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MAURICE HALBWACHS

Das kollektive Gedächtnis

Mit einem Geleitwort zur deutschen Ausgabe von Heinz Maus Aus dem Französischen von Holde Lhoest-Offermann

FISCHER TASCHENBUCH VERLAG

Zu diesem Buch Nach Durkheim und Mauss ist Halbwachs der wichtigste und anregendste Klassiker der modernen französischen Sozialwissenschaft. In seinen Schriften verbindet sich ein hochwachsames Interesse an empirischer Forschung mit einer bahnbrechenden Neugier für die lautlosen kulturellen Bestandteile individueller und gesellschaftlicher Erfahrung: für das menschliche Gedächtnis, für die menschliche Vorstellungskraft sowie deren »wirkliche Zeitrechnung«. Halbwachs zeigt, wie das kollektive Gedächtnis einer Gesellschaft, einer Gruppe das Bild der vergangenen Geschehnisse rekonstruiert, es bewahrt und zugleich den Erwartungen eingliedert, die der Vergangenheit und der Gegenwart jeweils entgegengebracht werden: Das Neue ist im Vergangenen enthalten. Das Manuskript des vorliegenden Buchs ist nach Halbwachs' Tod in seinem Nachlaß entdeckt worden.

Der Autor Maurice Halbwachs, 1877 in Reims geboren, war Professor an der Sorbonne und am Collège de France. Am 16. März 1945 wurde er im KZ Buchenwald ermordet. Sein Werk Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen (1925) ist vor mehreren Jahren in deutscher Übersetzung erschienen.

FISCHER WISSENSCHAFT

4-5. Tausend: Juli 1991 Ungekürzte Ausgabe Veröffentlicht im Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, Frankfurt am Main, September 1985 Titel der französischen Originalausgabe:

>La Mémoire collectives erschienen im Verlag Presses Universitaires de France, Paris Für die deutsche Ausgabe:

© Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart 1967 Alle Rechte an dieser Ausgabe vorbehalten durch Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, Frankfurt am Main Umschlaggestaltung: Jan Buchholz/Reni Hinsch Druck und Bindung: Wagner GmbH, Nördlingen Printed in Germany 198;

ISBN 3-596-V359-5

Geleitwort

Die Kenntnis der klassischen französischen Soziologie ist in Deutschland noch immer wenig verbreitet. Zwar ist einmal die allgemeine Vorstellung, was unter Soziologie zu verstehen sei, durch sie bestimmt worden: durch A. Comte, auf den nicht nur ihr Name, sondern auch ihr erster systematischer Entwurf zurückgeht, der heute freilich als veraltet, ja, als höchst dubios gilt. Völlig vergessen gar ist G. Tarde, dessen Ansicht, es gebe nur dort Gesellschaft, wo seelische Wechselwirkung zwischen den Individuen statthabe, gleichwohl inzwischen zum gängigen Glaubensgut der Sozialpsychologie geworden ist, zu der sich mancherorts die Soziologie verwandelt hat. Und auch E. Durkheim, mit dem — neben Max Weber — manche Autoren erst die wissenschaftliche Phase der Soziologie beginnen lassen möchten, ist hierzulande bis in die jüngste Zeit kaum beachtet worden. Die „französische Schule" der Soziologie, die sich um ihn scharte, hat indessen viele Jahrzehnte hindurch nicht bloß das geistige Leben der Dritten Republik, sondern auch die Entwicklung der Soziologie in Nord- und Südamerika, in Japan und Vorderasien mitbestimmt; Juristen und Linguisten, Ethnologen und Nationalökonomien, Psychologen und Moralphilosophen standen unter ihrem Einfluß, der in Frankreich auch heute noch nicht erloschen ist, nicht zuletzt dank dem wohl selbständigsten Schüler Durkheims, Maurice Halbwachs, dessen letzte, unvollendet gebliebene Arbeit hier erstmals in deutscher Sprache vorgelegt wird. Die Durkheim-Schule wehrte sich lange gegen die Psychologisierung soziologischer Tatbestände, aber das „kollektive Bewußtsein", das zugleich das „Gewissen der Gruppe" ist, da es sich, nach Durkheims Einsicht, in den Normen und Regulierungen niederschlägt, die das Verhalten der Einzel-Individuen und selbst ihre Gefühle, ihre Glaubensvorstellungen und noch ihr Denken bestimmen, — dieses Generalthema der Durkheimschen Soziologie ist, wie wir heute wissen, der Sozialpsychologie keineswegs so fremd, wie dies Durkheims

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Argwohn gegenüber der psychologischen Ausdeutung sozialer Fakten und die schroffe Forderung, sich nicht der Introspektion, sondern objektiver Verfahren zu bedienen, anfangs wahrhaben wollte. Freilich geriet ihm dies kollektive Bewußtsein, mit dem er einen entscheidenden Sachverhalt sozialen Lebens mißverständlich bezeichnete, unter der Hand gelegentlich zu einer fast metaphysisch anmutenden Substanz; zu den Verdiensten von Halbwachs zählt, diesen Begriff entmythologisiert zu haben. Maurice Halbwachs, 1877 in Reims geboren, war zunächst, wie seine Lehrer Bergson und Durkheim auch, lange Jahre im höheren Schuldienst tätig, begann währenddessen jedoch mit einem neuen Studium — der Rechts- und Sozialwissenschaften und der Mathematik — und lehrte danach in Caen, Straßburg und an der Sorbonne. Er gehörte der Académie des Sciences morales et politiques und dem Institut international de Statistique an, arbeitete am Internationalen Arbeitsamt in Genf und im Völkerbundausschuß für Fragen der Arbeiterernährung mit, präsidierte seit 1938 dem Institut français de Sociologie, war Vizepräsident der Société de Psychologie und erhielt, wenige Tage, bevor er deportiert wurde, am Collège de France eine Professur für Sozialpsychologie. Am 16. März 1945, fünf Tage nach seinem Geburtstage und unmittelbar vor der Befreiung, wurde er in Buchenwald ermordet. Anfangs hatte er sich literarischen und, vor allem, philosophischen Studien hingegeben und über Stendhal und Leibniz gearbeitet, aber zunehmend erlangte die Soziologie sein Interesse; sie war im genauen Wortsinn noch eine junge Wissenschaft, und es reizte ihn, die neuen Wege mitzubahnen, die sie von der Spekulation, als die sie zu großem Teile von den Zeitgenossen noch betrieben wurde, zur empirischen Wissenschaft leiten sollten. Er stützte

sich hierbei auf die Statistik und diejenigen Arbeiten, in denen er sich ihrer bedient hat — die Untersuchung über die Grundstückpreise und die soziale Schichtung in Paris, über die Moralstatistik Quetelets, über die soziale Morphologie, über die Lebensverhältnisse der Arbeiterklasse zum Beispiel — sind Musterstücke früher empirischer Forschung, die von der theoretischen Soziologie einst, was heute nicht übersehen werden sollte, noch kaum berücksichtigt wurde. Freilich hat Halbwachs davor gewarnt, die Statistik als diejenige Form der Erfahrung aufzufassen, auf die die Soziologie sich allein verlassen dürfe;

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er ist zwar — unter dem Einfluß seines Freundes Simiand — anfangs durchaus dieser Überzeugung gewesen, aber im Fortgang seiner soziologischen Studien nahmen die Vorbehalte gegenüber dem allzu eng gefaßten Begriff der Erfahrung zu, zu dem die Statistik die Realität des Sozialen verdünnt. Denn zu dieser Realität und zu ihrer Erfahrung zählt auch, was sich nicht ohne weiteres quantifizieren läßt: das Gedächtnis und das Urteil der Individuen. Aber zur gleichen Realität zählt auch, daß Gedächtnis und Urteil spezifischen sozialen Bedingungen unterliegen, die gleichsam den Rahmen abgeben, in dessen Zusammenhang erinnert und gedacht wird:

innerhalb kollektiver Vorstellungen, die allerdings von Gesellschaft zu Gesellschaft, von Klasse zu Klasse, Gruppe zu Gruppe variieren und die dennoch jeweils für eine Gesellschaft, eine Klasse, eine Gruppe — und sei es auch nur die einer Familie — bezeichnend sind. Glaubte Bergson die „wirkliche Zeit" als ein unablässig strömendes Bewußtsein vom physikalischen, aus Raumpunkten abstrahierten Zeitbegriff, wie ihn auch die Historiker benützten, ablösen zu können, so zeigte Halbwachs, daß sie vielmehr vom kollektiven Gedächtnis abhängt, das, unendlich vielfältig, das Bild der vergangenen Geschehnisse rekonstruiert, es bewahrt und zugleich den Vorstellungen und Erwartungen anpaßt und eingliedert, die der Vergangenheit und der Gegenwart jeweils entgegengebracht werden:

Tradiertes bleibt sich nicht gleich und das Neue ist im Vergangenen enthalten. Seit Halbwachs 1925 in den „Sozialen Rahmen des Gedächtnisses" nachzuweisen unternommen hatte, daß die (datierbaren) Erinnerungen der Individuen sich an einem sozialen Zusammenhang orientieren, dank dessen sie der Erinnerung erst fähig sind, hat ihn das Problem des sozialen Denkens nicht verlassen. Er faßte es als ein Gedächtnis, dessen Inhalt aus kollektiven Erinnerungen besteht, durch die Vergangenes in einer Weise wiederhergestellt werde, daß es auf aktuelle Bedürfnisse zu antworten vermag; er führte es in der „Legendären Topographie der Evangelien im Heiligen Lande" 1941 aus. Seine für die Wissenssoziologie wie die Sozialpsychologie gleichermaßen bemerkenswerten Reflexionen über die Beziehungen von Gedächtnis und Gesellschaft wurden durch seine Ermordung unterbrochen. Sie sind sein Vermächtnis an die Soziologie der Gegenwart, sich ihrer selbst zu erinnern.

Inhalt

I. Kapitel

Kollektives und individuelles Gedächtnis

Gegenüberstellung

Das Vergessen durch Loslösung von einer Gruppe

Notwendigkeit einer gefühlsmäßigen Übereinstimmung

Von der Möglichkeit eines strikt individuellen Gedächtnisses

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1. Kindheitserinnerungen

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2. Erinnerungen des Erwachsenen

Die individuelle Erinnerung als Grenze der kollektiven Interferenzen . 26 II. Kapitel

Kollektives und historisches Gedächtnis

Autobiographisches und historisches Gedächtnis : ihr scheinbarer Widerstreit 34 Ihre reelle gegenseitige Durchdringung (Die Geschichte der Gegenwart) 39 Die von der Kindheit an

erlebte Geschichte

Das lebendige Band der Generationen

Rekonstruierte Erinnerungen Verhüllte Erinnerungen

Weitgefaßte Rahmen und nahehegende Milieus

Abschließende Gegenüberstellung des kollektiven Gedächtnisses und der

Geschichte

Die Geschichte, Bild der Ereignisse; die kollektiven Gedächtnisse, Sitz

der Traditionen

III. Kapitel

Das kollektive Gedächtnis und die Zeit

Die soziale Einteilung der Zeit

Die reine (individuelle) Zeitdauer und die „gemeinsame Zeit" nach Bergson 80

Kritik des Bergsonschen Subjektivismus Das Datum, Rahmen der Erinnerung

Abstrakte Zeit und reelle Zeit

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Die „universale Zeit" und die historischen Zeiten

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Historische Chronologie und kollektive Tradition

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Vielfalt und Heterogenität der Arten der kollektiven Zeitdauer

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Undurchdringlichkeit der Arten der kollektiven Zeitdauer

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Langsamkeit und Schnelligkeit des sozialen Werdens

Hl

Die unpersönliche Substanz der dauerhaften Gruppen

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Permanenz und Transformierung der Gruppen:

Die Epochen der Familie

Das Weiterleben entschwundener Gruppen

Die kollektive Zeitdauer, einzige Grundlage des sogenannten individuellen

Gedächtnisses

IV. Kapitel

Das kollektive Gedächtnis und der Raum

Die Gruppe in ihrem räumlichen Rahmen. Macht des materiellen Milieus 127

Die Steine der Stadt

Lagen und Verlagerungen. Festhalten der Gruppe an ihrem Platz

Gruppierungen, die scheinbar keine räumlichen Grundlagen haben: juristische, wirtschaftliche

und religiöse Gruppierungen

Das Sicheinfügen des kollektiven Gedächtnisses in den Raum

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Der juristische Raum und das Rechtsgedächtnis

Der wirtschaftliche Raum Der religiöse Raum

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Erstes Kapitel

Kollektives und individuelles Gedächtnis

Gegenüberstellung Wir ziehen Zeugenaussagen heran, um zu erhärten oder zu entkräften, aber auch um zu vervollständigen, was wir von einem Ereignis wissen, über das wir schon in irgendeiner Weise unterrichtet sind, von dem uns indessen mancherlei Umstände unklar bleiben. Der erste Zeuge, auf den wir uns stets berufen können, sind jedoch wir selbst. Wenn jemand sagt: „Ich traue meinen Augen nicht", so fühlt er, daß zwei Wesen in ihm sind: das eine, das wahrnehmende Wesen, kommt einem Zeugen gleich, der über das Gesehene vor jenem Ich aussagt, das nicht gegenwärtig, sondern vielleicht früher gesehen und sich vielleicht ebenfalls eine Meinung unter Zuhilfenahme der Zeugnisse anderer gebildet hat. So hilft uns das, was wir wahrnehmen, wenn wir in eine Stadt zurückkommen, in der wir schon einmal gewesen sind, ein Bild zu rekonstruieren, von dem etliche Teile vergessen waren. Wenn das, was wir heute sehen, sich in den Rahmen unserer alten Erinnerungen einfügt, so passen sich umgekehrt diese Erinnerungen der Gesamtheit unserer gegenwärtigen Wahrnehmungen an. Es ist, als konfrontierten wir mehrere Zeugenaussagen. Da diese trotz gewisser Divergenzen im Grundlegenden übereinstimmen, können wir eine Gesamtheit von Erinnerungen rekonstruieren, in der wir dies Wesentliche wiedererkennen. Gewiß, wenn sich unser Eindruck nicht nur auf unsere Erinnerung, sondern auch auf die der anderen stützt, wird unser Vertrauen in seine Genauigkeit größer sein — so als sei die gleiche Erfahrung nicht nur von derselben Person, sondern von mehreren Personen von neuem gemacht worden. Treffen wir einen Freund wieder, von dem das Leben uns getrennt hat, bereitet es uns anfangs einige Mühe, den Kontakt mit ihm wiederaufzunehmen. Aber beginnen wir nicht,

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gemeinsam zu denken und uns zu erinnern, sobald wir gemeinsam verschiedene Umstände haben lebendig werden lassen, an die jeder von uns sich erinnert, und die nicht dieselben sind, obgleich sie mit denselben Ereignissen zusammenhängen? Gewinnt das vergangene Geschehen nicht an Gestalt, meinen wir nicht, es intensiver wiederzuerleben, weil wir es uns nicht mehr allein vergegenwärtigen, weil wir es jetzt so sehen wie wir es früher gesehen haben, als wir es zugleich mit unseren Augen mit denen eines anderen betrachteten? Aber unsere Erinnerungen bleiben kollektiv und werden uns von anderen Menschen ins Gedächtnis zurückgerufen — selbst dann, wenn es sich um Ereignisse handelt, die allein wir durchlebt und um Gegenstände, die allein wir gesehen haben. Das bedeutet, daß wir in Wirklichkeit niemals allein sind. Es ist nicht notwendig, daß andere Menschen anwesend sind, die sich materiell von uns unterscheiden: denn wir tragen stets eine Anzahl unverwechselbarer Personen mit und in uns. Ich bin zum ersten Mal in London und gehe dort wiederholt bald mit diesem, bald mit jenem Begleiter spazieren. Einmal ist es ein Architekt, der mich auf die Bauten, ihre Proportionen, auf ihre Lage aufmerksam macht; dann ist es ein Historiker: ich erfahre, zu welcher Zeit eine bestimmte Straße angelegt worden ist, daß in jenem Haus ein berühmter Mann geboren wurde, daß hier oder dort bemerkenswerte Ereignisse stattgefunden haben. Gemeinsam mit einem Maler bin ich für die Farbtönung der Parkanlagen empfänglich, für die Linienführung der Paläste, der Kirchen, für das Spiel von Licht und Schatten auf den Mauern und Fassaden von Westminster, der Kathedrale, auf der Themse. Ein Kaufmann, ein Geschäftsmann führt

mich durch die bevölkerten Straßen der Innenstadt, läßt mich vor den Läden, den Buchhandlungen, den Kaufhäusern innehalten. Aber selbst wenn ich nicht geführt worden bin, genügt es, wenn ich aus all diesen verschiedenen Betrachtungsweisen heraus verfaßte Stadtbeschreibungen gelesen habe, wenn man mir geraten hat, diese oder jene Stadtansicht zu betrachten — einfacher noch, wenn ich den Stadtplan studiert habe. Nehmen wir an, ich gehe allein spazieren. Kann man sagen, daß ich an diesen Spaziergang nur individuelle Erinnerungen, die allein mir gehören, zurückbehalte? Ich bin indessen nur scheinbar allein spazieren gegangen. Vor Westminster habe ich daran gedacht, was mir mein Freund, der Historiker, darüber gesagt

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hatte (oder — was auf dasselbe hinausläuft — daran, was ich darüber in einem Geschichtsbuch gelesen hatte). Auf einer Brücke habe ich die Wirkung der Perspektive betrachtet, auf die mein Freund, der Maler, hingewiesen hatte (oder die mir auf einem Gemälde, auf einem Stich aufgefallen war). Ich habe mich bei meinem Gang in Gedanken von meinem Stadtplan leiten lassen. Als ich zum ersten Mal in London war — vor Saint Paul oder Mansion House, auf dem „Strand" oder in der Umgebung von Court's of Law — brachten mir viele Eindrücke die Romane von Dickens in Erinnerung, die ich in meiner Kindheit gelesen hatte: so ging ich dort also mit Dickens spazieren. Von keinem dieser Augenblicke, von keiner dieser Situationen kann ich sagen, daß ich allein war, daß ich allein nachdachte; denn in Gedanken versetzte ich mich in diese oder jene Gruppe — in die, die ich mit dem Architekten und darüber hinaus mit jenen Menschen, deren Interpret er nur für mich war, oder in die, die ich mit dem Maler (und seiner Gruppe) bildete, mit dem Geometer, der den Stadtplan gezeichnet hatte, oder mit einem Romancier. Andere Menschen haben diese Erinnerungen mit mir gemeinsam gehabt. Mehr noch, sie helfen, mir diese ins Gedächtnis zurückzurufen: um mich besser zu erinnern, wende ich mich ihnen zu, mache mir zeitweilig ihre Denkungsart zu eigen; ich füge mich von neuem in ihre Gruppe ein, der ich auch weiterhin angehöre, da ich immer noch ihre Einwirkungen erfahre und in mir manche Vorstellungen und Denkweisen wiederfinde, die ich allein nicht hätte entwickeln können und durch die ich mit diesen Menschen in Verbindung bleibe.

Das Vergessen durch Loslösung von einer Gruppe So sind Zeugen im gewöhnlichen Sinne des Wortes, d. h. in materieller und fühlbarer Form gegenwärtige Individuen, nicht notwendig, um eine Erinnerung zu bestätigen oder heraufzubeschwören. Sie würden uns im übrigen kaum genügen. Tatsächlich kommt es vor, daß eine oder mehrere Personen, die ihre Erinnerungen zusammentragen, sehr genau Geschehnisse und Dinge beschreiben können, die wir mit ihnen zugleich erlebt und gesehen haben — ja, daß sie selbst die gesamte Folge unserer Handlungen und Worte unter bestimmten Umständen wiedererstehen lassen können, ohne daß wir uns an irgendetwas erinnern könnten. Das beispielsweise ist eine unbestreitbare Tatsache. Man bringt uns sichere Beweise, daß jenes

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Ereignis stattgefunden hat, daß wir anwesend und aktiv daran beteiligt waren. Gleichwohl bleibt uns die Szene fremd, so als habe ein anderer unsere Rolle gespielt. Um auf ein Beispiel zurückzugreifen, das man uns entgegengehalten hat: es hat in unserem Leben eine bestimmte Anzahl von Ereignissen gegeben, die notwendigerweise stattgefunden haben müssen. Es ist gewiß, daß es einen Tag gegeben hat, an dem ich zum ersten Mal auf dem Gymnasium war, einen Tag, an dem ich ein Schuljahr begonnen habe, etwa das dritte, das vierte usw. Obgleich

eine solche Tatsache zeitlich und räumlich lokalisiert werden kann — und selbst wenn Verwandte und Freunde mir einen genauen Bericht darüber ablegen würden —, stehe ich einer abstrakten Gegebenheit gegenüber, der ich keinerlei lebendige Erinnerung entsprechen lassen kann: ich erinnere mich an nichts. Ich erkenne auch eine Gegend, durch die ich bestimmt ein oder mehrere Male gekommen bin, nicht wieder, noch entsinne ich mich eines Menschen, dem ich sicherlich begegnet bin. Gleichwohl sind die Zeugen da. Verhält es sich also so, daß diese Zeugen eine völlig nebensächliche und nur komplementäre Rolle spielen, daß sie mir zwar zweifellos dazu dienen, meine Erinnerungen zu präzisieren und zu vervollständigen — jedoch nur unter der Voraussetzung, daß diese Erinnerungen zuerst wiederauftauchen, d. h. daß sie in meinem Geist fortbestanden haben? Nichts darf uns hieran jedoch erstaunen. Es genügt nicht, daß ich einem Ereignis, das andere als Zuschauer oder Handelnde erlebt haben, beigewohnt oder an ihm teilgehabt habe, damit sich später, wenn jene anderen diese Ereignisse in meiner Gegenwart heraufbeschwören, wenn sie ein Bild Stück für Stück in meinem Geist neu rstehen lassen, diese künstliche Konstruktion plötzlich belebt und das Bild sich in Erinnerung umformt. Es ist wahr, daß oft jene Bilder, die uns durch unsere Umwelt aufgedrängt werden, den Eindruck modifizieren, den wir von einem früheren Ereignis, von einem ehemals gekannten Menschen haben zurückbehalten können. Es kann möglich sein, daß diese Bilder die Vergangenheit ungenau wiedergeben und daß die Spur von Erinnerung, die wir selber daran hatten, der Wirklichkeit weit mehr entsprach:

einigen wirklichen Erinnerungen wird auf diese Weise eine kompakte Masse fiktiver Erinnerungen beigefügt. Umgekehrt können allein die Zeugnisse anderer exakt sein, können unsere Erinnerung korrigieren und sich mit ihr vereinen. Im einen wie im anderen Falle heißt das: wenn jene Bilder

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so eng mit unseren Erinnerungen verschmelzen und wenn sie von ihnen ihre Substanz zu entlehnen scheinen, konnte unser Gedächtnis nicht völlig leer sein, und wir fühlten uns fähig, aus eigener Kraft darin — wie in einem trüben Spiegel — einige Züge und (vielleicht illusorische) Konturen wahrzunehmen, die uns das Bild der Vergangenheit wiederzugeben vermöchten. Ebenso wie man einen Keim, damit er Kristalle bilde, in eine gesättigte Lösung einführen muß, ist es notwendig, dieser Gesamtheit uns fremder Zeugnisse so etwas wie den Samen eines Erinnerns zuzuführen, damit sie sich zu einer konstanten Masse von Erinnerungen festigt. Wenn dagegen jenes Ereignis sozusagen keine Spur in unserem Gedächtnis hinterlassen zu haben scheint, d. h. wenn wir uns mangels dieser Zeugen völlig unfähig fühlen, es auch nur teilweise zu rekonstruieren, kann man uns eine lebensvolle Beschreibung davon geben — sie wird gleichwohl niemals eine Erinnerung sein. Wenn wir behaupten, daß eine Zeugenaussage uns nichts ins Gedächtnis rufen wird, wenn nicht irgendeine Spur des vergangenen Geschehens, das zu beschwören es gilt, in unserem Geist haftet, so meinen wir im übrigen damit nicht, daß die Erinnerung oder ein Teil dieser Erinnerung unverändert in uns hat fortbestehen müssen, sondern nur, daß wir von dem Zeitpunkt an, zu dem wir und die Zeugen derselben Gruppe angehörten und in bestimmter Hinsicht gemeinschaftlich dachten, mit dieser Gruppe in Verbindung und fähig geblieben sind, uns mit ihr zu identifizieren und unsere Vergangenheit mit der ihren zu vereinen. Ebensogut könnte man sagen: seit diesem Augenblick dürfen wir keinesfalls weder die Gewohnheit noch das Vermögen verloren haben, als Mitglied dieser Gruppe, der wir und ein bestimmter Zeuge angehörten, zu denken und uns zu erinnern, das heißt, die Dinge aus ihrer Sicht heraus zu sehen und von allen Kenntnissen Gebrauch zu machen, die ihren Mitgliedern gemeinsam sind. Nehmen wir den Fall eines Professors, der zehn oder fünfzehn Jahre lang an einem Gymnasium unterrichtet hat. Er trifft einen seiner früheren Schüler und erkennt ihn kaum

wieder. Dieser spricht von seinen damaligen Schulkameraden. Er ruft sich ihre Plätze auf den verschiedenen Klassenbänken ins Gedächtnis zurück. Er läßt manchen Vorfall schulischer Art Wiederaufleben, der sich in dieser Klasse in einem bestimmten Jahr ereignet hatte, er erwähnt die Er-

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folge dieses oder jenes Kameraden, die Wunderlichkeiten und Streiche eines anderen, bestimmte Abschnitte des Lehrstoffes, bestimmte Erklärungen, die den Schülern besonders aufgefallen sind oder sie besonders interessiert haben. Nun kann es sehr wohl möglich sein, daß der Lehrer sich an nichts von allem erinnert. Dennoch täuscht sich sein Schüler nicht. Es dürfte im übrigen gewiß sein, daß dem Lehrer in jenem Jahr, während jedes einzelnen Tages, das Bild der Gesamtheit der Schüler und die Physiognomie eines jeden einzelnen stets gegenwärtig waren — ebenso wie all die Ereignisse und Zwischenfälle, die den Rhythmus des Klassenlebens verändern, beschleunigen, unterbrechen oder verlangsamen und die bewirken, daß diese Klasse eine Geschichte hat. Wie hat er all dies vergessen können? Und woran liegt es, daß die Worte seines ehemaligen Schülers außer wenigen vagen Anklängen keinerlei Echo in seinem Gedächtnis wachrufen? Der Grund liegt darin, daß die von einer Klasse gebildete Gruppe ihrem Wesen nach ephemer ist — zumindest wenn man die Klasse als gleichzeitig aus den Schülern und dem Lehrer bestehend auffaßt — und darin, daß sie nicht mehr dieselbe ist, sobald die Schüler, dieselben vielleicht, von einer Klasse in die andere kommen und sich auf anderen Bänken wiederfinden. Zu Ende des Schuljahres zerstreuen sich die Schüler und diese bestimmte und besondere Klasse wird sich nie wieder neu bilden. Jedenfalls muß eine Unterscheidung vorgenommen werden. Für die Schüler wird die Klasse noch einige Zeit fortbestehen; zumindest wird sich ihnen häufig die Gelegenheit bieten, an sie zurückzudenken, sich an sie zu erinnern. Da sie etwa gleichaltrig sind, vielleicht demselben sozialen Milieu angehören, werden sie nicht vergessen, daß sie unter demselben Lehrmeister einander nähergebracht wurden. Die Lehren, die er ihnen übermittelt hat, tragen sein Gepräge; oft, wenn sie an diese Lehren und an manches, was mit ihnen zusammenhing, zurückdenken werden, werden sie den Lehrer vor sich sehen, der sie ihnen vermittelt hat, und auch ihre Klassenkameraden, die sie zur gleichen Zeit wie sie empfangen haben. Für den Lehrer selbst wird es ganz anders sein. Als er in seiner Klasse war, übte er seine Funktion aus; der technische Aspekt seiner Tätigkeit ist aber ebenso unabhängig von dieser wie von irgendeiner anderen seiner Klassen. Tatsächlich unterscheidet sich für den Lehrer, der alljährlich denselben Lehrstoff wiederholt, ein jedes dieser Unterrichtsjahre nicht so deutlich von den anderen wie für die

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Schüler jedes ihrer auf dem Gymnasium verbrachten Schuljahre. Während für die Schüler Unterricht, Ermahnungen, Verweise, ja selbst Gunstbezeigungen des Lehrers, seine Gesten, seine Sprechweise, sogar seine Scherze neu sind, bedeuten sie vielleicht für den Lehrer nur eine Folge gewohnter Handlungen und Verhaltensweisen, die sein Beruf mit sich bringt. Nichts von alledem kann als Grundlage einer Gesamtheit von Erinnerungen dienen, die sich eher auf diese Klasse als auf eine andere beziehen würden. Es besteht keine dauerhafte Gruppe, der der Lehrer weiterhin angehören würde, an die zurückzudenken er Veranlassung hätte, und deren Betrachtungsweise er sich wieder zueigen machen könnte, um sich mit ihr der Vergangenheit zu erinnern. Aber so ist es in allen Fällen, in denen andere für uns Ereignisse rekonstruieren, die wir mit ihnen erlebt haben, ohne daß wir in uns das Gefühl des Schön-Gesehenen wieder aufleben lassen könnten. Es besteht in der Tat eine Diskontinuität zwischen diesen Ereignissen, den

Menschen, die daran beteiligt waren und uns selbst — nicht nur weil die Gruppe, innerhalb derer wir die Ereignisse wahrgenommen haben, materiell nicht mehr besteht, sondern auch weil wir nicht mehr an sie gedacht haben und über keine Mittel verfügen, ihr Bild zu rekonstruieren. Jedes der Mitglieder dieser Gesellschaft wurde in unseren Augen durch seinen Platz innerhalb der Gesamtheit der anderen Mitglieder charakterisiert und nicht durch seine uns unbekannten Beziehungen zu anderen Milieus. Alle Erinnerungen, die innerhalb der Klasse entstehen konnten, stützen sich aufeinander und nicht auf außerhalb dieser Gruppe liegende Erinnerungen. Die Dauer eines solchen Erinnerns war also zwangsläufig auf die Existenzdauer der Gruppe beschränkt. Wenn trotzdem Zeugen fortbestehen, wenn beispielsweise ehemalige Schüler sich erinnern und versuchen können, ihrem Lehrer Ereignisse zu vergegenwärtigen, an die dieser sich nicht erinnert, so weil diese Schüler innerhalb der Klasse mit einigen Kameraden oder außerhalb der Klasse mit ihren Eltern kleine, engere, auf jeden Fall aber dauerhaftere Gemeinschaften bildeten, und weil das Klassengeschehen auch diese kleinen Gesellschaften interessierte, sich in ihnen auswirkte und seine Spuren hinterließ. Aber der Lehrer war von ihnen ausgeschlossen — oder zumindest wußte er selbst nichts davon, wenn diese Gesellschaften ihn mit in sich einbezogen.

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Wie oft kommt es nicht tatsächlich vor, daß sich innerhalb der verschiedenartigen Gesellschaften, die die Menschen untereinander bilden, einer von ihnen eine falsche Vorstellung davon macht, welchen Raum er im Denken des anderen einnimmt, und die Quelle wievieler Mißverständnisse und Desillusionen ist nicht diese Verschiedenheit der Betrachtungsweisen. Im Bereich der gefühlsbedingten Beziehungen, in dem die Einbildung eine große Rolle spielt, erfährt ein menschliches Wesen, das sehr geliebt wird und nur mäßig liebt, oft erst sehr spät von der Bedeutung, die seinen geringsten Schritten, seinen unbedeutendsten Worten beigemessen wurde, oder wird sich ihrer niemals ganz bewußt. Der Mensch, der am stärksten geliebt hat, wird dem anderen später Erklärungen und Versprechungen ins Gedächtnis rufen, an die dieser sich nicht erinnert. Das kann nicht immer auf Unbeständigkeit, Untreue oder Leichtsinn zurückgeführt werden, sondern darauf, daß der eine weit weniger stark als der andere an dieser Gesellschaft beteiligt war, die auf einem ungleich geteilten Gefühl beruhte. So würde ein sehr frommer Mann, dessen Leben schlicht erbaulich war und den man nach seinem Tode heilig gesprochen hat, sehr erstaunt sein, würde er ins Leben zurückkehren und seine Legende lesen können; diese jedoch ist an Hand sorgfältig aufbewahrter Erinnerungen zusammengestellt und gläubig niedergeschrieben worden, und zwar von jenen Menschen, in deren Mitte der dargestellte Abschnitt seines Lebens gelebt wurde. In diesem Falle ist es wahrscheinlich, daß viele der zusammengetragenen Ereignisse, die der Heilige nicht wiedererkennen würde, nicht stattgefunden haben; aber es gibt Begebenheiten, die ihm möglicherweise nicht aufgefallen sind, weil er seine Aufmerksamkeit auf das innere Bild Gottes konzentrierte, die aber von den ihn umgebenden Menschen bemerkt wurden, da ihre Aufmerksamkeit vor allem auf ihn gerichtet war. Jedoch ist es möglich, daß man sich zunächst ebensosehr wie andere und sogar noch stärker für ein bestimmtes Ereignis interessiert und trotzdem nichts davon in Erinnerung behält, so daß man es nicht wiedererkennt, wenn die anderen es einem beschreiben, weil man seit dem Zeitpunkt, zu dem es geschehen ist, die Gruppe, von der es bemerkt wurde, verlassen hat und nicht wieder in sie zurückgekehrt ist. Es gibt Menschen, von denen man sagt, daß sie ständig in der Gegenwart leben, das heißt, daß sie sich nur für die Menschen und

Dinge interessieren, in deren Mitte sie sich augenblicklich befinden und die mit dem derzeitigen Gegenstand ihrer Tätigkeit, Beschäftigung oder Zerstreuung in Verbindung stehen. Sobald ein Geschäft abgeschlossen, eine Reise beendet ist, denken sie nicht mehr an diejenigen zurück, die ihre Partner oder Gefährten waren. Sogleich werden sie von anderen Interessen erfaßt, in andere Gruppen aufgenommen. Eine Art lebenswichtiger Instinkt befiehlt ihnen, ihr Denken von allem abzuwenden, was sie von ihrer augenblicklichen Beschäftigung ablenken könnte. Manchmal ergeben die Umstände, daß diese Menschen sich gleichsam im Kreise drehen und von einer Gruppe der anderen zugeführt werden — so wie in jenen alten Tanzfiguren, bei denen man, ständig den Partner wechselnd, gleichwohl denselben in kurzen Intervallen wiederfindet. So verliert man sie nur, um sie wiederzufinden, und da dieselbe Fähigkeit des Vergessens sich abwechselnd zum Nachteil und zum Vorteil jeder der Gruppen, die sie durchqueren, auswirkt, kann man sagen, daß man sie ganz und gar wiederfindet. Aber es kommt auch vor, daß sie hinfort einen Weg verfolgen, der nicht mehr jenen kreuzt, den sie verlassen haben, einen Weg, der sie sogar mehr und mehr von diesem entfernt. Trifft man dann später Mitglieder der Gesellschaft wieder, die uns so sehr fremd geworden ist, befindet man sich vergeblich erneut in ihrer Mitte — es gelingt einem nicht, die alte Gruppe mit ihnen neuzubilden. Es ist, als gelange man von der Seite her an eine Straße, die man früher entlanggegangen ist, so daß man sie nun von einem Punkt aus sieht, von dem aus man sie niemals betrachtet hat. Man ordnet ihre verschiedenen Einzelheiten in eine andere, durch unsere augenblicklichen Vorstellungen gebildete Gesamtheit ein. Es scheint, als komme man auf eine neue Straße. Tatsächlich nehmen jene Einzelheiten ihren früheren Sinn nur im Zusammenhang mit einer ganz anderen Gesamtheit an, die von unserem Denken nicht mehr umspannt wird. Man wird uns alle Einzelheiten sowie ihre Anordnung ins Gedächtnis rufen können. Man müßte indessen von der Gesamtheit ausgehen. Dies jedoch ist uns nicht mehr möglich, da wir uns seit langem von ihr entfernt haben und zu weit in die Vergangenheit zurückgehen müßten. Alles geht hier vor sich wie im Fall jenes pathologischen Gedächtnisschwundes, der einen ganz bestimmten und begrenzten Komplex von Erinnerungen betrifft. Es ist festgestellt worden, daß man bis-

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weilen infolge eines Gehirnschocks vergißt, was sich während eines gesamten, im allgemeinen vor dem Schock liegenden und mit einem bestimmten Datum beginnenden Zeitraumes zugetragen hat, während man sich an alles übrige erinnern kann. Oder man vergißt eine ganze Kategorie gleichgearteter Erinnerungen, welches auch der Zeitpunkt gewesen sein mag, zu dem man sie erworben hat: so beispielsweise alles, was man von einer fremden Sprache wußte. Vom physiologischen Standpunkt aus scheint das leicht erklärbar — nicht etwa dadurch, daß die Erinnerungen an denselben Zeitraum oder die Erinnerungen gleicher Art in einen bestimmten, allein verletzten Teil des Gehirns lokalisiert seien; sondern die Gehirnfunktion des Erinnerns muß in ihrer Gesamtheit angegriffen sein. Das Gehirn hört daraufhin auf, bestimmte — und nur diese — Tätigkeiten zu verrichten, ebenso wie ein geschwächter Organismus während einiger Zeit unfähig ist, zu gehen oder zu sprechen oder Nahrung zu verwerten, obgleich alle ändern Funktionen fortbestehen. Jedoch könnte man ebensogut sagen, daß die allgemeine Fähigkeit angegriffen ist, mit den Gruppen in Verbindung zu treten, aus denen sich die Gesellschaft zusammensetzt. Daraufhin löst man sich von einer oder einigen unter ihnen los — und von diesen allein. Die Gesamtheit der Erinnerungen, die wir mit ihnen gemeinsam haben, verschwindet jäh. Einen Abschnitt seines Lebens vergessen heißt: die Verbindung zu jenen Menschen verlieren, die uns zu jener Zeit umgaben. Eine fremde Sprache vergessen bedeutet: nicht mehr imstande sein, jene Menschen zu verstehen, die uns in dieser Sprache anredeten — mochten sie im übrigen lebendig und

gegenwärtig sein oder Autoren, deren Werke wir lasen. Wenn wir uns ihnen zuwandten, nahmen wir eine bestimmte Haltung ein, ebenso wie jedweder menschlichen Gesamtheit gegenüber. Es hängt nun nicht mehr von uns ab, diese Haltung einzunehmen und uns dieser Gruppe zuzuwenden. Nun können wir jemanden treffen, der uns versichert, daß wir diese Sprache sehr wohl gelernt, können beim Durchblättern unserer Bücher und Hefte auf jeder Seite sichere Beweise dafür finden, daß wir diesen Text übersetzt haben, daß wir diese Regeln anzuwenden wußten. Nichts von alledem wird genügen, den unterbrochenen Kontakt zwischen uns und jenen Menschen wiederherzustellen, die in dieser Sprache sprechen oder geschrieben haben. Das bedeutet, daß wir nicht mehr genug Aufmerksamkeit aufzubringen vermögen, um

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gleichzeitig mit dieser und mit anderen Gruppen in Verbindung zu bleiben, an denen wir zweifellos enger und unmittelbarer festhalten. Es ist im übrigen nicht erstaunlich, daß diese Erinnerungen — und ausschließlich sie — auf diese Weise alle zugleich ausgeschaltet werden. Es besagt, daß sie ein unabhängiges System bilden, da sie Erinnerungen derselben Gruppe, untereinander verbunden und aufeinander gestützt sind, und daß diese Gruppe sich deutlich von allen anderen unterscheidet, so deutlich, daß man sich zugleich innerhalb aller jener und außerhalb dieser einen befinden kann. Liegen keine pathologischen Störungen vor, entfernen und isolieren wir uns auf vielleicht weniger brüske und brutale Weise allmählich von manchen Milieus, die uns nicht vergessen, die wir selbst jedoch nur vage in Erinnerung behalten. Mit allgemeinen Begriffen können wir die Gruppen, denen wir angehört haben, noch umschreiben. Aber sie interessieren uns nicht mehr, weil alles uns gegenwärtig von ihnen entfernt.

