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GESAMMELTE DRAMEN

TORSTEN SCHWANKEE

SALOMO

ERSTER AKT

ERSTE SZENE

(König Salomo in seiner Halle. Abenddämmerung, der Neumond im Osten.)

SALOMO
Ich drehe meinen Ring des Salomo,
Der mir beschert die Künste der Magie.
Gott selber weihte mich in die Magie
Der Weisheit ein und die geheimen Künste.
Als König bin ich einzigartig einsam
Und habe keine Freunde in der Welt.
Mein Vater David hatte Jonathan,
Doch mir gab Gott auf Erden keinen Freund.
Doch Gott gab mir zu Freunden seine Geister
Und gab mir Macht in diesem Siegelring,
Die guten Geister Gottes zu beschwören.
Euch Throne rufe ich, ihr heißet Götter,
Euch Seraphim, der Liebe Feuerschlangen,
Euch Cherubim, der Klugheit gute Geister,
Euch Mächte, Herrschaften und Fürstentümer,
Erzengel euch und alle guten Geister,
Dich, guten Genius des Hohenpriesters,
Euch, Patriarchen und Matronen alle
Und alle Heiligen des Gottesbundes!
Desweiteren beschwör ich mit dem Ring
Euch Huris, ihr des Paradieses Frauen,
Euch Peris, ihr die Elfen der Natur,
Euch Dschinnen, ihr geheimnisvollen Geister,
Kommt, betet an den allerhöchsten Herrn!
Nun rufe ich die Instrumente Davids,
Die Harfe, die den Herrn als Hirten pries,
Das Saitenspiel, das sang das Lied der Jugend,
Die Flöte mit der Melodie der Lilien,
Die Gittith mit dem Lied der fremden Taube!
Gott gab als seiner Weisheit Gnadengabe
Mir auch die Kunst, die Vögel zu verstehen,
So rufe ich mit meinem Siegelring
Den Adler von dem Gipfel des Baschan,
Den Lämmergeier von dem Mahl des Aas,
Den Falken, Sonne der Gerechtigkeit,
Und Gottes heiligen Milan der Weisheit!
Ich ruf die Nachtigall der Rose Gottes,
Ich ruf den Sperling von der Lilienaue,
Ich ruf die Turteltaube der Astarte
Und rufe Hudhud! Hallo? Wo ist Hudhud?
CHOR DER GEISTER
Komm, Hudhud, lieber Schelm! Der König ruft!
HUDHUD
Hier bin ich, o mein Vater und mein König!

ZWEITE SZENE

SALOMO
Mein Hudhud, Liebesvogel Wiedehopf,
Du Heiliger der göttlichen Astarte,
Als ich die Vögel alle zu mir rief,
Mein Hudhud, warum bist du nicht gekommen?
HUDHUD
Ich war in weiter Ferne, denn ich flog
Umher, die ganze Erde zu beschauen.
SALOMO
Was hast du denn gesehn auf dieser Erde?
HUDHUD
Du bist berühmt bei allen Völkerstämmen!
Ich war in Persien und sprach die Dichter,
Sie nannten dich den Größten aller Dichter.
Ich war in Babylon bei den Chaldäern,
Die nannten dich den größten Magier.
Ich war in Hindostan bei Mutter Ganga,
Sie nannten dich den Ersten der Brahmanen.
Ich war in China bei den Philosophen,
Da warst du Bräutigam der Mutter Tao.
Ich war in Japan in dem Gelben Meer,
Man nannte Kaiser dich von Gottes Gnaden.
Dann war ich in Amerika und sprach
Die Indios, sie nannten dich die Schlange
Der Weisheit mit den Quetzalvogelfedern.
Dann kam ich zu den nördlichen Barbaren,
Sie nannten dich den friedlichen Druiden.
Dann war ich bei den Skythen in dem Osten,
Sie priesen dich als Bräutigam der Weisheit.
Dann war ich bei den Griechen in Athen,
Sie sprachen, du seist schlauer als Odysseus.
Ich war in Roma auf den sieben Hügeln,
Man nannte dich den wahren Pontifex.
Dann kam ich in das schwarze Afrika,
Hinab ins schwarze Abessinien,
Es herrschte dort die Königin von Saba,
Die aber hat noch nie von dir gehört!
SALOMO
Hat sie denn von dem wahren Gott gehört?
HUDHUD
Sie hob die Arme auf zur Sonne Gottes
Und betete die Sonne an als Gott
Und neigte sich und küsste Mutter Erde
Und betete die Erde an als Göttin.
SALOMO
So soll die Königin mich kennenlernen,
Dann will ich sie bekehren zu dem Herrn.

DRITTE SZENE

(Nacht, Vollmond. Die schwarze Königin von Saba betet in ihrem Tempel.)

BILKIS
O Göttin du des makellosen Mondes,
Dich will ich feiern in der dunklen Nacht!
Als junger Sichelmond am hohen Himmel
Bist du die unbefleckte Mädchengöttin,
Als Mädchengöttin in dem weißen Kleid
Hältst du die Lilie der Jungfräulichkeit.
Als runder praller Vollmond an dem Himmel
Bist du die Mutter und die Liebesgöttin,
Die Brüste quellen aus dem roten Kleid,
Als Frau liebst du der Liebe rote Rose.
Als schwarzer Neumond schließlich an dem Himmel
Bist du die greise Dame voll der Weisheit,
Im schwarzen Witwenkleid der Todestrauer
Bist du die Schicksalsspinnerin, der Tod.
Dann aber wiederum erscheint die Göttin
Als Himmelskönigin und reine Jungfrau!
So ewig sind des Mondes Perioden,
In immergleichem Wandel der Natur
Bestätigt sich die Ewigkeit des Lebens.
Nun aber, meine hohe Göttin-Herrin,
Erscheinest du als Vollmond an dem Himmel,
O pralle Göttin, prangende Granate,
Ich hör die Bienen summen in den Rosen
Und Hochzeit feiern in dem Bienenstock!
Regiert wird ja der goldne Bienenstaat
Von einer großen Bienenkönigin,
Sie wählt die Freier sich zum Hochzeitsschlaf
Und tötet ihre Freier in der Hochzeit,
Die andern aber dienen ihr als Sklaven.
Mondgöttin, ich, die Königin von Saba,
Bin Bienenkönigin von Göttin Gnaden,
Du sende einen Freier diesen Sommer,
Daß tödlich ich die Hochzeit zelebriere,
Den kleinen Liebestod des Hochzeitsschlafes!

(Hudhud flattert herein mit einem Brief in dem Schnabel.)

HUDHUD
Heil dir, o schwarze Königin von Saba!
Dies ist ein Brief von König Salomo.
BILKIS
So lies den Brief von König Salomo.
HUDHUD
Gebenedeite schwarze Königin,
Vermähle dich in Weisheit mit dem Herrn!
Besuche du den König Salomo,
Der sich der Weisheit seines Herrn vermählt!

VIERTE SZENE

(Salomo auf seinem Thron, dem Sedes Sapientiae. Vor ihm steht der Erzengel Gabriel.)

SALOMO
Hochheilig-lieber Engel Gabriel,
Ich habe gestern in der Mitternacht
Gebeten deine Heiligkeit, den Thron
Der Königin von Saba herzubringen.
Hast du mir meinen Sehnsuchtswunsch erfüllt?
GABRIEL
(Zieht einen Vorhang zur Seite und offenbart den Thron der Königin von Saba.)
Hier ist der goldne Thron der Königin!
SALOMO
Sie hat mir mitgeteilt, sie werde kommen,
Sie wolle prüfen, ob ich weise bin,
Sie hörte das Gerücht von meiner Weisheit
Und will nun schauen, ob es Wahrheit ist.
Ich aber prüfe auch die Königin,
Ob sie sei eine wahre Königin,
Sei wahre Königin von Gottes Gnaden.
O Engel Gottes, du bist Gottes Kraft,
Verwandle diesen Thron der Königin
In einen schlichten Stuhl von Zedernholz!
Dann will ich schauen, ob die Königin
Hellsichtig ihren Gnadenstuhl erkennt.
GABRIEL
Dein frommer Wunsch ist eins mit Gottes Willen.
(Gabriel verhüllt den Thron und zieht den Vorhang wieder ab, da steht ein schlichter Holzstuhl.)

HEROLD
(Bläst das Widderhorn)
Es naht die benedeite Majestät
Und schwarze Königin von Gottes Gnaden,
Bilkis, die schönste Königin von Saba!
SALOMO
Willkommen, o Holdseligste der Weiber!
BILKIS
Gegrüßet seist du, König Salomo!
Als Weiser thronst du in dem Thron der Weisheit!
SALOMO
O schöne schwarze Königin von Saba,
Ich habe hier für deine Majestät
Nur diesen schlichten Stuhl von Zedernholz.

(Sie schaut den Stuhl aufmerksam prüfend an und spricht dann mit wissendem Lächeln.)

BILKIS
Der Stuhl aus schlichtem Holz vom Zedernstamm
Ist wahrlich würdig meiner Majestät,
Denn wo die Königin von Saba thront,
Wird jeder Stuhl zum Gottesgnadenthron!
SALOMO
O wahre Königin von Gottes Gnaden!

FÜNFTE SZENE

(Salomo führt Bilkis in eine Halle, deren Boden mit Saphiren, Aquamarinen und Lapislazuli
bedeckt ist wie ein steinernes blaues Meer.)

SALOMO
O Königin Bilkis, dein Ruhm ertönt
Im ganzen Weltkreis, deiner Schönheit Ruhm,
Im Jemen preisen Menschen deine Schönheit
Und in Äthiopien die schwarzen Frauen
Lobpreisen dich als Schönste aller Frauen!
Ich glaube wohl an deine Wunderschönheit,
Doch will ich schauen deine Wunderschönheit!
Ich möchte deine schwarzen Beine schauen,
Ob sie so schön wie Flanken der Gazelle?
BILKIS
Ich weiß von weißen Frauen in dem Alter,
Die Beine gleichen dicken Marmorsäulen,
Durchzogen von Saphiren blauer Adern,
Besetzt mit Stacheln wilder Schweineborsten!
SALOMO
Doch deine Beine, schwarze Königin,
Verhüllst du mit dem langen Seidenkleid!
Du trägst ja nicht wie die Ägypterinnen
Den kurzen Rock bis auf die Oberschenkel!
Nein, keusch trägst du das lange Seidenkleid,
Sein Saum fällt auf die nackten schwarzen Füße.
BILKIS
Doch wie, o Salomo, du weiser König,
Hast du das Meer gelenkt in deine Halle?
Ich, schwarze Königin der heißen Wüste,
Sah nie das Meer, ja nicht einmal im Traum,
Nun seh ich hier ein himmelblaues Meer!
SALOMO
Tritt nur hinein und bade deine Füße!
BILKIS
Doch dass nicht naß wird dieser Seidenrock,
Heb ich den Seidenrock bis zu den Schenkeln.
SALOMO
Frau Weisheit, du gibst listenreichen Einfall,
Der einfallsreiche Dulder wird belohnt
Von deiner Gnade mit der Schau der Schönheit!
O diese Flanken der Gazelle! Jamben
Der braunen Hindin! Schwarzes Ebenholz
Und schlanke Pfeiler, schwarzem Onyx gleich!
Und wahrlich, nicht ein Haar auf ihrem Bein!
Die schwarze Königin rasiert die Beine
Mit Bimsstein! Ich bewundre deine Schenkel!

SECHSTE SZENE

(Abendmahlstafel. Salomo, Bilkis und ihre Dienerin Charmion.)

SALOMO
O schwarze wunderschöne Königin
Bilkis, ich möchte bräutlich mit dir schlafen!
BILKIS
O Salomo, ich schlafe nicht mit dir,
Du bist nur scharf, weil die Gewürze scharf sind.
SALOMO
O Charmion, du süße Dienerin,
Dann laß mich doch mit dir im Bette schlafen!
CHARMION
Ich folg in allem meiner Königin.
SALOMO
Dann greift nur tüchtig zu beim Abendmahl.
BILKIS
O Salomo, der Curry und der Pfeffer,
So scharf die Schoten von der Paprika!
SALOMO
Wenn ich mit euch nicht schlafen darf im Bett,
Dürft ihr auch nichts berühren in der Halle.
Rührt etwas ihr in meiner Halle an,
Müßt ihr mir eure Liebe bräutlich schenken.
BILKIS
Ich bin nun müde, ich will nun ins Bett.
CHARMION
Ich möchte nur noch schlafen, schlafen, schlafen!

(Bilkis und Charmion ab. Der Saal verdunkelt sich. Salomo sitzt im Dunkel. Eine Zeit Stille. Dann
erscheint Charmion im Nachthemd.)

CHARMION
(Flüsternd)
O Götter! Einen Schluck vom kühlen Wasser,
Es brennen die Gewürze mir im Mund!
BILKIS
(Erscheint im Nachthemd)
O Charmion, du hier, und du trinkst Wasser?
O Göttin, einen Schluck vom kühlen Wasser,
Der schwarze Pfeffer war so heiß und trocken!
SALOMO
(Zündet eine Kerze an.)
Bei Gott! Ihr rührtet beide etwas an,
So darf ich bräutlich mit euch beiden schlafen!
BILKIS
Was rührten wir schon an? Nur etwas Wasser!
SALOMO
Ist Wasser nicht das Alleredelste?
Wenn du gepilgert durch die heiße Wüste,
Scheint Wasser mehr dir wert zu sein als Gold!
Bilkis und Charmion, kommt in mein Bett!
Mein Gott, mein Gott, ich bin im Paradies!

ZWEITER AKT

ERSTE SZENE

(Salomo im Sedes Sapieniae, Bilkis zu seiner Rechten im Thron der Königin des Südens.)

BILKIS
Die Zeit der Frauen ist die gute Zeit,
Das Zeichen dieser Zeiten ist die Frau.
Ich meine aber, dass in jeder Frau
Im Innern lebt verborgen eine Göttin!
Was aber sagst vom Wesen du der Frau?
SALOMO
Drei Frauen sah ich an in meinem Geist:
Frau Torheit ist ein wildes dummes Weib,
Die Fremde Frau ist schön, doch lebt in Unzucht,
Frau Weisheit ist das Ebenbild des Herrn.
BILKIS
Frau Torheit sollst du einmal mir beschreiben.
SALOMO
Ein wildes, unverständiges Geschöpf.
Sie weiß sehr wenig, doch sie schwatzt sehr viel,
Sie lädt die Kinder in die Küche ein
Und bietet ihnen an gestohlnes Fleisch,
Denn was verboten ist, das liebt sie sehr.
Die Kinder in der Küche der Frau Torheit
Sehn: Totengeister wohnen in dem Haus.
BILKIS
Ein Narr, wer da hereinfällt auf Frau Torheit,
Wen Gott liebt, den bewahrt er vor der Dirne.
Doch sag mir etwas von der Fremden Frau.
SALOMO
Sie sagt zu einem heißentflammten Manne:
Mein Ehemann ist heute nicht zu Hause,
Komm, lass uns Liebe machen, Liebe machen!
Bettdecken hab ich aus Ägyptens Stoffen,
Sind parfümiert mit der Ägypter Ölen.
Der Jüngling zwängt sich zwischen ihre Schenkel
So wie der Mörder geht zu seinem Henker.
Denn süß wie Honig sind des Weibes Lippen,
Doch nach dem Beischlaf ist sie bittre Galle.
Die Männer lauern gern vor ihrer Schwelle,
Doch ihre Schwelle ist der Hölle Schwelle.
BILKIS
Gefährlich ist das Weib mit ihren Reizen,
Man braucht die Gnade Gottes, zu entkommen!
Frau Weisheit aber sollst du mir beschreiben.
SALOMO
Frau Weisheit hat den Ursprung in dem Herrn,
Sie ist von Adel, denn sie ist von Gott,
Ist Gottes Spiegel, Gottes Ebenbild,
Ist rein und fromm und gut und lieb und heilig!
Ich habe ihre Schönheit liebgewonnen
Und will sie mir zur Ehefrau gewinnen.
Denn jener ist ein Gottgeliebter, der
Frau Weisheit sich vereint in treuer Ehe.

ZWEITE SZENE

(Die Königin von Saba in ihrem Thron, Salomo kniet vor ihr.)

SALOMO
Bilkis, wenn ich an deinen Namen denke,
Dann höre Worte ich in meinem Herzen:
Allmächtige Gebieterin und Göttin,
Geliebte, allerhöchste Majestät!
Dann reißt es mich auf meine Knie herab,
Zu beten in der Religion der Liebe.
BILKIS
Ist heute nicht der Frühlingstag der Liebe?
SALOMO
So schließe deine Augen, Königin,
Und strecke deine schlanke Hand hervor.

(Sie schließt die Augen, reicht die Hand, Salomo schmückt ihr rechtes Handgelenk mit einem
Muschelarmband.)

BILKIS
O schönes Armband! Welche schönen Muscheln!
SALOMO
Ich bat den Herrn: O Herr, am Tag der Liebe
Gib mir die schönste Blume für Bilkis,
Die sinnlichste, erotischste der Blumen,
Erotisch wie Pantoffeln der Astarte!
Der Herr erhörte mein Gebet und sandte
Zu mir den Geist der Weisheit, der mir zeigte
Dies Muschelarmband. Diese Muscheln sind
Erotisch wie Pantoffeln der Astarte.
BILKIS
So willst du mir beweisen deine Liebe?
SALOMO
Ich liebe dich allein von allen Frauen,
Ich liebe aber nicht wie ordinäre,
Ich liebe dich wie extraordinäre
Gelehrte, wie die Philosophenjünger
Von Alexandrien die Göttin Isis,
Wie Philosophenjünger von Atlantis
Atlantis’ Königin, die Jungfrau Klito,
Ich liebe dich wie Philosophenjünger
Von Palästina die Sophia Gottes!
Denn deine Schönheit ist das Ebenbild,
Die Schönheit der Sophia ist das Urbild,
Das Urbild offenbart sich in dem Abbild,
Die Philosophen aber lieben nicht
Das Bild in Sünde und in Sterblichkeit,
Sie lieben in dem Ebenbild die Gottheit,
Den Glanz der Gottheit auf dem Ebenbild!
So liebe ich die Königin von Saba
Und so die Matronita Israels
Und so allein die göttliche Sophia!

DRITTE SZENE

BILKIS
Frau Weisheit nennst du göttliche Sophia,
Ich dachte aber, du glaubst an den Herrn,
Wer ist denn diese göttliche Sophia?
SALOMO
Bevor das Universum war erschaffen,
War Gott allein in seiner Einsamkeit.
Der Herr erzeugte und gebar Sophia,
Der Herr ist nämlich abgrundtiefes Schweigen,
Sophia aber ist das Wort des Herrn.
Der Herr sieht nun Sophia, seinen Liebling,
Und wie ein Vater seinen Liebling liebt
Mit Vaterstärke und mit Vatergüte,
So liebt der Liebling auch den Ewigvater
Mit Dankbarkeit und mit Gehorsamkeit.
Die Liebe zwischen Jahwe und Frau Weisheit
Ist Geist des Herrn und Geist der Weisheit.
Und menschenfreundlich ist der Geist der Weisheit,
Vom Herrn gegossen in die Menschenherzen,
So dass die Menschenherzen voll des Geistes
Die göttliche Sophia bräutlich lieben
Und in Sophias Namen lieben Gott.
BILKIS
Doch Gott der Herr wird auch genannt der Schöpfer,
Ist denn Sophia eine Schöpferin?
SALOMO
Die Philosophen Alexandrias
Von Einer Gottheit reden, einem Schöpfer,
Sophia als die Seele aller Schöpfung
Ist Gottes Braut, die Himmelskönigin,
Gott zeugte in der göttlichen Sophia,
Da kam aus diesem Akt hervor der Geist,
Der Geist der Engel und der Menschengeister,
Der Geist begab herab sich in die Schöpfung
Und ward zum Schöpfergeist in der Natur.
So Gott der Herr ist Schöpfer aller Welt,
Sophia ist des Weltalls Schöpferin,
Der Geist ist Schöpfergeist in der Natur.
BILKIS
Drei Götter glaubst du so und bist ein Jude?
SALOMO
Ein Gott ist Gott der Herr, ein Gott allein!
BILKIS
Ist Gott der Herr, wer ist dann die Sophia?
SALOMO
Gott ist als Schöpfer zeugendes Prinzip,
Sophia ist Empfängnis, ist das Nichts.
Der Schöpfer schuf aus Nichts die ganze Welt,
Der Schöpfer schuf das Weltall aus Sophia,
Sophia ist das Urbild aller Wesen.
BILKIS
Wir Frauen aber glauben an den Stoff,
Die Ur-Materia, die Magna Mater.

VIERTE SZENE

(Nacht. Salomo allein, betend.)

SALOMO
Sophia, schon in meiner Kindheit habe
Ich deine junge Schönheit liebgehabt,
Ich habe dich gesucht in Gottes Schriften
Und bat im Tempel, dass ich dich erlange.
Bevor ich reiste in der Welt umher,
Hab deine Güte ich gesucht im Tempel.
Ich freute mich an deinen Frühlingsblüten
Und freute mich an dir wie an den Trauben,
Den prallen Trauben an dem schwangern Weinstock.
Ich dank den Meistern, die mich Weisheit lehrten,
Ich betete zu dir, die Hände faltend,
Du tatest auf die Tür, ich schaute dich,
Sah deine Schönheit makellos und rein.
Ich habe deine Schönheit liebgewonnen
Und möchte dich zur Ehefrau gewinnen.
Du bist ja eine gute Ehefrau,
Denn wenn ich Reichtum will an guten Dingen,
Du bist ja Schöpferin der guten Dinge,
Und wenn ich Wissen will, geheimes Wissen,
Du kennst ja die Geheimnisse des Herrn,
Und wenn ich Kunst will, fromme Poesie,
Und wenn ich wirken will als Architekt,
Erzkünstlerin bist du und Gottes Wort,
Du bist fürwahr des Kosmos Architektin,
Als Gottes Wort bist du die Göttin Sprache,
Und such ich Tugend, Kraft und Frömmigkeit,
Du spendest Klugheit, Keuschheit, Maß und Kraft
Und die Gerechtigkeit, die gilt vor Gott,
Du offenbarst den Glauben an den Herrn,
Du schenkst die Hoffnung auf das Paradies,
Die Gottesliebe und die Nächstenliebe
Sind dein Geschenk, du Vielgeliebte Gottes!
Die Frauenliebe sonst beschert Verdruß
Und üblen Überdruß an Weibertorheit,
Die Frauenliebe sonst beschert viel Trübsal,
Viel Kummer, Schwermut, Pein und Qual und Leiden
Und bitterliche Schmerzen in dem Herzen,
Die eheliche Liebe zu Sophia
Beschert Glückseligkeit im Geiste Gottes
Und Süßigkeit und Wonne, Lust an Gott!
Und so beschließe ich in dieser Nacht,
Dich als geheimnisvolle Ehefrau
Als Ehemann Sophias heimzuführen.
Was sagt zu dem Gebet das Wort des Herrn?

(Salomo schlägt die Schriftrolle der Propheten auf und liest:)

Ich will mich dir verloben, spricht der Herr!

FÜNFTE SZENE

(Salomo und Bilkis im Palastgarten.)


BILKIS
Ist nicht die schwarze Erde unsre Mutter?
Von Mutter Erde sind gemacht die Menschen,
Im Tod sie kehren in den Schoß der Erde,
Sie ruhen in dem Mutterschoß der Erde.
Soll ich die Erde nicht als Göttin lieben,
Die Muttergöttin mit den breiten Brüsten?
Und siehe die Erhabenheit der Bäume,
Sie streben zu dem Himmel voller Kraft,
Sie sind ja selbst Symbol der Gotteskraft,
Die Säulen, die den Himmel und die Erde
Vereinen in geheimnisvoller Hochzeit.
Soll ich die Bäume nicht als Mittler ehren,
Als Lebensgeister voll vitaler Kraft?
Ja, sie sind Geister, die ich oft umarme!
Und schau die weiße Sonne an dem Himmel!
Stammt nicht vom Kosmos alle Energie?
Die Energie der Strahlen kommt von oben,
Und Mond und Sterne in des Kosmos Ordnung
Regieren die Geschicke aller Menschen.
Die Sonne ist ein Gott der Energie!
Doch über Mutter Erde, Vater Sonne,
Und über Mond und Meer und Berg und Baum
Die Eine Gottheit waltet, Große Mutter
Ist sie, die Große Göttin der Natur!
SALOMO
Ein Dummkopf ist, wer eine Marmorgöttin
Anbetet, denn die schönste Marmorgöttin,
Die ich gesehen, hatte keine Arme.
Meinst du, man könnte an der Marmorgöttin
So schön geformten Brüsten kindlich saugen?
Schon klüger scheinen mir die Menschen, Frau,
Die in der Herrlichkeit der Erde und
Der Herrlichkeit des Himmels Götter denken.
Groß ist die Herrlichkeit der Mutter Erde
Und wundervoll die Herrlichkeit des Himmels!
Doch sollten solche klugen Menschen auch
Bedenken, wer die Herrlichkeit geschaffen!
Mein Kind, schau diese schöne Frühlingsblume,
Du siehst die Schönheit wohl mit deinen Augen,
Doch denk in deiner menschlichen Vernunft,
Daß Gott die Schönheit dieser Blume schuf.
Kann solche Schönheit wie der Rose Schönheit
Von einem Schöpfer kommen, der nicht schön wär?
Ist nicht der Schöpfer solcher Schöpfung schöner
Als alle Schönheit seiner Schöpfung? Gott
Ist Ursprung aller Schönheit, klare Quelle
Der Schönheit, alle Schönheit ist in Gott,
Die Schönheit der Bilkis und die der Rose
Hervorgehn aus der Gottheit der Urschönheit:
Jehowah ist Urgottheit der Urschönheit!
DRITTER AKT

ERSTE SZENE

(Salomo und Bilkis vor der Weinschenke. Es weht die rote Fahne der Liebe mit dem goldenen
Morgenstern.)

SALOMO
Bilkis, komm in die Schenke meiner Liebe!
Wir wollen trinken, denn berauschend ist
Die Liebe wie der Schaumwein in der Schenke!
BILKIS
Ist dies die Schenke, da du dich berauschst?
Ist dies die dunkle Höhle deiner Liebe?
SALOMO
Es ist die feuchte Grotte meiner Tränen!
Hier rauscht der Quell, der inspiriert den Dichter!
BILKIS
Ach, Schaumwein inspiriert den Dichter Gottes?
Ich dächte, inspirierend sei der Geist?
SALOMO
Der Geist verkörpert sich im Geistgetränk,
Die Wahrheit inkarniert sich in dem Wein.
Komm zu dem feuchten Sakrament der Liebe!
BILKIS
Hier darf ich saugen an den prallen Trauben,
Die baumeln an dem Rebzweig schwangern Weinstocks!
SALOMO
Wie fruchtbar ist der Weinberg meiner Liebe!
Ein Liebeslied vom Weinberg will ich singen!
Die Liebe ist die Fruchtbarkeit des Weinbergs,
Sie lässt den Weinstock seine Reben breiten
Und lässt die Reben tragen pralle Trauben
Und lässt die Trauben schwanger sein mit Blut
Und in dem roten Blute wohnt die Seele
Und in der Seele glüht die trunkne Liebe!
BILKIS
So küsse mich mit weinbenetzten Lippen!
Denn trinken will ich nicht den Wein aus Bechern,
Viel lieber leck ich ihn von deinen Lippen
Und sauge roten Wein von deinem Mund!
SALOMO
O, deine Brüste sind wie pralle Trauben,
Draus sauge ich den edlen Wein der Liebe!
Dein Becken aber gleicht dem breiten Becher
Mit Mischwein der Vereinigung in Liebe!
BILKIS
Und wie der Wein sich mischt mit meinem Blut
Und wie der Wein sich mischt mit deinem Blut,
Sind wir vereint wie Trauben an dem Weinstock
Und leben von dem Lebenssaft des Weinstocks!
SALOMO
Gott macht ein Zelt für uns in seinem Weinberg,
Da saugen wir an Gottes Mutterbrüsten
Die Milch der Liebe und den Wein der Weisheit!

ZWEITE SZENE

(Abenddämmerung. Im Garten an dem Gartenteich.)

SALOMO
O dreimal heilig, Mutter Afrikas,
Die Welt ist voll von deiner Herrlichkeit!
BILKIS
O dreimal heilig, König Israels,
Dein Ruhm erfüllt die Nachwelt aller Zeiten!
SALOMO
Lob deiner Schönheit, Königin der Nacht,
Wie groß ist meine Liebe doch zu dir!
BILKIS
Wie schön du bist, du Liebling der Astarte,
Wie heiß ist mein Verlangen doch nach dir!
SALOMO
Geliebte, meine Liebe ist gewaltig
Und ewigwährend wie die Pyramiden,
Die Liebe löschen nicht Jahrhunderte!
BILKIS
Geliebter, meine Liebe ist wie Zedern,
Ist stärke als der Elemente Götter!
SALOMO
Die Knaben kommen von der Erde Enden,
Die Labsal deiner Schönheit aufzusaugen!
BILKIS
Die Weisen kommen aus dem fernen Osten,
An deiner Weisheit Wein sich zu betrinken!
SALOMO
Die feinen Hände meiner Vielgeliebten
Sind Spenderinnen schöner Gnadengaben!
BILKIS
Und deine Feuerarme, mein Geliebter,
Umrauschen mich wie wilde Meeresbrandung
Und deine Stimme gleicht dem freien Wind!
SALOMO
Ich sah der Hathor Tempel in Ägypten,
Der Schönheit Göttin war dein Ebenbild!
BILKIS
Die Zedern, die du malst in deine Fahne,
Und die Zypressen von Elischa sind
Dein Haus, in dem du wohnst, der Tempel Gottes!
SALOMO
Wie schön ist deine Liebe, Vielgeliebte,
Wie hoffe ich auf deiner Liebeswonne
Ekstase in dem Akt der Ewigkeit!
BILKIS
Wie lieb ich deine Großmut, mein Geliebter,
Wie schön sind deine herrlichen Geschenke!
BILKIS
Geliebte, du bist wie ein Jungfraunacker,
Da blühen Keuschheits-Lilien, Liebes-Rosen
Und Königs-Zedern, Königin-Zypressen!

DRITTE SZENE

(Nacht. Gassen von Jerusalem. Salomo allein.)

SALOMO
O Nacht der Schwermut auf Jerusalem,
Schwarzafrika ist schwarz, die Nacht ist schwarz,
Mein Haar ist schwarz, mein Blut ist schwarz, und schwarz
Das Universum drückt mich schwer hernieder.
Es ist im schwarzen All ein schwarzes Loch,
Das saugt mich ein, das Loch der Traurigkeit.
Für meine Traurigkeit gibt es kein Maß
Auf Gottes Waage der Gerechtigkeit.
Wohin denn fließen all die Trauertränen,
Die ich geweint schon hab in meinem Leben?
Ob meine Trauertränen Sterne werden,
Ob meine Trauertränen Perlen werden
Im Diadem der Himmelskönigin?
Und meiner Augen ungeweinte Tränen,
Die stummen Trauertränen meines Herzens,
Wer zählt sie, sammelt sie in einen Schlauch?
Ist denn in meinem Inneren ein See,
In dem die ungeweinten Tränen warten?
Und hat das Schicksal mir vorherbestimmt,
Wieviele Tränen ich noch weinen muß?
Und darf ich schweben erst ins lichte Jenseits,
Wenn ich die Tränen alle ausgeweint?
Doch was sind denn die Tränen meiner Augen
Und meiner Augen Tau aus Salz und Wasser,
Verglichen mit den Tränen meines Herzens,
Mein Herz weint Trauertränen, die aus Blut sind,
Mein Herz ist voller Kummer, voller Trauer,
Weil niemand meine schöne Liebe will!
Ich sterbe einen Tod aus Traurigkeit,
Nur schlafen möchte ich in Ewigkeit!
Wen in der Götter Himmel soll ich rufen,
Wer hört mich in den Ordnungen der Götter?
Serapis wollt ich rufen! Ach, ein Weiser
Hat mich gelehrt, Serapis sei kein Gott,
Serapis sei der Sarah Enkelsohn,
Milchweißer Sarah Lieblingsenkel Josef,
Den einst Ägyptenland zum Gott verklärt!
Serapis-Josef, tröste Salomo,
Laß mich in deinem Becher Zukunft schauen!

(Die Morgenröte erscheint im Orient.)

Jehowah, Auferstehung von den Toten!


Ich schau die Jungfraungöttin Morgenröte,
Die Mädchengöttin makelloser Schönheit,
Die Offenbarung ewigjunger Hoffnung,
Gott in Gestalt der reinsten Mädchenschönheit!

VIERTE SZENE

(Salomo und Bilkis Hand in Hand vor dem Libanonwaldhaus, da Mutter Bathseba wohnt, eine
Dame mit grauem Haar und der würdigen Schönheit einer frommen Greisin.)

SALOMO
Bilkis, komm mit zur Hütte meiner Mutter,
Der Mutter Segen ist der Segen Gottes.
Bilkis, weißt du auch, was ein Jude ist?
Ein Jude, das ist einer Jüdin Sohn.
Bilkis, und weißt du, was die Bibel ist?
Die Bibel ist wie eine greise Mutter,
Die ihrem Enkelkind erzählt von Gott.
Weißt du, wie ich den ersten Psalm gelernt?
Nicht David lehrte mich den ersten Psalm,
Nicht Nathan lehrte mich den ersten Psalm,
Bathseba lehrte mich den ersten Psalm!
Bilkis, weißt du, wie ich zum Dichter wurde?
Als Kind sang ich ein Lied für meine Mutter,
So wurde ich zum Liebesdichter Gottes.
Bilkis, komm mit in meiner Mutter Haus,
Denn meiner Mutter Haus ist Gottes Tempel.
BILKIS
Wird sie mich akzeptieren, wie ich bin,
Wird sie Respekt erweisen einer Schwarzen,
Wird sie die Heidentochter herzlich lieben?
SALOMO
Hab Mut, sei ohne Furcht und sei getrost,
Groß ist die Mutterliebe der Bathseba!

(Sie treten ein.)

Heil Mutter, Königin von Israel!


BATHSEBA
Mein Sohn! Wie schön zu hören deine Stimme!
Was ist dein Wunsch und was ist dein Begehr?
SALOMO
O Mutter, sieh die Königin von Saba,
Ich bitte dich von Herzen: Segne sie!
BATHSEBA
O schöne schwarze Königin von Saba,
Ich sehe mit den Augen meines Herzens,
Du hast ein gutes Herz, du liebes Kind!
BILKIS
O Mutter Salomos, so segne mich!
BATHSEBA
Der Karmel ist ein Berg der Fruchtbarkeit,
Der Karmel ist ein Berg der Prophetie,
Der Karmel ist ein Berg der Nacht der Weisheit,
Der Karmel ist ein Berg der Liebeshochzeit!
Der Gott vom Berge Karmel segne dich
Mit Gottes Segnungen von Brust und Schoß!

FÜNFTE SZENE

(Salomo und Bilkis ruhen auf einem Diwan, im Hintergrund der Eingang zum Schlafgemach mit
einem verschleierten Bett.)

SALOMO
Das Blut des Mannes, der vor Liebe brennt,
Es kocht und pocht und gischtet wie das Meer
Und in der Meeresgischt des Mannesblutes
Der Same schäumt und in dem Samen rauscht
Als Schöpferin die Ruach ha kadosch,
Die Lebens Odem ist und Wind und Geist.
BILKIS
In Afrika die Weisen von Ägypten
Schaun an den gelben Nil, den großen Vater,
Er senkt sich nieder, schafft die Fruchtbarkeit.
So sagen unsre Lehrer, dass der Samen
Entsteht in dem Gehirn des Mannes oben
Und senkt hernieder sich ins Rückenmark
Und sammelt sich im liebsten Glied des Mannes.
Im Liebesakt die Frau liegt aber oben
Und aus dem liebsten Mannesglied empfängt
Die Frau, sie wird befruchtet durch den Mund,
Lenkt dann den Saft ins weibliche Gehirn
Und lenkt den Samen nieder in den Schoß.
SALOMO
In Alexandria die Weisen sagen,
Im Schoß des Weibes ist ein Eierstock.
BILKIS
Der Uterus der Frau hat sieben Kammern,
Drei rechts, drei links und eine in der Mitte.
Kommt nun der aufgeschäumte Mannessame
Im Schoße in die erste rechte Kammer,
Gebiert die Mutter heldenhafte Männer,
Kaufleute kommen aus der zweiten Kammer,
Poeten aus der dritten Kammer, nämlich
Dort wachsen melancholische Gelehrte.
Die mittlere der Kammern aber bringt
Hervor die androgynen Zwitterwesen.
Im Schoße in der ersten linken Kammer
Gebiert die Mutter starke Königinnen,
Hausfrauen in der zweiten linken Kammer,
Hetären in der dritten linken Kammer.
Hetären sind so schön wie Aphrodite
Und taugen nicht zur Hausfrau oder Mutter,
Geeignet sind sie für des Königs Harem.
SALOMO
Du bist nun eine starke Königin,
Ich wollt du wärst mir Mutter meines Sohnes
Und bist zugleich von venusgleicher Schönheit!
Komm, laß im Bett uns zeugen einen Sohn!

VIERTER AKT

ERSTE SZENE

(Die schwarze Königin von Saba mit einem schwarzen Baby an der nackten Brust. Salomo
streichelt des Kindes Haupt.)

BILKIS
Jetzt habe ich dir einen Sohn geboren.
SALOMO
O Sohn, gehaucht von Gottes Geist dein Geist,
Von Gott geatmet deine Engelsseele
Ins Fleisch im Augenblicke deiner Schöpfung,
Gott zeugte dich, Gott ist dein wahrer Vater,
Dein Himmelsvater in der Ewigkeit!
Gott gab in deine Seele Gottes Bild,
Dein Seelenfunke stammt vom Feuer Gottes,
Als Gott dich schuf, gab Gott in deine Seele
Ein kleines Fünklein Gott, so Gott von Gott
Und Licht vom Lichte ist dein Seelenfunke,
Du bist ein einzigartiges Geschöpf
Und sollst auf Erden Gottes Antlitz spiegeln
Auf eine Art und Weise wie kein andrer.
Die Allmacht Gottes schuf dich aus dem Nichts,
Die Weisheit Gottes wohnt in deiner Seele,
Die Liebe Gottes ist dein Lebensatem!
Die Allmacht Gottes schenk dir Lebenskraft,
Die Weisheit Gottes schenke dir Vernunft,
Die Liebe Gottes schenke dir die Freude!
Aus Gott gekommen bist du, Gottes Bild,
Gott lebt in dir, das Leben deines Lebens,
Du kehrst zurück zu Gott in Ewigkeit,
Aus Gnaden Gottes Gott in Gott zu sein!
BILKIS
O Salomo, o welch ein Vatersegen!
Ich aber spende ihm den Muttersegen:
Mein süßes Baby, süßer noch als Honig,
Schau ich dich an, so blüht mein Herz als Rose!
Empfange du am Handgelenk dies Perlenkettchen,
Denn alle heißen Tränen meiner Wehen
Geworden sind zu Perlen meiner Wonne,
So sollen alle diese bunten Perlen
Das Zeichen sein für Glück und Lust und Wonne!
Und wenn das Schicksal Schmerzen dir bestimmt,
Das Schicksal gebe mir die Schmerzen alle
Und mir allein die Perlenschnur der Tränen
Und schenke dir allein die süße Wonne
Und nichts als Perlen der Glückseligkeit!
Die Gottheit schenkte mir dich liebes Kind,
Ich will mein Kind der lieben Gottheit schenken,
Der Liebe, die wie eine Mutter liebt!

ZWEITE SZENE

(Salomo im Thron empfängt den Propheten Nathan im Kamelhaarmantel.)

SALOMO
Was möchte mein Prophet von seinem König?
NATHAN
Ich möchte dir von einem Vater sagen,
Der König war im goldenen Palast
Und eine Tochter hatte. Die Prinzessin
War die Geliebteste des Vaterherzens
Und gleicher Königswürde wie der Vater.
Nun wollte dieser Vater die Prinzessin
Vermählen einem wunderschönen Jüngling
Und wollte so den schönen Jüngling adeln,
Einführen in den goldenen Palast,
Einswerden lassen mit des Vaters Tochter
Und Wohlgefallen finden bei dem Vater.
Auch die Prinzessin liebte diesen Jüngling
Und schenkte ihm verheißungsvolles Lächeln
Und lud ihn ein zu Traubenblut und Brot.
Der schöne Jüngling aber voller Wollust
Sich wandte von der herrlichen Prinzessin
Und als Verlobter der Prinzessin ging
Der wüste Sünder in das Hurenhaus
Und hurte mit den Huren, Satans Töchtern.
Was soll geschehen mit dem wüsten Jüngling?
SALOMO
Barmherzig ist der Vater in dem Himmel,
Er rufe diesen Jüngling, umzukehren,
Den Huren, Satans Töchtern, abzuschwören,
In Buße umzukehren zur Prinzessin,
Auf seinen Lippen Worte seiner Buße,
In seinen Händen Opfer seiner Liebe,
Dann bitte er um Gnade die Prinzessin!
NATHAN
Du selber bist der wunderschöne Jüngling,
Sophia ist des Vaters Eingeborne,
Die Königin von Saba ist die Hure.
SALOMO
Ah weh mir, weh mir! Doch ich lieb sie sehr!
Geworden ist sie Mutter meines Sohnes!
Mein Sohn soll König werden Israels!
NATHAN
Ein Heide auf dem Thron des Sohnes Davids?
Nun nenne ich dir deines Gottes Willen:
Schick fort die Königin und ihren Sohn!
SALOMO
Ah weh mir, Gott mein Vater in dem Himmel,
Nimm mir die schwarze Königin von Saba,
Doch lass bei mir den Sohn nach meinem Herzen!
NATHAN
Gehorche Gott als Sklave Seines Willens!
SALOMO
Geschehe Gottes Wille! Weh mir, weh mir!

