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Angeli eorum sem per vident faciem patris mei qui in celis est Ihre, Engel schauen stets das
Antlitz meines Vaters, der im Himmel ist
(Matth. 18, 10)

Am Tage des Festes der heiligen Engel hören wir von Wesen und Aufgabe der
einzelnen Engelchöre und unseres Schutzengels. Sie stehen je nach ihrem Range
dem Menschen der Natur, dem der Vernunft, dem innerlichen Menschen bei, die
alle zusammen recht eigentlich den Menschen ausmachen. Der Friede Gottes und
das Gefühl des eigenen vollkommenen Nichts kennzeichnet die Freude Gottes.
(Der Übersetzer)

ES IST HEUTE DER HOHE GEDENKTAG der heiligen ehrwürdigen Engel. Wie
dieses Fest entstand auf Grund von Offenbarungen auf dem Berg (Gargano), habt
ihr heute nacht gelesen: davon wollen wir jetzt nicht mehr sprechen. Die Schrift sagt:
"Ihre Engel schauen allezeit das Antlitz meines Vaters im Himmel." Mit welchen
Worten man von diesen lauteren Geistern sprechen könne und solle, weiß ich nicht;
sie haben weder Hand noch Fuß, nicht Gestalt, Form noch Stoff; ein Wesen, das von
alldem nichts besitzt, kann weder von den Sinnen erfaßt noch vom Verstand
begriffen werden: wie sollte man also sagen können, was sie sind? Das wissen wir
nicht, und das ist kein Wunder; kennen wir doch uns selbst nicht, nicht den Geist,
durch den wir Menschen sind und von dem wir alles das haben, was wir an Gutem
haben; wie sollten wir dann diese übermächtigen edlen Geister erkennen, deren Adel
den weit übertrifft, den die ganze Welt hervorzubringen vermag. Und darum
sprechen wir von ihrem Wirken uns gegenüber und nicht von ihrem Sein. Denn ihr
Wirken besteht darin, daß sie uns allzeit schauen und betrachten in dem Spiegel der
Gottheit, nach Form und Sein, in unserem Wirken mit Unterscheidung. Und Sie
haben ein besonders unterschiedliches Wirken in uns.

Gott freilich wirkt ohne Unterlaß in uns auf eine viel eigenere und edlere Weise; sie
aber haben mit Gott ein Mitwirken in uns, dem zu vergleichen, das die Sonne am
Himmel hat mit ihrem unermeßlichen Wirken und ihrem Einfluß auf die Erde und
wie die Sterne stets mit der Sonne zusammenwirken in ihrem Wirken auf das
Erdreich und jedes Geschöpf des Erdreiches. Die Sterne haben ein emsiges Blicken
zur Sonne, und die Sonne blickt sich wiederum an, und daher ist ihr Wirken
untrennbar. Würde auch nur der kleinste Stern - wenn das möglich wäre – vom
Himmel genommen: alle Geschöpft, Menschen, alles Vieh und Tier, würde zunichte.
Es gibt neun Engelchöre: die bilden drei Hierarchien; denn eine jegliche umfaßt drei
Chöre. Von diesen drei Hierarchien hat eine jede eine besondere Tätigkeit und .eine
besondere unterschiedene Beziehung zu den drei Bereichen, die im Menschen sind;
die erste: der äußere, leibliche Mensch; die zweite: der geistige Mensch; die dritte:
der hohe, edle, gottförmige, ganz innerliche, in Gott verborgene Mensch. Und doch
bilden die drei Stufen (nur) einen Menschen. Auf diese drei wirken die Engel je in
besonderer Weise. Und darüber hinaus hat ein jeder Mensch seinen besonderen
Engel, der ihm in der Taufe beigegeben ward; der Mensch ward diesem Engel so
anbefohlen, daß dieser ohne Unterlaß bei ihm ist, ihn niemals verläßt und ihn
behütet, wachend oder schlafend, auf allen seinen Wegen und in seinen Werken," sie
seien böse oder gut; und es hätte der Mensch Gott für nichts mehr zu danken und
ihn gar sehr zu lieben als dafür, daß die hohen, jenseits aller (menschlichen)
Erkenntnis stehenden, edlen Geister dem armen Menschen so sehr verbunden sind,
ohne Unterlaß. Dementgegen hat jeder Mensch auch einen besonderen Teufel, der
ständig dem Menschen feind ist und stets auf ihn einwirkt, ebenso wie des Menschen
Engel. Wäre ein Mensch nun klug und eifrig, so sollte ihm des Teufels Widerstand
und Einwirkung nützlicher werden als die Tätigkeit des guten Engels. Denn gäbe es
keinen Streit, so wäre auch kein Sieg.

