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Mysterium Regenerationis

Swedenborgs Konzept der Wiedergeburt


Thomas Noack
Mysterium Regenerationis
Swedenborgs Konzept der Wiedergeburt
Thomas Noack

Wiedergeburt ist das große Thema der abendländischen Christenheit,


denn die Frage nach dem Heil durchzieht den Westen. Schon Augustin,
der im Osten kaum, dafür aber im Westen um so mächtiger gewirkt hat,
legte ein besonderes Gewicht auf die Sünden- und Gnadenlehre; und
Luther rang bekanntlich um den gnädigen Gott. Selbst der modernen
Esoterik geht es wesentlich um Transformation zur Steigerung der per-
sönlichen Lebensqualität. In der Analytischen Psychologie C.G.Jungs
spielt die Individuation eine zentrale Rolle. Und schließlich ist die
Wiedergeburt auch in ihrer materiellen Verkehrung, das heißt in der
Reinkarnationslehre (= körperliche Wiedergeburt) ein Lieblingskind des
Abendlandes; nur verwechselt man hier eben die körperliche mit der
geistigen. Dieser fragmentarische Überblick zeigt, daß sich die abend-
ländische Seele von einem Geheimnis ganz tief angesprochen fühlt: vom
Mysterium Regenerationis. Swedenborg war einer der genialen Geister,
der dieses Mysterium bis zu einem gewissen Grad ausleuchten konnte.
Wohl wissend, daß sich die Geheimnisse des Lebens nur in der Schule
des Lebens erschließen lassen, war sein Seherblick doch fähig dem toten
Buchstaben unserer heiligen Traditionen Wesentliches zu entlocken.
Denn obgleich der Begriff "Wiedergeburt"1 in der Heiligen Schrift so gut
wie nicht vorkommt, handelt dieses Buch unter der Oberfläche des
Historischen von nichts anderem als eben von der Wiedergeburt. Genau
genommen handelt es von der Verherrlichung des Herrn, aber zwischen
diesen beiden Ereignissen besteht ein Zusammenhang. Dazu Swedenborg:
"Das ganze Wort handelt im innersten oder höchsten Sinn vom Herrn
allein und von der Verherrlichung seines Menschlichen. Da aber dieser
Sinn den menschlichen Verstand übersteigt (transcendit), darf man das

1 Im AT sucht man diesen Begriff vergeblich; und im NT gibt es eigentlich nur


eine Stelle: Tit 3,5 wird die Taufe "Bad der Wiedergeburt" genannt. Als locus
classicus ist dann jedoch noch Joh 3,3, zu nennen, wo es heißt: "Wahrlich,
wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von neuem (von oben) geboren
wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen." Da es im johanneischen
Schrifttum mehrmals heißt "aus Gott geboren werden" (Joh 1,13; 1Joh 3,9; 4,7;
5,1.4.18), bedeutet die neue Geburt die Geburt aus Gott.
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Wort nach seinem inneren Sinn auslegen, wo vom Reich des Herrn, von
der Kirche und ihrer Erneuerung und von der Wiedergeburt … gehandelt
wird. Diese Dinge kann der innere Sinn behandeln, weil die
Wiedergeburt des Menschen ein Abbild (imago repraesentativa) der
Verherrlichung des Herrn ist." (HG 6827)2. Die Vergöttlichung des
Menschgewordenen war ein Durchbruch ohnegleichen; als solcher eröff-
nete sie eine ganz neue Dimension der Gotteserfahrung und löste die
kultisch orientierten Religionen ab. Die dort vorgeschriebenen äußerli-
chen Handlungen wurden von Jesus Christus innerlich vollzogen, das
heißt in die seelisch-geistige Wirklichkeit übersetzt. So wurde Jesus
Christus der Erstgeborene der Toten (Offb 1,5) oder das Urbild der
Wiedergeburt. Swedenborgs Konzept der Wiedergeburt ist aus dem
inneren Sinn der Heiligen Schrift abgeleitet, was man deutlich sieht,
wenn man die "Himmlischen Geheimnisse" studiert. Dieser Bezug zu den
Erzählungen in Genesis und Exodus kann hier nicht berücksichtigt wer-
den; übrig bleibt folglich ein relativ abstraktes Gerüst. Wirklich span-
nend wird es erst, wenn man den Zusammenhang mit den alten Texten
erkennt und dann plötzlich viele Bilder vor sich hat, die oft - wenn man
ihr Geheimnis erahnt - mehr sagen als tausend Worte. Die Wiedergeburt
wird auf Erden sicher nur in den seltensten Fällen erreicht und ist den-
noch das Ziel unseres Lebens. Doch auch Ziele, die wir voraussichtlich
nicht erreichen werden, sind sinnvoll, denn sie geben unserem Leben
Sinn und Orientierung, was in Zeiten der Orientierungslosigkeit eine
große Hilfe ist. Die Wiedergeburt als Ziel ist keine menschliche Setzung,
sondern eine göttliche; das bedeutet: dieses Ziel ist nicht dem menschli-
chen Belieben unterworfen; vielmehr ist es der menschlichen Natur ein-
geschrieben. Der Mensch hat nur die Wahl, es zu erkennen und sich sei-
ner Dynamik zu unterwerfen oder aber seine Augen vor dieser göttli-
chen Setzung zu verschließen. Meine Darstellung folgt Swedenborg, der

2 "in sensu interno agitur quidem de Domino … sed usque in sensu


repraesentativo etiam agitur de regeneratione hominis; est enim regeneratio
hominis imago glorificationis Domini … hoc est, in regeneratione ut in quadam
imagine apparet quomodo Dominus Humanum Suum glorificavit, seu quod idem,
Divinum fecit; sicut enim Dominus statum Suum humanum prorsus mutavit in
Divinum, ita etiam Dominus apud hominem, cum regenerat illum, statum ejus
prorsus mutat, nam veterem ejus hominem facit novum." (HG 3296). "Die
Wiedergeburt des Menschen ist ein Bild der Verherrlichung des Herrn" (HG
6098). Das gilt auch für die "Umbildung": "reformatio hominis est quaedam
imago illorum quae apud Dominum cum Ipse in mundo fuit" (HG 3057).
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sogar ausgiebig zu Wort kommt, und dennoch sind eigene Akzente


unvermeidlich. Wer mit ihnen nicht einverstanden ist, soll sich nicht
entmutigen lassen, sondern wissen: es gibt so viele Wege, wie es
Menschen gibt; und jeder kann nur in seinem eigenen Leben dem großen
Geheimnis auf die Spur kommen. Unter der Oberfläche der täglichen
Lebensgestaltung vollzieht sich ein Prozeß, den wir kaum wahrnehmen,
der aber dennoch unser ewiges Schicksal formt. Es ist merkwürdig, daß
uns das Allgegenwärtige so wenig gegenwärtig ist.