DRITTE SZENE

(Salomo, Bilkis und ihr Sohn.)

SALOMO
Bilkis, ich scheide nun von deiner Schönheit,
Du wunderschöne Labsal meiner Augen,
Das Schönste, was ich jemals sah auf Erden,
Die Augenlust und Welt und Fleischeslust
Und alle Frauenschönheit muß ich lassen,
Um Gottes dunkles Angesicht zu suchen,
Das finstre Licht der Majestät der Gottheit!
Wie schwer ist es, zu scheiden von dem Fleisch,
Wie schwer, zu lassen von der süßen Lust
Des Mannes an dem Leibe der Geliebten,
Um in der Finsternis des nackten Glaubens
Zu nahn der Gottheit über alle Gottheit!
BILKIS
Ich weiß, du liebtest mich, o Salomo,
Dein Blick von trunken-glühender Begierde
Hat meinen Körper in sich aufgesogen
Und so im Innern deiner Seele immer
Wird locken dich der Reiz der Weiblichkeit
Und meine Schönheit wird in deiner Seele
Dich locken in den Pfuhl der süßen Unzucht!
Du willst dich nahen deinem Gott und Herrn?
Ich werde auferstehn in deiner Seele
Und mit Erotik deinen Geist berauschen!
Du willst als reiner Geist zur Gottheit treten?
In Wollust wirst du meinem Fleisch versklavt!
SALOMO
Wenn du auch keinen Segen für mich hast,
Ich hab doch einen Segen für den Sohn!
MENELIK
O Schlomo, Schlomo! Laß mich nicht allein!
SALOMO
Du wirst ein Kaiser über Kaiser sein,
Wirst Afrika bereiten dem Messias!
Sohn Salomos und Enkel König Davids,
Von Gottes Gnaden wirst du Kaiser sein,
Schwarzafrika dem Menschensohne weihen!
O Menelik, o Menelik, mein Liebling,
Schau, ich vertraue dir die Lade an,
Die Lade unsres Bundes mit dem Herrn!
Bewahre allzeit in Schwarzafrika
Die Bundeslade unsres Herrn und Gottes
Und deine Majestät von Gottes Gnaden
Vertraue an der Bundeslade Gottes
Und weihe Afrika der Tochter Zion!

VIERTE SZENE

(Salomo auf dem Diwan, Wein trinkend. Mädchen seines Harems singen und tanzen Bauchtanz.)

SALOMO
Wer nicht mehr die Geliebte küssen kann,
Der küsst den Becher mit dem roten Wein!
Die Jungfrau Israel ist Gottes Weinberg,
Weingärtner ist der Ewige der Scharen,
Der Weinstock ist der heilige Messias,
Die Reben sind die Kinder des Messias,
Die Trauben sind der schönen Liebe Werke!
Was wisst ihr denn vom heiligen Messias?
Die Rabbis prophezeien den Messias,
Wenn der Messias kommt, dann strömt der Wein!
Dann in dem Friedensreiche des Messias
Die Trauben sind von solcher Größe, dass
Zwei Männer sie allein nicht tragen können!
Denkt doch an Kaleb, an den Sohn Jefunnes,
Und denkt an Josua, den Sohn des Nun,
Die Riesentrauben Kanaans getragen!
Den Kindern Israels verheißt die Gottheit
Das hochgelobte Land von Milch und Honig.
Den Gottessöhnen aber Gott verheißt
Das hochgelobte Land von Fleisch und Wein!
Ja, Fleisch begehre ich, das Fleisch, das Fleisch,
Fleisch will ich speisen, des Messias Fleisch!
Nicht Leviathans Fleisch, den großen Fisch,
Nein, speisen will ich des Messias Fleisch!
Doch trinken will ich des Messias Blut,
Das Traubenblut des trunkenen Messias!
O komm doch, dionysischer Messias,
Messias du der Tochter Israels
Und der Dionysos von Griechenland,
Komm, dionysischer Messias, komm,
Das Wasser frommer Reinigung verwandle
In Weinblut mystischer Ekstase!
Ja, trunkne Freude spendet der Messias,
Der trunkene Messias wird berauschen
Und seine wahre Religion wird Wahn sein,
Der Gotteswahn der wahren Religion,
Der Weisheit Wahn der wahren Philosophen,
Der Musenwahn der heiligen Poeten!
Dreifaltig ist der Wahn des Genius,
Der Künstler schaut im Wahn die nackte Schönheit,
Der Weise schaut im Wahn die wahre Weisheit,
Der Jünger schaut im Wahn das finstre Licht
Der überwesentlichen Übergottheit,
Der Liebe, Gottheit über alle Gottheit!

FÜNFTE SZENE

(Salomo und zwei Rabbis.)

SALOMO
Vergeblich ist das Leben auf der Erde,
Umsonst ist alles, was ich jemals trieb!
Ich baute einen Weinberg, einen Garten,
Dahin ist, was ich auf der Erde baute!
Ich liebte aller Menschensöhne Wonne,
Die Frau und einen Harem schöner Frauen,
Und alles war nur Putz und Eitelkeit!
Ich wandte mich zu Sang und Saitenspiel,
Da war nur Eitelkeit und Ruhm der Torheit!
Zur Weisheit wandt ich mich der Philosophen,
Der eine nennt die Seele reines Feuer,
Der andre nennt die Seele Tropfen Tau,
Das alles war vergebliches Studieren!
Ich suchte Weisheit, wie man eine Frau sucht,
Frau Weisheit aber blieb dem Sucher fern,
Wie unausforschlich ist der Grund der Welt
Und Gott Geheimnis der Geheimnisse!
Ach, da verdroß mich dieses Erdenleben,
Der Allerunvernünftigste bin ich,
Ein Wurm bin ich, ein Hund und eine Motte,
Bin Staub vom Staub und Asche von der Asche!
ERSTER RABBI
Du hast die melancholische Verzweiflung
Geschrieben in dem Buche Koheleth
Und deiner Weisheit ewiger Refrain
War nichts als: Alles sinnlos, alles sinnlos!
Und so vergiftest du die fromme Jugend!
Ja, sinnlos ist das Treiben auf der Erde,
Wenn nicht mehr bleibt als Leiden dieser Erde,
Dann ist das Dasein nur absurde Leere!
Doch schau das Leben an im Angesicht
Der Ewigkeit und sinnvoll wird das Ganze,
Die Tränen werden da zu Himmelsperlen,
Die Leiden werden da zum Troste Gottes!
ZWEITER RABBI
Du irrst dich, Salomo, so klug du bist,
Es ist nicht alles sinnlos auf der Erde!
Der Wein ist doch der Mutterschoß der Wahrheit,
Die inspirierenden Berauschungswonnen
Verzücken doch den Weisen schon auf Erden,
Und erst der Beutel! O mein Salomo,
Der vollgefüllte Beutel eines Mannes!
SALOMO
O Vanitas, du Eitelkeit der Welt!
O Venustas, du Herrlichkeit der Welt!

DIE TREUE-PRÜFUNG
FRAU
Ich liebe wahrlich meinen lieben Mann,
Er ist doch meines Herzens Ideal.
Am Anfang waren wir so sehr verliebt,
Doch denk ich nun, er hat mich nicht mehr lieb.
Auch schläft er nicht mehr bei mir in dem Bett,
Denn wenn er abends von der Arbeit kommt,
Dann zieht er sich zurück mit seinem Bier
Und schläft allein auf seinem Sofa ein.
Ich aber rase fast vor Eifersucht
Und denk, er hat bestimmt ein andres Weib,
Er schläft gewiß mit einer andern Frau.
Wie aber soll ich je das überprüfen?
Doch da kommt meine liebe Busenfreundin,
Ich sag ihr, was mir auf dem Herzen liegt.
FREUNDIN
Du, Schwester, schaust so traurig und betrübt.
FRAU
Ach Freundin, denken muß ich allezeit,
Daß mein Gemahl mit einer andern schläft,
Doch weiß ich nicht, wie ich das prüfen soll.
FREUNDIN
Da rufe du nur an das Gottesurteil.
FRAU
Was für ein Gottesurteil, liebe Schwester?
FREUNDIN
Du musst ein Eisen richtig glühend machen
Und schwören lassen deinen Ehegatten,
Ob er dir treu gewesen oder nicht,
Dann nehme er das Eisen in die Hand,
Und wenn er treu gewesen seiner Gattin,
Wird ihm das Eisen nicht die Hand verbrennen.
FRAU
Dann bitt ich dich, erhitze mir das Eisen,
Mein Ehemann kommt gleich von seiner Arbeit,
Dann soll das Gottesurteil ihn bewähren.

(Die Freundin ab. Die Frau lässt schwermütig den Kopf hängen. Der Mann tritt ein. Küsschen hier,
Küsschen da.)

MANN
Mein liebes Weib, was schaust du denn so traurig?
FRAU
Mein Mann, du hast mich gar nicht mehr so lieb,
Wie du am Anfang mich so lieb gehabt.
Alleine muß ich schlafen in dem Bett,
Du sitzt allein beim Bier in deiner Kammer.
Ein Küsschen hier, ein Küsschen da, mein Mann,
Das ist mir nicht genug an Leidenschaft!
Doch weil du nicht mehr lieb zu deiner Frau bist,
Darum ist meine Liebe auch erloschen.
Ich glaube ganz gewiß, du gehst mir fremd
Und schläfst mit einem andern Weibe heimlich.
MANN
Ach liebes Weib, was bist du eifersüchtig!
Was plagst du mich mit deiner Eifersucht!
Nach jungen schönen Frauen schau ich nicht,
Ich schwörs bei den Gebeinen meines Vaters.
FRAU
Mann, schwören mit der Zunge ist zu leicht,
Da weiß ich nicht, ob du die Wahrheit sprichst.
MANN
Ach Frau, versteh mich doch, ich bin so müde
Allein von meinem langen Arbeitstag,
Und all die Mühen meiner schweren Arbeit
Und all die Sorgen um das liebe Geld,
Da schläft die Liebe ein. Mehr ist es nicht.
FRAU
Du kannst mir viel erzählen, lieber Mann,
Ich aber will die reine Wahrheit kennen
Und prüfen dich mit einem Gottesurteil.
Du nimm ein heißes Eisen in die Hand,
Und bist du treu, verbrennst du nicht die Hand.
MANN
So hol das Eisen nur zum Gottesurteil.
FRAU
Die liebe Freundin macht das Eisen heiß,
Ich gehe jetzt und hol das heiße Eisen.
(Frau ab. Mann allein, spricht leise mit sich selbst.)
MANN
Ich nehme diese Hölzer in die Hand,
Ganz heimlich. Heb ich dann das Eisen auf,
Verbrennt das Holz, doch nimmer meine Hand.

(Die Frau und die Freundin kommen zurück, das glühende Eisen auf einer Schale tragend.)

MANN
Gegrüßet seist du, liebe Busenfreundin,
Dein guter Rat war wohl das Gottesurteil?
FRAU
Nicht lang herumgeredet, lieber Mann,
Da liegt das heiße Eisen, heb es auf,
Dann sehe ich, ob du die Wahrheit sprichst.

(Mann hebt das glühende Eisen auf. Nach einer kleinen Weile legt er es lächelnd wieder auf die
Schale. Heimlich lässt er die Hölzer fallen.)

FRAU
Zeig deine beiden Hände, lieber Mann.
Ja, ist das möglich? Beide unverbrannt!
Nun weiß ich, lieber Mann, dass du mir treu bist.
FREUNDIN
Dann ist ja alles gut, geliebte Freundin,
Wie gut doch, dass du mich um Rat gefragt.
MANN
Nun, Busenfreundin, ist an dir die Reihe,
Heb du das heiße Eisen auf, bezeuge,
Daß deinem Manne du stets treu gewesen.
FREUNDIN
Wo denkst du hin? Ich, meinem Manne treu?
Der Gatte schafft das liebe Geld heran
Und holt von dem Gemüsemarkt das Essen
Und bringt die lieben Kinder in das Bett.
Doch kenn ich einen Kerl – das ist ein Kerl!
Ein Meister in der Liebeskunst des Bettes!
Mit dem vergnüg ich mich im Ehebruch.
MANN
Dann, liebe Frau und eheliche Gattin,
Nimm du das heiße Eisen in die Hand,
Bezeuge, dass du mir stets treu gewesen.
FRAU
Was sprichst du da? Du kennst doch meine Tugend,
Du weißt, Gemahl, dass ich ein guter Mensch bin,
Daß ich die Heiligkeit der Ehe ehre
Und glaube an bedingungslose Treue,
Die treue Liebe, bis der Tod uns scheidet.
MANN
Der Geist ist willig, doch das Fleisch ist schwach.
Nimm nur das heiße Eisen in die Hand.
FRAU
Zuvor, Gemahl, muß ich dir was gestehen:
Der Priester der Marienkirche kam
Zu mir am Nachmittag zu Tee und Kuchen
Und gab mir dabei Glaubensunterricht.
Ich aber hatte solche Rückenschmerzen,
Da bot er an, die Hände aufzulegen.
Der Priester also legte mir die Hände auf
Und streichelte den schmerzensreichen Rücken
Und streichelte die schmerzensreiche Schulter,
Die schmerzensreiche nackte Schulter küssend.
MANN
Bei meiner Liebe, Frau, dir sei vergeben.
Nimm aber nun zur Hand das heiße Eisen.
FRAU
Nur einen Augenblick Geduld, mein Mann!
Der Priester der Marienkirche küsste
Die nackte Schulter, küsste dann den Hals,
Umschlang dann leidenschaftlich meine Hüfte
Und drückte seinen Leib an meinen Leib.
MANN
Bei meiner Liebe, Frau, dir sei vergeben.
Nun aber nimm zur Hand das heiße Eisen.
FRAU
Mein Mann, doch höre erst noch das Geständnis,
Daß nun der Priester der Marienkirche
Anbetend kniete hin vor mir und sprach,
Er kann das Zölibat nicht mehr ertragen
Und wollte lieben mich in dieser Zeit
Und lieben mich in aller Ewigkeit!
Er nahm mich leidenschaftlich in die Arme
Und drückte seine Brust an meine Brüste!
MANN
Bei meiner Liebe, Frau, dir sei vergeben,
Nun aber nimm zur Hand das heiße Eisen.
FRAU
Gleich, lieber Mann, doch höre erst mich an!
Der Priester der Marienkirche kniete
Vor mir anbetend, legte dann sein Haupt
In meinen Schoß, als wolle er zurück
In seiner Mutter Schoß, und streichelte
Liebkosend glühend meine straffen Schenkel!
MANN
Ist das nun alles, Frau, was zu gestehen?
Nimm endlich in die Hand das heiße Eisen,
Wenn mehr nicht war, dann will ich dir vergeben,
Bezeuge nun, dass du mir treu geblieben.

(Die Frau nimmt das glühende Eisen und lässt es schreiend fallen.)

FREUNDIN
Laß sehen, meine liebe Busenfreundin.
Schau an, die Hände beide sind verbrannt!
Du selbst bist schuld, du armer Ehegatte,
Vergib nur deiner liebsten Ehegattin
Und schlafe wieder nachts bei ihr im Bett!
Nun zelebriert die ehelichen Pflichten...

DIE GOTTES-EHE

ERSTE SZENE

CHRISTUS
Jehowah, eine Braut hab ich erwählt,
Die ich von ganzem Herzen lieben will
Und will in ihrem Mutterschoße zeugen
Und Kinder mit ihr haben, viele Kinder!
JEHOWAH
Mein Sohn, wer ist die Braut, die du erwählt?
CHRISTUS
Schau zu der Erde, dort ist meine Braut,
Die Schwarze Eva hab ich auserwählt.
JEHOWAH
Die Schwarze Eva ist doch eine Heidin!
Kann der Messias Israels erwählen
Zur Ehegattin eine Heidentochter?
Wie oft hab ich durch die Propheten doch
Gewarnt die Söhne Israels vor Frauen
Aus andern Völkern, vor den Heidentöchtern,
Wie haben die Propheten doch gewettert,
Misch-Ehen aufzulösen zwischen Töchtern
Der Heiden und den Söhnen Israels!
Und diese Schwarze Eva? Schau sie an,
Wie schwarz ihr Haar ist, schwarz wie Rabenflügel,
Wie braun ihr Antlitz, wie verbrannt von Sonne,
Wie schwarz das Kleid ist, damit sie sich kleidet!
Schau dort die Florentinerin, die Dame,
Ganz weiß ist sie, ganz vornehm ihre Blässe,
Wie licht die rötlichenblonden Lockenfluten,
Wie edel ihr Gewand aus Gold und Purpur,
Die Florentinerin erwähl zur Braut!
SANKT MICHAEL
Jehowah, allerhöchster Herr und Gott,
Die Schwarze Eva ist zwar schwarz, doch schön!
Schau doch die Bildung ihres Körpers an,
Ein Engel wollt umarmen ihre Hüfte!
Schau an der Schwarzen Eva breites Becken,
Der Inbegriff der Fruchtbarkeit ist dies,
Wieviele Kinder könnte sie gebären!
Und nähren könnte sie die Kinder auch,
Betrachte nur die Pracht der vollen Brüste,
Wie wölben fruchtbar sich die Mutterbrüste
Und drücken sich die Spitzen ihrer Brüste
Liebreizend durch ihr Brusttuch, träufeln Milch,
Sie quellen über schon von Muttermilch,
Von Milch des Trostes für die Söhne Christi!
JEHOWAH
Mein Sohn, ich habe dir bereits gesagt,
Daß schwarz die Schwarze Eva, schwarz und bräunlich.
Schau doch die Florentiner Dame an,
Wie schlank ihr weißer Leib, wie lilienschlank,
So schlank und lang wie weißer Lilie Stengel,
Wie schlank die Beine und wie schlank die Arme,
Wie sie mit rötlichblonden Lockenfluten
Die wohlgeformten festen Brüste deckt,
Die kleinen Brüste, die jungfräulich straffen,
Die weißen Brüstchen ohne Muttermal!
SANKT MICHAEL
Jehowah, allerhöchster Herr und Gott,
Schau dir der Schwarzen Eva Antlitz an,
Schau dir die Stirn an, die gedankenreiche,
Die Form der Nase, die charaktervolle,
Schau dir die Augen an, die Abendsterne,
Die schauen in sich, schauen Unsichtbares,
Schau dir die schöngewölbten Wangen an,
Die glühen purpurrot vor Scham der Liebe,
Schau dir die Lippen an, den vollen Mund,
Wer möchte diesen vollen Mund nicht küssen?
Und ist ihr Lächeln nicht bezaubernd, Gott?
Ihr Lächeln schon mach selig ihren Freier!
Schau auch die Ohren an, die Muschelohren,
Die nichts so gerne wie die Weisheit hören,
Schau dir die Zähne an, die strahlendweißen,
Wie Perlenschnüre oder Elfenbein,
Dann kehre wieder zu den süßen Lippen
Und lieber noch als diesen Mund zu küssen
Willst du der Lippen Plaudern immer hören.
Denn wenn sie spricht, so redet eine Seele!
Sie liebt die allgemeine Menschenliebe,
Der Demut Inbegriff ist ihre Seele,
Die Seele ist erfüllt von süßer Sanftmut,
Barmherzig ist die Seele, allverzeihend,
Verstehend ist die Seele, klug und weise,
Sie liebt die eheliche Treue sehr
Und sucht mit Herzen und Verstand die Wahrheit.
Wenn dich das Wunder ihres Angesichts
Noch nicht betört, das Wunder ihrer Seele
Betört dich sicher, Herr, mein Gott und Schöpfer!
JEHOWAH
Mein Sohn, nun bin ich überzeugt und lobe
Die Schwarze Eva, Inbegriff der Anmut,
Voll Liebreiz, Lieblichkeit und süßem Charme.
Berauschend ist die Schönheit ihres Körpers,
Verehrungswürdig ist ihr Angesicht
Und Gottes Heiligtum die schöne Seele!
Geh hin, mein Sohn, und freie deine Braut,
Beschenke sie mit meinen Brautgeschenken,
Du schenke ihr bedingungslose Liebe
Und die Erleuchtung durch das Licht der Weisheit
Und Initiation in das Geheimnis
Der Kraft der schöpferischen Weisheit Gottes.
Schenk ihr Erlösung, seelische Befreiung,
Schenk ihr ein fleischern Herz voll schöner Liebe,
Erwähle sie zur Braut, intimen Braut,
Und wohne bei der Schwarzen Eva, Christus!

ZWEITE SZENE

DER KÖNIG
Ich will für meinen vielgeliebten Sohn
Gewinnen eine Frau zur Ehefrau.
Soviel ich aber schaue in der Welt
Mich unter Frauen um, ich finde keine
Geeignete Gemahlin meinem Sohn.
Die eine hält den Sohn für nichts als Fleisch;
Die findet, dass sie größer ist als er;
Die nennt ihn zwar, doch denkt an einen andern;
Die will nur Fleischeslust und nicht die Treue;
Die hält den Königssohn für einen Teufel;
Die meint, er ist von einem fremden Volk;
Die denkt, er sei nicht weltgewandt genug;
Die will den Prinzen nur als Diener haben.
Ach wehe, wehe über alle Weiber!
Ist nicht noch eine liebe Frau auf Erden?
Ich will aus meinem himmlischen Palast
Hernieder auf die Erde steigen, um
Zu schaun nach einer Gattin für den Prinzen.
Dort! Jene Frau gefällt mir übermaßen!
Wer bist du, o du wundervolle Frau?
DIE FRAU
Ich bin ein Nichts! Ich bin nur Staub vom Staube!
Mein Vater selig war ein armer Sklave
Und meine Mutter lebt als ärmste Witwe,
Ich aber bin die Sklavin eines Sklaven!
DER KÖNIG
Du allerärmste Sklavin eines Sklaven,
Du Nichts, ich bin der König aller Welt,
Ich möchte mit dir reden, hör gut zu.
Ich bin der gute Vater in dem Himmel
Und tröste auch wie eine liebe Mutter.
Mein ist das Reich, die Macht, die Herrlichkeit
Und du sollst mir geliebte Tochter sein.
DIE FRAU
Es sind ja nicht so sehr die Worte, die
Du sprichst und die ich oftmals schon gehört,
Doch dass du selber mit mir sprichst, o König,
Daß du es bist, der mit mir redet, Vater-
Und Mutterliebe, Herr in deiner Herrschaft,
Und dass ich Sklavin höre, wie du sprichst,
Daß ich begreif, dass du lebendig bist,
Herr, dass du lebst, o Vater, und mich liebst,
Das macht mich nun so unaussprechlich glücklich,
Ich könnte tanzen wie die Himmelsengel,
Umarmen möchte ich die ganze Welt
Und aller Kreatur verkünden glücklich
Und lachend, glücklich lachend: Gott ist Liebe!
DER KÖNIG
Nun kennst du mich, den Vater in dem Himmel,
Nun werde Ehefrau des Königssohnes!
Denn wer zum König will ins Himmelreich,
Den Weg muß gehen mit dem Königssohn.
Du sollst des Königssohns Geliebte sein!
DIE FRAU
Ich habe jetzt erkannt in meinem Nichts:
Der König in dem Himmel ist die Wahrheit,
Der Sohn des Königs ist der Weg zur Wahrheit,
Der Weg zur Wahrheit aber ist die Liebe.
DER KÖNIG
Nun schließ die Augen, schaue meinen Sohn!
DIE FRAU
Am hellen Tag träum ich den schönsten Traum
Und sehe mich im Innern meiner Seele,
Im Brautgemach der Seele, in dem Bett,
Und bei mir ist der schöne Königssohn,
Entkleidet mich und küsst mich auf den Mund
Und liebt mich ehelich als Ehemann!
Geheimer Mystik Sexualität...
Wie zärtlich liebte mich der Königssohn
Und wie geborgen ruhte ich bei ihm.
DIE SCHLANGE
Erlösung durch die Sexualität,
Erleuchtung durch die Sexualität
Will ich dich lehren und Geheimnisse,
Den urgeheimnisvollen Königssohn
Der Urmysterien des Altertums,
Urweisheit von dem Anbeginn der Zeit,
Die Urmaterie, welche älter ist
Als Geist, die schwarze Mutter lehr ich dich,
Den schwarzen Schatten vor der weißen Sonne,
Dein Schicksal deut ich nach dem Sternenstand
Und lehre dich Magie, geheime Heilkunst
Und Tastsinn für den Kräftestrom der Erde.
DIE FRAU
Du Schlange bist ja ein Symbol der Weisheit,
Der Urmaterie Urmysterien
Und die Geheimnisse astralen Schicksals
Will ich erforschen und die Energie
Der großen, schwarzen, alten Mutter Erde.
Was ist den Vater, Reich des Himmels, Geist?
Ich will der Mutter Erde Energie!
Das Buch des Königs und des Königssohns
Will ich nicht lesen, sondern Karten lesen
Und lesen im geheimen Buch der Sterne,
Wie oft mein Geist sich schon verkörperte
Und nach dem Tode wieder sich verkörpert.
DIE SCHLANGE
Lies nicht das Buch und bete nicht zum Engel!
DIE FRAU
Wie wird mir? Wo ich geh und stehe, immer
Geschieht ein Unfall nach dem andern mir,
Dämonen stellen mir sich in den Weg
Und wollen mich wie Räder überrollen
Und mir mein Leben rauben! Todesangst
Und Grauen überfallen meine Seele!
Mir auf dem nackten Busen sitzt die Spinne!
Die Angst, der Ekel ist wie eine Hölle!
DER KÖNIGSSOHN
Ich bin der Freier meiner lieben Braut,
Im Traum war ich ihr einmal angetraut,
In mystischer Erotik Liebesakt
Der Freier nackt und die Geliebte nackt!
Ich bin der Freier meiner lieben Frau,
Ich wandele zu ihr durchs Himmelsblau
Und liebe, ob mein Herz auch bricht und stirbt,
Kein Freier so um eine Freundin wirbt!
Durchbohren laß ich mir das liebe Herz
Vom Liebespfeil, durchbohren mir vom Schmerz,
Verglühe meinen Geist in Liebesglut
Und weine heiße Tränen, rot wie Blut!
Mein Herz so sehr vor Frauenliebe flammt,
Doch fühlt mein Herz sich in die Nacht verdammt!
Kein Wort der Liebe höre ich, kein Wort,
Kein eheliches Ja, es ist wie Mord!
Unendlich tödlich ist die Traurigkeit,
Aus dem Verdammungsspruch des Schicksals schreit
Mein Herz verzweifelt, stark vom Tod bedrängt,
Ich habe mich im Geist schon aufgehängt!
Ach, dass sich meine heißgeliebte Braut
Nicht mir, sich einem andern angetraut,
Nicht meine Lippen küsst ihr süßer Mund,
Mit mir nicht schließt sie treuer Liebe Bund!
Von Ewigkeit zu Ewigkeit umwirbt
Mein Herz die Braut, selbst wenn mein Körper stirbt,
Unsterblich bleibt Verliebter doch mein Geist,
Vom Jenseits noch die Freundin an sich reißt!
Jetzt hänge ich mich auf an diesem Baum,
Zu schön ist meine Braut, zu schön der Traum
Vom Liebesakt, doch meine Braut zu stolz,
Jetzt sterb ich aufgehängt an diesem Holz!
Doch noch vom Baume streck ich aus den Arm,
Die Freundin zu umarmen liebeswarm,
Zu pressen ihre Brust an meine Brust!
Als Toter noch begehr ich sie zur Lust!

ZWEI HERRINNEN

SAPIENTIA
Ich, Sapientia, bin Caritas!
CARITAS
Ich, Caritas, bin Sapientia!
POET
Maria sprach zu mir in einer Nacht:
Nie rede schlecht du von der Caritas.
Was heißt denn Caritas, was heißt mir das,
Als Seelenkindern väterlich zu sein,
Ein Mann zu sein mit einem Mutterherzen?
CARITAS
Denkst du noch an mein herrliches Gemälde,
Wie mich ein Maler aus der Renaissance-Zeit
Gemalt? Da war ich eine Frau und Mutter,
Madonna ähnlich, Ähnlich Aphrodite,
Die Mutter ich von göttlicher Natur,
Der Gottheit drei Personen wie drei Kinder,
Drei nackte Gotteskinder, Amoretti,
So schautest du im Bild die Caritas.
POET
O Sapientia und Caritas,
Sankt Hildegard von Bingen sah euch beide,
Zwei Namen ihr für unsre Eine Gottheit.
CARITAS
Aktives Leben hab ich dich gelehrt.
SAPIENTIA
Ich aber lehrte dich zu kontemplieren.
CARITAS
Ich bin die Mutter deiner Seelensöhne.
SAPIENTIA
Du schautest mich in deiner Minnedame.
Du schautest mich auch an in der Ikone
Von Nowgorod, da Hagia Sophia
Der Engel Gottes ist, der feminine,
Zur rechten Seite steht die Muttergottes,
Zur linken Seite steht Johannes Täufer,
Der Christus aber steigt aus meinem Haupt,
Denn ich bin Mensch geworden im Messias!
Doch über der Sophia Jesu Christi
Die Engel heiligen die liebe Bibel.
CARITAS
Ich lehrte dich, aktiv wie Martha sein.
SAPIENTIA
Maria von Bethanien wies ich dir,
Die lauschte müßig nur der Weisheit Jesu.
CARITAS
Ich lehrte fruchtbar dich zu sein wie Lea
Und mütterlich zu sein den Söhnen Gottes.
SAPIENTIA
Ich lehrte dich wie Rahel schön zu schauen,
Zu schauen mit den eingekehrten Augen.
CARITAS
Doch Liebe ohne Weisheit, was ist das?
Das ist nur Weltlichkeit und Aktionismus,
Vor Liebe kommt der Mensch nicht mehr zum Beten.
SAPIENTIA
Doch Weisheit ohne Liebe, was ist das?
Die Weisheit bleibt platonische Idee,
Ein Ideal gedachter Himmelreiche,
Und ist nicht inkarniert auf Gottes Erde.
CARITAS
Ich sprach: Tu deine Arbeit nur für Gott.
SAPIENTIA
Ich sagte immer: Bete, bete, bete.
CARITAS
Ich sprach: Kreis nicht um deine eignen Leiden,
Kreis um die Leiden Gottes in der Welt
Und tröste Christus den Gekreuzigten,
Indem du tröstest arme Gotteskinder.
Du diene Gott, indem du Menschen dienst,
Du leide Christi Kreuzesleiden mit
Und kämpfe in der Welt für Gottes Reich.
SAPIENTIA
Ich sprach zu dir: Du lebe still verborgen,
Verkannt von Menschen, unbekannt der Welt,
Gesellschaft lauer Christen meide gern,
Gern meid die Toren, gern die Sünder meide,
Sei gern allein mit Gott, mit dem All-Einen.
CARITAS
Ich lehrte aber dich die Worte Jesu,
Daß jeder Mensch im Weltgericht gerichtet
Wird von der Liebe nach dem Maß der Liebe,
Denn Jesus Christus spricht als Weltenrichter:
Was ihr den Armen tut, das tut ihr mir!
SAPIENTIA
Ich lehrte dich die Weisheit Salomos,
Der sich Frau Weisheit auserkor zur Braut,
Der von Frau Weisheit Ewigkeit empfängt,
Des guten Namens ewiglichen Nachruhm
Und die Unsterblichkeit der reinen Seele.
CARITAS
Ich unterwies dich in dem Liebesweg
Teresas, dieser Mutter von Kalkutta,
Bonhoeffer wies ich dir, den Marterzeugen
Der Liebe Jesu Christi zu der Welt,
Papst Benedikt auch lehrte dich die Liebe.
SAPIENTIA
Ich schenkte dir das goldne Buch der Weisheit
Grignions, die Ganzhingabe an Maria,
Das mystische Verlöbnis mit der Weisheit,
Die Lehre Heinrich Seuses lehrt ich dich,
Zum Studium ich gab dir Solowjew,
Geheime Freundin war ihm die Sophia.
CARITAS
Ich unterwies dich auch in Kung Fu Tse,
Der lehrte Liebe in Familienbanden,
Des Vaters Liebe zu dem Erstgebornen,
Ich lehrte allgemeine Menschenliebe
Dich, wie Mo Di sie einst gelehrt in China.
SAPIENTIA
Ich lehrte dich die Weisheit Lao Tse’s,
Denn Mutter Tao ist die Gottesweisheit,
Und lehrte dich die Mystik Tschuang Tse’s,
Das Ich ganz hinzugeben an das Tao,
Frau Weisheit, die All-Seele der Natur.
CARITAS
Den Griechen war ich Göttin Aphrodite.
SAPIENTIA
Und ich war die blauäugichte Athene.
CARITAS
Ich sprach zu dir: Die Weisheit ist die Liebe.
SAPIENTIA
Frau Weisheit ist die große Liebe Gottes,
Des Schöpfers Liebe zur geliebten Schöpfung,
Die Wollust der Vereinigung des Herrn,
Des Schöpfers, mit der Gattiin, seiner Schöpfung.
CARITAS
Du liebtest Salomonis Hohes Lied,
Es ist der inspirierte Sang der Liebe.
SAPIENTIA
Frau Weisheit ist in Wahrheit Sulamith,
Frau Weisheit ist die wahre Schwester-Braut,
Frau Weisheit ist die unbefleckte Freundin.
CARITAS
Ich bin die Liebe Gottes für den Weisen.
SAPIENTIA
Ich bin die Weisheit, die den Weisen liebt.
CARITAS
Frau Liebe pries die Magdeburger Mechthild
Mich oft, Frau Liebe, Königin der Seele.
SAPIENTIA
Frau Weisheit pries die Magdeburger Mechthild
Mich oft, die Jungfrau, die da kommt von Gott.
CARITAS
Papst Benedikt schrieb einmal: Gott ist Liebe!
Die Proztestanten der Marienkirche
Berlins zur Weihnacht priesen Jesus Christus
Als den Gesandten der allschönen Liebe,
Der pries die Liebe als den schönsten Weg
Der Gottheit, als der Gottheit höchstes Wesen.
POET
O Mutter Caritas, was ist denn Liebe?
Die Liebe? Sie bereitet mir nur Schmerzen,
Ich liebte stets und wurde nie geliebt,
Die Mutter meines Leibes liebt mich nicht,
Mich liebten nie die vielgeliebten Frauen.
CARITAS
Großmutterliebe hast du doch erfahren,
Geliebt wirst du von reinen Kinderseelen,
Geliebt bist du von Unsrer Lieben Frau!
POET
Wie soll ich an die Liebe Gottes glauben,
Der ich so wenig Liebe von den Menschen
Erfahren? Meine Seele ist verletzt,
Gekränkt, mein Herz ist krank von Liebeskummer.
Die Frau, die ich in meiner Torheit liebe,
Die will auch nicht die Liebe meines Herzens,
Will nur die Weisheit meiner Nachtgedanken.
Erklär mir Liebe, Mutter Caritas!
CARITAS
Im Abendland ist Liebe eine Arbeit,
Im Morgenland Beschaffenheit des Herzens.
Du liebe Gott mit deinem wunden Herzen,
Dann geh und tu nur was du eben willst.
Du liebe Gott, so liebst du Gottes Liebe,
Wo Liebe ist, ist Gottes Gegenwart.
POET
Gott, bei den kleinen Kindern meiner Seele,
Da habe reine Liebe ich gefunden,
Herr, in der Kirche fand ich keine Liebe!
CARITAS
Ich bin die Große Mutter Caritas,
Ich lieb mit einem vollen Mutterherzen
Die vielgeliebten Menschenkinder alle!
SAPIENTIA
Ich gab dir für die lieben kleinen Kinder
Die Pädagogik Gottes, die Erziehung
Im Geist der Weisheit voller Menschenliebe.
CARITAS
Ich rufe dich bei deinem Kosenamen,
Mit dem dich deine lieben Kinder rufen.
SAPIENTIA
Beim Namen deiner Taufe ruf ich dich,
Du bist mir König, Priester und Prophet,
Gesalbter Gottes durch den Geist des Herrn!
CARITAS
Ich schenkte dir das Buch der Oden Sapphos,
Die Eine Gottheit, die sie angebetet,
Und die besungen sie in schönsten Oden,
War Aphrodite, war der Liebe Gottheit.
SAPIENTIA
Ich schenkte dir Homeros’ Odyssee,
Die Eine Gottheit, die den Dulder führte,
Sie, die Odysseus in die Heimat führte,
Frau Weisheit wars, blauäugichte Athene!
POET
Der Archetyp des kleinen Gotteskindes,
Der Archetyp des Gottes als ein Kind,
Mit welchem Namen rufe ich das Gott-Kind?
CARITAS
Der Hymnus „Caritas et Amor Dei“
Gibt dir die Antwort : Mutter Caritas
Dir offenbart den Herrn als Amor Gottes,
Messias Jesus ist der junge Eros!
SAPIENTIA
Die Weisheit war als Liebling bei dem Herrn,
Des Ewigvaters Liebling in dem Himmel
Ist Weisheit, Hätschelkind und Pflegekind!
CARITAS
Der Liebe diene! Aber was ist Liebe?
Agape ist bedingungslose Liebe,
Erotik ist die Liebe des Begehrens,
Philia ist die fromme Freundschaftsliebe,
Du weihe dich der göttlichen Agape!
SAPIENTIA
Der Weisheit diene, doch der wahren Weisheit!
Denn da ist die dämonische Sophia,
Da ist die kosmische Sophia auch,
Da ist die irdische Sophia auch,
Fleisch, Welt und Teufel, das ist falsche Weisheit.
Du diene nur der himmlischen Sophia,
Du dien allein Urania Sophia!
CARITAS
Maria in Italien ist erschienen
Und nannte sich die Königin der Liebe.
SAPIENTIA
Maria ist in Deutschland auch erschienen,
Dort preist man sie als Mutter wahrer Weisheit.
CARITAS
Poet, wenn du mit Engelszungen singst,
Poet, in schönen Menschenzungen singst,
Doch keine Liebe in dem Herzen trägst,
Bist du das Lärmen einer Narrenschelle.
Selbst wenn du allen wahren Glauben hättest
Und die Geheimnisse der Gottheit wüsstest,
In Zungen betest und prophetisch lehrst,
Ist ohne Liebe alles gar nichts wert!
Die Zungenrede wird verstummen einst,
Die Prophetie wird einmal auch vergehen,
Auch alle mystischen Erkenntnisse
Sind nur ein Schatten vor der lichten Wahrheit.
Es bleiben nur der Glaube und die Hoffnung
Und Liebe! Und die Liebe ist die größte!
SAPIENTIA
Sophia ist ein unbefleckter Spiegel
Der Allmacht und ein Glanz vom Glanze Gottes,
Sie ist die makellose Kraft der Allmacht
Und reiner Strahl des Herrn der Ewigkeit,
Sophia ist die Königin des All,
Sie herrscht von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Sophia geht in reine Seelen ein
Und macht sie zu Propheten, Gottesfreunden.
Es liebt der Herr doch niemanden so sehr
Wie den, der liebend bei Sophia wohnt.
POET
Ich habe deine Schönheit liebgewonnen
Und suchte dich als Gattin zu gewinnen,
Mit dir die Ehe bringt mir keine Schmerzen
Und keinen Missmut, sondern Glück und Wonne!
SAPIENTIA
Ich lehrte dich den Platonismus, die
Erotik Diotimas, Platons Eros,
Den Diotima Sokrates gelehrt,
Die Weisheit der platonischen Erotik
Ist Weg zum Ideal der Schönen Liebe.
Der Philosoph (ich meine deinen Platon),
Er lehrt die Weisheit und die weise Liebe,
Urania, die Aphrodite Gottes!
Der Eros, wie ihn Diotima lehrt,
Der Weisheit Priesterin, der Mittler Eros
Ist Liebe, die hinansteigt zu der Gottheit.
CARITAS
Die Liebe, die das Evangelium
Verkündet, die Agape Gottes ist
Die Liebe, die hinabsteigt von der Gottheit
Und wendet sich barmherzig zu den Menschen.
Papst Benedikt verkündet Caritas
Als Gottes Liebe, die sich frei verschenkt
Und die hinabsteigt von dem Schöpfer zum
Geschöpf, die Liebe, die herniedersteigt.
Der Papst verkündet eine Einigung
Mit Gott nicht durch des Menschen Aufstiegs-Mystik,
Dies auch, doch tiefer ist die Einigung,
Wenn Gottes Liebe sich im Sakrament
Verschenkt und eucharistisch in das Fleisch
Der Kreatur sich liebevoll versenkt!
SAPIENTIA
Die Weisheit aber kennt die Liebe auch,
Sophias Liebe zu dem Philosophen
Ist Liebe Sulamiths zu Salomo.
Sophias Liebe zu dem Ewigen
Ist Liebe wie des Hohenliedes Liebe.
Die sophianische Erotik ist
Die Mystik der geheimen Weisheits-Ehe
Mit aller salomonischen Erotik.
Sophia kennt die göttliche Agape,
Sophia mit der göttlichen Agape
Den Weisen liebt, Sophias Bräutigam,
Sophia liebt mit göttlicher Agape
Und auch mit sophianischer Erotik
Den Weisen, Hagia Sophias Gatten!
CARITAS
Maria ist als Fraue aller Völker
In Amsterdam erschienen und sie sprach
Zu Deutschlands Christen eins nur: Caritas...!
POET
Die Kirche, ist sie eine Suppenküche?
Der Mensch, er lebt doch nicht vom Brot allein.
Ich ging wohl auch den Weg der Caritas
Und diente Jesus Christus in den Kranken.
Man wird nur ausgenützt von Egoisten,
Wird ausgebeutet von den Satanisten,
Und doch bekehren sich die Narren nie,
Verstockte Sünder, Steine ihre Herzen!
CARITAS
Einst Jesus zu Faustyna sprach, der Schwester:
Sei du Barmherzigkeit für alle Menschen,
Barmherzig sei du selbst zu jenen noch,
Die kommen, deine Güte auszunützen.
POET
Swoll ich ein Sklave denn von Narren sein?
Der Sklavendienst vor gottvergessnen Narren,
Die Geißel Gottes schien es mir zu sein,
Weil beinah ich von Christus abgefallen
Und Knecht geworden wär der Heidengöttin.
Als ich mich aber zu dem Herrn bekehrt,
Nahm Gott der Gottvergessnen Rute fort,
Zerbrach den Stock des Treibers, führte mich
Zur Weisheit in die Freiheit meines Geistes.
SAPIENTIA
Gib nicht der Caritas die Schuld, mein Sohn,
Für deiner Seele Schwächen, konntest du
Doch Nein nie sagen zur Begier der Sünder
Und liebtest Sünder mehr noch als dich selbst
Und schufst den Gottvergessnen eine Heimat,
Vergaßest, dir zu schaffen eine Heimat.
Laß dich bestimmen nicht von andern Menschen,
Laß dich beherrschen nicht von Gottvergessnen.
In aller Demut achte du dich selbst,
Sei gut zu dir, in Demut vor dem Herrn
Demütig sei, doch achte du dich selber,
Sei zu dir selbst wie eine liebe Mutter.
POET
Als Knecht der Caritas war ich so friedlos,
War oft in Zorn geraten und in Rage,
Als Sohn Sophias hab ich Seelenfrieden.
SAPIENTIA
So lehrte deine Freundin Edith Stein,
Folgst du allein der göttlichen Berufung,
Ist deine Seele innerlich voll Frieden.
Läßt du von andern Menschen dich bestimmen
Und folgst nicht einzig der Berufung nur,
Ereilt dich Missmut, Ärger, Übellaune.
POET
Auch Petrus sprach dereinst zur Urgemeinde:
Apostel sollen dienen nur am Wort,
Die Diakone sollen Arme pflegen.
SAPIENTIA
Doch nun sing Lob der Mutter Caritas,
Die Gottheit selbst, die Mutter Caritas,
Sie bete an im Geist und in der Weisheit!
POET
Maria einmal sprach in Medjugorje:
Weiht euch der Liebe, nicht der menschlichen
Verliebtheit, weiht euch nur der Liebe Gottes!
Ich sprach zum Priester einmal: Aphrodite
Ist immer noch in meinem Herzen. Aber
Der Priester sprach: Gott ist die Schöne Liebe!
Die Lehre der platonischen Erotik
Mich führte zur Idee der Schönen Liebe!
Frau Liebe ist ja Heilig Geist, die Gottheit,
Die Ur-Form der Geschöpfe ist die Liebe,
Frau Liebe, die Mitschöpferin der Schöpfung!
Frau Liebe ist die Ehegattin Gottes,
Wie mich Sankt Hildegard von Bingen lehrte,
Das Mädchen Liebe ist die Braut des Herrn!
So sah ich einmal sonntags Gottes Schöpfung
Erstrahlen in der Herrlichkeit des Herrn
Und schaute einen goldnen Weg des Lichts
Im offnen Himmel bis zum Throne Gottes,
Im Weißen Thron sah ich die Schöne Liebe!
Ich sah die Schöne Liebe! Hallelujah!
CARITAS
Ich bin das Makellose Mädchen Minne!
POET
Die Liebe ist verletzt! Die Dichterin
Sprach einst: Die Liebe, die ihr blind zertratet,
Die Liebe ist doch Gottes Ebenbild!
Maria rief doch auf zur Caritas,
Maria aber sprach auch über Frankreich:
Was hab ich alles nicht getan für Frankreich,
Doch wollte Frankreich sich bekehren nicht,
Ach, armes Frankreich, du wirst leiden müssen!
Die Liebe ward verachtet, ward benutzt,
Die Liebe ward benutzt vom Egoismus,
Verhöhnt, man wollte nicht die Liebe hören,
Sie wollten nähren sich von Gottes Volk
Und dankten dennoch nicht der Liebe Gottes.
CARITAS
Ich – trotzdem – bin die Unbefleckte Liebe!
Ich nämlich bin die Makellose Minne!
POET
Ach, Minne, Minne! Weh der Minneschmerzen!
Der Eros Christi wurde zwear genossen,
Doch als der Eros Christi Jüngerschat
Und Glauben forderte von den Geliebten,
Da ward der Eros Christi abgewiesen,
Sie spielten ja nur mit dem Eros Christi,
Sie liebten alle nicht den Eros Christi,
Sie liebten alle selbstverliebt sich selber!
Es wollte keine Seele sich bekehren
Von Fleischeslust und Weltlichkeit und Teufeln,
Verschmäht ward Gottes große Leidenschaft!
CARITAS
Ich dennoch bin die Leidenschaft des Herrn,
Ich, leidenschaftliche Geliebte Gottes,
Die Gottheit, die dich leidenschaftlich liebt!
POET
Ich bete an die Macht der Schönen Liebe!
SAPIENTIA
Nun schenke mir dein Herz, Geliebter, Sohn,
Ich bin ganz dein in der Sophien-Ehe!

PETRAS MYSTISCHE VERLOBUNG


ERSTE SZENE

(Am fünfundzwanzigsten März begibt sich Petra, eine Kerze in der Hand, in die Kapelle, der
heiligen Messe beizuwohnen. Der Priester trägt einen weißen Mantel. Nach der heiligen Messe
wendet sich der Priester an Petra.)
PRIESTER
O Petra, was begehrst du von dem Herrn?
PETRA
Die herzliche Barmherzigkeit des Herrn,
Die religiöse Armut der Geweihten
Und die Gemeinschaft meiner lieben Schwestern.
PRIESTER
Wer arm im Geiste ist und nur von Gott
Verlangt die guten Gaben seiner Gnade
Und nichts als Bettlerin vor Jesus ist
Und voller Demut wie Maria ist
Und voller Sanftmut wie Maria ist,
Der wird von Gottes Angesicht gesegnet.
O liebe Petra, bist du fest entschlossen,
Bis zu dem ersten Tode auszuharren
Im Orden deiner Seele, Gott geweiht?
PETRA
Im Orden meiner Seele, Gott geweiht,
Will bleiben ich bis zu dem ersten Tode,
Mit Gottes Hilfe, ja, und mit der Hilfe
Der lieben Schwestern aus Marien Orden.
PRIESTER
Gott, der dir gab den Anfang deines Glaubens,
Gott schenke dir Vollendung deiner Weisheit
Im Orden deiner innersten Natur,
Durch Jesus Christus, unsern Meister. Amen.

(Petra legt nun alle weltlichen Kleider ab. Während sie sich entkleidet, betet der Priester.)

PRIESTER
Nun lege ab der alten Eva Kleider,
Zieh aus den Mantel der Weltförmigkeit,
Zieh aus das Kleid des Pakts mit Luzifer,
Zieh aus das Unterkleid der Fleischeslust.
PETRA
Nun bin ich eine nackte Seele, Jesus,
Nun brenne ich in großer Gier der Liebe!

(Petra begibt sich in eine Kammer zu den Schwestern, die sie mit dem weißen Kleid der Heiligkeit
bekleiden. Die alte Mutter Äbtissin winkt einer Schwester, die den gekreuzigten Christus am
Kruzifix in der Hand hält. Die Schwester reicht Petra das Kruzifix. Petra küsst den gekreuzigten
Christus. Dann stellt Petra sich zwischen zwei Schwestern, die Kerzen in den Händen halten. Der
Chor der Schwestern singt die Hymne: O Domina gloriosa! Die alte Mutter Äbtissin nimmt Petra an
die Hand. Singend wandeln sie alle in die Kapelle.)

CHOR DER SCHWESTERN


Madonna, Domina voll Herrlichkeit,
Hoch thronend thronst du überm Universum!
Der dich erschuf in ewiger Vision,
Ihn nährtest du am Gottesmutterbusen!
Was Eva uns entzog in Traurigkeit –
Du schenkst es uns durch deine Leibesfrucht!
Als Himmelsfenster öffnest du den Weg
Vom Tal der Tränen zum astralen Saal,
Du bist des hohen Königs Eingangspforte,
Du bist des reinsten Lichtes Strahlenpforte.
O Völker, jauchzt dem Paradiese zu,
Dem Paradies, das uns erschloß Maria!
Dir, Herr, sei Lobpreis, Ruhm und Herrlichkeit,
Der du geboren wurdest von der Jungfrau,
Dem Vater Lobpreis, und dem Geist der Liebe
Sei Ruhm von Ewigkeit zu Ewigkeit!
PETRA
O bitte du für mich, o Gottes Mutter,
Und mach du mich des Paradieses würdig,
Das mir verheißen hat der Neue Adam!
PRIESTER
O Gott, der du den auserwählten Orden
Der Demut und der Armut in dem Geist
Geschmückt hast mit der Herrlichkeit Mariens
Und Wunder wirktest zur Verteidigung
Der Gottgeweihten, schenke uns die Gnade,
Daß wir durch Ihre Hilfe gegenwärtig
Beschützt, getröstet und gesegnet werden,
Die wir Ihr Angedenken fromm verehren
In Ganzhingabe an Ihr reines Herz,
Und dass wir nach dem Ende unsres Lebens
Im Paradies genießen dürfen selig
Die Wonne, Unsre Liebe Frau zu loben!

(Petra kniet nieder. Die alte Mutter Äbtissin steht neben ihr. Die Schwestern nehmen auf ihren
Plätzen Platz. Im Innern der Kapelle liegen Mantel und Gürtel.)

PRIESTER
Herr, Gott der Kräfte, kehre uns zu dir
Und offenbare uns dein Angesicht,
So werden wir das Paradies erreichen.
O Petra und o Schwestern, Gott sei mit euch!
PETRA & SCHWESTERN
Und Gott der Herr sei auch mit deinem Geist!
PRIESTER
Herr, Gott der Kräfte, flehend bitten wir
Und rufen deine sanfte Milde an:
Der Reichtum deiner Allbarmherzigkeit
Purgiere diese deine Dienerin
Von allem alten Sauerteig und mache
Sie ganz bereit, das Neue zu empfangen
In Jesus Christus, unserm Meister. Amen.
SCHWESTERN
Gelobt sei Gott in Jesus Christus, Amen!
PRIESTER
O Gott der Allbarmherzigkeit, o Vater
Voll mütterlicher Allbarmherzigkeit,
Der Böses wunderbar zum Guten wendet
Und seine Gnade oft durch Sünder spendet,
Wir flehn zu deiner grenzenlosen Güte:
Es möge deiner kleinen Dienerin
Nicht Schaden bringen, dass sie Jesus folgt
Und dass zum Ruhm der hochgelobten Jungfrau
Sie nun die Weihe spricht der Gottgeweihten.
Vollziehe, Vater, durch der Weisheit Geist
Die Weihe, dir wir äußerlich vollziehen.
SCHWESTERN
Wir bitten Gott durch Jesus Christus, Amen.
PRIESTER
Herr Jesus Christus, Sohn des Ewigvaters,
Der du die sterbliche Natur der Menschheit
Im benedeiten Schoß der Jungfraumutter
Maria angelegt hast, der du kamest,
Die altgewordne Welt voll Schuld und Tod
Durch das Geheimnis der Inkarnation
In Liebe zu erneuern, Herr, wir flehen:
Durch die Gebete deiner reinen Mutter
Maria, der besonderen Matrone
Der Gottgeweihten im Marien-Orden,
Mög Petra, deine kleine Dienerin,
Erneuert werden in dem Sinn des Herzens,
Ausziehen möge sie die alte Eva,
Anziehen möge sie die neue Eva,
Maria nach dem Ebenbilde Gottes!
SCHWESTERN
Von Ewigkeit zu Ewigkeit, o Jesus,
Du lebst von Ewigkeit zu Ewigkeit!
PRIESTER
O Geist der Weisheit, der herabgekommen,
O Liebe, dich als Gott zu offenbaren,
Wir flehn zu deiner uferlosen Gnade:
Du wehst, o Atem Gottes, wo du willst,
Gewähre Petra, deiner Dienerin,
Die Inbrunst frommer Ganzhingabe, Hauch!
Durch das Gebet der allerreinsten Jungfrau
Bekehre Petra von der Eitelkeit
Der Welt, bekehre sie zur wahren Weisheit,
Und lasse eifern sie im Wettbewerb
Mit andern Gottgeweihten, Gott zu lieben
Und fromm zu sein in Demut, Sanftmut, Tugend,
In Brunst zu Gott und schwesterlicher Liebe
Zu allen Nächsten, allen Menschenkindern.
Das mögest du gewähren, Atem Gottes!
SCHWESTERN
Hauch, der du liebst mit Jesus und dem Vater!
(Der Priester tritt vor die in Demut vor Gott knieende Petra, sie einzukleiden mit dem Brautgewand
der Braut Jesu.)
PRIESTER
Dich Christus kleide mit der neuen Eva,
Die ganz als Gottes Ebenbild geschaffen,
In der Gerechtigkeit und Heiligkeit
Der wahren Weisheit, in dem Namen Gottes.

(Der Priester legt Petra den Charis-Gürtel um die Lenden.)


PRIESTER
Du gürtetest dich selbst in deiner Jugend
Und gingst den Weg, wohin du selber wolltest.
Nun, da du reif geworden bist, o Petra,
Wird Christus selbst dich gürten mit der Charis.
SCHWESTERN
In Gottes Namen: Allmacht, Weisheit, Liebe!
(Der Priester legt Petra den weißen Mantel um)
PRIESTER
Sie, die dem Lamme ohne Makel folgen,
Die gehn mit ihm in weißen Linnenkleidern.
Drum seien deine Kleider immer rein
Zum Zeichen deiner innerlichen Reinheit.
SCHWESTERN
Im Namen Gottes: Allmacht, Weisheit, Liebe!

(Der Priester taucht den Wedel in das Weihwasser-Becken und benetzt mit dem Segen der
Taufgnade Petra.)

PRIESTER
Gewähre, Gott, der kleinen Dienerin
Der Gottheit, Petra, deine schöne Gnade,
Daß sie als Jesu Jüngerin und Braut
Und als ein Glied im Corpus Mysticus
Vereinigt sei und bleibe Jesus Christus.

(Petra liegt prosterniert auf dem Gebetsteppich! Der Chor der Schwestern singt die Hymne an
Heilig Geist.)

CHOR DER SCHWESTERN


Komm, Atem Gottes, kehre bei uns ein,
Besuche du die Herzen deiner Kinder!
Erfülle alle uns mit deiner Charis,
Der Seelen schuf, du schöpferischer Hauch!
Du wirst genannt die tiefste Seelentröstung,
Vom allerhöchsten Gott das Charisma,
Du Lebensbrunnen, Liebe, Lichtglanz, Weißglut,
Des Geistes Salbung, höchstes Gut der Schönheit!
O Schatz des Herzens, Licht in sieben Farben,
O Finger Gottes, der uns führt den Weg,
Geschenk der Liebesglut vom Ewigvater,
Du, der du uns in Zungen reden lässt,
Entzünde in uns deine Glut der Liebe,
Gieß deine schöne Liebe uns ins Herz!
Stärk unsre Körper in der Sterblichkeit
Mit deiner Grünkraft voller Energie!
Vertreibe du die Feinde unsrer Seelen,
Bewahre uns in deiner Seelenruhe!
Du führe uns zu deinem schönen Lichtglanz,
Bewahre uns vor schwerer Schuld und Schwermut!
Gib, dass den Ewigvater wir erkennen,
Daß wir erkennen Jesus, unsern Meister,
Und dass als Hauch des Vaters und des Sohnes
Wir immer glauben an die Glut der Liebe!
Dem Ewigvater Ruhm im weißen Thron
Und Jesus, unserm auferstandnen Meister,
Und auch dem Trost, dem Atem Gottes, Ruhm
An diesem Tag und in der Ewigkeit!
EINE SCHWESTER
Barmherzigkeit, o Meister Jesus Christus,
Barmherzigkeit, o Heiland Jesus Christus,
Und gib uns deinen Frieden, Jesus Christus!
PRIESTER
O Pater Noster! Vater, führe uns,
Daß wir nicht den Versuchungen erliegen,
Erlös uns alle von der Macht des Bösen,
Befreie alle uns von allen Übeln!
Gebiete, Gott, in deiner starken Kraft
Und schütz die Gnade in der Seele Petras,
Schenk Heil und Heilung deiner Dienerin,
O Gott der Liebe, du bist ihre Hoffnung,
Sei ihr, o Herr, ein Davidsturm der Stärke
Und schütz sie vor dem Angesicht des Feindes,
Nicht soll der Bösewicht sie überwinden,
Der Sohn des Unheils soll ihr niemals schaden!
O Gottesmutter, bitte du für Petra,
Auf dass sie würdig wird des Paradieses!
Herr, höre mein Gebet für Petras Heil!
SCHWESTERN
Es komme unser Ruf zu deinen Ohren.
PRIESTER
Der Vater der Barmherzigkeit sei mit euch!
SCHWESTERN
Des Herrn Erbarmen sei mit deinem Geist!
PRIESTER
Gott, der die Herzen deiner Frommen du
Gelehrt durch die Erleuchtung deines Geistes,
Gib Petra in dem selben Geist der Weisheit
Geschmack am Guten, Trost an deiner Liebe,
Bewahre Petra allezeit im Frieden
Und schütz sie durch Maria vor den Feinden!
SCHWESTERN
Wir beten an die Macht der Schönen Liebe!
PRIESTER
Barmherziger Gebieter, lieber Vater,
Der Wohlgefallen hat an allem Guten,
Die Ohren deiner väterlichen Güte
Du öffne nun den Bitten deiner Kinder,
Verteidige die fromme Seele Petras,
Bekleidet mit dem Kleid der neuen Eva,
Vor aller Eitelkeit und Weltlichkeit
Und allen Hemmnissen der Erde schütze
Die Seele Petras und vor der Begierde
Und schenke ihr in deiner großen Huld,
Daß sie Vergebung ihrer Schuld erlange,
In die Gemeinschaft deiner Auserwählten
Von deiner Gnade aufgenommen werde.
SCHWESTERN
Wir beten an die Macht der Schönen Liebe!
PRIESTER
O Gott, wir bitten dich, wir flehn dich an,
In deiner Liebe Huld gewähre Petra,
Daß sie durcheilt die Rennbahn dieses Lebens
In deinem Dienst als deine Kämpferin,
Am Ende ihrer Bahn den Kranz erlangt,
Den Lorbeerkranz des Ruhmes ihres Sieges.
Du inspiriertest sie, o Geist von Gott,
Daß sie begehrte, ein Marienkind
Zu sein im Orden der Marienkinder.
So möge sie erlangen auch den Lohn
In der Gemeinschaft der Glückseligen,
Den Lohn der Liebe ihres Meisters Jesus!

(Der Priester taucht wieder den Wedel in das Weihwasser-Becken und besprengt Petra dreimal mit
geweihtem Naß. Sie erhebt sich und nimmt die brennende Kerze in die Hand. Der alten Mutter
Äbtissin küsst sie die Wangen. Sie umarmt ihre Schwestern.)

PETRA
Geliebte, bittet Gott für meine Seele!
CHOR DER SCHWESTERN
Schau, gut und lieblich ist es, wenn Geschwister
Zusammenwohnen. Das ist wie die Salbe
Auf Aarons Haupt, die fließt in seinen Bart,
Die Salbe trieft herab auf Aarons Bart,
Die Salbe trieft herab auf Aarons Mantel.
Das ist wie Tau vom Hermon, der herabströmt
Und strömt zum Gottesberg der Tochter Zion.
Denn so hat Gott den Segen uns gespendet.
Maria führe uns ins Paradies!
PRIESTER
Ruhm sei dem Vater der Barmherzigkeit
Und seinem eingebornen Sohn Messias
Und beider Liebe, Einer großen Gottheit!
SCHWESTERN
So wie es war im Anbeginn der Zeit,
So sei es nun und alle Ewigkeit!
PETRA
Ja, Amen! In dem Namen Gottes, Amen!

ZWEITE SZENE

(Über der Kapelle steht das Motto von San Juan de la Cruz: Mein einziger Beruf ist fortan nur mehr
lieben! – Die Schwestern in langen Kleidern, verschleiert, halten Kerzen in den Händen. Sie singen
die Hymne an Heilig Geist.)
CHOR DER SCHWESTERN
Komm, schöpferischer Hauch, und suche heim
Die Herzen deiner Kinder, fülle sie
Mit Gnade aus dem hohen Himmelreich,
Erfülle sie, der du die Seelen hauchtest,
Du, dessen Name unser Beistand ist,
Du bist der allerhöchsten Gottheit Gabe,
Des Lebens Quelle und die Glut des Feuers,
Die Liebe und die Salbung für das Haupt.
Als Licht in sieben Farben bist du Spende,
Ein Finger bist du an der Hand des Höchsten,
Zu unserm Trost und unserm Heil verheißen,
Der du den Zungen Worte gibst und Lieder,
Entzünde du in unsern Sinnen Licht
Und gieße Liebe uns ins Herz hinein!
Der leiblichen Gebrechlichkeit gib Kraft
Mit deiner Kraft, denn du bist Gottes Kraft.
Vertreibe weit die Feinde unsrer Seelen
Und gib in unsrer Zeit den Menschen Frieden.
Geh du voran als weise Führungskraft,
Dann werden wir von Feinden nicht gefangen.
Vom Schöpfergott gib du uns die Erleuchtung
Und lehre den Messias uns erkennen
Und lehr uns glauben an die Schöne Liebe!
Dem Schöpfer Herrlichkeit in Ewigkeit,
Dem Heiland Lob und Preis und Dank und Weisheit
Und beider Schönen Liebe Lobpreis! Amen.
PRIESTER
O Gottheit, sende aus die gute Geistkraft,
Erschaffen werden alle Kreaturen,
Erneuert wird das Angesicht der Erde.
O Gottheit, heile deine Tochter Petra,
O Gottheit, sei du allzeit ihre Hoffnung!
Herr, höre mein Gebet um Petras Heil
Und laß mein Rufen zu dir kommen, Herr.
Der Herr sei mit euch, vielgeliebte Schwestern!
SCHWESTERN
Der Herr sei mit dir, hochverehrter Priester!
PRIESTER
O Gott, der du die Herzen deiner Frommen
Erleuchtest durch Erleuchtungen des Geistes,
Gib Petra, dass sie in dem Geist der Liebe
Erkennt in Liebe alles wahrhaft Gute
Und immer sich der Liebe Trost erfreue!
Das bitten wir durch Jesus, deinen Liebling.

(Der Priester legt ein anderes Gewand an, um nun Petras Schleier zu segnen.)

PRIESTER
Sei unsre Hilfe in dem Namen Jahwe,
Der Er gemacht das ganze Universum,
Den Himmel und die Erde und das Meer.
Erweise uns, o Gott, dein Allerbarmen!
Gott, schenke jedem Menschenkind das Heil!
O Gott der Kräfte, ziehe uns zu dir
Und offenbare uns dein Angesicht,
Dann werden wir geheilt und Heil erlangen.
Der Herr sei mit euch, vielgeliebte Schwestern!
SCHWESTERN
Der Herr sei mit dir, hochverehrter Priester!
PRIESTER
O Jesus, der du in der Welt erwählt
Vor allem unsre Armut, Demut, Sanftmut, Güte,
Du kamst herab und riefst zu dir die Sünder
Und hast die Frommen liebend angenommen.
Ich flehe jetzt zu deinem Allerbarmen:
O Jesus, segne diesen Schleier Petras
Und gib, daß die, die ihn mit Liebe trägt,
Einst trägt das weiße Linnenkleid des Himmels
Im himmlischen Jerusalem vor dir!

(Der Priester taucht den Wedel in das Weihwasser-Becken und benetzt den Schleier Petras mit
segnenden Tropfen.)

VORSÄNGERIN
Ich liebe Jesus Christus, Gottes Liebling!
CHOR DER SCHWESTERN
In dessen Brautgemach ich eingetreten.
O, seine Mutter ist die reinste Jungfrau,
Sein Vater aber kennt kein Eheweib.
Wenn ich ihn liebe, bin ich keusche Jungfrau,
Und wenn ich ihn berühre, reine Jungfrau,
Und wenn ich ihn empfange, bin ich Braut!
VORSÄNGERIN
Mit seinem Ringe band er mich an sich
Und mit Geschmeide schmückte er sein Liebchen.
CHOR DER SCHWESTERN
Wenn ich ihn liebe, bin ich keusche Jungfrau,
Und wenn ich ihn berühre, reine Jungfrau,
Und wenn ich ihn empfange, bin ich Braut!
PRIESTER
Komm, Christi Braut, empfange deine Krone,
Der Schönheit Krone für das Paradies,
Die Christus dir geformt vor aller Zeit.
CHOR DER SCHWESTERN
Erhöre dich der Herr am Tag der Trübsal,
Es schütze dich der Name Zebaoth!
Gott sende Hilfe dir vom Heiligtum,
Er schütze dich vom Berg der Tochter Zion.
Er denke stets an alle deine Opfer,
Das reiche Opfer deiner Ganzhingabe!
Er gebe dir, was dein Gemüt begehrt,
Verleihe Stärke allen deinen Plänen.
Wir freuen uns an deinem Seelenheil!
Im Namen Gottes werden wir erhoben.
Der Herr erfülle alle deine Bitten.
Jetzt weiß ich, dass der Herr die Seinen führt.
Er höre dich von seinem Himmelreich,
In seiner Rechten ruht dein Seelenheil.
Die halten Wagen, jene aber Rosse
Für das Begehrenswerteste, ich aber
Begehr vor allem Gottes schöne Liebe!

(Petra steht in der Mitte des Chores der Schwestern. Sie singt allein, während sie den Schleier
empfängt.)

PETRA
O nimm mich an, mein vielgeliebter Jesus!
Ich werde leben, ja, ich werde leben
Und blühen wie die Lilie auf dem Feld!
Laß mein Begehren nicht vergebens sein!
(Der Priester legt Petra den Schleier über das lange schwarze Haar.)
PRIESTER
Empfange nun den Schleier, Jesu Braut,
Und trage ihn vorm Richterstuhl der Liebe,
Auf dass du ewig lebst im Paradies!
(Petra kehrt vom Priester zurück in die Mitte des Chores.)
PETRA
Er drückte mir sein Siegel auf die Stirn.
CHOR DER SCHWESTERN
Kein andrer sei mir Bräutigam als Jesus!
PRIESTER
Es segne dich der Schöpfer, Petra, Amen.
Es segne dich der Retter, der herabkam
Und nahm auf sich dein Leiden, Petra, Amen.
Es segne dich die ewigschöne Liebe
In der Gestalt der Taube, Petra, Amen.

(Die verschleierte Petra prosterniert sich in der Mitte des Chores der Schwestern. Der Chor singt zur
Orgel das Tedeum.)

CHOR DER SCHWESTERN

(Te deum laudamus vom Heiligen Ambrosius von Milan.)

Dich, Große Gottheit, loben wir,


Dich, Gott den Herrn, bekennen wir,
Dir, Ewigvater, Schöpfergott,
Die Mutter Erde singt dir Lob!

Dir rufen alle Engel zu,


Neun Chöre ihrer Hierarchie,
Die Cherubim und Seraphim,
Sie preisen dich, Herr Zebaoth!
Der Himmel und die Erde sind
Erfüllt von deiner Herrlichkeit.
Apostel rühmt dich und Prophet
Und Märtyrer im weißen Kleid.

Dich feiert die Ecclesia,


Bekennt des Vaters Herrlichkeit,
Den eingebornen Gottessohn,
Den liebevollen Tröstergeist.

Der Christus, Herr der Herrlichkeit,


Des Vaters eingeborner Sohn,
Der einging in der Jungfrau Schoß,
Erlöst das menschliche Geschlecht.

Dem Tode nahmst den Stachel du,


Den Frommen schließt du auf das Reich,
Du thronst auf Gottes weißem Thron,
Als Richter kommst du wieder bald!

Komm du zu Hilfe deiner Schar,


Die du erlöst mit deinem Blut,
Dein Erbe segne, mach sie heil
Und führ sie in die Ewigkeit.

Wir preisen dich von Tag zu Tag


Und singen dir in Ewigkeit.
Bewahr uns heut vor aller Schuld,
Erbarme dich, erbarme dich!

Dein Allerbarmen, lieber Gott,


Sei allzeit über unserm Haupt.
Weil du bist meine Hoffnung, Herr,
Drum lebe ich in Ewigkeit!

(Petra erhebt sich, küsst den Altar, und zieht in einer feierlichen Prozession mit den Schwestern aus
der Kapelle.)

DRITTE SZENE

(Die Mutter-Äbtissin überreicht zum Jubiläum der Nonne Paula Margarethe vom Unbefleckten
Herzen Mariens die Jubiläumskerze.)

ÄBTISSIN
Empfange du das Licht in deinen Händen,
Daß du durch dieses Wunderzeichen lernst,
Dem makellosen Lichte nachzufolgen.
(singend)
Komm, hochgelobte Braut des Hirten Jesus!
CHOR DER GEMEINDE
Empfange heute deine Lebenskrone,
Die Gott bereitet hat für dich für immer!
PRIESTER
Die Gottheit sei mit euren Geistern allen!
GEMEINDE
Die Gottheit sei mit dir, du Gottgeweihter!
PRIESTER
Gott unsrer Ahnen, voll Barmherzigkeit,
Durch Moses gabest du uns deine Weisung,
Das fünfzigste der Jahre fromm zu feiern
Als Jubiläum, uns zum Jubelsang,
Da du die Freiheit allen Seelen schenktest.
Den frommen Müttern, die den Glauben wahrten
Bis an das Ende ihrer Lebenszeit
Und treu der Bibel und der Kirche blieben,
Hast du verheißen deines Segens Fülle.
So spende deiner Dienerin und Magd,
Sankt Paula Margarethe von dem Herzen
Der Makellosen Mutterschaft Mariens,
Zu diesem Jubiläum, das wir feiern,
Die Fülle deiner väterlichen Gunst,
Daß sie vollkommnen Ablaß ihrer Sünden
Erlange, die sie irgendwann begangen.
Geruh in deiner süßen Vaterhuld,
Zu segnen unsre Schwester, unsre Mutter
Und sie zu heiligen in deiner Liebe,
Damit sie bleibe in der Liebe Gottes.
Gott, schenk ihr grenzenlosen Herzensjubel
Zum Lohn der Treue zu der Gottesliebe
Und Wonne ewiger Glückseligkeit!
VORBETERIN
O Jahwe, sende du den guten Geist!
GEMEINDE
So wird der Erde Angesicht getröstet.
VORBETERIN
Das Heil schenk deiner Dienerin und Magd!
GEMEINDE
O Herr, du Hirte, denn sie hofft auf dich.
VORBETERIN
Sei ihr ein starker Turm von Elfenbein!
GEMEINDE
Und schütze sie vor allem Schmerz und Leid.
VORBETERIN
Nicht überwältige die Trübsal sie.
GEMEINDE
O Vater in den Himmeln, hör mein Beten,
Laß meine Schreie zu dir dringen, Herr!
PRIESTER
Der Herr, der gute Hirte, sei mit dir!
GEMEINDE
Mit deinem Geiste sei der gute Hirte!
PRIESTER
O lieber Gott, du hast die frommen Herzen
Belehrt durch die Erleuchtungen des Geistes,
Laß Paula Margarethe von dem Herzen
Der Makellosen Mutterschaft Mariens
Auch in dem selben guten Geist der Liebe
Erkennen in dem Geist das Höchste Gut
Und ewig sich an Gottes Tröstung freuen!
ZELEBRANT
O Paula Margarethe von dem Herzen
Der Makellosen Mutterschaft Mariens,
Du hast nun fünfzig Jahre treu und fromm
Im Christenglauben ausgeharrt voll Liebe,
In Demut einer Magd, in Mutterliebe,
Wie eine keusche Witwe, Christi Braut,
Und mit der Hilfe Gottes warst du Vorbild,
Und darum schenken wir am Jubeltag
Dir unser Herz und bitten unsern Gott,
Er möge dir des Lebens Krone schenken,
Die Himmelskrone in dem Paradies.
Ihr Schwestern der Gemeinde, Gott sei mit euch!
SCHWESTERN
Des lieben Gottes Gnade sei mit dir!
PRIESTER
Gott, wir verachten all die Eitelkeit
Der Welt und wenden uns voll Ekel ab
Und glühen für den Lorbeerkranz des Ruhmes
Vor Gott! Gieß in die Seelen uns die Gnade,
Dir treu zu bleiben hier in dieser Welt,
Daß wir behütet ruhn in deinen Armen,
Daß wir erfüllen heilig unsre Weihe
An Unsre Liebe Frau und unsern Herrn
Und dass durch Glauben wir und Liebeswerke
Gelangen zu der Ruh im Paradiese,
Zur Ruhe in dem Schoße unsrer Gottheit!

(Der Jubiläumsstab wird gesegnet.)

PRIESTER
O Jesus Christus, eingeborner Sohn,
Du Quelle unsrer Kraft, du Heiligmacher,
Durch Kreuzigung und Auferstehung siegst du!
Herr, segne diesen Jubiläumsstab,
Er trägt dein Kreuz an seiner goldnen Spitze.
Laß Paula Margarethe von dem Herzen
Der Makellosen Mutterschaft Mariens
Erfüllt sein mit dem Segen deiner Gnade,
Du, der du lebst in ewigen Äonen!

(Die Jubiläumskrone wird gesegnet.)

PRIESTER
O Gott, du hast den Gläubigen verheißen
Die Himmelskrone in dem Paradies,
Nun strecke deine segensreichen Hände
Voll Gnade über diese goldne Krone,
Das herrliche Symbol der Seligkeit.
Gewähre deiner Magd, die trägt die Krone,
Die Krönung mit der goldnen Himmelskrone,
Geziert mit Perlen und mit Edelsteinen.

(Die Mutter-Äbtissin überreicht Paula Margarethe den Jubiläumsstab.)

PRIESTER
Empfange, Schwester, diesen Segensstab,
Das Kreuz des Herrn auf seiner goldnen Spitze,
Die Stütze deines Alters sei der Stab
Zur Unterstützung deiner Körperkräfte,
Doch mehr noch, um die Feinde zu verjagen
Und deine Pilgerstraße zu vollenden
Beim Berg der Tochter Zion in dem Himmel!

(Die Mutter-Äbtissin setzt Paula Margarethe die Jubiläumskrone auf.)

PRIESTER
Empfange, Schwester, deine Himmelskrone,
Des Zeichen seliger Glückseligkeit,
Die Christus dir zum Lohn der Liebe gibt,
Der Gott, der lebt in ewigen Äonen!
O Paula Margarethe, Gott sei mit dir!
PAULA M.
Du Gottgeweihter, Jesus sei mit dir!
PRIESTER
Gott, denen, die auf diese Welt verzichten,
Gibst du die Wohnung in dem Vaterhaus.
O Liebe Gottes, weite unsre Herzen,
Daß einig in geschwisterlicher Liebe
Wir leben in dem Orden unsrer Seele
Und mehr und mehr erkennen, dass aus Gnade
Wir sind gerettet, ohne unsre Werke.
Gib, Christus, dass wir würdig Christen heißen,
Daß unsere Berufung durch die Gnade
Erkannt wird von der Welt an unserm Herzen.
Gib Paula Margarethe deine Hand,
O Jesus, führe sie zur Schau der Liebe!

(Der Priester besprengt Paula Margarethe mit Weihwasser.)

PRIESTER
Gepriesen, Gott der Ahnen, Zebaoth!
GEMEINDE
O Allerheiligste Dreifaltigkeit!
PRIESTER
O meine Seele, preise Gott den Herrn!
PAULA M.
Sing Halleluja, meine Seele! Amen.
DER ERZENGEL MICHAEL

ERZENGEL MICHAEL
(Aus der Himmelspforte kommend)
Ihr kennt mich wohl: Dies scharfe Schwert bezeugt,
Ich bins, der des Messias Kämpfe kämpft!
Einst, als sich Luzifer erhob, mein Bruder,
Gott gleich zu sein und selbst als Gott zu herrschen,
Klang meine Stimme dröhnend durch den Himmel:
WeristwieGott?
Und alle treuen Engel folgten mir,
Doch Satan stürzte nieder in den Abgrund.
Auch jetzt bin ich der Heerschar Heeresführer,
Die gegen Satan und die Seinen streiten
Im Krieg, in diesem fürchterlichen Weltkrieg,
Der wie ein Feuer durch die Lande wütet.
Ich schütze voller Macht, die mir vertrauen.
Ihr habt von mir besondern Schutz zu hoffen,
Um einer Gabe willen, die mir teuer:
Ihr habt mir ja ein kleines Kind geweiht!
Mit meinem Schutze werd ich es beschützen
Vor allen den Gefahren, die euch drohen.
Noch eine Botschaft möchte ich euch bringen,
Die müsst ihr tief in eure Herzen schreiben
Und großer Segen wird euch draus erwachsen:
In eurer Mitte ist ein Schatz verborgen,
So schön, dass selbst im Himmel aller Himmel
Kein schönrer und erhabnerer zu finden.
Dies Rätsel aufzulösen, schaut nach innen.
Warum ist hier ein Vorgemach des Himmels?
Was macht die arme Stätte euch so teuer?
Was bindet Herz und Herzen hier zusammen?
Das ist das Herz, das aller Herzen König
Und Mittelpunkt und Herzenskrone ist,
Das heilige und süße Herz des Herrn!
Lauscht gut auf seine heimlich-leisen Worte,
Der in der Tiefe eurer Seelen spricht.
Lernt stille schweigen. Lernt gelassen sein.
In euren Herzen wird er Wunder wirken.
Seid überzeugt: Wenn Friede in euch herrscht,
Der wahre Friede, den nichts stören kann,
Dann wird der Friede kommen für die Welt.
Und wollt ihr mir, Sankt Michael, nicht glauben,
Dann hört doch auf das Zeugnis eurer Brüder
Und frommen Schwestern, kommend aus dem Himmel.

(König Stefan und Sankt Alphons erscheinen.)

KÖNIG STEFAN:
Im fernen Osten ist mein Vaterland,
Es ist das schöne vielgeliebte Ungarn,
Das trotzig-stolze Volk der Magyaren,
Durch mich hat es gelernt, das Joch zu tragen,
Das sanfte Joch des süßen Herzens Jesu,
Und ihren Dienst zu leisten für die Fraue,
Maria!
Das ist das selbe: Wer Maria dient,
Der muß geweiht sein Jesu süßem Herzen.
Für Unsre Frau gibt’s keine andre Freude,
Kein Glück so süß wie dieses, sehn zu dürfen,
Daß Ihrer Kinder Herzen ganz gehören
Dem heiligen und süßen Herzen Jesu!
SANKT ALPHONS:
Und diese Wahrheit hab auch ich erlebt:
Vor Liebe brennend zu der Unbefleckten,
Des Guten Hirten Wege musst ich wandeln
Und schwarze Schafe, die am Abgrund standen,
Auf Schultern tragen an das Herz des Herrn,
Sie rein zu waschen in dem Blut des Lammes.
Marien Herz und Jesu Herz sind Eins,
Die Eine Herz allein ist Port des Friedens.
DER ERZENGEL MICHAEL.
Ein heilger König und ein heilger Bischof,
Ihr habt gehört, was diese zwei bezeugen.
Doch hört auch auf die Stimme dieser Drei,
Bekleidet mit dem Karmeliter-Kleid.

(Elisabeth von der Dreifaltigkeit, Mirjam von Abellin und Johannes vom Kreuz erscheinen.)

ELISABETH VON DER DREIFALTIGKEIT.


Kennt ihr die Seele, die in ihrem Herzen
Errichtet einen Tempel der Drei-Einheit
Und diesen Tempel nie verlassen wollte?
Bedenkt den Namen wohl: Das Haus des Brotes!
Wir tragen die Drei-Einheit in den Herzen,
Wenn wir uns nähren von dem Brot des Lebens,
Das zu uns kam herab vom Himmelreich.
Ist einig unser Herz mit Jesu Herz,
Ist es ein Tempel der Dreifaltigkeit.
Und wisst ihr, wo ich diese Weisheit lernte?
Ich fand sie in dem Herzen Unsrer Mutter,
Dem süßen Herz der allerreinsten Jungfrau!
Dies Herz, ach, niemals hat es sich entfernt
Vom Herzen Gottes, ihres Sohnes Herzen!
Drum war es immer eins mit der Drei-Einheit
Und ruhte immerdar in tiefstem Frieden.
MIRJAM VOM GEKREUZIGTEN JESUS:
Die süße Mutter, sie war meine Mutter!
Ein Kind Arabiens, mit braunem Antlitz,
Geboren in dem Land, wo Jesus lebte,
Wo Unsre Liebe Frau gewandelt ist,
Den Namen Mirjam durft ich freudig tragen.
Den Vater und die Mutter ich verlor,
Maria war ich nun allein vertraut
Und wundersam bewacht mich ihre Treue.
Als mich dereinst ein Mörder tödlich traf,
Maria brachte mich zurück ins Leben!
Sie führte mich auf wunderbaren Pfaden
Zum Karmel und vermählte meine Seele
Als Braut dem Christus, dem Gekreuzigten!
Sie lehrte mich, die Wünsche zu erfüllen
Des süßen, heiligen, durchbohrten Herzens,
Sie lehrte mich verstehen dieses Herz,
Den Geist der Liebe! Ja, Barmherzigkeit!
JOHANNES VOM KREUZ:
Ein auserwählter Sohn der reinen Jungfrau
Von frühster Kindheit an darf ich mich nennen,
Den aus dem dunklen Brunnen sie errettet,
Die mich befreit aus der Gefangenschaft.
Sie lehrte mich, zumeist das Kreuz zu lieben,
Das Kreuz, das aufragt aus dem Herzen Jesu,
Umlodert von der Liebeflamme Feuer!
Am Kreuze fand ich meinen Seelenfrieden,
Es war mein Weg zu der Dreifaltigkeit.
Glaubt mir, ich habe wirklich es erfahren:
Kalvaria und Karmel, sie sind Eins,
Am Fuß des Kreuzes steht die Schmerzensmutter,
Maria, Unsre Liebe Frau vom Karmel,
Sie, die die Königin des Friedens ist!
O betet, betet, betet! Sie erhört!

