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Der grundlegende Konstruktionsfehler im kapitalistischen


Wirtschaftsystem und seine Folgen
1. Die Enteignung der Produzenten
Menschen müssen ihre Lebensmittel durch gesellschaftliche Arbeit der Natur abringen. Zu diesem Zweck
benötigen sie Produktionsmittel (Werkzeuge). In einigen Gesellschaften vor der Epoche des Kapitalismus
konnten z.B. in Großfamilien arbeitende Menschen gemeinschaftlich über ihre Produktionsmittel verfügen.
In der Entstehungsphase des Kapitalismus im ausgehenden Mittelalter sind viele Bauern von ihrer Scholle
vertrieben und die meisten Handwerker durch Knebelungsverträge um den Besitz ihrer Produktionsmittel
gebracht worden. Sie wurden zu Lohnarbeitern in den Fabriken degradiert und seitdem sind sie und nachfol-
gende Generationen als abhängig Beschäftigte nicht mehr in der Lage durch selbst bestimmte Arbeit für ih-
ren Lebensunterhalt und den ihrer Familien zu sorgen. Die Produktionsmittel, ursprünglich Gemeineigentum,
sind in das private Eigentum weniger übergegangen. Seitdem können die neuen Eigentümer allein darüber
verfügen. Das Privateigentum an den Produktionsmitteln wurde mit dem Eindringen des Gewinn- bzw. Pro-
fitstrebens von Händlern in den Produktionsbereich der Gesellschaft zur herrschenden Eigentumsform.

2. Was ist Kapital?


Händler tauschen auf dem Markt, nicht um sich die Güter zu beschaffen, die sie zum Leben benötigen, sie
investieren Geld in ein Geschäft, damit es sich vermehrt. Geld wird zu Kapital.1 Losgelöst von dem Bedürf-
nis die Mittel für den eigenen Lebensunterhalt und den der Gemeinschaft zu erlangen, werden endloses Ge-
winnstreben und Kapitalvermehrung (Akkumulation) zu einem Selbstzweck. Kapital wird zu einem Wert an
sich, anscheinend losgelöst von seiner Herkunft, der menschlichen Arbeit. Kapital ist Geld, das nicht mehr
als Tauschmittel benützt wird, sondern dem Zweck dient sich selbst zu vermehren.

3. Das kapitalistische Organisationsprinzip von gesellschaftlicher Arbeit


Jeder einzelne Privateigentümer an Produktionsmitteln kann zwar entscheiden, was und wie viel er produzie-
ren will, aber er musste ursprünglich seine Produkte den Verbraucherwünschen anpassen. In der idealen
Marktwirtschaft steht jeder Unternehmer in einem Konkurrenzverhältnis zu seinen Mitanbietern auf den
Absatzmärkten. Um im Konkurrenzkampf überleben und seine Produkte mit Gewinn verkaufen zu können,
ist er gezwungen möglichst billig zu produzieren, d.h. er muss seinen Arbeitskräften möglichst niedrige Löh-
ne zahlen und möglichst viel (Kapital-)Wert schöpfende Leistung aus ihnen herauspressen. Mit der gesell-
schaftlichen Durchsetzung dieser Umgangsform mit Arbeit etabliert sich ein Wirtschaftssystem, in dem die
menschlichen Arbeitskräfte Mittel zum Zweck der Profit- oder Gewinnmaximierung der Unterneh-
mer werden. Die menschliche Arbeit wird zur Ware, die auf dem Arbeitsmarkt gehandelt wird wie andere
Waren auf den Güter- und Dienstleistungsmärkten auch. Im Kapitalismus werden die Warenproduktion und
der Einsatz der Arbeitskräfte vermittels privatem Profitstreben und über die Preise gesteuert, die sich durch
Angebot und Nachfrage bilden. Obwohl alle Marktteilnehmer nach ihrem privaten Vorteil streben, so be-
hauptet die bürgerliche Wirtschaftslehre, sorgen doch der Preismechanismus und der Konkurrenz- und Leis-
tungsdruck (die „Unsichtbare Hand“!) für die optimale Versorgung der Menschen mit Konsumgütern. Dieser
idealistischen Darstellung von Kapitalismus (=Marktwirtschaft) straft jedoch die „real existierende Markt-
wirtschaft“ Lügen.

4. Der im System verborgene Ausbeutungsmechanismus


Die menschliche Arbeitskraft ist allerdings eine besondere Ware, sie allein hat die Fähigkeit bei ihrem Ge-
brauch im Produktionsprozess mehr realen „Wert“ in Form von effizienteren Produktionsmitteln und neuen
Konsumgütern hervorzubringen als zu ihrer Reproduktion (laufende Kosten für den Lebensunterhalt und
Sozialisationskosten) aufgewendet werden muss. Der in Geldeinheiten gemessene „Mehrwert“ ist die Diffe-
renz zwischen dem vom Arbeiter geschaffenen Wert und den Kosten (seinem Lohn) zu denen ihn der Unter-
nehmer einkauft. Den Mehrwert kann sich der Kapitalist ohne Gegenwert aneignen, weil er Eigentümer der
Produktionsmittel ist. Unter dem Deckmantel angeblich freiwillig abgeschlossener Arbeitsverträge unter
formal gleichberechtigten Partnern verbirgt sich in Wirklichkeit gesetzlich erlaubter Diebstahl, der erklärt,

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Geldkapital – Ware – Geldkapital +Gewinn
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wie die von Generationen von Kopf- und Handarbeitern technisch fortentwickelten Produktionsmittel in die
Hände von wenigen Eigentümern gelangt sind. Nicht die Eigentümer der Produktionsmittel (die Kapitalisten)
schaffen Arbeitsplätze, wie behauptet wird, sondern die Lohnabhängigen durch die Herstellung der Produk-
tionsmittel.
Was mit den Händlern begonnen hat, Gewinnstreben und Kapitalakkumulation als Selbstzweck, wird mit
dem Eindringen des Kapitals in die Produktion zu einem den gesamten Reproduktionsprozess der Gesell-
schaft durchdringenden Ausbeutungsmechanismus2, in dem die Menschen nicht nur in ihrer Funktion als
Arbeitskräfte, sondern auch ihre gesamte gesellschaftliche Lebenswelt immer mehr in ein Instrumentarium
der Selbstverwertung des Kapitals verwandelt werden. Dieses indirekte, im System verborgene Zwangsver-
hältnis ist von allen Beteiligten nicht so leicht zu durchschauen. Die bürgerliche Wirtschaftslehre ver-
schweigt die durch das System hindurch wirkende strukturelle Gewalt; sie ist deshalb keine Wissenschaft,
sondern die Ideologie der herrschenden Klasse zum Zweck der Verschleierung ihrer Privilegien.

5. Die Quelle des gesellschaftlichen Reichtums


Der Tauschwert, zu dem die Waren auf den Märkten gehandelten werden, bemisst sich letzten Endes allein
nach der gesellschaftlich durchschnittlichen Arbeitszeit, die zu ihrer Herstellung notwendig war. Da die
Tauschwerte der Waren auf den Märkten in der Form des allgemeinen Wertmaßstabes, des Geldes, ausge-
drückt werden, ist auch der Wert von inflationär nicht aufgeblähtem Geld und von Kapital nichts anderes als
geronnene Arbeit. Alle wirtschaftlich realen Werte haben ihren Ursprung allein in menschlicher Ar-
beit.
Viele Generationen von lohnabhängigen Arbeitern mussten ihre Lebensenergie in den Dienst der Profitma-
ximierung des kapitalistischen Systems stellen und die Aneignung des von ihnen erarbeiteten Mehrwerts
durch die Kapitalisten hinnehmen. Die jetzige Generation von Lohnabhängigen sollte nicht vergessen, dass
die gewaltige Effizienzsteigerung der heute eingesetzten Produktionsmittel (computergesteuerten Fließband-
anlagen, Forschungseinrichtungen, u.a.) ohne die Leistungen und Entbehrungen vergangener Generationen
von ausgebeuteten Arbeitern/innen nicht möglich geworden wäre. Das Wissen das für die moderne Technik
und ihre Weiterentwicklung notwendig ist, beruht auf Lernprozessen der gesamten Menschheit. Da die bür-
gerliche Geschichtsdarstellung die Rolle der Arbeit bei der Entwicklung von Wissenschaft und Technik aus-
blendet, glauben heute viele Menschen, es sei naturgegeben, wenn eine immer kleinere Zahl von immer
mächtigeren Geldgebern über das gigantisch angewachsene Produktionspotential der gesamten Menschheit
verfügen kann, allein nach der Maßgabe ihres privaten Profits.
Gesamtgesellschaftlich ist reales Kapitalwachstum nur durch vermehrten Einsatz von Arbeit möglich,
die den Mehrwert hervorbringt. Dies wird auf dem heutigen Entwicklungsstand hauptsächlich durch eine
Erhöhung der Arbeitsproduktivität bewirkt, die durch technische Erfindungen, also auch wieder durch Ar-
beit, in diesem Fall durch Kopfarbeit vorangetrieben wird. Die Wirtschaftsbereiche Handel, Kapitaltrans-
aktionen und Finanzierung können keine neuen Werte hervorbringen, sie können zwar einzelne Speku-
lanten oder gesellschaftliche Schichten reich machen, aber immer nur auf Kosten anderer, es handelt sich
dabei nur um Reichtumsübertragung, was Einzelne gewinnen verlieren Andere.
Ein Wachstum des realen gesellschaftlichen Reichtums ist nur durch Arbeit (Hand- und Kopfarbeit!)
möglich, im Bereich der gesellschaftlichen Produktion, einschließlich Warentransport, verschiedenen
Dienstleistungen, vor allem aber durch das Schöpfen neuen Wissens in Bildungs- und Forschungsein-
richtungen.

6. Der grundlegende Widerspruch im System


Wenn ein Unternehmer im Wettlauf um höhere Gewinne einen Vorteil errungen hat, muss er diesen auch
optimal ausnützen, d.h. aus seinen Arbeitern weiterhin soviel Mehrwert wie nur möglich herauspressen. Den
überdurchschnittlichen Profit muss er sofort wieder investieren, um durch eine kostensenkende Produktivi-
tätssteigerung (Rationalisierungsinvestition) billiger anbieten zu können und um durch eine Erhöhung der
Produktionsmenge (Erweiterungsinvestition) den Konkurrenten Marktanteile abzujagen.
Im Konkurrenzkapitalismus kann der einzelne Unternehmer trotz hoher Gewinne weder die Löhne erhöhen
noch die Arbeitszeit senken. Das System zwingt ihn Neuinvestitionen vorzunehmen, um die Konkurrenten
zumindest in Schach zu halten oder um eventuell die eigene Machtposition zu stärken. Wo Wettbewerb exis-
tiert gibt es immer auch Verlierer. Die Sieger übernehmen deren Kapital, wodurch sich dieses zunehmend in

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Geldkapital – Arbeit – Ware – Geldkapital + Mehrwert
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den Händen von wenigen Eigentümern konzentriert. Es entstehen Oligopole, Kartelle (Absprachen) und Mo-
nopole, welche die Formen von Konkurrenz auf den Märkten verändern. Monopolisten und Mitglieder von
Kartellen müssen nicht unbedingt den Verbrauchern ihre Konsumwünsche von den Lippen ablesen, sie kön-
nen künstliche Knappheiten erzeugen und dazu übergehen die Bedürfnisse der Verbraucher zu manipulieren.
Da die abhängig Beschäftigten systembedingt nicht ausreichend an dem von ihnen geschaffenen Produktivi-
tätsfortschritt beteiligt werden, bleiben ihre Einkommen (die volkswirtschaftliche Lohnquote) fortwährend
hinter der von computergesteuerten Produktionsanlagen erzeugten Flut an Konsumgütern zurück. Gesamt-
wirtschaftlich gesehen besteht ständig die Gefahr der Überproduktion, d.h. das Angebot an Waren ist
tendenziell größer als das Fassungsvermögen der Massenkaufkraft hergibt. Infolge dessen lässt der
Preismechanismus die Warenpreise abstürzen, dadurch sinken die Verkaufserlöse und damit auch die Ge-
winne der Unternehmer, sie müssen die Produktion einschränken und Arbeitskräfte entlassen, wodurch auf-
grund der Lohnausfälle die Gesamtnachfrage noch weiter schrumpft, usw. Anders ausgedrückt, das kapita-
listische Wirtschaftssystem ist ständig von eskalierenden Absatzkrisen und von Arbeitslosigkeit be-
droht und damit auch von der selbst verursachten Austrocknung seiner einzigen Mehrwertquelle, der
menschlichen Arbeit.

Zusammenfassung der Punkte 1. bis 6.:


Das kapitalistischen Wirtschaftssystem (Marktwirtschaft) erlaubt den Eigentümern an den Produkti-
onsmitteln, den Kapitalisten (Unternehmern), sich vom Sozialprodukt, das von allen aktiven Arbeitskräften
(auch den mitarbeitenden Kapitalisten!) geschaffenen worden ist, einen Teil, den Mehrwert (Surplus), ohne
Gegenwert anzueignen. Die Kapitalisten können zwar entscheiden wie sie ihr Kapital, dazu gehört auch das
„Humankapital“ (=variable Kapital), die eingekauften Arbeitskräfte, einsetzen wollen, aber sie müssen bei
ihren Entscheidungen auch das Verhalten ihrer Mitkonkurrenten auf den Märkten im Auge behalten. Um im
Innovationswettlauf nicht zurückzufallen, müssen sie maximale Profite anstreben, um damit Neuinvestitio-
nen vornehmen zu können. Auf diese Weise wird der Kapitalismus zu einem System, in dem die menschli-
chen Arbeitskräfte Mittel zum Zweck der Profit- bzw. Gewinnmaximierung der Unternehmer werden.
Die Summe des den arbeitenden Menschen vorenthaltenen Mehrwerts sammelt sich in allen Bereichen der
Wirtschaft als überschüssiges Kapital in den Händen der Kapitalisten an, das diese wieder profitabel inves-
tieren müssen. Ein Unternehmer kann auf Dauer nur selbständig bleiben, wenn es ihm gelingt seine Marktan-
teile auszudehnen und die Produktivität zu steigern. Der im Konkurrenzsystem verankerte Investitionszwang
übt auf alle Unternehmer unentwegt Druck aus, in Richtung wirtschaftliches Wachstum und technischer
Fortschritt. Da die Einkommen der abhängig Beschäftigten systembedingt hinter dem Produktivitätsfort-
schritt zurückbleiben, besteht gesamtwirtschaftlich gesehen ständig die Gefahr der Überproduktion, d.h.
das Angebot an Waren ist tendenziell größer als das Fassungsvermögen der Massenkaufkraft (Unterkon-
sumtion). Mit anderen Worten, das kapitalistische System ist ständig von selbst erzeugten eskalierenden
Absatzkrisen und von Arbeitslosigkeit bedroht.

7. Die vergebliche Suche nach Auswegen aus den vom System selbst erzeugten Krisen
In einer anhaltenden Wirtschaftskrise müssen die Kapitaleigner befürchten, dass der Wert ihrer lahm geleg-
ten Produktionskapazitäten (=totes Kapital) durch technisches Veralten verfällt, dass sie Insolvenz anmelden
müssen und ihren Status als „freie“ Unternehmer verlieren. Die Entscheidungsfreiheit der Kapitalisten hat
Grenzen, auch sie sind letzten Endes Marionetten eines vom Konkurrenz- und Kapitalverwertungsdruck
getriebenen Systems! Wenn das von den Unternehmern für die Warenproduktion vorgeschossene Kapital in
der Krise nicht mehr über die Absatzmärkte in der Form von Verkaufserlösen inklusive dem Profit (ent-
spricht den Ausgaben für Konsum und für neue Produktionsmittel) zurückfließt und Verluste drohen, müssen
die Kapitaleigner nach neuen Anlagemöglichkeiten für ihr Kapital suchen.
Im geschichtlichen Verlauf der Entfaltung des kapitalistischen Systems, ist es dem Kapital immer wieder
gelungen vorübergehend neue Felder profitabler Kapitalverwertung zu erschließen und seine eskalierenden
Krisen zeitweilig zu überwinden, aber immer nur auf Kosten von weiter reichenden und tiefer in gesell-
schaftliche und ökologische Zusammenhänge eingreifenden Zerstörungen.
7.1. Rettungsversuch des Systems durch Manipulation der Verbraucherwünsche und Ausweitung
des Massenkonsums
Um die systembedingte Nachfragelücke zu schließen, liegt es nahe, die von den lohnabhängigen Beschäftig-
ten abgeschöpften Überschüsse in Form von Kapital durch Ausweitung des Massenkonsums zu verwerten.
Diese Strategie wird mit der massenhaften Herstellung von billigen Verschleiß- und Wegwerfprodukten
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für die niederen Einkommensschichten und mit dem Verwöhnprogramm für die gehobenen Käuferschichten
in Form teuerer Luxusprodukte in die Tat umgesetzt. Im Auftrag der Monopole kommt der Werbung die
Aufgabe zu ein gesellschaftliches Klima zu erzeugen, in dem Menschen sich Anerkennung durch demonst-
ratives Vorzeigen von teueren Statussymbolen erhoffen. In diesem Bemühen hat die allgegenwärtige Wer-
bung durchaus Erfolge vorzuweisen. Mit Rückgriff auf tiefenpsychologische Erkenntnisse dringt sie in das
Unterbewusstsein der Menschen ein, spricht einerseits geheime, unerfüllte Wünsche an (nach ewiger Jugend
und Schönheit, Abenteuer, hemmungslosen Sex und grenzenloser Freiheit), andererseits rührt sie an tief
sitzenden, unterschwelligen Ängsten (ungepflegtes Outfit, Einsamkeit, Krankheit). Mit der flotten Luxuska-
rosse kauft man zugleich Freiheit, Bewunderung und attraktive Sexobjekte. In der hektischen Atmosphäre
der Konsum- und Spaßgesellschaft steuern nicht unverfälschte, der inneren Harmonie der Menschen zuträg-
liche Bedürfnisse der Verbraucher das Angebot an Gütern- und Dienstleistungen, sondern die Anbieter steu-
ern die Bedürfnisse der Verbraucher durch Manipulation mit Hilfe von Millionen schweren Werbeetats. Auf
diese Weise werden ständig neue, überflüssige Wünsche geweckt. Besonders Kinder und Jugendliche sind
den perfiden Methoden der raffinierten und aufdringlichen Werbung hilflos ausgeliefert. Immer mehr junge
Menschen aus allen Gesellschaftsschichten haben mit Lernstörungen und Motivationskrisen zu kämpfen.
Die Orientierung an simplen, plakativen Werbeslogans lässt die Sprache verkümmern, die Fähigkeit zwi-
schenmenschliche Konflikte durch Verständigung zu lösen, geht dadurch verloren.
Verstärkt wird dieser Trend durch den zunehmenden Einfluss der Medien, die weitgehend im Dienste der
Profitinteressen ihrer Eigentümer stehen. Wie sollen Kinder und Jugendliche, die kontaktarm vor Monitoren
aufwachsen, lernen die Erwartungen anderer Menschen in das eigene Handeln einzubeziehen und Teamfä-
higkeit erwerben? Wie sollen sich Heranwachsende, denen von frühester Kindheit an von den Medien eine
pervertierte Realität vorgegaukelt wird, bestehend aus Gewalt, Kriminalität, Geldgier, sexuellen Gelüsten,
Gefühlsduseleien und grenzenloser Freiheit, ihre eigenen Fähigkeiten und ihre Stellung innerhalb der Gesell-
schaft realistisch beurteilen können? 3 Auf das Geschäft mit Gewalt- und Pornovideos, Playstations, Killer-
spielen, u.a. können die Medienkonzerne offenbar nicht verzichten. Die unternehmerische Freiheit, zu pro-
duzieren was sich verkaufen lässt, darf auf keinen Fall angetastet werden.
In der Freizeit soll sich der Konsument den Verlockungen der Werbung spontan hingeben, während der Ar-
beitszeit dagegen muss der Lohnabhängige trotz wachsendem Leistungsdruck reibungslos funktionieren. Das
sprunghafte Ansteigen der Zahl von Menschen mit Persönlichkeitsstörungen, bis hin zu schweren Depressio-
nen, können die geschäftstüchtigen Werbemanager und die Experten für Effizienzsteigerung am Arbeitsplatz
nicht als eine Folgeerscheinung ihrer beruflichen Tätigkeit begreifen. Sie haben andere Sorgen, sie müssen
kurzfristig höherer Renditen vorweisen, damit sie nicht gefeuert werden. Jeder ist sich selbst der Nächste in
unserer segensreichen, angeblich sozialen Marktwirtschaft, in der letzten Endes nur ein Wert zählt, der
messbare Erfolg in Geld! „Zeit ist Geld!“, „Flexibilität ist Voraussetzung für den Job!“, das sind die Leitmo-
tive im Kapitalismus. Vertrauensvolle soziale Beziehungen, verlässliche Partnerschaften müssen wachsen,
sie brauchen Verständnis und Zeit. Das egoistische Streben nach Geld und Machtpositionen, die hektische
Betriebsamkeit in Beruf und Freizeit untergraben ein von wechselseitiger Anerkennung getragenes soziales
Klima und damit auch die Entfaltung der menschliche Gestaltungs- und Schöpfungskräfte. Im Zeitalter der
Verwissenschaftlichung der Produktion, in dem der „Rohstoff Geist“ die wichtigste Produktivkraft geworden
ist, zerstört die kurzsichtige Konkurrenz- und Profitlogik des Systems ihre eigene Existenzgrundlage.

7.2. Rettungsversuch des Systems durch Vermarktung aller Lebensbereiche der Gesellschaft
(Expansion in das Innere der Gesellschaft):
Das nach profitablen Verwertungsmöglichkeiten suchende, überschüssige Kapital dringt wie mit den Greif-
armen einer Riesenkrake in alle Lebensbereiche unserer Gesellschaft ein: Immer mehr, bisher noch öffent-
lich geführte Einrichtungen der elementaren Daseinsfürsorge wie kommunale Krankenhäuser, Wasser-
werke, Verkehrsbetriebe, Energieversorgung und andere Infrastruktureinrichtungen werden privatisiert und
anschließend auf „rentable Kerne“ reduziert, mit Arbeitsplatzabbau im Gefolge. Auch die kulturellen Sek-
toren, sind Ziel neoliberaler Profitgier: Kindergärten, Schulen, Sozialwissenschaftliche Institute, Theater,
Museen werden ganz oder teilweise privatisiert. Und schließlich legt das unersättliche Kapital auch noch
Hand an die solidarisch finanzierten Sozialversicherungen, in dem immer mehr Menschen genötigt werden,
sich privat zu versichern und ihre Beiträge auf den riskoreichen Kapitalmärkten anzulegen.

