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H. Böttger

Geschichte der neuzeitlichen Physik im Kulturvergleich: Europa, China, Islam

Text von Vorträgen, gehalten an der Universität Marburg, Juli 2007, der Universität Magdeburg, Januar 2008, und im Rahmen der Sommerakademie der Studienstiftung des deutschen Volkes, La Villa, August 2012

Einleitung

Ohne neuzeitliche Physik lebten wir heute nicht in einer durch Wissenschaft und Technik geprägten Welt, könnten wir heute nicht die Vorzüge eines solchen Lebens genießen.

Die neuzeitliche Physik stand Pate bei der Herausbildung anderer Fächer, so der Chemie und Biologie, aber auch der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, und, wenn es um kausales Erklären geht, gar bei Geisteswissenschaften.

Ohne neuzeitliche Physik wäre die industrielle Revolution nicht möglich ge- wesen.

Die Frage, weshalb gerade Europa die neuzeitliche Physik, die moderne Wissen- schaft, hervorgebracht hat, ist eine Kernfrage der Wissenschaftsgeschichte.

Nach Einstein beruht das Entstehen der modernen Wissenschaft in Europa auf zwei entscheidenden Schritten: auf der Griechen Erfindung der beweisenden Mathematik und auf der Entdeckung, aus der Renaissance, daß kausale physikalische Zusammenhänge im gezielten Experiment sichtbar gemacht werden können.

Die Tatsache, daß andere Kulturen diese Schritte nicht vollzogen haben, findet Einstein nicht erstaunlich, wohl aber, daß sie überhaupt gemacht wurden.

Der Vortrag rankt sich um Einsteins Sicht, mit einem Blick auch in die Geschichte der Wissenschaft in China und im islamischen Kulturkreis.

Europa

Entstanden ist die neuzeitliche Physik im 17. Jahrhundert. Ihre Väter waren Johannes Kepler (1571-1630), Galileo Galilei (1564-1642), Isaac Newton (1642-

1726).

Kepler begründete die neuzeitliche Physik der Bewegung der Himmelskörper und Galilei der Bewegung von Körpern auf der Erde, durch Verbindung von Beobachtung bzw. Experiment und Mathematik.

Newton schuf eine einheitliche Beschreibung der Bewegung von Himmelskör- pern und Körpern auf der Erde durch Formulierung des Gravitationsgesetzes und der Bewegungsgleichungen der Mechanik. Damit vereinigte er die Beschreibung der Bewegung eines fallenden Apfels mit der der Mondbahn am Himmel.

Die Newtonsche Mechanik bestimmte das physikalische Weltbild bis weit in das 19. Jahrhundert hinein.

Die von Kepler, Galilei und Newton begründete exakte Naturwissenschaft beruht auf der Verbindung von gezielter Befragung der Natur mittels Experiment bzw. Beobachtung und der Analyse und Vorhersage empirischer Daten mittels mathematischer Argumentation.

Der Erfolg der exakten Naturwissenschaft ist in der Bescheidenheit ihres Anspruchs begründet. Sie erstrebt nicht eine umfassende Beschreibung der Welt, in einem Schritt, sondern nur von Teilaspekten der Welt, Schritt für Schritt. Sie hat zum Gegenstand nur Objektives, Reproduzierbares, nicht auch Subjektives, Einmaliges. Sie sucht nach Kausalerklärungen, Naturgesetzen, nicht auch nach sinnhaftem Verstehen.

Als erklärt gilt in der neuzeitlichen Physik ein Phänomen, wenn es seine mathe- matische Beschreibung gefunden hat, in Übereistimmung mit wiederholter experimenteller Überprüfung.

„Wenn die errechneten Werte nicht (mit den Beobachtungen) über- einstimmen, war unsere ganze Arbeit vergeblich“, so Kepler.

Die Beschränkung auf kausales Erklären, unter Verzicht auf ein Verstehen der Natur, ermöglicht die Beherrschung der Natur sowie die Konstruktion von Apparaten mit vorhersehbarer Funktion.

Die Forderung der exakten Naturwissenschaft nach Verbindung von Theorie und Experiment bzw. Beobachtung widerspiegelt den Geist der Renaissance, wie dieser seinen Ausdruck in den folgenden Worten Leonardo da Vincis findet:

„Die Weisheit ist die Tochter der Erfahrung, das Experiment der einzige wahrhafte Dolmetsch zwischen der kunstvollen Natur und der menschlichen Spezies.“

„Wer sich ohne Wissenschaft in die Praxis verliebt, gleicht einem Steuermann, der ein Schiff ohne Ruder und Kompaß steuert …“.

Die Aufwertung der Praxis in der Renaissance war Ausdruck der neuen Dies- seitsbezogenheit des Menschen, nach Jahrhunderten der religiösen Weltabge- wandtheit. Das Aufblühen des Handwerks, verbunden mit der Entwicklung der Feinmechanik und des Apparatebaus bot der neuen Naturwissenschaft eine solide Grundlage für die Durchführung gezielter Experimente.

Mit dem Aufkommen der neuzeitlichen Physik beginnt die Abkehr von der aristotelischen Naturlehre, die das Denken des Mittelalters seit dem 12. Jahr- hundert geprägt hat.

Der mittelalterliche Gelehrte hatte seine Wissenschaft verstanden als Erklärungsversuch im Rahmen der Lehre des Aristoteles, ohne Anspruch auf eine Beschreibung der realen Welt, denn nach Aristoteles gilt:

„Was ist, läßt sich denken. Was sich denken läßt, ist auch.“

D.h. für Aristoteles ist nicht nur Empirie Quelle von Naturerkenntnis, sondern, völlig gleichberechtig mit Empirie, auch reines Denken, ganz im Gegensatz zur neuen Naturwissenschaft.

Mathematik war für Aristoteles ein untaugliches Mittel zur Erforschung der Welt.

Die Abkehr von Aristoteles ging einher mit einer Hinwendung zu Platon und dessen hoher Wertschätzung der Mathematik.

Mathematik war für Platon Strukturtheorie, geeignet Kompliziertes in Einfaches zu zerlegen, Ordnung in der von ihm postulierten Welt der Ideen zu schaffen. Platon glaubte, daß auch dem menschlichen Intellekt eine mathematische Struktur zugrunde liege und daß deshalb die Mathematik besonders gut geeignet sei zu helfen, die Welt zu verstehen.

Die neuzeitliche Physik übernahm Platons Konzept und übertrug es auf die reale Welt, überzeugt von deren Mathematisierbarkeit.

Diese Überzeugung findet sich in den Worten Galileis:

„Das Buch der Natur ist in der Sprache der Mathematik geschrieben, und ihre Buchstaben sind Dreiecke, Kreise und andere geometrische Figuren , ohne die es ganz unmöglich ist, auch nur einen Satz zu verstehen, ohne die man sich in einem dunklen Labyrinth verliert.

Eine mathematische Struktur der Welt war auch schon von Pythagoras postuliert worden, als Ursache der Sphärenharmonie, die nach seiner Vorstellung die Bewegung der Himmelskörper regiert und wahrnehmbar ist dem geistigen Ohr als konsonante harmonische Intervalle.

Zu dieser Überzeugung war Pythagoras gekommen durch seine Experimente am Monochord, die zeigten, daß konsonante Intervalle durch ganzzahlige Verhältnisse der Saitenlängen erzeugt werden.

