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Mit der Seele

Von Hans D. Barbier - Ressort: Wirtschaft


Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.03.10, Nr. 57, S. 13

Als penetranter Bettler ist der griechische Ministerpräsident Georgios Papandreou in Berlin nicht
aufgetreten. Aber als samtpfötiger Erpresser. "Steht Griechenland nicht für Europa?", fragte er. "Nein",
müsste man ihm schon an dieser Stelle antworten. Der schlendrianische Umgang mit den öffentlichen
Finanzen, dem das heutige Griechenland nun seine Misere verdankt, ist nicht typisch für Europa. Wenn das,
was in Griechenland als "Budgetpolitik" gilt, für "Europa" typisch wäre, dann hätte die Europäische
Währungsunion nicht die geringste Überlebenschance. Nein, Griechenland, so wie es sich im Umgang mit
seinen Staatsfinanzen präsentiert, steht nicht für Europa.

Währungsordnungen und Währungsregime sind empfindliche Gebilde. Empfindlich sind sie vor allem
gegenüber Anforderungen der Politik, die sich um reale Knappheiten und die in der Tat immer wieder
erstaunliche Zartheit von weitgespannten Marktgespinsten nicht scheren. Das Gebilde der Europäischen
Union und darin das Gebilde der Euro-Staaten - also von Staaten mit der gleichen Währung, eben dem Euro -
sind Geschöpfe der Politik. Aber sie haben sich ihre Empfindlichkeit gegenüber politischen Rempeleien
bewahrt. Hätten sie es nicht, dann würden sie als Marktverbünde nichts taugen. Märkte, wenn sie Märkte
sind, stehen nicht zum Gebot der Politik. Man kann sie nutzen. Aber man kann sie nicht politisch
vergewaltigen, ohne sie zu töten. Das gilt auch für die eigentlich ganz robusten Einrichtungen der
Europäischen Union und der Europäischen Währungsunion.

Die Freiheit der Marktwirtschaft lebt vom Willen zur Leistung, von der Fähigkeit zur Gegenleistung und von
der Pflicht zur Haftung. Man kann das Leisten auch lassen. Aber dann muss man die Folgen tragen, ohne
sich gleich nach dem nächsten Sozialverbund umzusehen. In Griechenland ist nichts passiert, was mit "Haiti"
oder mit "Chile" zu tun hätte. Wenn die griechische Finanzpolitik im Urteil der Öffentlichkeit als
Begründung für die Pflicht der anderen EU-Mitglieder zur Solidarität durchgeht, dann ist das der Anfang
vom Ende der "Idee Europa". Solidarität wird sich auch in "Europa" bewähren, wenn es gilt, die Folgen von
Katastrophen zu mildern, die die Leistungskraft eines Landes überfordern. Aber es darf nicht sein, dass ein
Land ohne Rücksicht auf seine Ressourcen aller Art einfach mal so vor sich hin wirtschaftet und dann mit
der - ausgesprochenen oder unausgesprochenen - Drohung kommt, die Regierung könne nun nicht mehr
dafür haften, dass alles seinen guten Gang gehe.

Über "das Retten" in einem politischen Verband, der gleichzeitig auch ein Währungsverbund ist, können
Politiker und Ökonomen eine Menge sagen: Historisches, Machtpolitisches, Soziales. Dabei wird sich
herausstellen, dass es rentable Bemühungen des Rettens gibt. Das gilt wohl immer dann, wenn
"Schicksalsschläge" natürlicher oder kriegerischer Art im Spiel sind. Dann sollten
"Rentabilitätsüberlegungen" des Rettens nicht zu kleinlich angelegt sein. Aber niemand - kein Naturereignis
und kein äußerer Feind - hat die Griechen gezwungen, ihre öffentlichen Haushalte so zu strapazieren, dass
die ihre Leistungsfähigkeit längst hinter sich gelassen haben und dass nun - wenn nicht ein
"Austerityprogramm" im engeren Sinne - aber eben doch eine beengende Variante von Sparsamkeit bei den
öffentlichen Finanzen geboten wäre.

Und wenn sich in Griechenland Kräfte rühren, die das Land aus "Europa" hinausführen? Mal gegengefragt:
wohin denn? Und wenn es doch passiert, dann wird "Resteuropa" das Land der Griechen wieder einmal mit
der Seele suchen: das Land, dem Europa nicht den geringsten Teil seiner Kultur und seiner - insgesamt doch
- gelungenen Geschichte verdankt. Die Währungsunion mag man so oder so bewerten. Ohne Griechenland
mag sie vielleicht sogar besser funktionieren.

Der Autor ist Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung.