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RUHR-UNIVERSITÄT BOCHUM

Bauingenieurwesen

Christian Ludwig

Plastische Querschnittstragfähigkeit von


doppeltsymmetrischen I-Querschnitten ‒
Tragfähigkeitsbedingungen, Genauigkeit,
Nebeneffekte
Vorwort
Die vorliegende Arbeit entstand in den Jahren 2009 bis 2013 während meiner
Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für konstruktiven Ingenieur-
bau - Lehrstuhl für Stahl-, Holz- und Leichtbau - der Ruhr-Universität Bochum. Sie
wurde von der dortigen Fakultät für Bau- und Umweltingenieurwissenschaften als
Dissertation angenommen.

Mein besonderer Dank gilt Herrn Prof. Dr.-Ing. R. Kindmann für die Betreuung und
Unterstützung während der Entstehung dieser Arbeit sowie die Übernahme des
Referates.

Herr Prof. Dr.-Ing. R. Stroetmann danke ich recht herzlich für die Übernahme des
Koreferates.

Weiterhin gilt mein Dank allen meinen Kollegen, die durch ihre Diskussions-
bereitschaft zum Entstehen dieser Arbeit beigetragen haben. Dabei ist besonders
Rebekka Ebel für ihre wertvollen Anregungen bei der Durchsicht des Manuskripts zu
nennen.

Schließlich danke ich meiner Familie und insbesondere meiner Frau Christiane für
ihre verständnisvolle Unterstützung während der Erstellung dieser Arbeit.

März 2014 Christian Ludwig

Doktorarbeit eingereicht am: 23.08.2013


Tag der mündlichen Prüfung: 16.12.2013

Berichter:
Prof. Dr.-Ing. R. Kindmann, Ruhr-Universität Bochum
Prof. Dr.-Ing. R. Stroetmann, Technische Universität Dresden
für Christiane
Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung 1
1.1 Problemstellung und Zielsetzung 1
1.2 Stand der Forschung 6
1.3 Bezeichnungen 9
1.4 Annahmen und Voraussetzungen 11
1.4.1 Grundlagen 11
1.4.2 Materialverhalten 13

2 Grundlagen 15
2.1 Vorbemerkungen 15
2.2 Spannungsermittlung 15
2.3 Querschnittsklassen 17
2.4 Spannungsnachweise (Elastizitätstheorie) 19
2.5 Nachweise nach der Plastizitätstheorie 20
2.6 Klassifizierung der plastischen Querschnittstragfähigkeit 22

3 Methoden zur Ermittlung der plastischen


Querschnittstragfähigkeit 23
3.1 Vorbemerkungen 23
3.2 Experimentelle Untersuchungen 23
3.3 Dehnungsiteration 23
3.4 Optimierungsverfahren 24
3.4.1 Allgemeines 24
3.4.2 Berechnungsprogramm LILOBEC 25
3.5 Berechnungen nach Fließzonentheorie 30

4 Rechteckquerschnitt 31
4.1 Vorbemerkungen 31
4.2 Grenzschnittgrößen für den Rechteckquerschnitt 31
4.2.1 Grundlagen 31
4.2.2 Plastische Grenzschnittgröße Mpl,xp 32
4.2.3 Plastische Grenzschnittgröße Mpl, 39
4.3 Schnittgrößenkombinationen beim Rechteckquerschnitt 42
4.3.1 Vorbemerkungen 42
4.3.2 Schnittgrößen N und M 42
4.3.3 Schnittgrößen N, My und Mz mit unplanmäßiger Torsion 44
4.3.4 Schnittgrößen N, My und Mz ohne unplanmäßige Torsion 47
4.3.5 Schnittgrößen V und Mxp 51
VI Inhaltsverzeichnis

5 Ausrundungsflächen 56
5.1 Vorbemerkungen 56
5.2 Gleichschenklige, rechtwinklige Dreiecke 56
5.3 Ausrundungen 58

6 Doppeltsymmetrische geschweißte I-Profile 63


6.1 Vorbemerkungen 63
6.2 Grenzschnittgrößen 63
6.2.1 Grundlagen 63
6.2.2 Plastische Grenzschnittgrößen Npl, Mpl,y, Mpl,z, Vpl,z und Vpl,y 64
6.2.3 Plastische Grenzschnittgröße Mpl,xp 65
6.2.4 Plastische Grenzschnittgröße Mpl, 69
6.3 Schnittgrößenkombinationen 71
6.3.1 Vorbemerkungen 71
6.3.2 Grundlagen 72
6.3.3 Schnittgrößen N und My 73
6.3.4 Schnittgrößen N und Mz 77
6.3.5 Schnittgrößen My und Mz 80
6.3.6 Schnittgrößen N, My und Mz ohne unplanmäßige Torsion 87
6.3.7 Schnittgrößen N, My, Mz und M 92
6.3.8 Sonderfall Schnittgrößen N, My und Mz mit unplanmäßiger Torsion 98
6.3.9 Gleichzeitige Wirkung von - und -Schnittgrößen 103

7 Doppeltsymmetrische gewalzte I-Profile 110


7.1 Vorbemerkungen 110
7.2 Grenzschnittgrößen 110
7.2.1 Grundlagen 110
7.2.2 Plastische Grenzschnittgrößen Npl, Mpl,y, Mpl,z, Vpl,z und Vpl,y 111
7.2.3 Plastische Grenzschnittgröße Mpl,xp 113
7.2.4 Plastische Grenzschnittgröße Mpl, 116
7.3 Schnittgrößenkombinationen 119
7.3.1 Vorbemerkungen 119
7.3.2 Schnittgrößen N und My 119
7.3.3 Schnittgrößen N und Mz 123
7.3.4 Schnittgrößen My und Mz 125
7.3.5 Schnittgrößen N, My und Mz ohne unplanmäßige Torsion 127
7.3.6 Schnittgrößen N, My, Mz und M 128
7.3.7 Sonderfall Schnittgrößen N, My und Mz mit unplanmäßiger Torsion 129
7.3.8 Gleichzeitige Wirkung von - und -Schnittgrößen 132
Inhaltsverzeichnis VII

8 Nichtlineare Berechnungen und experimentelle Untersuchungen 133


8.1 Vorbemerkungen 133
8.2 Nichtlineare Berechnungen nach der Fließzonentheorie 133
8.2.1 Grundlagen 133
8.2.2 Querschnitte unter zweiachsiger Biegung mit Normalkraft 136
8.2.3 Querschnitte mit Torsionsbeanspruchung 143
8.3 Experimentelle Untersuchungen 151

9 Zusammenfassung 154

Literaturverzeichnis 159
VIII Inhaltsverzeichnis
Kurzfassung
In der vorliegenden Arbeit wird die plastische Querschnittstragfähigkeit von doppelt-
symmetrischen I-Querschnitten untersucht. Dabei stehen die Entwicklung von Trag-
fähigkeitsbedingungen, ihre Genauigkeit und die Identifikation von ungewollten
Nebeneffekten im Vordergrund. Bekannte Methoden zur Ermittlung der plastischen
Querschnittstragfähigkeit werden weiterentwickelt und die bisherigen Annahmen
kritisch überprüft.

Ein Schwerpunkt der Arbeit ist die Entwicklung von genauen bzw. baupraktisch
genauen Interaktionsbeziehungen für häufig vorkommende Anwendungsfälle. Für
Standardanwendungsfälle von doppeltsymmetrischen geschweißten I-Profilen können
die exakten Lösungen der Interaktionsbeziehungen angegeben werden. Ferner wird
eine Methode zur Berücksichtigung der Ausrundungen von doppeltsymmetrischen
gewalzten I-Profilen vorgestellt. Es erfolgt die Überprüfung und Bewertung der
Nachweisbedingungen in nationalen und internationalen Regelwerken bezüglich ihrer
Genauigkeit.
VIII Kurzfassung
1 Einleitung

1.1 Problemstellung und Zielsetzung

Die Kenntnis über die Bemessung von Stahlquerschnitten ist eine wesentliche
Grundlage im konstruktiven Ingenieurbau. Zu den am häufigsten eingesetzten Quer-
schnitten gehören die in Bild 1.1 dargestellten doppeltsymmetrischen I-Profile. Diese
werden in Form der Walzprofilreihen IPE, HEAA, HEA, HEB und HEM oder als aus
drei Blechen zusammengesetzte geschweißte Profile verwendet.

Bild 1.1 Doppeltsymmetrische gewalzte I-Profile

Die doppeltsymmetrischen gewalzten I-Querschnitte werden in mittelbreite I-Träger


und breite I-Träger eingeteilt, s. Bild 1.2. Bei den doppeltsymmetrischen geschwei-
ßten I-Profilen kann man zwischen zwei Ausführungsvarianten unterscheiden.

Bild 1.2 Doppeltsymmetrische I-Querschnitte


2 1 Einleitung

Die Halsnähte zwischen Gurt und Steg können als durchgeschweißte oder nicht
durchgeschweißte Schweißnähte ausgeführt werden. In Bild 1.2 (rechts) ist ein
Querschnitt mit einer Doppel HV-Naht und einer Doppelkehlnaht dargestellt. Die
Profilwahl ist neben den statischen Erfordernissen auch von den Fertigungs-
bedingungen der ausführenden Firma und der Materialbereitstellung abhängig. Für
den Nachweis von Tragwerken werden unter Berücksichtigung der einwirkenden
Lasten die Schnittgrößen nach der Stabtheorie ermittelt. Mit diesen Schnittgrößen
wird das gewählte Profil auf ausreichende Tragfähigkeit überprüft. Der Anwender
kann, sofern die Querschnitte entsprechende Bedingungen erfüllen, Nachweise nach
der Elastizitätstheorie und der Plastizitätstheorie führen. In Bild 1.3 ist ein Beispiel
dazu dargestellt.

Bild 1.3 Berechnungsbeispiel Dachträger mit Schnittgrößen nach Theorie I. Ordnung

Ein Einfeldträger wird durch eine Linienlast und eine Normalkraft beansprucht. Der
Träger ist senkrecht zur dargestellten Ebene kontinuierlich am Obergurt gehalten. Es
besteht daher keine Stabilitätsgefahr. Die Bestimmung der bemessungsrelevanten
Schnittgrößen erfolgt nach Theorie I. Ordnung. Nach der Elastizitätstheorie kann bei
diesem Beispiel der Nachweis ausreichender Querschnittstragfähigkeit nicht erbracht
werden. In Tabelle 1.1 sind die Ergebnisse verschiedener Ansätze für die N-My-
Interaktion nach der Plastizitätstheorie enthalten. Die Abweichungen sind mit dem
Faktor  für alle Schnittgrößen zu bestimmen. Somit gilt z. B. für  < 1: Die Schnitt-
größen werden durch Multiplikation mit dem Faktor  reduziert, damit der Nachweis
erfüllt ist.

Tabelle 1.1 Faktoren für Schnittgrößen in Bild 1.3


Nachweis DIN 18800 DIN EN 1993-1-1 TSV-plus nach LILOBEC INCA2
nach [14] [15] Tabelle 7.6, [55] [70] [38]
Faktor  0,966 1,061 1,000 1,000 0,999

Anhand der numerischen Lösungen nach LILOBEC [70] und INCA2 [38] sowie einer
Handrechnung nach Tabelle 7.6 wird deutlich, dass die plastische Querschnitts-
tragfähigkeit erreicht ist. Das Ergebnis nach DIN 18800 [14] liegt bei diesem Beispiel
1.1 Problemstellung und Zielsetzung 3

mit 3,4 % auf der sicheren Seite und das Ergebnis nach DIN EN 1993-1-1 [15] liegt
6,1 % auf der unsicheren Seite. Ein weiteres Beispiel ist in Bild 1.4 dargestellt. Der
Einfeldträger wird in Feldmitte durch eine horizontale und eine vertikale Last am
Obergurt beansprucht. Wegen des Verzweigungslastfaktors von cr = 1,55 (Stabi-
litätsgefahr) erfolgt für dieses Beispiel die Ermittlung der Schnittgrößen nach Theorie
II. Ordnung mithilfe von [50]. Als Ersatzimperfektion wird auf der sicheren Seite
liegend L/150 nach [42] angenommen und affin zur Eigenform angesetzt.

Bild 1.4 Berechnungsbeispiel Abfangträger mit Schnittgrößen nach Theorie


II. Ordnung

Gemäß Bild 1.4 ergeben sich die Schnittgrößen My, Mz und M. Die Schnittgrößen
Vz, Vy, Mxp und Mxs können vernachlässigt werden. Auch bei diesem Beispiel ist die
Nachweisbedingung x ≤ fy nach der Elastizitätstheorie nicht erfüllt. Unter Berück-
sichtigung plastischer Querschnittstragfähigkeiten gelingt für den in Bild 1.4
dargestellten Querschnitt der Nachweis ausreichender Tragfähigkeit. Auf Einzel-
heiten wird an dieser Stelle nicht eingegangen. Das Beispiel soll zeigen, dass für den
Nachweis Interaktionsbeziehungen erforderlich sind, die die Kombination der
Schnittgrößen My, Mz und M erfassen. Die Querschnittsnachweise nach der Plastizi-
tätstheorie werden aus wirtschaftlichen Gründen häufig bevorzugt. In Tabelle 1.2 ist
eine Übersicht der in DIN 18800 [14] und in DIN EN 1993-1-1 [15] enthaltenen
Interaktionsbeziehungen für verschiedene Schnittgrößenkombinationen zusammen-
gestellt. Für das Beispiel in Bild 1.4 ist somit nach DIN 18800 [14] oder DIN EN
1993-1-1 [15] ein Nachweis nach der Plastizitätstheorie nicht möglich. Darüber
hinaus liegen die in DIN 18800 [14] und in DIN EN 1993-1-1 [15] angegebenen
Interaktionsbedingungen teilweise auf der unsicheren Seite, s. Beispiel in Tabelle 1.1.
Der Anwender ist somit auf weiterführende Literatur wie z. B. Kindmann [43] und
[45] angewiesen. Dabei werden Vereinfachungen wie das in Bild 1.5 dargestellte
Mittellinienmodell mit Überlappung verwendet.
4 1 Einleitung

Tabelle 1.2 Nachweisbedingungen für doppeltsymmetrische I-Profile


DIN EN
DIN 18800
Schnittgrößen 1993-1-1
[14]
[15]
N-My * *
N-Mz * *
My-Mz  
N-My-Mz (mit M≠ 0) * *
N-My-Mz-M - -
N-My-Vz * *
My-Mz-Vy-Vz - 
N-My-Mz-M-Vy-Vz-Mxp-Mxs - -
„“ Interaktion vorhanden, „*“ teilweise unsicher, „-“ Interaktion nicht vorhanden

Die Blechbiegung bleibt dabei unberücksichtigt. Beim Mittellinienmodell mit


Überlappung werden die Ausrundungen doppeltsymmetrischer gewalzter I-Profile
in grober Näherung durch die überlappenden Flächen erfasst. Diese Näherung liegt
für die Profilreihe HEM auf der unsicheren Seite, s. Abschnitt 7.2.1.

Bild 1.5 Häufig verwendete Idealisierung für doppeltsymmetrische I-Profile

In Bild 1.6 sind Querschnitte mit den herstellungsbedingten Ausrundungen am


Übergang zwischen Gurt und Steg dargestellt. Weiterhin wird bei den üblichen
Modellen zur Bestimmung der Querschnittstragfähigkeit häufig eine gerade
Spannungsnulllinie und das Ebenbleiben der Querschnitte angenommen. Diese
Annahmen sind jedoch ohne Überprüfung der Richtigkeit von der Elastizitätstheorie
übernommen worden und bedürfen daher einer entsprechenden Bestätigung. Darüber
hinaus gibt es viele Näherungslösungen, deren Genauigkeit und Anwendungsgrenzen
unklar sind.
1.1 Problemstellung und Zielsetzung 5

Bild 1.6 Doppeltsymmetrische gewalzte I-Profile

Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wird die plastische Querschnittstragfähigkeit von


doppeltsymmetrischen I-Querschnitten untersucht und im Hinblick auf den Stand der
Technik werden verschiedene Problemstellungen gelöst. Im Vordergrund stehen
dabei die Entwicklung von Tragfähigkeitsbedingungen, ihre Genauigkeit und die
Identifikation von ungewollten Nebeneffekten. Dabei ergeben sich die folgenden
Problemstellungen und Ziele:
 Weiterentwicklung der bekannten Methoden zur Ermittlung der plastischen
Querschnittstragfähigkeit und kritische Überprüfung, beispielsweise zur
Annahme einer geraden Nulllinie
 Entwicklung von genauen bzw. baupraktisch genauen (Abweichungen: –2 %
auf der sicheren und +0,5 % auf der unsicheren Seite) Nachweisen für
Standardanwendungsfälle
 Weiterentwicklung bekannter Ingenieurmodelle unter Berücksichtigung der
Blechbiegung
 Identifikation von ungewollten Nebeneffekten bezüglich der Erhaltung der
Querschnittsform und im Hinblick auf außerplanmäßige Schnittgrößen und
Verformungen
 Entwicklung eines EDV-Programmes zur Ermittlung der genauen plastischen
Querschnittstragfähigkeit
 Beurteilung der in DIN 18800 [14] und in DIN EN 1993-1-1 [15] enthaltenen
Nachweisbedingungen bezüglich ihrer Genauigkeit
Die hier entwickelten Methoden können wegen ihrer ingenieurmäßigen Herangehens-
weise die Grundlage für Lösungen bei anderen Querschnittsformen bilden.
6 1 Einleitung

1.2 Stand der Forschung

Die Bemessung mithilfe der plastischen Querschnittstragfähigkeit ist ein wesentlicher


Gesichtspunkt für wirtschaftliche Konstruktionen im Stahlbau. Viele der bisher
erschienenen Arbeiten beschränken sich auf die Bestimmung einzelner plastischer
Grenzschnittgrößen oder bieten Lösungen für ausgewählte Schnittgrößenkom-
binationen bestimmter Querschnittsformen an. Dabei werden in den meisten Fällen
nur zwei oder drei Schnittgrößen berücksichtigt. Für die Ermittlung der plastischen
Querschnittstragfähigkeit unter Berücksichtigung verschiedener Schnittgrößen-
kombinationen existieren verschiedene Methoden. Welche Methode sinnvollerweise
zum Einsatz kommt, hängt von der Querschnittform, den vorhandenen Schnittgrößen
sowie der persönlichen Erfahrung ab. Im Folgenden werden die Grundlagen von vier
Berechnungsmethoden, basierend auf den Ausführungen in [43], kurz erläutert.

Spannungsnulllinie (SNL) wählen


Bei diesem klassischen Verfahren dient die Nulllinie der Spannungen als
wesentliches Kernstück. Der Querschnitt wird durch die Nulllinie in die beiden
Regionen mit +fy und –fy aufgeteilt. In Bild 1.7 ist die Spannungsverteilung eines
doppeltsymmetrischen I-Profils unter der Einwirkung von N und My dargestellt.


N   x  dA
A


My   x  z  dA
A

Bild 1.7 Beispiel für Wahl einer geraden Spannungsnulllinie beim I-Profil infolge N
und My

Die Schnittgrößen erhält man durch Integration der gedrückten bzw. gezogenen
Flächenanteile. Infolge der gleichzeitigen Beanspruchungen durch N und My liegt die
Spannungsnulllinie nicht im Schwerpunkt des doppeltsymmetrischen I-Profils. Eine
problemlose Anwendung ist in den meisten Fällen nur für einfache Schnittgrö-
ßenkombinationen wie z. B. bei N-My oder N-Mz möglich. Grundlegende Annahme
bei dieser Methode ist, dass die Spannungsnulllinie die Form einer Geraden hat. Die
vorgeschlagenen Bemessungsverfahren in Baptista [3], Burth/Brocks [6], Horne/
Morris [33], Kaliszky [40], Lindner/Heyde [69], Marti [74], Moch [77], Reckling
[90], Rubin [97], [98] und Saal/Hornung [100] beruhen ebenfalls auf dieser
Annahme. Keine dieser Lösungen ermöglicht die Berücksichtigung aller acht Schnitt-
größen nach Tabelle 1.2. In den Abschnitten 4.3.3 und 4.3.4 wird die Form der
Spannungsnulllinie weiterführend untersucht.
1.2 Stand der Forschung 7

Dehnungsiteration
Die Dehnungsiteration ist ein computerorientiertes Verfahren, welches vor allem bei
der Querschnittsbemessung eingesetzt wird. Vorteilhaft ist die Möglichkeit unter-
schiedliche Werkstoffe mit multilinearen Spannungs-Dehnungs-Beziehungen zu
untersuchen. Die Schnittgrößen werden entweder direkt in voller Größe oder schritt-
weise aufgebracht. Aus den ermittelten Dehnungen ergibt sich ein Spannungszustand,
aus dem die aufgenommenen Schnittgrößen durch Integration ermittelt werden
können. Die Bestimmung des Gleichgewichts zwischen vorgegebenen Schnittgrößen
und aufgenommenen Spannungen erfolgt iterativ. Bei dem im Bild 1.8 dargestellten
Beispiel ist die Grenztragfähigkeit infolge Beanspruchung durch N und M y noch
nicht erreicht. Im Bereich des Steges liegen noch elastische Bereiche vor. Im Grenz-
zustand verläuft die Dehnungsgrade horizontal, vgl. Tabelle 1.4. Die Dehnung in Bild
1.8 setzt sich für diesen einfachen Fall aus dem Anteil im Schwerpunkt uS und dem
Anteil der Krümmung wM zusammen.

x  z   uS  z  wM


Bild 1.8 Beispiel für den Dehnungszustand beim I-Profil infolge N und My

Bei dieser Schnittgrößenkombination kann der Querschnitt im Grenzzustand voll-


ständig durchplastizieren. Je nach Querschnitt und Schnittgrößenkombination besteht
die Möglichkeit, dass im Grenzzustand auch noch elastische Teilbereiche vorhanden
sind. Die Dehnungsiteration wird z. B. in QST-FZ [116] und INCA2 [38] verwendet.
Hintergrundinformationen zu QST-FZ [116] können [43] und [117] entnommen
werden. Für INCA2 [38] sind Erläuterungen in [7] und [86] enthalten.

Teilschnittgrößenverfahren (TSV)
Die Grundlagen zum TSV wurden von Kindmann/Frickel [45] veröffentlicht und
später mit [43] und [44] erweitert. Prinzipiell erfolgt die Aufteilung der Schnittgrößen
unter Berücksichtigung der Gleichgewichtsbeziehungen auf die einzelnen Quer-
schnittsteile. Dabei ergeben sich Teilschnittgrößen, mit denen unter Berücksichtigung
von Grenzbedingungen die Tragfähigkeit der Teilquerschnitte bestimmt werden kann.
In Bild 1.9 sind die Teilschnittgrößen für die Beanspruchung aus N und My zusam-
mengestellt. Die Normalkraft N kann vom Steg aufgenommen werden (Span-
nungsnulllinie im Steg). Damit erhält man im Steg die Schnittgrößen Nw und Mw. In
den Gurten ergeben sich als Teilschnittgrößen reine Normalkräfte.
8 1 Einleitung

Fall: N  Npl,w
N  No  Nw  Nu
af a
My  Nu   No  f  Mw
2 2

Bild 1.9 Beispiel für die Aufteilung der Schnittgrößen N und My in Teilschnittgrößen
beim I-Profil

Beim TSV nach [43], [44] und [45] werden die Blechbiegung um die schwache
Achse der Bleche sowie die Ausrundungen von gewalzten Profilen vernachlässigt.
Ein Verfahren mit vergleichbarem Leistungsumfang wird von Vayas [108] und [109]
vorgeschlagen. Das in dieser Arbeit vorgestellte Ingenieurmodell basiert auf dem
TSV und wird zur Verbesserung der Genauigkeit erweitert. Eine ausführliche Erläu-
terung erfolgt in den nächsten Abschnitten.

Optimierungsverfahren
Ähnlich wie die Dehnungsiteration ist auch das Optimierungsverfahren ein computer-
orientiertes Verfahren. Der Querschnitt wird in zahlreiche Elemente aufgeteilt. Jedes
Element kann einen Wert zwischen –fy und +fy annehmen und muss das Fließ-
kriterium erfüllen. Ein Optimierungsalgorithmus ermittelt die Spannungsverteilung,
bei der die inneren Schnittgrößen (Index „i“) mit den äußeren Schnittgrößen (Index
„a“) im Gleichgewicht stehen. Dabei wird der maximale Faktor  zur Bestimmung
der Grenztragfähigkeit ermittelt. In Bild 1.10 sind die Grundlagen für eine N-My-
Interaktion zusammengestellt.

Ni  Na  
My,i  My,a  

Bild 1.10 Beispiel für die Querschnittsdiskretisierung beim I-Profil sowie


Gleichgewichtsbeziehungen für N und My

Der Faktor  ist bei allen Schnittgrößen zu berücksichtigen. Bei der Optimierung
kommen unterschiedliche Algorithmen zum Einsatz. Osterrieder/Werner/ Kretzsch-
mar [83] beschreiben lineare Gleichungen, deren Lösung mit einem Revised-
Simplexalgorithmus erfolgt. Ein Selektionsmechanismus, der an die biologische
Evolution angelehnt ist, wird von Maier [71] eingesetzt. Raue [89] verwendet als
Grundlage die Formänderungsenergie und Mark [73] die nichtlineare Optimierung.
Im Rahmen dieser Arbeit ist das Programm LILOBEC [70] erstellt worden, welches
1.3 Bezeichnungen 9

einen Simplexalgorithmus verwendet. Weitere Erläuterungen zu diesem Programm


sind in Abschnitt 3.4.2 enthalten.

Grenzschnittgrößen für einzelne Schnittgrößen


Für die meisten Grenzschnittgrößen sind Lösungen bekannt oder unproblematisch zu
ermitteln. Ausnahmen bilden z. B. Mpl, und Mpl,xp. Zur Bestimmung des primären
plastischen Torsionsmomentes Mpl,xp sind in Bäcklund [2] und Nadai [79] Methoden
enthalten, die sich auch in Burth/Brocks [6], Prager/Hodge [88] und Reckling [90]
wiederfinden. Gruttmann/Wagner [28] bestätigen einen Teil dieser Ergebnisse mit
der FE-Methode. Eine Ermittlung von Mpl, ist bisher nur vereinfacht unter Verwen-
dung des Mittellinienmodells erfolgt.

1.3 Bezeichnungen

Die wesentlichen Formelzeichen und Definitionen sind im Folgenden aufgeführt.


Weitere Bezeichnungen werden bei ihrer erstmaligen Verwendung erläutert.
Koordinaten, Ordinaten, Bezugspunkte und Verschiebungsgrößen
x Stablängsrichtung
y, z Hauptachsen in der
Querschnittsebene
 normierte
Wölbordinate
s Profilordinate
S Schwerpunkt
M Schubmittelpunkt
u, v, w Verschiebungen in
x-, y-, z-Richtung
, w  , v  Verdrehungen um
die x-, y-, z-Achse
 Verdrillung der Bild 1.11 Definition positiver Achsen und Ver-
x-Achse schiebungsgrößen im lokalen KOS, [48]

Werkstoffkennwerte
E Elastizitätsmodul
G Schubmodul
fy Streckgrenze
fu Zugfestigkeit
u Bruchdehnung
10 1 Einleitung

Querschnittskennwerte und -abmessungen


A Fläche
A Querschnittskennwert
Iy, Iz Hauptträgheitsmomente
I Wölbwiderstand
IT St. Venant‘sches Torsionsträgheitsmoment
Sy, Sz statische Momente
t Blechdicke
b Gurtbreite
tf Gurtdicke
hw Steghöhe
tw Stegdicke
af Abstand der Gurtmittelpunkte
Last- und Schnittgrößen
Fx, Fy, Fz Einzellasten
MxL Lasttorsionsmoment
N Längskraft, Normalkraft
Vy, Vz Querkräfte
My, Mz Biegemomente
Mx Torsionsmoment
Mxp, Mxs primäres und sekundäres
Torsionsmoment
M Wölbbimoment

Bild 1.12 Schnittgrößen an der positiven


Schnittfläche eines Stabes, [48]

Spannungen, Dehnungen
x Normalspannung in
x-Richtung
xy, xz Schubspannung
v Vergleichsspannung nach
von Mises
 Dehnung
 Gleitung
 Spannungsfunktion


 Bild 1.13 Spannungen an der positiven
Schnittfläche eines Stabes, [48]
1.4 Annahmen und Voraussetzungen 11

Indizes
el elastische Grenze
(Streckgrenze an einer Stelle im Querschnitt oder System erreicht)
pl plastische Grenze
u Traglast (ultimate)
R Widerstand (resistance)
M auf den Schubmittelpunkt bezogen
Abkürzungen
SNL Spannungsnulllinie
TSV Teilschnittgrößenverfahren
TSV-plus erweitertes Teilschnittgrößenverfahren

1.4 Annahmen und Voraussetzungen

1.4.1 Grundlagen

Stäbe werden häufig in einem x-y-z-Koordinatensystem, wie in Bild 1.14 dargestellt,


beschrieben. Die x-Achse ist dabei die Stabachse und verläuft durch den Schwer-
punkt S. Die Achsen y und z sind die Hauptachsen des Querschnitts. Der Schub-
mittelpunkt M wird mit den Koordinaten yM und zM zum Schwerpunkt beschrieben.
Für den Querschnitt in Bild 1.14 ist yM = 0 und zM = 0.

Bild 1.14 Stabquerschnitt mit Koordinatensystem sowie Verschiebungs- und


Schnittgrößen

Die Definition der Profilordinate s sowie die Bestimmung der normierten Wölbordi-
nate  ist in Bild 1.15 dargestellt. Der Querschnitt wird als dünnwandig angenommen
und durch das Mittellinienmodell idealisiert. Weitere Ausführungen zur Bestimmung
der normierten Wölbordinate sind in [43] enthalten. In [63] wird der Einfluss der
Annahme eines dünnwandigen Querschnitts auf die elastische Tragfähigkeit unter-
sucht.
12 1 Einleitung

Bild 1.15 Profilordinate s und Wölbordinate 

Abhängig von den vorhandenen Lastgrößen und dem baustatischen System können
sich nach der linearen Stabtheorie (Theorie I. Ordnung) bis zu acht Schnittgrößen
ergeben. In Tabelle 1.3 sind die grundlegenden Zusammenhänge enthalten. Nach [59]
unterscheidet man bei schubstarren Stäben vier Teilprobleme. Dabei wird der Ein-
fluss von Schubspannungen infolge von Querkräften und sekundärer Torsion auf die
Verformungen vernachlässigt, s. [89]. In der Tabelle werden Lastgrößen, Verfor-
mungen und Schnittgrößen zugeordnet. Zusätzlich sind Angaben zum Gleichgewicht
am Stabelement und zur Ermittlung von x enthalten. Die Herleitung der Glei-
chungen in Tabelle 1.3 findet sich in [43]. In den Berechnungsformeln der Stab-
theorie werden die Hauptachsen y und z verwendet. Schnittgrößen und Querschnitts-
werte sind auf die Hauptachsen des Querschnitts zu beziehen.

Tabelle 1.3 Aufteilung der linearen Stabtheorie, [43]


„Normal- „Biegung um die „Biegung um die
„Torsion”
kraft” z-Achse” y-Achse”
Lastgrößen qx; Fx qy; Fy; MzL qz; Fz; MyL mx; MxL; ML
Verfor- u  uS v  vM w  wM 
mungen 
u  y  v M 
u   z  wM u    
v  z  zM   
w  y  yM   
Schnitt- N Mz My M
größen Vy Vz Mx  Mxp  Mxs
Gleich- N  qx Mz   Vy My  Vz M  Mxs
gewicht
Vy  qy Vz  qz Mx  mx

N Mz My M
σx =  y z 
A Iz Iy I
 E  uS 
 E  y  vM  E    

 E  z  w M
1.4 Annahmen und Voraussetzungen 13

1.4.2 Materialverhalten

Das Werkstoffverhalten von Baustahl wird im Allgemeinen durch einen Zugversuch


definiert. Als Ergebnis eines Zugversuches erhält man eine Spannungs-Dehnung-
Beziehung wie in Bild 1.16 dargestellt.

Bild 1.16 Linearelastische-idealplastische Spannungs-Dehnungs-Beziehung


für Baustahl, [59]

Bis zum Erreichen der Streckgrenze bleibt der Werkstoff elastisch und das Trag-
verhalten kann durch das Hooke‘sche Gesetz mit  =  ∙ E beschrieben werden. Nach
Überschreitung der Streckgrenze, beginnt das Material zu fließen. Im Zugversuch
wirkt die Verfestigung des Materials traglaststeigernd. Dieser Effekt wird für die
weiteren Untersuchungen nicht berücksichtigt. Die Beschreibung des Werkstoffs
nach dem Überschreiten der Streckgrenze erfolgt idealplastisch durch eine hori-
zontale Linie. Zur Ausnutzung der plastischen Tragfähigkeit ist die ausreichende
Duktilität eine notwendige Voraussetzung. Der Werkstoff muss sich genügend stark
verformen können, ohne zu zerreißen. Die Bestimmung der plastischen Grenzschnitt-
größen basiert auf den Annahmen: Dehnung  → ∞ und Gleitung  → ∞. In Tabelle
1.4 werden diese Annahmen am Beispiel eines Rechteckquerschnitts für ein
Biegemoment M näher betrachtet. Mit zunehmender Dehnung  nähert sich M an Mpl.
Bei einer Dehnung von  = 10 ∙ el ist mit 1,49 ∙ Mel fast Mpl erreicht. Der Wert von
 = 10 ∙ el liegt für die üblichen Baustähle S235 und S355 in Bild 1.17 (links) weit
unterhalb der Bruchdehnung (u ≥ 20 %). Bei doppeltsymmetrischen I-Profilen ergibt
sich um die starke Achse bereits bei kleineren Dehnungen eine noch bessere An-
näherung. Für ein doppeltsymmetrisches geschweißtes I-Profil ähnlich HEB 200
(r = 0) erhält man bei einer Dehnung von  = 10 ∙ el einen Wert von 0,9996 ∙ Mpl,y.
Vergleichbare Zusammenhänge ergeben sich für die Gleitung . Auch hier erreicht
man bei einem Rechteckquerschnitt mit einer Gleitung  = 10 ∙ el, welche weit unter-
halb der Bruchgleitung liegt, s. Bild 1.17 (rechts), einen Wert von 99,7 % der Grenz-
14 1 Einleitung

schnittgröße Mpl,xp. Ein weiteres Beispiel für ein Schubspannungs-Gleitungs-Dia-


gramm ist z. B. in [39] enthalten.

Tabelle 1.4 Dehnungen, Spannungen und Biegemomente


el 2  el 10  el
S235 0,11 % 0,22 % 1,1 %
S355 0,17 % 0,34 % 1,7 %
Mel 1,375  Mel 1,49  Mel
M=
(= 0,67 ∙ Mpl) (= 0,92 ∙ Mpl) (= 0,99 ∙ Mpl)

Bild 1.17 Spannungs-Dehnungs-Beziehung nach [43] (links)


Schubspannungs-Gleitungs-Beziehung nach [121] (rechts)

Der wesentliche Zusammenhang, dass mit zunehmender Festigkeit des Stahlwerk-


stoffs die Bruchdehnung abnimmt, ist ebenfalls in Bild 1.17 erkennbar. Weiter-
führende Erläuterungen zum plastischen Materialverhalten können z. B. [26], [92]
und [95] entnommen werden.
2 Grundlagen

2.1 Vorbemerkungen

Im Folgenden werden die wesentlichen Grundlagen zur Ermittlung von Spannungen


sowie die Klassifizierung von Querschnitten vorgestellt. Die allgemeine Vorgehens-
weise für Nachweise nach der Elastizitätstheorie wird in Abschnitt 2.4 erläutert. In
Abschnitt 2.5 folgen die Grundlagen für Nachweise nach der Plastizitätstheorie.

2.2 Spannungsermittlung

Für den Nachweis eines Querschnitts sind Normal- und Schubspannungen zu


berücksichtigen. Aus der Stabtheorie erhält man bis zu acht Schnittgrößen, s. Bild
2.1. Es ergeben sich:
 Normalspannungen x aus: N, My, Mz und M
 Schubspannungen  aus: Vz, Vy, Mxp und Mxs
Die Schnittgrößen sind dabei als Resultierende der Spannungen zu verstehen. Somit
können in einem Querschnitt Spannungen und Schnittgrößen nicht gleichzeitig
auftreten. In Bild 2.1 erfolgt deshalb die Darstellung von Schnittgrößen und Span-
nungen getrennt. An der positiven Schnittfläche sind die Schnittgrößen dargestellt
und an der negativen die Spannungen. Durch Integration der Spannungen über den
Querschnitt ergeben sich die Schnittgrößen gemäß Tabelle 2.1.

Bild 2.1 Ermittlung von Schnittgrößen als Spannungsresultierende, [43]


16 2 Grundlagen

Tabelle 2.1 Schnittgrößen als „Resultierende der Spannungen“, [43]

Bedingung Schnittgröße Definition

Fx  0 : Normalkraft 
N  x  dA
A

 Vy  0 : Querkraft 
Vy  xy  dA
A

 Vz  0 : Querkraft 
Vz  xz  dA
A

 xz   y  yM   xy   z  zM    dA
Mx  0 : Torsionsmoment Mx    
A
Mx  Mxp  Mxs

My  0 : Biegemoment 
My  x  z  dA
A

Mz  0 : Biegemoment 
Mz   x  y  dA
A

s. Text Wölbbimoment 
M  x    dA
A

Die „resultierenden“ Schnittgrößen stehen somit im Gleichgewicht zu den Span-


nungen. Das Wölbbimoment M in Tabelle 2.1 ist weniger anschaulich, da es sich
nicht direkt aus den Gleichgewichtsbeziehungen ablesen lässt. Eine ingenieurmäßig
nachvollziehbare Erläuterung des Wölbbimomentes ist mithilfe von Bild 2.2 möglich.

Bild 2.2 Erläuterung der Wölbkrafttorsion mit dem Ingenieurmodell P = MxL / af, [43]
2.3 Querschnittsklassen 17

Der dargestellte Kragarm wird durch ein Einzeltorsionsmoment MxL am Trägerende


beansprucht. Löst man das Einzeltorsionsmoment gedanklich in ein Kräftepaar auf,
ergeben sich die Einzellasten P = MxL / af an den Gurten. Bei Betrachtung der Gurte
als getrennte Teilquerschnitte ergibt sich durch P eine Beanspruchung auf Biegung
und Querkraft. Beim Vergleich der Spannungen in Bild 2.2 mit Bild 2.4 wird deut-
lich, dass diese Spannungen zu den Schnittgrößen M und Mxs gehören. Weitere
Erläuterungen sind [43] zu entnehmen. Allgemeingültig lässt sich feststellen, dass
alle in Tabelle 2.1 aufgeführten Schnittgrößen bei der Beurteilung der Querschnitts-
tragfähigkeit zu berücksichtigen sind.