Die pythagoreische Idee bewegte Musiktheoretiker und Naturphilosophen in der Antike, im Mittelalter, bis in die Neuzeit, auch Kepler, Galilei und Newton.

Keplers Interesse an der pythagoreischen Idee beruhte auf seiner Überzeugung, daß die Ellipsenform der Planetenbahnen eine Folge der von Gott gewollten Sphärenharmonie sei. Auf der Suche nach der Ursache der Sphärenharmonie war die Entdeckung der Planetengesetze für Kepler gewisser- maßen ein Nebenprodukt. Ein anderes Nebenprodukt war die Schaffung einer eigenen Harmonielehre. Sein Buch „Weltharmonik“ liest sich über weite Strecken wie ein Musiktheorie-Buch.

Newton schuf seine Farbenlehre in Anlehnung an die Tonskala, und er war überzeugt, daß seine Gravitationstheorie, wenn auch in verschlüsselter Form, schon in der pythagoreischen Sphärenharmonik enthalten sei.

Galilei schulte seine Experimentierkunst in seiner Jugend, als er seinem Vater, einem Musiktheoretiker, bei Experimenten an gespannten Saiten half, Ton- intervalle in Abhängigkeit von verschiedenen physikalischen Parametern zu studieren.

Solche Experimente und ihre mathematische Analyse sind verhältnismäßig leicht durchzuführen. Sie tragen den Charakter einer mathematischexperi- mentellen Wissenschaft.

So wurde die Musiktheorie, die Harmonielehre, zum Wegbereiter, zum Geburtshelfer, der neuzeitlichen Physik.

Galilei wurde zum ´Erfinder´ des physikalischen Experiments und, in seinem Bestreben die Resultate der Experimente mathematisch zu erfassen, zum ersten theoretischen Physiker. -

Drei Dinge haben in Europa die Herausbildung der neuzeitlichen Physik begünstigt: die Handwerkskunst der Renaissance, die beweisende Mathematik der alten Griechen und der Aufbruchsgeist der Renaissance, geprägt durch intellektuelle Freiheit, Autonomie des Individuums, Trennung von Wissen und Glauben, und getragen von der Überzeugung, Vorreiter einer neuen Zeit zu sein.

Die beweisende Mathematik war entstanden in der Zeit des geistigen Aufbruchs der Griechen, der Herausbildung der griechischen Zivilisation, im siebenten Jahrhundert vor Christus, nach dem Dunklen Zeitalter, in dem ,als Folge der Zerstörung der mykenischen Palastkultur, die Kenntnis der Schrift verloren gegangen war.

Dieser Aufbruch, auch griechisches Wunder genannt, steht der Renaissance an Bedeutung in nichts nach. Jacob Burckhardt hatte schon auf charakteristische Züge der Renaissance hingewiesen, die an die Zeit des geistigen Aufbruchs in Griechenland erinnern: die Zerstörung stereotyper Verhaltensformen und die Entwicklung von Individualität und Selbstbewußtsein, die sich äußern im Streben nach Ruhm, als wichtigstem Motiv menschlicher Tätigkeit, und im Geiste des Wettbewerbs, des sportlichen und geistigen.

Der Grieche lernte in der Zeit des geistigen Aufbruchs sich rational seines Verstandes zu bedienen, frei zu machen von Mythologie und Ideologie, von Unmündigkeit und Bevormundung.

Geleitet von der Wertschätzung der Zweckfreiheit und des Eigenwertes des Wissens erblühten in Griechenland das wissenschaftliche Denken, die Naturphilosophie, die axiomatische deduktive Mathematik, insbesondere die axiomatische deduktive Geometrie, die formale Logik…

Die Erfindung des mathematischen Beweises, durch Thales und Pythagoras, der Deduktion und der wissenschaftlichen Methode sind Leistungen die von anderen Völkern nicht hervorgebracht wurden.

So war die Mathematik der Babylonier und Ägypter, anders als die der Griechen, intuitiv, praktisch orientiert, eine ´Rezeptmathematik´, ohne Beweise, ohne allgemeine Prinzipien, ohne Axiomatik. Ähnliches gilt für die Astronomie der Babylonier und Ägypter.

Es wird spekuliert, daß die Griechen den mathematischen Beweis erfunden haben, um die Mathematik der alten Kulturvölker, der Babylonier und Ägypter, verstehen zu können, ohne zu wissen, in welchem Kontext sie entstanden ist und wozu sie dienen sollte.

Eine herausragende Rolle spielte im griechischen Denken die Geometrie, mit ihren strengen Beweisen und logischem Aufbau.

Die Geometrie wurde zur Quelle der formalen Logik und platonischen Metaphysik, und zum Vorbild für weitere Bereiche wissenschaftlichen und rationalen Denkens.

Die beweisende Mathematik der Griechen hat ihren Niederschlag in Euklids ´Elementen´ gefunden, einer umfassenden Darstellung der axiomatischen deduktiven Geometrie.

Die ´Elemente´ haben in Europa, bis in das 19. Jahrhundert hinein, das Denken der Mathematiker und die akademische Mathematikausbildung geprägt, auch das Denken von Kepler, Galilei und Newton.

Die ´Elemente´ gehörten über mehr als zweitausend Jahre zu den meist- gelesenen, -diskutierten und -kommentierten Texten, und, seit der Erfindung des Buchdrucks, zu den meistgedruckten Büchern.

Erinnert sei in diesem Zusammenhang an Theodor Storms ´Schimmelreiter´:

Hauke Haien, der Protagonist, trug als Jugendlicher stets ´seinen Euklid´ bei sich, um ihn in jeder freien Minute studieren zu können.

Die in den ´Elementen´ dargestellte axiomatische deduktive Geometrie, eine Theorie auf der Basis einer Menge wahrer Sätze mit hierarchischer Struktur, gilt als Muster jeder exakten Wissenschaft.

Sie wurde zum Vorbild für die ganze Mathematik, Descartes Philosophie, Spinozas Ethik, Newtons Mechanik, Hilberts Axiomatisierung von Mathematik und Physik, etc. -

In späthellenistischer Zeit waren die Griechen möglicherweise nahe daran, eine exakte Naturwissenschaft zu begründen. Gute Voraussetzungen dazu waren gegeben: Euklids ´Elemente´ prägten das mathematische Denken, eine solide Apparatetechnik für gezielte Experimente stand zur Verfügung - infolge des durch Alexanders Eroberungen den Griechen eröffneten direkten Zugangs zu der relativ hoch entwickelten Technologie der alten Kulturvölker Ägyptens und Mesopotamiens - und der Geist von Rationalität, Objektivität und wissen- schaftlicher Neugierde war ungebrochen, wie die herausragenden Leistungen von Ptolemäus auf dem Gebiet Astronomie, Heron auf dem Gebieten Mathematik und Ingenieurkunst, Archimedes auf den Gebieten Mathematik, Physik und Ingenieurkunst belegen.

Die Blüte der hellenistischen Wissenschaft und Ingenieurkunst fand ein Ende im 4./5. Jahrhundert, mit Beginn des durch Verlust eines Großteils der antiken Literatur geprägten Dunklen Zeitalters (bis zum 11. Jahrhundert).

Weshalb die exakte Naturwissenschaft erst im 17. Jahrhundert in Europa ent- standen ist, und nicht schon im Hellenismus, in China oder im islamischen Kulturkreis, ist eine interessante, offene Frage.

