anzumelden ist, wäre demnach wiederum der, das Konzil möge keine unnötigen Fixierung bringen, es möge darauf verzichten, die Einzelheiten

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des Inspirationsvorganges zu beschreiben, wie schon das Tridentinum und das Vati- canum I nicht ohne guten Grund darauf verzichtet haben. ( ) Neben diesem negativen Wunsch drängt sich aber auch eine positive Überle- gung auf. Die Schilderung des Inspirations- vorganges geschieht nämlich in Abschnitt 8 in Anschluß an Vorstellungen, die vor allen Dingen durch Augustinus in der latei- nischen Kirche angesiedelt wurden. Augustinus ist dabei seinerseits durch einige Vermittlungen hindurch weit- gehendst von Philo abhängig, der seiner- seits wiederum seine Inspirationsvorstel- lung eigenartigerweise nicht aus der pro- phetischen Überlieferung seines Volkes, sondern aus der Mystik des mittleren Pla- tonismus und überhaupt des Hellenismus seiner Zeit geschöpft hat. Daß diese heidnische Inspirationsvor- stellung sich durch die Autorität Augustins später in solchem Maß durchsetzen konn- te, muß als ein Unglück angesehen werden. Sie schließt nämlich zwei Akzentsetzungen

ein, die für eine christliche Inspirationsleh- re denkbar ungeeignet sind: Erstens geht sie im Anschluß an die griechische Identi- tätsmystik von einer vollkommenen Über- mächtigung des Menschen durch die Gott- heit aus; der Mensch wird zum willen-

losen Instrument der Gottheit

ser Entmächtigung der menschlichen Per- son hängt ein zweites Phänomen zusam- men: der ungeschichtliche Charakter die- ser Inspirationsvorstellung. Was sich hier abspielt, hat keinen irgendwie konstituti- ven Zusammenhang mit Geschichte, weil ja der Mensch völlig verschlungen ist von dem allein handelnden und sprechenden Gott. Das eigentümliche der biblischen Offenbarung aber ist es gerade, daß sie Ausdruck einer Geschichte ist, die Gott mit den Menschen macht. Das ließe sich übrigens auf die ganze Breite der Religionsgeschichte anwenden:

Der Unterschied der Bibel zu den Heiligen Büchern etwa des Hinduismus oder des Buddhismus oder des Islam ist es gerade, daß die letzteren als ein zeitloses göttliches Diktat gelten, während die Bibel Nieder- schlag des geschichtlichen Dialogs Gottes mit den Menschen ist und nur durch diese Geschichte hindurch und in ihr Sinn und Bedeutung hat. ( ) Wenn Abschnitt 10 nach der Verur-

Mit die-

hat. ( ) Wenn Abschnitt 10 nach der Verur- Mit die- Der Konzilspast Johannes XIII., auf

Der Konzilspast Johannes XIII., auf dem Bild links neben ihm Kardinal Alfredo Ottaviani. Foto: SLOMI

teilung der Idee des Gemeingeistes sagt, es sei aber richtig, daß die Beachtung der geschichtlichen Umstände für die Exege- se sehr nützlich sein könne, so zeigt dies, daß der Verfasser das eigentliche Anliegen, um das es hier geht, gar nicht zu Gesicht bekommen hat: die notwendige Einfügung der Heiligen Schrift in den Organismus des Gottesvolkes, auf der ja erst die Möglich- keit des kirchlichen Lehramtes und jener lebendigen Überlieferung gründet, die der Schrift ihre wahre Bedeutung gibt. Eine aus dem eigentlich Christlichen entwickelte