2.3 Querschnittsklassen

Die einzelnen Querschnitte werden abhängig vom c/t-Verhältnis der druckbean-


spruchten Bauteile klassifiziert. Nach DIN EN 1993-1-1 [15] erfolgt mit der Klassifi-
zierung die Begrenzung der Beanspruchbarkeit und Rotationskapazität durch lokales
Beulen. Es werden folgende Querschnittsklassen definiert, s. [15]:
 Querschnitte der Klasse 1 können plastische Gelenke oder Fließzonen mit
ausreichender plastischer Momententragfähigkeit und Rotationskapazität für
die plastische Berechnung ausbilden.
 Querschnitte der Klasse 2 können die plastische Momententragfähigkeit ent-
wickeln, haben aber aufgrund örtlichen Beulens nur eine begrenzte Rotations-
kapazität.
 Querschnitte der Klasse 3 erreichen für eine elastische Spannungsverteilung
die Streckgrenze in der ungünstigsten Querschnittsfaser, können aber wegen
örtlichen Beulens die plastische Momententragfähigkeit nicht entwickeln.
 Querschnitte der Klasse 4 sind solche, bei denen örtliches Beulen vor Errei-
chen der Streckgrenze auftritt.
Gemäß den Angaben in DIN EN 1993-1-1 [15] wird ein Querschnitt in die höchste
(ungünstigste) Klasse der druckbeanspruchten Querschnittsteile eingeordnet. Ausnah-
men von dieser Regelung finden sich in DIN EN 1993-1-1 [15]. Die c/t-Verhältnisse
doppeltsymmetrischer I-Querschnitte können mithilfe von Bild 2.3 bestimmt werden.

Bild 2.3 Ermittlung der c/t-Verhältnisse von gedrückten Querschnittsteilen nach [55]
18 2 Grundlagen

In Tabelle 2.2 ist ein Teil der Bedingungen aus DIN EN 1993-1-1 [15] zur Klassen-
einteilung enthalten.

Tabelle 2.2 Bedingungen für druckbeanspruchte Querschnittsteile


nach [15] zwecks Klasseneinteilung, [55]
Beidseitig Einseitig
gestützte Teile gestützte Teile
Klasse Druck Biegung Druck
1 c/t  33  c/t  72  c/t  9 
2 c/t  38  c/t  83  c/t  10 
3 c/t  42  c/t  124  c/t  14 
  235 fy , fy in N/mm²

Die Einstufung eines Querschnitts in die Klassen 1 und 2 erlaubt nach [15] die
Ausnutzung der plastischen Querschnittstragfähigkeit. Aus Tabelle 2.3 kann man
ablesen, welche Walzprofile die Anforderungen der Querschnittklasse 2 erfüllen.
Dabei werden die Beanspruchungen durch Biegemomente My oder Mz oder durch
Druckkräfte N unterschieden und die Stahlsorten S 235 und S 355 betrachtet.

Tabelle 2.3 Zuordnung von Walzprofilen zur Querschnittsklasse 2, [55]


S 235 S 355
Biegemoment My alle Walzprofile bis auf: alle Walzprofile bis auf:
Biegemoment Mz HEAA 220 bis 340 HEAA 120 bis 500
HEA 260 bis 300
Druckkraft N alle Walzprofile bis auf: alle Walzprofile bis auf:
IPE 400 bis 600 IPE 270 bis 600
HEAA 220 bis 340 HEAA 120 bis 1000
HEAA 550 bis 1000 HEA 260 bis 300
HEA 650 bis 1000 HEA 500 bis 1000
HEB 800 bis 1000 HEB 600 bis 1000
HEM 1000 HEM 800 bis 1000

In den nachfolgenden Kapiteln wird teilweise auch dann die plastische Quer-
schnittstragfähigkeit berücksichtigt, wenn die Querschnitte nicht mindestens der
Querschnittsklasse 2 zugeordnet werden können, damit die Profilreihen vollständig
erfasst werden. Für baupraktische Anwendungen muss die Zuordnung zu den
Querschnittsklassen überprüft werden.
2.4 Spannungsnachweise (Elastizitätstheorie) 19

2.4 Spannungsnachweise (Elastizitätstheorie)

Der Nachweis von Querschnitten erfolgt häufig nach der Elastizitätstheorie. Bei
diesen Spannungsnachweisen wird im Stahlbau zur Berücksichtigung mehrerer Span-
nungskomponenten die Gestaltänderungshypothese nach v. Mises [76] verwendet. In
der Regel treten bei Stäben nur die Spannungen x und  auf. Die Vergleichs-
spannung ergibt sich dann zu:

V   x 2  3  2  f y (2.1)

Alternativ kann man diese Bedingung auch als Fließkriterium schreiben:


2 2
 x   
   3     1 (2.2)
 fy   fy 
Da ein Nachweis mit gleichzeitiger Berücksichtigung von Normal- und Schub-
spannungen an einer Querschnittsstelle relativ selten maßgebend wird, ist es sinnvoll,
zunächst die maximalen Spannungen aus x und  nachzuweisen, s. [55]:
max x f y  1 (2.3)

 
2
3  max  f y 1 (2.4)

Für doppeltsymmetrische I-Profile sind die Spannungsverteilungen nach der Elastizi-


tätstheorie für die Schnittgrößen aus Tabelle 2.1 in Bild 2.4 dargestellt.

Bild 2.4 Spannungen x und  in doppeltsymmetrischen I-Querschnitten nach der


Elastizitätstheorie, [55]
20 2 Grundlagen

Es ist gut zu erkennen, dass die größten Normalspannungen am Querschnittsrand


auftreten. Die Schubspannungen hingegen nehmen mit zunehmender Nähe zum
Schubmittelpunkt zu. Die Spannungen infolge sekundärer Torsion sind erfahrungs-
gemäß gering. Weiterführende Erläuterungen finden sich z. B. in [43].

2.5 Nachweise nach der Plastizitätstheorie

Mit der Plastizitätstheorie können je nach Querschnitt teilweise erheblich größere


Tragfähigkeiten nachgewiesen werden als nach der Elastizitätstheorie. Dies ist in
Hinblick auf die Wirtschaftlichkeit sowie die Schonung von Ressourcen von großer
Bedeutung. Häufig spricht man in diesem Zusammenhang auch von der Ausnutzung
der plastischen Reserven. In Tabelle 2.4 wird die Vergrößerung ausgewählter Schnitt-
größen bei Verwendung der Plastizitätstheorie angegeben.

Tabelle 2.4 Vergrößerung einzelner Schnittgrößen nach der Plastizitätstheorie im


Vergleich zur Elastizitätstheorie
Querschnitt My Mz Vz Mxp

+50 % +50 % +50 % +60 %

+14 % +57 % +42 % +243 %

Die Abhängigkeit der Tragfähigkeitssteigerung von der Querschnittsform und der


Beanspruchung ist deutlich zu erkennen. Für die Berechnung der Vergrößerung von
Vz beim IPE 200 wird die Schubfläche gemäß DIN EN 1993-1-1 [15] verwendet. Die
Bestimmung der Tragfähigkeiten von Mxp erfolgt unter Verwendung der Lösung in
[53]. Ein Nachweis nach der Plastizitätstheorie wird nicht mit Spannungen (vgl.
Elastizitätstheorie), sondern mit Schnittgrößen geführt. Bei der Bestimmung einer
plastischen Grenzschnittgröße sind folgende Bedingungen einzuhalten, s. [43]:
 Es wird nur eine einzelne Schnittgröße betrachtet. Die zugehörige Grenz-
schnittgröße ist dann mit dem Index „pl“ gekennzeichnet.
 In keinem Punkt des Querschnitts darf die Streckgrenze überschritten werden.
 Zwischen Schnittgrößen und Spannungen muss Gleichgewicht herrschen
(s. Tabelle 2.1)
In Bild 2.5 sind die Spannungsverläufe für die verschiedenen Grenzschnittgrößen von
doppeltsymmetrischen I-Querschnitten zusammengestellt. Die Bestimmung der
plastischen Grenzschnittgrößen kann mit Tabelle 2.5 erfolgen. Der Querschnitt, der
2.5 Nachweise nach der Plastizitätstheorie 21

aus einzelnen dünnwandigen Rechteckquerschnitten besteht, wird dabei als Mittel-


linienmodell ohne Überlappung zwischen Gurt und Steg idealisiert.

Bild 2.5 Spannungen x   fy und    fy 3 in doppeltsymmetrischen I-Quer-


schnitten zur Ermittlung der Grenzschnittgrößen

Das Mittellinienmodell ist daran gut zu erkennen, dass ein Rechteckquerschnitt keine
Biegetragfähigkeit um seine schwache Achse besitzt. Die Bestimmung von z. B. Mpl,z
erfolgt ohne Berücksichtigung des Steges. In Tabelle 2.5 werden die Ausrundungen
von Walzprofilen vernachlässigt, ebenso wie der gegenseitige Einfluss von Gurt und
Steg bei der Ermittlung von Vpl,z und Mpl,xp. Die Werte nach Tabelle 2.5 liegen auf
der sicheren Seite. Grenzschnittgrößen ohne die erwähnten Einschränkungen werden
in Tabelle 6.2 und in Tabelle 7.1 angegeben.

Tabelle 2.5 Plastische Grenzschnittgrößen für I-Querschnitte (Mittellinienmodell ohne


Überlappung) nach [43]

Npl   2  t f  b  t w  hw   fy


Mpl,y  t f  b  h  t f   t w  h2w 4  fy
Mpl,z  fy  t f  b2 2
Mpl,  Mpl,z  h  t f  2

Vpl,y  2  t f  b  fy 3

Vpl,z  t w  hw  fy 3

Mpl,xs  Vpl,y  h  t f  2

1 
Mpl,xp   2   3  b  t f   t 2f   3  hw  t w   t 2w   fy 3
6  
22 2 Grundlagen

2.6 Klassifizierung der plastischen


Querschnittstragfähigkeit

Für die Untersuchungen im Rahmen dieser Arbeit wird die plastische Querschnitts-
tragfähigkeit in zwei Nachweisstufen eingeteilt. Die Klassifizierung der Nachweis-
bedingungen ist vorzunehmen, damit das Auftreten von Nebeneffekten erkennbar ist.
Die einzelnen Effekte werden im Rahmen dieser Arbeit aufgezeigt und erläutert.

Nachweisstufe I (NW-St I)
Es treten keine der bei Nachweisstufe II genannten Effekte auf. Für baupraktische
Nachweise wird die NW-St I empfohlen, um ungewollte Nebeneffekte zu vermei-
den.

Nachweisstufe II (NW-St II)


Mit der NW-St II erreicht man bereichsweise eine höhere rechnerische Tragfähigkeit
als bei der NW-St I. Dabei treten jedoch ungewollte Effekte auf:
 Umlagerung von Schnittgrößen: Einzelne Schnittgrößen in baustatischen
Systemen können entstehen, werden vergrößert oder teilweise bzw. vollständig
abgebaut.
 Änderung der Verformungen: In baustatischen Systemen können sich zu-
sätzliche Verformungen ergeben.
 Ungewollte Teilschnittgrößen: Es treten ungewollte Teilschnittgrößen auf,
die andere Teilschnittgrößen verändern können.
 Lokale Verformung der Teilquerschnitte: Die erhöhte Querschnittstrag-
fähigkeit kann zur lokalen Verformung einzelner Teilquerschnitte führen. Die
Querschnittsform bleibt nicht mehr erhalten.
Weiterführende Erläuterungen und Beispiele für ungewollte Effekte sind z. B. in den
Abschnitten 4.3.3, 6.3.5, 6.3.8 und 8.2.2 enthalten.
3 Methoden zur Ermittlung der plastischen
Querschnittstragfähigkeit

3.1 Vorbemerkungen

Für die Ermittlung der plastischen Querschnittstragfähigkeit stehen verschiedene


Methoden zur Verfügung. In den folgenden Abschnitten werden bekannte Methoden
näher betrachtet und erläutert. Das im Rahmen dieser Arbeit erstellte Berechnungs-
programm LILOBEC [70] wird in Abschnitt 3.4.2 behandelt.

3.2 Experimentelle Untersuchungen

In der Literatur sind wenige ausführliche Auswertungen zu Versuchen enthalten, die


die Bestimmung der plastischen Querschnittstragfähigkeit zum Ziel haben. Für
Rechteckquerschnitte wird von Schwindel/Mensinger in [103] ein Modell auf der
Basis von Versuchen vorgestellt, welches mit dem in Abschnitt 4.3.4 teilweise
vergleichbar ist. Umfangreiche Versuche von Sedlacek/Lindner/Kindmann zum
Tragverhalten doppeltsymmetrischer I-Profile sind in [23] aufgeführt. Die Ergebnisse
werden u. a. von Kindmann/Wolf [57] und von Lindner/Glitsch [68] weitergehend
erläutert und diskutiert. In Abschnitt 8.3 erfolgt eine weiterführende Betrachtung der
Ergebnisse aus [23]. Versuche unter reiner Torsionsbeanspruchung wurden von
Farwell/Galambos [20] durchgeführt. Dabei ist keine eindeutige Grenztragfähigkeit
erkennbar, s. [25]. Weitere experimentelle Untersuchungen, auf die an dieser Stelle
nicht eingegangen wird, finden sich z. B. in den Arbeiten von Polmann [87] und
Werner [113]. Die einzelnen Versuchsergebnisse sind nur bedingt für die reine
Querschnittstragfähigkeit aussagekräftig. Da die numerischen Untersuchungen von
Estabrooks/Grondin [19], Sedlacek/Lindner/Kindmann [23] und Wolf [118] ver-
schiedenen Vereinfachungen unterliegen, erfolgen in Abschnitt 8.2 dieser Arbeit
weiterführende Untersuchungen.

3.3 Dehnungsiteration

Die in Abschnitt 1.2 vorgestellte Methode der Dehnungsiteration gehört zu den am


häufigsten verwendeten computerorientierten Verfahren zur Bestimmung der Quer-
schnittstragfähigkeit. Es ist üblich, nur den Querschnitt abzubilden und mit den
Schnittgrößen zu beanspruchen. Die Schnittgrößen sind aus der Systemberechnung
bekannt. Der Einfluss des Systems bleibt bei dieser Vorgehensweise unberücksich-
tigt. Die Überprüfung der Tragfähigkeit erfolgt durch die numerische Bestimmung
der Dehnungen nach Gl. (3.1) aus [43] infolge Querschnittsbeanspruchung.
24 3 Methoden zur Ermittlung der plastischen Querschnittstragfähigkeit

Es ergibt sich:
x  uS  y  vM  z  wM    (3.1)
Dabei gilt:
  x  E (3.2)
In plastizierten Bereichen (x > el) wird E zu null gesetzt. Mit den Spannungen aus
dem ermittelten Dehnungszustand können die aufgenommenen Schnittgrößen durch
Integration bestimmt werden. Häufig sind mehrere Iterationen erforderlich, bis die
aufgenommenen Schnittgrößen mit den gegebenen Schnittgrößen übereinstimmen.
Diese Methode ist z. B. in QST-FZ [116] umgesetzt. Dabei wird das Mittellinien-
modell in Bild 1.5 verwendet. Die Unterteilung der Einzelbleche des Querschnitts
erfolgt in Fasern, s. Bild 3.1. Aus Gründen der Übersichtlichkeit ist in Bild 3.1 nur
eine geringe Anzahl von Fasern dargestellt. Zur Vermeidung einer Überlappung von
Faseranteilen kann im Übergang zwischen Gurt und Steg eine Faser mit der Dicke
null verwendet werden.

Bild 3.1 Einteilung eines Querschnitts und eines Einzelbleches in Fasern nach [43]

Ein Beispiel mit einzelnen Iterationsschritten ist in [43] enthalten. In INCA2 [38]
wird ebenfalls die Dehnungsiteration als Methode zur Bestimmung der Tragfähigkeit
angewendet. Mit INCA2 [38] kann man auch Anteile über die Blechdicke be-
rücksichtigen. Im Unterschied zu QST-FZ [116] wird in INCA2 [38] die Verwölbung
gemäß Gl. (3.1) nicht berücksichtigt, was abhängig von Querschnittsform und
Schnittgrößenkombination zu abweichenden Ergebnissen führt.

3.4 Optimierungsverfahren

3.4.1 Allgemeines

Die Verteilung der Spannungen kann alternativ zur Berechnung mit der Dehnungs-
iteration auch mithilfe einer Optimierung erfolgen. Treten an einer Stelle des Quer-
3.4 Optimierungsverfahren 25

schnitts Normalspannungen und Schubspannungen gleichzeitig auf, ergibt sich nach


Gl. (3.3) ein nichtlinearer Zusammenhang (Element i).

V,i  2x,i  3  i2  f y (3.3)

Verschiedene Algorithmen zur Lösung der Optimierungsaufgabe werden in Ab-


schnitt 1.2 vorgestellt.

3.4.2 Berechnungsprogramm LILOBEC

Im Rahmen dieser Arbeit ist das Computerprogramm LILOBEC (limit-load-bearing


capacity) [70] erstellt worden. Es handelt sich um ein Programm zur Ermittlung der
plastischen Querschnittstragfähigkeit mithilfe der linearen Optimierung. Dabei wird
nur der Querschnitt betrachtet. Es erfolgt keine Systemberechnung. Das Programm
wurde in der Entwicklungsumgebung Visual Basic for Application (VBA) program-
miert, welche ein Bestandteil von Microsoft Excel 2010 © ist. Als grundlegende
Bedingung von LILOBEC [70] gilt, dass die inneren Schnittgrößen (Index „i“) mit
den äußeren Schnittgrößen (Index „a“) im Gleichgewicht stehen. Die inneren
Schnittgrößen ergeben sich aus der Integration des Spannungszustandes gemäß
Tabelle 2.1. Die äußeren Schnittgrößen erhält man aus Tragwerksberechnungen. Für
die Untersuchung eines Querschnitts wird dieser in eine endliche Zahl kleiner
Elemente (Teilflächen) aufgeteilt. Der in Microsoft Excel 2010 © enthaltene Solver
ist auf 200 Unbekannte beschränkt. Da diese Anzahl keine ausreichend feine
Elementierung ermöglicht, kommt in LILOBEC [70] das Add-in Opensolver 1.9 [75]
zum Einsatz. Mithilfe von Opensolver 1.9 [75] können lineare Optimierungsaufgaben
mit einer nahezu unbegrenzten Anzahl von Unbekannten untersucht werden. Das
Add-in basiert auf VBA und ist somit in Microsoft Excel 2010 © integrierbar. Mit
LILOBEC [70] erfolgt die Bestimmung des Faktors  der das Verhältnis zwischen
den inneren und äußeren Schnittgrößen für die plastische Querschnittstragfähigkeit
beschreibt. Dieser Faktor  gibt an, um welches Maß alle äußeren Schnittgrößen
erhöht ( > 1) bzw. verringert ( < 1) werden müssen, um den Grenzzustand zu
erreichen. Für jedes Element i in Bild 3.2 sind die Werte für die Fläche Ai, die
Koordinaten yi und zi sowie die Wölbordinate i zu bestimmen. Es wird eine
Spannungsverteilung ermittelt, die folgende Bedingungen erfüllt:

 i  Ai    Na (3.4)

 i  zi  Ai    My,a (3.5)

 i  yi  Ai    Mz,a (3.6)

 i  i  Ai    M,a (3.7)
26 3 Methoden zur Ermittlung der plastischen Querschnittstragfähigkeit

Darüber hinaus muss für jedes Element des Querschnitts das Fließkriterium erfüllt
sein. Somit gilt:
f y  i  f y (3.8)

In Bild 3.2 ist ein Beispiel für die Diskretisierung eines Querschnitts dargestellt, der
mithilfe von LILOBEC [70] untersucht werden kann.

Bild 3.2 Diskretisierung eines Walzprofiles IPE 200 mit Ausrundungen


(834 Elemente) in LILOBEC [70]

Ein Beispiel, welches die Notwendigkeit einer ausreichend feinen Diskretisierung


verdeutlicht, ist in Bild 3.3 dargestellt. Für einen Rechteckquerschnitt mit vorge-
gebener Beanspruchung aus N/Npl und My/Mpl,y wird Mz/Mpl,z im Grenzzustand der
Tragfähigkeit bestimmt. Es gilt die Bedingung M = 0, wie im Abschnitt 4.3.4 be-
schrieben. Mit zunehmender Anzahl der Elemente konvergiert Mz/Mpl,z gegen den
zugehörigen Grenzwert. Bei ca. 1300 Elementen ist der Grenzwert zu 99,5 % er-
reicht. Das Konvergenzverhalten ist stark vom Querschnitt und der Schnittgrößen-
kombination abhängig. Wegen der jeweiligen Diskretisierung können Abweichungen
auftreten. Bei denen in dieser Arbeit gewählten Elementierungen sind diese vernach-
lässigbar. Beispiele dafür finden sich in den Erläuterungen zu Bild 4.25 in Ab-
schnitt 4.3.4 und Abschnitt 6.3.5. Jedes Element kann einen Wert zwischen fy und fy
annehmen.
3.4 Optimierungsverfahren 27

Bild 3.3 Beispiel für das Konvergenzverhalten in LILOBEC [70]

Der Algorithmus in LILOBEC [70] vergrößert von einem Startwert aus den Faktor 
so lange, bis keine Spannungsverteilung in den Grenzen von Gl. (3.8) mehr ermittelt
werden kann, die die Bedingungen der Gl. (3.4) bis (3.7) erfüllt. Es wird demzufolge
für jeden Wert  eine Spannungsverteilung bestimmt, die unabhängig von der vor-
herigen Lösung ist. Vorteilhaft bei dieser Vorgehensweise ist die weitgehende
Vermeidung von Konvergenzproblemen. Treten Normal- und Schubspannungen
gleichzeitig auf, sind beide Anteile im Fließkriterium zu berücksichtigen, s. Gl. (3.3).
Wegen der Verwendung einer linearen Optimierung werden die Schubspannungen
durch Reduzierung der Streckgrenze berücksichtigt. Durch Umformung von Gl. (2.2)
ergibt sich eine abgeminderte Streckgrenze red fy zu:

red f y  f y  1    R 
2
(3.9)

Bei dieser Vorgehensweise ist zunächst der Wert  für jeden Teilquerschnitt zu
bestimmen, z. B. mit Tabelle 6.19. Abhängig von der Querschnittform und den
Schnittgrößen ergeben sich unterschiedliche Schubspannungen für die einzelnen
Querschnittsteile. In Bild 3.4 sind die Flächen von gewalzten und geschweißten
doppeltsymmetrischen I-Querschnitten dargestellt, die in LILOBEC [70] mit red fy
berücksichtigt werden können.

Bild 3.4 Reduzierte Streckgrenzen infolge von Schubspannungen


28 3 Methoden zur Ermittlung der plastischen Querschnittstragfähigkeit

Eine vergleichbare Vorgehensweise wie in LILOBEC [70] wird in [83] beschrieben.


Das Programm DUENQ [18] arbeitet mit einem ähnlichen Ansatz unter Verwendung
von einem Revised-Simplexalgorithmus und der Begrenzung auf 1000 Elemente. Die
Verwölbung über die Blechdicke wird in DUENQ [18] nicht berücksichtigt.

Normierte Wölbordinate 
Zur Überprüfung der Bedingung in Gl. (3.7) wird für jedes Element i die normierte
Wölbordinate i benötigt. Eine genaue Lösung für die normierte Wölbordinate findet
sich z. B. in [63]. Zur Bestimmung in LILOBEC [70] kommt bei Rechteck-
querschnitten Gl. (4.14) aus Abschnitt 4.2.3 zur Anwendung. Für geschweißte
doppeltsymmetrische I-Profile werden vereinfacht die beiden Anteile aus dem
Mittellinienmodell (dünnwandiger Querschnitt, Index „ml“) und der Verwölbung des
Einzelbleches (Index „bl“) überlagert, s. Bild 3.5.

Bild 3.5 Normierte Wölbordinate  für das Mittellinienmodell und das Einzelblech
(Gurt)

Für doppeltsymmetrische I-Profile kann der Anteil aus dem Mittellinienmodell


mithilfe von Gl. (3.10) aus [43] bestimmt werden.
ml   y  z (3.10)
Bei dem in Bild 3.5 dargestellten Querschnitt ergibt sich an den Gurtaußenkanten in
Blechmitte eine maximale Verwölbung von:
b
ml,max    h  t f   (3.11)
4
Weitere Ausführungen zur Ermittlung der normierten Wölbordinate ml für
dünnwandige offene Querschnitte können [43] entnommen werden. Der Anteil des
Einzelbleches bl wird in Abschnitt 4.2.3 ermittelt. Somit ergib sich für die
Anwendung in LILOBEC [70]:
 y,z   ml  bl (3.12)
3.4 Optimierungsverfahren 29

Gemäß Bild 3.5 ist der Anteil von ml für den Steg gleich null. Nach Gl. (3.12) folgt
somit für den Steg:
w  y, z   bl mit bl nach Gl. (4.14) (3.13)
In Tabelle 3.1 sind die maximalen Wölbordinaten für einen Querschnitt IPE 200
zusammengestellt.

Tabelle 3.1 Maximale Verwölbung für einen Querschnitt IPE 200

Gl. (3.10), [43] Gl. (3.12) Kraus, [63] DICKQ, [13]

47,88 cm² 49,79 cm² 49,77 cm² 49,76 cm²

Es wird deutlich, dass der Anteil aus dem Einzelblech bl bei diesem Beispiel kaum
Einfluss hat. Eine vergleichbare Aussage findet sich in [112] für die üblichen Profil-
reihen. Die Ergebnisse in Tabelle 3.1 sind auf die Profilaußenkante (in Bild 3.6 mit
„○“ markiert) bezogen, da sich an dieser Stelle die maximale Verwölbung ergibt. Die
Wölbanteile im Steg werden mit von Gl. (3.13) ermittelt. Um mit LILOBEC [70]
gewalzte doppeltsymmetrische I-Profile untersuchen zu können, sind die Ausrun-
dungen zu berücksichtigen. Der Verlauf der normierten Wölbordinate für das
Walzprofil IPE 200 ist in Bild 3.6 enthalten.

Bild 3.6 Normierte Wölbordinate  bei einem IPE 200 nach [13]

Im Detail A ist erkennbar, dass sich die Größe der normierten Wölbordinate in
z-Richtung unterhalb der Gurtkante nur geringfügig ändert. Zur Bestimmung der
Wölbordinate im Bereich der Ausrundungen wird in LILOBEC [70] vereinfacht der
Wert von  an der Gurtkante linear in Richtung der z-Achse abgemindert. Als
Grundgedanke dient hierfür Gl. (3.10). Es ergibt sich die Näherung:
zi,Ausrundung
i,Ausrundung  i,Gurt  (3.14)
zi,Gurt
30 3 Methoden zur Ermittlung der plastischen Querschnittstragfähigkeit

Durch die Berücksichtigung der Ausrundungen wird der Querschnitt geringfügig


versteift und der Wert von max verringert sich, s. [63]. Die Berücksichtigung dieses
Effekts erfolgt in LILOBEC [70] durch einen Abminderungsfaktor. Der Faktor liegt
abhängig vom Profil zwischen 0,980 und 0,997 und kann durch den Vergleich der
Ergebnisse nach Gl. (3.12) mit [13] bestimmt werden. Weiterführende Grundlagen
zur linearen Optimierung finden sich z. B. in [102] und [123]. Eine gute Übersicht
über verschiedene Optimierungsalgorithmen sowie Hilfestellung bei der Realisierung
in VBA ist in [80] enthalten.

3.5 Berechnungen nach Fließzonentheorie

Für Berechnungen nach der Fließzonentheorie werden häufig leistungsstarke FEM


Programme wie z. B. ANSYS [22] verwendet. Dabei kann man im Unterschied zu
QST-FZ [116], LILOBEC [70] und INCA2 [38] nicht nur die Querschnitte, sondern
die baustatischen Systeme abbilden. Innerhalb des Systems können sich Schnitt-
größen wegen der Plastizierung umlagern. Die auf diese Weise ermittelte Trag-
fähigkeit, die Systemtragfähigkeit, muss nicht zur Grenztragfähigkeit des maximal
beanspruchten Querschnitts führen. Das System kann versagen, bevor der Querschnitt
voll durchplastiziert ist. Dieses Verhalten wird in [118] als Eigenwertversagen des
teilplastizierten Systems bezeichnet. In Bild 3.7 ist ein Beispiel aus [57] dargestellt,
welches mit ABAQUS [21] untersucht wurde.

Bild 3.7 Baustatisches System und Ausnutzung des Querschnitts in Feldmitte, [57]

Beim Erreichen der maximalen Traglast ergibt sich eine Querschnittsausnutzung von
92,6 %. Maßgebend ist in diesem Fall nicht die Querschnittstragfähigkeit, sondern
das Stabilitätsversagen Biegeknicken. Weiterführende Erläuterungen zum System-
versagen finden sich z. B. in [43] und [57]. In Abschnitt 8.2 werden ergänzende
Berechnungen nach der Fließzonentheorie vorgestellt.
4 Rechteckquerschnitt

4.1 Vorbemerkungen

In diesem Kapitel wird die Querschnittstragfähigkeit des Rechteckquerschnitts unter-


sucht. Der Rechteckquerschnitt ist eine wichtige grundlegende Querschnittsform.
Neben der Bestimmung der Grenzschnittgrößen Mpl,xp und Mpl, im Abschnitt 4.2, ist
die Untersuchung des Tragverhaltens für häufig auftretende Schnittgrößen-
kombinationen ein Schwerpunkt. Dabei wird die grundlegende Methodik zur
ingenieurmäßigen Bestimmung der plastischen Querschnittstragfähigkeit vorgestellt.
In Abschnitt 4.3 sind Lösungen zur Bestimmung der Tragfähigkeit bei gleichzeitiger
Wirkung der Schnittgrößen N, My, Mz, V und Mxp aufgeführt.

4.2 Grenzschnittgrößen für den Rechteckquerschnitt

4.2.1 Grundlagen

Rechteckige Querschnitte kommen als eigenständige Bauteile im Stahlbau nur selten


zum Einsatz. Sie bilden jedoch die grundlegende Querschnittsform, mit der sich viele
Profilquerschnitte idealisieren lassen. Das bekannteste Beispiel ist das geschweißte
doppeltsymmetrische I-Profil. In Bild 4.1 wird der allgemeine Fall der Beanspru-
chung eines Rechteckquerschnitts dargestellt.

Bild 4.1 Rechteckquerschnitt und Schnittgrößen

Ab einem Verhältnis von b/t ≥ 5 ist es üblich, Rechteckquerschnitte als dünnwandig


anzunehmen. Dabei werden das Biegemoment um die schwache Achse (hier My), die
zugehörige Querkraft (hier Vz) und die Schnittgrößen Mxs und M vernachlässigt. Zur
Vereinfachung wird dann Mz = M und Vy = V gesetzt. Somit ergeben sich die plas-
tischen Grenzschnittgrößen in Bild 4.2. Auf die Ermittlung von Mpl,xp wird in
Abschnitt 4.2.2 näher eingegangen.
32 4 Rechteckquerschnitt

fy
Npl  t  b  fy Vpl  t  b 
3

b2 1 2 fy
Mpl  t   fy Mpl,xp   t  3  b  t  
4 6 3

Bild 4.2 Plastische Grenzschnittgrößen für dünnwandige Rechteckquerschnitte

Zur genaueren Erfassung des Tragverhaltens wird im Vergleich zu Bild 4.2 in den
nachfolgenden Abschnitten das Biegemoment um die schwache Achse Mbl (= My)
und das Wölbbimoment M berücksichtigt, s. Bild 4.3. Der Index „bl“ steht für
Blechbiegemoment. Die Ermittlung von Mpl, wird in Abschnitt 4.2.3 formuliert.

fy
Npl  t  b  fy Vpl  t  b 
3

b2 1 2 fy
Mpl  t   fy Mpl,xp   t  3  b  t  
4 6 3

t2
Mpl,    b  t   fy
2
Mpl,bl  b   fy
4
Bild 4.3 Plastische Grenzschnittgrößen für Rechteckquerschnitte (erweitert)

4.2.2 Plastische Grenzschnittgröße Mpl,xp

Der St. Venant‘sche oder primäre Anteil Mxp des Torsionsmomentes in Bild 4.3 trägt
wesentlich zur Schubbeanspruchung bei. Die plastische Grenzschnittgröße Mpl,xp lässt
sich für Rechteckquerschnitte sehr anschaulich darstellen. Zum besseren Verständnis
wird zunächst auf die elastische Spannungsermittlung infolge Mxp eingegangen. Der
Übergang vom elastischen zum plastischen Tragverhalten erfolgt dann mithilfe von
anschaulichen Ingenieurmodellen. Die Annahmen für die Verwendung der St.
Venant‘schen Torsionstheorie sind u. a. in [24] und [120] enthalten und werden an
dieser Stelle nicht weiter erläutert.

Tragverhalten nach der Elastizitätstheorie


Im elastischen Bereich verlaufen die Schubspannungen gemäß Bild 4.5 nur tangential
zu den Querschnittsrändern. Somit bleibt die Mantelfläche spannungsfrei. Durch
Ansatz der Prandtl‘schen Spannungsfunktion  = (y,z) mit dem Ansatz
 
xy   und xz   (4.1)
z y
4.2 Grenzschnittgrößen für den Rechteckquerschnitt 33

ist eine exakte Ermittlung der Schubspannungsverteilung möglich. Die Bezeich-


nungen werden wie folgt vorgenommen:
xz
Spannung in Richtung von z
Schnittfläche senkrecht zu x

Unter Einhaltung des Spannungsgleichgewichtes und der Verformungsbeziehungen


ergibt sich für rechteckige Vollquerschnitte die Spannungsfunktion nach [43] zu:
 
 2 n 1 
y 1
  y, z   G    b 2   2   8  

 1  y  z
 cos   n   cos h   n    (4.2)
b 4 n 0  t   b  b 
 3n  cos h   n   
  2 b  
mit: n    2n  1

In Bild 4.4 ist die Spannungsfunktion gemäß Gl. (4.2) für einen Rechteckquerschnitt
mit dem Seitenverhältnis 1:2 qualitativ dargestellt.

Bild 4.4 Spannungsfunktion eines Rechteckquerschnitts mit dem Seitenverhältnis 1:2;


Ansicht und Höhenplan (qualitativ), [53]

Eine Näherung zur Ermittlung von max xy = max  und max xz ist in Bild 4.5
dargestellt. Es wird deutlich, dass die maximale Schubspannung an der längeren
Kante des Rechtecks auftritt. Bei dünnwandigen offenen Querschnitten ist es üblich,
Gl. (4.2) unter der Annahme von t/b = 0 vereinfacht anzugeben mit:
 b2 
  y, z   G     y 2   (4.3)
 4 

Summiert man die Schubspannungen aus der Spannungsfunktion nach Gl. (4.3) zu
einem resultierenden Moment, so fehlt der Faktor zwei im Vergleich zu Gl. (4.2).
34 4 Rechteckquerschnitt

Bild 4.5 Schubspannungen infolge primärer Torsion und IT für rechteckige


Querschnitte, [58]

Das auf diese Weise bestimmte Moment Mxp wird viel zu klein ermittelt. Die Ergeb-
nisse nach Gl. (4.3) sind somit unsicher. Auf diese Tatsache wird auch in [24] und
[43] hingewiesen. Ein ausgezeichnetes Hilfsmittel zur ingenieurmäßigen Beurteilung
von Querschnitten, die unter Torsionsbeanspruchung stehen, ist die Prandtl‘sche
Membrananalogie. Sie ermöglicht eine anschauliche Darstellung der St. Venant-
‘schen Torsionstheorie und erlaubt eine experimentelle Untersuchung. Dazu schnei-
det man gedanklich aus einer dünnen, starren Platte ein Loch in der Form des zu
untersuchenden Querschnitts. Die Aussparung wird nun mit einer dünnen ge-
wichtslosen Membran (Seifenhaut) überspannt. Diese gewichtslose Membran ist an
den Lochrändern mit der Platte verbunden. In Bild 4.6 wird dieses Modell am
Beispiel eines schmalen Rechteckquerschnitts verdeutlicht. Wenn auf einer Seite ein
Druck p aufgebracht wird, verformt sich die Membran. Das Maß der Steigung der
Membran ist ein Maß für die Größe der Schubspannungen. Die Verformung u ist
dann gleich der Spannungsfunktion  Zeichnet man die Höhenlinien der Membran
ein, so bedeutet eine dichtere Lage der Höhenlinien größere Schubspannungen. Die
Tangenten der Höhenlinien entsprechen der Schubspannungsrichtung. Nach dieser
Analogie ergibt sich gemäß [105] der Wert von Mxp durch den doppelten Inhalt des
von der Membran und ihrer Grundfläche umschlossenen Raumes. Eine numerische
Bestimmung wird zum Vergleich ebenfalls in [105] vorgenommen. Diese Analogie
kann man mit den bereits in Bild 4.4 und Bild 4.5 dargestellten Ergebnissen
anschaulich nachvollziehen. Weitere Beispiele sind z. B. in [11] und [65] enthalten.
Zusätzliche Einzelheiten zur Spannungsfunktion finden sich in [5], [24], [43], [85]
und [120].
4.2 Grenzschnittgrößen für den Rechteckquerschnitt 35

Bild 4.6 Membrananalogie am Rechteckquerschnitt

Dabei wird die Spannungsfunktion teilweise unterschiedlich mit und definiert.


Bei der Verwendung von z. B. in [43] und [85] ist der last- und werkstoffabhängige
Faktor G   bereits mit enthalten. In [5], [24] und [120] wird die Spannungsfunktion
mit  (y,z) als reine Querschnittfunktion beschrieben. Somit ergibt sich folgende
Beziehung zwischen und :
  G     (4.4)

Tragverhalten nach der Plastizitätstheorie


Wird die Streckgrenze an einer Stelle des Querschnitts infolge Mxp erreicht, behält
der Schubspannungsvektor (s. Bild 4.5) seine Größe und Richtung bei. Die Schub-
spannungen dürfen an keiner Stelle die Vergleichsspannung überschreiten. Unter
Verwendung der Gestaltänderungshypothese nach von Mises mit
2xz  2xy  R2 (4.5)
erhält man mit dem Ansatz aus Gl. (4.1):
2 2
     
    R  konst.
2
 (4.6)
 y   z 
Daraus ergibt sich, dass die Steigung der Spannungsfunktion  im idealplastischen
Bereich konstant ist. An Gl. (4.6) wird deutlich, dass die plastische Spannungs-
funktion pl durch die konstante Steigung R gekennzeichnet ist. Die Lösung zur
36 4 Rechteckquerschnitt

Ermittlung der Grenzschnittgröße Mpl,xp vereinfacht sich damit erheblich. Die maxi-
male Schubspannung beim einachsigen Spannungszustand ergibt sich unter einem
Winkel von 45°. Die Herleitung dazu ist in Tabelle 4.1 enthalten.

