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Siglen 367 Vorrede


Literaturverzeichnis 369

Register 385
Das Problem einer Wissenschaftstheorie als Philosophie und
Nietzsches Frage nach der Grundlegung
Danksagung 395

Wo Kant als Begründer der modernen philosophischen Kritik die Absicht


hatte, die Grundlagen der Möglichkeit einer jeden künftigen Metaphy-
sik aufzuzeigen, die als Wissenschaft würde auftreten können, artikuliert
Nietzsches Kritik die Grundlegung für jede Wissenschaftstheorie, die als
Philosophie auftreten und Philosophie bleiben kann. Eine kritische, reflek-
tierte Wissenschaftstheorie zu etablieren, ist nur als Philosophie möglich,
während das, was man Philosophy of Science – also deutsch: Wissenschafts-
theorie – im traditionell analytischen Sinn genannt hat, tatsächlich keine
Philosophie ist.
Aber was könnte als kritische, reflektierte Wissenschaftstheorie im
Sinne einer genuinen Philosophie zählen? Das Ideal eines kritischen,
reflektierten Diskurses ist immer noch eine äquivoke Bestimmung. Denn
einerseits mag Kritik nichts anderes bedeuten als die begrenzte Analyse
irgendeines zugrundeliegenden Gegenstandes, die sich in den Grenzen
von dessen Gegenständlichkeit bewegt. Doch andererseits, und das ist die
weitergehende Annahme dieser Studie, wäre es auch möglich, Kritik bzw.
philosophische Analyse ästhetisch aufzufassen, ohne die im Sinne Kants
rationalistischen, rein kognitiven Festlegungen. Eine solche phänomeno-
logische Kritik würde die Beschränkungen einer partikular konstituierten
Gegenständlichkeit überschreiten und, so behaupte ich: nur in dieser Radi-
kalität kann eine Wissenschaftstheorie ihrem Namen gerecht werden.
Nun ist es gerade die Pointe des Nietzscheschen Perspektivismus, dass
weder die reflektierende Überschau noch der Gegenstand der Philosophie
der Wissenschaft (bzw. Wissenschaftstheorie) auf die Wissenschaft begrenzt
sein dürfen. Der Fragende muss an einem geeigneten Ausgangspunkt und
2 Vorrede Vorrede 3

auf einer angemessenen Grundlage beginnen, und diese Grundlage erfor- nungsform der Philosophie.1 Denn ein kontinentaleuropäischer, explizit
dert, wie uns Heideggers Phänomenologie des Fragens lehrt, eine Betrach- historischer und hermeneutischer Zugang impliziert die philosophische
tung des Wesens des Fragenden selbst. Im selbstkritischen Vorwort zur Reflexion über Wesen und Handlungsweise der Wissenschaft, weshalb
Geburt der Tragödie bekundet Nietzsche die Einsicht, dass das Problem ein solcher Zugang eine korrigierende Artikulation einer eigentlichen und
der Wissenschaft gerade nicht „auf dem Boden“ oder auf der Grundlage genuinen Philosophie der Wissenschaft bietet.
der Wissenschaft erkannt werden kann. Aus dieser Perspektive bestimmt Falls Nietzsches Überzeugung zutreffend ist – und ich denke, sie ist
Nietzsche das Unternehmen, welches sein ganzes Leben lang andauern es –, dann kann in Erweiterung dieses Gedankens das Problem der Wis-
sollte, als eine Befragung des Wesens der Wissenschaft unter der Optik senschaftstheorie als Philosophie der Wissenschaft genauso wenig auf dem
der Kunst. Und wenn, noch jenseits der Frage nach dem Wesen der Wis- Boden oder aus der Perspektive der Wissenschaftstheorie gesehen werden.
senschaft unter der Optik der Kunst, Nietzsche sich gezwungen sieht, Die Schieflage, in die ein Studium von Nietzsches Reflexionen über die
die Kunst unter der Optik des Lebens zu untersuchen, dann betont jene Wissenschaft gerät und die dem ersten Augenschein nach eine irrreduzible
weitergehende Bewegung den gebrochenen, reflexiven Bezugscharakter, in Behinderung dafür darstellt, dass das Problem der Wissenschaft überhaupt
dem die tiefere Bedeutung von Nietzsches Perspektivismus liegt. klar zum Ausdruck gebracht werden kann, mag somit auf einen zweiten
Der traditionellen und gegenwärtigen Wissenschaftstheorie fehlt eine Blick einen Vorzug darstellen: da sie vielleicht den einzigen Zugang zur Wis-
kritische, reflektierte Ausrichtung an der Wissenschaft, obwohl sie selbst senschaftstheorie als Philosophie der Wissenschaft eröffnet. Zu behaupten,
durch ihren Bezug zur Wissenschaft definiert ist. Ich bin der Auffassung, dass ein indirekter oder kontextueller oder perspektivischer Zugang der
dass eine philosophische Herangehensweise zumindest kritische Reflexi- vielleicht einzige Weg sei, eine Wissenschaftstheorie als Philosophie der
vität fordert. Fehlt eine solche Reflexivität, dann fehlt der Wissenschafts- Wissenschaft zu verstehen, rechtfertigt natürlich noch nicht die Behaup-
theorie genau jene philosophische Disposition. Entsprechend überrascht es tung, dieser Zugang konstituiere auch schon eine voll entwickelte Wissen-
kaum, dass wir die Wissenschaftstheorie über Jahrzehnte hinweg in einem schaftstheorie. Worauf im Geist der kritischen Philosophie nach Kant, im
Stadium der Krise erlebt haben, also im (noch ungeklärten) Übergang Geist einer Reflexion auf reflektierendes Denken Anspruch erhoben wird,
zwischen „alten“, positivistischen, logisch-linguistischen, analytischen und ist ja einzig, dass ein Zugang zum Problem der Wissenschaft sich nur eröff-
„neuen“ historischen, hermeneutischen Spielarten. Dies ist eine Krisis der net, wenn er auf dem Grund der Wissenschaft sich artikuliert. Der Wert
Selbstidentifikation. Die Identitätskrise in der Wissenschaftstheorie besteht des richtigen Beginnens ist so allbekannt und wird so häufig betont, wie
nicht etwa darin, dass man die Perspektive, aus der heraus Wissenschafts- sein Ansatz selten ist. Und zum rechten Anfang gehört es, zu wissen, wo
geschichte geschrieben werden kann, falsch identifiziert hätte – dies wäre man anfangen soll – dies meint die alte philosophische Weisheit, dass Ant-
die interpretatorische Frage einer Texthermeneutik –, und es geht auch worten zu erhalten nicht so wichtig ist wie die richtigen Fragen zu stellen.
nicht um das Wesen wissenschaftlicher Praxis – dies wäre die historische Aber wenn auch das Anfangen bedeutsam ist, so ist es doch nicht alles. Man
Frage nach dem Experiment und seiner Relation zur Theorie. So wie sie könnte irrigerweise solche epideiktischen Reflexionen für die vorangegan-
innerhalb der analytischen Tradition perzipiert und tradiert wird, ist das, genen Betrachtungen für die Wissenschaftstheorie selbst halten. Diese epi-
was der Wissenschaftstheorie fehlt, eine eigentliche Identität als Philosophie. deiktischen Reflexionen in Nietzsches Wissenschaftstheorie repräsentieren
Die Auflösung dieses Problems zielt genau in das Zentrum der Trennung
zwischen sogenannt kontinentaleuropäischen und analytischen Erschei-
1 Siehe weiter, von der Verf., Politik und die analytisch-kontinentale Trennung in der
Philosophie in: Babich, »Eines Gottes Glück, voller Macht und Liebe«, S. 210–233.
2 Vorrede Vorrede 3

auf einer angemessenen Grundlage beginnen, und diese Grundlage erfor- nungsform der Philosophie.1 Denn ein kontinentaleuropäischer, explizit
dert, wie uns Heideggers Phänomenologie des Fragens lehrt, eine Betrach- historischer und hermeneutischer Zugang impliziert die philosophische
tung des Wesens des Fragenden selbst. Im selbstkritischen Vorwort zur Reflexion über Wesen und Handlungsweise der Wissenschaft, weshalb
Geburt der Tragödie bekundet Nietzsche die Einsicht, dass das Problem ein solcher Zugang eine korrigierende Artikulation einer eigentlichen und
der Wissenschaft gerade nicht „auf dem Boden“ oder auf der Grundlage genuinen Philosophie der Wissenschaft bietet.
der Wissenschaft erkannt werden kann. Aus dieser Perspektive bestimmt Falls Nietzsches Überzeugung zutreffend ist – und ich denke, sie ist
Nietzsche das Unternehmen, welches sein ganzes Leben lang andauern es –, dann kann in Erweiterung dieses Gedankens das Problem der Wis-
sollte, als eine Befragung des Wesens der Wissenschaft unter der Optik senschaftstheorie als Philosophie der Wissenschaft genauso wenig auf dem
der Kunst. Und wenn, noch jenseits der Frage nach dem Wesen der Wis- Boden oder aus der Perspektive der Wissenschaftstheorie gesehen werden.
senschaft unter der Optik der Kunst, Nietzsche sich gezwungen sieht, Die Schieflage, in die ein Studium von Nietzsches Reflexionen über die
die Kunst unter der Optik des Lebens zu untersuchen, dann betont jene Wissenschaft gerät und die dem ersten Augenschein nach eine irrreduzible
weitergehende Bewegung den gebrochenen, reflexiven Bezugscharakter, in Behinderung dafür darstellt, dass das Problem der Wissenschaft überhaupt
dem die tiefere Bedeutung von Nietzsches Perspektivismus liegt. klar zum Ausdruck gebracht werden kann, mag somit auf einen zweiten
Der traditionellen und gegenwärtigen Wissenschaftstheorie fehlt eine Blick einen Vorzug darstellen: da sie vielleicht den einzigen Zugang zur Wis-
kritische, reflektierte Ausrichtung an der Wissenschaft, obwohl sie selbst senschaftstheorie als Philosophie der Wissenschaft eröffnet. Zu behaupten,
durch ihren Bezug zur Wissenschaft definiert ist. Ich bin der Auffassung, dass ein indirekter oder kontextueller oder perspektivischer Zugang der
dass eine philosophische Herangehensweise zumindest kritische Reflexi- vielleicht einzige Weg sei, eine Wissenschaftstheorie als Philosophie der
vität fordert. Fehlt eine solche Reflexivität, dann fehlt der Wissenschafts- Wissenschaft zu verstehen, rechtfertigt natürlich noch nicht die Behaup-
theorie genau jene philosophische Disposition. Entsprechend überrascht es tung, dieser Zugang konstituiere auch schon eine voll entwickelte Wissen-
kaum, dass wir die Wissenschaftstheorie über Jahrzehnte hinweg in einem schaftstheorie. Worauf im Geist der kritischen Philosophie nach Kant, im
Stadium der Krise erlebt haben, also im (noch ungeklärten) Übergang Geist einer Reflexion auf reflektierendes Denken Anspruch erhoben wird,
zwischen „alten“, positivistischen, logisch-linguistischen, analytischen und ist ja einzig, dass ein Zugang zum Problem der Wissenschaft sich nur eröff-
„neuen“ historischen, hermeneutischen Spielarten. Dies ist eine Krisis der net, wenn er auf dem Grund der Wissenschaft sich artikuliert. Der Wert
Selbstidentifikation. Die Identitätskrise in der Wissenschaftstheorie besteht des richtigen Beginnens ist so allbekannt und wird so häufig betont, wie
nicht etwa darin, dass man die Perspektive, aus der heraus Wissenschafts- sein Ansatz selten ist. Und zum rechten Anfang gehört es, zu wissen, wo
geschichte geschrieben werden kann, falsch identifiziert hätte – dies wäre man anfangen soll – dies meint die alte philosophische Weisheit, dass Ant-
die interpretatorische Frage einer Texthermeneutik –, und es geht auch worten zu erhalten nicht so wichtig ist wie die richtigen Fragen zu stellen.
nicht um das Wesen wissenschaftlicher Praxis – dies wäre die historische Aber wenn auch das Anfangen bedeutsam ist, so ist es doch nicht alles. Man
Frage nach dem Experiment und seiner Relation zur Theorie. So wie sie könnte irrigerweise solche epideiktischen Reflexionen für die vorangegan-
innerhalb der analytischen Tradition perzipiert und tradiert wird, ist das, genen Betrachtungen für die Wissenschaftstheorie selbst halten. Diese epi-
was der Wissenschaftstheorie fehlt, eine eigentliche Identität als Philosophie. deiktischen Reflexionen in Nietzsches Wissenschaftstheorie repräsentieren
Die Auflösung dieses Problems zielt genau in das Zentrum der Trennung
zwischen sogenannt kontinentaleuropäischen und analytischen Erschei-
1 Siehe weiter, von der Verf., Politik und die analytisch-kontinentale Trennung in der
Philosophie in: Babich, »Eines Gottes Glück, voller Macht und Liebe«, S. 210–233.
4 Vorrede Vorrede 5