China

Bis zum 5. Jahrhundert n.Chr. war der Entwicklungsstand von Wissenschaft und Technik in China gleichauf mit dem im Abendland. Danach stieg er in China kontinuierlich weiter, wohingegen in Europa, mit Beginn des Dunklen Zeitalters, Stagnation und Niedergang einsetzten. In den folgenden Jahrhunderten

fast

fünfhundert Jahren.

Einen Höhepunkt erreichten Wissenschaft und Technik in China in der Sung-Zeit (960-1279). Danach setzten Stagnation und Niedergang ein. Dem im 17. Jahr- hundert in Europa beginnenden rasanten Aufstieg von Wissenschaft und Technik konnte China nicht folgen.

Ausdruck dafür war die vernichtende militärische Niederlage der chinesischen Armee im Jahr 1842, im Ersten Opiumkrieg, durch ein britisches Expeditions- korps mit nur 16 Kriegsschiffen und viertausend Soldaten.-

Wissenschaft und Technik im alten China wurden dominiert von der Technik, insbesondere der Technologie.

Beredtes Zeugnis der hochentwickelten chinesischen Technologie sind die Erfindungen Kompaß (4. Jh. v.Chr.), Papier (2. Jh. v.Chr.), Porzellan (7. Jh. n.Chr.), Blockdruck (10. Jh. n.Chr.).

Beredtes Zeugnis regen chinesischen Geisteslebens sind herausragende Beiträge zur Philosophie, Mathematik und Astronomie.

China hat keine exakte Naturwissenschaft hervorgebracht oder, vor seiner endgültigen Öffnung zum Westen gegen Ende des 19. Jahrhunderts, vom Westen übernommen.

Die Mathematik der Chinesen war, wie die der Babylonier und Ägypter, eine intuitive, praktisch orientierte ´Rezeptmathematik´. Sie kannte keinen mathe- matischen Beweis, keine deduktive Entwicklung von Axiomen und Theoremen.

Im Jahre 1607 wurden durch den Jesuiten Matteo Ricci Euklids ´Elemente´ ins Chinesische übersetzt. In späteren chinesischen Editionen dieses Werkes fehlte die deduktive Gesamtstruktur: Die Formeln wurden als gegeben betrachtet.

Die chinesische Astronomie war, über zweitausend Jahre, eine hochentwickelte beobachtende Astronomie. Sie war auf den Polarstern, als Sinnbild für kaiserliche Macht, orientiert und nicht, wie in Griechenland bzw. Europa, auf die Bewegung der Planeten.

gewann

China

vor

Europa

einen

technologischen

Vorsprung

von

Durch diese Orientierung, und in Ermangelung einer konstruktiven Geometrie, gab es in China keine geometrische Astronomie, wie die des Ptolemäus, und auch keine kausalen Spekulationen über die Bewegung der Himmelkörper, wie die Keplers und Newtons.

Von der Zhou-Zeit (1122-770 v.Chr.) bis zum Ende der Qing-Zeit (1911) galt in China das Konzept vom Mandat des Himmels, nach dem der Kaiser vom

Himmel die Legitimation zum Regieren erhält. Bei Abweichung vom Pfad der Tugend konnte dem Kaiser vom Himmel das Mandat entzogen werden. Eine Gefährdung der Ordnung im Himmel gefährdete die Reichsordnung und umgekehrt. Durch gutes Regieren stellte der Kaiser sicher, daß die Himmels- phänomene regelmäßig und durch den Kaiser bzw. dessen Astronomen vorher- sehbar waren. Unregelmäßigkeiten von Himmelserscheinungen wurden als Anzeichen für schlechtes Regieren betrachtet und konnten die Macht des Kaisers schwächen.

Das Konzept vom Himmel als Garanten kaiserlicher Macht und moralischen Gesetzes führte dazu, daß der Chinese vornehmlich daran interessiert war, den Willen des Himmels zu erfahren, und nicht, die Ursachen der Himmelsphä- nomene zu ergründen.

Die chinesische Philosophie war von Anfang an eine Philosophie von Ethik, Moral und Politik. Die Chinesen haben keine Naturphilosophie entwickelt.

Die griechische Philosophie hingegen war anfangs reine Naturphilosophie, wodurch die Entwicklung der Mathematik und das Studium von Naturphänomenen befördert wurden. Erst in einer zweiten Etappe, etwa seit Sokrates, griff die griechische Philosophie auch menschliche Angelegenheiten auf.

Großes Interesse hat in der Wissenschaftsgeschichte die ´Needham-Frage´ (1954) (Joseph Needham, bedeutender britischer Sinologe) gefunden:

„Weshalb ist China auf dem Gebiet der Wissenschaft seit dem 16. Jahrhundert hinter dem Westen so weit zurückgefallen, obgleich es früher führend war?“

Needhams Antwort:

„Infolge Mangels an Theorie durch Fehlen einer deduktiven Geometrie“.

Leibniz (´Novissima Sinica´, 1697) hatte sich zum Fehlen einer exakten Wissenschaft in China wie folgt geäußert:

„…daß die Chinesen, obgleich sie ihren Gelehrten höchste Preise aus- setzten,…nicht zu einer exakten Wissenschaft gelangt sind…resultiert daher, daß sie die (axiomatische deduktive) Mathematik nicht hatten…“.

Und Yu-Lan Fung (bedeutender chinesischer Philosoph des 20. Jahrhunderts) sagte dazu:

„China hatte keine exakte Wissenschaft, weil es entsprechend seinem Werte- system keine benötigt.

Die Worte Needhams, Leibniz´ und Yu-Lan Fungs lassen Unterschiede im Denken zwischen Europäern und Chinesen erahnen, in ihrer Haltung zur Natur, in ihrer Art des Studierens und Erklärens von Naturphänomenen.

Ein Blick in die einschlägige Literatur ergibt dazu folgendes Bild:

Der Europäer, geprägt durch das Denken der Griechen, hält den Menschen für unvollkommen. Zur Kompensation seiner Unvollkommenheit bedarf der Mensch der Hilfe von außen, durch Erkennen und Beherrschen der Natur. So ist sein Denken auf das Erkennen objektiver Gegenstände bzw. die Analyse von Sachverhalten gerichtet. Menschliche Angelegenheiten betrachtet er wie Dinge der Natur. Die objektiven Gegenstände faßt er als Komposita aus vielen Teilen auf, die sich einzeln studieren lassen. Atomismus und Reduktionismus sind für ihn wichtige Muster, und Begriffsbildung und Logik wichtige Werkzeuge des Denkens. Sein Denken ist analytisch, linear, kausal. Resultate dieser Art des Denkens: Erkenntnis, Wissenschaft.

In der traditionellen chinesischen Kultur hingegen, geprägt durch Konfu- zianismus, Taoismus und Buddhismus, wird nicht der Gegensatz von Mensch und Natur betont, sondern der Mensch als Teil der Natur betrachtet. So strebt der Chinese nicht nach Beherrschen der Natur, sondern nach einem Verstehen der Natur, um im Einklang mit ihr handeln zu können. Er glaubt, Harmonie zwischen Mensch und Natur, aber auch in der Gesellschaft, erreichen zu können, durch Streben nach sittlicher Vollkommenheit und hoher innerer Moralität. So ist sein Blick vorrangig nach innen, auf des Menschen Seele und sittliche Gesinnung, gerichtet und nicht nach außen, auf die Natur.