Tabelle 4.1 Winkel beim einachsigen Spannungszustand für maximale Schubspannung

N
x 
A

N1  N  sin 
V1  V  cos 
A1  A sin 

N1 N  sin 
1    x  sin2 
A1 A sin 
V1 N  cos 
1    x  sin   cos 
A1 A sin 
Berechnung der maximalen Schubspannung und dem zugehörigen Winkel:

Ableitung von 1 nach :


d1
d

 x  cos2   sin2   0!
Diese Bedingung ist erfüllt für: cos2   sin2   cos   sin     45
Es folgt die maximale Schubspannung: max  45  x  sin 45°  cos 45°  0,5  x

Weitere Erläuterungen können z. B. [5], [29], [72], [106], [111] und [115] entnom-
men werden. In der Spannungsfunktion  ist der Werkstoff bereits berücksichtigt, s.
Gl. (4.2). Zur einfacheren Ermittlung der Steigung der plastischen Spannungsfunktion
wird die reine Querschnittsfunktion (y,z) verwendet, s. Gl. (4.4). Dazu setzt man
gedanklich über die Querschnittfläche ein Walmdach mit einer Neigung von 45°. Der
von der Grundfläche aus gemessene Abstand bis zur „Dachhaut“ ist die Span-
nungsfunktion pl, s. Bild 4.7.

Bild 4.7 Plastische Spannungsfunktion pl beim Rechteckquerschnitt (Walmdach)


4.2 Grenzschnittgrößen für den Rechteckquerschnitt 37

An vorspringenden Ecken entsteht eine Unstetigkeit, da im vollplastischen Zustand


die Schubspannungskomponenten senkrecht zueinanderstehen. Dies wird deutlich
beim Vergleich der Höhenlinien der Spannungsfunktion in Bild 4.4 mit Bild 4.7.
Beim Erreichen der Streckgrenze im Eckbereich bleiben die Höhenlinien parallel zum
Querschnittrand. Es entsteht, wie in Bild 4.7 dargestellt, ein Grat unter der Annahme
einer unendlichen Verdrillung . Analog zur Prandtl‘schen Membrananalogie kann
die Grenzschnittgröße Mpl,xp eines Rechteckquerschnitts aus dem zweifachen Volu-
men eines Walmdaches auf der Querschnittsebene bestimmt werden. Eine besonders
anschauliche Bestimmung von Mpl,xp ist auch mithilfe der Nadai‘schen Sandhügel-
analogie möglich, s. [79]. Hierbei wird das Volumen V eines Sandhügels auf der
Grundfläche eines Querschnitts analytisch oder experimentell (Böschungswinkel
45°!) ermittelt. Die Sandhügelanalogie ist vorteilhaft, da der Sand eine Form mit
konstantem Neigungswinkel erzeugt und somit die Bedingung aus Gl. (4.6) erfüllt.
Somit ergibt sich mit dem Volumen V:
Mpl,xp  2  V  R (4.7)
Diese Lösung wird in [28] mit einer FE-Berechnung bestätigt. In Bild 4.8 ist der
Verlauf der Schubspannungen dargestellt.

Bild 4.8 Rechteckquerschnitt im vollplastischen Zustand nach [28]

Durch Integration der Schubspannungen in Bild 4.8

 
M pl,xp   xz  y  xy  z  dA (4.8)
A

ergibt sich die in [43] angegebene Formel für die Ermittlung von Mpl,xp für Rechteck-
querschnitte:
1
M pl,xp   R  t 2   3  b  t  (4.9)
6
Der Übergang vom elastischen zum plastischen Zustand lässt sich ebenfalls mithilfe
der Prandtl‘schen Membrananalogie anschaulich darstellen. Gedanklich wird über
der Öffnung von der Form des zu untersuchenden Querschnitts zusätzlich zur
Membran noch eine „Dachhaut“ mit konstanter Neigung von 45° aufgestellt. Bei
geringem Druck kann sich die Membran ungehindert verformen (elastischer Zustand)
38 4 Rechteckquerschnitt

bis ihre Neigung am Rand mit der Dachneigung übereinstimmt (plastischer Zustand).
Wird der Druck weiter erhöht, bilden sich Kontaktflächen. Die Projektionen dieser
Kontaktflächen auf die Grundfläche des Querschnitts bilden die Grenzkurven
zwischen elastischen und plastischen Bereichen, s. Bild 4.9.

Bild 4.9 Übergang vom elastischen zum plastischen Zustand beim


Rechteckquerschnitt (Analogiebetrachtung)

Weitere Erläuterungen können z. B. [88] und [90] entnommen werden.

Plastischer Formbeiwert pl,Mxp


Der plastische Formbeiwert dient zur Beurteilung der Tragfähigkeitsreserven eines
Querschnitts unter einer bestimmten Beanspruchung. Für Rechteckquerschnitte
werden in [43] pl,N = Npl/Nel = 1,0 und pl,M = Mpl/Mel = 1,5 angegeben. Für
pl,Mxp  Mpl,xp Mel,xp (4.10)
kann man dies nach Auswertung von Bild 4.5 und Gl. (4.9) in Bild 4.10 ablesen.

Bild 4.10 Plastischer Formbeiwert pl,Mxp beim Rechteckquerschnitt


4.2 Grenzschnittgrößen für den Rechteckquerschnitt 39

4.2.3 Plastische Grenzschnittgröße Mpl,

Bei rechteckigen Querschnitten, die durch Torsion beansprucht werden, ergeben sich
Verschiebungen u in Stablängsrichtung. Diese kann man durch die Wölbordinate 
beschreiben, s. Gl. (4.11) aus [48].
u  x, y,z    y,z     x  (4.11)
Die Verwölbung wird mit der Spannungsfunktion  in Abschnitt 4.2.2 ermittelt. Aus
dem in [24] angegebenen Zusammenhang zwischen u und 
u   
   x     z (4.12)
y  z 
u   
   x     y (4.13)
z  y 
ergibt sich durch Integration, s. [24]:
 n 1

 1  y  z 
  y, z     y  z  8  b   3
2
 sin   n    sinh   n   
 n 0  n  cosh   n  t  2  b    b  b 

mit: n    2n  1 (4.14)
Beispiele für die Verwölbung von Rechteckquerschnitten sind in [31], [61], [63] und
[120] enthalten. Ein Rechteckquerschnitt ist demzufolge nicht wölbfrei. Die in Bild
4.11 dargestellte Wölbordinate  ergibt sich für einen Rechteckquerschnitt mit dem
Verhältnis b/t = 5.

Bild 4.11 Wölbordinate  beim Rechteckquerschnitt mit b/t = 5


40 4 Rechteckquerschnitt

Abhängig vom b/t-Verhältnis des Querschnitts ergibt sich für die Wölbordinate 
eine unterschiedliche Verteilung, s. Bild 4.12. Da auf den Symmetrielinien  = 0 gilt,
ergeben sich für den Fall b/t = 1 (Bild 4.12 Mitte) mit vier Symmetrielinien acht
Bereiche. Für b/t ≠ 1 erhält man zwei Symmetrielinien mit vier Bereichen. Beim
Vergleich von b/t = 2 mit b/t = 0,5 fällt ein Vorzeichenwechsel in den Eckbereichen
der Querschnitte auf. Durch die Darstellung der Wölbordinate  in Bild 4.12 wird
deutlich, dass der Maximalwert der Verwölbung nicht zwangsläufig in den Ecken
eines Rechteckquerschnitts auftritt.

Bild 4.12 Verteilung der Wölbordinate  (mit Vorzeichen) für Vollquerschnitte bei
unterschiedlichen b/t-Verhältnissen nach LILOBEC [70]

In Bild 4.13 ist der Verlauf der Wölbordinate am oberen Rand eines Rechteck-
querschnitts dargestellt. Die Position des Maximalwertes kann in Abhängigkeit vom
b/t-Verhältnis bestimmt werden. Für den Sonderfall b/t = 1 erhält man in den Ecken
 = 0, vgl. Bild 4.12 (Mitte). Mit steigendem b/t-Verhältnis verschiebt sich max 
mehr in Richtung Querschnittsecke.

Bild 4.13 Wölbordinate  am oberen Rand eines Rechteckquerschnitts


4.2 Grenzschnittgrößen für den Rechteckquerschnitt 41

Alternativ zu Gl. (4.14) kann die Wölbordinate  von Rechteckquerschnitten nähe-


rungsweise mithilfe von Bild 4.14 aus [64] bestimmt werden.

Bild 4.14 Beiwerte für die maximale Wölbordinate, [64]

Integriert man die Wölbordinate  in Bild 4.11 nach Tabelle 2.1 mit der Spannungs-
verteilung in Bild 4.15 zu M, ergibt sich die Grenzschnittgröße Mpl,. Bei diesem
Zustand handelt es sich um einen Grenzzustand unter der Annahme nahezu unend-
licher Dehnungen bzw. Gleitungen.

Bild 4.15 Spannungsverteilung Mpl, für einen Rechteckquerschnitt nach LILOBEC [70]

Die Ermittlung von Mpl, in Bild 4.15 ist wegen (y,z) nach Gl. (4.14) nicht für eine
Handrechnung geeignet. Die Grenzschnittgröße Mpl, kann mit Gl. (4.15) wie folgt
bestimmt werden, wobei  ein Korrekturbeiwert nach Tabelle 4.2 ist.

M pl,   x   dA     b  t   f y
2
(4.15)
A

Tabelle 4.2 Korrekturbeiwert  für Gl. (4.15) nach LILOBEC [70]


b/t 5 10 15 > 20
 0,0583 0,0615 0,0620 0,0622
42 4 Rechteckquerschnitt

4.3 Schnittgrößenkombinationen beim Rechteckquerschnitt

4.3.1 Vorbemerkungen

In den folgenden Abschnitten werden Schnittgrößenkombinationen für Rechteck-


querschnitte untersucht. Dabei steht die Methodik zur Bestimmung der plastischen
Querschnittstragfähigkeit im Vordergrund. Die Grundlagen der ingenieurmäßigen
Annahme der Spannungsverteilung werden formuliert. Neben den -Schnittgrößen N,
My und Mz erfolgt auch die Untersuchung unter Berücksichtigung der Schub-
spannungen infolge Querkraft und Torsionsmomenten.

4.3.2 Schnittgrößen N und M

Bei der gleichzeitigen Wirkung mehrerer Schnittgrößen kann man die plastische
Querschnittstragfähigkeit durch von Interaktionsbeziehungen nachweisen. Eine
Überprüfung des Querschnitts ist somit möglich. Die bekannte N-M-Interaktion für
Rechteckquerschnitte wird im Folgenden in Anlehnung an [43] hergeleitet. Eine
Herleitung ist z. B. in [94] enthalten. Als Grundlage dient die Annahme, dass der
Querschnitt vollständig durchplastiziert ist. Der Querschnitt in Bild 4.16 wird durch
eine positive Normalkraft N und ein positives Biegemoment M beansprucht.

Bild 4.16 Spannungsverteilung im Grenzzustand infolge N und M nach [43]

Die Spannungsblöcke infolge M kann man den Randbereichen zuweisen, während


sich der durch N beanspruchte Bereich in der Querschnittsmitte befindet. Der Para-
meter  beschreibt die Abmessungen der Bereiche.
4.3 Schnittgrößenkombinationen beim Rechteckquerschnitt 43

Als Resultierende der Spannungen in Bild 4.16 erhält man die Kräfte FN und FM.
FN  f y  t  b  1  2   (4.16)
FM  f y  t   b (4.17)
Mithilfe der Gleichgewichtsbeziehungen können aus diesen Kräften die Schnitt-
größen
N  FN  f y  t  b  1  2   (4.18)

b
M  2  FM   1    f y  t  b 2   1   (4.19)
2
bestimmt werden. Für den Wert  = 0 ergibt sich in Bild 4.16 für Gl. (4.18):
Npl  t  b  f y (4.20)
Mit  = 1/2 erhält man für Gl. (4.19):
b2
M pl  t   f y (4.21)
4
Durch Umstellung von Gl. (4.18) nach b und Einsetzen in Gl. (4.19) mit Auflösung
nach fy folgt:

2 M  2M   N 
2 2
fy       (4.22)
tb 2
 t  b2   t  b 
Nach Division von Gl. (4.22) durch fy erhält man mit Gl. (4.20) und Gl. (4.21) die
bekannte Interaktionsbeziehung:
2
 N  M
   1 (4.23)
N
 pl  M pl

In Bild 4.17 ist die N-M-Interaktion nach Gl. (4.23) dargestellt. Alle Schnittgrö-
ßenkombinationen aus N und M, die innerhalb des Funktionsbereiches liegen, können
vom Querschnitt aufgenommen werden. Ein Vergleich mit der elastischen Grenz-
tragfähigkeit zeigt die Tragreserven der plastischen Bemessung, besonders bei
zunehmendem Moment. Die maximale Erhöhung der Tragfähigkeit ergibt sich bei
N/Npl = 0 und beträgt 50 %, s. auch Tabelle 2.4. Diese Interaktionsbeziehung dient
als Grundlage für die Untersuchungen in den nachfolgenden Abschnitten. Bei gleich-
zeitiger Beanspruchung durch Querkräfte und/oder Torsionsmomente sind diese zu
berücksichtigen. Dies kann nach Bestimmung des Verhältnisses /R z. B. mit
Gl. (6.57) erfolgen. Weiterführende Erläuterungen sind in den Abschnitten 4.3.5 und
6.3.9 zu finden.
44 4 Rechteckquerschnitt

Bild 4.17 N-M-Grenztragfähigkeit (elastisch und plastisch) nach [43]

4.3.3 Schnittgrößen N, My und Mz mit unplanmäßiger Torsion

Für die Interaktion der Schnittgrößen aus zweiachsiger Biegung mit Normalkraft sind
im Vergleich zur N-M-Interaktion weitere Aspekte zu beachten. Eine wesentliche
Grundlage für die nachfolgenden Betrachtungen ist, dass die Bedingung M = 0
nicht berücksichtigt wird. Somit ergibt sich, abhängig vom Spannungszustand, ein
Wölbbimoment M als innere Schnittgröße (NW-St II nach Abschnitt 2.6). Die
Größe von M ist abhängig von der Kombination der Schnittgrößen N, My und Mz.
Weiterhin wird angenommen, dass die Spannungsnulllinie (SNL) die Form einer
Geraden hat. Für einen Rechteckquerschnitt sind bei einer N-My-Mz-Interaktion
(M ≠ 0) drei Fälle zu unterscheiden:
 Fall 1: SNL schneidet den unteren und den oberen Rand
 Fall 2: SNL schneidet den linken (rechten) und den oberen (unteren) Rand
 Fall 3: SNL schneidet den linken und den rechten Rand
In Bild 4.18 ist die Spannungsverteilung für die Fälle 1 bis 3 dargestellt.

Bild 4.18 Lage der Spannungsnulllinie bei der N-My-Mz-Interaktion mit M ≠ 0


4.3 Schnittgrößenkombinationen beim Rechteckquerschnitt 45

Vergleichbar mit der Vorgehensweise in Bild 4.16 können abhängig vom Spannungs-
zustand in Bild 4.18 entsprechende Schnittgrößen zugeordnet werden. Analog zur
N-M-Interaktion wird die Normalkraft der Querschnittsmitte um den Schwerpunkt
zugewiesen. Aus den rechteckigen Blöcken in Fall 1 (links/rechts) und Fall 3
(oben/unten) ergibt sich im Grenzzustand jeweils nur ein Moment.

Bild 4.19 Aufteilung des Querschnitts für N, My und Mz (M ≠ 0) im Grenzzustand

Mit der Aufteilung des Querschnitts in Bild 4.19 können die Interaktionsbeziehungen
für die Schnittgrößen N, My und Mz ermittelt werden. Die ausführliche Herleitung
findet sich in [51]. Aus dem Verlauf der Spannungsnulllinie in den Fällen 1 bis 3
können zusätzlich die Gültigkeitsbereiche der einzelnen Fälle bestimmt werden.
Somit erhält man die Gültigkeitsgrenzen in Abhängigkeit von den vorhandenen
Schnittgrößen. In Tabelle 4.3 sind die Ergebnisse aus [51] zusammengestellt.
Integriert man die in Bild 4.19 dargestellten Spannungsverteilungen unter Berück-
sichtigung der Wölbordinaten , ergibt sich M ≠ 0. Lösungen für die N-My-Mz-
Interaktion finden sich auch in [74] und [100]. Gültigkeitsbereiche wie in Tabelle 4.3
werden jedoch nicht angegeben. Die Bestimmung der Tragfähigkeit erfolgt hierbei
ohne Berücksichtigung der Verwölbung. Somit gelten die Lösungen in [74] und [100]
nur unter der Annahme M ≠ 0.
46 4 Rechteckquerschnitt

Tabelle 4.3 N-My-Mz-Interaktion (M ≠ 0) für Rechteckquerschnitte, [51]

Fall Gültigkeitsbereich Nachweisbedingung

N  2  N  3 Mz 2M  N 
2
1   1   1 My  Mpl,y   1 z   
Npl  Npl  2 Mpl,z Mpl,z  Npl 
  3

N  2  N  3 Mz  2 
  1   1  N    N 
Npl  Npl  2 Mpl,z My  Mpl,y   1    2  1    m
   Npl    Npl  
     
2 und
N 3 Mz 1 9  N 1 Mz 
  1 mit:   1    
Npl 2 Mpl,z m 8  Npl 2 Mpl,z 

  2 2
N 3 Mz  N  3  M 

3   1 My  Mpl,y  1      z 
Npl 2 Mpl,z   Npl  4  Mpl,z  
    

Alle Schnittgrößen sind betragsmäßig einzusetzen!

Ein Beispiel für eine N-My-Mz-Interaktion (M ≠ 0) eines Rechteckquerschnitts ist in


Bild 4.20 dargestellt. Nach Tabelle 4.3 sind die Gültigkeitsbedingungen für den Fall 2
erfüllt und der Grenzwert für My kann bestimmt werden. Zum Vergleich sind die
Berechnungsergebnisse nach LILOBEC [70] und INCA2 [38] mit aufgeführt. An der
Spannungsverteilung der Softwarelösungen ist der Fall 2 in Bild 4.18 gut erkennbar.
Die Faktoren  ≅ 1 zeigen eine sehr gute Übereinstimmung mit dem Ergebnis nach
Tabelle 4.3. Mit LILOBEC [70] ergibt sich bei dem in Bild 4.20 dargestellten
Spannungszustand M = 3994 kNcm². Der Querschnitt verdreht sich somit um die
x-Achse, s. Bild 8.7 in Abschnitt 8.2.2.

fy  23,5 kN cm2


N  1053 kN N Npl  0,56 

Mz  4982 kNcm Mz Mpl,z  0,53 
nach Tabelle 4.3: Fall 2 My  840 kNcm My  Mpl,y  0,447 

nach LILOBEC [70] (M = 3994 kNcm²): nach INCA2 [38]:

Bild 4.20 Beispiel für die N-My-Mz-Interaktion mit M ≠ 0 beim Rechteckquerschnitt


4.3 Schnittgrößenkombinationen beim Rechteckquerschnitt 47

4.3.4 Schnittgrößen N, My und Mz ohne unplanmäßige Torsion

Aufbauend auf Abschnitt 4.3.3 wird im Folgenden die Bedingung M = 0 berück-


sichtigt. Im Grenzzustand der N-My-Mz-Interaktion soll sich somit keine Schnittgröße
M aus der Spannungsverteilung ergeben. Grundlage bei der Bestimmung der Trag-
fähigkeit ist die Einhaltung des Gleichgewichts zwischen den Schnittgrößen und den
Spannungen. Zerlegt man den Querschnitt in einzelne Elemente i wie in Bild 1.10, so
folgt nach Tabelle 2.1:
N   i  Ai (4.24)

M y   i  Ai  zi (4.25)

Mz   i  Ai  yi (4.26)

M   i  Ai  i (4.27)
Gemäß Bild 4.11 ergeben sich auch für ein Einzelblech Verwölbungsanteile, wenn es
nicht mehr als dünnwandig betrachtet wird. Somit ist der Einfluss der Verwölbung
nach Gl. (4.27) bei der Interaktion mit zu berücksichtigen. Um den Grenzzustand
der Tragfähigkeit zu bestimmen, benötigt man für Gl. (4.24) bis Gl. (4.27) eine
Spannungsverteilung unter Berücksichtigung des Gleichgewichtes. Die Span-
nungsverteilung wird bei einer vollständigen Durchplastizierung des Querschnitts
durch die Lage und Form der Spannungsnulllinie (SNL) charakterisiert. In Tabelle
4.4 ist der Einfluss der Lage der Nulllinie auf die Schnittgrößen zusammengestellt.
Dazu werden die verschiedenen Lagen, unter der Annahme, dass die Spannungs-
nulllinie eine Gerade ist, betrachtet und die Schnittgrößen nach Gl. (4.24) bis (4.27)
bestimmt. Bei der N-My-Interaktion (Fall a) und der N-Mz-Interaktion (Fall b) gilt
aufgrund der Punktsymmetrie von (y,z): M = 0, s. Bild 4.11 und Bild 4.12. Ver-
läuft die Spannungsnulllinie durch den Schwerpunkt S (deckungsgleich mit dem
Schubmittelpunkt M), wie bei einer My-Mz-Interaktion, erhält man wiederum M = 0,
s. Fall c. Der Fall d in Tabelle 4.4 entspricht einer N-My-Mz-Interaktion (M ≠ 0) wie
in Abschnitt 4.3.3. Nach Gl. (4.27) ergibt sich bei diesem Verlauf der Nulllinie
M ≠ 0. Somit ist der Fall d in die Nachweisstufe II nach Abschnitt 2.6 einzuordnen.
Wird die Forderung M = 0 bei einer N-My-Mz-Interaktion eingehalten, muss sich ein
anderer Verlauf der Spannungsnulllinie ergeben als für den Fall d in Tabelle 4.4. Das
Beispiel in Bild 4.20 im Abschnitt 4.3.3 wird hier erneut betrachtet. Dabei soll die
Bedingung M = 0 erfüllt sein. Bei einer Integration des Spannungsverlaufs nach Gl.
(4.27) darf sich dann kein Wölbbimoment ergeben. Das Ergebnis der Berechnung in
LILOBEC [70] ist in Bild 4.21 dargestellt. Diese Lösung gehört zur NW-St I. Die
Form der Spannungsnulllinie entspricht nicht mehr einer Geraden und der Faktor 
ist kleiner als in Bild 4.20.
48 4 Rechteckquerschnitt

Tabelle 4.4 Einfluss der Lage der Spannungsnulllinie auf N, My, Mz und M

Verlauf der Schnittgrößen nach Nachweis-


Fall Spannungsverteilung
SNL Gl. (4.24) bis (4.27) stufe

N + My
a horizontal I
(Mz = M = 0)

N + Mz
b vertikal I
(My = M = 0)

My + Mz
c diagonal I
(N = M = 0)

d diagonal N + My + Mz + M II

Die Schnittgrößen in Bild 4.20 sind mit dem Faktor von 0,8908 zu reduzieren, um
ausreichende Tragfähigkeit nachzuweisen. Der Querschnitt in Bild 4.21 ist durch-
plastiziert. Die Forderung M = 0 beeinflusst die Spannungsnulllinie und verringert
die Tragfähigkeit, s. Tabelle 4.5.

Bild 4.21 Beispiel für die N-My-Mz-Interaktion (M = 0) beim Rechteckquerschnitt nach
LILOBEC [70]
4.3 Schnittgrößenkombinationen beim Rechteckquerschnitt 49

Ingenieurmodell für Rechteckquerschnitte


Zur Herleitung einer N-My-Mz-Interaktion mit M = 0 für Rechteckquerschnitte wird
das in Abschnitt 1.2 vorgestellte Teilschnittgrößenverfahren (TSV) erweitert. Analog
zum TSV in [43] erfolgt eine Zuordnung der Schnittgrößen zu den einzelnen Quer-
schnittsbereichen. Geht man gedanklich zunächst von dem Fall My = 0 aus, erhält
man infolge Mz eine Spannungsverteilung wie in Bild 4.16 dargestellt. Es ergibt sich
ein Restquerschnitt mit der Breite red b von:

red b  b  1  M z M pl,z (4.28)

Die Normalkraft wird wie in Abschnitt 4.3.2 der Querschnittsmitte des Restquer-
schnitts um den Schwerpunkt zugewiesen. In Bild 4.22 ist die Spannungsverteilung
bei dieser ingenieurmäßigen Vorgehensweise dargestellt.

Bild 4.22 Ingenieurmäßige Annahme für die Aufteilung des Querschnitts bei einer
N-My-Mz-Interaktion mit M = 0

Zur Bestimmung der Interaktionsbeziehung wird in Gl. (4.20) und Gl. (4.21) der Wert
von b durch red b gemäß Gl. (4.28) ersetzt. Aus Gl. (4.23) folgt dann, s. [52]:
2
 N  My Mz Mz
    1  1 (4.29)
N
 pl  M pl,y M pl,z M pl,z

Die Spannungsnulllinie, die Gl. (4.29) zugrunde liegt, ist in Bild 4.23 dargestellt.

Bild 4.23 Verlauf der Spannungsnulllinie gemäß Gl. (4.29) für die Aufteilung des
Querschnitts in Bild 4.22
50 4 Rechteckquerschnitt

Vergleicht man den Verlauf der Nulllinie in Bild 4.21 mit dem in Bild 4.23 wird die
Ähnlichkeit deutlich. Die Erhöhung der Tragfähigkeit zwischen der N-My-Mz-Inter-
aktion mit M ≠ 0 und der N-My-Mz-Interaktion mit M = 0 ist in Bild 4.24
dargestellt. Bei der Bestimmung der Abweichung mit LILOBEC [70] werden alle
vorhandenen Schnittgrößen mit dem Faktor  berücksichtigt. Bei Spannungsvertei-
lungen, die eine Schnittgröße M ergeben, erhält man eine Erhöhung von mehr als
12 %.

Bild 4.24 Erhöhte Tragfähigkeit bei der N-My-Mz-Interaktion mit M ≠ 0 gegenüber


M = 0 (nach LILOBEC [70]) in Abhängigkeit von N/Npl und My/Mpl,y

In Bild 4.25 sind die Abweichungen der Lösungen nach Gl. (4.29) im Vergleich zu
LILOBEC [70] dargestellt. Die Ergebnisse liegen bis zu 9,2 % auf der sicheren Seite.
Für gewisse Schnittgrößenkombinationen ergeben sich kleine Abweichungen auf der
unsicheren Seite, die jedoch wegen der gewählten Elementierung entstehen. Nach
einer Erhöhung der Elementierung in LILOBEC [70] von 980 Elementen auf 4500
Elemente erhält man Abweichungen < 0,05 % auf der sicheren Seite.

Bild 4.25 Abweichungen beim Ingenieurmodell nach Gl. (4.29) im Vergleich zu


LILOBEC [70] (M = 0!) in Abhängigkeit von N/Npl und My/Mpl,y
4.3 Schnittgrößenkombinationen beim Rechteckquerschnitt 51

Die Abweichungen in Bild 4.24 und Bild 4.25 sind im praxisrelevanten Bereich
zwischen b/t = 2 bis b/t = 50 unabhängig vom Verhältnis b/t. Zur Bestimmung der
Abweichungen werden 1000 Schnittgrößenvariationen untersucht. In Tabelle 4.5 sind
die unterschiedlichen Ergebnisse für das im Abschnitt 4.3.3 betrachtete Beispiel
enthalten. Die Tragfähigkeit nach Tabelle 4.3 mit M ≠ 0 liegt bei diesem Beispiel ca.
12 % über der Lösung für M = 0 nach LILOBEC [70]. Das Ergebnis mit Gl. (4.29)
für M = 0 liegt mit ca. 1 % Abweichung auf der sicheren Seite.

Tabelle 4.5 Beispiel für die N-My-Mz-Interaktion beim Rechteckquerschnitt

Schnittgrößen im Grenzzustand
für fy = 23,5 kN/cm²

N [kN] My [kNcm] Mz [kNcm]


Tabelle 4.3 mit M ≠ 0 1053 840 4982
LILOBEC [70] mit M = 3994 kNcm² 1053 840 4981
LILOBEC [70] mit M = 0 938 748 4438
Gl. (4.29) mit M = 0 930 741 4398

4.3.5 Schnittgrößen V und Mxp

Im Fließkriterium gemäß Gl. (2.2) werden Längsspannungen x und Schubspan-


nungen  berücksichtigt. Die Schubspannungen sind somit bei der Ermittlung der
Querschnittstragfähigkeit zu berücksichtigen. Als Grenzwert aus dem Fließkriterium
gilt:
R  f y 3 (4.30)

Treten in einem Querschnitt die Schnittgrößen V und Mxp gleichzeitig auf, ist eine
Interaktionsbedingung erforderlich. Der Rechteckquerschnitt wird dazu wie in [54] in
zwei Bereiche unterteilt, s. Bild 4.26. Es entsteht eine äußere Hohlzelle mit den
Wanddicken ta und im Inneren ein Rechteck mit den Maßen (t – 2 ∙ ta) und (b – 2 ∙ ta).
Es gilt die Annahme gleicher konstanter Schubspannungen  in beiden Bereichen.
Diese Modellierung wird im Folgenden als Hohlzellenmodell bezeichnet. Zur ingeni-
eurmäßigen Veranschaulichung dieses Modells kann man zunächst die Membran-
analogie aus Abschnitt 4.2.2 für das elastische Tragverhalten verwenden. Auf die
dünne gewichtslose Membran wird eine starre Platte mittig lose aufgelegt, denn der
innere Querschnittsanteil steht nicht für die Aufnahme von Mxp zu Verfügung, s. Bild
4.27. Durch den einseitig aufgebrachten Druck (vgl. Bild 4.6) wird die starre Platte
angehoben. Die Membran kann sich nur bis zur Platte ausdehnen. Weitere Beispiele
für Querschnitte mit Aussparungen können z. B. [11] entnommen werden.
52 4 Rechteckquerschnitt

Bild 4.26 Hohlzellenmodell nach [54]

Bild 4.27 Membrananalogie am Rechteckquerschnitt mit Aussparung

Bei steigender Beanspruchung beginnt das Material der Membran zu fließen. Die
maximale Neigung der Membran, welche zur maximalen Schubspannung führt, ist
beim plastischen Tragverhalten bei einem Winkel von 45° erreicht, s. Tabelle 4.1.
Somit ergibt sich mithilfe der Membrananalogie das in Bild 4.28 dargestellte Modell,
welches mit dem Hohlzellenmodell in Bild 4.26 übereinstimmt. Der zugehörige Wert
von Mxp kann mit Gl. (4.7) aus dem Volumen V des gesamten Körpers in Bild 4.28
bestimmt werden. Gemäß Bild 4.26 folgt für den inneren Bereich (Querkraft nach
Hohlzellenmodell):
V   t  2  ta   b  2  ta    (4.31)
4.3 Schnittgrößenkombinationen beim Rechteckquerschnitt 53

Bild 4.28 Schnittgröße Mxp nach Membrananalogie in Abhängigkeit von Schnittgröße V

Gemäß Bild 4.29 ergibt sich Mxp aus vier Anteilen der Hohlzellenwand. Für Fy und Fz
erhält man:
Fy    t a   b  2  t a     t a2
(4.32)
Rechteck Dreiecke

Fz    t a   t  2  t a     t a2
(4.33)
Rechteck Dreiecke

Bild 4.29 Äußere Hohlzelle zur Aufnahme von Mxp

Mxp kann unter Berücksichtigung der zugehörigen Abstände der einzelnen Kompo-
nenten wie folgt bestimmt werden.

M xp  2  t a   t  t a    b  t a   2  t 3a 3   (4.34)

Durch das Einsetzen entsprechender Grenzwerte erhält man die Grenzschnittgrößen


für einen Rechteckquerschnitt. So ergibt sich mit  = R und t  0 aus Gl. (4.31):
Vpl  t  b  R (4.35)
Bei  = R und ta = t/2 folgt aus Gl. (4.34):
1
M pl,xp   R  t 2   3  b  t  (4.36)
6
54 4 Rechteckquerschnitt

Zur Bestimmung von  im Querschnitt ist ta mit Gl. (4.31) und (4.34) zu eliminieren.
Dies ist jedoch nicht unmittelbar möglich, da lineare, quadratische und kubische
Anteile von ta auftreten. Zur Lösung sind mehrere Iterationsschritte notwendig. Alter-
nativ kann unter Verwendung einer ähnlichen Vorgehensweise wie in [43]  nähe-
rungsweise wie folgt bestimmt werden.
 2 2
 M  M   
 f   
xp V
    
xp
    (4.37)
R 2  M pl,xp  2  M pl,xp   Vpl  
 
mit f für b/t ≥ 5:
f   1  0,14  t b (4.38)
Dabei ist f ein Anpassungsfaktor in Abhängigkeit vom b/t-Verhältnis des Rechteck-
querschnitts. Der Verlauf von f nach Gl. (4.38) ist in Bild 4.30 dargestellt.

Bild 4.30 Anpassungsfaktor f nach Gl. (4.38)

Diese Näherung liegt für b/t ≥ 5 auf der sicheren Seite, s. Bild 4.31. Für /R < 1,0
ergeben sich wesentlich geringere Abweichungen als in Bild 4.31 dargestellt.

Bild 4.31 Abweichung der V-Mxp-Interaktion nach Gl. (4.37) im Vergleich zur Iteration
4.3 Schnittgrößenkombinationen beim Rechteckquerschnitt 55

Ein Beispiel für die vorgestellten Lösungen ist in Tabelle 4.6 enthalten. Zum Ver-
gleich erfolgt die Berechnung nach einer Iteration und nach Gl. (4.37). Das Ergebnis
gemäß Gl. (4.37) liegt 0,25 % auf der sicheren Seite.

Tabelle 4.6 Beispiel für eine V-Mxp-Interaktion beim Rechteckquerschnitt ( < R)

V = 200 kN Mxp = 600 kNcm

nach Iteration ta = 0,966 cm


fy = 23,5 kN/cm²  R  0,394
R  13,57 kN/cm² nach Gl. (4.37) f = 1,028
V Vpl  0,184  R  0,395

Im Grenzzustand der Tragfähigkeit einer V-Mxp-Interaktion gilt /R = 1. Damit ist


der Wert für  bekannt und die Gl. (4.31) und (4.34) können direkt verwendet
werden. Durch Einsetzen in Gl. (4.31) folgt:
t a  1,563 cm mit V  200 kN
Unter Anwendung von Gl. (4.34) ergibt sich:
Mxp  1940 kNcm

Alternativ kann Mxp auch in Anlehnung an Gl. (4.7) durch das Volumen in Bild 4.28
bestimmt werden.
Mxp  2  71,5 13,57  1940 kNcm mit V  71,5 cm3
5 Ausrundungsflächen

5.1 Vorbemerkungen

Die meisten Querschnitte können aus Rechtecken zusammengesetzt werden. Die


Grundlagen für die plastische Querschnittstragfähigkeit von Rechteckquerschnitten
finden sich in Abschnitt 4. Bei gewalzten Profilen liegen zusätzliche Flächen in Form
von Ausrundungen vor. Im Folgenden wird auf diese Querschnittsform näher einge-
gangen. Die in diesem Kapitel angegeben N-My-Interaktionsbeziehungen sind nur
notwendig, wenn die Spannungsnulllinie, wie in Bild 7.12 (Fall 2) dargestellt, im
Bereich der Ausrundungen liegt.

5.2 Gleichschenklige, rechtwinklige Dreiecke

Die exakte Erfassung der Ausrundungen ergibt aufwändige Lösungen, s. Ab-


schnitt 5.3. In Bild 5.1 ist die vereinfachte Erfassung einer Ausrundung durch ein
flächengleiches, gleichschenkliges Dreieck dargestellt. Diese Vereinfachung dient als
Grundlage für das weitere Verständnis.

Bild 5.1 Idealisierung einer Ausrundung in Walzprofilen durch Dreiecke

Aus der Bedingung der Flächengleichheit kann die Schenkellänge a mit



a  r 2  0,655  r (5.1)
2
berechnet werden, wobei r der Ausrundungsradius ist. Die Hauptachsen y und z für
einen separaten Dreiecksquerschnitt sind um den Hauptachsendrehwinkel  = −45°
gedreht, s. Bild 5.2. Die Transformationsbedingungen aus [43] werden ergänzend im
Bild 5.2 mit angegeben.
5.2 Gleichschenklige, rechtwinklige Dreiecke 57

Transformationsbeziehungen:
y  y  cos   z  sin 
z  z  cos   y  sin 

Bild 5.2 Koordinatensysteme

Die folgenden Betrachtungen beziehen sich nicht auf das Hauptachsensystem,


sondern auf das y-z- Koordinatensystem im Schwerpunkt S. Da es sich bei dem in
Bild 5.2 dargestellten Querschnitt um einen Teilquerschnitt eines I-Profils handelt,
wird das y-z- Koordinatensystem im Folgenden als ye-ze-Koordinatensystem bezeich-
net. Der Index „e“ steht für Element. In Tabelle 5.1 sind die wesentlichen Grenz-
schnittgrößen zusammengefasst. Für die Bestimmung von Npl,e wird angenommen,
dass die Streckgrenze im gesamten Querschnitt erreicht ist. Die Grenzschnittgröße
Mpl,y,e erhält man aus der Flächenhalbierenden, da keine Schnittgröße N auftreten
darf. Der Faktor  für die Lage der Flächenhalbierenden in Tabelle 5.1 ergibt sich zu:
1
 (5.2)
2

Tabelle 5.1 Plastische Grenzschnittgrößen für gleichschenklige, rechtwinklige Dreiecke

a2
Npl,e   fy
2
 1  a3
Mpl,y,e   1    fy
 2 3

Mpl,y,e  0,0976  a3  fy

Treten Biegemoment und Normalkraft gleichzeitig auf, sind beide Schnittgrößen zu


berücksichtigen. Vergleichbar mit Bild 4.16 wird in Bild 5.3 die Normalkraft Flächen
um die Flächenhalbierende herum zugewiesen. Die Höhen b und c kann man so
ermitteln, dass die Normalkräfte zu beiden Seiten der Flächenhalbierenden gleich
groß sind und gleichzeitig im Flächenanteil Ne die Streckgrenze erreicht wird. An den
Rändern befinden sich die infolge My,e beanspruchten Bereiche. Durch den Versatz
zwischen dem Schwerpunkt der Normalkraftfläche SN-Fläche und dem Schwerpunkt S
entsteht ein zusätzliches Moment, das je nach Vorzeichen vergrößernd oder abmin-
dernd wirkt, s. Bild 5.7.
58 5 Ausrundungsflächen

Bild 5.3 Aufteilung eines Dreiecks bei einer N-My-Interaktion

Es ergeben sich die beiden Grenzen min My,e und max My,e. Die Vorzeichen sind zu
berücksichtigen.
 
 
max M y,e  N pl,e  Ne 
3
2

N
 a  2  1 e
N pl,e


(5.3)
 
 
 
min M y,e  N pl,e  Ne 
3
2

N
 a    2  1 e
N pl,e


(5.4)
 
Der Nachweis ist erfüllt, wenn das nachzuweisende Biegemoment zwischen den
Grenzen von Gl. (5.3) und Gl. (5.4) liegt, s. Gl. (5.5).
min M y,e  M y,e  max M y,e (5.5)
Das gleichschenklige Dreieck ist nicht wölbfrei. Es ergibt sich eine Schnittgröße
M,e in Abhängig von der Spannungsverteilung. Da es sich bei dieser Betrachtung um
einen Teilquerschnitt handelt, erhält man die Wölbordinate  nur aus der Betrachtung
des Gesamtquerschnitts, s. Abschnitt 3.4.2.