Swedenborg hat ein Schichtenmodell des Menschen vor Augen. Seit


der Entdeckung des Unbewußten ist uns eine solche Vorstellung nicht
mehr fremd; doch Swedenborg entwickelte sein Modell als vom Unbe-
wußten noch keine Rede war. Da die Wiedergeburt darin besteht, daß die
äußeren Schichten aus den inneren tätig sind, ihnen also entsprechen3,
sollte man einige Grundzüge dieses Modells kennen. Häufig ist die
Dreiteilung; demnach gibt es "einen inneren Menschen, einen vernünfti-
gen in der Mitte und einen äußeren." (HG 1940) 4. Unser Seher lebte im
Zeitalter der Vernunft; daher verwundert es nicht, daß er auch ihren Ort
im Menschen bedachte. Das Vernünftige ist "das Mittlere zwischen dem
inneren und dem äußeren Menschen" (HG 1588); allerdings kann
Swedenborg auch schreiben: "Das Vernünftige ist die Einsicht des äuße-
ren Menschen." (HG 1588), oder: "Das Vernünftige bildet den inneren
Menschen" (HG 4570). Das ist etwas verwirrend, ist aber erklärlich, denn
es gibt zwei Wege zur Vernunft: "einen von der Welt und einen vom
Himmel" (WCR 564), das heißt einen mühseligen Weg durch äußere
Erfahrungen und einen durch das innere Vernehmen. Daher unterschei-
det Swedenborg zwei Vernunftbereiche: "Bei jedem, der wiedergeboren
wird, gibt es zwei Vernunftbereiche (bina rationalia), einen vor und
einen nach der Wiedergeburt: das erste (Vernünftige) vor der

3 "Beim Wiedergeborenen besteht eine Entsprechung zwischen dem Geistigen


und dem Natürlichen" (NJ 186). "Beim wiedergeborenen Menschen entspricht
das Äußere dem Inneren, das heißt es gehorcht." (HG 911). "Das Werk der
Wiedergeburt besteht vor allem darin, daß der natürliche Mensch dem
vernünftigen entspricht." (HG 3286). "Der natürliche oder äußere Mensch muß
in Entsprechung mit dem geistigen oder inneren sein, damit der Mensch
wiedergeboren ist …" (HG 9325). "Bei der Umbildung wird das Allgemeine im
natürlichen Menschen vom Herrn so geordnet, daß es den Dingen im Himmel
entspricht." (HG 3057).
4 Der lateinische Originaltext: "apud unumquemvis hominem est internus homo,
est rationalis qui medius, et externus" (HG 1940).
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Wiedergeburt bildet sich durch die Sinneserfahrungen … Das


Vernünftige nach der Wiedergeburt wird vom Herrn durch die
Neigungen zum geistigen Wahren und Guten geformt …" (HG 2657)5.
Soweit zur Vernunft als Vermittlerin zwischem dem inneren und dem
äußeren Menschen. Swedenborg kann allerdings auch nur von einem
inneren und einem äußeren Menschen sprechen: "Der Mensch ist
geschaffen, um gleichzeitig in der geistigen und in der natürlichen Welt
zu sein … Weil der Mensch so geschaffen wurde, ist ihm auch ein Inneres
und ein Äußeres gegeben - ein Inneres, das ihn mit der geistigen Welt,
ein Äußeres, das ihn mit der natürlichen Welt verbindet. Sein Inneres
wird als innerer Mensch, sein Äußeres als äußerer Mensch bezeichnet."
(NJ 36). So ist er ein Bewohner zweier Welten. Dieser Überblick möge
genügen; man sollte aber nicht meinen, daß Swedenborgs
Schichtenmodell damit erschöpfend beschrieben ist. Denn man kann
andere Schnitte machen; dann kommt man zu anderen Dreiteilungen6.
Man kann aber auch genauer differenzieren; dann kommt man zu
Vierteilungen7 oder zu noch feineren Schnitten. Es hat keinen Zweck an
diesen Modellen seinen intellektuellen Scharfsinn zu trainieren; vorläu-
fig ist es viel wichtiger zu erkennen, daß wir mehr sind als unser wach-
bewußtes Denken und Wollen; und damit besteht die Gefahr, daß unser
Wachbewußtsein die eigentliche Wirklichkeit unseres Lebens überhaupt
nicht erfaßt. Daher ist es notwendig, daß das Äußere durch die

5 Der lateinische Originaltext: "Sunt apud unumquemvis hominem qui


regeneratur, bina rationalia, unum ante regenerationem, alterum post
regenerationem: primum, quod ante regenerationem, comparatur per
experientias sensuum [etc.] … At rationale post regenerationem formatur a
Domino per affectiones veri et boni spiritualis …" (HG 2657).
6 Andere Dreiteilungen: "Es gibt ein Innerstes; es gibt innere Bereiche
(interiora) unter dem Innersten und es gibt äußere Bereiche (exteriora) im
Menschen." (HG 6451). Die inneren Bereiche des Menschen "sind allgemein in
drei Grade unterteilt, nämlich in das Himmlische, das Geistige und das
Natürliche." (HG 9825).
7 Eine Vierteilung (vier Grade): "Die inneren Bereiche (interiora) beim
Menschen sind in Grade unterteilt … den ersten Grad bildet das innere
Vernnftige … den zweiten Grad das äußere Vernünftige … den dritten Grad das
innere Natürliche … den vierten Grad das äußere Natürliche oder Sinnliche"
(HG 5145). Diese Vierteilung ließe sich zu einer Zweiteilung vergröbern (das
Vernünftige - das Natürliche); tatsächlich schreibt Swedenborg: "Beim
Menschen gibt es zwei voneinander völlig getrennte Bereiche: das
Vernünftige und das Natürliche. Das Vernünftige bildet den inneren
Menschen und das Natürliche den äußeren, aber sowohl das Natürliche als
auch das Vernünftige haben ihr Äußeres und ihr Inneres" (HG 4570).
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Wiedergeburt mit dem Inneren in Übereinstimung gebracht wird. Die


Wiedergeburt erfolgt kraft des Innersten und durchdringt von dort all-
mählich auch das Äußere: "Die Durchdringung (insinuatio) mit dem vom
Herrn stammenden Leben geschieht bei denen, die sich im Prozeß der
Wiedergeburt befinden, in einer vom Herrn her absteigenden Ordnung;
das heißt sie geschieht durch das Innerste (intimum) und somit durch
die inneren Bereiche bis zu den äußeren." (HG 8456)8. Über das Innerste
schreibt Swedenborg: Bei jedem Menschen gibt es "ein Innerstes oder
Höchstes, in welches das Göttliche des Herrn zuerst oder zunächst ein-
fließt … Dieses Innerste oder Höchste kann als Eingang des Herrn beim
Engel und Menschen und als seine eigentliche Wohnung bei ihnen
bezeichnet werden." (HH 39)9. Das Innerste verleiht jedem Menschen,
auch dem bösen, die spezifisch menschlichen Fähigkeiten des Denkens,
des Wollens, des Sprechens und des Kulturschaffens. 10 Das Innerste ist
wie die Sonne, die - auch wenn sie infolge der Wolkendecke nicht zu
sehen ist - dennoch die Helligkeit des Tages bewirkt; die Helligkeit des
Tages ist das Wachbewußtsein des äußeren Menschen. Das Innerste ist
das Sinnzentrum der Seele, um das sich alle Lebensvollzüge sammeln
sollen. Jesus sagte: "Wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut" (Mt
12,30). Die Wiedergeburt ist die Sammlung um das göttliche Zentrum;
wer sich nicht sammeln läßt, muß in der Zentreuung äußerer
Lebensvielfalt leben. Wer sich jedoch sammeln läßt, wird das sinnstif-
tende Zentrum seines Lebens allmählich auch in den äußeren
Lebensvollzügen erkennen können und so sein Leben in den Griff
bekommen. "Das Innerste eines Menschen ist das Gute und Wahre." (HG
2576). Es ist daher immer gut; selbst dann noch, wenn der äußere
Mensch böse ist. Je weniger man willens ist, sich wiedergebären zu las-
sen, desto gespaltener oder oberflächlicher wird man, weil der Gegensatz
zwischen Innen und Außen bestehen bleibt: Das natürliche Gemüt "steht
von Geburt an im Gegensatz zu dem, was zum geistigen Gemüt gehört."

