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Nachrichten  Politik  Ausland  Russland  Syrien: Russlands Feldzug gegen die Wahrheit

Desinformation als Kriegswaffe


Russlands perfider Feldzug gegen die Wahrheit 
Russland diffamiert zivile Helfer in Syrien und sät Zweifel an Assads Giftgasangriffen. Eine Studie zeigt nun,
wie systematisch der Kreml in seiner Desinformationskampagne vorgeht.

Von Christoph Reuter 

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REUTERS
Tatort des Sarin-Angriffs in Chan Scheichun (Archiv)

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Donnerstag, 21.12.2017   19:55 Uhr Drucken Nutzungsrechte Feedback Kommentieren

Über Russlands aufwendige Strategien zur Desinformation ist viel berichtet worden:
bei den Präsidentschaftswahlen in den USA und Frankreich, beim Einmarsch
russischer Soldaten in die Ukraine, beim Abschuss des malaysischen Passagierjets
MH17. Immer dort, wo die tatsächliche Faktenlage einigermaßen klar ist, ließ sich
die Manipulation relativ leicht nachverfolgen.

Im Fall Syrien ist die Lage verworrener, das internationale Interesse geringer. Eine
günstige Ausgangslage, um mit den verschiedenen Mitteln der Lüge, der
künstlichen Twitter-Debatte und der Mimikry etablierter Organisationen den
Anschein echter Umstrittenheit zu erzeugen.

Doch wie systematisch Russland dies vor allem seit seiner direkten
Militärintervention 2015 in Syrien betreibt, hat nun eine Studie der Internet-
Analyseagentur Graphica in Zusammenarbeit mit Google und der britischen NGO
Syria Campaign ermittelt.

Für den am Mittwoch veröffentlichten Report  "Killing the Truth" untersuchte


Graphica vor allem die Tweets zu den als "Weißhelme" bekannt gewordenen
Rettungs- und Bergungssanitätern in den Rebellengebieten Syriens. Aus mehr als
12,6 Millionen Tweets von 2,65 Millionen Accounts filterten die Analysten 12.352
der "am besten vernetzten" Twitterer heraus, die sich überdies mehr als 50 Mal zu
#WhiteHelmets geäußert hatten.

Mehr als 6000 dieser Accounts, so Graphica, waren bereits zuvor in mindestens
einer anderen russischen Desinformationskampagne aufgefallen. Elf von ihnen
ließen sich direkt der "Internet Research Agency" in St. Petersburg zuordnen,
Russlands bekanntester "Troll-Fabrik", wo Hunderte Angestellte den ganzen Tag
damit beschäftigt sind, unter wechselnden Identitäten Desinformation als
persönliche Erkenntnis zu posten.

Vor Russlands direkter Militärintervention in Syrien waren die Weißhelme bereits


seit zwei Jahren aktiv als Zivilschutzgruppe, die in allen bombardierten Gebieten
manchmal Lebende und zumeist Tote aus den Trümmern zog - politisch auf Seiten
der Opposition, aber friedlich, ebenso wie die Lokalräte oder die Ärztekomitees. Ein
Sammelbecken für jene, die ihr Leben einsetzen, aber selbst nicht zur Waffe
greifen wollten. So jedenfalls erlebten sie SPIEGEL-Reporter 2014 und 2015 in Idlib
und Aleppo. Und so wurden sie langsam bekannter.

Dieses öffentliche Bild veränderte sich nachhaltig mit der konzertierten Kampagne
Russlands ab Herbst 2015. Die porträtierte die Weißhelme als von der Nato und
dem amerikanischen Mäzen George Soros gesponserten Ableger von al-Qaida, der
seine Rettungsaktionen nur inszeniere und dafür selbst Kinder ermorde. Eine
abstruse Collage von Erfindungen - aber so vielstimmig inszeniert, dass bei Google,
YouTube, Twitter immer wieder die schiere Masse der erfundenen Meldungen
überwog. Wie in den Tagen nach dem Sarin-Angriff auf die Stadt Chan Scheichun
am 4. April 2017: Zwei Tage später war #SyriaHoax das Trendthema Nr.1 auf Twitter,
nach oben getrieben von einer Heerschar von Accounts, von denen jeder Hunderte
Tweets innerhalb weniger Stunden absetzte.

Jede noch so abwegige Behauptung wird tausendfach multipliziert

Dabei folgt jede dieser Einflusskampagnen einem ähnlichen Muster: Einige zuvor
unbekannte Blogger wie die Britin Vanessa Beeley, die Kanadierin Eva Bartlett oder
die Bolivianerin Carla Ortiz posten Propaganda, werden vom Kreml-Sender RT
interviewt als Experten, die Interviews wiederum von den Twitter-Kohorten
vervielfältigt. Ortiz war zuvor als Schauspielerin in den USA ("CSI Miami",
"Baywatch") bekannt geworden, Beeley hatte zuvor Verschwörungstheorien zum 11.
September und den angeblich vergifteten Kondensstreifen von Flugzeugen, den
sogenannten Chemtrails, veröffentlicht und schon 2015, ein Jahr vor ihrem ersten
Besuch in Syrien, getwittert: "White Helmets are not getting it. We know they are
terrorists. Makes them a legit target". ("Die Weißhelme verstehen es nicht. Wir
wissen, dass sie Terroristen sind. Das macht sie zum ernsthaften Ziel.")