(Die Königin des Friedens und Unsre Liebe Frau vom Karmel, Maria, erscheint. Alle singen:)

O Karmelblume! Weinstock blütenreich,


O Licht des Himmels, Jungfrau, Mutter weich,
Du einzig Hehre,
Du süße Mutter, Gattin und doch ledig,
O Frau, den Karmelitern sei du gnädig,
O Stern der Meere!

Die Herzen deiner Töchter, deiner Söhne,


Neig deinem Herzen zu, du Wunderschöne,
Voll süßer Minne!
Um Frieden flehen wir, o Jungfrau prächtig!
Dich heiß bestürmen wir, o Mutter mächtig!
O Königinne!
DER TOD DES SOKRATES
ERSTE SZENE

SOKRATES
Ach Freunde, hört mir zu, wenn ich bekenne:
Der Weise, der gelebt als Philosoph,
Der sterbe nur getrost, naht ihm der Tod.
Ich bin voll Hoffnung, voller freudiger
Erwartung, dass ich drüben in dem Jenseits
In vollem Maß erlangen werde Gutes.
O Simmias und Kebes, hört mir zu!
Die Philosophen, die Sophia lieben,
Die suchen doch nur Eines, unbemerkt
Von andern Menschen, suchen sie allein
Zu sterben und den Toten gleich zu sein.
Ist das nun wahr, dass Philosophen wünschen
Dem Leibe abzusterben, wär es seltsam,
Wenn sie dann voller Trauer wären, kommt
Der Tod, die Seele von dem Leib zu scheiden.
KEBES (lachend)
Bei Gott, o Sokrates, wiewohl ich traure,
Machst du mich lustig, schau, da muß ich lachen!
Du gibst doch nicht den hohlen Leuten recht,
Die immer lästern, dass der Philosoph
Den Tod mehr liebe als das liebe Leben
Und dass er es auch wert und würdig sei,
Daß er gestorben sei und endlich tot!
SOKRATES
Was aber sagen sie, was ist der Tod?
SIMMIAS
Der Seele Trennung von dem Todesleibe.
SOKRATES
Und ihr nun, meine Freunde, meint ihr etwa,
Daß es gehöre sich für einen Weisen,
Sich zu bemühen um des Leibes Lüste,
Um leckres Essen und um teuren Wein
Und um den Trieb der Sexualität?
SIMMIAS
Darum soll man sich nicht so sehr bekümmern.
SOKRATES
Und achtet nun ein Philosoph Gewänder,
Ob schön auch seine Kleider oder Schuhe
Und wird er achten Gold und Silberschmuck?
SIMMIAS
Verachten wird das nur der Philosoph.
SOKRATES
Scheint so denn nicht des Philosophen Herz
Dem Körper abgewandt? und mehr der Seele,
Der körperlosen Seele zugewandt?
SIMMIAS
Allein die Seele liebt der Philosoph.
SOKRATES
So ist des Philosophen Wesen also
Der Wille, nur die Seele zu betrachten
Und nichts als nur die bloße reine Seele
Und diese Seele zu befreien von
Der törichten Gemeinschaft mit dem Körper?
SIMMIAS
So scheint das Wesen eines Philosophen.
SOKRATES
Die lieben Leute aber meinen doch,
Das Leben ohne den Genuß der Sinne
Sei nichts mehr wert und sei dem Tode gleich,
Wenn sich der Gaumen nicht ergötzt an Speise
Und edlem Wein und wenn der liebe Körper
Nicht schön gekleidet und geschmückt sei und
Wenn der Geschlechtstrieb nicht befriedigt wird?
SIMMIAS
Ja, dies die Meinung unsrer lieben Leute.
SOKRATES
Wie aber kann des Menschen Geist die Wahrheit
Erkennen? Kann er es durch Aug und Ohr?
Wird nicht erkannt die Wahrheit durch das Denken?
Denn Aug und Ohr erkennen nur den Wandel,
Das Werden und Vergehen der Natur.
Das Ewigseiende erkennt allein
Das reine Denken in des Menschen Geist.
So wird der Geist wohl Aug und Ohr verlassen
Und wird befreit von Aug und Ohr allein
Im reinen Denken zu erkennen suchen
Die Wahrheit von dem Ewigseienden.
Je reiner ist das Denken, desto reiner
Ist die Erkenntnis. Der nur, der sein Denken
Ausrichtet auf das Ewigseiende
Und frei ist, über Sinnlichkeit erhaben,
Nur der wird Wahrheit in dem Geist erkennen.
SIMMIAS
Des Leibes Trieb verwirrt das reine Denken.
SOKRATES
So lang wir sind in diesem Todesleibe
Mit allen seinen Trieben und Begierden,
Erlangt der Geist das reine Denken nicht
Und nicht der Wahrheit heilige Erkenntnis
In vollem Maße, wie der Weise wünscht.
Die Wahrheit aber ist allein das Gute
Und ist allein die Schönheit, die wir suchen.
SIMMIAS
Der Leib macht uns zu schaffen mit Begierden
Und Trieben, Durst und Hunger und Verlangen
Nach sexuellen Wonnen mit den Weibern,
So werden wir getrieben von Gelüsten,
Begierden und Verlangen, Fleischeslust
Und Augenlust, und jagen Schatten nach
Und haschen Luftgespinste und sind gleich
Den Kindern, Toren sind wir, keine Weisen!
Dazu kommt noch die Gier nach Geld, der Krieg,
Die Gier nach Geld erzeugt ja alle Kriege.
SOKRATES
Verstehst du nun, warum ich freudig scheide?

ZWEITE SZENE

SOKRATES
Ihr Freunde, wenn wir etwas schauen wollen
Und wirklich so erkennen, wie es ist,
Dann müssen wir befreien uns vom Körper
Und mit der Seele selbst das Sein beschauen.
Dann werden wir erlangen mit der Seele,
Die wir begehren, Hagia Sophia!
Wir sagen doch, wir sind der Weisheit Minner
Und werden sie erlangen in dem Tode,
Doch nicht, solang wir sind im Todesleibe.
Erst, wenn der Herr uns selbst befreit vom Fleisch,
Wenn wir entledigt sind des Fleisches Torheit,
Dann sind wir mit den Seligen zusammen
Und werden ungetrübt erkennen Gott.
Das aber ist doch wohl die wahre Schönheit?
SIMMIAS
So scheint mir auch, o Sokrates, die Gottheit
Ist wahre Schönheit für die bloße Seele.
SOKRATES
So bin ich auch voll freudenreicher Hoffnung,
Ich werde in dem Sein, wohin ich gehe,
Wenn irgendwo, dann dort, Genüge finden
Und alles das erlangen, was ich wünsche,
Was ich ersehnt zutiefst im Erdenleben.
Meinst du nicht auch, mein lieber Simmias,
Das an die Ziel kommt nur die reine Seele?
SIMMIAS
Allein der reinen Seele wird das Heil.
SOKRATES
Ist das nicht aber Sterben und Erlösung:
Ablösung meiner Seele von dem Körper?
SIMMIAS
Das Sterben trennt die Seele von dem Körper.
SOKRATES
Den Geist vom Fleische aber loszulösen,
Das ist das Streben doch der Philosophen.
So also ist der Philosophen Streben
Befreiung und Absonderung der Seele
Vom erdgebornen Fleisch des Todesleibes?
SIMMIAS
Der Weise will nichts sein als reiner Geist.
SOKRATES
O Simmias, so streben Philosophen
Zumeist danach, den Toten gleich zu sein?
Der Tod ist ihnen gar nicht fürchterlich.
Und wäre das nicht eine große Torheit,
Wenn sie nicht so mit Freuden sterben wollten,
Um dahin zu gelangen, wo die Hoffnung
Den Weisen die Erfüllung aller Wünsche
Verheißt, dass sie die Weisheit drüben lieben?
SIMMIAS
Der Tod ist dennoch voller dunkler Trauer.
SOKRATES
Soll der allein denn weinen, dem die Frau
Gestorben, dem die Kinder sind vergangen,
Soll der allein zu sterben trachten, dem
Sich die Geliebte in der Welt entzogen?
Die Hoffnung würde solche Menschen treiben,
Im Jenseits ihrer Liebe wieder zu
Begegnen, der Erfüllung ihrer Sehnsucht,
Daß sie die Liebsten in Elysen finden!
Wer aber Hagia Sophia liebt
Und eben diese Hoffnung kraftvoll hat,
Daß er Sophia drüben erst erkennt,
Den sollte es zu sterben noch verdrießen?
Sag, sollte er nicht lieber freudig sterben?
Das muß man glauben, lieber Simmias,
Ist er nur wahrhaft Liebender der Weisheit!
Denn mächtig ist der Glaube solchen Minners,
Sophia in dem Jenseits zu erkennen!

DRITTE SZENE

SOKRATES
Zum Vater in den himmlischen Regionen
Und zu den Göttern in den Sphären Gottes
Gelangt wohl keiner, der nicht Weisheit suchte,
Erforschte die Geheimnisse der Weisheit
Und reinen Herzens abgeschieden ist.
Zu Gott gelangt allein, wer sich bestrebte,
Wer lernen wollte, wer sich lehren ließ
Vom Wahrheitsdämon in der eignen Brust.
Und darum, liebe Simmias und Kebes,
Enthalten sich die wahren Philosophen
Der Geldgier, Fleischeslust und Gaumenkitzel
Und aller andern fleischlichen Begierden
Und Triebe lehmgebornen Todesleibes.
Die Philosophen wollen nämlich nichts,
Was gegen die Erlösung ihrer Seele
Und nichts, was gegen ihres Geistes Reinheit
Gerichtet ist und wollen die Erlösung
Des Geistes und die Reinigung der Seele
Durch Hagia Sophia, der sie folgen.
SIMMIAS
Wie folgt man aber Hagia Sophia?
KEBES
Wie reinigt Hagia Sophia Seelen?
SOKRATES
Die Philosophen wissen, dass Sophia
Die Philosophen mitleidsvoll betrachtet,
Denn Hagia Sophia sieht die Seelen
Der Philosophen in dem Körperkerker,
Dem Fleisch anklebend und vom Fleisch gezwungen,
Das Sein zu schauen wie durch Gitterstäbe
Und nicht das reine Sein im Geist allein.
Der Philosophen Seelen müssen auch
Sich wälzen wie die Narren, wie im Wahnsinn,
Da sie die Macht des Körperkerkers kennen
Und kennen die Gewalt der Fleischeslüste
Und fleischlichen Begierden, die uns fesseln,
Die Seelen fesseln mit den Fleischeslüsten.
SIMMIAS
Wie kann uns Hagia Sophia retten?
KEBES
Wie löst die Fesseln sie der Fleischeslust?
SOKRATES
Sophia nimmt des Philosophen Seele
Voll Mitleid an und lehrt den Philosophen,
Daß seine Seele mit der Augenlust
Die reine Wahrheit nicht erkennen kann,
Und was die Seele hört mit ihren Ohren
Ist auch voll Hinterlist und Narren-Irrtum,
So dass des Philosophen Seele sich
Von Augenlust und Ohrenschmaus zurück
Sich zieht ins Innere der Seele selbst.
Wenn nun der Mann mit Augen und mit Ohren
Auf dieser Erde leben muß und wirken,
So ruft die Hagia Sophia ihn
So oft es irgend geht in seiner Seele
Geheimnisvollen Innenraum zurück.
Dort sammelt sich die Seele, hält sich still,
Bleibt bei sich, in sich, in dem Geist betrachtend.
SIMMIAS
Ist Aug und Ohr im Innern auch der Seele?
SOKRATES
Die Augenlust des Körpersinnes ist
Nur Truggespinst und wirkt nur Fleischeslust
Und ungeordnete Begier nach Stoff.
Der Ohrenschmaus des Körpersinnes ist
Betrogen durch der Menschen Hinterlist
Und durch der Toren Widerspruch und Irrtum.
Der Seele innres Auge aber schaut
Die Schönheit an der Herrlichkeit des Herrn
Und ist geblendet von der Schönheit Gottes!
Der Seele innres Ohr vernimmt in Stille
Das innere Dämonium der Brust,
Der Wahrheit Genius im eignen Busen,
Wenn Hagia Sophia zu ihm spricht
Und er die Wahrheit über Gott erkennt.
KEBES
Und was ist Lust und Unlust, Furcht und Freude?
SOKRATES
Die Seele eines wahren Philosophen,
Still wendet sie sich ab von Lust und Unlust,
Von Furcht und Freude, ist im Innern frei
Von den Begierden, ruht allein in Gott.
KEBES
Und bleibt des Philosophen Seele ruhig?
SOKRATES
Das soll nicht anders sein, dass eine Seele,
Die weiß, wie Hagia Sophia sie
Durch geistige Beschaulichkeit erlösen
Von allen fleischlichen Begierden will,
Daß diese Seele ruht in Gottes Geist.
Weh, wenn die Seele, die erlöst von Gott,
Sich wieder hingibt wilden Leidenschaften
Und ungeordneten Begierden folgt
Und wälzt sich wieder wie die Sau im Schlamm
Und gleicht dem Hund, der Ausgespucktes frisst!
Nein, Ruhe von Begier und Leidenschaft
Ist Heil der Seele, folgt sie der Vernunft,
Der eigenen Vernunft, der Weltvernunft,
Und immer ruhend in der Weltvernunft
Beschaut in geistiger Beschaulichkeit
Die Seele Gottes Schönheit, Gottes Weisheit!
SIMMIAS
Das ist dein Trost im Angesicht des Todes?
SOKRATES
Die Seele eines wahren Philosophen
Betrachtet nicht die Meinungen der Menschen,
Betrachtet nur die Weisungen der Wahrheit.
Die Seele, die allein die Schönheit Gottes
Betrachtet, die sich nährt allein von Wahrheit,
Die glaubt gewiß, solang sie lebt auf Erden,
Der Wahrheit-Schönheit Gottes nur zu dienen,
Doch nach dem Tode, glaubt gewiß die Seele
Des Freundes der Sophia, kommt die Seele
Zu frommen Ahnen und den Geistern Gottes.
GOETHES TOD
ERSTE SZENE

(Goethe in seinem Schlafgemach allein. Der Schattenriß einer schönen Frau an der Wand. Davor
eine Kerze, brennend. Goethe schaut abwechselnd in die Kerzenflamme und in das Antlitz der
Frau.)

GOETHE

(trinkt den letzten Becher dunkelroten Weines aus und murmelt, fast lallend)

Wem soll ich aber den Gedanken sagen?


Wie einsam ist der Weise! Nicht verzagen
Darf doch der Diener an dem Wahren-Schönen,
Wenn auch die Toren meinen Geist verhöhnen.
Ich aber muß mit liebevollen Tränen
Mich hier nach meinem Liebestode sehnen!
Die Liebenden ja stets in Tränen schwammen,
Der Liebende ersehnt der Liebe Flammen,
Ersehnt der Liebe letztes Abenteuer,
Ersehnt den Liebestod im Liebesfeuer!

(Schweigend starrt er eine Weile in den Tanz der seraphischen Flamme.)

Denke ich an jene dunkle Nacht,


Da mein Schöpfer meinen Leib gemacht,
Als der Gatte für die Gattin brannte,
Als der Bräutigam die Braut erkannte,
Als der Mannessame ist geronnen
In des Weibes Ei mit Wollustwonnen,
Als der Ewige die Seele hauchte –
Damals auch die stille Flamme rauchte!
Aber denk ich auch an jene Kammer,
Da das Eisen schmiedete der Hammer,
Donnernd auf den Amboß niedersauste,
Funkenglut in Feuerströmen brauste,
Die Geliebte mit der Wonnebrust
Schmolz in eins mit meiner Liebeslust
Und gestillt der Wollust Spannungsschmerzen –
Damals strahlten auch wie Tempelkerzen
Sieben Lichter über uns zusammen,
Sieben Sternenkerzen voller Flammen!
Nein, ich will nicht bleiben in der Nacht,
Liebe reißt mich mit Gewalt und Macht
Aus der Finsternis der Todesschatten,
Himmlisch will ich mich der Liebe gatten,
Werde alle Liebeskünste lernen
Mit der Paradiesfrau auf den Sternen!
Liebe reißt mit heißer Feuersbrunst
Mich zur Lehrerin der Liebeskunst!
Über dieses Todes Nebeldünsten
Lebt die Meisterin von Liebeskünsten,
Die der Liebe Lehrbuch las auf Sternen!
Auf dem Venussterne will ich lernen
Ihre Weisheit mit Begeisterung
Von den Künsten der Vereinigung!
Ist sie noch so fern, ich darf nicht weilen,
Weil die Liebe lockt, so muß ich eilen,
Wie die Schmetterlinge liebend kosen
Mit den Fühlern Kelche roter Rosen,
Also sei der Liebe Licht erkannt,
Bin ich doch zuletzt in Lust verbrannt,
Der ich nach dem Schein der Schönheit hasche,
Bleibt auf Erden nur ein Häufchen Asche!
Schwebt mein Seelchen doch, der Psyche-Falter,
Auf zur Liebe mit der Liebe Psalter!
Also will ich sterben! Also werden!
Will kein trüber Gast sein auf der Erden,
Werde liebend sterben und vergehen
Und in Liebeswonnen auferstehen!

ZWEITE SZENE

(Goethe und ein Priester, der ihm das letzte Bekenntnis als Geständnis entlockt und ihn segnet für
die mystische Reise.)

PRIESTER
Gehst du getrost, getröstet in den Tod?
GOETHE
Ganz ruhig kann ich denken an den Tod,
Mein Geist ist doch ein Wesen unzerstörbar,
Geistwesen, das unsichtbar und unhörbar,
Fortlebend Ewigkeiten Ewigkeiten
In der Äonenwelt der Himmelsweiten.
PRIESTER
Unsterblichkeit ist also deine Wonne?
GOETHE
Ja, meine Seele ist wie eine Sonne!
Die Menschenaugen sehn das Abendrot
Und sehn die Nacht und sehn das Morgenrot
Und doch ists immerdar dieselbe Sonne,
Die leuchtet fort und fort in heller Wonne!
PRIESTER
Und kann der Sarg dir gar nicht imponieren?
Kannst du da deinen Glauben nicht verlieren?
GOETHE
Ein starker Geist lässt sich gar niemals rauben
An die Unsterblichkeit den wahren Glauben.
PRIESTER
So fürchtest du dich gar nicht vor dem Nichts?
GOETHE
Die Seele, Tochter himmlischreinen Lichts,
Sie bleibt doch treu der Mutter, der Natur,
Sie ist ja doch der Mutter Kreatur,
Und diese Mutter lässt ihr Kind nicht enden,
So wird sie ihre Schöpfung nicht verschwenden!
PRIESTER
Natur lehrt also dich Unsterblichkeit?
GOETHE
Der die Natur in meines Lebens Zeit
Betrachtet und erforscht und tief erkannt,
Ich überall doch in der Schöpfung fand
Nicht Tod und Nichts, allein nur Metamorphose,
Sie lehrte mich der Falter und die Rose.
PRIESTER
Denkst du, die eigene Persönlichkeit
Bestehe fort und fort in Ewigkeit?
GOETHE
Ach, was von der Persönlichkeit noch bliebe,
Was wert des Dauerns sei, entscheid die Liebe!
Was bleibt von der Person, will ich gelassen
Geheimnisvoller Gottheit überlassen.
PRIESTER
Was ist die Seele aber, was der Geist,
Den du als ewig und unsterblich preist?
GOETHE
Ich glaub an Anfangspunkte der Erscheinung
In der Natur, ich denk an Leibnitz’ Meinung,
Ur-Seele ist es, schaffende Monade,
Der Kosmos wird durch der Monaden Gnade,
Ur-Keime sind es oder Ur-Gestalten,
Die schöpfrisch tätig eine Welt entfalten.
Monaden gibt es schwache oder starke,
So wird der Staub, so wird mit Saft und Marke
Die Pflanze und so wird das Tier, der Stern,
So auch der Schöpfung Krone, Fraun und Herrn.
Die Hauptmonade als des Menschen Geist
Die Schar Monaden schaffend an sich reißt,
Die Hauptmonade, königliches Weib,
Sie bildet sich als Hofstaat einen Leib.
Auflösung aber nennen wir den Tod.
Die Monas dann gebietet mit Gebot,
Daß die Monaden sich im letzten Leiden
Von ihrer Herrin Monas schließlich scheiden,
Daß die Monaden auf der Schöpfung Spur
Eingehen in die Seele der Natur,
Zu Meer und Land, zu Bergen in der Ferne,
Verschweben in die Feuer, in die Sterne.
Die Herrin Monas aber, trotz den Spöttern,
Die Monas teil hat an der Lust von Göttern!
Bei schöpferischen Göttern oder Engeln
Die Hauptmonaden frei von allen Mängeln
Sich selig in der Götter goldnen Netzen
Sich Ewigkeit um Ewigkeit ergötzen!
PRIESTER
Du denkst die Hauptmonade also süß
Als Monas selig in dem Paradies?
GOETHE
Ich zweifle nicht nach allem meinen Lernen,
Daß da ein Leben ist auf höhern Sternen.
Der Mensch ist ja das Sprechen der Natur
Mit Gott! Der Mensch als Wort der Kreatur
Wird sprechen noch mit Gott und Weisheit lernen
Und Liebe singen auf den Morgensternen!
Dann stöhnt man von der Liebe süßer, leiser,
Der Weisen Diskussionen werden weiser
Und glühender der Lodernden Gestöhn,
Dort sind die schönen Frauen mehr als schön!
PRIESTER
Sagt einer aber, dass der liebe Gott
Die Welt schuf in sechs Tagen ohne Spott
Und sich am siebten Tage gönnte Ruhe?
GOETHE
Hier ist der Boden heilig! Ohne Schuhe
Will ich den Schöpfer preisen, nicht wie Pfaffen,
Den Schöpfer nicht, der einst die Welt geschaffen,
Der dann großväterlich sich ausgeruht,
Den Schöpfer preis ich, der mit Schöpferwut
Alltäglich schafft und wirkt und an sich reißt
In Hauch-Begeisterung des Menschen Geist!
Den Schöpfer preis ich, der auf dieser Erde
Die Menschheit schafft, auf dass auf Erden werde
Die Höhere, die Geisterwelt erzogen,
Die steten Umgang mit dem Herrn gepflogen,
Die Geisterwelt, mit Gott vereinter Geist,
Die alles Niedre machtvoll aufwärts reißt,
Gott bildet überall ein Geisterreich
Von Geistern, die den Göttersöhnen gleich!
Des Menschen Geist ist ja ein Gottessohn!
Anbetend schweig ich vor der Gottheit Thron!
PRIESTER
Und so erteil ich dir die Absolution.

DRITTE SZENE

(An der Perlenpforte des Paradieses erscheint der verklärte Goethe als Jüngling Hatem, die
Schönste der Huris, Sankt Haura, empfängt ihn.)

SANKT HAURA
Heut steh ich an des Paradieses Pforte
Zum Garten Eden, dem geliebten Orte.
Du aber, so gelassen und bedächtig,
Wer bist du denn? Du bist mir fast verdächtig!
Bist du denn einer von den frommen Christen,
Daß ich dich lasse ein zu Himmelslüsten
Und Wonnen in des Garten Eden Lauben,
Bist du denn einer auch vom wahren Glauben?
Hat dich Verdienst? hat dich allein die Gnade
Gebracht in Zions Gartenstadt von Jade?
Bist du Bekenner? Doktor? Marterzeuge?
Von deinem Marterzeugnis mir nicht schweige!
Zeig mir die Wunde für den Glauben an,
Die dir den Weg ins Paradies gewann!
HATEM
Leg mir mein Wort nicht auf die goldne Waage,
Verstehe mit dem Herzen, was ich sage:
Ich war als Mann ein Minner reiner Minne,
Durch Minne ich das Paradies gewinne,
Ich hab zur Paradiesestür gefundnen
Und zeige rühmlich meine Minnewunden,
Die Minne hat gemartert mich am Herzen,
Die Minne war mir Kreuz und Todesschmerzen!
Du sollst mit deinen lichten Mandelaugen
Mir in die Seele schauen: Sie wird taugen
Zu Paradieseslust und Himmelsliebe,
Denn Liebe lebt im tiefsten Seelentriebe!
Schau, Haura, in das Innre meiner Brust,
Hier lebt der Liebe Leid, der Liebe Lust!
Doch trotz der Liebeswunden, Liebesschmerzen
Anstaunend stand ich vor der Herrin Herzen,
Bewundernd hoch aus meinem tiefbetrübten
Gemüt stand preisend ich vor der Geliebten
Und schien in Ihr, der Schönsten aller Frauen,
Der Gottheit Gloria schon anzuschauen!
Mein Zeuge aber sei der Totenrichter:
Die Schöne Liebe sang ich als Ihr Dichter,
Verewigte die Vielgeliebte rein
Und ging zum Nachruhm in die Nachwelt ein!
Du wählst nicht den Geringen und Gemeinen,
Du Himmlische, du kannst dich mir vereinen,
Komm, laß uns wandeln, Haura, Hand in Hand,
Gemeinsam hier durch Edens Gartenland,
Und wenn wir ganz verschmolzen unsre Seelen,
Will ich an deinen Fingern Jamben zählen!
SANKT HAURA
Da draußen vor der Paradiesespforte
Im Wind des Geistes an dem Himmelsorte,
Da dacht ich an die göttlichen Gebote
Und wie gerettet wird so mancher Tote,
Da hört ich, ohne irgendwas zu sehen,
So einen Klang von Jamben und Trochäen,
So einen Klang von altvertrauten Reimen,
So wonnesüß wie Schmack von Wabenseimen.
Ich dacht im himmlischen Jerusalem,
Das sei von dir ein frommes Verspoem!
HATEM
Du Ewige Geliebte, meine Braut,
Wie sind wir doch von Ewigkeit vertraut,
Ins eins geschlungen unsre Himmelsglieder!
Und nun denkst du auch noch an meine Lieder,
Wie ich mit Patriarchen mich besinne
Und sing Mysterien der frommen Minne!
Auf Erden schallen irdisch hin und wieder
So erdgeborner Erdenmenschen Lieder,
So Kling und Klang vom sündigen Gelichter!
Propheten aber sind wir Priesterdichter
Und wissen alle nur von Einem Worte,
Sie schweben um die Paradiesespforte
Und haben nur vom Paradies geschrieben
Und werden ewige Geliebte lieben!
Wenn aber deine schönen Schwestern, Huri,
Die Lieder an Sulima, an Siduri
Und an Suleika auf der Erde hören,
So sollen sie aus ihren Engelschören
Mit inspirierendem Gebläse stärken
Die Dichter meisterlich zu Meisterwerken!
Das wird den Himmel ehren und auf Erden
Die Guten werden schön getröstet werden.
Wenn aber dann der Minnedamen Dichter
Ins Jenseits treten vor den Totenrichter,
Das Weltgericht wird ihre Liebe lohnen,
Die Dichter dürfen bei den Huris wohnen!
Du aber bist mir einzig anvertraut,
Die Ewige, die Einzige, die Braut,
Von Ewigkeit zu Ewigkeit bist du
Mein Licht des Lebens, meiner Seele Ruh,
Dich, Haura, laß ich nicht aus meinem Zelt,
Die andern Huri in der Himmelswelt,
Sie sollen warten an der Himmelspforte
Auf andre Minnedichter edler Sorte!
SANKT HAURA
Schon wieder schlugst du liebend deinen Arm
Um Haura, tief bezaubert von dem Charme,
Und wie betrunken von den Himmelsdüften
Ergötzt du dich an der Geliebten Hüften!
Wie viele Ewigkeiten Ewigkeiten
Wir uns die Liebeslüste schon bereiten!
HATEM
Was weiß denn ich, wie lange es schon währt?
Von Ewigkeit zu Ewigkeit begehrt
Die Ewige Geliebte nur mein Geist,
Die Paradiesfrau, die mich an sich reißt!
In Ewigkeit glückseliger Genuß!
Als währte ewig unser Erster Kuß!
SANKT HAURA
Doch seh ich schweben meinen Freier schon
In Einsamkeit hinan zu Gottes Thron!
Als ob der Ewige dich herberiefe,
Singst du vorm Thron der Ewigen Liebe Tiefe!
Sing du als Lobgesang dem Lieben Gotte
Nur immerdar dein Liebeslied an Lotte!

VIERTE SZENE

(Hatem im Chor der Seraphim anbetend schwebt mit der goldenen Harfe im geflügelten Arm vor
dem Thron der Ewigen Liebe.)

SERAPHIM
Daß wir von nichts als von der Liebe singen!
HATEM
Man möge in den eignen Busen dringen!
SERAPHIM
Wie Liebe ewig selig anzuschauen!
HATEM
Schaut, Freier, an die Schönheit lieber Frauen!
SERAPHIM
So singen wir der Liebe Seelenfrieden!
HATEM
Wie Selige der Liebe auch hienieden!
SERAPHIM
Der Selige an Gottes Brust gebettet!
HATEM
Der Mensch weiß gern sein Wahres Selbst gerettet!
SERAPHIM
Wer immer liebte, wird die Liebe preisen!
HATEM
Die schönen Frauen, frommen Dichter, Weisen!
SERAPHIM
Frau Minne preisen wir voll Liebesdrang!
HATEM
Ganz wie im reinen deutschen Minnesang!
SERAPHIM
Das Wort der Liebe preisen wir in Worten!
HATEM
Mit Maß und Reim im Himmel allerorten!
SERAPHIM
Und vor der Einen Liebe, höchstverehrten –
HATEM
Empfinden sich unendlich die Verklärten!
SERAPHIM
So schwingen wir und dringen wir durch Sphären –
HATEM
Voll Liebe mit unendlichem Begehren –
SERAPHIM
Durch Liebesparadiese fort und fort –
HATEM
Durchhaucht das Paradies von Gottes Wort –
SERAPHIM
Mit Feuersbrunst und Leidenschaft der Triebe –
HATEM
Wir beten an die Macht der Schönen Liebe –
SERAPHIM
Die Ewige Schöne Liebe makellos –
HATEM
Und sinken, ah, der Liebe in den Schoß...

ITHURIEL
ITHURIEL
Mein ewiger Student, ich grüße dich,
Der Engel von dem Jupiter bin ich,
Der Engel jovialer Freundlichkeit,
Großzügiger charmanter Heiterkeit,
Gott schickt mich und ich komm in Engels-Demut,
Dich aufzuheitern von der Schwermut Wehmut.
STUDENT
Verehrter Engel, schimmernd wie der Zinn,
Wo ist denn alle meine Wehmut hin?
Ich war umnachtet! Nun ist alles hell!
ITHURIEL
Ich bin der himmlische Ithuriel,
Zinnteller sind mein eignes Element,
Der ewige Student der Weisheit kennt
Doch die Erleuchtung durch der Weisheit Zinn?
STUDENT
Ich suche zwar die Weisheit, doch ich bin
Noch fern, sie zu erkennen. Zwar ich rief,
Doch alles ist so unergründlich tief,
In mir ist keine menschliche Vernunft!
ITHURIEL
Doch um so stärker ist des Tieres Brunft
In dir, des Hengstes und des Esels Kraft,
Ist ungeordnet deine Leidenschaft,
Ist brennend dein Begehren, dein Verlangen,
Die Weisheit lehren dich die Feuerschlangen!
STUDENT
Wie überall die Feuerschlangen prassten,
Von allen Seiten! Doch ich muß nun fasten.
ITHURIEL
Ich weiß, du willst ein Fastenbruder sein,
Asketisch fasten – bei Tabak und Wein!
Ein Weinschlauch bist du, der da hängt im Rauch!
Doch das ist eitel, das ist nichts als Hauch.
STUDENT
Ich möchte fasten! Beten, beten, beten!
Frau Armut sei von mir erwünscht, erbeten.
ITHURIEL
Frau Armut hüllt dich in befleckte Lumpen,
Doch reicht sie reichlich dir den vollen Humpen!
STUDENT
Ich will kein Gold, ich will nur Philosophie!
Und darum preise ich die Melancholie!
Der Spaß der Welt ist doch ein Seelenschlummer,
Den Geist erweckt allein ein rechter Kummer!
Drum, wenn ich sterbe fast vor Weh und Jammer,
Dann küsst Frau Weisheit mich in meiner Kammer!
ITHURIEL
Frau Weisheit ist es, der du dich geweiht,
Die schickt den Engel dir der Heiterkeit,
Daß dich nicht schlingt hinab der Schwermut Rachen,
Heut sollst du einmal wie die Engel lachen!
STUDENT
Frau Weisheit will die frohe Wissenschaft
Mir schenken, die die Menschen glücklich schafft?
ITHURIEL
Du sollst die großen Philosophen sehen,
Sollst heute von den Toten auferstehen
Und leben selig wie im Himmelszelt
Mit Geistern schon in der Ideenwelt.
Wen also willst du sehn, wen willst du zwingen,
Wen soll der Engel Jupiters dir bringen?
STUDENT
Den Zarathustra oder Zoroaster,
Des Morgensternes gute lichte Aster!
ITHURIEL
Den Zarathustra also, Zoroaster?
Man wähle eben Tugend oder Laster,
Ein jeder schaue selbst, wie er da wähle.
Doch kann ich leider Zarathustras Seele
Nicht dem Studenten magisch herberufen
Hinab der lichten Himmelstreppe Stufen,
Denn Zarathustra mit den Sonnen-Zofen
Studiert im Jenseits einen Philosophen,
Der antichristlich mit dem Bart am Mund
In Zarathustras Namen lallte Schund!
STUDENT
Dann rufe mir den Dichter-Weisen Orpheus!
ITHURIEL
Berauscht von Mohnmilch aus dem Horn des Morpheus
Der Dichter aller Dichter ruht, der Heros
Der Muse, ruht erlöst vom Mittler Eros
Eurydice im Arm im Ozean
Des Fixsternhimmels auf dem Sternbild Schwan!
Den Dichter Orpheus darf ich heut nicht wecken,
Wir wollen andre Philosophen necken.
STUDENT
Dann rufe mir herab Pythagoras!
ITHURIEL
Pythagoras, den Meister, willst du das?
Sagt er dir etwas, sag nur: Autos epha!
Der Meister sagt es! Doch bei Mutter Eva
Pythagoras ist in dem Garten Eden,
Mit Abel von der Mathematik zu reden,
Gleichzeitig dort den Bohnenstock zu pflegen
Und zu besprechen mit geheimem Segen,
Weil seine Ahnen in verklärten Röcken
Für immer leben in den Bohnenstöcken!
Ich ruf ihn nicht, bei Mutter Evas Nabel*,
Soll doch der Zahl Geheimnis lernen Abel!

(* Die Theologen diskutieren noch, ob Mutter Eva mit einem Nabel erschaffen
worden ist.)

STUDENT
Dann rufe mir den göttergleichen Plato!
ITHURIEL
Ja, wirklich Plato? Oder lieber Cato?
So also Plato? Bist du sicher des?
Den Plato? Oder lieber Sokrates?
Mit Plato aber kann ich dienen nicht,
Er schaut in einem Spiegel voller Licht
Die ewigen Ideen an in Tänzen,
Die schönen Nymphen mit den Ruhmeskränzen,
Und ist verliebt (nur nicht die Nase rümpfe!)
In Sankt Urania, der Schönheit Nymphe!
Der weise Plato ist so sehr verliebt,
Daß er nicht Unterricht in Weisheit gibt,
Will nur in paradiesischen Genüssen
Den Mund der Himmels-Aphrodite küssen!
STUDENT
Dann rufe Plotin aber doch hernieder!
ITHURIEL
Da ist es aber ganz das Gleiche wieder.
Auch Plotin glüht, wie er auf Erden glühte,
Im Himmel für die Himmels-Aphrodite!
Auch er darf dort die Aphrodite küssen,
Sie geizt nicht mit dem Spenden von Genüssen!
So trunken küsst er Aphrodites Mund,
Ich darf ihn rufen nicht zum Erdengrund,
Denn er will lehren nicht geheimes Wissen,
Will nur die Schönheit küssen, küssen, küssen!
STUDENT
Wen aber bringt, o Engel, mir dein Flügel?
ITHURIEL
Ja, denke dir! Ich bring dir Eulen-Spiegel,
Dich zu erheitern in der Langenweile,
Ist ein Symbol der Weisheit doch die Eule,
Der Spiegel finde auch bei dir Verwendnis,
Der Spiegel helfe dir zur Selbsterkenntnis,
Die Selbsterkenntnis und die Weisheit, Siegel
Des Weisen, will dich lehren Eulen-Spiegel!
STUDENT
Auf Eulenspiegels Weisheit will ich harren,
Die größten Weisen sind zuletzt die Narren!
ITHURIEL
Doch Eulenspiegel ist ein froher König,
Die Wabe spaltend, leckt er an dem Hönig!
STUDENT
Mein Engel, bei dem Vater aller Lichter,
Ruf doch herab die beiden deutschen Dichter,
Laß Friedrich Schiller blasen seine Flöte,
Die Zymbel streiche Johann Wolfgang Goethe!
ITHURIEL
Kommt, Geister, aus dem Paradies! O Hatem,
Vom Liebesflüstern laß mit heißem Atem
Und komm von deiner Huris Huri, Haura!
O Schiller, dich entring dem Arm der Laura,
Ist auch der Weltenbrand euch Hochzeitsfackel!
Der Narr hier, melancholisch wie ein Dackel,
Steht hier, euch wie Propheten zu erharren,
Kommt, Seher Deutschlands, kommt zum deutschen Narren!
GOETHE
Mein Herr, vor Lilith mit den langen Haaren
Soll Pan-Sophia ewig dich bewahren!
SCHILLER
Sophia oder Jesus Nazarenus,
Sophia flieht noch immer, naht die Venus!
GOETHE
Soll ich zitieren dir die Harlekine?
SCHILLER
Suchst du gar die kokotte Colombine?
GOETHE
Soll ich Pierrot dir rufen aus der Hölle?
SCHILLER
Verlangst du etwa auch nach Pulcinelle?
GOETHE
Willst Corallina setzen auf den Ehring?
SCHILLER
Brautzeuge soll dir sein der Pickelhering?
GOETHE
Das Festmahl gebe Jean Pottage dazu!
SCHILLER
Soll schließlich aus der Peking-Oper Chou
Euch schließen lächelnd eure Augen zu.
GOETHE
Frau Torheit und der Tor – nun gute Ruh!
ITHURIEL
Wer fehlt dir noch? Beim Suppentopf von Martha,
Wen suchst du noch?
STUDENT
Ah, Helena von Sparta!
ITHURIEL
Die Schwangezeugte, die der Gott als Schwan
Gezeugt, die Schwanin auf der Wellenbahn,
Mit weißem Schwanenbusen schöngebrüstet,
Mit langem Schwanenhals! Nach ihr dich lüstet,
Eurotas Schwanenmädchen Helena,
Dem Bild der göttlichen Urania?
GOETHE
In goldner Morgenzeit wird sie gefunden,
Doch suche nicht die Hündin bei den Hunden,
Die Schönste aller Schönen, ohne Fehle,
Erkenne sie im Morgentraum der Seele!
STUDENT
Wer kann wie diese Helena betören?
Ithuriel, du musst sie mir beschwören!
ITHURIEL
Nun aber – leider! – ist die Schönheitsgöttin
Vermählt mit Menelas als Ehegattin.
Du willst doch werden nicht ein Ehebrecher?
Ich bring dir aber Schönheit, wilder Zecher,
Ich bring (bei Muschi von dem Stamme Levi!)
Dir von der Nachdurst-Gasse Fräulein Evi...

ADAM

ERSTER AKT

ERSTE SZENE

ADAM

(allein in seinem eigenen Raum)

Ich, Adam, bin der Mensch in seiner Einsamkeit,


Ich tauchte auf den Abgrund meines Herzens
Und ging allein und einsam durch die Wüste,
Durchwanderte die Hölle meiner Ängste,
Das Fegefeuer meiner Leidenschaften
Und war auch in dem Himmel der Beschauung
Und schaute an die Ur-Idee der Schönheit,
Gott fand ich ewig, seiend, rein und geistig,
Vermisste Gott so schmerzlich auf der Erde,
Vermisste Gottes Liebe unter Menschen,
Daß ich mich eingrub in die Einsamkeit,
Mich eingrub in die Zelle, in den Sarg
Und tausend Tode starb und lebend tot war!
(Eine Menschenmenge als Schattenwesen irrt durch den einsamen Raum. Adam nimmt die
schattenhafte Menschenmenge nicht wahr.)

Da ist die Kauffrau an dem Ladentresen,


Anlächelnd mich aus großen schwarzen Augen,
Da sind die Arbeitslosen in der Schenke,
Sie saufen Bier wie Lästerung und Fluch,
Da sind die Kinder aus dem Kindergarten,
Großäugig lauern sie auf Schokolade,
Doch ich bin ganz allein auf dieser Welt!
Ich bin ein Mensch. Was kann ein Mensch nicht sein?
Der Mensch kann Heiliger der Liebe sein
Und Gottes Angesicht auf Erden spiegeln,
Der Mensch kann Instrument des Teufels sein
Und zeigen Satans widerliche Fratze.
Ich stand einst an der Wiege eines Kindes
Und dachte an den Tod und das Gericht,
Denn wer geboren wird, der wird auch sterben,
In der Geburt ist schon der Tod beschlossen,
Und an der Wiege stehen schon zwei Engel,
Der eine weist den Weg ins Paradies,
Der andre höhnisch lockt herab zur Hölle.