8 Der lateinische Originaltext: "insinuatio vitae a Domino apud illos qui


regenerantur fit in ordine successivo ab Ipso, ita per intimum, et sic per
interiora ad exteriora" (HG 8456). Weitere Stellen: "influxus … fit per internum
in externum" (HG 10429). "externum ab internis, seu per interna a Domino,
vivit" (HG 349). "ordo … Divinus est ut Dominus influat per interiora hominis in
exteriora ejus" (HG 8513).
9 Vgl. auch HG 1940.
10 Hier kann man auf Swedenborgs "Ritzentheorie" verweisen: HG 3167, 3679,
5127, 6299, 6564.
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(GLW 263). "Der natürliche Mensch aus sich heraus stimmt überhaupt
nicht mit dem geistigen überein, sondern ist so uneins, daß er gänzlich
entgegengesetzt ist" (HG 3913)11. Dieser Gegensatz führt dazu, daß die
Impulse aus dem Innersten pervertiert, das heißt den Interessen des
äußeren Menschen dienstbar gemacht werden.
"Obschon beim Menschen nicht die himmlische sondern die höllische
Liebe ist, entstammt doch das Innerste seines Lebens der himmlischen Liebe,
denn diese Liebe fließt ständig vom Herrn ein und ist der Ausgangspunkt der
Lebenswärme, aber bei ihrem Fortschreiten verkehrt sie der Mensch, woher
die höllische Liebe und die unreine Wärme stammen." (HG 6135)12. "Mit dem
Einfluß durch das Innere verhält es sich folgendermaßen: Der Herr fließt
ständig durch das Innere des Menschen mit dem Guten und Wahren ein
… aber der Einfluß wird bei den Bösen, wenn er weiter, nämlich in das
Äußere, vordringt, bekämpft und zurückgestoßen, verkehrt oder erstickt."
(HG 6564).

Die Wiedergeburt ist keine willentliche Leistung des äußeren


Menschen; sie ist in diesem Sinne kein willkürlicher Akt, eher ein
unwillkürlicher; denn der Wille des natürlichen Menschen ist gerade das
Hindernis auf dem Weg zur Wiedergeburt. Swedenborg hat einen sehr
hohen Begriff von der Fähigkeit zu wollen; einen so hohen Begriff, daß er
die Triebleistungen des natürlichen Menschen genau genommen gar
nicht als "voluntas" (Wille) bezeichnen kann: "Der (echte) Wille … ist
keine Eigenschaft des Menschen …; die Eigenschaft des Menschen ist die
Begierde (Triebleistung), die man (gemeinhin) 'Wille' nennt." (HG 105;
vgl. auch 568). Zu diesem Ergebnis gelangt man auch, wenn man
Swedenborgs Willensdefinition genau liest: "Der Wille ist das
Aufnahmegefäß und die Grundlage für alles, was mit dem Guten zusam-
menhängt" (NJ 29). Unser eigener Wille ist sicher nicht das Organ des
Guten. Daher kann Swedenborg schreiben: "Die Göttliche Vorsehung [=
das Walten der göttlichen Liebe und Weisheit] wirkt niemals mit der

11 Der lateinische Originaltext: "… quod naturalis homo ex se prorsus non


concordet cum spirituali, sed quod in tantum discordet, ut prorsus ei oppositus
sit" (HG 3913).
12 Der lateinische Originaltext: "et licet apud hominem non est amor caelestis sed
amor infernalis, usque est intimum vitae ejus ab amore caelesti, hic enim amor
continue influit a Domino et facit apud illum calorem vitalem in suo principio,
at in progressu pervertitur ab homine, inde amor infernalis a quo immundus
calor." (HG 6135).
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willentlichen Liebe des Menschen zusammen, sondern ständig ihr entge-


gen" (GV 183). Die Fähigkeit zu wollen (in diesem hohen Sinne) ist weit-
gehend zerstört. Wir sind nicht mehr Menschen, die als Ebenbilder
Gottes etwas bewegen können, denn wir werden selbst ständig nur von
irgendwelchen Kräften bewegt. Zum echten Wollen gehört aber die
Freiwilligkeit, gehört die Souveränität des Geistes. Alle Bewegung
kommt aus der Ruhe des Geistes (Sabbat); nicht aus dem Getriebensein
im Getriebe der Zeit. Daher ist unser "Wollen" genau genommen "cupidi-
tas" (Gier und Leidenschaft), und daher ist es unmöglich, sich mit dem
eigenen Willen vom Eigenwillen zu lösen. Und dennoch muß der Mensch,
auch wenn er sich nicht selbst erlösen kann, irgendwie fähig sein,
wenigstens die Tür zu öffnen, nach dem Wort des Herrn: "Siehe, ich
stehe an der Tür und klopfe an; wenn jemand meine Stimme hört und
die Tür öffnet, zu dem werde ich eingehen und mit ihm essen, und er
mit mir." (Offb. 3.20). Das bezieht sich auf die Fähigkeit zu verstehen; sie
ist noch einigermaßen intakt, denn man kann das Wahre einsehen, auch
wenn man nicht willens ist, ihm zu folgen. Zwar sind im Denken und
besonders im Argumentieren eines Menschen stets auch dessen
Interessen spürbar, aber dennoch ist eher unser Verständnis für das
Wahre aufgeschlossen als unser "Wille" für das Gute. Daher versucht
Gott, uns über das Wort zu erreichen (Prinzip der heiligen Schriften), so
daß der Verstand Gottes Tor zum Menschen wird: "Da … der Wille des
Menschen von Natur aus böse ist und der Verstand lehrt, was böse und
was gut ist, und da er das eine wollen und das andere nicht wollen kann,
so folgt, daß der Mensch durch den Verstand umgebildet werden muß."
(WCR 587).

Swedenborg unterscheidet Umbildung (reformatio)13 und Wiederge-


burt. Diese Unterscheidung ist für ihn so grundlegend, daß er sie noch in

13 Die deutsche Übersetzung der HG ist hier leider sehr verwirrend. Denn
"reformatio" wird mit "Besserung" (89, 645, 653, 1255, 1300, 2276, 2343, 2671,
2679, 2708, 2874, 2877, 2945, 2954, 3043, 3057, 3125, 3128, 3145, 3324, 3518, 3539,
3570, 3576, 3587, 4029, 4031, 4174, 5270, 5275, 5280, 5470, 5504, 5505, 5508, 6669,
6724, 8209, 8974, 10669) und gelegentlich auch mit "Umbildung" (610, 611, 2044,
4073, 8209) wiedergegeben. Hinzu kommt, daß "Besserung" auch als Äquivalent
für "emendatio" (592, 1886, 4217, 4730, 4942, 5036, 5087, 6977, 7186, 7332, 8700,
9040, 9045, 9087, 9123, 9124, 9130, 9132, 9168, 9254, 9256, 9258, 9259, 9325)
verwendet wird, das wiederum manchmal auch mit "Verbesserung" (6405, 9046,
9076, 9086, 9102) übersetzt wird. Diese Übersetzungspraxis verschleiert
Swedenborgs Vorstellung und sollte bei der geplanten Neuausgabe korrigiert
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seinem theologischen Hauptwerk "Wahre Christliche Religion" sogar als


