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Liebe W. N.!

Ich habe Ihren Brief erhalten. Schon allein Ihre Unruhe beweist, daß
Sie im Unrecht sind.
"Du Heuchler, zieh zuvor den Balken aus deinem Auge, und
besiehe dann, daß du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst"
(Lk 6,4 2 ).
Dies weist auf eine tiefe psychische Wahrheit hin. Wenn sich der
Mensch nämlich mit Gottes Hilfe von der Sünde läutert und
dadurch ein lauteres Sehen erwirbt, geschieht folgendes: Erstens
wird ihm alles in einem anderen Licht erscheinen, und dann wird er
jedem Ding den richtigen Wert zuweisen können. Zweitens wird in
seinem Herzen einzig die Liebe zur ganzen Schöpfung und
unendliches Mitleid erwachen sowie der Wunsch, es möge niemand
leiden und niemandem möge Schaden zugefügt werden (vgl. Isaak
der Syrer) 6. Erst dann kann man seinen Nächsten belehren (und
selbst da nur auf Geheiß der göttlichen Gnade), und die Worte
werden wirksam und nützlich; sie heilen, ohne zu verletzen.
Solange Sie jedoch diesen Zustand nicht erreicht haben, dürfen Sie
sich nicht zur Lehrerin ernennen.
Der hl. Nil Sorskij 7 antwortete nie aus sich selbst heraus, sondern
legte nur die Meinung der heiligen Kirchenväter dar. Wenn er bei
ihnen nicht gleich die Lösung fand, gab er so lange keine Antwort,
bis er ihre Aussage zum betreffenden Gegenstand gefunden hatte.
Wir aber, die wir nichts wissen, reden eine ganze Menge, nur weil
wir irgendwo etwas aufgeschnappt haben oder "es mir so scheint".
Ein kluger Mensch begreift sofort, daß unsere Worte leicht wiegen,
und beurteilt uns auch danach ... Alle befinden wir uns in der
"bösesten Verblendung", wie es der hl. Symeon der Neue Theologe
es ausdrückt, d. h. in der Finsternis, im Wahn, in der Sklaverei des
Teufels. Nur wenige werden vom Herrn aus diesem Zustand
befreit. Wie kann denn ein Blinder einen Blinden führen? Sie aber
belehren jedermann über alles.

6 Kirchenvater, lebte im 7. Jahrhundert als Mönch in Ninive und in der


Ägyptischen Wüste. Seine Werke, darunter eine Mönchsregel, wurden 1854
erstmals ins Russische übersetzt.
7 Auch Nil von Sora IMajkow), 1433-1508, Mönch des Klosters
Kirillowo·Bjelosersk in Nordrußland. Postulierte die Armut der Kirche und
insbesondere der Klöster.
Hören Sie damit auf! Der Zöllner belehrte nicht, sondern sprach mit
Zerknirschung: "Gott, sei mir Sünder gnädig", und es war dies nicht
etwas, was er nur im Tempel sagte, sondern es war seine
Erkenntnis (sonst hätte er ja auch im Tempel nicht so beten
können). Konnte er und kann jeder, der in dieser Haltung lebt, die
Mitmenschen belehren? Natürlich nicht. Es ist einfach die richtige
Haltung für diejenigen, die der Sünde und dem Teufel dienen.
Erst wenn die Haltung des Zöllners auf den ganzen Menschen
übergreift, kann sich in uns die "Kraft Gottes" entfalten. "Meine
Kraft wird in der Schwäche offenbar" (2 Kor 12, 9), d. h., wenn wir
den Zöllner in seiner Demut erkennen, erfüllt sich in uns die Kraft
Gottes, und wir werden aus Ägypten ins Gelobte Land
hinausgeführt. Einen anderen Weg gibt es nicht. Ich schreibe Ihnen
dies rechtens meiner Eigenschaft als Ihr Beichtvater. Verzeihen
Sie! Der Herr behüte Sie und erwecke Sie zu allem Guten.

http://www.scribd.com/doc/27159986/Briefe-Eines-Russischen-
Starzen-an-Seine-Geistlichen-Kinder