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DAS THEMA

bar weiter exportieren. Vielleicht müssen kommentierte eine Griechin die Senkung
die so kalkulieren. Das macht sie aber un- ihres Lohnes um 20 % so: »Das ist mir völ-
fähig, irgendetwas dagegen zu unterneh- lig egal, ich bekomme seit einem Jahr so-
men, wie zurzeit die Logik der Demokratie wieso keinen Lohn mehr.« Wenn sich sol-
der des Kapitals untergeordnet wird. Was che Situationen häufen, können vielleicht,
Sie »romantisch« genannt haben, ist, wenn ähnlich wie im 19. Jahrhundert, aus Bewe-
die Leute sich dies nicht mehr gefallen las- gungen, die zunächst nur zielloser radika-
sen und spüren, wie die Absurdität der ler Protest sind, Organisationskerne neuer
Lage ihre Würde angreift. Im Fernsehen Art entstehen. ■

Jan Turowski
Gibt es noch Spielarten des Kapitalismus?

Lange Zeit eingehegt durchWohlfahrtsstaat und demokratische Kontrollmechanis-


men, ist spätestens mit der aktuellen Finanzkrise die demokratische Lenkbarkeit des
Kapitalismus stark eingeschränkt. Die Demokratie gerät nun selbst an den Rand
der Preisgabe ihrer universellen Werte, Prinzipien und Gerechtigkeitsnormen.

Jan Turowski

V on Beginn an stand der Kapitalismus in


einem grundlegenden Spannungsver-
hältnis zur Demokratie. Historisch stellte
(*1969) ist Politikwissenschaftler und
Kulturtheoretiker und z.Zt.Associated
Professor an der Nanjing University
das kapitalistische Wirtschaftssystem erst for Science and Technology (NJUST),
die notwendigen materiellen Ressourcen China.
sowie Freiräume ökonomischer Tätigkeit
bereit, die es dem Individuen erlaubten, aus jan.turowski@snafu.de
traditionalen Zwängen und feudalen Ab-
hängigkeiten auszubrechen und sein Leben
fortan selbstbestimmt zu führen. Die Über- kratischen Rechte. Die dem Kapitalismus
windung der Knappheit essenzieller Lebens- eingeschriebene, ungleiche ökonomische
mittel und das entsprechende Ende des all- Ressourcenverteilung unterlief also das
täglichen physischen Existenzkampfes er- Gleichheitsprinzip der Menschenwürde.
öffneten den Menschen erst jene politisch- Indem seine Leistungsfähigkeit und
kulturellen Sphären autonomer Selbstge- Innovationskraft die autonomen Hand-
staltung, die eine zentrale Voraussetzung lungsräume der Menschen zweifellos ver-
funktionsfähiger Demokratisierung dar- größerten, wurde der Kapitalismus gewis-
stellen. Gleichwohl wurde auch sofort die sermaßen zum Geburtshelfer der modernen
Kehrseite der marktkapitalistischen Entfal- liberalen Demokratie. Zugleich schränk-
tung sichtbar. Der Kapitalismus erzeugte ten vielfältige Formen der Ausbeutung und
neue Ungleichheiten, Unsicherheiten und sozioökonomische Not die Handlungs-
Armut, die in einem fundamentalen Wi- freiheit vieler Bürger wieder massiv ein, so
derspruch zu der demokratischen Norm der dass der Kapitalismus von Anbeginn an
gleichen Rechte aller Bürger standen. Die eine strukturelle Bedrohung der Demo-
produzierten Abhängigkeiten und Ausgren- kratie darstellte.
zungen hinderten die Menschen an der akti- Die Kritik an der vom Kapitalismus
ven Wahrnehmung ihrer ureigenen demo- systematisch erzeugten Ausbeutung, Aus-

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grenzung und Verelendung motivierte ab zu haben – die Kritik an seinen systemi-


dem späten 19. Jahrhundert zu einer gan- schen Widersprüchen fast vollständig aus
zen Bandbreite von Sozialprogrammen den Mainstream-Diskursen. Selbst als in
und gesetzlichen Regulierungen, die, in- den späten 70er Jahren die kapitalistischen
dem sie – peu à peu – für alle Bürger Wohlfahrtsstaaten in eine Stagflations-
soziale Sicherung und Rechte bereitstell- krise schlidderten, sprach in den dann fol-
ten, demokratische Entscheidungsteilhabe genden Jahren die neoliberale Krisenrhe-
und politische Autonomie garantierten. torik nicht etwa von der Krise des Kapita-
Am Ende dieser Entwicklung stand der lismus, sondern allein von wachstums-
kapitalistische Wohlfahrtsstaat. feindlichen Fehlentwicklungen sozialstaat-
In den Jahren nach dem Zweiten Welt- licher Institutionen und Regulationsme-
krieg massiv ausgebaut, schützte der Wohl- chanismen. Ging es beim Wohlfahrtsstaat
fahrtsstaat über eine soziale Grundsiche- darum, die Demokratie vor dem Kapitalis-
rung seine Bürger vor dem freien Spiel der mus zu schützen, kehrte der Neoliberalis-
Marktkräfte und sorgte über demokratisch- mus das Argument nun um.
institutionalisierte Mechanismen für eine
Ausbalancierung der ökonomischen Macht-
verhältnisse. Und tatsächlich: Bis weit in die Den einen »Kapitalismus«
70er Jahre wurden die Gesellschaften der gibt es überhaupt nicht
kapitalistischen Wohlfahrtsstaaten zuneh-
mend gleicher: Durch ein freies Bildungs- Nach dem Fall der Mauer 1989 wurde oh-
system verbesserten sich die Aufstiegs- ne ernstzunehmende Systemkonkurrenz
chancen auch der unteren sozialen Schich- das kapitalistische Wirtschaftssystem nun
ten. Arbeitsplatzsicherheit, Stabilität der nicht mehr prinzipiell diskutiert, sondern
Gehälter und der Sozialleistungen und nur noch hinsichtlich der Stärken und
relativ planbare Karrierewege gaben den Schwächen seiner unterschiedlichen Vari-
Menschen Sicherheit und Gewissheit. Die anten. Da gab es etwa den kompetitiven
breite Teilnahme an der Konsumgesell- »amerikanischen« Kapitalismustyp, der so
schaft eröffnete neue Lebensstile und eine ganz anders organisiert und historisch ge-
Bedürfnisbefriedigung, die bis dahin nur wachsen war als der korporativ-koordi-
einer kleinen Oberschicht vorbehalten war. nierte und sozial egalitäre »rheinische«
Der Grundwiderspruch kapitalistischer oder »skandinavische« Typ.
Demokratien zwischen gleichen Grund- Die Unterschiede historischer Pha-
rechten und ungleicher ökonomischer Res- sen kapitalistischer Entwicklung und die
sourcenverteilung schien nun endgültig der verschiedenen Kapitalismusvarianten
aufgelöst worden zu sein. Durch einen schienen bei genauer Betrachtung so groß
»historischen Kompromiss« von Kapital zu sein, dass von dem Kapitalismus als ein-
und Arbeit schienen die dem Kapitalis- heitliche Formation eigentlich gar nicht die
mus eingeschriebenen Interessengegensät- Rede sein konnte. Zugleich wurde aber auch
ze nicht mehr im Kampf ausgefochten, son- immer deutlicher, dass nationalstaatliche
dern als quasi-ritualisierte Formsache nur Pfade mehr denn je in ein global finanzdo-
noch moderiert werden zu müssen. miniertes Akkumulationsregime eingebet-
In den demokratisch-kapitalistischen tet waren und nationale Sonderwege im
Wohlfahrtsstaaten verschwand mit dem Sinne eines Abweichens oder gar Ausbre-
»Erfolg« – Armut, Ungleichheit und Aus- chens so gut wie unmöglich wurden. In den
beutung, welche der Marktkapitalismus Diskussionen über die unterschiedlichen
hervorbringt, zumindest in seinen indus- Typen ging es folglich darum, wie gut oder
triellen Zentren sozialpolitisch abgefedert wie schlecht sich die jeweiligen Staaten auf