Notwendigkeit einer gefühlsmäßigen Übereinstimmung Nehmen wir nunmehr an, wir haben eine Reise mit einer Gruppe von Begleitern gemacht, die wir seitdem nicht wieder gesehen haben. Unsere Gedanken waren ihnen damals zugleich sehr nahe und sehr fern. Wir plauderten mit ihnen. Wir interessierten uns mit ihnen für die Einzelheiten der Fahrtroute und die verschiedenen Zwischenfälle der Reise. Aber gleichzeitig nahmen unsere Gedanken einen Lauf, der sich ihrer Kenntnis entzog. Tatsächlich brachten wir Gefühle und Vorstellungen mit, deren Ursprung bei anderen — wirklichen oder imaginären — Gruppen lag: innerlich unterhielten wir uns mit anderen Menschen; während wir durch dieses Land fuhren, bevölkerten wir es in Gedanken mit anderen Wesen: ein bestimmter Ort, ein bestimmter Umstand nahm dann in unseren Augen eine Bedeutung an, die er nicht für jene haben konnte, die uns begleiteten. Später werden wir vielleicht einen von ihnen wiedertreffen und er wird Besonderheiten dieser Reise erwähnen, an die er sich erinnert und auf die wir uns müßten besinnen können, wenn wir mit denen in Verbindung geblieben wären, die die Reise mit uns gemacht und die seitdem oft zusammen über sie gesprochen haben. Aber uns ist alles entfallen, was er berichtet und was uns ins Gedächtnis zurückzurufen er sich vergeblich bemüht. Dagegen werden wir uns an das

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erinnern, was wir damals ohne Wissen der anderen empfunden haben — so als habe sich diese Art Erinnerung unserem Gedächtnis tiefer eingeprägt, weil sie allein uns anging. So vermögen in diesem Fall einerseits die Zeugenaussagen anderer nicht, unsere verblaßte Erinnerung wieder aufzufrischen, andererseits erinnern wir uns scheinbar ohne Beihilfe anderer an Eindrücke, die wir niemandem mitgeteilt haben. Folgt daraus, daß das individuelle Gedächtnis in seiner Eigenschaft als Gegenteil des

kollektiven Gedächtnisses eine notwendige und hinreichende Voraussetzung für das Auffinden und Wiedererkennen einer Erinnerung darstellt? In keiner Weise. Denn wenn diese erste Erinnerung verblaßt ist, wenn es uns nicht mehr möglich ist, sie wieder aufzufrischen, so deshalb, weil wir seit langem nicht mehr der Gruppe angehören, in deren Gedächtnis sie aufbewahrt wurde. Soll unser Gedächtnis das der anderen zuhilfe nehmen, genügt es nicht, daß diese uns ihre Zeugnisse liefern: unser Gedächtnis darf obendrein nicht aufgehört haben, mit dem ihren zu harmonieren, und es müssen genügend Verbindungspunkte zwischen dem einen und dem anderen bestehen, damit die neuerweckte Erinnerung auf einer gemeinsamen Grundlage rekonstruiert werden kann. Um eine Erinnerung zu wecken, genügt es nicht, Stück um Stück das Bild eines vergangenen Ereignisses wiederherzustellen. Dieser Wiederaufbau muß von gemeinsamen Gegebenheiten und Vorstellungen aus unternommen werden, die sowohl in unserem Bewußtsein als auch in dem der anderen enthalten sind, da sie ununterbrochen vom einen zum anderen überwechseln — und umgekehrt —, was nur möglich ist, wenn alle Individuen derselben Gesellschaft angehört haben und weiterhin angehören. So nur ist zu verstehen, daß eine Erinnerung zugleich wiedererkannt und rekonstruiert werden kann. Was bedeutet es mir, daß die anderen noch von einem Gefühl beherrscht werden, das ich früher mit ihnen teilte und das ich heute nicht mehr empfinde? Ich kann es nicht mehr in mir erwecken, da ich seit langem nichts mehr mit meinen früheren Gefährten gemeinsam habe. Dafür kann weder mein noch ihr Gedächtnis verantwortlich gemacht werden, sondern nur das Verlöschen eines breiteren, kollektiven Gedächtnisses, das beide zugleich umfaßte. So trennen sich bisweilen Menschen, die durch die Notwendigkeit eines gemeinsamen Unternehmens, durch die Verehrung eines unter ihnen, durch verwandt-

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schaftliche Bande, durch eine künstlerische Beschäftigung usw. zusammengehalten wurden, später in mehrere Gruppen: jede dieser Gruppen ist zu begrenzt, um alles beinhalten zu können, was das Denken der Partei, des literarischen Kreises, der religiösen Versammlung, die sie früher alle zusammen umfaßten, beschäftigt hat. Auch widmen sich die Gruppen nur einem Aspekt jenes Denkens und bewahren ein Andenken allein an einen Teil jener Tätigkeit. Daher mehrere Bilder einer gemeinsamen Vergangenheit, die nicht übereinstimmen und von denen keines wirklich zutreffend ist. Tatsächlich kann von dem Augenblick an, in dem sich die Gruppen getrennt haben, keine von ihnen den gesamten Inhalt des ehemaligen Denkens wiedergeben. Wenn nur zwei dieser Gruppen von neuem miteinander in Verbindung treten, fehlt ihnen zum gegenseitigen Verständnis und zum gegenseitigen Bestätigen der Erinnerung an diese gemeinsam gelebte Vergangenheit die Fähigkeit, die Schranken zu vergessen, die sie gegenwärtig trennen. Ein Mißverständnis lastet auf ihnen wie auf zwei Menschen, die sich wiederfinden und die gleichsam nicht mehr dieselbe Sprache sprechen. Was die Tatsache anbetrifft, daß wir Erinnerungen an Eindrücke bewahren, um die keiner unserer Gefährten der damaligen Zeit hat wissen können, so stellt auch sie keinen Beweis dafür dar, daß unser Gedächtnis sich selbst genügen kann und nicht stets der Unterstützung durch das der anderen bedarf. Nehmen wir an, wir seien zum Zeitpunkt des Antritts unserer Reise mit einer Gruppe von Freunden lebhaft mit Dingen beschäftigt gewesen, von denen diese nichts wußten; von einer Vorstellung oder einem Gefühl völlig in Anspruch genommen, bezogen wir hierauf alles, was wir sahen oder hörten: wir nährten unser geheimes Denken mit allem, was innerhalb unseres Wahrnehmungskreises mit diesen Dingen verbunden werden konnte. Es war, als hätten wir die Gruppe mehr oder minder entfernter menschlicher Wesen, mit der wir durch unsere Überlegungen verknüpft waren, nicht verlassen; wir fügten in sie alle Elemente des neuen Milieus ein, die sie nur aufnehmen konnte; diesem Milieu — an sich und vom Standpunkt unserer Begleiter aus betrachtet — gehörten wir jedoch nur zum geringsten Teil unseres Selbst an. Wenn wir später an die Reise zurückdenken, kann man nicht sagen, daß wir

uns an die Stelle derer versetzen, die sie mit uns gemacht haben. An sie selbst werden wir uns nur in dem Maße erinnern, als sie in den Rahmen unserer

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Überlegungen eingeschlossen waren. Ebenso bleiben, wenn man ein Zimmer zum ersten Male bei einbrechender Nacht betreten und die Wände, die Möbel und alle Gegenstände in einem Halbdunkel gesehen hat, diese phantastischen und geheimnisvollen Formen in unserem Gedächtnis als der kaum wirkliche Rahmen des Gefühls von Beunruhigung, Überraschung oder Trauer haften, das uns in dem Augenblick befiel, als wir sie erblickten. Um sie uns ins Gedächtnis zurückzurufen, würde es genügen, das Zimmer bei hellem Tageslicht wiederzusehen: wir müßten gleichzeitig an unsere Trauer, an unsere Überraschung und Beunruhigung zurückdenken. Ist es demnach unsere persönliche Reaktion in Gegenwart dieser Dinge, die sie für uns in solchem Maße verändert? Ja, wenn man so will — aber unter der Voraussetzung, daß man nicht vergißt, daß unser persönliches Denken und Fühlen seinen Ursprung in bestimmten sozialen Milieus und unter bestimmten sozialen Umständen hat, und daß die Kontrastwirkung sich vor allem daraus ergibt, daß wir in diesen Gegenständen nidit suchten, was die mit ihnen vertrauten Menschen darin sahen, sondern was mit den Betrachtungen anderer verbunden war, deren Denken sich wie das unsere zum ersten Mal mit diesem Zimmer beschäftigte.

Von der Möglichkeit eines strikt individuellen Gedächtnisses Wenn diese Analyse exakt ist, würde das Resultat, zu dem sie uns führt, vielleicht erlauben, dem ernsthaftesten und im übrigen natürlichsten Einwand zu begegnen, dem man sich aussetzt, wenn man vorgibt, sich nur unter der Bedingung zu erinnern, daß man den Standpunkt einer oder mehrerer Gruppen einnimmt und sich von neuem in eine oder mehrere Strömungen kollektiven Denkens einfügt. Man wird uns vielleicht zubilligen, daß eine große Anzahl von Erinnerungen wieder auftaucht, weil andere Menschen sie uns ins Gedächtnis zurückrufen; man wird selbst einräumen, daß man — sind diese Menschen materiell nicht gegenwärtig — von einem kollektiven Gedächtnis sprechen kann, wenn wir ein Ereignis Wiederaufleben lassen, das einen bestimmten Raum im Leben unserer Gruppe einnahm und das wir vom Standpunkt dieser Gruppe aus sahen und auch augenblicklich, da wir es uns ins Gedächtnis zurückrufen, noch so sehen. Wir haben sehr wohl das Recht, zu verlangen, daß man uns diesen zweiten Punkt zubilligt, da eine derartige gei-

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stige Haltung nur bei einem Menschen möglich ist, der einer Gesellschaft angehört oder ihr angehört hat und, aus der Ferne zumindest, noch ihren Einfluß erfährt. Es genügt, daß wir an einen bestimmten Gegenstand nur denken können, weil wir uns als Mitglied einer Gruppe betragen, um das Bestehen der Gruppe offenbar zur Voraussetzung dieses Gedankens werden zu lassen. Darum ist ein Mensch, der ohne Begleitung nach Hause geht, zweifellos einige Zeit lang „allein gewesen", wie man sagt. Aber er war es nur scheinbar, denn selbst während dieses Zeitraums erklärt sich sein Denken und Handeln aus seiner Eigenschaft als soziales Wesen, hat er nicht einen Augenblick aufgehört, in irgendeine Gemeinschaft einbezogen zu sein. Da liegt nicht die Schwierigkeit. Gibt es jedoch nicht Erinnerungen, die wiederauftauchen, ohne daß es irgendwie möglich wäre, sie mit einer Gruppe in Verbindung zu bringen, da das Ereignis, das sie wiedergeben, von uns wahrgenommen wurde, als wir allein waren — nicht scheinbar, sondern wirklich allein —, Erinnerungen, deren Bild sich in das Denken keiner menschlichen Gemeinschaft

einfügt und die wir uns aus einer Sicht heraus ins Gedächtnis zurückrufen, die nur die unsere sein kann? Selbst wenn Fälle dieser Art sehr selten und sogar außergewöhnlich wären, würde es genügen, einige von ihnen beweisen zu können, um darzulegen, daß das kollektive Gedächtnis nicht alle unsere Erinnerungen erklärt und vielleicht, daß es nicht allein das Erwecken irgendeiner Erinnerung ermöglicht. Schließlich beweist nichts, daß all die Kenntnisse und Bilder, die den sozialen Milieus, denen wir angehören, entlehnt sind und die im Gedächtnis wirksam werden, nicht wie ein Schirm eine individuelle Erinnerung abdecken, selbst wenn wir dieser nicht im geringsten gewahr werden. Die gesamte Frage besteht darin, ob es eine solche Erinnerung geben kann, ob sie denkbar ist. Die Tatsache, daß sie vorgekommen ist — wenn auch nur ein einziges Mal —, würde genügen, um zu beweisen, daß nichts ihrem Wirksamwerden in allen Fällen entgegensteht. Jeder Erinnerung läge dann das Zurückrufen eines rein individuellen Bewußtseinzustandes zugrunde, den wir — um ihn von den Wahrnehmungen zu unterscheiden, in die mannigfache Elemente des sozialen Denkens mit eindringen — als „intuition sensible" bezeichnen lassen wollen. „Man empfindet einige Beunruhigung", sagte Charles Blondel,

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„wenn man sieht, wie aus der Erinnerung aller Abglanz dieser ,intuition sensible' eliminiert oder nahezu eliminiert wird, die zweifellos nicht die gesamte Wahrnehmung bedeutet, die aber gleichwohl offensichtlich deren unentbehrliche Einleitung und Bedingung sine qua non

ist

verwechseln, die wir von der Vergangenheit unseres Nachbarn machen können, damit diese empirisch, logisch und sozial mögliche Vergangenheit uns mit unserer wirklichen Vergangenheit übereinzustimmen scheint, muß sie zumindest in manchen ihrer Teile etwas mehr als eine an Hand entliehener Elemente bewirkte Wiederherstellung sein" (Revue Philosophique, 1926, S. 296). Désiré Roustan seinerseits schrieb uns: „Beschränkten Sie sich darauf zu sagen: ,Wenn man sich auf die Vergangenheit zu besinnen glaubt, besteht dieser Vorgang zu 99 % aus Rekonstruierung und zu l % aus wahrhaftem Sichbesinnen', genügte dieser Rückstand, der sich von Ihnen nicht erklären lassen würde, um das gesamte Problem des Bewahrens der Erinnerung von neuem aufzuwerfen. Können Sie indessen diesen Rückstand vermeiden?"

Damit wir nicht die Rekonstruierung unserer eigenen Vergangenheit mit jener

1. Kindheitserinnerungen Es ist schwierig, auf Erinnerungen zu stoßen, die uns an einen Zeitpunkt zurückversetzen, zu dem unsere Empfindungen nur der Abglanz äußerer Gegenstände waren, zu dem wir ihnen keines der Bilder, keinen der Gedanken beimischten, durch die wir mit den uns umgebenden Menschen und Gruppen verbunden waren. Wenn wir uns nicht an unsere früheste Kindheit erinnern, so weil unsere Eindrücke tatsächlich über keinen Anhaltspunkt verfügen, solange wir noch kein soziales Wesen sind. „Meine früheste Erinnerung", erzählt Stendhal, „ist, Frau Pinson-Dugalland, meine Cousine, eine Frau von fünfundzwanzig Jahren, die beleibt war und viel Rouge trug, in die Wange oder in die Stirn gebissen zu haben. Ich sehe die Szene vor mir, jedoch zweifellos deshalb, weil man unverzüglich ein Verbrechen daraus gemacht hat und unaufhörlich ein Verbrechen daraus machte." Ebenso erinnert er sich, eines Tages ein Maultier gekniffen zu haben, das ihn daraufhin umstieß. „,Ein wenig mehr, und er war tot', sagte mein Großvater. Ich stelle mir das Geschehen vor, aber wahrscheinlich ist dies keine direkte Erinnerung, sondern nur die Erinnerung an das Bild, das ich mir sehr früh, zur Zeit der ersten Schilderungen,

die man mir gab, von der Angelegenheit machte" (Vie de Henri Brulard, S. 31 und 58). Ebenso verhält es sich mit vielen der sogenannten Kindheitserinnerungen. Die früheste, auf die zurückgehen zu können ich lange Zeit geglaubt habe, war unsere Ankunft in Paris. Ich war damals zweieinhalb Jahre alt. Wir stiegen abends die Treppe hinauf (die Wohnung lag im vierten Stock), und wir Kinder bemerkten ganz laut, daß man in Paris auf dem Speicher wohne. Nun, daß einer von uns diese Bemerkung gemacht hat, ist möglich. Aber es war natürlich, daß unsere Eltern, die sie belustigt hat, sie behalten und uns später wiedererzählt haben. Ich sehe noch unser erleuchtetes Treppenhaus, aber ich habe es seitdem sehr oft gesehen. Hier nun ein Kindheitsereignis, das Benvenuto Cellini zu Beginn seiner „Memoiren" erzählt:

es ist nicht sicher, ob es eine Erinnerung ist. Wenn wir es dennoch wiedergeben, so weil es uns helfen wird, das darauffolgende Beispiel, auf das wir besonderen Wert legen werden, besser zu verstehen. „Ich war ungefähr drei Jahre alt, mein Großvater Andrea Cellini lebte noch und war schon über hundert. Eines Tages hatte man ein Rohr eines Spülbeckens ausgewechselt, und heraus war ein riesiger Skorpion gekommen, ohne daß man es bemerkt hatte. Er war auf den Fußboden hinuntergekrochen und hatte sich unter einer Bank versteckt. Ich sah ihn, lief zu ihm und fing ihn ein. Er war so groß, daß auf der einen Seite meiner Hand sein Schwanz und auf der anderen seine beiden Scheren herausschauten. Man hat mir erzählt, daß ich hocherfreut auf meinen Großvater zusprang und rief: ,Schau, Großvater, mein schöner kleiner Krebs!' Er erkannte sofort, daß es ein Skorpion war und wäre in seiner Liebe zu mir vor Schrecken fast tot umgefallen. Er suchte, ihn mir abzuschmeicheln, aber ich preßte ihn nur noch stärker und weinte, denn ich wollte ihn nicht hergeben. Mein Vater, der noch im Hause war, kam bei dem Geschrei herzugeeilt. In seinem Entsetzen wußte er nicht, wie er es verhindern sollte, daß dieses giftige Tier mich töte, als ihm eine Schere ins Auge fiel. Er bewaffnete sich mit ihr und schnitt, mich gleichzeitig liebkosend, dem Skorpion Schwanz und Scheren ab. Sobald er mich aus der Gefahr befreit hatte, betrachtete er dieses Ereignis als ein gutes Vorzeichen." Diese bewegte und dramatische Szene spielt sich gänzlich innerhalb der Familie ab. Als das Kind nach dem Skorpion greift, kommt ihm nicht einen Augenblick lang der Gedanke, dies sei ein gefährliches Tier: es ist

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ein kleiner Krebs, wie die, die seine Eltern ihm gezeigt haben, die sie ihn wie ein Spielzeug haben anfassen lassen. In Wirklichkeit ist ein fremdes Element in das Haus eingedrungen, und der Großvater, der Vater reagieren jeder auf seine Art. Tränen des Kindes, Flehen und Schmeicheln der Eltern, ihre Angst, ihr Schrecken und der darauffolgende Freudenausbruch:

jede dieser Familienreaktionen zeigt den Sinn des Ereignisses auf. Nehmen wir an, das Kind rufe sich dieses ins Gedächtnis zurück: das Bild fügt sich in den Rahmen der Familie ein, da es von Anfang an darin einbezogen war und ihn niemals verlassen hat. Hören wir nun Charles Blondel: „Ich erinnere mich", erzählt er, „daß ich als Kind einmal beim Durchforschen eines verlassenen Hauses unvermittelt mitten in einem dunklen Zimmer bis zum Gürtel in ein Loch eingebrochen bin, auf dessen Grund Wasser stand, und ich entsinne mich mehr oder weniger mühelos, wo und wann dies passiert ist; aber hier ist es mein Wissen, das völlig meiner Erinnerung untergeordnet ist." Nehmen wir an, daß die Erinnerung wie ein nicht lokalisiertes Bild erschienen ist. Man hat sie also nicht dadurch zurückrufen können, daß man zuerst an das Haus dachte, das heißt, aus der Sicht der Familie heraus, die dort wohnte — dies um so weniger, hat Blondel uns gesagt, als er diesen Vorfall niemals irgendeinem seiner Verwandten erzählt hat und als er sicher ist, seitdem nicht wieder an ihn gedacht zu haben. „In diesem Fall", fügt er hinzu, „muß ich die Umgebung meiner Erinnerung konstruieren, ich brauche keineswegs sie selbst wiederherzustellen. Es scheint wirklich, als hätten wir bei Erinnerungen dieser Art einen direkten Kontakt mit der

Vergangenheit, der der historischen Rekonstruierung vorausgeht und sie bedingt" (a. a. O., S. 297). Diese Schilderung unterscheidet sich deutlich von der vorhergehenden — vor allem dadurch, daß Benvenuto Cellini uns als erstes angibt, zu welchem Zeitpunkt und an welchem Ort sich die Szene, die er wachruft, abgespielt hat, was Blondel keineswegs wußte, als er seinen Sturz in ein halb mit Wasser gefülltes Loch beschrieb. Er hebt das selbst nachdrücklich hervor. Aber vielleicht ist dies dennoch nicht der grundlegende Unterschied zwischen den beiden. Die Gruppe, der das Kind in diesem Alter am engsten zugehört und die es unaufhörlich umgibt, ist die Familie. Dieses Mal indessen hat das Kind sie verlassen. Es sieht nicht nur seine Eltern nicht mehr, sondern es mag scheinen, als seien

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sie ihm auch geistig nicht mehr gegenwärtig. Jedenfalls nehmen sie in keiner Weise an der Geschichte teil, da sie nicht einmal von ihr in Kenntnis gesetzt worden sind oder ihr nicht genügend Bedeutung beigemessen haben, um sie in Erinnerung zu behalten und sie später dem zu erzählen, der ihr Held gewesen ist. Aber genügt dies, um behaupten zu können, er sei wirklich allein gewesen? Erklären die Neuheit und die Lebhaftigkeit seines Eindruckes — eines schmerzlichen Eindruckes der Verlassenheit, eines eigenartigen Eindruckes der Überraschung über das Unerwartete und das nie Gesehene oder Gefühlte —, daß sein Denken sich von den Eltern abgewandt hat? Hat er sich nicht im Gegenteil plötzlich in Not befunden, eben weil er ein Kind war, das heißt, ein im Netzwerk des häuslichen Denkens und Fühlens den Erwachsenen eng verbundenes Wesen? Dann aber dachte er an die Seinen und war nur scheinbar allein. Infolgedessen bedeutet es wenig, daß er sich nicht erinnern kann, zu welchem genauen Zeitpunkt und an welchem bestimmten Ort er sich befand, daß er auf keinen räumlichen oder zeitlichen Rahmen Bezug nehmen kann. Es ist der Gedanke an die abwesende Familie, der den Rahmen liefert, und das Kind braucht nicht, wie Blondel sagt, „die Umgebung seiner Erinnerung zu rekonstruieren", da die Erinnerung sich innerhalb dieser Umgebung einstellt. Daß das Kind dies nicht bemerkt hat, daß seine Aufmerksamkeit in diesem Augenblick durchaus nicht auf diesen Aspekt seines Denkens gerichtet war, daß später, wenn der Mann diese Kindheitserinnerung wachruft, er ihn ebenfalls nicht bemerkt, darf uns in keiner Weise erstaunen. Eine soziale „Denkströmung" ist gewöhnlich ebenso unsichtbar wie die Luft, die wir einatmen. Im normalen Leben spürt man ihre Existenz nur, wenn man ihr Widerstand leistet — aber das Kind, das die Seinen herbeiruft und das ihre Hilfe braucht, widersetzt sich ihnen nicht. Blondel könnte uns sehr richtig entgegenhalten, die Tatsache, daß er sich an eine Gesamtheit von Einzelheiten erinnert, stehe in keiner Beziehung zu irgendeinem Aspekt seiner Familie. Ein dunkles Zimmer erkundend, ist er in ein halb mit Wasser gefülltes Loch gefallen. Nehmen wir an, es habe ihn gleichzeitig erschreckt, sich weit entfernt von den Seinen zu fühlen. „Das Grundlegende, hinter das womöglich alles übrige zurücktritt, ist dieses Bild, das in sich selbst als völlig losgelöst von dem häuslichen Milieu erscheint. Dieses Bild indessen, seine Aufbewahrung müßte erklärt werden. So wie es ist, unter-

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scheidet es sich tatsächlich von jeglicher anderen Lage, in der ich mich befand, wenn ich bemerkte, daß ich fern von den Meinen war, in der ich mich demselben Milieu und derselben .Umgebung' zuwandte, um dort Hilfe zu finden. Mit anderen Worten, es ist nicht ersichtlich, wie ein so allgemeiner Rahmen wie die Familie eine derart besondere Begebenheit wieder hervorbringen könnte." „Diese Formen, die von den durch die Gesellschaft bedingten kollektiven Rahmen gebildet werden", sagt weiterhin Blondel, „bedürfen wohl einer Materie". Warum nicht einfach behaupten, daß diese Materie in der Tat existiert und nichts anderes ist

als eben all das, was in unserer Erinnerung keine Beziehung zu dem Rahmen hat, das heißt die Empfindungen und „intuitions sensibles", die in diesem Bild Wiederaufleben würden? Als der kleine Däumling von seinen Eltern im Wald verlassen worden ist, hat er sicherlich an seine Eltern gedacht; aber viele andere Dinge haben sich ihm dargeboten: er ist einem oder mehreren Pfaden gefolgt, er ist auf einen Baum geklettert, er hat einen Lichtschein entdeckt, er hat sich einem einsam gelegenen Haus genähert usw. Wie kann man das alles in der einfachen Bemerkung zusammenfassen: er hat sich verirrt und hat seine Eltern nicht wiedergefunden? Wenn er einem anderen Weg gefolgt wäre, andere Begegnungen gehabt hätte, wäre das Gefühl der Verlassenheit dasselbe gewesen, jedoch hätte er ganz andere Erinnerungen zurückbehalten. Dem antworten wir, daß, wenn ein Kind sich in einem Wald oder einem Haus verirrt, alles so vor sich geht, als werde es — das bis dahin der Denk- und Gefühlsströmung gefolgt ist, die es mit den Seinen verbindet — gleichzeitig von einer anderen Strömung erfaßt, die es von jener entfernt. Vom kleinen Däumling kann man sagen, daß er innerhalb der Familiengruppe bleibt, da er seine Brüder bei sich hat. Aber er setzt sich an ihre Spitze, er nimmt sie alle in seine Obhut, er führt sie — das heißt, er wechselt von der des Kindes zur Vaterstelle über, er tritt in die Gruppe der Erwachsenen ein und bleibt nichtsdestoweniger ein Kind. Dies aber trifft auch auf jene von Blondel erwähnte Erinnerung zu, die gleichzeitig eine Kindheitserinnerung und die Erinnerung eines Erwachsenen ist, da das Kind sich zum ersten Male in der Lage eines Erwachsenen befunden hat. Als Kind war sein Denken dem eines Kindes gemäß. Gewohnt, die äußeren Gegenstände mit Hilfe von Kenntnissen zu beurteilen, die

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es seinen Eltern verdankte, rühren sein Erstaunen und seine Furcht von der Mühe her, die es ihm bereitete, das, was er jetzt sah, in seine kleine Welt einzuordnen. Erwachsen wurde er insofern, als er sich — da die Seinen nicht mehr in seiner Reichweite waren — ihm neuen und beunruhigenden Dingen gegenüber fand, die dies jedoch zweifellos nicht für einen Erwachsenen waren, zumindest nicht in demselben Maße. Er hat nicht lange auf dem Grunde dieses dunklen Schachtes bleiben können. Nichtsdestoweniger hat er Verbindung mit einer Welt aufgenommen, die er später wiederfinden wird, wenn er mehr sich selbst überlassen sein wird. Es gibt im übrigen im Laufe der Kindheit viele Augenblicke, in denen man so dem entgegentritt, was nicht mehr dem Familienbereich angehört — sei es, daß man sich bei der Berührung mit den Dingen stößt oder verletzt, sei es, daß man sich ihrem Zwang unterwerfen und beugen muß, so daß man unweigerlich eine ganze Reihe kleiner Prüfungen durchläuft, die einer Vorbereitung auf das Erwachsenenleben gleichkommen: dies ist der Schatten, den die Gesellschaft der Erwachsenen auf die Kindheit wirft — und mehr noch als ein Schatten, da das Kind dazu berufen werden kann, an Sorgen und Verantwortungen teilzuhaben, deren Gewicht gewöhnlich auf stärkeren Schultern als den seinen lastet, und da es dann — zeitweise zumindest und nur mit einem Teil seiner selbst — in die Gruppe der Älteren aufgenommen wird. Daher sagt man bisweilen manchen Menschen nach, sie haben keine Kindheit gehabt, weil die Notwendigkeit des Brotverdienens sie zu frühzeitig gezwungen hat, in jene Bereiche der Gesellschaft einzutreten, in denen die Menschen um ihr Leben kämpfen — während die Mehrzahl der Kinder nicht einmal weiß, daß diese Bereiche existieren — oder weil sie infolge eines Trauerfalles eine Art von Leiden kennengelernt haben, das gewöhnlich Erwachsenen vorbehalten ist und dem sie in gleicher Weise wie diese die Stirn bieten müssen. Der besondere Inhalt solcher Erinnerungen, der sie von allen anderen abhebt, würde sich also dadurch erklären, daß sie sich an einem Überschneidungspunkt zweier oder mehrerer Gedankenfolgen befinden, durch die sie mit ebenso vielen Gruppen verbunden sind. Es würde nicht genügen, zu sagen: am Kreuzungspunkt einer Gedankenfolge, die uns an eine Gruppe bindet — hier die Familie —, und der einer anderen, die nur Empfindungen enthält, die in uns

durch die Dinge ausgelöst werden; alles würde dann von neuem in Frage

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gestellt werden, denn da dieses Bild der Dinge nur für uns existiert, würde sich ein Teil unserer Erinnerungen auf kein kollektives Gedächtnis stützen. Aber ein Kind hat Angst im Dunklen oder wenn es sich an einem verlassenen Ort verirrt, weil es diesen Ort mit eingebildeten Feinden bevölkert, weil es sich in dieser Dunkelheit an wer weiß welch gefährlichen Wesen zu stoßen fürchtet. Rousseau erzählt, daß Monsieur Lambercier ihm an einem sehr dunklen Herbstabend den Kirchenschlüssel gab und ihn von der Kanzel die Bibel holen hieß, die dort liegengeblieben war. „Als ich das Portal öffnete", sagt er, „hörte ich im Gewölbe einen unbestimmten Widerhall, der Stimmen zu gleichen schien und der anfing, meine römische Entschlossenheit wanken zu machen. Ich wollte durch das geöffnete Portal eintreten, aber kaum hatte ich einige Schritte getan, als ich innehielt. Die tiefe Dunkelheit wahrnehmend, die in diesem weiten Raum herrschte, wurde ich von einem Entsetzen ergriffen, das mir die Haare zu Berge stehen ließ. Ich verhedderte mich in den Bänken, ich wußte nicht mehr, wo ich war, und da ich weder die Kanzel noch das Portal finden konnte, wurde ich in eine unaussprechliche Verwirrung gestürzt." Wäre die Kirche erhellt gewesen, so hätte er gesehen, daß niemand da war und hätte sich nicht gefürchtet. Die Welt ist für das Kind niemals leer von menschlichen Wesen, von wohltätigen und bösartigen Einflüssen. Den Punkten, in denen diese Einflüsse sich treffen und überschneiden, entsprechen in der Vorstellung von seiner Vergangenheit vielleicht deutlichere Bilder, denn ein Gegenstand, den wir von zwei Seiten und mit zwei Lichtquellen beleuchten, bietet uns mehr Einzelheiten dar und zieht unsere Aufmerksamkeit stärker auf sich.

2. Erinnerungen des Erwachsenen

Beschäftigen wir uns nicht weiter mit den Kindheitserinnerungen. Man könnte eine große Anzahl von Erinnerungen aus dem Erwachsenendasein anführen, die so ursprünglich sind und so festgefügt wirken, daß sie durchaus unzerlegbar erscheinen. Aber bei diesen Beispielen würde es uns immer möglich sein, die gleiche Illusion aufzuzeigen. Daß ein bestimmtes Mitglied einer Gruppe zufällig auch einer anderen Gruppe angehört, daß die Denkweisen, die der einen und der anderen entstammen, plötzlich in seinem Geist aufeinandertreffen; vermutlich nimmt es allein diesen Kontrast wahr.

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Wie sollte es also nicht glauben, daß in ihm seine Empfindung entsteht, die nicht im geringsten dem gleichkommt, was die anderen Mitglieder dieser beiden Gruppen verspüren können, wenn diese keine anderen Berührungspunkte mit ihm haben? Diese Erinnerung ist in zwei Rahmen zugleich enthalten; aber einer dieser Rahmen hindert es, den anderen wahrzunehmen, und umgekehrt: es verschwendet seine Aufmerksamkeit auf den Punkt, in dem sie aufeinandertreffen, und kann so ihrer selbst nicht mehr gewahr werden. So bildet man sich gerne ein, daß, wenn man am Himmel zwei verschiedenen Konstellationen zugehörige Sterne wiederzufinden sucht und befriedigt ist, vom einen zum anderen eine imaginäre Linie gezogen zu haben, allein die Tatsache, sie so aufzureihen, ihrem Ganzen eine Art Einheit verleiht; gleichwohl ist jeder nur ein in einer Gruppe enthaltenes Element, und wenn wir sie haben wiederfinden können, so weil keines der Sternbilder in diesem Augenblick von einer Wolke verdeckt war. Ebenso glauben wir, daß zwei Denkweisen, einmal gegeneinandergestellt, sich gegenseitig zu verstärken scheinen, weil sie kontrastieren, ein Ganzes bilden, das aus sich selbst heraus existiert, unabhängig von den Gesamtheiten, denen sie entnommen sind — und wir bemerken nicht, daß wir in Wirklichkeit zugleich die beiden

Gruppen betrachten, jedoch jede aus der Sicht der anderen. Greifen wir nun die Annahme wieder auf, die wir zuvor entwickelt haben. Ich habe eine Reise mit Menschen gemacht, die ich seit kurzem kenne und die wiederzusehen mir später nur in großen Zeitabständen bestimmt war. Wir reisten zu unserem Vergnügen. Aber ich sprach wenig, ich hörte kaum zu. Mein Sinn war angefüllt mit Gedanken und Bildern, die die anderen nicht interessieren konnten und von denen sie nichts wußten, weil sie mit meinen Eltern, meinen Freunden zusammenhingen, von denen ich im Augenblick entfernt war. So fanden sich Menschen, die ich liebte, die die gleichen Interessen hatten wie ich — eine ganze Gemeinschaft, die mir eng verbunden war —, ohne es zu wissen in ein Milieu eingeführt, in Ereignisse verwickelt, Landschaften zugesellt, die ihnen vollkommen fremd oder gleichgültig waren. Betrachten wir daraufhin unsere Eindrücke. Sie lassen sich zweifellos durch das erklären, was im Mittelpunkt unseres Gefühls- und Geisteslebens stand. Aber sie haben sich gleichwohl innerhalb eines zeitlichen und räumlichen

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Rahmens und inmitten von Umständen entfaltet, auf die unser damaliges inneres Beschäftigtsein seine Schatten warf, die jedoch ihrerseits dessen Hergang und Gepräge modifizierten, so wie am Fuße eines antiken Monumentes erbaute Häuser, die nicht seines Alters sind. Wenn wir uns diese Reise ins Gedächtnis zurückrufen, so tun wir dies selbstverständlich nicht aus derselben Sicht wie unsere Begleiter, da sie sich in unseren Augen letztlich aus einer Reihe allein uns bekannter Eindrücke zusammensetzt. Aber man kann auch nicht sagen, daß wir ausschließlich die Betrachtungsweise unserer Freunde, unserer Eltern, unserer bevorzugten Autoren annehmen, deren Andenken uns begleitete. Während wir auf einer Bergstraße neben Menschen von bestimmtem Aussehen, von bestimmtem Charakter wanderten, uns zerstreut in ihre Unterhaltung einmischten, unsere Gedanken indessen innerhalb unseres früheren Milieus weilten, kamen die verschiedenen Eindrücke, die in uns einander folgten, einer bestimmten Anzahl besonderer, origineller und neuer Arten gleich, die Menschen, die uns teuer waren und die Bande, die uns mit ihnen verknüpften, zu sehen. Aber andererseits sind diese Eindrücke — gerade weil sie neu sind und weil sie viele Elemente enthalten, die unseren früheren und zutiefst unseren gegenwärtigen Gedankengängen fremd sind — ebenso fremd für die Gruppen, die uns am innigsten umfassen. Sie bringen diese zum Ausdruck, aber zugleich auf diese Weise nur unter der Voraussetzung, daß sie materiell nicht mehr da sind, da alle Gegenstände, die wir sehen, alle Menschen, die wir hören, uns vielleicht allein in dem Maße auffallen, wie sie uns die Abwesenheit der ersteren fühlen lassen. Diese Sicht, die weder die unserer augenblicklichen Begleiter ist noch vollkommen und unvermischt die unserer Freunde von gestern und morgen — wie sollten wir sie nicht von den einen wie von den anderen loslösen, um sie uns selber zuzuschreiben? Stimmt es nicht, daß das, was uns auffällt, wenn wir uns auf diesen Eindruck besinnen, jene Elemente in ihm sind, die sich nicht durch unsere Beziehungen zu dieser oder jener Gruppe erklären lassen, die von deren Denkweise und Erfahrung abweichen? Ich weiß, daß dieser Eindruck von meinen Begleitern nicht geteilt werden, nicht einmal erraten werden konnte. Ich weiß ebenfalls, daß er mir in dieser Form und in diesem Rahmen nicht von jenen Freunden und Verwandten hätte eingegeben werden können, an die ich in dem Augenblick dachte, in den ich mich

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jetzt erinnernd zurückversetzte. Besteht nicht in meinem Gedächtnis etwas wie ein Rückstand eines Eindruckes, der sich dem Denken und dem Gedächtnis sowohl der einen wie der anderen entzieht und der nur für mich existiert? Im Vordergrund des Gedächtnisses einer Gruppe stehen die Erinnerungen an Ereignisse und

Erfahrungen, die die größte Anzahl ihrer Mitglieder betreffen und die sich entweder aus ihrem Eigenleben oder aus ihren Beziehungen zu den ihr nächsten, am häufigsten mit ihr in Berührung kommenden Gruppen ergeben. Was jene anbelangt, die eine sehr geringe Anzahl und bisweilen ein einziges ihrer Mitglieder betreffen, so treten sie in den Hintergrund, obgleich sie im Gedächtnis der Gruppe enthalten sind, da sie zumindest teilweise innerhalb ihrer Grenzen entstanden sind. Zwei Wesen können sich eng aneinander gebunden fühlen und alle ihre Gedanken gegenseitig austauschen. Wenn sie zu manchen Zeitpunkten innerhalb verschiedener Milieus leben, müßten sie sich — obgleich sie durch Briefe, Beschreibungen, durch ihre Berichte bei ihrem Wiedersehen gegenseitig in allen Einzelheiten die Umstände wissen lassen können, in denen sie sich befanden, als sie nicht mehr miteinander in Berührung waren — einer mit dem anderen identifizieren, um alles, was von ihren Erfahrungen dem einen oder dem anderen fremd war, in ihr gemeinsames Denken eingehen zu lassen. Wenn Mlle de Lespinnasse an Graf Guibert schreibt, kann sie ihm annähernd verständlich machen, was sie fern von ihm, aber innerhalb der ihm bekannten Gesellschaften und mondänen Kreise empfindet, weil auch er ihnen zugehört. Er kann seine Geliebte so sehen, wie sie sich aus der Sicht jener Männer und Frauen sehen kann, die nichts von ihrem romanhaften Leben wissen — und er kann sie ebenso sehen, wie sie sich selbst sieht, aus der Sicht der geheimen und geschlossenen Gruppe heraus, die sie zu zweit bilden. Gleichwohl ist er fern, und ohne daß er es weiß, können innerhalb der Gesellschaft, in der sie verkehrt, etliche Veränderungen eintreten, von denen ihm ihre Briefe keine hinreichende Vorstellung geben, so daß ihm manches in ihrer Haltung diesen mondänen Kreisen gegenüber entgehen und immer entgehen wird: es genügt nicht, daß er sie liebt, so wie er sie liebt, um diese Verhaltensweisen zu erraten. Eine Gruppe tritt gewöhnlich mit anderen Gruppen in Verbindung. Es gibt etliche Ereignisse, die sich aus ähnlichen Kontakten

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ergeben, und ebenso manches Gedankengut, dem allein sie zugrunde liegen. Zuweilen sind diese Beziehungen oder Kontakte permanent oder wiederholen sich jedenfalls recht häufig, werden während einer recht ausgedehnten Zeitspanne fortgesetzt. Wenn beispielsweise eine Familie lange Zeit in derselben Stadt oder in der Nähe derselben Freunde lebt, bilden Stadt und Familie, Freunde und Familie gleichsam komplexe Gesellschaften. Alsdann entstehen Erinnerungen, die in zwei den Mitgliedern der beiden Gruppen gemeinsamen Denkbereichen enthalten sind. Um eine derartige Erinnerung wiederzuerkennen, muß man zugleich an der einen und an der anderen teilhaben. Diese Voraussetzung wird eine Zeitlang von einem Teil der Familienmitglieder erfüllt, jedoch in unterschiedlicher Weise zu verschiedenen Zeitpunkten — je nachdem ob das Interesse dieser letzteren auf die Stadt oder auf ihre Familie gerichtet ist. Und es genügt im übrigen, daß einige der Familienmitglieder diese Stadt verlassen, in eine andere ziehen, um sich weniger mühelos an das erinnern zu können, was sie nur behielten, weil sie gleichzeitig in zwei konvergierende Strömungen kollektiven Denkens einbezogen waren, während sie gegenwärtig fast ausschließlich den Einfluß einer dieser Strömungen erfahren. Da nur ein Teil der Mitglieder einer dieser Gruppen in der anderen enthalten ist — und umgekehrt —, ist zudem jeder dieser beiden kollektiven Einflüsse schwächer als wenn er sich allein auswirken würde. Tatsächlich ist es nicht die gesamte Gruppe — die Familie beispielsweise —, sondern nur ein Teil von ihr, der einem der Ihren helfen kann, sich diese Art von Erinnerungen ins Gedächtnis zurückzurufen. Man muß sich in Verhältnissen befinden oder sich in Verhältnisse versetzen, die diesen beiden Einflüssen erlauben, ihre Aktion aufs günstigste zu verbinden, damit die Erinnerung wieder auftaucht und wiedererkannt wird. Daraus ergibt sich, daß sie weniger vertraut erscheint, daß man sogar deutlich die kollektiven Faktoren wahrnimmt, die sie bestimmen, und daß man die Illusion

hat, sie sei weniger als die anderen der Kraft unseres Willens unterworfen.