ZWEITE SZENE

ADAM

(allein in einer sonst leeren Kirche)

Gott, woher kommt die tiefe Einsamkeit,


Die unaufhebbar mich in mir verschließt?
Wer machte mich so einsam? Warst das du,
War ich das selbst? In meiner Jugend nämlich,
Da suchte ich die Fruchtbarkeit der Liebe,
Da suchte ich Gemeinschaft mit den Menschen.
Doch habe ich die Liebe nicht gefunden
Und auch nicht die Erfüllung der Gemeinschaft.
Doch als du mich berührt, in jener Stunde,
Da ich ein Waise war im finstern All,
Da zogest du mich in die Einsamkeit.
Da dachte ich: Der Herr ist ganz allein,
Die absolute Einsamkeit des Herrn
Will ich in meinem Leben imitieren,
Ein Gleichnis und ein Spiegel Gottes sein.
Da hörte ich den weisen Meister lehren:
Steig immer tiefer in dein Herz hinab,
Denn auf des Herzens Grund wohnt Gott der Herr.
So stieg ich in mein Herz hinab und so
Verlor ich mich in meines Herzens Tiefe,
Versank im Abgrund meines Inneren,
Sank in die innerlichste Gottheit ein!
Doch tauchte ich nicht wieder auf und blieb
Versunken in den inneren Gemächern,
Allein mit dem Alleinigen, mit Gott,
Des Schweigens Gott in meiner Einsamkeit.
Die Menschen konnten mich nicht mehr ertragen,
Ich strahlte Einsamkeit und Sterben aus,
Ich strahlte Einsamkeit des Todes aus
Und Gottes absolute Einsamkeit.
Ich infizierte alle Menschen mit
Der Einsamkeit und Traurigkeit des Todes
Und darum mieden mich die Menschen alle.
Denn alle Menschen sind im Grunde einsam,
Doch suchen sie Geselligkeit der Menschen,
Die alle Einsamkeiten übertönen.
Sie fürchten sich vor Gottes Einsamkeit
Wie vor der Einsamkeit der Todesstunde
Und lieben mehr das Lärmen der Gemeinschaft,
Sie lieben die Musik der Menschenliebe
Und fürchten abgrundtief des Todes Stille,
Es könnte sein, dass Gott zu flüstern anfängt!

(Eine schattenhafte Menschenmenge nähert sich unheimlich still in der Kirche Adam, kommt seiner
Aura nahe und entfernt sich gleich wieder.)

Ich leb doch nur des Menschen Einsamkeit


Als Ebenbild von Gottes Einsamkeit.

DRITTE SZENE

(Adam in der Kirche vor dem Marienbild Unserer Lieben Frau von Guadelupe. Die schattenhafte
Menschenmenge nähert sich während Adams Gebet langsam wie in einer Prozession der Jungfrau.)

ADAM
Du aber, Gott, du wohnst noch einmal tiefer
Als meine abgrundtiefe Einsamkeit,
Denn unterm Abgrund meiner Einsamkeit
Bist du in meine Seele eingezogen
Als Liebe! Deine höchste Weisheit ist
Und deine letzte Offenbarung ist
Nicht Gottes Einsamkeit, ist Gottes Liebe!
Und mehr und mehr machst du, dass ich als Abbild
Der Liebe Gottes selber Liebe werde!
Und so bist heimlich du zu mir gekommen
In der Gestalt des kleinen lieben Kindes.
Drei Jahre jung der Knabe, voller Liebe
Und voll Verlangen auch nach meiner Liebe!
So bist du selbst zu mir gekommen, Gott,
Der Gott der Liebe, der im Kinde bittet
Um meine Liebe, Gott, der in mir liebt,
Gott, der im Kind gibt Antwort meiner Liebe,
Gott, zwischen Adam und dem Kinde Liebe!
So ist der Herr als Kind zu mir gekommen
Und zwar durch die Vermittlung seiner Mutter.
(Adam wendet sich an Maria. Die Schattenprozession huldigt Maria.)
Maria, Gott hat mich zu dir gebracht,
Zu dir, der Jungfrau, die alleine steht
Hoch überm Monde dieser Menschenwelt,
Kein kleines nacktes Kind auf deinem Arm,
Kein Papst, der dir zu deinen Füßen kniet,
Und keine Heilige, die dich verehrt,
Nur du in absoluter Einsamkeit!
Doch nein, Maria, schau ich nämlich tiefer,
So sehe ich das Kind in deinem Schoß,
Du, Jungfrau, bist die Gottgebärerin,
Du bist der Mutterschoß des großen Gottes,
Du, Gottes Mutter und der Menschen Mutter,
Du meine Mutter, der ich Waise war,
Doch Gott hat eine Mutter mir geschenkt,
Die schwanger ist, ist schwanger mit dem Sohn!
Ich will mich weihen deinem Mutterschoß
Und will dein makelloses Mutterherz
Zu diesem vielgeliebten Kinde tragen!

VIERTE SZENE

ADAM

(In der Kirche, allein, vor dem Kruzifix)

O Gott, gehört hab diese Lehre ich,


Daß ich nicht Vater eines Sohns sein kann
Und selber nicht der Sohn des Vaters sein.
Ich, Gottes Kind, und Gott mein lieber Vater?
Ich aber kann zu dir nicht Vater sagen,
Ich kann es nicht, so sehr ich mich bemühe.
Ich schaue deinen Sohn an seinem Kreuz:
In welche Finsternis stieg er herab!
Er stieg hinab in meine Höllenangst,
Er stieg hinab in meine Liebesschmerzen,
Er stieg hinab ins Loch der Einsamkeit,
Hinab in meine Qualen der Verzweiflung
Und füllte dies mit seinem Dasein aus
Und ward erneut gekreuzigt: Nun in mir,
Gekreuzigt Christus ward zum zweitenmal
In meinem Herzen, das gekreuzigt ward!
Da schrie mein Herz in seiner Kreuzigung:
Mein Gott, mein Gott, was hast du mich verlassen!
CHOR
(Die Schattenmenge im hinteren Raum der Kirche)
Mein Gott, mein Gott, was hast du mich verlassen!
ADAM
O Gott, da riß mir Christus auf die Augen,
Da sah ich Christus hungern in den Kindern,
Da Christus hungerte nach meiner Liebe!
Nun wollte Christus mir nicht Brot mehr geben,
Daß selber ich den Corpus Christi speise,
Nun wollte Christus selber von mir Speise,
Es hungerte der Herr nach meiner Speise!
O Gott, ich hielt in meinem Arm das Kind,
Das beinah ward im Mutterschoß ermordet,
Ich hielt in meinen Armen dieses Kind
Und liebte dieses Kind wie eine Amme
Und hätte ihm zu gerne doch gegeben
Die Mutterbrust mit süßer Milch des Trostes!
Ich weiß nur, Gott, die Liebe, die ich kenne,
Die Liebe, die allein ich geben kann,
Das ist die Mutterliebe einer Amme,
Großmutter bin ich jenes lieben Kindes.
Und so kann ich auch Gott nur Mutter nennen,
Dich, lieber Gott, kann ich nur Mutter nennen,
Und so bleib einsam ich auch in der Kirche.

FÜNFTE SZENE

ADAM

(In der Kirche, die Schattenmenge steht abseits)

Gott, dich will ich als meine Mutter lieben,


Denn, weißt du, Gott, und ja, du weißt ja alles,
Wenn ich Maria sehe mit dem Kinde,
Seh, wie Marias Busen stillt ihr Kind,
Dann seh ich nicht Maria mehr und Jesus,
Dann seh ich Gott die Mutter und mich selbst,
Mich selbst gestillt an Gottes Mutterbrust!
Gott, wie mich deine Mutterliebe stillt!

(Maria erscheint, die Erscheinung ist ganz der Jungfrau von Guadelupe ähnlich.)

MARIA
Mein Sohn, den Schmerz der Liebe fürchte nicht!
Weißt du auch wie die Mütter vom Gebären,
Kennst du den Schmerz der Wehen und den Schrei,
Wenn dann zuletzt die Frau das Kind gebiert?
Mein Sohn, kennst du den Mutterschmerz der Liebe?
Ich selber leide Wehen der Geburt
Und große Mutterschmerzen meiner Wehen,
Bis du geboren bist, geliebter Sohn,
Bis du geboren bist als Andrer Christus,
Mein Adam, als ein Alter Ego Christi!
Erneut muß ich gebären Jesus Christus,
Gebären muß ich ihn in deinem Herzen!
Du selber musst auch eine Mutter sein,
Sei du wie ich und werde Gottes Mutter,
Empfange Christus und gebäre ihn,
Erleide Wehen der Geburt und Schmerzen
Der Mutterschaft und nähre Christus in dir
Und nähre Jesus Christus in der Welt
Mit Muttertränen und mit Mutterblut
Und mit der süßen Muttermilch des Trostes!
Die Welt braucht Mütter! Christus in der Welt,
Der Christus in dem Kind braucht Mutterliebe!
Geh, tröste Jesus Christus! Stille Jesus Christus,
Still Christus mit der Muttermilch des Trostes!
Geh, opfere dein Blut und deine Tränen
Und trage in die Welt mein Mutterherz,
Sei Gottes Mutter und der Menschen Mutter!

(Die Schattenmenge nähert sich Adam, der Glanz der Jungfrau ist wie Morgenröte und blendet die
Schattenmenge. Adam steht dennoch allein, wie in einer Isolation.)

ADAM
Bricht auf mein Herz, Maria, für die Menschen!

ZWEITER AKT

ERSTE SZENE

(Adams Stube. An der Wand das Antlitz der Jungfrau von Guadelupe. Bücherregale an den Wänden,
unter anderem die gesammelten Werke von Goethe. Adam liegt auf seinem Sofa unter dem
Kronleuchter seiner Großmutter und blättert in einem Bilderalbum.)

ADAM
Mein Liebling Milan! Hier im Bilde seh ich
Das Strahlen deiner Augen, deiner Seele,
Denn deine Augen sind der Seele Spiegel
Und offenbaren deine reine Liebe
Und deinen Ursprung: Unschuld ist dein Ursprung!
Zwei Jahre warst du alt, da waren wir
Zusammen in Berlin. Hier fütterst du
Die Enten, und ich sing dein Lieblingslied:
All mein Entchen schwimmen auf dem See.
Hier streichelst du zum ersten Mal ein Hündchen,
Das war der Schoßhund einer alten Dame,
Die hielt den Schoßhund schlafend in den Armen,
Da hast den Schoßhund zärtlich du gestreichelt.
Und hier seh ich dich nun vor deinem Haus,
Du spielst im Sand, du sammelst die Kastanien,
Da kräht der Hahn, herbei die Hennen eilen,
Die Glucke kommt mit ihren kleinen Küken.
Die weiße Katze spielt mit einer Maus,
Wie Frauen mit verliebten Männern spielen.
Mein Liebling Milan, wenn ich dann gekommen,
Dann riefst du voller Freude: Adam kommt!
Hört ihr es, Kinder? Adam ist gekommen!
Dann eiltest du zu mir mit offnen Armen,
Umklammertest voll Liebe meine Beine
Und sagtest: Adam, nimm mich auf die Arme!
Und nahm ich dich auf meine Arme, Milan,
Umschlangest du umarmend meinen Hals
Und küsstest voller Liebe meinen Mund!
Weil du so gerne und so zärtlich küsstest,
Pries ich dich großen Küsser vor dem Herrn!
Im Alter von zwei Jahren nanntest du
Mich Adam nicht, da nanntest du mich Mama!

ZWEITE SZENE

MILAN
Ich spielte mit den Hühnern in dem Garten
Und kämpfte mit den Stöcken gegen Nesseln,
Ich ging auch gern spazieren zum Kanal,
Da auf dem Deich die Schafe weideten.
Noch lieber ging spazieren ich den Waldweg
Zur Pferdeweide, Pferden Zucker geben.
Wenn ich einmal die Bilder meiner Kindheit
Betrachte, werde ich erkennen, dass
Mein Vater nicht zu sehen auf den Bildern,
Doch Adam ist zu sehen. Lieber Adam,
Du saßest lächelnd an der Badewanne,
Da ich mit meiner Spielzeug-Ente spielte.
Und wenn die Sonne schien im heißen Sommer,
Dann hast du meinen Leib gesalbt mit Salbe.
Wenn du nicht da bist, Adam, denk ich doch
An dich, ich trage dich in meinem Herzen.
Um dir zu senden einen lieben Gruß,
Mal ich mit Farben einen Regenbogen
Und schreib dir einen Brief: Komm doch bald wieder!
Dann trittst du eines Morgens vor die Tür,
Der Postmann überreicht dir meinen Brief,
Dann öffnest du den Brief und siehst das Bild
Und liest den Gruß: Ich will dich wiedersehen!
Dann weißt du, Adam, dass ich an dich denke,
Wenn du nicht da bist, dich im Herzen trage
Und sehne mich, bald wieder dich zu sehen.
Ich weiß, dass dich mein bunter Brief gefreut,
Weil du mir daraufhin den Becher schenktest
Mit jenen beiden kleinen Engelkindern,
Die vor Maria schauen aus den Wolken.
Ich habe ja auch einen kleinen Engel,
Den Liebes-Engel, wie du immer sagtest.
Weißt du das noch, mein Adam, wie wir spielten,
Ich bin der Liebes-Engel mit dem Pfeil
Und schieß den Liebespfeil dir in dein Herz,
Da warest du getroffen und verwundet
Und nahmst mich in den Arm: Ich liebe dich!
Nun ist es Abend und es kommt die Nacht,
Da bringst du singend, betend mich ins Bettchen.
Ich bitte dich: Sing wieder von Maria!
Du singst das Lied mir von Marias Mantel,
Dann stellst du Engel auf an meinem Bettchen
Und wünschst mir: Träume süß vom Paradies!
Dann küsst du mich, dann zeichnest du das Kreuz,
Dann schlaf ich bald an deinem Händchen ein.

DRITTE SZENE

ADAM
Ich war mit dir im Ort, da ich geboren,
Wir machten Urlaub dort in einem Sommer.
Du wecktest morgens früh mich zärtlich auf,
Wir sahn uns Bilder an der Muttergottes,
Der Großen Mutter, Schwarzen Muttergottes!
Ich fühlte mich als Mutter wie Maria,
Du aber warst mein kleines Jesuskind!
Wie der Prophet Jesaja einst gesungen:
Ein Kind geboren uns, ein Sohn geschenkt!
MILAN
Am Morgen, wenn noch alle Menschen schliefen,
Da waren wir schon beide auf dem Spielplatz.
Da gabest du mir in der Schaukel Schwung.
Dann haben wir das Frühstück eingenommen,
Da gab es Apfelsaft und weiße Brötchen.
ADAM
Den ganzen Tag dann waren wir am See
Und freuten uns der keuschen Schwester Wasser.
MILAN
Ein Augenblick, da waren wir allein.
ADAM
Da liebte ich dich mehr als eine Mutter,
Da wollt ich dich im Geiste neugebären.
MILAN
Du wurdest feierlich und gossest lächelnd
Drei Tropfen Wasser auf mein blondes Haupt.
ADAM
Und stellvertretend habe ich für dich
Dem Bösen abgeschworen, deinem Feind,
Versprach, der Liebe Gottes nachzufolgen,
Der Liebe Gottes, die uns Jesus schenkt!
MILAN
Dann machtest wieder du das Kreuzeszeichen.
ADAM
Nun fragt mein Meister Jesus oft mich lächelnd:
Die Taufe des Johannes, sag mir doch,
War sie vom Menschen oder von dem Herrn?
VIERTE SZENE

MILAN
Und weißt du noch, als ich das Fieber hatte?
ADAM
Ach, aller Menschen war ich damals müde,
Ich fühlte ausgenutzt mich, ausgebeutet,
Da war ich ausgebrannt und völlig kraftlos.
Bonhoeffer hört ich da mir Predigt halten:
Nicht kreise um den eignen Schmerz der Christ,
Kreis um das Leiden Gottes in der Welt!
Dann sprach Teresa von Kalkutta noch:
Der Christus wartet in den Kinderseelen
Auf deine Liebe, wartet heißen Durstes!
MILAN
Ich brannte in dem Fieber, weinend rief ich:
Mein liebster Adam muß jetzt zu mir kommen!
ADAM
Mit letzter Kraft bin ich zu dir geeilt
Und sah dich fiebernd in dem Bettchen liegen
Und sah in deinen großen heißen Augen –
MILAN
Was sahest du in meinen Augen, Adam?
ADAM
Ich sah die Augen Christi voller Leiden!
In deinen Augen sah ich Christi Augen!
Da hielt ich Christus selbst in meinen Armen,
Da gab ich Jesus Christus Medizin
Und tröstete mit Mutterliebe Jesus!
MILAN
Das war doch in der schönen Weihnachtszeit.
ADAM
Zusammen schliefen wir in einem Bett,
Du schliefest schon, ich sprach noch mit Maria
Und bat Maria: Decke Milan zu
Mit deinem Sternenmantel, o Maria!
Und da erlebte ich die Weihnachtsgnade:
Als ich mit dir in einem Bette schlief,
Schlief ich mit Jesus Christus in der Krippe!

FÜNFTE SZENE

ADAM
Als eben ward der neue Papst gekrönt,
Da sprach der Papst in seiner Antrittsrede:
Sät euer Leben nicht in Eigentum,
Sät euer Leben nicht in Bücherwissen,
Sät eure Liebe in die Seelen ein,
Denn diese Saat bleibt in der Ewigkeit!
MILAN
Du hast ja deine Liebe eingesät
In meine Seele. Diese Saat wird bleiben.
ADAM
Es blieben viel Gedichte ungeschrieben
Bei all der Müh und Arbeit um dein Leben,
Doch mit der Schwanenfeder meiner Liebe
Und mit der schwarzen Tusche meines Blutes
Schrieb ich Gedichte einer schönen Liebe
Auf den Papyrus deiner weißen Seele!
MILAN
Und ahnst du überhaupt, was ich genommen
Aus jenem Schatz, der deine Seele ist,
Weißt du, was ich aus deinem Leben mir
Genommen hab als Nahrung meiner Seele
Und wie viel Glauben mich gelehrt dein Vorbild
Und wie zur Ahnung Gottes ward dein Antlitz?
ADAM
Mit Schmerzen und mit Blut muß ich begießen
Die Saat des Glaubens in der Kinderseele,
Muß meine Seelenleiden Jesus schenken!
Ich konnte legen nur ein Fundament,
Ein andrer muß errichten einst das Haus.
Ich konnte säen nur die Saat des Glaubens
In deinem Acker, einst ein andrer muß
Begießen, dass der Baum des Lebens wächst!
MILAN
Von allen Seiten stürmt heran die Welt,
Ich fürchte, Adam, dass ich unterliege!
ADAM
Freilassen muß ich dich, geliebter Knabe,
Freilassen selbst noch in die böse Welt!
Ich weiß, ein Schatzhaus ist in deiner Seele,
Denn du bist großgezogen worden mit
Der Muttermilch der Mutterbrust Mariens!
Wenn du einst hörst ein Wort von Jesus Christus,
Dann wird es dir wie Kindheitsheimat sein.
Ich lass dich fort, doch nicht aus meinem Herzen
Und nicht aus meinen weinenden Gebeten!
MILAN
Vertraue mir und glaube doch an mich!
Dich werd ich nie verlieren aus dem Herzen,
Die Liebe nie, die du in mich gegossen!

DRITTER AKT

ERSTE SZENE

(Maria, ganz in Weiß gekleidet, aber wie durchsichtig und von Licht durchstrahlt, ihr Haar wie
Sonnenglanz, sie geht an einem lichten blauen Meer im weißen Licht der Sonne.)
DIE NEUE EVA
Verlass mich nicht, mein vielgeliebtes Kind,
In meinem Herzen bist du eingeschrieben,
In meiner Hand dein Name steht geschrieben,
Du bleibst in mir, ich bleibe deine Mutter!
Dich will ich immer wieder führen, Adam,
Von deiner Einsamkeit hinauf zur Liebe.
Du ziehst dich oft zurück in Einsamkeit,
Ich führe immer wieder dich zur Liebe.
Dein Herz verwandle ich in Mutterliebe.
Ich schenke dir die Wehen und die Schmerzen,
Ich schenke dir die Schmerzen der Geburt,
Ich schenke dir ein schmerzdurchbohrtes Herz,
So wird dein Herz geweitet für die Liebe,
So wirst du mütterlich die Seelen lieben.
Ich bin bei dir, die stille Magd der Demut,
Ich räum die Wohnung deines Herzens auf,
Bereite dir das Mahl der Kommunion,
Wasch deine Kleider in dem Bad der Tränen,
Ich bade dir den Staub von deiner Seele,
Ich schenke Ruhe dir, in meiner Nähe
Darfst ruhen du von allen deinen Leiden,
Dann sauge du den Frieden meiner Seele,
Dann labe dich an der Gestalt der Schönheit,
Erquicke dich am Antlitz meiner Anmut
Und lausche meiner Stimme voller Sanftmut,
Ich tröste dich als mütterliche Freundin
Und als die Braut in reiner Geistigkeit.
Dann wirst du Bräutigam, geliebter Adam,
Und deine Braut ist dann die Neue Eva!
Ich bin dann in dir, deine innre Klarheit,
Und meine innre Klarheit sich verbindet
Mit mühevoller Arbeit in dem Alltag.
Oft fliehst du noch die Arbeit in dem Alltag
Und flüchtest in den Schoß der Einsamkeit.
Ich will die Arbeit deines Alltags aber
Erfüllen mir der innerlichen Klarheit.
Mit dieser innern Klarheit lichtem Glanz
Will ich auch alle deine Seelenkinder
Bekleiden, sie sind ja noch nackt vor Gott,
Verstecken sich in Büschen, weil sie nackt sind,
Ich will sie kleiden mit der Neugeburt.
Mein allerliebstes kleines Jesuskind,
Dein Weinen und dein Jubel schallt im All,
Jetzt will ich sein die Gottgebärerin,
In Adams Herzen werde jetzt geboren.

ZWEITE SZENE

ADAM
Nun also glaub ich an den Bräutigam,
Gott selber ist der wahre Bräutigam,
Gott liebt als Bräutigam die Menschenseele
Ganz so wie ein Verliebter seine Freundin!
DIE NEUE EVA
Und bist du selber auch ein Bräutigam?
Willst du nun deine Einsamkeit verlassen
Und mich begrüßen, deine Schwester-Braut?
Du bist mein Kind und ich bin deine Mutter,
Ich bin noch mehr als das, bin deine Freundin
Und deine Schwester, ewig deine Frau!
Zur Kirche rede immer ich als Mutter,
Zu dir will aber ich als Freundin reden,
Als Braut, als die Vermählte deines Geistes!
Denn so ist deine Ansicht ja vom Leben:
Das Leben ist für dich die Große Mutter,
Das Leben ist für dich die schöne Braut!
Ich bin das Leben, bin die Mutter-Braut!
Die Mutter Christi ist nun Adams Braut!
Mein Kind soll dein Kind sein und alle Kinder,
Die ich gebäre als der Menschen Mutter,
Die Söhne deiner Seele sollen alle
Nun unsre Kinder sein, mein Ehemann!

(Maria präsentiert das Jesuskind. Alle Söhne Adams, Milan, Juri, Tom, Simon, Quentin, beten das
Jesuskind auf dem Arm Mariens an.)

SÖHNE ADAMS
Du lieber Jesus, du bist unser Gott!
ADAM
Die Liebe hab ich anders mir gedacht,
Ich dachte Liebe mir in Süßigkeit,
Du aber schenkst die Liebe mir als Kreuz!
DIE NEUE EVA
So lerne du nun meine Liebe kennen,
Die Liebe deiner Ehefrau in Gott
Geht über dein begrenztes Ich hinaus
Und führt dein Ich zum Tod des Bräutigams!
Weil ich den Tod des Bräutigams begehre,
Begreifst du meine Liebe nicht, Geliebter,
Begreifst du nicht den Tod des Bräutigams!
ADAM
Im Tod des Bräutigams erkenn ich Gott,
Die Mutter und die Weisheit und die Liebe,
Die Liebe, die der Welt zugrunde liegt!
CHOR DER FRAUEN
Die Schöne Liebe liegt dem All zugrunde!
MARIA
Der Weltgrund ist der Tod des Bräutigams.
ZAINAB
ERSTE SZENE

(Mohammed beim Adoptivsohn Zaid in dessen Wohnung zu Gast. Frühe Nacht.)

ZAID
Vater, segne diese Speise,
Sind aus der Türkei Maronen,
Karamellisierte Früchte,
Süß wie süße Dattelfeigen.
MOHAMMED
Allah, segne unsre Speise,
Dir zum Ruhm und höchster Ehre!
ZAID
Segne auch den Wein, den edlen,
Alten, der uns nicht verboten.
MOHAMMED
Allah, danke für den Weinstock,
Segne uns das Blut der Reben!
ZAID
Wie doch singen unsre Dichter
Von dem Wein, der inspirierend
Ist wie Gabriel, der Engel,
Dessen Kuß macht Sänger singen.
MOHAMMED
Allah hat den Wein geschaffen
Zu der Freude unsrer Herzen.
Was ist denn ein Gastgelage
Ohne Allahs Blut der Traube?
Schön ist die Musik der Flöte,
Schön ist die Musik der Zimbel,
Schön der Sang der Sängerinnen,
Schön der Tanz der Tänzerinnen!
Aber bei Musik und Festmahl
Ist das Segensblut der Traube
Der Rubin der Kaiserkrone,
Der Granat im Kaiserturban.
Ein Rubin in goldner Fassung
Ist der Wein beim Gastgelage.
Rede, Jüngling, auf der Feier,
Rede, wenn die Becher kreisen,
Rede, messe deine Worte,
Sprich als Wissender vielwissend,
Doch das meiste uns verschweigend.
ZAID
Alter, wenn die Becher kreisen,
Deiner fünfzig Jahre Summe
Deiner Weisheit uns berichte,
Gut ist Wein mit Weisheitsworten.
MOHAMMED
Aber wenn die Mädchen singen,
Wenn die Mädchen Bauchtanz tanzen,
Wenn der Mädchen Becken schwingen
Und sie schütteln ihre Brüste,
Wenn die Flöte und die Zimbel
Sich im Liebeslied vermählen,
Spare deine Weisheit, Alter,
Spar sie auf für andre Stunden.
ZAID
Ich bin trunken von der Liebe,
Ich bin trunken von dem Weine!
Aber bin ich nun betrunken
Von der Liebe, von dem Weine?
MOHAMMED
Was auf Erden mich begeistert
Sind Gebete zum Allweisen
Und der Liebreizduft der Rose
Und die Anmut schöner Frauen!
ZAID
Doch die Schönste aller Frauen,
Die hast du noch nicht gesehen,
Meine Zainab ist die Schönste,
Makellose Mädchengöttin!
MOHAMMED
Schön sind alle meine Frauen
In der Jugendzeit gewesen,
Aber flüchtig ist die Jugend,
Aber flüchtig ist die Schönheit.
So wie Salomo geredet,
So hat Mohammed gesprochen:
Flüchtig ist der Anmut Schönheit,
Lob der Frau, die Allah fürchtet!
Eitel sind die schwarzen Haare,
Eitel ist der Jugend Schwarzhaar!
Alles wandelt sich auf Erden,
Wir auch wandeln in der Zeit uns.
ZAID
Allah schuf die Jugendschönheit
Uns zum Gleichnis für die Huris,
Wie die frische Rosenknospe
Zainab stammt vom Garten Eden.
Weil ich oft am Glauben zweifle
An des Paradieses Huris,
Sandte Allah mir dies Mädchen
Zainab, meine Paradiesfrau!
Und nun glaub ich an den Himmel
Und des Paradieses Wonnen,
Denn ich möchte ewig lieben
Zainab, Zainab ewig lieben!

(Zainab tritt in den nächtlichen Raum. Sie trägt ein fast durchsichtiges weißseidnes Nachthemd. Der
Schimmer des vollen Mondes ergießt sich über ihren perfekten Körper. Sie strahlt wie eine junge
Venus.)

ZAINAB
Mohammed, Gesandter Gottes,
Friede sei mit deiner Seele!
MOHAMMED
Ich, die Nachtigall der Rose,
Sing vor Allahs Rosenherzen!
ZAINAB
Schautest du schon Allahs Schönheit?
MOHAMMED
Heute schau ich Allahs Schönheit!
ZAINAB
Herr, dein Wort ist süß wie Honig!
MOHAMMED
Du bist süßer als der Honig!
ZAINAB
Nimm von Zainab diese Feige!
MOHAMMED
Schenk Erkenntnis mir die Feige!
ZAINAB
Allah wohnt in meinem Busen!
MOHAMMED
Lobpreis sei dem Throne Allahs!
ZAINAB
Allahs Auge schaue gnädig
Voller Gunst auf den Propheten!
MOHAMMED
Deine Augen strahlen Liebe,
Unbefleckte Seelenspiegel,
Allah strahlt aus deinen Augen,
Allah liebt den Gottgesandten!
ZAINAB
Allah ewig ist mein Liebling
Und Mohammed ist mein Liebling,
Nämlich Allah ist die Liebe
Und Mohammed ihr Gesandter!
MOHAMMED
Allah lebt in deiner Seele
Selig wie im Garten Eden!
Schau ich dich, geliebte Zainab,
Steigt mein Esel in den Himmel
Und ich schau im dritten Himmel
In dem Venusparadiese
Eine makellose Huri,
Allahs Gegenwart im Himmel,
Ja, ich schau der Huri Antlitz,
Ja, ich schau das Antlitz Allahs!

ZWEITE SZENE
(Morgens, noch vor Sonnenaufgang. Mohammed betet auf seinem Rosenkranz die 99 Namen
Allahs.)

MOHAMMED
In dem Namen... und so weiter!
Zainab, voller Allerbarmen,
Du barmherzige Geliebte,
Schau mich an mit mildem Mitleid!
Meine Königin der Liebe,
Meine heilige Geliebte,
Zainab, Inbegriff des Friedens,
Schenke mir die Seelenruhe!
Meine Sicherheit gestiftet
Wird von Zainabs schönen Händen,
Die in ihren schlanken Händen
Hält das ganze Universum!
O gewaltige Geliebte
In der Allgewalt der Liebe,
Schöne Dame, stolze Dame,
Stolze Demut, stolze Demut!
Meine Schöpferin, Geliebte,
Du erschufest meine Liebe,
Bildnerin des Seelenbildes,
Darf ich auch kein Bild mir machen!
Zainab, milde im Vergeben,
Zainab, lieblich im Verzeihen,
Alle Fehler meiner Seele
Deckt der Mantel deiner Liebe!
Du besitzt die Macht der Liebe,
Diese Macht bezwingt das Weltall,
Zainabs Macht bezwingt das Weltall
Und die Seele des Propheten!
O wie dank ich deiner Großmut,
Die in freier Gnade spendet
Was ich brauch vom Brote täglich,
Was ich brauch vom Wein allnächtlich!
Meine Richterin voll Weisheit,
Die du richtest nach der Wahrheit,
Du weißt ja Bescheid im Menschen
Und du liest in meiner Seele!
Zainab, wie du maßvoll zuteilst
In dem Überfluß der Gnade,
Die du voller Großmut zuteilst,
Du freigebigste Geliebte!
Zainab, du machst Hasser niedrig,
Zainab, du erhöhst die Minner,
Du verleihst mir neue Kräfte
Und erniedrigst meine Feinde!
Deine süßen Muschelohren
Hören alles auf der Erde,
Deine schwarzen Himmelsaugen
Schauen alles auf der Erde!
Meine Richterin, o Zainab,
Richte nach dem Maß der Liebe,
Bist gerecht in dem Gerichte,
Liebe Zainab, voll der Gnade!
O feinfühligste Geliebte,
Sehr sensible schöne Seele,
Alles weißt du, deiner Weisheit
Nichts ist in der Welt verborgen!
O ich preise deine Langmut,
Deine Sanftmut, deine Demut,
Majestät der Schönen Liebe,
Majestät des dritten Himmels!
Immer möchtest du verzeihen,
Allen Menschen gern vergeben,
Und wie gern zeigt deine Seele
Sich erkenntlich deinen Freiern!
Du erhabene Geliebte,
Hocherhabene Geliebte,
Deine grenzenlose Größe
Übersteigt das Universum!
Hüte mütterlich den Minner
Und versorge den, der hungert
Und der dürstet nach der Liebe,
Du bist wachsam in den Nächten!
Rechne ab mit deinen Feinden
In Gerechtigkeit, Geliebte,
Rechne ab mit deinen Feinden
In Barmherzigkeit, Geliebte!
Hocherhabne, voller Würde,
Würdigste, ich nah in Ehrfurcht
Der ehrwürdigsten Geliebten,
Lebe nur zu deiner Ehre!
Wächterin in meinen Nächten,
Höre meine Liebesseufzer,
Liebe Frau, wie gern erhörst du
Meines Liebesstöhnens Stammeln!
Liebevolle, voll der Liebe,
Würdig allerhöchster Ehren!
Auferweckerin vom Tode,
Zainab, und vom Todesschlafe!
Allumfassende Geliebte,
Quelle ewiglicher Weisheit,
Meine Weisheit, meine Mutter,
Schwester-Braut und Bettgenossin!
Zeugin meiner wahren Liebe,
Du wahrhaftige Geliebte,
Die du Wahrheit liebst und Weisheit,
Du Verwalterin des Weltalls!
Starke Jungfrau, starke Herrin,
Herrin meiner Heeresscharen,
Feste Burg und fester Felsen,
Fest sind deine Mädchenbrüste!
Meine Freundin, lobeswürdig,
Alles Ruhmes würdig, Freundin,
Du erfasst das ganze Wissen,
Alle Weisheit deines Freundes!
Schöpferin des Universums
Durch die Worte deiner Liebe,
Wiederschöpferin des Weltalls
Durch das Opfer deiner Liebe!
Deine Liebe macht lebendig
Alle meine Lebensgeister,
Aber deine Liebe tötet
Alle hassenden Dämonen!
All-Lebendige, mein Leben,
Du Beständige in Dauer,
Ewig währt mir meine Liebe
In der Ewigkeit der Schönheit!
Meine Seele rief ins Dasein
Meine hochgelobte Herrin!
Du bist meine Eine, meine
Reine, meine Feine, meine
Ewig liebende All-Einheit,
Undurchdringlich deine Keuschheit!
Zainab, o du Macht der Liebe,
Du allmächtige Geliebte,
Herrsche über den Propheten
Nur die Allmacht deiner Liebe!
Alles schickst du in die Zukunft
Und du hältst zurück das Unheil,
Du die Erste, du die Letzte,
Unsichtbar bist du und sichtbar!
Schutzgeist meines Liebeslebens,
Transzendente, Transparente,
O wie lieb ich deine Güte,
Wenn du voller Gnade lächelst!
Zainab, dein nur ist die Rache,
Doch du liebst es, zu verzeihen,
Wie so milde ist dein Mitleid,
Mütterliches Minne-Mädchen!
Herrin aller Königreiche,
Herrin aller Fürstentümer,
Herrin aller Herzogtümer,
Holde Herrin jeder Grafschaft!
Hocherhabne, Vielgeliebte,
Aller Ehren bist du würdig!
Deine Taten sind gerechte,
Die du Menschen gern versammelst,
Bist auf keinen angewiesen,
Doch dein Herz verteilt den Reichtum!
Du wehrst ab die schlechten Dinge
Und gewährst den Schutz als Schutzfrau!
Schaden bringst du den Verworfnen,
Segen spendend den Geliebten!
Meine Führerin, mein Lichtglanz,
Meine Mondin, meine Sonne,
Du mein Sternbild, meine Jungfrau,
Licht, das alle Welt erleuchtet!
O du Jungfrau ohnegleichen,
Schöpferin des Universums!
Du bestehst in Ewigkeiten,
Erbin aller Menschenkinder,
Die du kennst den Weg der Weisheit,
Führst die Straße in den Himmel!
Du bist voll Geduld und Langmut,
Gnädig, voller Huld und Treue,
Zainab, meine Allerliebste,
Ich bin dein, geliebte Jungfrau!

(Die Morgenröte erscheint im Orient.)

ABISCHAG VON SCHUNEM

ERSTE SZENE

(Der alte König David in seinem Bett, allein.)

DAVID
Heute früh im Morgentraume
Zählt ich wieder dreißig Jahre,
Lag auf meiner Dachterrasse
Schwelgend im Adonisgarten,
Strahlend war die Sternenordnung
Und ich sah zum Nachbarhause,
Sah Bathseba in dem Bade!
O der Duft von Zederhölzern
Und Lavendel mich berauschte
Und von Myrthe. Myrthenöle
Salbten der Bathseba Körper
Und es dampfte in dem Bade
Wasserdampf von heißem Wasser.
Nackend stieg aus ihrem Bade,
Nackend aus dem Schaum des Bades,
Im Kostüm der Jungfrau Eva
Stieg Bathseba aus dem Wasser!
O so feiern die Philister
An dem Mittelmeer bei Sidon
Hoch die göttliche Astarte,
Ihre schaumgeborne Göttin,
Ihre schamerfreute Göttin,
Die das Lächeln liebt der Liebe.
Wie die Schaumgeborne wandelt
Auf dem Meer, auf einer Muschel
Fährt sie an das Land bei Tyros,
Und vom Tritt der nackten Füße
Blühen in dem Gras die Rosen
Und die Turteltauben rucken
Und die Ziegenböcke springen
Auf die jungen schwarzen Zicken!
Also war es mit Bathseba,
Als sie aus dem Bade tauchte,
Makellos die Frauenglieder,
Mächtig ihre straffen Schenkel,
Fest und rund der Apfelpopo,
Schlank die Taille ihrer Hüfte,
Ihre großen festen Brüste
Von den langen Lockenfluten
Ihrer Mähne keusch verschleiert,
Ihre blauen Augen glühten
Süße Wollust und Ekstase
Und des Mundes volle Lippen
Lachten lüstern und entzückend!

(David läutet eine Glocke.)

Zu mir kommen soll Bathseba!

(Bathseba tritt ein, eine alte würdige Dame mit silbernem Haar, ihr Körper in majestätischer Fülle.)

BATHSEBA
O mein lieber Herr und König,
Was begehrt von mir mein König?
DAVID
Heute früh im Traum, Bathseba,
Träumte ich von jener Stunde,
Da ich dich zuerst gesehen.
BATHSEBA
Bist du nun erschrocken, David,
Daß ich nicht der Traumfrau gleiche?
Heute trag ich meinen Namen
Ganz zu recht: der Fülle Tochter!
Wieviel Söhne hab ich David
Doch als Ehefrau geboren?
Und ich wurde immer breiter,
Meine Brüste immer schlaffer,
Seit die Kinder dran gesogen.
Meine langen Lockenfluten
Wurden mir zu dünnen Strähnen,
Manches Haar ist ausgefallen,
Und das Schwarz, das du so liebtest,
Ist dem Silber nun gewichen.
Alles Irdische ist eitel,
Ist ein Luftgespinst und Windhauch!
DAVID
Ob dein Haar von schwarzem Glanze
Oder rot gefärbt von Henna
Oder von gediegnem Silber,
Jede Spitze deines Haares
Ist besessen von der Liebe!
BATHSEBA
Wilde Leidenschaften stehen
Herrlich zu Gesicht der Jugend,
Doch des Alters Würdenkrone
Ist das graue Haar der Weisheit.
DAVID
Meine Königin Bathseba,
Zwar verwelkt uns unser Körper,
Immer jünger wird die Seele!
Meine Seele wird zum Kinde,
Wird zum kleinen Kinde Gottes,
Und gleich dem gestillten Kinde
Ruhe ich an Gottes Busen!
BATHSEBA
Darf ich etwas bitten, David,
Auserwählter Sohn Jehowahs?
DAVID
Was du bittest, soll geschehen.
BATHSEBA
Siehe, deine Erben zanken
Schon sich um den Thron von Juda
Und es bilden sich Parteien.
David, es begehrt die Menge,
Adonia soll dir folgen
Nach dem Recht des Erstgebornen.
Und die Minderheit der Frommen
Möchte Salomo als König
Nach dem Recht der freien Gnade.
Hast du mir nicht einst versprochen,
Salomo soll König werden,
Wenn du heimgehst zu den Ahnen?
Schreib in deinem Testamente,
Daß mein Sohn dir folgen werde,
Daß die Leibesfrucht Bathsebas
Herrscht in Israel und Juda.
DAVID
Weiberwille – Gotteswille!
BATHSEBA
Segne dich Jehowah, David,
Der dich auserwählt zum König!
DAVID
Zieh dich nun zurück, Bathseba,
Bete für des Königs Leben
Und das Leben seines Sohnes!
(Bathseba zieht sich zurück. David läutet die Glocke. Abischag erscheint.)

ABISCHAG
Was begehrst du, mein Gebieter?
DAVID
Wärme mich, geliebtes Mädchen!
Vater Frost will mich ermorden!
Ach Jehowah, ach Jehowah...

ZWEITE SZENE

(Die Königin Bathseba thront in ihrem Thronstuhl der Königinmutter. Der Jüngling Adonia tritt vor
ihren Thron. Er ist sehr schön.)