Überschrift des 10. Kapitels beibehält. Das Sechstagewerk (Genesis 1,1-
31) beschreibt eigentlich die Umbildung14 und nicht die Wiedergeburt.
Denn dort ist vom geistigen Menschen die Rede; und dieser Begriff ist
scharf von dem des himmlischen Menschen abgegrenzt (siehe HG 81).
Der geistige Mensch ist - kurz gesagt - aus der Kenntnis des Wahren
bestrebt, das Gute zu tun; im Mittelpunkt steht also die Kenntnis des
Wahren; und das weist auf die Umbildung. Wenn man freilich nicht so
genau differenzieren will, dann kann man auch schon das Sechstagewerk
mit der Wiedergeburt in Verbindung bringen (vgl. HG 6). Man sollte
dann aber wissen, daß man Wiedergeburt als Sammelbegriff verwendet,
der auch die Umbildung beinhaltet. Die Unterscheidung von Umbildung
und Wiedergeburt fügt sich in den Dualismus von Swedenborgs Denkens
ein; das heißt in die Dualität von Liebe und Weisheit, Gutes und Wahres,
Wille und Verstand. Denn die Umbildung betrifft den Verstand; die
Wiedergeburt hingegen den Willen. Freilich ist das eine verkürzte
Sprechweise, denn weder Umbildung noch Wiedergeburt betreffen nur
den Verstand oder nur den Willen. Genauer muß man formulieren: Die
Umbildung betrifft den Verstand und führt zu praktischen, nämlich
ethischen Konsequenzen; die Wiedergeburt betrifft das Wollen und
durchdringt in der Folge auch das Verständnis. Also beide Akte betref-

werden. In 8209 läßt der Übersetzer seine Unsicherheit erkennen, indem er


dem Leser für "reformatio" beide Möglichkeiten anbietet: "Besserung (oder
Umbildung)". Umbildung und Wiedergeburt begegnen schon in den HG als
Wortpaar (653, 1300, 2276, 2343, 2877, 2954, 3043, 3125, 3576, 4029, 4031, 5270,
5275, 5508, 10669). Auf die verschiedenen Übersetzungsmöglichkeiten von
"reformare" weisen schon die "Monatsblätter für die Neue Kirche" 7/1928 hin,
und zwar im Blick auf die schwierige Frage, ob im anderen Leben eine
grundsätzliche "Besserung" möglich sei. "Sie nehmen Anstoß daran, daß
Swedenborg lehre, daß Menschen sich nach dem Uebertritt in die andere Welt
nicht mehr bessern … Hier ist der Widerspruch nur ein scheinbarer und
beruht lediglich auf einer Ungenauigkeit der Uebersetzung, indem das Wort
reformare in Swedenborg stets mit 'umbilden' übersetzt werden sollte und
nicht mit 'bessern'." (S.113). Allerdings ist die Schwierigkeit damit nicht
beseitigt, denn Swedenborg kann in diesem Zusammenhang auch das Wort
"emendatio" verwenden: "nec in altera vita datur emendatio (auch wird im
anderen Leben keine Besserung gegeben)" (HG 7186).
14 Zur Begründung sei außerdem auf HG 10729 verwiesen: Sechs Tage bezeichnen
"den ersten Zustand der Wiedergeburt des Menschen vom Herrn; und dieser
Zustand ist vorhanden, wenn der Mensch im Wahren ist und durch das Wahre
zum Guten geführt wird".
Mysterium Regenerationis 9

fen den ganzen Menschen; jedoch ist die Priorität anders gesetzt.
Swedenborg differenziert die beiden Akte folgendermaßen:
"Der Mensch muß während seiner Umwandlung vom natürlichen zum
geistigen Wesen zwei Zustände erreichen und durchlaufen: Der erste wird als
Umbildung, der zweite als Wiedergeburt bezeichnet. Im ersten Zustand blickt
der Mensch aus seinem Natürlichen auf das Geistige und sehnt sich danach,
im zweiten Zustand wird er zu einem geistig-natürlichen Menschen. Die
Wahrheiten, die den Gegenstand des Glaubens darstellen sollen und mit deren
Hilfe er auf die Nächstenliebe hinblickt, bilden den ersten Zustand, das Gute
der Nächstenliebe, von dem aus er in die Wahrheiten des Glaubens eingeht,
den zweiten. Mit anderen Worten: ersterer ist ein Zustand des Denkens aus
dem Verstand, lezterer ein Zustand des Liebens aus dem Willen." (WCR 571)15.

Die Umbildung, sagten wir, betrifft den Verstand. In diesem


Zusammenhang muß man sehen, daß Swedenborgs "reformatio" das
Element "forma" (Form od. Gestalt) enthält, womit man an die Definition
des Wahren als "forma boni" (Form des Guten) erinnert wird.
Swedenborg schreibt: "Das Wahre ist die Form des Guten, das heißt wenn
das Gute geformt wird, so daß es mit dem Verstand wahrgenommen
wird, dann heißt es das Wahre." (HG 3049)16. Auch das folgende Zitat
beweist, daß Swedenborg bei der "reformatio" an die "formatio"
(Formung od. Gestaltung) denkt: "Ein Abbild der Umbildung
(reformationis) des Menschen ist seine Bildung (formatione) im
Mutterleib; tatsächlich ist es das himmlisch Gute und geistig Wahre vom
Herrn, das den Menschen bildet (format)" (HG 3570)17. Die "reformatio"
ist also eine Neuformung, Neugestaltung, Umbildung oder Umgestaltung;
mehrere Übersetzungen sind möglich. Sie ist die Einübung eines neuen
Denkens und Tätigseins, so daß unser Geist gleichsam eine neue Haut

15 Weitere Stellen: "Der erste Akt der neuen Geburt heißt Umbildung und betrifft
den Verstand. Der zweite Akt heißt Wiedergeburt und betrifft den Willen und
von daher auch den Verstand." (WCR 587-590). "Es gibt … zwei Zustände beim
Menschen, wenn er vom Herrn wiedergeboren wird: einen früheren, wenn er
im Wahren ist und durch das Wahre zum Guten geführt wird; und einen
späteren, wenn er im Guten ist und aus dem Guten das Wahre sieht und liebt."
(HG 10729). Vgl. auch HG 3539 und 5280.
16 Der lateinische Originaltext: "est verum forma boni, hoc est, cum bonum
formatur ut intellectualiter percipiatur, tunc id vocatur verum" (HG 3049).
17 Der lateinische Originaltext: "inde constat quod imago reformationis hominis
sistatur in formatione ejus in utero; et si credere velis, est quoque bonum
caeleste et verum spirituale quod a Domino, quod illum format …" (HG 3570).
Mysterium Regenerationis 10

oder eine neue Gestalt bekommt. Sie ist eine Umorientierung, die allge-
mein gesagt darin besteht, daß man lernt, im Kontext der Gemeinschaft
zu denken. Das freilich ist leichter gesagt als getan, denn weder die
tatsächlichen Bedürfnisse unserer Gesellschaft sind leicht zu erkennen,
noch unsere Möglichkeiten, einen sinnvollen Beitrag zu leisten. Aber
indem man sein Denken auf dieses Feld konzentriert, formt sich ein
neues Bewußtsein. Das ist die "reformatio". Das von Gott ausgehende
Leben verändert sich beim Abstieg in die niederen Bewußtseinsbereiche.
Insbesondere geht die Ganzheit des Lebens verloren; es polarisiert sich
und die Sphäre des Lichtes (Bewußtsein) waltet vor. In Gott, dem voll-
kommenen Leben, sind Liebe und Weisheit eins; nicht so im Menschen,
das heißt in seinem Mentalbereich (mens): Weisheit und Liebe "gehen
vereint vom Herrn aus und fließen ebenso vereint in die Seelen der
Engel und Menschen ein; doch werden sie in ihren Gemütern (mentibus)
nicht vereint aufgenommen, sondern zuerst das Licht, das den Verstand
bildet, und nach und nach die Liebe, die den Willen bildet." (SK 14)18.
Die Weisheit wird also unterwegs von ihrer Liebe getrennt. Selbst Gott
mußte sich bei seiner Menschwerdung dem Gesetz dieser Welt anpassen,
weswegen er als "das Wort" Fleisch wurde (Joh 1.14). Der johanneische
Logos (= das "Wort") ist das Göttlich-Wahre (WCR 85). Doch dieses Wort
erkannte sich als das Wort des Vaters, das heißt als das Wort der ewigen
Liebe und hob somit die Trennung von Liebe und Weisheit auf. Das ist
die Erlösung des Wortes aus der Erstarrung des (geistigen) Todes.
Innerhalb des swedenborgschen Systems ist die Liebe das Leben und
die Weisheit nur dessen Form. Deswegen kann man sagen: das von Gott
ausströmende Leben stirbt bei seinem Abstieg; übrig bleiben nur die
Formen. Die Weisheit wird zu einem toten Ausdruck des Lebens; als sol-
cher begegnet sie uns im natürlichen Grad des Seins. 19 Daher entdecken