oder illuminieren gerade das Problem der Wissenschaft als ein Problem. theorie überhaupt.2 Dies schließt nachdrücklich eine These hinsichtlich
Wenn im wissenschaftsphilosophischen Betrieb solche Reflexionen ange- dessen ein, was verfehlt ist an der Art, wie Wissenschaftstheorie innerhalb
stellt werden, so deswegen, weil das Problem, die Wissenschaft als ein der fast ausschließlich analytischen Selbstbeschränkung ihrer traditonellen
Problem zu denken oder auszudrücken, selbst eine Propädeutik darstellt Rezeption gegenwärtig betrieben wird. Somit gehen in einem Maß, das für
für eine weitergehende und letzten Endes authentische Ausarbeitung der die Notwendigkeit dieses Buches zeugen mag, die tieferen Probleme einer
Wissenschaftstheorie als Philosophie der Wissenschaft als solche. Wissenschaftstheorie als Philosophie der Wissenschaft sogar noch über die
Wenn hier Nietzsches eigenem Beispiel folgend das Problem der Wis- Fragen hinaus, die sich bei einer Betrachtung von Nietzsches Reflexionen
senschaft als solcher so aufgefaßt wird, dass die Grundlage des Problems über Erkenntnistheorie und wissenschaftliche Methode stellen (Wahrheit,
der Wissenschaft von der Wissenschaft zur Kunst hin verlegt ist und dann, Wissen und die Philosophie der wissenschaftlichen Kultur) und die in den
jenseits der Frage nach der Kunst, auf die Frage nach dem Leben verschoben folgenden Kapiteln behandelt werden.
wird, dann kann die vorliegende Studie über Nietzsches Wissenschafts-
theorie weder von der Basis der Wissenschaft her bestimmt noch auf
diese hin artikuliert (und auch nicht auf die Frage nach der Wissenschaft Kapitel 1.  Nietzsches musikalische Stilistik
beschränkt) werden. Vielmehr versucht die vorliegende Unternehmung,
die Fragestellung in zwei Richtungen zu orientieren nach der Wissen- Nietzsche als Musiker oder Nietzsches ‚concinnitas‘ als
schaft unter der Optik der Kunst und nach der Kunst unter der Optik des kompositorisches Stilmittel
Lebens gefragt wird. Damit wird Nietzsches Philosophie der Wissenschaft,
wie sie in dieser Studie untersucht werden soll, als eine Philosophie von Das erste Kapitel hat einführenden Charakter, und es wäre deshalb möglich,
Kunst (Kunstfertigkeit und Technik, aber auch Kultur und Kreativität) dieses Buch zu lesen ohne jene grundsätzliche (und grundlegende) Stildis-
und Leben entwickelt. kussion, indem man mit dem zweiten Kapitel beginnt. Aber da Nietzsches
Darstellungs- und Konzeptionslogik sich so stark von den erwarteten
Schemata des gewohnten philosophischen Diskurses unterscheidet, stellt
erst eine Erörterung von Nietzsches Stil den wesentlichen Kontext für das
Übersicht über den Aufbau des Abhandlung Verständnis seines philosophischen Unternehmens bereit.3
Das Thema von Nietzsches Stil ist hier sowohl als Frage nach dem
Wesen jenes Stils von Bedeutung, wie auch als Frage danach, was er in phi-
In diesem Buch geht es mir diesem Aufriß gemäß um die Philosophie Nietz- losophischer und nicht einfach in ästhetischer oder literarischer Hinsicht
sches, betrachtet aus der Perspektive seiner theoretischen Interpretation der erreicht hat. Ich benutze zur Kennzeichnung den Terminus concinnitas,
Wissenschaft. Doch keinesfalls stelle ich Nietzsche so dar, als böte er eine eine musikalische Metapher, um den tönenden Imperativ in Nietzsches
vollständige Wissenschaftstheorie oder Philosophie der Wissenschaft im
heutigen, analytischen Sinne. In meiner Argumentation geht es eher um
2 Siehe dazu von der Verf., Continental Philosophy of Science, S. 545f., sowie Politik
die philosophische Relevanz von Nietzsches Denken für die Wissenschafts- und die analytisch-kontinentale Trennung in der Philosophie. Vgl. die Beiträge zu
Gutting, Hg., Continental Philosophy of Science sowie Frings und Marx, Hg. Erzählen,
Erklären, Verstehen.
3 Vgl. Babich, Zu Nietzsches Stil.
4 Vorrede Vorrede 5

oder illuminieren gerade das Problem der Wissenschaft als ein Problem. theorie überhaupt.2 Dies schließt nachdrücklich eine These hinsichtlich
Wenn im wissenschaftsphilosophischen Betrieb solche Reflexionen ange- dessen ein, was verfehlt ist an der Art, wie Wissenschaftstheorie innerhalb
stellt werden, so deswegen, weil das Problem, die Wissenschaft als ein der fast ausschließlich analytischen Selbstbeschränkung ihrer traditonellen
Problem zu denken oder auszudrücken, selbst eine Propädeutik darstellt Rezeption gegenwärtig betrieben wird. Somit gehen in einem Maß, das für
für eine weitergehende und letzten Endes authentische Ausarbeitung der die Notwendigkeit dieses Buches zeugen mag, die tieferen Probleme einer
Wissenschaftstheorie als Philosophie der Wissenschaft als solche. Wissenschaftstheorie als Philosophie der Wissenschaft sogar noch über die
Wenn hier Nietzsches eigenem Beispiel folgend das Problem der Wis- Fragen hinaus, die sich bei einer Betrachtung von Nietzsches Reflexionen
senschaft als solcher so aufgefaßt wird, dass die Grundlage des Problems über Erkenntnistheorie und wissenschaftliche Methode stellen (Wahrheit,
der Wissenschaft von der Wissenschaft zur Kunst hin verlegt ist und dann, Wissen und die Philosophie der wissenschaftlichen Kultur) und die in den
jenseits der Frage nach der Kunst, auf die Frage nach dem Leben verschoben folgenden Kapiteln behandelt werden.
wird, dann kann die vorliegende Studie über Nietzsches Wissenschafts-
theorie weder von der Basis der Wissenschaft her bestimmt noch auf
diese hin artikuliert (und auch nicht auf die Frage nach der Wissenschaft Kapitel 1.  Nietzsches musikalische Stilistik
beschränkt) werden. Vielmehr versucht die vorliegende Unternehmung,
die Fragestellung in zwei Richtungen zu orientieren nach der Wissen- Nietzsche als Musiker oder Nietzsches ‚concinnitas‘ als
schaft unter der Optik der Kunst und nach der Kunst unter der Optik des kompositorisches Stilmittel
Lebens gefragt wird. Damit wird Nietzsches Philosophie der Wissenschaft,
wie sie in dieser Studie untersucht werden soll, als eine Philosophie von Das erste Kapitel hat einführenden Charakter, und es wäre deshalb möglich,
Kunst (Kunstfertigkeit und Technik, aber auch Kultur und Kreativität) dieses Buch zu lesen ohne jene grundsätzliche (und grundlegende) Stildis-
und Leben entwickelt. kussion, indem man mit dem zweiten Kapitel beginnt. Aber da Nietzsches
Darstellungs- und Konzeptionslogik sich so stark von den erwarteten
Schemata des gewohnten philosophischen Diskurses unterscheidet, stellt
erst eine Erörterung von Nietzsches Stil den wesentlichen Kontext für das
Übersicht über den Aufbau des Abhandlung Verständnis seines philosophischen Unternehmens bereit.3
Das Thema von Nietzsches Stil ist hier sowohl als Frage nach dem
Wesen jenes Stils von Bedeutung, wie auch als Frage danach, was er in phi-
In diesem Buch geht es mir diesem Aufriß gemäß um die Philosophie Nietz- losophischer und nicht einfach in ästhetischer oder literarischer Hinsicht
sches, betrachtet aus der Perspektive seiner theoretischen Interpretation der erreicht hat. Ich benutze zur Kennzeichnung den Terminus concinnitas,
Wissenschaft. Doch keinesfalls stelle ich Nietzsche so dar, als böte er eine eine musikalische Metapher, um den tönenden Imperativ in Nietzsches
vollständige Wissenschaftstheorie oder Philosophie der Wissenschaft im
heutigen, analytischen Sinne. In meiner Argumentation geht es eher um
2 Siehe dazu von der Verf., Continental Philosophy of Science, S. 545f., sowie Politik
die philosophische Relevanz von Nietzsches Denken für die Wissenschafts- und die analytisch-kontinentale Trennung in der Philosophie. Vgl. die Beiträge zu
Gutting, Hg., Continental Philosophy of Science sowie Frings und Marx, Hg. Erzählen,
Erklären, Verstehen.
3 Vgl. Babich, Zu Nietzsches Stil.
6 Vorrede Vorrede 7

Schreiben hervorzuheben. Die concinnitas Nietzsches ist das Stilmittel Kapitel 2.  Wissenschaft als Interpretation
eines Komponisten oder – um es zwar nicht eleganter, aber einfach sugge-
stiver auszudrücken – der Stil eines Dirigenten. Denn so wie ein Dirigent Unterwegs zu einer Nietzscheanischen Kritik der Wissenschaft
leitet und führt Nietzsches Stil die Textlektüre des Lesers.4
In solcher Art eines dirigierenden, führenden oder den Leser stilisie- Das zweite Kapitel, welches mit der eigentlichen und konzentrierten Dis-
renden Stils hat die concinnitas auch eine metaphorische Bedeutung, die kussion der Philosophie der Wissenschaft bei Nietzsche beginnt, versucht
in den Bereich der Architektur verweist. Sie bezeichnet den wohlgeord- die fundamentale Frage nach Nietzsches Relevanz für die Wissenschafts-
neten und klaren, gut-passenden Entwurf. Die concinnitas erfordert, dass theorie aufzuwerfen – im Nachhall des Scheiterns des Positivismus, der von
der Leser, wie der Sänger in einem Chor, selber ein Teil von Nietzsches der Wissenschaft übernommenen Sicht, des Fehlens einer klaren Identität
widerhallendem musikalischen Unternehmen wird. Eine solche Anforde- und des Projekts der Moderne als solchem, soweit diese Probleme die Wis-
rung, die Nietzsches spezieller Stil der philosophischen Komposition dem senschaftstheorie angehen. Wo fügt Nietzsche sich ein? Wenn man von
Leser auferlegt, kann nur durch die dem Leser eigene interpretatorische Nietzsches Wissenschaftstheorie spricht, so ist der damit berührte Aspekt
Affinität beantwortet werden, obwohl es eben so zutrifft, dass dieser Stil vielleicht, aber nicht notwendigerweise, von Interesse für Nietzsche-For-
eben diese Affinität auch selbst zeigt und dadurch als Resonanz hervor- scher und für Spezialisten. Und von der Relevanz von Nietzsches Denken
ruft. Nietzsches Zarathustra meint dies und kann nichts anderes meinen, für die Wissenschaftstheorie zu sprechen, ist noch einmal etwas ganz ande-
wenn er seine Gefolgsleute/Leser einlädt, ihren eigenen Weg zu finden. res. Vielleicht könnte man behaupten, wie ich es schon nahegelegt habe, dass
Die hermeneutische Musik der concinnitas erinnert an Nietzsches eigene die Wissenschaftstheorie in ihrer derzeitigen analytischen Ausdrucksform
Beschreibung seines Schreibens als einer musikalischen Komposition und eine Erweiterung um die sogenannten kontinental-europäischen Stile der
an seinen Sinn dafür, dass er für die Ohren schreibt, in der Erwartung Philosophie erfahren müsste. Wobei allerdings, selbst wenn dieser Forde-
musikalisch gestimmter Leser. In diesem Sinne könnte man sagen, dass rung zugestimmt würde, dass eine traditionell analytische Disziplin wie
eine Lektüre, die Nietzsches Text gerecht wird, zumindest wie Nietzsche die Wissenschaftstheorie den sie verbreiternden Zufluss von verschiedenen
selbst es sah, eine respondierende oder wiedertönende Lektüre sein soll.5 kontinental-europäischen Strömungen nötig hätte, etwa von Phänomenolo-
Und dies wiederum bedeutet, dass nicht nur Nietzsches Text – wie er vom gie oder Hermeneutik, man nichtsdestoweniger noch nicht bereit wäre, die
Geist seines ersten Buches sagt – singen und eben nicht sprechen sollte, Relevanz einer „perspektivischen Ästhetik der Wahrheit“ zuzugeben – und
sondern dass auch der Leser in dieser musikalischen Weise aufgerufen ist, noch viel weniger die einer „hermeneutischen Ästhetik der Wissenschaft“.
einzustimmen in die phänomenologische Interpretation oder die selbst- Doch erst die letztere ist es, die die Nietzschesche Herangehensweise an
dekonstruktive Ausdrucksweise des sich entfaltenden Textes. die Wissenschaftstheorie ausmacht.
Eine eigentlich Nietzschesche und nicht eine „schockierende“ oder
konventionell perspektivistische Herangehensweise an die Wissenschafts-
theorie überträfe alle anderen Zugänge. Dies ist auch dann wahr, wenn
wir die Vorzüge einer kontinental-europäischen Artikulation der Wissen-
schaftstheorie im voraus annehmen6 und damit den Anstrengungen von
4 Siehe weiter noch, Babich, Hören und Lesen, Musik und Wissenschaft.
5 Siehe dazu, Hödl, Die Stile Nietzsches und der Stil der Interpretation in ders., Der
letzte Jünger des Philosophen Dionysos, S. 10–16. 6 Siehe weiter, Babich, Continental Philosophy of Science.
6 Vorrede Vorrede 7