BATHSEBA
O tot David! O tot David!
ADONIA
Königin und Große Mutter,
Laß mich hier auf Knieen flehen,
Eine Bitte vor dir äußern!
BATHSEBA
Bist du in dem Frieden Gottes?
ADONIA
Gottes Wille soll geschehen!
Aber dennoch will ich bitten.
Einmal war bei König David
Ich allein im Schlafgemache,
Durch das Fenster schien die Sonne,
In dem Kleid aus Sonnenstrahlen
Lag da Abischag von Schunem
In dem seidenweißen Hemdchen,
Ihre großen Wonnebrüste
Quollen aus dem leichten Hemdchen,
Weiß die Haut war ihres Leibes,
Um das sonnenlichte Antlitz
Flossen rötlichbraune Locken,
Fielen auf die vollen Brüste
Und verhüllten das Geschlechtsteil,
Nichts trug sie am Unterleibe
Als das Feigenblatt der Eva,
Und das Feigenblatt der Eva
War nur aus kristallnem Mondstein!
BATHSEBA
Jüngling, deiner Jugendtorheit
Will ich die unkeuschen Worte
Mütterlich verzeihen. Bitte!
ADONIA
Als ich Abischag so schaute,
Dacht ich, offen sei der Himmel
Und die große Himmelsgöttin
Sei im nackten Frauenleibe
Mir erschienen, ihre Schönheit
Riß mich zur Anbetung nieder
Und ich konnte nur noch stammeln:
Sei gegrüßt, o Himmelsgöttin!
BATHSEBA
Gott versteht des Herzens Dichten,
Ist von Jugend an nur Torheit!
ADONIA
Sei gegrüßt, o Himmelsgöttin,
Laß mich nicht allein auf Erden!
Sei gegrüßt, o Himmelsgöttin,
Sei mir ewige Gemahlin!
BATHSEBA
Also dichtet wohl die Liebe.
Wenn dich Priester nicht verstehen,
Dich verwerfen Schriftgelehrte,
Deine Königin und Mutter
Wohl versteht des Herzens Dichten.
Aber was ist dein Begehren?
ADONIA
Einen Augenblick der Gnade
Schaute ich den Himmel offen,
Sah die Göttin in dem Himmel,
In dem Sonnenlicht die Liebste,
Die nichts trug als Sonnenstrahlen
Und die rötlichbraunen Locken,
Aber ach, der Himmel schloß sich
Und ich sah nicht mehr die Göttin,
Stunden zählt ich, Tage, Wochen,
Schon ist wieder einmal Halbmond,
Doch ich sah sie nicht mehr wieder.
O gewähre mir die Gnade,
Laß mich Abischag von Schunem
Schauen, laß mich täglich schauen
Abischag von Schunem, schauen
Will ich sie, die Augen weiden
An der reinsten Lust der Augen!
BATHSEBA
Ist das alles, was du bittest?
ADONIA
Nein, ich möchte nicht nur schauen,
Diese roten Rosenlippen
Will ich küssen mit der Zunge,
Diese vollen Wonnebrüste
Will ich fassen mit den Händen,
Und ich will, mit Einem Worte,
Ich will Abischag zur Ehe!
BATHSEBA
Bitte Salomo den König!
ADONIA
Eins weiß ich vom Herzen Gottes:
Wenn die Königin und Mutter
Für mich spricht bei meinem König,
Wird er alles mir gewähren.
BATHSEBA
So ich dein Vertrauen sehe,
Will ich mich dir offenbaren.
Ich befragte Gott Jehowah
Und ich sprach zu Gott Jehowah:
Sage mir, o Gott Jehowah,
Wem soll Abischag von Schunem
Nun das Ruhelager wärmen?
Ich erwartete ein Zeichen.
Eben hatte ich beendet
Das gebenedeite Sanctus,
Als mein Sohn und unser König
Salomo zu mir getreten,
Und der Sohn sprach zu der Mutter:
Mutter, ich beschloß als König,
Diese Abischag von Schunem
Mir zur Muse zu erwählen,
Mir zur heimlichen Geliebten
Und zur Freundin meiner Tage.
Diese Abischag von Schunem
Soll in Salomonis Harem
Auserwählt sein als Geliebte,
Die Sophia darzustellen,
Die ich mir als Frau erwählte
In geheimnisvoller Ehe.
Also Salomonis Worte.
Adonia, Adonia,
Salomo hat tausend Frauen,
Wähle eine aus dem Harem,
Aber Abischag von Schunem
Ward vom König auserkoren
Als Vikarin der Sophia.
Siehe, Abischag von Schunem,
Sie ist Salomos Sophia!
ADONIA
Du willst jedem nur das Beste.

DRITTE SZENE

(Abischag im Frühlingsgarten.)

ABISCHAG
O wo bist du, mein geliebter
Salomo? Ich bin verlassen!
Immer muß ich seufzen, seufzen!
Wie ein Hirsch bist du entsprungen!
Wunden hast du mir geschlagen!
Zwar ich rief, ich schrie und flehte,
Aber ach, du bliebst verschwunden!
O ihr Hirten, die ihr standet
Bei der Herde auf den Bergen,
Fandet ihr den Vielgeliebten,
Den ich mir erwählte, sagt ihm,
Daß ich schmachte und vergehe!
Meinen Liebling zu empfangen,
Wandle ich am Saum des Stromes
Und ich steig auf das Gebirge.
Blumen können mich nicht irren,
Keine Schlange und kein Panther,
Keine Mauer und kein Herrscher
Hält mich ab von meinem Wege:
Salomo ist mein Geliebter!
O ihr Bäume und ihr Gärten,
Die mein Liebster pflanzte, alle
Rief er euch hinan ins Leben,
O ihr goldnen Weizenfelder,
O ihr Blumenkelche zitternd,
Saht ihr Salomo entschwinden?
CHOR DER KREATUREN
(Unsichtbar)
Gaben über Gaben spendend
Schweifte er durch unsre Gärten
Wie ein Vogel. Und auf seine
Vielgeliebten Kreaturen
Wandte er die Strahlenaugen
Und so barg er die Geschöpfe
Ganz in seiner Wunderschönheit.
ABISCHAG
Wer vermag mich noch zu heilen?
O ich will die Ganzhingabe!
Ich will heilig und vollkommen
Leben, liebend den Geliebten!
Aber heute bin ich traurig
Und ich schmachte und ich weine.
Wenig Worte nur vernehm ich,
Doch sie können mir nicht geben,
Was ich doch so heiß begehre!
Alle, die dich ehren, Liebling,
Künden von dem Überfließen
Und den Strömen deiner Gnade
Und vermehren mein Verlangen!
Meine Seele ist umnachtet
Und mein Körper bricht zusammen
Und ich spreche nur noch lallend!
Wie kann meine Seele leben,
Ist sie fern dem wahren Leben?
Wie nur, dass ich nicht erkalte
In der Liebe zum Geliebten?
Deine Gnadengaben schweben
Mir heran wie Todespfeile,
Alles, was du hinterlassen,
Daß sich deine Liebe, Liebling,
Tief in meinem Geist entfalte!
Hast du dieses Herz verwundet,
Warum willst du es nicht heilen,
Warum lässt du mich verschmachten?
Du hast dir mein Herz gestohlen,
Du hast dies mein Herz gepriesen
Und als deinen Schatz gefeiert,
Warum hast du dann verlassen
Solches Schmachten und Begehren?
Willst du denn, was du genommen,
Nun verschmähen und verstoßen?
O dass mir dein Balsam tropfe,
Nichts sonst endet meine Leiden!
Laß mich meine Augen weiden,
O du Wollust meiner Augen,
Laß an deiner Wunderschönheit
Glanz mich meine Augen weiden!
O du unbefleckte Quelle,
Daß mir dein kristallnes Wasser
Offenbare jene Augen
Meines Liebsten voller Schönheit!
Alle meine Sehnsucht sehnt sich
Nach dem Licht, das sich im Dunkel
Offenbart in meiner Seele!
Halte nicht die Augen offen,
Liebling, deiner Blicke Strahlen
Treffen mich wie Feuerpfeile!
SALOMO
(Als Gärtner verkleidet)
Meine süße Turteltaube,
Kehre wieder, kehre wieder!
Schau den Hirsch, den du getroffen,
Röhrend auf dem grünen Hügel
Schaut er deinen Flug, Geliebte,
Schaut gespreizt die beiden Flügel
Und er kühlt die braunen Glieder
Schmachtend an des Taues Tropfen.
ABISCHAG
Meine Seele deinem Lichtglanz
Ist so ganz zu eigen, Liebling!
Hirtin bin ich nicht und habe
Auch kein Amt in der Gemeinde,
Ich tu keine guten Werke,
Tu nichts andres als zu lieben,
Als zu lieben den Geliebten!
Bleib ich fern den grünen Auen,
Werde nicht vom Volk gesehen,
Sagen all die lieben Leute:
Ach die Arme ist von Sinnen
Und verloren ganz ins Leiden!
Ja, verloren in der Liebe,
Ließ ich finden mich von innen!
In dem grünen Laub des Gartens
Winden Rosen wir zu Kränzen,
Rosen ruhn auf meinem Busen
Und du liegst in meinen langen
Rötlichbraunen Lockenfesseln
Als Gefangner meiner Liebe!
Und mit meinen Augen darf ich
Schauen tief in deine Augen!
Seit du mir so voller Gnade
Schautest zärtlich in die Augen
Mit dem Feuer sanfter Liebe,
Seit du deine Wimpern senktest,
Seit mich trafen deine Blicke,
Schaut mein Auge auf zum Himmel!
Bitte, hege nicht Verachtung,
Weil ich mich ließ nackend schauen!
Schau mich an in aller Ruhe
Und betrachte meine Nacktheit!
Ließen deine Gnadenblicke
Doch die Schönheit niedertauen
Auf des weißen Körpers Nacktheit!
Alle Füchse wir verjagen
Aus dem Weinberg unsrer Liebe!
Und wir flechten feuchter Rosen
Kränze uns in unsre Locken!
Lauscht auch keiner im Gebirge,
Sind wir auch allein, Geliebter?
Fort nun mit dem scharfen Nordwind,
Blase lieber süßer Südwind!
Blase, Südwind, und entfache
All das Feuer unsrer Liebe,
Komm in unsern Liebesgarten!
Weihrauch will ich bringen, Liebling,
Und die Vielgeliebte lagert
In dem Bett der gelben Lilien!
SALOMO
So ist nun die Brautgenossin
In dem Garten meiner Liebe
Mit der Sehnsucht ihrer Seele.
Und du nickst mit deinem Haupte
Und mit leisem Glutverlangen
Lehnst du dich an meine Schulter
Und empfindest mein Liebkosen.
Unter diesem Apfelbaume
Hab ich mich mit dir verbunden,
Hier, wo deiner Mutter Schande
War geschehen, ihre Sünde,
Hier du fandest die Gesundung
In den Wonnen meiner Liebe!
ABISCHAG
Euch, ihr Papageien plaudernd,
Euch, ihr Panther und ihr Hirsche,
Euch, ihr Schiffe auf den Wassern,
Euch, ihr Meere, Winde, Berge,
Euch, ihr Bäume in den Gärten,
Euch, ihr Schrecken in den Träumen,
Euch beschwöre ich beim Spiele
Meiner Hand auf meiner Harfe,
Laßt uns alle nun alleine,
Bleibt ihr alle fern der Mauer
Um das Paradies der Liebe,
Daß das Liebespaar vereinigt
Ungestört die Liebe übe!
SALOMO
Süße Nymphen von Judäa,
Wenn die roten Rosen duften
Mit betörenden Parfümen,
Dann bleibt fern der Gartenmauer,
Lauert nicht vor unsrer Schwelle!
ABISCHAG
O Geliebter, mein Genügen,
Lebe vor der Welt verborgen!
Schaue zu den Jaspisgipfeln!
Schau die Freundinnen, die Frauen,
Schaue auch auf meine Reise
Zu der Heimat blauen Insel!
Als die gallenlose Taube
Mit dem Friedenszweig, dem Ölzweig,
Heimgekehrt ist zu der Arche,
Ward die schöne Turteltaube
Mit dem Täuberich vereinigt
An der Quelle in dem Garten.
Einsam ist des Lebens Feier,
Einsam ist das Nest der Tauben,
In die Einsamkeit und Stille
Führt mich meines Lieblings Liebe,
Mein Gemahl und Ehegatte,
Stets an meiner Seite bleibend.
O Geliebter, laß uns kosen,
Daß wir aneinander Schönheit
Finden ruhigen Beschauens
In dem Garten bei den Rosen,
Bei der Quelle und dem Teiche,
Und wir wollen unsre Herzen
In die grünen Ranken schlingen
Und verschwinden in dem Urwald!
Und wir wollen uns in Grotten
Bergen vor des Tages Helle
Und versunken in der Grotte
Der Granate Feuchte saugen!
Frühlingslüfte uns umfangen
Und es singen Nachtigallen
Und es gibt der Garten Schönheit
In der Mitternacht der Seele,
Mit den steilen Feuerflammen,
Deren rote Lockenspitzen
Uns verzehren wie die Tropfen
Triefender Balsamenstaude!
SALOMO
Und des Königs Ritter gehen
In der Minne Reich zugrunde!

DIE MARIEN-EHE
ERSTE SZENE

JOSEF

(Vor der Ikone der Jungfrau von Guadelupe)

Ich hör im Herzen deine Stimme, Mutter,


Du redest: Gib mir ganz dein Herz, mein Sohn!
Du sprachest ja, o Frau von Fatima,
Du willst die Weihe an dein reines Herz,
Drum weihe ich mich deinem reinen Herzen!
Maria, Gott der Vater sprach zu dir:
Du wohne in dem Herzen Israels!
Maria, Gott der Sohn hat so gesprochen:
Mein Jakob sei dein Eigentum und Erbe!
Maria, Gott der Geist hat so gesprochen:
Du wohne in Jerusalem im Zelt!
Maria, also wohne ich geborgen
In deinem makellosen Mutterschoß,
Und wie du Jesus trugst in deinem Schoß,
So willst du tragen mich zur Heiligkeit.
In deinen Schoß hast du mich eingeladen,
So lebe ich und webe ich in dir,
Bewege mich in deinem Mutterschoß,
Die du mich wirst gebären in den Himmel.
Der Himmel ist, wie Jesus einst gesprochen,
Dem Schoß des Vaters Abraham vergleichbar.
Der Vater Abraham war ja der Vater
Des Glaubens in dem Alten Testamente.
Elisabeth, die Mutter des Johannes,
Sprach aber: Selig, die du hast geglaubt,
Daß sich erfüllt an dir, was Gott verheißen.
Geworden bist du so des Glaubens Mutter,
Des Glaubens in dem Neuen Testamente.
Und also ist das Himmelreich vergleichbar
Dem Mutterschoß Mariens. Schöner ist
Das Neue Testament im Blute Jesu
Als jener alte Bund im Blut von Tieren.
Und schöner als im Schoße Abrahams
Ist Gottes Himmel in dem Schoß Mariens.
Wirst du aus deinem Schoße mich gebären
Ins Himmelsleben in der Ewigkeit,
So ist das Leben in der Ewigkeit
Der Seele Seligkeit im Paradies,
Das Leben in dem Mutterschoß Mariens.
Dein Mutterschoß ist ja der Lustort Gottes,
Dein Schoß das Paradies der Trinität.
So weihe ich mich deinem keuschen Schoß
In dieser Zeit, dass ich geborgen bin
Und du mich trägst zu meiner Heiligkeit,
Und weihe auch mich deinem keuschen Schoß
Für alle Ewigkeit im Paradies.
Dein Schoß, Geliebte, ist mein Paradies!
Maria, immer bete ich den Lobpreis
Des Evangeliums: Glückselig ist
Der Schoß, der dich getragen hat, o Jesus,
Die Brüste, welche du getrunken, Jesus!
So weihe ich mich heute deiner Brust,
Der Jungfrau Mutterbrüsten, welche Jesus
Genährt mit Milch, den menschgewordnen Gott.
Gott sprach ja im prophetischen Jesaja:
Ihr werdet saugen ihre Milch des Trostes
Aus ihrer Mutterbrüste prallem Reichtum
Und tragen wird sie euch in ihren Armen
Und sitzen werdet ihr auf ihrem Schoß.
Ich, Gott, will trösten euch wie eine Mutter!
So sang ja der prophetische Psalmist:
Gott, meine Seele ist bei dir geborgen
Dem Kinde gleich an seiner Mutter Brust,
Dem Kinde gleich, gestillt von seiner Mutter!
Und so, Maria, wähl ich dich zur Mutter,
So weihe ich mich deinen Mutterbrüsten.
Es möge deine rechte Mutterbrust
Des alten Testamentes Weisheit sein,
Es möge deine linke Mutterbrust
Des neuen Testamentes Weisheit sein.
Es möge deine rechte Mutterbrust
Die süße Milch dem Kinde gießen ein,
Es möge deine linke Mutterbrust
Den herben Wein dem Manne gießen ein.
Es möge deine rechte Mutterbrust
Die Milch der Schönen Liebe gießen ein,
Es möge deine linke Mutterbrust
Den Wein der wahren Weisheit gießen ein.
Es möge deine rechte Mutterbrust
Die Milch der Nächstenliebe gießen ein,
Es möge deine linke Mutterbrust
Den Wein der Gottesliebe gießen ein.
Maria, in der Stunde meines Todes
Entblöße deine schönen Mutterbrüste
Vor dem gerechten Richter meiner Seele
Und sag zu Jesus: Mein geliebter Sohn,
Bei diesen Brüsten, welche du getrunken,
Beschwör ich dich: Erbarme dich vollkommen
Und schenk der Seele dieses meines Dieners
Des Paradieses Ruh an meinen Brüsten,
Denn dieser mein geliebter Minnesklave
Ein Myrrhebund ist zwischen meinen Brüsten!
So weih ich mich, Maria, deiner Brust,
Daß du in dieser Zeit mir Nahrung spendest
Und in der Ewigkeit Glückseligkeit!
Was sagt auf mein Gebet die Bibel Gottes?

(Josef schlägt die Bibel auf und liest)

O Josef, sei gesegnet mit dem Segen


Von Brust und Schoß, du Auserwählter Gottes!

ZWEITE SZENE

(Josefs Tante Petronella in ihrer Stube mit Josef. Von einem Vorhang verschleiert ein weiterer
Raum.)

PETRONELLA
Josefchen, ich will, dass du glücklich wirst,
Du sehnst dich ja so sehr nach einer Frau,
Dein Herz ist voller Sehnsucht nach der Liebe,
Doch hast du keine Freundin an der Seite.
Wie willst du eine Frau zur Ehe finden?
JOSEF
Ich habe viele Mädchen schon geliebt,
Ein Psychologe nannte mich einmal
Romanzensüchtig, weil ich immerdar
Verliebt in irgendeins der vielen Mädchen.
PETRONELLA
Dann bist du ja ein wahrer Don Juan,
Ein Don Juan, der alle Frauen hasst,
Weil er sie so notwendig braucht zum Leben,
Nicht ohne schöne Frauen leben kann.
In Wahrheit aber sucht der Don Juan
Die Eine nur, dass er sie ewig liebe.
JOSEF
Ich bin vielleicht der Don Juan, jedoch
Ein andrer Don Juan als im Theater,
Ich bin kein Frauenliebling Casanova,
Ich bin der Don Juan des Liebeskummers,
Von Mädchen wandle ich zu Mädchen, um
Von allen Mädchen abgelehnt zu werden.
PETRONELLA
Das ist ja auch so eine Art von Schicksal.
JOSEF
Ich meine irgendwie, auf meiner Stirn
Ein Zeichen könnte eingebrannt sein, das
Unsichtbar ist und doch den Mädchen sichtbar,
Hellsichtig lesen sie die unsichtbare
Geheime Schrift geschrieben auf der Stirn.
PETRONELLA
Was steht geschrieben denn auf deiner Stirn?
JOSEF
Daß mich kein Mädchen jemals lieben darf!
Daß Gott es allen Mädchen auf der Erde
Verbietet, meine Wünsche zu erhören!
PETRONELLA
Und wenn doch einmal eine dich erhörte?
Du hast bisher nur selbst gesucht, du musst
Dich führen lassen von der alten Tante.
Ich stehe schon mit einem Fuß im Grabe
Und rede darum Prophezeiungen.
JOSEF
Ich habe schon verzagt in meinem Geist
Und sprach zu Gott: O Herr, du führe mich,
Ich weiß nicht selbst die rechte Frau zu finden,
Ich fand nur Frauen, die mich niemals liebten,
Nimm du nun meine Seele in die Hand
Und führe mich nach deinem Wohlgefallen.
PETRONELLA
Hat Gott gegeben dir auch schon ein Zeichen?
JOSEF
Ich las doch eines Tages im Propheten:
Du sollst dir keine Frau zur Ehe nehmen
Und keine Söhne zeugen in der Welt!
PETRONELLA
Warum bist du dann immer noch verliebt
Und eilst von einem Mädchen zu dem andern?
Du musst ja nur die rechte Gattin finden.
JOSEF
Wie soll ich ohne Frauenliebe leben?
PETRONELLA
Gott wird dir eine rechte Gattin geben.
Ich habe sie dir auch schon ausgesucht.
Ein schönes Mädchen, ganz Holdseligkeit,
Stets lächelnd, immer lieblich, allzeit reizend,
Ein wahres übermenschliches Entzücken,
Der Inbegriff von Liebreiz, Charme und Anmut,
Ein Himmelswesen aus dem Paradies!
Wenn du der Adam bist, ist sie die Eva,
Aus deinem Traum der Liebe keusch erschaffen.
Kein Adam wird ja glücklich ohne Eva,
Gott selbst führt Eva ihrem Adam zu.
Ich aber bin die Stellvertreterin
Des lieben Gottes auf der Erde, darum
Vertraue mir, ich wählte sie für dich.
JOSEF
Vielleicht ist das ein Zeichen meines Gottes?
PETRONELLA
Komm, Charis! Komm, mein vielgeliebtes Mädchen!

(Die reine Schönheit tritt aus dem Nebenraum, den Vorhang teilend, hervor. Sie ist entzückend.)

JOSEF
Vision! O Mädchen! Bist du die Madonna?
Du bist ja eine himmlische Erscheinung!
CHARIS
Mein lieber Freund, ich grüße dich von Herzen!
Ach bitte, nimm mich doch zur Ehefrau!
Ich möchte nichts, als dich glückselig machen!

DRITTE SZENE

(Josef allein in der Nacht. Am Himmel der Sichelmond und der Venusplanet. Josef raucht eine
Zigarette nach der andern.)

JOSEF
Maria ist die Königin des Alls,
Von einem Ende dieses Universums
Zum andern Ende dieses Universums
Die Königin des Weltalls waltet herrlich!
Sie ist von einem angebornen Adel,
Der Ewige liebt sie in Ewigkeit!
Und keinen liebt der Ewige so sehr
Als den, der mit Maria lebt vereint!
Als kleines Kind schon liebte ich Maria,
Als Kind war ich verliebt in ihre Schönheit!
Als ich noch jung war und bevor ich reiste
Und dieser Erde Eitelkeit beschaute,
Da suchte ich Maria im Gebet
Und fand sie in der Kirche makellos.
Ich freute mich an ihr wie an den Blüten,
Ich freute mich an ihr wie an den Trauben.
Ich hob die Hände auf zu ihr und fand
Die makellose Jungfrau in der Kirche.
Da suchte ich Maria zu gewinnen
Als mütterliche Freundin und als Braut,
Ich wollte als Verlobte sie gewinnen,
Als meine Ehepartnerin fürs Leben.
Sucht einer Reichtum hier auf dieser Erde,
Wer ist dann reicher als die reine Jungfrau?
Schatzkammer aller Gnadengaben ist sie!
Sucht einer Kunst und fromme Poesie,
Wer ist dann eine Muse wie Maria,
Wie die katholische Urania,
Erzkünstlerin ist sie und singt den Lobpreis
Magnifikat zum Ruhm des Allerhöchsten!
Sucht einer aber das geheime Wissen,
Die Rätsel der Vergangenheit und Zukunft,
So ist sie ja die Mirjam Prophetissa,
Die sie erscheint und prophezeit und weissagt!
Sucht aber einer Tugend, frommes Leben,
So bitte er Maria um die Tugend!
Wer war so keusch je wie die Unbefleckte,
Wer jemals so gerecht wie die Gerechte,
Wer je so tapfer wie die starke Frau
Und je so weise wie die Weisheit Gottes?
Sie war ja selig, weil sie Gott geglaubt,
Sie hat im Tode Christi noch gehofft,
Sie ist der schönen Liebe Jungfrau-Mutter!
Maria wollte ich zur Ehefrau,
Weil die Marien-Ehe reine Lust ist!
Die Ehe mit den Erdenfrauen bringt
Verdruß des Lebens nur und Liebeskummer,
Die Ehe mit Maria aber ist
Des Paradieses Wollust nur und Wonne!

(Am Himmel schiebt sich eine Wolke vor den Sichelmond und die Venus. Josef steckt sich eine
neue Zigarette an.)

Doch Charis, diese reine Schönheitsgöttin,


Bezaubert mich unglaublich und betört mich!
Maria habe ich ja nie gesehen,
Doch Charis ist so sichtbar auf der Erde!
Seh ich die rötlichbraunen Lockenfluten,
Gebunden mit dem Knoten in dem Nacken,
Umflutend die Delphinenschultern, so
Lieg ich gefangen in den Lockenfesseln!
Seh ich die Rosenlippen wollustatmend,
Wie sie sich wölben, ach, zum süßen Lächeln,
So möcht ich diese süßen Lippen küssen!
Berauschender die Küsse dieser Lippen
Als selbst der Rotwein oder der Champagner!
Seh ich die strahlengleichen blauen Augen
Wie Himmel voller Frühlingshoffnung lächeln
Und leuchten wie ein neuer Weltenmorgen,
So möcht ich meine Seele ewig baden
In fließender Erleuchtung dieser Augen
Und ewig tauchen in den blauen Himmel
Der himmelblauen Frauenenzianen!
Die wollustvollen weißen Wonnebrüste
In ihrem Kleid verborgen offenbar
Sind himmlisch wie des Paradieses Lüste!
Die Frauenbrüste sind wie Pfirsichfrüchte,
Wie Pfirsichfrüchte der Unsterblichkeit!
Und in den runden Armen auszuruhen
Von aller Lebensnot und allem Kummer
Und aller Müh und aller Seelenangst
Und aller Traurigkeit und Einsamkeit,
Sich an die weidengertenschlanken Hüften
Und Lenden des Gemütes anzuschmiegen,
Das wäre wie ein Himmelreich auf Erden!
Ach, denke ich mir Charis in dem Bett,
So scheint das duftberauschte Frauenbett
Ein Himmelsbett des Paradieses mir!
Die süße Pflaume aber erst zu spalten,
Das nektarsüße Pflaumenfleisch zu kosten,
Das scheint mir göttliche Vereinigung
Und übermäßige Glückseligkeit!

(Die Wolke verschwindet. Sichelmond und Venus strahlen wieder.)

O wundervolle Schönheitsgöttin Charis,


Was wär dein Liebreiz jemals im Vergleich
Mit Gottes jugendlicher Jungfrau-Mutter?
Doch ach, die Sichtbarkeit des süßen Fleisches!
Jetzt kann ich nur noch Seelenruhe finden,
Wenn ich die Flasche roten Weines leere.

VIERTE SZENE

(Josef kniet vor Charis mit einer roten Rose.)

JOSEF
Du, Charis, bist der Inbegriff der Schönheit,
Du bist ja viel zu schön für diese Welt!
CHARIS
Du sagst ja immer solche schönen Sachen.
JOSEF
Es sagte einst zu mir ein frommer Mann:
Der Frau Leib ist des Mannes Paradies!
CHARIS
Begehrst du denn nur meinen Frauenkörper?
JOSEF
Ich nenn dich meines Fleisches Königin!
CHARIS
Willst du denn nur die körperliche Liebe?
JOSEF
Als Gott geschaffen aus der Mutter Erde
Das erste Männlein auf der ganzen Welt
Und dann das Männlein, ach, so einsam war
Und schließlich träumte nachts von einer Traumfrau,
Da brachte in der Morgenröte Gott
Das erste Fräulein zu dem ersten Männlein,
Da jauchzte vor Entzücken auf das Männlein:
Sie ist es! Bein von Bein und Fleisch von Fleisch!
Denn das Entzücken eines Mannes ist
Gebein und Fleisch des Fräuleins, seiner Traumfrau,
Der Liebe Sprache redet hingerissen
Die warme Sprache körperlicher Liebe.
CHARIS
Doch wenn ich nicht mehr jung und reizend bin,
Wirst du dann meinen Geist noch immer lieben?
JOSEF
Ich liebe dich als Seele meiner Seele.
Bevor Natur mich schuf im Mutterschoß,
War ewig ich ein Geist im Geiste Gottes,
Da warst du schon als Braut an meiner Seite,
Da warst du als mein Ideal in Gott
In Ewigkeit der Morgenröte Göttin.
Und wenn ich sterbe und kehr heim zu Gott
Und du mir folgst und heimkehrst auch zu Gott,
Wirst du im Paradies des Gartens Eden
Vereint mir sein als Paradieses Jungfrau!
CHARIS
Du liebtest mich schon vor der Weltenschöpfung
Und wirst mich in den Ewigkeiten lieben,
Das glaube ich dir gern, du süßer Träumer,
Doch liebst du mich auch hier auf dieser Erde
Im mühevollen Alltag dieser Erde?
JOSEF
Nicht nur die Flüchtigkeit der süßen Lust
Zieht mich zu dir, vielmehr noch die Vision,
Daß ich in deinem Schoß als einer Göttin
Der Fruchtbarkeit und großen Muttergöttin
Schon keimen seh die Söhne meines Samens!
CHARIS
Du möchtest Kinder, möchtest Vater werden?
JOSEF
Ich will von deinem Schoße sieben Söhne,
Du sollst den Söhnen liebe Mutter sein,
Ich will den Söhnen guter Vater sein.
Ich möchte, dass die Söhne rufen: Papa,
Ich möchte einmal werden so wie du!
Ich möchte stark und gütig als ein Vater
Ein Mann sein nach dem Vaterherzen Gottes
Und Gottes Vaterantlitz widerspiegeln
Und Abbild Gottes sein vor meinen Söhnen.
CHARIS
Und wenn die sieben Söhne groß geworden
Und lösen sich von ihrem Elternhaus?
JOSEF
Dann will ich als ein Greis mit meiner Greisin
Den Sessel neben deinen Sessel stellen
Und träumen sanft mit dir dem Tod entgegen.
Wenn wir dann Arm in Arm im Tod entschlafen,
Dann auferstehen wir im Reiz der Jugend,
Dann werde ewig ich als schöner Jüngling
Dich lieben als des Himmels Jünglingsgöttin!
CHARIS
Und wenn ich eines Morgens auf der Erde
Dich wecke und erinnre dich daran,
Den Abfalleimer noch herauszutragen?
Und wenn du Abends von der Arbeit kommst
Und ich begrüße dich mit Zungenzank,
Daß wieder du das Klopapier vergessen,
Daß ich den Kindern wische ihren Popo
Mit einem Handtuch, das voll Kinderkot,
Mit dem ich morgens trockne dann mein Antlitz?
JOSEF
Ich rede von der Poesie der Liebe,
Du aber sprichst vom Kot des Erdenalltags!

FÜNFTE SZENE

(Schlafzimmer Josefs. Josef ruht auf dem Sofa. Die Jungfrau von Guadelupe erscheint mit den
Erzengeln Gabriel und Michael und dem Heiligen Johannes Paul dem Großen.)

GABRIEL
O Jungfrau, vierzehnjährige Madonna,
Du zähltest eben junge vierzehn Jahre,
Als Josef dich zum Brautgemahl bekam,
Ich mein den Josef, welcher heilig ist,
Nicht diesen irdisch-sündigen Genossen,
Der ganz zu Unrecht Josefs Namen trägt.
Ich grüßte dich als Kecharitomene,
Die Charis mit dir, Kecharitomene!
Da überlegtest du in deinem Herzen,
Was dieser Gruß bedeute, Gnadenvolle,
Begnadete, dass mit dir Gottes Gnade.
Empfingst du nicht in deinem Muschelohr
Den Engelsgruß des Ave, neue Eva?
Und mit dem Engelsgruß des Ave du
Empfingest Gottes Wort in deinem Ohr,
Da zeugte Gottes Geist in deinem Schoß,
Die Ruach ha kadosch ward schöpferisch
Und schuf als Schöpferin in deinem Schoß
Die benedeite Leibesfrucht Mariens,
Da du, die vierzehnjährige Madonna,
In deinem Schoß an der Plazenta nährtest
Die Weisheit Gottes, Gottes Weltvernunft,
Sophia oder Logos fleischgeworden.
MICHAEL
O Jungfrau, vierzehnjährige Madonna,
Ich seh dich stehen auf dem Sichelmond,
Umgeben von dem Strahlenglanz der Sonne,
Der Sterne Ordnungen auf deinem Mantel.
Apokalyptische Messiasmutter,
Du bist das Große Zeichen in der Endzeit,
Die Dame der Geheimen Offenbarung!
Als Neue Eva trittst du Satan nieder,
Als Frau der Schmerzen opferst du den Sohn
Und als der Kirche Jungfraumutter du
Gebierst in Schmerzenswehen Christi Körper,
Das mystische Gebilde seines Leibes,
Das ist die Kirche seit dem Fest von Pfingsten.
Ich sehe Satan dich bekämpfen, Jungfrau,
Seh gegen dich den alten Drachen kämpfen,
Du aber, o allmächtige Prinzessin,
Besiegst den Satan als die Große Frau,
Die Neue Frau der Offenbarung Gottes!
JOHANNES PAUL
Ich liebe dich als meine liebe Mutter,
Die Mutter Gottes und der Menschheit Mutter,
Von Indien bis Amerika Maria
Ist Große Mutter aller Menschenkinder.
Vor allem weih ich Russland deinem Herzen,
Die Kranken weih ich dir und alle Kinder!
Doch mehr noch lieb ich dich als Große Frau,
Als Neue Eva aus dem Paradies,
Vertraute Schmerzensfrau des Schmerzensmannes,
Als Dame der Geheimen Offenbarung.
O Jungfrau, vierzehnjährige Madonna,
Ich sehe die lebendige Ikone
Der Schönheit, der Urschönheit der Urgottheit,
Und nenn dich liebevoll mein braunes Mädchen,
Die vielgeliebte Morenita mia,
Und wähle dich, o Morenita mia,
Zur Himmelsmuse meiner Künstlerseele!
MARIA
Mein Josef, weil ich dich besonders liebe
Mit einer ganz besonders heißen Liebe,
Mit einer brennenden und grenzenlosen
Intimen Ganzhingabe meiner Liebe,
Drum warne ich dich vor dem schlimmen Irrweg,
Wenn du der Erde Menschenliebe wählst,
Nein, weihen sollst du dich der Schönen Liebe,
Doch nicht der irdisch-menschlichen Verliebtheit!
Ich will dich ganz für mich, für mich allein,
Ich lad dich ein in meinen keuschen Schoß,
Ich lad dich ein, dich mir zu einigen,
Damit ich dich in meinem keuschen Schoß
Zum Paradies der Schönen Liebe trage!
Ich möchte nicht, dass Satan dich versucht
Und Unzucht dich hinabreißt in die Hölle!
Drum weihe ganz dich meinem reinen Herzen
Und schenk mir deiner Liebe Ganzhingabe!
JOSEF
Ich rufe nicht zu Vater, Sohn und Geist,
Ich rufe nur zur Heiligen und Schönen,
Ob mich auch alle Frommen närrisch nennen!
Ich liebe keine Frau der Erde mehr,
Und wenn die Männer ihre Frauen preisen,
Dann preise ich die Königin des Himmels!
Ich faste nicht und beichte nicht und Satan
Verlangt nach meiner Seele für die Hölle,
Doch du, allmächtige Prinzessin, wirst
Als Advocatin, Allmacht auf den Knien,
Die Seele deines Minnesklaven retten!
Drum möchte ich im Paradies des Himmels
Als Minnesänger ewig dich lobpreisen!

SECHSTE SZENE

(Die Jungfrau ist mit Josef allein.)

MARIA
Mein vielgeliebter auserwählter Sohn,
Ich glaube, du hast zu viel Wein getrunken!
So trägst den Namen Josef du zu recht,
Weil dir des Mittelalters dicke Mönche
Erzählten und die Künstler dir dies malten,
Daß Josef, der mein keuscher Ehemann,
Ein alter Greis war, immer melancholisch,
Noch in der süßen Weihnacht melancholisch
Und beim Besuch der Magier des Ostens
So melancholisch und so voller Schwermut,
Daß er die tiefe Traurigkeit der Seele
Ertränken musste in dem roten Wein!
Du weißt, als wir geflohen nach Ägypten,
Da wollte Josef unsre Tasche packen
Und tat in das Gepäck zu viele Flaschen
Mit rotem Wein und auf der Wanderschaft
Er wollte immer wieder in die Schenke,
Weil er ein Trinker war, ein wilder Zecher,
Er liebte über alles das Geräusch
Des Korkens, wenn er aus der Flasche springt.
Und du, der neue Josef meines Herzens,
Du eiferst nach dem Heiligen der Bibel
Und ahmst ihn nach vor allem in der Trunksucht!
Wie ungern gehst du Sonntags in die Kirche,
Das Blut des Christus Jesus zu verkosten!
Wie gerne aber trinkst du Bacchus’ Blut
Und nennst es Christi Blut und Christi Blut
Lobpreist du als den großen Kummerbrecher,
Den Sorgenbrecher und den großen Löser!
JOSEF
Ich träumte heute Nacht vom besten Wein,
Da träumte ich, ich stünde vor der Kirche,
Ich stünde vor der Sankt-Marien-Kirche
Und wollte beichten bei dem alten Priester,
Der Priester aber eben zelebrierte
Die Messe in der Sankt-Marien-Kirche,
Da kniete nackt ich in der Kirchenbank
Und nackt empfing ich als ein Sakrament
Die Flasche mit dem besten süßen Wein,
Liebfrauenmilch wie süße Muttermilch,
Den nektarsüßen Wein Liebfrauenmilch
Wie Gottes süße Muttermilch des Trostes.
MARIA
Und darum bist du so betrunken, Josef,
Daß du dir eine irdische Geliebte
Erwählst und deine himmlische Geliebte
Maria mit der Sterblichen betrügst?
JOSEF
Gedenk, wie schön die sterbliche Geliebte,
Was für ein Augenschmaus für meine Augen!
MARIA
Denkst du denn so gering von meiner Schönheit,
Denkst du denn so gering von meiner Liebe?
Schau, wenn mich ein Chinese so gesehen,
So riefe er: Ich schau die Perlengöttin!
Schau, durch die Hände rinnen mir die Perlen,
Um meine Arme hängen Perlenschnüre,
Die Perlen küsse ich mit meinen Lippen.
Hast je du einen solchen Mund gesehen,
Stets lächelnd lieblich und geheimnisvoll
Und stets bereit zu einem keuschen Kuß?
Kein bittres Wort hörst du von meiner Zunge,
Wie Milch und Honig süß ist meine Zunge.
Die keuschen Küsse meiner Feuerzunge
Inspirationen sind von Gottes Geist.
Hast jemals solche Augen du gesehen,
Die dunkel sind voll mütterlichen Trostes
Und strahlen vor liebfraulicher Verliebtheit?
Den Morgensternen gleich sind meine Augen
Und schauen allzeit gnädig auf dich nieder,
Du auserwählter Mann in meinen Augen!
JOSEF
Ich sehe mich ja selbst in deinen Augen,
Es ist, als ob mein Thron im Himmel wär
In deines Auges lichtem Morgenstern!
MARIA
Nun kannst du dich auch vom Islam bekehren
Und von dem Garten Eden Mohammeds,
Denn dich erwarten in dem Paradiese
Kein Huri-Harem, keine nackte Haura,
Nicht Paradiesesfrauen zu dem Beischlaf,
Nein, meine Wahrheit will ich dir verkünden,
Die Macht der Liebe, offenbart in Jesus!
Wenn du auf Erden mein Verlobter bist,
Mein keuscher Bräutigam im Kreuzeszeichen,
Vollziehe ich dereinst im Paradies
Mit dir die Ehe, Hochzeit feiern wir,
Dann schenk ich dir die makellose Perle
Der Ganzhingabe deiner Ehefrau,
In ewiger Glückseligkeit und Wonne,
In mystischer Vereinigung Ekstase
Wohnst du mir bei in meinem Ehebett!
JOSEF
Daß ich gelang einst in Marias Bett,
Nie eines andern Weibes Bett besteige,
Maria, gib du mir ein Segenszeichen.
MARIA
Nimm diese wundertätige Medaille
Und trage allzeit sie um deinen Hals,
Und trag dies Skapulier vom Berge Karmel
Geheim verborgen stets an deinem Fleisch,
Dann lad ich bald dich in mein Ehebett!

SIEBENTE SZENE

(Charis allein in ihrem Schlafzimmer. Im Käfig ein Paar Nymphensittiche.)

CHARIS
Ich will einmal die eigne Seele schauen
Und darum schließe ich des Fleisches Augen
Und öffne meines Herzens Augen innen.
Was lebt in dem Geheimnis meiner Seele?
Kann ich die Gnade meiner Taufe sehen?
Ich sehe in dem Inneren ein Bett,
Verschleiert ist das Bett von sieben Schleiern,
Ich sehe mich als Braut in diesem Bett
Und sehe schmachten mich nach meinem Gott,
Da aber kommt mein Gott und Bräutigam
Messias Jesus an als Lichtgestalt,
Umarmt mich mit barmherziger Umarmung
Und drückt mich an sein liebeskrankes Herz,
Dann küsst er meine Stirn mit Segensküssen
Und streichelt segnend mit der Hand mein Haar,
Das darf sonst keiner, nicht einmal mein Vater,
Doch Jesus darfs, mein Gott und Bräutigam.
Nun küsst mir Jesus meine Augenlider
Und trinkt die Tränentropfen von den Wimpern.
Nun küsst er zärtlich meine Nasenspitze
Und küsst die schöngewölbte Wangenröte
Mit dem geschwisterlichen Kuß der Liebe.
Nun aber küsst er meines Mundes Lippen,
Ganz wie im Hohenliede Salomonis
Geschrieben steht vom Liebesdichter Gottes:
Er küsse mich mit seines Mundes Küssen!
Mein Bräutigam ist wie ein Myrrhebund
Gebettet zwischen meinen beiden Brüsten.
Er wohnt mir bei in göttlicher Erkenntnis.
Und da ich voll bin von der Liebe Gottes,
Gelang ich auf den Gipfel der Ekstase
Und fliege von den Gipfeln der Ekstase
In mystischer Vereinigung mit Gott
Ins Himmelsparadies der Schönen Liebe
Und jauchze: Ja, mein Gott und Bräutigam!

(Die Tür des Vogelkäfigs geht wie von selber auf, die beiden Nymphensittiche fliegen aus dem
Käfig und schwirren fröhlich durch das Schlafzimmer.)

O tot, gestorben ist mein lieber Josef!


Was soll ich aber trauern wie die Heiden?
Mein Jesus hat die Augen mir geöffnet,
Ich sehe! Was ich sehe aber, siehe,
Ich seh Maria, eine Lichtgestalt,
Sie thront auf einem goldnen Himmelsbett,
Ihr Kleid, wie Seide fein, ist ganz aus Licht,
Ihr Kleid ist rein wie transparenter Lichtglanz,
Ihr Leib ist weiß und rein und makellos,
Ihr Leib ist wie aus Licht und transparent,
Ich sehe Josef in dem Arm Mariens,
Ich sehe Josef als Unsterblichen
Eingehen in Mariens lichten Schoß,
Verschmelzen mit dem transparenten Schoß,
Ich sehe den Unsterblichen verherrlicht
Durch reine Liebe seiner Menschengöttin,
Die sie als Sakrament der Liebe Gottes
Dem Josef schenkt das Ehesakrament
Und lässt ihn Anteil haben an der Gnade,
Mit der ihr Gott zur Göttin sie vergöttlicht!

JEPHTAHS TOCHTER

ERSTE SZENE

(Die Familie des Vaters Gilead. Gileads Leichenschmaus. Gileads Gattin, ihre Söhne, und Jephtah.)

FRAU GILEAD
Nun tot mein Gatte, der Vergötterte,
Nun seine Asche ruht in goldner Urne,
Gedenken wollen wir nicht mehr des Todes,
Denn tot die Toten sind in Ewigkeit,
Wir aber leben auf der Mutter Erde.
Wenn ich auch sterbe, wenn ich bald auch tot bin,
Zerflattert ja mein Geist ins leere Nichts.
Drum, weil wir leben, weil wir morgen tot sind,
Drum lasst uns heute Rosenblüten pflücken
Und Kränze uns von roten Nelken winden
Und lasst uns, wenn der Lenz zurück kommt, tanzen,
Und trinken lasst uns nur den besten Wein!
ERSTER SOHN GILEADS
Wenn wir schon sterben und zur Hölle fahren,
So wollen wir zumindest doch auf Erden
Nicht Essig saufen, sondern Traubenblut!
Ein jeder Tag ist kostbar, viel zu kostbar
Das kurze Leben, um es zu verschandeln
Mit schlechtem Wein. Man trinkt nicht in der Hölle,
Drum lasst uns trinken, trinken hier auf Erden!
ZWEITER SOHN GILEADS
Was Vater Gilead uns hinterließ,
Verkaufen wir dem Krämer Kanaans,
Dann bleibt uns in der harten Schekel-Währung
Ein Erbteil unausrottbar. Unser Erbe
Beträgt so etwa tausend Silberschekel,
Ein Drittel für die Gattin Gileads,
Ein Drittel für den ersten Sohn der Gattin,
Ein Drittel für den andern Sohn der Gattin.
ERSTER SOHN GILEADS
Du, Jephtah, was willst du von deinem Vater
Empfangen als ein Erbe, Sohn der Hure?
JEPHTAH
Vom Vater will ich nichts als nur den Glauben.
ERSTER SOHN
Den Glauben! Dafür kannst du dir nichts kaufen!
JEPHTAH
Doch wenn ich glaube an den Gott Jehowah,
Dann kauft er mich dereinst vom Tode los.
FRAU GILEADS
Du Sohn der Hure, ungezogner Bastard!
Ist’s wahr und gibt’s ein göttliches Gericht,
Verklagst du vorm Gericht des Totenrichters
Und der Dämonen-Schöffen deinen Vater,
Denn du erinnerst an den Ehebruch
Und an die Unzucht mit der Tempelhure!
ERSTER SOHN
Da unser Vater in der Erde liegt,
Was suchst du noch in unserer Familie?
Geh, unsre Mutter ist nicht deine Mutter!
ZWEITER SOHN
Verwandt sind unter sich der Mutter Kinder,
Ein Bastard aber und ein Hurensohn
Ist nicht willkommen in der edlen Sippe.
FRAU GILEADS
Nein, du bist nicht mein Sohn, du Sohn der Hure,
Ich dulde dich nicht länger hier im Haus,
Aus meinen Augen, deines Vaters Schandfleck!
JEPHTAH
Als Gott Jehowah sprach zu Abraham:
Geh fort aus deiner Heimat, deiner Sippe,
Da folgte Abraham gehorsam gleich,
Er wusste nicht, wohin der Weg ihn führt,
Doch wusste er, dass ihn Jehowah führte.
So geh auch ich von eurer Sippschaft fort,
Gott führe mich ins Land von Milch und Honig,
Gott segne mich mit Huld von Brust und Schoß!

(Jephtah ab.)

FRAU GILEADS
Der war ja nicht von uns. Den sind wir los.
Nun lasst uns aber essen, lasst uns trinken!

(Bote tritt herein, hastig atmend.)

BOTE
Ihr Söhne Israels, der Krieg brach aus,
Die Ammoniter fingen an den Krieg
Und Israel muß zu den Waffen greifen!
Ihr Söhne Israels, zieht in den Krieg!
Die Juden aber brauchen einen Führer
Und darum komme ich in euer Haus,
Jehowah will berufen euern Jephtah
Zum Juden-Führer von Jehowahs Gnaden!
(Alle schweigen erschrocken.)

ZWEITE SZENE

(Freies Feld.)

DIE ÄLTESTEN
Nun Ammons König eingefallen ist
In unser Land, das uns der Herr gegeben,
Da kann sich Israel nicht wehren, weil
Zerstreut sind unsre Stämme, unsre Scharen.
Ist heilig Juda mit Jerusalem
Und Benjamin mit ihm, der kleine Liebling!
Doch abgespalten ist die schöne Tirza
Und Josefs Söhne Ephraim, Manasse.
Wenn wir nur einig wären, glaubten wir
An Einen Gott, Ein Reich und Einen Glauben,
Vereint im Glauben an den wahren Gott,
Vereinigt in der Lehre wahren Glaubens!
Doch unsres Volkes Spaltung macht uns schwach,
Da ringsumher sich sammeln Heidenvölker,
Da uns bedrängt die wilde Tochter Moab
Und Edom uns bedrängt, der Sohn von Esau,
Und Amoriterinnen, Amoriter
Bedrängen uns mit ihren vielen Göttern
Und ihren vielen Göttinnen der Heiden!
Und nun zuletzt kommt noch der König Ammon!
Wer aber wird die auserwählten Stämme
Vereinigen und Führer sein der Juden?
Wir bitten Jephtah, Sohn des Gilead,
Des auserwählten Gottesvolkes Retter
Und Richter in Gerechtigkeit zu sein!

(Sie treten vor Jephtah, der auf einem Felsblock wie auf einem Thronsessel sitzt.)

Heil Führer Israels, des Volkes Gottes!

JEPHTAH
Ihr wisst, dass meine Brüder mich verjagten,
Stiefmütterlich die Gattin meines Vaters
Verjagte mich aus meines Vaters Hause.
DIE ÄLTESTEN
Wir kennen alle deine Leiden, Jephtah.
JEPHTAH
Wo ich geredet hab, da hörte keiner,
Mich lehnten alle ab und hassten mich!
Ich war der Letzte in der ganzen Welt,
Ein toter Hund, ein Wurm und eine Motte!
Wenn andere zu Gott gebetet haben,
So hörte Gott auf alle ihre Wünsche
Und eilte, ihre Wünsche zu erfüllen.
Wenn aber ich zu Gott gebetet habe,
Verstopfte sich Jehowah seine Ohren!
Mein Beten drang nicht durch die Wolkendecke!
Vielmehr die Wolkendecke schwarzer Trauer
Hing also niedrig über dieser Erde,
Daß ich gebückt einher ging, schlich gekrümmt!
Ich flehte Gott um seine Gnade an,
Und welche Gnade schenkte mir der Herr?
Daß Satan mich mit Fäusten prügelte,
Mich prügelte, bis mir der Atem ausblieb,
Daß ich nur heulen konnte vor Jehowah
Und schrie und hörte meiner Schreie Echo:
Ah Gott, was tust du meiner Seele an!
DIE ÄLTESTEN
Der Auserwählten Zeichen ist das Leiden.
JEPHTAH
Ich fürchte mich vor Gottes großer Gnade,
Wenn seine Gnade solches Leid bedeutet!
Da wär ich lieber unbegnadet fröhlich,
Als auserwählt und so zu Tod gemartert!
DIE ÄLTESTEN
Schau auf die Ewigkeit bei Gott dem Herrn!
Denn so spricht Gott der Herr: Mein lieber Sohn,
Weil du auf Erden warst der Allerletzte,
Sollst du den ersten Platz im Himmel haben!
JEPHTAH
Ihr wisst zu trösten, meine weisen Alten.
DIE ÄLTESTEN
Nun, auserwählter Liebling unsres Gottes,
Komm, sei der Führer du des Judenvolkes,
Sei Richter in Gerechtigkeit des Herrn
Und rette Israel, das Volk Jehowahs,
Befrei uns von den Feinden, von den Heiden!
JEPHTAH
Ich soll der Führer sein von Israel?
DIE ÄLTESTEN
Der Geist des Heiligen hat dies beschlossen.
JEPHTAH
O Gott, mein Herr, laß dieses Richterschwert
An meinem Haupt vorübergehn! Erbarmen!
Dein Wille aber soll geschehen, Herr!

DRITTE SZENE

(Jephtah und der König von Ammon in Kriegsrüstung stehen einander zur diplomatischen
Verhandlung gegenüber.)

JEPHTAH

Warum seid ihr in unser Land gekommen


Und streitet gegen Gottes Israel?
KÖNIG
Als Israel geflohen aus Ägypten,
Geflohen aus der Knechtschaft Feuerofen,
Da habt ihr unser Land von uns genommen.
Wir lebten hier zuerst im Jordanland
Und dienten alle Morgen, alle Abend
Gott Kemosch. Kemosch ist der wahre Gott
Und Ammon ist sein auserwähltes Volk!
JEPHTAH
So laß uns weiter keine Kriege führen.
Soll euer Kemosch doch beweisen, dass
Er Gott ist. Israel glaubt an Jehowah!
Jehowah, wahrer Gott, Gott Israels,
Wird für uns streiten, der Allmächtige!
Gott straft zwar seine auserwählten Juden
Und seine Rechte lastet schwer auf uns,
Ob wir gezüchtigt werden von dem Vater,
Er lässt nicht zu, dass uns die Feinde fluchen!
Er wandelt allen Fluch in Segen um!
KÖNIG
Ihr habt ja Ammon nicht allein erobert,
Auch Moab, Edom und die Amoriter.
Der ganze Nahe Osten sich vereinigt
Und rüstet gegen Israel und Juda.
Ihr meint, ihr seid ein auserwähltes Volk
Und euer Gott sei einzig wahrer Gott.
Wir aber glauben an den Gott der Götter,
Wir nennen Kemosch unsern Gott der Götter,
In Kanaan der große Gott ist Baal,
In Kedar heißt der große Gott Allah,
In Persien heißt Gott Ahura Mazda,
Am Ganges heißt der Gott der Götter Indra,
Ägypten preist den Gott der Götter Amun.
Wir alle glauben nur an Einen Gott,
Denn Kemosch, Baal, Ahura Mazda,
Re, Amun, Indra, alle sind der Eine,
Sein wahrer Name aber ist Gott Baal!
JEPHTAH
Hör, Israel, Gott ist allein der Herr!
KÖNIG
Die Götter werden streiten in dem Himmel,
Soll euer Gott sich zanken mit dem Baal,
Wir aber auf der Erde führen Krieg,
Weil wir das Land am Jordan haben wollen.
JEPHTAH
Der Jordan und das Land am Jordan ist
Das Eigentum des dreimalheiligen
Jehowah und das Wildbachtal am Jabbok.
Ich aber seh im Wildbachtal des Jabbok
Die Himmlischen in ihrem Doppellager,
Die Himmlischen von Mahanajim helfen
Den Heeresscharen Israels im Kampf,
Der Vater gibt uns das Gelobte Land.
KÖNIG
Sieg Heil dem auserwählten Volk von Ammon!

(König ab.)

JEPHTAH
Der Arnon-Strom sei Tochter Moabs Grenze,
Das Wildbachtal von Jabbok aber und
Das Doppellager Mahanajim und
Der Jordanstrom ist Israel zu eigen.
Gott hörte von dem Stolz der Tochter Moab,
Von ihrem Hochmut, ihrem Eigensinn,
Von dem unendlich törichten Geschwätz!
Nun aber statt der Pracht der schwarzen Haare
Ist Tochter Moabs Schädel kahlgeschoren!
Man hört ein Weinen bei der Tochter Moab!
Die Tochter Moab hat nun keinen Wein mehr!
Da wendet Tochter Moab sich um Hilfe
An Israel: Nimm meine Zwillingslämmer
In deine Obhut, weide sie als Hirte!
Doch nimmt kein Ende Tochter Moabs Prahlen,
Ihr hartes Herz, ihr kalter Eigensinn,
Ihr völlig sinnlos törichtes Geschwätz!
Drei Jahre lang regierte Tochter Moab
Und Israel half ihr als Guter Hirte
Und weidete die kleinen Zwillingslämmer.
Zuletzt blieb aber kaum noch etwas übrig
Von all der Herrlichkeit der Tochter Moab.
Du aber, Edom-Esau, Jakobs Bruder,
Jehowah liebt von ganzem Herzen Jakob,
Doch Esaus Haus macht er zur Drachenwohnung!
Ja, Jakob wird geliebt von seinem Gott,
Und selbst wenn Jakob spricht: Ich bin verlassen,
Mein Gott, mein Gott, was hast du mich verlassen!
Dann spricht der Herr: Verlässt den Sohn die Mutter?
Selbst wenn die Mutter ihren Sohn verlässt,
Die Gottheit nicht verlässt den Gottgeliebten!

VIERTE SZENE

(Jephtah im Kriegskleid mit einer israelitischen Truppe, vor allem den Drei Helden, vor einem
Steinaltar.)

JEPHTAH
Wir schwören unserm Gott und Herrn die Treue,
Die Freiheit Israels ist herzustellen,
Daß Israel in gottgeschenkter Freiheit
Und in dem Frieden und der Ruhe Gottes
Gebot und Weisung Gottes ruhig lebe
Und durch den Segen solchen frommen Lebens
Bezaubere die Heidenvölker alle!
DIE DREI HELDEN
Wir sind bereit, zu sterben für die Freiheit!
Der Friede Gottes ruh auf Israel!
JEPHTAH
Wenn Israel nach Gottes Weisung lebt,
Dann werden sie vom Ganges bis nach Ofir
In Ehrfurcht schauen nach Jerusalem
Und von dem Götterberg im hohen Norden
Bis zu der Insel in dem Meer des Westens
Die Heidenwelt wallfahren wird nach Zion.
DIE DREI HELDEN
Wir geben unser Leben hin für Gott!
JEPHTAH
Wenn nicht Jehowah selbst die Schlachten führt,
Umsonst die Krieger kämpfen in dem Krieg.
Wenn nicht Jehowah uns den Frieden schenkt,
Umsonst beraten sich die weisen Männer.
Wir gehen hin und säen Blut und Tränen,
Am Morgen aber feiern wir den Frieden.
Wohl dem, der solche Helden hat wie euch,
Die ihr wie Samson seid und Gideon,
Denn solcher Heeresfürst wird nicht zuschanden,
Begegnet er dem Feind auf offnem Feld.
ERSTER HELD
Gott, der Allmächtige, ist Triumphator!
ZWEITER HELD
Der kommende Messias schenkt uns Frieden!
DRITTER HELD
Wir lieben über alles Gottes Frieden!
JEPHTAH
Versammelt meine Heiligen beim Opfer,
Beim Sühneopfer schließen wir den Bund.
Freiwillig opfern wir den Holocaustus,
Freiwillig opfern wir das Ganzbrandopfer.
Drei Helden mein, wir weihn uns dem Messias!
DREI HELDEN
Als Sklaven sind wir ganz das Eigentum
Jehowahs und des göttlichen Messias!
JEPHTAH
Ich bringe Gott zur Weihe mein Gelübde:
Hör, Gott, der du das Ohr gemacht, Gott, höre,
Für Kemosch will sich Ammon töten lassen,
Ja, schlimmer noch, für Kemosch will er morden,
Sein Kemosch herrschen soll in Terrorherrschaft!
Jehowah, der du Freiheit bist und Frieden,
Ein Vater voller Liebe allen Menschen,
Wenn du uns hilfst, die Feinde zu besiegen,
Die Götzendiener und die Menschenmörder,
Die Kindermörder und die Zauberpriester,
Die Judenhasser und die Hurenböcke,
Jehowah, schenkst den Sieg uns in dem Kampf
Und schenkst du Israel und aller Welt
Das Friedensreich des göttlichen Messias,
So opfre ich als Ganzbrandopfer dir
Das Erste auf, das mir entgegenkommt
Aus meinem Haus, wenn ich vom Siege heimkehr!

(Es donnert am Himmel.)

Die Stimme Gottes donnert über Wassern,


Die Stimme Gottes wirbelt Wälder kahl,
Die Stimme Gottes macht die Hirschkuh kreißen,
Die Stimme Gottes lässt den Hermon hüpfen!

(Es blitzt am Himmel.)

Seht, meine Helden, Gott zeigt seine Waffen,


Jehowah reißt die Himmelskuppel auf!
Seht ihr den weißen Thron im offnen Himmel,
Jehowah auf dem weißen Throne thronend?
DREI HELDEN
Heil, dreimalheiliger Jehowah, Heil!

FÜNFTE SZENE

(Jephtah eilt übers Feld, in zerlumpter Rüstung, blutüberströmt. Ihm folgen mit letzter Kraft die
ebenfalls verwundeten Drei Helden.)

JEPHTAH
Triumph und Sieg des reinen Herzens Gottes!
Der Feind ist überwunden und zerschlagen,
Geopfert hab ich meines Herzens Blut,
Nur mit der Zähne Haut kam ich davon!
ERSTER HELD
Ein Stich zerschnitt mir meine rechte Wange,
Ich weihe Gott mein Fleisch und meinen Eiter!
ZWEITER HELD
Zerbrochen sind die Zähne mir im Maul,
Ich weihe Gott den Rachen meiner Kehle!
DRITTER HELD
Zerfetzt die Lunge ist in meiner Brust,
Ich weihe Gott das Röcheln meines Atems!
JEPHTAH
Und ob wir auch zerschunden sind, zerfleischt,
Ob wir verblutet sind im Kampfgefild,
Ob auch die Seele pfiff schon aus der Nase,
Triumph und Sieg des reinen Herzens Gottes!
ERSTER HELD
Ich sah die todgeweihten Mütter schreien!
ZWEITER HELD
Ich sah die Waisenkinder bitter weinen!
DRITTER HELD
Ich sah die Toten auf dem Gräberfelde!
JEPHTAH
Doch aus der Katastrophe dieses Krieges
Steigt triumphal der Friede Gottes auf!
Ihr Helden, hört von meinem Traum heut Nacht:
Im Kerker ich, gefangen von dem Feinde,
Gefesselt, Ratten nur bei mir im Kerker
Und um mich nichts als Todes Finsternis,
Da tat sich auf die Decke meines Kerkers
Und an dem Himmel glorreich ist erschienen
Die Freiheit in dem Leibe eines Mädchens,
Es war das Mädchen ähnlich meiner Tochter,
Die Freiheit hielt in ihrer Hand ein Schwert
Und in der andern Hand den Ruhmeskranz,
Da neigte sich die Freiheit sanft zu mir
Und rief mich: Auserwählter Bräutigam!
ERSTER HELD
Die Freiheit ist die Mutter Israels!
ZWEITER HELD
Die Freiheit ist die erste Tochter Gottes!
DRITTER HELD
Die Herrin Freiheit ist die Braut von Jephtah!
JEPHTAH
Ihr meine Helden, lasst mich nun allein,
Kehrt heim zu euren Frauen, euren Kindern,
Küsst euren Frauen liebevoll die Wangen
Und spielt mit euern Kindern voller Frieden!
Ich bringe nun Jehowah mein Gelübde.

(Die Drei Helden ab. Jephtah schreitet weiter. In der Ferne ist Jephtahs Haus zu sehen.)
Was kann ich meinem Gott und Herrn noch opfern?
Ich opfere dem Herrn Mutlosigkeit,
Ich opfere dem Herrn Freudlosigkeit,
Ich opfere dem Herrn Kraftlosigkeit!
Dort in der Ferne sehe ich mein Haus,
Was mir als Erstes wird entgegenkommen,
Das bring ich Gott dar als ein Ganzbrandopfer,
Gott selber wähle sich sein Opfertier,
Gott zeige mir, ob er den Stier begehrt,
Ob er begehrt den Widder oder ob
Der Herr begehrt ein makelloses Lamm!
Was seh ich? Eine himmlische Erscheinung?
Ist das die Freiheit, die ich sah im Traum?
Ist das vielleicht die göttliche Astarte?
Ein Wesen schwebt heran im langen Schleier
Und ist umglänzt von solcher Herrlichkeit,
Die Herrlichkeit des Herrn ruht auf dem Wesen,
Das Wesen wandelt in der Wolke Gottes,
Sie ist es selbst, die Herrlichkeit des Herrn
In weiblich-jugendlicher Lichtgestalt,
Die Schechinah, die Matronita Zions!
Nun kommt sie näher! Jungfrau Schechinah,
Matrone! Matronita! Gott-Natur!
Was schaue ich? – Du bist ja meine Tochter!
Bist Jephtahs Tochter, die die Zimbel schlägt!
Ah weh mir! Meine Tochter ist das Opfer!

(Jephtas Tochter, vierzehn Jahre jung, im langen weißen Kleid, verschleiert von langen rotbraunen
Locken, in der Hand die Zimbel, kommt sie tanzend dem Vater entgegen, ihr Antlitz strahlt vor
Freude, ihre Augen lachen, ihr kleiner roter Mund ist bereit, den Vater zu küssen.)

SECHSTE SZENE

(Jephtah und seine junge Tochter vor dem Haus.)

JEPHTAH
Ich habe kaum die Kämpfe überwunden
Und im Moment mich unsres Siegs gefreut,
Da steht ein neues Leiden vor der Tür.
Und gehe nachts ich schlafen in mein Bett,
So leg ich mich dem Leiden in die Arme,
Und geht mein Geist des Nachts im Traum spazieren,
Begegnet ihm das Leiden als Gespenst.
Erwach ich morgens mit der Morgenröte,
So steht das Leiden schon an meinem Bett,
Und steh ich auf und tu mein Tagewerk,
Begleitet mich das Leiden als Gefährte.
Ist denn das Leiden meine Ehefrau?
Hat Gott in seinem Himmelreich beschlossen,
Das Leiden mir zur Ehefrau zu geben?
Die Ehefrau bereitet mir mein Mahl,
Ich esse Asche, trinke Trauertränen,
Die Ehefrau webt alle meine Kleider,
Ich trag das Sacktuch, den Kamelhaarmantel,
Die Ehefrau schenkt ein den roten Wein,
Ich trink das Blut aus allen meinen Wunden,
Die Ehefrau entblößt die großen Brüste,
Ich schlage jammernd mir an meine Brust,
Die Ehefrau legt nackt sich in mein Bett,
Ich schlafe auf dem nackten Marterpfahl,
Die Ehefrau vereinigt sich mit mir,
Ganz eins ist meine Seele mit dem Leiden,
Und meine Ehefrau wird von mir schwanger,
Denn Jephtahs Tochter ist des Leidens Tochter!
JEPHTAHS TOCHTER
O Vater, welcher namenlose Jammer!
Mein Vater, schütte du die Seele aus
In meinen Busen, denn ich will dich trösten!
JEPHTAH
Mein Kind, ich kenne nur das nackte Leiden,
Kein Mantel warmen Trostes hüllt mich ein.
TOCHTER
So möge dich mein langes Haar bedecken!
Komm, flüstre in mein Muschelohr dein Leiden!
JEPHTAH
Ein auserwähltes Volk ist Israel,
Gott wählte Israel aus allen Völkern
Sich aus zum Eigentum des Allerhöchsten.
Gott bot den Völkern seine Weisung an.
Ägypten sprach: Was sagt die Weisung Gottes?
Hab keine andren Götter neben Gott!
Da sprach Ägypten: Nein, das will ich nicht,
Ich halte alle Götter doch für wahr.
Sprach Griechenland: Was sagt die Weisung Gottes?
Gott stiftet Ehen, brich du nicht die Ehe!
Sprach Griechenland: Das will ich aber nicht,
Ich will nur folgen meiner Leidenschaft.
Sprach Israel: Ich tu’s und möchte hören!
Weil Israel die Weisung wollte tun
Und wollte hören Gottes Wort der Weisheit,
Drum gab der Höchste Israel die Weisung,
Drum Israel ist Gottes Auserwählter!
Doch ist die Auserwählung eine Gnade?
Wie schrecklich ist die Gnade unsres Gottes!
Wie furchterregend schrecklich ist doch Gott!
Die Auserwählung Israels besagt:
Du, Israel, musst in den Feuerofen,
Bring dar das Opfer deines Holocaustus,
Geh, opfre deine eingeborne Tochter!
TOCHTER
Gebietet Gott, dass du die Tochter opferst?
JEPHTAH
Gott einst gebot dem Vater Abraham,
Den vielgeliebten Lieblingssohn zu opfern!
Die Menschen halten das für schrecklich grausam,
Doch Vater Abraham besaß ja noch
Ketura, Hagar, Sara, Ismael,
Und schließlich griff ja auch der Engel ein
Und Gott nahm an, an seines Sohnes statt,
Das Opferlamm als einen Sündenbock.
TOCHTER
Gott ist voll Gnade und Barmherzigkeit!
JEPHTAH
Gott, furchterregend, unerforschlich, Gott!
Ich aber mehr als Vater Abraham
Muß meine eingeborne Tochter opfern,
Die einzige Geliebte meines Lebens,
Mein Ein und Alles, meiner Seele Seele,
Die mehr ich liebe als die eigne Seele!
Ich muß dich opfern Gott, gelobt sei Gott,
Und Gott schickt mir kein Stellvertreter-Lamm!
O Israel, so bist du auserwählt,
So schrecklich ist des großen Gottes Gnade!
TOCHTER
Ich gehe hin, zu tun den Willen Gottes.

SIEBENTE SZENE

JEPHTAS TOCHTER

(Allein auf dem Bergrücken.)

Beweinen will ich meine Mädchenzeit,


Beweinen alle Mädchen Israels,
Beweinen alle Frauen Israels,
Beweinen alle Kinder Israels!
Ich sehe doch die Töchter Israels,
Samaria, Jerusalem, die Töchter,
Die Gott dem Herrn vermählt als Ehefrauen,
Doch treiben Unzucht sie und Hurerei,
Vereinen sich den Göttern von Ägypten
Und treiben babylonische Magie.
Ja, weinen muß ich über diese Frauen,
Die Leibesfrucht empfangen von dem Schöpfer,
Und jede Lebensfrucht als Gabe Gottes
Ist in Potenz der heilige Messias!
Ihr Frauen Israels, von Gott gewürdigt
Wird eine Tochter von den Töchtern Zions,
Den heiligen Messias zu gebären!
Ihr aber, was tut ihr mit euern Kindern?
Ihr opfert eure eigne Leibesfrucht
Und schlachtet eure Leibesfrucht dahin
Und opfert eure Leibesfrucht dem Moloch
Und werft sie in des steinernen Idols
Glutofen, und so weiht ihr euch dem Satan!
Die Feinde Israels sind sehr gewaltig,
Von Norden und von Mitternacht der Feind
Ist schrecklich, er verlangt nach unserm Blut,
Errichten will die Hölle er auf Erden
Und Israel verdammen in die Hölle!
Der Herr, geheiligt sei sein Name, wird
Erlösen Israel aus dieser Hölle
Und wird die Kinder Israels versammeln
In dem Gelobten Land von Milch und Honig!
Denn wer die Kinder Israels betastet,
Der tastet unsres Gottes Auge an!
Gott züchtigt zwar die Kinder Israel
Als Vater voller Stärke, voller Weisheit,
Doch wehe dem, der Israel verflucht,
Der Fluch wird wenden sich auf ihn zurück,
Wer flucht den Fluch, der wird sich bald erhängen,
Der wird sich selbst ermorden und verdammen
Sich und die Seinen in den Feuerpfuhl!
Der Name Israels geschrieben steht
In Gottes Hand, der Herr liebt Israel
Wie eine Mutter voll Barmherzigkeit!
Ihr Frauen Israels, doch wehe euch,
Wenn ihr die Seelen weiht dem Dämon Lilith!
Es ist doch die satanische Dämonin
Frau Lilith eine Göttin aller Huren,
Frau Lilith eine Göttin aller Hexen,
Frau Lilith ist Verführerin zur Unzucht
Und eine große Kindermörderin!
Wenn eine Tochter Israels geschwängert
Ist mit des Schöpfers Gabe, kommt Frau Lilith,
Das Kind zu kratzen aus dem Mutterschoß!
Ich sehe unter Tränen im Gesicht
Die Tochter Zion, des Messias Mutter,
Die Almah-Mutter des Immanuel,
Das Mädchen, schwanger mit dem Gottesknecht,
Die Kindsfrau, schwanger mit dem Menschensohn,
Und sehe Lilith diesem Mädchen nahen,
Seh Lilith nahen diesem Mädchen Mirjam,
Und seh, wie Lilith will dem Mädchen Mirjam
Den Menschensohn im Jungfraunschoß ermorden!
O Lilith, Lilith, finstere Dämonin,
Bist du die Ehefrau des Götzen Moloch,
Des Kindermörders unter allen Teufeln?
Bist du die Ehefrau des Asmodäus,
Des Unzuchtsteufels unter den Dämonen?
Ich sehe unter Tränen im Gesicht
Den Schutzgeist Israels, Sankt Michael,
Sankt Michael vertreibt den Dämon Lilith,
Das Mädchen wird gebären den Messias!
O Heiland und Messias Israels!
Ich, die ich meine Mädchenschaft beweine,
Ich weihe alle meine Tränen dir
Und meinen Tod als Sühneopferleiden,
Daß bald das Reich des Friedens des Messias
Auf Erden anbricht und in Israel!
Messias Israels und Tochter Zion,
Wenn eurer Herzen Doppelherrschaft siegt,
Lasst alle jungen Mädchen tanzen, tanzen,
Lehrt alle jungen Mädchen tanzen, tanzen,
Lehrt Mädchen mit den Engeln tanzen, tanzen,
Dann lasst auch Jephtahs Tochter tanzen, tanzen
Wie eine Gauklerin vor Gott dem Vater!

KLEOPATRA
ERSTE SZENE

(Alexandria. Zimmer im Palast der Kleopatra. Auftritt Demetrius und Philo.)

PHILO
Nun, die Vernarrtheit unsres Generals
Geht über alles Maß! Die stolzen Augen,
Die über Kriegerreihen aufgestrahlt,
Er, der wie Mars in seiner Rüstung war,
Die Augen senken sich und wenden sich
Zur Huldigung gebräunter Frauenstirne!
Sein Heldenherz im Handgemenge sprengte
Die Schnalle seiner Rüstung vor der Brust,
Sein Herz verweigert jede Mäßigung
Und wurde Blasebalg und Fächer, um
Die Wollust der Zigeunerin zu kühlen!

(Fanfarenstoß. Auftritt Antonius und Kleopatra, Kleopatras Damen und Diener und Eunuchen. Die
Eunuchen fächeln Kleopatra Kühlung zu.)

Da kommen sie. Nun gib gut acht. Du wirst in ihm


Der ganzen Erde Dreier-Säule sehen,
Verzaubert und betört zum Huren-Narren!
KLEOPATRA
Wenns Liebe ist, so sage mir, wie große?
ANTONIUS
Lässt Liebe sich berechnen, ist sie arm.
KLEOPATRA
Wie weit bin ich geliebt? Wo ist die Grenze?
ANTONIUS
Ein neuer Erdteil wär vielleicht die Grenze,
Ein neuer Himmel wär vielleicht die Grenze.
(Auftritt eines Dieners.)

DIENER
Mein guter Herrscher, Neuigkeit aus Rom!
ANTONIUS
Wie ekelt das mich an! So mach es kurz.
KLEOPATRA
Hör zu, Antonius. Verärgert ist
Womöglich Fulvia! Vielleicht hat Cäsar
(Kaum trägt er einen Bart) Befehl gesandt:
Tu dies, du das, nimm dieses Königreich,
Befreie dieses Königreich, so tu es,
Weil über dich mein Urteil sonst ergeht.
ANTONIUS
Wie, meine Liebe?
KLEOPATRA
Wahrscheinlich darfst du hier nicht länger bleiben,
Entlassung kommt von Cäsar. Darum höre,
Antonius. Wirst du jetzt vorgeladen
Von Fulvia, ich wollte sagen, Cäsar?
So wahr ich bin Ägyptens Königin,
Dein Blut ist Cäsars Sklave, du errötest!
Was würde deine Wange sonst so rot,
Wenn Fulvia mit Zank der Zunge flucht?
ANTONIUS
Laß Rom im Tiberstrome untergehen
Und stürzen soll des Weltreichs hoher Bogen!
Die Königreiche sind nur Staub! Ägypten
Ist meine Heimat! Unsrer Erde Kot
Nährt Vieh und Mensch! Des Lebens Adel ist,
Die Vielgeliebte liebend zu umarmen!

(Antonius umarmt Kleopatra)

Wenn solch ein Liebespaar wie wir sich lieben


Und solche Zweiheit sich vereinen kann,
Dann möge so die ganze Menschheit tun,
So soll es sein, sonst strafe ich die Welt!
Wir beide aber sind ganz unvergleichlich!
KLEOPATRA
Die Falschheit überragt doch alles! Wie,
Er nahm sich jene Fulvia zur Frau
Und hat sie nicht geliebt? Ich scheine Närrin
Zu sein, doch bin ich wahrlich keine Närrin!
Antonius wird sein Antonius.
ANTONIUS
Nicht, wenn Kleopatra ihn reizt! Jetzt laß
Der Liebe wegen, süßer Liebesstunden,
Die Zeit mit Meinungen uns nicht verderben.
Nicht Eine Stunde sei in unserm Leben,
Die uns vergehe ohne eine Freude!
Sag, wie verbringen wir die Zeit heut Abend?
KLEOPATRA
Hör den Gesandten!
ANTONIUS
Ach Königin, sei doch so zänkisch nicht!
Dir steht doch alles gut, dein Lächeln, Weinen,
Ja selbst dein Zanken! Jede Leidenschaft
Strebt ganz danach, in dir verklärt zu werden.
Ich höre keine Botschaft als die Deine,
Laß uns allein heut durch die Straßen wandeln
Und Menschencharaktere inspizieren,
Komm, Königin, das wünschtest du dir gestern.

(Antonius und Kleopatra ab.)

DEMETRIUS
So wenig schätzt Antonius den Kaiser?
PHILO
Herr, ist Antonius er selber nicht,
So mangelt ihm die hohe Qualität,
Die sonst Antonius zu eigen ist.
DEMETRIUS
Ach, so bestätigt er den bösen Lügner,
Der so von ihm auf Romas Märkten spricht.
Doch bessers Werk erhoffe ich für morgen.

(Beide ab.)

ZWEITE SZENE

(Palast der Kleopatra. Ein andres Zimmer. Ennobarbus, der Wahrsager Lampius, Rannius, Lucillius,
Charmion, Iras, der Eunuch Mardion, Alexas.)

CHARMION

Mein Herr Alexas, süßer Alexas, absoluter Alexas! Wo ist der Wahrsager, den du der Königin so
angepriesen? Den Ehemann möchte ich kennen lernen, von dem du sagtest, dass er seine Hörner mit
Blumenkränzen schmückte!
ALEXAS
Wahrsager!
WAHRSAGER
Was wünschst du dir?
CHARMION
Ist das der Mann? Du kennst das Kommende?
WAHRSAGER
Ich lese im geheimen Buch Natur.
ALEXAS
So zeige ihm die Linien deiner Hand!
ENNOBARBUS
Zum Gastmahl kommt! Genügend Wein ist da,
Kleopatras Gesundheit zu erflehen.
CHARMION
Herr, prophezeie mir ein gutes Schicksal!
WAHRSAGER
Ich mache nicht, ich schaue nur vorher.
CHARMION
Dann schau ein gutes Schicksal mir vorher!
WAHRSAGER
Du wirst noch schöner werden als du bist!
CHARMION
Du meinst, ich nehm an Leibesumfang zu?
WAHRSAGER
Nein, schminken wirst du dich in deinem Alter.
CHARMION
Bloß keine Falten!
ALEXAS
Den Seher quäle nicht, hör lieber zu.
CHARMION
Die Leber will ich mir mit Wein erhitzen.
ALEXAS
Nein, höre lieber du dem Seher zu.
CHARMION
Gut, also ein besonders gutes Schicksal! Laß mich drei reiche Herren in Einer Nacht heiraten und
als Witwe am nächsten Tag überleben! Laß mich mit fünfzig Jahren einen Sohn bekommen, dem
König Herodes von Judäa huldigt! Laß mich den Kaiser heiraten! Laß mich göttlich sein wie meine
Herrin Kleopatra!
WAHRSAGER
Du überlebst die Herrin, der du dienst.
CHARMION
Dann haben meine Söhne keinen Namen!
Wie viele Knaben werde ich bekommen?
WAHRSAGER
Wär jeder deiner Wünsche wie ein Schoß
Und wäre fruchtbar jeder Wunsch: Millionen!
CHARMION
Geh weg, du Narr! Doch ich verzeihe dir,
Weil du ein Magier von großer Kunst.
ALEXAS
Meinst du, dass nur die Laken deines Bettes
Sind eingeweiht in deine Wünsche, Närrin?
CHARMION
So sag auch Iras ihr Geschick vorher.
ALEXAS
Wir alle wollen unser Schicksal kennen.
ENNOBARBUS
Mein Schicksal und das Schicksal meiner Freunde
Wird sein: Betrunken taumeln wir ins Bett!
IRAS
Die Linie meiner Hand verkündet Keuschheit,
Wenn sie nicht etwas anderes verkündet.
CHARMION
Wie eine Nilflut Hungersnot verkündet.
IRAS
Geh, wüste Bettgenossin! Was weißt du?
CHARMION
Verheißt die feuchte Hand nicht Fruchtbarkeit,
Dann kann ich mich an meinem Ohr nicht kraulen.
Sag ihr ein Alltagsschicksal nur vorher!
WAHRSAGER
Ich sehe, euer Schicksal ist das gleiche.
IRAS
Doch wie, doch wie? Verkünde Einzelheiten!
WAHRSAGER
Ich habe meine Botschaft kundgegeben.
IRAS
Bin ich nicht Ein Stückchen Schicksal besser als jene da?
CHARMION
Nun, wenn du ein Stückchen besseres Schicksal hättest, wo wolltest du das Schicksal haben?
IRAS
Nicht an der Nase meines Ehemannes!
CHARMION
Der Himmel bessere unsre bösen Gedanken! Und nun zu Alexas. Komm, sag von seinem Schicksal.
Laß ihn eine Frau heiraten, die nicht richtig gehen kann, o süße Isis! Ich flehe dich an, laß seine
Frau bald sterben und gib ihm dann ein noch schlimmeres Weib und laß auf dieses schlimme Weib
noch schlimmere Weiber folgen, bis die allerschlimmste Ehefrau ihn in sein Grab begleitet! Sei er
ein fünfzigfach gehörnter Ehemann! O gute Isis, erhöre mein Gebet! Auch wenn du mir etwas sehr
Gewichtiges verweigerst, gute Isis! Doch dies Gebet erhöre, ich flehe dich an!
IRAS
Amen! Geliebte Göttin! Erhöre das Gebet deines Volkes! Es zerreißt einem ja das Herz im Busen,
einen herrlichen Mann mit einem leichtfertigen Weibsstück vermählt zu sehen! Aber ein tödlicher
Jammer ist es, einen Bösewicht zu sehen, den kein Heros zum Gehörnten gemacht! O Göttin Isis!
Bei allen Tugenden! Laß ihn ein gerechtes Schicksal finden!
CHARMION
Amen.
ALEXAS
Sieh doch, wenn sie mich zum Gehörnten machen könnten, würden diese beiden Weiber sich willig
gerne zu Huren machen, nur um mir Hörner aufzusetzen!
ENNOBARBUS
Still, Antonius kommt!

(Auftritt Kleopatra)

CHARMION
Nicht er, nicht er, vielmehr die Königin!
KLEOPATRA
Sagt, habt ihr meinen lieben Herrn gesehen?
ENNOBARBUS
Nein, Herrin.
KLEOPATRA
War er nicht hier?
CHARMION
Nein, Herrin.
KLEOPATRA
Er war zu heitern Scherzen aufgelegt,
Da fasste ihn ein römischer Gedanke.
Du, Ennobarbus!
ENNOBARBUS
Ja, Herrin?
KLEOPATRA
Such meinen Herrn und bringe ihn zu mir!
Wo ist Alexas?
ALEXAS
Zu deinen Diensten, Herrin. Ah, der Herr kommt!
KLEOPATRA
Ich möchte ihn nicht sehen! Geh mit mir!

(Alle ab. Auftritt Antonius mit einem Boten.)

