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Logischer Positivismus und kritischer Rationalismus

entstand hauptsächlich im Wiener Kreis (Gruppe um Moritz Schlick aus Ökonomen, Mathematikern, Physikern)

Wiener Kreis wollte die Grundlagen der Erkenntnis erneuern, die durch die Umwälzungen in der Physik infrage gestellt worden waren

WK wollte mit der Philosophie der damaligen Zeit aufräumen/abgrenzen und sie als etwas nicht Rationales herausstellen: Martin Heideggers Existenzialismus und Hegels Idealismus; nach Carnap waren dies Philosophien, die schlichtweg aus sinnlosen Sätzen bestanden

Projekte des Wiener Kreises:

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Sinnkriterium: Unter welchen Bedingungen ist eine Aussage/ein Satz sinnvoll? Genau dann sinnvoll, wenn es möglich ist, ihn mit Hilfe von endlich vielen Beobachtung als Wahrheit herauszustellen. Ein Satz ist dann sinnvoll, wenn es möglich ist, ihn durch eine endliche Verbindung von Beobachtungssätzen auszudrücken. (auch Verifikationsprinzip genannt)

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Einheitssprache: Carnap meinte optimistischerweise, es sei möglich für alle Wissenschaften, eine einzige Sprache zu erschaffen, in der die Probleme ausgedrückt werden können. Dies soll die physikalische Sprache sein. Aus heutiger Sicht erscheint dies naiv/aussichtslos.

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Induktive Logik: Der Aufbau einer formalen Logik, die es erlaubt, den Theorien einen Bestätigungsgrad aufgrund von gegebenen Beobachtungen zuzuweisen, sodass man ausrechnen könnte, was die induktive Wahrscheinlichkeit einer Theorie ist.

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Nomologisches Erklärungsmodell (auch DN-Modell genannt)

Aus heutiger Sicht kann man diese Projekte als gescheitert betrachten; trotzdem wurde dank dieser Unternehmungen viel gelernt (zum Beispiel die Lösungen philosophischer Probleme mit formal-logischen Mitteln)

Karl Popper war einer der besonders scharfen Kritiker des logischen Empirismus, wobei nicht klar ist, ob er ganz/ein wenig oder überhaupt nicht zum Wiener Kreis gehört hat

Poppers Ideen aus „Logik der Forschung“:

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Abgrenzungs- statt Sinnkriterium

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Falsifizierbarkeit statt Verifizierbarkeit

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Ablehnung der Induktion

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Bewährung statt induktiver Beweis

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Fallibilismus

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Wahrheit, Annäherung, Erkenntnisfortschritt (Thomas Kuhn hat dies widerlegt!)

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Falsifikationismus, kritischer Rationalismus

Popper fragt in „Logik der Forschung“ nach der Wissenschaftlichkeit, also danach, was Wissenschaft von Pseudowissenschaft/metaphysischer Philosophie unterscheidet (Demarkationsproblem). Er sagt, dass es nicht die Verifizierbarkeit ist, denn das ist unmöglich. Die Gesetze und Theorien in den Naturwissenschaften lassen sich nicht aufgrund von Beobachtungen beweisen, denn das scheitert am Induktionsproblem, was schon Hume gezeigt hatte. Als Beispiel bringt er unter anderem die Beobachtung weißer Schwäne, woraus aber nicht zwingend folgt, dass alle Schwäne weiß sind. Er wiederholt die Induktionskritik von Hume und behauptet, dass die Wissenschaft nicht auf induktiven Schlüssen begründet werden kann. Die Wissenschaft kann daher nicht als wesentliches Merkmal den Beweis/die Verifizierbarkeit haben, wobei Beweis im Sinne von endgültigem und unbezweifelbarem Wahrheitsnachweis verstanden wird. Was ist dann das Kriterium der Wissenschaftlichkeit? Popper präsentiert die Falsifizierbarkeit, also die Widerlegbarkeit der Hypothesen und Theorien. Aussagen der Wissenschaft sind deshalb besonders, weil sie so formuliert sind, weil sie mit Erfahrungen in Widerspruch treten können. Eine Theorie muss an der Erfahrung scheitern können (das ist sein Abgrenzungskriterium; im Unterschied zum Wiener Kreis betrachtet er es aber nicht als Sinnkriterium, weil Sätze der Metaphysik nicht sinnlose Sätze

sind, sondern weil man sie lediglich nicht mit den Mitteln der Erfahrungswissenschaften überprüfen kann)

Es muss nicht eine einzelne Beobachtung sein, die in den Wissenschaften eine Theorie widerlegen kann (nicht nur ein einzelner schwarzer Schwan etc.)