Schreiben hervorzuheben. Die concinnitas Nietzsches ist das Stilmittel Kapitel 2.  Wissenschaft als Interpretation
eines Komponisten oder – um es zwar nicht eleganter, aber einfach sugge-
stiver auszudrücken – der Stil eines Dirigenten. Denn so wie ein Dirigent Unterwegs zu einer Nietzscheanischen Kritik der Wissenschaft
leitet und führt Nietzsches Stil die Textlektüre des Lesers.4
In solcher Art eines dirigierenden, führenden oder den Leser stilisie- Das zweite Kapitel, welches mit der eigentlichen und konzentrierten Dis-
renden Stils hat die concinnitas auch eine metaphorische Bedeutung, die kussion der Philosophie der Wissenschaft bei Nietzsche beginnt, versucht
in den Bereich der Architektur verweist. Sie bezeichnet den wohlgeord- die fundamentale Frage nach Nietzsches Relevanz für die Wissenschafts-
neten und klaren, gut-passenden Entwurf. Die concinnitas erfordert, dass theorie aufzuwerfen – im Nachhall des Scheiterns des Positivismus, der von
der Leser, wie der Sänger in einem Chor, selber ein Teil von Nietzsches der Wissenschaft übernommenen Sicht, des Fehlens einer klaren Identität
widerhallendem musikalischen Unternehmen wird. Eine solche Anforde- und des Projekts der Moderne als solchem, soweit diese Probleme die Wis-
rung, die Nietzsches spezieller Stil der philosophischen Komposition dem senschaftstheorie angehen. Wo fügt Nietzsche sich ein? Wenn man von
Leser auferlegt, kann nur durch die dem Leser eigene interpretatorische Nietzsches Wissenschaftstheorie spricht, so ist der damit berührte Aspekt
Affinität beantwortet werden, obwohl es eben so zutrifft, dass dieser Stil vielleicht, aber nicht notwendigerweise, von Interesse für Nietzsche-For-
eben diese Affinität auch selbst zeigt und dadurch als Resonanz hervor- scher und für Spezialisten. Und von der Relevanz von Nietzsches Denken
ruft. Nietzsches Zarathustra meint dies und kann nichts anderes meinen, für die Wissenschaftstheorie zu sprechen, ist noch einmal etwas ganz ande-
wenn er seine Gefolgsleute/Leser einlädt, ihren eigenen Weg zu finden. res. Vielleicht könnte man behaupten, wie ich es schon nahegelegt habe, dass
Die hermeneutische Musik der concinnitas erinnert an Nietzsches eigene die Wissenschaftstheorie in ihrer derzeitigen analytischen Ausdrucksform
Beschreibung seines Schreibens als einer musikalischen Komposition und eine Erweiterung um die sogenannten kontinental-europäischen Stile der
an seinen Sinn dafür, dass er für die Ohren schreibt, in der Erwartung Philosophie erfahren müsste. Wobei allerdings, selbst wenn dieser Forde-
musikalisch gestimmter Leser. In diesem Sinne könnte man sagen, dass rung zugestimmt würde, dass eine traditionell analytische Disziplin wie
eine Lektüre, die Nietzsches Text gerecht wird, zumindest wie Nietzsche die Wissenschaftstheorie den sie verbreiternden Zufluss von verschiedenen
selbst es sah, eine respondierende oder wiedertönende Lektüre sein soll.5 kontinental-europäischen Strömungen nötig hätte, etwa von Phänomenolo-
Und dies wiederum bedeutet, dass nicht nur Nietzsches Text – wie er vom gie oder Hermeneutik, man nichtsdestoweniger noch nicht bereit wäre, die
Geist seines ersten Buches sagt – singen und eben nicht sprechen sollte, Relevanz einer „perspektivischen Ästhetik der Wahrheit“ zuzugeben – und
sondern dass auch der Leser in dieser musikalischen Weise aufgerufen ist, noch viel weniger die einer „hermeneutischen Ästhetik der Wissenschaft“.
einzustimmen in die phänomenologische Interpretation oder die selbst- Doch erst die letztere ist es, die die Nietzschesche Herangehensweise an
dekonstruktive Ausdrucksweise des sich entfaltenden Textes. die Wissenschaftstheorie ausmacht.
Eine eigentlich Nietzschesche und nicht eine „schockierende“ oder
konventionell perspektivistische Herangehensweise an die Wissenschafts-
theorie überträfe alle anderen Zugänge. Dies ist auch dann wahr, wenn
wir die Vorzüge einer kontinental-europäischen Artikulation der Wissen-
schaftstheorie im voraus annehmen6 und damit den Anstrengungen von
4 Siehe weiter noch, Babich, Hören und Lesen, Musik und Wissenschaft.
5 Siehe dazu, Hödl, Die Stile Nietzsches und der Stil der Interpretation in ders., Der
letzte Jünger des Philosophen Dionysos, S. 10–16. 6 Siehe weiter, Babich, Continental Philosophy of Science.
8 Vorrede Vorrede 9

Patrick Heelan, Joseph Kockelmanns und Theodore Kisiel im Blick auf ein Kapitel 3.  Über die ökophysiologische Grundlegung des Wissens
solches Unternehmen folgen,7 oder, wenngleich in einer abweichenden,
noch analytischen Weise, Ian Hacking, der sich tatsächlich namentlich Nietzsches Physio-Ökologie
auf Nietzsche bezieht, – obwohl sich sein ausdrücklicher Bezug eher auf
Foucault richtet.8 Das dritte Kapitel diskutiert Nietzsches Epistemologie als eine physio-
Mit dem Perspektivismus eröffnet Nietzsche dem Wissen einen unend- ökologische Theorie, das heißt als ein Produkt von Leib und Welt. Wissen
lichen Bereich, aber ein solcher Perspektivismus eröffnet den Wissens- muss für Nietzsche in Begriffen seiner organischen Bedürftigkeit gedacht
Suchenden keine infinite, keine sichere Methode und keine Wahrheit. Um werden, also letztlich von seinem leiblichen Ursprung her. In dieser öko-
diese Behauptung zu erläutern, ist es wichtig, den Unterschied zwischen physiologischen Konzeption bezieht sich das interpretatorische Ereignis des
Perspektivismus und Relativismus zu entwickeln.9 Wissens auf die Konstitution der physiologischen Perspektive, welche die
Ich kontrastiere den experimentellen Charakter des Perspektivismus Sinneswahrnehmung am Leitfaden der leiblich ‚einverleibten’ Strukturen
mit dem (implizit) absolutistischen Charakter des Relativismus.10 Anders (physische Basis und Orientierung) von Begriffsbildung und Kognition ent-
als der Perspektivismus folgt der größte Teil der heutigen Wissenschafts- hält. Ökologische oder umgebungsabhängige Erfordernisse formen unsere
theorie der Begründungsform der Wissenschaft in der Öffentlichkeit, Wahrnehmungen: dies ist die kritische Fundierung des Perspektivismus.
– die Wissenschaft wird gesehen entsprechend den Spezifikationen des Wenn wir die Welt aus einer (sagen wir einfachheitshalber: unserer eigenen)
Wissenschaftlers oder dem jeweiligen kulturell geprägten Bild der Wis- Perspektive interpretieren, dann zählen die Tatsachen, die für dieses pro-
senschaft. Ich stelle zur Diskussion, ob der gelehrte Falsifikationismus, der jektive Verstehen relevant sind, nur als Tatsachen für uns innerhalb dieser
durch die heutigen Wissenschaftler exemplifiziert und durch die öffentliche Perspektive, und sie verdanken ihr Erscheinen als einzigartige Tatsachen
Konzeption der „Objektivität“ beglaubigt wird, eine prominente Rolle in einzig diesem Fokus. Unsere perspektivische Position überwältigt de facto
der Bewegung hin zum Absolutismus spielt, die gleichermaßen auch den abweichende Perspektiven, solange sie wirksam ist. Diese exklusive Kraft ist
Relativismus charakterisiert. Somit erheben die Wissenschaft und ihre in der westlichen wissenschaftlichen und technischen Weltinterpretation
Theorie durch immer noch akkuratere Approximation den Anspruch auf evident, sie konkretisiert sich in Theorien und Berechnungen, insofern
absolutes Wissen oder auf Wahrheit, entlang eines Umwegs, einer Finte, diese durch Resultate und Effekte erkannt werden können. Für Nietzsche
die die Zielgerichtetheit, welche ihr Projekt eigentlich antreibt, verbirgt. ist diese westliche Hochschätzung kalkulatorischer Effizienz nichts anderes
Wenn die Methode der Wissenschaft noch nicht zur Wahrheit führt, so als eine Illusion, also nichts als eine verdeckende Interpretation. Es sind
affirmiert die Pointe dieses unlauteren „noch“, dass die Wissenschaft auf aber andere, in gleicher Weise oder doch vergleichbar tragfähige Ansätze,
ihrem Weg zu keinem anderen Ziel als eben der Wahrheit ist. also im Ergebnis unterschiedliche Schemata der Interpretation möglich.
Da „Wahrheit“ nach Nietzsche ein Ideal ist, welches „alle Wirklichkei-
ten“ umfasst und nicht einfach das, was eine bevorrechtigte Perspektive
7 Siehe hier die entsprechenden Beiträge in: Babich, Hg., Hermeneutic Philosophy für wirklich hält, kann Wahrheit weder nur aus einer interpretatorischen
of Science, Van Gogh’s Eyes, and God sowie Kockelmans, Ideas for a Hermeneutic Perspektive herrühren noch in ihr ausgedrückt werden. Der Mythos des
Phenomenology of the Natural Sciences und Ginev, The Context of Constitution.
Objektiven ist der Mythos der Annahme, dass die eigene Ausgangsperspek-
8 Siehe: Hacking, The Taming of Chance.
9 Siehe dazu die Beiträge in: Gebhard, Hg., Friedrich Nietzsche. Perspektivität und tive universell oder unbegrenzt ist, und diese exklusive Annahme ist ein
Tiefe sowie Gerhardt und Herold, Hg., Perspektiven des Perspektivismus. auszeichnendes Charakteristikum der Illusion der Wahrheit. Für Nietzsche
10 Vgl. Simon, Philosophie des Zeichens, S. 135. kann Wahrheit kein Konstrukt einer einzigen Perspektive sein, und das
8 Vorrede Vorrede 9

Patrick Heelan, Joseph Kockelmanns und Theodore Kisiel im Blick auf ein Kapitel 3.  Über die ökophysiologische Grundlegung des Wissens
solches Unternehmen folgen,7 oder, wenngleich in einer abweichenden,
noch analytischen Weise, Ian Hacking, der sich tatsächlich namentlich Nietzsches Physio-Ökologie
auf Nietzsche bezieht, – obwohl sich sein ausdrücklicher Bezug eher auf
Foucault richtet.8 Das dritte Kapitel diskutiert Nietzsches Epistemologie als eine physio-
Mit dem Perspektivismus eröffnet Nietzsche dem Wissen einen unend- ökologische Theorie, das heißt als ein Produkt von Leib und Welt. Wissen
lichen Bereich, aber ein solcher Perspektivismus eröffnet den Wissens- muss für Nietzsche in Begriffen seiner organischen Bedürftigkeit gedacht
Suchenden keine infinite, keine sichere Methode und keine Wahrheit. Um werden, also letztlich von seinem leiblichen Ursprung her. In dieser öko-
diese Behauptung zu erläutern, ist es wichtig, den Unterschied zwischen physiologischen Konzeption bezieht sich das interpretatorische Ereignis des
Perspektivismus und Relativismus zu entwickeln.9 Wissens auf die Konstitution der physiologischen Perspektive, welche die
Ich kontrastiere den experimentellen Charakter des Perspektivismus Sinneswahrnehmung am Leitfaden der leiblich ‚einverleibten’ Strukturen
mit dem (implizit) absolutistischen Charakter des Relativismus.10 Anders (physische Basis und Orientierung) von Begriffsbildung und Kognition ent-
als der Perspektivismus folgt der größte Teil der heutigen Wissenschafts- hält. Ökologische oder umgebungsabhängige Erfordernisse formen unsere
theorie der Begründungsform der Wissenschaft in der Öffentlichkeit, Wahrnehmungen: dies ist die kritische Fundierung des Perspektivismus.
– die Wissenschaft wird gesehen entsprechend den Spezifikationen des Wenn wir die Welt aus einer (sagen wir einfachheitshalber: unserer eigenen)
Wissenschaftlers oder dem jeweiligen kulturell geprägten Bild der Wis- Perspektive interpretieren, dann zählen die Tatsachen, die für dieses pro-
senschaft. Ich stelle zur Diskussion, ob der gelehrte Falsifikationismus, der jektive Verstehen relevant sind, nur als Tatsachen für uns innerhalb dieser
durch die heutigen Wissenschaftler exemplifiziert und durch die öffentliche Perspektive, und sie verdanken ihr Erscheinen als einzigartige Tatsachen
Konzeption der „Objektivität“ beglaubigt wird, eine prominente Rolle in einzig diesem Fokus. Unsere perspektivische Position überwältigt de facto
der Bewegung hin zum Absolutismus spielt, die gleichermaßen auch den abweichende Perspektiven, solange sie wirksam ist. Diese exklusive Kraft ist
Relativismus charakterisiert. Somit erheben die Wissenschaft und ihre in der westlichen wissenschaftlichen und technischen Weltinterpretation
Theorie durch immer noch akkuratere Approximation den Anspruch auf evident, sie konkretisiert sich in Theorien und Berechnungen, insofern
absolutes Wissen oder auf Wahrheit, entlang eines Umwegs, einer Finte, diese durch Resultate und Effekte erkannt werden können. Für Nietzsche
die die Zielgerichtetheit, welche ihr Projekt eigentlich antreibt, verbirgt. ist diese westliche Hochschätzung kalkulatorischer Effizienz nichts anderes
Wenn die Methode der Wissenschaft noch nicht zur Wahrheit führt, so als eine Illusion, also nichts als eine verdeckende Interpretation. Es sind
affirmiert die Pointe dieses unlauteren „noch“, dass die Wissenschaft auf aber andere, in gleicher Weise oder doch vergleichbar tragfähige Ansätze,
ihrem Weg zu keinem anderen Ziel als eben der Wahrheit ist. also im Ergebnis unterschiedliche Schemata der Interpretation möglich.
Da „Wahrheit“ nach Nietzsche ein Ideal ist, welches „alle Wirklichkei-
ten“ umfasst und nicht einfach das, was eine bevorrechtigte Perspektive
7 Siehe hier die entsprechenden Beiträge in: Babich, Hg., Hermeneutic Philosophy für wirklich hält, kann Wahrheit weder nur aus einer interpretatorischen
of Science, Van Gogh’s Eyes, and God sowie Kockelmans, Ideas for a Hermeneutic Perspektive herrühren noch in ihr ausgedrückt werden. Der Mythos des
Phenomenology of the Natural Sciences und Ginev, The Context of Constitution.
Objektiven ist der Mythos der Annahme, dass die eigene Ausgangsperspek-
8 Siehe: Hacking, The Taming of Chance.
9 Siehe dazu die Beiträge in: Gebhard, Hg., Friedrich Nietzsche. Perspektivität und tive universell oder unbegrenzt ist, und diese exklusive Annahme ist ein
Tiefe sowie Gerhardt und Herold, Hg., Perspektiven des Perspektivismus. auszeichnendes Charakteristikum der Illusion der Wahrheit. Für Nietzsche
10 Vgl. Simon, Philosophie des Zeichens, S. 135. kann Wahrheit kein Konstrukt einer einzigen Perspektive sein, und das
10 Vorrede Vorrede 11