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die zunehmende Deregulierung des globa- oder die Selbstüberschätzung und unver-
len Kapitalismus anpassen könnten; die antwortliche Risikobereitschaft der Finanz-
Logik der Deregulierung und Entbettung investoren zu kritisieren, darauf zu ver-
wurde hingegen kaum in Frage gestellt. weisen, dass bloß Kontrollmechanismen
Ende der 90er Jahre war die syste- eines ansonsten perfekten Systems nicht
matische Kapitalismuskritik gänzlich in richtig funktioniert hätten oder zu be-
wissenschaftlich-politische Randsegmen- haupten, dass ja nur das anglo-amerikani-
te verbannt. Das bedeutete natürlich nicht, sche, finanzmarktgetriebene Wirtschafts-
dass soziale Widersprüche, Ausbeutungs- modell gegen die Wand gefahren sei (auch
und Machtverhältnisse, ökologische Zer- wenn die Argumente jeweils ja nicht falsch
störung, Klima- und Rohstoffkrisen in den waren). Es wurden zunehmend auch dieje-
kapitalistischen Wohlfahrtsstaaten nicht nigen Stimmen lauter, die darauf verwie-
mehr politisch thematisiert wurden. Sie sen, dass die gegenwärtige Krise aus den
wurden aber kaum mehr als strukturelle kapitalismusinhärenten, systemischen Ri-
Fragen des Kapitalismus behandelt, son- siken fast zwangsläufig erwachsen sei.Auch
dern nur noch als Sachprobleme, denen sei der deregulierte Finanzmarktkapitalis-
man mit Polit-Management-Konzeptio- mus, der als Sinnbild neoliberaler Fehl-
nen und technologischen Innovationen entwicklung für die Krise verantwortlich
sinnvoll begegnen könnte. gemacht wurde, seinerseits die machtpoli-
Im Zeitgeist jener Jahre wagte Gordon tisch restaurative Problemlösung der Krise
Brown – damals noch britischer Schatz- des fordistischen Wirtschafts- und Sozial-
kanzler – die These, dass die moderne modell der 70er Jahre gewesen. Immer
Wissensökonomie zu einer Umkehrung neue Krisen und Spekulationsblasen in
der Machtbeziehungen zwischen Kapital immer kürzeren Abständen seien weniger
und Arbeit geführt habe: Arbeit könne die natürliche Abfolge von konjunkturel-
über die wachsende Relevanz von Wissen len Auf- und Abschwüngen, sondern viel-
und Fertigkeiten und dem daraus abgelei- mehr Teil und Ausdruck einer Metakrise
teten Marktwert des individuellen Human- des über 200 Jahre währenden kapitalis-
kapitals nun das Kapital ausbeuten. tischen Entwicklungs-, Wachstums- und
Fortschrittsmodells, das offensichtlich nun
an seine natürlichen und sozialen und
Finanzkrise 2008: nicht zuletzt systemimmanenten Grenzen
Rückkehr der Kapitalismuskritik gestoßen sei.
Der Wohlfahrtsstaat, vor allem in seiner
Bei der Analyse der Unterschiede der je- spezifischen – und in der Rückschau auch
weiligen kapitalistischen Volkswirtschaf- idealisierten – Ausprägung der 70er Jahre
ten geriet allerdings die eine machtvolle gilt in heutigen Diskussionen vielfach als
und unerbittliche Triebkraft des Kapita- der normative Referenzpunkt eines demo-
lismus aus dem Fokus der Kritik: Die ver- kratisch regulierten und kontrollierten
selbstständigte Form der Profitakkumu- Kapitalismus, zu dem man wieder zurück
lation, die allen Gesellschaften und dies will. Zugleich macht sich jedoch das Ge-
in allen Kapitalismusvarianten gleicher- fühl breit, dass die gegenwärtige Krisen-
maßen ihre Verwertungslogik und Hand- situation in seiner langen Geschichte viel
lungsbedingung aufzwingt. eher den Normalzustand des Kapitalismus
Dies änderte sich allerdings mit der beschreibt und nicht die »goldenen Jahre«
Finanz-, Wirtschafts- und Schuldenkrise mit Wirtschafts- und Wohlfahrtsstaats-
ab 2008. Es wurde schnell deutlich, dass es wachstum, starken Gewerkschaften und
nicht ausreichte, nur die Gier der Banker Normalarbeitsverhältnis und nicht zuletzt