5.3 Ausrundungen

Im Folgenden wird die Ausrundung, wie in Bild 5.4 dargestellt, näher betrachtet. Ziel
ist es, im Vergleich zu Abschnitt 5.2, die exakte Interaktionsbeziehung zu ermitteln.

Bild 5.4 Ausrundung in Walzprofilen


5.3 Ausrundungen 59

Analog zum gleichschenkligen, rechtwinkligen Dreieck sind bei einer separaten


Ausrundung in Bild 5.5 die Hauptachsen y und z um den Hauptachsenwinkel
 = −45° gedreht. Die Ausrundung wird als Teilquerschnitt betrachtet. Deshalb be-
ziehen sich die nachfolgenden Betrachtungen auf das ye-ze-Koordinatensystem.

Bild 5.5 Koordinatensysteme

Die Grenzschnittgröße Npl,e kann problemlos aus der Fläche bestimmt werden. Aus
der Bedingung der halben Flächen für Mpl,y,e ergibt sich z für Tabelle 5.2 zu:
z  4  4    2  sin  2       r 8 (5.6)
Als weiterer Zusammenhang kann
z  r  cos  (5.7)
angegeben werden. Das Gleichsetzen von Gl. (5.6) und Gl. (5.7) ergibt Gl. (5.8), die
jedoch nicht direkt lösbar ist.
4  cos   2  2    sin  2      2 (5.8)
Für die Bestimmung von  in den Grenzen 0 ≤  ≤ /2 ist eine Iteration erforderlich.
Es ergibt sich:
z 0,82619  r mit  0,59848 (5.9)
Die wesentlichen Grenzschnittgrößen sind in Tabelle 5.2 zusammengefasst.

Tabelle 5.2 Plastische Grenzschnittgrößen für Ausrundungen

 
Npl,e   1    r 2  fy
 4
 r2

Mpl,y,e  r  fy   z2   5  4  sin3 
 6

rz   
   2  2    sin  2      
2  2 

Mpl,y,e  0,0315  r 3  fy
60 5 Ausrundungsflächen

Für den Nachweis der Interaktion zwischen Biegemoment und Normalkraft kann man
analog zu Abschnitt 5.2 vorgehen. Die Normalkraft wird den Flächen um die
Flächenhalbierende herum zugewiesen und die verbleibenden Bereiche werden durch
My,e beansprucht. Vergleichbar mit dem gleichschenkligen, rechtwinkligen Dreieck in
Abschnitt 5.2 ergeben sich die Höhen b und c sowie ein Versatz der Schwerpunkte
zwischen der Normalkraftfläche SN-Fläche und dem Schwerpunkt S, s. Bild 5.6.

Bild 5.6 Aufteilung einer Ausrundung bei einer N-My-Interaktion

Aus der Bedingung, dass die Flächen von Ne oberhalb und unterhalb der Flächen-
halbierenden gleich groß sein müssen, folgt:
4    2   2  3   8  cos   4  cos  2  4  cos 3
(5.10)
2  sin  2     sin  2  2   sin  2  3   0
Darüber hinaus wird im Bereich Ne die Streckgrenze erreicht. Somit ergibt sich als
weitere Bedingung:
r2
fy    2  3  cos  2   sin  2  2   cos 3   sin 3  2   Ne (5.11)
2 
In den Grenzen 0 ≤  ≤ /2 und 0 ≤  ≤ /2 ist eine Iteration für die Bestimmung
von  und  erforderlich. Analog zum rechtwinkligen, gleichschenkligen Dreieck
in Abschnitt 5.2 ergeben sich die beiden Grenzen min My,e und max My,e. Die
Vorzeichen sind zu berücksichtigen.
max M y,e  M y,e,nur M  Ne  x Versatz (5.12)
min M y,e  M y,e,nur M  Ne  x Versatz (5.13)
mit:

 1
  r2  5
M y,e,nur M  r  f y   z 2  b2  c2     sin 3  2  sin 3 3 
 2 3 2


(5.14)
rz 
   2   2  2  3    sin  2   2   sin  2  3   4  
4 
5.3 Ausrundungen 61

x Versatz 

3   b  c    2  z  b  c   2  r 2  sin 3  2  sin 3 3 
3   r  sin 3  cos 3  r    2  3   r  sin  2  cos  2  2   b  c  
(5.15)
2r

3   4  
b  r  cos 2  z (5.16)
c  z  r  cos 3 (5.17)
Die ausreichende Tragfähigkeit ist nachgewiesen, wenn das Biegemoment in den
Grenzen von Gl. (5.18) liegt.
min M y,e  M y,e  max M y,e (5.18)
Da die Ausrundung nicht wölbfrei ist, muss M,e berücksichtigt werden. Bei der
Ausrundung handelt es sich um einen Teilquerschnitt. Zur Bestimmung der
Wölbordinate  ist der gesamten Querschnitt zu betrachten, s. Abschnitt 3.4.2. In
Bild 5.7 sind die Interaktionskurven für den Rechteckquerschnitt nach Gl. (4.23), den
gleichschenkligen, rechtwinkligen Dreiecksquerschnitt nach Gl. (5.5) und die Aus-
rundung nach Gl. (5.18) dargestellt. Der Rechteckquerschnitt ist ein flächengleiches
Quadrat. Wegen der fehlenden Symmetrie des Dreieckes und der Ausrundung
bezüglich des ye-ze-Koordinatensystems ergibt sich eine Verschiebung der Inter-
aktionskurve im Vergleich zum Quadrat.

Bild 5.7 Interaktionskurven für das Rechteck nach Gl. (4.23), das Dreieck nach
Gl. (5.5) und die Ausrundung nach Gl. (5.18)
62 5 Ausrundungsflächen

In Bild 5.8 sind die Abweichungen für die Gl. (4.23) und Gl. (5.5) zu Gl. (5.18)
dargestellt. Die Interaktionsbeziehung für das Quadrat liegt zwischen 26,7 % auf der
sicheren und 0,2 % auf der unsicheren Seite. Bei der N-My-Interaktion des gleich-
schenkligen, rechtwinkligen Dreieckes liegen die Ergebnisse immer auf der sicheren
Seite (bis zu 15,3 %).

Bild 5.8 Abweichungen von Gl. (4.23) und Gl. (5.5) in Abhängigkeit von N/Npl

Alternativ zur iterativen Vorgehensweise nach Gl. (5.10) und Gl. (5.11) können die
Werte von  und  in guter Näherung nach Tabelle 5.3 ermittelt werden.

Tabelle 5.3 Näherungsgleichungen für die Bestimmung von  und 


Abweichung My,e
Gültigkeit Näherung
(sichere Seite)
N
2  0,44   0,6 0 % bis 0,6 %
N Npl
 0,4
Npl N
3  0,47   0,6 0 % bis 0,6 %
Npl
2
 N  N
2  0,2     0,26   0,56 1,6 % bis 3,6 %
 Npl  Npl
N  
0,4   0,8
Npl  N 
2
N
3  0,45     0,11  0,68 0,2 % bis 1,4 %
 Npl  N
  pl
2
 N  N
2  1,57     1,98   0,36 1,1 % bis 5,6 %
 Npl  Npl
N  
0,8   0,96
Npl  N 
2
N
3  3,95     5,59  3 2,9 % bis 6,5 %
 Npl  Npl
 
6 Doppeltsymmetrische geschweißte I-Profile

6.1 Vorbemerkungen

Auf Grundlage der Methoden und Ergebnisse in Kapitel 4 erfolgt in diesem Kapitel
die Übertragung auf doppeltsymmetrische geschweißte I-Profile. Es werden Glei-
chungen zur Bestimmung der Grenzschnittgrößen vorgestellt. Für gleichzeitig auf-
tretende Schnittgrößen werden Interaktionsbeziehungen formuliert und deren
Genauigkeit mit LILOBEC [70] bestimmt.

6.2 Grenzschnittgrößen

6.2.1 Grundlagen

Mit zunehmender Automatisierung in der Stahlbaufertigung kommen vermehrt


geschweißte doppeltsymmetrische I-Profile zum Einsatz. Dabei werden vorwiegend
rechteckige Flach- oder Breitflachstähle zu Querschnitten zusammengefügt, s. Bild
6.1. Durch die große Auswahl an verfügbaren Flach- und Breitflachstählen ergibt sich
ein großes Spektrum an Profilvarianten.

Bild 6.1 Geschweißter doppeltsymmetrischer I-Querschnitt

Die gebräuchlichsten Ausführungen für die Schweißverbindung zwischen Steg und


Gurt sind in Tabelle 6.1 zusammengestellt. Wegen der Vielzahl an möglichen
Profilen dienen für die nachfolgenden Betrachtungen die Walzprofilreihen IPE,
HEAA, HEA, HEB und HEM als Grundlage. Dazu werden deren Abmessungen
übernommen und als geschweißte Querschnitte ohne Ausrundungen (r = 0)
betrachtet. Im Verlauf dieses Kapitels werden diese Profile mit der Ergänzung
„ähnlich“ bezeichnet, z. B.: ähnlich IPE 200.
64 6 Doppeltsymmetrische geschweißte I-Profile

Tabelle 6.1 Ausführungsvarianten der Schweißnähte bei geschweißten I-Profilen

Nahtart Darstellung Anwendungsbeispiel

Doppel HV-Naht Stoßen dicker Bleche


(K-Naht) Ermüdungsbeanspruchung (höhere Kerbfestigkeit)

Doppelkehlnaht Standardfall

6.2.2 Plastische Grenzschnittgrößen Npl, Mpl,y, Mpl,z, Vpl,z und Vpl,y

Zur Bestimmung des Tragverhaltens von Querschnitten ist die Kenntnis der
plastischen Grenzschnittgrößen erforderlich. Wie schon in Abschnitt 2.5 erläutert,
wird bei der Ermittlung der Grenzschnittgrößen eine einzelne Schnittgröße
betrachtet. Alle anderen Schnittgrößen müssen gleich null sein. Bei dem Linien-
modell in Tabelle 2.5 sind die Anteile, die sich aus der Berücksichtigung der
Blechdicke ergeben, nicht enthalten. Eine genauere Ermittlung der plastischen Grenz-
schnittgrößen für geschweißte I-Querschnitte ist in Tabelle 6.2 enthalten. Auf die
Grenzschnittgrößen Mpl, und Mpl,xp wird in den nachfolgenden Abschnitten näher
eingegangen. Alternativ kann man die plastischen Grenzschnittgrößen auch aus z. B.
[46] ablesen. Beim Vergleich von tabellierten Werten können sich Abweichungen
ergeben, da unterschiedliche Annahmen bzw. Vereinfachungen zugrunde gelegt
werden.

Tabelle 6.2 Plastische Grenzschnittgrößen für geschweißte I-Querschnitte


Npl   2  b  t f  hw  t w   fy

 h2 
Mpl,y  b  t f  h  t f   t w  w   fy
 4 

Vpl,z  t w  hw  fy 3

 b2 t2 
Mpl,z   t f   hw  w   fy
 2 4 

Vpl,y  2  b  t f  fy 3

Mpl,xs  Vpl,y  h  t f  2

Mpl,xp nach Gl. (6.6)

Mpl, nach Gl. (6.10)


6.2 Grenzschnittgrößen 65

6.2.3 Plastische Grenzschnittgröße Mpl,xp

Bei der Bestimmung der Grenzschnittgröße Mpl,xp ist es üblich, den Querschnitt durch
eine Kombination von Rechtecken zu idealisieren, s. Bild 6.1. Bei dieser Näherung
wird die Übertragung von Schubspannungen zwischen Gurt und Steg nicht berück-
sichtigt. Abhängig von der angenommenen Verteilung der Schnittgröße Mxp auf die
Teilquerschnitte ergibt sich die Grenzschnittgröße Mpl,xp.

Verteilung nach der Elastizitätstheorie


Die Ermittlung der Schubspannungen bei dünnwandigen offenen I-Profilen erfolgt
mit der bekannten Gleichung, z. B. in [24] und [120]:
M xp
xs   t s (6.1)
IT
Bei Anwendung von Gl. (6.1) wird Mxp auf die Teilquerschnitte nach dem Verhältnis
der Torsionsträgheitsmomente gemäß Elastizitätstheorie verteilt. Diese Vorgehens-
weise kommt auch für das in [43] und [45] vorgestellte Teilschnittgrößenverfahren
zur Anwendung. Wegen seiner geringeren Torsionssteifigkeit im Vergleich zu den
Gurten bleibt der Steg bei üblichen Profilabmessungen elastisch, s. Beispiel in
Abschnitt 8.2.3. Die Grenztragfähigkeit erhält man, wenn im Gurt
b  t 3f
M xp,f  M xp   M pl,xp,f (6.2)
2  b  t 3f  h w  t 3w
gilt. Somit ergibt sich:
2  b  t 3f  h w  t 3w
M pl,xp  M pl,xp,f  mit M pl,xp,f in Bild 4.3 (6.3)
b  t 3f
Durch die getrennte Betrachtung der Teilquerschnitte gemäß Gl. (6.1) wird der in
Bild 6.2 (links) dargestellte Schubspannungsverlauf angenommen.

Bild 6.2 Schubspannungsverläufe für die Fälle „Teile getrennt“ und „Teile verbunden“
66 6 Doppeltsymmetrische geschweißte I-Profile

Die gegenseitige Beeinflussung der Teilquerschnitte wird durch die numerischen


Untersuchungen in [28], [48] und [63] deutlich. Der prinzipielle Verlauf der Schub-
spannungen unter Berücksichtigung der Verbindung von Gurt und Steg ist in Bild
6.2 (rechts) dargestellt. Gemäß Bild 6.2 (rechts) ergeben sich im Steg keine horizon-
talen Schubspannungen. Somit erhält man nach Integration der Schubspannungen für
den Steg eine wesentlich kleinere Schnittgröße Mxp,w, s. Abschnitt 4.2.2. In Abschnitt
8.2.3 erfolgt an einem Beispiel die numerische Untersuchung der Verteilung von Mxp
mit dem FEM Programmsystem ANSYS [22].

Verteilung nach der Plastizitätstheorie


Zur Ausnutzung der plastischen Reserven wird im Folgenden die in Abschnitt 4.2.2
vorgestellte Nadai‘sche Sandhügelanalogie verwendet. Es ist üblich, I-Profile als
getrennte Teilquerschnitte zu idealisieren. Unter Verwendung von Gl. (4.9) für einen
Teilquerschnitt kann die Grenzschnittgröße Mpl,xp wie folgt bestimmt werden:
1 1
M pl,xp   R  t f2   3  b  t f    R  t 2w   3  h w  t w  (6.4)
3 6
Das Modell, welches Gl. (6.4) zugrunde liegt, ist durch die Verwendung separater
Flächen gekennzeichnet. Es wird keine gegenseitige Beeinflussung der Teilflächen
berücksichtigt. In Bild 6.3 ist die plastische Spannungsfunktion bei Idealisierung
durch getrennte Teilquerschnitte dargestellt. Grundlagen und Herleitung der plas-
tischen Spannungsfunktion sind Abschnitt 4.2.2 zu entnehmen.

Bild 6.3 Plastische Spannungsfunktion für I-Profile bei separaten Flächen


(Walmdach)

Gemäß Tabelle 6.1 sind bei der Bestimmung der Grenzschnittgröße Mpl,xp von
geschweißten I-Profilen nach der Plastizitätstheorie zwei Ausführungsvarianten zu
unterscheiden. In Bild 6.4 ist der Nadai‘sche Sandhügel für einen doppeltsym-
metrischen I-Querschnitt mit Doppel HV-Naht dargestellt. Im Übergangsbereich
zwischen Gurt und Steg verlaufen die Höhenlinien (entsprechen den Schubspan-
6.2 Grenzschnittgrößen 67

nungsvektoren) wie auch der Grat gekrümmt. Dieser Verlauf ergibt sich aus der
Bedingung einer konstanten Steigung der plastischen Spannungsfunktion.

Bild 6.4 Nadai‘scher Sandhügel auf Querschnittfläche (Doppel HV-Naht)

Für die Entwicklung einer Näherungslösung in Bild 6.5 werden die Höhenlinien von
Gurt und Steg gedanklich „stumpf“ zusammengestoßen. Ein Vergleich zwischen Bild
6.4 und Bild 6.5 macht deutlich, dass es nur geringe Abweichungen zwischen den
Modellen gibt.

Bild 6.5 Näherung Nadai‘scher Sandhügel (Doppel HV-Naht)

Die Grenzschnittgrößen Mpl,xp kann mit Bild 6.5 wie folgt bestimmt werden:
1 1
M pl,xp   R  t f2   3  b  t f    R  t 2w   3  h w  t w  (6.5)
3 6
Da die Dicke der HV-Naht durch die Stegdicke festgelegt wird, ist in Gl. (6.5) auch
kein Ausdruck für die Schweißnaht selbst erkennbar. Der Einfluss der Doppel
HV-Naht auf die Grenzschnittgröße beschränkt sich im baupraktischen Bereich auf
ca. 3 %. Beim Vergleich von Bild 6.5 mit Bild 6.3 wird deutlich, dass sich die
Modelle nur durch die Berücksichtigung von Anteilen im Übergang zwischen Gurt
und Steg unterscheiden. Der Unterschied zwischen Gl. (6.4) und Gl. (6.5) ergibt sich
nur durch eine Modifizierung im Steganteil.
68 6 Doppeltsymmetrische geschweißte I-Profile

Der Sandhügel eines geschweißten doppeltsymmetrischen I-Profils mit Doppelkehl-


naht ist in Bild 6.6 enthalten. Der Spalt zwischen Gurt und Steg hat einen ver-
gleichbaren Einfluss, wie die Aussparung in Bild 4.27. Bei der experimentellen
Untersuchung mithilfe der Nadai‘schen Sandhügelanalogie wird im Übergang zwi-
schen Gurt und Steg solange der Sand entfernt, bis sich die Geometrie des Spaltes
ergibt. Für die Darstellung in Bild 6.6 sind zur Veranschaulichung sehr große
Nahtdicken gewählt worden. Baupraktisch ist die Nahtdicke wesentlich geringer.

Bild 6.6 Nadai‘scher Sandhügel auf Querschnittfläche (Doppelkehlnaht)

Je kleiner die Nahtdicke ist, desto mehr nähert man sich dem Ergebnis in Bild 6.3 an.
Eine gesonderte Näherungslösung für den Fall in Bild 6.6 erscheint nicht sinnvoll. Es
kann vereinfacht Gl. (6.4) angewendet werden. Die Querschnittsform bleibt bei
Anwendung der Gln. (6.4) und (6.5) nicht erhalten, s. Abschnitt 8.2.3.
6.2 Grenzschnittgrößen 69

Ingenieurmodell zur Bestimmung der Grenzschnittgröße Mpl,xp


Bei den Verteilungen nach der Elastizitätstheorie in Bild 6.2 (links) und nach der
Plastizitätstheorie in Bild 6.3 werden die horizontalen Schubspannungen im Steg mit
berücksichtigt. Aus den numerischen Untersuchungen in Abschnitt 8.2.3 (s. Bild
8.26) und in [28] kann man schlussfolgern, dass sich im Steg überwiegend vertikale
Schubspannungen ergeben (s. Bild 6.2 rechts). Die Spannungsverteilung im Gurt in
Bild 8.26 (rechts) entspricht dem Walmdachmodell, während im Steg hauptsächlich
vertikale Schubspannungen auftreten (s. Streifenmodell in [43]). Unter Annahme
dieser Modelle für die Teilquerschnitte ergibt sich die in Bild 6.7 dargestellte
ingenieurmäßige Näherung für die Verteilung der Schubspannungen.

Bild 6.7 Modell für Verteilung der Schubspannungen

Aufgrund dieser Modelle folgt für die Grenzschnittgröße:


1 1
M pl,xp   R  t f2   3  b  t f    R  t 2w  h w (6.6)
3 4
In Bild 8.26 (rechts) in Abschnitt 8.2.3 bleibt für den Fall Mxp = Mpl,xp nach Gl. (6.6)
die Querschnittsform erhalten. Zur Bestimmung der Grenzschnittgröße Mpl,xp und zur
Ermittlung der Teilschnittgrößen in den Teilquerschnitten wird Gl. (6.6) empfohlen.

6.2.4 Plastische Grenzschnittgröße Mpl,

Bei der Bestimmung der Grenzschnittgröße Mpl, bei doppeltsymmetrischen ge-


schweißten I-Profilen sind die Teilschnittgrößen aus den Gurten und dem Steg zu
berücksichtigen, s. Bild 6.8. Die Schnittgröße aus den Gurten entspricht dem
Mittellinienmodell. Somit ergibt sich aus Tabelle 2.5:
b2
M pl,,ml  tf    h  tf   fy (6.7)
4
Die Ergebnisse aus Gl. (6.7) entsprechen den Werten in [1].
70 6 Doppeltsymmetrische geschweißte I-Profile

Bild 6.8 Spannungsverteilung für Mpl, aus Gurten und Steg

Aus Abschnitt 4.2.3 wird die Schnittgröße für den Steg Mpl,,w nach Gl. (4.15) ent-
nommen. Es ergibt sich für den Steg:

Mpl,,w     h w  t w   f y
2
(6.8)

Für die Gurte wird kein Wölbbimoment Mpl,,f über die Blechdicke berücksichtigt, da
sich dieses wegen der Spannungsverteilung wieder aufhebt. Somit erhält man aus
Mpl,  Mpl,,ml  Mpl,,w (6.9)
die Grenzschnittgröße Mpl, für doppeltsymmetrische geschweißte I-Profile.
 b2 2
M pl,   t f    h  t f      h w  t w    f y mit  aus Tabelle 4.2 (6.10)
 4 
Für die Profilreihen ähnlich den Walzprofilen mit r = 0 sind die Ergebnisse nach
Gl. (6.10) mit den von LILOBEC [70] ermittelten Werten nahezu identisch. In Bild
6.9 ist ein Beispiel dargestellt.

Profil ähnlich HEB 200 (ohne Ausrundungen)

Gl. (6.7): Mpl, = 65213 kNcm²

Gl. (6.10): Mpl, = 65554 kNcm²

LILOBEC [70]: Mpl, = 65554 kNcm²

(1108 Elemente)

fy = 23,5 kN/cm²

Bild 6.9 Grenzschnittgröße Mpl,für ein HEB 200 mit r = 0 nach LILOBEC [70]
6.3 Schnittgrößenkombinationen 71

Bild 6.10 Grenzschnittgröße Mpl, nach Gl. (6.10) im Vergleich zu Gl. (6.7)

Bei den Profilreihen ähnlich den Walzprofilen (r = 0) ergibt sich nach Gl. (6.10) eine
um bis zu 3 % höhere Tragfähigkeit als nach Gl. (6.7), s. Bild 6.10. Grundlagen zur
Ermittlung der Verwölbung von I-Profilen gemäß dem Mittellinienmodell sind z. B.
in [93] und [110] enthalten.

6.3 Schnittgrößenkombinationen

6.3.1 Vorbemerkungen

In diesem Abschnitt werden die plastischen Querschnittstragfähigkeiten für


unterschiedliche Schnittgrößenkombinationen doppeltsymmetrischer geschweißter
I-Profile untersucht. Dies erfolgt durch Erweiterung des in [45] vorgestellten Teil-
schnittgrößenverfahrens (TSV). Das erweiterte Teilschnittgrößenverfahren wird
im Folgenden mit TSV-plus bezeichnet. Vergleichbar zum TSV betrachtet man beim
TSV-plus den Grenzzustand der Tragfähigkeit. Dabei wird die maximale Trag-
fähigkeit des Querschnitts abhängig von der auftretenden Schnittgrößenkombination
bestimmt. Alternativ ist es möglich die plastische Querschnittstragfähigkeit nähe-
rungsweise durch eine lineare Interaktion der einzelnen Schnittgrößen nachzuweisen,
s. z. B. [15]. Auszüge der im Folgenden vorgestellten Interaktionsbeziehungen sind
bereits in [54] und [55] veröffentlicht. Die Abweichungen der Interaktionsbezie-
hungen gemäß TSV-plus, DIN 18800 [14] und DIN EN 1993-1-1 [15] werden mit
LILOBEC [70] bestimmt.
72 6 Doppeltsymmetrische geschweißte I-Profile

6.3.2 Grundlagen

Durch die Beanspruchung von Querschnitten ergeben sich Spannungen. Diese Span-
nungen können mit Tabelle 2.1 zu Schnittgrößen zusammengefasst werden.

Bild 6.11 Schnittgrößen N, My, Mz und M sowie örtliche Schnittgrößen in den


Teilquerschnitten beim TSV nach [43]

Zur Bestimmung der Tragfähigkeit teilt man das Profil, wie in Bild 6.1 dargestellt, in
die drei Teilquerschnitte Obergurt, Steg und Untergurt und bildet das Gleichgewicht
zwischen Schnittgrößen und Teilschnittgrößen. Nachfolgend werden zunächst die
-Schnittgrößen betrachtet. Beim TSV in [43] und [45] erfolgt die Idealisierung des
Querschnitts nach dem Mittellinienmodell, s. Bild 1.5. Analog zum Rechteck-
querschnitt in Abschnitt 4.2.1 kann man beim TSV-plus zur genaueren Erfassung der
Tragfähigkeit die Teilschnittgrößen aus Blechbiegung (Index „bl“) und lokale
Wölbbimomente berücksichtigen, s. Bild 6.12. Das Biegemoment um die schwache
Achse eines Teilquerschnitts wird als Blechbiegemoment Mbl bezeichnet.

Bild 6.12 Schnittgrößen N, My, Mz und M sowie örtliche Schnittgrößen in den


Teilquerschnitten beim TSV-plus
6.3 Schnittgrößenkombinationen 73

Für die in den nachfolgenden Abschnitten untersuchten Schnittgrößenkombinationen


dient das in Bild 6.12 dargestellte Gleichgewicht als Grundlage.

6.3.3 Schnittgrößen N und My

Die N-My-Interaktion zählt zu der am häufigsten auftretenden Schnittgrößen-


kombination. Für die Beschreibung des doppeltsymmetrischen geschweißten Quer-
schnitts sind die Abmessungen h, b, tw und tf notwendig. Zur Bestimmung der
Tragfähigkeit werden noch die Streckgrenze fy und der Teilsicherheitsbeiwert
benötigt. Somit ergeben sich zusammen mit den Schnittgrößen N und My nach [55]
acht Parameter, um die N-My-Interaktion zu beschreiben. Für eine genaue Formu-
lierung können diese Parameter auf vier reduziert werden, s. [55]:
N Npl , M y Mpl,y ,   A w A und t f h w

Der Einfluss der Parameter ist in Bild 6.13 dargestellt. Je größer der Anteil der
Stegfläche am Gesamtquerschnitt ist, desto größer ist die plastische Tragfähig-
keitsreserve. Die Darstellung in Bild 6.13 links gilt für den häufigen Wert von
tf/hw = 0,05. Nennenswerte Unterschiede des Parameters tf/hw in Bild 6.13 rechts auf
die Tragfähigkeit ergeben sich für  = 0,35 zwischen N/Npl = 0,35 und 0,7.

Bild 6.13 Einfluss der Parameter  (links) und tf/hw (rechts) auf die N-My-Interaktion,
[55]

Gemäß Bild 6.12 können in jedem Teilquerschnitt die Schnittgrößen N, M, Mbl und
M auftreten. Nach Tabelle 4.4 ergibt sich bei der N-My-Interaktion eine horizontale
Spannungsnulllinie. Durch die Unterteilung in drei Teilquerschnitte erhält man die in
Bild 6.14 dargestellten drei Fälle für die Lage der Spannungsnulllinie.
74 6 Doppeltsymmetrische geschweißte I-Profile

Bild 6.14 Lage der Spannungsnulllinie bei der N-My-Interaktion

Für eine N-My-Interaktion ergeben sich nach Bild 6.12 die Gleichgewichtsbezie-
hungen:
N  N u  N w  No (6.11)
h  tf h  tf
M y  Nu   No   M u,bl  M w  Mo,bl (6.12)
2 2
Mz  Mu  Mw,bl  Mo  0 (6.13)
h  tf h  tf
M  M u   Mo   M,u  M,w  M,o  0 (6.14)
2 2
Da die Spannungsnulllinie gemäß Bild 6.14 horizontal verläuft erhält man:
M,u  M,w  M,o  0 (6.15)
M w,bl  0 (6.16)
Es folgt:
M u  Mo  0 (6.17)
Bei der N-My-Interaktion ergeben sich somit zwei Bedingungen und sechs
unbekannte Teilschnittgrößen. Die Lösung erfolgt unter Anwendung einer Optimie-
rung mit dem Ziel, die maximale Grenztragfähigkeit zu bestimmen. Wegen der
Symmetrieeigenschaften kann Fall 3 in Bild 6.14 entfallen, wenn man die Schnitt-
größen betragsmäßig berücksichtigt. Die Normalkraft kann dem Steg um den
Schwerpunkt herum zugewiesen werden. Somit verbleiben die weiter vom Schwer-
punkt entfernten Querschnittsflächen für das Biegemoment. Im Grenzzustand
ergeben sich die in Bild 6.15 dargestellten Aufteilungen des Querschnitts und die
gekennzeichneten Bereiche zur Aufnahme von N und My. Mit der Aufteilung des
Querschnitts in Bild 6.15 kann ein Teil der Teilschnittgrößen unmittelbar bestimmt
werden. So ergibt sich z. B. nur in dem Teilquerschnitt ein Biegemoment, in dem die
Spannungsnulllinie liegt. Treten in einem Teilquerschnitt die Teilschnittgrößen
Normalkraft und Biegemoment auf, erfolgt die Interaktion nach Gl. (4.23).
6.3 Schnittgrößenkombinationen 75

Bild 6.15 Aufteilungen des Querschnitts für N und My im Grenzzustand

Für den Nachweis ausreichender Tragfähigkeit wird für beide Fälle zunächst der
Einfluss der Normalkraft berücksichtigt. Danach überprüft man, ob das Biegemoment
|My| nicht größer als das maximal aufnehmbare Biegemoment max My ist:
M y  max M y (6.18)

Mit Bild 6.15 kann man die Grenzen für die Fallunterscheidung anschaulich
ermitteln. Der Nachweis der Normalkraft ist in den Grenzen der Fallunterscheidung
enthalten.
Fall 1: Spannungsnulllinie im Steg
Bedingung: N  Npl,w  h w  t w  f y

direkt bestimmbar: No   Npl,f  bf  t f  f y


Nu  Npl,f  bf  t f  f y
Mo,bl  Mu,bl  0

aus Gleichgewicht: N w  N  No  N u  N
  
2
N   N pl,w  h w aus Gl. (4.23)
M w  1   w 
  N pl,w  4
 
h  tf
max M y   N u  No    Mw
2
max M y  Npl,f   h  t f   Mw

N2
max M y  M pl,y 
4  tw  fy
Nachweis: M y  max M y
76 6 Doppeltsymmetrische geschweißte I-Profile

Fall 2: Spannungsnulllinie im (Ober-)Gurt


Bei Fall 2 kann die Spannungsnulllinie im Obergurt oder im Untergurt liegen. Die
Herleitung erfolgt anhand des Falls Spannungsnulllinie im Obergurt.
Bedingung: Npl,w  N  Npl

direkt bestimmbar: Nw  Npl,w  h w  t w  f y


Nu  Npl,f  bf  t f  f y
Mw  Mu,bl  0

aus Gleichgewicht: No  N  Nw  Nu  N  Npl,w  Npl,f


  
2
N   N pl,f  t f aus Gl. (4.23)
M o,bl  1   o 
  N pl,f  4
 
h  tf
max M y   N u  No    Mo,bl
2
h  tf

max M y  N pl  N 
2
  Mo,bl

 h N pl  N 

max M y  N pl  N    
 2 4  b  f y 
 
Nachweis: M y  max M y

Das TSV-plus stellt eine Erweiterung des Teilschnittgrößenverfahrens (TSV) dar, da


die Blechbiegemomente (Index „bl“) mit berücksichtigt werden. In Tabelle 6.3 sind
die erforderlichen Nachweise für eine N-My-Interaktion nach TSV-plus zusammen-
gestellt. Die Bestimmung der Tragfähigkeit unter Verwendung Tabelle 6.3 entspricht
der exakten Lösung.

Tabelle 6.3 Nachweise zur plastischen Querschnittstragfähigkeit für die Schnittgrößen


N und My von doppeltsymmetrischen geschweißten I-Profilen, [55]
N  Npl,w

N2
My  Mpl,y 
4  t w  fy

Npl,w  N  Npl

 h Npl  N 
 
My  Npl  N    
 2 4  b  fy 
 
Alle Schnittgrößen betragsmäßig einsetzen!

Npl,w  hw  t w  fy Npl   2  t f  b  t w  hw   fy  
Mpl,y  t f  b  h  t f   t w  h2w 4  fy
6.3 Schnittgrößenkombinationen 77

Bild 6.16 Erhöhte Tragfähigkeit bei der N-My-Interaktion unter Berücksichtigung der
Blechbiegung in den Gurten

Durch die Berücksichtigung der Blechbiegemomente ergeben sich für den Fall
„Spannungsnulllinie im Gurt“ in Tabelle 6.3 größere Tragfähigkeiten als nach dem
TSV (Mittellinienmodell). Die erhöhte Tragfähigkeit der Schnittgrößen für die
Profilreihen ähnlich den Walzprofilen ohne Ausrundungen sind in Bild 6.16
dargestellt. Unter Berücksichtigung der Blechbiegemomente erhält man abhängig
vom Verhältnis N/Npl bis zu 4 % höhere Tragfähigkeiten. Die Interaktions-
beziehungen gemäß DIN 18800 [14] liegen zwischen 10,9 % auf der sicheren und
2,4 % auf der unsicheren Seite. Bei Anwendung der Interaktionsbeziehung gemäß
DIN EN 1993-1-1 [15] ergeben sich Abweichungen zwischen 4,8 % auf der sicheren
und 7,4 % auf der unsicheren Seite. Die Lösung gemäß Tabelle 6.3 ist den
Interaktionsbeziehungen in DIN 18800 [14] und in DIN EN 1993-1-1 [15]
vorzuziehen.

6.3.4 Schnittgrößen N und Mz

Analog zur N-My-Interaktion in Abschnitt 6.3.3 wird nachfolgend die N-Mz-Inter-


aktion für geschweißte doppeltsymmetrische I-Profile untersucht. Als Parameter für
die Erfassung der Tragfähigkeit ergeben sich gemäß [55]:
N Npl , M z Mpl,z ,   A w A und t w b

Die Auswirkungen von tw/b sind relativ gering. In Bild 6.17 ist der Einfluss von  für
tw/b = 0,05 dargestellt. Bis zu N/Npl =  ergibt sich eine geringe Abminderung, da die
Normalkraft in diesem Anwendungsbereich durch den Steg aufgenommen wird. Im
Unterschied zu Abschnitt 6.3.3 erstreckt sich bei der Aufteilung des Querschnitts der
Steg gedanklich über die gesamte Profilhöhe (Index „h“). Gemäß Tabelle 4.4 ergibt
sich für eine N-Mz-Interaktion eine vertikale Spannungsnulllinie. Somit erhält man
die in Bild 6.18 dargestellten Fälle, wobei Fall 3 aufgrund von Symmetrieeigen-
schaften entfallen kann, wenn man die Schnittgrößen betragsmäßig einsetzt.
78 6 Doppeltsymmetrische geschweißte I-Profile

Bild 6.17 Einfluss des Parameters  auf die N-Mz-Interaktion nach [55]

Bild 6.18 Lage der Spannungsnulllinie bei der N-Mz-Interaktion

Die Bestimmung der Tragfähigkeit erfolgt analog zur N-My-Interaktion. Aus den
Gleichgewichtsbeziehungen in Bild 6.12 ergeben sich:
N  N u  N w  No (6.19)
h  tf h  tf
M y  Nu   No   M u,bl  M w  Mo,bl  0 (6.20)
2 2
Mz  Mu  Mw,bl  Mo (6.21)
h  tf h  tf
M  M u   Mo   M,u  M,w  M,o  0 (6.22)
2 2
Wegen des vertikalen Verlaufs der Spannungsnulllinie gemäß Bild 6.18 erhält man:
M,u  M,w  M,o  0  Mu  Mo (6.23)
Mu,bl  Mw  Mo,bl  0  Nu  No (6.24)
6.3 Schnittgrößenkombinationen 79

Unter Verwendung der Aufteilungen des Querschnitts in Bild 6.19 können die Gültig-
keitsbereiche ermittelt werden, vgl. Abschnitt 6.3.3.