bedeutet, dass in ihrer nicht univoken Fülle die Wahrheit die mehrdeuti- etwa das selektive Ideal wissenschaftlicher Präzision durch Leugnung
gen und die ambivalenten Dimensionen dessen, was wirklich und weder jeglicher relevanter Mehrdeutigkeit erlangt wird. Ambiguität wirkt dann
abstrakt noch ideal ist, enthält. Was wir in westlicher Perspektive (faktisch als ausschließende Begrenzung der wissenschaftlichen Präzision. Wie dem
oder potentiell wahres) Wissen nennen, drückt für Nietzsche nichts ande- auch sei, die ausgeschlossenen „irrelevanten Abweichungen“ oder „kleinen
res aus als unsere eigene perspektivische Lebensposition, ob diese nun als Fehler“ zwischen Berechnung und Messung (z.B. die Struktur gebenden
solche eingestanden wird oder nicht. Daraus aber ergibt sich, dass dieser Erkenntnisinteressen von Tradition und Wissenschaft) bleiben als Teil der
interpretatorische Fokus, falls er exklusiven Charakter hat (was, in seinen Welt jenseits der wissenschaftlichen Domäne. Wir werden sehen, dass eine
höchsten Graden eben das westliche Wissensideal sein wollte), sich dann in dieser Weise skizzierte Beschäftigung mit diesen kleinen Fehlern und
als eine Fälschung – oder eine Lüge erweist. den Begrenzungen der wissenschaftlichen Souveränität insgesamt jenen
Doch ist, entgegen der traditionellen Interpretation, so wie sie auch in Charakterzug ausmacht, den man als Nietzsches Hyperrealismus ansehen
der Heideggerschen Lesart erscheint, Nietzsches philosophisches Interesse könnte. Eine weitere Diskussion von Heideggers Deutung des Willens
gegenüber der Wissenschaft, der Kunst, dem Leben, also Nietzsches „Wille zur Macht und der Beherrschung der Erde in Verbindung mit der Frage
zur Macht“, nicht auf die Beherrschung der Erde gerichtet. Um wirksam der Technik und seiner Auslegung der ewigen Wiederkehr wird sich im
zu sein – und was ist Herrschaft anderes als Wirksamkeit als solche? – letzten Kapitel ergeben.
müsste ein solches Ziel auf den antiästhetischen Berechnungsmodellen
neuzeitlicher traditioneller Wissenschaft und der zentralen Annahme
beruhen, dass es ausreichende, messbare Wahrheiten oder notwendig vor- Kapitel 4.  Unter der Optik von Kunst und Leben: Nietzsche und die
auszusetzende Axiome gibt.11 Wenn Nietzsche diese Wahrheiten (Axiome Wissenschaften
oder Tatsachen) als „Illusionen“ bezeichnet, so will er keinesfalls ihren
Wirksamkeitsanspruch bestreiten. Seine Behauptung ist einzig, dass alles Nietzsches Ökophysiologie oder Zufall, Tanz, und die Chemie der
Seiende Interpretation ist oder Wille zur Macht. Indem Nietzsche in Wahrnehmungen
dieser Weise Interpretation als Wille zur Macht versteht, will er sagen,
dass interpretatorische Konstellationen Ereignisse sind, die die Welt Im vierten Kapitel untersuche ich Nietzsches Konzeption des Objekts von
entsprechend einem originären Interesse oder einer Macht-Perspektive Wissenschaft und seine Einschätzung der Kunst und der Wissenschaft
strukturieren. Dieses strukturierende Interesse einer Macht-Perspektive als Formen der Illusion: dies zeigt sich, indem er sie als bewusste und die
gibt nicht einer passiven Sichtweise Ausdruck, sondern einem selektiven Wissenschaft als sich selbst verborgene Illusion bestimmt. Die Perspek-
Prozess; innerhalb ihres spezifischen interpretatorischen Bereichs ist eine tive der berechnenden Effizienz erfordert ein auf Erhaltung gerichtetes
Macht-Perspektive unbedingt souverän. Indem sie diese Souveränität Verhältnis dem Leben gegenüber, das wiederum Wechsel, Wachstum,
durchsetzt, ist die selektive Fiktion, die die Wirksamkeit einer Macht- Tod und Ambiguität leugnen muss. Die Beherrschung der Natur verlangt
Perspektive konstituiert, umgekehrt begrenzt durch ihre interpretato- nach einem Objekt, und dieses Objekt muss fixiert (als real vergegenwär-
rische Funktion (und Kraft). So zum Beispiel in negativer Weise, wenn tigt oder vorgestellt) sein. Nietzsches Konzeption eines ursprünglichen
und persistierenden dynamischen Chaos (welches die Wirklichkeit ist)
bestimmt die Natur (die Welt) als Willen zur Macht in alle Ewigkeit –
11 Vgl. wieder Simon, Philosophie des Zeichens, hier S. 144. Siehe, weiter noch, Babich,
Heideggers Wille zur Macht.
10 Vorrede Vorrede 11

bedeutet, dass in ihrer nicht univoken Fülle die Wahrheit die mehrdeuti- etwa das selektive Ideal wissenschaftlicher Präzision durch Leugnung
gen und die ambivalenten Dimensionen dessen, was wirklich und weder jeglicher relevanter Mehrdeutigkeit erlangt wird. Ambiguität wirkt dann
abstrakt noch ideal ist, enthält. Was wir in westlicher Perspektive (faktisch als ausschließende Begrenzung der wissenschaftlichen Präzision. Wie dem
oder potentiell wahres) Wissen nennen, drückt für Nietzsche nichts ande- auch sei, die ausgeschlossenen „irrelevanten Abweichungen“ oder „kleinen
res aus als unsere eigene perspektivische Lebensposition, ob diese nun als Fehler“ zwischen Berechnung und Messung (z.B. die Struktur gebenden
solche eingestanden wird oder nicht. Daraus aber ergibt sich, dass dieser Erkenntnisinteressen von Tradition und Wissenschaft) bleiben als Teil der
interpretatorische Fokus, falls er exklusiven Charakter hat (was, in seinen Welt jenseits der wissenschaftlichen Domäne. Wir werden sehen, dass eine
höchsten Graden eben das westliche Wissensideal sein wollte), sich dann in dieser Weise skizzierte Beschäftigung mit diesen kleinen Fehlern und
als eine Fälschung – oder eine Lüge erweist. den Begrenzungen der wissenschaftlichen Souveränität insgesamt jenen
Doch ist, entgegen der traditionellen Interpretation, so wie sie auch in Charakterzug ausmacht, den man als Nietzsches Hyperrealismus ansehen
der Heideggerschen Lesart erscheint, Nietzsches philosophisches Interesse könnte. Eine weitere Diskussion von Heideggers Deutung des Willens
gegenüber der Wissenschaft, der Kunst, dem Leben, also Nietzsches „Wille zur Macht und der Beherrschung der Erde in Verbindung mit der Frage
zur Macht“, nicht auf die Beherrschung der Erde gerichtet. Um wirksam der Technik und seiner Auslegung der ewigen Wiederkehr wird sich im
zu sein – und was ist Herrschaft anderes als Wirksamkeit als solche? – letzten Kapitel ergeben.
müsste ein solches Ziel auf den antiästhetischen Berechnungsmodellen
neuzeitlicher traditioneller Wissenschaft und der zentralen Annahme
beruhen, dass es ausreichende, messbare Wahrheiten oder notwendig vor- Kapitel 4.  Unter der Optik von Kunst und Leben: Nietzsche und die
auszusetzende Axiome gibt.11 Wenn Nietzsche diese Wahrheiten (Axiome Wissenschaften
oder Tatsachen) als „Illusionen“ bezeichnet, so will er keinesfalls ihren
Wirksamkeitsanspruch bestreiten. Seine Behauptung ist einzig, dass alles Nietzsches Ökophysiologie oder Zufall, Tanz, und die Chemie der
Seiende Interpretation ist oder Wille zur Macht. Indem Nietzsche in Wahrnehmungen
dieser Weise Interpretation als Wille zur Macht versteht, will er sagen,
dass interpretatorische Konstellationen Ereignisse sind, die die Welt Im vierten Kapitel untersuche ich Nietzsches Konzeption des Objekts von
entsprechend einem originären Interesse oder einer Macht-Perspektive Wissenschaft und seine Einschätzung der Kunst und der Wissenschaft
strukturieren. Dieses strukturierende Interesse einer Macht-Perspektive als Formen der Illusion: dies zeigt sich, indem er sie als bewusste und die
gibt nicht einer passiven Sichtweise Ausdruck, sondern einem selektiven Wissenschaft als sich selbst verborgene Illusion bestimmt. Die Perspek-
Prozess; innerhalb ihres spezifischen interpretatorischen Bereichs ist eine tive der berechnenden Effizienz erfordert ein auf Erhaltung gerichtetes
Macht-Perspektive unbedingt souverän. Indem sie diese Souveränität Verhältnis dem Leben gegenüber, das wiederum Wechsel, Wachstum,
durchsetzt, ist die selektive Fiktion, die die Wirksamkeit einer Macht- Tod und Ambiguität leugnen muss. Die Beherrschung der Natur verlangt
Perspektive konstituiert, umgekehrt begrenzt durch ihre interpretato- nach einem Objekt, und dieses Objekt muss fixiert (als real vergegenwär-
rische Funktion (und Kraft). So zum Beispiel in negativer Weise, wenn tigt oder vorgestellt) sein. Nietzsches Konzeption eines ursprünglichen
und persistierenden dynamischen Chaos (welches die Wirklichkeit ist)
bestimmt die Natur (die Welt) als Willen zur Macht in alle Ewigkeit –
11 Vgl. wieder Simon, Philosophie des Zeichens, hier S. 144. Siehe, weiter noch, Babich,
Heideggers Wille zur Macht.
12 Vorrede Vorrede 13