Das Statement einer real existierenden Person wie Vanessa Beeley wird
eingespeist in die Vervielfältigungsmaschinerie der Twitter-Accounts, die jede noch
so abwegige Behauptung tausendfach multiplizieren. Wem diese Accounts
gehören, ist schwer nachzuweisen, zumal ihre Verknüpfung untereinander einen
Austausch realer Personen suggeriert. Wobei schon die Definition einer realen
Person schwierig wird, wenn der Absender in einer der russischen "Troll-Fabriken"
arbeitet.

Manchmal verraten allerdings die Sendeumstände den Einsatz vollkommen


automatisierter Profile, sogenannter Bots: Wie am 28. September 2017 um exakt
16.39 Uhr und 42 Sekunden. Da teilten 21 Profile, die angeblich aus Berlin,
Barcelona, Istanbul, New York, Chicago, Marseille und anderen Städten stammten,
denselben Videolink mit identischem Begleittext, der für den Sarin-Angriff auf die
syrische Stadt Chan Scheichun die angeblich mit al-Qaida verbündeten
Rettungssanitäter verantwortlich machen wollte: "CW used by #AlQaeda not by
#Assad ,Khansheikun was falseflag of alqaeda linked fake aid organisation
#whitehelmets".
Einige der Profile trugen biographische Ergänzungen zum Absender, der wahlweise
"pro-Menschenrechte", "anti-zionistisch", "pro-Trump" sei. Doch in Wirklichkeit
waren sie alle nur eines: erfunden.

"Es geht darum, Verwirrung zu stiften"

Dazu kommen neu ins Leben gerufene Organisationen wie das "European Centre
for the Study of Extremism", gegründet von einem ehemaligen PR-Berater des
syrischen Botschafters in London, oder die "Swedish Doctors for Human Rights",
SWEDHR. Schweden, Ärzte, Menschenrechte, das klingt vertrauenserweckend. Nur
sind sie in Schweden nie in Erscheinung getreten, sondern erst international
bekannt geworden, seit sie vom russischen Außenministerium und anschließend
von RT, Sputnik, der Prawda und Dutzenden weiteren Kreml-kontrollierten Medien
zitiert wurden. In ihren Statements erklärten sie dort, dass die Weißhelme ihre
Opfer erfinden, Kinder töten würden und ein Propagandainstrument der Nato seien.
In ihrem Bericht danken die SWEDHR der "unabhängigen Journalistin Vanessa
Beeley" für ihr "unschätzbares Feedback".

Die von ihnen erst geschaffene Netz-Prominenz ihrer Geschöpfe wiederum nutzt
Russlands Regierung, um diese vermeintlich unabhängigen Experten etwa vor dem
Uno-Sicherheitsrat zu präsentieren: wie es der stellvertretende russische Uno-
Botschafter einen Monat nach dem Sarin-Angriff auf Chan Scheichun tat. Dass die
USA, Kanada, Neuseeland und mehrere europäische Staaten die Propaganda-
Präsentation zurückwiesen, dass überdies frühere Erklärungsversionen des
russischen Verteidigungs- sowie des Außenministeriums sowohl einander wie auch
der letzten Version widersprachen, stört die Urheber gar nicht.

Im Gegenteil: "Es geht darum, Verwirrung zu stiften", so James Sadri, Direktor der
Syria Campaign, "sie fluten das Netz, sodass am Ende selbst über die von der Uno
und deren Experten für Massenvernichtungswaffen eindeutig belegten Urheber in
der Öffentlichkeit Unklarheit bleibt."

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 Diskussion über diesen Artikel


insgesamt 64 Beiträge

 Alle Kommentare öffnen Seite 1 von 13

 franky026 21.12.2017
1. vielen Dank
für diesen hintergündigen und mit FAKTEN gespickten Artikel. Deswegen lese ich SPON und nicht Twitter
oder Facebook.

 winterwoods 21.12.2017
2. Guter Artikel
Hm, aber dieser Artikel wird Video-Blogger Ken Jebsen, einem der Haupt-Sprachrohre russischer
Propaganda im deutschspr. Internet gar nicht gefallen.

 Berlin142 21.12.2017
3. Ich würde von einem medium wie SPON eigentlich erwarten....
dass man sich auch einmal darum bemüht, Hintergrundinformationen zu sammeln. Dann wäre ggf. auch
aufgefallen, was diese "Syrian Campaign" ist, wen sie vertritt und wer sie finanziert. Das sollte zumindest
genauso [...] 

 thahnberlin 21.12.2017
4. Der Kreml
hat es mit seiner Lügenpropaganda mittlerweile derart übertrieben dass man denen nicht mal mehr Dinge
glaubt die im Kern stimmen. Die Liste mit offiziellen russischen "Beweisen" die sich als plumpe Fakes
herausgestellt [...] 

 KingTut 21.12.2017
5. Punktlandung
Danke an den Autor und an Spiegel, dass Ihr den Finger auf die Wunde legt, und zwar nicht nur in Bezug auf
die schrecklichen Geschehnisse in Syrien, sondern auch im Zusammenhang mit Flug MH17. Die Opfer,
deren Existenz einfach [...] 

 Alle Kommentare öffnen Seite 1 von 13

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