Wenn ein wiederholbarer Befund (zum Beispiel durch ein Experiment) vorliegt, der gegen eine Hypothese/Theorie spricht, dann ist diese falsifiziert. Wenn die Hypothese/Theorie eine solche Überprüfung besteht, dann ist sie bewährt, aber nicht bewiesen.

Falsifizierbarkeit ist kein rein logisches Merkmal von Theorien und Hypothesen, sondern sie liegt zu einem wesentlichen Teil in der kritischen Einstellung der Wissenschaftler. Es soll also nach Experimenten gesucht werden, die mit einer gewissen Plausibilität die Vermutung widerlegen können.

Beispiel: Die Newton‘sche Theorie wurde durch die Relativitätstheorie abgelöst, weil bei einer Sonnenfinsternis das von den Sternen hinter der Sonne kommende Licht durch das Gravitationsfeld der Sonne abgelenkt wurde, was nach dem alten Paradigma nicht hätte der Fall sein dürfen. (Physiker Arthur Eddington im Jahr 1919)

Ziel dieser Art des Forschens ist die Annäherung an die Wahrheit; durch kritisches Prüfen dieser Theorien/Hypothesen kann man eines Tages bei Theorien/Hypothesen landen, die am nächsten an der Wahrheit liegen.

Der kritische Rationalismus wurde umfangreich diskutiert und kritisiert:

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Das Duhemsche Problem:

Aus Theorie T & Hintergrundwissen HW wird Prognose P abgeleitet.

Es wird nicht-P beobachtet.

Welche Annahme aus T & HW soll man verwerfen?

Kritik an Popper: Es ist nicht eindeutig, welche Annahme genau verworfen werden soll. Theorien sind deshalb nicht eindeutig falsifizierbar.

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Einwände vonseiten der Wissenschaftsgeschichte:

Thomas Kuhn behauptet in „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ (1962), dass die Wissenschaft, wenn sie fortgeschritten ist, ganz anders abläuft, als sowohl der Empirismus gesagt halt als auch als Popper gesagt hat.

Kuhn beschreibt das in Begriffen mit soziologischem Charakter:

Inkommensurabilität von Paradigmen (auch vertreten von Paul Feyerabend):

Die Wissenschaft geht nicht so vor, wie Popper lehrt, und schon gar nicht, wie der Empirismus lehrt. Die Regeln, die der kritische Rationalismus vorgibt, wären eher schädlich und würden die Wissenschaft behindern. Er selbst empfiehlt: Anything goes.

Wie verteidigt Popper den kritischen Rationalismus? Er gesteht ein, dass er von Kuhn etwas gelernt hat, nämlich dass es die Normalwissenschaft gibt. Diese hat ein Paradigma, das unkritisch akzeptiert wird und mit der man das Rätsellösen betreibt. Aber: Die Normalwissenschaftler sind in seinen Augen arme Menschen, da schlecht ausgebildet.

Die Wissenschaftsgeschichte widerlegt laut Kuhn und Feyerabend die Vorstellung von Popper, wie Wissenschaft betrieben wird. Im Gegensatz zu den Vorgaben des kritischen Rationalismus haben Wissenschaftler wie Galilei oder Newton gerade dort, wo sie erfolgreich waren, nach einer Weise vorgegangen sind, wie sie es nach Popper gar nicht gedurft hätten; sie haben ihre Theorien nicht infrage gestellt, obwohl ganz viel gegen diese Theorien gesprochen hätte.

Alan Musgrave und Gunnar Andersson verteidigen aber Popper, indem sie sagen, dass Galilei und Newton genau so verfahren sind, wie Popper es bereits in „Logik der Forschung“ beschrieben hat; denn anstatt der zentralen Annahmen einer Theorie kann man ja auch Hilfsannahmen ändern; nur

müssen dann aus dem neuen System von Kernannahmen und Hilfsannahmen neue Vorhersagen folgen, was legitim sei

Popper hat in „Logik der Forschung“ tatsächlich geschrieben, dass man den Fallibilismus akzeptieren muss, also dass alle Aussagen (auch Beobachtungsaussagen und Hilfshypothesen), die man macht, prinzipiell falsch sein können; unter diesen Voraussetzungen kann es natürlich keine absolut gesicherte Falsifikationsentscheidung geben, was jedoch die „Logik der Methodologie Popperszusammenbrechen lässt. In Kapitel 10 schreibt er dazu, dass es durchaus etwas wie endgültige Falsifikation gibt, denn trotz der Tatsache, dass auch Beobachtungsaussagen fehlbar sind, wird es im Allgemeinen, wenn man methodisch kontrolliert vorgeht, nicht nötig sein, eine einmal falsifizierte Hypothese als nicht falsifiziert zu betrachten. Man kann Falsifikationen „im Allgemeinen als endgültig ansehen“.