und nichts außerdem.12 Für Nietzsche kann diese Welt-Natur die Wirk- eigenen Standard als universell verbindlich darstellt. Dieses gegenreaktive
samkeit der subjektiven oder interpretativen Wahrnehmung und die Projekt ist im wesentlichen konservativ und folglich (in einem demokra-
Möglichkeit der wissenschaftlichen Techniken in ihrer gleichen Effizienz tischen Sinne) letztlich sozial wirksam. Ich verwende Termini aus dem
erklären. Das interaktive, wechselseitige Wesen der Interpretation legt Griechischen, die die Polarisierung der gewöhnlichen (vulgären) und der
es nahe, dass, so wie die Wissenschaft die Welt als Forschungsgegen- edlen (elitären) Entgegensetzung von rauer, mechanisch-brutaler Neuerung
stand strukturiert, sich ebenso auch das antwortende Feld ausbildet. 13 und kreativem, artistischem Ausdruck benennen, nämlich die klassische
Diese Strukturierung funktioniert rückwärts genauso gut wie vorwärts griechische Opposition von βαναυσία und τέχνη, – um den Unterschied,
gerichtet und absorbiert den Wissenschaftler durch den verfestigenden zwischen der heutigen reaktiven, antiästhetischen Wissenschaft und ihrer
Rückstoß, indem er selbst der eigenen statischen Wahrheit folgt. Das Technologie und dem, was man als eine ästhetische wissenschaftliche und
nihilistische oder lebenserhaltende (aber gegen das Leben gerichtete) vielleicht sogar technologische Möglichkeit in Übereinstimmung mit dem
Interesse der Wissenschaft ist selbst-perpetuierend und wirkt aus sich perspektivischen Wesen der Wahrheit begreifen könnte, zu erklären. Aber
heraus vorwärtsdrängend. Folglich ist die wissenschaftliche Illusion qua um der Kunst jenseits solcher Artistik willen, jenseits des Kunsthandwer-
Illusion nicht das eigentliche Problem für Nietzsche. Es ist die Insistenz kertums, jenseits Nietzsches, muss man auf Heideggers Lied von der Erde
der Wissenschaft, die absolute Wahrheit (und sei es nur potentiell) zu und vielleicht noch vor Nietzsche auf Hölderlin hören, um zu vernehmen,
haben, die Schwierigkeiten verursacht. Dies ist der Grund, weshalb es wie die Dichter das Kommen der Götter besingen.14 Ich führe dieses Thema
nach Nietzsche der Wissenschaft in der westlichen Gesellschaft an ästhe- nicht vollständig aus, sondern skizziere es nur, um vorzuschlagen, Nietz-
tischer Kultur oder Stil mangelt. sches Frage, ob wir denn die Ohren haben für einen solchen Gesang, auf
diese Weise zu instrumentieren.
Selbst wenn die Wissenschaft ihre Kontinuität mit der Religion nicht
Kapitel 5.  Nietzsches Genealogie der Wissenschaft zugibt, formiert sie als der asketische Geist in einer anderen, fortgeschrit-
tenen und wirksameren Gestalt tatsächlich dieselbe Absicht: einen Willen
Die Genealogie der Moral und der Wert der Wissenschaft zur Wahrheit, zu verstehen als Wille zur kompensatorischen Erhaltung von
auch noch unbedeutendstem (menschlichem) Leben. Der perennierende
In Kapitel 5 diskutiere ich Nietzsches Entwurf der moralischen Grundle- Kern von Nietzsches Kritik des leben-erhaltenden Willens oder Impulses
gung oder Genealogie der Wissenschaft als der letzte Äußerung des asketi- liegt darin, dass das Leben, als solches affirmiert, nicht erhalten werden
schen Ideals der jüdisch-christlichen Kultur. Dieses asketische Ideal ist die kann. Leben kann nur als gelebtes bejaht werden. Da Leben Verlust nach
Art und Weise, in der ein reaktiver bzw. schwacher Wille zur Macht über sich zieht, opponiert der Erhaltungstrieb dem Leben. Wie immer erfolg-
die geltende Ordnungsstruktur hinaus kreativ werden kann, indem er den reich, wie immer effizient die Wissenschaft auch sein mag, ihr letztendliches
Ziel, die Erhaltung des Lebens, ist nicht einfach nur flüchtig, sondern streng
genommen unerreichbar. Nietzsches Kritik gilt nicht einfach dem Scho-
12 Siehe auch noch Babich, Nietzsches Chaos sive natura. penhauerischen oder bloß literarischen Gedanken, dass Lebenserhaltung
13 Vgl. dazu die Richtung “performance practice”, zu Nietzsche (und Tanz), Mascha,
FlowDance und Nietzsches »Große Vernunft« des Leibes. Noch dazu, Bracht,
Nietzsches Theorie der Lyrik und das Orchesterlied sowie Liébert, Nietzsche et la
Musique aber und vielleicht vor allem Janz, Friedrich Nietzsche. Siehe als Anfang für 14 Siehe weiter, Babich, Von Pindar und Hölderlin zu Nietzsche und Heidegger in
weitere Recherchen, Babich, Nietzsche and Music. »Eines Gottes Glück, voller Macht und Liebe«, S. 108–145.
12 Vorrede Vorrede 13

und nichts außerdem.12 Für Nietzsche kann diese Welt-Natur die Wirk- eigenen Standard als universell verbindlich darstellt. Dieses gegenreaktive
samkeit der subjektiven oder interpretativen Wahrnehmung und die Projekt ist im wesentlichen konservativ und folglich (in einem demokra-
Möglichkeit der wissenschaftlichen Techniken in ihrer gleichen Effizienz tischen Sinne) letztlich sozial wirksam. Ich verwende Termini aus dem
erklären. Das interaktive, wechselseitige Wesen der Interpretation legt Griechischen, die die Polarisierung der gewöhnlichen (vulgären) und der
es nahe, dass, so wie die Wissenschaft die Welt als Forschungsgegen- edlen (elitären) Entgegensetzung von rauer, mechanisch-brutaler Neuerung
stand strukturiert, sich ebenso auch das antwortende Feld ausbildet. 13 und kreativem, artistischem Ausdruck benennen, nämlich die klassische
Diese Strukturierung funktioniert rückwärts genauso gut wie vorwärts griechische Opposition von βαναυσία und τέχνη, – um den Unterschied,
gerichtet und absorbiert den Wissenschaftler durch den verfestigenden zwischen der heutigen reaktiven, antiästhetischen Wissenschaft und ihrer
Rückstoß, indem er selbst der eigenen statischen Wahrheit folgt. Das Technologie und dem, was man als eine ästhetische wissenschaftliche und
nihilistische oder lebenserhaltende (aber gegen das Leben gerichtete) vielleicht sogar technologische Möglichkeit in Übereinstimmung mit dem
Interesse der Wissenschaft ist selbst-perpetuierend und wirkt aus sich perspektivischen Wesen der Wahrheit begreifen könnte, zu erklären. Aber
heraus vorwärtsdrängend. Folglich ist die wissenschaftliche Illusion qua um der Kunst jenseits solcher Artistik willen, jenseits des Kunsthandwer-
Illusion nicht das eigentliche Problem für Nietzsche. Es ist die Insistenz kertums, jenseits Nietzsches, muss man auf Heideggers Lied von der Erde
der Wissenschaft, die absolute Wahrheit (und sei es nur potentiell) zu und vielleicht noch vor Nietzsche auf Hölderlin hören, um zu vernehmen,
haben, die Schwierigkeiten verursacht. Dies ist der Grund, weshalb es wie die Dichter das Kommen der Götter besingen.14 Ich führe dieses Thema
nach Nietzsche der Wissenschaft in der westlichen Gesellschaft an ästhe- nicht vollständig aus, sondern skizziere es nur, um vorzuschlagen, Nietz-
tischer Kultur oder Stil mangelt. sches Frage, ob wir denn die Ohren haben für einen solchen Gesang, auf
diese Weise zu instrumentieren.
Selbst wenn die Wissenschaft ihre Kontinuität mit der Religion nicht
Kapitel 5.  Nietzsches Genealogie der Wissenschaft zugibt, formiert sie als der asketische Geist in einer anderen, fortgeschrit-
tenen und wirksameren Gestalt tatsächlich dieselbe Absicht: einen Willen
Die Genealogie der Moral und der Wert der Wissenschaft zur Wahrheit, zu verstehen als Wille zur kompensatorischen Erhaltung von
auch noch unbedeutendstem (menschlichem) Leben. Der perennierende
In Kapitel 5 diskutiere ich Nietzsches Entwurf der moralischen Grundle- Kern von Nietzsches Kritik des leben-erhaltenden Willens oder Impulses
gung oder Genealogie der Wissenschaft als der letzte Äußerung des asketi- liegt darin, dass das Leben, als solches affirmiert, nicht erhalten werden
schen Ideals der jüdisch-christlichen Kultur. Dieses asketische Ideal ist die kann. Leben kann nur als gelebtes bejaht werden. Da Leben Verlust nach
Art und Weise, in der ein reaktiver bzw. schwacher Wille zur Macht über sich zieht, opponiert der Erhaltungstrieb dem Leben. Wie immer erfolg-
die geltende Ordnungsstruktur hinaus kreativ werden kann, indem er den reich, wie immer effizient die Wissenschaft auch sein mag, ihr letztendliches
Ziel, die Erhaltung des Lebens, ist nicht einfach nur flüchtig, sondern streng
genommen unerreichbar. Nietzsches Kritik gilt nicht einfach dem Scho-
12 Siehe auch noch Babich, Nietzsches Chaos sive natura. penhauerischen oder bloß literarischen Gedanken, dass Lebenserhaltung
13 Vgl. dazu die Richtung “performance practice”, zu Nietzsche (und Tanz), Mascha,
FlowDance und Nietzsches »Große Vernunft« des Leibes. Noch dazu, Bracht,
Nietzsches Theorie der Lyrik und das Orchesterlied sowie Liébert, Nietzsche et la
Musique aber und vielleicht vor allem Janz, Friedrich Nietzsche. Siehe als Anfang für 14 Siehe weiter, Babich, Von Pindar und Hölderlin zu Nietzsche und Heidegger in
weitere Recherchen, Babich, Nietzsche and Music. »Eines Gottes Glück, voller Macht und Liebe«, S. 108–145.
14 Vorrede Vorrede 15

bestenfalls ein temporärer Erfolg ist, oder dass Gott oder ein anderes Telos werden. So manifestiert eine reaktive Kraft die Bedürftigkeit der Begierde,
jegliche Lösung des Rätsels des Lebens verhindert. Vielmehr schließt eben die Artikulation von etwas, das fehlt, während eine aktive Kraft die Viel-
das bloß gelebte Leben den Ausdruck des Lebens in sich, was sagen will, fältigkeit der Begierde manifestiert – selbst als Anerkennung dessen, was
dass dies, das Leben zu leben, das Leben kostet. Zu leben, heißt sich ein- unausweichlich fehlt. Dort, wo das Überleben den äußersten Wert darstellt,
schiffen auf dem kontinuierlichen Fluss von Leben und Tod. Das Leben wird das verschwenderische, niedergehende Momentum des Lebens (das
zu leben ist am Ende so etwas wie Verschwendung, wie Selbstentäußerung Werden) gegenüber dem Leben selbst eher als schädlich denn als essentiell
als gelebtes Leben. interpretiert werden. Da Schwäche der Unterstützung bedarf, um erhalten
Diese ausdrucksvolle verschwenderische Emphase repräsentiert sich und gefördert zu werden, stellt das banale mechanische Ideal diese Unter-
in Nietzsches Wendung amor fati, und ist – dies ist wichtig zu bemerken stützung zur Verfügung als seine Praxis und als sein Instrument. Folglich
– nicht dasselbe wie amor vitae. Wie Hölderlin sucht Nietzsche nach der arbeitet die erhaltende Perspektive auf Kosten der Wahrheit des Lebens –
Musik, die „die Traurigkeit der tiefsten Freude“ ausdrückt.15 Das Leben, die und das Leben ist inhärent ambivalent, denn der Tod, das angenommene
Verführerin, die Unersättliche – soll nicht geliebt werden, nicht weil das Gegenteil des Lebens, steht nicht in Gegnerschaft oder Fremdheit zum
Leben nicht geliebt werden könnte, sondern weil das Leben zu lieben dem Leben, sondern ist eine polarisierende, sich kontinuierende Manifestation
Ausdruck des Lebens keine Verehrung zuteil werden lässt. Der Impuls, das des Lebens selbst.
Leben zu lieben, versucht zu besitzen, bei sich zu bewahren, das Leben im
Griff zu behalten. Als Existenz aufgefasst ist das Leben, in einem von Zara-
thustras anziehend prägnanten (und abstoßenden) Bildern, eine Schlange, Kapitel 6.  Eine perspektivische Ästhetik der Wahrheit
deren goldgestreifter Unterleib im aufblitzenden Moment des Werdens
hinweggleitet. Was geliebt werden soll, ist nicht der Traum oder die Meta- Eine perspektivistische Wissenschaftstheorie
pher eines Lebens in Ewigkeit, sondern Leben wie es ist, Leben einfach als
Schicksal, eben als Ganzes. Daher ist die ewige Wiederkehr des Lebens die Das sechste Kapitel nimmt die Frage nach einer perspektivistischen Ästhetik
Ewigkeit: in eins das, was gewesen ist, was ist, was sein wird. der Wahrheit auf; dabei beginnt es mit einer Behandlung der Implikatio-
Bis jetzt stand der Wissenschaft das ästhetische Ideal des sich äußern- nen des Perspektivismus für die Wissenschaftstheorie und der Affirmation
den Lebens entgegen, denn dieses erfordert eine Weggabe oder Verschwen- der Wirklichkeit in ihrem multivarianten Charakter und ihren multiplen
dung des Lebens. Ein auf Erhaltung gerichteter Lebensfokus führt zu einer Wahrheiten, aber auch des „ungezogenen“ dekonstruktiven Ideals der
Bifurkation von konservierendem und expressivem Leben und unterdrückt Wahrheit als einer Frau. Der wissenschaftliche Wert des Willens zur Macht
seinen Ausdruck soweit nur irgend möglich. Das Wort „Unterdrückung“ fungiert als effektive Erhaltungshypothese, die den Primat der Perspektive
zeigt die Bedeutsamkeit einer psychoanalytischen Ökonomik von Lebens- als einer erkenntnistheoretischen Determinante der Wirklichkeit (oder
Oberflächen und Lebens-Tiefen in meiner Lektüre Nietzsches an. In der dessen, was als Wirklichkeit sollte gelten können) bejaht. Der Wille zur
Tat kann die Ausdifferenzierung des Willens zur Macht in einem (spezifisch Macht erhellt die begrenzten Möglichkeiten selbständiger Interpretationen,
oder, besser, teilweise Lacanschen) psychoanalytischen Vokabular erhellt wenn er so verstanden wird, dass er das gegenseitige interaktive Spiel von
Welt interpretierenden, Welt kreierenden Ereignissen charakterisiert. Der
Charakter der Welt erlaubt unendlich viele Interpretationen, ohne diesen
15 Vgl. hier Heideggers hölderlinische Erörterung der Trauer oder Melancholie als mit einem Anwendungsbereich oder einer Garantie zu Hilfe kommen.
Freude in Unterwegs zur Sprache. Zu sagen, dass die Welt Wille zur Macht ist, erhebt auf keiner Stufe den
14 Vorrede Vorrede 15