18 Der lateinische Originaltext: Sapientia et amor "unitim procedunt a Domino, ac


similiter unitim influunt in animas angelorum et hominum, verum non
recipiuntur unitim in mentibus illorum, recipitur primum ibi Lux quae facit
Intellectum, et pedentim Amor qui facit Voluntatem; hoc etiam ex proviso est,
quia omnis homo e novo creandus est, hoc est, reformandus, et hoc fit per
Intellectum" (SK 14). In WCR 41 schreibt Swedenborg: Liebe und Weisheit sind
in Gott eins. "An den Gegenständen aber zeigt sich, daß Wärme und Licht im
Hervorströmen geteilt werden … Dies ist besonders beim Menschen der Fall. In
ihm werden Licht und Wärme des Lebens, Einsicht und Liebe geteilt, und zwar
darum, weil er umgebildet und wiedergeboren werden soll."
19 Von hier aus ist es nicht mehr weit zu dem Gedanken der Lorberwerke: Die
Weisheit verdichtet sich bei ihrem Fall zur Materie.
Mysterium Regenerationis 11

wir bei unserem Forschen in der erstarrten Formenwelt allenthalben die


Weisheit, - und finden doch die Liebe nicht. In den Mentalbereichen des
menschlichen Geistes ist es ähnlich. Doch das hat nun im Hinblick auf die
Wiedergeburt einen positiven Sinn. Die an sich lieb- und leblosen
Weisheitsformen, die wir via göttliche Offenbarung von außen aufneh-
men, können Aufnahmegefäße des Lebens werden. Liebe und Weisheit
sind selbst im Tod noch göttliche Zwillinge, die nie wirklich getrennt
werden können; sie lieben sich so sehr, daß der eine auf Dauer nicht
ohne den anderen sein kann. Deswegen spürt die Weisheit, je reifer sie
wird, daß ihre Erfüllung nicht in der Allwissenheit liegen kann, sondern
nur in der Liebe. Doch der Mensch beginnt seine Suche nach dem Leben,
indem er zunächst die Formen des Lebens bewundert und erwirbt.
Dieser erste Schritt ist die Umbildung des Geistes. Das Interesse an der
Form ist vorgesehen worden, nicht um bei der formalen Bewunderung
eines Gedankens stehen zu bleiben, sondern um in der Form das Leben
zu finden. Bei Swedenborg liest sich das so:
"Die Fähigkeit des Menschen, aus dem Verstande und nicht zugleich aus
dem Willen zu denken, ist deshalb vorgesehen worden, damit er umgebildet
werden kann. Denn der Mensch wird durch das Wahre umgebildet, und das
ist … Sache des Verstandes." (HH 424 mit interessanter Fortsetzung)20. "Der
Mensch handelt vor der Wiedergeburt aus dem Wahren … hingegen nach der
Wiedergeburt aus dem Guten" (HG 8505)21. "Niemand kann von den schmutzi-
gen Leidenschaften (amoribus) gereinigt werden, es sei denn er ist im
Wahren; aus dem Wahren erkennt man, was rein und unrein und was heilig
und gewöhnlich ist. Bevor man dies weiß, sind keine Mittel vorhanden, in
und durch welche die himmlische Liebe wirken kann, die ständig vom Herrn
einfließt und nur im Wahren aufgenommen werden kann. Deshalb wird der
Mensch durch die Kenntnisse des Wahren umgebildet und wiedergeboren,
und zwar erst wenn er in sie eingeweiht ist." (HG 2046)22.

20 Der lateinische Originaltext: "Quod homo possit cogitare ex intellectu, et non


simul ex voluntate, est provisum ob finem ut possit reformari; nam homo per
vera reformatur, et vera … sunt intellectus" (HH 424).
21 Der lateinische Originaltext: "homo ante regenerationem agit ex vero … at post
regenerationem agit ex bono" (HG 8505).
22 Der lateinische Originaltext: "nemo purificari potest ab amoribus illis spurcis
nisi qui in vero est; ex vero cognoscit quid est purum et impurum, et quid
sanctum et profanum; antequam hoc novit non sunt media in quae et per quae
operari potest amor caelestis qui continue influit a Domino, qui non recipi
potest nisi in veris; quare per cognitiones veri reformatur et regeneratur
Mysterium Regenerationis 12

Die Aufnahme des Wahren von außen formt ein neues Bewußtsein; ja
es entsteht überhaupt erst eine Bewußtheit des Wahren. In ihr kann sich
die himmlische Liebe als in dem geeignetsten Medium entfalten. Freilich
ist es nicht das Wahre, das die Wiedergeburt aktiv bewirkt; das Wahre
gibt sich lediglich dem Guten hin und ist somit die passive Ermöglichung
der Geburt des Guten im Schoß des Wahren. Die aktive Kraft ist die Liebe
und somit das Gute:
"Der Mensch der geistigen Kirche scheint durch das Glaubenswahre wie-
dergeboren zu werden, aber er weiß nicht, daß es durch das Gute des Wahren
geschieht. Das Gute erscheint nämlich nicht; es macht sich lediglich in der
Neigung zum Wahren bemerkbar und dann auch im Leben nach dem
Wahren. Niemand kann durch das Wahre wiedergeboren werden; es sei denn,
mit dem Wahren geht das Gute einher, denn das Wahre ohne das Gute ist leb-
los" (HG 2697)23.

Versuchungen sind streng genommen nur im Zustand der Umbildung


möglich. Damit ist freilich nicht gesagt, daß jeder, der sich umbildet, ver-
sucht wird. Schon bei seiner Auslegung des Sechstagewerkes, das sich
auf den geistigen Menschen bezieht (also nicht auf den himmlischen),
schrieb Swedenborg: "Der geistige Mensch befindet sich im Kampf." (HG
81). Das heißt er befindet sich in Versuchungen, denn Versuchungen
sind innere Kämpfe (NJ 187-195). Der Zusammenhang zwischen
Umbildung und Versuchung wird noch klarer, wenn man erkennt, in
welchem Verhältnis das Wahre und das Eigene stehen. Zwar wird man
während seiner Umbildung "vom Herrn geführt, aber durch sein Eigenes,
denn aus dem Wahren handeln bedeutet, aus dem handeln, was beim
Menschen ist." (HG 10729). Solange man im Wahren ist, ist man immer
auch noch im Eigenen; erst wer aus der Tiefe seiner Seele liebt, will
nichts mehr sein Eigen nennen. Da nun also der geistige Mensch im

homo, et hoc non prius quam cum illis imbutus est; ipsa conscientia per vera
fidei formatur, nam conscientia est veri et recti qua regeneratus donatur" (HG
2046).
23 Der lateinische Originaltext: "spiritualis enim Ecclesiae homo per vera fidei
regenerari videtur, sed nescit quod per bonum veri, nam id non apparet, solum
se manifestat in affectione veri, et dein in vita secundem verum; nusquam
aliquis regenerari potest per verum nisi cum vero sit bonum, nam verum
absque bono est nullius vitae; quare per verum separatum a bono non aliqua
vita, quae tamen homini per regenerationem." (HG 2697).
Mysterium Regenerationis 13

Wahren und somit im Eigenen ist, ist er versuchbar, denn im Eigenen


finden die bösen Geister die nötigen Angriffspunkte. Die Umbildung
sollte eigentlich zu geistigen Kämpfen (Versuchungen) führen, aus denen
dann die Wiedergeburt hervorgehen kann; allerdings ist meist die
Entschlossenheit, dem Wahren zu folgen, nicht so stark ausgeprägt, daß
sich die Umbildung in Versuchungen zuspitzen kann. Aus dem folgenden
Text kann man die Reihenfolge Umbildung, Versuchung und
Wiedergeburt ersehen:
"In diesen Zustand [der Umbildung] werden die meisten in der Kirche von
der Kindheit bis zur Jugend eingeführt, aber dennoch werden nur wenige
wiedergeboren, denn die meisten in der Kirche lernen die Glaubenswahrhei-
ten oder die Kenntnisse des Guten mit der Absicht auf einen guten Namen,
Ehre und Gewinnsucht. Wenn daher die Glaubenswahrheiten durch diese
Interessen eingeführt wurden, kann man nicht von neuem oder wiederge-
boren, bevor sie entfernt werden. Der Mensch wird also in den Zustand der
Versuchung geschickt, damit sie entfernt werden." (HG 5280)24.