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Die durch die Kapitalinteressen und ihre Medien manipulierte öffentliche Sphäre der Gesellschaft ist eine strukturelle
Ursache für das Bildungselend nicht nur in Deutschland. Die Macher unseres Bildungssystems wünschen sich eifrige
Naturwissenschaftler, Techniker, Betriebswirte, Juristen, Lehrer, die ihr Spezialwissen dem Kapitalverwertungsprozess
gegen Entgelt zur Verfügung stellen, ohne darüber nachzudenken, wohin „das Ganze“ eigentlich führt (Fachidioten!).
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Nahezu jede gesellschaftlich organisierte oder von einzelnen Menschen initiierte Aktivität läuft Gefahr von
den am privaten Profit orientierten Kapitalverwertungsmechanismus vereinnahmt zu werden: Sport, Freizeit,
Reisen, Bildung und Wissenschaft, Kunst und Literatur, Partnersuche zwecks Heirat oder Sex, u.a. Diese
Entwicklung bezeichnet man im neoliberalen Jargon als die zunehmende Freiheit der privaten Lebensgestal-
tung: Privater Geschmack, private Konsumwahl, private Altersvorsorge, private Schulen, private Steuer-
sparmodelle, privater Luxus, private politische Meinung, aber für immer mehr Menschen auch private
Schuldenfalle!
J. Habermas benennt diese Entwicklung als die „Kolonialisierung der Lebenswelt“: Unter dem Diktat der
schnellen Profitmacherei wird das Netzwerk der sozialen Beziehungen kommerzialisiert: Das Gefüge wech-
selseitig zumutbarer und anerkannter Erwartungen zerfällt, Verständigungsbereitschaft geht verloren, die
sozialen Beziehungen werden oberflächlich und kurzlebig, die Auflösung gewachsener Solidarpakte wird
gezielt vorangetrieben. In seinem blinden Funktionieren zerstört das kapitalistische System den Nährboden
seiner Existenz, das gesellschaftliche Zusammengehörigkeitsgefühl und damit auch die Entfaltung seiner
einzigen Mehrwertquelle, nämlich der kooperativen und kreativen Fähigkeiten der Menschen.

7.3. Rettungsversuch des Systems durch wissenschaftlich-technischen Fortschritt


Der in der Konkurrenzlogik angelegte Investitionszwang nötigt jeden Unternehmer den von allen Beschäftig-
ten gemeinsam erarbeiteten, aber privatisierten Gewinn zum Teil wieder in Effizienz steigernde Produktions-
anlagen zu investieren. Besser, schneller, billiger produzieren als der Konkurrent, das ist das Gesetz des
Marktes. Mit der Automatisierung hat die Rationalisierung der Produktionsprozesse eine qualitativ neue
Dimension erreicht. Mit moderner Technik ausgestattete Konsumgüter, neue Verkehrs- und Kommunikati-
onsmittel öffnen den Verbrauchern neue Dimensionen von Mobilität, Informationsaustausch und Unterhal-
tung. Ein breit gefächertes Angebot an faszinierenden Hightech-Produkten belebt den Absatz und das Ge-
schäft. Technischer Fortschritt, der allein von der auf den schnellen Profit schielenden Kapitalverwertung
angetrieben wird, hat allerdings äußerst gefährliche Schattenseiten:
• Immer weniger Arbeitskräfte können heute mit Hilfe Computer gesteuerter Produktionsanlagen immer
mehr produzieren. Dank des technischen Fortschritts und der ungeheueren Steigerung der Arbeitsproduktivi-
tät könnten Wohlstand und materielle Sicherheit heute allen Menschen zuteil werden, statt Super-Reichtum
für wenige und Armut für viele.4 Stattdessen sorgt die wachsende Zahl der Arbeitslosen und Geringverdiener
in aller Welt dafür, dass sich die systemimmanent erzeugte Nachfragelücke insgesamt eher ausweitet als
schrumpft. Immer mehr Menschen sind von struktureller Arbeitslosigkeit bedroht, weil es der Konkur-
renzdruck im System nicht erlaubt den Produktivitätsfortschritt in Form von Arbeitszeitverkürzung an die
Lohnabhängigen weiter zu gegeben. Der Aufbau einer die Natur schonende Landwirtschaft und Industrie
und eines die kreativen Fähigkeiten förderndes Bildungssystems auch in der Dritten Welt würde Kapital
langfristig binden und ist deshalb bei den heutigen Renditeerwartungen für die Kapitalanleger völlig uninte-
ressant. Die durch technischen Fortschritt möglich gewordene Massenproduktion in den Industrieländern
bedeutet wachsende Müllberge. Da ihre Entsorgung wenig profitabel ist und dank unternehmerfreundlicher
Vorschriften des Staates die zukünftigen Kosten der heute angerichteten Umweltzerstörung nicht annähernd
realistisch in den Kostenrechnungen der privaten Produzenten erscheinen müssen, werden die augenschein-
lichen Vorboten der kommenden globalen Umwelt- und Klimakatastrophe schlichtweg ignoriert.
• Mit Hilfe der Wissenschaft kann die Technik immer tiefer in Naturprozesse eindringen (Atom-, Gen-,
Nanotechnologie, u.a.). Durch intensive Anbaumethoden in der Landwirtschaft wird das ökologische System
unserer Erde immer nachhaltiger und unumkehrbar verändert. Wegen der durch die Konkurrenz vorgegebe-
nen Sachzwänge müssen die technischen „Innovationen“ ohne Zeit raubende Risikokontrollen möglichst
schnell als gewinnbringende Produktionsverfahren angewendet und der Ausstoß als High-Tech-Konsum-
güter auf den Markt geworfen werden. Auf diese Weise operiert der systemgetriebene technische Fortschritt
immer näher an der globalen Katastrophe. Hinzu kommt, dass die entfesselten, gigantischen Haturkräfte
von bornierten und Macht besessenen Marionetten des Systems (von Rüstungslobbyisten gesteuerte Politi-
ker) als Massenvernichtungsmittel auch für mögliche militärische Zwecke bereitgestellt werden.
• Der Fortschritt in der Medizin und in der Gentechnologie könnte zum Wohle aller Menschen angewen-
det werden. Aber die unvoreingenommene Betrachtung der bisherigen Praxis zeigt, dass sich in allen zu-
kunftsrelevanten Entscheidungskonflikten zwischen den Profitinteressen der Wirtschaft und den ethischen
Bedenken von Menschenrechtlern, von Theologen oder unabhängigen Wissenschaftlern die Wirtschaft

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Allein die Tatsache, dass jedes Jahr Millionen von Menschen in den Entwicklungsländern verhungern müssen, ist der
schlagende Beweis für Unmenschlichkeit des Kapitalismus.
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durchgesetzt hat. Besonders erschreckend ist der Versuch einiger Konzerne mit genmanipulierten Pflan-
zen und Tieren die gesamte Hahrungsmittelversorgung der Welt unter ihre Kontrolle zu bringen. An
der Spitze der Skrupellosigkeit und Menschenverachtung steht der amerikanischen Konzern „Monsanto“,
Hersteller des chemischen Kampfstoffes Agent Orange. Dieser Konzern besitzt die Patente auf 90% des heu-
te gehandelten genveränderten Saatguts (Mais, Raps, Soja, u.a.). Mit Knebelungsverträgen werden Bauern
und Farmer weltweit gezwungen das Saatgut und die dazu gehörigen chemischen „Pflanzenschutzmittel“
jedes Jahr bei Monsanto neu zu kaufen. Studien zur Überprüfung der Risiken von genmanipulierten Futter-
und Nahrungsmitteln wurden unter Mithilfe der US - Administration manipuliert.

Vielleicht setzen die „wachstumsgläubigen“ Herrscher über das Produktivkapital und damit über die techni-
schen Errungenschaften der Menschheit ihre Hoffnungen wieder in den „neuen Menschen“, der gentechnisch
manipuliert, in Zukunft beliebig programmierbar und unendlich flexibel einsetzbar ist. Das Problem demo-
kratischer Mit- und Selbstbestimmung hätte sich dann ein für allemal erledigt.

7.4. Systemrettung durch den Staat


Wie die jüngsten Ereignisse zeigen, verbeten sich die Vertreter der neoliberalen Heilslehre in der Phase der
Hochkonjunktur jegliche staatliche Einmischung in das angeblich sich selbst steuernde System der freien
Märkte, verlangen aber in der Krise, dass der Staat die Wirtschaft mit öffentlichen Aufträgen und Kapital-
spritzen vor dem Absturz rettet. Die Selbststeuerung des Systems funktioniert demnach nur in Zeiten der
Hochkonjunktur, solange hohe private Gewinne erzielt werden können. In der Krise werden dem Staat und
den Steuer zahlenden Bürgern die Folgelasten des Systemversagens aufgedrückt. Auch für die von der Wirt-
schaft nicht profitabel einsetzbaren Menschen, wie die Alten, Kranken, Arbeitslosen, Auszubildenden, auch
für die von der Wirtschaft verursachten Umweltschäden, fühlen sich die Herren in den Chefetagen der Kon-
zerne und Banken nicht zuständig, für diese Kosten müsse der Staat aufkommen.
Einerseits fordern die Repräsentanten des Privatkapitals Steuersenkungen, damit für sie genug Geld bleibt,
andererseits verlangen sie vom Staat, dass er ausreichend Geld für das soziale Netz, für Bildung und For-
schung, für Ausbau der Infrastruktur, für Polizei und Justiz zur Verfügung stellt. Unter diesen Umständen
entsteht allerdings für die „Öffentliche Hand“ ein unlösbares Finanzierungsproblem: Sie wird in die Schul-
denfalle getrieben, was ihren Handlungsspielraum immer stärker einengt. Wenn immer weniger Menschen
vom sozialen Netz aufgefangen werden können und die sozialen Spannungen wachsen, so berührt dies die
Funktionseliten in den Schlüsselpositionen der Wirtschaft wenig. Für sie zählen nur die kurzfristig erzielten
Renditen und Erhalt oder Ausbau ihrer Machtpositionen. Sie nützen die Schwäche des Staates und die
Gleichgültigkeit seiner Bürger weidlich aus, entsenden ihre Lobbyisten in die Ministerien, wo sie die von
ihnen gewünschten Gesetzesvorlagen vorformulieren, die dann regelmäßig von der marktgläubigen Mehrheit
im Parlament abgenickt werden. Die neoliberalen Parteien, von den Großspenden der Wirtschaft abhängig,
haben die Funktionsprinzipien des Kapitalismus längst in ihre Parteiprogramme eingearbeitet. Deshalb kann
von den gegenwärtig regierenden Parteien keine grundsätzliche Kritik am Kapitalismus erwartet werden, sie
haben sich mit ihrer Rolle, die durch den Kapitalverwertungsmechanismus vorgegebenen Sachzwänge
scheindemokratisch abzusegnen, längst abgefunden. Wer es dennoch wagt das kapitalistische System grund-
sätzlich in Frage zu stellen, wird von den Mehrheitsparteien und von der großen Mehrheit der systemkon-
formen Medien als extremistisch und demokratiefeindlich in Misskredit gebracht. Die neoliberal geführten
Regierungen erweisen sich nach wie vor als die zentrale Agentur des Kapitals (bei Marx: „Ideeller Gesamt-
kapitalist“), die sich für dessen reibungslose Verwertung verantwortlich fühlt. Die langfristigen Interessen
der Mehrheit der Menschen haben nur eine untergeordnete Bedeutung.