Nun (etwas) über die Hierarchien: der niederste Chor der ersten Hierarchie ist der
der Engel. Sie dienen miteinander dem äußeren, leiblichen Menschen, mahnen und
warnen ihn, helfen ihm und leiten ihn zur Ausübung der Tugenden und zu den
Gnaden; sie behüten den Menschen in stets wirkendem Eifer. Wäre dieser Schutz
nicht, was für unzähliges Unglück, glaubt ihr wohl, fiele auf den Menschen. Denn die
unzählig vielen Teufel stellen dem Menschen ununterbrochen nach, wie sie ihn
wachend oder schlafend verderben könnten. Dafür sind diese edlen Engel
(geschaffen), das zu verhüten.

Der zweite Chor sind die Erzengel. Man pflegt sie als Priester darzustellen; deren
besonderes Wirken besteht in ihrem Dienst am heiligen Sakrament und darin, daß
sie dem Menschen raten und ihm helfen zur würdigen Wirkung des hohen
Sakramentes von unseres Herren Leib.

Der dritte Chor sind die Virtutes. Diese dienen und raten dem Menschen, sie
mahnen ihn, daß er nach Tugend strebe, nach den natürlichen wie nach den
sittlichen. Und sie erwerben dem Menschen die göttlichen Tugenden: Glaube,
Hoffnung und Liebe. Die Menschen, die ihnen folgen und ihnen vertraut sind,
werden so tugendhaft, daß ihnen die Tugenden so leicht und lustvoll werden, als ob
sie ihr Sein und ihre Natur geworden seien.
Meine Lieben! Gegen einen solchen Menschen erheben sich alle die feindlichen
Geister, die aus diesen Chören herniedergefallen sind, mit all der List, deren sie fähig
sind, um den Menschen davon abzuhalten, ihren Platz, aus dem sie verstoßen
worden sind, einzunehmen. Die Bosheit, die sie dazu ohne Unterlaß aufwenden, ist
unglaublich; jeder Mensch sollte ununterbrochen und mit überaus großem Fleiß auf
seiner Hut sein gegen die feind selige Bosheit (dieser Gegner), die ihm so gar sehr
nachstellen. Wenden sie doch die versteckteste List, deren sie sich zu ihreni Zweck
bedienen, oft in durchaus gut scheinenden Dingen an. Zumeist ziehen sie den
Menschen in Unbeständigkeit, und vermögen sie nicht mehr, so bringen sie den
Menschen in eine (nach außen) gutscheinende Stelle , und Lebensweise und bringen
ihm die Vorstellung bei, es stehe alles gut mit ihm; er solle sich damit genügen lassen
und nicht weiterstreben.

Das ist ein sorgenvolles Ding, heute mehr denn je. Denn Sankt Bernhard sagte: "Auf
dem Weg zu Gott stehenbleiben heißt zurückgehen." In dieser Lage befinden sich all
die Menschen weltlichen Herzens, die da sprechen: "Wir tun soviel guter Werke wie
diese und jene, und das reicht uns durchaus; wir werden doch besser daran sein als
sie; wir wollen in unserer Gewohnheit und Lebensart bleiben wie die, welche vor uns
lebten." Kommen aber große Prüfungen1, so wird man argen Jammer hören von
denen, die nun gut daran zu sein wähnen. Da werden die bösen Geister, denen sie
gefolgt sind, ihnen großes Herzeleid bereiten und sie zuletzt ohne Widerrede mit
sich führen. Und solche Fälle sehen wir bereits jetzt. Denn wenn die schweren
Versuchungen und die (himmlischen) Strafen vorübergegangen sind, werden die
heiligen Engel den geläuterten Menschen so vertraut werden; sie werden sie auf Weg
und Steg begleiten, mit ihnen Verkehr pflegen und ihnen klar und freundschaftlich
kundtun, was sie tun oder lassen sollen.