Bild 6.19 Aufteilungen des Querschnitts für N und Mz im Grenzzustand

In Tabelle 6.4 sind die erforderlichen Nachweise für die N-Mz-Interaktion doppelt-
symmetrischer geschweißter I-Profile zusammengestellt. Die Ergebnisse nach Tabelle
6.4 entsprechen der exakten Lösung. Bei Anwendung von Tabelle 6.4 ergeben sich
wegen der Berücksichtigung der Blechbiegemomente bis zu 6 % größere Tragfähig-
keiten im Vergleich zum TSV, s. Bild 6.20. Die maximale Erhöhung erhält man für
den Fall N = 0, da dann der Steg vollständig für die Schnittgröße Mz ausgenutzt
werden kann.

Tabelle 6.4 Nachweise zur plastischen Querschnittstragfähigkeit für die Schnittgrößen


N und Mz von doppeltsymmetrischen geschweißten I-Profilen nach [55]
N  Npl,w,h

N2
Mz  Mpl,z 
4  h  fy

Npl,w,h  N  Npl

 b Npl  N 
 
Mz  Npl  N   
 2 8  t f  fy


 
Alle Schnittgrößen betragsmäßig einsetzen!
 b2 t2 
Npl,w,h  h  t w  fy Npl   2  t f  b  t w  hw   fy Mpl,z   t f   hw  w   fy
 2 4 

Bei Anwendung der Interaktionsbeziehung gemäß DIN 18800 [14] liegen die Ergeb-
nisse zwischen 14,7 % auf der sicheren und 4,2 % auf der unsicheren Seite. Aus der
80 6 Doppeltsymmetrische geschweißte I-Profile

Interaktionsbeziehung in DIN EN 1993-1-1 [15] erhält man Ergebnisse, die zwischen


0,2 % auf der sicheren und 5,3 % auf der unsicheren Seite liegen. Somit ist die
Anwendung von Tabelle 6.4 (exakte Lösung) zu bevorzugen.

Bild 6.20 Erhöhte Tragfähigkeit bei der N-Mz-Interaktion unter Berücksichtigung der
Blechbiegung im Steg

6.3.5 Schnittgrößen My und Mz

Zu den grundlegenden Interaktionsbeziehungen gehört neben der N-My-Interaktion


und der N-Mz-Interaktion die My-Mz-Interaktion, welche für geschweißte doppelt-
symmetrische I-Profile nachfolgend untersucht wird. Die Fälle der Spannungs-
verteilung bei Annahme einer geraden Spannungsnulllinie (SNL) sind in Bild 6.21
dargestellt.

Bild 6.21 Lage der Spannungsnulllinie bei der My-Mz-Interaktion (gerade SNL)

Gemäß den Gleichgewichtsbeziehungen in Bild 6.12 gilt:


N  N u  N w  No  0 (6.25)
h  tf h  tf
M y  Nu   No   M u,bl  M w  Mo,bl (6.26)
2 2
6.3 Schnittgrößenkombinationen 81

Mz  Mu  Mw,bl  Mo (6.27)
h  tf h  tf
M  M u   Mo   M,u  M,w  M,o  0 (6.28)
2 2
Für die Herleitung einer ingenieurmäßigen Näherung wird angenommen, dass die
Spannungsnulllinie die Teilquerschnitte horizontal oder vertikal schneidet. Dies
führt zu einer Reduzierung der Fälle für den Verlauf der Spannungsnulllinie. Es
ergibt sich:
N u   No  N w  0 (6.29)
M,u  M,w  M,o  0  Mu  Mo (6.30)
Somit können die vier in Bild 6.21 dargestellten Fälle auf zwei reduziert werden, s.
Bild 6.22. Die ingenieurmäßige Untersuchung des Querschnitts erfolgt in zwei
Schritten. Im ersten Schritt wird nur Mz betrachtet und der zur Aufnahme erfor-
derliche Querschnittsanteil ermittelt. Der Restquerschnitt steht dann für My zur
Verfügung, s. Bild 6.22.

Bild 6.22 Wirksame Restquerschnitte für My

Für den Fall 1 ist die Bedingung

Mz  b  2
 t 2w  tf t 2w
  f y  M pl,z  h   f y
2 4
(6.31)

einzuhalten. Somit erhält man eine reduzierte Gurtbreite red b von:


red b  b  2  ba (6.32)
mit

b b2 Mz
ba    (6.33)
2 4 2  tf  fy
82 6 Doppeltsymmetrische geschweißte I-Profile

Es folgt:

2  Mz
red b  b  1  (6.34)
t f  b2  f y

Für den Fall 2 mit der Bedingung


t 2w
M pl,z  h   f y  M z  M pl,z (6.35)
4
ergibt sich eine reduzierte Stegdicke red tw von:
red t w  t w  2  t a (6.36)
mit

tw M pl,z  M z
ta   (6.37)
2 h  fy
zu
M pl,z  M z
red t w  2  (6.38)
h  fy

Im zweiten Schritt wird untersucht, ob der verbleibende Restquerschnitt die Schnitt-


größe My aufnehmen kann. Somit ergeben sich zwei Fälle für die Aufteilung des
Querschnitts, die in Bild 6.23 dargestellt sind.

Bild 6.23 Ingenieurmäßige Annahme für die Aufteilungen des Querschnitts für My und
Mz im Grenzzustand

Aus der Aufteilung des Querschnitts erhält man die in Bild 6.24 dargestellten
angenommenen Verläufe der Spannungsnulllinie für die Fälle 1 und 2. Bei dem
Restquerschnitt im Fall 2 handelt es sich um einen Rechteckquerschnitt, s. Bild 6.22
rechts.
6.3 Schnittgrößenkombinationen 83

Bild 6.24 Angenommene Verläufe der Spannungsnulllinien für die Aufteilungen des
Querschnitts in Bild 6.23

Die Zusammenfassung der Nachweise für eine My-Mz-Interaktion kann Tabelle 6.5
entnommen werden. Die mit LILOBEC [70] ermittelten Abweichungen der Lösungen
nach Tabelle 6.5 für die Profilreihen ähnlich den Walzprofilen ohne Ausrundungen
sind in Bild 6.25 enthalten. Zur Bestimmung der Abweichungen werden für jeden
Querschnitt zehn Schnittgrößenvariationen untersucht. Mit zunehmender Profilnenn-
höhe erhöhen sich die Abweichungen auf der sicheren Seite.

Tabelle 6.5 Nachweise zur plastischen Querschnittstragfähigkeit für die Schnittgrößen


My und Mz von doppeltsymmetrischen geschweißten I-Profilen

Mz 
tf
2
 
 b2  t 2w  fy

 h2 
My   t f  red b  h  t f   t w  w   fy
 4 

2  Mz
mit red b  b  1 
t f  b2  fy
tf
2
 
 b2  t 2w  fy  Mz  Mpl,z

h2
My  red t w   fy
Alle Schnittgrößen 4
betragsmäßig einsetzen! Mpl,z  Mz
mit red t w  2 
h  fy

Die größte Abweichung bei der Anwendung von Tabelle 6.5 erhält man bei einem
Profil ähnlich dem HEAA 1000 (ohne Ausrundungen) mit 1,2 % auf der sicheren
Seite. Die Abweichungen auf der sicheren Seite ergeben sich, da gemäß Tabelle 6.5
die Spannungsnulllinie die Teilquerschnitte horizontal oder vertikal schneidet, s.
Tabelle 6.7 rechts. Bei der Untersuchung mit LILOBEC [70] erhält man eine gerade
Spannungsnulllinie nach Tabelle 6.6 links. Die Abweichungen auf der unsicheren
Seite sind Ungenauigkeiten infolge der gewählten Elementierung für den Fall
My/Mpl,y = 0. So erhält man z. B. für ein Profil ähnlich dem HEM 100 nach LILOBEC
84 6 Doppeltsymmetrische geschweißte I-Profile

[70] mit der Elementierung in Bild 6.25 (420 Elemente) 99,898 % von Mpl,z. Bei
Verwendung von 1190 Elementen ergibt sich ein Wert von 99,965 % von Mpl,z.
Dieser Effekt tritt auch bei den nachfolgenden Interaktionsbeziehungen auf, wird aber
nicht wiederholt erläutert.

Bild 6.25 Abweichungen bei Nachweisen nach Tabelle 6.5 im Vergleich zu LILOBEC

Durch die Berücksichtigung der Tragfähigkeitsanteile infolge Blechbiegung in


Tabelle 6.5 ergibt sich eine Erhöhung der Tragfähigkeit von bis zu 6 % gegenüber
dem Mittellinienmodell, s. Bild 6.26. Die maximale Erhöhung erhält man für den Fall
My = 0, da dann auch der Steg vollständig für die Schnittgröße Mz ausgenutzt werden
kann.

Bild 6.26 Erhöhte Tragfähigkeit bei der My-Mz-Interaktion unter Berücksichtigung der
Blechbiegung im Steg
6.3 Schnittgrößenkombinationen 85

Zur weiteren Erläuterung von Bild 6.25 ist ein Beispiel in Bild 6.27 mit dem Verlauf
der Abweichungen in Abhängigkeit von My/Mpl,y dargestellt. Bei Anwendung von
Tabelle 6.5 ergibt sich für My/Mpl,y = 0,42 eine maximale Abweichung von 2,8 % auf
der sicheren Seite. Die maximale Abweichung ist größer als in Bild 6.25, da die
Geometrie des Querschnitts in Bild 6.27 deutlich von der Geometrie der Querschnitte
in Bild 6.25 abweicht.

Bild 6.27 Abweichungen bei Nachweisen nach Tabelle 6.5 in Abhängigkeit von My/Mpl,y

Diese gewählte Schnittgrößenkombination entspricht dem Fall IV in Bild 6.21. Die


Abweichung ergibt sich aus den unterschiedlichen Verläufen der Spannungsnulllinie
zwischen Fall IV in Bild 6.21 (Spannungsnulllinie als Gerade) und der Annahme für
Fall 2 in Bild 6.24 (Spannungsnulllinie schneidet Teilquerschnitte nur vertikal oder
horizontal). In Tabelle 6.6 ist ein Beispiel für eine My-Mz-Interaktion enthalten. Die
Ergebnisse nach Tabelle 6.6 liegen bei diesem Beispiel weniger als 0,1 % (Faktor
 = 1,0006) auf der sicheren Seite. Beim Vergleich der Spannungsverläufe nach
LILOBEC [70] und INCA2 [38] gemäß Tabelle 6.6 in den Teilquerschnitten mit den
auftretenden Schnittgrößen nach Tabelle 4.4 fällt auf, dass sich lokale Wölbbimo-
mente Mo und Mu ergeben. Für die lokalen Wölbbimomente gilt, s. Tabelle 6.8:
M,u  M,o   M  0
Dieser Zusammenhang wird auch an den Teilschnittgrößen in Tabelle 6.8 für den Fall
M,lokal ≠ 0 deutlich. Darüber hinaus ergeben sich wegen der schrägen Spannungs-
nulllinie die lokalen Schnittgrößen Mo,bl, Mu,bl und Mw,bl, s. Tabelle 6.8. Die Lösungen
nach LILOBEC [70] und INCA2 [38] in Tabelle 6.6 entsprechen gemäß Abschnitt 2.6
der Nachweisstufe II.
86 6 Doppeltsymmetrische geschweißte I-Profile

Tabelle 6.6 Beispiel für eine My-Mz-Interaktion

Schweißprofil ähnlich HEB 200 (ohne Ausrundungen) fy  23,5 kN cm2


Mz  4500 kNcm nach Tabelle 6.5: red b = 12,03 cm My  9372 kNcm

nach LILOBEC [70]: nach INCA2 [38]:

Bei einer Berechnung mit LILOBEC [70] unter Einhaltung der Bedingung
M,o = M,u = 0 (NW-St I) ergibt sich eine gekrümmte Spannungsnulllinie, s. Tabelle
6.7 (links). Zum Vergleich ist der angenommene Verlauf der Spannungsnulllinie nach
Tabelle 6.5 in Tabelle 6.7 (rechts) angegeben. Der Faktor für die Schnittgrößen in
Tabelle 6.7 (links) verringert sich geringfügig im Vergleich zu Tabelle 6.6 (links).

Tabelle 6.7 Fortsetzung des Beispiels für eine My-Mz-Interaktion mit M,o = M,u = 0

nach LILOBEC [70] (M,lokal = 0!): Modell nach Tabelle 6.5 (red b = 12,03 cm):
6.3 Schnittgrößenkombinationen 87

Die Teilschnittgrößen nach LILOBEC [70] für die Fälle M,u = M,o ≠ 0 und
M,u = M,o = 0 sowie mit dem Ingenieurmodell von Tabelle 6.5 sind in Tabelle 6.8
zusammengestellt. Durch das Auftreten der lokalen Wölbbimomente und der damit
verbundenen Verdrehung der Gurte bleibt die Querschnittsform nicht erhalten.
Darüber hinaus ergibt sich eine geringfügig geänderte Verteilung der Schnittgrößen
N, M und Mbl in den Teilquerschnitten. Die Verdrehung infolge M,lokal ist sehr
gering, wie durch die numerischen Untersuchungen in Abschnitt 8.2.2 gezeigt wird.
Der Effekt der lokalen Wölbbimomente ist in diesem Beispiel gering und kann
vernachlässigt werden. Es wird jedoch die Anwendung von Tabelle 6.5 empfohlen,
da somit keine lokalen Wölbbimomente auftreten.

Tabelle 6.8 Teilschnittgrößen für das Beispiel in Tabelle 6.6 und Tabelle 6.7
M,lokal ≠ 0 M,lokal = 0 Ingenieurmodell in
Teilschnittgröße Tabelle 6.6 links Tabelle 6.7 links Tabelle 6.7 rechts
NW-St II NW-St I NW-St I
No [kN] −423,6 −424,3 −424,0
Obergurt

Mo [kNcm] 2248,6 2247,5 2250,0


Mo,bl [kNcm] 9,4 0 0
M,o [kNcm²] −55,6 0 0
Nw [kN] 0 0 0
Mw [kNcm] 1522,4 1522,5 1528,1
Steg

Mw,bl [kNcm] 5,5 5,5 0


M,w [kNcm²] 0 0 0
Nu [kN] 423,6 424,3 424,0
Untergurt

Mu [kNcm] 2248,6 2247,5 2250,0


Mu,bl [kNcm] 9,4 0 0
M,u [kNcm²] 55,6 0 0

Gemäß Tabelle 6.7 muss der Verlauf der Spannungsnulllinie nicht zwangsläufig die
Form einer Geraden haben. Abhängig von den jeweiligen Bedingungen kann sich bei
doppeltsymmetrischen I-Profilen eine gekrümmte Spannungsnulllinie ergeben.
Dies wird beispielsweise auch in [122] verfolgt. Die in DIN 18800 [14] und in
DIN EN 1993-1-1 [15] angegebenen Interaktionsbeziehungen liegen immer auf der
sicheren Seite (DIN 18800 [14] bis zu 22,8 %, DIN EN 1993-1-1 [15] bis zu 11,7 %).

6.3.6 Schnittgrößen N, My und Mz ohne unplanmäßige Torsion

Für die nachfolgenden Betrachtungen zur N-My-Mz-Interaktion wird als Bedingung


M = 0 vorausgesetzt, d. h. aus der Spannungsverteilung darf sich kein Wölbbimo-
ment Mergeben. Bei Anwendung der Gleichgewichtsbeziehungen gemäß Bild 6.12
88 6 Doppeltsymmetrische geschweißte I-Profile

N  N u  N w  No (6.39)
h  tf h  tf
M y  Nu   No   M u,bl  M w  Mo,bl (6.40)
2 2
Mz  Mu  Mw,bl  Mo (6.41)
h  tf h  tf
M  M u   Mo   M,u  M,w  M,o  0 (6.42)
2 2
und der Bedingung, dass die Spannungsnulllinie die Teilquerschnitte nur horizontal
oder vertikal schneiden darf folgt:
M,u  M,w  M,o  0  Mu  Mo (6.43)
Diese ingenieurmäßige Näherung ist vergleichbar mit der My-Mz-Interaktion.
Wegen der symmetrischen Verteilung von Mo und Mu ergeben sich vier Fälle für die
Aufteilung des Querschnitts bei Verwendung von betragsmäßigen Schnittgrößen, s.
Bild 6.28.

Bild 6.28 Ingenieurmäßige Annahme für die Aufteilungen des Querschnitts für N, My
und Mz im Grenzzustand
6.3 Schnittgrößenkombinationen 89

Im ersten Schritt wird Mz berücksichtigt. Es ergibt sich analog zu Abschnitt 6.3.5


ein reduzierter Querschnitt mit red b nach Gl. (6.34) bzw. red tw nach Gl. (6.38).
Beim zweiten Schritt untersucht man die Tragfähigkeit des Restquerschnitts für die
Schnittgrößen N und My nach Tabelle 6.3. Die Berücksichtigung der Blechbiege-
momente Mo,bl und Mu,bl erfolgt analog zur N-My-Interaktion, während Mw,bl mit den
Lösungen aus der My-Mz-Interaktion bestimmt werden kann. Für jeden der Fälle in
Bild 6.28 ergibt sich wegen der ingenieurmäßig angenommenen Aufteilung des
Querschnitts der Verlauf der Spannungsnulllinie. Diese Verläufe sind in Bild 6.29
dargestellt.

Bild 6.29 Angenommene Verläufe der Spannungsnulllinien für die Aufteilungen des
Querschnitts in Bild 6.28

Die Zusammenfassung der Nachweise für die N-My-Mz-Interaktion mit M = 0 kann


Tabelle 6.9 entnommen werden. Wegen der Reduzierung der Gurtbreite bzw. der
Stegdicke infolge Mz sind für den Nachweis von N und My die Grenzschnittgrößen
Npl und Mpl,y des Restquerschnitts zu bestimmen. Bei den Restquerschnitten im Fall 3
und Fall 4 handelt es sich nach der Bestimmung von red tw um einen Rechteck-
querschnitt. Eine Unterscheidung kann bei Verwendung von Gl. (4.23) entfallen.

In Bild 6.30 sind die Abweichungen der Lösungen nach Tabelle 6.9 für die Profil-
reihen ähnlich den Walzprofilen ohne Ausrundungen im Vergleich zu LILOBEC [70]
dargestellt. Die Abweichungen werden für die Fälle Mz/Mpl,z = 0/0,2/0,4/0,6/0,8 und
0,995 ermittelt. Es erfolgt die Untersuchung von zehn Schnittgrößenvariationen der
Schnittgrößen N und My für jeden Fall von Mz/Mpl,z. Mit zunehmender Profilnenn-
höhe verringern sich die Abweichungen. Die größte Abweichung erhält man bei dem
Profil HEM 100 ohne Ausrundungen. Bei der Anwendung von Tabelle 6.9 liegen die
Ergebnisse für diesen Querschnitt bis zu 1,9 % auf der sicheren Seite. Wegen der
ingenieurmäßigen Annahme für den Verlauf der Spannungsnulllinie gemäß Bild 6.29
ergeben sich bei Anwendung von Tabelle 6.9 die Abweichungen auf der sicheren
Seite im Vergleich zu LILOBEC [70], s. Beispiel in Tabelle 6.10 (rechts).
90 6 Doppeltsymmetrische geschweißte I-Profile

Tabelle 6.9 Nachweise zur plastischen Querschnittstragfähigkeit für die Schnittgrößen


N, My und Mz von doppeltsymmetrischen geschweißten I-Profilen

Fälle 1 und 2: „kleines“ bis „mittleres“ Mz


t 2w
Mz  Mpl,z  h   fy

Gültigkeit
4
2  Mz
red b  b  1 
t f  b2  fy
N  Npl,w

Fall 1
N2
My  Mpl,y,red b 
4  t w  fy

Npl,w  N  Npl,red
Fall 2

Alle Schnittgrößen  h Npl,red  N 


betragsmäßig einsetzen! 
My  Npl,red  N    
 2 4  red b  fy


 
Fälle 3 und 4: „großes“ Mz
t 2w
Rechenwerte: Mpl,z  h   fy  Mz  Mpl,z
Gültigkeit

4
Npl,w  hw  t w  fy Mpl,z  Mz
red t w  2 
h  fy
Npl,red   2  t f  red b  t w  hw   fy

 b2 t2 
Fall 3 und Fall 4

Mpl,z   t f   hw  w   fy N  red t w  h  fy
 2 4 

red t w  h2  fy N2
 h2  My  
Mpl,y,red b   t f  red b  h  t f   t w  w   fy 4 4  red t w  fy
 4 

Bild 6.30 Abweichungen bei Nachweisen nach Tabelle 6.9 im Vergleich zu LILOBEC
6.3 Schnittgrößenkombinationen 91

Die Verteilung der Abweichungen für den Querschnitt HEM 100 (r = 0) ist in Bild
6.31 dargestellt. Die größte Abweichung auf der sicheren Seite ergibt sich bei
Mz/Mpl,z = 0,4.

Bild 6.31 Abweichungen bei Nachweisen nach Tabelle 6.9 in Abhängigkeit von N/Npl
und Mz/Mpl,z

Ein Beispiel für eine N-My-Mz-Interaktion ist in Tabelle 6.10 enthalten. Der Verlauf
der Spannungsnulllinie entspricht nicht einer Geraden. Das Beispiel in Tabelle
6.10 liegt am Übergang zwischen Fall 1 und Fall 2 in Bild 6.29. Die Ergebnisse nach
Tabelle 6.9 liegen bei diesem Beispiel weniger als 0,1 % auf der sicheren Seite.

Tabelle 6.10 Beispiel für eine N-My-Mz-Interaktion

Schweißprofil ähnlich HEB 200 (ohne Ausrundungen) fy  23,5 kN cm2

N  350 kN Mz  3000 kNcm nach Tabelle 6.9: My  9965 kNcm

nach LILOBEC [70]: nach QST-FZ [116]: (Dehnungsiteration)


92 6 Doppeltsymmetrische geschweißte I-Profile

Mit dem EDV-Programm QST-FZ [116] können keine Verläufe über die Blechdicke
dargestellt werden. Deshalb kann der Verlauf der Spannungsnulllinie nur anhand der
Spannungsdurchgänge in Tabelle 6.10 (rechts) ermittelt werden. In Tabelle 6.11 sind
die Teilschnittgrößen für die Spannungsverteilung nach Tabelle 6.10 (links) gemäß
LILOBEC [70] zusammengestellt. Analog zu Abschnitt 6.3.5 ergeben sich wegen der
Neigung der Spannungsnulllinie lokale Schnittgrößen in den Teilquerschnitten
(NW-St II). Die Bedingung ∑M = 0 wird eingehalten, da sich die lokalen
Wölbbimomente bei Vernachlässigung von numerischen Abweichungen gegenseitig
aufheben.

Tabelle 6.11 Teilschnittgrößen für das Beispiel in Tabelle 6.10

N [kN] M [kNcm] Mbl [kNcm] M,lokal [kNcm²]


Obergurt −533,8 1499,9 9,3 −69,2

Steg 350,4 75,8 2,1 −17

Untergurt 533,7 1499,7 11,6 87,8

Wie im Abschnitt 6.3.5 sind die lokalen Wölbbimomente gering. Die Spannungs-
nulllinie hat auch im Fall M,lokal ≠ 0 einen gekrümmten Verlauf. Bei der in diesem
Abschnitt gezeigten ingenieurmäßigen Lösung ergeben sich keine Torsionsschnitt-
größen und keine Verdrehungen. Mit den numerischen Untersuchungen in Abschnitt
8.2.2 kann gezeigt werden, dass sich ein frei verformbarer Querschnitt bei zwei-
achsiger Biegung mit Normalkraft nach Überschreitung der elastischen Tragfähigkeit
um die x-Achse verdreht. Dieser Fall wird in Abschnitt 6.3.8 näher betrachtet.

6.3.7 Schnittgrößen N, My, Mz und M

Im folgenden Abschnitt werden alle -Schnittgrößen berücksichtigt. Somit können


alle in Bild 6.12 dargestellten Teilschnittgrößen auftreten. Die Gleichgewichtsbedin-
gungen führen zu den folgenden Beziehungen:
N  N u  N w  No (6.44)
h  tf h  tf
M y  Nu   No   M u,bl  M w  Mo,bl (6.45)
2 2
Mz  Mu  Mw,bl  Mo (6.46)
h  tf h  tf
M  M u   Mo   M,u  M,w  M,o (6.47)
2 2
Die Herleitung für das ingenieurmäßige Modell entspricht der Vorgehensweise in
Abschnitt 6.3.6. Für den Verlauf der Spannungsnulllinie gilt, dass diese die Teil-
querschnitte nur horizontal oder vertikal schneidet. Somit ergibt sich:
M,u  M,w  M,o  0 (6.48)
6.3 Schnittgrößenkombinationen 93

Im ersten Schritt werden die Schnittgrößen Mz und M berücksichtigt und die


Teilschnittgrößen Mo und Mu bestimmt. In Bild 6.32 ist die daraus resultierende
unsymmetrische Spannungsverteilung an den Enden der Gurte dargestellt. Die
Vorzeichen der Schnittgrößen sind zu berücksichtigen.

Bild 6.32 Spannungsverteilungen infolge von Mz und M

Für das Profil ergeben sich bei positiven Vorzeichen die in Bild 6.33 dargestellten
Restquerschnitte. Dabei gilt Fall A als Standardfall, während die Fälle B und C
Sonderfälle sind. Bei diesem Ingenieurmodell wird für den Fall B und den Fall C der
Querschnitt gedanklich in der Stegmitte geteilt und die Aufnahme der Schnittgrößen
Mz und M für beide Teile untersucht.

Bild 6.33 Restquerschnitte für N und My infolge Mz und M mit positiven Vorzeichen

Zur Vereinfachung der nachfolgenden Schritte wird die Schnittgröße M nur auf die
Gurte aufgeteilt. Somit ist für die Herleitung die Bedingung

 
M t
 b2  t 2w  f  f y (6.49)
h  tf 4
einzuhalten. Die alleinige Beanspruchung infolge M darf nur so groß sein, solange
eine Aufnahme durch die Gurte bis Außenkante Steg möglich ist. Bei den meisten
94 6 Doppeltsymmetrische geschweißte I-Profile

Profilen ergibt sich aus Gl. (6.49) eine Grenze von ca. M/Mpl, = 0,95. Mithilfe von
Tabelle 6.12 können die Nachweise für Mz und M erfolgen und die reduzierten
Querschnittsabmessungen jeweils für Ober- und Untergurt (Index „o“ und „u“)
bestimmt werden. Somit ergibt sich auch die Einstufung in die Fälle A bis C.

Tabelle 6.12 Nachweisebedingungen für Mz und M sowie Bestimmung der reduzierten


Querschnittsabmessungen

Mz
2
M
h  tf
 t

 b2  t 2w  f  fy
4

b2 Mz
red bo/u  2 
4

2
M
h  tf
 tf  fy 

b  tf M M Mpl,z
2
 t 2w   fy  z 
4 2 h  tf 2

 Mpl,z Mz M  h 
red t w,o/u  2       fy 
 2 h  tf
zusätzlich: M  2  2 

Vorzeichen der
Schnittgrößen beachten!

Der zweite Schritt der Nachweisführung erfolgt vergleichbar zu der N-My-Inter-


aktion. Die Restquerschnitte in Bild 6.33 werden für die Schnittgrößen N und My
untersucht. Wegen der fehlenden Symmetrie im Vergleich zur N-My-Interaktion sind
die Fälle „Spannungsnulllinie im Obergurt“ und „Spannungsnulllinie im Untergurt“
getrennt zu berücksichtigen. Abhängig von der Schnittgrößenkombination kann der
Querschnitt im Grenzzustand unter Umständen nicht mehr vollständig durch-
plastizieren. Anschaulich wird dies für die ingenieurmäßige Annahme der
Querschnittsaufteilung in Bild 6.34 (links). Infolge Mz und M ergibt sich ein
einfachsymmetrischer Restquerschnitt. Die Normalkraft N greift im Schwerpunkt an.
Somit können nur „symmetrische“ Querschnittsanteile beansprucht werden. Teile des
Querschnitts kann man nicht ausnutzen (x = 0). Bei einer Dehnungsiteration ergeben
sich Querschnittsteile, die nicht die Streckgrenze erreichen (x ≤ fy). Im Unterschied
dazu ist im Fall Bild 6.34 (rechts) durch My ein vollständiges Durchplastizieren
möglich. Wegen der Vorzeichen ergeben sich für den Nachweis von My jeweils eine
obere und eine untere Grenze. Anschaulich wird dies bei dem in Bild 6.34 (links)
dargestellten Beispiel. Im Fall N > 0 (Zug) kann kein zusätzliches positives Moment
aufgenommen werden, da die gezogenen Anteile im verbleibenden Untergurt schon
voll ausgelastet sind. Falls jedoch N < 0 (Druck) auftritt, kann das Profil durch ein
zusätzliches positives Moment beansprucht werden, da der Untergurt entlastet wird
und im Obergurt Reserven vorliegen. Es ist der Doppelnachweis analog zu [43] und
[45] erforderlich.
min M y  M y  max M y (6.50)
6.3 Schnittgrößenkombinationen 95

Bild 6.34 Ingenieurmäßige Annahme der Aufteilungen des Querschnitts für die
Schnittgrößenkombinationen N-Mz-M und My-Mz-M im Grenzzustand

Wie im Abschnitt 6.3.3 ist wegen der Lage der Spannungsnulllinie in Obergurt, Steg
oder Untergurt ein Teil der Teilschnittgrößen unmittelbar bestimmbar. Die
verbleibenden Teilschnittgrößen erhält man mit den Gleichgewichtsbeziehungen und
der Untersuchung von Grenzzuständen im Rahmen einer Optimierung. Zur
Ermittlung der horizontalen Lage der Spannungsnulllinie für die Schnittgrößen N und
My werden Grenzbedingungen berücksichtigt. So gilt z. B. im Fall max My mit
Spannungsnulllinie im Obergurt:
 Ngr,o  No  Ngr,o (6.51)
In Tabelle 6.13 sind die Gleichungen zur Bestimmung von min My und max My mit
den zugehörigen Bedingungen zusammengefasst. Der Index „gr“ steht für Grenzlast.

Tabelle 6.13 Bestimmung von max My und min My


Restquerschnitt
Bedingung max My =
für N und My
Ngr  2  Ngr,o  N  Ngr SNL im Obergurt  2  Ngr,u  Ngr,w  N  h 2 tf  Mo,bl
Ngr  2  Ngr,u  N  Ngr  2  Ngr,o SNL im Steg Ngr,u  Ngr,o   h 2 tf  Mw
Ngr  N  Ngr  2  Ngr,u SNL im Untergurt N  Ngr,w  2  Ngr,o   h 2 tf  Mu,bl
Restquerschnitt
Bedingung min My =
für N und My
h  tf
Ngr  2  Ngr,u  N  Ngr SNL im Untergurt 
 2  Ngr,o  Ngr,w  N   2
 Mu,bl

h  tf
Ngr  2  Ngr,o  N  Ngr  2  Ngr,u SNL im Steg 
 Ngr,u  Ngr,o  2
 Mw

h  tf
Ngr  N  Ngr  2  Ngr,o SNL im Obergurt 
 N  Ngr,w 
 2  Ngr,u 
2
 Mo,bl
96 6 Doppeltsymmetrische geschweißte I-Profile

Tabelle 6.14 Rechenwerte zur Bestimmung von max My und min My in Tabelle 6.13

Rechenwerte: red bo, red bu, red tw,o und red tw,u aus Tabelle 6.12
Standardfall A: Ngr,o  red bo  t f  fy Ngr,w  t w  hw  fy Ngr,u  red bu  t f  fy

Sonderfälle B und C: Ngr,w  min red t w,o ,red t w,u   hw  fy

Ngr,o  red bo bzw. red t w,o   t f  fy Ngr,u  red bu bzw. red t w,u   t f  fy

Ngr  Ngr,o  Ngr,w  Ngr,u

 N N Ngr,u  
2  NN 
2
t gr,w  Ngr,o   N  tf
 1      Ngr,o  f  1  
gr,w
Mo,bl Mu,bl 
  Ngr,o   4   Ngr,u   gr,u 4
       
 NN 2
 gr,o Ngr,u   h
Mw  1     Ngr,w  w
  Ngr,w   4
   

Ein Beispiel für eine N-My-Mz-M-Interaktion ist in Tabelle 6.15 enthalten. Die
Berechnung erfolgt mit QST-FZ [116] und LILOBEC [70]. Die Faktoren  für die
Schnittgrößen nach QST-FZ [116] und LILOBEC [70] stimmen gut überein. Der
Verlauf der Spannungsnulllinie ist gekrümmt.

Tabelle 6.15 Beispiel für N-My-Mz-M-Interaktion


Schweißprofil N = 500 kN
fy = 23,5 kN/cm² Mz = 3000 kNcm
M = 27000 kNcm²
nach Gl. (6.49) M = 27000 kNcm² < 83096 kNcm²
nach Tabelle 6.12: red bo = 13,01 cm red bu = 5,05 cm
nach Tabelle 6.13: max My = 20094 kNcm min My = −24070 kNcm
(SNL im Steg) (SNL im Steg)
nach QST-FZ [116]:
(Dehnungsiteration)

nach LILOBEC [70]: 


  1,0028 max My  
  1,0070 min My 
6.3 Schnittgrößenkombinationen 97

In Bild 6.35 ist die zugehörige Grenzkurve der N-My-Interaktion des einfach-
symmetrischen Restquerschnitts (vgl. Bild 6.33 Fall A) nach Tabelle 6.12, Tabelle
6.13 und Tabelle 6.14 dargestellt. Für den Fall N/Npl = 0,177 gemäß dem Beispiel in
Tabelle 6.15 sind die entsprechenden Lösungen max My und min My eingetragen.
Die Interaktionskurve ist punktsymmetrisch und nicht achsensymmetrisch. Zur
Aufnahme der Schnittgrößen N und My muss der Bemessungspunkt auf der
Interaktionskurve oder innerhalb der umschlossenen Fläche liegen. Die Beträge
min My und max My sind von der vorhandenen Normalkraft abhängig. Somit ist der
Doppelnachweis gemäß Gl. (6.50) unter Berücksichtigung der Vorzeichen für das
Beispiel in Tabelle 6.15 erforderlich.

Bild 6.35 Erläuterung des Doppelnachweises min My ≤ My ≤ max My

Beim Vergleich der Spannungsverteilungen in den Teilquerschnitten nach Tabelle


6.15 mit Tabelle 4.4 ist erkennbar, dass sich lokale Wölbbimomente ergeben
(NW-St II). Eine ausführliche Erläuterung erfolgt in den Abschnitten 6.3.5 und 6.3.6,
weshalb an dieser Stelle nicht weiter darauf eingegangen wird. Weiterhin gibt es die
Möglichkeit, dass sich die Schnittgröße M wegen Plastizierung im baustatischen
System umlagert. Das Wölbbimoment kann, wie z. B. in Abschnitt 6.3.8 und Ab-
schnitt 8.2.2 beschrieben, in einem System entstehen. Es ist aber auch möglich, dass
die Schnittgröße M abgebaut wird, s. z. B. Abschnitt 8.2.3 und [57]. Die Erfassung
dieser Effekte erfordert die Untersuchung baustatischer Systeme unter Berück-
sichtigung der Fließzonentheorie.
98 6 Doppeltsymmetrische geschweißte I-Profile

6.3.8 Sonderfall Schnittgrößen N, My und Mz mit unplanmäßiger


Torsion

Im Unterschied zu Abschnitt 6.3.6 wird für die nachfolgenden Untersuchungen die


Bedingung M = 0 aufgegeben, d. h. aus der Spannungsverteilung darf sich eine
Schnittgröße M ergeben. Somit ergibt sich ein Sonderfall der N-My-Mz-M-Inter-
aktion. Der Querschnitt kann vollständig durchplastizieren, wenn man zu den vorlie-
genden Schnittgrößen N, My und Mz ein entsprechend großes Wölbbimoment M
hinzufügt. Die nachfolgenden Betrachtungen gehören somit zur NW-St II gemäß
Abschnitt 2.6. Es ergibt sich eine größere Tragfähigkeit als nach Abschnitt 6.3.6. Für
diesen Sonderfall sind in der Literatur unterschiedliche Sichtweisen zu finden, s. [45]
und [96]. Übereinstimmend wird in [36], [59], [84], [99] und [104] angegeben, dass
sich im Grenzzustand der Tragfähigkeit im statischen System für den Fall M ≠ 0
Torsion und eine Querschnittsverdrehung um die Längsachse ergeben. Grundlegende
Annahme ist häufig, dass die Spannungsnulllinie (SNL) die Form einer Geraden
hat. Die möglichen Fälle für das Mittellinienmodell (ohne Berücksichtigung der
Blechdicke) sind in Bild 6.36 dargestellt. Dies entspricht der bisher angewendeten
Vorgehensweise wie z. B. in [97] und [101], wobei die Schnittgröße M nicht
berücksichtigt wird.

Bild 6.36 Fälle a bis f für den Verlauf der Spannungsnulllinie

Dabei entspricht der Fall a der N-My-Interaktion und der Fall b der N-Mz-Interaktion.
Für die Fälle c bis f können die Schnittgrößen nach Tabelle 6.16 bestimmt werden.
Wegen des Mittellinienmodells in Bild 6.36 werden die Blechbiegemomente nicht
berücksichtigt. Bei der Umstellung der Gleichungen in Tabelle 6.16 ergeben sich
umfangreiche Lösungen. Für den Fall d ist die Lösung nicht direkt bestimmbar. Es
ist eine Iteration erforderlich. Aus den Spannungsverteilungen nach Tabelle 6.16
ergeben sich Wölbbimomente M. In Bild 6.37 ist für ein Beispiel M/Mpl, darge-
stellt unter der Bedingung, dass der Querschnitt vollständig durchplastiziert ist. Der
Wert für M/Mpl, ist abhängig von den vorliegenden Schnittgrößen. Es fällt auf, dass
bei My/Mpl,y = 0,6 und My/Mpl,y = 0,8 M/Mpl, nach anfänglicher Zunahme das
Wölbbimoment wieder abnimmt. Grund dafür ist eine Annäherung an den Fall a in
Bild 6.36, bei dem sich kleinere Werte für M/Mpl, ergeben.
6.3 Schnittgrößenkombinationen 99

Tabelle 6.16 Schnittgrößen N, My und Mz aus Spannungsverteilung der Fälle c bis f nach
dem Mittellinienmodell

N  Npl  2   2  b  d  e   fy

My  t f   e  d  af  fy

Mz  t f  e  b  e   d  b  d  fy

N  2  t f   e  d  b   c  t w   fy

  h2 
My   t f   e  d  af  t w   w  c 2    fy
  4 
 
Mz  t f  e  b  e   d  b  d  fy

N   2  d  t f  2  c  t w   fy

 c2 
My  Mpl,y  d  t f  af   t f  t w     fy
 2 

Mz  d  t f  b  d  fy

N  Npl  2  t f  b  d  fy
My  t f  b  d  af  fy

Mz  d  t f  b  d  fy

Bild 6.37 Beispiel für M/Mpl bei den Spannungsverteilungen in Tabelle 6.16
100 6 Doppeltsymmetrische geschweißte I-Profile

In Tabelle 6.17 sind die Bedingungen für die Lösung der N-My-Mz-M-Interaktion
mit M ≠ 0 nach [59] zusammengefasst. Dabei wird das Mittellinienmodell verwen-
det.