Nach der Diskussion, die von Kuhn und Feyerabend angestoßen wurde, ist diese frühe Haltung von Popper zu optimistisch gewesen; er meinte, Falsifikationsentscheidungen in der Wissenschaft werden im Allgemeinen nicht zurückgenommen. Das stimmt so jedoch nicht.

In späteren Aufsätzen sagt Popper, dass Falsifikationen niemals endgültig sind. Popper gab jedoch nur sehr ungern zu, dass er seine Auffassung geändert habe. In seinen späteren Texten schreibt er: „Falsifikationen sind schwierige Entscheidungen; sie können niemals endgültig sein.“

Popper meinte aber nach wie vor, dass das Vorgehen nach bestimmten methodologischen Regeln für den Erkenntnisfortschritt förderlich ist

Nach der weiterentwickelten Auffassung von Popper sahen diese Regeln so aus:

- Jede Annahme muss als grundsätzlich fehlbar betrachtet werden (Fallibilismus).

- Eine Theorie muss so formuliert und entwickelt werden, dass sie prüfbar wird.

- Es müssen ernsthafte, informative Prüfversuche durchgeführt werden.

- Eine Theorie soll nur durch Änderungen verteidigt werden, die neue prüfbare Folgen haben.

Damit lässt sich das Duhemsche Problem folgendermaßen lösen:

- Wenn aus T & HW die Prognose P folgen sollte, empirisch jedoch das Resultat nicht-P beobachtet wird, dann muss nicht der Kern der Theorie aufgegeben werden, sondern nur irgendeine Annahme aus Theorie oder dem Hintergrundwissen thematisiert werden und angezweifelt und als nächstes geprüft werden. Dies lässt die Möglichkeit, an der Theorie oder am Hintergrundwissen etwas zu ändern und neue Tests durchzuführen um zu vergleichen, was sich in den folgenden Untersuchungen besser bewährt. Es handelt sich also um eine Spielart des Vorgehens nach Versuch und Irrtum.

Problem: Ist normative Wissenschaftstheorie möglich (also dass Wissenschaftstheorie sagt, was die Regeln eines rationalen Vorgehens in der Wissenschaft sein sollten)? Popper und die Empiristen versuchten, dies zu beweisen. Es muss deskriptive Wissenschaftsforschung betrieben werden, wenn man normative Wissenschaftstheorie als unmöglich betrachtet. Die Position „keine Normen mehr vorschlagen, sondern stattdessen empirische Forschung betreiben“ ist allerdings trügerisch, denn sie setzt immer schon Normen voraus.

o Popper hat das Induktionsproblem in Wahrheit nicht überwunden, sondern in versteckter Weise beibehalten Weiterführende aktuelle Problemstellungen:

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Gibt es strikte Naturgesetze? Der kritische Rationalismus und der Empirismus haben dies stets angenommen. Heute wird dies aber angezweifelt; die Gesetze, die in den Sozialwissenschaften und der Ökonomie diskutiert werden, sind eher so zu verstehen, dass unter gewissen Voraussetzungen, die man nicht so genau kennt, und unter der weiteren Voraussetzung, dass sich andere Größen nicht ändern, sich bestimmte Zusammenhänge entsprechend ändern (wenn x zunimmt, nimmt auch y zu). In diesem Zusammenhang spielt die Ceteris-paribus-Klausel eine Rolle; aber welche Variablen stecken in dieser Klausel überhaupt? Das lässt sich wahrscheinlich nie genau aufzählen. Sind wissenschaftliche Gesetze also nur Ceteris-paribus- Gesetze? Wissenschaftstheoretiker haben behauptet, dass dem in den „weichen“ Wissenschaften so sei. Nancy Cartwright behauptet jedoch, dass auch die Physik nur Ceteris-paribus-Gesetze aufweisen kann.

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Soll es eine Methodologie für alle (empirischen) Wissenschaften geben? Oder muss man mittlerweile nicht sagen, dass die Wissenschaften derart unterschiedliche Probleme erforschen, derart unterschiedliche Gegenstände behandeln und derart unterschiedliche Voraussetzungen haben, dass es dementsprechend verschiedene Wissenschaftstheorien geben muss, also eine der Physik, der Psychologie, der Ökonomie etc.? Ist die fallibilistische Grundhaltung als allgemeine Basis dieser Methodenvielfalt angemessen?

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Carnap und Popper versuchten, allgemeine Wissenschaftstheorien zu entwickeln