Nun gibt es eine zweite Hierarchie. Die Engel derselben richten ihr Augenmerk auf
die zweite Stufe im Menschen, die des geistigen; was diese Stufe betrifft, steht der
Mensch weit über allen leiblichen Geschöpfen und den Engeln gleich. Der erste
Chor dieser Hierarchie sind die Engel, die man "die Gewaltigen" heißt, der zweite
»die Fürsten", der dritte »die Herren". Sie alle wirken in den Menschen, von denen
sie sehen, daß sie in den Tugenden vorangeschritten, daß sie Herren ihres eigenen
Selbst nach innen und außen sind, ihrer Sinne und sinnlichen Tätigkeiten in allen
Dingen, ihres inneren Menschen, ihrer Gedanken und Strebungen in Wort und
Werk.

1
Die Rechtfertigung, die Corin, Sermons IH, 133 und Anm. 1 für seine Auffassung gibt, daß es bei den „grossen plagen"
(Vetter 374, 20) sich eher um Prüfungen denn um Strafen handle, erscheint annehmbar.
Diese Menschen werden wirklich frei und herrschen ebenso sicher über ihre
Untugenden, wie man es vom heiligen Franziskus liest, daß er seinen äußeren
Menschen durchaus in der Gewalt hatte: sobald er eine Übung vorzunehmen
gedachte, war sein Leib gar rasch bereit, (gleichsam) mit den Worten: "Sieh, ich bin
bereit." Solche Menschen werden ganz wie die Fürsten der Welt, frei und
niemandem untertan. Ebenso in ihrem geistigen Leben werden sie so, daß sie alle
Bewegungen ihres äußeren und inneren Menschen in der Gewalt haben.

Wenn das die bösen Geister sehen, ergreift sie ein gar furchtbarer Haß darüber, daß
diese Menschen die Plätze einnehmen sollen (die sie selbst einst verloren) ; sie
setzen all ihre Bosheit daran, bringen solch einen Menschen in die allerschlimmsten
Versuchungen, wie man sie sich kaum ausdenken kann und von denen die, welche
der Welt und dem bösen Feind dienen, nie gehört oder erfahren haben. Sie
vermehren ihre Anstrengungen, da sie jene Menschen gerne mit sich herabzögen.
Und wenn sie dann den armen Menschen so umlagert haben, daß es ihm dünkt, er
müsse den Verstand verlieren oder aber es gehe ihm an sein Leben, dann kommen
diese edlen Gewaltigen, diese Fürsten und Herren und vertreiben die bösen Geister,
und der Mensch hat gesiegt.

Und wer die bösen Geister einmal so herrlich überwunden hat, zu dem wagen sie
nicht mehr mit einer Versuchung zu kommen: dazu sind sie zu hoffärtig und
fürchten das gewaltige Volk der guten Geister. Und wenn die Engel dieser Hierarchie
regieren, kommt die Herrenmacht (Gottes) und wirkt in dem Menschen, daß der
Mensch der zweiten Stufe, der in dem Menschen ist, stärker werde, daß die
Menschen so vernünftig und weise werden, daß sie die Arglist der Feinde wohl
erkennen, wie Sankt Paulus spricht, daß ihm weder böse Geister noch die Welt, das
Fleisch oder irgendein Geschöpf etwas anhaben könnten. Dann ist da die dritte
Hierarchie. Deren Wirken gilt dem allerinnerlichsten Menschen, dem nach Gott
gebildeten, gottförmigen Menschen. Der erste Chor wird „Throne" genannt, der
zweite "Cherubim", der dritte "Seraphim". Die "Throne" wirken im innersten Grund
(der menschlichen Seele), so daß der Mensch recht wie ein königlicher Thron wirkt,
wo zu weilen und zu herrschen Gott sein Wohlgefallen2 hat; da urteilt und belohnt er
und wirkt all sein Werk in diesen Menschen, nach innen wie nach außen.