Die starke Betonung der inneren Moralität und die Betrachtung der Natur unter ethischem Gesichtspunkt wurden dem Chinesen zum Hindernis für die Entwicklung einer Wissenschaft im westlichen Sinne.

Der Chinese schätzt die Nützlichkeit von Wissen und die Einheit von Wissen und Handeln, aber er schätzt nicht Wissen um des Wissens willen. Ziel seines Strebens nach Wissen ist die Lebenspraxis und nicht der Erkenntnisgewinn. Seine Denkwerkzeuge sind vorrangig bildreiches Gleichnis und Analogie. Er legt nicht Wert auf Analyse, sondern auf Synthese. Er versucht die Dinge als Ganzes bzw. in ihrer Ganzheit zu erfassen. So ist er überzeugt, eine schlüssige Einsicht gewonnen zu haben, sobald er alle zur Erklärung eines bestimmten Phänomens oder Sachverhalts notwendigen Zusammenhänge in Bezug auf das Ganze gefunden und mit seinen Vorstellungen in Einklang gebracht hat. Jedes Ding findet somit seinen Platz nicht in einer (nach beiden Seiten offenen) linearen Kausalkette (die beständig neue Probleme zu lösen erfordert), sondern in einer Art Zyklus , bestimmt durch endlich viele andere Dinge.

Der Wissenschaftshistoriker sieht in dieser Denkweise ein weiteres Hindernis für die Entwicklung einer Wissenschaft im westlichen Sinne, aber er schreibt ihr auch die in China anzutreffende Stabilität sozialer Strukturen, politischer Institutionen und philosophischer Ideen zu.

Nach Yi Fu, einem amerikanisch-chinesischen Philosophen, der mit Wehmut auf die alte chinesische Kultur blickt, stellt sich das Verhältnis von moderner und traditioneller chinesischer Wissenschaft wie folgt dar: Sinnbildlich gesehen ist die moderne Wissenschaft wie der blinde Mann in der Geschichte vom blinden Mann und dem Elefanten. Der blinde Mann benutzt seinen Tastsinn (das Meßgerät), um einen Teil des Elefanten (den Rüssel zum Beispiel) zu ertasten und behauptet, daß der Elefant eine Giraffe sei. Hingegen ein Mensch mit normaler Sehkraft (ein traditioneller chinesischer Wissenschaftler, mit ganzheitlicher Weltsicht, ohne Meßgerät) würde den ganzen Elefanten sehen, ohne ihn berühren zu müssen.

Mit anderen Worten, der traditionelle chinesische Wissenschaftler benötigt kein Meßgerät zum Studium eines Phänomens, auch keine Mathematik und logische Analyse zur Interpretation von Meßdaten. Für ihn ist die Quelle der Erkenntnis die direkte Einsicht in die Natur der Dinge, die Intuition (mittels göttlicher Kräfte), deren er teilhaftig wird durch Kultivierung des Geistes, durch Streben nach sittlicher Vollkommenheit und hoher innerer Moralität. „Je höher seine moralischen Maßstäbe waren, desto mehr Geheimnisse enthüllten ihm die Götter“.

Der Unterschied zwischen der traditionellen chinesischen Wissenschaft und der modernen Wissenschaft ist, so Yi Fu, wie der Unterschied zwischen der Sicht eines himmlischen Drachens (großer Blickwinkel, ganzheitliche Sicht) und der Sicht von Fröschen in einem Brunnen (kleiner Blickwinkel, fragmentarische Sicht): Dem traditionellen chinesischen Wissenschaftler enthüllen sich die Geheimnisse des Universums, hingegen dem modernen Wissenschaftler bleiben diese weitgehend verschlossen, denn der moderne Wissenschaftler kann mit seinen Geräten nur (selektiv) die äußere Natur der Dinge erkennen, nicht aber die Rolle des Geistes und der Spiritualität erfassen.

Kurz gesagt, der Chinese blickt nach innen, der Europäer nach außen, der Chinese strebt nach Selbstkultivierung und Harmonie zwischen Mensch und Natur, der Europäer nach Naturerkenntnis und Naturbeherrschung, der Chinese denkt korrelativ bzw. analog, der Europäer kausal, der Chinese ganzheitlich, der Europäer reduktionistisch.

In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts bahnte sich in China eine intellektuelle Wende an, eine geistige Neuorientierung, getragen von

progressiven Kräften, die Orientierung auf Zukunft forderten, statt wie bisher auf Vergangenheit und Tradition, durch Bruch mit der jahrtausendealten chinesischen Kultur und durch Schaffung einer an westlichen Werten orientierten Kultur, um China den Weg in die Moderne zu eröffnen und den erheblichen wissenschaftlichen, technologischen und wirtschaftlichen Rück- stand hinter dem Westen wettzumachen.

Die Forderungen der diese ´Neue kulturelle Bewegung´ besonders wirksam vorantreibenden ´4.Mai Bewegung´ von 1919 vermitteln einen erhellenden Blick auf traditionelle konfuzianische chinesische Werte sowie auf die erstreb- ten Werte: selbstbewußt sein statt unterwürfig, fortschrittlich statt konser- vativ, aggressiv statt defensiv, kosmopolitisch statt isolationistisch, utilita- ristisch statt unpraktisch, wissenschaftlich statt kontemplativ.

Die alten konfuzianischen Prinzipien der Regelbefolgung, Einordnung, Demut etc. wurden jetzt ersetzt durch die Forderung nach Freiheit, Demokratie, Wissenschaft, Emanzipation der Frau…

Sichtbares Zeichen für den Bruch Chinas mit seiner traditionellen Kultur war die im Jahre 1905 auf Druck der progressiven Kräfte vom chinesischen Kaiser verfügte Beendigung des über fast tausend Jahre praktizierten Beamtenprü- fungssystems, das bis dahin auch einen landesweit einheitlichen an tradi- tionellen Werten orientierten Wissens- und Wertekanon garantiert hatte.

Sichtbares Zeichen für den Erfolg der geistigen Neuorientierung Chinas im 20. Jahrhundert ist die Tatsache, daß heute eine ganze Reihe chinesischer Universitäten im internationalen Hochschulranking unter den einhundert besten Universitäten der Welt zu finden sind.

Islam

In ihrer kurzen Blüte lieferte die Wissenschaft im Islam hervorragende Beiträge insbesondere zur Mathematik und Astronomie, aber auch zur Optik, Medizin und Geographie.

Die Mathematik im Islam war nach dem Vorbild der der Griechen deduktiv, beweisend. Ihr Schwerpunkt lag auf den Gebieten Algebra, Algorithmen, Trigo- nometrie.

Die Astronomie im Islam lieferte durch verbesserte Geräte- und Beobachtungstechnik neue Beobachtungsdaten, die, zusammen mit neuen

mathematischen Methoden, zur Verbesserung des ptolemäischen geozen- trischen Systems führten.

Das Interesse des Islam an Astronomie und Mathematik resultierte vor- nehmlich aus Erfordernissen der Astrologie, der Berechnung der Gebetszeiten und der Ausrichtung der Gebetsnische in Richtung Mekka.

Die hochentwickelte auf Aristoteles fußende islamische Philosophie, von al- Kindi, al-Farabi, Avicenna bis Averroes, rang um ihre Legitimität durch Einordnung in das islamische Weltbild. Sie bemühte sich zu zeigen, daß philosophische Erkenntnis gleichwertig und kompatibel mit der Offenbarung ist.