Inspirationslehre umfaßt die Grundkate- gorien der Person, die Gott als solche (und nicht als organon) anruft und in Dienst nimmt, der Geschichte, des Gottesvolkes:

lauter Kategorien, die in der philonischen Lehre gar nicht auftreten können. Gewiß, es ist trotzdem alles Wesentliche in der katholischen Theologie immer bewahrt worden, aber eine einheitliche Inspirati- onslehre ließ sich nicht entwickeln, son- dern es blieb bei einer mühsamen Zusam- menfügung von teils recht heterogenen Elementen. Es wäre ein Unglück für The-

ologie und Kirche, wenn die philonisch- augustinische Inspirationslehre nach Jahr- hunderten, in denen man sie auf die Lehr- bücher beschränkte, gerade in dem Augen- blick kirchlich sanktioniert würde, in dem sich endlich die Möglichkeit anbietet, eine Inspirationslehre genuin-biblischer Prä- gung zu entwickeln. ( ) Mit dem Gesagten fällt auch Licht auf die Frage der Irrtumslosigkeit und Histo- rizität der Heiligen Schrift, die in den fol- genden Abschnitten angegangen wird. Das Schema spricht hier eine sehr scharfe Sprache. Es deduziert: Gott ist die höchste Wahrheit und kann sich nicht irren. Gott hat die Schrift diktiert. Also ist die Schrift genau so irrtumsfrei wie Gott selbst „in qualibet re religiosa vel profana“ (in religi- ösen wie in profanen Dingen). Nun drückt aber die hier unterstellte Diktattheorie, wie eben gesagt, gar keinen spezifisch christ- lichen Gedanken aus. So braucht es nicht zu verwundern, daß sich in profanen, für die eigentliche Aussageabsicht der Schrift belanglosen Dingen nach der einmütigen und kaum noch zu widerlegenden Ansicht der Historiker durchaus auch Versehen und Irrtümer in der Bibel finden. Man kann auf Kleinigkeiten verweisen, wie die Tatsache, daß Markus (2,26) vom Hohen- priester Abiathar redet, statt von dessen Vater Achimelech, ein Irrtum, den dann Matthäus und Lukas in ihrem Text korri- giert haben. Man könnte auf größere Dinge wie auf die bekannten Abweichungen der Chronikbücher von den Königsbü- chern, auf die ungeschichtliche Bezeich- nung Belsazars als Sohn Nebukadnezars bei Daniel und anderen verweisen; eines dürfte heute klar sein: Es war offensicht- lich nicht der Sinn der Inspiration, in dem breiten Horizont der menschlichen Aus- sagen jede Randunschärfe in den beiläu- fig mitgesagten Dingen zu vermeiden, son- dern es war ihr Sinn, in wahrhaft mensch- lichen Worten den Menschen das Geheim- nis Gottes nahekommen zu lassen. Die wahre Menschlichkeit der Schrift, hinter der sich umso größer das Geheimnis des göttlichen Erbarmens erhebt, kommt uns erst allmählich zum Bewußtsein; irrtumlos ist und bliebt die Schrift ohne Zweifel in all dem, was sie eigentlich aussagen will, aber nicht notwendig in dem in der Aussage Mitgesagten, das kein Teil der eigentlichen Aussage selber ist. Deshalb muß, in Über-

einstimmung mit dem, was in Abschnitt 13 recht gut ausgeführt wird, die Irrtums- losigkeit der Schrift auf die vere enuntiata beschränkt werden, wenn nicht die histo- rische Vernunft in einen geradezu ausweg- losen Konflikt geführt werden soll. Der Schluß des 2. Kapitels fordert nocheinmal eine Bemerkung heraus: Es wird Hebr 4,15 zitiert: Der Herr ist uns in allem ähnlich geworden „praeter pecca- tum“ (außer der Sünde). Der Verfasser des Schemas scheint indes mit der Schrift nicht zufrieden; er fügt hinzu: „et ignorantiam“ (und der Unkenntnis). Das ist, um offen zu sein, ein wenig erbauliches Verfahren, das vor allem auch die getrennten Brüder mit Mißbehagen erfüllen wird. Überdies

