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Massenproteste in Rumänien "Das ist nicht Demokratie"

Bei regierungskritischen Protesten in Bukarest ist es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen gekommen. Die Polizei setzte Tränengas und
Wasserwerfer gegen die Demonstranten ein.

Von Srdjan Govedarica, ARD-Studio Wien, zzt. Bukarest

Der Siegesplatz in Bukarest am späten Freitagabend. Von Buhrufen der Demonstranten begleitet, feuern Polizeieinheiten immer wieder
Tränengasgranaten in die Menge. Seit Stunden geht das schon so. Ein beißender Geruch hängt in der Luft, wer kann, rennt weg, bringt sich in Sicherheit.

Dieser junge Mann ist nicht schnell genug: "Es war sehr schlimm, vor allem für die Augen. Für Mund und Nase hatte ich ein Tuch." Apotheken im
Umkreis machen guten Umsatz mit Atemschutzmasken. Die Bilanz des Abends sind mehr als 400 Verletzte, darunter auch Polizisten.

Am späten Abend kam es zu Auseinandersetzungen zwischen demonstranten und Polizisten.

Bis zu 100.000 Demonstranten


Schon zu Beginn der Demonstration am späten Nachmittag liegt Spannung in der Luft des heißen Sommertages. Immer mehr Menschen strömen zum
Siegesplatz im Herzen Bukarests - zunächst heißt es, 30.000, dann 50.000, letzte Schätzungen gehen von mehr als 100.000 Demonstranten aus.

Die Menschen rufen immer wieder "Diebe, Diebe" und fordern den Rücktritt der Regierung. Es kommt zu ersten Zusammenstößen mit der Polizei, die
massiv aufmarschiert ist und den Weg zum Regierungspalast absichert.
Proteste in Rumänien
tagesschau 20:00 Uhr, 10.08.2018, Michael Mandlik, ARD Wien

Opposition fordert Rücktritt der Innenministerin


Demonstranten versuchen, die Absperrung zu durchbrechen, Plastikflaschen prasseln im hohen Bogen auf die Polizisten nieder - diese schlagen mit
Schlagstöcken zu, setzen Tränengas ein. Am späten Abend verurteilt Staatspräsident Klaus Iohannis das Vorgehen der Polizei auf Facebook, die
Opposition fordert den Rücktritt der Innenministerin.

Über Social Media haben Auslandsrumänen die Demonstration organisiert. Sie kommen aus Italien, Spanien, Frankreich, Deutschland und vielen
anderen Ländern. Octavian Stinga ist aus München angereist: "Wir machen extra jetzt Urlaub."

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Umstrittene Gesetzesvorhaben
Die Auslandsrumänen, die der regierenden sozialdemokratischen PSD mehrheitlich kritisch gegenüberstehen, wollen mit der Demonstration die
inländische Zivilgesellschaft unterstützen, die seit mehr als anderthalb Jahren immer wieder für die Stärkung des Rechtsstaats demonstriert. "Unser
Wunsch wäre es, dass die Regierung uns zuhört", sagt Stinga. "Nein, das ist nicht Demokratie, wie wir sie uns vorstellen."

Stein des Anstoßes sind umgesetzte oder geplante Gesetzesvorhaben der rumänischen Regierung, die nach Ansicht der Demonstranten Ermittlungen
gegen hochrangige Politiker erschweren und die Unabhängigkeit der Justiz aushöhlen. Insbesondere der mächtige Parteichef der Sozialdemokraten und
Parlamentspräsident Liviu Dragnea ist den Demonstranten ein Dorn im Auge. Viele bezeichnen ihn als Schatten-Regierungschef.
Der Chef der rumänischen Sozialdemokraten, Liviu Dragnea, steht schon länger in der Kritik.

Ermittlungen gegen Parlamentspräsident


Dragnea ist wegen Wahlbetrugs vorbestraft und derzeit wird gegen ihn wegen der Bildung einer kriminellen Vereinigung ermittelt. Er gilt als Triebfeder
hinter den umstrittenen Gesetzen, und die Demonstranten werfen ihm vor, Politik im Eigeninteresse zu betreiben.
Dan Barna, Vorsitzender der oppositionellen Union zur Rettung Rumäniens, formuliert das so: "Anderthalb Jahre kämpfen wir nun im Parlament. Und
die Menschen kämpfen auf der Straße nicht etwa für bessere Krankenhäuser oder ein besseres Bildungssystem - der ganze Kampf war mit der Justiz
verbunden und damit, ob es Herrn Dragnea gelingen wird, das Gefängnis zu vermeiden. So einfach ist die Geschichte. Und die Frustration in der
Bevölkerung ist riesig."

Sozialdemokraten beschimpften Auslandsrumänen


Besonders hat viele der auf dem Siegesplatz anwesenden Auslandsrumänen verärgert, dass sie aus den Reihen der regierenden PSD im Vorfeld der
Demonstration als Bettler, Diebe und Huren oder Lumpendiaspora beschimpft worden sind. Für George Sisu, einen Unternehmer aus Berlin, war das der
Grund, ins Auto zu steigen und nach Bukarest zu fahren: "Es ist immer noch mein Land, obwohl ich auch die deutsche Staatsbürgerschaft habe. Und es
tut wirklich weh, zu sehen, wie die Menschen in diesem Land verarscht werden. Sie werden wie Sklaven behandelt."