Die individuelle Erinnerung als Grenze der kollektiven Interferenzen Es kommt recht häufig vor, daß wir uns selbst Vorstellungen und Überlegungen oder Gefühle und Leidenschaften zuschreiben — so als sei ihre Quelle nirgendwo als nur in uns selbst —, die uns von

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unserer Gruppe eingegeben worden sind. Dann sind wir so gut auf unsere Mitmenschen abgestimmt, daß wir mit ihnen „im Gleichtakt schwingen" und nicht mehr wissen, wo der Ausgangspunkt der Schwingungen liegt, ob in uns oder in den anderen. Wie oft bringt man dann nicht mit einer ganz persönlich scheinenden Überzeugung Überlegungen zum Ausdruck, die man einer Zeitung, einem Buch oder einer Unterhaltung entnommen hat? Sie passen so gut zu unserer Betrachtungsweise, daß man uns in Erstaunen versetzen würde, entdeckte man uns, wer ihr Urheber ist, und daß nicht wir es sind. „Wir hatten schon daran gedacht" : wir bemerken nicht, daß wir indessen nur ein Echo sind. Die gesamte Kunst des Redners besteht vielleicht darin, seinen Zuhörern die Illusion zu verschaffen, daß die Überzeugungen und Gefühle, die er in ihnen wachruft, ihnen nicht von außen her eingegeben worden sind, daß sie sie von sich selbst aus entwickelt haben, daß er lediglich erraten hat, was im geheimen ihres Bewußtseins entstand, und daß er ihnen nur seine Stimme geliehen hat. Auf die eine oder andere Art bemüht sich jede soziale Gruppe, in ihren Mitgliedern eine ähnliche Überzeugung zu unterhalten. Wieviele Menschen haben genügend kritischen Sinn, um in dem, was sie denken, den Anteil der anderen zu unterscheiden und um sich selbst einzugestehen, daß sie meist nichts von sich aus dazu getan haben? Bisweilen erweitert man den Kreis der Menschen, mit denen man verkehrt, und der Bücher, die man liest; man rechnet sich seinen Eklektizismus, der uns erlaubt, die verschiedenen Aspekte der Fragen und Dinge zu erkennen und zu vergleichen, als Verdienst an; selbst dann kommt es oft vor, daß die Dosierung unserer Meinungen, die Komplexität unserer Gefühle und Neigungen nur der Ausdruck des Zufalls ist, der uns mit verschiedenartigen oder selbst gegensätzlichen Gruppen in Berührung gebracht hat, und daß der Teil, den wir von jeder ihrer Betrachtensweisen übernehmen, durch die ungleiche Intensität der Einflüsse bestimmt wird, die sie auf uns ausgeübt haben. Jedenfalls meinen wir, in dem Maße, in dem wir widerstandslos einer Beeinflussung von außen her nachgeben, frei zu denken und zu fühlen. So bleibt die Mehrzahl der sozialen Einflüsse, denen wir am häufigsten gehorchen, von uns unbemerkt. Dies aber trifft ebenso und vielleicht in noch stärkerem Maße zu, wenn am Treffpunkt mehrerer sich in uns kreuzender Strömungen kollektiven Denkens einer dieser komplexen Zustände entsteht, in denen

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man ein einzigartiges Ereignis hat sehen wollen, das nur für uns existieren wird. Da ist ein Reisender, der sich plötzlich erneut von Einflüssen erfaßt fühlt, die einem seinen Begleitern fremden Milieu entstammen. Da ist ein Kind, das sich durch ein unerwartetes Zusammentreffen von Umständen in einer Situation befindet, die seinem Alter nicht angemessen ist, und dessen Denken sich Gefühlen und Besorgnissen eines Erwachsenen aufschließt. Da ist ein Orts-, Berufs-, Familienwechsel, der noch nicht völlig die Bande zerreißt, die uns an unsere alten Gruppen binden. Indessen kommt es vor, daß in einem solchen Fall die sozialen Einflüsse komplexer, weil zahlreicher, verworrener werden. Aus diesem Grunde ermißt und unterscheidet man sie weniger deutlich. Man nimmt jedes Milieu zur gleichen Zeit wie in dem seines eigenen im Lichte des oder der anderen wahr und hat den

Eindruck, daß man sich seiner Einflußnahme widersetzt. Zweifellos müßte bei diesem Konflikt oder dieser Kombination der Einflüsse jeder von ihnen deutlicher hervortreten. Aber da diese Milieus einander entgegenwirken, meint man, weder an dem einen noch an dem anderen beteiligt zu sein. Besonders das, was in den Vordergrund tritt — die Fremdheit der Situation, in der man sich befindet —, genügt, um das individuelle Denken zu absorbieren. Dieser Vorgang schiebt sich wie ein Schirm zwischen dies letztere und die sozialen Denkweisen, aus deren Verbindung es hervorgegangen ist. Er kann von keinem der Mitglieder dieser Milieus außer von mir voll und ganz verstanden werden. In diesem Sinne gehört er mir, und schon in dem Augenblick, in dem er in Erscheinung tritt, würde ich versucht sein, ihn durch mich, und durch mich allein, zu erklären. Ich würde höchstens zugeben, daß die Umstände, das heißt das Aufeinandertreffen dieser Milieus, zum Anlaß gedient haben — daß sie das Sicheinstellen eines seit langem in meinem persönlichen Schicksal beschlossenen Ereignisses, das Zutagetreten eines Gefühls, das potentiell in mir persönlich vorhanden war, erlaubt haben. Da die anderen es nicht gekannt und in keiner Weise zu seinem Entstehen beigetragen haben (zumindest bilde ich mir dies ein), werde ich später, wenn es in meinem Gedächtnis wieder aufleben wird, nur ein Mittel haben, mir seine Wiederkehr zu erklären: weil es auf die eine oder andere Weise unverändert in meinem Sinn bewahrt worden ist. Dem ist jedoch keineswegs so. Diese Erinnerungen, die uns rein persönlich und nur für uns kenntlich und auffindbar scheinen,

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unterscheiden sich von den anderen durch die größere Komplexität der zu ihrer Wiederbelebung notwendigen Umstände; dies aber ist nur ein gradmäßiger Unterschied. Bisweilen beschränkt man sich darauf, zu behaupten, daß unsere Vergangenheit zwei Arten von Elementen enthält: jene, die wachzurufen uns möglich ist, wann immer wir es wünschen, und jene, die dagegen unserem Ruf nicht gehorchen, so daß es scheint, als stoße sich unser Wille an einem Hindernis, wenn wir sie in der Vergangenheit suchen. In Wirklichkeit kann man von den ersten sagen, daß sie der Allgemeinheit angehören — in dem Sinn, daß das, was uns derart vertraut oder leicht zugänglich ist, es ebenfalls für die anderen ist. Die Vorstellung, die wir uns am mühelosesten machen, die aus beliebig persönlichen und besonderen Elementen zusammengesetzt ist, ist die Vorstellung, die die anderen von uns haben; und die Ereignisse unseres Lebens, die uns stets am gegenwärtigsten sind, haben auch das Gedächtnis der uns enger verbundenen Gruppen gezeichnet. So gehören die Begebenheiten und Kenntnisse, die wir uns am mühelosesten ins Gedächtnis zurückrufen, dem Gemeingut zumindest eines oder einiger Milieus an. In diesem Maße sind diese Erinnerungen also „aller Welt" zu eigen; und weil wir uns auf das Gedächtnis der anderen stützen können, sind wir jederzeit und wann immer wir wollen fällig, sie zurückzurufen. Von den zweiten, von denen, die wir nicht beliebig zurückrufen können, wird man gerne sagen, daß sie nicht den anderen, sondern uns gehören, weil allein wir sie haben kennen können. So seltsam und paradox es scheinen mag — die Erinnerungen, die zu erwecken uns am schwersten fällt, sind jene, die nur uns angehen, die unser ausschließliches Eigentum darstellen, so als könnten sie der Kenntnis der anderen nur unter der Voraussetzung entgehen, auch uns selbst zu entfallen. Wird man sagen, daß es uns ebenso ergeht wie jemandem, der seinen Schatz in einem Panzerschrank eingeschlossen hat, dessen Schloß so kompliziert ist, daß es ihm nicht mehr gelingt, es zu öffnen, daß er sich nicht mehr auf die Schlüsselzahlen besinnen kann und es dem Zufall überlassen muß, ob es ihm wieder einfällt? Aber es gibt eine zugleich natürlichere und einfachere Erklärung. Zwischen den Erinnerungen, die wir beliebig heraufbeschwören und jenen, die sich unserem Zugriff entzogen zu haben scheinen, würde man in Wirklichkeit alle Abstufungen finden. Die Voraussetzungen, die not-

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wendig sind, um die einen und die anderen wiedererstehen zu lassen, unterscheiden sich nur dem Grad der Komplexität nach. Die ersteren sind immer für uns erreichbar, weil sie innerhalb von Gruppen fortbestehen, in die einzudringen uns jederzeit freisteht — innerhalb eines kollektiven Gedankengutes, mit dem wir stets so eng in Berührung bleiben, daß alle seine Elemente, alle Verbindungen zwischen diesen Elementen sowie ihre unmittelbaren gegenseitigen Übergänge uns vertraut sind. Die zweiten sind uns weniger und seltener zugänglich, da die Gruppen, die sie uns nahebringen könnten, weiter entfernt sind, weil wir mit ihnen nur gelegentlich in Berührung kommen. Es gibt Gruppen, die sich zusammenschließen oder häufig zusammentreffen, so daß wir von der einen in die andere übergehen, gleichzeitig in der einen und der anderen sein können; zwischen anderen Gruppen sind die Beziehungen so begrenzt, daß wir weder die Gelegenheit haben noch auf den Gedanken kommen, die verwischten Bahnen zu verfolgen, auf denen sie miteinander verkehren. Dabei würden wir auf solchen Bahnen, auf solchen verborgenen Wegen die Erinnerungen wiederfinden, die uns zu eigen sind — ebenso wie ein Reisender eine Quelle, eine Felsengruppe, eine Landschaft als allein ihm gehörig betrachten kann, zu denen man nur unter der Bedingung gelangt, von der Straße abzuweichen und über einen schlecht gebahnten und unbegangenen Weg eine andere einzuschlagen. Die Ansätze dieses Querweges befinden sich wohl an den beiden Straßen, und sie sind einem bekannt: aber es bedarf einiger Aufmerksamkeit und vielleicht eines Zufalls, um sie wiederzufinden — und man kann etliche Male die eine wie die andere Straße entlanggehen, ohne auf den Gedanken zu kommen, sie zu suchen; besonders dann, wenn man nicht damit rechnen kann, durch die Passanten auf einer dieser Straßen auf sie aufmerksam gemacht zu werden, da diese nicht dorthin zu gehen suchen, wo die andere Straße sie hinführen würde. Scheuen wir uns nicht, nochmals auf die Beispiele zurückzukommen, die wir gegeben haben. Wir werden sehen, daß die Ansatzpunkte oder Elemente dieser persönlichen Erinnerungen, die niemandem als nur uns zu gehören scheinen, sich durchaus in bestimmten sozialen Milieus befinden und dort fortbestehen können, und daß die Mitglieder dieser Gruppen (denen wir selbst anzugehören nicht aufhören), fragten wir sie gehörig aus, sie dort entdecken und

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uns zeigen könnten. Unsere Reisegefährten kennen die Eltern und die Freunde nicht, die wir daheim gelassen haben. Aber sie haben bemerken können, daß wir uns ihnen selbst nicht völlig angeschlossen haben. In bestimmten Augenblicken haben sie gefühlt, daß wir eine Art fremdes Element in ihrer Gruppe waren. Wenn wir sie später wiedertreffen, werden sie uns ins Gedächtnis rufen können, daß wir während eines bestimmten Teils der Reise zerstreut waren, oder daß wir eine Überlegung angestellt, Worte ausgesprochen haben, die zeigten, daß nicht alle unsere Gedanken bei ihnen waren. Das Kind, das sich im Wald verirrt oder sich in einer Gefahr befunden hat, die in ihm Gefühle eines Erwachsenen wachgerufen hat, hat nichts davon seinen Eltern erzählt. Diese aber haben bemerken können, daß es daraufhin nicht mehr so sorglos wie gewöhnlich war — so als sei ein Schatten über es hinweggegangen —, und daß es eine Wiedersehensfreude bezeigte, die nicht völlig die eines Kindes war. Bin ich von einer Stadt in eine andere umgezogen, wußten die Einwohner dieser letzteren nicht, woher ich kam; aber bevor ich mich meinem neuen Milieu angepaßt habe, sind mein Erstaunen, meine Neugierde, mein Unwissen einem ganzen Teil ihrer Gruppe gewiß nicht entgangen. Zweifellos haben diese kaum sichtbaren Spuren von Vorgängen, die ohne große Bedeutung für das Milieu selbst waren, dessen Aufmerksamkeit nicht lange angezogen. Ein Teil seiner

Mitglieder würde sie jedoch wiederfinden oder wüßte zumindest, wo sie zu suchen sind, wenn ich ihnen den Vorgang erzählen würde, der sie hat hinterlassen können. Wenn überdies das kollektive Gedächtnis seine Kraft und seine Beständigkeit daraus herleitet, daß es auf einer Gesamtheit von Menschen beruht, so sind es indessen die Individuen, die sich als Mitglieder der Gruppe erinnern. In dieser Masse gemeinsamer, sich aufeinander stützender Erinnerungen sind es nicht dieselben, die jedem von ihnen am deutlichsten erscheinen. Wir würden sagen, jedes individuelle Gedächtnis ist ein „Ausblickspunkt" auf das kollektive Gedächtnis; dieser Ausblickspunkt wechselt je nach der Stelle, die wir darin einnehmen, und diese Stelle selbst wechselt den Beziehungen zufolge, die ich mit anderen Milieus unterhalte. Es ist demnach nicht erstaunlich, daß nicht alle das gemeinsame Werkzeug mit dem gleichen Nutzen anwenden. Will man diese Verschiedenheit

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erklären, so stößt man indessen immer wieder auf eine Kombination von Einflüssen, die alle sozialer Natur sind. Von diesen Kombinationen sind manche überaus komplex. Deshalb hängt es nicht von uns ab, sie wiedererscheinen zu lassen. Man muß sich dem Zufall anvertrauen, muß darauf warten, daß sich innerhalb der sozialen Milieus, in denen wir uns materiell oder gedanklich bewegen, mehrere Wellensysteme erneut überschneiden und in gleicher Weise wie früher das Registriergerät, das unser individuelles Gedächtnis ist, in Schwingungen versetzen. Aber die Art der Kausalität ist hier dieselbe und könnte nur dieselbe wie früher sein. Die Folge der Erinnerungen, selbst der allerpersönlichsten, erklärt sich immer aus den Veränderungen, die in unseren Beziehungen zu den verschiedenen kollektiven Milieus entstehen, das heißt, letztlich aus den Veränderungen jedes einzelnen dieser Milieus und ihrer Gesamtheit. Man wird sagen, es sei seltsam, daß Zustände, die einen so auffallenden Charakter unwiderlegbarer Einheit aufweisen, daß unsere persönlichsten Erinnerungen sich aus der Verschmelzung so vieler verschiedenartiger und getrennter Elemente ergeben. Zuerst einmal löst sich bei näherer Überlegung diese Einheit durchaus in eine Vielheit auf. Man hat bisweilen behauptet, daß man in einem wahrhaft persönlichen Bewußtseinszustand bei genauerer Untersuchung den gesamten Geistesinhalt, von einem gewissen Gesichtspunkt aus betrachtet, wiederfindet. Aber unter Geistesinhalt sind alle Elemente zu verstehen, die die Beziehungen zu den verschiedenen Milieus kennzeichnen. Ein persönlicher Bewußtseinszustand enthüllt so die Komplexität der Kombination, aus der er hervorgegangen ist. Was seine scheinbare Einheit anbetrifft, so erklärt sie sich aus einer ganz natürlichen Illusion. Philosophen haben gelehrt, das Gefühl der Freiheit erkläre sich aus der Vielfalt der kausalen Folgen, die sich verbinden, um eine Handlung hervorzubringen. Wir kommen überein, daß jedem dieser Einflüsse ein anderer entgegenwirken kann; wir glauben dann, daß unser Handeln von allen diesen Einflüssen unabhängig ist, da es von keinem von ihnen ausschließlich abhängt, und wir bemerken nicht, daß es sich in Wirklichkeit aus ihrer Gesamtheit ergibt und stets vom Gesetz der Kausalität beherrscht wird. Da die Erinnerung durch die Auswirkung mehrerer Folgen ineinander verflochtener kollektiver Denkweisen

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wiederersteht, und wir sie keiner von ihnen ausschließlich zuschreiben können, meinen wir auch hier, sie sei unabhängig und stellen ihre Einheit deren Vielfalt gegenüber. Ebensogut kann man annehmen, ein schwerer, an einer Anzahl gekreuzt gespannter Fäden in der Luft aufgehängter Gegenstand schwebe frei im Leeren. Kollektives und historisches Gedächtnis

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Zweites Kapitel Kollektives und historisches Gedächtnis

Autobiographisches und historisches Gedächtnis: ihr scheinbarer Widerstreit Man ist noch nicht daran gewöhnt, vom Gedächtnis einer Gruppe zu sprechen, selbst bildlich nicht. Es scheint, als könne die Fähigkeit des Sicherinnerns nur in dem Maße existieren und fortdauern, als sie mit einem individuellen Körper oder Geist verbunden ist. Nehmen wir jedoch an, daß die Erinnerungen auf zweierlei Art in Erscheinung treten — daß sie sich bald einem bestimmten Menschen zugesellen können, der sie aus seiner Sicht betrachtet, bald sich innerhalb einer großen oder kleinen Gesellschaft verteilen können, von der sie eine bestimmte Anzahl von Teilbildern sind. Es würde also individuelle und, wenn man so will, kollektive „Gedächtnisse" geben. Mit anderen Worten, das Individuum würde an zwei Arten von Gedächtnissen teilhaben. Aber je nachdem, ob es an dem einen oder dem anderen teilhat, würde es zwei sehr verschiedene und selbst gegensätzliche Haltungen einnehmen. Einerseits würden seine Erinnerungen sich in den Rahmen seiner Persönlichkeit oder seines persönlichen Lebens einfügen — sogar die, die es mit anderen gemeinsam hat, würden von ihm allein unter dem Aspekt betrachtet, der es selber als sich von den anderen unterscheidendes Individuum interessiert. Andererseits würde es zu bestimmten Zeitpunkten fähig sein, einfach als Mitglied einer Gruppe aufzutreten, das dazu beiträgt, unpersönliche Erinnerungen wachzurufen und zu unterhalten — in dem Maße, als diese die Gruppe interessieren. Wenn diese beiden Gedächtnisse einander häufig durchdringen, wenn im besonderen das individuelle Gedächtnis — um bestimmte Erinnerungen zu bestätigen, um sie zu präzisieren und selbst um einige seiner Lücken zu schließen — sich auf das kollektive Gedächtnis stützen, sich in es hineinversetzen, zeitweise mit ihm verschmelzen kann, folgt es nichtsdestoweniger seiner eigenen Bahn, und dieser gesamte äußere Beitrag wird allmählich seiner Substanz angeglichen und in sie aufgenommen. Das kollektive Gedächtnis andererseits umfaßt die individuellen Gedächtnisse, aber verschmilzt nicht mit ihnen. Es entwickelt sich seinen Gesetzen gemäß, und dringen auch zuweilen bestimmte individuelle Erinnerungen in es ein, so verändern sie sich, sobald sie in eine Gesamtheit eingefügt werden, die nicht mehr ein persönliches Bewußtsein ist. Betrachten wir nun das individuelle Gedächtnis. Es ist nicht vollkommen isoliert und in sich abgeschlossen. Um seine eigene Vergangenheit wachzurufen, muß ein Mensch oft Erinnerungen anderer zu Rate ziehen. Er nimmt auf Anhaltspunkte Bezug, die außerhalb seiner selbst liegen und von der Gesellschaft festgelegt worden sind. Mehr noch, das Tätigsein des individuellen Gedächtnisses ist nicht möglich ohne jene Instrumente, die durch die Worte und Vorstellungen gebildet werden, die das Individuum nicht erfunden und die es seinem Milieu entliehen hat. Nichtsdestoweniger trifft es zu, daß man sich allein an das erinnert, was man zu einem bestimmten Zeitpunkt gesehen, getan, gefühlt, gedacht hat — das heißt, daß unser Gedächtnis nicht mit dem der anderen verwechselt werden kann. Es ist räumlich und zeitlich ziemlich eng begrenzt. Das kollektive Gedächtnis ebenfalls — aber seine Grenzen sind nicht dieselben. Sie können gedrängter, aber auch sehr viel weiter gespannt sein. Im Laufe meines Lebens ist die nationale Gruppe, der ich angehöre, der Schauplatz einer bestimmten Anzahl von Ereignissen gewesen, von denen ich behaupte, daß ich mich an sie erinnere, die ich jedoch nur aus den Zeitungen kenne oder durch die Zeugnisse jener, die unmittelbar in sie verwickelt gewesen sind. Sie nehmen im Gedächtnis der Nation einen bestimmten Raum ein. Aber ich habe ihnen nicht selbst beigewohnt. Wenn ich sie Wiederaufleben lasse, bin ich genötigt, mich völlig auf das Gedächtnis der anderen zu

verlassen, das hier nicht das meine ergänzt oder verstärkt, sondern das die alleinige Quelle dessen ist, was ich mir von ihnen vergegenwärtigen will. Ich kenne sie oft weder besser noch anders als jene früheren Ereignisse, die vor meiner Geburt stattgefunden haben. Ich trage einen Bestand historischer Erinnerungen in mir, den ich durch Unterhaltungen oder Lektüre bereichern kann. Dies jedoch ist ein ent-

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liehenes Gedächtnis und nicht das meine. Im nationalen Denken haben diese Ereignisse eine tiefe Spur hinterlassen, nicht nur, weil die Institutionen durch sie verändert wurden, sondern weil ihre Überlieferung innerhalb dieses oder jenes Bereiches der Gruppe sehr lebendig fortlebt — innerhalb einer politischen Partei, einer Provinz, einer Berufsklasse oder selbst innerhalb dieser oder jener Familie und in manchen Menschen, die persönlich ihre Zeugen gekannt haben. Für mich sind dies Begriffe, Symbole; sie bieten sich mir in einer mehr oder minder volkstümlichen Form dar; ich kann sie mir vorstellen; es ist mir gleichwohl unmöglich, mich an sie zu erinnern. Mit einem Teil meiner Persönlichkeit bin ich der Gruppe verbunden, so daß nichts, was in ihr vorgeht, solange ich an ihr teilhabe, nichts sogar, was sie beschäftigt und verändert hat, bevor ich in sie eintrat, mir völlig fremd ist. Aber wenn ich die Erinnerung an ein solches Ereignis in aller Vollständigkeit wiederherstellen wollte, müßte ich all die deformierten und partiellen Wiedergaben vergleichend nebeneinanderstellen, die alle Mitglieder der Gruppe von ihm gemacht haben. Dagegen gehören meine persönlichen Erinnerungen ganz mir, sind ganz in mir beschlossen. Es bestünde also die Veranlassung, tatsächlich zweierlei Gedächtnisse zu unterscheiden, deren eines man, wenn man so will, innerlich oder intern und deren anderes man äußerlich nennen würde, oder auch persönliches Gedächtnis und soziales Gedächtnis. Noch genauer würden wir sagen: autobiographisches und historisches Gedächtnis. Das erste würde das zweite zu Hilfe nehmen, da schließlich die Geschichte unseres Lebens zur Geschichte allgemein gehört. Aber das zweite würde naturgemäß sehr viel umfassender sein als das erste. Andrerseits würde es uns die Vergangenheit nur in gedrängter und schematischer Form vergegenwärtigen, während die Erinnerung an unser eigenes Leben uns ein sehr viel zusammenhängenderes und dichteres Bild geben würde. Kommt man überein, daß wir unser persönliches Gedächtnis nur von innen her und das kollektive Gedächtnis von außen her kennen, so wird tatsächlich zwischen dem einen und dem anderen ein lebhafter Kontrast bestehen. Ich erinnere mich an Reims, weil ich ein ganzes Jahr lang dort gelebt habe. Ebenso erinnere ich mich, daß Jeanne d'Arc in Reims gewesen ist und daß man dort Karl VII. gesalbt hat, weil ich es erzählen hörte oder weil ich es gelesen habe. Jeanne d'Arc

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ist so oft im Theater, im Film usw. dargestellt worden, daß es mir wirklich keinerlei Mühe bereitet, mir Jeanne d'Arc in Reims vorzustellen. Gleichzeitig weiß ich wohl, daß ich nicht Zeuge des Ereignisses selbst habe sein können; ich mache hier bei den Worten halt, die ich gelesen oder gehört habe — bei quer durch die Zeit reproduzierten Zeichen, die alles sind, was aus der Vergangenheit zu mir gelangt. Ebenso ist es mit allen historischen Geschehnissen, die wir kennen. Eigennamen, Jahreszahlen, Formeln, die eine lange Reihe von Einzelheiten zusammenfassen, bisweilen eine Anekdote oder ein Zitat: das ist die Gedenktafel der Ereignisse früherer Zeiten, ebenso knapp, allgemein und arm an Sinn wie die Mehrzahl der Inschriften, die man auf Grabmälern liest. Das bedeutet, daß die Geschichte in der Tat einem Friedhof gleicht, dessen Raum abgemessen ist und auf dem jederzeit Platz für neue Gräber gefunden werden muß.

Wenn das vergangene soziale Milieu für uns nur in derartigen historischen Formeln bestünde, wenn — allgemeiner — das kollektive Gedächtnis nur Jahreszahlen und Definitionen oder willkürliche Erinnerungen an Ereignisse enthielte, bliebe es uns durchaus fremd. Innerhalb unserer so ausgedehnten nationalen Gesellschaft fließt manches Leben dahin, ohne mit den gemeinsamen Interessen der größten Anzahl jener in Berührung zu kommen, die die Zeitung lesen und den öffentlichen Angelegenheiten einige Aufmerksamkeit schenken. Wieviele Zeitabschnitte gibt es nicht — selbst dann, wenn wir uns nicht in diesem Maße absondern —, während derer wir, vom Lauf der Tage absorbiert, nicht mehr wissen, „was los ist". Später werden wir uns vielleicht vornehmen, die bemerkenswertesten zeitgenössischen öffentlichen Ereignisse während eines bestimmten Abschnittes unseres Lebens zusammenzustellen. Was geschah in der Welt und in meinem Land im Jahre 1877, als ich geboren wurde? Es ist das Jahr des 16. Mai, in dem sich die politische Lage von einer Woche zur anderen verändert, in dem die Republik wirklich geboren wurde. Das Kabinett de Broglie war an der Macht. Gambetta erklärte: „Il faut se soumettre ou se démettre". Zu diesem Zeitpunkt stirbt der Maler Courbet. Ebenfalls zu diesem Zeitpunkt veröffentlicht Viktor Hugo den 2. Band der „Légende des Siècles". In Paris vollendet man den Boulevard St. Germain und beginnt, die Avenue de la République anzulegen. In Europa konzentriert sich alle Aufmerksamkeit auf den Krieg Rußlands gegen die Türkei. Pascha Osman

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muß nach einer langen und heroischen Verteidigung Plevna übergeben. So rekonstruiere ich einen Rahmen, der jedoch sehr weitgefaßt ist und in dem ich mich seltsam verloren fühle. Von jenem Augenblick an bin ich zweifellos in den Strom des nationalen Lebens aufgenommen worden, aber ich habe mich ihm kaum angehörig gefühlt. Ich war wie ein Reisender auf einem Schiff. Die beiden Ufer gleiten am Auge vorüber, die Fahrt fügt sich gut in diese Landschaft ein — aber nehmen wir an, der Reisende sei innerlich beschäftigt oder werde durch seine Reisebegleiter abgelenkt: so wird er nur von Zeit zu Zeit darauf achten, was am Ufer geschieht, und später wird er sich an die Fahrt erinnern können, ohne viel an Einzelheiten der Landschaft zu denken, oder er wird ihren Verlauf auf der Karte verfolgen können; vielleicht wird er auf diese Weise einige vergessene Erinnerungen wiederfinden, andere präzisieren. Aber zwischen dem durchfahrenen Land und dem Reisenden wird es keine wirkliche Verbindung gegeben haben. Manche Psychologen mögen sich vielleicht vorstellen, daß die historischen Ereignisse als Hilfsmittel unseres Gedächtnisses keine andere Rolle spielen als die auf einer Uhr eingezeichneten oder durch den Kalender festgelegten Zeiteinteilungen. Unser Leben fließt in einer fortgesetzten Bewegung dahin. Aber wenn wir auf das so Verflossene zurückblicken, ist es uns stets möglich, seine verschiedenen Abschnitte zwischen die Unterteilungspunkte der kollektiven Zeit zu verteilen — Punkte, die wir außerhalb unserer selbst vorfinden und die allen individuellen Gedächtnissen von außen her aufgezwungen werden, gerade weil diese ihren Ursprung in keinem dieser Abschnitte haben. Die so festgelegte soziale Zeit würde völlig außerhalb der vom Bewußtsein gelebten Zeitdauer liegen. Dies wird offensichtlich, sobald es sich um eine Uhr handelt, die die astronomische Zeit mißt. Aber ebenso ist es mit den auf dem Zifferblatt der Geschichte eingezeichneten Daten, die den bemerkenswertesten Ereignissen des Lebens einer Nation entsprechen, von denen wir bisweilen zum Zeitpunkt ihres Geschehens keine Kenntnis haben oder deren Bedeutung wir erst später erkennen. Unser Leben würde an der Oberfläche der sozialen Strukturen liegen, es würde ihnen in ihren Veränderungen folgen, würde die Nachwirkung ihrer Erschütterungen erfahren. Aber ein Ereignis nimmt seinen Platz innerhalb der Folge der historischen Tatsachen erst einige Zeit ein, nachdem es geschehen ist. Wir kön-

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nen also nur nachträglich die verschiedenen Phasen unseres Lebens den nationalen Geschehnissen zugliedern. Nichts würde besser beweisen, wie künstlich und äußerlich das Verfahren ist, das darin besteht, die Unterteilungen des kollektiven Lebens zu Anhaltspunkten zu nehmen. Ebenso würde nichts deutlicher zeigen, daß man in Wirklichkeit zwei verschiedene Dinge beobachtet, richtet man seine Aufmerksamkeit einmal auf das individuelle, zum anderen auf das kollektive Gedächtnis. Die Ereignisse und Daten, die die Substanz selbst des Lebens der Gruppe darstellen, können für das Individuum nur äußere Zeichen sein, auf die es allein unter der Voraussetzung Bezug nimmt, aus sich selbst herauszutreten. Gewiß, wenn das kollektive Gedächtnis über keine andere Materie als über Reihen von Jahreszahlen oder Verzeichnisse historischer Fakten verfügte, würde es nur eine durchaus sekundäre Rolle bei der Verdichtung unserer Erinnerungen spielen. Dies jedoch ist eine ganz besonders eng gefaßte Konzeption, die nicht der Wirklichkeit entspricht. Eben aus diesem Grunde ist es uns schwergefallen, sie in dieser Form darzustellen. Es war jedoch notwendig, da sie durchaus mit einer allgemein anerkannten These übereinstimmt. Sehr häufig hält man das Gedächtnis für eine im Grunde individuelle Fähigkeit, d. h. die innerhalb eines Bewußtseins wirksam wird, das, abgeschieden von den anderen, allein auf sich selbst angewiesen und fähig ist — sei es willentlich, sei es zufällig —, sich auf die Zustände zu besinnen, die es ehemals durchlebt hat. Da es indessen unbestreitbar ist, daß wir unsere Erinnerungen oft in einen Raum oder eine Zeit einordnen, über deren Unterteilungen wir uns mit den anderen verständigen, daß wir sie zwischen Daten einfügen, die nur Sinn in Verbindung mit den Gruppen haben, denen wir angehören, nimmt man an, daß dem so ist. Dies jedoch stellt eine Art Mindestkonzession dar, die für jene, die ihr zustimmen, die Spezifität des individuellen Gedächtnisses nicht beeinträchtigt.

