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Das Kellerische Todesbild von Hans Baidung.

Von J. Oeri.

n der Bafeler Kunftfammlung befinden lieh zwei dem Fäfchi-


fchen Mufeum entftammende auf Holz gemalte kleine Ölbilder
Hans Baidung Griens, welche beide den Überfall einer Schönen
durch den Tod zum GegenÜande haben.
Das erfle (Nr. 75 des Katalogs) zeigt auf dunkelem Hinter-

aß' gründe den Tod, w4e er, mit dem rechten Fufse ftark aus-
fchreitend, ein vielleicht eben dem Bade entftiegenes nacktes Weib von hinten
anfällt. Mit der Linken fafst er es unter der linken Bruft, mit der Rechten greift
er ihm in das reiche Haar und zieht ihm den Kopf zum Kuffe zurück. Die
nicht mehr ganz junge Schöne klemmt, indem lie fich gegen die Umarmung
Iträubt, mit den Knieen ein grofses, faltenreiches weifses Tuch feft und fucht es

mit der gefenkten Rechten und der erhobenen Linken emporzuziehen, bleibt da-
bei aber für den Befchauer noch am ganzen Oberleibe unbedeckt; fie fleht mit
den nackten Füfsen auf einem Streif rötlicher Steinplatten, auf dem wir auch
das Monogramm Hans Baidungs finden; links neben diefen find Bretter, auf
welchen Kiefel herumliegen, und weiterhin ein offenes Grab fichtbar, rechts etwas
wie eine Steinbank und dahinter ein unbelaubter, mit Flechten bedeckter Baum-
liamm. Der Tod, ein Greis mit fpärlichem Haare, ift dunkelgelb gehalten; er ift

nicht als völliges Skelett gebildet, fondern es fcheint ihm nur die Haut zu fehlen;

durch das linke Bein, welches die Bildung eines Pferdebeins zeigt, wird er zu-
gleich als Teufel charakterifirt'); fein Ausdruck zeigt wilde Gier, der des Weibes
phyfifchen Schmerz und Entfetzen. (H. 0,30, Br. 0,17.)

Das zweite Bild (Nr. jG) zeigt einen ähnlichen Tod, gleichfalls nach links

vom Befchauer, wenn auch weniger ftark, ausfchreitend. Mit der Linken fafst

er eine jüngere Schöne am langen, herrlich braunen Haare, mit den fteif ge-
haltenen drei Vorderfingern der abwärts geftreckten Rechten weift er auf ein
offenes Grab mit einem Ausdruck des Hohnes, der die darüber angebrachte

i) Vergl. Woltmanii, Die Kunft im Elfal's, S. 288.


158 J. OERI.

Auflchrift HIE . MVST DV YN . . überflüflig ericheinen läfst, indes das ^^^eib,


delfen Geiicht von Thränen gerötet ill, nach derfelben Seite hin die gefalteten
Hände bittend zufammenprefst. Der Hintergrund iil auch hier dunkel; der Tod
zeigt eine etwas bräunlichere Farbe als auf dem erften Bilde, auch unterfcheidet
er lieh von jenem Tode durch feine völlig menfchliche Bildung und dadurch,
dafs ihm an allen Gliedern zottenartig eine Menge Muskeln und Sehnen herunter-
fafern, während dies bei jenem nur am Pferdeknie der Fall ift; auf feiner rechten
Brult ill eine otfene ^^\lnde iichtbar; er fchleppt einen weifsgrauen Mantel nach
fich. Das Weib ift nur um die Hüften mit einem weifsen Schleier bedeckt, es
rteht in Vorderanficht mit wenig vortretender linker Seite aufrecht da. Beide ftehn
auf dunkeln Brettern, worauf einige Steine liegen; Kopfwand des finfteren
die

Grabes ill durch Sträucherwerk kenntlich gemacht. Neben der genannten Auf-
fchrift lieht die Jahreszahl 15 14. (H. 0,30, Br. 0,14.)
Nach Eifenmann (Künftlerlexikon S. 624) befindet fich in der Handzeich-
nungenfammlung der Uffizien die trettliche Studie zu einem der beiden Gemälde
in Helldunkel auf braunem Grunde; der Güte des Herrn Malers H. Wüfcher in