Geistige Versuchungen sind innere Kämpfe, die frühestens dann mög-


lich sind, wenn das geistig Wahre intensiv in die Lebenspraxis einbezo-
gen wird. Meist bleibt es jedoch ein religiöser Anstrich oder scheitert an
Halbherzigkeiten; Versuchungen sind erst dann möglich, wenn die
Sehnsucht nach dem Wahren (oder nach der echten Spiritualität) so
stark ist, daß es sich mit dem Leben verbinden will; dann spätestens
müssen die inneren Widerstände aufbrechen und es muß zum Kampf
kommen. Ohne diese Sehnsucht werden wir immer die alten Gesellen
bleiben. "Ohne Versuchung wird niemand wiedergeboren." (HG 8403).
Doch nur noch wenige Menschen werden zu Versuchungen zugelassen
(NJ 193). Also werden auch nur noch wenige Menschen wirklich wieder-
geboren; das bedeutet freilich nicht, daß dem Himmel der Nachwuchs

24 Der lateinische Originaltext: "in hunc statum [reformationis] introducuntur


plerique qui in Ecclesia ab infantia usque ad adolescentiam, at usque pauci
regenerantur, vera enim fidei seu cognitiones boni discunt plerique in Ecclesia
ob finem famae et honoris et ob finem lucri; cum itaque vera fidei per illos
amores introducta sunt, non potest homo e novo nasci seu regenerari
priusquam illi amores remoti fuerint; ut itaque removeantur, mittitur homo in
statum tentationis" (HG 5280). Siehe auch HG 8643. "Wenn der Mensch durch das
Glaubenswahre ins Gute der tätigen Liebe eingeführt wird, dann erduldet er
Versuchungen, wenn er hingegen im Guten der tätigen Liebe ist, dann hören
sie auf, denn dann ist er im Himmel." (HG 8968).
Mysterium Regenerationis 14

ausgeht, denn - wie gesagt - Swedenborg unterscheidet zwischen


Umbildung und Wiedergeburt. Meist verwechselt man die bewußte
Umgestaltung und Neuorientierung des Denkens, Wollens und Handelns
mit der Wiedergeburt. So löblich es ist, daß man an sich arbeitet und
bestrebt ist, nach dem göttlichen Wort zu leben: Wiedergeburt ist das
noch lange nicht! Aber immerhin, tröstlich ist: "Wer in der Welt den
ersten Zustand (= Umbildung) begonnen hat, kann nach dem Tod in den
zweiten (= Wiedergeburt) eingeführt werden" (WCR 571) und dann im
Jenseits erfahren, was Versuchungen sind: "Wenn Menschen, die ein
gewisses Maß von geistigem Leben erlangt haben, in der Welt nicht in
Versuchung kamen, so geschieht es in der anderen Welt." (NJ 197). Also,
wer Versuchungen nicht kennt, kann sich bestenfalls in den ersten
Stadien der Umbildung befinden, der heutzutage unter geistigen
Menschen die Regel sein wird. Swedenborg bestätigt das, wenn er
schreibt: "Nicht alle, die wiedergeboren werden, kommen bis zum
[sechsten] Zustand [= sechster Tag], sondern einige - und zwar heutzu-
tage der größte Teil - nur bis zum ersten, einige bis zum zweiten, einige
bis zum dritten, vierten oder fünften, selten bis zum sechsten, und kaum
jemand zum siebenten." (HG 13). Daher ist die Wiedergeburt bis heute
ein so großes Geheimnis. An die Stelle geistiger Versuchungen sind
Unglücksfälle, Schicksalsschläge, Krankheiten und die Todesangst getre-
ten; sie hemmen die natürliche Lebenslust und halten im
Massenpublikum ein wenig das Bewußtsein für Höheres wach. Zum
Bestehen der Versuchungen sind die Überreste wichtig:
"Die Überreste beim Menschen sind bei denen, die durch Versuchungen
wiedergeboren werden, für die Engel da; denn sie holen daraus das hervor,
was zu seiner Verteidigung gegen die bösen Geister dient, die ihrerseits das
Falsche beim Menschen anregen und ihn so angreifen" (HG 737)25.

"Der Mensch wird durch Überreste wiedergeboren" (HG 7831). Dabei


handelt es sich um alle Zustände des Guten und Wahren, die man vor
allem (aber nicht nur) in seiner Kindheit erleben durfte und die nun im

25 Der lateinische Originaltext: "apud eos qui per tentationes regenerantur,


reliquiae apud hominem sunt pro angelis apud eum, qui ex iis depromunt illa
quibus hominem defendunt contra malos spiritus qui falsa apud eum excitant et
sic oppugnant" (HG 737).
Mysterium Regenerationis 15

inneren Menschen verborgen sind.26 Überreste sind Urerfahrungen; in


der Kindheit waren sie unser selbstverständliches Lebensgefühl, in dem
uns der Himmel eine Gewißtheit war, obwohl wir noch nicht denken
konnten. Diese Erfahrungen sind außerordentlich wichtig für die spätere
Entwicklung, weswegen man jedem eine glückliche Kindheit wünschen
möchte.
Die Überreste "sind nicht nur das Gute und Wahre, das der Mensch von
Kindheit an aus dem Wort gelernt und seinem Gedächtnis eingeprägt hat,
sondern auch alle daherstammenden Zustände, wie die der Unschuld von
Kindheit an, die der Liebe zu den Eltern, Geschwistern, Lehrern und Freun-
den, die der Nächstenliebe und der Barmherzigkeit gegenüber den Armen
und Bedürftigen; kurz alle Zustände des Guten und Wahren. Diese Zustände
zusammen mit dem Guten und Wahren, das dem Gedächtnis eingeprägt ist,
heißen Überreste. Der Herr erhält sie beim Menschen, verbirgt sie - ohne
sein Wissen - in seinem inneren Menschen und trennt sie sorgfältig von
seinem Eigenen, das heißt von seinem Bösen und Falschen." (HG 561). "In den
Überresten ist geistiges und himmlisches Leben" (HG 468).