Ihre reelle gegenseitige Durchdringung (Die Geschichte der Gegenwart)

„Indem ich mein Leben im Jahre 1835 beschreibe", beobachtete Stendhal, „mache ich etliche

Entdeckungen

Jagd nach den Daten gehen

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Neben erhaltenen Freskenausschnitten fehlen die Daten; ich muß auf die

Wie ist von meiner Ankunft in Paris im Jahre 1799

an mein Leben mit den Ereignissen aus der Zeitung verbunden, alle Daten stehen fest

Jahre 1835 entdecke ich die Physiognomie und das Warum der Ereignisse" (Vie de Henri Brulard). Die Daten und die historischen oder nationalen Ereignisse, die sie darstellen (denn in diesem Sinne versteht sie Stendhal), können völlig außerhalb — zumindest scheinbar — unserer Lebensumstände liegen; später aber, wenn wir darüber nachdenken, „machen wir etliche Entdeckungen", „entdecken wir das Warum etlicher Ereignisse". Dies kann auf mehrere Arten verstanden werden. Wenn ich eine Geschichte der Gegenwart durchblättere und die verschiedenen französischen oder europäischen Ereignisse an mir vorbeiziehen lasse, die seit meinem Geburtsdatum einander gefolgt sind, so habe ich, was die ersten acht oder zehn Jahre meines Lebens betrifft, tatsächlich den Eindruck eines äußeren Rahmens, dessen Existenz mir unbekannt war — und ich lerne, meine Kindheit in die Geschichte meiner Zeit einzugliedern. Aber wenn ich auf solche Weise diese erste Phase meines Lebens von außen her beleuchte, wird mein Gedächtnis in seinen persönlichen Elementen dadurch kaum bereichert, und ich sehe in meiner kindlichen Vergangenheit keine neuen Lichter aufleuchten, keine neuen Gegenstände auftauchen und sich enthüllen. Dies rührt zweifellos daher, daß ich damals keine Zeitungen las und mich nicht in die Gespräche der Erwachsenen einmischte. Gegenwärtig kann ich mir eine Vorstellung, aber eine notwendigerweise willkürliche

Im

Vorstellung der öffentlichen und nationalen Verhältnisse machen, für die meine Eltern sich interessiert haben müssen: ich kann mich ebensowenig an diese Ereignisse wie an die Reaktion erinnern, die sie bei den Meinen auslösten. Mir scheint, als sei das erste die Nation betreffende Ereignis, das in das Geflecht meiner Kindheitseindrücke eindrang, die Beerdigung Victor Hugos gewesen (ich war damals acht Jahre alt). Ich sehe mich noch an der Seite meines Vaters am Vorabend zum Arc de Triomphe de l'Etoile hinaufgehen, wo der Katafalk errichtet war, und am nächsten Tag dem Trauerzug von einem Balkon an der Ecke der Rue Soufflot und der Rue Gay-Lussac aus beiwohnen. Hat sich bis zu diesem Zeitpunkt keine Erschütterung der nationalen Gruppe, in die ich eingeschlossen war, bis zu mir und dem engen Kreis meiner Beschäftigungen hin ausgewirkt? Gleichwohl kam ich mit meinen Eltern in Berührung: sie selbst waren für viele Einflüsse empfänglich; teilweise waren sie so und nicht

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anders, weil sie eben zu jener Zeit lebten, in jenem Land, in bestimmten politischen und nationalen Verhältnissen. In ihrer gewöhnlichen Erscheinung, in der allgemeinen Gestimmtheit ihrer Gefühle entdecke ich vielleicht keine Spur bestimmter „historischer" Ereignisse wieder. Aber es herrschte im Frankreich der auf den Krieg von 1870/71 folgenden zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahre sicherlich eine psychologisch und sozial einzigartige Atmosphäre, die man zu keiner anderen Epoche wieder antreffen würde. Meine Eltern waren Franzosen dieser Epoche; damals haben sie bestimmte Gewohnheiten und Züge angenommen, die nie aufgehört haben, einen Teil ihrer Persönlichkeit auszumachen und die früh meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben müssen. Es ist also keine Rede mehr von Daten und Geschehnissen. Gewiß, die Geschichte selbst der Gegenwart besteht zu häufig allein aus einer Reihe allzu abstrakter Begriffe. Aber ich kann diese vervollständigen, ich kann die Vorstellungen durch Bilder und Eindrücke ersetzen, sobald ich die Gemälde, die Portraits, die Stiche aus dieser Zeit betrachte, sobald ich an die Bücher denke, die erschienen, an die Stücke, die aufgeführt wurden, an den Stil der Epoche, an die Scherze und die Art der Komik, die damals beliebt waren. Bilden wir uns nun nicht ein, daß dieses Bild einer seit kurzem entschwundenen und so durch künstliche Mittel wiederbelebten Welt der ein wenig unnatürliche Hintergrund werden wird, auf den wir die Profile unserer Eltern projizieren werden, und daß damit so etwas wie ein Milieu besteht, in das wir unsere Vergangenheit eintauchen werden, um sie zu „enthüllen". Im Gegenteil, wenn die Welt meiner Kindheit — so wie ich sie, mich erinnernd, wiederfinde — sich auf diese Weise natürlich in den Rahmen einfügt, den das historische Studium dieser nahen Vergangenheit mir wieder herzustellen erlaubt, so weil sie schon von ihr gezeichnet war. Ich entdecke, daß ich mit einem genügenden Aufwand an Aufmerksamkeit in meinen Erinnerungen an diese kleine Welt das Bild des Milieus hätte wiederfinden können, in dem sie einbegriffen war. Viele verstreute Einzelheiten, zu vertraut vielleicht, als daß ich daran gedacht hätte, sie miteinander zu verbinden, als daß ich ihre Bedeutung gesucht hätte, lösen sich jetzt los und fügen sich untereinander zusammen. Ich lerne, in der Physiognomie meiner Eltern und im Gesamtbild dieser Periode das zu unterscheiden, was sich nicht etwa durch die persönlichen Wesensarten, durch Umstände, die zu jeder anderen

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Zeit hätten eintreten können, erklären läßt, sondern durch das zeitgenössische nationale Milieu. Meine Eltern waren wie alle anderen Menschen Kinder ihrer Zeit — desgleichen ihre Freunde und alle Erwachsenen, mit denen ich zu jener Zeit in Berührung kam. Wenn ich mir vergegenwärtigen will, wie man zu dieser Zeit lebte, wie man dachte, so wendet sich meine

Überlegung ihnen zu. Dies bewirkt, daß mich die zeitgenössische Geschichte in ganz anderer Weise interessiert als die Geschichte der vorhergehenden Jahrhunderte. Sicherlich kann ich nicht sagen, daß ich mich in allen Einzelheiten an die Geschehnisse erinnere, da ich sie nur aus Büchern kenne. Aber im Unterschied zu den anderen Epochen lebt diese in meinem Gedächtnis, da ich in sie hineinversetzt wurde und da ein ganzer Teil meiner Erinnerungen an früher ihr Abglanz ist. So ist es besser — selbst wenn es sich um Erinnerungen an unsere Kindheit handelt —, nicht zu unterscheiden zwischen einem persönlichen Gedächtnis, das unsere damaligen Eindrücke unverändert wiedergeben würde, das uns nicht aus dem engen Kreis unserer Familie, der Schule und unserer Freunde herausführen würde, und einem anderen Gedächtnis, das man historisch nennen würde, in dem nur die nationalen Ereignisse enthalten wären, von denen wir damals keine Kenntnis haben konnten — so als würden wir durch das eine in ein Milieu eindringen, in dem unser Leben sich schon abspielte, jedoch ohne daß wir es wußten, während das andere uns nur mit uns selber oder mit einem Ich in Verbindung setzen würde, das in Wirklichkeit bis auf die Grenzen der Gruppe ausgedehnt ist, die die Welt des Kindes umschließt. Nicht auf die gelernte, sondern auf die gelebte Geschichte stützt sich unser Gedächtnis. Unter Geschichte ist dann nicht eine chronologische Folge von Ereignissen und Daten zu verstehen, sondern alles, was bewirkt, daß eine Epoche sich von der anderen unterscheidet und wovon die Bücher und Berichte uns im allgemeinen nur ein sehr schematisches und unvollständiges Bild bieten. Man wird uns vorwerfen, diese Form des kollektiven Gedächtnisses, die die Geschichte sei, jenes unpersönlichen Charakters, jener abstrakten Präzision und jener relativen Einfachheit zu berauben, die aus ihr gerade einen Rahmen machen, auf den unser individuelles Gedächtnis sich stützen könnte. Wenn wir uns auf die Eindrücke beschränken, die bestimmte Ereignisse oder die Haltung unserer El-

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tern Ereignissen gegenüber, die später eine historische Bedeutung haben werden, oder allein die Sitten, die Sprech- und Handlungsweisen einer Epoche auf uns gemacht haben — worin unterscheiden sie sich von all dem, was unser Kinderleben ausfüllt und was das Gedächtnis der Nation nicht aufbewahren wird? Wie könnte das Kind fähig sein, den aufeinanderfolgenden Abschnitten des Bildes, das das Leben vor ihm aufrollt, verschiedene Werte zuzumessen und warum sollten ihm besonders die Geschehnisse oder die Züge auffallen, die die Aufmerksamkeit der Erwachsenen fesseln, weil diese über viele zeitliche und räumliche Anhaltspunkte zum Vergleich verfugen? Ein Krieg, ein Aufstand, eine nationale Zeremonie, ein Volksfest, ein neues Fortbewegungsmittel, Bauarbeiten, die die Straßen eines Stadtzentrums verändern, können in der Tat aus zweierlei Sicht betrachtet werden. Es sind in ihrer Art einzige Vorkommnisse, durch die das Dasein einer Gruppe verändert wird. Aber sie lösen sich andrerseits in eine Reihe von Bildern auf, die das individuelle Bewußtsein durchziehen. Betrachtet man nur diese Bilder, werden sie sich im Bewußtsein eines Kindes von den anderen durch ihre Besonderheit, durch ihren Glanz, ihre Intensität abheben; ebenso aber ist es mit etlichen Bildern, die nicht Ereignissen von solcher Tragweite entsprechen. Ein Kind kommt nachts auf einem mit Soldaten überfüllten Bahnhof an. Ob diese aus den Schützengräben kommen oder dorthin zurückfahren, oder ob sie einfach im Manöver sind — sie werden es nicht mehr, nicht weniger beeindrucken. Was war von weitem die Kanone der Schlacht von Waterloo als nur ein verschwommenes Donnergrollen? Ein Wesen wie das ganz kleine Kind, das auf seine Wahrnehmungen beschränkt ist, wird an solche Schauspiele nur eine schwache und wenig dauerhafte Erinnerung zurückbehalten. Um hinter dem Bild die historische Realität zu erfassen, muß es aus sich selbst heraustreten, muß

man ihm die Betrachtungsweise der Gruppe zugänglich machen, muß es sehen können, wie ein bestimmtes Geschehnis Geschichte macht, weil es in den Kreis der Beschäftigungen, Interessen und Leidenschaften der Nationen eingedrungen ist. Aber in diesem Augenblick hört das Ereignis auf, einem persönlichen Eindruck gleichzukommen. Wir nehmen wieder Verbindung mit dem Schema der Geschichte auf. Man muß sich also wohl — so wird man sagen — auf das historische Gedächtnis stützen. In ihm drückt dieses, meinem Kinderleben fremde Ereignis gleichwohl einem

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bestimmten Tag, einer bestimmten Stunde sein Zeichen auf, und in ihm wird mich der Anblick dieses Zeichens an die Stunde oder den Tag erinnern; aber es selbst ist oberflächlich, von außen her aufgedrückt, ohne Beziehung zu meinem persönlichen Gedächtnis und meinen Kindheitseindrücken. Einer solchen Beschreibung liegt außerdem die Vorstellung zugrunde, daß die Denkweisen ebenso deutlich voneinander getrennt sind wie ihre materiellen Träger, die Organismen. Und jeder von uns ist vor allem und bleibt meistens in sich selbst eingeschlossen. Wie erklärt sich dann, daß er sich den anderen mitteilt und sein Denken auf das ihre abstimmt? Man wird also annehmen, daß sich eine Art künstliches Milieu bildet, das außerhalb all dieses persönlichen Denkens besteht, es aber umschließt — eine kollektive Zeit und ein kollektiver Raum und eine kollektive Geschichte. Innerhalb eines solchen Rahmens würden die Denkweisen der Individuen ineinander übergehen, was voraussetzt, daß jeder von uns zeitweise aufhören würde, er selbst zu sein. Bald würde er wieder in sich selbst zurückkehren und in sein Gedächtnis Anhaltspunkte und Zeit- oder Raumeinteilungen einführen, die er völlig fertig von außen her mitbringen würde. Wir werden unsere Erinnerungen an sie anknüpfen, aber zwischen diesen Erinnerungen und diesen Bezugspunkten wird keine innere Verbindung, keine Substanzgemeinschaft bestehen. Deshalb würden diese historischen und allgemeinen Kenntnisse hier nur eine durchaus zweitrangige Rolle spielen: sie setzen die vorherige und autonome Existenz des individuellen Gedächtnisses voraus. Die kollektiven Erinnerungen würden die individuellen Erinnerungen überlagern und uns somit erlauben, diese bequemer und sicherer wiederaufzugreifen; aber in diesem Falle müssen die individuellen Erinnerungen zuerst da sein. Sonst würde unser Gedächtnis vergeblich arbeiten. So gibt es gewiß einen Tag, an dem ich zum erstenmal einen bestimmten Kameraden getroffen habe, oder, wie Blondel sagt, einen ersten Tag, an dem ich auf dem Gymnasium war. Dies ist mir ein geschichtlicher Begriff, aber wenn ich innerlich nicht eine persönliche Erinnerung an dieses erste Treffen, an diesen ersten Tag habe, wird dieser Begriff in der Luft hängen, dieser Rahmen leer bleiben, ich werde mich auf nichts besinnen. So gibt es offensichtlich in jedem Gedächtnisakt ein spezifisches Element, das in der Existenz eines

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individuellen Bewußtseins besteht, das fähig ist, sich selbst zu genügen.

Die von der Kindheit an erlebte Geschichte Aber kann man wirklich unterscheiden einerseits zwischen einem Gedächtnis ohne Rahmen, einem Gedächtnis, das, um seine Erinnerungen zu ordnen, nur über die Wörter der Sprache und einige dem praktischen Leben entlehnte Begriffe verfügen würde — und andererseits einem historischen oder kollektiven Rahmen ohne Gedächtnis, d. h. der nicht innerhalb des individuellen Gedächtnisses konstruiert, rekonstruiert und aufbewahrt werden würde? Wir glauben es nicht. Sobald das Kind die Stufe des rein sensitiven Lebens überschritten hat, sobald es sich für die Bedeutung der Bilder interessiert, die es wahrnimmt, kann man sagen,

daß es gemeinsam mit den anderen denkt und daß sein Denken zwischen der Flut ganz persönlicher Eindrücke und verschiedenen kollektiven Denkströmungen geteilt ist. Es ist nicht mehr in sich selbst eingeschlossen, da sein Denken jetzt völlig neue Perspektiven beherrscht, von denen es weiß, daß es seine Blicke nicht alleine in ihnen spazieren führt.

Jedoch ist es nicht aus sich herausgetreten, und um sich den Gedankenreihen aufzuschließen, die den Mitgliedern seiner Gruppe gemeinsam sind, ist es nicht genötigt, sein eigenes Denken völlig aufzugeben, denn unter irgendeinem Aspekt und in irgendeiner Beziehung interessieren diese neuen, nach außen gerichteten Beschäftigungen immer noch, was wir hier den inneren Menschen nennen, d. h. sie sind unserem persönlichen Leben nicht völlig fremd. Stendhal wohnte als Kind von der Galerie des Hauses aus, in dem sein Großvater wohnte, einem Volksaufstand bei, der zu Beginn der Revolution in Grenoble ausbrach: dem „Tag der Dachziegel" („Journée des Tuiles"). „Das Bild", erzählt er, „kann mir nicht deutlicher vor Augen stehen. Es ist ungefähr 43 Jahre her. Ein Hutmacher, durch einen Bajonettstoß im Rücken verletzt, ging mühevoll auf zwei Männer gestützt, auf deren Schultern er seine Arme gelegt hatte. Er war ohne Rock, sein Hemd und seine gelbliche oder weiße Hose waren voll Blut. Ich sehe ihn noch. Die Wunde, aus der das Blut strömte, war tief unten im Rücken,

ungefähr gegenüber dem Nabel

des Hauses Périer wieder (in dem man ihn zum sechsten Stock hin-

Ich sah diesen Unglücklichen auf allen Etagen der Treppe

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aufbrachte). Diese Erinnerung ist begreiflicherweise die deutlichste, die mir aus dieser Zeit geblieben ist" (Vie de Henri Brulard, S. 64). Dies ist in der Tat ein Bild, aber ein Bild, das sich im Zentrum eines Gesamtgemäldes befindet, einer Volks- und Revolutionsszene, deren Zuschauer Stendhal gewesen ist: er hat später oft ihre Beschreibung hören müssen, besonders da dieser Aufstand damals als der Anfang einer sehr bewegten politischen Periode und als von entscheidender Bedeutung erschien. Selbst wenn er zunächst nicht wußte, daß dieser Tag seinen Platz zumindest in der Geschichte Grenobles haben würde, so genügten doch die ungewöhnliche Lebhaftigkeit auf den Straßen, die Gesten und Kommentare seiner Verwandten, um ihn verstehen zu lassen, daß das Ereignis den Kreis seiner Familie oder seines Straßenviertels überschritt. Ebenso sieht er sich an einem anderen Tag während dieser Zeit in der Bibliothek, wie er seinem Großvater in einem mit Menschen gefüllten Saal zuhört. „Aber warum alle diese Menschen? Aus welchem Anlaß? Das sagt das Bild nicht. Es ist nur Bild" (ibid. S. 60). Würde er jedoch die Erinnerung daran behalten haben, wenn es sich nicht, wie der „Tag der Dachziegel", in einen Rahmen geistiger Beschäftigungen einfügen würde, die zu dieser Zeit in ihm zum Durchbruch kamen und durch die er schon an einer breiteren kollektiven Denkströmung teilnahm? Es kann sein, daß die Erinnerung nicht sofort von dieser Strömung erfaßt wird und daß einige Zeit verstreicht, bevor wir den Sinn des Ereignisses verstehen. Das Grundlegende ist, daß der Augenblick, in dem wir verstehen, recht früh kommt, d. h. während die Erinnerung noch lebendig ist. Dann sehen wir die Erinnerung selbst gewissermaßen seine historische Bedeutung ausstrahlen. Aus der Haltung der Erwachsenen dem Geschehen gegenüber, das uns aufgefallen ist, wußten wir wohl, daß es verdienen würde, behalten zu werden. Wenn wir uns daran erinnern, so weil wir fühlten, daß man sich um uns herum damit beschäftigte. Später werden wir besser verstehen, warum. Anfangs war die Erinnerung wohl in der Strömung mit einbegriffen, aber sie wurde durch irgendein Hindernis zurückgehalten, von den Gräsern des Ufers erfaßt, blieb sie zu nahe am Rand. Auch durchziehen etliche soziale Denkströmungen den Geist des Kindes, aber erst auf die Dauer erfassen sie alles, was ihnen angehört. Ich erinnere mich (es ist eine meiner frühesten Erinnerungen), daß vor unserem Haus in der Rue Gay-Lussac, dort wo jetzt das Ozeano-

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graphische Institut steht, neben dem Kloster ein kleines Gasthaus lag, in dem Russen abgestiegen waren. Man sah sie mit Pelzmützen und Schafspelz vor der Türe sitzen, man sah ihre Frauen und Kinder. Vielleicht hätte ich sie trotz der Fremdheit ihrer Kleidung und ihres Typs nicht so lange betrachtet, wenn ich nicht bemerkt hätte, daß die Passanten stehengeblieben und daß meine Eltern selbst auf den Balkon kamen, um sie anzuschauen. Es waren Einwohner Sibiriens, die von tollwütigen Wölfen gebissen worden waren und sich für einige Zeit in Paris in der Nähe der Rue d'Ulm und der Ecole Normale niederließen, um von Pasteur behandelt zu werden. Ich hörte diesen Namen zum erstenmal, und zum erstenmal auch vergegenwärtigte ich mir, daß es Gelehrte gab, die Entdeckungen machten. Ich weiß im übrigen nicht, inwieweit ich verstand, was ich darüber sagen hörte. Vielleicht habe ich es erst später völlig begriffen. Aber ich glaube nicht, daß diese Erinnerung so deutlich in mir geblieben wäre, wenn bei diesem Bild mein Denken nicht schon neuen Horizonten zugewandt gewesen wäre — unbekannten Regionen, in denen ich mich immer weniger einsam fühlte. Diese Anlässe, bei denen das Kind infolge irgendeiner Erschütterung des sozialen Milieus unvermittelt den engen Kreis, der es einschloß, sich halb öffnen sieht, diese Enthüllungen — während plötzlicher Ausblicke — eines politischen nationalen Lebens, auf dessen Niveau es normalerweise nicht gelangt, sind sehr selten. Wenn es sich in die ernsthaften Gespräche der Erwachsenen einmischen, wenn es die Zeitungen lesen wird, wird es das Gefühl haben, ein unbekanntes Land zu entdecken. Indessen wird es nicht das erste Mal sein, daß es mit einem umfassenderen Milieu als dem seiner Familie oder der kleinen Gruppe seiner Freunde oder der Freunde seiner Eltern in Berührung kommt. Die Eltern haben ihre Interessen, die Kinder haben andere, und es gibt viele Gründe, aus denen die Grenze zwischen diesen beiden Gedankenzonen nicht überschritten wird. Aber das Kind kommt ebenso mit einer Kategorie von Erwachsenen zusammen, deren gewöhnliche Unkompliziertheit der Anschauungen sie ihm näher bringt. Dies sind beispielsweise die Dienstboten. Mit ihnen unterhält das Kind sich gern — zum Ausgleich für die Zurückhaltung und das Schweigen, zu dem seine Eltern es bei allem, was „nicht seinem Alter gemäß ist", verurteilen. Die Dienstboten sprechen zuweilen freimütig vor dem Kind oder mit ihm, und 48 Kollektives und historisches Gedächtnis es versteht sie, da sie sich oft wie große Kinder ausdrücken. Fast alles, was ich über den Krieg von 1870, die Kommune, das Zweite Empire, die Republik gewußt habe und was ich davon habe verstehen können, ist mir aus den Erzählungen einer alten, völlig abergläubischen und voreingenommenen Kinderfrau vermittelt worden, die ohne weiteres das Bild dieser Ereignisse und Regime akzeptierte, so wie es von der Einbildung des Volkes gemalt worden war. Durch sie gelangte das verworrene Gerücht zu mir, das wie die Bewegung der Geschichte ist, die sich innerhalb der Bauern-, Arbeiter- und Kleineleutemilieus fortpflanzt. Meine Eltern konnten die Achseln zucken, wenn sie es hörten. In diesen Augenblicken erreichte mein Denken undeutlich, wenn auch nicht die Ereignisse selbst, so doch zumindest einen Teil der menschlichen Milieus, die davon bewegt wurden. Heute noch erweckt mein Gedächtnis diesen ersten historischen Rahmen meiner Kindheit zur gleichen Zeit wie meine ersten Eindrücke wieder. In dieser Form jedenfalls habe ich mir anfangs die Ereignisse vergegenwärtigt, die kurz vor meiner Geburt geschehen waren, und wenn ich auch jetzt erkenne, wie unzutreffend diese Schilderungen waren, so kann ich doch nicht mehr ändern, daß ich mich über diesen verschwommenen Strom gebeugt habe und daß mehr als eines dieser verworrenen Bilder noch manche meiner Erinnerungen an früher umrahmt und verzerren.

Das lebendige Band der Generationen Das Kind kommt ebenfalls mit den Großeltern in Berührung, und durch sie findet es in eine noch fernere Vergangenheit zurück. Die Großeltern nähern sich den Kindern an, vielleicht weil — aus verschiedenen Gründen — die einen wie die anderen sich nicht für die zeitgenössischen Ereignisse interessieren, auf die sich die Aufmerksamkeit der Eltern richtet. „In den ländlichen Gesellschaften", sagt Max Bloch, „kommt es recht häufig vor, daß tagsüber, während Vater und Mutter auf dem Feld oder mit tausend Hausarbeiten beschäftigt sind, die kleinen Kinder der Obhut der ,Alten' anvertraut bleiben, und von diesen werden ihnen in gleicher Weise, wenn nicht stärker als von ihren direkten Eltern Gebräuche und Traditionen aller Art übermittelt" (Mémoire collective, traditions et coutumes. Revue de Synthèse historique, 1925, Heft 118—120, S. 79). Gewiß gehören auch die Großeltern, die Bejahrten, „ihrer Epoche" an. Ob-

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gleich das Kind dies nicht sogleich wahrnimmt und die persönlichen Züge seines Großvaters nicht erkennt — was sich einfach daraus zu erklären scheint, daß er alt ist — und obgleich es nicht unterscheidet, was er von der früheren Gesellschaft übernommen hat, in der er gelebt, in der er sich gebildet hat und von der er gezeichnet bleibt, empfindet das Kind jedenfalls, daß es, wenn es in das Haus seines Großvaters eintritt, wenn es in sein Straßenviertel oder in die Stadt kommt, in der er wohnt, in einen andersgearteten Bereich eindringt, der ihm jedoch nicht fremd ist, da er zu sehr zu dem Gesicht und der Seinsweise der ältesten Mitglieder seiner Familie paßt. In deren Augen — und es wird sich dessen bewußt — nimmt es gewissermaßen die Stelle seiner Eltern selbst ein, Eltern jedoch, die Kinder geblieben sind und die nicht vollkommen am Leben und an der Gesellschaft der Gegenwart teilnehmen. Wie sollte es sich nicht — in gleicher Weise wie für die Ereignisse, die es selbst betreffen und in die es verwickelt worden ist — für alles interessieren, was jetzt in den Berichten der alten Menschen wiederersteht, die den Zeitunterschied vergessen und über die Gegenwart hinweg die Vergangenheit mit der Zukunft verknüpfen? Es sind nicht nur die früheren Geschehnisse, sondern auch die Seins- und Denkweisen, die so in seinem Gedächtnis haften bleiben. Man bedauert bisweilen, nicht gründlicher diese einzigartige Gelegenheit genutzt zu haben, mit Zeitabschnitten in direkte Berührung zu kommen, die man jetzt nur von außen her kennen wird — durch die Geschichte, durch die Gemälde, durch die Literatur. Jedenfalls hebt sich die Gestalt eines bejahrten Verwandten in dem Maße als sie durch all das gewissermaßen konkretisiert wird, was sie uns über eine frühere Epoche und Gesellschaft enthüllt, in unserem Gedächtnis nicht als eine ein wenig verwischte physische Erscheinung ab, sondern mit dem Relief und der Farbe einer Figur, die im Mittelpunkt eines Gemäldes steht, das sie zusammenfaßt und verdichtet. Warum hat Stendhal von allen Mitgliedern seiner Familie eine so tiefgehende Erinnerung besonders an seinen Großvater behalten und warum zeichnet er uns ein so lebendiges Portrait gerade von ihm? Liegt der Grund nicht darin, daß dieser für ihn das ausgehende 18. Jahrhundert darstellt, weil er einige der „Philosophen" gekannt hatte, weil Stendhal durch ihn in jene vorrevolutionäre Gesellschaft hat eindringen können, mit der er sich unaufhörlich beschäftigen wird? Wäre die Gestalt dieses Greises

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nicht frühzeitig in seinem Denken mit den Werken Diderots, Voltaires, d'Alemberts, mit einem Interessen- und Gefühlsbereich verbunden gewesen, der den Horizont einer kleinen, engstirnigen und konservativen Provinz überschritt, wäre er nicht er selbst gewesen, d. h. derjenige seiner Verwandten, den Stendhal am meisten geschätzt und am häufigsten erwähnt

hat. Er hätte sich vielleicht mit ebensolcher Deutlichkeit an ihn erinnert, aber er hätte nicht eine solche Stelle in seinem Gedächtnis eingenommen. Es ist das 18. Jahrhundert — aber das gelebte 18. Jahrhundert, das sein Denken wirklich durchdrungen hat —, das ihm in all seiner Schärfe das Abbild des Großvaters zeigen wird. Die kollektiven Rahmen des Gedächtnisses bestehen also nicht nur aus Jahreszahlen, Namen und Formeln, sondern stellen Denk- und Erfahrungsströmungen dar, in denen wir unsere Vergangenheit nur wiederfinden, weil sie von ihnen durchzogen worden ist. Die Geschichte ist nicht die gesamte Vergangenheit, aber sie ist auch nicht das, was von der Vergangenheit übrigbleibt. Ja, wenn man so will, gibt es neben der geschriebenen Geschichte eine lebendige Geschichte, die durch die Epochen hindurch fortbesteht oder sich erneuert und innerhalb der es möglich ist, eine ganze Anzahl jener ehemaligen Strömungen wiederzufinden, die nur scheinbar verschwunden waren. Wenn das nicht so wäre, hätten wir dann das Recht, von einem kollektiven Gedächtnis zu sprechen? Und wozu könnten uns Rahmen dienen, die nur noch in Form unpersönlicher und nüchterner historischer Begriffe bestehen? Die Gruppen, in denen sich früher Konzeptionen und Geisteshaltungen bildeten, die eine Zeitlang die gesamte Gesellschaft beherrschten, treten bald zurück und machen anderen Platz, die ihrerseits während einer bestimmten Zeit Sitten und Gebräuche bestimmen und die öffentliche Meinung nach neuen Modellen formen. Man könnte meinen, daß die Welt, die wir noch mit unseren bejahrten Großeltern betrachtet haben, plötzlich entwichen ist. Da uns an die Übergangszeit zwischen jener weit vor unserer Geburt liegenden Welt und der Epoche, in der die zeitgenössischen nationalen Interessen sich unserer bemächtigen, kaum Erinnerungen bleiben, die den Familienkreis überschreiten, ist es, als habe es tatsächlich eine Unterbrechung gegeben, in der die Welt der Erwachsenen langsam verblichen ist, während neue Züge das Bild überdeckten. Beachten wir jedoch, daß es vielleicht

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kein früheres Milieu, keinen früheren Denk- oder Gefühlszustand gibt, von dem keine Spuren fortbestehen — ja sogar mehr als Spuren —, kurz alles, was notwendig ist, um ihn zeitweise wieder aufleben zu lassen. So hat es mir oft geschienen, als hätte ich innerhalb der Gruppe, die ich bisweilen mit meinen Großeltern gebildet und neugebildet habe, die letzten Ausklänge der Romantik wahrgenommen. Unter Romantik verstehe ich nicht nur eine künstlerische und literarische Bewegung, sondern auch eine besondere Art der Empfindsamkeit, die nicht mit der Stimmung der sensiblen Gemüter des ausgehenden 18. Jahrhunderts zu verwechseln ist, sich jedoch auch nicht sehr deutlich von ihr unterscheidet und die sich teilweise in der Frivolität des Zweiten Empire aufgelöst hat, zweifellos aber hartnäckiger in den ein wenig abgelegenen Provinzen fortlebte (und dort eben habe ich ihre letzten Spuren gefunden). Indessen ist es uns sehr wohl gestattet, dieses Milieu zu rekonstruieren und um uns herum diese Atmosphäre wiederherzustellen — insbesondere an Hand von Büchern, Stichen und Bildern. Es handelt sich hier nicht in erster Linie um große Dichter und ihre bedeutendsten Werke. Sie machen auf uns zweifellos einen ganz anderen Eindruck als auf die Zeitgenossen. Wir haben in ihnen etliche Entdeckungen gemacht. Aber da gibt es die Zeitschriften der Epoche und jene gesamte „Familien"-Literatur, in denen diese Geisteshaltung, die alles durchdrang und in allen Formen auftrat, eingefangen ist. Beim Umblättern scheint es uns, als sähen wir noch die Großeltern, die die Gesten, den Ausdruck, die Haltung hatten und die Kleidung trugen, die diese Stiche wiedergeben; wir meinen ihre Stimmen zu hören und die Ausdrücke, die sie gebrauchten. Zweifellos ist es ein Zufall, daß diese „Unterhaltungsblätter für's Haus" und „pittoresken Illustrierten, Zeitschriften" fortbestanden haben. Man hätte sie im übrigen ebensogut niemals aus ihrem Fach herauszunehmen und zu lesen brauchen. Wenn ich jedoch diese Bücher öSnen, wenn ich diese Stiche, Bilder und Portraits wieder anschauen will, gehe ich nicht etwa

hin — angeregt durch die Neugierde des Gelehrten oder die Vorliebe für alte Dinge — und schlage in den Büchern in einer Biblothek nach oder betrachte die Bilder in einem Museum. Sie sind bei mir oder bei meinen Verwandten, ich entdecke sie bei Freunden, sie fesseln meinen Blick an den Seineufern, in den Schaufenstern der Antiquitätenläden.

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Zudem hat die Vergangenheit außerhalb der Stiche und Bücher in der heutigen Gesellschaft etliche bisweilen sichtbare Spuren hinterlassen, die man ebenso im Ausdruck der Gesichter wie im Aussehen der örtlichkeiten wahrnimmt — und selbst in den Arten des Denkens und Fühlens, die von bestimmten Menschen und in bestimmten Milieus unbewußt beibehalten worden sind. Man gibt gewöhnlich hierauf kaum acht. Aber es genügt, daß man seine Aufmerksamkeit in diese Richtung lenkt, um wahrzunehmen, daß die modernen Gebräuche auf alten Schichten beruhen, die an mehr als einer Stelle zum Vorschein kommen. Bisweilen muß man ziemlich weit zurückdenken, um scheinbar unverändert erhaltene Inseln der Vergangenheit zu entdecken, so daß man sich plötzlich um fünfzig oder sechzig Jahre zurückversetzt fühlt. In Österreich, in Wien, hatte ich eines Tages in der Familie eines Bankiers, bei dem ich eingeladen war, den Eindruck, mich in einem französischen Salon um 1830 zu befinden. Das lag weniger an der äußeren Ausstattung, an den Möbeln, als an einer recht eigenartigen mondänen Atmosphäre, an der Art, wie die Gruppen sich bildeten, an irgendetwas ein wenig Konventionellem, das wie ein Abglanz des Ancien Régime war. Ebenso erlebte ich in Algerien in einem Gebiet, in dem die europäischen Ansiedlungen recht zerstreut waren und in das man nur mit einem Postwagen gelangte, daß ich neugierig Männer- und Frauentypen beobachtete, die mir vertraut vorkamen, weil sie jenen glichen, die ich auf Stichen aus dem Zweiten Empire gesehen hatte, und ich stellte mir vor, daß die Franzosen, die sich dort nach der Eroberung niedergelassen hatten, wie auch ihre Kinder in dieser Abgeschiedenheit und Ferne mit Vorstellungen und Gebräuchen hatten leben müssen, die noch aus jener Epoche stammten. Auf jeden Fall vereinigten sich diese beiden reellen oder imaginären Bilder in mir mit Erinnerungen, die mich in ähnliche Milieus versetzten: eine alte Tante, die ich etliche Male in einem bestimmten Salon sah, ein alter Offizier im Ruhestand, der zu Beginn der Kolonialzeit in Algerien gelebt hatte. Ohne jedoch Frankreich, selbst Paris oder eine Stadt, in der wir ständig gelebt haben, zu verlassen, können wir leicht und häufig Beobachtungen gleicher Art anstellen. Obwohl sich seit einem halben Jahrhundert das Aussehen der Städte recht verändert hat, gibt es mehr als ein Stadtviertel, in Paris selbst mehr als eine Straße, mehr als einen Häuserblock, die sich von der restlichen Stadt abheben und ihre frühere Physiognomie bewahren. Die Bewohner gleichen im übrigen dem Straßenviertel oder dem Haus. Nun besteht zu jeder Epoche eine enge Beziehung zwischen den Gewohnheiten, der Geisteshaltung einer Gruppe und dem Aussehen des Raumes, in dem sie lebt. Es hat ein Paris des Jahres 1860 gegeben, dessen Bild eng mit der zeitgenössischen Gesellschaft und den zeitgenössischen Gebräuchen verbunden ist. Um es Wiederaufleben zu lassen, genügt es nicht, daß man die Tafeln aufsucht, die auf die Häuser hinweisen, in denen einige berühmte Persönlichkeiten dieser Epoche gelebt haben und gestorben sind — auch nicht, daß man eine Geschichte der Umbauten von Paris liest. Vielmehr bemerkt der Beobachter in der Stadt und in der Bevölkerung von heute etliche Züge der damaligen Zeit, besonders in jenen abgeschiedenen Zonen, in die sich das kleine Handwerk verflüchtigt, oder auch an manchen Tagen oder Abenden eines Volksfestes im Paris der Kleinhändler und Arbeiter, das sich weniger gewandelt hat als das andere. Aber das Paris von damals findet sich vielleicht noch besser in manchen kleinen Provinzstädten wieder, aus denen die Menschentypen, die Kleidung selbst und die Sprechweisen nicht verschwunden sind, die man in der Rue St. Honoré und auf den Pariser Boulevards zur Zeit Balzacs antraf. Im Kreise selbst unserer Eltern haben unsere Großeltern ihre Spur hinterlassen. Früher

bemerkten wir sie nicht, weil wir vor allem für das empfänglich waren, was die Generationen voneinander unterschied. Unsere Eltern gingen uns voran und führten uns der Zukunft entgegen. Es kommt ein Augenblick, in dem sie innehalten und wir sie überholen. Dann müssen wir uns nach ihnen umwenden, und es scheint uns, als seien sie gegenwärtig in die Vergangenheit aufgenommen worden und mit den Schatten von früher vereint. Marcel Proust beschreibt auf einigen bewegten und tiefgründigen Seiten, wie es ihm seit den Wochen, die dem Tod seiner Großmutter folgten, plötzlich schien, als identifiziere sich seme Mutter in ihren Zügen, ihrem Ausdruck und ihrem gesamten Aussehen allmählich mit der Verstorbenen und als zeige sie ihm deren Bild — so als ob innerhalb der Generationen der gleiche Typ in zwei aufeinanderfolgenden Wesen wiedererstehe. Ist dies einfach ein Phänomen physiologischer Verwandlung, und muß man sagen, daß, wenn wir unsere Großeltern in unseren Eltern wiederfinden, unsere Eltern altern, und daß

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auf der Leiter der Altersstufen die leergewordenen Plätze schnell besetzt sind, da man sie unaufhörlich hinuntersteigt? Aber vielleicht rührt alles vielmehr daher, daß wir unsere Aufmerksamkeit in eine andere Richtung lenken. Unsere Eltern und unsere Großeltern vertraten für uns zwei verschiedene und deutlich getrennte Epochen. Wir bemerkten nicht, daß unsere Großeltern mehr der Gegenwart und unsere Eltern mehr der Vergangenheit verbunden waren als wir glaubten. Zwischen dem Augenblick, in dem ich inmitten der Menschen und Dinge erwacht bin, und dem Krieg von 1870 waren zehn Jahre verflossen. Das Zweite Empire war in meinen Augen eine weit entfernte Periode, die einer fast verschwundenen Gesellschaft entsprach. Gegenwärtig trennen mich zwölf bis fünfzehn Jahre vom Weltkrieg, und ich nehme an, daß für meine Kinder die Gesellschaft der Zeit vor 1914, die sie nicht gekannt haben, in gleicher Weise in eine Vergangenheit zurücktritt, die ihr Gedächtnis nicht zu erreichen glaubt. Aber für mich wird die Kontinuität zwischen den beiden Perioden nicht aufgehoben. Es ist dieselbe Gesellschaft — zweifellos durch neue Erfahrungen gewandelt, vielleicht um frühere Besorgnisse und Vorurteile erleichtert, um jüngere Elemente bereichert, in gewisser Weise an die veränderten Verhältnisse angepaßt —, aber sie ist dieselbe. Zweifellos fallen ich und meine Kinder mehr oder minder stark einer Täuschung anheim. Ein Zeitpunkt wird kommen, zu dem ich, wenn ich um mich schaue, nur noch eine kleine Anzahl derer wiederfinden werde, die wie ich und mit mir vor dem Krieg gelebt und gedacht haben, zu dem ich verstehen werde — wie ich bisweilen das Gefühl und die Besorgnis habe —, daß neue Generationen auf der meinen gewachsen sind, und daß eine Gesellschaft, die mir in ihrem Streben und ihren Gebräuchen weitgehend fremd ist, den Platz derjenigen eingenommen hat, mit der ich am engsten verbunden bin; und meine Kinder, deren Blickwinkel sich geändert hat, werden erstaunt sein, plötzlich zu entdecken, daß ich ihnen so fern bin und daß ich in meinen Interessen, Vorstellungen und Erinnerungen meinen Eltern so nahe war. Sie und ich unterliegen dann zweifellos einer umgekehrten Täuschung: ich werde ihnen nicht so fern sein, da meine Eltern mir nicht so fern sind; aber je nach Alter und Umständen fallen einem besonders die Unterschiede oder die Ähnlichkeiten der Generationen auf, die sich bald ganz auf sich selbst stellen und sich voneinander entfernen, bald sich einander anschließen und miteinander verschmelzen.