bestenfalls ein temporärer Erfolg ist, oder dass Gott oder ein anderes Telos werden. So manifestiert eine reaktive Kraft die Bedürftigkeit der Begierde,
jegliche Lösung des Rätsels des Lebens verhindert. Vielmehr schließt eben die Artikulation von etwas, das fehlt, während eine aktive Kraft die Viel-
das bloß gelebte Leben den Ausdruck des Lebens in sich, was sagen will, fältigkeit der Begierde manifestiert – selbst als Anerkennung dessen, was
dass dies, das Leben zu leben, das Leben kostet. Zu leben, heißt sich ein- unausweichlich fehlt. Dort, wo das Überleben den äußersten Wert darstellt,
schiffen auf dem kontinuierlichen Fluss von Leben und Tod. Das Leben wird das verschwenderische, niedergehende Momentum des Lebens (das
zu leben ist am Ende so etwas wie Verschwendung, wie Selbstentäußerung Werden) gegenüber dem Leben selbst eher als schädlich denn als essentiell
als gelebtes Leben. interpretiert werden. Da Schwäche der Unterstützung bedarf, um erhalten
Diese ausdrucksvolle verschwenderische Emphase repräsentiert sich und gefördert zu werden, stellt das banale mechanische Ideal diese Unter-
in Nietzsches Wendung amor fati, und ist – dies ist wichtig zu bemerken stützung zur Verfügung als seine Praxis und als sein Instrument. Folglich
– nicht dasselbe wie amor vitae. Wie Hölderlin sucht Nietzsche nach der arbeitet die erhaltende Perspektive auf Kosten der Wahrheit des Lebens –
Musik, die „die Traurigkeit der tiefsten Freude“ ausdrückt.15 Das Leben, die und das Leben ist inhärent ambivalent, denn der Tod, das angenommene
Verführerin, die Unersättliche – soll nicht geliebt werden, nicht weil das Gegenteil des Lebens, steht nicht in Gegnerschaft oder Fremdheit zum
Leben nicht geliebt werden könnte, sondern weil das Leben zu lieben dem Leben, sondern ist eine polarisierende, sich kontinuierende Manifestation
Ausdruck des Lebens keine Verehrung zuteil werden lässt. Der Impuls, das des Lebens selbst.
Leben zu lieben, versucht zu besitzen, bei sich zu bewahren, das Leben im
Griff zu behalten. Als Existenz aufgefasst ist das Leben, in einem von Zara-
thustras anziehend prägnanten (und abstoßenden) Bildern, eine Schlange, Kapitel 6.  Eine perspektivische Ästhetik der Wahrheit
deren goldgestreifter Unterleib im aufblitzenden Moment des Werdens
hinweggleitet. Was geliebt werden soll, ist nicht der Traum oder die Meta- Eine perspektivistische Wissenschaftstheorie
pher eines Lebens in Ewigkeit, sondern Leben wie es ist, Leben einfach als
Schicksal, eben als Ganzes. Daher ist die ewige Wiederkehr des Lebens die Das sechste Kapitel nimmt die Frage nach einer perspektivistischen Ästhetik
Ewigkeit: in eins das, was gewesen ist, was ist, was sein wird. der Wahrheit auf; dabei beginnt es mit einer Behandlung der Implikatio-
Bis jetzt stand der Wissenschaft das ästhetische Ideal des sich äußern- nen des Perspektivismus für die Wissenschaftstheorie und der Affirmation
den Lebens entgegen, denn dieses erfordert eine Weggabe oder Verschwen- der Wirklichkeit in ihrem multivarianten Charakter und ihren multiplen
dung des Lebens. Ein auf Erhaltung gerichteter Lebensfokus führt zu einer Wahrheiten, aber auch des „ungezogenen“ dekonstruktiven Ideals der
Bifurkation von konservierendem und expressivem Leben und unterdrückt Wahrheit als einer Frau. Der wissenschaftliche Wert des Willens zur Macht
seinen Ausdruck soweit nur irgend möglich. Das Wort „Unterdrückung“ fungiert als effektive Erhaltungshypothese, die den Primat der Perspektive
zeigt die Bedeutsamkeit einer psychoanalytischen Ökonomik von Lebens- als einer erkenntnistheoretischen Determinante der Wirklichkeit (oder
Oberflächen und Lebens-Tiefen in meiner Lektüre Nietzsches an. In der dessen, was als Wirklichkeit sollte gelten können) bejaht. Der Wille zur
Tat kann die Ausdifferenzierung des Willens zur Macht in einem (spezifisch Macht erhellt die begrenzten Möglichkeiten selbständiger Interpretationen,
oder, besser, teilweise Lacanschen) psychoanalytischen Vokabular erhellt wenn er so verstanden wird, dass er das gegenseitige interaktive Spiel von
Welt interpretierenden, Welt kreierenden Ereignissen charakterisiert. Der
Charakter der Welt erlaubt unendlich viele Interpretationen, ohne diesen
15 Vgl. hier Heideggers hölderlinische Erörterung der Trauer oder Melancholie als mit einem Anwendungsbereich oder einer Garantie zu Hilfe kommen.
Freude in Unterwegs zur Sprache. Zu sagen, dass die Welt Wille zur Macht ist, erhebt auf keiner Stufe den
16 Vorrede Vorrede 17

Anspruch auf einen subjektiven oder solipsistischen Willen zur Macht, Kapitel 7.  Eine dionysische Philosophie. Von der Kunst des Lebens
denn der Welt fehlt es an Vorbestimmung in Form eines Musters oder einer
spezifischen Macht. Folglich manifestiert der existentielle Konflikt von Zeit und Wiederkehr
Interpretationen oder interpretatorischen Existenzausdrücken das Chaos
für alle Ewigkeit. Da keine Macht jemals für ihre Interpretation, losgelöst Das siebente Kapitel behandelt die Möglichkeit einer dionysischen Philo-
vom eigenen einzigartigen und dynamischen Ausdruck dieser Interpreta- sophie in Begriffen des Gedankens der ewigen Wiederkehr des Gleichen.
tion, ein Recht für sich reklamieren kann, bleiben die Weltperspektiven Unter Rückbezug auf einen Gedanken Heideggers kann die Fixierung des
lediglich vorausgesetzte Fiktionen. Anders gesagt, für Nietzsche bleibt die Werdens im lebensbewahrenden Ethos der heutigen Kultur (der jüdisch-
Wahrheit eine Illusion. christlichen, wissenschaftlichen Moralität) der Ästhetik des Lebens entge-
Der Wert der Wahrheit kann nicht über ihren spezifischen Zauber gengesetzt werden, die in den vorangegangenen zwei Kapiteln artikuliert
hinausgehen, einen rationalen Zauber, der niemals losgelöst von seinem wurde, um die Wissenschaft (den Willen zur Macht) durch Formen der
eigenen, originären perspektivischen Anschein konkretisiert oder ver- Beglaubigung des Lebens in der Kunst zu erhellen. Nietzsche unterschei-
absolutiert werden kann. Dass die Wahrheit, wie Nietzsche sagt, eine det zwischen der unzufriedenen, stets wünschenden, zukunftsfixierten
Frau ist, geht auf diesen Gedanken eines ungebrochenen Oberflächen- erworbenen Ideologie der zeitgenössischen, technologisch und moralisch
Zaubers zurück. Das kalkulatorische Auftreten der Wahrheit wird wohl- gelehrten Kultur einerseits und dem affirmativen ästhetischen Charakter
wollend bejaht als (frei gewählte, künstlerische) Illusion. Doch wenn des sich selbst überwindenden, selbst schöpferischen, selbst erfindenden,
Nietzsche sich zu Gunsten der Illusion ausspricht, so geht es ihm nicht selbst-expressiven Lebensstils andererseits. Der Gedanke der ewigen Wie-
darum, den lebenserhaltenden Wert der wissenschaftlichen Wahrheit zu derkehr des Gleichen eröffnet die Möglichkeit, dem Leben das diesen Stil
verteidigen, sondern darum, ihre ästhetischen Möglichkeiten im großen sichernde Gewicht zu verleihen, als angstfreie, tiefe Bejahung der Lebens-
(lebens-expressiven) Stil herauszuarbeiten. Der große Stil ist eine diony- wirklichkeit, die sich im Stil darstellt: Dieses Gefühl für das – oder diese
sische Bejahung des Lebens in der „pessimistischen“ Lebenswirklichkeit, Entschlossenheit zu dem –, was möglich ist, in dem und durch das Gewe-
also seinem Nicht-andauern, seiner Ambiguität, seiner Ambivalenz. Das sene, doch ohne eine asketische, auf eine zeitlich nihilistische Zukunft
durch eine solche dionysische Bejahung geadelte Individuum ist durch gerichtete Hoffnung auf Vergeltung, also ohne den Geist des Ressenti-
Grausamkeit charakterisiert, aber viel wesentlicher durch seine oder ihre ments. Da sie derart entschlossen ist, hängt eine ästhetische, zukünftige
Leidensfähigkeit – die Fähigkeit, das Leiden in sein oder ihr Leben einzu- Orientierung nicht in der Vergangenheit fest, geht sie nicht im Moment
fügen und damit ein Recht zum Sein zu heiligen und zu feiern. In dieser völlig auf und wird nicht durchherrscht von einer eschatologischen Hoff-
ästhetischen Vision gehen der Schmerz und die Schöpfung auf die gleiche nung. Nach der für diesen Zusammenhang bestimmenden Unterscheidung
Wurzel zurück. von ästhetischer und reaktiver Beglaubigung gebe ich einen Überblick
über Heideggers Auffassung des Willens zur Macht in der Begrifflichkeit
seiner Gedanken zur abendländischen Technik. Dabei versuche ich zu
zeigen, dass die derzeitige Entwertung des poietischen Wesens der Technik
in Nietzsches Begriffen der perspektivistischen Dominanz der décadence
ausgedrückt werden kann.
Indem er sich gegen das dekadente Ideal der Gleichheit wendet, sucht
Nietzsche das dionysische Genie oder die heroische, edle menschliche
16 Vorrede Vorrede 17

Anspruch auf einen subjektiven oder solipsistischen Willen zur Macht, Kapitel 7.  Eine dionysische Philosophie. Von der Kunst des Lebens
denn der Welt fehlt es an Vorbestimmung in Form eines Musters oder einer
spezifischen Macht. Folglich manifestiert der existentielle Konflikt von Zeit und Wiederkehr
Interpretationen oder interpretatorischen Existenzausdrücken das Chaos
für alle Ewigkeit. Da keine Macht jemals für ihre Interpretation, losgelöst Das siebente Kapitel behandelt die Möglichkeit einer dionysischen Philo-
vom eigenen einzigartigen und dynamischen Ausdruck dieser Interpreta- sophie in Begriffen des Gedankens der ewigen Wiederkehr des Gleichen.
tion, ein Recht für sich reklamieren kann, bleiben die Weltperspektiven Unter Rückbezug auf einen Gedanken Heideggers kann die Fixierung des
lediglich vorausgesetzte Fiktionen. Anders gesagt, für Nietzsche bleibt die Werdens im lebensbewahrenden Ethos der heutigen Kultur (der jüdisch-
Wahrheit eine Illusion. christlichen, wissenschaftlichen Moralität) der Ästhetik des Lebens entge-
Der Wert der Wahrheit kann nicht über ihren spezifischen Zauber gengesetzt werden, die in den vorangegangenen zwei Kapiteln artikuliert
hinausgehen, einen rationalen Zauber, der niemals losgelöst von seinem wurde, um die Wissenschaft (den Willen zur Macht) durch Formen der
eigenen, originären perspektivischen Anschein konkretisiert oder ver- Beglaubigung des Lebens in der Kunst zu erhellen. Nietzsche unterschei-
absolutiert werden kann. Dass die Wahrheit, wie Nietzsche sagt, eine det zwischen der unzufriedenen, stets wünschenden, zukunftsfixierten
Frau ist, geht auf diesen Gedanken eines ungebrochenen Oberflächen- erworbenen Ideologie der zeitgenössischen, technologisch und moralisch
Zaubers zurück. Das kalkulatorische Auftreten der Wahrheit wird wohl- gelehrten Kultur einerseits und dem affirmativen ästhetischen Charakter
wollend bejaht als (frei gewählte, künstlerische) Illusion. Doch wenn des sich selbst überwindenden, selbst schöpferischen, selbst erfindenden,
Nietzsche sich zu Gunsten der Illusion ausspricht, so geht es ihm nicht selbst-expressiven Lebensstils andererseits. Der Gedanke der ewigen Wie-
darum, den lebenserhaltenden Wert der wissenschaftlichen Wahrheit zu derkehr des Gleichen eröffnet die Möglichkeit, dem Leben das diesen Stil
verteidigen, sondern darum, ihre ästhetischen Möglichkeiten im großen sichernde Gewicht zu verleihen, als angstfreie, tiefe Bejahung der Lebens-
(lebens-expressiven) Stil herauszuarbeiten. Der große Stil ist eine diony- wirklichkeit, die sich im Stil darstellt: Dieses Gefühl für das – oder diese
sische Bejahung des Lebens in der „pessimistischen“ Lebenswirklichkeit, Entschlossenheit zu dem –, was möglich ist, in dem und durch das Gewe-
also seinem Nicht-andauern, seiner Ambiguität, seiner Ambivalenz. Das sene, doch ohne eine asketische, auf eine zeitlich nihilistische Zukunft
durch eine solche dionysische Bejahung geadelte Individuum ist durch gerichtete Hoffnung auf Vergeltung, also ohne den Geist des Ressenti-
Grausamkeit charakterisiert, aber viel wesentlicher durch seine oder ihre ments. Da sie derart entschlossen ist, hängt eine ästhetische, zukünftige
Leidensfähigkeit – die Fähigkeit, das Leiden in sein oder ihr Leben einzu- Orientierung nicht in der Vergangenheit fest, geht sie nicht im Moment
fügen und damit ein Recht zum Sein zu heiligen und zu feiern. In dieser völlig auf und wird nicht durchherrscht von einer eschatologischen Hoff-
ästhetischen Vision gehen der Schmerz und die Schöpfung auf die gleiche nung. Nach der für diesen Zusammenhang bestimmenden Unterscheidung
Wurzel zurück. von ästhetischer und reaktiver Beglaubigung gebe ich einen Überblick
über Heideggers Auffassung des Willens zur Macht in der Begrifflichkeit
seiner Gedanken zur abendländischen Technik. Dabei versuche ich zu
zeigen, dass die derzeitige Entwertung des poietischen Wesens der Technik
in Nietzsches Begriffen der perspektivistischen Dominanz der décadence
ausgedrückt werden kann.
Indem er sich gegen das dekadente Ideal der Gleichheit wendet, sucht
Nietzsche das dionysische Genie oder die heroische, edle menschliche
18 Vorrede Vorrede 19