Florenz verdankt der Unterzeichnete eine Skizze, welche ihm beweift, dafs diefe
Handzeichnung (Tafel 413, Nr. 1046) in allen Einzelheiten mit dem erften der
beiden Bilder zufammen ftimmt.
Photographifch publizirt lind beide Bilder von Braun in Dornach; ein Holz-
fchnitt nach dem zweiten ift zu finden bei Wörmann, Gefch. d. Mal. S. 443.
Der Unterzeichnete ift nun im Falle, ein drittes Bild derfelben Familie von
Todesbildern Hans Baidungs verölfentlichen zu können, welches lieh in Form
einer Helldunkelzeichnung erhalten hat. Dasfelbe war im Beiitze des bekannten
Kunltfammlers Herrn Bernhard Keller in Schaff häufen (f iS/O^ ^^'o es derfelbe

erworben hat, ift nicht mehr zu beftimmen, gegenwärtig ift es Eigentum der Erben
des Herrn Georg Ofchwald-Keller, zu denen der Schreiber d. gehört. Es ift

wie die Zeichnung in den Uffizien eine Federzeichnung auf braunem Papier mit
fchwarzen FederumrilTen und mit dem Pinfel weifs gehöht, wie es deren von dem
Künftler mehrere giebt (vergl. Eifenmann a. a. O.).

Der Zultand des Blattes ift zwar nicht intakt, indem an einigen Stellen,

belbnders über dem Knie des Todes Schürfungen in dem Papiere find und die
weifse Farbe in der Gegend der Schulterhöhle zu einem Fleck zerrieben ift; alles
Wefentliche aber ift wohl erhalten. In feiner Höhe ftimmt es vollkommen zu den
Ölbildern (0,30), an Breite übertriftt es das breitere derfelben noch etwas vO,20).

Während das erfte Bafeler Bild das jähe Zulammenfchrecken der vom Tode
Angegriffenen, das zweite den bitteren Seelenfchmerz der ihm unerbitdich Ver-
fallenen zeigt, ftellt unfere Zeichnung die Ahnungslofe dar als ein herrlich ge-

bautes nacktes Weib, das fich mit der erhobenen Rechten das reich herabwallende
Haar kämmt und dabei eifrig in den mit der Linken vorgehaltenen Spiegel fchaut.

Hinter diefer Schönen crfcheint der Tod, nicht mit wilder Gier wie auf dem
Das Kelleribche Todesbild dos Hans Baidung Grien.
DAS KELLERISCHE TODESBILD VON HANS BALDUNG. 159

erften und nicht mit triumphirendem Hohn wie auf dem zweiten Bild, fondern
mit dem Ausdruck der völlig auf die gelingende Lift gerichteten, gefpannteften
Aufmerkfamkeit. Er hat, wie das Nachfchleppen feines geifterhaft langen, zweimal
von ihm um den Leib gefchlungenen Tuches beweift, fein Opfer völlig umfchlichen;

jetzt greift er mit der Rechten nach ihrer Hüfte, mit der Linken unter ihre Bruft,
im nächften Momente wird üe ihn auch im Spiegel erfchauen und in bleichem
Schreck zufammenfahren. Mit dem Tode auf beiden Bildern hat er den allge-

meinen Typus gemein, ^\ozu befonders auch eine anatomifch falfche Erhöhung
der Schulterknochen gehört, an den Tod des zweiten Bildes erinnert er durch
die menfchliche Bildung des linken Beines, durch die Art, wie der Oberkiefer mit
einigen Strichen gegeben ift, durch die Wunde in der Bruft und durch den Mantel.
Immerhin ift unfere Zeichnung der dem rechts angebrachten Monogramm beige-
fügten Jahreszahl 15 15 gemäfs um zwei Jahre älter als die Ausführung diefes

zweiten Bildes in Ol.


In der Schönheit der Kompofition und im Adel der Formen werden die

drei Todesbilder des Meifters von Gmünd einander gleichftehen.