Rekonstruierte Erinnerungen Auf diese Weise — und das haben wir im Vorausgehenden gezeigt — wird das Leben des Kindes mehr, als man glaubt, in soziale Milieus einbezogen, durch die es mit einer mehr oder minder entfernten Vergangenheit in Berührung kommt, die gleichsam der Rahmen ist, der seine persönlichsten Erinnerungen umschließt. Auf diese gelebte Vergangenheit wird sich

später sein Gedächtnis viel mehr stützen können als auf die aus der Geschichtsschreibung erfahrene. Wenn es auch anfangs diesen Rahmen und die Bewußtseinszustände, die sich in ihn einfügten, nicht erfaßt hat, so trifft es doch zu, daß sich allmählich in seinem Geist die Trennung zwischen seiner kleinen internen Welt und der Gesellschaft, die sie umgibt, vollziehen wird. Aber wenn diese beiden Arten von Elementen ursprünglich eng verschmolzen waren, wenn sie ihm alle als an seinem kindlichen Ich teilhabend erschienen sind, kann man nicht sagen, daß später alle die, die dem sozialen Milieu entsprechen, sich ihm als ein abstrakter und künstlicher Rahmen darbieten werden. Gerade in diesem Sinne unterscheidet sich die gelebte von der geschriebenen Geschichte: sie verfügt über alles, was notwendig ist, um einen lebendigen und natürlichen Rahmen zu bilden, auf den das Denken sich stützen kann, um das Bild seiner Vergangenheit zu bewahren und wiederzufinden. Aber wir müssen jetzt noch weiter gehen. In dem Maße als das Kind heranwächst und besonders, wenn es erwachsen ist, nimmt es entschiedener und überlegter am Leben und Denken jener Gruppen teil, denen es angehörte, ohne sich dessen anfangs recht bewußt zu werden. Wie würde die Vorstellung, die es sich von seiner Vergangenheit macht, dadurch nicht verändert werden? Wie sollten die neuen Kenntnisse, die es erwirbt — Kenntnisse von Geschehnissen, Betrachtungen und Vorstellungen — nicht auf seine Erinnerungen zurückwirken? Wir haben es oft wiederholt: die Erinnerung ist in sehr weitem Maße eine Rekonstruktion der Vergangenheit mit Hilfe von der Gegenwart entliehenen Gegebenheiten und wird im übrigen durch andere, zu früheren Zeiten unternommene Rekonstruktionen vorbereitet, aus denen das Bild von ehemals schon

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recht verändert hervorgegangen ist. Gewiß, wenn wir durch das Gedächtnis unmittelbar in Berührung mit diesem oder jenem unserer vormaligen Eindrücke gebracht würden, würde sich diese Erinnerung per definitionem von jenen mehr oder minder präzisen Vorstellungen unterscheiden, die uns unsere Überlegungen mit Hilfe der Berichte, Zeugnisse und vertraulichen Mitteilungen der anderen von dem, was unsere Vergangenheit hat sein müssen, zu machen erlauben. Aber selbst wenn es möglich ist, in so direkter Weise Erinnerungen heraufzubeschwören, ist es unmöglich, solche Fälle von jenen zu unterscheiden, in denen wir uns das Gewesene vorstellen. Wir können also viele Vorstellungen als Erinnerungen bezeichnen, die zumindest teilweise auf Zeugenaussagen und Folgerungen beruhen. Dann aber ist der Anteil des Sozialen oder, wenn man so will, des Historischen in unserer Erinnerung an unsere eigene Vergangenheit sehr viel größer, als wir glaubten. Denn seit der Kindheit haben wir im Kontakt mit den Erwachsenen etliche Mittel erworben, viele Erinnerungen wiederzufinden und zu präzisieren, die wir sonst wohl oft vollkommen oder teilweise vergessen hätten. Hier stoßen wir zweifellos auf einen schon erwähnten Einwand, der näher untersucht zu werden verdient. Genügt es, die historische Kenntnis eines Ereignisses zu rekonstruieren, das sicher stattgefunden hat, von dem wir jedoch keinen Eindruck zurückbehalten haben, um aus dem Nichts eine Erinnerung herzustellen? Zum Beispiel weiß ich — weil man es mir gesagt hat und weil es mir bei einiger Überlegung als gewiß erscheint —, daß es einen Tag gegeben hat, an dem ich zum ersten Male auf dem Gymnasium gewesen bin. Dennoch habe ich keine persönliche und direkte Erinnerung an dieses Ereignis. Vielleicht deshalb, weil — da ich etliche aufeinanderfolgende Tage auf dasselbe Gymnasium gegangen bin — alle diese Erinnerungen ineinander verschmolzen sind. Vielleicht auch, weil ich an diesem ersten Tag aufgeregt war. „Ich habe", sagt Stendhal, „keine Erinnerung an die Zeiten und Augenblicke, während derer ich zu lebhaft empfunden habe" (Vie de Henri Brulard, S. 121). Genügt es, daß ich den historischen Rahmen dieses Ereignisses rekonstruiere, um sagen zu können, daß ich die Erinnerung daran wiederhergestellt habe?

Gewiß, wenn ich in Wirklichkeit keine Erinnerung an dieses Ereignis hätte, und wenn ich mich allein an die historische Kenntnis halten würde, auf die ich mich beschränken muß, würde das seine Folgen haben: ein leerer Rahmen kann sich nicht von allein füllen; das abstrakte Wissen und nicht das Gedächtnis würde wirksam werden. Aber man kann sich einen Zeitraum ins Gedächtnis rufen, ohne sich an einen bestimmten Tag zu erinnern, und es stimmt nicht, daß die Erinnerung an den Zeitraum einfach die Summe der Erinnerungen an einige Tage ist. In dem Maße, in dem die Ereignisse in die Ferne rücken, sind wir gewöhnt, sie uns in Form von Gesamtheiten ins Gedächtnis zu rufen, von denen sich bisweilen einige unter ihnen abheben, die jedoch viele andere Elemente umfassen, ohne daß wir eins vom anderen unterscheiden noch sie jemals vollständig aufzählen könnten. So habe ich, da ich nacheinander mehrere Schulen, Pensionate und Gymnasien besucht habe und jedes Jahr in eine neue Klasse gekommen bin, eine allgemeine Erinnerung an alle diese Schulanfänge — eine Erinnerung, die den besonderen Tag mitumfaßt, an dem ich zum erstenmal ein Gymnasium betreten habe. Ich kann also nicht sagen, daß ich mich an diesen Schulanfang erinnere, aber ich kann auch nicht sagen, daß ich mich nicht daran erinnere. Andererseits ist der historische Begriff meines Eintritts ins Gymnasium nicht abstrakt. Erstens habe ich seitdem eine bestimmte Anzahl reeller oder fiktiver Berichte gelesen, in denen die Eindrücke eines Kindes beschrieben werden, das zum ersten Male in eine Schulklasse kommt. Es kann sehr wohl sein, daß, als ich sie gelesen habe, die persönliche Erinnerung an solche Eindrücke mit der Beschreibung aus dem Buche verschmolzen ist. Ich rufe mir diese Beschreibungen ins Gedächtnis zurück, und vielleicht ist in ihnen all das enthalten und ich nehme in ihnen all das unwissentlich wieder wahr, was von meinem auf diese Weise übertragenen Eindruck fortbesteht. Wie dem auch sei, die so verdichtete Vorstellung ist kein einfaches Schema ohne Inhalt mehr. Hinzugefügt sei, daß ich von dem Gymnasium, das ich zum ersten Male besucht habe, sehr viel mehr kenne und wiederfinde als nur den Namen oder die Lage auf einem Stadtplan. Ich bin damals jeden Tag dort gewesen, ich habe es seitdem mehrere Male wiedergesehen. Selbst wenn ich es nicht wiedergesehen hätte, so habe ich doch andere Gymnasien kennengelernt, habe meine Kinder dorthin gebracht. Etliche Züge des familiären Milieus, das ich verließ, wenn ich zur Schule ging, rufe ich mir noch ins Gedächtnis zurück, denn seitdem bin ich mit den Meinen in Berührung ge-

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blieben: es handelt sich nicht um eine Familie im allgemeinen, sondern um eine lebendige und konkrete Gruppe, deren Bild natürlicherweise in dem Gesamtbild meines ersten Schulanfangs — so wie ich es neuerstehen lasse — enthalten ist. Welchen Einwand erhebt man demnach dagegen, daß es es uns gelingt, beim Nachdenken über das, was unser erster Schulanfang hat sein müssen, dessen Atmosphäre und allgemeines Bild wiederherzustellen? Fließendes, zweifellos unvollständiges und vor allem rekonstruiertes Bild: aber wieviele Erinnerungen, die wir getreu erhalten zu haben glauben und deren Identität uns zweifelhaft erscheint, sind ebenso fast vollständig auf der Grundlage falschen Wiedererkennens, Berichten und Zeugenaussagen zufolge geschmiedet worden! Ein Rahmen kann nicht aus sich heraus eine genaue und persönliche Erinnerung hervorbringen. Aber hier ist der Rahmen mit persönlichen Überlegungen, mit Familienerinnerungen gefüllt, und die Erinnerung ist ein in anderen Bildern enthaltenes Bild, ein in die Vergangenheit zurückversetztes Familienbild.

Verhüllte Erinnerungen Ebenso werden wir sagen: Wenn ich alle diejenigen meiner Erinnerungen sammeln und präzisieren will, die mir die Gestalt und die Person meines Vaters, so wie ich ihn gekannt habe, wiedergeben könnten, ist es recht unnütz, die Begebenheiten der zeitgenössischen

Geschichte der Epoche, in der er gelebt hat, an mir vorbeiziehen zu lassen. Indessen, wenn ich jemanden treffe, der ihn gekannt hat und der mir Einzelheiten und Umstände über ihn mitteilt, von denen ich nichts wußte, wenn meine Mutter sein Lebensbild erweitert und vervollständigt und bestimmte Abschnitte erhellt, die mir dunkel geblieben waren — ist es dann nicht so, daß ich den Eindruck habe, in die Vergangenheit zurückzugehen und eine ganze Gruppe von Erinnerungen zu erweitern? Dies ist nicht eine einfache Täuschung der Retrospektive, so als fände ich einen Brief von ihm wieder, den ich hätte lesen können, als er noch lebte — so daß diese neuen Erinnerungen, frischen Eindrücken entsprechend, sich den anderen zugesellen würden, ohne sich wirklich mit ihnen zu vermischen. Aber die Erinnerung an meinen Vater in ihrer Gesamtheit verändert sich und erscheint mir jetzt der Wirklichkeit gemäßer. Das Bild, das ich mir von meinem Vater, seitdem ich ihn gekannt, gemacht habe, hat

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sich unaufhörlich weiterentwickelt, nicht allein weil sich während seines Lebens Erinnerungen zu Erinnerungen gefügt haben: sondern ich selber habe mich geändert, d.h. mein Blickwinkel hat sich verschoben, weil ich innerhalb meiner Familie eine andere Stelle einnahm und vor allem, weil ich an anderen Milieus teilhatte. Wird man sagen, daß es indessen ein Bild meines Vaters gibt, das durch seinen authentischen Charakter alle anderen in den Schatten stellen muß: jenes, das ich in dem Augenblick festgehalten habe, in dem er gestorben ist? Aber wie oft hat es sich bis jetzt nicht schon verändert? Außerdem hält der Tod, der dem physiologischen Leben ein Ende setzt, nicht plötzlich den Strom der Gedanken auf, die sich mit dem Menschen beschäftigen, dessen Körper uns verläßt. Einige Zeit noch stellt man sich ihn vor, als sei er lebendig; er bleibt in das tägliche Leben einbezogen, man überlegt, was er unter bestimmten Umständen sagen oder tun würde. Gerade am Tage nach dem Tode eines Menschen ist die Aufmerksamkeit der Seinen am intensivsten auf ihn gerichtet. Gerade dann ist sein Bild auch am wenigsten gefestigt, es bildet sich unaufhörlich um, den verschiedenen Abschnitten seines Lebens entsprechend, die man wiedererstehen läßt. In Wirklichkeit erstarrt das Bild eines Dahingegangenen niemals. In dem Maße, als es in die Vergangenheit zurückweicht, ändert es sich, weil manche Züge sich verwischen und andere hervortreten — je nach der Perspektive, aus der man es betrachtet, d. h. je nach den neuen Verhältnissen, in denen man sich befindet, wenn man sida ihm zuwendet. Alles, was ich an Neuem über meinen Vater und auch über jene, die mit ihm in Berührung kamen, erfahre, alle neuen Urteile, die ich über die Epoche fälle, in der er gelebt hat, alle neuen Überlegungen, die ich anstelle, lassen mich — je fähiger ich werde, nachzudenken, und über je mehr Vergleichsmöglichkeiten ich verfüge — dazu neigen, sein Bildnis zu „retuschieren". Auf diese Weise verblaßt langsam die Vergangenheit, so wie sie mir früher erschien. Die neuen Bilder überdecken die alten — so wie unsere nächsten Verwandten sich zwischen uns und unsere fernen Vorfahren schieben, so daß wir von diesen nur wissen, was jene uns über sie berichten. Die Gruppen, denen ich zu den verschiedenen Epochen angehöre, sind nicht dieselben. Ich betrachte indessen die Vergangenheit aus ihrer Sicht. Meine Erinnerungen müssen sich also in dem Maße, als ich diesen

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Gruppen enger zugehöre und unmittelbarer an ihrem Gedächtnis teilhabe, erneuern und vervollständigen. Es ist wahr, dies setzt eine doppelte Bedingung voraus: einmal, daß meine Erinnerungen selbst, so wie sie waren, bevor ich in diese Gruppen eintrat, nicht gleichmäßig von allen Seiten beleuchtet waren — so als hätte ich sie bis dahin nicht vollkommen wahrgenommen

und verstanden; zum anderen, daß die Erinnerungen dieser Gruppen nicht ohne Beziehung zu den Ereignissen sind, die meine Vergangenheit bilden. Die erste Bedingung wird dadurch erfüllt, daß viele unserer Erinnerungen auf Zeiten zurückgehen, in denen uns aus Mangel an Reife, Erfahrung oder Aufmerksamkeit der Sinn mehr als einer Begebenheit, die Natur mehr als eines Gegenstandes oder Menschen zur Hälfte entging. Wir hielten, wenn man will, noch zu sehr an der Gruppe der Kinder fest und hingen schon mit einem Teil unseres Verstandes, wenn auch in lockerer Form, der Gruppe der Erwachsenen an. Daher manche Hell-Dunkel-Wirkungen: was einen Erwachsenen interessiert, fällt auch uns auf — oft aber einzig aus dem Grunde, weil wir das Interesse der Erwachsenen dafür spüren — und bleibt in unserem Gedächtnis wie ein Rätsel oder wie ein Problem haften, das wir nicht verstehen, von dem wir jedoch fühlen, daß es gelöst werden kann. Bisweilen bemerken wir zunächst nicht einmal diese undeutlichen Aspekte, diese Zonen der Dunkelheit; wir vergessen sie indessen keineswegs, da sie unsere klarsten Erinnerungen umgeben und uns helfen, von der einen zur anderen zu finden. Wenn ein Kind in seinem Bett einschläft und in der Eisenbahn wieder aufwacht, empfindet es das Gefühl, dort wie hier unter der Obhut seiner Eltern geblieben zu sein, als beruhigend — ohne daß es sich im übrigen erklären kann, wie und warum sie in der Zwischenzeit gehandelt haben. Es gibt durchaus Abstufungen dieser Unwissenheit oder dieses Nichtverstehens, und im einen oder anderen Sinne erreicht man niemals die Grenze der völligen Klarheit oder des vollkommen undurchdringlichen Dunkels. Eine Szene aus unserer Vergangenheit kann uns so erscheinen, als werde niemals etwas davon abzustreichen noch hinzuzufügen sein und als werde niemals mehr oder weniger davon zu verstehen sein. Aber sollten wir jemanden wiedertreffen, der in sie verwickelt gewesen ist oder ihr beigewohnt hat, sollte er sie Wiederaufleben

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lassen und sie schildern — nachdem wir ihn gehört haben, werden wir nicht mehr so sicher wie vorher sein, daß wir uns in der Reihenfolge der Einzelheiten, in der relativen Bedeutung der Teile und dem allgemeinen Sinn des Ereignisses nicht täuschen konnten; denn es ist wohl unmöglich, daß zwei Menschen, die dasselbe Geschehen beobachtet haben, es auf völlig gleiche Weise wiedergeben, wenn sie einige Zeit später darüber berichten. Kommen wir hier noch einmal auf das Leben des Henri Brulard zurück. Stendhal erzählt, wie er und zwei Freunde als Kinder einen Pistolenschuß auf den Baum der Brüderlichkeit abgegeben haben. Es ist eine Folge sehr einfacher Szenen. Aber in jedem Augenblick macht sein Freund R. Colomb, während er das Manuskript mit Anmerkungen versieht, Irrtümer ausfindig. „Die Soldaten berührten uns fast", erzählt Stendhal, „wir retteten uns durch die Türe G des Hauses meines Großvaters, aber man sah uns sehr wohl. Alle Welt war an den Fenstern. Viele Leute rückten die Leuchter heran und machten Licht." „Irrtum", schreibt Colomb, „all dies fand vier Minuten nach dem Schuß statt; da waren wir alle drei im Haus." „Er und ein anderer", fährt Stendhal fort, „stiegen im Hause nach oben und suchten bei zwei alten frömmlerischen Modehändlerinnen Zuflucht." Die Polizisten kommen. Diese alten Jansenistinnen lügen, die Jungen hätten den ganzen Abend bei ihnen verbracht. Notiz von Colomb: „Nur H. B. (Stendhal) ist bei den Demoisellen Caudey eingetreten. R. C. (er selbst) und Mante machten sich durch die Passage auf den Speichern aus dem Staube und erreichten so die Grande-Rue." — Stendhal: „Als wir die Polizisten nicht mehr hörten, kamen wir heraus und stiegen weiter zur Passage hinauf." Colomb: „Irrtümer." Stendhal: „Mante und Treillard, gewandter als wir (Colomb: „Treillard war nicht bei uns dreien"), erzählten uns am nächsten Tage, daß sie, als sie an das Tor zur Grande-Rue kamen, es von zwei Wachposten besetzt fanden. Sie fingen an, von der Liebenswürdigkeit der Demoisellen zu reden, mit denen sie den Abend verbracht hatten. Die Posten stellten ihnen keine Fragen, und sie machten sich aus dem Staub. Ihr

Bericht hat mir so sehr den Eindruck der Wirklichkeit vermittelt, daß ich nicht sagen könnte, ob es nicht Colomb und ich waren, die dadurch hinauskamen, daß sie von der Liebenswürdigkeit dieser Demoisellen sprachen." Colomb: „In Wirklichkeit kletterten R. C. und Mante auf die Speicher, wo R. C., der erkältet war, sich den Mund mit Lakritzensaft füllte, da-

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mit sein Husten nicht die Aufmerksamkeit der Sucher auf sich zog. R. C. erinnerte sich an einen Korridor, über den man an einen Dieneraufgang gelangte, der auf die Grande-Rue führte. Dort sahen sie zwei Gestalten, die sie für Polizisten hielten, und fingen an, ruhig und wie Kinder von den Spielen zu plaudern, die sie gerade beschäftigt hatten." Stendhal: „Indem ich dies schreibe, taucht das Bild des Baumes der Brüderlichkeit vor mir auf. Mein Gedächtnis macht Entdeckungen. Ich meine zu sehen, daß der Baum der Brüderlichkeit von einer zwei Fuß hohen, mit Quadersteinen belegten Mauer umgeben war, die ein fünf oder sechs Fuß hohes Eisengitter trug." Colomb: „Nein." — Es war nicht unnütz, an einem Beispiel zu beobachten, welche Teile eines Berichtes, die bis dahin ebenso klar wie die anderen schienen, plötzlich anders aussehen und dunkel und unbestimmt werden, selbst entgegengesetzten Zügen und Charakteren Platz machen, sobald ein anderer Zeuge seine Erinnerungen mit den unseren konfrontiert. Stendhals Einbildungskraft hat die Lücken seines Gedächtnisses ausgefüllt: alles in seinem Bericht scheint Glauben zu verdienen — dasselbe Licht spielt auf allen Wänden, aber die Risse zeigen sich, wenn man sie unter einem anderen Winkel betrachtet. Umgekehrt gibt es im Gedächtnis keine absolute Leere, d. h. keine Bereiche unserer Vergangenheit, die so völlig aus unserem Gedächtnis entschwunden sind, daß jedes Bild, das man in sie hineinprojiziert, an keinerlei Erinnerungselement Halt finden kann und auf reine Einbildung stößt — oder auf eine historische Vorstellung, die uns fremd bleiben würde. Man vergißt nichts, aber dies kann auf verschiedene Weise verstanden werden. Für Bergson bleibt die Vergangenheit, so wie sie für uns gewesen ist, vollständig in unserem Gedächtnis bestehen; aber bestimmte Hindernisse, insbesondere die Verhaltensweisen unseres Gehirns, verhindern, daß wir alle ihre Teile Wiederaufleben lassen. Jedenfalls sind die Bilder vergangener Ereignisse in uns gänzlich vollendet (in unserem Unterbewußtsein) — so wie gedruckte Seiten in Büchern, die man aufschlagen könnte, auch dann, wenn man sie nicht mehr aufschlägt. Was für uns dagegen fortbesteht, sind nicht fertige Bilder in irgendeinem unterirdischen Schacht unseres Denkens, sondern innerhalb der Gesellschaft all jene Anhaltspunkte, die notwendig sind, um bestimmte Teile unserer Vergangenheit zu rekonstruieren, die wir uns in unvollständiger und unklarer Weise vergegenwärtigen oder die wir sogar völlig aus unserem Gedächtnis entschwunden glauben. Wie kommt es in der Tat, daß — wenn der Zufall uns mit denen zusammenbringt, die zur gleichen Zeit wie wir an denselben Ereignissen teilgenommen haben, die ihre Akteure oder Zeugen waren, wenn man uns erzählt oder wir anderweitig entdecken, was damals um uns herum geschah — wir diese offensichtlichen Lücken ausfüllen? Der Grund liegt darin, daß das, was wir für einen leeren Raum hielten, in Wirklichkeit nur eine etwas undeutliche Zone war, von der unser Denken sich abwandte, weil es dort zu wenig Spuren fand. Gegenwärtig, da man uns mit Genauigkeit den Weg angibt, den wir verfolgt haben, treten die Spuren hervor, wir verbinden sie untereinander, sie vertiefen sich und gehen von selbst ineinander über. Sie existieren also, waren jedoch im Gedächtnis der anderen schärfer ausgeprägt als in uns selbst. Zweifellos rekonstruieren wir, aber dies Rekonstruieren vollzieht sich in von unseren übrigen Erinnerungen und den Erinnerungen der anderen schon vorgezeichneten Bahnen. Die neuen Bilder knüpfen an das an, was in den anderen Erinnerungen ohne sie undeutlich und unerklärlich bleiben würde, was aber nicht

weniger wirklich ist. So empfinden wir, wenn wir die alten Viertel einer Großstadt durchstreifen, eine besondere Befriedigung dabei, uns die Geschichte dieser Straßen und Häuser erzählen zu lassen. Dies alles sind neue Kenntnisse, die uns jedoch bald vertraut erscheinen, weil sie mit unseren Eindrücken übereinstimmen und sich mühelos in das bestehende Dekor eingliedern. Es scheint uns, als habe dies Dekor sie allein hervorrufen können und als sei das, was wir uns vorstellen, nur die Weiterführung dessen, was wir schon wahrnahmen. Das bedeutet, daß dem Bild, das sich vor unseren Augen aufrollt, eine Bedeutung innewohnt, die uns dunkel blieb, von der wir jedoch manches errieten. Die Art der Wesen, mit denen wir zusammengelebt haben, muß uns mit Hilfe unserer gesamten Erfahrung, die sich während der darauffolgenden Zeitabschnitte gebildet hat, entdeckt und erklärt werden. Auf Geschehnisse projiziert, die wir schon kennen, enthüllt uns das neue Bild in ihnen mehr als einen Zug, der sich in dieses einfügt und so eine klarere Bedeutung erhält. So bereichert sich das Gedächtnis mit fremden Beiträgen, die sich, sobald sie Wurzel gefaßt und ihren Platz gefunden haben, nicht mehr von anderen Erinnerungen unterscheiden.

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Weitgefaßte Rahmen und naheliegende Milieus Damit das Gedächtnis der anderen auf diese Weise das unsere verstärkt und vervollständigt, sagten wir, müssen auch die Erinnerungen dieser Gruppen in irgendeinem Zusammenhang mit den Ereignissen stehen, die meine Vergangenheit bilden. Jeder von uns ist in der Tat gleichzeitig Mitglied mehrerer mehr oder minder ausgedehnter Gruppen. Wenn wir indessen unsere Aufmerksamkeit auf die umfassendsten Gruppen richten — beispielsweise auf die Nation —, kann man, obgleich unser Leben und das unserer Eltern oder Freunde in dem ihren enthalten ist, nicht sagen, die Nation als solche interessiere sich für das individuelle Schicksal jedes ihrer Mitglieder. Nehmen wir an, die nationale Geschichte sei eine getreue Zusammenstellung der bedeutendsten Ereignisse, die das Leben einer Nation verändert haben. Sie unterscheidet sich von der Orts-, Provinz- und Stadtgeschichte dadurch, daß sie nur die Geschehnisse festhält, die die Gesamtheit der Bürger interessieren, oder, wenn man so will, die Bürger als Mitglieder der Nation. Damit die so verstandene Geschichte, selbst wenn sie sehr detailliert ist, uns hilft, die Erinnerungen an ein individuelles Schicksal zu bewahren und wiederzufinden, muß das betreffende Individuum selbst eine historische Persönlichkeit gewesen sein. Gewiß gibt es Augenblicke, in denen alle Bewohner eines Landes ihre Interessen, ihre Familien, die beschränkten Gruppen vergessen, an deren Grenzen gewöhnlich ihr Blickfeld endet. Es gibt nationale Ereignisse, die zur gleichen Zeit das Dasein eines jeden Einzelnen verändern. Sie sind selten. Nichtsdestoweniger können sie allen Bewohnern eines Landes einige zeitliche Anhaltspunkte bieten. Aber gewöhnlich ist die Nation zu weit vom Individuum entfernt, als daß es die Geschichte seines Landes als etwas anderes als einen sehr ausgedehnten Rahmen betrachtet, mit dem seine eigene Geschichte nur sehr wenige Berührungspunkte hat. In etlichen Romanen, die das Schicksal einer Familie oder eines Individuums nachzeichnen, ist es kaum von Bedeutung, daß man weiß, zu welcher Zeit sich diese Ereignisse abspielen: sie würden nichts von ihrem psychologischen Gehalt verlieren, wenn man sie von einem Zeitraum in den anderen versetzte. Intensiviert sich das Innenleben nicht in dem Maße, als es sich von jenen äußeren Umständen absondert, die in den Vordergrund des historischen Gedächtnisses treten? Wenn manche Romane oder Theaterstücke von

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ihren Autoren in eine um mehrere Jahrhunderte entfernte Zeit hineinverlegt werden — ist das

nicht sehr häufig ein Kunstgriff, in der Absicht, den Rahmen der augenblicklichen Ereignisse beiseite zu schieben und besser fühlen zu lassen, wie sehr das Spiel der Gefühle unabhängig von den Ereignissen der Geschichte ist und wie es sich zu allen Zeiten gleich bleibt? Wenn man unter historischem Gedächtnis die Folge der Ereignisse versteht, deren Erinnerung die nationale Geschichte aufbewahrt, so stellen weder es selbst noch seine Rahmen das Grundlegende dar, was wir kollektives Gedächtnis nennen. Aber zwischen dem Individuum und der Nation gibt es etliche andere Gruppen, die begrenzter sind als diese, die ebenso ihr Gedächtnis haben und deren Veränderungen sich sehr viel unmittelbarer auf das Leben und Denken ihrer Mitglieder auswirken. Wenn ein Rechtsanwalt die Erinnerung an die Rechtssachen, die er vertreten hat, bewahrt, ein Arzt die Erinnerung an die Kranken, die er betreut hat — wenn der eine oder der andere sich seiner Berufskollegen entsinnt, mit denen er in Berührung gekommen ist — wenn er seine Aufmerksamkeit auf all diese Gesichter lenkt, dringt er dann nicht sehr weit in alle Einzelheiten seines persönlichen Lebens vor und entsinnt er sich so nicht etlicher Gedanken und Beschäftigungen, die mit seinem früheren Ich verbunden sind, mit dem Schicksal seiner Familie, mit seinen Freundschaftsbeziehungen, d. h. mit allem, was seine Geschichte ausmacht? Gewiß ist dies nur ein Aspekt seines Lebens. Jeder Mensch aber — wir haben daran erinnert — taucht gleichzeitig nacheinander in mehrere Gruppen ein. Jede Gruppe übrigens zersetzt sich und schließt sich fester zusammen — zeitlich und räumlich gesehen. Innerhalb dieser Gesellschaften entwickelt sich eine bestimmte Anzahl origineller kollektiver Gedächtnisse, die eine Zeitlang die Erinnerung an Ereignisse unterhalten, die nur für sie von Bedeutung sind, aber ihre Mitglieder um so mehr interessieren, je weniger zahlreich diese sind. Während es leicht ist, sich in einer Großstadt in Vergessenheit zu bringen, beobachten die Bewohner eines Dorfes einander ununterbrochen, und das Gedächtnis ihrer Gruppe registriert getreulich alles, was es an Handlungen und Gesten eines jeden unter ihnen gewahr werden kann, weil sie auf diese ganz kleine Gesellschaft zurückwirken und dazu beitragen, sie zu verändern. In solchen Milieus denken und erinnern sich alle Individuen gemeinschaftlich. Jeder sieht zweifellos die Dinge aus seiner

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eigenen Sicht, aber in so enger Verbindung und Übereinstimmung mit der der anderen, daß, wenn seine Erinnerungen sich verformen, er nur den Blickpunkt der anderen einzunehmen braucht, um sie zu berichtigen. Abschließende Gegenüberstellung des kollektiven Gedächtnisses und der Geschichte Aus allem Vorangegangenen geht hervor, daß das kollektive Gedächtnis nicht mit der Geschichte zu verwechseln ist, und daß der Ausdruck „historisches Gedächtnis" nicht sehr glücklich gewählt ist, da er zwei Glieder verbindet, die sich in mehr als einem Punkt widersprechen. Die Geschichte ist zweifellos das Verzeichnis der Geschehnisse, die den größten Raum im Gedächtnis der Menschen eingenommen haben. In Büchern gelesen, in den Schulen gelernt, sind die vergangenen Ereignisse jedoch Notwendigkeiten und Regeln zufolge ausgewählt, nebeneinandergestellt und eingeordnet, die nicht für jene Gruppen von Menschen zwingend waren, die sie lange Zeit als lebendiges Gut aufbewahrt haben. Das bedeutet, daß die Geschichte im allgemeinen an dem Punkt beginnt, an dem die Tradition aufhört — in einem Augenblick, in dem das soziale Gedächtnis erlischt und sich zersetzt. Solange eine Erinnerung fortbesteht, ist es unnötig, sie schriftlich festzulegen, sie überhaupt festzulegen. Ebenso erwacht das Bedürfnis, die Geschichte eines Zeitabschnitts, einer Gesellschaft und selbst eines Menschen zu schreiben, erst dann, wenn sie schon zu weit in der Vergangenheit liegen, als daß man hoffen könnte, in seiner Umgebung lange Zeit noch viele Zeugen zu finden, die irgendeine Erinnerung an sie bewahren. Wenn die Erinnerung an eine Folge von Ereignissen nicht mehr eine Gruppe zum Träger hat — jene selbst, die in sie

verwickelt war oder ihre Konsequenzen erfahren hat, die ihnen beigewohnt oder einen lebendigen Bericht der ersten Akteure und Zuschauer erhalten hat —, wenn sie sich über mehrere individuelle Gedächtnisse verteilt, die innerhalb jener neuen Gesellschaften verloren sind, die diese Geschehnisse nicht mehr interessieren, weil sie ihnen entschieden fremd sind, ist das einzige Mittel, solche Erinnerungen zu retten, sie schriftlich in einer fortlaufenden Erzählung festzuhalten, da, während die Worte und Gedanken vergehen, die Schriftstücke bestehen bleiben. Wenn die notwendige Voraussetzung der Existenz eines Gedächtnisses ist, daß

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derjenige, der sich erinnert — sei es ein Individuum oder eine Gruppe —, das Gefühl hat, auf seine Erinnerungen in einer kontinuierlichen Bewegung zurückzugehen, wie könnte dann die Geschichte ein Gedächtnis sein, da die Kontinuität zwischen der Gesellschaft, die diese Geschichte liest, und den damaligen Zeugen- oder Teilnehmergruppen der Ereignisse, die darin beschrieben sind, aufgehoben ist? Sicherlich kann es gerade eines der Ziele der Geschichtsschreibung sein, eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu schlagen und diese unterbrochene Kontinuität wiederherzustellen. Aber wie kann man kollektive Gedankenströmungen wieder ins Leben rufen, die in der Vergangenheit entstanden sind, während einem nur die Gegenwart greifbar ist? Die Historiker können in genauester Kleinarbeit eine Menge von bedeutenden und unbedeutenden Geschehnissen entdecken und zutage fördern, die man endgültig verloren glaubte — insbesondere wenn sie das Glück haben, unveröffentlichte Memoiren zu entdecken. Kann man jedoch sagen, daß, als beispielsweise die „Mémoires de Saint-Simon" zu Beginn des 19. Jahrhunderts veröffentlicht wurden, die französische Gesellschaft um 1830 wirklichen Kontakt, einen lebendigen und direkten Kontakt mit dem Ende des 17. Jahrhunderts und der Epoche der Régence aufnahm? Was ist von diesen „Mémoires" in die elementare Geschichtsschreibung übergegangen, jene, die von einer hinreichend großen Anzahl von Menschen gelesen wird, um kollektive Meinungszustände zu schaffen? Der einzige Effekt solcher Veröffentlichungen besteht darin, verständlich zu machen, wie weit wir von dem, der schreibt, und von denen, die er beschreibt, entfernt sind. Um die Schranken niederzureißen, die uns von dieser Epoche trennen, genügt es nicht, daß einige verstreute Individuen auf diese Lektüre viel Zeit und Aufmerksamkeit verwandt haben. Das Studium der so verstandenen Geschichte ist nur einigen Spezialisten vorbehalten, und wenn selbst eine Gesellschaft der Leser der „Mémoires de Saint-Simon" bestände, würde sie entschieden zu begrenzt sein, um ein zahlreiches Publikum zu berühren. Die Geschichte, die genau das Detail der Geschehnisse untersuchen will, nimmt den Charakter von Gelehrtheit an, und Gelehrtheit ist Sache nur einer ganz geringen Minderheit. Wenn sie sich im Gegenteil darauf beschränkt, jenes Bild der Vergangenheit zu bewahren,

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das innerhalb des heutigen kollektiven Gedächtnisses noch eine Rolle spielen kann, behält sie von ihr nur das, was unsere Gesellschaften interessiert, d. h. im ganzen recht wenig. Das kollektive Gedächtnis unterscheidet sich von der Geschichte in zumindest zweierlei Hinsicht. Es ist eine kontinuierliche Denkströmung — von einer Kontinuität, die nichts Künstliches hat, da sie von der Vergangenheit nur das behält, was von ihr noch lebendig und fähig ist, im Bewußtsein der Gruppe, die es unterhält, fortzuleben. Per definitionem erstreckt sich das kollektive Gedächtnis nicht über die Grenzen dieser Gruppe hinaus. Sobald eine Epoche aufhört, die darauffolgende Epoche zu interessieren, ist es nicht dieselbe Gruppe, die einen Teil ihrer Vergangenheit vergißt: es bestehen in Wirklichkeit zwei Gruppen, die

einander folgen. Die Geschichte teilt die Folge der Jahrhunderte in Perioden ein, so wie man den Stoff einer Tragödie über mehrere Akte verteilt. Aber während in einem Theaterstück von einem Akt zum anderen dieselbe Handlung fortgeführt wird — mit denselben Personen, die bis zum Abschluß ihrer Wesensart treu bleiben und deren Gefühle und Leidenschaften sich in einer ununterbrochenen Bewegung fortentwickeln —, hat man in der Geschichte den Eindruck, daß sich von einer Periode zur anderen alles erneuert — treibende Interessen, Geisteshaltungen, Arten der Beurteilung von Menschen und Ereignissen, wie auch Traditionen und Zukunftsperspektiven — und daß das Wiederauftauchen scheinbar derselben Gruppen bedeutet, daß die äußeren Unterteilungen, die sich aus den Örtlichkeiten, den Namen und auch aus der allgemeinen Natur der Gesellschaft ergeben, fortbestehen. Aber die Gesamtheiten von Menschen, die dieselbe Gruppe in zwei aufeinanderfolgenden Perioden bilden, sind zwei Bruchstücke, die einander allein an ihren beiden entgegengesetzten Endpunkten berühren und nicht wirklich einen und denselben Körper bilden. Zweifellos entdeckt man nicht von Anfang an innerhalb der Folge der Generationen einen hinreichenden Grund, aus dem ihre Kontinuität zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt und nicht zu anderen unterbrochen wird, da die Zahl der Geburten sich von einem Jahr zum anderen kaum ändert — so daß die Gesellschaft jenen Fäden ähnelt, die man erhält, wenn man eine Reihe animalischer oder pflanzlicher Fibern in einer Weise übereinandergleiten läßt, daß sie sich regelmäßig überlagern — oder vielmehr dem Tuch, das aus der Über-

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kreuzung der Fäden entsteht. Es ist wahr, das Woll- oder Seidentuch unterteilt sich, und die Trennungslinien kommen dem Abschluß eines Motivs oder eines Musters gleich. Ist es mit der Folge der Generationen ebenso? Die Geschichte, die außerhalb der Gruppen und über ihnen steht, zögert nicht, in den Strom der Fakten einfache Unterteilungen einzuführen, deren Stelle ein für allemal festgelegt ist. Indem sie dies tut, gehorcht sie nicht nur einer didaktischen Notwendigkeit der Schematisierung. Es scheint, als betrachte sie jede Epoche als eine Gesamtheit, die größtenteils unabhängig von der vorausgehenden und der nachfolgenden ist, da sie ein bestimmtes Werk — sei es gut, schlecht oder keines von beiden — zu verrichten hat. Solange dieses Werk nicht vollendet ist, solange bestimmte nationale, politische, religiöse Situationen nicht alle ihre nur immer möglichen Konsequenzen entwickelt haben, würden junge wie alte Menschen trotz der Altersunterschiede denselben Gesichtskreis haben. Sobald es beendet ist, sobald neue Aufgaben sich anbieten oder sich stellen — von diesem Augenblick an befinden sich die kommenden und die vorausgehenden Generationen bildlich auf entgegengesetzten Abhängen desselben Berges. Es gibt einige Nachzügler. Aber die jungen Leute reißen sogar einen Teil der älteren Erwachsenen mit sich, die ihren Schritt beschleunigen, so als fürchteten sie, „den Anschluß zu versäumen". Umgekehrt sehen diejenigen, die über beide Abhänge verteilt sind, selbst wenn sie der Trennungslinie sehr nahe sind, einander nicht besser; sie kennen sich ebensowenig, wie wenn sie sich weiter unten — die einen auf dem einen Hang, die anderen auf dem anderen — befänden, d. h. weiter in die Vergangenheit oder das, was nicht mehr die Vergangenheit ist, entrückt wären oder, wenn man so will, sich an auf der gewundenen Linie der Zeit weiter voneinander entfernten Punkten befänden. Vieles an diesem Bilde trifft zu. Von weitem und im ganzen, vor allem aber von außen her gesehen, von einem Zuschauer betrachtet, der den Gruppen, die er beobachtet, nicht angehört, lassen sich die Geschehnisse auf diese Art gruppenweise in aufeinanderfolgenden und getrennten Gesamtheiten zusammenstellen, wobei jede Periode einen Anfang, eine Mitte und einen Abschluß hat. Aber ebenso wie die Geschichte — die sich besonders für die Unterschiede und Gegensätze interessiert — innerhalb der Gruppe verstreute Züge auf eine

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individuelle Gestalt konzentriert und überträgt, damit sie gut sichtbar werden, überträgt und konzentriert sie Wandlungen, die sich in Wirklichkeit innerhalb einer viel längeren Zeit vollzogen haben, auf einen Zeitraum von einigen Jahren. Es ist möglich, daß nach einem Ereignis, das die Struktur einer Gesellschaft erschüttert, teilweise zerstört oder erneuert hat, eine neue Periode beginnt. Aber man wird dessen erst später gewahr werden, wenn tatsächlich eine neue Gesellschaft aus sich selber neue Kräfte geschöpft und sich andere Ziele gesetzt haben wird. Die Historiker dürfen diese Trennungslinie nicht ernst nehmen und nicht glauben, daß sie von jenen bemerkt wurden, die während der Jahre lebten, die sie durchqueren — wie jene Lustspielgestalt, die ausruft: „Heute beginnt der hundertjährige Krieg!" Wer weiß, ob nicht nach einem Krieg, einer Revolution, die eine Kluft zwischen zwei Gesellschaften aufgerissen haben, die junge Gesellschaft oder der junge Teil der Gesellschaft, so als sei eine Zwischengeneration verschwunden, im Einverständnis mit dem bejahrten Teil vor allem damit beschäftigt ist, die Spuren dieser Entzweiung zu verwischen, die entgegengesetzten Generationen einander anzunähern und trotz allem die Kontinuität der Entwicklung aufrechtzuerhalten? Die Gesellschaft muß weiterleben; selbst wenn die sozialen Einrichtungen tiefgehend verändert wären — und vor allem dann, wenn sie es sind —, ist das beste Mittel, um sie Wurzel fassen zu lassen, sie mit all dem zu untermauern, was an Tradition noch erfaßbar ist. Nach diesen Krisen sagt man sich dann von neuem: es muß an dem Punkt wiederangefangen werden, an dem man unterbrochen worden ist; hier muß man die Dinge von Grund auf neu beginnen. Und tatsächlich meint man einige Zeit lang, es habe sich nichts geändert, da man den Faden der Kontinuität wieder zusammengeknüpft hat. Diese Illusion, von der man sich bald befreien wird, hat dann zumindest erlaubt, daß man von einem Zeitabschnitt in den anderen überwechselt, ohne daß das kollektive Gedächtnis zu irgendeinem Zeitpunkt unterbrochen schien. In Wirklichkeit gibt es innerhalb der fortlaufenden Entwicklung des kollektiven Gedächtnisses keine deutlich gezogene Trennungslinien wie in der Geschichte, sondern nur unregelmäßige und unbestimmte Grenzen. Die Gegenwart (verstanden als eine bestimmte, die heutige Gesellschaft interessierende Zeitspanne) und die Vergangenheit unterscheiden sich nicht so wie zwei benachbarte histo-

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rische Perioden. Denn die Vergangenheit existiert nicht mehr, während für den Historiker beide geschichtlichen Perioden gleich wirklich sind. Das Gedächtnis einer Gesellschaft erstreckt sich, so weit es kann, d. h. bis dorthin, wohin das Gedächtnis der Gruppen reicht, aus denen sie sich zusammensetzt. Es vergißt eine so große Menge früherer Ereignisse und Gestalten keineswegs aus bösem Willen, aus Antipathie, Widerwillen oder Gleichgültigkeit. Vielmehr sind diejenigen Gruppen verschwunden, die sie in ihrer Erinnerung bewahrten. Würde die Dauer des menschlichen Lebens verdoppelt oder verdreifacht, wäre der Bereich des kollektiven Gedächtnisses, in Zeiteinheiten gemessen, sehr viel ausgedehnter. Es steht im übrigen nicht fest, daß dieses erweiterte Gedächtnis inhaltlich reicher sein würde, wenn die durch so viele Traditionen belastete Gesellschaft sich beschwerlicher fortentwickeln würde. Ebenso würde, wenn das Menschenleben kürzer wäre, ein eine beschränktere Zeitspanne umfassendes kollektives Gedächtnis deshalb vielleicht keineswegs ärmer sein, weil sich in einer so entlasteten Gesellschaft die Wandlungen überstürzen würden. Da das Gedächtnis einer Gesellschaft sich langsam zersetzt, hört es jedenfalls nicht auf, sich an seinen Grenzen in dem Maße umzuformen, als seine individuellen Glieder, vor allem die ältesten, dahinscheiden oder sich absondern, und die Gruppe selbst ändert sich unaufhörlich. Es ist im übrigen schwierig zu sagen, in welchem Augenblick eine kollektive Erinnerung erloschen und

ob sie endgültig dem Bewußtsein der Gruppe entfallen ist — eben weil es genügt, daß sie in einem begrenzten Teil des sozialen Körpers aufbewahrt wird, um sie stets darin wiederfinden zu können.