Abdus Salam, der erste und bislang einzige islamische Physik-Nobelpreisträger, der seit seinem zwanzigsten Lebensjahr in Cambridge gearbeitet hatte, umriß die Geschichte der Wissenschaft im Islam wie folgt:

„Von 750 bis 1100 war die muslimische Umma (die muslimische Weltgemeinschaft) auf dem Gebiet der Wissenschaft absolut führend in der Welt.

dem

Von

aufstrebenden Westen.

Seit dem 15. Jahrhundert befindet sich die muslimische Wissenschaft in einem steten Niedergang.

Heute

Ländern.

islamischen

1100

bis

1300

teilten

die

Muslime

diese

Führungsrolle

mit

(1987)

ist

die

Wissenschaft

am

schwächsten

in

den

Zum Niedergang von Wissenschaft und Philosophie im Islam nach ihrer Blüte im Frühmittelalter einige Zitate:

Steven Weinberg, Physik-Nobelpreisträger und Wissenschaftshistoriker:

„Auf Grund des Einflusses religiöser Führer wie al-Ghazali hat die islamische Gesellschaft auf dem Gebiet der Wissenschaft nach dem 12. Jahrhundert nichts Bedeutendes mehr hervorgebracht…“.

Pervez Hoodbhoy, prominenter pakistanischer Kernphysiker:

„Al-Ghazali stellte Offenbarung über Vernunft, Vorsehung über freien Willen. Er bestritt das Kausalitätsprinzip und lehrte, daß man nicht wissen bzw. nicht vorhersagen könne, was sich ereignen wird. Er verdammte die Mathematik als gegen den Islam gerichtet, als Gift für den Geist, das den Glauben schwächt.

Christoph Bürgel, Islamwissenschaftler:

„Das ´Aus´ für die griechische Philosophie war …in der islamischen Denk- struktur wohl vom Ursprung her angelegt, wurde aber ganz wesentlich gefördert durch al-Ghazali, der zu den einflußreichsten Lehrern des islamischen Mittelalters zählt, der in seinem Werk ´Widerlegung der Philosophen´ der aristotelischen Philosophie einen tödlichen Stoß versetzt hat…“.

Hingegen sagt wissenschaftler:

„Al-Ghazali war kein Übeltäter, denn es gibt im Islam keinen Konflikt zwischen Wissenschaft und Glauben… Der sogenannte Niedergang der islamischen Wissenschaft wurde nicht verursacht durch solch einen Konflikt, denn diesen gab es nicht. Alle islamischen Wissenschaftler waren gottesfürchtig…“.

Nach Saliba wurde der Niedergang durch äußere Umstände verursacht, wie Einfall der Mongolen, Änderung der Handelswege durch Entdeckung der Neuen Welt…

Al-Ghazalis (1058-1111) großer Einfluß auf die islamische Gesellschaft gründete sich auf seine hohe Reputation als Theologe und Gelehrter, aber auch auf seine Tätigkeit als politischer Berater am Hofe des Seldschuken-Sultans. Nach seiner Überzeugung stiften Wissenschaft und Philosophie mehr Verwirrung als Verständnis, erregen Zweifel, erschüttern fest eingewurzelte Überzeugungen, schaden dem Glauben. Für ihn galt, daß im Zweifelsfall, wenn Koran und Wissenschaft bzw. Philosophie im Widerspruch stehen, der Koran recht hat. Er sah in dem Anspruch der islamischen Philosophen auf Erkenntnis durch Philosophie und Offenbarung eine Anmaßung und eine Gefahr, daß der einfache gläubige Muslim in seinem Glauben und in der Befolgung der Glaubensvorschriften verunsichert werden könne.

Er kam schließlich zu der Überzeugung, daß zweifelsfreie Erkenntnis allein durch göttliche Erleuchtung gewonnen werden kann, und nicht durch Sinneserfahrung und Vernunft.

Al-Ghazalis Abwendung vom Rationalen und Hinwendung zum Irrationalen, zur gefühlsbetonten Religiosität, hatte einen entscheidenden Einfluß auf die isla- mische Gemeinschaft insgesamt, bis heute.

Al-Ghazali bezichtigte die Philosophen der Häresie und Apostasie. Diese Vorwürfe waren für die islamische Philosophie verderblich.

Die Wissenschaft im Islam und die im Abendland haben ihre Wurzeln in der griechischen Antike. Im Islam jedoch konnte die Wissenschaft nicht auf Dauer

Saliba, prominenter amerikanischarabischer Islam-

George

Fuß fassen, da es hier nicht gelang, rationales Denken und Religion zu ver- söhnen, die Vernunft zum Wahrheitskriterium zu machen und die Religion zur Richtschnur für Moral.

Bassam Tibi, prominenter deutsch-syrischer Politikwissenschaftler, sagt:

„Der gesamte Rahmen des Bildungssektors wird in den islamischen Ländern vom Erbe der islamischen Institutionen behindert. Heute können wir immer noch keine wissenschaftliche Tradition in den islamischen Ländern feststellen, die die Substanz des Bildungssektors prägen würde…“.

Zur Geschichte der Rezeption des Geistes der griechischen Antike im Islam und im Abendland:

Im ersten Jahrhundert nach Mohammed zeigten die Araber kein Interesse an griechischem Gedankengut. Dieses Interesse erwachte bei ihnen erst Ende des 8. Jahrhunderts, durch Kontakt mit Syrern und Persern, die später auch die überwiegende Mehrzahl der islamischen bzw. arabischen Gelehrten stellten.

Vom 8. Bis 11. Jahrhundert wurde in Bagdad rege aus dem Syrischen und Griechischen ins Arabische übersetzt. Die Übersetzer waren vornehmlich Syrer.

Übersetzt wurde die griechische Literatur selektiv: Aristoteles, Medizin, Mathematik… Spärlich oder gar nicht übersetzt wurden: schöngeistige Literatur, Schriften zur Politik, Platon, Vorsokratiker…

Die nicht-koranischen Wissenschaften wurden im Islam nicht institutionalisiert. Es gab keine Universitäten im Islam.

Neue Ideen und Konzepte mußten durch Koran und Hadith legitimiert werden. Andernfalls lief der islamische Gelehrte Gefahr, der Häresie bezichtigt zu werden.

Im Islam erfolgte keine Versöhnung der Religion mit der griechischen Philo- sophie, mit dem vernunftgeprägten, wahrheitsorientierten Denken der Griechen.

Im Christentum hingegen erklärten im 3. bis 5. Jahrhundert die Kirchenväter die Vereinbarkeit von Christentum und griechischer Philosophie. Platons Ideenlehre wurde verchristlicht durch Umdeutung des ´Einen´, des obersten Prinzips des Neuplatonismus, als Gott des Christentums, sowie durch Umdeutung der platonischen Ideen als Gedanken Gottes …

Damit wurde der Rationalismus in der christlichen Kultur verankert.

Im Islam gab es auch keine Renaissance, verbunden mit einer Wiederbelebung des Geistes der Antike, der individuellen Freiheit, des autonomen Individuums, der Trennung von Wissen und Glauben, trotz des reichen dem Islam auf den Weg gegebenen antiken Erbes.

Der Buchdruck, dessen Erfindung in Europa eine Blüte der Massenkommu- nikation und intellektuellen Streitkultur bewirkt hatte, faßte im Islam erst Fuß nach einer Latenzzeit von fast dreihundert Jahren.