Wichtig an dieser Konzeption ist, daß diese Inhalte des inneren


Menschen (des "Unbewußten") einst bewußt waren und erst im Zuge der
Persönlichkeitsentwicklung in Vergessenheit gerieten; als sich nämlich
das "Eigene" entwickelte, war für das Gute und Wahre kein Platz mehr,
so daß es im Dunkel der Seele versinken mußte. Da nun aber die
Überreste einst bewußt waren, stehen sie dem Bewußtsein des äußeren
Menschen näher als das innerste Gute und Wahre, das nie bewußt war.
Das heißt: Die Überreste sind bewußtseinsfähiger und sind daher das
ideale Mittel der Wiedergeburt: "Diese Zustände sind die

26 Zur Definition der Überreste: Die Überreste "sind alle Zustände der Liebe und
der tätigen Liebe, demnach alle Zustände der Unschuld und des Frieden, mit
denen der Mensch beschenkt wird. Diese Zustände werden dem Menschen von
Kindheit an geschenkt, aber allmählich immer weniger, je erwachsener er
wird." (HG 1738). Die Überreste "sind alle Zustände der Neigung des Guten und
Wahren, mit denen der Mensch vom Herrn von der frühen Kindheit bis zum
Lebensende beschenkt wird." (HG 1906). Die Überreste "sind alles Gute und
Wahre beim Menschen, das verborgen in seinen Gedächtnissen und in seinem
Leben ruht." (HG 2284). Die beiden folgenden Formulierungen lassen zwei
Übersetzungen zu: "reliquiae sint bona et vera a Domino apud hominem
recondita" (HG 2959). reliquiae "sint bona et vera a Domino in interiore homine
recondita" (HG 6156). Erste Möglichkeit: "Die Überreste sind das Gute und Wahre
vom Herrn, das beim Menschen verborgen ist." Oder: "Die Überreste sind das
Gute und Wahre, das vom Herrn bei Menschen verborgen ist."
Mysterium Regenerationis 16

Ausgangspunkte (principia) der Wiedergeburt." (HG 1050). Deswegen


sollte man nicht nur die traumatischen Kindheitserinnerungen noch
einmal durchleben, sondern vor allem auch das, was uns der Himmel
einst schenkte und was uns zutiefst bewegte. Die Bedeutung der
Überreste im Wiedergeburtsprozeß wird aus den folgenden Texten
ersichtlich:
"Die Überreste sind eigentlich das dem Guten beigefügte Wahre. Insoweit
sich der Mensch wiedergebären läßt, sind sie von Nutzen, denn aus ihnen
wird vom Herrn so viel hervorgeholt und ins Natürliche zurückgeschickt,
daß eine Entsprechung des Äußeren mit dem Inneren oder des Natürlichen
mit dem Geistigen hergestellt wird." (HG 5342)27. "Bei der Wiedergeburt wer-
den die Überreste vom Inneren ins Äußere zurückgebracht, und zwar in dem
Maße wie der Wiedergeburtsprozeß voranschreitet; weil nämlich durch die
Wiedergeburt das Innere mit dem Äußeren verbunden wird und sie als
Einheit tätig sind." (HG 6156)28. "Je weniger Überreste da sind, desto weniger
können die Vernunft und das Wissen erleuchtet werden, denn das Licht des
Guten und Wahren fließt von oder (genauer) durch die Überreste vom Herrn
her ein." (HG 530)29.

Wiedergeburt ist mehr als Umbildung; das ist uns inzwischen klar
geworden. Doch wie wird nun die Jesusliebe zum vorherrschenden
Lebensgefühl? Wie nimmt das neue Leben Gestalt in uns an? Ich versu-
che im folgenden auf der Linie dessen zu bleiben, was bisher gesagt
wurde. Ich kann mir aber vorstellen, daß es auch andere Antworten
gibt; denn hier ist die Weisheit des Herzens gefragt. An dieser Stelle
hätten die wahrhaft Liebenden das Wort zu ergreifen; sie allein können
stroherne Theologie in wahre Lebensworte verwandeln. Wir sprachen
von der Rolle des Eigenen bei der Umgestaltung und sahen, daß die

27 Der lateinische Originaltext: "vera … bono adjuncta sunt quae in proprio sensu
vocantur reliquiae; quantum itaque homo patitur se regenerari, tantum
reliquiae inserviunt usui, nam tantum ex illis a Domino depromitur, et in
naturale remittitur, ut producatur correspondentia exteriorum cum
interioribus, seu naturalium cum spiritualibus" (HG 5342).
28 Der lateinische Originaltext: "cum homo regeneratur, tunc illae (reliquiae) in
tantum ab interioribus remittuntur in exteriora quantum regeneratur, ex causa
quia per regenerationem interiora conjunguntur cum exterioribus et unum
agunt" (HG 6156).
29 Der lateinische Originaltext: "quo pauciores (reliquiae) sunt, eo minus illustrari
possunt ejus rationalia et scientifica; nam lux boni et veri, a reliquiis seu per
reliquias a Domino, influit" (HG 530).
Mysterium Regenerationis 17

Umgestaltung eigentlich eine Selbstgestaltung des Menschen kraft des


göttlichen Wortes ist; freilich darf man nicht übersehen, daß im göttli-
chen Wort Gott selbst gegenwärtig ist, somit ist die Umgestaltung keine
reine Selbstgestaltung, aber man wird doch sagen dürfen, daß Gott in
diesem Zustand noch als verhältnismäßig fern empfunden wird, eben
weil das Eigene die Nähe Gottes gleichsam verdrängt. Ganz anders ist es
bei der Wiedergeburt; sie läßt sich nicht mehr erarbeiten, sondern nur
noch erleben. Denn sie besteht ja gerade darin, daß sich der Lebendige
als lebendig erweist. Solange ich versuche, Gott zu beleben, bin ich ein
armer Narr, denn die eigentliche Gottesweisheit ist mir noch nicht zu
Bewußtsein gekommen; wenn aber umgekehrt Gott mein armes Herz
belebt, dann lebt es wirklich. Deswegen kann im folgenden keine
Methode der Wiedergeburt beschrieben werden, denn jede Technik
dient dem Eigenen, nicht im bösen Sinne, aber als ein Mittel, um ein Ziel
zu erreichen. Das Wesentliche der Wiedergeburt besteht aber gerade
darin, daß sie sich nicht erreichen, sondern nur erfahren läßt. Deswegen
kann ich im folgenden nur die Konstellation verdeutlichen, in der sich
die Geburt Gottes ereignen kann, - aber eben nicht ereignen muß. Wir
gingen vom Charakter der Offenbarungsreligion aus, also von der
Einsicht, daß Gott uns zunächst von außen durch das Wort oder das
Wahre anspricht. Doch wen Gott anspricht, der muß sich auch angespro-
chen fühlen. Schon das zeigt, daß die äußere Ansprache mit einer inne-
ren korrespondieren muß. Auf dieses Geheimnis weist Swedenborg hin,
wenn er feststellt, daß im Interesse am Wahren das Gute bereits keim-
haft enthalten ist. Denn woher rührt das Interesse, wenn nicht vom
Guten, das uns innerlich anregt und schon im Wahrheitsstreben die
geheime Macht Gottes ist? Das im Wahren verborgene Gute setzt sich
allmählich durch, so daß das anfänglich theoretische Interesse am
Wahren mehr und mehr dem praktischen Interesse weicht.
"Die Wiedergeburt des geistigen Menschen geschieht folgendermaßen:
Zuerst wird er in den Glaubenswahrheiten unterwiesen und dann vom Herrn
in der Neigung zum Wahren gehalten. Gleichzeitig wird bei ihm das
Glaubensgute, also die tätige Liebe gegen den Nächsten, eingeschleust
(insinuatur), aber so, daß er es kaum m erkt, denn es ist in der Neigung zum
Wahren verborgen, damit das Wahre mit dem Guten verbunden werden
kann. Im Laufe der Zeit wächst die Neigung zum Glaubenswahren und es
wird um des Zweckes willen, nämlich um des Guten oder um des Lebens
willen beabsichtigt, und das immer mehr. So wird das Wahre in das Gute
Mysterium Regenerationis 18

eingepflanzt (insinuatur). Wenn das geschieht, eignet sich der Mensch das
Gute des Lebens gemäß dem nun eingepflanzten Wahren an, und so handelt
er aus dem Guten oder scheint zumindest aus dem Guten zu handeln. Vor
dieser Zeit war ihm das Glaubenswahre die Hauptsache, aber nachher wird es
das Gute des Lebens. Wenn das geschehen ist, dann ist der Mensch
wiedergeboren …" (HG 2979)30.