Die Geschichte, Bild der Ereignisse; die kollektiven Gedächtnisse, Sitz der Traditionen Es gibt in der Tat mehrere kollektive Gedächtnisse. Dies ist der zweite Wesenszug, durch den sie sich von der Geschichte unterscheiden. Die Geschichte ist ungeteilt, und man kann sagen, daß es nur eine Geschichte gibt. Hierunter verstehen wir folgendes: Gewiß kann man die Geschichte Frankreichs, die Geschichte Deutschlands, die Geschichte Italiens und überdies die Geschichte einer bestimmten Periode oder einer bestimmten Region, einer Stadt (und selbst eines Individuums) unterscheiden. Man wirft selbst bisweilen der historischen Forschung jenes Übermaß an Spezialisierung und die über-

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triebene Vorliebe für die detaillierte Abhandlung vor, die sich vorn Gesamten abwendet und den Teil gewissermaßen als ein Ganzes betrachtet. Aber sehen wir näher hin. Was in den Augen des Historikers diese Detailuntersuchungen rechtfertigt, ist die Tatsache, daß das dem Detail hinzugefügte Detail ein Ganzes ergibt, daß dieses Ganze sich anderen Ganzheiten angliedert und daß innerhalb des Gesamtbildes, das sich aus all diesen einander folgenden Summierungen ergeben wird, kein Element einem anderen untergeordnet ist, daß ein Geschehnis so interessant ist wie das andere und jedes in gleicher Weise verdient, hervorgehoben und aufgeschrieben zu werden. Indessen resultiert eine solche Wertungsart daraus, daß der Historiker sich nicht an die Stelle einer der wirklichen und lebendigen Gruppen versetzt — die existieren oder die selbst existiert haben —, für die im Gegenteil die Ereignisse, Orte und Zeitabschnitte längst nicht alle von gleicher Bedeutung sind, da sie nicht in gleicher Weise von ihnen berührt werden. Aber ein Historiker beabsichtigt durchaus, objektiv und unparteiisch zu sein. Selbst wenn er die Geschichte seines Landes schreibt, bemüht er sich, eine Gesamtheit von Fakten zusammenzustellen, die einer bestimmten anderen Gesamtheit, der Geschichte eines anderen Landes, so angegliedert werden kann, daß keine Unterbrechung der Kontinuität eintritt, und daß man innerhalb des Gesamtbildes der Geschichte Europas nicht etwa die Ansammlung verschiedener nationaler Betrachtensweisen der Geschehnisse findet, sondern vielmehr die Folge und Totalität der Geschehnisse, so wie sie sind, und zwar nicht für ein bestimmtes Land oder eine bestimmte Gruppe, sondern unabhängig von jedem Gruppenurteil. Daher sind innerhalb eines solchen Bildes selbst die Unterteilungen, die die Länder voneinander trennen, in gleicher Weise wie die anderen historische Fakten. Alles liegt also auf gleicher Ebene. Die historische Welt ist gleich einem Ozean, in den alle Teilgeschichten einmünden. Es ist nicht erstaunlich, daß man zu Anbeginn der Geschichtsschreibung und selbst zu alten Zeiten so manches Mal beabsichtigt hat, eine Universalgeschichte zu verfassen. Das ist die natürliche Ausrichtung des historischen Geistes. Das ist der verhängnisvolle Drang, von dem jeder Historiker mitgerissen würde, wenn er nicht aus Bescheidenheit oder mangelnder Ausdauer im Rahmen begrenzter Arbeiten zurückgehalten würde. Gewiß, die Muse der Geschichte ist Polyhymnia. Die Geschichte

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kann als das universale Gedächtnis des Menschengeschlechtes erscheinen. Aber es gibt kein universales Gedächtnis. Jedes kollektive Gedächtnis hat eine zeitlich und räumlich begrenzte Gruppe zum Träger. Man kann die Totalität der vergangenen Ereignisse nur unter der Voraussetzung zu einem einzigen Bild zusammenstellen, daß man sie vom Gedächtnis jener

Gruppen löst, die sie in Erinnerung behielten, daß man die Bande durchtrennt, durch die sie mit dem psychologischen Leben jener sozialen Milieus verbunden waren, innerhalb derer sie sich ereignet haben, und daß man nur ihr chronologisches und räumliches Schema zurückbehält. Es handelt sich nicht mehr darum, sie in ihrer Realität wiederzuerleben, sondern sie in jene Rahmen einzufügen, in die die Geschichte die Ereignisse einordnet — Rahmen, die den Gruppen selbst fremd bleiben —, und sie durch gegenseitige Gegenüberstellungen zu definieren. Dies will besagen, daß die Geschichte sich vor allem für die Unterschiede interessiert und von Ähnlichkeiten absieht, ohne die es indessen kein Gedächtnis gäbe, da man sich nur an Geschehnisse erinnert, deren gemeinsamer Zug die Zugehörigkeit zu ein und demselben Bewußtsein ist. Trotz der Vielfältigkeit der Örtlichkeiten und Zeiten betrachtet die Geschichte die Ereignisse als scheinbar vergleichbare Elemente, was ihr erlaubt, sie wie Variationen eines oder mehrerer Themen untereinander zu verbinden. Nur so gelingt es ihr, uns einen verkürzten Überblick über die Vergangenheit zu geben — wobei sie langsame kollektive Entwicklungen in einen Augenblick zusammenfaßt und durch einige brüske Wandlungen, durch einige Unternehmungen der Völker und Individuen symbolisiert. Auf diese Weise bietet sie uns ein einheitliches und totales Bild dar. Um uns dagegen eine Vorstellung von der Vielfältigkeit der kollektiven Gedächtnisse zu machen, mögen wir uns ausdenken, wie die Geschichte unseres Lebens aussähe, würden wir — während wir sie erzählen — jedesmal innehalten, wenn wir uns an eine jener Gruppen erinnern, denen wir angehört haben, um sie in sich selbst zu untersuchen und alles zu berichten, was wir von ihr kennengelernt haben. Es würde dabei nicht genügen, einige Gesamtheiten zu unterscheiden: wie etwa unsere Eltern, die Schule, das Gymnasium, unsere Freunde, unsere Berufskollegen, unsere gesellschaftlichen Beziehungen und dazu bestimmte politische, religiöse, künstlerische Gesellschaften, an die wir uns haben anschließen können. Diese großen

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Unterteilungen sind bequem, aber sie entsprechen einer noch äußerlichen und vereinfachten Sicht der Realität. Diese Gesellschaften enthalten sehr viel kleinere Gruppen, die nur einen Teil ihres Raumes einnehmen, und wir sind nur mit einem örtlich begrenzten Ausschnitt einer bestimmten Gruppe in Berührung gekommen. Die Gruppen verwandeln, zerstreuen sich, so daß es vorkommt — selbst wenn wir an Ort und Stelle bleiben und die Gruppe nicht verlassen —, daß sie durch eine langsame oder rasche Erneuerung ihrer Mitglieder tatsächlich eine andere Gruppe wird, die nur wenige Traditionen mit jenen Mitgliedern gemeinsam hat, die sie anfangs bildeten. Ebenso hat man, wenn man lange Zeit in derselben Stadt lebt, neue Freunde und alte Freunde; und selbst innerhalb der Familie kommen Trauerfälle, Hochzeiten, Geburten einer bestimmten Anzahl aufeinanderfolgender Ausgangs- und Wiederanfangspunkte gleich. Gewiß, diese neueren Gruppen sind bisweilen nur Unterabteilungen einer Gesellschaft, die sich ausgedehnt und verzweigt hat, der sich neue Gesamtheiten eingegliedert haben. Wir unterscheiden in ihnen indessen verschiedene Zonen, und wenn wir von der einen in die andere überwechseln, sind es nicht dieselben Denkströmungen und Erinnerungsfolgen, die unser Bewußtsein durchziehen. Dies will besagen, daß die Mehrzahl dieser Gruppen, selbst wenn sie augenblicklich nicht geteilt sind, indessen — wie Leibniz sagte — eine Art unendlich und den verschiedensten Linien nach teilbare soziale Materie darstellen. Betrachten wir jetzt den Inhalt dieser vielfältigen kollektiven Gedächtnisse. Wir wollen nicht behaupten, daß das kollektive Gedächtnis im Unterschied zur Geschichte oder, wenn man so will, des historischen Gedächtnisses nur die Ähnlichkeiten behält. Damit man von einem Gedächtnis sprechen kann, müssen die Abschnitte der Periode, die es umfaßt, durchaus in irgendeiner Weise differenziert sein. Jede dieser Gruppen hat eine Geschichte. Man

unterscheidet darin Gestalten und Ereignisse. Es fällt uns jedoch auf, daß im Gedächtnis die Ähnlichkeiten gleichwohl in den Vordergrund treten. In dem Augenblick, in dem die Gruppe auf ihre Vergangenheit zurückblickt, fühlt sie wohl, daß sie dieselbe geblieben ist und wird sich ihrer zu jeder Zeit bewahrten Identität bewußt. Die Geschichte, haben wir gesagt, übergeht jene Zeitabschnitte, während derer sich scheinbar nichts ereignet, innerhalb derer sich das Leben darauf beschränkt, sich zu

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wiederholen — in leicht unterschiedlichen Formen zwar, aber ohne grundlegende Veränderung, ohne Unterbrechung und Umwälzung. Aber die Gruppe, die zuerst und vor allem für sich lebt, strebt danach, die Gefühle und Bilder, die die Substanz ihres Denkens bilden, zu verewigen. So nimmt die Zeit, die verstrichen ist, ohne daß irgendetwas die Gruppe tiefgreifend verändert hat, den größten Raum in ihrem Gedächtnis ein. Die Ereignisse, die innerhalb der Familie geschehen können, sowie die verschiedenen Unternehmungen ihrer Mitglieder, denen man in einer Familienchronik besonderes Gewicht verleihen würde, würden so für sie ihren gesamten Sinn dadurch erhalten, daß sie dieser Gruppe von Verwandten erlauben, ihren eigenen, von allen anderen verschiedenen Charakter kundzutun, der sich kaum verändert. Wenn im Gegenteil ein Ereignis oder das Beginnen eines oder einiger ihrer Mitglieder oder endlich äußere Umstände in das Leben der Gruppe ein neues, mit ihrer Vergangenheit unvereinbares Element einführen würden, entstünde eine andere Gruppe mit einem eigenen Gedächtnis, in dem nur eine unvollständige und verworrene Erinnerung an das fortbestehen würde, was dieser Krise vorausgegangen ist. Die Geschichte ist ein Bild der Wandlungen, und es ist natürlich, daß — von ihr aus gesehen — die Gesellschaften unaufhörlich im Wandel begriffen sind; denn sie richtet ihren Blick auf das Ganze, und es vergeht kaum ein Jahr, in dem nicht innerhalb eines Gebietes dieses Ganzen irgendeine Veränderung vor sich ginge. Da aber für die Geschichte alles miteinander verbunden ist, muß jede dieser Veränderungen sich auf die anderen Teile des sozialen Körpers auswirken und hier oder dort eine weitere Wandlung vorbereiten. Allem Anschein nach ist die Reihe der historischen Ereignisse diskontinuierlich, da jedes Geschehnis von dem vorausgehenden oder dem darauffolgenden durch einen Zeitraum getrennt ist, von dem man glauben kann, es habe sich nichts in ihm ereignet. In Wirklichkeit wissen diejenigen, die die Geschichte schreiben und die vor allem auf den Wechsel, auf die Unterschiede achten, sehr wohl, daß, um den Übergang vom einen zum anderen herzustellen, sich eine Reihe von Veränderungen entwickeln muß, von denen die Geschichte nur die Summe (im Sinne der Integralrechnung) oder das Endergebnis wahrnimmt. Die Betrachtungsweise der Geschichte ist so geartet, weil sie die Gruppen von außen her erforscht und weil sie eine ziemlich lange

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Zeitdauer umspannt. Das kollektive Gedächtnis dagegen sieht die Gruppe von innen und während eines Zeitabschnittes, der die durchschnittliche Dauer des menschlichen Lebens nicht überschreitet, der sogar meist viel kürzer ist. Es zeigt der Gruppe ein Gesamtbild ihrer selbst, das sich zweifellos zu einer früheren Zeit aufrollt, da es sich um ihre Vergangenheit handelt — jedoch so, daß sie sich in diesen aufeinanderfolgenden Teilbildern jederzeit wiedererkennt. Das kollektive Gedächtnis ist ein Bild der Ähnlichkeiten, und es ist natürlich, daß es meint, die Gruppe bleibe dieselbe, sei dieselbe geblieben — denn es richtet seine Aufmerksamkeit auf die Gruppe —, und das, was sich geändert hat, seien die Beziehungen und Kontakte der Gruppe zu den anderen. Da die Gruppe stets dieselbe ist, müssen wohl die Veränderungen scheinbare sein: die Veränderungen, d. h. die Ereignisse innerhalb der Gruppe, lösen sich selber in Ähnlichkeiten auf, da ihre Bestimmung zu sein scheint, einen

gleichen Inhalt, d. h. die verschiedenen grundlegenden Züge der Gruppe selbst, unter verschiedenen Aspekten darzustellen. Wie wäre überdies ein Gedächtnis möglich, und ist es nicht paradox vorzugeben, man könne die Vergangenheit in der Gegenwart aufbewahren oder die Gegenwart in die Vergangenheit einführen, wenn diese nicht zwei Zonen desselben Bereiches sind und wenn die Gruppe nicht in dem Maße, in dem sie sich in sich selber zurückzieht, in dem sie sich erinnernd ihrer selbst bewußt wird und sich von den anderen absondert, dazu neigte, sich in eine relativ unbewegliche Form einzuschließen? Zweifellos erliegt sie einer Täuschung, wenn sie glaubt, daß die Ähnlichkeiten stärker sind als die Unterschiede, aber es ist ihr unmöglich, sich dessen bewußt zu werden, da sich das Bild, das sie sich früher von sich selbst machte, langsam gewandelt hat. Aber, ob der Rahmen sich erweitert oder verengt hat — er ist in keinem Augenblick gesprengt worden, und man kann jederzeit annehmen, daß die Gruppe allmählich nur ihre Aufmerksamkeit auf jene Teile ihrer selbst gerichtet hat, die früher in den Hintergrund traten. Das Grundlegende ist, daß die Züge, durch die sie sich von den anderen unterscheidet, fortbestehen und daß sie ihrem gesamten Inhalt den Stempel aufdrücken. Stimmt es nicht, daß, wenn wir uns von einer dieser Gruppen loslösen müssen — keineswegs für eine zeitweilige Trennung, sondern weil sie sich verläuft, weil ihre letzten Mitglieder dahinschwinden, weil ein Orts-, Berufs-, Sympathien- oder Glaubenswechsel uns zwingt, ihr Lebewohl zu sagen — und uns dann die gesamte in ihr verlebte Zeit ins Gedächtnis zurückrufen, sich uns die Erinnerungen wie aus einem Guß darbieten, so daß es uns bisweilen scheint, als seien die ältesten die nächsten oder vielmehr noch, als würden alle von einem gleich starken Licht erhellt — wie Gegenstände, die in der Dämmerung ineinander verschmelzen

Drittes Kapitel Das kollektive Gedächtnis und die Zeit

Die soziale Einteilung der Zeit Die Zeit lastet oft als ein harter Zwang auf uns — sei es, daß wir eine kurze Zeit zu lang finden, wenn wir ungeduldig sind oder uns langweilen oder Eile haben, eine undankbare Aufgabe beendet, eine physische oder moralische Prüfung überstanden zu haben, sei es, daß uns umgekehrt eine relativ lange Dauer als zu kurz erscheint, wenn wir uns gedrängt und gehetzt fühlen, handele es sich nun um eine Arbeit, ein Vergnügen oder einfach um den Übergang von der Kindheit zum Alter, von der Geburt zum Tode. Bald wünschen wir, daß die Zeit schneller verstreiche, bald daß sie langsamer dahinfließe oder stehenbleibe. Wenn wir im übrigen resignieren müssen, so zweifellos in erster Linie, weil die Folge der Zeit, ihre Schnelligkeit, ihr Rhythmus nur eine notwendige Ordnung ist, derzufolge sich die Phänomene der materiellen Natur und des Organismus aneinanderreihen. Aber auch und vielleicht vor allem, weil die Zeiteinteilungen, die Dauer der so festgelegten Teile, sich aus Konventionen und Gebräuchen ergeben und weil sie die ebenfalls unausweichliche Ordnung ausdrücken, nach der die verschiedenen Phasen des sozialen Lebens aufeinander folgen. Durkheim hat nicht versäumt, anzumerken, daß ein isoliertes Individuum im Extremfall kein Gefühl für das Verstreichen der Zeit haben könnte, daß jedoch das Leben innerhalb der Gesellschaft bedingt, daß alle Menschen sich über die Zeiten und die Längen der Zeitdauer einigen und genau die Konventionen kennen, deren Gegenstand sie sind. Deshalb gibt es eine kollektive Vorstellung von der Zeit; sie stimmt zweifellos mit den großen astronomischen und erdphysikalischen Vorgängen überein; diese allgemeinen Rahmen aber werden von der Gesellschaft mit anderen überdeckt, die vor allem mit den Verhältnissen und Gewohnheiten der

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konkreten menschlichen Gruppen übereinstimmen. Man kann sogar sagen: die astronomischen Daten und Zeiteinteilungen werden von den sozialen Einteilungen so verdeckt, daß sie allmählich verschwinden und die Natur es mehr und mehr der Gesellschaft überläßt, die Zeitdauer zu gestalten. Ob die Einteilungen nun so oder so sind, die Menschen passen sich ihnen im übrigen recht gut an, da jene im allgemeinen traditionell sind und jedes Jahr, jeder Tag die gleiche zeitliche Struktur wie die vorausgehenden aufweist — so als seien sie alle auf demselben Baum gewachsene Früchte. Wir können nicht darüber klagen, in unseren Gewohnheiten gestört zu werden. Der Zwang, den wir erfahren, ist anderer Art. Zuerst einmal ist es die Gleichförmigkeit, die auf uns lastet. Die Zeit ist für alle Mitglieder der Gesellschaft in der gleichen Weise unterteilt. Es kann uns indessen unangenehm sein, daß die Stadt jeden Sonntag nach Müßiggang aussieht, daß die Straßen sich leeren oder sich mit einem ungewohnten Publikum anfüllen, daß das Schauspiel dort draußen uns veranlaßt, nichts zu tun oder uns zu zerstreuen, während wir jedoch in Arbeitsstimmung sind. Geschieht es aus Protest gegen dieses allen gemeinsame Gesetz, daß viele Menschen, Milieus, Stadtviertel die Nacht zum Tage machen oder daß die, die es können, mitten im Winter die Wärme des Südens suchen? Zweifellos würde das Bedürfnis, uns von den anderen in bezug auf die Art zu unterscheiden, in der wir unsere Zeit einteilen und normen, noch mehr zutage treten, wenn wir bei unseren Beschäftigungen und Zerstreuungen nicht genötigt wären, uns in dieser Hinsicht der sozialen Disziplin zu fügen. Wenn ich ins Büro gehen will, kann ich mich nicht in dem Augenblick dorthin begeben, in dem die Arbeit unterbrochen wird, in dem die Angestellten sich nicht mehr dort befinden. Die soziale Arbeitsteilung zieht die Gesamtheit der Menschen in dieselbe mechanische Verkettung der Tätigkeiten hinein: je mehr Fortschritte sie macht, um so mehr nötigt sie uns, genau zu sein. Ich muß durchaus pünktlich ankommen, wenn ich einem Konzert, einem Theaterstück beiwohnen will, wenn ich nicht die Teilnehmer an dem Essen, zu dem ich geladen bin, warten lassen will, wenn ich nicht meinen Zug verpassen will. Ich bin also gezwungen, mich in meinem Tun nach dem Lauf eines Uhrzeigers zu richten oder nach dem von den anderen angenommenen Rhythmus — der meinen Hang, mit meiner Zeit zu geizen, keine Zeit zu verlieren, nicht Rech-

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nung trägt —, da ich sonst einige der Chancen und Vorteile gefährden würde, die mir das Leben innerhalb der Gesellschaft bietet. Aber das Unangenehmste ist vielleicht, daß ich mich ständig gezwungen fühle, das Leben und die Ereignisse, die es ausfüllen, unter dem Aspekt des Messens zu betrachten. Nicht nur, daß ich angstvoll über mein in einer Anzahl von Jahren ausgedrücktes Alter und ebenso über die Anzahl von Jahren, die mir noch bleiben, nachdenke — so als ob das Leben eine weiße, durch eine Anzahl Linien in gleiche Abschnitte unterteilte Seite sei, oder vielmehr noch, als ob die Jahre, die ich vor mir habe, abnehmen und sich zusammenziehen würden, weil jedes einzelne eine immer kleinere Proportion der verflossenen Zeit, die anwächst, darstellt. Sondern man kommt durch das viele Messen der Zeit — in der Ansicht, sie wohl auszufüllen — dahin, nicht mehr zu wissen, was man mit jenen Teilen der Zeitdauer machen soll, die sich nicht mehr auf die gleiche Weise unterteilen lassen, weil man in ihnen sich selbst ausgeliefert und gewissermaßen aus der Strömung des äußeren sozialen Lebens ausgeschieden ist. Ebensogut könnte dies eine Oase sein, in der man die Zeit gerade vergißt, dafür aber sich selbst wiederfindet. Man empfindet im Gegenteil sehr stark die leeren Zeiträume, und das Problem besteht dann darin, zu wissen wie man die Zeit verbringen soll. So macht uns die Gesellschaft, indem sie uns nötigt, unser Leben unaufhörlich auf ihre Art zu messen, immer unfähiger, auf unsere eigene Weise darüber zu

verfügen. Zweifellos bleibt es für manche Menschen zutreffend, daß die verlorene Zeit diejenige ist, die man am wenigsten bereut (oder, in einem anderen Sinne, die man am meisten bereut). Aber das sind Ausnahmen.

Die reine (individuelle) Zeitdauer und die „gemeinsame Zeit" nach Bergson Wenn eine soziale Zeit existiert, deren Einteilungen so dem individuellen Bewußtsein aufgezwungen werden, wo nimmt sie selbst ihren Ursprung? Man hat behauptet, daß die Zeit oder die Zeitdauer selbst und ihre Einteilungen zu unterscheiden seien. Genauer gesagt, würde jedes mit einem Bewußtsein begabte Wesen das Gefühl für die Zeitdauer haben, da in ihm verschiedene Bewußtseinszustände aufeinander folgen. Die Zeitdauer würde nichts anderes sein als die Folge dieser Zustände, als die Strömung, die durch sie

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hindurch, unter ihnen hinweg zu gehen scheint, wobei sie einen nach dem anderen in Erscheinung treten läßt. Jeder Mensch würde in diesem Sinne seine eigene Zeitdauer haben, und sie würde eine jener grundlegenden Gegebenheiten des Bewußtseins sein, die wir unmittelbar kennen und deren Kenntnis nicht von außen her zu uns zu dringen braucht. Da diese Zustände verschiedenartig sind, würde es sogar möglich sein, innerhalb dieser Folge natürliche Unterteilungen festzustellen, die dem Übergang von einem Zustand in den anderen entsprechen, von einer fortlaufenden Reihe ähnlicher Zustände in eine andere Reihe gleichfalls ähnlicher Zustände. Mehr noch, da wir die äußeren Dinge wahrnehmen und da es in der Natur viele regelmäßige Wiederholungen gibt — die Aufeinanderfolge der Tage, die Folge der Schritte, die unseren Gang unterteilen usw. —, würde ein isoliertes Individuum fähig sein, sich aus eigener Kraft und auf Grund der Gegebenheiten einzig seiner Erfahrung einen Begriff von einer meßbaren Zeit zu machen Aber in bezug auf manche Dinge trifft unser Denken ebenfalls mit dem der anderen zusammen; jedenfalls stelle ich mir die fühlbare Existenz jener, mit denen ich durch die Stimme oder durch Gesten in einem bestimmten Augenblick in Verbindung trete, räumlich vor. So würden gleichzeitig in meiner Zeitdauer und in der ihren Einschnitte entstehen, die jedoch dahin tendieren, sich bis auf die Zeitdauer und das Bewußtsein anderer Menschen zu erstrecken — aller auf der Welt Lebenden. Nun werden wir uns vorstellen können, daß zwischen diesen aufeinanderfolgenden und gemeinsamen Augenblicken, von denen man annimmt, daß wir sie in der Erinnerung behalten werden, eine Art leerer Zeit verstreicht — gemeinsame Hülle der von jedem persönlichen Bewußtsein erlebten Zeitdauer, wie die Psychologen sagen. Da die Menschen übereinkommen, die Zeit mittels bestimmter Bewegungsabläufe zu messen, die in der Natur entstehen — wie die der Sterne —, oder die wir künstlich schaffen und regeln — wie auf unseren Uhren —, heißt das, daß wir innerhalb der Folge unserer Bewußtseinszustände nicht genügend bestimmte Anhaltspunkte würden finden können, die für jedes Bewußtsein gültig sein könnten. Die Eigentümlichkeit der Arten der individuellen Zeitdauer besteht in der Tat darin, daß sie unterschiedlichen Inhalts sind, so daß die Schnelligkeit der Aufeinanderfolge ihrer Zustände von der einen zur anderen und ebenso innerhalb jeder

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einzelnen während der verschiedenen Perioden mehr oder minder variiert. Es gibt leere Stunden und Tage, während wir in anderen Augenblicken — sei es, daß sich die Ereignisse überstürzen, sei es, daß wir rascher denken oder uns in einem Zustand der Erregung oder Gefühlsaufwallung befinden — den Eindruck haben, innerhalb einiger Stunden oder Tage Jahre durchlebt zu haben. Aber genauso ist es, wenn man in demselben Augenblick mehrere

Bewußtseinsarten vergleicht. Auf einen wachen, ungeduldigen und gespannten Geist würden viele kommen, die nur ausnahmsweise von irgendeinem äußeren Ereignis angeregt werden und deren gewöhnliche Bewegung langsam und eiförmig ist, weil ihr Interesse sich allein — und dazu nicht sehr intensiv — auf eine geringe Anzahl von Dingen richtet. Vielleicht erklärt ein wachsendes Desinteresse, eine fortschreitende Abschwächung der gefühlsmäßigen Fähigkeiten, daß in dem Maße, als man älter wird, der Rhythmus des Innenlebens sich verlangsamt, und daß, während der Tag eines Kindes mit vielfältigen Eindrücken und Beobachtungen angefüllt ist und in diesem Sinne eine große Anzahl von Augenblicken umfaßt, mit dem Abnehmen der Jahre der Inhalt eines Tages — wenn man nur den wirklichen Inhalt berücksichtigt, d. h. das, was unsere Aufmerksamkeit erweckt und uns das Bewußtsein unseres Innenlebens gegeben hat —, sich auf sehr viel weniger voneinander verschiedene Zustände und in diesem Sinne auf eine geringe Anzahl eigenartig ausgedehnter Augenblicke reduziert. Der Greis, der seine Kindheit in Erinnerung behalten hat, meint, seine Tage vergingen gegenwärtig langsamer und seien zugleich kürzer — was besagen will, daß er bald glaubt, die Zeit fließe langsamer dahin, weil die Augenblicke, so wie er sie zu leben das Gefühl hat, länger sind, und dann wieder meint, sie verfliege schneller, weil die Augenblicke, so wie man sie um ihn herum zählt, mit soldier Schnelligkeit aufeinander folgen, daß es sein Fassungsvermögen übersteigt: er hat keine Zeit, einen Tag mit all dem anzufüllen, was ein Kind bequem in ihm unterbringen kann: weil seine innere Zeitdauer langsamer verstreicht, scheint ihm der Zeitraum eines Tages zu klein. Deshalb würden sich ein Greis und ein Kind, die Seite an Seite leben würden und kein anderes Mittel der Zeitmessung hätten, als sich auf ihr Gefühl der Zeitdauer und auf die Einteilungen, die ihr Innenleben mit sich bringt, zu beziehen, weder über die Teilungspunkte noch über die

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Länge der als gemeinsame Einheit gewählten Zeitabschnitte verständigen können — eine Einheit, die dem Kinde als zu klein, dem Bejahrten als zu groß erscheinen würde. Um die Zeiteinteilungen festzulegen, ist es besser, daß wir uns von den Veränderungen und Bewegungen leiten lassen, die innerhalb der materiellen Körper entstehen, damit es uns immer möglich ist, auf sie Bezug zu nehmen. Wir wären nicht ganz von selbst auf den Gedanken gekommen, diese Wahl zu treffen. Wir mußten uns in dieser Hinsicht mit anderen Menschen verständigen: was wir als Anhaltspunkte gewählt haben, ist in Wirklichkeit innerhalb der periodischen Wiederkehr bestimmter materieller Phänomene die Gelegenheit, die diese uns bieten — uns und den anderen, da wir sie gleichzeitig wahrnehmen —, gerade festzustellen, daß zwischen manchen unserer Wahrnehmungen, d. h. manchen unserer Gedanken — der ihren und der unseren —, eine Gleichzeitigkeitsbeziehung besteht, und vor allem, daß diese Beziehung in regelmäßigen Abständen, die wir als gleich zu betrachten übereinkommen, sich von neuem einstellt. Von diesem Augenblick an werden uns die konventionellen Zeiteinteilungen von außen her aufgezwungen. Aber sie haben ihren Ursprung in den individuellen Denkweisen. Diesen ist nur bewußt geworden, daß sie in bestimmten Augenblicken miteinander in Verbindung treten, daß sie bisweilen eine gleichartige Haltung demselben äußeren Objekt gegenüber einnehmen und daß diese Haltung sich mit derselben periodischen Regelmäßigkeit wiederholt. Durch ein solches Vorgehen und durch die Konventionen, die sich daraus ergeben, haben sie nur diskontinuierliche Anhaltspunkte festlegen können, die teilweise außerhalb eines jeden Bewußtseins liegen, da sie allen gemeinsam sind. Aber sie haben keine neue, unpersönliche Zeitdauer schaffen können, die den Raum zwischen den als Anhaltspunkten gewählten Augenblicken füllen würde, d. h. eine soziale und kollektive Zeit, die innerhalb ihrer Einheit selbst alle individuellen Arten der Zeitdauer umfassen und in allen deren Teilen untereinander verbinden würde. In Wirklichkeit gibt es innerhalb des Zeitraumes, der zwischen zwei den

Anhaltspunkten entsprechenden Einschnitten liegt, nur getrennte, individuelle Denkweisen, eine bestimmte Anzahl verschiedener Denkströmungen, von denen jede ihre eigene Zeitdauer hat. Man kann sich, wenn man will, eine leere Zeit vorstellen, die alle individuellen Arten der Zeitdauer beinhalten und die durch die-

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selben Einschnitte unterteilt würde — und zweifellos drängt sich eine derartige Vorstellung in der Tat jedem Denken auf: aber sie ist nur ein abstraktes Bild, dem keine Realität mehr entsprechen würde, wenn die individuellen Arten der Zeitdauer zu existieren aufhörten. Machen wir uns doch einmal diese Bergsonsche Betrachtungsweise zu eigen. Der Begriff einer universalen Zeit, die jedes Dasein, die alle aufeinanderfolgenden Reihen von Phänomenen in sich einschließt, würde sich in einer diskontinuierlichen Folge von Augenblicken erschöpfen. Jeder von ihnen würde einer zwischen mehreren individuellen Denkweisen hergestellten Beziehung entsprechen, die sich ihrer gleichzeitig bewußt würden. Gewöhnlich voneinander getrennt, treten diese Denkweisen jedesmal, wenn ihre Wege sich kreuzen, aus sich heraus und verschmelzen einen Augenblick lang zu einer breiteren Ausdrucksform, die zugleich die Bewußtseinsinhalte und die zwischen ihnen bestehenden Beziehungen umfaßt: eben hierin besteht die Gleichzeitigkeit. Die Gesamtheit dieser Augenblicke würde einen Rahmen bilden, den umzugestalten, zu regulieren und zu vereinfachen uns im übrigen freistehen würde. Denn die Zeit, die diese Augenblicke trennt, ist leer, und alle ihre Teile lassen sich ebenfalls auf die verschiedenste Weise unterteilen: sie ist wie eine Tafel, auf der man eine unendlich große Anzahl paralleler Linien ziehen kann. Nichts hindert uns also, uns eingeschobene Gleichzeitigkeiten an irgendeinem Punkt jener zeitlichen und abstrakten Linie vorzustellen, die zwei Augenblicke mit der Hälfte, dem Drittel, dem Viertel dieses Zeitraumes verbinden (und die wir durch das Bild einer gleichförmigen Bewegung oder eines gleichförmigen Wechsels zwischen dem einen und dem anderen Augenblick darstellen können). Auf diese Weise werden die Einteilungen der Zeit in Jahre, Monate, Tage, Stunden, Minuten und Sekunden entstehen: schließlich können wir durchaus annehmen, daß eine bestimmte Anzahl individueller Denkweisen zu all den bestimmten Zeitpunkten miteinander in Verbindung treten, die die Stunden und selbst die Minuten voneinander trennen: die Zeiteinteilungen symbolisieren nur alle diese Möglichkeiten. Nichts würde deutlicher beweisen, daß die Zeit, die als für die Gesamtheit der Menschen gültig aufgefaßt wird, nur eine künstliche Schöpfung ist, die durch die Summierung, die Verbindung und Vervielfältigung

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der den individuellen Arten der Zeitdauer — und nur ihnen — entlehnten Gegebenheiten erhalten wurde.