Tabelle 6.17 Nachweise zur plastischen Querschnittstragfähigkeit für die Schnittgrößen N,


My und Mz mit planmäßiger Torsion von doppeltsymmetrischen geschweißten
I-Querschnitten, [59]
Nachweisbedingung:
2
 Nf  Mz
  + 1
 Npl,f  Mpl,z,f
 
Nf für 0  N  Npl,w (kleine Normalkraft):
Nf = 0 für My    Mpl,w
Nf = (My –   Mpl,w)/af für My >   Mpl,w
mit:  = 1 – (N/Npl,w)2
Nf für Npl,w < N  Npl (große Normalkraft):
Nf = (N – Npl,w)/2 + My/af
Wenn Nf  Npl,f ist, kann der Nachweis auch mit

N  Npl,w 
2
Npl = A  fy  My 
2

Npl,w = tw  hw  fy Nf    
4  af 
Mpl,w = Npl,w  hw/4
geführt werden. Es geht dann jedoch ein Wölbbimoment
Npl,f = tf  b  fy
M  0 ein und neben der planmäßig zweiachsigen
Mpl,z,f = Npl,f  b/2 Biegung mit Normalkraft tritt auch Torsion auf.
N, My und Mz betragsmäßig einsetzen!

Die mit LILOBEC [70] ermittelten Abweichungen, im Vergleich zu den Ergebnissen


nach Tabelle 6.17, sind in Bild 6.38 dargestellt.

Bild 6.38 Abweichungen bei Nachweisen nach Tabelle 6.17 im Vergleich zu LILOBEC
6.3 Schnittgrößenkombinationen 101

Zur Bestimmung der Abweichungen werden die Fälle My/Mpl,y = 0,2/0,4/0,6 und 0,8
untersucht. Für jeden Fall von My/Mpl,y erfolgt die Untersuchung von zehn Schnitt-
größenvariationen von N und Mz. Im Fall „große Normalkraft“ in Tabelle 6.17 wird
der Nachweis mit M ≠ 0 betrachtet. In Bild 6.38 ist erkennbar, dass die Ergebnisse
nach Tabelle 6.17 bis zu 10,2 % auf der sicheren Seite liegen können. Die größte
Abweichung erhält man bei einem Profil ähnlich dem HEAA 650. In Bild 6.39 ist die
Verteilung der Abweichungen für diesen Querschnitt dargestellt. Ein Großteil der
Ergebnisse nach Tabelle 6.17 liegen weniger als 6 % auf der sicheren Seite.

Bild 6.39 Abweichungen bei Nachweisen nach Tabelle 6.17 im Vergleich zu LILOBEC
[70] in Abhängigkeit von N/Npl und My/Mpl,y

Bei My/Mpl,y = 0,6 ergibt sich der Maximalwert auf der sicheren Seite. Da bei Tabelle
6.17 M ≠ 0 nur für den Fall N > Npl,w berücksichtigt wird, erhält man bei einer
mittleren Größe von My/Mpl,y die größten Abweichungen im Bereich von N ≈ Npl,w.
Das nachfolgende Beispiel dient zur Erläuterung. Die Schnittgrößen kann man gemäß
Tabelle 6.18 bis zum Erreichen der Grenztragfähigkeit um ca. 10 % vergrößern. Für
den Fall N < Npl,w ergibt sich eine Schnittgröße M, die bei Anwendung von Tabelle
6.17 nicht berücksichtigt wird.

Tabelle 6.18 Beispiel für eine N-My-Mz-Interaktion mit unplanmäßiger Torsion

Schweißprofil ähnlich HEAA 650 (ohne Ausrundungen) fy  23,5 kN cm2

N  1700 kN My  50000 kNcm Mz  8100 kNcm

Nachweis mit Tabelle 6.17: LILOBEC [70]: INCA2 [38]:


Faktor   1,000   1,108   1,103

Anmerkung N  Npl,w  1727 kN M  215835 kNcm2


102 6 Doppeltsymmetrische geschweißte I-Profile

Für den Fall My/Mpl,y = 0,2 und N/Npl = 0 liegen gemäß Bild 6.39 die Ergebnisse
nach Tabelle 6.17 auf der sicheren Seite, weil man beim verwendeten Mittellinien-
modell die Blechbiegung im Steg vernachlässigt. Durch die Vernachlässigung der
Blechbiegung im Steg können die Ergebnisse für alle betrachteten Querschnitte bis zu
6 % (beim Profil ähnlich HEAA 1000) auf der sicheren Seite liegen, wenn nur Mz
vorliegt. Für das Profil ähnlich dem HEAA 650 liegt dieser Einfluss im Fall
N = My = 0 bei ca. 3 %. Die Abweichungen bei Anwendung der Lösung in [97] im
Vergleich zu LILOBEC [70] sind in Bild 6.40 dargestellt.

Bild 6.40 Abweichungen bei Nachweisen nach [97]

Für den Fall d in Bild 6.36 verwendet man in [97] eine Näherung. Da die
untersuchten Querschnitte keine Ausrundungen besitzen, wird die Steghöhe (in [97]
mit h−tf angegeben), in Bild 6.40 mit h−2∙tf berücksichtigt. Die Ergebnisse liegen
zwischen 4,8 % auf der sicheren Seite und 0,4 % auf der unsicheren Seite. Wegen der
Verwendung des Mittellinienmodells in [97] und der somit fehlenden Blechbiegung
im Steg ergeben sich die Abweichungen auf der sicheren Seite. Für die in
DIN 18800 [14] angegebene Interaktionsbeziehung liegen die Abweichungen bei den
untersuchten Schnittgrößenvariationen immer auf der sicheren Seite (bis zu 22,9 %).
Bei Anwendung der Interaktionsbeziehungen gemäß DIN EN 1993-1-1 [15] liegen
die Ergebnisse zwischen 11,7 % auf der sicheren und 5,6 % auf der unsicheren Seite.
Für die Bestimmung der Abweichungen müssen alle Schnittgrößen in relevanter
Größe auftreten. Bei einer reinen N-My-Interaktion und einer reinen N-Mz-Inter-
aktion ergeben sich gemäß Abschnitt 6.3.3 und Abschnitt 6.3.4 teilweise größere
Abweichungen.
6.3 Schnittgrößenkombinationen 103

6.3.9 Gleichzeitige Wirkung von - und -Schnittgrößen

In den folgenden Ausführungen werden -Schnittgrößenkombinationen aus den


vorangegangenen Abschnitten unter Berücksichtigung von -Schnittgrößen behan-
delt. Die gleichzeitige Wirkung von Normal- und Schubspannungen wird u. a. in
[10], [17], [30], [32], [34], [35], [60], [82] und [90] untersucht. In [43] und [114] sind
umfangreiche Übersichten über die unterschiedlichen Modelle enthalten. Die Anwen-
dung für computerorientierte Lösungen wird z. B. in [41] und [43] näher betrachtet.

Schnittgrößen Vy, Vz, Mxp und Mxs (-Schnittgrößen)


Aus Querkräften und Torsionsmomenten ergeben sich Schubspannungen im Quer-
schnitt. Diese sind bei der Bestimmung der Tragfähigkeit zu berücksichtigen. Gemäß
Abschnitt 4.3.5 gilt dabei die Annahme konstanter Schubspannungen in jedem
Teilquerschnitt. Da als Grundlage das Fließkriterium angenommen wird, kann man
eine reduzierte Streckgrenze red fy infolge von Schubbeanspruchungen nach Gl. (3.9)
ermitteln. Der Querschnitt wird gemäß Bild 6.1 in drei Teilquerschnitte unterteilt.
Das Gleichgewicht zwischen Schnittgrößen und Teilschnittgrößen ist in Bild 6.41
dargestellt.

Bild 6.41 Schnittgrößen Vy, Vz, Mxp und Mxs sowie örtliche Schnittgrößen in den
Teilquerschnitten, [54]

Jeder Teilquerschnitt wird durch eine örtliche Querkraft und ein örtliches Torsions-
moment beansprucht. Durch die Gleichgewichtsbeziehungen kann man die Teil-
schnittgrößen in Bild 6.41 bestimmen. Somit ergeben sich wie in [54]:
Vy M xs
Vo   (6.52)
2 h  tf
Vw  Vz (6.53)
104 6 Doppeltsymmetrische geschweißte I-Profile

Vy M xs
Vu   (6.54)
2 h  tf
Die Verteilung der Schnittgröße Mxp erfolgt nach dem Walmdachmodell in den
Gurten und dem Streifenmodell im Steg im Verhältnis zu Mpl,xp (nach Gl. (6.6)).
Aus den Untersuchungen in Abschnitt 6.2.3 und Abschnitt 8.2.3 wird deutlich, dass
im Bereich des Steges das Streifenmodell das Tragverhalten besser berücksichtigt
(keine horizontalen Schubspannungen im Steg) als das Walmdachmodell. Es folgt:
t f2   3  b  t f 
M xp,o  M xp,u  M xp 
3 (6.55)
2  t f2   3  b  t f    h w  t 2w
2
Mxp,w  Mxp  Mxp,o  Mxp,u (6.56)
Mit den Gln. (6.52) bis (6.56) sind die Teilschnittgrößen bekannt und die Schubspan-
nungen /R können mit dem Hohlzellenmodell (s. Bild 4.26) unter Verwendung von
Gl. (4.37) bestimmt werden. In Tabelle 6.19 sind die Nachweisbedingungen
zusammengestellt.

Tabelle 6.19 Nachweisbedingungen für die -Schnittgrößen Vy, Vz, Mxp und Mxs doppelt-
symmetrischer geschweißter I-Querschnitte

Nachweisbedingungen für die Schubspannungen:

Jeweils für Steg, Ober- und Untergurt (i = o, w, u):


 2 2
i  Mxp,i  Mxp,i   Vi  
 f,i        1
R 2  Mpl,xp,i  2  Mpl,xp,i   Vpl,i  
     

Vy M Mpl,xp,o
mit Vo   xs Mxp,o  Mxp 
2 h  tf Mpl,xp
Mpl,xp,w
Vw  Vz Mxp,w  Mxp 
Mpl,xp

Vorzeichen der Vy Mxs Mpl,xp,u


Vu   Mxp,u  Mxp 
Schnittgrößen beachten! 2 h  tf Mpl,xp

Rechenwerte:

für b/tf ≥ 5 und hw/tw ≥ 5: R  fy 3 Mpl,xp  Mpl,xp,o  Mpl,xp,w  Mpl,xp,u


1
f,o  f,u  1  0,14  t f b Vpl,o  Vpl,u  b  t f  R Mpl,xp,o  Mpl,xp,u   R  t 2f   3  b  t f 
6
f,w  1  0,14  t w hw Vpl,w  hw  t w  R 1
Mpl,xp,w   R  t 2w  hw
4
6.3 Schnittgrößenkombinationen 105

Für die folgenden Betrachtungen wird der Einfluss der Schubspannungen unter
Anwendung des Fließkriteriums berücksichtigt und die Streckgrenze für jeden
Teilquerschnitt nach Gl. (6.57) entsprechend reduziert (Grenzspannung mit dem
Index „gr“).
2
 
gr,i  red f y,i  fy  1   i  (6.57)
 R 
In DIN EN 1993-1-1 [15] erfolgt die Berücksichtigung der Schubspannungen auf
Normalkräfte und Biegemomente mithilfe des Abminderungsfaktors . Beide
Bedingungen sind in Bild 6.42 dargestellt. Gemäß DIN EN 1993-1-1 [15] werden
Schubspannungen erst ab /R > 0,5 berücksichtigt. Die maximale Differenz zwischen
dem Fließkriterium und dem Abminderungsfaktor  ergibt sich für /R = 0,6, s. Bild
6.42.

Bild 6.42 Ermittlung reduzierter Streckgrenzen in Abhängigkeit von /R

Vergleichbar zu DIN EN 1993-1-1 [15] werden auch in DIN 18800 [14] teilweise
Grenzwerte angegeben, bis zu denen die Schubspannungen vernachlässigt werden
können, s. Tabelle 6.20.

Tabelle 6.20 Grenzwerte für die Vernachlässigung von -Schnittgrößen in DIN 18800
[14] und DIN EN 1993-1-1 [15]
DIN 18800 [14] DIN EN 1993-1-1 [15]
Interaktion N-My-Vz N-Mz-Vy Biegung, Querkraft und Normalkraft
Grenzwert Vz Vpl,z  0,33 Vy Vpl,y  0,25 V Vpl  0,5
106 6 Doppeltsymmetrische geschweißte I-Profile

Schnittgrößen N, My, Mz und M-Schnittgrößen


Mit Kenntnis der Grenzspannungen gr,i in jedem Teilquerschnitt nach Gl. (6.57)
folgt die Betrachtung der -Schnittgrößen N, My, Mz und M. Dazu wird die Lösung
aus Abschnitt 6.3.7 modifiziert, indem man die Streckgrenze fy durch gr,i nach Gl.
(6.57) im entsprechenden Teilquerschnitt ersetzt. Analog zu Abschnitt 6.3.7 erfolgt
der Nachweis in zwei Schritten. Dabei werden in einem ersten Schritt die Aufnahme
der Schnittgrößen Mz und M gemäß Tabelle 6.21 überprüft und die reduzierten
Querschnittsabmessungen bestimmt. Dieser Schritt ist getrennt für den Obergurt
(Index „o“) und den Untergurt (Index „u“) zu führen.

Tabelle 6.21 Nachweisbedingungen für die -Schnittgrößen Mz und M sowie


Bestimmung der reduzierten Querschnittsabmessungen

 
Mz M t Mpl,z,
 b2  t 2w  f  gr,o/u und 
2 h  tf 4 2

b2 Mz
red bo/u  2 
4

2
M
h  tf
 tf  gr,o/u 

b  tf M M Mpl,z,
2
 t 2w   gr,o/u  z und 
4 2 h  tf 2

 
M tf
und  b2  t 2w   gr,o/u
h  tf 4
Mpl,z, Mz M

2 2 h  tf
red t w,o/u  2 
hw
 gr,w  t f  gr,o/u
Vorzeichen der 2
Schnittgrößen beachten!

Rechenwerte:
b2 t2
gr,o/u  fy  1   o/u R 
2
Mpl,z,  t f 
2
 
 min gr,o , gr,u  hw  w  gr,w
4

gr,w  fy  1   w R 
2
Index „o/u“ - jeweils für Ober- und Untergurt

Im zweiten Schritt wird die Aufnahme der Schnittgrößen N und My mithilfe der
Doppelbedingung nach Gl. (6.58) nachgewiesen.
min M y  M y  max M y (6.58)

Die Bestimmungsgleichungen für min My und max My in Abhängigkeit der


Gültigkeitsbereiche der einzelnen Fälle sind in Tabelle 6.22 (entspricht Tabelle 6.13
in Abschnitt 6.3.7) enthalten. Mit Tabelle 6.23 können die für Tabelle 6.22 erfor-
derlichen Rechenwerte Ngr,o, Ngr,w und Ngr,u bestimmt werden.
6.3 Schnittgrößenkombinationen 107

Tabelle 6.22 Bestimmung von max My und min My


Restquerschnitt
Bedingung max My =
für N und My
Ngr  2  Ngr,o  N  Ngr SNL im Obergurt  2  Ngr,u  Ngr,w  N  h 2 tf  Mo,bl
Ngr  2  Ngr,u  N  Ngr  2  Ngr,o SNL im Steg Ngr,u  Ngr,o   h 2 tf  Mw
Ngr  N  Ngr  2  Ngr,u SNL im Untergurt N  Ngr,w  2  Ngr,o   h 2 tf  Mu,bl
Restquerschnitt
Bedingung min My =
für N und My
h  tf
Ngr  2  Ngr,u  N  Ngr SNL im Untergurt 
 2  Ngr,o  Ngr,w  N   2
 Mu,bl

h  tf
Ngr  2  Ngr,o  N  Ngr  2  Ngr,u SNL im Steg 
 Ngr,u  Ngr,o   2
 Mw

h  tf
Ngr  N  Ngr  2  Ngr,o SNL im Obergurt 
 N  Ngr,w  2  Ngr,u  
2
 Mo,bl

Tabelle 6.23 Rechenwerte zur Bestimmung von max My und min My von doppeltsym-
metrischen geschweißten I-Querschnitten

Rechenwerte: red bo, red bu, red tw,o und red tw,u aus Tabelle 6.21

Standardfall A: Ngr,o  red bo  t f  gr,o

Ngr,w  t w  hw  gr,w

Ngr,u  red bu  t f  gr,u

Ngr,o  red bo bzw. red t w,o   t f  gr,o


Sonderfälle
B und C: Ngr,w  min red t w,o ,red t w,u   hw  gr,w

Ngr,u  red bu bzw. red t w,u   t f  gr,u

Ngr  Ngr,o  Ngr,w  Ngr,u

 N N Ngr,u  
2  NN 
2
 t gr,w  Ngr,o   N  tf
   Ngr,o  f  1  
gr,w
Mo,bl  1  Mu,bl 
  Ngr,o   4   Ngr,u   gr,u 4
       
 NN Ngr,u  
2
h
Mw  1      Ngr,w  w
gr,o
  Ngr,w   4
   
108 6 Doppeltsymmetrische geschweißte I-Profile

Nachweise von - und -Schnittgrößen für Standardfälle


Für die häufig vorkommenden Schnittgrößenkombinationen N-My-Vz und N-Mz-Vy
und My-Mz-Vz-Vy werden die Nachweisbedingungen nachfolgend zusammengestellt.
Als Grundlage dienen die Lösungen aus den Abschnitten 6.3.3, 6.3.4 und 6.3.5. Die
Berücksichtigung der Schnittgrößen Vz und Vy erfolgt durch die Reduzierung der
Streckgrenzen gr,w (durch Vz) und gr,f (durch Vy) in den entsprechenden Teilquer-
schnitten.

Tabelle 6.24 Nachweise zur plastischen Querschnittstragfähigkeit für die Schnittgrößen


N, My und Vz von doppeltsymmetrischen geschweißten I-Querschnitten

Querkraft Vz  Vpl,z  hw  t w  fy 3

N  Npl,w,

N2
My  Mpl,y, 
4  t w  gr,w

Npl,w,  N  Npl,

 h Npl,  N 

My  Npl,  N    
 2 4  b  fy 
 
Alle Schnittgrößen betragsmäßig einsetzen!
h2w
  Mpl,y,  t f  b  h  t f   fy  t w 
2
gr,w  fy  1  Vz Vpl,z  gr,w
4
Npl,w,  hw  t w  gr,w Npl,  2  t f  b  fy  t w  hw  gr,w

Tabelle 6.25 Nachweise zur plastischen Querschnittstragfähigkeit für die Schnittgrößen


N, Mz und Vy von doppeltsymmetrischen geschweißten I-Querschnitten

Querkraft Vy  Vpl,y  2  b  t f  fy 3
N  Npl,w,h,

N2
Mz  Mpl,z, 
4  Npl,w,h t w

Npl,w,h  N  Npl,

b Npl,  N 

Mz  Npl,  N   
 2 8  t f  gr,f


 
Alle Schnittgrößen betragsmäßig einsetzen!
b2 t2
 
2
gr,f  fy  1  Vy Vpl,y Mpl,z,  t f   gr,f  hw  w  fy
2 4
Npl,w,h,  hw  t w  fy  2  t f  t w  gr,f Npl,  2  t f  b  gr,f  t w  hw  fy
6.3 Schnittgrößenkombinationen 109

Tabelle 6.26 Nachweise zur plastischen Querschnittstragfähigkeit für die Schnittgrößen


My, Mz, Vy und Vz von doppeltsymmetrischen geschweißten I-Querschnitten

Vz  Vpl,z  hw  t w  fy 3
Querkräfte
Vy  Vpl,y  2  b  t f  fy 3


Mz  b2  t 2w   tf
2
 gr,f

h2w
My  t f  red b  h  t f   gr,f  t w   gr,w
4
2  Mz
mit red b  b  1 
t f  b2  gr,f

b 2
 t 2w   tf
2
 gr,f  Mz  Mpl,z,

 h2 
My  red t w   w  gr,w  t f  h  t f   gr,f 
Alle Schnittgrößen  4 
 
betragsmäßig einsetzen!
Mpl,z,  Mz
mit red t w  2 
hw  gr,w  2  t f  gr,f
Rechenwerte:
b2 t2
   
2 2
gr,w  fy  1  Vz Vpl,z gr,f  fy  1  Vy Vpl,y Mpl,z,  t f   gr,f  hw  w  gr,w
2 4
7 Doppeltsymmetrische gewalzte I-Profile

7.1 Vorbemerkungen

In den folgenden Abschnitten werden Gleichungen zur Bestimmung von Grenz-


schnittgrößen und Interaktionsbeziehungen für verschiedene Schnittgrößen von
doppeltsymmetrischen gewalzten I-Profilen formuliert. Für die Grenzschnittgrößen
Mpl,xp und Mpl, sind die Ergebnisse in Tabellenform zusammengefasst. Die Abwei-
chungen der einzelnen Interaktionsbeziehungen gemäß TSV-plus, DIN 18800 [14]
und DIN EN 1993-1-1 [15] werden mit LILOBEC [70] bestimmt.

7.2 Grenzschnittgrößen

7.2.1 Grundlagen

Walzprofile sind die typischen Querschnitte im Stahlbau. Durch den


Fertigungsprozess entstehen Ausrundungen im Übergang zwischen Gurt und Steg.
Verschiedene Ansätze zur Berücksichtigung der Ausrundungen sind in Bild 7.1
zusammengestellt.

Bild 7.1 Modelle zur Berücksichtigung von Ausrundungen

Beim häufig verwendeten Überlappungsmodell wird der Steg gedanklich bis zur
Gurtmitte verlängert. Für die Profilreihen IPE, HEAA, HEA und HEB liegt das
Überlappungsmodell bei den Grenzschnittgrößen Npl, Mpl,y und Mpl,z auf der sicheren
Seite. Bei der Profilreihe HEM ergeben sich Grenzschnittgrößen mit bis zu 2,6 %
auf der unsicheren Seite. Lösungen für die Anwendung des Ersatzflächenmodells
finden sich z. B. in [49], [53], [56] und [58]. Dabei ist es üblich, die Ausrundungen
durch flächengleiche Ersatzquerschnitte abzubilden. Weiterhin wird in [47] und [119]
7.2 Grenzschnittgrößen 111

versucht durch Modifikation der Geometrie den Einfluss der Ausrundungen zu


berücksichtigen.

7.2.2 Plastische Grenzschnittgrößen Npl, Mpl,y, Mpl,z, Vpl,z und Vpl,y

Eine genauere Ermittlung der plastischen Grenzschnittgrößen für gewalzte


I-Querschnitte unter Berücksichtigung der Ausrundungen ist in vielen Fällen sinnvoll.
In Bild 7.2 wird der Flächenanteil der Ausrundungen an der Gesamtfläche verschie-
dener Walzprofilreihen dargestellt. Je nach Querschnitt beträgt der Anteil der
Ausrundungen Ar zwischen 1,5 % und 7,9 % der Gesamtfläche.

Bild 7.2 Verhältnis der Ausrundungsflächen zur Gesamtfläche nach [55]

Analog zu Abschnitt 6.2.2 müssen bei der Bestimmung einer Grenzschnittgröße alle
anderen Schnittgrößen gleich null sein. Die Grenzschnittgrößen unter Berücksichti-
gung der Ausrundungen können bei Verwendung von Tabelle 7.1 bestimmt werden.

Tabelle 7.1 Plastische Grenzschnittgrößen für gewalzte I-Querschnitte, [55]

Npl  A  fy

 h  2t f h 
Mpl,y   A f  (h  t f )  A w   4  Ar    t f  0,223  r    fy
 4 2 
Vpl,z   A  2  A f  (t w  2r)  t f   fy 3

 b t t 
Mpl,z   A f   A w  w  4  Ar   w  0,223  r    fy
 2 4  2 

Vpl,y  2  A f  fy 3 Mpl,xs  Vpl,y  h  t f  2

Mpl,xp nach Gl. (6.6) Mpl, , s. Tabelle 7.4

Rechenwerte: A f  t f  b Ar  0,215  r 2 A w  t w  (h  2t f )  t w  hw A  2  A f  A w  4  Ar
112 7 Doppeltsymmetrische gewalzte I-Profile

In Bild 7.3 sind die in Tabelle 7.1 berücksichtigten Schubflächen für die Grenz-
schnittgrößen Vpl,z und Vpl,y dargestellt.

Bild 7.3 Wirksame Schubflächen von Vpl,z ([15]) und Vpl,y in Tabelle 7.1

Angaben für die Ermittlung von Mpl, und Mpl,xp werden in den nachfolgenden
Abschnitten angegeben. In Bild 7.4 sind die Vergrößerungsfaktoren für die
Grenzschnittgrößen Mpl,y und Mpl,z beim Vergleich der Querschnitte mit (s. Tabelle
7.1) und ohne Ausrundung (s. Tabelle 6.2) dargestellt. Unter Berücksichtigung der
Ausrundungen erhält man für Mpl,y eine bis zu 8,6 % höhere Tragfähigkeit. Bei Mpl,z
ergibt sich eine Erhöhung von bis zu 2,1 %.

Bild 7.4 Erhöhung von Mpl,y und Mpl,z unter Berücksichtigung der Ausrundungen
7.2 Grenzschnittgrößen 113

7.2.3 Plastische Grenzschnittgröße Mpl,xp

Die Bestimmung von Mpl,xp für doppeltsymmetrische gewalzte I-Profile kann mithilfe
der plastischen Spannungsfunktion pl erfolgen, die in Abschnitt 4.2.2 ausführlich
vorgestellt wird. Da im Folgenden besonders die Berücksichtigung der Ausrundungen
im Vordergrund steht, kommt die in Abschnitt 4.2.2 vorgestellte Nadai‘sche
Sandhügelanalogie zur Anwendung. Weitere Erläuterungen zur Sandhügelanalogie
für die Anwendung bei doppeltsymmetrischen I-Querschnitten sind in Abschnitt 6.2.3
enthalten. In Bild 7.5 ist ein Beispiel für den Nadai‘schen Sandhügel unter Berück-
sichtigung der Ausrundungen dargestellt. Anhand der Höhenlinien in Bild 7.6 wird
deutlich, dass sich im Übergangsbereich zwischen Gurt und Steg eine Erhöhung des
Sandhügels ergibt.

Bild 7.5 Nadai‘scher Sandhügel auf der Querschnittfläche eines gewalzten I-Profils

Bild 7.6 Detail des Nadai‘schen Sandhügels im Übergang zwischen Gurt und Steg
114 7 Doppeltsymmetrische gewalzte I-Profile

Die Bestimmung von Mpl,xp erfolgt durch Gl. (4.7). Das Volumen des Sandhügels
kann man mit [91] ermitteln. Dazu wird auf der Querschnittsfläche des Profils von
den Rändern ausgehend ein „Dach“ mit einem Winkel von 45° errichtet, s. z. B. Bild
4.7. In Tabelle 7.2 sind die Ergebnisse der Berechnung der Grenzschnittgröße Mpl,xp
mit der Nadai‘schen Sandhügelanalogie zusammengefasst.

Tabelle 7.2 Grenzschnittgröße Mpl,xp [kNm] nach Nadai’scher Sandhügelanalogie für


fy = 23,5 kN/cm²

IPE Mpl,xp HEAA Mpl,xp HEA Mpl,xp HEB Mpl,xp HEM Mpl,xp
80 0,260 100 0,650 100 1,191 100 1,775 100 6,859
100 0,392 120 0,754 120 1,395 120 2,492 120 8,895
120 0,538 140 0,982 140 1,813 140 3,380 140 11,22
140 0,716 160 1,517 160 2,429 160 4,706 160 14,34
160 0,955 180 1,921 180 2,927 180 6,012 180 17,35
180 1,208 200 2,542 200 3,747 200 7,792 200 21,13
200 1,574 220 3,102 220 4,826 220 9,581 220 24,87
220 1,957 240 3,945 240 6,353 240 11,96 240 40,60
240 2,500 260 4,806 260 7,563 260 13,89 260 45,67
270 3,025 280 5,644 280 8,725 280 15,75 280 50,58
300 3,685 300 6,884 300 10,95 300 19,01 300 75,06
330 4,663 320 7,593 320 13,13 320 21,90 320 78,59
360 5,844 340 8,369 340 14,82 340 24,08 340 79,12
400 7,305 360 9,189 360 16,61 360 26,39 360 79,46
450 9,081 400 10,74 400 19,75 400 30,39 400 80,36
500 11,40 450 11,89 450 23,83 450 35,50 450 81,73
550 14,37 500 13,14 500 28,30 500 41,01 500 82,89
600 18,03 550 15,56 550 31,15 550 44,54 550 84,32
600 17,11 600 34,20 600 48,30 600 85,54
650 18,78 650 37,42 650 52,24 650 86,98
700 21,28 700 41,50 700 57,17 700 88,20
800 25,87 800 46,70 800 63,55 800 92,03
900 32,15 900 54,80 900 73,22 900 94,68
1000 37,42 1000 60,09 1000 79,62 1000 97,61
7.2 Grenzschnittgrößen 115

Eine Vergleichsrechnung unter Verwendung einer FE-Formulierung in [28] für das


Profil HEM 300 ist in Bild 7.7 dargestellt. Dabei wird Mpl,xp,HEM 300 (nach Umrech-
nung der Streckgrenze) mit 74,41 kNm angegeben. Nach Tabelle 7.2 erhält man:
Mpl,xp,HEM 300 = 75,06 kNm. Es wird angenommen, dass sich die Abweichung von ca.
0,9 % wegen der nicht vollständigen Plastizierung im Bereich des Grates ergibt. Es
verbleibt ein kleiner elastischer Rest, s. Bild 7.7.

Bild 7.7 Schubspannungen im vollplastischen Zustand nach [28]

In [2] wird das Volumen des Sandhügels für die Profilreihen IPE, HEA, HEB und
HEM bestimmt. Die Abweichungen zwischen Tabelle 7.2 und [2] sind in Bild 7.8
dargestellt. Auffällig ist die Abweichung von 3,7 % für den Querschnitt HEM 180 in
[2]. Der Autor vermutet hierbei einen Schreibfehler, da die in [2] zusätzlich ange-
gebenen Diagramme ein anderes Ergebnis zeigen.

Bild 7.8 Abweichungen für Mpl,xp aus [2] zu Tabelle 7.2

Unter Berücksichtigung der Ausrundungen ergibt sich eine Erhöhung der Grenz-
schnittgröße von bis zu 31 % im Vergleich zu Gl. (6.4), s. Bild 7.9. Die maximale
Erhöhung erhält man beim Profil HEAA 100, da die Ausrundungen in Bild 7.2 den
größten Flächenanteil besitzen.
116 7 Doppeltsymmetrische gewalzte I-Profile

Bild 7.9 Erhöhung von Mpl,xp aus Tabelle 7.2 gegenüber Gl. (6.4)

Bei Anwendung der plastischen Grenzschnittgröße Mpl,xp nach Tabelle 7.2 bleibt die
Querschnittsform nicht erhalten. Auf der sicheren Seite liegend wird zur Bestim-
mung von Mpl,xp bei doppeltsymmetrischen gewalzten I-Profilen die Verwendung von
Gl. (6.6) in Abschnitt 6.2.3 empfohlen.

7.2.4 Plastische Grenzschnittgröße Mpl,

Für die Bestimmung von Mpl, sind bei Walzprofilen im Vergleich zu Abschnitt 6.2.4
die Ausrundungen zu berücksichtigen. In Tabelle 7.4 werden die Ergebnisse nach
LILOBEC [70] zusammengefasst. Der Vergleich der Werte in Tabelle 7.4 (r ≠ 0) mit
Gl. (6.10) (r = 0) ist in Bild 7.10 dargestellt.

Bild 7.10 Mpl, mit r ≠ 0 (Tabelle 7.4) im Vergleich zu Mpl, mit r = 0 nach Gl. (6.7)
7.2 Grenzschnittgrößen 117

Die Ergebnisse nach Gl. (6.10) liegen teilweise auf der unsicheren Seite (Faktor < 1).
Gemäß den numerischen Untersuchungen in [63] folgt:
max  r  0  max  r  0 (7.1)
Die Ausrundungen bewirken eine Versteifung des Querschnitts. Die maximale Wölb-
ordinate  verringert sich. Somit erhält man bei einer Integration eine kleinere Grenz-
schnittgröße Mpl,. Die zusätzlichen Flächen durch die Ausrundungen können diesen
Effekt teilweise ausgleichen (Faktor > 1 in Bild 7.10). In Tabelle 7.3 ist ein Beispiel
enthalten.

Tabelle 7.3 Beispiel für Einfluss der Ausrundungen auf Mpl,


HEM 100 (r = 0) HEM 100 (r ≠ 0)

M,f,i  3300 kNcm2 M,f,i  3236 kNcm2

M,r,i  33 kNcm2

Durch die Versteifung verringert sich die Teilschnittgröße M,f,i für den Fall r ≠ 0.
Die Teilschnittgröße M,r,i kann in diesem Beispiel diesen Effekte nicht ausgleichen.
Bei Anwendung des Mittellinienmodells nach Gl. (6.7) liegen die Ergebnisse für
Mpl, stets auf der sicheren Seite, s. Bild 7.11.

Bild 7.11 Mpl, mit r ≠ 0 (Tabelle 7.4) im Vergleich zu Mpl, nach Mittellinienmodell
118 7 Doppeltsymmetrische gewalzte I-Profile

Tabelle 7.4 Grenzschnittgröße Mpl, [kNm²] für fy = 23,5 kN/cm²

IPE Mpl, HEAA Mpl, HEA Mpl, HEB Mpl, HEM Mpl,

80 0,049 100 0,280 100 0,416 100 0,531 100 1,320

100 0,098 120 0,486 120 0,721 120 1,018 120 2,333

120 0,176 140 0,848 140 1,224 140 1,775 140 3,807

140 0,293 160 1,494 160 1,948 160 2,888 160 5,863

160 0,456 180 2,290 180 2,935 180 4,441 180 8,607

180 0,683 200 3,370 200 4,258 200 6,547 200 12,19

200 0,979 220 4,780 220 6,257 220 9,316 220 16,75

220 1,406 240 6,599 240 8,901 240 12,89 240 27,59

240 1,953 260 8,922 260 11,86 260 16,93 260 35,42

270 2,896 280 11,78 280 15,47 280 21,81 280 44,69

300 4,172 300 15,25 300 20,55 300 28,36 300 66,44

330 5,631 320 17,02 320 24,27 320 32,64 320 71,81

360 7,636 340 18,95 340 27,52 340 36,42 340 75,93

400 10,17 360 20,96 360 30,98 360 40,37 360 79,54

450 13,81 400 25,38 400 37,57 400 48,08 400 87,42

500 18,64 450 29,76 450 46,94 450 58,78 450 97,87

550 24,41 500 34,43 500 57,30 500 70,53 500 107,6

600 32,27 550 40,94 550 66,17 550 80,76 550 118,4

600 46,43 600 75,56 600 91,58 600 128,5

650 52,22 650 85,53 650 102,9 650 139,4

700 60,05 700 96,13 700 114,9 700 149,4

800 73,78 800 115,0 800 136,7 800 170,9

900 92,93 900 139,6 900 164,1 900 191,5

1000 109,5 1000 161,3 1000 188,7 1000 213,7


7.3 Schnittgrößenkombinationen 119

7.3 Schnittgrößenkombinationen

7.3.1 Vorbemerkungen

Bei der Bestimmung von Interaktionsbeziehungen für Walzprofile wurden die


Ausrundungen bisher vernachlässigt oder mit groben Näherungen berücksichtigt, s.
z. B. [43] und [97]. In den folgenden Abschnitten werden unterschiedliche Schnitt-
größenkombinationen unter Berücksichtigung der Ausrundungen untersucht. Die
Blechbiegung, wie sie in Abschnitt 6.3 enthalten ist, wird ebenfalls berücksichtigt.
Eine separate Zuweisung von Teilschnittgrößen zu den Ausrundungen ist wenig
sinnvoll, da die in Abschnitt 5.3 vorgestellte Interaktionsbeziehung für den Nachweis
des Teilquerschnitts Ausrundung sehr umfangreich ist. Darüber hinaus werden die
exakten Lösungen nach LILOBEC [70] mit den Interaktionsbedingungen aus DIN
18800 [14] und DIN EN 1993-1-1 [15] verglichen. In [54] und [55] sind bereits
Auszüge der im Folgenden vorgestellten Interaktionsbeziehungen veröffentlicht.

7.3.2 Schnittgrößen N und My

Die Berücksichtigung der Ausrundungen stellt eine Erweiterung der in Ab-


schnitt 6.3.3 formulierten Interaktion dar. Neben den Fällen „Spannungsnulllinie im
Steg“ und „Spannungsnulllinie im Gurt“ ist der Fall „Spannungsnulllinie in Steg und
Ausrundung“ zu berücksichtigen. Unter Ausnutzung der Symmetrieeigenschaften
sind die Schnittgrößen betragsmäßig einzusetzen. Es ergeben sich drei Fälle, die in
Bild 7.12 dargestellt werden.

Bild 7.12 Lage der Spannungsnulllinie bei der N-My-Interaktion

Eine direkte Berücksichtigung des Falls 2 in Bild 7.12 nach der Vorgehensweise in
Abschnitt 6.3.3 führt zu umfangreichen Gleichungen, deren Mehraufwand bei einer
Handrechnung nicht im Verhältnis zur Traglaststeigerung steht. In Bild 7.13 sind die
Interaktionsbeziehungen nach Tabelle 6.3 ohne Berücksichtigung der Gültigkeits-
grenzen für ein HEAA 100 (r ≠ 0) dargestellt. Gemäß Bild 7.2 ist bei diesem Profil
der Flächenanteil der Ausrundungen im Vergleich zur Gesamtfläche am größten. Es
120 7 Doppeltsymmetrische gewalzte I-Profile

wird deutlich, dass die Interaktionsbeziehungen sich annähern, aber nicht schneiden
oder berühren, s. Detail A in Bild 7.13.