Und so kam es im Islam zu keiner Ablösung der theozentrischen durch eine anthropozentrische Weltsicht.

Im Islam blieb, wie in der europäischen Scholastik, die Philosophie Magd der Theologie.

Im Islam gab es auch kein Zeitalter der Aufklärung, und so wurde im Islam auch nicht die Religion aus der Naturforschung verbannt, das Denken -durch

Vernunftgebrauch- nicht von überholten Vorstellungen, Vorurteilen, Ideo-

logien befreit, und die Vernunft emanzipierte sich nicht als Wahrheitskriterium.

Zum besseren Verständnis des Gesagten, noch der Versuch eines Blicks auf die Bedingungen für Denken und Wissenschaft im Islam:

Für den gläubigen Muslim enthält die Lehre des Islam ihrem Wesen nach das richtige Wissen von allem Wißbaren. Dieses richtige Wissen ist enthalten im Koran und in den Hadith-Texten. Der Koran ist Gottes Wort, offenbart Mohammed durch den Erzengel Gabriel. Die Hadith-Texte sind Aufzeichnungen über Leben und Wirken Mohammeds. Sie sind rational im narrativen Sinne, wie die Gleichnisse Jesu. Das Koran- und Hadith-Wissen kann, wenn nötig, durch Verstandesschlüsse erhellt werden.

Entsprechend der Lehre der ascharitischen Rechtsschule, die durch al-Ghazali weite Verbreitung gewann und auch heute noch das Denken vieler Muslime prägt, ist und bleibt Gott die Ursache von allem, was geschieht. Gott kann den Zusammenhang von Ursache und Wirkung gestalten, wie es ihm dünkt (Okkasionalismus). ´Naturgesetze´ sind lediglich Gewohnheit Gottes.

Als Beleg für die Wahrheit des Glaubenssatzes, daß alles Wissen in Koran und Hadith-Texten enthalten ist, verweist der Koran-Schriftgelehrte auf Sure 2,31- 33, wo es heißt: „Gott lehrte Adam aller Dinge Namen…“, woraus der Schluß gezogen wird, daß alles menschliche Wissen von Gott stammt, und da der Koran geoffenbartes Gotteswort ist, enthält der Koran alles Wissen, alles Wißbare.

Uneinig sind sich die Korangelehrten in der Auslegung des genannten Glaubenssatzes. Das Spektrum der Auslegungen reicht von einer recht restrik- tiven bis zu einer durchaus großzügigen Auslegung.

Nach der restriktiven Auslegung gilt, daß das im Koran und Hadith-Texten nicht expizit Erwähnte (z.B. das Telefon) eine unzulässige Neuerung und damit dem gläubigen Muslim verboten ist.

Nach der großzügigen Auslegung sind alle Dinge, auch die modernen, schon im Koran und in den Hadith-Texten angelegt bzw. enthalten. Mit dieser Auslegung wollte der Reformtheologe Mohammed Abduh (1849-1905) den Anschluß der islamischen an die westliche Welt ermöglichen.

Die großzügige Auslegung arbeitet mit Umdeutungen, Analogien…, um alle bekannten Dinge im Koran und in den Hadith-Texten wiederfinden zu können, so auch die modernen Ergebnisse und Konzepte der neuzeitlichen Physik, wie Elementarteilchen, Urknall, Expansion des Weltalls…

Diese Art der Auslegung ist im Islam zwar recht populär, befördert aber auch nicht gerade den Wissensdrang, enthalten Koran und Hadith-Texte nun doch schon alles Wissen, auch alles wissenschaftliche Wissen.

Sayyid Qutb, einer der wichtigsten islamischen Denker des 20. Jahrhunderts, war der Überzeugung, daß der Islam nicht die Erforschung der Welt behindert. Jedoch habe sich die Wissenschaft bei der Erforschung der Welt stets strikt an die Maßgaben des Islam zu halten, so Qutb.

Ganz in diesem Sinne äußerte sich auch Mahmoud Zakzouk, ägyptischer Theo- loge und langjähriger Religionsminister, der seinerzeit in Deutschland über al- Ghazali und Descartes promoviert hatte:

„Die Freiheit des Denkens und der naturwissenschaftlichen Forschung wird durch den Islam garantiert, aber nur solange damit die Heiligkeit des Koran und der Überlieferungen des Propheten (Hadith-Texte) nicht angetastet wird“.

D.h. Qutb und Zakzouk schwebt eine Freiheit der Forschung vor, ohne Auto- nomie des Individuums, allein dem Wort Gottes verpflichtet.

Und jetzt noch Gedanken von Sayyed Hossein Nasr, prominenter amerikanisch- iranischer Islamwissenschaftler, zur populären Idee einer spezifischen isla- mischen Wissenschaft.

Nach Nasr ist im Zuge der Kolonisierung die westliche Wissenschaftsmethode den islamischen Ländern aufgezwungen und daher nie voll in die islamische Kultur integriert worden.

Nasr sieht eine eigene islamische Wissenschaftstradition. Islamische Wissenschaftler seien nie den Weg Descartes´ und Newtons gegangen, die physikalische Welt auf ihre materiellen und mechanischen Aspekte zu reduzieren. Muslime, so Nasr, könnten nicht akzeptieren, daß Menschen diese Welt rein empirisch erfassen können. Stattdessen glaubten viele muslimische Wissenschaftler, ein vollständiges Verständnis der Natur erfordere, ihre Teile auch als Zeichen eines höheren Zwecks zu sehen.

Ziel einer islamischen Wissenschaft sei also, im Unterschied zur westlichen Wissenschaft, nicht Anhäufen wissenschaftlicher Einsichten, Techniken und Methoden, sondern spirituelle Vollkommenheit und mystische Erfahrung göttlicher Realität.

Um dieses Ziel zu erreichen, müsse die Wissenschaft von rationalistischen und reduktionistischen Prämissen gereinigt und in die Wissenschaft eine spirituelle Perspektive integriert werden.

In einem Artikel über islamische Wissenschaft in ´Physics Today´, Januar 2008, ist zu lesen:

„Koran und Wissenschaft sind wie die Flügel eines Vogels. Wenn man einen Flügel abschneidet, wird der Vogel abstürzen und sterben .

Dieses Zitat stammt von Bediuzzaman Said Nursi, einem charismatischen muslimischen Gelehrten des 20. Jahrhunderts.

Angemerkt sei, daß die Stimme der Protagonisten einer Renaissance traditioneller chinesischer Wissenschaft -etwa aus dem Umfeld der Falun-

Gong-Bewegung- ganz ähnlich klingt wie die Stimme Nasrs, wenn sie eine

spirituelle Reinigung, Selbstkultivierung, moralische Erhöhung, getragen durch,

wie in alten Zeiten, Verehrung des Himmels vom Wissenschaftler fordert, und die moderne Wissenschaft ablehnt, denn diese sei unfähig, die Rolle des Geistes und der Spiritualität zu erfassen.

Solch nostalgische Stimme ist in China höchst rar, im Islam hingegen unüber- hörbar. Im Islam findet sie beachtliche Zustimmung, ist sie doch auch Ausdruck der Suche nach islamischer Identität und Abgrenzung gegenüber der west- lichen Kultur.