Möglichkeit. Nicht so sehr als kosmologisches Prinzip als vielmehr in Form des artistischen Schöpfers – Sei hart! – als Dynamik des Werdens, mit
eines kategorischen Imperativs, hat der Gedanke der ewigen Wiederkehr die seiner Bejahung des höchsten Lebensausdrucks in Verbindung mit der
Intention, ein selektives Prinzip, ein philosophischer Probierstein zu sein. Auslöschung einerseits und dem gewöhnlichen Weg des Menschen ande-
Als ästhetische Haltung ist die ewige Wiederkehr erreichbar für denjeni- rerseits, der aus der Nähe betrachtet wird, so wie er sich für die meisten
gen Menschen oder Philosophen, der als ein Künstler des Lebens und für vollzieht. Nietzsche sagt, es sei notwendig, dass die Menschen, so wie sie
seinen höchsten Ausdruck lebt. Dies spiegelt den Wert des Lebens – wie es bisher waren, lernten, sich selbst zu überwinden, um das Lied des Über-
ist – wider, namentlich im Zusammenhang mit der gelebten Vergangenheit menschen zu singen. Und die Moderne hat diese Arbeit beinahe schon
und der Tradition des eigenen sozialen Daseins. abgeschlossen, an dem Punkt, an dem sie sich selbst in die Postmoderne
Doch wir können natürlich fragen: kommt dieser Trost einem wirkli- verkehrt. Es ist eine exoterische oder banale Fehlinterpretation von Nietz-
chen Behagen gleich oder einer genuinen Erlösung? Oder ist er etwa nichts sches Ideal des Übermenschen oder des posthumanen Wesens, welche
als Täuschung? Ich glaube, dass man zugeben muss, dass er überwiegend das folgende Bild zeichnen lässt: Nietzsches Anspruch, der gewöhnliche
eine Täuschung ist, auch wenn Nietzsche vielleicht darauf bestanden hätte, Mensch müsse untergehen, bedeute zwingend, dass eben diese menschli-
dass die Anerkennung der Täuschung als solche den schönsten Trost im chen Wesen zugrundegehen sollten, so dass irgend eine fantastische Kon-
Leben gewährt. Das Projekt eines ästhetischen Lebens, des guten Lebens, zeption des Übermenschen Gestalt annähme, um auf dem Grunde ihrer
des Lebens des besten Moments kann weder auf die christliche Warnung Asche zu blühen. Das ist ein naheliegendes Missverständnis und, betrachtet
bzw. den römischen Topos des „carpe diem!  “ reduziert werden, noch drückt man seine strukturelle metonymische Resonanz in der jüngeren europä-
es die epikureische Mahnung aus, für den Moment zu leben. Eher wird, ischen Geschichte, vielleicht unvermeidlich, aber es leitet doch nachhaltig
bedenkt man Nietzsches lebenslange Bemühung, die Wissenschaft unter in die Irre. Es ist nicht die Masse oder der genuine Mensch, der zugrun-
der Optik der Kunst und die Kunst unter der Optik des Lebens zu erfas- degehen muss. Den Übermenschen Nietzsches sieht man besser als einen
sen, das ästhetische Ethos des Lebens durch Pindar ausgedrückt, in der post-humanistischen Ausdruck des Humanen, jenseits all dessen, was bis
spezifischen Spannung, die aus dem Konflikt zwischen göttlicher Eifer- jetzt allzu-menschlich war. Wir dürfen daran erinnern, dass Nietzsche
sucht und sterblicher Hybris hervorgeht. Dieses menschliche Streben ist keine allgemeinverbindliche Ethik oder universale politische Theorie ent-
eine Selbst-Überwindung, eine Selbst-Transformation, die die Differenz worfen hat. Daher erteilt er keine allgemeinen Vorschriften, wenngleich
zwischen dem Menschlichen und dem Göttlichen unterhöhlt, „Werde, solche Lesarten möglich sind – und auch tatsächlich von politischen und
der du bist“, in Nietzsches Ausdrucksweise des griechischen γένοι οἷος ἐσσί philosophischen Theoretikern angestellt wurden, so als machte Nietzsche
μαθών. Und dies nicht, weil man sozusagen ein Gott wäre, sondern weil das tatsächlich solche Vorgaben. Im Kern vermeidet Nietzsches perspektivisches
Streben, das die titanische Unsterblichkeit genauso charakterisiert wie die Unternehmen derartige universellen Vorschriften. Eher geht Nietzsches
menschliche Sterblichkeit, an das Göttliche heranreicht. Behauptung dahin, dass ein jeder zu dem werden muss, was er je schon ist.
Einerseits sollte Nietzsches Unternehmen nicht ohne weiteres unsere Der gleiche platonische, christliche Imperativ wird bewahrt, wenn auch in
Sympathie gelten, da er nur für eine Elite schreibt. Andererseits behauptet umgedrehter Form. Einer, man selbst, muss am Ende zu sich selbst sterben
Nietzsche, dass seinen Einsichten allgemeine Anerkennung zuteil werden – nicht um das eigene Leben um der Unendlichkeit willen zu verlieren,
muss. Er schreibt „für Alle“ und gibt sogar zu bedenken, dass seine höchsten sondern eher um die Angst abzulegen, das eigene Leben um der Ewigkeit,
Bestrebungen immer noch dem Beispiel des galiläischen Fischers folgten, der moralischen Ewigkeit willen zu verlieren. Bejahung ist ein anderes
selbst als Antichrist, der anti-christliche Ideale repräsentiert. Daher versu- Wort für Freude, für Rühmen.
chen wir die Gegensätzlichkeit herauszustellen zwischen dem Ratschlag
18 Vorrede Vorrede 19

Möglichkeit. Nicht so sehr als kosmologisches Prinzip als vielmehr in Form des artistischen Schöpfers – Sei hart! – als Dynamik des Werdens, mit
eines kategorischen Imperativs, hat der Gedanke der ewigen Wiederkehr die seiner Bejahung des höchsten Lebensausdrucks in Verbindung mit der
Intention, ein selektives Prinzip, ein philosophischer Probierstein zu sein. Auslöschung einerseits und dem gewöhnlichen Weg des Menschen ande-
Als ästhetische Haltung ist die ewige Wiederkehr erreichbar für denjeni- rerseits, der aus der Nähe betrachtet wird, so wie er sich für die meisten
gen Menschen oder Philosophen, der als ein Künstler des Lebens und für vollzieht. Nietzsche sagt, es sei notwendig, dass die Menschen, so wie sie
seinen höchsten Ausdruck lebt. Dies spiegelt den Wert des Lebens – wie es bisher waren, lernten, sich selbst zu überwinden, um das Lied des Über-
ist – wider, namentlich im Zusammenhang mit der gelebten Vergangenheit menschen zu singen. Und die Moderne hat diese Arbeit beinahe schon
und der Tradition des eigenen sozialen Daseins. abgeschlossen, an dem Punkt, an dem sie sich selbst in die Postmoderne
Doch wir können natürlich fragen: kommt dieser Trost einem wirkli- verkehrt. Es ist eine exoterische oder banale Fehlinterpretation von Nietz-
chen Behagen gleich oder einer genuinen Erlösung? Oder ist er etwa nichts sches Ideal des Übermenschen oder des posthumanen Wesens, welche
als Täuschung? Ich glaube, dass man zugeben muss, dass er überwiegend das folgende Bild zeichnen lässt: Nietzsches Anspruch, der gewöhnliche
eine Täuschung ist, auch wenn Nietzsche vielleicht darauf bestanden hätte, Mensch müsse untergehen, bedeute zwingend, dass eben diese menschli-
dass die Anerkennung der Täuschung als solche den schönsten Trost im chen Wesen zugrundegehen sollten, so dass irgend eine fantastische Kon-
Leben gewährt. Das Projekt eines ästhetischen Lebens, des guten Lebens, zeption des Übermenschen Gestalt annähme, um auf dem Grunde ihrer
des Lebens des besten Moments kann weder auf die christliche Warnung Asche zu blühen. Das ist ein naheliegendes Missverständnis und, betrachtet
bzw. den römischen Topos des „carpe diem!  “ reduziert werden, noch drückt man seine strukturelle metonymische Resonanz in der jüngeren europä-
es die epikureische Mahnung aus, für den Moment zu leben. Eher wird, ischen Geschichte, vielleicht unvermeidlich, aber es leitet doch nachhaltig
bedenkt man Nietzsches lebenslange Bemühung, die Wissenschaft unter in die Irre. Es ist nicht die Masse oder der genuine Mensch, der zugrun-
der Optik der Kunst und die Kunst unter der Optik des Lebens zu erfas- degehen muss. Den Übermenschen Nietzsches sieht man besser als einen
sen, das ästhetische Ethos des Lebens durch Pindar ausgedrückt, in der post-humanistischen Ausdruck des Humanen, jenseits all dessen, was bis
spezifischen Spannung, die aus dem Konflikt zwischen göttlicher Eifer- jetzt allzu-menschlich war. Wir dürfen daran erinnern, dass Nietzsche
sucht und sterblicher Hybris hervorgeht. Dieses menschliche Streben ist keine allgemeinverbindliche Ethik oder universale politische Theorie ent-
eine Selbst-Überwindung, eine Selbst-Transformation, die die Differenz worfen hat. Daher erteilt er keine allgemeinen Vorschriften, wenngleich
zwischen dem Menschlichen und dem Göttlichen unterhöhlt, „Werde, solche Lesarten möglich sind – und auch tatsächlich von politischen und
der du bist“, in Nietzsches Ausdrucksweise des griechischen γένοι οἷος ἐσσί philosophischen Theoretikern angestellt wurden, so als machte Nietzsche
μαθών. Und dies nicht, weil man sozusagen ein Gott wäre, sondern weil das tatsächlich solche Vorgaben. Im Kern vermeidet Nietzsches perspektivisches
Streben, das die titanische Unsterblichkeit genauso charakterisiert wie die Unternehmen derartige universellen Vorschriften. Eher geht Nietzsches
menschliche Sterblichkeit, an das Göttliche heranreicht. Behauptung dahin, dass ein jeder zu dem werden muss, was er je schon ist.
Einerseits sollte Nietzsches Unternehmen nicht ohne weiteres unsere Der gleiche platonische, christliche Imperativ wird bewahrt, wenn auch in
Sympathie gelten, da er nur für eine Elite schreibt. Andererseits behauptet umgedrehter Form. Einer, man selbst, muss am Ende zu sich selbst sterben
Nietzsche, dass seinen Einsichten allgemeine Anerkennung zuteil werden – nicht um das eigene Leben um der Unendlichkeit willen zu verlieren,
muss. Er schreibt „für Alle“ und gibt sogar zu bedenken, dass seine höchsten sondern eher um die Angst abzulegen, das eigene Leben um der Ewigkeit,
Bestrebungen immer noch dem Beispiel des galiläischen Fischers folgten, der moralischen Ewigkeit willen zu verlieren. Bejahung ist ein anderes
selbst als Antichrist, der anti-christliche Ideale repräsentiert. Daher versu- Wort für Freude, für Rühmen.
chen wir die Gegensätzlichkeit herauszustellen zwischen dem Ratschlag
20 Vorrede Vorrede 21