7.5. Rettungsversuch des Systems durch Eroberung neuer Märkte (Expansion nach außen):
Der Kapitalismus konnte nicht existieren, ohne den Kapitalüberschüssen neue Verwertungsmöglichkeiten
auch über die nationalen Grenzen hinaus zu eröffnen. Die Eroberung neuer Märkte erfolgte im Zeitalter des
Kolonialismus durch Unterwerfung und Ausbeutung der wehrlosen, technisch weniger entwickelten Län-
der der Erde. Als die Welt unter den Kolonialmächten aufgeteilt war, blieb den nationalstaatlich organisier-
ten Imperialisten nichts anderes übrig als auf Kosten der jeweils anderen zu expandieren. Das Ergebnis wa-
ren die verheerenden Weltkriege. Krieg war die Fortsetzung der wirtschaftlichen Konkurrenz mit militäri-
schen Mitteln. Heute, da die Rohstoffe durch die blinde, verschwenderische Produktion knapp werden, dro-
hen neue Kriege um die Verteilung der verbleibenden Naturressourcen. Und offensichtlich haben die herr-
schenden Kreise aus den Katastrophen der Vergangenheit nichts gelernt: Die Rüstungsausgaben steigen nach
wie vor, ein eindeutiger Beleg dafür, dass man sich militärische Optionen weiterhin offen halten will. In der
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Frage der internationalen Konfliktbewältigung setzt sich letzten Endes die Logik des globalen kapitalisti-
schen Konkurrenzsystems durch: Die Steuer finanzierte Rüstungsproduktion ist für die Exponenten des Sys-
tems weiterhin ein profitables Betätigungsfeld für das überschüssige Kapital, die Zusammenarbeit zwischen
den systemkonformen Regierungen und dem militärisch-industrielle Komplex schafft zudem auch Arbeits-
plätze und trägt kurzfristig gesehen zur Stabilisierung des Kapitalverwertungssystems bei. Die Rüstungs-
konzerne und aggressive Regierungen brauchen allerdings Kriege, um die Milliardenausgaben für das Militär
zu rechtfertigen. Angesichts des vorhandenen gigantischen Potentials an Massenvernichtungsmitteln in
unserer Welt zeugt eine Politik, die auf militärische Expansion setzt, die neue Feindbilder, neue Konflikte
und neue Kriege provoziert, von einer geradezu selbstmörderischen Verantwortungslosigkeit. Der internatio-
nale Terrorismus kann militärisch nicht besiegt werden. Seine eigentlichen Ursachen sind das skrupellose
Profitstreben des transnationalen Kapitals und der ihm hörigen Regierungen, die ständig sich vertiefende
Kluft zwischen Arm und Reich und der alte koloniale Hochmut.
Die auf endloses Wachstum und endlosen Profit programmierten Gehirne sehen im Zusammenbrechen der
globalen Kapitalverwertungsmaschine zugleich das Ende der Welt. Um das zu verhindern sind sie bereit
auch Massenvernichtungsmittel einzusetzen, auch dann wenn dieses letzte Mittel gleichzeitig die Selbstzer-
störung bedeutet.

Zusammenfassung zu Punkt 7: Die gescheiterten Versuche den Kapitalismus zu retten


7.1. Die Ausweitung des Massenkonsums durch Verschleiß- und Wegwerfprodukte erhöht die Müllberge
und beschleunigt die Klimakatastrophe. Für die durch Werbung manipulierten Schnäppchenjäger (Konsum-
idioten!) ist fremdbestimmt arbeiten, gedankenlos konsumieren und wegwerfen gelebte, nicht hinterfrag-
bare Realität. Viele über die Werbung und die kapitaleigenen Medien fremd gesteuerte Zeitgenossen haben
kritisches Denken und aktives Handeln verlernt, sie sind für ausdauernde, emanzipatorische Lernprozesse
nicht mehr motivierbar.
7.2. Die Vermarktung aller Lebensbereiche, die Expansion des Kapitals in das Innere der Gesellschaft
hinein unter dem Diktat der privaten Profitmacherei, bringt die asoziale Ellbogengesellschaft hervor, in der
solidarisches Handeln verloren geht und die sozialen Netze zerreißen.
7.3. Unter den vom Konkurrenzdruck vorgegebenen Bedingungen, möglichst schnell Profit zu realisieren,
bleibt keine Zeit die vom „wissenschaftlich-technischen Fortschritt“ entfesselten, gigantischen Naturkräf-
te vor ihrer Anwendung auf ihre ökologischen und gesellschaftlichen Risiken hin zu überprüfen. Der techni-
sche Fortschritt droht in die globale Katastrophe abzustürzen. Ohne Arbeitszeitverkürzung erzeugt die Au-
tomatisierung der Produktionsprozesse zwangsläufig strukturelle Arbeitslosigkeit und neue Armut.
7.4. Staatlichen Konjunkturspritzen zur Anregung der Binnennachfrage sind wegen der zunehmenden Staats-
verschuldung enge Grenzen gesetzt. Da die herrschende Politik ihre wichtigste Aufgabe darin sieht, das be-
stehende System zu stabilisieren, können die Marionettenregierungen des Großkapitals immer nur die
von den Lobbyisten der Konzerne und Banken vorgegebenen angeblichen Sachzwänge des Systems voll-
strecken. Die politische Meinungsbildung innerhalb der marktwirtschaftsgläubigen Parteien wird durch
Großspenden der Konzerne entscheidend beeinflusst.
7.5. Der Versuch, neue Märkte zu erobern und die chronische Absatzschwäche durch die Produktion von
Waffen zu überwinden, hat in der Vergangenheit zu schrecklichen Kriegen geführt. Heute, im Zeitalter der
Massenvernichtungsmittel zeugt eine Politik, die wirtschaftliche Expansion auch mit militärischen Mitteln
durchsetzen will, von selbstmörderischer Verantwortungslosigkeit.

Vorläufiges Fazit:
Alle Versuche des kapitalistischen Systems in der Vergangenheit und Gegenwart seinen grundlegenden
Konstruktionsfehler zu überspielen ohne ihn zu beseitigen, sind gescheitert, weil die wirklichen Wert schöp-
fenden Produzenten, die arbeitenden Menschen, nicht über die Ziele und Ergebnisse ihrer Arbeit bestimmen
können. Das Konkurrenzsystem verfolgt den bornierten Zweck des Kapitals sich selbst endlos zu ver-
mehren wie ein automatisch funktionierendes Maschinenwesen, ohne Rücksicht auf Mensch, Gesellschaft
und Hatur!
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8. Schrumpfung der realen Wertschöpfung und Autokannibalismus des Kapitals


Mit der Rationalisierung der Produktionsprozesse durch die neuen EDV-Techniken und der Schaffung erd-
umspannender Produktions-, Dienstleistungs- und Kommunikationsnetzwerke, beginnend in den 80er Jah-
ren, entsteht wirtschaftlich und gesellschaftlich eine qualitativ neue Situation. Immer weniger Arbeitskräfte
können mit Hilfe Computer gesteuerter Produktionsanlagen immer mehr produzieren. Zwar hat die Einbe-
ziehung Chinas und Indiens in den Weltmarkt ein Millionenheer von Billigarbeitern in den globalen Kapital-
verwertungsprozess integriert, dafür aber steigt die strukturelle Arbeitslosigkeit in den traditionellen Indust-
rieländern des Westens umso schneller. Die Massenproduktion neuer High-Tech-Konsumgüter hat zwar
neue Absatzmöglichkeiten geschaffen, aber unter der gegenwärtigen kapitalistischen Form der Organisation
von Arbeit (den „Produktionsverhältnissen“) führt der Prozess der Automatisierung trotz des immer noch
wachsenden Produktionsausstoßes der stofflichen Gütermenge tendenziell zu einem globalen Abschmelzen
menschlicher Arbeit. Da angewandte Arbeitskraft die Substanz des Kapitals ist, kommt es in den alten
Zentren des Kapitalismus (USA, Europa, Japan) zu einer Schrumpfung des realen Kapitals. Zwar können
einzelne Konzerne aufgrund eines Produktivitätsvorsprungs gegenüber der Konkurrenz nach wie vor Wert-
steigerungen erzielen (Relativer Mehrwert!), aber nur auf Kosten ihrer weniger produktiven Mitbewerber um
Anteile am großen Kuchen der durch Arbeit“ geschaffenen gesamtgesellschaftlichen Wertschöpfung. Im
Kampf um Anteile an der global schrumpfenden realen Wertschöpfung gibt es massenweise Verlierer. Viele
Konzerne sehen deshalb ihre letzte Chance nicht mehr nur in der Realisierung zusätzlichen Mehrwerts durch
Rationalisierung ihrer betrieblichen Organisationsstrukturen und durch verstärkten Leistungsdruck auf ihre
Belegschaften, sondern auch durch Aneignung von Wertschöpfung aus den Betrieben der Konkurrenten.
Innerhalb des globalen Schrumpfungsprozesses des Realkapitals geht es jetzt nicht mehr nur um Produktivi-
tätswettbewerb, sondern auch um eine wechselseitige Vernichtungskonkurrenz, verbunden mit Betriebs-
stilllegungen und Massenentlassungen.5 Unter dem Druck der verschärften globalen Konkurrenz ist ein
Markt entstanden, auf dem Unternehmen gehandelt werden. Transnationale Konzerne versuchen ihre stra-
tegischen Machtpositionen auszubauen, in dem sie kleinere oder auch gleichgroße Konkurrenten billig auf-
kaufen („freundliche“ oder „feindliche“ Übernahmen), um anschließend Überkapazitäten und überflüssige
Arbeitsplätze abzubauen. Um nicht als Übernahmekandidat zu gelten, versuchen Konzerne und Banken ihren
Börsenwert (shareholder value) mit allen Mitteln zu steigern oder sich mit riskanten Finanzprodukten künst-
lich aufzublähen, um schwer verdaulich zu werden. „Institutionelle Kapitalanleger“ (Großbanken und
Versicherungen, Investment- und Pensionsfonds)6, sog. „Finanzinvestoren“ machen riesige Profite, in dem
sie auch gesunde Unternehmen mit geliehenem Geld aufkaufen, sie ausschlachten, um die Filetstücke an
Großkonzerne zu verscherbeln („Raubritterkapitalismus“). Mangels realer Akkumulationsmöglichkeiten
frisst sich das Kapital gegenseitig auf (Autokannibalismus) und beschleunigt auf diese Weise den Kon-
zentrationsprozess von privatem Kapital und zugleich den Prozess demokratisch nicht kontrollierter
Machtzusammenballung. Sammelstellen für das Geldkapital sind zu den Kommandohöhen der Weltwirt-
schaft aufgestiegen und entscheiden über Wohl und Wehe von Unternehmen und sogar von ganzen Staaten“.
(ISW, S.27) „Das gemeinsame Interesse des ´großen Geldes´ bildet die Basis für eine machtvolle Lobby, die
nicht nur die Politik, sondern auch die öffentliche Meinung und die Orientierung der gesamten Gesellschaft
beeinflusst.“ (ISW, S.19)