Auch Wolfgang Pauli, einer der Väter der Quantenphysik, spekulierte über das mystische Einheitserlebnis von Erkennen und Erleben. Aber Pauli war klar, daß das Einheitserlebnis nicht Gegenstand der Wissenschaft sein kann, bilden doch Vollständigkeit und Objektivität ein komplementäres Paar von Begriffen, wie in

der Physik das Paar Teilchen und Welle. Und so kann im Erkenntnisprozeß immer nur Vollständigkeit oder Objektivität angestrebt werden.

Die letzten europäischen Wissenschaftler, die das Einheitserlebnis in praxi gesucht haben, waren die Alchemisten.

Dazu ein Zitat von Carl Gustav Jung, dem Psychoanalytiker:

„Der Alchemist projiziert seine Empfindungen, Wünsche und Erwartungen in den beobachteten chemischen Prozeß, der so auf dem Hintergrund der hermetischen Philosophie zum überwältigenden Gesamterlebnis wird, zum Erlebnis ,in dem der Alchemist sich in Harmonie mit sich selbst fühlt“.

Zur Idee einer islamischen Wissenschaft schließlich noch ein Zitat von dem schon oben zitierten pakistanischen Kernphysiker Pervez Hoodbhoy:

„In Wirklichkeit ist die neue islamische Wissenschaft nichts anderes als ein betrügerischer Gebrauch des Wortes Wissenschaft. Es gibt nur eine Bedeutung von Wissenschaft…. Religiöse Auffassungen sind in der Wissenschaft irrelevant“.

Bewegung in Raum und Zeit

Gegenstand der neuzeitlichen Physik ist die Bewegung in Raum und Zeit, beschrieben durch Newtons Bewegungsgleichungen der klassischen Mechanik, Maxwells Gleichungen der Elektrodynamik, Schrödingers und Diracs Bewegungsgleichungen der Quantenmechanik, Einsteins Gleichungen der Speziellen und Allgemeinen Relativitätstheorie.

Voraussetzung für eine Beschreibung von Bewegung in Raum und Zeit ist vor allem das Konzept einer extramentalen Zeit, wie es zuerst formuliert wurde durch Aristoteles, von der Zeit als Maßzahl der Bewegung von Himmelskörpern (Weltzeit), und später durch Newton, von der Zeit als absoluter unabhängig von einem Beobachter existierender Größe, neben der eines absoluten Raumes. Die Zeit Aristoteles´ und Newtons ist ein meßbarer Parameter, der das lineare Fortschreiten von der Vergangenheit in die Zukunft beschreibt, ein Fortschreiten ohne Anfang und ohne Ende.

In Einsteins Spezieller Relativitätstheorie wird die Zeit zu einer relativen Größe, zu einer Beziehungsform. Die Definition von Gleichzeitigkeit von Ereignissen erweist sich als existentiell wichtig für den physikalischen Zeitbegriff. Der Einfluß der Gravitation auf die Zeit (Grundlage für das ´Global Positioning System ´ GPS) ist Gegenstand von Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie.

Entscheidend für die neuzeitliche Physik -ganz gleich ob klassische, quanten- mechanische oder relativistische- ist die Tatsache, daß die physikalische Zeit eine objektive, meßbare Größe ist, oder, wie Einstein es populär ausdrückte, daß gilt: „Zeit ist das, was man auf der Uhr abliest“.

Wie ein Blick in die einschlägige, sehr umfangreiche Literatur zeigt, ist für den Philosophen das Wesen der Zeit ein äußerst komplexes und vielschichtiges Problem, das zu ergründen sich Philosophen von Anaximander, Heraklit, Platon…über Kant, Hegel, Heidegger…bis heute bemüht haben bzw. bemühen.

Bei diesem Blick Augustinus-Zitat:

„Was also ist Zeit? Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es. Wenn ich es aber einem, der mich fragt, erklären sollte, weiß ich es nicht…“.

Für Augustinus war, wie für Aristoteles, die Zeit zahlhaft, aber, anders als für Aristoteles, nicht an Bewegung gebunden, sondern ein Produkt der zählenden Seele, ein Abbild der zahlhaften Schönheit der Welt, eine Funktion des Schönen.

Die unterschiedliche Sicht von Aristoteles und Augustinus auf das Zeitproblem läßt die Spannweite der Betrachtungen über die Zeit erahnen. Die Situation wird noch wesentlich komplexer und unübersichtlicher, wenn man die Grenzen der westlichen Vorstellungswelt überschreitet, um zu ergründen, was andere Kulturen, so die chinesische, indische, islamische etc., zum Thema Zeit zu sagen haben.

in die Literatur stößt man immer wieder auf das vielzitierte

Eine Verständigung zwischen Physiker und Philosophen über ihre Zeitkonzepte kann sich schwierig gestalten, wie dies von einer Begegnung, Anfang des vergangenen Jahrhunderts, zwischen Einstein und dem bedeutenden Zeit- Philosophen Bergson berichtet wird. Einstein und Bergson, beides Vertreter grundlegender Konzepte der Zeit, konnten keine gemeinsame Sprache finden, und so brachen sie nach kurzer Zeit den Versuch einer Verständigung ab.

Für die Zwecke des Physikers ist es ausreichend, mit der skizzierten Definition einer physikalischen Zeit, eine meßbare Größe zur Hand zu haben. Für den Philosophen hingegen ist die physikalische Zeit nur ein, recht prosaischer, Spezialfall aus einer schier unübersehbaren Menge von Möglichkeiten.

Im Unterschied zu anderen Kulturen, hat in Europa die Vorstellung von einer linearen, progressiven Zeit schon relativ früh, im frühen Spätmittelalter, Eingang in die allgemeine Vorstellungswelt gefunden, befördert durch die christliche Liturgie und die Erfindung der mechanischen Uhr. Diese Tatsache

sowie der im Christentum wurzelnde Fortschrittsglaube bildeten in Europa einen fruchtbaren Boden für ein Nachdenken über Bewegung in Raum und Zeit, für die Entwicklung der neuzeitlichen Physik in der frühen Neuzeit.

Nach Lewis Mumford, amerikanischer Technikhistoriker, war die Erfindung der mechanischen Uhr, nicht die der Dampfmaschine, die wichtigste technische Erfindung, die den Boden für die spätere Industriealisierung bereitete. Der Zeitpunkt der Erfindung der mechanischen Hemmung -alle anderen Elemente der mechanischen Uhr wie Gewichtsantrieb und Räderwerk waren schon vorher bekannt- wird im 12. Jahrhundert in Italien vermutet. Erste genauere Hinweise zu dieser Erfindung tauchten im 13. Jahrhundert auf. Aus dem 14. Jahrhundert sind noch einzelne mechanische Uhren erhalten. Die tragbare mechanische Uhr wurde Anfang des 16. Jahrhunderts in Nürnberg erfunden.

Die Verfügbarkeit mechanischer Uhren, ab dem 14. Jahrhundert , vornehmlich als Kirchturmuhren, wurde für das Leben im Kloster sehr wichtig, für die Regelung der Gebetszeiten, insbesondere für den pünktlichen Beginn des mitternächtlichen Gebets, des officium nocturnum, aber auch für die Regelung der Zeit des Arbeitens, Lernens und Aufstehens der Mönche.

Anders als im geistlichen Leben in Europa, wo jetzt die Zeitmessung durch einen naturunabhängigen mechanischen Antrieb geleistet wurde, war die liturgische Zeit der Muslime nicht an eine abstrakte Zeit gebunden, sondern vielmehr an Naturvorgänge, wie Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, und damit jahreszeitlichen Veränderungen unterworfen.

Beginnend mit dem 14. Jahrhundert fanden in Europa, zuerst in Flandern, mechanische Uhren auch Verwendung zur Regelung der Arbeitszeit in den Manufakturen.

Und so wird, seit dem Hochmittelalter, in Europa das tägliche Leben durch mechanische Zeitmessung, durch eine lineare progressive Zeit geregelt.

Bemerkenswert ist die Tatsache, daß europäische mechanische Uhren in China und im Islam zwar Bewunderung fanden, als Statussymbol und luxuriöse Automaten geschätzt wurden, aber über Jahrhunderte keine praktische Verwendung fanden.-

Die Fortschrittsidee der Aufklärung wurde vorweggenommen durch Francis Bacon (1561-1626), den Wegbereiter der wissenschaftlichen Methode. Bacon forderte, was die neuzeitliche Wissenschaft wesentlich mitgeprägt hat, Naturbeherrschung durch empirisches Studium der Natur. Dies sollte das Ziel der Wissenschaft sein, im Interesse des Fortschritts. Beobachtung der Natur war bei ihm nicht auf Bestätigung sondern auf Entdeckung, auf Erkenntnis-

gewinn, angelegt. Er war überzeugt, daß die letzte Wahrheit über die Geheim- nisse der Natur erst in der Zukunft gewonnen werden wird.

Bacons zukunftsorientiertes Denken war geprägt durch die messianische Vorstellung des englischen Puritanismus des 17. Jahrhunderts, daß das Tausendjährige Reich Chrisi auf Erden in nicht allzu ferner Zukunft zu erwarten sei.

So wurde in Europa seit dem 17. Jahrhundert die Säkularisierung der christ- lichen Zukunftserwartung zum Fortschrittsglauben.

Benedikt XVI., mit Bezug auf Francis Bacon, in seiner zweiten Enzyklika

´Spe Salvi´:

„…Nun wird….die Wiederherstellung des verlorenen ´Paradieses´ nicht mehr vom Glauben erwartet, sondern von dem neu gefundenen Zusammenhang von Wissenschaft und Praxis… Zugleich treten zwei neue Kategorien auf: Vernunft und Freiheit. Der Fortschritt ist vor allem ein Fortschritt der zunehmenden Herrschaft der Vernunft…“.

Im traditionellen China und im Islam ist der Blick eher zurück als nach vorn gerichtet: in China durch die hohe Wertschätzung der chinesischen Tradition, gemäß der Lehre des Konfuzius, und im Islam, durch die gängige Praxis, aktuelle Krisen meistern zu wollen, durch Rückbesinnung auf eine Utopie, auf das Ideal des frühen Islam, auf die sakrale Zeit, die Zeit des Propheten und der vier ´rechtgeleiteten Kalifen´.

Anders als in Europa mit seiner Fortschrittsidee, wurde in China und im Islam die Geschichtsauffassung durch die Vorstellung von einem zyklischen Verlauf der Geschichte geprägt, durch sich im Kreise drehenden und zur periodischen Wiederkehr des Gleichen führenden Wandel, durch zyklischen Auf- und Abstieg von Dynastien.

In China fand diese Auffassung auch ihren Ausdruck in der traditionellen Einteilung der Jahre nach Dynastien und Regierungsjahren der Herrscher, anstatt durch fortlaufende Jahreszahlen.

Im Islam fand die zyklische Geschichtsauffassung ihren Niederschlag in Ibn Khalduns (1332-1406) ´Al-Muqaddima´, in China in den Schriften der Neukonfuzianer.

Dazu

Dazu ein griffiges Zitat von Ibn Khaldun:

„Die Vergangenheit ähnelt der Zukunft wie ein Tropfen dem anderen“.

Das Konzept eines zyklischen Verlaufs der Geschichte widerspiegelt die Tatsache, daß sowohl in China als auch im Islam die Vorstellung von einem zyklischen Zeitverlauf, von einer zyklischen Zeit, das Denken prägte, und nur in geringen Maße das von einer linear verlaufenden Zeit.

Nach Marcel Granet, bekannter französischer Sinologe, hat die abstrakte Zeit des Westens in das chinesische Denken Eingang gefunden erst nach der end- gültigen Öffnung Chinas, gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Die traditionelle Zeitvorstellung der Chinesen war orientiert an Jahreszeit, Prozeß, Moment, Gelegenheit.

Die in China entwickelten unterschiedlichen Konzepte von Raum und Zeit sind jedoch alle nicht geeignet für eine Beschreibung physikalischer Prozesse im Sinne der neuzeitlichen Physik. Gleiches gilt auch für die im Islam entwickelten Raum- und Zeitkonzepte.

So existieren nach der von al-Ghazali mit Nachdruck vertretenen Lehre der Aschariten Raum und Zeit nicht unabhängig voneinander, sondern nur in Bezug auf materielle Körper. Die Bewegung eines Körpers erfolgt, indem von Gott die Atome des Körpers von Zeitpunkt zu Zeitpunkt vernichtet und neu geschaffen werden. Zeit ist hier nicht eine Form der Anschauung (Kant), sondern Zeit ist hier göttlichen Ursprungs, zumindest die ´wahre´ Zeit. Zeit ist Gott, gemäß einem Hadith.

Abschließende Bemerkungen

Die eingangs aufgeworfene Frage, weshalb gerade in Europa die neuzeitliche Physik entstanden ist, läßt sich so, wie sie gestellt wurde, gar nicht beantworten, ist doch die neuzeitliche Physik nicht Resultat eines zwangs- läufigen Prozesses, sondern Resultat eines Prozesses, der auch von Zufällen und Unwägbarkeiten begleitet war.

Schon eher läßt sich die Frage beantworten nach den Bedingungen, die das Entstehen der neuzeitlichen Physik in Europa begünstigt haben.

Die Beantwortung dieser Frage ist vor allem erst einmal von akademischem Interesse. Sie kann aber auch von Nutzen sein für diejenigen, die, im Zuge des globalen Wettbewerbs, auch ihrem Lande zu einer Blüte der Wissenschaft verhelfen wollen. Nicht weniger wichtig kann die Beantwortung für jene sein, in deren Land zwar die Wissenschaft blüht, die aber aus Unkenntnis der Bedin- gungen für diese Blüte, vielleicht Gefahr laufen, die Blüte zu verspielen.

Wie gezeigt wurde, waren Voraussetzungen für das Hervorbringen der neuzeitlichen Physik: die deduktive Mathematik der Griechen, die von der Renaissance zur Verfügung gestellte Apparatetechnik für gezielte Experimente und das Konzept einer linearen, progressiven abstrakten Zeit, das seit dem Spätmittelalter Eingang in das Denken in Europa gefunden hatte.

Einen guten, vielleicht notwendigen, Nährboden für das Entstehen und Gedeihen der neuzeitlichen Physik bildete der Geist der Griechen, wie er wiedererwacht war in der Renaissance, der geprägt war durch intellektuelle Freiheit, Autonomie des Individuums, Trennung von Wissen und Glauben, und, jetzt neu, Fortschrittsidee.

Für China und den Islam ist ihr Beitrag zu Wissenschaft und Technologie Quelle des Stolzes und kultureller Identitätsbildung. Europa hätte dazu auch guten Grund.