Als menschliches, als erinnerndes, als reflektiert vorausschauendes Pindars Gebot richtet sich gegen die menschliche Verschwiegenheit,
Dasein auf das hin, was sein wird im Modus des Gewesen-Seins, wird der gleichgültig ob diese sich vor dem Unwillen der Götter zurückzieht oder
Mensch niemals und kann er niemals genug haben von dem, was gewesen ob sie diesen Zorn niemals aushalten würde, dessen letzte Strafe der Tod
ist. Dies ist die Wurzel der Melancholie, es ist die Wurzel der Neurose, das alles Wünschbaren ist. Pindars Wort, das Nietzsche zu seinem eigenen
Substrat des Lebens, das jetzt als Kunst erkennbar wird. Wie die Fürsprecher macht, ist Bejahung. Das gleiche Ruhmeslied, die gleiche dunkle Freude,
der Psychoanalyse von Freud und Jung bis zu Winnicott und Lacan uns ist das tragische Wort. In dem Maß, welches das Lied einhält, noch immer
lehren, ist der Gegenstand des Unbewussten unhergehbar und unbeirrbar ausgespannt zwischen Liebe und Trauer, ist man aufgerufen, das philoso-
geschichtlich, so wie das Fließen des Flusses, welches Heidegger das „Haus phische Weisheitswort aller Zeiten zu verstehen – dass alles Gehen und
der Sprache“ nennt. Zurückkehren mit sich selbst zusammenstimmt, gespannt wie die Lyra
Gemäß Nietzsches Verständnis der Leichtigkeit des tanzenden Gedan- des Heraklit.17
kens wenden wir uns, jenseits der Begrifflichkeiten der Psychoanalyse, der
Kunst, der Poesie und der Musik zu. Die erlösende Vergesslichkeit der
Zukunft ordnet nur die erinnerte Vergangenheit um; die Vergangenheit
ist nicht (so wenig, wie jemals das Unbewusste) verflossen, sondern verbor-
gen, unterdrückt und wirklich, und das bedeutet, dass die Vergangenheit
jederzeit zur potentiell furchterregenden Rückkehr fähig ist. Uns auf die
Zukunft gerichteten intentionalen, nur akzidentell erinnernden Wesen
erlaubt die ästhetische Bevorzugung der Vergangenheit, die ästhetische
Wiederholung, eine volle oder ethische Bejahung des (Lebens)Moments,
jenseits jeder Hoffnung auf eine künftige Rückkehr des Vergangenen (also,
miss-verstanden als eine Zukunft, die das wieder gut macht oder einem
vergilt, was einmal war). Nietzsches amor fati ist eine Liebe zum sterb-
lichen, geschichtlichen, schicksalsträchtigen Leben, einem verehrenden
und bejahenden Leben, eine Liebe des Lebens, welche ist, weil sie ist. In
anderen Worten: Man muss dahin gelangen, das Selbst, das man hat, zu
gewinnen. bist“. Andere geben ihn als „Komme zur Kenntnis, von welcher Art du bist!“ wieder.
Nietzsches glückliche Version: ‚Werde der du bist“, die vier deutsche Worte für vier
Daher stellt eben die in Pindars dialektischer Ruhmeshymne offenbarte griechische verwendet (indem er das μαθών anscheinend weglässt, wie das verein-
Verehrung die tragische Architektonik des im großen Stil gelebten Lebens fachende und irreführend „Sei, wie du bist!“), muss offensichtlich mit der wortwört-
dar. Denn Pindars γένοι οἷος ἐσσί μαθών [d.h., werde, der du bist] fordert: lichen und klaren Übersetzung von John Edwyn Sandys verglichen werden. Was im
Sei derjenige, von dem du dir selbst bewiesen hast, du zu sein.16 Griechischen bemerkenswert und hervorzuheben ist, kann Sandys im Englischen nur
in fünfzehn Worten aussprechen: “Be true to thyself, now that thou hast learnt what
manner of man thou art”, The Odes of Pindar, p. 178. Siehe weiter Babich, Become
the One You Are.
16 Der Satz ist bekanntlich schwer zu übersetzen. Auch mit Paul Geheeb und der 17 So können wir Hölderlins Lebenslauf lesen: „Hoch auf strebe mein Geist, aber die
Odenwaldschule assoziiert, kommt er hier direkt von Nietzsche. In der zweispra- Liebe zog / Schön ihn nieder; das Leid beugt ihn gewaltiger; / So durchlauf ich des
chigen Reclam-Ausgabe übersetzt ihn Eugen Dönt: „Beginne zu erkennen, wer du Lebens /Bogen und kehre, woher ich kam“.
20 Vorrede Vorrede 21

Als menschliches, als erinnerndes, als reflektiert vorausschauendes Pindars Gebot richtet sich gegen die menschliche Verschwiegenheit,
Dasein auf das hin, was sein wird im Modus des Gewesen-Seins, wird der gleichgültig ob diese sich vor dem Unwillen der Götter zurückzieht oder
Mensch niemals und kann er niemals genug haben von dem, was gewesen ob sie diesen Zorn niemals aushalten würde, dessen letzte Strafe der Tod
ist. Dies ist die Wurzel der Melancholie, es ist die Wurzel der Neurose, das alles Wünschbaren ist. Pindars Wort, das Nietzsche zu seinem eigenen
Substrat des Lebens, das jetzt als Kunst erkennbar wird. Wie die Fürsprecher macht, ist Bejahung. Das gleiche Ruhmeslied, die gleiche dunkle Freude,
der Psychoanalyse von Freud und Jung bis zu Winnicott und Lacan uns ist das tragische Wort. In dem Maß, welches das Lied einhält, noch immer
lehren, ist der Gegenstand des Unbewussten unhergehbar und unbeirrbar ausgespannt zwischen Liebe und Trauer, ist man aufgerufen, das philoso-
geschichtlich, so wie das Fließen des Flusses, welches Heidegger das „Haus phische Weisheitswort aller Zeiten zu verstehen – dass alles Gehen und
der Sprache“ nennt. Zurückkehren mit sich selbst zusammenstimmt, gespannt wie die Lyra
Gemäß Nietzsches Verständnis der Leichtigkeit des tanzenden Gedan- des Heraklit.17
kens wenden wir uns, jenseits der Begrifflichkeiten der Psychoanalyse, der
Kunst, der Poesie und der Musik zu. Die erlösende Vergesslichkeit der
Zukunft ordnet nur die erinnerte Vergangenheit um; die Vergangenheit
ist nicht (so wenig, wie jemals das Unbewusste) verflossen, sondern verbor-
gen, unterdrückt und wirklich, und das bedeutet, dass die Vergangenheit
jederzeit zur potentiell furchterregenden Rückkehr fähig ist. Uns auf die
Zukunft gerichteten intentionalen, nur akzidentell erinnernden Wesen
erlaubt die ästhetische Bevorzugung der Vergangenheit, die ästhetische
Wiederholung, eine volle oder ethische Bejahung des (Lebens)Moments,
jenseits jeder Hoffnung auf eine künftige Rückkehr des Vergangenen (also,
miss-verstanden als eine Zukunft, die das wieder gut macht oder einem
vergilt, was einmal war). Nietzsches amor fati ist eine Liebe zum sterb-
lichen, geschichtlichen, schicksalsträchtigen Leben, einem verehrenden
und bejahenden Leben, eine Liebe des Lebens, welche ist, weil sie ist. In
anderen Worten: Man muss dahin gelangen, das Selbst, das man hat, zu
gewinnen. bist“. Andere geben ihn als „Komme zur Kenntnis, von welcher Art du bist!“ wieder.
Nietzsches glückliche Version: ‚Werde der du bist“, die vier deutsche Worte für vier
Daher stellt eben die in Pindars dialektischer Ruhmeshymne offenbarte griechische verwendet (indem er das μαθών anscheinend weglässt, wie das verein-
Verehrung die tragische Architektonik des im großen Stil gelebten Lebens fachende und irreführend „Sei, wie du bist!“), muss offensichtlich mit der wortwört-
dar. Denn Pindars γένοι οἷος ἐσσί μαθών [d.h., werde, der du bist] fordert: lichen und klaren Übersetzung von John Edwyn Sandys verglichen werden. Was im
Sei derjenige, von dem du dir selbst bewiesen hast, du zu sein.16 Griechischen bemerkenswert und hervorzuheben ist, kann Sandys im Englischen nur
in fünfzehn Worten aussprechen: “Be true to thyself, now that thou hast learnt what
manner of man thou art”, The Odes of Pindar, p. 178. Siehe weiter Babich, Become
the One You Are.
16 Der Satz ist bekanntlich schwer zu übersetzen. Auch mit Paul Geheeb und der 17 So können wir Hölderlins Lebenslauf lesen: „Hoch auf strebe mein Geist, aber die
Odenwaldschule assoziiert, kommt er hier direkt von Nietzsche. In der zweispra- Liebe zog / Schön ihn nieder; das Leid beugt ihn gewaltiger; / So durchlauf ich des
chigen Reclam-Ausgabe übersetzt ihn Eugen Dönt: „Beginne zu erkennen, wer du Lebens /Bogen und kehre, woher ich kam“.
Inhalt

Vorrede 1

Kapitel 1
Nietzsches musikalische Stilistik oder: Wie man eine
Wissenschaftstheorie als Philosophie der Wissenschaft schreibt 23

Kapitel 2
Wissenschaft als Interpretation:
Das Licht der Philologie oder Sprache als Kunst 51

Kapitel 3
Über die ökophysiologische Grundlegung des Wissens:
Nietzsches Epistemologie 103

Kapitel 4
Unter der Optik von Kunst und Leben:
Nietzsche und die Wissenschaften 169

Kapitel 5
Nietzsches Genealogie der Wissenschaft:
Moral und die Werte der Moderne 215

Kapitel 6
Eine perspektivische Ästhetik der Wahrheit 275

Kapitel 7
Eine dionysische Philosophie. Von der Kunst des Lebens 317
vi

Siglen 367 Vorrede


Literaturverzeichnis 369

Register 385
Das Problem einer Wissenschaftstheorie als Philosophie und
Nietzsches Frage nach der Grundlegung
Danksagung 395

Wo Kant als Begründer der modernen philosophischen Kritik die Absicht


hatte, die Grundlagen der Möglichkeit einer jeden künftigen Metaphy-
sik aufzuzeigen, die als Wissenschaft würde auftreten können, artikuliert
Nietzsches Kritik die Grundlegung für jede Wissenschaftstheorie, die als
Philosophie auftreten und Philosophie bleiben kann. Eine kritische, reflek-
tierte Wissenschaftstheorie zu etablieren, ist nur als Philosophie möglich,
während das, was man Philosophy of Science – also deutsch: Wissenschafts-
theorie – im traditionell analytischen Sinn genannt hat, tatsächlich keine
Philosophie ist.
Aber was könnte als kritische, reflektierte Wissenschaftstheorie im
Sinne einer genuinen Philosophie zählen? Das Ideal eines kritischen,
reflektierten Diskurses ist immer noch eine äquivoke Bestimmung. Denn
einerseits mag Kritik nichts anderes bedeuten als die begrenzte Analyse
irgendeines zugrundeliegenden Gegenstandes, die sich in den Grenzen
von dessen Gegenständlichkeit bewegt. Doch andererseits, und das ist die
weitergehende Annahme dieser Studie, wäre es auch möglich, Kritik bzw.
philosophische Analyse ästhetisch aufzufassen, ohne die im Sinne Kants
rationalistischen, rein kognitiven Festlegungen. Eine solche phänomeno-
logische Kritik würde die Beschränkungen einer partikular konstituierten
Gegenständlichkeit überschreiten und, so behaupte ich: nur in dieser Radi-
kalität kann eine Wissenschaftstheorie ihrem Namen gerecht werden.
Nun ist es gerade die Pointe des Nietzscheschen Perspektivismus, dass
weder die reflektierende Überschau noch der Gegenstand der Philosophie
der Wissenschaft (bzw. Wissenschaftstheorie) auf die Wissenschaft begrenzt
sein dürfen. Der Fragende muss an einem geeigneten Ausgangspunkt und
Peter Lang Neu
Babette Babich

Nietzsches Wissenschaftsphilosophie
«Die Wissenschaft unter der Optik des Künstlers zu sehn, die Kunst aber unter der des Lebens»
Oxford, Bern, Berlin, Bruxelles, Frankfurt am Main, New York, Wien, 2010. 403 S., 1 farb. Abb.
German Life and Civilization. Vol. 52
Edited by Jost Hermand
ISBN 978-3-03911-945-5 br.
sFr. 76.– / €* 52.30 / €** 53.80 / € 48.90 / £ 44.– / US-$ 75.95

Gegenstand der Untersuchung ist Nietzsches Beschäftigung mit den Naturwissenschaften, angefangen bei seinem ersten Buch über
die Tragödie bis hin zu Nietzsches Frage nach den Ursprüngen der Logik (aus dem Nicht-Logischen) und unserem Verlangen nach
Wahrheit (in seiner Entgegensetzung von Unwahrheit und Lüge). Weit davon entfernt, Irrationalist oder Relativist zu sein, entwi-
ckelte Nietzsche eine radikal kritische Wissenschaftsphilosophie.
In diesem Buch wird die Wissenschaftsphilosophie Nietzsches aus der Perspektive einer Befragung des Wesens der Wissenschaft
unter der Optik der Kunst betrachtet. Dies schließt die Frage danach ein, wie Wissenschaftstheorie innerhalb der fast ausschließ-
lich analytischen Selbstbeschränkung ihrer traditionellen Rezeption gegenwärtig betrieben wird. Letztlich wird Nietzsches Philo-
sophie der Wissenschaft als eine Philosophie von Kunst (im Sinne von Kunstfertigkeit und Technik, aber auch von Kultur und
Kreativität) und Leben entwickelt.
Indem es die einschlägigen Primärtexte Nietzsches sowie eine umfassende Auswahl der Sekundärliteratur über Nietzsche wie auch
über die zeitgenössische Wissenschaftstheorie und -philosophie heranzieht, bietet dieses Buch nicht nur eine der elaboriertesten
Darstellungen von Nietzsches Wissenschaftsphilosophie, die heute verfügbar sind, sondern schafft auch ein umfassendes und neues
Verständnis von Nietzsches Denken und – unmittelbar damit verbunden – von seinem Stil.
Inhalt: Nietzsches Wissenschaftstheorie – Wissenschaftsphilosophie – Öko-Physiologie – Genealogie der Wissenschaften –
Wissenschaft und Moral – Wissenschaft als die neue Religion – Wahrheit – Wissenschaft und Kunst.
Im Jahr 1956 in New York City geboren, entschied sich Babette Babich zunächst für eine Ausbildung in Biologie. Heute ist sie Pro-
fessorin für Philosophie an der Fordham University in New York. Von ihr liegen Studien über Nietzsche, Heidegger, Hölderlin,
Baudrillard, Adorno, Arendt, Pindar, sowie Empedokles, Plinius, Lukian und anderen vor. Die Autorin forscht in den Bereichen
der Kunstwissenschaft, Technik und Nachhaltigkeit sowie Umwelt- und Tierethik. Des Weiteren ist die kritische Auseinanderset-
zung mit der Machtpolitik seitens der analytischen Philosophie im universitären Bereich ein wichtiger Forschungsschwerpunkt.

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Babette Babich: Nietzsches Wissenschaftsphilosophie
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