9. Die Flucht in die Finanzblasenwirtschaft


Aufgrund der erhöhten Konzentration von Kapital ist die Macht der global agierenden, großen Unternehmen
(Mammutkonzerne, Bankenimperien, institutionelle Kapitalanleger) weiter gewachsen. Den kapitalistischen
Machtzentren ist es mit Unterstützung der neoliberalen Regierungen gelungen, den über Jahrhunderte hin-
weg von der Arbeiterbewegung erkämpften Beitrag des Kapitals zur Finanzierung des Sozialstaates abzu-
bauen7 und gleichzeitig die Unternehmens- und Vermögenssteuern zu senken. Die dadurch möglich gewor-

5
Vergleiche Robert Kurz, Das Weltkapital (WK), Berlin 2005, S.83 ff
6
Das von ihnen verwaltete Vermögen hat sich von 1980 auf 2006 um das 21-fache erhöht, auf 61,8 Billionen Dollar! (ISW- Report Nr. 75, München
2008, S.34)
7
Teilprivatisierung der gesetzlichen, solidarischen Sozialsysteme, deren Gelder nun ebenfalls zum größten Teil den institutionellen Anlegern zuflie-
ßen, Staatsverschuldung und Enteignung öffentlichen Eigentums sind zu einem Instrument der Auspressung bereits produzierten Reichtums gewor-
den! (Vgl. ISW, S.28)
9
dene, rasante Umverteilung von Unten nach Oben hat zu einer gigantischen Anhäufung von frei um den
Globus vagabundierendem Finanzmassen geführt.8
Um der wachsenden überschüssigen Geldkapitalflut, die wieder einmal verzweifelt nach Anlagemöglichkei-
ten sucht, auf dem Weltmarkt neue profitable Verwertungsmöglichkeiten zu eröffnen, sind auf Betreiben der
internationalen Agenturen des Großkapitals (WTO, IWF und Weltbank) alle Hemmnisse des Handels (Zoll-
schranken) und des freien Kapitalverkehrs weitgehend beseitigt worden (Deregulierung).
Das unter verschärften globalen Konkurrenzdruck stehende Kapital sucht einerseits nach lukrativen Anlage-
möglichkeiten, andererseits sind Investitionen in den Konsumgüter- und Dienstleistungsbereich wenig lukra-
tiv, weil die Aufnahmefähigkeit des Marktes durch die zurückbleibende Massenkaufkraft beschränkt ist und
weil produzierende Unternehmen relativ lange warten müssen bis das vorgeschossene Kapital über die Ver-
kaufserlöse (= Konsumausgaben der Verbraucher) wieder mit Gewinn zurückfließt; deshalb sind im Bereich
der realen Produktion nur noch mittelmäßige Renditen zu erzielen. Da sich auf den neuen deregulierten sog.
Finanzmärkten9 kurzfristig viel attraktivere Möglichkeiten anbieten, ist das verzweifelt nach Verwertung
suchende Kapital dazu übergegangen, eine wachsende materielle Reproduktion der Gesellschaft monetär
vorzutäuschen (zu simulieren), in Form einer rein finanzkapitalistischen „Geisterakkumulation“, durch
Schöpfung von „fiktivem Kapital“, d.h. spekulative Vorwegnahme zukünftiger Arbeit und zukünftiger
Kapitalakkumulation10. Unter den verschärften Konkurrenzbedingungen der globalisierten Wirtschaft flüch-
tet das verzweifelte Kapital, das in der realen Welt keine Zukunft mehr sieht, in eine irreale Welt, in der fik-
tives Kapital sich scheinbar ohne Arbeit verwertet und Renditen aus sich selbst hervor treibt.

10. Wie kommt es zur Schöpfung von „fiktivem Kapital“?


Das von den Banken an die Unternehmen verliehene Fremdkapital muss später, nach gelungener Realisation
der Profite aus Produktion und Verkauf von Waren, einschließlich der Zinsen zurückgezahlt werden. Das
Geldkapital spaltet sich also auf in betriebswirtschaftlich eingesetztes Kapital, das die Warenproduktion
aufrechterhält und Mehrwert hervorbringt, und in zinstragendes, „reines“ Geldkapital, das keine unmittel-
bare Warenproduktion betreibt, sondern an das produktive Kapital verliehen wird und dafür seinen Anteil
am realen Mehrwert in Form des Zinses fordert. Dem oberflächlichen Betrachter bleibt die Entstehung
des Zinses für Leihkapital im Prozess der Abschöpfung des durch menschliche Arbeit erzeugten Mehrwerts
verborgen, es erscheint ihm als Kapital, das auf mysteriöse Weise zusätzliches Kapital aus sich selbst
hervorbringt, als Wert schöpfender Wert (Vgl. Marx, zit. nach SchwK, S.253/254). Eine Kreditaufnahme
kann aber auch schief gehen, wenn nämlich der in der Ausleihung von Fremdkapital vorweggenommene
zukünftige Mehrwert in Gestalt rentabler Warenproduktion nicht realisiert werden kann, weil z.B. die Pro-
dukte aufgrund eines Überangebots auf dem Markt nicht zum geplanten Preis verkauft werden konnten. Das
verschuldete Unternehmen wird zahlungsunfähig (insolvent), weil es die Tilgung der Kredite nicht mehr
leisten kann. Dadurch erleidet auch das zinstragende Kapital der Bank einen Verlust. Der Ruin vieler
Schuldner führt zum Ruin der Gläubigerbanken.
Banken haben immer schon Kredite in größerem Umfang vergeben als die Sparer bei ihnen Geld eingelegt
haben.11 Wenn sie allerdings gesamtwirtschaftlich den Umfang der Kredite stärker ausdehnen als die reale
Wertschöpfung durch Arbeit, entsteht fiktives Kapital.12 Wenn die Banken faule Kredite zusammen mit
besser bewerteten Papieren in sog. Investmentfonds verstecken, entstehen undurchsichtige „Finanzzertifika-
te“, die an den Börsen gehandelt und weltweit verkauft werden können. Auf diese Weise entstehen Blasen
aus fiktivem Kapital, die zwangsläufig irgendwann platzen müssen.
Mit dem Aufkommen der Aktiengesellschaften (AG) kam es zu einer weiteren Aufspaltung des produktiven
Kapitals. In der AG werden die vorher in der Person eines Unternehmers vereinigten Kapitalfunktionen ge-
trennt in funktionslose Eigentümer (Aktionäre) und in reine Funktionsträger (Manager), die den be-

8
Von 2001 bis 2006 ist das weltweite private Finanzvermögen um 53% auf 97,9 Billionen Dollar angewachsen, bei den großen Kapitalgesellschaften
deutlich stärker als beim unternehmerischen Mittelstand! (ISW, S. 26)
9
Die Bezeichnung „Finanzmarkt“ ist irreführend geworden. Laut Theorie der bürgerlichen Wirtschaftswissenschaft hätten die Kapital- und Finanz-
märkte die Aufgabe, das knappe Kapital (über die Preisbildung durch Angebot und Nachfrage) dahin zu lenken wo es am nötigsten gebraucht wird,
zur Finanzierung realer Produktionsvorhaben. Heute müsste er „Spekulationsmarkt für fiktives Kapital“ heißen.

10
Vergleiche Robert Kurz, Schwarzbuch Kapitalismus (SchwK), Frankfurt/M. 2005, S.241 ff)
11
Weil die Banken niemals allen ihren Gläubigern gleichzeitig ihre Einlagen auszahlen können, ist grundsätzlich jede Bank anfällig für Gerüchte!
12
Wenn der Staat dem Kapitalverkehr keinerlei Regeln vorgibt, kommt es zu einer Verselbständigung des Kapitals innerhalb des Verwertungspro-
zesses der abstrakten Arbeit: Geldkapital - Arbeit – Ware – Geldkapital + Mehrwert.
10
trieblichen Verwertungsprozess organisieren. Das Kapital scheint jetzt doppelt zu existieren, einmal als das
von den Aktionären vorgestreckte produktive Kapital, das in Form von Investitionen in Produktionsmittel
und Arbeitskräfte real existiert, zum anderen das zusätzliche durch Aktientitel (Anteilsscheine am Kapital
der AG) repräsentierte Kapital, das auf den Finanzmärkten (Börsen) gehandelt wird, so als wäre es nicht
schon für Produktionsmittel und Löhne ausgegeben worden. Der Aktionär kann ja mit seiner Aktie auch
doppelt verdienen, nämlich einmal durch die Dividende (Gewinnanteil aus Produktion und Verkauf der Wa-
ren), zum anderen durch einen möglichen spekulativen Kursgewinn beim Verkauf. Die Kursgewinne treten
also gewissermaßen neben den realen Geschäftsgewinnen auf, ganz so als könne sich das Kapital zweimal
verwerten. Im Grunde werden dabei nur die spekulativen Erwartungen der Börsianer an die Zukunft kapitali-
siert, Hoffnungen werden in eine Art „fiktives Kapital“ verwandelt.
Mit der Entstehung von Märkten für fiktives Kapital eröffnete sich eine völlig neue Qualität der Spekulation.
Da der Aktienbesitzer seine Aktientitel jederzeit verkaufen kann, hofft er nicht in erster Linie auf die Divi-
dende, sondern auf die Differenzgewinne aus An- und Verkauf seiner Aktien. Die alte Illusion von Wert-
schöpfung unabhängig von Produktion und Arbeit, allein in der Zirkulationssphäre, scheint hier praktisch
wahr zu werden.13 Wenn allerdings die in den Kurssteigerungen spekulativ vorweggenommenen zukünftigen
Gewinne nicht real eintreffen, stürzen die Kurse ins Bodenlose ab. Auch diese Spekulationsblase muss
zwangsläufig platzen, weil die Börse fiktive Werte nicht dauerhaft kreieren kann.14
Während das traditionelle, nationalökonomisch fundierte Finanzkapital noch stärker in der Realakkumu-
lation wurzelte, hat sich im Kapitalismus der Gegenwart das neue, globalisierte Finanzkapital von der
Arbeitssubstanz entkoppelt. Nicht mehr die schrumpfenden Gewinnerwartungen aus realer Warenprodukti-
on, sondern die spekulativen Gewinnerwartungen aus dem Verkauf und Weiterverkauf von formalen Eigen-
tumstiteln (von Optionen und Rechten) rücken in den Mittelpunkt des Interesses. Damit die Spekulation an
den Finanzmärkten insgesamt kein Nullsummenspiel ist, d.h. der Gewinn des Einen nicht der Verlust des
Anderen ist, muss die Spekulationsblase ständig weiter aufgebläht werden, müssen permanent zusätzliche
fiktive Werte allein durch den Handel mit den zertifizierten Papieren erzeugt werden. Unter dem Druck der
Krise der Arbeit und der entkoppelten zirkulativen Bewegung von Eigentums- und Ertragstiteln sollen sich
möglichst alle ökonomischen Werte in frei bewegliche Finanzzertifikate verwandeln, die permanent zirkulie-
ren. Über verschiedenen Formen von Investmentfonds, ausgelagert in Zweckgesellschaften, entwickelt sich
ein immer weiter aufgefächertes System von verbrieften Ertragerwartungen. Der Begriff des „Investments“
meint nicht reale Investitionen in Arbeitskraft und Produktionsmittel, sondern Engagements in irgend-
welchen Sektoren der Finanzspekulation.
Mit der explosionsartigen Entwicklung des Devisenhandels15 wurde die Spekulation zuerst angeheizt. Die
Spekulanten können mit den starken Schwankungen auf dem Devisenmarkt hohe Renditen erzielen. Zur
Absicherung von Wechselkursrisiken16 bei Export- und Importtermingeschäften mit ausländischen Partnern
entstanden sog. Hedge-Fonds. Im neuen spekulationsgetriebenen Kapitalismus verwandelten sich die Hed-
gefonds in Anlagegesellschaften, die auf Währungsschwankungen Finanzwetten abschließen, aber auch mit
den Preisschwankungen für Rohstoffe, Getreide, Öl, u.a. spekulieren. Durch massiven Kapitaleinsatz können
sie die Preisentwicklung und damit das Wettglück manipulieren. Heute werden Wetten auf die zukünftige
Bewertung von allen möglichen Finanzanlagen abgeschlossen: Auf Wertpapierfonds, Immobilienkredite, auf
Aktienkurse oder auf Aktienindizes (z.B. den DAX), u.a. Selbst Währungen von Staaten werden zu Spekula-
tionsobjekten. Werden die Wettscheine verbrieft und an den Terminbörsen gehandelt, dann sind Derivate
entstanden: Optionen, Futures, Swaps, u.a.17 Durch Leerverkäufe und mittels Einsatz von Fremdkapital ist es
möglich auch bei fallenden Kursen exorbitante Gewinne zu erzielen, allerdings auch bei entsprechend ho-
hem Risiko (Casinokapitalsimus). Mit der wachsenden Spekulation werden alle Märkte noch instabiler,
zum Schaden der übergroßen Mehrheit der Bevölkerung, die mit Arbeitsplatz- und Wohlstandsverlust bezah-
len muss. (ISW, S.38)