Swedenborg hat viel über die Ehe des Guten und Wahren geschrieben.
Wir sagten zwar, daß für die Dauer unserer irdischen Existenz das Gute
und das Wahre geschieden sind, aber diese Scheidung ist keine vollstän-
dige. Denn wer vom Wahren ergriffen ist, hat unerkannt schon dem
Guten die Tür geöffnet, - obgleich er sich gegen diese Konsequenz sper-
ren kann. Vor allem läßt sich der äußere Mensch nicht so leicht von sei-
nen Vorlieben und Eitelkeiten trennen. Deswegen kann sich die Macht
des Guten im Wahren nur mühsam durchsetzen. Aber wer sich dennoch
von der Dynamik des Wahren erfassen läßt, der gerät unweigerlich in
den Sog der Wandlung, die letztlich in die Wiedergeburt mündet. Jesus
vergleicht das Himmelreich einmal mit einem Sauerteig; als Bäcker hat
mich dieses Bild immer fasziniert, weil ich täglich sehen konnte, wie eine
Handvoll Sauerteig den großen Kessel des ungesäuerten Teiges über
Nacht durchsäuert. Das ist die Macht des Guten im Wahren. Wer sich auf
das Wahre wirklich einläßt, wird vom Guten überwunden. Das Gute, das
sich kraft des Wahren entfalten kann, wenn wir das zulassen, wird von
Swedenborg das Gute des Wahren genannt; das ist der etwas hölzerne
Ausdruck Swedenborgs für die Nächstenliebe (vgl. HG 4581).
"Das Wahre kann erst dann mit dem Guten verbunden werden … wenn es
im Willen und in der Tat wahr [= verwirklicht] ist, das heißt Gutes des Wahren

30 Der lateinische Originaltext: "Cum regeneratione hominis spiritualis, ita se


habet: primum instruitur is in veris quae sunt fidei, et tenetur tunc a Domino
in affectione veri; bonum fidei, quod est charitas erga proximum, simul
insinuatur ei, sed ita ut vix id sciat, latet enim in affectione veri, et hoc ob
finem ut verum quod est fidei, conjungatur bono quod est charitatis; progressu
temporis crescit affectio veri quod est fidei, et spectatur verum propter finem,
nempe propter bonum, seu quod idem, propter vitam, et hoc magis et magis; sic
verum insinuatur bono; quod cum fit, imbuit homo bonum vitae secundum
verum quod insinuatum est, et sic agit seu agere sibi videtur ex bono; ante hoc
tempus illi principale fuit verum quod est fidei, sed postea fit bonum quod est
vitae; hoc cum factum, tunc regeneratus est homo, at regeneratus est secundum
quale et quantum veri quod insinuatum bono; et cum verum et bonum unum
agunt, secundum quale et quantum boni: ita se habet cum omni regeneratione."
(HG 2979).
Mysterium Regenerationis 19

ist. Denn das Gute, das durch den inneren Menschen einfließt und seinem
Ursprung nach göttlich ist, fließt in den Willen ein und trifft dort auf das
Gute des Wahren, das durch den äußeren Menschen eingepflanzt worden ist."
(HG 4337).

Die Nächstenliebe ist der Tempel der Gottesliebe. An sich ist die
Nächstenliebe noch keine Neigung des Guten und somit des Lebens, denn
sie ist - wie gesagt - lediglich die praktische Konsequenz aus der Einsicht
in das Wahre. Daher kann Swedenborg schreiben: "Die Nächstenliebe
erscheint bei ihnen (= den geistigen Menschen) als die Neigung des
Guten, ist aber die Neigung des Wahren." (HG 2088)31. Die Nächstenliebe
kann aber die Eingeburt der Gottesliebe vorbereiten. Swedenborg schil-
dert das auf seine Weise sehr schön, wenn er von der Verbindung des
himmlischen mit dem geistigen Reich spricht. Das himmlische Reich ist
das Leben der Gottesliebe, und das geistige Reich ist das Leben der
Nächstenliebe. Interessanterweise sind beide Reiche durch die Nächsten-
liebe verbunden.
"Mit der Verbindung dieser zwei Reiche [= des himlischen und des geisti-
gen] verhält es sich folgendermaßen: Das Gute der tätigen Liebe gegen den
Nächsten ist es, was sie verbindet. Denn das Innere derer im himmlischen
Reich ist die Liebe zum Herrn und ihr Äußeres ist die tätige Liebe gegen den
Nächsten. Hingegen ist das Innere derer im geistigen Reich die tätige Liebe
gegen den Nächsten und das Äußere ist der daraus hervorgehende Glaube.
Daraus folgt: Die Verbindung dieser beiden Reiche kommt durch die tätige
Liebe gegen den Nächsten zustande, denn in ihr endet das himmlische Reich
und beginnt das geistige. So ist das Letzte des einen das Erste des anderen, und
so nehmen sie sich gegenseitig auf." (HG 5922).

In der Nächstenliebe hat der Mensch jenen Grad von Spiritualität ein-
geübt, der ihn feinfühlig genug macht, um das sanfte Wehen der göttli-
chen Liebe wahrzunehmen. Allerdings lebt auch in der Nächstenliebe
noch ein wenig der Wahn des Eigenen fort, und zwar dann, wenn man
glaubt, der eigene, begrenzte Wahrheitshorizont reiche aus, um erken-
nen zu können, was wahrhaft nutzbringend ist. Nur wer in der
Nächstenliebe noch einmal sein freilich nun schon geläutertes Ich ver-

31 Der lateinische Originaltext: "charitas apud eos (= spirituales homines) apparet


sicut affectio boni sed est affectio veri" (HG 2088). "qui in charitate sunt in vita
veri sunt" (HG 10485).
Mysterium Regenerationis 20

leugnen kann, wird sie als die Wiege der Gottesgeburt erleben können.
Der Mensch ist durch seinen Fall aus dem Herzen Gottes dem Guten der
göttlichen Liebe derart entfremdet worden, daß sich ihm das Leben nur
in der harten Schale des Wahren offenbaren kann; das Wirken der gött-
lichen Liebe geht aber dahin, daß wir wieder aus der Unmittelbarkeit
der Liebe angeregt werden. Dann pocht das göttliche Herz in der
Menschenbrust; dann werden wir allein vom Herrn geführt.
"Vor der Wiedergeburt [= im Zustand der Umbildung] handelt der Mensch
aus dem Wahren und erwirbt dadurch das Gute; das Wahre wird nämlich zum
Guten, wenn es in den Willen und dadurch ins Leben übergeht. Nach der
Wiedergeburt hingegen handelt er aus dem Guten und verschafft sich
dadurch das Wahre. Oder um es verständlicher zu machen: Vor der
Wiedergeburt handelt er aus Gehorsam; nach der Wiedergeburt aus Neigung.
Diese beiden Zustände verhalten sich umgekehrt zueinander. Im früheren
Zustand herrscht nämlich das Wahre vor, im späteren aber das Gute; oder im
früheren sieht man abwärts oder rückwärts, im späteren hingegen aufwärts
oder vorwärts. Wenn der Mensch im späteren Zustand ist, also aus Neigung
handelt, dann ist es ihm nicht mehr erlaubt, rückwärts zu schauen und das
Gute aus dem Wahren zu tun, denn dann fließt der Herr in das Gute ein und
führt ihn durch das Gute. Würde er dann zurückschauen oder das Gute aus
dem Wahre tun, dann würde er aus sich handeln; wer nämlich aus dem
Wahren handelt, führt sich selbst, wer hingegen aus dem Guten handelt,
wird vom Herrn geführt." (HG 8505)

abgeschlossen am 9.1.95