Kritik des Bergsonschen Subjektivismus Wenn jedoch diese Zeiteinteilungen nicht schon im voraus in den Bewußtseinsinhalten enthalten und angedeutet sind, genügt es dann, zwei oder eine größere Anzahl dieser letzteren aufeinander abzustimmen, um sie aus ihnen hervorgehen zu lassen? Dieser Ansicht oder diesem Postulat muß besondere Beachtung geschenkt werden, denn hier zeigt es sich am deutlichsten, welche besondere Konzeption der Zeitdauer der Behauptung zugrunde liegt, das Gedächtnis sei eine individuelle Fähigkeit. Um uns fühlen zu lassen, was das innere und persönliche Denken ist, läßt man uns zuerst alles daraus entfernen, was an den Raum und die äußeren Gegenstände erinnert. Seine

aufeinanderfolgenden Zustände bilden zweifellos eine Vielfalt und sind voneinander verschieden, jedoch auf ganz andere Art als die materiellen Dinge. Sie fließen als ein ununterbrochener Strom dahin, ohne daß es zwischen ihnen eine genaue Trennungslinie gäbe. Diese allerdings ist für das Gedächtnis erforderlich, oder vielmehr für jene Form des Gedächtnisses, das allein wirklich aktiv und psychisch und nicht mit dem Mechanismus der Gewohnheit zu verwechseln ist. Das (in diesem Sinne verstandene) Gedächtnis kann die vergangenen Zustände nur deshalb wiederaufgreifen und sie uns nur deshalb in ihrer früheren Realität wiedergeben, weil es sie weder untereinander, noch mit anderen, älteren oder neueren, verwechselt — d, h, daß es sich auf die Unterschiede stützt. Nun sind deutlich voneinander getrennte Zustände zweifellos hierdurch selbst verschieden. Würden sie aus der Folge der anderen herausgelöst, aus der Strömung, in der sie sich befanden, zurückgezogen — was wohl ihr Los wäre, wollten wir jeden von ihnen als eine getrennte Realität mit zeitlich deutlich markierten Konturen betrachten —, wie könnten sie dann jedoch völlig verschieden von jedem anderen ebenfalls abgesonderten und begrenzten Zustand bleiben? Jede Trennung dieser Art bedeutet, daß man diese Zustände in den Raum zu projizieren beginnt. Aber räumliche Dinge, so unterschiedlich sie sein mögen, enthalten viele Ähnlichkeiten. Die Orte, an denen sie sich befinden, sind verschieden, liegen jedoch innerhalb eines homogenen Milieus. Die Unterschiede,

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die man bei ihnen feststellt, lassen sich in bezug auf eine bestimmte Anzahl gemeinsamer Arten bestimmen, an denen die einen wie die anderen teilhaben. Dagegen ist die Strömung, von der die Gedanken innerhalb eines jeden Bewußtseins erfaßt werden, kein homogenes Milieu, da sich hier die Form nicht von der Materie unterscheidet und der Behälter mit dem Inhalt eins ist. Innerhalb der verschiedenen Bewußtseinszustände (um übrigens einen inadäquaten Ausdruck zu gebrauchen, da es in Wirklichkeit keineswegs Zustände, sondern Bewegungen oder ein unaufhörlich im Werden begriffenes Denken gibt) unterscheidet man Eigenschaften nur durch Abstraktion, da das Grundlegende hier ist, daß jeder von ihnen eine Einheit bildet und daß sie eine bestimmte Anzahl von Ausblickspunkten auf das gesamte Bewußtsein darstellen: es gibt unter ihnen keine gemeinsamen Arten, da jeder einmalig in seiner Art ist. Jeder Versuch eines Vergleichs des einen mit dem anderen würde die Kontinuität der Reihe unterbrechen. Aber gerade diese Kontinuität selbst erklärt, daß die einen an die anderen erinnern — an die, die ihnen vorausgegangen oder gefolgt sind —, ebenso wie man kein Kettenglied ergreifen kann, ohne die gesamte Kette mitzuziehen. Weil sie also alle verschieden sind, bilden die individuellen Bewußtseinszustände eine fortlaufende Reihe, in die jede Ähnlichkeit, jede Wiederholung ein Element der Diskontinuität einführen würde. Gerade auch weil die Erinnerungen verschieden sind, rufen sie einander gegenseitig wach; sonst würde die Reihe aufhören, sich zu vervollständigen, und könnte jeden Augenblick abreißen. Wenn dies aber zutrifft, ist es unverständlich, wie zwei individuelle Bewußtseinsinhalte jemals miteinander in Verbindung treten können, wie es zwei so kontinuierlichen Reihen von Zuständen gelingen soll, sich wirklich zu überschneiden — was notwendig ist, damit ich das Gefühl habe, daß Gleichzeitigkeit zwischen zwei Veränderungen besteht, von denen die eine in mir, die andere in einem von dem meinen verschiedenen Bewußtsein eintritt. Zweifellos kann ich annehmen, wenn ich äußere Gegenstände gewahre, daß ihre Realität sich in meiner Wahrnehmung erschöpft. Was andauert, sind nicht die Gegenstände, sondern mein Denken, das sie mir vergegenwärtigt, und ich trete dabei nicht aus mir heraus. Anders ist es, wenn eine menschliche Form, eine Stimme, eine Geste mir die Gegenwart eines anderen Denkens als des meinen offenbart. Dann würde ich den

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Gegenstand aus zweierlei Sicht dargestellt vor mir sehen — aus der meinen und aus der eines anderen, der wie ich ein Bewußtsein hat, das andauert. Aber wie ist das möglich, wenn ich in meinem Bewußtsein eingeschlossen bin, wenn ich mich nicht aus meiner Zeitdauer herauslösen kann? Ich kann mich indessen nicht aus ihr herauslösen, wenn, wie behauptet wird, meine Bewußtseinszustände einander in einer ununterbrochenen Bewegung folgen, wenn sie so eng miteinander verbunden sind, daß es zwischen ihnen keine Trennungslinie gibt, keinen Stillstand in ihrem Fluß, wenn kein scharf umrissener Gegenstand sich von der Oberfläche meines bewußten Lebens reliefartig abhebt. Man wird sagen, daß das, was die Kontinuität meines bewußten individuellen Lebens unterbricht, die Einwirkung ist, die ein anderes Bewußtsein, das mir eine Vorstellung aufzwingt, in der es enthalten ist, von außen her auf mich ausübt. Es mag ein Mensch sein, der meinen Weg kreuzt und mich nötigt, seine Gegenwart zu bemerken. Aber schließlich drängen sich die materiellen Gegenstände ebenfalls von außen her meinem Wahrnehmungsvermögen auf. Wenn wir indessen annehmen, daß ich in mich selbst eingeschlossen bin und nichts von der äußeren Welt weiß, würde eine solche sinnliche Wahrnehmung den Fluß meiner Bewußtseinszustände keineswegs eher aufhalten als ein gefühlsmäßiger Eindruck oder ein beliebiger Gedanke: sie wird sich in ihn einfügen, ohne mich aus mir selber heraustreten zu lassen. Genauso wäre es, wenn ich — immer in der Annahme eines auf die Kontemplation seiner Zustände beschränkten Bewußtseins — eine menschliche Form, eine Stimme, eine Geste wahrnehme. Der Verlauf des individuellen Denkens würde dadurch keineswegs verändert werden: ich würde keineswegs den Eindruck einer anderen Zeitdauer als der meinen haben. Damit es anders sei, muß der Gegenstand wie ein Zeichen auf mich einwirken. Das aber bedingt, daß ich jederzeit fähig bin, den Gegenstand gleichzeitig aus meiner wie aus der Sicht eines anderen heraus zu sehen und daß ich — während ich mir mehrere zumindest potentielle Bewußtseinsinhalte und die Möglichkeit, daß sie untereinander in Verbindung treten, vorstelle — mir gleichfalls eine Zeitdauer vorstelle, die ihnen gemeinsam ist. Wir haben ein in sich selbst eingeschlossenes Bewußtsein vorausgesetzt, für das seine Wahrnehmungen nur subjektive Zustände wä-

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ren, die ihm nichts über die Existenz der Gegenstände offenbaren würden. Wie aber würde ein solches Denken dann jemals die Kenntnis der äußeren Welt erlangen? Sie kann ihm unter diesen Bedingungen weder von innen, noch von außen her zukommen. Indessen muß eingeräumt werden, daß jede sinnliche Wahrnehmung dazu neigt, sich nach außen auszuwirken, d. h. das Denken aus dem engen Kreis des individuellen Bewußtseins, in dem es sich bewegt, herauszuführen und den Gegenstand so zu betrachten, als sei sein Bild zugleich in einem oder mehreren anderen Bewußtseinsinhalten enthalten oder als könne es jederzeit in ihnen enthalten sein. Dies aber setzt voraus, daß man sich schon eine „Gesellschaft der Bewußtseinsinhalte" vorstellte. Mehr noch, wenn wir an Zustände denken, die uns im Unterschied zu den sinnlichen Wahrnehmungen nicht mit der äußeren Wirklichkeit in Verbindung zu stehen scheinen, wie die affektiven Zustände als solche — ist dann das, was sie charakterisiert und ihnen einen rein innerlichen Aspekt verleiht, die Tatsache, daß die Vorstellung jener Bewußtseinsinhalte fehlt? Oder ist es nicht vielmehr so, daß diese Vorstellung vorübergehend verdeckt ist, daß kein von außen her auf uns ausgeübter Einfluß ihr Gelegenheit gibt, sich zu zeigen, daß sie jedoch stets latent hinter den scheinbar persönlichsten Eindrücken fortbesteht? Das würde der Fall sein, wenn wir seit einiger Zeit einen physischen Schmerz fühlen und uns ganz in unseren Empfindungen verzehren würden,

so daß der gegenwärtige Schmerz den vorausgegangenen Schmerz zu verlängern und aus ihm seine gesamte Substanz zu beziehen scheint. Wenn wir nun entdeckten, daß dieser Schmerz durch eine materielle — äußerliche oder organische — Einwirkung hervorgerufen wird, wenn wir ihn uns nur vorstellen oder wenn wir außerdem bedenken, daß andere Wesen denselben Schmerz fühlen oder fühlen könnten, dann wird sich unsere Empfindung teilweise zumindest in das verwandeln, was wir eine objektive Vorstellung des Schmerzes nennen wollen. Wie aber kann die Vorstellung aus der Empfindung hervorgehen, wenn sie nicht schon darin enthalten war? Und muß man nicht annehmen, daß — da diese Vorstellung nur so ist, weil sie mehreren Bewußtseinsinhalten gemeinsam, weil sie in genau dem gleichen Maße kollektiv wie objektiv ist —, wenn auch nicht der Schmerz selbst, so doch zumindest das Bild, das ich mir vorher von ihm machte (und das alles

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ist, was in der Erinnerung von ihm zurückbleibt), nur eine unvollständige und verstümmelte kollektive Vorstellung war? Auf diese Weise würde zweifellos das alte metaphysische Paradox von Leibniz in einem neuen Sinn interpretiert werden können — wissen, daß die physischen Schmerzen und die Empfindungen im allgemeinen nur verworrene und unvollendete Ideen sind. Der Schmerz verliert nicht nur deshalb in manchen Fällen allmählich an Schärfe, weil man sich die Art und den Mechanismus, die Teile und ihre Beziehungen getrennt vorstellt, sondern es scheint vielmehr, daß wir, indem wir uns vorstellen, er könne von mehreren Menschen empfunden und ertragen werden (was nicht sein könnte, wenn er eine rein persönliche und daher einzigartige Empfindung wäre), einen Teil seiner Last auf die anderen übertragen und daß sie uns ihn ertragen helfen. Das Tragische des Schmerzes, das bewirkt, daß er — steigert er sich bis zu einem bestimmten Punkt — in uns ein verzweifeltes Gefühl der Angst und Ohnmacht hervorruft, besteht darin, daß über ein Übel, dessen Ursache in jenen Bereichen unserer selbst liegt, die den anderen unzugänglich sind, niemand Macht hat, da wir mit dem Schmerz eins werden und der Schmerz sich nicht selbst zerstören kann. Deshalb suchen wir instinktiv und finden eine Erklärung dieses Übels, die einleuchtend ist, d. h. auf die die Mitglieder einer Gruppe sich einigen können — ebenso wie der Zauberer dem Kranken Linderung verschafft, indem er scheinbar einen Stein, Knochen, eine Spitze oder eine Flüssigkeit aus seinem Körper entfernt. Oder wir berauben das Leiden seines Geheimnisses, indem wir seine andere Seite entdecken — die, die es dem Bewußtsein anderer Menschen zukehrt, sobald wir uns vorstellen, daß es von unsresgleichen empfunden worden ist oder empfunden werden kann:

wir verweisen es so in einen vielen Wesen gemeinsamen Bereich zurück und geben ihm eine kollektive und vertraute Physiognomie wieder. So führt eine tiefergehende Analyse der Gleichzeitigkeit dazu, daß wir die Hypothese der rein individuellen, einander undurchdringlichen Arten der Zeitdauer beiseite schieben. Die Folge unserer Bewußtseinszustände ist keine feine Linie, deren Teile nur mit denen zusammenhängen, die ihnen vorausgehen und die ihnen folgen. In Wirklichkeit überschneiden sich in unserem Denken zu jedem Zeit-Punkt und während jeder Periode seines Verlaufs viele Strömungen, die von einem Bewußtsein zum anderen gehen und deren Treffpunkt

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es ist. Zweifellos rührt die offensichtliche Kontinuität dessen, was man unser Innenleben nennt, zum Teil daher, daß es zeitweise dem Lauf einer dieser Strömungen folgt — dem Verlauf eines Denkens, das sich zugleich in uns und in den anderen entwickelt, der Ausrichtung eines kollektiven Denkens. Sie erklärt sich ebenfalls aus der Verbindung, die

zwischen unseren Bewußtseinszuständen unaufhörlich diejenigen unter ihnen herstellen, die sich vor allem aus der Kontinuität unseres organischen Lebens ergeben. Es besteht zwischen den einen und den anderen im übrigen nur ein gradmäßiger Unterschied, da selbst die affektiven Eindrücke dazu neigen, sich zu kollektiven Bildern und Vorstellungen zu entfalten. Wenn man mit Hilfe individueller Arten der Zeitdauer eine breitere und unpersönliche Zeitdauer rekonstruieren kann, so jedenfalls weil diese selbst sich von dem Hintergrund einer kollektiven Zeit abheben, aus der sie ihre gesamte Substanz beziehen.

Das Datum, Rahmen der Erinnerung Wir sprechen von einer kollektiven Zeit im Gegensatz zu der individuellen Zeitdauer. Nun aber erhebt sich die Frage, ob die kollektive Zeit einheitlich ist, und wir beantworten sie keineswegs von vornherein. Der Theorie nach, die wir hier erörtern, würde es in der Tat einerseits ebensoviele Arten der Zeitdauer wie Individuen geben, andrerseits eine abstrakte Zeit, die sie alle einschließen würde. Diese Zeit ist leer, und vielleicht ist sie nur eine Idee. Die Abschnitte, in die wir sie an den Punkten unterteilen, an denen mehrere individuelle Arten der Zeitdauer einander überschneiden, sind nicht mit jenen Bewußtseinszuständen zu verwechseln, von denen wir bemerken, daß sie sich gleichzeitig einstellen. In diesen Abschnitten könnte nicht mehr enthalten sein als in der Zeit, die sie unterteilen und die als ein homogenes Milieu, als eine der Materie beraubte Form gedacht ist. Aber welche Art von Realität können wir dieser Form beimessen — und vor allem, wie kann sie als Rahmen für die Ereignisse dienen, die wir in sie hineinverlegen? Eine so definierte Zeit läßt sich auf jede Weise unterteilen. Kann man deshalb alle Ereignisse in ihr lokalisieren? Bevor diese Frage beantwortet wird, muß bemerkt werden, daß die Zeit hier für uns nur in dem Maße von Bedeutung ist, als sie uns erlauben muß, die Ereignisse, die in ihr geschehen sind, in der Erinnerung zu behalten

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und uns ins Gedächtnis zurückzurufen; das ist der Dienst, den wir von ihr erwarten. Für die vergangenen Ereignisse trifft dies zu. Wenn wir uns an eine Reise erinnern, gibt es selbst dann, wenn wir uns nicht auf ihr genaues Datum besinnen können, indessen einen ganzen Rahmen zeitlicher Gegebenheiten, mit denen diese Erinnerung gewissermaßen verknüpft ist:

es war vor oder nach dem Krieg, ich war ein Kind, ein junger Mann, ein fertiger Mann in den besten Jahren; ich war mit einem bestimmten Freund zusammen, der selbst so oder so alt war; es war zu einer bestimmten Jahreszeit, ich bereitete eine bestimmte Arbeit vor; es war die Rede von einem bestimmten Ereignis. Gerade dank einer Reihe derartiger Überlegungen nimmt eine Erinnerung häufig Gestalt an und vervollständigt sich. Wenn im übrigen eine Unklarheit hinsichtlich der Periode besteht, in der das Ereignis stattgefunden hat, fügen sich dann nicht wenigstens andere Erinnerungen in bestimmte andere Perioden ein? Dies ist eine weitere Möglichkeit, das Ereignis zu lokalisieren. Zudem ist das Beispiel einer Reise vielleicht nicht das günstigste, weil sie ein isoliertes und zu meinen übrigen Leben in keiner besonderen Beziehung stehendes Ereignis darstellen kann. Dann ist es — wie wir sehen werden — weniger die Zeit als vor allem der räumliche Rahmen, der wirksam wird. Wenn es sich aber um ein Ereignis aus meinem Familien-, meinem Berufsleben handelt oder um ein Ereignis, das innerhalb einer der Gruppen geschehen ist, zu denen mein Denken am häufigsten zurückkehrt, wird mir vielleicht der zeitliche Rahmen am besten helfen, mich daran zu erinnern. Ebenso ist es mit einer bestimmten Anzahl von künftigen Ereignissen, die in der Gegenwart vorbereitet werden: an eine Verabredung erinnert mich häufig der Zeitpunkt, zu dem ich sie vereinbart habe; daran, daß ich einen Verwandten, einen Freund treffen werde, daß ich eine bestimmte Aufgabe erfüllen, einen bestimmten Schritt unternehmen muß, daß ich mir eine bestimmte Zerstreuung vorgenommen habe, erinnert mich

das Datum, an dem alle diese Ereignisse eintreten sollen. Ebenso kommt es vor, daß wir den zeitlichen Rahmen erst rekonstruieren, nachdem die Erinnerung wieder aufgetaucht ist, und daß wir genötigt sind, alle ihre Teile im einzelnen zu untersuchen, um das Datum des Ereignisses ausfindig zu machen. Selbst dann ist die Erinnerung, da sie die Spuren der Periode bewahrt, auf die sie sich bezieht, vielleicht nur dadurch ins Gedächtnis zurückgerufen worden,

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daß wir die Spuren geahnt und an die Zeit gedacht haben, zu der das Ereignis geschehen ist. Die anfangs annähernde und sehr grobe Lokalisierung ist hernach, als die Erinnerung da war, präziser geworden. Nichtsdestoweniger trifft es zu, daß wir in einer großen Anzahl von Fällen, gerade indem wir den Rahmen der Zeit in Gedanken durchmessen, in ihm das Bild der vergangenen Ereignisse wiederfinden: dazu aber ist es notwendig, daß sich die Zeit dazu eignet, einen Rahmen für die Erinnerungen zu bilden. j

Abstrakte Zeit und reelle Zeit ! Wir wollen zuerst die Zeit in ihrer abstraktesten Form betrachten: die vollkommen homogene Zeit der Mechanik und der Physik — einer von Geometrie durchdrungenen Mechanik und Physik —, die wir die mathematische Zeit nennen können. Sie ist der „gelebten Zeit" Bergsons entgegengesetzt wie ein Pol dem anderen und diesem Philosophen nach vollkommen „leer von Bewußtsein". Der Vorteil eines solchen Begriffes würde sich daraus ergeben, daß er jene Grenze darstellen würde, der die Menschen sich in dem Maße zu nähern neigen, als sie, anstatt in ihrem eigenen Denken eingeschlossen zu bleiben, die Dinge aus der Sicht von Gruppen und ausgedehnteren Gesamtheiten heraus betrachten. Die Zeit muß allmählich von jener Materie entleert werden, die erlauben würde, ihre Abschnitte voneinander zu unterscheiden, damit sie für eine wachsende Anzahl verschiedener Wesen gültig sein kann. Was das Denken der Individuen bei diesem Bemühen, die Zeit zu erweitern und zu verallgemeinern, leiten würde, wäre die latente Vorstellung eines vollkommen gleichförmigen Milieus, die der Vorstellung vom Raum sehr nahe kommt, wenn nicht gar mit ihr verschmilzt. Jedermann, sagt man uns, ist natürlicherweise Geometer, da er im Raum lebt. Es ist also nicht erstaunlich, daß der Mensch, wenn er an die Zeit denkt, indem er von den besonderen Ereignissen absieht, von denen das individuelle Bewußtsein, das sich in ihr entfaltet, berührt wird, sich ein dem geometrischen Raum ähnliches homogenes Milieu vorstellt. Aber würde eine so verstandene Zeit unserem Gedächtnis irgendeine Zugriffsmöglichkeit bieten? Wo könnten die Erinnerungen auf einer so vollkommen glatten Oberfläche einen Anhaltspunkt finden. Hier kann man vielleicht noch einmal mit Leibniz sagen, daß weder aus dieser Zeit selbst, noch aus ihren Abschnitten ersichtlich ist

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warum ein Ereignis eher hier als dort stattfindet, da alle diese Abschnitte nicht zu unterscheiden sind. In der Tat tritt die mathematische Zeit nur in Erscheinung, wenn es sich um Dinge oder Phänomene handelt, deren Platz innerhalb der reellen Zeit festzulegen und in der Erinnerung zu behalten man nicht die Absicht hat — um Ereignisse ohne Datum, deren Art sich nicht ändert, wenn sie zu verschiedenen Zeitpunkten geschehen. Wenn man durch t 0 ,

t n das fortschreitende Anwachsen der Zeit von null an darstellt, legt man zweifellos so

t 1 , t 2

die Dauer und die verschiedenen Phasen einer Bewegung fest — einer jener Bewegungen jedoch, die man jederzeit wiedererzeugen kann, ohne daß sie einem anderen Gesetz gehorcht.

Mit anderen Worten, der Anfangspunkt tO ist völlig frei von jeder Bindung an irgendeinen Augenblick der reellen Zeit. Die Gesetze der physikalischen Bewegungen sind in der Tat und

in diesem Sinne unabhängig von der Zeit. Deshalb kommen die Mathematiker überein, solche Bewegungen in eine völlig leere Zeitdauer hineinzuversetzen und stellen so nur das Paradox einer Bewegung dar, die zwar zeitlich ist, da sie andauert, die jedoch zu keinem bestimmten Zeitpunkt abläuft. Aber mit Ausnahme der die Bewegungen der trägen Körper studierenden Gesellschaft der Mathematiker oder Gelehrten interessieren sich alle menschlichen Gruppen für Ereignisse, deren Art und Tragweite dem Zeitpunkt nach wechseln, zu dem sie geschehen. Eine unbestimmte, allem, was man in sie hineinverlegt, gegenüber gleichgültige Zeit würde ihrem Gedächtnis in keiner Weise behilflich sein können. Zweifellos scheint es, daß wir auf eine Vorstellung dieser Art Bezug nehmen, wenn wir die Zeit in gleiche Intervalle einteilen. Die Tage, Stunden, Minuten und Sekunden sind indessen keineswegs mit den Einteilungen einer homogenen Zeit zu verwechseln: sie haben in der Tat eine bestimmte kollektive Bedeutung. Sie stellen eine bestimmte Anzahl von Anhaltspunkten innerhalb einer Zeitdauer dar, deren sämtliche Teile innerhalb des gemeinsamen Denkens voneinander verschieden sind und sich gegenseitig nicht ersetzen können. Dies beweist die Tatsache, daß, wenn wir erfahren, daß ein Zug um 15 Uhr abfahren soll, wir zu übersetzen und uns zu erinnern genötigt sind, daß er in Wirklichkeit um 3 Uhr nachmittags abfährt. Ebenso unterscheidet sich für uns der 30. oder 31. des Monats vom ersten Tag des folgenden Monats wenn nicht stärker,

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so doch zumindest auf andere Art als der 1. vom 2. oder der 15. vom 16. Selbst wenn unsere Aufmerksamkeit sich dann nur auf Zahlen heftet, wissen wir wohl, daß dies keine willkürlichen Einteilungen sind und daß man sie nicht beliebig ändern kann — so wie man in der Mechanik den Koordinatennullpunkt verschiebt oder zu einem anderen Achsenkreuz übergeht. Es ist etwas ganz anderes, von der Sommerzeitrechnung zur Winterzeitrechnung überzugehen und übereinzukommen, daß man künftig ein Uhr statt zwölf Uhr mittags sagen wird: die Gruppe will ihre Zeit nicht verlieren, und wenn diese eine Verschiebung erfährt, will das soziale Leben ihren Rahmen nicht verlassen und begleitet sie in ihrer Verlagerung. In der Tat ist die soziale Zeit nicht unempfindlich für die Unterteilungen, die man in ihr vornimmt. So fällt sie nicht mehr als die individuelle Zeitdauer mit der mathematischen Zeit zusammen. Es besteht ein grundlegender Gegensatz zwischen der wirklichen, individuellen oder sozialen Zeit und der abstrakten Zeit, und man kann nicht einmal sagen, daß die reelle Zeit sich in dem Maße, wie sie sozialer wird, dieser letzteren annähert.

Die „universale Zeit" und die historischen Zeiten Konkreter, bestimmter wird uns jetzt erscheinen, was man die universale Zeit nennen könnte, die sich auf alle Ereignisse erstreckt, die an irgendeinem Ort der Welt geschehen sind — auf alle Kontinente, alle Länder, in jedem Land auf alle Gruppen und in ihnen auf alle Individuen. Man kann sich in der Tat die Gesamtheit der Menschen als einen ausgedehnten Körper vorstellen, der im übrigen selbst gegenwärtig, besonders aber in der Vergangenheit, nur eine sehr unvollkommene organische Einheit darstellt, indessen aber so gestaltet ist, daß alle Teile, aus denen er besteht, ein zusammenhängendes Ganzes bilden, weil kaum einer von ihnen nicht zumindest in Abständen mit irgendeinem anderen in irgendeiner Weise in Berührung gekommen ist, und sie sich so allmählich durch mehr oder minder lockere Bande mit dem Ganzen verbinden. Wir wissen, daß dies streng genommen nicht zutrifft. Es gibt Regionen, die zweifellos seit langem bewohnt sind und die man erst ziemlich spät entdeckt hat. Ebenso gibt es Völker, um deren Existenz man fast immer gewußt hat — jedoch nur durch sehr vage Überlieferungen, durch recht knappe Reiseberichte —, und die keine eigentliche Geschichte in dem

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Sinne haben, daß man in ihr das Datum früherer Ereignisse festlegen kann, selbst dann nicht, wenn man irgend etwas von ihnen in der Erinnerung bewahrt hat. Gleichwohl nimmt man an, daß diese Ereignisse zu gleicher Zeit wie jene stattgefunden haben, die wir in unseren Zivilisationen kennen, und daß uns nur schriftliche Dokumente, Inschriften auf Monumenten oder Annalen fehlen, um sie in jene Zeit hineinverlegen zu können, in die unsere Geschichte uns zurückzugehen erlaubt. Wir begegnen hier der historischen Zeit wieder, von der wir im vorigen Kapitel gesprochen haben — mit dem Unterschied, daß wir sie als über jene Grenzen hinaus ausgedehnt annehmen, die wir ihr gesetzt hatten, dergestalt, daß sie das Leben der Völker, die keine Geschichte gehabt haben, und selbst die vorgeschichtliche Vergangenheit mit einschließt. So natürlich auch eine solche Ausdehnung erscheinen mag, so müssen wir uns doch fragen, ob sie wirklich legitim ist und welche Bedeutung für uns eine Zeit haben kann, an die sich die Völker, selbst die ältesten, die wir kennen, nicht erinnern können. Zweifellos können wir immer aus Analogien Schlüsse ziehen. Wir können beispielsweise annehmen, daß der Planet Mars bewohnt ist und immer bewohnt gewesen ist. Werden wir indessen sagen, daß seine Bewohner zur selben Zeit gelebt haben wie jene Erdbevölkerungen, deren Geschichte wir kennen? Damit eine solche Annahme einen ganz bestimmten Sinn hat, müssen wir außerdem voraussetzen, daß sich die Bewohner dieses Planeten uns durch irgendein Mittel wenigstens von Zeit zu Zeit haben mitteilen können, so daß sie und wir miteinander in Verbindung getreten sind, daß wir etwas von ihrem Leben und ihrer Geschichte kennengelernt haben, und sie von der unseren. Wenn dem nicht so ist, wird alles so sein wie im Fall zweier einander verschlossener Bewußtseinsformen, deren Arten der Zeitdauer sich niemals überschneiden. Wie kann man dann von einer Zeit sprechen, die ihnen gemeinsam sein würde? Aber wir müssen weiter gehen und uns fragen — wobei wir uns an die Ereignisse der Vergangenheit halten, deren Datum und Reihenfolge die Historiker zumindest annähernd

haben festlegen und rekonstruieren können — ob das Bild, das sie von den Ereignissen entworfen haben, die zur gleichen Zeit in weit voneinander entfernten Ländern und Regionen geschehen sind, uns erlaubt, auf die Realität einer universalen Zeit innerhalb der Grenzen der

Ge-

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schichte zu schließen. Man spricht allgemein von historischen Zeiten, als gäbe es mehrere davon, und vielleicht bezeichnet man damit die mehr oder weniger weit zurückliegenden, aufeinanderfolgenden Perioden. Aber wir können diesem Ausdruck auch einen anderen Sinn verleihen, so als gäbe es mehrere „Geschichten", von denen im übrigen die einen früher, die anderen später beginnen, die aber verschieden sind. Gewiß ist es einem Historiker möglich, sich außerhalb all dieser parallelen Entwicklungen und über sie zu stellen und sie als eine bestimmte Anzahl von Aspekten einer universalen Geschichte zu betrachten. Aber wir empfinden wohl, daß in vielen und vielleicht in den meisten Fällen die Einheit, die man erhält, völlig künstlich ist, weil man so Ereignisse nebeneinanderstellt, die in keiner Weise aufeinander eingewirkt haben, und Völker, die nicht einmal zeitweise in einem gemeinsamen Denken verschmolzen. Wir haben die „Chronologie Universelle" von Dreyss vor Augen, die 1858 in Paris veröffentlicht wurde, und in der von den fernsten Zeiten an Jahr für Jahr die bemerkenswertesten Geschehnisse aufgeführt werden, die sich in einer bestimmten Anzahl von Regionen ereignet haben. Überschlagen wir die erste Periode von der Erschaffung der Welt bis zur Sintflut. Schließlich findet man im besonderen die Überlieferung der Sintflut bei sehr vielen Völkern wieder. Vielleicht entspricht sie der verschwommenen Erinnerung an

einen gemeinsamen Ursprung und verdient als solche, am Anfang einer synchronischen Übersicht über die Schicksale der Nationen aufgeführt zu werden. Daraufhin hat der Autor sich darauf beschränkt, bis zu Christi Geburt und selbst bis zum 5. Jahrhundert nach Christus die Geschichte Griechenlands und die Geschichte Roms, die Geschichte der Juden und die Geschichte Ägyptens aus dem Ganzen herauszulösen und diese Fragmente nebeneinanderzustellen. Das ist nur ein kleiner Teil der Welt. Zumindest handelt es sich urn Regionen, die so nahe beieinander liegen, daß alle häufig die Nachwirkung der Erschütterungen erfahren haben, die in einer von ihnen entstanden. Zwischen diesen Städten und Städtegruppen, die halbgeschlossene Gesamtheiten bildeten, fand ein Austausch von Ideen statt, verbreiteten sich die Neuigkeiten. Im Jahre 1858, und schon früher, hatte sich der historische Gesichtskreis hinsichtlich der Vergangenheit gewiß erweitert, und es wäre möglich gewesen, innerhalb dieses chronologischen Rahmens des Altertums viel mehr Regio-

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nen Beachtung zu schenken. Jedoch gibt jene Übersicht, so wie sie uns mit ihren Begrenzungen dargeboten wird, vielleicht ein der Realität gemäßeres Bild. Sie zeigt uns eine Gesamtheit von Völkern, deren Schicksale hinreichend eng verbunden waren, um ihre Wechselfälle in dieselbe Zeit hineinverlegen zu können. Dies ist nur die Welt, die die Alten kannten: zumindest bildete sie annähernd ein Ganzes. Später und in dem Maße, als man sich der Moderne nähert, erweitert sich die Übersicht, verliert jedoch mehr und mehr an Einheit. Es wird berichtet, daß 1453 der Hundertjährige Krieg beendet ist und daß im selben Jahr die Türken Konstantinopel einnehmen. In welchem gemeinsamen kollektiven Gedächtnis haben diese beiden Ereignisse ihre Spuren hinterlassen? Zweifellos hängt alles untereinander zusammen, und man kann zunächst nicht voraussehen, welche Rückwirkungen ein Ereignis haben wird und bis in welche Bereiche des Raumes sie sich fortpflanzen werden. Aber nicht das Ereignis, sondern die Auswirkungen gehen in das Gedächtnis eines Volkes ein, das sie erfährt — und dies erst von dem Augenblick an, in dem sie es erreichen. Es bedeutet wenig, daß Ereignisse in demselben Jahr stattgefunden haben, wenn diese Gleichzeitigkeit von den Zeitgenossen nicht bemerkt worden ist. Jede örtlich definierte Gruppe hat ihr eigenes Gedächtnis und eine nur ihr eigene Vorstellung von der Zeit. Es kommt vor, daß Städte, Provinzen, Völker zu einer neuen Einheit verschmelzen; dann erweitert sich die gemeinsame Zeit und reicht vielleicht weiter in die Vergangenheit zurück — zumindest für einen Teil der Gruppe, der dann an älteren Traditionen teilnimmt. Ebenso kann das Gegenteil eintreten, wenn ein Volk zerfällt, wenn sich Kolonien bilden, wenn neue Kontinente sich bevölkern. Die Geschichte Amerikas ist bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts und seit der ersten Besiedlung eng mit der Geschichte Europas verbunden. Während des gesamten 19. Jahrhunderts und bis in die Gegenwart hinein scheint es, als habe sie sich von ihr losgelöst. Wie könnte sich ein Volk, daß nur eine kurze Geschichte hinter sich hat, dieselbe Zeit vorstellen wie andere Völker, deren Gedächtnis in eine weitentfernte Vergangenheit zurückreichen kann? Mittels einer künstlichen Konstruktion läßt man diese beiden Zeiten einander durchdringen oder stellt sie nebeneinander in eine leere Zeit, die

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nichts Historisches hat, da sie schließlich nicht mehr ist als die abstrakte Zeit der Mathematiker. Vergessen wir nicht, es ist wahr, daß zu einer Zeit, da die Kommunikationsmittel beschwerlich waren, da es weder Telegrafen noch Zeitungen gab, jedoch gereist wurde, und die Neuigkeiten schneller und innerhalb eines weiteren Umkreises zirkulierten, als wir vermuten. Die Kirche umspannte ganz Europa und streckte ihre Fühler selbst nach anderen

Kontinenten aus. Ein stark entwickeltes diplomatisches Organisationswesen erlaubte den Fürsten und ihren Ministern, ziemlich rasch zu erfahren, was sich in anderen Ländern ereignete. Die Kaufleute hatten Warenlager, Niederlassungen, Korrespondenten in den ausländischen Städten. Es hat immer bestimmte Milieus und bestimmte Gruppen gegeben, die als Verbindungsglieder zwischen den entferntesten Ländern dienten. Aber der Gesichtskreis der Volksmasse wurde dadurch kaum erweitert. Lange Zeit hat sich die Mehrzahl der Menschen kaum dafür interessiert, was außerhalb der Grenzen ihrer Provinz oder gar ihres Landes geschah. Deshalb hat es gegeben und gibt es noch ebensoviele verschiedene Geschichtsschreibungen wie Nationen. Derjenige, der die Weltgeschichte schreiben und diesen Begrenzungen entgehen will — aus der Sicht welcher Gesamtheit von Menschen heraus muß er dies tun? Sind deshalb in den geschichtlichen Berichten lange Zeit die Ereignisse, die die Kirche angehen — wie die Konzile, die Schismen, die Nachfolge der Päpste, die Konflikte zwischen geistlichen und weltlichen Fürsten —, oder die Geschehnisse, die die Diplomatie betreffen — Verhandlungen, Allianzen, Kriege, Verträge, Hofintrigen —, in den Vordergrund getreten? Hat man zudem nicht deshalb, weil während der neueren Zeiten jene sozialen Kreise, die die Kaufleute, Geschäftsleute, Industriellen und Bankiers umfassen, ihre speziellen Betätigungen über den größten Teil der Erde ausgedehnt haben, in die Universalgeschichtsschreibung dem Fortschritt der Industrie, den Verlagerungen der Handelsströmungen, den Wirtschaftsbeziehungen zwischen den Völkern einen Platz eingeräumt? Aber die so verstandene Universalgeschichte ist nichts weiter als eine Nebeneinanderstellung von Teilgeschichten, die nur das Leben bestimmter Gruppen umspannen. Wenn die auf diese Weise rekonstruierte einheitliche Zeit sich auch über ausgedehntere Räume erstreckt, umfaßt sie doch nur einen beschränkten Teil der Menschheit,

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die diese Erdoberfläche bevölkert: die Bevölkerungsmasse, die nicht diesen begrenzten Kreisen angehört und die dieselben Gebiete bewohnt, hat indessen ebenso ihre Geschichte gehabt.

Historische Chronologie und kollektive Tradition Vielleicht haben wir die Dinge aus einer Sicht heraus gesehen, die nicht die der Historiker ist und auch nicht sein kann. Wir warfen ihnen vor, innerhalb einer einheitlichen Zeit nationale und lokale „Geschichten" zu verschmelzen, die eine bestimmte Anzahl unterschiedlicher Entwicklungslinien darstellen. Wenn es indessen jemandem gelingt, uns eine synchronische Übersicht vorzulegen, in der alle Ereignisse, wo sie auch vorgekommen seien, nebeneinandergestellt sind, so zweifellos weil er sie aus jenen Milieus herauslöst, für die sie in ihrer eigenen Zeit geschehen sind, d. h. weil er von der reellen Zeit absieht, in der sie enthalten waren. Es besteht die landläufige Meinung, daß die Geschichte sich im Gegenteil vielleicht zu ausschließlich für die rein chronologische Reihenfolge der Ereignisse interessiert. Aber erinnern wir an das, was wir im vorigen Kapitel sagten, als wir einander gegenüberstellten, was man das historische Gedächtnis und das kollektive Gedächtnis nennen kann. Das erstere behält vor allem die Unterschiede: aber die Unterschiede oder die Wandlungen bezeichnen nur den brüsken und fast unmittelbaren Übergang von einem Zustand, der andauert, zu einem anderen Zustand, der andauert. Wenn man von den Zuständen oder Zwischenräumen absieht, um nur ihre Grenzen zurückzubehalten, läßt man in Wirklichkeit das Wesentlichste der Zeit selbst außer acht. Zweifellos erstreckt sich eine Wandlung ebenfalls über eine Zeitdauer hin, bisweilen über eine sehr lange Dauer. Das aber heißt, daß sie in eine Reihe von partiellen Wandlungen zerfällt, die durch Zeiträume getrennt sind, in denen sich nichts ändert. Diese kleineren Zeiträume bleiben von der historischen Berichterstattung ebenfalls unberücksichtigt. Es würde im übrigen unmöglich sein, daß sie

uns noch mehr wiedergibt. Um uns wissen zu lassen, was sich nicht ändert, was im wahren Sinne des Wortes andauert, um uns davon eine angemessene Vorstellung zu geben, müßten wir uns in das soziale Milieu hineinversetzen, dem diese relative Stabilität bewußt wurde — müßte man für uns ein kollektives Gedächtnis wieder aufleben lassen, das es nicht mehr gibt. Genügt es, uns eine Institution zu beschreiben und

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uns zu sagen, daß sie sich seit einem halben Jahrhundert nicht gewandelt hat? Zuerst einmal ist dies unrichtig, denn es hat auf jeden Fall eine ganze Anzahl langsamer und unmerklicher Veränderungen gegeben, die der Historiker nicht wahrnimmt, die jedoch von der Gruppe empfunden wurden — zur gleichen Zeit übrigens wie eine relative Stabilität (die beiden Vorstellungen sind stets eng verbunden). Es ist andererseits und infolgedessen eine rein negative Gegebenheit, solange man uns nicht den Bewußtseinsinhalt der Gruppe und die verschiedenen Umstände zur Kenntnis bringt, unter denen sie hat erkennen können, daß die Institution sich tatsächlich nicht veränderte. Die Geschichte ist notwendigerweise eine Raffung, und deshalb drängt und zieht sie in einigen Augenblicken Entwicklungen zusammen, die sich über ganze Perioden hin erstrecken: in diesem Sinne löst sie die Veränderungen aus der Zeitdauer heraus. Nichts hindert uns daran, die so von der wirklichen Zeit abgelösten Ereignisse zusammenzustellen und in chronologischer Folge zu ordnen. Aber erne solche fortlaufende Reihe entwickelt sich innerhalb einer künstlichen Zeitdauer, die für keine der Gruppen, denen diese Ereignisse entnommen sind, der Wirklichkeit entspricht: für keine von ihnen ist das die Zeit, innerhalb derer ihr Denken sich zu bewegen und das zu lokalisieren gewohnt war, was sie sich von ihrer Vergangenheit ins Gedächtnis rief.