11. Die neuen Finanzinstitute


Früher haben produzierende Unternehmen, die investieren wollten, nach Krediten bei den Banken nachge-
fragt, heute suchen im Geld schwimmende Finanzanleger nach naiven Schuldnern, die sie zu waghalsiger

13
Volksweisheit: „ Mit Arbeit kann man nicht reich werden, man muss das Geld für sich arbeiten lassen“.
14
Vergleiche SchwK, S.253 ff
15
Im April 2007 betrug der Tagesumsatz im weltweiten Devisenhandel 3,2 Billionen Dollar, das ist das Dreifache gegenüber 2001. (ISW, S.22)
16
Die Wechselkursrisiken wuchsen mit dem Zusammenbruch des Systems von „Bretton Woods“ (1971) und der von der Politik gewollten Deregulie-
rung des transnationalen Kapitalverkehrs.
17
Nur 3% des internationalen Kapitalverkehrs dienen noch der Abwicklung des Güter- und Dienstleistungsverkehrs und der Finanzierung konkreter
und langfristiger Produktions- und Entwicklungsvorhaben, 97% dienen der kurzfristigen Spekulation per Mausklick. (WK, S.234 f!
11
Kreditaufnahme überreden können.(Vgl. ISW, S.28) Faule Kredite werden in handelbare Zertifikate verwan-
delt, von Ratingagenturen bestens bewertet und an andere Finanzinstitute weiterverkauft. Mit anderen Wor-
ten, neu kreierte strukturierte Finanzprodukte werden in ein Spekulations- und Gaunerkarussell eingespeist.
Die naiven Kreditnehmer werden durch Zinserhöhungen in die Insolvenz getrieben und enteignet. Mit der
Ausweitung der Finanzspekulation hat sich auch die Struktur der Bankenlandschaft verändert: Die Großban-
ken haben sich von Geschäftsbanken, die Kredite an Unternehmen und Konsumenten in der Realwirtschaft
vergeben, zu „Investmentbanken“ gewandelt oder zumindest große Investmentabteilungen aufgebaut. Die
neue Tätigkeit der Investmentbanken besteht im Handel mit den neuen Finanzzertifikaten, in der Anlagenbe-
ratung ihrer Privatkunden, der Ausgabe von Aktien, im Wertpapierhandel, in der Durchführung von Privati-
sierungen, von Fusionen und Übernahmen. (ISW, S.32)
Die Banken haben die „innovativen“ Finanzprodukte kreiert, damit Konsumentenkredite, Hypotheken und
Kreditkartenschulden nicht mehr durch Guthaben gedeckt sein müssen, sondern von Hedgefonds auf dem
Finanzmarkt gehandelt werden können.“ Die Banken vervielfachen ihre Macht durch ihre Liaison mit den
neuen Finanzinvestoren – Hedgefonds und Private Equity Fonds.“ (ISW, S.33)
Bei den Private Equity Fonds ging es ursprünglich um die Förderung von technischen Innovationen und
drauf aufbauenden Firmengründungen („Venture Capital“). Heute geht es eher um die schnelle Aus-
schlachtung von Firmen. Private-Equity-Fonds kaufen mit wenig Eigenkapital und hohen Krediten (Hebel-
wirkung !) nicht börsennotierte Familienunternehmen oder abgespaltene Konzerntöchter auf, die sie mit Ge-
winn wieder veräußern.18 Damit Differenzgewinne erzielt werden können, muss vor dem Verkauf der Fi-
nanzwert kurzfristig hoch getrieben werden. Die Mittel hierfür sind: Drastische Einsparungen, extremer
Leistungsdruck auf die Beschäftigten, Standortverlagerung in Billiglohnländer und Massenentlassungen, u.a.
Es geht dabei allein um ein Hochtreiben des Preises. In vielen Fällen werden den übernommenen Unterneh-
men sogar die Kredite incl. der Zinslasten aufgezwungen, mit denen sie gekauft worden sind, so dass sie
selbst die eigene Übernahme bezahlen müssen.
Mit ihren kurzfristig erzielten, extrem hohen Renditen setzen die Finanzinvestoren alle produktiven Unter-
nehmen unter enormen Rationalisierungsdruck, dem sie nicht gewachsen sein können. Auf diese Weise treibt
die maßlose Spekulation gesunde Unternehmen in den Ruin und destabilisiert die Wirtschaft insgesamt und
untergräbt die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft. Da mit realer Warenproduktion nicht mehr genügend
Mehrwert erwirtschaftet werden kann, wird produktives von spekulativem Kapital aufgefressen. Die neue
finanzkapitalistische Plünderungsökonomie ist das Resultat eines objektiven Krisenprozesses der kapita-
listischen Verwertungslogik selbst, keine Fehlleistung von eventuell subjektiv bösartigen Finanzmanagern!
Moralisierende Kritik (die gierigen Manager!) verschleiert nur die systemischen Ursachen. Da die Akteure
der neuen Finanzbranche zueinander in scharfer Konkurrenz stehen, vollziehen sich hier, ebenso wie im in-
dustriellen Bereich, gewaltige Konzentrationsprozesse.“ Die Bankimperien und die institutionellen Finanzan-
leger können heute über die Verwertung des transnationalen Kapitals verfügen und bestimmen so ohne jegli-
che demokratische Kontrolle über das Schicksal der Welt. (ISW, S.34)

12. Die Schockwellen der anschwellenden Finanzblasen in den letzten 15 Jahren


Bank- und Börsenzusammenbrüche gab es im Krisenkapitalismus schon immer. Auch die aufgeblähten Akti-
enkurse der bisher größten Krise von 1929 basierten auf einer von der Realökonomie nicht mehr einholba-
ren, vorgegaukelten Wertsteigerung. Die mit der Automatisierung und der weltweiten Vernetzung der Wert-
schöpfungsketten entstandene neue Dimension der Scheinakkumulation von Kapital sprengt jedoch gegen-
über den früheren Spekulationsblasen alle Grenzen, denn sie findet jetzt in einem flächendeckenden, alle
gesellschaftlichen Bereiche durchdringenden, kapitalistischen Weltsystem statt. (Vgl. SchwK, S.842 f) Seit
Mitte der 90er Jahre gab es eine dichte Folge von Finanzkrisen: Die Blasen mit anschließenden Einbrüchen
in den aufstrebenden Schwellenländern (Emerging Markets) (1997 bis 2001) konnten das Krisenbewusst-
sein nicht ausreichend schärfen. Als die Nasdaq- und Nemax-Kurse in die Höhe schossen, sprachen verwirrte
Wirtschaftswissenschaftler angesichts der andauernden Entkoppelung der Finanzmärkte von der Realakku-
mulation von einer „Hew Economy“, bei der die bisher geglaubten ökonomischen Gesetze des Kapitalismus
nicht mehr gelten würden (Vgl. SchwK, S.853). Doch das Platzen der „New Economy“- Blase von 2000/01
zeigte den äußerst fragilen Charakter der von entkoppelten Finanzmärkten gesteuerten Weltwirtschaft schon
wesentlich deutlicher auf. (WK, S.226)
Nichtsdestotrotz hofften die Priester des Neoliberalismus unverdrossen, die wundersame Geldvermehrungs-
maschine könne auch ohne Massenanwendung von Arbeitskraft („jobless growth“) gewissermaßen substanz-

18
Mit der Steuerbefreiung von Veräußerungsgewinnen hat die Rot-Grüne Regierung den „Heuschrecken“ Tür und Tor geöffnet! Im Jahr 2006 wur-
den deutsche Firmen im Wert von 51 Milliarden Euro durch „Beteiligungsgesellschaften“ übernommen.
12
los in der Luft noch viele Jahrzehnte weiterlaufen.19 Mit neuen steuermindernden Investmentformen oder
Finanzinstrumenten (REIT = Real Estate Investment Trusts) wurde transnationales, fiktives Blasenkapital in
die nationalen Immobilienmärkte gelenkt. Billige Kreditangebote insbesondere amerikanischer Banken ha-
ben Hausbesitzer ohne nennenswertes Eigenkapital in die Schuldenfalle gelockt. Die von Anfang an faulen
Kredite wurden in außerbilanzielle Zweckgesellschaften ausgelagert und verbrieft, d.h. die faulen Kredite
wurden in handelbare Zertfikate verwandelt. In einer zweiten Verbriefungsstufe wurden diese mit anderen
Wertpapieren zusammengemixt. Die Ratingagenturen versahen die so entstandenen „strukturierten Finanz-
produkte“ größtenteils mit Bestnoten, weil sie mit ihrem „Rating“ hervorragende Geschäfte machten. Wegen
des globalen Anlagennotstands und der verlockenden Renditen fanden die faulen Ramschhypotheken in aller
Welt Käufer und so entstand eine Hypothekenkredit- und Immobilienblase mit atemberaubenden finan-
ziellen Dimensionen. (ISW, S.9 ff)
Der gegenwärtige Zusammenbruch des Kartenhauses aus fiktivem Kapital gefährdet das gesamte Weltfi-
nanzsystem. Nun musste sogar J. Ackermann, der Chef der Deutschen Bank, kleinlaut eingestehen: „Ich
glaube nicht mehr an die Selbstheilungskräfte der Märkte.“ (ISW, S.11) Er forderte massive staatliche Inter-
ventionen. Nach dem die Finanzanleger jahrelang Traumrenditen eingefahren haben, müssen nun die neoli-
beral geführten Regierungen den großen Zockerbanken Beträge in Billionenhöhe in den Rachen werfen und
sie mit Ausfallgarantien vor dem Zusammenbruch retten.20 Damit verwandelt sich die Immobilienblase in
eine riesige Schuldenblase der Staaten, für die letzten Endes die Steuerzahler in aller Welt bluten müssen,
große Teile der Mittelschichten, die Empfänger von Sozialleistungen und die Ärmsten der Armen in der
Dritten Welt. Wenn auch diese Blase platzt, dann heißt das Staatsbankrott (Island, Ungarn!). Mittels Wäh-
rungsreformen können sich die Staaten auf Kosten ihrer Bürger entschulden, deren Ersparnisse dann durch
Geldentwertung vernichtet werden.