2
Das Wort .wille· bei Vetter 376,14 ist besser durch die Lesung „minne"
Corin'Wi 2 5.217, 13 zu ersetzen.
Diese Menschen werden in ihrem Grunde so unerschütterlich und finden sich in
einem göttlichen Frieden, daß weder Liebes noch Leidvolles, weder Hart noch
Weich sie aus ihrer Sicherheit bringen kann, wie Sankt Paulus spricht:

"Weder Tod noch Leben wird uns scheiden können von der Liebe Gottes."
Hundertfacher Tod könnte diese Menschen nicht bewegen oder aus der Fassung
bringen. Gleichermaßen wäre einem sterbenden Menschen all die ehrenvolle oder
verächtliche Behandlung, die man ihm antun könnte, gänzlich gleich, denn sein Sinn
wäre auf etwas anderes gerichtet; so ist es mit diesem inneren Grunde: der ist Gott
zugekehrt und ein so starker Thron Gottes, daß diesen Menschen nichts verwirren
kann, nicht Liebes noch Leidvolles; dieser Mensch bleibt in seinem wesenhaften
Frieden, wo Gottes Aufenthalt ist, wie David sagt: "Im Frieden ist seine Wohnstatt. "

Diesen Frieden, liebe Schwester, den behalte und behüte, dass dir den niemand
nehme, daß Gottes Stätte (in dir) nicht zerstört werde. Schweig und dulde es, meide
(die Unruhe), bewahre die Ruhe. Vertraue voll Ruhe, halte dich bei dir selber,
wache über dich, und lauf nicht viel nach außen. Laß dein (geschäftiges)
Herumlaufen (im Konvent), mische dich nicht in alles ein, bring nichts in
Verwirrung: das überlaß deiner Tante; bleib du bei dir selber, achte auf den Herrn in
deinem Grunde, wer als gewaltiger Herrscher thront, damit diese Stätte nicht
zerstört, dein Friede nicht gemindert werde. Denn wenn der Mensch in diesem
Frieden weilt, kommen die Cherubim in ihrer Klarheit und erleuchten diesen Grund
mit ihrem gottfarbenen Licht, gleichwie mit einem schnellen Blitz. Von diesem Blitz
werden diese Menschen ganz durchleuchtet und ihr Grund von Licht durchstrahlt:
wäre es möglich, so könnten sie wohl allen Menschen Untercheidungsfähigkeit genug
geben. Diese Erleuchtung geschieht nur mit der Schnelligkeit eines Blitzes, je
schneller, desto wahrer, edler und sicherer. Dann kommen die leuchtenden
Seraphim mit flammender Liebe und entzünden den Grund. Auch dies geschieht wie
ein Blitz: da wird des Menschen Liebe3 so groß und so weit, daß .sie alle Dinge
einschließt. Ihm ist, er wolle alle Menschen entflammen - auch dies geschieht in ihm
wie mit einem Blick - und sich selbst dabei verzehren.

All das entsteht in dem innersten Grunde des verklärten Menschen. Doch dieser
Glanz leuchtet auch nach außen auf die beiden anderen Stufen des Menschen, die
geistige und die sinnenhafte, und bewirkt, daß dieser (ganze) Mensch so göttlich und
geordnet und so heimisch wird in der Tugend, die ihn friedlich und still macht, daß
man an ihm keiner Unordnung mehr gewahr wird, nicht in Worten noch in Werken.

3
Nach Wi 2 (vgl. Corin, Sermons III, 136), wo statt der Lesung "wille" bei
Vetter 376,14 sich "minne" findet.
Diese Menschen halten sich selber für gar nichts und schreiben sich von alldem (was
sie erlangen) nicht mehr zu, als ob all dies in ihnen nicht gewirkt worden oder
tausend Meilen von ihnen entfernt wäre.

Von all dem, was Gott in ihnen wirkt oder wirken kann, davon betrachten sie nichts
als ihr eigenes Werk und schreiben sich davon nichts zu; denn sie halten von nichts
mehr als von ihrem lauteren Nichts und betrachten sich als unter allen Menschen
stehend. Das sind wohl die Himmel, in denen der Vater wohnt, wie es in der Schrift
heißt: "Ihre Engel schauen des Vaters Antlitz in den Himmeln."

Daß wir alle dorthin kommen, dazu helfe uns Gott.

AMEN.