Bild 7.13 Interaktionsbeziehungen bei einer N-My-Interaktion für ein HEAA 100

Die Bestimmung einer Interaktionsbeziehung unter Berücksichtigung der Ausrun-


dungen erfolgt durch Modifikation der Gültigkeitsgrenzen aus Tabelle 6.3. Dazu
werden die Gültigkeitsbereiche von Fall 1 und 3 in den Fall 2 hinein verlängert. Die
Modifizierung erfolgt so, dass die Abweichung möglichst klein ist und die Gleichung
für die Anwendung sinnvoll bleibt. Mit LILOBEC [70] kann die Genauigkeit der
Lösungen bestimmt werden. In Tabelle 7.5 sind die Modifizierungen zusammenge-
stellt.

Tabelle 7.5 Modifizierungen der Grenzen


Fall Lage SNL Grenze in Bild 7.12 modifizierte Grenze
1 Steg N  hw  2  r   t w  fy N  hw  t w  fy

3 Gurt 
N  hw  t w  4  0,215  r 2  fy  N  hw  t w  fy

Diese Methode wird auch in [55] angewendet. Es ergibt sich die in Bild 7.14
dargestellte Interaktionsbeziehung für die drei Fälle gemäß Bild 7.12. Da die
Interaktionsbeziehungen in Bild 7.13 Detail A keinen Schnittpunkt aufweisen, erhält
man durch die Modifizierung der Gültigkeitsgrenzen ein Sprung, s. Bild 7.14
Detail A.
7.3 Schnittgrößenkombinationen 121

Bild 7.14 Interaktionsbeziehung nach Tabelle 7.6 bei einer N-My-Interaktion

Der Fall 2 „Spannungsnulllinie in Steg und Ausrundungen“ erstreckt sich nur über
einen kleinen Wertebereich von N/Npl. Die Nachweisgleichungen für eine bau-
praktisch genaue Lösung sind in Tabelle 7.6 angegeben. Bei der Bestimmung von Npl
und Mpl,y nach Tabelle 7.1 werden die Ausrundungen mit berücksichtigt.

Tabelle 7.6 Nachweise zur plastischen Querschnittstragfähigkeit für die Schnittgrößen


N und My von doppeltsymmetrischen gewalzten I-Profilen, [55]
N  Npl,w
„kleine“
N2
Normalkräfte My  Mpl,y 
4  t w  fy
Npl,w  N  Npl
„große“
 h Npl  N 
Normalkräfte  
My  Npl  N    
 2 4  b  fy 
 
Alle Schnittgrößen betragsmäßig einsetzen!
Npl,w  hw  t w  fy Npl und Mpl,y, s. Tabelle 7.1

Bei Anwendung von Tabelle 7.6 liegen die Ergebnisse im Vergleich zu LILOBEC
[70] zwischen 0,17 % auf der sicheren und 0,31 % auf der unsicheren Seite, s. Bild
7.15. Dazu werden 100 Schnittgrößenvariationen je Profil untersucht (Schrittweite
0,01). Zusätzlich erfolgt eine Untersuchung im Bereich des Sprungs gemäß Bild 7.14
Detail A mit zusätzlichen Schritten der Größe 0,0025. Die größten Abweichungen
ergeben sich bei Profilen mit kleiner Nennhöhe, da der Einfluss der Ausrundungen
bei diesen Querschnitten am größten ist, vgl. Bild 7.2.
122 7 Doppeltsymmetrische gewalzte I-Profile

Bild 7.15 Abweichungen bei der N-My-Interaktion nach Tabelle 7.6

In Bild 7.16 und Bild 7.17 sind die Abweichungen der Interaktionsbedingungen
gemäß DIN 18800 [14] und DIN EN 1993-1-1 [15] im Vergleich zu LILOBEC [70]
dargestellt. Die Ergebnisse liegen zwischen 10,6 % auf der sicheren und 7,8 % auf
der unsicheren Seite. Dieser Sachverhalt wurde bereits in [55] vorgestellt. Wegen der
Abweichungen auf der unsicheren Seite ist die N-My-Interaktion nach Tabelle 7.6
gegenüber den Interaktionsbeziehungen in DIN 18800 [14] und DIN EN 1993-1-1
[15] vorzuziehen. Bei Anwendung von Tabelle 7.6 sind die Abweichungen auf der
unsicheren Seite so gering (maximal 0,24 %) und damit vernachlässigbar.

Bild 7.16 Abweichungen bei der N-My-Interaktion in DIN 18800 [14]


7.3 Schnittgrößenkombinationen 123

Bild 7.17 Abweichungen bei der N-My-Interaktion in DIN EN 1993-1-1 [15]

7.3.3 Schnittgrößen N und Mz

Die Vorgehensweise bei der N-Mz-Interaktion entspricht der in Abschnitt 7.3.2


angewendeten Methode. Durch die Modifikation der Gültigkeitsgrenzen aus
Tabelle 6.5 wird der Fall „Spannungsnulllinie in Ausrundungen und Gurt“
berücksichtigt. Die Nachweisgleichungen für eine baupraktisch genaue Lösung sind
in Tabelle 7.7 zusammengefasst. Bei der Fallunterscheidung werden im Grenzwert
Npl,wr,h Flächenanteile der Ausrundungen berücksichtigt.

Tabelle 7.7 Nachweise zur plastischen Querschnittstragfähigkeit für die Schnittgrößen


N und Mz von doppeltsymmetrischen gewalzten I-Profilen nach [55]
N  Npl,wr,h
„kleine“
N2
Normalkräfte Mz  Mpl,z 
4  h  fy
Npl,wr,h  N  Npl
„große“
 b Npl  N 
Normalkräfte  
Mz  Npl  N   
 2 8  t f  fy


 
Alle Schnittgrößen betragsmäßig einsetzen!

 
Npl,wr,h  h  t w  0,7  r 2  fy Npl und Mpl,z, s. Tabelle 7.1

Im Vergleich zu LILOBEC [70] liegen bei Anwendung von Tabelle 7.7 die Ergeb-
nisse zwischen 0,81 % auf der sicheren und 0,22 % auf der unsicheren Seite. Die
Abweichungen sind in Bild 7.18 dargestellt. Für jeden Querschnitt werden 100
Schnittgrößenvarianten untersucht. Wie bei der N-My-Interaktion in Abschnitt 7.3.2
erfolgt eine zusätzliche Untersuchung im Bereich des Sprungs mit kleineren
Schrittweiten.
124 7 Doppeltsymmetrische gewalzte I-Profile

Bild 7.18 Abweichungen bei der N-Mz-Interaktion nach Tabelle 7.7

Bei Anwendung der Interaktionsbedingungen in DIN 18800 [14] und


DIN EN 1993-1-1 [15] ergeben sich die in Bild 7.19 und Bild 7.20 dargestellten
Abweichungen. Die Ergebnisse liegen im Vergleich zu LILOBEC [70] zwischen
14,8 % auf der sicheren und 5,4 % auf der unsicheren Seite. Vergleichbare Abwei-
chungen wurden bereits in [55] vorgestellt. Analog zur N-My-Interaktion in Ab-
schnitt 7.3.2 wird bei der N-Mz-Interaktion wegen der Abweichungen auf der
unsicheren Seite die Anwendung der Interaktionsbeziehungen gemäß DIN 18800 [14]
und DIN EN 1993-1-1 [15] nicht empfohlen. Die Abweichungen bei Anwendung von
Tabelle 7.7 auf der unsicheren Seite sind mit maximal 0,17 % gering

Bild 7.19 Abweichungen bei der N-Mz-Interaktion in DIN 18800 [14]


7.3 Schnittgrößenkombinationen 125

Bild 7.20 Abweichungen bei der N-Mz-Interaktion in DIN EN 1993-1-1 [15]

7.3.4 Schnittgrößen My und Mz

Als weitere grundlegende Interaktionsbeziehung wird im Folgenden die My-Mz-Inter-


aktion für doppeltsymmetrische gewalzte I-Profile untersucht. Die Ausrundungen
werden vergleichbar zur N-My-Interaktion und zur N-Mz-Interaktion nicht als sepa-
rater Fall betrachtet. Es erfolgt eine Modifikation der Lösung aus Tabelle 6.5 durch
Berücksichtigung der Flächenanteile Ar für den Fall „kleines“ und „mittleres“ Mz
bei der Bestimmung von max My. In Tabelle 7.8 sind die Nachweisgleichungen für
eine baupraktisch genaue Lösung zusammengefasst.

Tabelle 7.8 Nachweise zur plastischen Querschnittstragfähigkeit für die Schnittgrößen


My und Mz von doppeltsymmetrischen gewalzten I-Profilen

Mz 
tf
2
 
 b2  t 2w  fy
„kleines“  
h2
bis My   t f  red b  h  t f   t w  w  4  A r  ar   fy
 4 
„mittleres“  
Mz
2  Mz
mit red b  b  1 
t f  b2  fy
tf
2
 
 b2  t 2w  fy  Mz  Mpl,z

„großes“ h2
My  red t w   fy
Mz 4
Alle Schnittgrößen
betragsmäßig einsetzen! Mpl,z  Mz
mit red t w  2 
h  fy
h
Ar  0,215  r 2 ar   t f  0,223  r Mpl,z, s. Tabelle 7.1
2
126 7 Doppeltsymmetrische gewalzte I-Profile

Analog zu Abschnitt 6.3.5 ergeben sich bei dem Ingenieurmodell in Tabelle 7.8 keine
lokalen Wölbbimomente. Für die Untersuchungen mit LILOBEC [70] werden diese
direkt vernachlässigt (gerade Spannungsnulllinie). In Bild 7.21 sind die Abwei-
chungen der Ergebnisse nach Tabelle 7.8 im Vergleich zu LILOBEC [70] dargestellt.
Die Lösungen liegen bis zu 1,3 % (beim HEAA 1000) auf der sicheren Seite. Dabei
werden für jeden Querschnitt 50 Schnittgrößenvariationen ermittelt. Die maximale
Abweichung auf der sicheren Seite ergibt sich bei großen Werten von Mz/Mpl,z, wenn
die Spannungsnulllinie im Bereich der Ausrundungen liegt.

Bild 7.21 Abweichungen bei der My-Mz-Interaktion nach Tabelle 7.8

In Bild 7.22 und in Bild 7.23 sind die Abweichungen der in DIN 18800 [14] und
DIN EN 1993-1-1 [15] angegebenen Interaktionsbedingungen im Vergleich zu LILO-
BEC [70] dargestellt. Die Ergebnisse liegen immer auf der sicheren Seite (bis zu
23 %). Bei Anwendung von Tabelle 7.8 erhält man wirtschaftlichere Ergebnisse im
Vergleich zu den Interaktionsbeziehungen in DIN 18800 [14] und DIN EN 1993-1-1
[15].

Bild 7.22 Abweichungen bei der My-Mz-Interaktion in DIN 18800 [14]


7.3 Schnittgrößenkombinationen 127

Bild 7.23 Abweichungen bei der My-Mz-Interaktion in DIN EN 1993-1-1 [15]

Die Interaktionsbeziehung in DIN EN 1993-1-1 [15] für eine My-Mz-Interaktion


lautet:
2
 My  Mz
   1 (7.2)
M
 pl,y  M pl,z

7.3.5 Schnittgrößen N, My und Mz ohne unplanmäßige Torsion

Für den Fall der N-My-Mz-Interaktion mit der Bedingung M = 0 (s. Abschnitt 6.3.6)
erfolgt eine Modifikation analog zu den vorherigen Abschnitten. Als Grundlage dient
hierzu die Lösung der N-My-Mz-Interaktion für doppeltsymmetrische geschweißte
I-Profile nach Tabelle 6.9. Bei der Modifikation werden die Ausrundungen Ar in
den Rechenwerten Npl,red und Mpl,y,red berücksichtigt. In Tabelle 7.9 sind die modifi-
zierten Rechenwerte zusammengefasst.

Tabelle 7.9 Modifizierte Rechenwerte zur Bestimmung der plastischen Querschnitts-


tragfähigkeit nach Tabelle 6.9 mit Berücksichtigung der Ausrundungen

Rechenwerte:
Npl,red   2  t f  red b  t w  hw  4  Ar   fy Mpl,z, s. Tabelle 7.1
 h2 
Mpl,y,red   t f  red b  h  t f   t w   4  Ar  ar   fy Ar und ar, s. Tabelle 7.8
 4 
 

Die Vorgehensweise ist den Erläuterungen in Abschnitt 6.3.6 zu entnehmen. Bei


Anwendung der Rechenwerte von Tabelle 7.9 in Tabelle 6.9 ergeben sich die in Bild
7.24 dargestellten Abweichungen im Vergleich zu LILOBEC [70]. Die Abwei-
chungen gelten für die Fälle Mz/Mpl,z = 0/0,2/0,4/0,6/0,8 und 0,995. Für jeden Fall
von Mz/Mpl,z werden die Schnittgrößen N und My in 20 Schnittgrößenvariationen
untersucht. Es ergeben sich Abweichungen von bis zu 0,2 % auf der unsicheren Seite
und 1,9 % auf der sicheren Seite.
128 7 Doppeltsymmetrische gewalzte I-Profile

Bild 7.24 Abweichungen bei der N-My-Mz-Interaktion (M = 0) nach Tabelle 7.9

Ein Vergleich der Lösung nach LILOBEC [70] mit DIN 18800 [14] und DIN EN
1993-1-1 [15] ist nicht möglich, da für diesen Fall keine Interaktionsbeziehung in den
Normen angegeben wird.

7.3.6 Schnittgrößen N, My, Mz und M

Für die Berücksichtigung aller -Schnittgrößen bei doppeltsymmetrischen gewalzten


I-Profilen werden die in Abschnitt 6.3.7 angegebenen Lösungen modifiziert. Zur
Vereinfachung gilt für die nachfolgenden Interaktionsbeziehungen analog zur
N-My-Mz-M-Interaktion für doppeltsymmetrische geschweißte I-Querschnitte die
Bedingung:

 
M t
 b2  t w 2  f  f y (7.3)
h  tf 4
Als Modifikation im Vergleich zu Abschnitt 6.3.7 werden die Ausrundungen Ar bei
der Ermittlung von Ngr,w berücksichtigt. Es ergibt sich für den Standardfall A:
Ngr,w  t w  h w  f y  4  0, 215  r 2 (7.4)
Die Werte von min My und max My kann man nach Tabelle 6.13 unter Verwendung
der Rechenwerte aus Tabelle 6.14 ermitteln, wobei Ngr,w für den Fall A gemäß
Gl. (7.4) modifiziert wird. Analog zu Abschnitt 6.3.7 ist der Doppelnachweis nach
Gl. (7.5) erforderlich.
min M y  M y  max M y (7.5)
In Bild 7.25 wird ein Beispiel mit den Abweichungen im Vergleich zu LILOBEC [70]
dargestellt. Als Querschnitt ist der HEAA 100 gewählt, da dieses Profil den größten
7.3 Schnittgrößenkombinationen 129

Flächenanteil an Ausrundungen enthält, s. Bild 7.2. Die Ergebnisse liegen zwischen


0,4 % auf der unsicheren und 3,1 % auf der sicheren Seite.

Bild 7.25 Abweichungen bei der N-My-Mz-M-Interaktion mit Modifizierung gemäß


Gl. (7.4)

7.3.7 Sonderfall Schnittgrößen N, My und Mz mit unplanmäßiger


Torsion

Bei Vernachlässigung der Bedingung M = 0 ergibt sich wie in Abschnitt 6.3.8 ein
Sonderfall der N-My-Mz-M-Interaktion. Zu den Schnittgrößen N, My und Mz wird
ein entsprechend großes Wölbbimoment M hinzufügt, damit der Querschnitt voll
durchplastiziert. Es ergibt sich im Grenzzustand eine Querschnittsverdrehung um die
Längsachse ( ≠ 0!). Die Modifikation im Vergleich zu Tabelle 6.17 erfolgt durch
die Berücksichtigung von Npl und Mpl,z mit Ausrundungen nach Tabelle 7.1. Somit
ergibt sich für die Bestimmung von Mpl,z,f:
Mpl,z,f  Mpl,z  Npl,w  t w 4 mit Mpl,z nach Tabelle 7.1 (7.6)
Die mit LILOBEC [70] ermittelten Abweichungen im Vergleich zu Tabelle 6.17 mit
Gl. (7.6) sind in Bild 7.26 dargestellt. Analog zu Abschnitt 6.3.8 erfolgt die
Ermittlung der Abweichungen für die Fälle My/Mpl,y = 0,2/0,4/0,6 und 0,8. Für die
Schnittgrößen N und Mz werden dann für jeden Fall von My/Mpl,y 20 Schnittgrößen-
variationen untersucht. Die Ergebnisse liegen zwischen 0,3 % und 13,4 % auf der
sicheren Seite. Für das Profil HEAA 100 ergibt sich die maximale Abweichung auf
der sicheren Seite.
130 7 Doppeltsymmetrische gewalzte I-Profile

Bild 7.26 Abweichungen bei der N-My-Mz-Interaktion (M ≠ 0) mit Modifikation

In Bild 7.27 sind die Abweichungen für diesen Querschnitt in Abhängigkeit von
N/Npl dargestellt. Die Mehrzahl der Ergebnisse liegt weniger als 10 % auf der
sicheren Seite. Gemäß Tabelle 6.17 wird das Wölbbimoment nur für den Fall
N > Npl,w hinzugefügt. Es ergeben sich die dargestellten Verläufe mit den maximalen
Abweichungen im Bereich N ≈ Npl,w.

Bild 7.27 Abweichungen bei der N-My-Mz-Interaktion (M ≠ 0) mit Modifikation in


Abhängigkeit von N/Npl und My/Mpl,y

Vergleichbar zu Abschnitt 6.3.8 werden auch für doppeltsymmetrische gewalzte


I-Profile die Abweichungen bei Anwendung von [97] im Vergleich zu LILOBEC [70]
(M ≠ 0) bestimmt. Gemäß Bild 7.28 liegen die Ergebnisse zwischen 6,3 % auf der
sicheren Seite und 2,2 % auf der unsicheren Seite. Die Steghöhe wird dabei, wie in
[97] angegeben, mit h−tf angenommen. Diese Idealisierung liegt für Walzprofile der
Profilreihe HEM auf der unsicheren Seite, s. Abschnitt 7.2.1.
7.3 Schnittgrößenkombinationen 131

Bild 7.28 Abweichungen bei der N-My-Mz-Interaktion (M ≠ 0) nach [97]

Für die in DIN 18800 [14] und DIN EN 1993-1-1 [15] angegebenen Interaktions-
beziehungen sind die Abweichungen im Vergleich zu LILOBEC [70] in Bild 7.29 und
in Bild 7.30 dargestellt.

Bild 7.29 Abweichungen bei der N-My-Mz-Interaktion (M ≠ 0) in DIN 18800 [14]

Bild 7.30 Abweichungen bei der N-My-Mz-Interaktion (M ≠ 0) in DIN EN 1993-1-1 [15]
132 7 Doppeltsymmetrische gewalzte I-Profile

Die Ergebnisse liegen zwischen 23 % auf der sicheren und 6 % auf der unsicheren
Seite. Dabei wird der Schwerpunkt auf der Bewertung der N-My-Mz-Interaktion
gelegt, wenn alle Schnittgrößen in relevanter Größe auftreten. Für eine reine
N-My-Interaktion und eine reine N-Mz-Interaktion ergeben sich teilweise größere
Abweichungen, s. Abschnitte 7.3.2 und 7.3.3.

7.3.8 Gleichzeitige Wirkung von - und -Schnittgrößen

Die bisherigen Interaktionsbeziehungen für doppeltsymmetrische gewalzte I-Profile


beschränken sich auf den Nachweis der -Schnittgrößen. Eine gleichzeitige
Berücksichtigung von - und -Schnittgrößen bei gewalzten doppeltsymmetrischen
I-Profilen führt bei der Berücksichtigung der Schubflächen gemäß Bild 7.3 zu
umfangreichen, nicht praktikablen Lösungen.

Vereinfacht wird für den Nachweis von doppeltsymmetrischen gewalzten I-Profilen


unter Berücksichtigung von - und -Schnittgrößen folgende Vorgehensweise bei
baupraktischer Anwendung vorgeschlagen:
 Berücksichtigung der -Schnittgrößen analog den doppeltsymmetrischen
geschweißten I-Profilen in Abschnitt 6.3.9
 Berücksichtigung der Schubspannungen nach dem Fließkriterium oder dem
Abminderungsfaktor 
 Berücksichtigung der -Schnittgrößen nach Abschnitt 7.3 mit Modifikation
der Streckgrenzen (vergleichbar zu Abschnitt 6.3.9)
Alternativ ist die Anwendung einer Softwarelösung unter Berücksichtigung der
einzelnen Schubflächen wie z. B. in LILOBEC [70] möglich, s. Bild 3.4 (links).
8 Nichtlineare Berechnungen und experimentelle
Untersuchungen

8.1 Vorbemerkungen

In den folgenden Abschnitten erfolgen numerische Untersuchungen mit dem FEM


Programmsystem ANSYS [22]. Für die Berechnungen nach der Fließzonentheorie
werden ausgewählte Beispiele modelliert, Effekte aus den vorherigen Kapiteln
gezeigt und ausgewählte Besonderheiten bei der Modellierung in ANSYS [22] erläu-
tert. Es folgt die Diskussion der im Rahmen von [23] durchgeführten Versuche in
Abschnitt 8.3.

8.2 Nichtlineare Berechnungen nach der Fließzonentheorie

8.2.1 Grundlagen

Für die numerischen Untersuchungen mit ANSYS [22] wird das Element SOLID 186
(Volumenelement) verwendet. Die häufig eingesetzten Elemente BEAM 188
(Balkenelement) oder SHELL 181 (Schalenelement) sind für die nachfolgenden
Berechnungen weniger geeignet. Beim BEAM 188 werden bei der Überprüfung des
Fließkriteriums keine Schubspannungen infolge Vz, Vy und Mxs berücksichtigt, s. [4]
und [8]. Bei der Verteilung von Mxp bleibt gemäß der Dokumentation von ANSYS
[22] eine Plastizierung des Querschnitts beim BEAM 188 unberücksichtigt. SHELL
181 wird für mäßig dicke Querschnitte empfohlen. Die Blechbiegung für SHELL 181
kann man z. B. mithilfe einer mehrschichtigen Idealisierung berücksichtigen. Nor-
malspannungen in Dickenrichtung werden nicht erfasst. Die Modellierung von
Ausrundungen ist bei SHELL 181 nur mithilfe von Vereinfachungen (z. B. Ersatz-
flächen oder Ersatzsteifigkeiten) möglich. Für die Bestimmung der Schubspannungen
in Dickenrichtung wird in der Dokumentation von ANSYS [22] die Verwendung von
SOLID-Elementen empfohlen. SOLID 186 ist ein 20-knotiges Volumenelement mit
quadratischer Verformungsfunktion, s. Bild 8.1 (links). Nach den Empfehlungen der
Dokumentation von ANSYS [22] werden die Elemente reduziert integriert. In Bild 8.1
(rechts) sind die acht Integrationspunkte bei der reduzierten Integration dargestellt.
Somit kann man eine Versteifung infolge volumetrischem Locking und Schublocking
vermeiden. Der Effekt des Hourglassing wird verhindert, wenn in Dickenrichtung
mindestens zwei Elementschichten vorliegen. Ausführliche Erläuterungen zu den
einzelnen Effekten sind z. B. in [62] und [81] enthalten. Das Werkstoffgesetz wird in
ANSYS [22], wie in Bild 1.16 dargestellt, linearelastisch-idealplastisch formuliert.
134 8 Nichtlineare Berechnungen und experimentelle Untersuchungen

Bild 8.1 Volumenelement SOLID 186 und Integrationspunkte 1 bis 8, [22]

Zur Vermeidung von unrealistischen Spannungskonzentrationen werden die Randbe-


dingungen auf Flächen bezogen, s. Bild 8.2. Die Modellierung der Auflager erfolgt
gemäß der Empfehlung in [27] mithilfe der externen Verschiebung. Dazu wird ein
Punkt erstellt, an dem die Verschiebungen u, v und w sowie die Verdrehungen , w´
und v´ separat definiert werden können. Diesen Punkt legt man in den Schwerpunkt
des Querschnitts. Durch die externe Verschiebung wird dieser Punkt mit der
gewählten Querschnittfläche in Bild 8.2 (links) verbunden. Die gelagerte Fläche kann
dabei in ANSYS [22] als verformbar definiert werden, um auftretende Verformungen
des Querschnitts z. B. aus Verwölbung zu ermöglichen. Weiterführende Erläu-
terungen zur externen Verschiebung im Hinblick auf die Modellierung der
Randbedingungen finden sich in der Dokumentation von ANSYS [22].

Bild 8.2 Beispiel für verwendete Lagerung (links) und Lasteinleitung (rechts)

Der Lastangriff erfolgt, soweit nicht anders angegeben, im Schwerpunkt, der bei
den nachfolgend untersuchten doppeltsymmetrischen Querschnitten mit dem Schub-
mittelpunkt übereinstimmt. Ein Beispiel für die Modellierung der Lasteinleitung einer
Einzellast ist in Bild 8.2 (rechts) dargestellt. Dazu wird ein Bereich des Trägers
ausgewählt, dessen Oberflächen zur Lasteinleitung dienen sollen. Die Anwendung
dieser Variante erfolgt z. B. für die in Abschnitt 8.2.3 betrachteten Torsionsbean-
8.2 Nichtlineare Berechnungen nach der Fließzonentheorie 135

spruchungen infolge von Einzellastmomenten. Bei der Auswertung der Ergebnisse in


der Nähe von Randbedingungen ist deren Einflussbereich zu berücksichtigen. Durch
die Verwendung von Volumenelementen ergeben sich räumliche Spannungszustände.
Für Werkstoffe mit ausgeprägtem Fließverhalten wird die Vergleichsspannung v aus
drei Hauptspannungen 1, 2 und 3 nach Gl. (8.1) bestimmt, s. [27].

v  0,5   1  2    2  3    3  1    f y
2 2 2
(8.1)
 
Die übliche Formulierung mit Bezug auf die Hauptachsen x, y und z ist z. B. in [43]
mit

   
v  2x  2y  z2  x   y   y  z   x  z  3  2xy  2xz  2yz  f y (8.2)

angegeben. Die Vergleichsspannung wird durch die Streckgrenze fy begrenzt. Das mit
ANSYS [22] untersuchte Beispiel ist in Bild 8.3 dargestellt. Ein Einfeldträger wird
durch eine Streckenlast beansprucht. Die Lastaufbringung erfolgt inkrementell in 500
Schritten bis zum Erreichen von qz = 1,4 kN/cm (Lastfaktor = 1).

Bild 8.3 Beispiel Rechteckquerschnitt als Einfeldträger

In Bild 8.4 ist die Vergleichsspannung v in Abhängigkeit vom Lastfaktor dargestellt.


Bei einem Lastfaktor von 0,716 wird die elastische Grenzlast erreicht.

Bild 8.4 Spannungen v [N/mm²] in Trägermitte in Abhängigkeit vom Lastfaktor nach


ANSYS [22]
136 8 Nichtlineare Berechnungen und experimentelle Untersuchungen

Nach Überschreitung der elastischen Grenzlast beginnt der Werkstoff zu plastizieren.


Dabei fällt auf, dass bis zu einem Lastfaktor von 0,806 die Vergleichsspannung
weiter ansteigt und größer als die Streckgrenze ist. Eine ausführliche Erläuterung
dieses Effekts findet sich in [9]. Für den Fall v < fy erfolgt eine Extrapolation der
Spannungen von den Integrationspunkten in die Elementknoten. Diese extrapolierten
Spannungen werden im Ergebnisplot dargestellt. Ergibt sich an den Integrations-
punkten v ≈ fy, erhält man nach der Extrapolation am Elementknoten v > fy. Wird
an einem Integrationspunkt die Vergleichsspannung erreicht (im Beispiel mit
steigendem Lastfaktor), entfällt die Extrapolation. Mit zunehmender Netzverfei-
nerung klingt dieser Effekt ab. Zur Verdeutlichung des Effektes wird der Querschnitt
gemäß Bild 8.4 (rechts) mit wenigen Elementen diskretisiert. Bei der Verwendung
von ANSYS [22] wird die Tragfähigkeit von Systemen untersucht. Ein System kann
jedoch auch seine Grenztragfähigkeit erreichen, wenn die Querschnittstragfähigkeit
noch nicht ausgenutzt ist, s. Abschnitt 3.5. Grundlagen zur Anwendung von ANSYS
[22] mit ausführlichen Erläuterungen und Beispielen sind z. B. in [12], [27], [66],
[67], [78] und [107] enthalten.

8.2.2 Querschnitte unter zweiachsiger Biegung mit Normalkraft

Die Untersuchungen in diesem Abschnitt erfolgen mit der Beschränkung auf kleine
Verformungen. Diese Bedingung ist mit der Theorie I. Ordnung aus der Stabtheorie
vergleichbar. Somit können Effekte wie z. B. die entlastende Wirkung von Zug-
kräften vermieden werden. Es steht die Bestimmung der Tragfähigkeit der Quer-
schnitte im Vordergrund.

Rechteckquerschnitt
Interaktionsbeziehungen für Rechteckquerschnitte mit den Schnittgrößen N, My und
Mz sind in den Abschnitten 4.3.3 und 4.3.4 enthalten. Dabei wird zwischen den
Fällen „mit unplanmäßiger Torsion“ und „ohne unplanmäßige Torsion“ unterschie-
den. In Bild 8.5 ist das System für ein Beispiel dargestellt.

Bild 8.5 Beispiel Rechteckquerschnitt mit zweiachsiger Biegung und Normalkraft

Der Einfeldträger wird durch eine Normalkraft und zwei Streckenlasten beansprucht.
Nach der Stabtheorie I. Ordnung ergeben sich in Feldmitte die Schnittgrößen:
8.2 Nichtlineare Berechnungen nach der Fließzonentheorie 137

N  1100 kN
M y  875 kNcm
M z  5250 kNcm
Die Faktoren der Schnittgrößen im Grenzzustand der Tragfähigkeit sind in Tabelle
8.1 zusammengestellt.

Tabelle 8.1 Faktoren für Schnittgrößen des Beispiels in Bild 8.5


Ingenieurmodell
Nachweis Tabelle 4.3 LILOBEC [70] INCA2 ANSYS
nach Gl. (4.29)
mit (M ≠ 0!) (M ≠ 0!) [38] [22]
(M = 0!)
Faktor  0,843 0,955 0,955 0,953 0,986

Aus der Berechnung mit ANSYS [22] ergibt sich im Grenzzustand ein Lastfaktor von
0,986. Die Ergebnisse nach Gl. (4.29), Tabelle 4.3, LILOBEC [70] und INCA2 [38]
liegen im Vergleich dazu auf der sicheren Seite (Faktor ≤ 0,986). In Bild 8.6 sind die
Diskretisierung und die zugehörigen Spannungsverteilungen x, y und v in Träger-
mitte dargestellt. Es fällt auf, dass sich Spannungen x in Bild 8.6 (oben) ergeben, die
größer als die Streckgrenze fy sind. Das ist aufgrund der Formulierung von Gl. (8.2)
möglich, wenn die Normalspannungen gleiche Vorzeichen haben.

Bild 8.6 Diskretisierung und Spannungsverteilungen [N/mm²] im Querschnitt


(Trägermitte) bei einem Lastfaktor von 0,986 nach ANSYS [22]
138 8 Nichtlineare Berechnungen und experimentelle Untersuchungen

Somit ergibt sich z. B. für das Element i in Bild 8.6 mit den Anteilen aus x und y:

v  25,32  4,12  25,3  4,1  23,52 kN/cm2


In diesem Beispiel können die Anteile aus z, xz und xy in Trägermitte vernach-
lässigt werden. Der in Abschnitt 8.2.1 beschriebene Effekt v > fy ist in Bild 8.6
(unten) erkennbar. Betroffen sind die Bereiche (Farbe magenta) im Übergang
zwischen elastischen und plastischen Zonen. Gemäß Bild 8.6 (oben) ist der Quer-
schnitt in diesem Bereich nicht vollständig durchplastiziert. Der ideale Zustand, wie
z. B. in Bild 4.4 dargestellt, wird nicht erreicht. Dieser Effekt wirkt geringfügig
traglastmindernd. Die Spannungsnulllinie in Bild 8.6 (oben) hat die Form einer
Geraden und verläuft nicht durch den Schwerpunkt. Gemäß Tabelle 4.4 ergibt sich
eine Schnittgröße M. Nach Integration der in Bild 8.6 (oben) dargestellten Span-
nungsverteilung gemäß Tabelle 2.1 erhält man:
M  3825 kNcm2
Durch das Auftreten der Torsionsschnittgröße M ist zu erwarten, dass eine Quer-
schnittsverdrehung auftritt. Gemäß Bild 8.7 ergibt sich eine stark zunehmende
Verdrehung nach Überschreitung der elastischen Tragfähigkeit (Lastfaktor = 0,472).
Es handelt sich somit bei dem in Bild 8.5 dargestellten Beispiel um den Fall „mit
unplanmäßiger Torsion“. Die maximale Verdrehung beträgt ca. 0,0043 rad (≙ 0,25°).
Somit ist die Untersuchung mit ANSYS [22] des in Bild 8.5 dargestellten Beispiels in
NW-St II nach Abschnitt 2.6 einzuordnen.

Bild 8.7 Verdrehung in Abhängigkeit vom Lastfaktor

Mit dem Faktor 0,955 gemäß Tabelle 8.1 erhält man für die Schnittgrößen des in Bild
8.5 dargestellten Beispiels:
N Npl  0,56 und M y Mpl,y  0,44
8.2 Nichtlineare Berechnungen nach der Fließzonentheorie 139

Im Bereich dieser Schnittgrößenkombination ergibt sich in Bild 4.24 die maximale


Vergrößerung der Tragfähigkeit des Falls M ≠ 0 im Vergleich zum Fall M = 0.
Unter baupraktischen Gesichtspunkten ist eine Verdrehung von 0,25° vernach-
lässigbar. Wegen der geringen Verdrehung bestehen für die Ausnutzung der höheren
Tragfähigkeiten nach Tabelle 4.3 (Fall „mit unplanmäßiger Torsion“) im Vergleich
zu Gl. (4.29) (Fall „ohne unplanmäßige Torsion“) keine Bedenken. Durch M ≠ 0
ergeben sich weitere örtliche Torsionsschnittgrößen, die im folgenden Beispiel unter-
sucht werden.

Doppeltsymmetrische geschweißte I-Profile


Die Interaktionsbeziehungen für doppeltsymmetrische geschweißte I-Profile unter
Berücksichtigung der Schnittgrößen N, My und Mz werden in den Abschnitten 6.3.6
und 6.3.8 vorgestellt. Analog zum Rechteckquerschnitt kann man auch hier zwischen
den Fällen M ≠ 0 und M = 0 unterscheiden. Zur Untersuchung der Interaktions-
beziehung wird ein Einfeldträger gemäß Bild 8.8 durch zwei Streckenlasten und eine
Normalkraft beansprucht. Gemäß Stabtheorie I. Ordnung erhält man in Feldmitte die
Schnittgrößen:
N  1050 kN
M y  7425 kNcm
M z  3656 kNcm

Bild 8.8 Beispiel geschweißtes I-Profil mit zweiachsiger Biegung und Normalkraft

In Tabelle 8.2 sind die Faktoren der Schnittgrößen im Grenzzustand der Tragfähigkeit
zusammengestellt. Analog zum Rechteckquerschnitt erhält man infolge des räum-
lichen Spannungszustandes lokal Werte von x > fy.

Tabelle 8.2 Faktoren für Schnittgrößen des Beispiels in Bild 8.8


Nachweis Tabelle 6.9 Tabelle 6.17 LILOBEC [70]
INCA2 [38] ANSYS [22]
mit (M = 0!) (M ≠ 0!) (M ≠ 0!)
Faktor  0,790 0,955 0,956 0,954 0,959

In Bild 8.9 ist die Diskretisierung des Querschnitts und die Spannungsverteilung x
nach ANSYS [22] in Trägermitte dargestellt. Es ergibt sich im Grenzzustand ein
Lastfaktor von 0,959.
140 8 Nichtlineare Berechnungen und experimentelle Untersuchungen

Bild 8.9 Diskretisierung und Spannungsverteilung x [N/mm²] in Trägermitte bei


einem Lastfaktor von 0,959 nach ANSYS [22]
Der Lastfaktor nach ANSYS [22] stimmt mit den in Tabelle 8.2 enthaltenen Ergeb-
nissen nahezu überein. Dabei wirken zwei Effekte entgegengesetzt. Durch die örtlich
größeren Längsspannungen in ANSYS [22] gemäß Bild 8.9 erhöht sich die Traglast (s.
Rechteckquerschnitt). Gleichzeitig plastiziert der Querschnitt im Bereich der Span-
nungsnulllinie nicht vollständig durch, weshalb die Traglast vermindert wird. Nach
Integration der in Bild 8.9 dargestellten Spannungsverteilung gemäß Tabelle 2.1
ergibt sich folgendes Wölbbimoment:
M  32059 kNcm2
Bei der Spannungsverteilung in Bild 8.9 handelt es sich um den Fall „mit
unplanmäßiger Torsion“. Dass sich ein Wölbbimoment bei dieser Spannungs-
verteilung ergeben muss, ist in Bild 8.10 dargestellt. Vereinfacht wird das Profil mit
dem Mittellinienmodell idealisiert und die Spannungsverteilung gemäß Bild 8.9
näherungsweise berücksichtigt. Mit der normierten Wölbordinate ML kann man das
Wölbbimoment M ermitteln.

Profil ähnlich HEB 200 (r = 0)

max  92,5 cm2 nach Gl. (3.10)

M  32606 kNcm2 nach Tabelle 2.1

Bild 8.10 Vereinfachte Bestimmung von M aus Spannungsverteilung gemäß Bild 8.9
8.2 Nichtlineare Berechnungen nach der Fließzonentheorie 141

Da die Schnittgröße M ungleich null ist, tritt eine Verdrehung des Querschnitts auf.
Analog zum Rechteckquerschnitt ergibt sich diese Verformung um die x-Achse nach
Überschreitung der elastischen Tragfähigkeit (Lastfaktor = 0,538), s. Bild 8.11.