13. Von der Finanzkrise zur Krise der Realwirtschaft


In den der Immobilienkrise vorausgegangenen Krisen ist es den Anlagen suchenden Finanzinvestoren gelun-
gen, mit aufgeblasenem, fiktiven Kapital in die Realökonomie einzusteigen und kurzfristig konjunkturelle
Strohfeuer zu entfachen, aber immer nur um den Preis von noch größeren Finanzblasen und der Gefahr von
noch tieferen Konjunktureinbrüchen. Wird aufgeblasenes fiktives Kapital in die Realwirtschaft recycelt,
kann es nur zu einer Scheinkonjunktur kommen. Wenn der Konjunkturaufschwung keine reale Grundlage
in Einkommen aus Löhnen und regulären Gewinnen hat, wird er durch die zurückbleibende Massennachfra-
ge schnell wieder abgewürgt.
Da die jetzt platzende Immobilienblase gigantische Dimensionen aufweist und die gesamte Weltwirtschaft
davon betroffen ist, droht nicht nur der Zusammenbruch des globalen Finanzsystems, sondern auch ein tief
greifender Einbruch der Realwirtschaft. Die „notleidenden Banken“21, die selbst nicht wissen wie viele
Finanzleichen in ihren Kellern noch abgeschrieben werden müssen, sind plötzlich übervorsichtig geworden
und verweigern besonders kleinen und mittleren Unternehmen die für Investitionen notwendigen Kredite.
Verzweifelt versuchen nun die Regierungen das „scheue kapitalistische Reh“ wieder zu mehr Risiko zu er-
muntern, einen Rettungsschirm nicht nur für die Zockerbanken, sondern auch für insolvenzgefährdete Kon-
zerne aufzuspannen und Konjunkturpakete zur Ankurbelung des Konsums zu schnüren. Nachdem die Regie-
rung die Jahre zuvor mit Hinweis auf die Staatsverschuldung die Ausgaben für Hartz-IV-Empfänger, Kinder,
Rentner, Bildung, u.a. eingefroren oder gekürzt haben, stehen nun plötzlich gigantische Summen für die
Sanierung von Banken und Konzernen zur Verfügung. Der Spielraum staatlicher Verschuldungspolitik kann
jedoch nicht beliebig erweitert werden; wird der staatliche Schuldenberg übermächtig, bleibt nur noch der
Staatsbankrott als Ultima Ratio! Am Beispiel der gegenwärtigen Megakrise wird überdeutlich, wie weit sich
der neoliberale Staat bereits den Sachzwängen des sich selbst verwertenden Kapitals unterworfen hat. Steu-
erzahler, Arbeitnehmer, mittelständische Unternehmen, Gemeinden, Regierungen, die ganze Gesellschaft
muss bürgen und zahlen, wenn die irrsinnig gewordene kapitalistische Finanzblasenwirtschaft in Gefahr ist.

19
Wer zwischen realer und virtueller Kapitalakkumulation keinen Unterschied mehr macht, der kann auch seinen Hunger mit Farbfotos in Kochbü-
chern stillen oder Trinkwasser aus dem Internet herunterladen (WK, S.232),

20
Die Perversität des Systems wird noch weiter auf die Spitze getrieben: „Die staatlichen Hilfsgelder (..) vergrößern die Löcher in den öffentlichen
Haushalten. Die Zinsen für die zusätzlichen Kredite werden später von denen kassiert, die gerettet wurden. Der Patient stellt dem Arzt in Rechnung,
dass er ihm das Leben gerettet hat.“ (ISW, S.14)
21
Das Unwort des Jahres 2008!
13
Zusammenfassung der Punkte 8 bis 13:
8. Die mikroelektronische Revolution hat dauerhaft mehr Arbeit wegrationalisiert als durch erweiterte
Produktion und Konsumtion resorbiert werden kann. Arbeit ist die Substanz des Realkapitals, deshalb ten-
denziell schrumpfende reale Wertschöpfung. Die Folge: Wechselseitige Vernichtungskonkurrenz der
Konzerne, Aneignung von Wertschöpfung aus den Konkurrenzbetrieben durch feindliche Übernahmen
(Raubritterkapitalismus), beschleunigte Kapital- und Machtkonzentration bei großen Konzernen, Banken
und Kapitalanlegern.
9. Das übermächtige Großkapital kann zusammen mit den systemhörigen Marionettenregierungen eine satte
Umverteilung von Unten nach Oben durchsetzen. Anhäufung gigantischer Kapitalmassen bei Großanle-
gern, die verzweifelt nach Verwertungsmöglichkeiten suchen. Da traditionelle Investitionen in die Real-
wirtschaft angesichts weltweiter Überkapazitäten unrentabel geworden sind, bleibt nur der Ausweg in ei-
nen entkoppelten Finanzüberbau, in dem fiktives Kapital sich scheinbar ohne Arbeit verwertet und Rendi-
ten aus sich selbst hervor treibt. (WK, S.274f)
10. Wenn die Banken faule Kredite mit anderen Wertpapieren in sog. Investmentfonds zusammenmixen und
diesen Wertpapierramsch durch Verbriefung in handelbare Finanzprodukte verwandeln, entsteht fiktives
Kapital. Wird das in einer Aktiengesellschaft eingesetzte produktive Kapital zusätzlich in Form von Akti-
entiteln (Anteilscheine am Kapital der AG) an der Börse gehandelt und werden dabei Kursgewinne erzielt
werden, dann entsteht fiktives Kapital, das nicht auf realer Wertschöpfung durch Arbeit beruht, sondern auf
spekulativen Erwartungen an die Zukunft.
Das Prinzip fiktive Wertschöpfung durch Spekulation greift auf andere, deregulierte Märkte über (z.B.
Devisenmarkt), entwickelt sich zu einem immer weiter aufgefächerten System von verbrieften Ertragerwar-
tungen und koppelt sich schließlich von der Waren produzierenden Realwirtschaft ab.
11. Mit der Ausweitung der Finanzspekulation haben sich die Großbanken von Geschäftsbanken, die Kredi-
te an Unternehmen und Konsumenten in der Realwirtschaft vergeben, zu „Investmentbanken“ gewandelt,
die primär mit den neuen „innovativen“ Finanzprodukten Handel treiben. Zu den neuen Finanzinvestoren
gehören auch die Hedgefonds, die auf Währungs- und Preisschwankungen Finanzwetten abschließen. Durch
massiven Einsatz auch von Fremdkapital können sie das Wettglück manipulieren und kurzfristig extrem
hohe Renditen erzielen. Die Private Equity Fonds haben sich auf die schnelle Ausschlachtung hauptsäch-
lich von Familienunternehmen spezialisiert. Die Firmen werden mit wenig Eigenkapital und hohen Krediten
(Hebelwirkung !) aufgekauft. Durch drastische Einsparungen und hohen Leistungsdruck auf die Beschäftig-
ten wird der Finanzwert kurzfristig hoch getrieben, um sie in relativ kurzer Zeit mit Gewinn wieder zu ver-
äußern. Mit ihren überzogenen Renditen setzen die Finanzinvestoren die produktiven Unternehmen unter
einen Rationalisierungsdruck, dem sie nicht gewachsen sein können. Die maßlose Spekulation treibt gesunde
Unternehmen in den Ruin und destabilisiert die Wirtschaft insgesamt.
12. Seit Mitte der 90er Jahre gab es eine dichte Folge von anschwellenden Finanzblasen mit anschließen-
den Krisen in den betroffenen Realwirtschaften: 1997 bis 2001in den aufstrebenden Schwellenländern
(Emerging Markets), 2000/01 die „New Economy“- Blase. Die derzeit noch nicht ausgestandene Hypothe-
kenkredit- und Immobilienblase entstand durch fahrlässige Kreditangebote amerikanischer Banken an
Hausbesitzer ohne nennenswertes Eigenkapital. Die von Anfang an faulen Kredite wurden in mehreren Stu-
fen gebündelt und verbrieft, d.h. in handelbare Finanzzertifikate verwandelt. Wegen des globalen Anlagen-
notstands und der verlockenden Renditen fanden die faulen Ramschhypotheken in aller Welt Käufer und so
entstand die größte Finanzblase aller Zeiten mit atemberaubenden finanziellen Dimensionen. Das gegenwär-
tig einstürzende Kartenhaus aus fiktivem Kapital gefährdet das gesamte Weltfinanzsystem. Nun müssen die
neoliberal geführten Regierungen den großen Zockerbanken Beträge in Höhe dreistelliger Milliarden in den
Rachen werfen und sie mit Ausfallgarantien vor dem Zusammenbruch retten. Damit verwandelt sich die
Immobilienblase in eine riesige Schuldenblase der Staaten, für die letzten Endes die Steuerzahler in aller
Welt bluten müssen.
13. Durch das gigantische Ausmaß der gegenwärtig platzenden Immobilienblase droht nicht nur der Zusam-
menbruch des globalen Finanzsystems, sondern auch ein tief greifender Einbruch der Realwirtschaft. Die
verunsicherten Zockerbanken schränken jetzt ihre Kreditvergabe an kleine und mittlere Unternehmen dras-
tisch ein und verschärfen damit die Krise. Den verzweifelten Versuchen der Regierungen, Rettungsschirme
für Banken und für insolvenzgefährdete Konzerne aufzuspannen und Konjunkturpakete zur Ankurbelung des
14
Konsums zu schnüren, sind durch die schon bestehende hohe Staatsverschuldung Grenzen gesetzt. Werden
auch diese Grenzen überschritten, droht der Staatsbankrott.