muß diese „Ergänzung“ der Schrift umso mehr bedenklich stimmen, als in Mk 13,32 ausdrücklich das Gegenteil gesagt wird, wenn es heißt: «Über jenen Tag und jene Stunde aber weiß niemand etwas, auch nicht die Engel im Himmel, auch nicht der Sohn, sondern nur der Vater“. Wie immer dieser Vers auch auszulegen ist, er zeigt auf jeden Fall, daß in einem bestimmten (gewiß näherer Erläuterung fähigen und bedürftigen) Sinn von einem Nichtwis- sen des Menschen Jesus gesprochen wer- den darf und daß es sich im vorliegenden Text um eine recht anfechtbare Ergänzung der Schrift handelt, die zu streichen ist, zumal sie auch in der ersten Vorlage nicht gestanden hatte. ( )

Ratzinger 1955 als Dozent für Dogmatik und Fundamentaltheologie in Freising. Foto: KNA

hatte. ( ) Ratzinger 1955 als Dozent für Dogmatik und Fundamentaltheologie in Freising. Foto: KNA vatican

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Altes Testament, Neues Testament und Weltgeschichte

» Zum bisher übersprungenen Caput III mögen mir abschließend noch zwei klei- ne Bemerkungen gestattet sein, die über das Inspirationsthema hinausführen auf das gründsatzliche Gesamtverständnis der Heilsgeschichte Gottes mit den Menschen hin. Da findet sich zunächst in Abschnitt 15 eine Formulierung, die der Einheit der Heilsgeschichte nicht genügend gerecht zu werden scheint, wenn gesagt wird, in jenen

Dingen, die sich auf die Grundlegung der christlichen Religion beziehen, bestehe die Autorität des Alten Testaments fort. Das ist zu wenig und zu viel in einem. Denn mit einer solchen Formulierung wird der Eindruck erweckt, als ob sich bestimmte Teile des Alten Testaments nicht auf die Grundlegung der christlichen Religi- on bezögen und daher einfachhin ver- gangen seien, als ob andere Dinge gleich- sam schon direkt christlich seien und so als solche weiterbestehen würden. Die paulinische und überhaupt neute- stamentliche Sicht des Alten Testaments ist eine andere: Sie klingt in dem Zitat an, das

Gewiß ist es richtig, daß man die These ablehnen muß, die in den Evangelien berichteten Worte Jesu seien meistens gar nicht Worte des Herrn, sondern des Evan- gelisten oder der Gemeinde. Kein katho- lischer Theologe behauptet solches. Aber das Problem, um das es geht, erscheint dabei doch allzusehr vereinfacht. Denn wir wissen heute, daß die Gemeinde einerseits nicht gewagt hat, Herrenworte zu „erfin- den“, sondern sich wirklich an das gebun- den wußte, was die Augenzeuge gese- hen und gehört hatten; daß sie sich aber wohl ermächtigt und verpflichtet wußte, diese Herrenworte nicht einfach archiva- risch wie die Worte eines Toten weiterzu- geben, sondern sie als Worte eines Leben- digen, des Christus heute, weitergege- ben hat, sie in der Vollmacht des Heiligen Geistes weitertrug (was wir Überlieferung heißen) und auch ihr kirchliches Heute in diese Worte mithineingehört hat, wie die Geschichte der synoptischen Überlie- ferung aufs deutlichste beweist. Nichts ist dem katholichen Verständnis von Schrift und Überlieferung, von Christus und Kir- che gemäßer als das, aber der Verfasser ist wiederum (ähnlich wie bei der Frage Inspiration und Gemeinde) zum wirk- lichen positiven Problem gar nicht vorge- stoßen, sondern ist, von dem Gespenst des Modernismus geblendet, bei einer Gefahr stehen geblieben, in der es im Grunde um etwas ganz anderes, eben um die Idee des Gemeingeistes geht, die vom moder- nistischen Schreck her manchen Theolo- gen offenbar noch so sehr in den Gliedern liegt, daß sie, wo sie Gemeinde hören, überhaupt nichts anderes mehr denken können. ( )