Bild 8.11 Verdrehung in Abhängigkeit vom Lastfaktor

Die Verdrehung wird vereinfacht durch die horizontale Differenz der Knoten an der
Gurtaußenkante in der Stegachse bestimmt und beträgt maximal 0,142 rad (≙ 8,1°).
Das Beispiel in Bild 8.8 ist nach der Untersuchung in ANSYS [22] in die NW-St II
nach Abschnitt 2.6 einzuordnen. Der Effekt der unplanmäßigen Torsion im Grenz-
zustand der Tragfähigkeit bei einer N-My-Mz-Interaktion wird z. B. auch in [25], [36],
[84] und [104] beschrieben. In Bild 8.12 ist der Verlauf der Schnittgröße M über die
Trägerlänge für den Lastfaktor = 0,959 dargestellt.

Bild 8.12 Schnittgröße M bei einem Lastfaktor von 0,959 nach ANSYS [22]

Nach Tabelle 2.1 sind in Mx die Schnittgrößen Mxp und Mxs enthalten. Da keine
äußere Torsionsbeanspruchung vorliegt, gilt aus Gleichgewichtsgründen:
Mx  M xp  Mxs  0 (8.3)
Es ergibt sich:
M xp  M xs (8.4)
142 8 Nichtlineare Berechnungen und experimentelle Untersuchungen

Die Integration von Mx erfolgt gemäß Tabelle 2.1 mit:

 
M x   xz,i  yi  xy,i  zi  Ai (8.5)

Dabei beziehen sich die Koordinaten y und z auf das Koordinatensystem des
Gesamtquerschnitts. In Bild 2.5 bzw. Bild 6.3 kann man für die Ermittlung von Mxp
vereinfacht das Koordinatensystem des Teilquerschnitts (Index TQ) verwenden. Es
folgt:

 
M xp   xz,i  yi,TQ  xy,i  zi,TQ  Ai (8.6)

Zur Bestimmung von Mxs werden in Gl. (8.7) vereinfacht die Resultierenden der
horizontalen Schubspannungen xy in den Gurten ermittelt und diese mit dem Abstand
bis zum Schubmittelpunkt multipliziert.

M xs    xy,i,OG  Ai,OG   xy,i,UG  Ai,UG   h 2 t f (8.7)

In Bild 8.13 sind die Schnittgrößen gemäß Integration nach Gl. (8.5), Gl. (8.6) und
Gl. (8.7) dargestellt. Die Gültigkeit von Gl. (8.4), Mxp = −Mxs, wird deutlich. Wegen
der Vereinfachung in Gl. (8.6) und Gl. (8.7) weichen die Beträge von Mxp und Mxs
geringfügig voneinander ab. Somit ergeben sich kleinere Werte der Schnittgröße Mx.
Für die Schnittgrößen Mx, Mxp und Mxs in Bild 8.13 gilt:
Mxp  M xs  M x  0 (8.8)

Bild 8.13 Torsionsschnittgrößen bei einem Lastfaktor von 0,959 nach ANSYS [22]
8.2 Nichtlineare Berechnungen nach der Fließzonentheorie 143

8.2.3 Querschnitte mit Torsionsbeanspruchung

Rechteckquerschnitt
In Bild 8.14 ist ein Beispiel für einen Rechteckquerschnitt mit Torsionsbeanspru-
chung dargestellt.

Bild 8.14 Beispiel Rechteckquerschnitt mit Lasttorsionsmoment in Feldmitte

Die Beanspruchung des Einfeldträgers erfolgt in Feldmitte durch ein Einzeltorsions-


moment mit MxL = 4200 kNcm. Die Schnittgrößen nach der Stabtheorie I. Ordnung
werden mit [50] ermittelt und sind in Bild 8.15 dargestellt.

Bild 8.15 Schnittgrößen nach der Stabtheorie I. Ordnung, [50]

Die Gleichungen zur Bestimmung der Grenzschnittgrößen Mpl,xp und Mpl, von
Rechteckquerschnitten finden sich in den Abschnitten 4.2.2 und 4.2.3. Nach Gl. (4.9)
und Gl. (4.15) erhält man für den dargestellten Querschnitt:
M pl,xp  2026 kNcm
M pl,  8768 kNcm 2

Nach der Stabtheorie sind im Grenzzustand der Tragfähigkeit die Schnittgrößen M


und Mxs in Feldmitte maßgebend. Bei einem Lastfaktor von 0,92 wäre die
Grenzschnittgröße Mpl, erreicht, wenn man Mxs vernachlässigt. Die Grenzschnitt-
größe Mpl,xp würde man erst bei einem Lastfaktor von 0,965 erreichen. Das in Bild
8.14 dargestellte System ist jedoch wegen der Aufteilung von M x in Mxp und Mxs
innerlich statisch unbestimmt, s. [43]. Durch Ausbildung von Fließzonen in Feld-
mitte bei zunehmender Beanspruchung müsste die Schnittgröße M vollständig abge-
baut werden. Die Lastabtragung würde dann ausschließlich über Mxp erfolgen. Aus
diesen Überlegungen ergibt sich der in Bild 8.16 dargestellte Schnittgrößenverlauf im
Grenzzustand der Tragfähigkeit für einen Lastfaktor von 0,965.
144 8 Nichtlineare Berechnungen und experimentelle Untersuchungen

Bild 8.16 Schnittgrößen nach der Fließzonentheorie im Grenzzustand

Bei der Berechnung mit ANSYS [22] kann das in Bild 8.14 angegebene Lasttorsions-
moment vom Querschnitt aufgenommen werden (Lastfaktor = 1). Es ergibt sich keine
explizite Grenztragfähigkeit. Dieses als „Schraublinieneffekt“ bezeichnete Phäno-
men wird u. a. in den Versuchen von Farwell/Galambos [20] und Werner [113]
beschrieben und in [25] numerisch untersucht. Bei einem Lastfaktor von eins ergibt
sich nach ANSYS [22] eine Verdrehung in Feldmitte von 0,419 rad (ca. 24°). Diese
Verdrehung ist im Hinblick auf baupraktische Anwendungen und die im Stahlbau
üblichen Berechnungen nach Theorie II. Ordnung relativ groß. Es ist daher sinnvoll
die Verdrehung zu begrenzen. In [4], [25], [59] und [116] wird als Grenzwert für die
Anwendung der Theorie II. Ordnung eine Verdrehung von ca. 0,3 rad empfohlen.
Diese Verdrehung dient als Grenzwert für die nachfolgenden Betrachtungen und
ergibt sich bei einem Lastfaktor von ca. 0,985 (ergibt 0,33 rad). Die Schnittgröße M
kann durch Integration der Spannungen gemäß Tabelle 2.1 bestimmt werden. In Bild
8.17 ist der Verlauf der Schnittgröße M über die Trägerlänge bei einem Lastfaktor
von 0,985 dargestellt.

Bild 8.17 Schnittgröße M bei einem Lastfaktor von 0,985 nach ANSYS [22]

Der Schnittgrößenverlauf in Bild 8.16 wird nicht erreicht. In Bild 8.18 ist die
Spannungsverteilung x in Trägermitte für den Lastfaktor von 0,985 und die
Diskretisierung in ANSYS [22] dargestellt. Es ergibt sich eine teilweise Plastizierung
des Querschnitts und die Spannungen infolge M sind qualitativ gut erkennbar. In
Feldmitte erhält man:
M  7436 kNcm2
Die Schnittgröße M wird nicht vollständig abgebaut.
8.2 Nichtlineare Berechnungen nach der Fließzonentheorie 145

Bild 8.18 Spannungsverteilung x [N/mm²] in Trägermitte bei einem Lastfaktor von


0,985 nach ANSYS [22]

Beim Vergleich des Wölbbimomentes in Bild 8.15 mit Bild 8.17 wird deutlich, dass
ein Teil von M abgebaut wird. Es ergibt sich eine Reduzierung von ca. 20 %.
0,985  9530 kNcm2  9387 kNcm2  7436 kNcm2 0,848  Mpl,

In Bild 8.19 ist die Summe der Schubspannungen xz und xy an der Stelle kurz vor
dem Auflager (x/L = 0,05) dargestellt. Es fällt auf, dass die Schubspannungen nicht
mehr symmetrisch zu den Hauptachsen sind. Dies deutet auf den vorher genannten
„Schraublinieneffekt“ hin. Gemäß den zuvor angestellten Überlegungen ist Mpl,xp
bereits bei einem Lastfaktor von 0,965 erreicht.

Bild 8.19 Spannungsverteilungen xz und xy [N/mm²] kurz vor dem Auflager bei einem
Lastfaktor von 0,985 nach ANSYS [22]

Nach Integration der in Bild 8.19 dargestellten Schubspannungen ergibt sich:


Mx  1988 kNcm  0,985  2100 kNcm  2069 kNcm
Dieses Torsionsmoment ist nicht unwesentlich kleiner als der sich nach der
Stabtheorie ergebende Wert von Mx = 2069 kNcm. Zum Vergleich sind in Bild 8.20
die Schubspannungsverteilungen bei einem Lastfaktor von 0,9 dargestellt.

Bild 8.20 Spannungsverteilungen xz und xy [N/mm²] kurz vor dem Auflager bei einem
Lastfaktor von 0,9 nach ANSYS [22]
146 8 Nichtlineare Berechnungen und experimentelle Untersuchungen

Es ergibt sich eine symmetrische Verteilung der Schubspannungen analog zum


Walmdachmodell. Bei einer Integration stimmen die Schnittgrößen nahezu überein.
Mx  1881 kNcm  1890 kNcm  0,9  2100 kNcm

Doppeltsymmetrische geschweißte I-Profile


Ein Beispiel für einen doppeltsymmetrischen geschweißten I-Querschnitt mit Tor-
sionsbeanspruchung ist in Bild 8.21 dargestellt.

Bild 8.21 Beispiel doppeltsymmetrisches geschweißtes I-Profil mit Lasttorsionsmoment

Das Einzeltorsionsmoment MxL beansprucht den Einfeldträger in Feldmitte. Bei


diesem Beispiel liegt der Schwerpunkt der Untersuchung auf der Verteilung der
Schnittgröße Mxp auf die Teilquerschnitte. In Bild 8.22 sind die mit [50] ermittelten
Schnittgrößen nach der Theorie I. Ordnung dargestellt.

Bild 8.22 Schnittgrößen nach der Stabtheorie I. Ordnung, [50]

Die Gleichungen zur Bestimmung der Grenzschnittgrößen Mpl,xp und Mpl, für
doppeltsymmetrische geschweißte I-Querschnitte werden in den Abschnitten 6.2.3
und 6.2.4 vorgestellt. Nach Gl. (6.6) und Gl. (6.10) ergeben sich:
M pl,xp  578 kNcm
M pl,  13331 kNcm 2

Gemäß Stabtheorie ergibt sich der Grenzzustand der Tragfähigkeit bei einem
Lastfaktor von 0,834 durch Erreichen von Mpl,xp. Der Lastfaktor für die Grenz-
schnittgröße Mpl, beträgt 0,999 ohne Berücksichtigung der Schnittgröße Mxs. Ein
vollständiger Abbau der Schnittgrößen M und Mxs wird nicht erwartet, s. Recht-
eckquerschnitt. Da sich bei der Untersuchung mit ANSYS [22] analog zum Rechteck-
querschnitt keine explizite Grenztragfähigkeit ergibt, erfolgt die Bestimmung des
Lastfaktors durch Begrenzung der Verdrehung auf ca. 0,3 rad. Somit erhält man einen
Lastfaktor von 0,97 bei einer Verdrehung von 0,342 rad. Mit Tabelle 2.1 kann durch
Integration über den gesamten Querschnitt der in Bild 8.23 dargestellte Verlauf der
8.2 Nichtlineare Berechnungen nach der Fließzonentheorie 147

Schnittgröße M über die Trägerlänge bestimmt werden. Die Auswertung der


Schnittgrößen erfolgt bei einem Lastfaktor von 0,97 alle 5 cm.

Bild 8.23 Schnittgröße M bei einem Lastfaktor von 0,97 nach ANSYS [22]

Im Vergleich zum Rechteckquerschnitt wird M nur wenig reduziert. Die Diskreti-


sierung des Querschnitts und die Spannungsverteilung x in Trägermitte für den
Lastfaktor von 0,97 sind in Bild 8.24 dargestellt.

Bild 8.24 Diskretisierung und Spannungsverteilung x [N/mm²] in Trägermitte bei


einem Lastfaktor von 0,97 nach ANSYS [22]

Zur Ermittlung der Schnittgrößen Mxp und Mxs werden Gl. (8.6) und Gl. (8.7)
verwendet. Die Verläufe bei einem Lastfaktor von 0,97 sind in Bild 8.25 dargestellt.
Im Bereich der Auflager (x/L < 0,075 und x/L > 0,925) ergeben sich deutliche
Abweichungen der Schnittgrößenverläufe im Vergleich zur Stabtheorie in Bild 8.22.
148 8 Nichtlineare Berechnungen und experimentelle Untersuchungen

Bild 8.25 Torsionsschnittgrößen bei einem Lastfaktor von 0,97 nach ANSYS [22]

Für weitergehende Betrachtungen sind die Schubspannungen xz und xy an den
Stellen x/L = 0,025 und x/L = 0,075 in Bild 8.26 dargestellt.

Bild 8.26 Spannungsverteilungen xz und xy [N/mm²] mit zugehöriger Verformung
(5-fach vergrößert) an den Stellen x/L = 0,025 (links) und x/L = 0,075 (rechts)
bei einem Lastfaktor von 0,97 nach ANSYS [22]
8.2 Nichtlineare Berechnungen nach der Fließzonentheorie 149

An der Stelle x/L = 0,025 (Bild 8.26 links) ist eine Verformung des Steges bei
5-facher Vergrößerung deutlich erkennbar. Somit bleibt die Querschnittsform an
dieser Stelle nicht mehr erhalten. Es ergibt sich eine geänderte Verteilung der Schub-
spannungen, die nicht mehr dem Walmdachmodell entspricht. Im Unterschied dazu
ist an der Stelle x/L = 0,075 in Bild 8.26 (rechts) keine Veränderung der Quer-
schnittsform erkennbar. Die Verteilung der Schubspannungen im Gurt entspricht dem
Walmdachmodell, s. Bild 4.7. Gemäß Bild 8.25 ergibt sich:
Mxp,max  573 kNcm 0,991 Mpl,xp

Für die nachfolgende Untersuchung zur Verteilung von Mxp im Querschnitt wird aus
dem vorher beschriebenen Grund die Stelle x/L = 0,075 betrachtet. Dabei kann man
die Ergebnisse nach ANSYS [22] mit den Lösungen gemäß Tabelle 6.19 und der
Verteilung nach der Elastizitätstheorie vergleichen. Bei Anwendung von Tabelle 6.19
wird f = 1,0 gesetzt, da keine Querkraftbeanspruchung vorliegt (V/Vpl = 0). Dabei ist
zu beachten, dass die Grenzschnittgröße Mpl,xp,w im Steg nach ANSYS [22] und nach
dem Ingenieurmodell in Abschnitt 6.2.3 mit dem Streifenmodell gemäß Tabelle 6.19
zu bestimmen ist. Im Unterschied dazu wird bei der Verteilung nach der Elasti-
zitätstheorie (Teilquerschnitte getrennt betrachtet) Mpl,xp,w konsequent mit dem
Walmdachmodell gemäß Gl. (4.9) ermittelt. Die Teilschnittgrößen und die Grenz-
schnittgrößen der Teilquerschnitte der einzelnen Modelle sind in Tabelle 8.3 zusam-
mengestellt.

Tabelle 8.3 Teil- und Grenzschnittgrößen an der Stelle x/L = 0,075 bei einem Lastfaktor
von 0,97
Verteilung nach Elastizitätstheorie Ingenieurmodell ANSYS [22]
Teilquerschnitt Gurt Steg Gurt Steg Gurt Steg
Mxp [kNcm] 264,9 43,2 267,1 38,7 272,1 28,7
Walm- Walm- Walm- Walm-
Modell für Mpl,xp Steifen Streifen
dach dach dach dach
Mpl,xp [kNcm] 269,6 74,2 269,6 39,1 269,6 39,1

In Bild 8.27 werden die verschiedenen Verteilungen von Mxp auf die Teilquerschnitte
(Index „i“) dargestellt. Wegen der unterschiedlichen Werte für Mpl,xp,w (s. Tabelle 8.3)
kann man in Bild 8.27 nur die Auslastungen vergleichen und nicht die Teilschnitt-
größen. Es wird deutlich, dass bei der Verteilung nach der Elastizitätstheorie der Steg
teilweise elastisch bleibt, während die Gurte fast den Grenzzustand erreicht haben. In
Bild 8.27 ist die Ausnutzung der Gurte nach ANSYS [22] geringfügig größer eins, da
die Grenzschnittgröße Mpl,xp,f nach dem Walmdachmodell als separater Querschnitt
bestimmt wird. Die Ausnutzung des Steges nach der Elastizitätstheorie liegt ab einem
Lastfaktor von ca. 0,75 auf der unsicheren Seite.
150 8 Nichtlineare Berechnungen und experimentelle Untersuchungen

Bild 8.27 Mxp,i Mpl,xp,i der Teilschnittquerschnitte an der Stelle x/L = 0,075 bei einem
Lastfaktor von 0,97

Mit den vorgestellten Beispielen konnten grundlegende Effekte bei torsionsbean-


spruchten Querschnitten gezeigt werden. Zur eindeutigen Klärung der Verteilung von
Mxp bei doppeltsymmetrischen I-Querschnitten sind weiterführende Untersuchungen
erforderlich. Nach dem derzeitigen Stand wird die Verteilung von Mxp auf den Steg
und die Gurte nach dem Ingenieurmodell gemäß Tabelle 6.19 empfohlen. Eine
Zusammenfassung des in den Abschnitten 6.2.3 und 6.3.9 vorgestellten Ingenieur-
modells ist in Bild 8.28 dargestellt.

Bild 8.28 Ingenieurmodell zur Verteilung von Mxp


8.3 Experimentelle Untersuchungen 151

8.3 Experimentelle Untersuchungen

Zum Tragverhalten doppeltsymmetrischer I-Profile wurden im Rahmen von [23]


umfangreiche Versuche von Sedlacek/Lindner/Kindmann durchgeführt. Diese Ver-
suche sind ausführlich dokumentiert und erläutert. In Bild 8.29 sind die baustatischen
Systeme der in [57] und [118] untersuchten Beispiele aus [23] dargestellt.

Bild 8.29 Baustatische Systeme der untersuchten Beispiele, [57]

Die Querschnittsabmessungen der I-Profile für die Versuche BE-IPE 200-21 und
BE-IPE 200-3 sind in Tabelle 8.4 zusammengestellt. Die Versuche wurden in [57]
und [118] mit dem Programmsystem ABAQUS [21] numerisch unter Berücksich-
tigung von Vorverformungen und Eigenspannungen untersucht. Bei der Modellierung
mit einem Stabelement in ABAQUS [21] erfolgte die Berücksichtigung der Ausrun-
dungen in grober Näherung (Überlappung von Gurt und Steg). Zur Anpassung der
Torsionssteifigkeit wurde der Schubmodul modifiziert.

Tabelle 8.4 Querschnittsabmessungen nach [57]


Versuch h [cm] b [cm] tw [cm] tf [cm]
BE-IPE 200-21 19,891 10,204 0,594 0,826
BE-IPE 200-3 19,936 10,191 0,599 0,828

In Bild 8.30 sind die Last-Verformungs-Kurven für beide Versuche dargestellt. Zum
Vergleich wurden in [57] die numerischen Ergebnisse nach ABAQUS [21] mit
eingetragen. Nach der Untersuchung der Eigenwerte in [118] wird das Querschnitts-
versagen als maßgebende Versagensursache angegeben. Die Ergebnisse der Ver-
suche und die Nachrechnung in [57] der in Bild 8.29 dargestellten Systeme sind in
Tabelle 8.5 zusammengestellt.
152 8 Nichtlineare Berechnungen und experimentelle Untersuchungen

Bild 8.30 Verformungen v und  der untersuchten Beispiele nach [57]


Tabelle 8.5 Ergebnisse für Beispiele nach [57]
BE-IPE 200-21 BE-IPE 200-3
Versuch ABAQUS [21] Versuch ABAQUS [21]
max F [kN] 25,8 26,5 30,5 26,9
 [rad] 0,61 0,74 0,18 0,17
My [kNcm] - 848 - 934
Mz [kNcm] - −1624 - 1624
M [kNcm²] - 93 - 95

Die Überprüfung der Querschnittstragfähigkeit unter Verwendung der Schnittgrößen


aus Tabelle 8.5 ist in Tabelle 8.6 enthalten. Aus der Spannungsverteilung ist
erkennbar, dass bei beiden Beispielen die Gurte größtenteils zur Aufnahme von Mz
dienen. Gemäß [57] ist mit Erreichen der Traglast die Schnittgröße M bereits stark
reduziert, weil die Torsionsbeanspruchung durch Reserven in der St. Venant‘schen
Torsion abgetragen wird.
8.3 Experimentelle Untersuchungen 153

Tabelle 8.6 Querschnittstragfähigkeit für Beispiele aus Tabelle 8.5


BE-IPE 200-21 BE-IPE 200-3

nach QST-FZ [116]:


(Dehnungsiteration)

fy [kN/cm²]

nach LILOBEC [70]:  = 1,0508 (r ≠ 0)  = 1,0507 (r ≠ 0)


nach Abschnitt 7.3.6:  = 1,0481 (r ≠ 0)  = 1,0474 (r ≠ 0)

Nach QST-FZ [116] ist der Querschnitt bei beiden Beispielen nicht vollständig
durchplastiziert. Eine Vergrößerung aller Schnittgrößen ist jedoch nicht möglich
(Faktor  = 1). Nach LILOBEC [70] und Abschnitt 7.3.6 ist in beiden Fällen eine
Vergrößerung von ca. 5 % möglich, weil die Ausrundungen und die Anteile aus
Blechbiegung um den Steg in [57] und in QST-FZ [116] unberücksichtigt bleiben.
Die Anteile aus Blechbiegung Steg werden wirksam, da die Spannungsnulllinie durch
den Steg verläuft, s. Tabelle 8.6.
9 Zusammenfassung

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der plastischen Querschnittstragfähigkeit von
doppeltsymmetrischen I-Profilen. Dazu wird das grundlegende Tragverhalten für
verschiedene Schnittgrößenkombinationen untersucht. Ein Schwerpunkt liegt in der
Ermittlung der genauen Lösungen für Standardanwendungsfälle und in der
Entwicklung von baupraktisch genauen Ingenieurmodellen (TSV-plus) zur
Bestimmung der plastischen Querschnittstragfähigkeit. Für die Interaktions-
beziehungen gemäß TSV-plus sowie den in DIN 18800 [14] und DIN EN 1993-1-1
[15] angegebenen Gleichungen werden die Abweichungen zur genauen Lösung
bestimmt.

Nachdem in Kapitel 1 die verschiedenen Methoden nach dem Stand der Forschung
vorgestellt werden, folgen in Kapitel 2 die grundlegenden Beziehungen zur
Spannungsermittlung. Darüber hinaus werden die Nachweismethoden nach der
Elastizitätstheorie und der Plastizitätstheorie erläutert. Die plastische Querschnitts-
tragfähigkeit wird in Nachweisstufe I und II klassifiziert.

In Kapitel 3 werden die verschiedenen Methoden zur Bestimmung der plastischen


Querschnittstragfähigkeit erläutert und das im Rahmen dieser Arbeit erstellte
Computerprogramm LILOBEC [70] behandelt. Mit diesem Programm erfolgt die
Bestimmung der Abweichungen in den nachfolgenden Kapiteln. Es ist möglich,
Rechteckquerschnitte, doppeltsymmetrische geschweißte und gewalzte I-Querschnitte
zu untersuchen. Mit einer Optimierungsfunktion wird für den diskretisierten Quer-
schnitt die Spannungsverteilung im Grenzzustand der Tragfähigkeit bestimmt und der
Faktor für die gegebene Schnittgrößenkombination ermittelt. Es können alle acht
Schnittgrößen sowie die Verwölbung über die Blechdicke berücksichtigt werden.

Die Untersuchungen des Rechteckquerschnitts in Kapitel 4 dienen als wesentliche


Grundlage für die Betrachtungen in den nachfolgenden Kapiteln. Ingenieurmäßig
werden die Grenzschnittgrößen Mpl,xp und Mpl, hergeleitet. Für die Bestimmung der
Grenzschnittgrößen der primären Torsion erweisen sich die Prandtl‘sche
Membrananalogie (Mel,xp) und die Nadai‘sche Sandhügelanalogie (Mpl,xp) als sehr
anschaulich. Die grundsätzliche Frage nach dem Verlauf der Spannungsnulllinie wird
diskutiert. Abhängig von der Lage und der Form der Spannungsnulllinie ergeben sich
nach Integration der Spannungen unterschiedliche Schnittgrößenkombinationen.
Anhand eines Beispiels ist erkennbar, dass die Spannungsnulllinie auch gekrümmt
verlaufen kann. Zur Bestimmung der Tragfähigkeit infolge N, My und Mz werden
ingenieurmäßige Modelle für die Fälle „mit unplanmäßiger Torsion“ und „ohne
unplanmäßige Torsion“ vorgestellt und deren Genauigkeit angegeben. Das ingenieur-
mäßige Hohlzellenmodell ermöglicht die Ermittlung von Schubspannungen infolge
gleichzeitiger Beanspruchung durch die Schnittgrößen V und Mxp.
9 Zusammenfassung 155

Bei gewalzten Querschnitten entstehen aufgrund des Herstellungsprozesses Ausrun-


dungen. Die Schnittgrößenkombinationen für diese Ausrundungen als Teilquer-
schnitte werden in Kapitel 5 untersucht. Naheliegend ist die Vereinfachung einer
Ausrundung als gleichschenkliges Dreieck. Für die N-My-Interaktion erhält man
zweckdienliche Lösungen. Bei der exakten Berücksichtigung der Ausrundungen
ergeben sich Terme, die nur mithilfe einer Iteration lösbar sind. Zur Vermeidung der
Iteration werden Näherungsgleichungen angegeben. Die direkte Berücksichtigung der
Ausrundungen als Teilquerschnitte bei gewalzten Querschnitten erscheint wenig
praktikabel.

In Kapitel 6 werden doppeltsymmetrische geschweißte I-Profile betrachtet. Da es


wegen der variablen Blechabmessungen zu einer Vielzahl von Querschnittsvarianten
kommt, erfolgt die Untersuchung vereinfacht für die Walzprofilreihen IPE, HEA,
HEB und HEM unter Vernachlässigung der Ausrundungen (r = 0!). Für diese
Querschnitte werden Lösungen zur Ermittlung der plastischen Grenzschnittgrößen
Mpl,xp und Mpl, angegeben. Zur Bestimmung der Tragfähigkeit mithilfe des
Teilschnittgrößenverfahrens bei gleichzeitigem Auftreten mehrerer Schnittgrößen
kann man in einem ersten Schritt die Schubspannungen berücksichtigen. Die Schnitt-
größen Vy, Vz, Mxp und Mxs werden auf das Profil aufgeteilt und die Streckgrenze der
einzelnen Querschnittsteile reduziert. Im zweiten Schritt erfolgt die Erfassung der
Schnittgrößen Mz, M und N und die Bestimmung der maximal aufnehmbaren
Schnittgröße My. Als Grundlage dient die Betrachtung des Profils im Grenzzustand.
Für die verschiedenen Schnittgrößenkombinationen werden Lösungen formuliert und
deren Genauigkeit angegeben. Dabei erfolgt die Einteilung der Interaktions-
bedingungen in die Nachweisstufe I und die Nachweisstufe II.

Auf Grundlage der Kapitel 5 und Kapitel 6 werden in Kapitel 7 doppeltsymmetrische


gewalzte I-Profile untersucht. Dabei steht der Einfluss der Ausrundungen bei der
Ermittlung der plastischen Grenzschnittgrößen im Vordergrund. In Tabelle 9.1 ist
eine Übersicht über die Genauigkeit der einzelnen Grenzschnittgrößen aus Kapitel 6
und Kapitel 7 enthalten. Analog zu Kapitel 6 werden in Kapitel 7 ingenieurmäßige
Lösungen für die verschiedenen Schnittgrößenkombinationen entwickelt. Dabei
erfolgt die Berücksichtigung der Ausrundungen nicht mit einem separaten Fall.
Durch die Extrapolation der Beziehungen ergeben sich baupraktisch genaue
Lösungen. Mit dieser neuen Methode erhält man übersichtliche Lösungen mit hoher
Genauigkeit. Eine Übersicht der Interaktionsbeziehungen nach TSV-plus ist in
Tabelle 9.2 zusammengestellt. In Tabelle 9.3 wird die Anzahl der untersuchten
Variationen angegeben, auf deren Basis die in Tabelle 9.5 angegebenen Abwei-
chungen bestimmt worden sind.
156 9 Zusammenfassung

Tabelle 9.1 Genauigkeit der Grenzschnittgrößen für doppeltsymmetrische I-Profile


Grenzschnitt
Geschweißte I-Profile Gewalzte I-Profile
größe
Npl genaue Lösung (Tabelle 6.2) genaue Lösung (Tabelle 7.1)
Mpl,y genaue Lösung (Tabelle 6.2) genaue Lösung (Tabelle 7.1)
Mpl,z genaue Lösung (Tabelle 6.2) genaue Lösung (Tabelle 7.1)
Näherung Näherung
Vpl,y üblich: nur Gurte (Tabelle 6.2) üblich: nur Gurte (Tabelle 7.1)
Näherung ist ausreichend genau Näherung ist ausreichend genau
Näherung
Näherung
in [14]: Steg bis Mitte Gurt
Vpl,z üblich: Steg zwischen den Gurten
in [15]: Steg mit Ausrundung bis
(Tabelle 6.2)
Mitte Gurt, s. Bild 7.3

Näherung nach Gl. (6.6) Näherung nach Gl. (6.6)


Mpl,xp
Näherung ist ausreichend genau Näherung ist ausreichend genau

Näherung Näherung
Mpl,xs üblich: nur Gurte ([43]) üblich: nur Gurte ([43])
Näherung ist ausreichend genau Näherung ist ausreichend genau

Näherung
Mpl, Mittellinienmodell nach Gl. (6.7) fast genaue Lösung (Tabelle 7.4)
fast genaue Lösung nach Gl. (6.10)

Tabelle 9.2 Übersicht der Interaktionsbeziehungen mit TSV-plus

Schnittgrößen Geschweißte I-Profile Gewalzte I-Profile

N-My Tabelle 6.3 Tabelle 7.6

N-Mz Tabelle 6.4 Tabelle 7.7

My-Mz Tabelle 6.5 Tabelle 7.8

N-My-Mz* Tabelle 6.9 Tabelle 7.9

Tabelle 6.12 bis Tabelle 6.14


N-My-Mz-M Tabelle 6.12 bis Tabelle 6.14
und Gl. (7.4)

N-My-Mz** Tabelle 6.17 Tabelle 6.17 mit Gl. (7.6)

alle Tabelle 6.19 und Tabelle 6.19 und


Schnittgrößen Tabelle 6.23 bis Tabelle 6.22 Tabelle 6.23 bis Tabelle 6.22***
* ohne unplanmäßige Torsion ** mit unplanmäßiger Torsion
*** Hinweise s. Abschnitt 7.3.8
9 Zusammenfassung 157

Tabelle 9.3 Anzahl der untersuchten Variationen für doppeltsymmetrische gewalzte


I-Profile
Interaktionsbeziehung N-My N-Mz My-Mz N-My-Mz* N-My-Mz**
Variationen 11400 11400 5700 13680 9120
* ohne unplanmäßige Torsion ** mit unplanmäßiger Torsion

Bei der N-My-Mz-Interaktion erfolgt eine explizite Unterscheidung zwischen dem


Fall „mit unplanmäßiger Torsion“ (NW-St II) und dem Fall „ohne unplanmäßige
Torsion“ (NW-St I). Für den Anwender ist entscheidend, dass sich bei der
Anwendung der N-My-Mz-Interaktion in DIN 18800 [14] und DIN EN 1993-1-1 [15]
unplanmäßige Torsion ergibt (NW-St II). Die Torsionsschnittgrößen müssen vom
System aufgenommen werden können. Bei Anwendung der Interaktionsbeziehungen
in DIN 18800 [14] und DIN EN 1993-1-1 [15] können die Ergebnisse weit auf der
unsicheren Seite liegen, wenn eine Behinderung der Verdrehung z. B. durch die
konstruktive Ausführung vorliegt. Es ergibt sich dann eine N-My-Mz-Interaktion mit
der Bedingung M = 0 und die bereichsweise höhere Tragfähigkeit kann nicht ausge-
nutzt werden. Die Abweichungen der in DIN 18800 [14] und DIN EN 1993-1-1 [15]
angegebenen Interaktionsbeziehungen für doppeltsymmetrische geschweißte und
gewalzte I-Profile sind in Tabelle 9.4 und in Tabelle 9.5 enthalten.

Tabelle 9.4 Genauigkeit der Interaktionsbeziehungen für doppeltsymmetrische


geschweißte I-Profile (Walzprofile mit r = 0) gemäß Abschnitt 6.3

Schnittgrößen DIN 18800 [14] DIN EN 1993-1-1 [15] TSV-plus

N-My 89,1 % bis 102,4 % 95,2 % bis 107,4 % exakte Lösung

N-Mz 85,3 % bis 104,2 % 99,8 % bis 105,3 % exakte Lösung

My-Mz 77,2 % bis 98,1 % 88,3 % bis 100,1 % 98,8 % bis 100,1 %

N-My-Mz* nicht vorhanden nicht vorhanden 98,1 % bis 100,1 %

N-My-Mz** 77,1 % bis 104,2 %*** 88,3 % bis 107,4 %*** 89,8 % bis 100,1 %
* ohne unplanmäßige Torsion ** mit unplanmäßiger Torsion
*** Die maximale Abweichung auf der unsicheren Seite ergibt sich bei einer
N-My-Interaktion oder einer N-Mz-Interaktion.

Bei doppeltsymmetrischen geschweißten I-Querschnitten können die Abwei-


chungen auf der unsicheren Seite, abhängig von der Querschnittsform, noch größer
sein. Lösungen für den Fall „ohne unplanmäßige Torsion“ und eine N-My-Mz-M-
Interaktionsbeziehung werden in DIN 18800 [14] und in DIN EN-1993-1-1 [15] nicht
angegeben, s. Tabelle 1.2. Gemäß Tabelle 9.5 liegen die Interaktionsbeziehungen in
DIN 18800 [14] und DIN EN 1993-1-1 [15] für doppeltsymmetrische gewalzte
I-Profile teilweise erheblich auf der unsicheren Seite.
158 9 Zusammenfassung

Tabelle 9.5 Genauigkeit der Interaktionsbeziehungen für doppeltsymmetrische gewalzte


I-Profile gemäß Abschnitt 7.3

Schnittgrößen DIN 18800 [14] DIN EN 1993-1-1 [15] TSV-plus

N-My 89,4 % bis 102,5 % 95,6 % bis 107,8 % 99,8 % bis 100,3 %

N-Mz 85,2 % bis 104,3 % 99,7 % bis 105,4 % 99,2 % bis 100,2 %

My-Mz 76,6 % bis 99,5 % 87,9 % bis 100,1 % 98,7 % bis 100,1 %

N-My-Mz* nicht vorhanden nicht vorhanden 98,1 % bis 100,2 %

N-My-Mz** 76,5 % bis 104,3 %*** 87,9 % bis 107,8 %*** 86,6 % bis 100,3 %***
* ohne unplanmäßige Torsion ** mit unplanmäßiger Torsion
*** Die maximale Abweichung auf der unsicheren Seite ergibt sich bei einer
N-My-Interaktion oder einer N-Mz-Interaktion.

In DIN 18800 [14] wird der Teilsicherheitsfaktor auf der Materialseite mit M = 1,1
angegeben. Eine Kompensierung der Abweichungen auf der unsicheren Seite ist
somit möglich. Im Unterschied dazu wird die Querschnittstragfähigkeit in DIN EN
1993-1-1 [15] mit M0 = 1,0 bestimmt. Es sind somit auf der Materialseite keine
Sicherheiten mehr vorhanden. Somit folgt, dass die Anwendung der Interaktions-
beziehungen in DIN EN 1993-1-1 [15] nicht empfohlen werden kann. Zur
Vermeidung einer unsicheren Bemessung können die Interaktionsbeziehungen
gemäß TSV-plus verwendet werden. In Tabelle 9.2 ist eine Übersicht der Inter-
aktionsbeziehungen zusammengestellt.

Neben den ingenieurmäßigen Methoden in den vorherigen Kapiteln werden in


Kapitel 8 Vergleichsrechnungen mit dem FEM Programmsystems ANSYS [22] durch-
geführt und Beispiele aus den Versuchen in [23] vorgestellt. Es erfolgt die
Erläuterung der Grundlagen und Besonderheiten bei der Berechnung mit Volumen-
elementen. Bei den numerischen Untersuchungen zur N-My-Mz-Interaktion beginnen
sich die Querschnitte nach Überschreitung der Streckgrenze zu verdrehen, wenn sie
sich frei verformen können (Fall „unplanmäßige Torsion“). In den Interaktions-
beziehungen in den Abschnitten 4.3, 6.3 und 7.3 wird zwischen den Fällen „mit
unplanmäßiger Torsion“ und „ohne unplanmäßiger Torsion“ unterschieden. Die
Untersuchung des Tragverhaltens unter Torsionsbeanspruchung erfolgt in Ab-
schnitt 8.2.3. Dabei ergibt sich keine eindeutige Grenztragfähigkeit. Nach den
vorliegenden Ergebnissen wird die Verteilung von Mxp nach dem Ingenieurmodell
gemäß Gl. (6.55) empfohlen.

Die in dieser Arbeit vorgestellten Methoden zur Bestimmung der plastischen Quer-
schnittstragfähigkeit können als Grundlage für weitergehende Untersuchungen
dienen. Das Prinzip des vorgestellten Teilschnittgrößenverfahrens (TSV-plus) kann
mit Berücksichtigung der Blechbiegeanteile auch auf einfachsymmetrische Quer-
schnitte oder Hohlprofile übertragen werden.
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Bildungsgang Christian Ludwig

Jahrgang: 1978
Schulbildung: 1996 Allgemeine Hochschulreife
Gymnasium Julius Motteler, Crimmitschau
Hochschulbildung: 1997-2002 Studium Stahl- und Metallbau
Hochschule Mittweida
Beruflicher Werdegang: 2001 Schweißfachingenieur
TU Dresden, SLV Halle
2002-2008 Tragwerksplanung GOLDBECK
Werk Treuen
seit 2008 wiss. Ang. Ruhr-Universität Bochum
Lehrstuhl für Stahl-, Holz- und Leichtbau