Vielfalt und Heterogenität der Arten der kollektiven Zeitdauer Das kollektive Gedächtnis reicht bis zu einer bestimmten Grenze in die Vergangenheit zurück — einer Grenze, die im übrigen je nach der Gruppe, um die es sich handelt, mehr oder weniger weit zurückliegt. Darüber hinaus erfaßt es die Ereignisse und Menschen nicht mehr in unmittelbarer Weise. Gerade das indessen, was sich jenseits dieser Grenze befindet, fesselt die Aufmerksamkeit der Historiker. Man sagt bisweilen, die Geschichte interessiere sich für die Vergangenheit und nicht für die Gegenwart. Die wirkliche Vergangenheit ist jedoch für sie das, was nicht mehr innerhalb des Bereiches liegt, auf den sich noch das Denken der gegenwärtigen Gruppen erstreckt. Es scheint, als müsse sie warten, bis die alten Gruppen verschwunden sind, bis ihr Denken und ihr Gedächtnis verlöscht sind, um sich damit beschäftigen zu können, das Bild und die Reihenfolge der Ereignisse festzulegen, die aufzubewahren nun sie allein fähig ist. Zweifellos

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müssen dann frühere Zeugnisse zu Hilfe genommen werden, deren Spur in offiziellen Texten, in Zeitungen jener Epoche, in zeitgenössischen Memoiren fortbesteht. In der Auswahl aber, die er unter ihnen trifft, in der Bedeutung, die er ihnen beimißt, läßt der Historiker sich von Beweggründen leiten, die nichts mit der damaligen Meinung zu tun haben; denn diese Meinung existiert nicht mehr, er braucht ihr nicht Rechnung zu tragen, er braucht nicht zu fürchten, daß sie ihn dementiert. So kann er seine Arbeit nur unter der Bedingung tun, daß er sich willentlich außerhalb der von jenen Gruppen gelebten Zeit stellt, die den Ereignissen beigewohnt haben, die mehr oder weniger unmittelbar mit ihnen in Berührung gekommen sind und die sich an sie erinnern können. Betrachten wir nun die Dinge aus der Sicht des kollektiven Bewußtseins heraus, da dies für uns das einzige Mittel ist, innerhalb einer reellen Zeit zu bleiben, die so kontinuierlich ist, daß

das Denken alle ihre Teile durchlaufen kann und dabei es selbst bleibt und das Gefühl seiner Einheit bewahrt. Wir haben gesagt, daß man eine bestimmte Anzahl von kollektiven Zeiten unterscheiden muß — ebensoviele wie es getrennte Gruppen gibt. Wir dürfen indessen nicht verkennen, daß das soziale Leben in seiner Gesamtheit und in allen seinen Teilen innerhalb einer Zeit dahinfließt, die in Jahre, Monate, Tage und Stunden unterteilt ist. Dies muß durchaus so sein; sonst könnte man, wenn die Zeitdauer in jeder der verschiedenen Gruppen, in die die Gesellschaft zerfällt, unterschiedliche Unterteilungen enthalten würde, keine Verbindung zwischen ihren Bewegungen herstellen. Jedoch gerade, weil diese Gruppen voneinander getrennt sind, weil jede von ihnen ihre eigene Bewegung hat und weil die Individuen indessen von der einen in die andere überwechseln, müssen die Zeiteinteilungen überall annähernd gleichartig sein. Wenn man sich in einer ersten Gruppe befindet, muß es stets möglich sein vorauszusehen, zu welchem Zeitpunkt man in eine zweite eintreten wird, wobei sich dieser Zeitpunkt wohlverstanden auf die Zeit der zweiten bezieht. Dies ist das Problem, das sich einem Reisenden stellt, der ins Ausland fahren muß und zur Zeitmessung nur über die Uhren seines Landes verfügt. Er wird indessen sicher sein, seinen Zug nicht zu versäumen, wenn die Uhrzeit in allen Ländern dieselbe ist oder wenn es für die verschiedenen Länder eine Übersicht über die einander entsprechenden Uhrzeiten gibt.

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Werden wir nun behaupten, daß es wohl eine einzige und universale Zeit gibt, auf die alle Gesellschaften Bezug nehmen, deren Einteilungen für alle Gruppen zwingend sind — und daß, in alle Regionen der Welt weitergeleitet, diese gemeinsame Schwingung die Verbindungen und Beziehungen zwischen ihnen wiederherstellt, die die Schranken zwischen ihnen zu verhindern neigen würden? Aber zuerst einmal entsprechen sich die Zeiteinteilungen in verschiedenen benachbarten Gesellschaften viel weniger genau, als wenn es sich um internationale Eisenbahnfahrpläne handelt. Das erklärt sich im übrigen aus der Tatsache, daß die Forderungen der verschiedenen Gruppen in dieser Hinsicht nicht dieselben sind. Innerhalb der Familie hat die Zeit im allgemeinen einen gewissen Spielraum — sehr viel mehr als auf dem Gymnasium oder in der Kaserne. Obwohl ein Geistlicher seine Messe pünktlich abhalten muß, ist nichts hinsichtlich der genauen Dauer seiner Predigt vorgesehen. Außerhalb dieser Zeremonien, zu denen sie im übrigen oft zu spät kommen und die sie nicht immer bis zum Schluß verfolgen, können die Gläubigen zur Kirche gehen, wann es ihnen gefällt, und bei sich zu Hause ihre Gebete und Andachten verrichten, ohne sich an die astronomische Uhrzeit zu halten. Ein Kaufmann muß sich pünktlich einstellen, um nicht eine geschäftliche Besprechung zu versäumen; aber die Einkäufe verteilen sich über den ganzen Tag hin, und wenn es auch für die Bestellungen, die Lieferungen bestimmte Fristen gibt, so werden sie doch im allgemeinen nur annähernd festgelegt. Es scheint im übrigen, als ob man sich in manchen Milieus von der Genauigkeit erholt oder einen Ausgleich für die Genauigkeit sucht, zu der man in anderen genötigt wird. Es gibt eine Gesellschaft, deren Materie sich unaufhörlich erneuert, deren Elemente sich unaufhörlich gegeneinander verschieben — das ist die Gesamtheit der Menschen, die sich auf den Straßen bewegen. Nun sind zweifellos manche von ihnen in Eile, beschleunigen den Schritt, sehen an den Bahnhofseingängen, bei ihrer Ankunft und beim Verlassen der Büros auf ihre Uhren; im allgemeinen aber, wenn man spazieren geht, wenn man bummelt, wenn man die Auslagen der Geschäfte betrachtet, mißt man nicht die Dauer der Stunden, gibt man nicht darauf acht, wieviel Uhr es genau ist; und wenn man eine lange Fahrt machen muß, läßt man sich, um ungefähr zeitig anzukommen, von einem vagen Gefühl leiten — so wie man seine Schritte, ohne auf die Straßennamen zu achten,

mit einer Art Spürsinn durch eine Stadt lenkt. Da man in den verschiedenen Milieus die Zeit nicht mit derselben Genauigkeit messen muß, ergibt sich, daß die Bürozeiten, die häuslichen Zeiten, die Ausgehzeiten, die Besuchszeiten nur innerhalb bisweilen sehr weitgefaßter Grenzen übereinstimmen. Wenn man zu einer geschäftlichen Besprechung zu spät eintrifft oder zu einer ungewöhnlichen Uhrzeit nach Hause kommt, entschuldigt man sich deshalb damit, daß man jemanden auf der Straße getroffen hat: das will besagen, daß man sich auf die Zwanglosigkeit beruft, mit der man die Zeit in einem Milieu mißt, in dem man in dieser Hinsicht nicht allzusehr auf Genauigkeit achtgibt. Wir haben vor allem von Stunden und Minuten gesprochen, aber man sagt bisweilen zu einem Freund: ich werde Sie in diesen Tagen, nächste Woche, in einem Monat besuchen; wenn man einen entfernten Verwandten wiedersieht, überschlägt man ungefähr die Anzahl der Jahre, seit denen man sich nicht mehr gesehen hat. Das bedeutet, daß diese Art von Beziehung oder von Gesellschaft keine bestimmte zeitliche Lokalisierung mit sich bringt. So und schon aus dieser Sicht heraus gesehen, würde man nicht genau dieselbe Zeit, sondern sich mehr oder minder genau entsprechende Zeiten innerhalb unserer Gesellschaften vorfinden. Es stimmt, daß sich alle von demselben Typus herleiten lassen und sich auf denselben Rahmen beziehen, der als die soziale Zeit par excellence betrachtet werden könnte. Wir brauchen nicht nach dem Ursprung der Einteilung der Zeitdauer in Jahre, Monate, Wochen und Tage zu forschen. Aber es steht fest, daß sie in der Form, in der wir sie kennen, sehr alt ist und auf Traditionen beruht. Man kann in der Tat nicht behaupten, daß sie sich aus einer zwischen allen Gruppen getroffenen Übereinkunft ergibt, da dies einschließen würde, daß die Gruppen zu einem bestimmten Zeitpunkt die sie trennenden Schranken beseitigen und für einige Zeit zu einer einzigen Gesellschaft verschmelzen würden, deren Zweck es wäre, ein System der Einteilung der Zeitdauer festzulegen. Aber es ist möglich und zweifellos notwendig, daß diese Übereinkunft früher innerhalb einer einheitlichen Gesellschaft realisiert worden ist, aus der alle Gesellschaften, die wir kennen, hervorgegangen sind. Nehmen wir an die Institutionen seien früher stark von den religiösen Glaubenslehren geprägt worden. Vielleicht haben die Menschen, die die

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Eigenschaften der Führer und Priester in sich vereinigten, die Zeit eingeteilt, indem sie sich gleichzeitig von ihren religiösen Auffassungen und der Beobachtung des natürlichen Laufes der himmlischen und irdischen Phänomene leiten ließen. Als die politische Gesellschaft sich von der religiösen Gruppe ablöste, als die Familien sich mehrten, haben sie weiterhin die Zeit in der gleichen Weise wie innerhalb der ursprünglichen Gemeinschaft eingeteilt, aus der sie hervorgegangen sind. Jetzt noch, wenn sich neue Gruppen bilden — dauerhafte oder ephemere Gruppen von Menschen mit demselben Beruf, aus derselben Stadt oder demselben Dorf, Freundesgruppen mit dem Ziel eines sozialen Werkes, einer literarischen oder künstlerischen Tätigkeit oder einfach anläßlich eines Zusammentreffens, einer gemeinsamen Reise — so immer durch Abtrennung von einer oder mehreren umfassenderen und älteren Gruppen. Natürlich findet man in diesen neuen Formierungen etliche Züge der Mutter- Gemeinschaften wieder, und viele der innerhalb dieser letzteren herangebildeten Kenntnisse und Vorstellungen gehen in jene über: die Zeiteinteilung würde eine dieser Überlieferungen sein, die man im übrigen nicht entbehren kann; denn es gibt keine Gruppe, die nicht die verschiedenen Teile ihrer Zeitdauer unterscheiden und wiedererkennen muß. So findet man in den Namen der Wochentage etliche Spuren verschwundener Glaubenslehren und Traditionen, datiert man die Jahre stets von Christi Geburt an und stammt die heutige Einteilung des Tages in Stunden, Minuten und Sekunden von den alten religiösen Vorstellungen von den Tugenden der Zahl zwölf her.

Indessen ergibt sich daraus, daß diese Einteilungen fortbestehen, keineswegs, daß es eine einheitliche soziale Zeit gibt; denn trotz ihres gemeinsamen Ursprungs haben sie eine sehr unterschiedliche Bedeudeutung innerhalb der verschiedenen Gruppen angenommen. Dies rührt nicht nur daher, daß — wie wir gezeigt haben — das Bedürfnis an Genauigkeit sich von einer Gesellschaft zur anderen ändert; sondern da es gilt, diese Einteilungen auf eine Reihe von Ereignissen oder Unternehmungen anzuwenden, die in mehreren Gruppen verschieden sind und in unterschiedlichen Zeitabständen enden und neubeginnen, kann man zuerst einmal sagen, daß die Zeit in diesen Gesellschaften von verschiedenen Ausgangspunkten an gerechnet wird. Das Schuljahr beginnt nicht am selben Tag wie das Kirchenjahr. Im Kirchenjahr bestimmen der Geburtstag Christi sowie sein

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Todestag und der Tag seiner Auferstehung die grundlegenden Einteilungen des christlichen Jahres. Das weltliche Jahr beginnt am ersten Januar, aber je nach den Berufen und Arten der Tätigkeit der Menschen bringt es sehr unterschiedliche Einteilungen mit sich. Die des bäuerlichen Jahres richten sich nach dem Verlauf der Landarbeiten, der selbst durch den Wechsel der Jahreszeiten bestimmt wird. Das industrielle oder Handelsjahr zerfällt in Perioden, in denen man mit vollem Ertrag arbeitet, in dem die Bestellungen zuströmen, und in andere, in denen das Geschäft stockt und selbst stilliegt: es sind im übrigen nicht dieselben Perioden in allen Handels- und Industriezweigen. Das Militärjahr wird bald in direkter Richtung vom Zeitpunkt der Einziehung an gerechnet, dann wieder dem Zeitpunkt der Entlassung nach — dem Zeitraum zufolge, der einen davon trennt —, d. h. in umgekehrter Richtung — und das vielleicht, weil die Monotonie der Tage bewirkt, daß diese Dauer sich am meisten der homogenen Zeit nähert, in der man nach Übereinkunft zur Messung die Richtung wählen kann, die man will. So gibt es ebensoviele verschiedene Zeitursprünge wie es Gruppen gibt. Nicht einer von ihnen ist für alle Gruppen zwingend. Aber ebenso ist es mit dem Tag. Man könnte glauben, daß der Wechsel der Tage und Nächte eine grundlegende Einteilung bedeutet, einen elementaren Zeitrhythmus, der in allen Gesellschaften derselbe ist. Die dem Schlaf gewidmete Nacht unterbricht in der Tat das soziale Leben. Sie ist die Periode, während der der Mensch fast vollkommen dem Zugriff der Gesetze, der Gebräuche, der kollektiven Vorstellungen entgeht, in der er wirklich alleine ist. Ist die Nacht indessen in dieser Hinsicht eine außergewöhnliche Periode, und ist es nur der physische Schlaf, der zeitweise die Bewegung jener Ströme, die die Gesellschaften bilden, aufhält? Wenn wir ihm diese Eigenschaft zuschreiben, so weil wir vergessen, daß es nicht nur eine Gesellschaft, sondern Gruppen gibt, und daß das Leben vieler dieser Gruppen lange vor der Nacht und auch noch zu anderen Zeitpunkten unterbrochen wird. Sagen wir — wenn man so will —, eine Gruppe schläft ein, sobald keine Menschen mehr da sind, die sich zusammengeschlossen haben, um ihre Denkweise zu erhalten und zu entwickeln; aber sie schlummert nur, sie existiert weiter, solange ihre Mitglieder bereit sind, zusammenzukommen und sie von neuem so zu bilden, wie sie war, als sie sie verlassen haben. Es gibt

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indessen nur eine Gruppe, von der man sagen kann, daß ihr bewußtes Leben periodisch durch den physischen Schlaf der Menschen aufgehoben wird, und das ist die Familie; denn im allgemeinen sind es die Seinen, von denen man sich verabschiedet, wenn man zu Bett geht, und die man vor allen anderen beim Erwachen sieht. Aber das Bewußtsein der Familiengruppe trübt sich und verlöscht außerdem noch zu anderen Zeitpunkten: wenn ihre Mitglieder fortgehen — der Vater und manchmal die Mutter zur Arbeit, das Kind zur Schule; und die Perioden der Abwesenheit, die den mit der Uhr gemessenen Stunden nach kürzer sind

als die Nacht, erscheinen vielleicht der Familie selbst nicht weniger lang, denn während der Nacht wird sie sich der Zeit nicht bewußt; ob ein Mensch eine oder zehn Stunden lang geschlafen hat — beim Erwachen weiß er nicht, wieviel Zeit verstrichen ist: eine Minute, eine Ewigkeit? Was die anderen Gruppen anbetrifit, so wird ihr Leben im allgemeinen lange vor der Nacht unterbrochen und beginnt lange nach ihr von neuem. Wenn im übrigen diese Unterbrechung auch länger ist, so ist sie doch nicht anderer Art als andere Pausen, die im Leben dieser selben Gruppen zu anderen Zeitpunkten des Tages eintreten. Jedenfalls erstreckt sich der Arbeitstag nicht ununterbrochen über die gesamte Stundenfolge hin, die das Erwachen vom Schlaf trennen: er berührt diese beiden Grenzen nicht, und er wird von Zeiträumen durchsetzt, die anderen Gruppen angehören. Mehr noch trifft dies auf den kirchlichen oder gesellschaftlichen Tagesablauf zu. Wenn uns die Nacht indessen den grundlegenden Einschnitt in die Zeit zu bedeuten scheint, so weil sie dies tatsächlich für die Familie ist, und weil es keine Gemeinschaft gibt, mit der wir enger verbunden sind. Aber bleiben wir bei den anderen Gruppen, deren Leben bald aussetzt und bald neubeginnt:

nehmen wir an, die Zeiträume des Stillstandes seien ebenso leer wie die Nacht, und das Zeitgefühl sei in ihnen ebenso vollkommen ausgelöscht. Es würde sehr schwierig sein zu sagen, wo in diesen Gruppen der Tag beginnt und wo er endet, und jedenfalls würde er nicht in allen Gruppen zu demselben Zeitpunkt beginnen. Im Grunde indessen, haben wir gesehen, besteht eine ziemlich genaue Übereinstimmung zwischen all diesen Zeiten, obwohl man nicht sagen kann, daß sie einander durch eine zwischen den Gruppen getroffene Abmachung angepaßt sind. Alle Gruppen teilen die Zeit im großen und ganzen in derselben Weise ein, weil sie alle in dieser

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Hinsicht dieselbe Überlieferung empfangen haben. Diese traditionelle Einteilung der Zeitdauer stimmt im übrigen mit dem Lauf der Natur überein, was nicht erstaunlich ist, da sie von Menschen vorgenommen wurde, die den Lauf der Sterne und der Sonne beobachteten. Da das Leben aller Gruppen unter denselben astronomischen Bedingungen verläuft, können sie alle feststellen, daß der Rhythmus der sozialen Zeit und der Wechsel der Phänomene der Natur gut einander angepaßt sind. Nichtsdestoweniger trifft es zu, daß die Zeiteinteilungen, die übereinstimmen, nicht in allen Gruppen dieselben sind und auf jeden Fall nicht denselben Sinn haben. Es ist so, als teile ein und derselbe Pendel seine Bewegungen allen Teilen des sozialen Körpers mit. Aber in Wirklichkeit gibt es keinen einheitlichen Kalender, der außerhalb der Gruppen besteht und auf den sie Bezug nehmen würden. Es gibt ebensoviele Kalender wie verschiedene Gesellschaften, da die Zeiteinteilungen bald mit religiösen Begriffen (jeder Tag ist einem Heiligen gewidmet), bald mit geschäftlichen Ausdrücken (Verfallstag usw.) bezeichnet werden. Es ist wenig wichtig, ob man hier wie dort von Tagen, Monaten, Jahren spricht. Eine Gruppe könnte sich nicht des Kalenders der anderen bedienen. Der Kaufmann lebt nicht im religiösen Bereich und kann dort keine Anhaltspunkte finden. Wenn dies zu mehr oder weniger weit zurückliegenden Zeiten auch anders war, wenn die Messen und Jahrmärkte an den Von der Religion geweihten Tagen stattfanden, wenn der Ablauf einer Schuldenfrist auf Johannis, auf Lichtmeß festgesetzt wurde, so weil die Wirtschaftsgruppe sich noch nicht von der religiösen Gesellschaft losgelöst hatte.

Undurchdringlichkeit der Arten der kollektiven Zeitdauer Dann aber erhebt sich die Frage, ob diese Gruppen selbst wirklich getrennt sind. Es wäre in der Tat denkbar, daß sie gegenseitig nicht nur zahlreiche Anleihen machen, sondern auch daß sie einander recht °ft nahekommen und ineinander verschmelzen, ihre Entwicklungsbahnen sich unaufhörlich überschneiden. Wenn mehrere kollektive Denkströme sich so zumindest von Zeit zu Zeit vermischen, ihre Substanz austauschen und in demselben Bett dahinfließen

können — wie kann man dann von vielfältigen Zeiten sprechen? Fügt sich nicht wenigstens ein Teil ihrer Erinnerungen in eine und dieselbe Zeit ein? Wenn wir einen Entwicklungsabschnitt des Lebens einer Gruppe

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wie der Kirche verfolgen, werden wir sehen, daß ihr Denken das Leben anderer zeitgenössischer Gesellschaften widerspiegelt, mit denen sie in Berührung gekommen ist. Wenn Sainte-Beuve „Port Royal" schreibt, dringt er um so tiefer in diese einzigartige religiöse Bewegung ein, erfaßt er um so besser ihre verborgenen Triebkräfte und ihre innere Originalität, als er in sein Bild eine Fülle von anderen Milieus entliehenen Ereignissen und Personen hineinbringt, die jedoch eine bestimmte Anzahl von Berührungspunkten zwischen dem weltlichen Leben und den Bestrebungen dieser Einsiedler darstellen. Es gibt kaum ein religiöses Ereignis, das nicht eine dem äußeren Leben zugekehrte Seite hätte und keinen Widerhall in den weltlichen Gruppen fände. Man achte einmal auf die Gespräche, die bei einer Familienzusammenkunft oder in einem Salon über das geführt werden, was in anderen Familien, in anderen Milieus geschieht — so als dringe die Gruppe der Artisten, der Politiker ins Innere dieser von ihnen so verschiedenen Versammlungen ein oder als bezögen sie sie in ihre Bewegung mit ein. Wenn man von einer Gruppe, von einer Familie, von einem gesellschaftlichen Milieu sagt, sie seien von der alten Schule oder sie gingen mit der Zeit — denkt man dann nicht gerade an Durchdringungen oder „Ansteckungen" dieser Art? Daß jedes bemerkenswerte Ereignis, in welchem Bereich des sozialen Körpers es auch entstanden sein mag, von jeder beliebigen Gruppe zum Anhaltspunkt für die Bestimmung der Abschnitte ihrer Zeitdauer genommen werden kann — ist das nicht der Beweis dafür, daß die Grenzen, die man zwischen den verschiedenen kollektiven Strömungen zieht, willkürlich sind, und daß letztere sich in zuvielen Punkten ihres Verlaufes berühren, als daß sie getrennt werden könnten? Man sagt, daß dasselbe Ereignis gleichzeitig mehrere verschiedene kollektive Bewußtseinsarten berühren kann; man schließt daraus, daß sie sich in diesem Augenblick einander nähern und in einer gemeinsamen Vorstellung vereinen. Aber ist es wirklich ein und dasselbe Ereignis, wenn jede dieser Denkweisen es sich auf ihre Art vorstellt und in seine Sprache übersetzt? Es handelt sich um Gruppen, die alle räumlich sind. Auch das Ereignis geschieht im Raum, und es kann sein, daß alle Gruppen es wahrnehmen. Wichtig aber ist die Art, in der sie es interpretieren, der Sinn, den sie ihm geben. Damit sie ihm dieselbe Bedeutung verleihen, müssen zwei Bewußt-

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seinsinhalte zuvor ineinander verschmolzen sein. Indessen war angenommen worden, daß sie getrennt sind. In der Tat ist es kaum denkbar, daß zwei Denkweisen sich auf diese Art gegenseitig durchdringen. Zweifellos kommt es vor, daß zwei Gruppen ineinander verschmelzen, aber dann entsteht ein neues Bewußtsem, dessen Umfang und Inhalt nicht dieselben sind wie vorher. Oder aber diese Verschmelzung ist nur scheinbar, wenn die beiden Gruppen sich späterhin wieder trennen und sich im wesentlichen so wiederfinden wie sie vorher waren. Ein Volk, das ein anderes besiegt, kann das besiegte sich angleichen; dann aber wird es selbst ein anderes Volk oder tritt zumindest in eine neue Phase seines Daseins ein. Wenn der Besiegte dem Sieger nicht angeglichen wird, behält jedes der beiden Völker sein eigenes Nationalbewußtsein und reagiert verschiedenartig auf dieselben Ereignisse. Ebenso aber ist es innerhalb eines und desselben Landes, was die religiöse und die politische Gesellschaft anbetrifft. Wenn die Kirche dem Staat untergeordnet, mit seinem Geist erfüllt ist, wird sie zum Organ des Staates und verliert den Charakter einer religiösen Gesellschaft; der

Strom des religiösen Denkens vermindert sich zu einem schmalen Rinnsal innerhalb jenes Teils der Kirche, der sich nicht darein schickt dahinzuschwinden. Wenn Staat und Kirche getrennt sind, wird dasselbe Ereignis — beispielsweise die Reformation — in den religiösen Gemütern und im Geiste der politischen Führer verschiedene Vorstellungen hervorrufen, die sich ganz natürlich mit dem Denken und den Traditionen der beiden Gruppen verbinden, aber nicht gleichartig sein werden. Wenn die Veröffentlichung der „Lettres Provinciales" einen Markstein in der Literaturgeschichte und im Leben von Port Royal darstellt, dürfen wir uns ebensowenig einbilden, daß in jenem Jahr die Strömung des literarischen Denkens und die religiöse Strömung des Jansenismus ineinander übergegangen sind. Wir wissen sehr wohl, daß Pascal M. de Sacy nicht mit Montaigne versöhnt hat, daß die Jansenisten nicht aufgehört haben, die Lüsternheit des Geistes zu verdammen, daß für sie Pascal nur ein Instrument Gottes war und daß sie vielleicht dem Wunder der Heiligen Dorne, durch das er innerhalb seiner Familie ausgezeichnet worden war, mehr Bedeutung zumaßen als seiner Schriftstellertätigkeit. Wenn Sainte-Beuve uns das Portrait derer zeichnet, die in Port Royal eingetreten sind, erfas-

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sen wir unmittelbar die Spaltung ihrer Persönlichkeit: es sind durchaus dieselben Menschen; aber sind es dieselben Gestalten — jene, die die Welt in Erinnerung behalten hat und jene, die sich dem Gedächtnis der Jansenisten eingeprägt haben, in denen alles Schillernde des Geistes, des Talents verloschen war, deren Konvertierung ein Ende in der einen Gesellschaft und einen Beginn in der anderen bedeutete, so als seien dies zwei Daten, die nicht innerhalb derselben Zeit liegen? Wenn es sich wie hier um ein moralisches Ereignis, einen moralischen Schritt handelt, kompliziert sich — es ist wahr —. die Frage ein wenig. Es ist denkbar, daß beispielsweise die religiöse Gruppe und eine bestimmte Familie in derselben Weise davon berührt werden, weil die Familie selbst sehr religiös ist. Wenn Mme Périer das Leben ihres Bruders beschreibt, spricht sie von ihm mit einem stark jansenistischen Akzent wie von einem Heiligen. Aber ebenso bringen in einer Familie, die sich für Politik begeistert, die Diskussionen, die sich auf sie beziehen, die Familie mit jenen Milieus in Berührung, deren ausschließliche Beschäftigung diese Debatten sind. Sehen wir indessen etwas näher hin. Es gibt immer zumindest eine Nuance oder das Fehlen einer Nuance, die uns aufdeckt, ob die Religion oder die Politik alle verwandtschaftlichen Erwägungen in den Hintergrund hat treten lassen, in welchem Fall wir natürlich nicht mehr innerhalb der Familie sind. Es hat Augenblicke gegeben, in denen das Zimmer Pascals sich in eine Zelle oder eine Kapelle verwandelte und in denen der Salon Mme Rolands sich nicht mehr von einem Club oder einem Rat der Girondeminister unterschied. In anderen Fällen dagegen bemächtigt sich das Familiendenken der religiösen und politischen Bilder und Ereignisse, um sein eigenes Leben zu nähren; dann kommt es vor, daß die Familie auf den Glanz stolz ist, der dadurch auf sie zurückstrahlt, daß eines ihrer Mitglieder sich auf einem dieser Gebiete ausgezeichnet hat, daß ihre Mitglieder sich näher verwandt oder im Gegenteil auseinandergerissen fühlen, weil ihre diesbezüglichen Anschauungen und Überzeugungen sie vereinen oder trennen. Das aber ist nur möglich, wenn diese Denkelemente, die sich für die Familie scheinbar auf außerhalb ihrer selbst existierende Dinge und Personen beziehen, in familiäre Vorstellungen übertragen werden, d. h. wohl die äußere politische oder religiöse Form beibehalten, jedoch die Reaktionen der Verwandtschaft, die Interessen und Neigungen

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des Hauses, der Brüder, der Vorfahren zur Substanz haben. Daß solche Übertragungen möglich sind, folgt daraus, daß man meist einer bestimmten Religion und einer bestimmten politischen Meinung anhängt, weil sie seit langem die der Familie sind. „Mein Gott und mein König", sagt der Bauer, aber gemeint ist: mein Heim, meine Verwandten. Wieviele Glaubens- und Überzeugungsgegensätze gibt es nicht, die ebenfalls nur ein getarnter Antagonismus zwischen Bruder und Bruder, zwischen Kind und Eltern sind! Dies hindert jedoch nicht, daß in manchen Augenblicken alle familiären Betrachtungen dahinschwinden und die Verwandten vergessen sind. Dann ist man wirklich in die religiösen und politischen Gruppen aufgenommen, wie man auch in Gruppen aufgenommen sein würde, die sich mit Wissenschaft, Kunst und Geschäften befassen: dann aber darf man in der Unterhaltung mit den Seinen über diese Dinge nicht jene Gruppen vergessen, um an die Semen zu denken.

Langsamkeit und Schnelligkeit des sozialen Werdens Wenn die verschiedenen Strömungen des kollektiven Denkens niemals wirklich einander durchdringen und nicht miteinander in Berührung gebracht und gehalten werden können, ist es recht schwierig zu sagen, ob die Zeit für die einen schneller als für die anderen verfließt. Wie könnte man die Geschwindigkeit der Zeit feststellen, da es keinen gemeinsamen Maßstab gibt und man kein Mittel der Messung der Geschwindigkeit der einen im Verhältnis zu der der anderen sieht? Es ist leicht gesagt, daß in bestimmten Milieus das Leben rascher dahinfließt, die Gedanken in schnellerem Rhythmus aufeinander folgen als anderswo. Können wir die Geschwindigkeit der Zeit der Anzahl von Ereignissen nach bestimmen, die die Zeit in sich einschließt? Aber wir sagten es schon — die Zeit ist etwas ganz anderes als eine Folge von Geschehnissen oder eine Summe von Unterschieden. Man fällt einer Täuschung anheim, wenn man sich einbildet, eine größere Anzahl von Ereignissen oder Unterschieden bedeute dasselbe wie eine längere Zeit. Das würde heißen, man vergißt, daß die Ereignisse die Zeit wohl unterteilen, aber nicht ausfüllen. Jene Menschen, die von immer vielfältigeren Beschäftigungen und Zerstreuungen absorbiert werden, verlieren schließlich den Begriff für die wirkliche Zeit und zerstören vielleicht am Ende die Substanz der Zeit, die, in soviele Abschnitte zerteilt, sich nicht mehr

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ausdehnen kann und keinerlei Dichte mehr bietet. Da für eine menschliche Gruppe die Fähigkeit, sich zu verändern, beschränkt ist, muß wohl in dem Maße, wie die Veränderungen sich innerhalb ein und derselben Spanne von vierundzwanzig Stunden mehren, jede von ihnen weniger bedeutend werden. In der Tat, die Aktivität von Gruppen wie die Aktienbörsen, die Industrie- und Handelsgesellschaften, innerhalb derer binnen kurzer Zeit eine Fülle von Geschäften getätigt wird, ist fast immer mechanischer Art. Es sind dieselben Berechnungen, dieselben Arten von Kombinationen, die das Denken ihrer Mitglieder durchziehen. Man wird mehrere Jahre, bisweilen mehrere Jahrzehnte warten müssen, bis aus der Anhäufung all dieser Worte und all dieser Gesten eine bedeutende Veränderung hervorgeht, die in dauerhafter Weise das Gedächtnis dieser Milieus modifiziert, d. h. das Bild, das sie von ihrer Vergangenheit zurückbehalten. Inmitten dieses mehr als nur halb automatischen Treibens findet die Gruppe eine ziemlich gleichförmige Zeit wieder, die im Ganzen nicht schneller dahinfließt als die des Anglers. Ebenso wird immer wieder behauptet, daß es Nachzüglervölker gibt, deren Entwicklung sich sehr langsam vollzogen hat, und es ist schon ein Gemeinplatz geworden, innerhalb ein und desselben Landes den schnelleren Daseinsrhythmus in den Großstädten im Gegensatz zu den kleinen Marktflecken oder in den Industriegebieten im Gegensatz zum Lande zu betonen. Vergessen wir indessen nicht, daß die Gruppen, die verglichen werden, weder gleicher Art sind noch die gleichen Beschäftigungen haben. Aber folgt aus der Tatsache, daß innerhalb des

Zeitraumes eines Tages die Dorfeinwohner weniger Gelegenheiten haben, die Ausrichtung ihrer Tätigkeit oder ihres Denkens zu ändern, daß die Zeit für sie langsamer dahinfließt als in den Städten? Der Städter ist es, der sich dies einbildet — aber warum? Weil er sich das Dorf als eine Stadt vorstellt, deren Aktivität sich verlangsamt hat, die nach und nach gelähmt worden und eingeschlafen ist. Aber ein Dorf ist ein Dorf, und man muß es mit einem Dorf vergleichen und nicht mit einer andersgearteten Gruppe. Auf dem Lande indessen wird die Zeit einer Art von Beschäftigungen zufolge eingeteilt, die sich selbst nach dem Verlauf der tierischen oder pflanzlichen Natur richtet. Man muß warten, bis das Getreide aus der Erde gekommen ist, bis die Tiere ihre Eier gelegt oder ihre Jungen bekommen haben, bis die Euter der Kühe gefüllt sind. Es gibt keinen

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Mechanismus, der diese Vorgänge beschleunigen könnte. Die Zeit ist durchaus, was sie in einer solchen Gruppe und bei solchen Menschen sein muß — Menschen, deren Denkrhythmus sich ihren Bedürfnissen und Traditionen angepaßt hat. Zweifellos gibt es Zeiten der Eile und Tage, an denen man sich ausruht; das aber sind Unregelmäßigkeiten, die den Inhalt der Zeit betreffen und keineswegs ihren Verlauf ändern. Ob man sich in ein Gespräch, eine Träumerei, eine Überlegung, eine Erinnerung vertieft, ob man die vorübergehenden Leute betrachtet oder ob man Karten spielt — wenn dies gewohnheitsmäßige Seinsweisen und Tätigkeiten sind, wenn jede den Platz und die Dauer hat, die ihr zukommen, ist die Zeit durchaus so, wie sie immer gewesen ist, nicht zu schnell und nicht zu langsam. Umgekehrt werden Bauern, die in eine Stadt kommen, darüber erstaunt sein, daß der Lebensrhythmus sich hier überstürzt, und werden glauben, daß ein Tag, da er ausgefüllter ist, auch mehr Zeit in sich zusammendrängt. Dies rührt daher, daß sie sich die Stadt als ein von Tätigkeitsfieber erfaßtes Dorf vorstellen, in dem die Menschen übererregt sind, in dem Denken und Tun in einer schwindelerregenden Bewegung fortgerissen werden. Aber die Stadt ist die Stadt, d.h. ein Milieu, in dem nicht nur die Produktionsarbeiten mechanisiert sind, sondern auch das tägliche Hin und Her, die Zerstreuungen und das Geistesleben. Die Zeit ist so eingeteilt, wie sie es sein muß; sie ist, wie sie sein muß — nicht zu schnell, nicht zu langsam —, da sie den Bedürfnissen des städtischen Lebens angepaßt ist. Die Gedanken, die sie ausfüllen, sind zahlreicher, aber auch kürzer: sie können keine tiefen Wurzeln fassen, weil ein Gedanke nur Dichte annimmt, wenn er sich über eine genügend lange Zeitdauer hin erstreckt. Wie aber soll man die Anzahl der aufeinander folgenden Bewußtseinszustände vergleichen, um die Schnelligkeit des Zeitflusses in den beiden Gruppen zu messen, wenn es sich nicht um gleichartige Gedanken und Vorstellungen handelt? In Wirklichkeit kann man nicht sagen, daß die Zeit in einer Gesellschaft schneller oder langsamer dahinfließt als in einer anderen; der auf den Zeitablauf angewandte Begriff der Schnelligkeit weist kerne bestimmte Bedeutung auf. Dagegen ist es eine bemerkenswerte Tatsache, daß das Denken beim Sicherinnern innerhalb einiger Augenblicke mehr oder minder große Zeiträume durchmessen und den Verlauf der Zeitdauer mit einer Schnelligkeit zurückverfolgen kann,

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die sich nicht nur von einer Gruppe zur anderen ändert, sondern auch innerhalb einer Gruppe von einem Individuum zum anderen und selbst bei einem innerhalb derselben Gruppe bleibenden Individuum von einem Augenblick zum anderen. Bisweilen, wenn man sich an sehr weit zurückliegende Dinge zu erinnern sucht, ist man erstaunt über die Leichtigkeit, mit der der Geist