Abschließendes Fazit:
Der im kapitalistischen Wirtschaftssystem verborgene Ausbeutungsmechanismus, die systembedingte Ab-
schöpfung des von den arbeitenden Menschen geschaffenen Mehrwerts, verursacht eine Tendenz zu eskalie-
renden Überproduktions- bzw. Unterkonsumtionskrisen. Das den Lohnarbeitern vorenthaltene überschüssige
Kapital sucht unentwegt nach profitablen Anlagemöglichkeiten. Alle bisherigen Versuche die drohenden
Kapitalverwertungskrisen durch Expansion nach außen und nach innen zu überwinden, sind gescheitert.
Mit der Automatisierung der Produktionsprozesse und der Freisetzung menschlicher Arbeit ist qualitativ eine
neue Situation entstanden. Die global schrumpfende reale Wertschöpfung durch Arbeit und die daraus
resultierende wechselseitigen Vernichtungskonkurrenz zwischen Unternehmen führen zu einer weiteren Ka-
pital- und Machtkonzentration bei großen Konzernen, Banken und Kapitalanlegern, die über gigantische,
frei verfügbare Kapitalüberschüsse verfügen, die nach profitablen Anlagen suchen. Angesichts großer
Überkapazitäten im produktiven Bereich bleibt dem verzweifelten Kapital nur ein Ausweg: Flucht aus der
realen Welt der Arbeit in einen entkoppelten Finanzüberbau, in dem fiktives Kapital sich scheinbar
durch spekulativ vorweggenommene zukünftige Gewinne ohne Wertschöpfung durch Arbeit selbst verwer-
tet. Da die Börsen eine finanzkapitalistische „Geisterakkumulation“ nicht dauerhaft aufrechterhalten kön-
nen, müssen die Spekulationsblasen, bestehend aus fiktivem Kapital, immer wieder platzen.
Die neoliberalen Systemverteidiger behaupten, die gegenwärtige Megakrise sei nur eine Funktionsstö-
rung im Finanzsektor der Wirtschaft, die durch ein neues globales Regelwerk behoben werden könne, so
dass der gute, produktive Kapitalismus weiterlaufen könne wie vor der Krise. Diese Analyse greift zu kurz:
Unter den Bedingungen der global schrumpfenden reale Wertschöpfung und der deregulierten globa-
len Märkte wurde die Finanzspekulation zu einer notwendigen Form der Reproduktion des gesamten
kapitalistischen Systems (ISW, S.27). Der tiefere Grund der Krise wurzelt in der systemimmanenten
Überakkumulation von Geldkapital durch Ausbeutung der menschlichen Arbeit. Solange diejenigen,
die das korrupte und destruktive System über Wasser halten, nämlich die arbeitenden, die wissenschaftlich
und kreativ tätigen Menschen in aller Welt, von den für die Zukunft wichtigen Weichenstellungen, den In-
vestitionsentscheidungen ausgegrenzt werden, solange wird der grundlegenden Konstruktionsfehler des
kapitalistischen Systems immer wieder in neuen Erscheinungsformen, mit zunehmend katastrophaleren
Krisen aufbrechen, am Schluss in Form der Selbstzerstörung des Systems und mit ihm der ganzen Mensch-
heit. Es ist zutiefst undemokratisch und irrational, wenn eine kleine, privilegierte Minderheit über das von
vielen Generationen von Kopf- und Handarbeitern geschaffene, gigantisch angewachsene Produktionspoten-
tial der gesamten Menschheit allein nach Maßgabe ihres privaten Profits verfügen kann. Der Widerspruch im
System liegt nicht in Unstimmigkeiten zwischen dem produktiven und dem spekulativen Kapital, sondern
im Herrschaftsanspruch des toten Kapitals über das lebendige Kapital, d.h. über die Arbeit der ab-
hängig Beschäftigten in aller Welt.
Auf dem heutigen Stand der Technik könnten Wohlstand und materielle Sicherheit allen Menschen zuteil
werden, statt Super-Reichtum für wenige und Armut für viele. Der kapitalistische Produktionsprozess hat
sich gegenüber den lebenserhaltenden Bedürfnissen der Menschen verselbständigt und wird deshalb zu
einer existenziellen Bedrohung für alle Menschen, auch für diejenigen die glauben weiterhin davon überpro-
portional profitieren zu können. Es geht nicht darum, einige partielle Defizite im Rahmen des Kapitalismus
abzustellen, sondern das System zu überwinden.

Ausblick:
Seit vielen Jahren hören wir von unseren neoliberalen Einheitsparteien gebetsmühlenartig: Liberalisierung
auf allen Märkten, weniger Regulierung, mehr Privatisierung, weniger Staat, die Selbstheilungskräfte des
Marktes wirken lassen, u.a. CDU/CSU und SPD haben jetzt noch die intensive Förderung des Geschäfts mit
den Kreditverbriefungen in ihrem Koalitionsvertrag stehen. Als Regierungsparteien haben sie, ebenso wie
Rot/Grün, mit zahlreichen Gesetzen die Deregulierung der Finanzmärkte vorangetrieben.22 Heute, man traut

22
2002 Finanzmarktförderungsgesetz: Lockerung der Anforderungen an den Börsenhandel, Handel mit Derivaten wird erlaubt, 2003: Förderung der
Verbriefung von Krediten zu Wertpapieren, 2004: Hedge-Fonds werden zugelassen, 2005: Zulassung weiterer „Produktinnovationen“, Private-Public-
Patrnerships, 2008 Steuergeschenke für Pivate-Equity-Fonds.
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seinen Ohren kaum, treten die Komplicen der Finanzspekulanten vor die Öffentlichkeit und behaupten
dummdreist, sie allein wären aufgrund ihrer hohen Wirtschaftskompetenz in der Lage die Krise zu managen,
der Gier der Manager und dem Casinokapitalismus Einhalt zu gebieten. In Wirklichkeit liegt unseren oppor-
tunistischen Wendehals-Politikern nach wie vor nur daran, den Kollaps des Gesamtsystems zunächst zu ver-
hindern, um es dann wieder aufzupäppeln. Schließlich erhalten die neoliberalen Parteien regelmäßig großzü-
gige Spenden vom Großkapital und für besonders eifrige Marktfundamentalisten werden auch für die Zeit
nach ihrer Abgeordnetentätigkeit lukrative Posten in der Wirtschaft bereitgehalten. Leider ist zu befürchten,
dass sich die Milliarden-Zocker in den Zentralen des Spekulationskartells jetzt schon heimlich ins Fäustchen
lachen und bereits ihre nächsten Coups nach überstandener Krise vorbereiten. Nach der Immobilienblase
droht als nächstes die verstärkte Spekulation mit Nahrungsmitteln, Energie und Rohstoffen, welche katast-
rophale Hungerkrisen in der Dritten Welt und neue „humanitären Militäreinsätze“ zum Schutz der „Erdöl-
demokratien“ heraufbeschwören wird, von der Umweltkatastrophe ganz zu schweigen.
Der Kapitalismus hat in seiner 300-jährigen Geschichte schon unsägliches Elend und Leid über die Mensch-
heit gebracht, auch ohne die heutige Finanzblasenwirtschaft. Doch obwohl das asoziale System in seiner
gegenwärtigen Existenzkrise den Menschen die beklemmenden Folgeerscheinungen seiner eigenen Verwahr-
losung offenbaren muss, Skrupellosigkeit, Gier, Unverstand, Barbarei, blinde Verbohrtheit, zeigen sich viele
Zeitgenossen trotz der dramatischen Entwicklung nach wie vor unbeeindruckt bis apathisch. Dem an der
Nase herumgeführten Wähler müsste sich doch allmählich eine grundsätzliche Frage aufdrängen: Was muss
eigentlich noch alles passieren, damit ich endlich wirkungsvolle Konsequenzen aus der Unfähigkeit der herr-
schenden Parteien ziehe? Leider resignieren die meisten und reagieren nur mit Wahlboykott. Bei vielen
Menschen scheinen trotz der offensichtlichen Missstände und heraufziehenden Katastrophen übermächtige
Denk- und Gefühlsbarrieren der rationalen Einsicht entgegen zu stehen:
Da ist zum einen die Macht der Gewohnheit, die aus den zwar zunehmend prekären, aber immerhin noch
einigermaßen geregelten Alltagsabläufen erwächst. Die Angst vor möglichem Chaos im Gefolge von Sys-
temveränderungen scheint den Otto-Normalverbraucher an die bestehenden gesellschaftlichen Zustände zu
fesseln. Immer mehr Menschen werden zwar von Zukunftsängsten geplagt, aber solange sie von den existen-
ziellen Bedrohungen des maroden Systems noch nicht unmittelbar betroffen sind, hoffen sie, dass erst die
nachfolgenden Generationen von dem zu erwartenden Desaster heimgesucht werden.
Zum anderen beeinflusst das im System verankerte Konkurrenzprinzip nicht nur das Denken und Handeln
der Kapitalisten, sondern auch das Verhalten der abhängig Beschäftigten zueinander. In den Betrieben
bekommen die Fleißigen und Willigen bessere Posten und mehr Geld zugeteilt, als das weniger ehrgeizige
und zu kritischer Betrachtung neigende Personal. Letzteres muss sich mit dürftiger Entlohnung abfinden und
dankbar dafür sein, überhaupt einen Arbeitsplatz ergattert zu haben. Mit dieser Vorgehensweise werden
Menschen gegeneinander ausgespielt und für den höheren Zweck der Gewinnmaximierung instrumentali-
siert. Schon in der Schule und später am Arbeitsplatz lernt man sich gegen Konkurrenten zu behaupten, auf
seinen eigenen Vorteil zu schauen, sich in der „Hackordnung“ nach Oben hin anzupassen. Kein Wunder
wenn sich in den Köpfen von vielen Menschen die Überzeugung verfestigt hat, dass menschliches Zusam-
menleben Konkurrenzkampf ist wie bei den Tieren, und dass der Egoismus „dem Menschen“ angeboren ist.
Auf die im Kapitalismus gelebte Realität der Menschen bauen seine Ideologen auf: Sie erklären die vorfind-
baren gesellschaftlichen Hierarchien und Machtstrukturen zur unabänderlichen, geschichtslosen Realität,
zum Naturgesetz, das wir schicksalhaft hinzunehmen haben, ob es uns passt oder nicht! Vor diesem Hinter-
grund, sagen die Vertreter der ewigen Kapitalakkumulation, ist es nicht nur sinnlos, sondern grade zu hirn-
gespinstig eine Gesellschaftsordnung anzustreben, in der mehr Solidarität und Menschlichkeit realisiert wer-
den könnte. Die bestehende Ordnung, so behaupten sie weiter, garantiere das Optimum an Freiheit und De-
mokratie, mehr geht nicht! Gleiche Freiheitschancen für alle, das geht auch nicht, naturbedingt!
Die resignierte Hinnahme dieser stumpfsinnigen und verlogenen Ideologie hindert uns daran, über unsere
wahren Bedürfnisse nachzudenken und zukunftsfähige gesellschaftliche Entwicklungschancen zu erkennen.
Die Ideologie der Neoliberalen zerstört den Glauben an unsere Fähigkeit, durch Verständigung und gemein-
sames Lernen das Joch der bornierten Gedankenlosigkeit abzuschütteln, unser Zusammenleben konflikt- und
gewaltfreier zu organisieren und die vorhandenen zukunftsfeindlichen Herrschaftsverhältnisse zu überwin-
den.

Januar 2009 Werner Mergner