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kontinuierlicher Ausdehnung demokrati- mokratischen Souveräns. Märkte und in-


scher Teilhabe und egalitärer Umvertei- ternationale Institutionen erklären natio-
lung von Wohlstand und Macht. Im histo- nalen Regierungen, wie »vernünftige« Po-
rischen Rückblick sind diese Jahre wohl litik auszusehen habe: strikteste Einspa-
eher eine Ausnahme, die nur unter den rungen, Privatisierung, Rentenkürzungen,
sehr speziellen Bedingungen fordistischer niedrige Löhne und Steuern. Was in den
Massenproduktion möglich war. Dieser letzten 20 Jahren von so manchem poli-
Aspekt wird allerdings von einer nicht un- tisch gewollt aber eben demokratisch nicht
wesentlichen, nostalgischen Kapitalismus- durchsetzbar war, erledigt jetzt ein post-
kritik ignoriert, die versucht, die Gegen- politisches technokratisches Regime »al-
wart an vergangenen Idealen zu messen ternativloser« Krisenpolitik.
und soziale Konflikte mit Begriffen zu be- Wenn die Bürger keine wirkliche Wahl
schreiben, die in der kapitalistischen Kri- mehr haben, welche Politik sie verfolgt se-
senrealität des 21. Jahrhunderts kaum mehr hen wollen, dann ist das demokratische
Sinn ergeben. Prinzip faktisch außer Kraft gesetzt.
Und schließlich verkleinern im Post-
fordismus dieselben Triebkräfte unendli-
Ein alter Widerspruch kehrt zurück chen Wachstums und dynamischer Be-
schleunigung, die bereits aus Wohlfahrts-
Schien durch die wohlfahrtsstaatliche staaten Wettbewerbsstaaten gemacht ha-
Einbettung des Kapitalismus der Grund- ben, auf individueller Ebene wieder die
widerspruch zwischen den strukturellen Sphären autonomer Selbstbestimmung,
Risiken kapitalistischer Marktwirtschaft die durch den Wohlfahrtsstaat erst vergrö-
und der Inanspruchnahme gleicher Staats- ßert wurden. Durch Subjektivierung der
bürgerrechte wie auch dem Prinzip der Arbeit, Selbstausbeutung, prekäre Lebens-
Mehrheitsentscheidungen in der Demo- und Beschäftigungsverhältnisse, Ausdeh-
kratie gelöst, schleuderte spätestens die nung einer immer weitergehenden Wett-
Finanzkrise diesen Widerspruch zurück bewerbslogik bis in die Bereiche der Frei-
auf die Bühne der Geschichte. zeit hinein, durch ständige Selbstkontrolle
Ungleichheit etwa ist prinzipiell im über Quoten und Abgabefristen, den im-
Kapitalismus nicht nur nicht zu überwin- mer schnelleren Verfall von Qualifikation
den, sie verschärfte sich vielmehr in den und Wissen werden immer größere Grup-
letzten Jahrzehnten in allen westlichen pen der Gesellschaft zu ständig Getriebe-
Gesellschaften wieder erheblich. Um die nen der Umstände, die sie immer weniger
Wachstumsdynamik der Wirtschaft nicht kontrollieren können.
zu behindern, wurden solcherart Ungleich- Eine kapitalistische Ökonomie – ge-
heiten, Spaltungs- und Exklusionseffekte wissermaßen als Sinn und Zweck in sich
wieder akzeptiert, die nach nicht allzu lan- selbst, deren gesellschaftliche Konsequen-
ger Zeit eher schaurige Assoziationen an zen schicksalsergeben hingenommen wer-
dunkle vordemokratische Zeiten hervor- den müssen – darf nicht von demokrati-
riefen. Wann ist der Schwellenwert er- schen Normen entkoppelt diskutiert wer-
reicht, in dem gesellschaftliche Ungleich- den. Indem die demokratische Lenkbar-
heit und soziale Unsicherheit die Substanz keit des Kapitalismus stark zurückgegan-
der Demokratie selbst berühren? gen ist, gerät die Demokratie selbst an den
Zum anderen offenbarten die letzten Rand der Preisgabe ihrer universellen Wer-
Krisenpolitiken in Europa, dass die ano- te, Prinzipien und Gerechtigkeitsnormen.
nyme Macht der internationalen Finanz- Daher muss die Kapitalismuskritik wieder
märkte manchmal größer ist als die des de- ein demokratisches Gebot sein. ■

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