Holte den Münchener Kardinal schließlich an die Glaubenskongregation nach Rom: Johannes Paul II. Foto: KNA

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Kardinal schließlich an die Glaubenskongregation nach Rom: Johannes Paul II. Foto: KNA « 14 vatican 1

der Text des Schemas selbst bietet: Quae- cumque enim scripta sunt, ad nostram doctrinam scripta sunt (Röm 15,4) – das ganze Alte Testament redet von Christus, ist christologisch gemeint und ist als sol- ches Grundlegung, Fundament der christ- lichen Religion, nicht bloß einzelne Stücke daraus. Aber auch das ganze Alte Testa- ment muß gleichsam durch die christolo- gische Verwandlung hindurch, gilt nicht aus sich heraus, sondern von Christus her und auf Christus hin, der erst den Schleier wegzieht, der über dem Antlitz des Moses gelegen hatte (2 Kor 3,12-18). Noch ein Stück weiter führt die Über- legung, zu der der folgende Abschnitt 16 Anlaß gibt, wenn es heißt: „Gottes Hin- wendung zum Menschen zielte vom Sün- denfall Adams an darauf ab, daß durch die Verheißungen an die Väter, durch die prophetische Vorankündigung des Erlö- sers und durch die fortwährend deut- lichere Botschaft von ihm jeder mensch- lichen Kreatur der Zugang zur Heilshoff- nung offen stünde.“ Dieser Satz ist richtig. Aber er berücksichtigt in seiner Formulie- rung doch wohl zu wenig den ungeheuren Wandel des Welt- und Geschichtsbildes, der sich in den letzten hundert Jahren zugetragen und der christlichen Botschaft einen ganz neuen Hintergrund gegeben hat, sodaß sie vor diesem Hintergrund sich selbst neu auslegen muß, wenn sie in ihrer alten einen Wahrheit verständlich bleiben will. Wir wissen heute, daß die Geschichte Israels und der Kirche nur einen winzigen Ausschnitt aus der Gesamtgeschichte der Menschheit darstellt, daß also rein quan-

Foto: SLOMI

der Menschheit darstellt, daß also rein quan- Foto: SLOMI titativ gesehen der Anteil der sogenannten Heilsgeschichte

titativ gesehen der Anteil der sogenannten Heilsgeschichte an der Weltgeschichte ver- schwindend gering ist. Das alte Wort von der Ecclesia ab Abel gewinnt damit eine neue Bedeutung; es läßt uns wissen, daß dennoch diese ganze Geschichte letzter- dings christologisch strukturiert ist und in ihrer Ganzheit verborgenerweise von der Helligkeit jener schmalen Lichtspur lebt, die mit Abraham beginnt und in Christus sich als das wahre Licht eines jeden Men- schen enthüllt, der in diese Welt kommt. Ein Konzil, auf das heute die ganze, auch die nicht christliche Welt hinschaut, sollte auch erkennen lassen, daß es um die ganze Breite und Höhe, Länge und Tiefe, um die wahrhaft kosmische Dimensionie-

rung des Christusheiles weiß, daß es nicht in den Gittern eines mitteralterlichen Geschichtsbildes gefangen so etwas wie einen kirchlichen Provinzialismus pflegt, sondern die Frage des Menschen von heute verstanden hat und bereit ist, ihr Antwort zu geben. Es müßte also in der Formulierung, deutlicher als es geschieht, zum Vorschein kommen, daß das Chri- stusheil, das sich in der Geschichte Israels und der Kirche manifestiert, nicht an die äußeren Mauern Israels und der Kirche gebunden ist, sondern allezeit allen offen stand. ( )

Zitiert aus der Zeitschrift Gregorianum, Februar 2008.

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