BOTE
Deine Gattin Fulvia zog zuerst ins Feld.
ANTONIUS
Gegen meinen Bruder?
BOTE
Ja, aber dieser Krieg war bald zuende,
Die Zeit verband zu Freunden diese beiden,
Vereinte ihre Streitmacht gegen Cäsar,
Doch Cäsars Kriegesglück vertrieb sie gleich
Beim ersten Treffen aus Italia.
ANTONIUS
Was ist das Schlimmste?
BOTE
Das Wesen schlechter Botschaft überträgt sich
Als Übel auf den Überbringer selbst.
ANTONIUS
Was einen Narren oder Feigling angeht.
Doch Dinge, die vergangen sind, die sind
Für mich erledigt. Wer mir Wahrheit sagt,
Auch wenn er mir den Tod verkündigte,
Den hör ich an wie einen lieben Schmeichler.
BOTE
Nun, Labimus, das ist die Neuigkeit,
Hat Asia genommen mit der Streitmacht,
Vom Euphrat weht das Banner seines Sieges,
Von Syrien bis Lydien und bis
Ionien, wogegen –
ANTONIUS
Du wolltest sagen wohl: Antonius!
BOTE
Mein Herr!
ANTONIUS
Sprich nur direkt und mildre nicht die Worte,
Sprich von Kleopatra, wie man im Rom spricht,
Schimpf mit den Worten Fulvias, verhöhne
All meine Fehler mit so großer Freiheit,
Wie Wahrheit nur und Bosheit sie erzeugen.
Ach weh, wir bringen Unkraut nur hervor,
Wenn brach liegt unsres Geistes Fruchtbarkeit.
Doch wenn man unsre Übel uns erzählt,
Dann ist es wie das Pflügen unsres Ackers.
Nun lebe wohl für eine kurze Weile.
BOTE
Zu deinen Diensten.

(Bote ab. Auftritt eines andern Boten.)

ANTONIUS
Von Sikyon, was gibt es da für Nachricht?
ERSTER BOTE
Der Mann von Sikyon –
ZWEITER BOTE
Er wartet nur auf dein Gebot, mein Herr.
ANTONIUS
So komm er nur. Die Fesseln von Ägypten,
Zerreißen muß ich diese Fesseln! Oder
In törichter Vernarrtheit mich verlieren!

(Ein weiterer Bote mit einem Brief trifft ein.)

Wer bist denn du?


DRITTER BOTE
Herr, Fulvia, dein Weib, sie ist gestorben!
ANTONIUS
Gestorben? Wo?
DRITTER BOTE
In Sikyon. Von ihrer langen Krankheit
Und allem was du sonst noch wissen musst
Spricht dieser Brief.

(Er gibt ihm den Brief.)

ANTONIUS
Laßt mich allein!

(Boten ab.)

Ein großer Geist ist fortgegangen. Es


War mein Verlangen: Was verachtet wird,
Das möchten wir erneut zurück empfangen.
Das zeitliche Vergnügen wird durch Wandlung
Zum Gegenteil der Freude. Sie ist gut,
Weil sie dahingegangen ist. Ich muß
Mich von der Zauber-Königin befreien!
Zehntausend Leiden, mehr als alle Übel,
Die ich erfahren habe, brütet mir
Die Muße aus! He, Ennobarbus, komm!

(Auftritt Ennobarbus)

ENNOBARBUS
Was wünschst du, Herr?
ANTONIUS
Ich muß hier weg!
ENNOBARBUS
Ermorden wir doch alle unsre Frauen!
Wir wissen ja, wie tödlich für sie ist,
Wenn wir nicht allzeit freundlich sie behandeln.
Wenn unsern Abschied sie zu leiden haben,
Ist Tod die Losung.
ANTONIUS
Ich muß hier weg!
ENNOBARBUS
Zur Not laß lieber unsre Frauen sterben!
Wär schad, umsonst die Frauen wegzuwerfen,
Doch wenn es eine große Sache gilt
Und du musst wählen zwischen ihr und Weibern,
Die Weiber achte lieber du für nichts!
Doch hört Kleopatra davon ein Wort,
So stirbt sie augenblicklich! Ja, ich sah
Sie zwanzigmal schon solcherweise sterben
Aus weit geringern Gründen. Und ich denke,
Der Tod hat feurigen Humor, der Tod
Vollzieht an ihr wohl einen Liebesakt,
So große Lust hat sie am Sterben, Herr!
ANTONIUS
Ihr Listigsein ist schlimmer als du glaubst.
ENNOBARBUS
Ach, ihre Leidenschaften sind gemacht
Nur aus dem feinsten Stoff der reinsten Liebe!
Schau, ihre Stürme, ihre Wasserfluten
Sind Seufzer nicht und Tränen eines Menschen,
Wovon wir sonst in Liebesliedern lesen.
Nicht List ist ihr Humor. Sie könnte gar
Wie Jupiter das Wetter machen!
ANTONIUS
Ach hätt ich nie gesehn Kleopatra!
ENNOBARBUS
Du hättest nie das Meisterwerk gesehen!
Und hätt das Meisterwerk dich nicht beseligt,
Umsonst wär deine Reise nach Ägypten.
ANTONIUS
Doch Fulvia ist tot.
ENNOBARBUS
Wie, Herr?
ANTONIUS
Tot Fulvia.
ENNOBARBUS
Tot Fulvia?
ANTONIUS
Ja, tot.
ENNOBARBUS
Nun, o mein Herr, den Göttern opfre Dank!
Gefällt es ihren Majestäten je,
Dem Manne seine Gattin fortzunehmen,
Verweisen sie den Mann zurück zur Erde
Mit solchem Trost, wenn abgetragen ist
Das alte Kleid, so sind doch Schneider da,
Zu schneidern neue Kleidchen für den Mann.
Ja, wenn es keine andern Frauen gäbe
Als Fulvia, dann wär ihr Tod ein Schlag,
Dein Schicksal wäre wirklich zu beweinen.
Doch dieser Kummer wird mit Trost gekränzt:
Dein alter Kittel bringt dir noch hervor
Ein neues hübsches Röckchen! Wahrlich, wahrlich,
Die Tränen ruhen wirklich in der Zwiebel,
Die du um diesen Schicksalsschlag vergießt.
ANTONIUS
Was Fulvia in Rom in Gang gebracht,
Das fordert heute meine Gegenwart.
ENNOBARBUS
Und was du selber hier in Gang gebracht,
Erfordert mehr noch deine Gegenwart,
Zumeist Kleopatra kann dich nicht missen.
ANTONIUS
Nun kein leichtfertiges Geplauder mehr!
Setz meine Offiziere nun in Kenntnis
Von meinem Willen. Selber werde ich
Der Königin den Grund der Reise nennen.
Das Sterben Fulvias und andre Dinge
Spricht machtvoll, Briefe meiner Freunde auch,
Politischer Genossenschaft von Rom,
Sie bitten mich um Gegenwart in Rom.
Pompejus Sextus forderte den Kaiser
Heraus und herrscht nun auf dem weiten Meer.
Des Volkes Liebe liebt doch niemals den,
Der würdig wär der Liebe, außer erst,
Wenn er dahin. Und so beginnt das Volk,
Die Würde des Pompejus auf den Sohn
Zu übertragen, groß an Macht und Namen,
Doch weniger an Mut und Lebenskraft,
Der steht nun auf als herrlicher Soldat,
Doch seine Stellung, wenn sie sich entscheidet,
Erschüttert noch die Enden dieser Erde.
So vieles brütet, was im Pferdehaar
Bis jetzt das Leben hat, nicht Schlangengift.
Verkünde meinen Willen meinen Leuten,
Wir brechen eilig von Ägypten auf!
ENNOBARBUS
Erfüllen will ich deinen Willen.

(Ab.)

DRITTE SZENE
(Palast der Kleopatra. Auftritt Kleopatra, Charmion, Iras und Alexas.)

KLEOPATRA
Wo ist Antonius?
CHARMION
Ich hab ihn nicht gesehn seit jener Stunde.
KLEOPATRA
So schau du, wo er ist, wer bei ihm ist
Und was er tut. Sag nicht, ich schickte dich.
Siehst du ihn traurig, sag, ich sei beim Tanz!
Siehst du ihn fröhlich, sag, ich sei erkrankt!
Schnell zu ihm! Aber komm auch eilig wieder!

(Alexas ab.)

CHARMION
O Königin, wenn du ihn wirklich liebst,
So kennst du doch nicht die Methode, Herrin,
Von ihm die Gegenliebe zu erzwingen!
KLEOPATRA
Was könnt ich sonst noch tun, was ich nicht tue?
CHARMION
In allem gibst du nach. Tritt ihm entgegen!
KLEOPATRA
So rätst du, Närrin? So verlier ich ihn!
CHARMION
Versuch ihn nicht zu weit! Laß ab von ihm!
Wir hassen bald, was wir zu sehr gefürchtet!

(Auftritt Antonius.)

Hier kommt Antonius.


KLEOPATRA
Ach, ich bin krank! Verdruß quält meine Seele!
ANTONIUS
Es tut mir leid, was ich dir sagen muß.
KLEOPATRA
Hilf, liebe Charmion, ich falle sonst!
So kann es nicht mehr länger weitergehen,
Der Busen der Natur hält das nicht aus!
ANTONIUS
Nun, Allerteuerste der Königinnen...
KLEOPATRA
Ich bitte dich, komm nicht so nah heran!
ANTONIUS
Was ist mit dir?
KLEOPATRA
Ich seh in deinem Auge Freudenbotschaft!
Lässt deine liebe Ehefrau dich gehen?
Ach, hätte sie dir nie erlaubt zu kommen!
Sie soll nicht sagen, dass ich dich hier halte!
Ich habe keine Herrschaft über dich,
Du bist ihr Eigentum!
ANTONIUS
Die Götter wissen –
KLEOPATRA
Nie wurde eine Fürstin so betrogen!
Von Anfang an sah ich Verrat gesät.
ANTONIUS
Kleopatra!
KLEOPATRA
Wie soll ich an dich glauben, deine Treue,
Wenn du auch schwörst beim Throne aller Götter,
Da ich dich treulos sehe deiner Gattin?
Wahn, fesseln sich zu lassen von Versprechen,
Von mundgeblasenen Versprechungen,
Von Männern, welche alle Treue brechen!
ANTONIUS
O mehr als Honig süße Königin!
KLEOPATRA
Nicht schönzufärben ist es, dass du gehst.
Sag: Lebewohl, o Königin! Dann geh!
Als du geworben hast, bei mir zu bleiben,
Da war die rechte Zeit für schöne Worte.
Kein Weggehn damals. Nichts als Ewigkeit
In unsern Augen und auf unsern Lippen,
Glückseligkeit auf unsern Augenwimpern,
Und jedes Gliedes Ursprung war im Himmel!
Noch jedes Gliedes Ursprung ist im Himmel,
Doch du, der stärkste Ritter dieser Erde,
Du wurdest zu dem Größten der Betrüger!
ANTONIUS
Warum, o Herrin?
KLEOPATRA
Ich wünschte nur, ich wär so stark wie du,
Dann solltest du erfahren, dass Ägypten
Ein Herz im Busen hat!
ANTONIUS
So höre mich, o meine Königin:
Der Zwang der Zeit verlangt nun meinen Dienst
Für eine kurze Weile. Doch mein Herz
Bleibt ganz bei dir, genieße doch mein Herz!
Italien ist im Bürgerkrieg. Pompejus
Naht Romas Hafen. Gleichheit zweier Mächte
Nährt die Parteiung unentschiedner Bürger.
Verhasste, welche stark geworden sind,
Sind Bürgern plötzlich liebenswert geworden.
Pompejus, reich an seines Vaters Ruhm,
Schleicht sich allmählich in die Herzen derer,
Die nicht Profit geschöpft aus Romas Staat,
Groß und bedrohlich ist die Zahl der Armen,
Der Friede wurde krank durch satte Ruhe,
Er möchte sich purgieren durch den Wandel,
Will nur verzweifelt die Veränderung.
Doch mein privater Anlaß für die Reise
Ist meiner Gattin Tod. So sei nur ruhig.
KLEOPATRA
Das Alter schützt mich vor der Torheit nicht,
Doch bin ich auch nicht kindisch. Fulvia
Kann doch nicht sterben! Sie ist doch unsterblich!
ANTONIUS
Sie ist gestorben, meine Königin.
Gefällt es deiner königlichen Gnade,
Lies hier in diesem Briefe von der Unruh,
Die Fulvia erweckt. Zum Schluß das Beste:
Schau, wann und wo gestorben Fulvia.
KLEOPATRA
Der Liebe Falsch! Wo ist der Tränenkrug,
Den du mit Trauertränen füllen müsstest?
Nun sehe ich am Tode Fulvias,
Wie du beweinen würdest meinen Tod!
ANTONIUS
Hör auf zu zanken! Sei vielmehr bereit,
Die Pläne zu erfahren, die ich habe,
Die dauern oder schwinden, wie du willst.
Beim Feuer, das den Schlamm des Nils befruchtet,
Ich geh von hier als dein Soldat, dein Sklave,
Der Krieg anstiftet oder Frieden stiftet,
Ganz wie du willst, o meine Königin!
KLEOPATRA
Komm, knüpfe mir das Kleid auf, Charmion,
Mir wird so übel und so wohl zugleich,
So gut und schlecht wie dieses Mannes Liebe!
ANTONIUS
Halt, Königin! Ein gutes Zeugnis gib
Der Liebe, die bestanden jede Prüfung!
KLEOPATRA
Ich habe gut gelernt von Fulvia.
Ich bitt dich, weine du um Fulvia,
Dann sag mir Lebewohl und sage mir,
Daß deine Tränen seien für Ägypten.
Spiel du die Szene guter Heuchelei
Und laß erscheinen sie als edle Ehre.
ANTONIUS
Zum Kochen bringst du mir mein Blut! Hör auf!
KLEOPATRA
Das kannst du besser. Doch das war schon gut.
ANTONIUS
Bei meinem Schwert!
KLEOPATRA
Und bei des Schwertes Scheide! Immer besser.
Noch nicht das Beste. Sieh doch, Charmion,
Wie gut es steht dem Herkules von Rom,
Den Zorn zu inszenieren.
ANTONIUS
Ich gehe, Herrin!
KLEOPATRA
Nur noch ein Wort. Wir beide müssen scheiden.
Das ist es nicht. Wir haben uns geliebt.
Das ist es auch nicht. Etwas will ich noch,
Was war es doch? Vergesslich mein Gedächtnis, ach,
Vergessen bin ich von Antonius!
ANTONIUS
Wenn meine Königin die Eitelkeit
Nicht angestellt als ihre Sklavin hätte,
So dächte ich, du seist die Eitelkeit.
KLEOPATRA
Ach das ist mühsam, diese Eitelkeit
So dicht zu halten an dem eignen Busen.
Verzeih mir, Herr! Mich tötet mein Geschick,
Wenn auch mein Schicksal dir nicht schön erscheint.
Dein Ruhm ruft dich von hier, so bist du taub
Für meine Torheit, Mitleid kennst du nicht,
So mögen alle Götter dich begleiten!
Auf deinem Schwerte sitzt der Lorbeerkranz
Und Ruhm ist ausgestreut zu deinen Füßen.
ANTONIUS
Ach, unsre Trennung flieht und bleibt doch da,
Du bleibst hier wohnen und gehst doch mit mir,
Ich geh nach Rom, doch bleibt bei dir mein Herz.

(Ab.)

VIERTE SZENE

(Kleopatras Palast in Alexandria. Auftritt Kleopatra, Charmion, Iras und der Eunuch Mardion.)

KLEOPATRA
Komm, Charmion!
CHARMION
O Herrin!
KLEOPATRA
Gib von der Wurzel des Alraun den Saft!
CHARMION
Warum, o Herrin?
KLEOPATRA
Ich will die große Kluft der Zeit verschlafen,
Die mich von meinem Mark Anton getrennt.
CHARMION
Du denkst zuviel an ihn!
KLEOPATRA
Was du da sagst, das ist Verrat!
CHARMION
Ich denke nicht, o Herrin.
KLEOPATRA
Komm, Mardion! Eunuch!
MARDION
Was will die Königin?
KLEOPATRA
Jetzt will ich dich nicht singen hören, denn
Eunuchenkünste schaffen keine Wonne!
Nur gut für dich, dass du beschnitten bist,
So können deine freieren Gedanken
Nicht fort von deiner Königin Ägypten.
Kennst du die Leidenschaft?
MARDION
Ja, Herrin voll der Gnade!
KLEOPATRA
Sag, kennst du in der Tat die Leidenschaft?
MARDION
Nicht in der Tat, denn ich bin ohne Tat.
Ich tu nur, was auch keusche Jungfraun tun.
Doch kenn ich Hitze auch der Leidenschaft
Und male oft mir in Gedanken aus,
Wie Venus ihre Ehe bricht mit Mars.
KLEOPATRA
O Charmion, wo, denkst du, ist er jetzt?
Sag, steht er, liegt er, ob er sich bewegt?
Sitzt er auf einer Stute? Heil der Stute,
Die spürt den Schenkeldruck von Mark Anton!
Roß, weißt du, welchen Mann dein Rücken trägt?
Den Atlas trägst du, der die Erde trägt!
Er singt jetzt eben oder flüstert so:
Geliebte Schlange mein vom Vater Nil!
Geliebte Schlange nennt mich Mark Anton.
Ich labe mich an allem süßen Gift!
Mein Mark Anton, erinnre dich an mich,
Schwarz bin ich, aber schön, ja, ich bin schwarz
Vom Liebesbiß des heißen Sonnengottes!
Als Romas Kaiser Julius hier war,
War ich ein Leckerbissen für den Herrn!
Pompejus stand und staunte immer wieder
Und starrte an die Wimpern meiner Augen
Und ließ den heißen Blick vor Anker gehen
Und starb, indem er auf sein Leben schaute!

(Auftritt Alexas.)

ALEXAS
Heil, höchste Herrin von Ägypten, Heil!
KLEOPATRA
Ach, anders bist du als mein Mark Anton,
Doch da du kommst von meinem Mark Anton,
Vergoldet dich der Liebe Elixier.
Wie geht es meinem starken Mark Anton?
ALEXAS
Das letzte was er tat: Er küsste
Nach vielen tausend Küssen einen Kuß
Auf diese perlmuttmatte Muschelperle!
Sein Wort blieb mir in meinem Herzen stecken.
KLEOPATRA
Aus deinem Herzen pflückt mein Ohr sein Wort.
ALEXAS
Mein Freund, so sprach er, sag, der stolze Römer
Schickt seinen Gruß der Königin Ägypten
Und schickt ihr gerne diese Muschelperle!
Zu ihren Füßen will er das Geschenk
Verbessern und den Thron der Königin
Ergänzen mit des Ostens Königreichen,
Der ganze Osten ehre sie als Herrin!
So sprach er und bestieg ein Streitroß stolz,
Das wieherte so heiß, dass alle Worte,
Die ich noch sagen wollte meinem Herrn,
Verstummten vor dem tierischen Gebrüll.
KLEOPATRA
War er denn traurig oder war er fröhlich?
ALEXAS
Wie Frühlingstage zwischen Frost und Hitze
War er nicht allzu froh, nicht allzu traurig.
KLEOPATRA
In Weisheit temperiert ist sein Gemüt!
Gib acht, gib acht, o liebe Charmion,
Das ist ein wahrer Mann, gib du nur acht.
Nicht traurig war er, denen leuchten wollend,
Die schauen immer nur auf ihn als Vorbild,
Nicht fröhlich war er, weil er sonst verkündet,
Daß seine Seele in Ägypten weile
Bei der Ägypterin, die seine Lust!
Nein, zwischen Traurigkeit und Fröhlichkeit
In einer Mischung, welche heilig ist,
Ist seine Seele. O geliebter Mann,
Ob du auch trauerst oder lustig bist,
Dir steht so gut extreme Traurigkeit,
Wie gut dir die extreme Freude steht!
Alexas, trafst du meine Boten auch?
ALEXAS
Ja, zwanzig Boten. Warum nur so viele?
KLEOPATRA
Der Mann, der an dem Tag geboren wird,
Da ich vergesse, Mark Anton zu schreiben,
Der sterb als Bettler! Tinte und Papier,
O Charmion! Willkommen, mein Alexas!
Sag, Charmion, ich liebe Mark Anton
Doch mehr als jemals Julius geliebt ward?
CHARMION
O dieser Julius! Der Held! Der Kaiser!
KLEOPATRA
Du sollst ersticken, sprichst du noch mal so!
Sag: Der heroische Antonius!
CHARMION
Ein Heros war doch Kaiser Julius!
KLEOPATRA
Bei Isis, ich reiß dir die Zähne aus,
Wenn du noch einmal Julius vergleichst
Mit meinem Mann der Männer!
CHARMION
Bei deiner gnadenreichen Nachsicht, Herrin,
Ich sag nur, was du früher selbst gesagt.
KLEOPATRA
Ich war Gemüse jung und ungereift,
Grün an Verstand und kalt mein Blut, so schwatzend.
Nun hol mir Tinte und Papier, er soll
An jedem Tage einen Gruß erhalten!

FÜNFTE SZENE

(Alexandria. Kleopatras Palast. Auftritt Kleopatra, Charmion, Iras, Alexas.)

KLEOPATRA
Musik, Musik! O Nahrung für die Schwermut,
Für unsre Schwermut, die wir Liebe fühlen!
ALLE
Oh die Musik!

(Auftritt des Eunuchen Mardion)

KLEOPATRA
Es ist genug. Wir wollen Billard spielen,
Ein Queue, zwei Kugeln, meine Dienerin!
CHARMION
Mein Arm tut weh! Spiel doch mit dem Eunuchen.
KLEOPATRA
Die Frau, die mit Eunuchen spielt, die kann
Genauso gut mit einem Mädchen spielen.
Komm, willst du mit mir spielen, lieber Mann?
MARDION
So gut ich kann, Gebieterin.
KLEOPATRA
Wenn guter Wille nur zu sehen ist,
Ob ungenügend auch die Tat, plädiert
Der Advokat auf Straferlassung doch.
Heut aber möchte ich nicht Billard spielen.
Gebt mir die Angel, kommt mit mir zum Fluß,
Musik soll in der Ferne mir ertönen,
Ich will fürwahr den roten Fisch betören,
Mein Haken soll durchbohren seinen Kiefer,
Und ziehe ich ihn auf, dann will ich denken,
Der rote Fisch sei mein Antonius
Und werde sagen: Ha, du bist gefangen!
CHARMION
Das war ein Spaß, als ihr gewettet habt
Bei eurem Angeln, als dein Fischer ihm
Den Salzfisch an den Angelhaken hängte,
Den er mit Feuereifer hochgezogen.
KLEOPATRA
Ach, jene Zeiten? Oh die Zeit der Zeiten!
Ich lachte, bis er die Geduld verlor!
Ich lachte nachts, bis er zum Dulder wurde!
Am nächsten Morgen trank ich ihn im Bett
Noch vor der neunten Stunde, legte meine
Gewänder und Sandalen an und Krone
Und habe ihm das Heldenschwert gehalten.

SECHSTE SZENE

(An Bord der Galeere von Pompejus. Musik. Auftritt der Diener des Gastmahls.)

ERSTER DIENER
Gleich sind wir da. O Mann! Die baumstarken Kerle sind schon nicht mehr so fest verwurzelt. Ein
Hauch nur bläst sie um!
ZWEITER DIENER
Lepidus hat schon eine rote Nase!
ERSTER DIENER
Er musste den Rest aussaufen.
ZWEITER DIENER
Sie reiben sich aneinander nach ihrer Natur und brüllen: Nicht mehr! Dann versöhnen sie sich mit
dem blutigen Wein.
ERSTER DIENER
Das gibt jetzt einen schlimmen Krieg zwischen ihm selbst und seiner Vernunft.
ZWEITER DIENER
So ist es, wenn man zu den großen Männern gehört. Mir ist ein Schilfrohr, das mir nicht hilft, genau
so lieb wie ein Schwert, das ich nicht heben kann.
ERSTER DIENER
In eine höhere Sphäre berufen sein und sich nicht darin bewegen können ist wie leere Augenhöhlen
im Schädel.

(Trompeten blasen. Auftritt Cäsar, Antonius, Pompejus, Lepidus, Agrippa, Mäzen, Ennobarbus,
Menas und andre.)

ANTONIUS
(zu Cäsar)
So tun sie’s, Herr, sie messen Vater Nil
An Pyramidenstufen, sie erkennen
An seiner Höhe oder Niedrigkeit,
Ob Wohlstand kommen wird, ob Teuerung.
Je höher schwillt der gelbe Vater Nil,
Um desto mehr verspricht er den Ägyptern.
Und wenn er fällt, dann streut der Sämann Samen
In Schlamm und Schlick und also kommt die Ernte.
LEPIDUS
Gibt’s seltne Schlangen dort?
ANTONIUS
Lepidus, ja, die gibt es dort.
LEPIDUS
Ägyptens Schlange wird doch ausgebrütet
Aus Schlamm durch Wirkungen des Sonnenstrahls
Und ebenso das Krokodil?
ANTONIUS
So ist es, ja.
POMPEJUS
Nehmt Platz! Trinkt Wein! Aufs Wohlsein des Lepidus!
LEPIDUS
Mir ist nicht wohl, wie wohl mir wollte sein,
Doch will ich mich nicht drücken vor dem Gastmahl.
ENNOBARBUS
Nicht, bis die Ruh dich niederzieht ins Bett!
Ich glaub, bis dahin bist du ganz schön voll.
LEPIDUS
Ich hab gehört, das Dreieck von Ägypten,
Die Pyramiden von Ägypten alle
Sind hübsche Dinger! Das hab ich gehört.
MENAS
(Beiseite zu Pompejus)
Ein Wort, Pompejus.
POMPEJUS
(Beiseite zu Menas)
So sag es mir ins Ohr. Was ist es denn?
MENAS
(Beiseite zu Pompejus)
Verlasse deinen Sitz, ich bitte dich,
Mein Feldherr, bitte, hör mich auf ein Wort.
POMPEJUS
(Beiseite zu Menas)
Entschuldige mich noch bis gleich, mein Freund.
He, dieser rote Wein ist für Lepidus!
LEPIDUS
Von welcher Art ist nun das Krokodil?
ANTONIUS
Das Krokodil ist wie ein Krokodil,
Ist breit wie’s breit ist, hoch wie’s hoch ist und
Bewegt sich mit den eignen Körpergliedern
Und lebt von dem, von dem es sich ernährt,
Und wenn die Elemente von ihm weichen,
Begibt es sich auf Seelenwanderung.
LEPIDUS
Wie ist denn seine Farbe?
ANTONIUS
Es ist gefärbt mit seiner eignen Farbe.
LEPIDUS
Die Schlange ist doch aber wirklich seltsam.
ANTONIUS
Und ihre Tränen, die sind wirklich naß!
CÄSAR
Wird er zufrieden sein mit der Beschreibung?
ANTONIUS
Bei all dem Wohl und der Gesundheit, die
Pompejus dem Lepidus zugetrunken,
Wird er ein rechter Schüler Epikurs.
POMPEJUS
Zum Henker doch, zum Henker! Reden soll ich
Mit dir darüber? Tu nur, was ich sage!
Wo ist der Becher, den ich mir gewünscht?
MENAS
(Beiseite zu Pompejus)
Um früherer Verdienste willen, Herr,
Erhebe dich von deinem Sitz, mein Feldherr!
POMPEJUS
(Beiseite zu Menas)
Ich glaub, du bist verrückt! Was willst du denn?

(Pompejus erhebt sich und geht beiseite.)

MENAS
Geringster Diener deines Heils, mein Herr!
POMPEJUS
Du dientest allzeit mir in großer Treue.
Was gäbe es da sonst noch mehr zu sagen?
Seid lustig, meine Freunde, seid doch lustig!
ANTONIUS
Lepidus, hüte du dich vor dem Treibsand,
Bevor der Treibsand dich hinuntersaugt!
MENAS
Willst du der Herr der ganzen Erde sein?
POMPEJUS
Was sagst du da?
MENAS
Willst du der Herr der ganzen Erde sein?
Ich frage dich das jetzt zum zweiten Mal.
POMPEJUS
Wie würde ich der Herr der ganzen Erde?
MENAS
Hältst du mich auch für arm, ich bin doch der,
Der dich zum Herrn der ganzen Erde macht!
POMPEJUS
Hast du getrunken?
MENAS
Ich habe mich vom Becher ferngehalten!
Du wirst, wenn du es nur zu sein begehrst,
Der Jove dieser Erde! Was das Meer
Umschließt, was unterm Himmel liegt, wird alles
Dein eigen sein, wenn du es haben willst!
POMPEJUS
Zeig, wie!
MENAS
Die drei Genossen ihres Bundes hier,
Lepidus, Cäsar und Antonius,
Sie sind auf deinem Schiff. Ich kapp das Tau,
Wenn abgelegt das Schiff, so gehen wir
Den Herren an die Kehle! Du wirst Herr!
POMPEJUS
Ach, hättest du das nur getan und nicht
Davon geredet. Mir wärs Schurkerei,
In dir wärs aber treuer Dienst gewesen.
Mein Vorteil geht doch nicht vor meiner Ehre!
Bereue es, dass du den Plan verraten!
Hätt ich von deinem Plane nichts gewusst,
Den ausgeführten Plan hätt ich gelobt.
Jetzt sag ich: Nein, laß davon ab und trink!
MENAS
(Beiseite)
So will ich dir auch nicht mehr länger folgen.
Sucht einer Glück und will das Glück nicht nehmen,
Wenn sich ihm selber bietet an das Glück,
Der wird das Glück auf Erden niemals haben!
POMPEJUS
Auf Wohlsein und Gesundheit von Lepidus!
ANTONIUS
Tragt ihn an Land! Ich will für ihn erwidern!
ENNOBARBUS
Dein Wohlsein, Menas!
MENAS
Gern, Ennobarbus.
POMPEJUS
Den Becher füllt mit Rotwein bis zum Rand!
ENNOBARBUS
Schau, Menas, der dort ist ein starker Mann!

(Zeigt auf den Diener, der den Lepidus fortträgt)

MENAS
Warum?
ENNOBARBUS
Er trägt den dritten Teil der Welt, o Menas!
MENAS
Der dritte Teil der Welt ist aber auch besoffen!
Ich wollt, die ganze Erde wär besoffen!
Dann sollte Mutter Erde richtig kreiseln!
ENNOBARBUS
So trink du nur, dann kreiselt sie noch mehr!
POMPEJUS
Dies ist kein Fest in Alexandria.
ANTONIUS
Doch wächst es sich dahin noch aus. Die Flasche!
Auf Cäsars Wohlsein!
CÄSAR
Ich könnt das Trinken unterlassen. Ach!
Was wasche ich mit Wein mir das Gehirn
Und schmutzig werden alle die Gedanken?
ANTONIUS
Sei Kind der Zeit!
CÄSAR
Das sollst du haben. Ich will dir erwidern.
Doch lieber wollt ich fasten eine Woche,
Als nur an einem Tag soviel zu trinken.
ENNOBARBUS
(Zu Antonius)
He, Heros! Sollen wir jetzt Bacchanalien
Ägyptens tanzen, Zeche zelebrieren?
POMPEJUS
So soll es sein, du heldenhafter Krieger.
ANTONIUS
Wir fassen alle uns an unsern Händen,
Bis triumphierend dieser dunkle Wein
Uns alle Sinne in die Lethe taucht!
ENNOBARBUS
So haltet alle euch an euern Händen
Und lasst Musik in eure Ohren schallen,
Dann soll der Jüngling singen, den Refrain
Dann singen wir, so laut es irgend geht!
(Musik)
LIED
Komm, o Monarch, mit deinem Wein!
Glut, Bacchus, ist dein Augenschein!
Im Becher unser Leid ertränk!
Den Kranz für unser Haupt uns schenk!
Gib uns zu trinken, bis Frau Welt tanzt!
Gib uns zu trinken, bis Frau Welt tanzt!
CÄSAR
Was wollt ihr mehr? Pompejus, gute Nacht!
O lieber Bruder, laß uns gehen, bitte.
Das ernstere Geschäft sieht finster auf
Den Leichtsinn. Edle Herren, lasst uns scheiden.
Ihr seht, die Wangen brachten wir zum Glühen.
Der starke Ennobarbus ist schon schwach
Und meine Zunge spaltet, was sie lallt.
Die wilde Kleidung machte uns zu Narren.
Was braucht es mehr der Worte? Mark Anton,
Gib mir die Hand, mein Bruder. Gute Nacht!
POMPEJUS
O Mark Anton, ich prüf dich nun zu Lande.
Zwar hast du meines Vaters Haus, was solls,
Wir sind ja Freunde, steig du nur ins Boot.
ENNOBARBUS
Doch achte gut darauf, dass du nicht fällst!

(Alle ab, außer Ennobarbus und Menas.)

Ach Menas mein! Ich will noch nicht an Land!


MENAS
Komm hier in die Kajüte! O die Trommeln!
Die Trommel und die Flöte! Neptun höre,
Wie wir den Herren Lebewohl entbieten.
Spielt, Musikantinnen, zum Teufel, spielt!
(Flöte und Trommel)
ENNOBARBUS
Ha, Bruder, hier ist meine Kappe!
MENAS
Komm, Krieger, komm!

(Ab)

SIEBENTE SZENE

(Alexandria, Kleopatras Palast. Auftritt Kleopatra, Charmion, Iras und Alexas.)

KLEOPATRA
Wo ist der Bube?
ALEXAS
Er fürchtet sich zu kommen.
KLEOPATRA
Nur zu, der Bube komm getrost zu mir.

(Auftritt Bote)

ALEXAS
Geliebte Majestät, Herodes fürchtet
Dich anzuschaun, wenn du nicht gnädig bist.
KLEOPATRA
Ich möchte von Judäa noch das Haupt!
Wie aber, da nun fort mein Mark Anton?
Durch ihn nur ich gebiete über Juda.
Komm näher, Bube.
BOTE
O Majestät voll Gnade!
KLEOPATRA
Hast du Octavia gesehn, die Frau,
Die mein Antonius zur Gattin nahm?
BOTE
Erhabne Königin, ich schaute sie.
KLEOPATRA
Wo schautest du sie denn?
BOTE
In Rom, o Herrin, sah ich ihr Gesicht
Und wie Antonius sie leitete.
KLEOPATRA
Ist sie so groß wie ich?
BOTE
Nein, Herrin.
KLEOPATRA
Ist ihre Stimme schrill, die Stimme tief?
BOTE
Die Stimme der Octavia ist tief.
KLEOPATRA
So wird er sie nicht lange lieben können.
CHARMION
Sie lieben können? Das ist ganz unmöglich!
KLEOPATRA
Das glaub ich auch, o Charmion, bei Isis,
Ist ihre Stimme tief, ist sie ein Zwerg.
Ist ihre Gangart von Erhabenheit?
Sprich, sahst du jemals eine Majestät!
BOTE
Sie schleicht, ob sie nun wandelt oder steht,
Gleicht mehr sie einer Leiche als dem Leben,
Ist Marmorstein, nicht eine Frau mit Atem.
KLEOPATRA
Ist das die Wahrheit?
BOTE
Ja, oder ich hab niemals was gesehen.
CHARMION
Schaut keiner in Ägypten so wie du.
KLEOPATRA
Er weiß Bescheid. An ihr ist doch nichts dran.
Der Bube weiß ein Urteil gut zu fällen.
CHARMION
Ja, ausgesprochen gut.
KLEOPATRA
Nun schätze auch ihr Alter, bitt ich dich.
BOTE
O hohe Herrin, sie war eine Witwe.
KLEOPATRA
Ach, Witwe war sie? Hörst du, Charmion?
BOTE
Sie müsste etwa dreißig Jahre zählen.
KLEOPATRA
Wie ist ihr Antlitz, länglich oder rund?
BOTE
Ihr Angesicht ist übertrieben rund.
KLEOPATRA
Rund sind die Angesichter von den Dummen.
Ihr Haar, von welcher Farbe ist ihr Haar?
BOTE
Kastanienbraun, o Herrin. Ihre Stirne
Ist flach, so flach, das kannst du dir nicht denken.
KLEOPATRA
Hier hast du Gold. Du bist ein guter Bote.

(Bote ab.)

CHARMION
Ein lieber Bube.
KLEOPATRA
Fürwahr, ein lieber Bube. Nach der Rede
Ich denk, ist nicht viel dran an dem Geschöpf.
CHARMION
An jenem Weibe ist nichts dran, o Herrin.
KLEOPATRA
Der Bube kennt ja Majestät und weiß,
Wie Frauenmajestät sich geben muß.
CHARMION
Ja, ganz gewiß kennt er die Majestät,
Bei Isis, dient er dir so lange schon.
KLEOPATRA
Ich will ihn noch was fragen, hol ihn wieder
Zu mir zurück, ich schreibe einen Brief.

(Charmion ab.)

ACHTE SZENE

(Alexandria, Kleopatras Palast. Antonius mit Gefolge.)

ANTONIUS
Das Land gebietet, es nicht zu betreten,
Ägypten schämt sich, meinen Fuß zu tragen.
Kommt, Freunde, kommt! Ich bin zu spät gekommen
In dieser Welt, ich hab den Weg verloren.
Ich hab ein Schiff voll Gold, so nehmt es euch
Und flieht. Macht euren Frieden mit dem Kaiser.
ALLE
Wir fliehen, Herr? Wir nicht, wir fliehen nicht!
ANTONIUS
Ich selber floh und lehrte jeden Feigling,
Zu fliehen und den Rücken nur zu zeigen.
Geht, meine Freunde! Ich auf meinem Kurs,
Zu dem ich mich entschlossen, brauch euch nicht.
Mein Schatz liegt da im Hafen, nehmt ihn euch!
Ich folgte einem Ding, dass ich erröte,
Wenn ich es anschau. Meine Haare selbst
Gar machen einen Aufstand, denn die grauen
Die braunen tadeln wegen ihrer Raschheit,
Das braune Haar das graue tadelt wegen
Der Angst und aller der Schwachsinnigkeit!
Geht, meine Freunde! Briefe geb ich euch,
Die ebnen euch den Weg bei andern Freunden.
Schaut nicht so traurig drein! Gebt nicht zur Antwort,
Daß ihr nicht einverstanden seid mit mir.
Ergreift doch die Gelegenheit, die meine
Verzweiflung euch verkündet. Lasst allein,
Verlasst den, der sich selbst verlassen hat.
Zur See, und nehmt das Schiff mit seinem Schatz!
Lasst bitte mich allein, lasst mich allein!
Ich hab die Macht verloren, zu gebieten,
So bitt ich euch. Wir sehn uns wieder, bald.
(Er hockt sich nieder. – Auftritt Kleopatra, Eros, Charmion und Iras.)

EROS
Hochedle Frau! Zu ihm! So tröste ihn!
IRAS
Ja tu es, allerschönste Königin!
CHARMION
Was sagst du: Tu es? Was denn soll sie tun?
KLEOPATRA
Ich möchte sitzen. Himmelskönigin!
ANTONIUS
O nein, o nein, o nein, o nein, o nein!
EROS
So schaue doch, mein Herr!
ANTONIUS
Pfui, Hure!
CHARMION
O Herrin!
IRAS
O Herrin, allerreinste Kaiserin!
EROS
Ach Herr, ach Herr!
ANTONIUS
Du führtest bei Philippi ja dein Schwert
Nur wie ein Tänzer! Ich schlug Cassius,
Ich war es, der vertilgt den irren Brutus,
Er hatte keine Ahnung ja vom Krieg,
Doch jetzt – egal!
KLEOPATRA
Beiseite, mein Gefolge.
EROS
Die Königin! Mein Herr! Die Königin!
IRAS
Geh zu ihm, rede doch mit ihm, o Herrin,
Er ist ja vor Verzweiflung außer sich!
KLEOPATRA
So stützt mich. Ach!
EROS
Erheb dich, Herr! Es kommt die Königin!
Das Haupt gesenkt, es greift der Tod nach ihr,
Nur du kannst sie mit deinem Troste retten!
ANTONIUS
Die Ehre habe ich verletzt.
EROS
O Herr, die Königin!
ANTONIUS
Wohin hast du mich nur geführt, Ägypten?
Schau, wie ich meiner Schande Fleck entferne
Aus deinen Augen, Königin, indem
Ich blick zurück auf das, was ich verließ
Und bin vernichtet in der Schande Schmach.
KLEOPATRA
Vergib mir doch, mein Herr! Ich glaubte kaum,
Daß du mir folgen würdest.
ANTONIUS
Ägypterin, du wusstest nur zu gut,
Daß ich gebannt an dich gefesselt war.
Du kennst ja deine Herrschaft über mich
Und dass dein Wink mich könnt von Gott entfernen!...
KLEOPATRA
Verzeih mir, bitte!
ANTONIUS
Du wusstest, dass du mich erobert hast
Und dass mein Schwert, geschwächt durch meine Liebe,
Auf jeden Fall gehorcht allein der Liebe!
KLEOPATRA
Verzeih, verzeihe mir!
ANTONIUS
Nicht weinen! Eine Träne ist genug,
Verlust und Sieg und alles aufzuwiegen.
Gib du mir lieber einen Kuß, Geliebte!
Ein Kuß allein entschädigt mich für alles!
Ach Liebe, ich bin ganz aus Blei der Schwermut,
Ein Becher roten Weins soll mich erquicken!
Fortuna weiß, wir schmähen sie am meisten,
Wenn sie uns alle Gunst und Huld verwehrt!

NEUNTE SZENE

(Alexandria, Kleopatras Palast. Auftritt Kleopatra, Charmion, Iras, der Eunuch Mardion.)

KLEOPATRA
O helft mir, meine Dienerinnen, helft mir,
Wahnsinniger ist er als Telamon,
Nie schäumte so vor Wut des Wahnsinns Ajax!
CHARMION
Zum Grab! Dort schließ dich ein und sende ihm
Die Nachricht, du seist tot! Die Seele und
Der Körper scheiden mehr nie auseinander,
Als wenn die wahre Größe geht dahin.
KLEOPATRA
Zum Grabmal also! Mardion, sag ihm,
Ich hätte selber mich ermordet, sage ihm,
Das letzte was ich sprach war: Mark Anton!
Dein Ausdruck möge Mitleid ihm erregen.
Geh, Mardion, und sag mir dann, wie er
Die Nachricht meines Selbstmords aufgenommen.

(Ab.)

ZEHNTE SZENE
(Alexandria, ein andres Zimmer in Kleopatras Palast. Auftritt Antonius und sein Knabe Eros.)

ANTONIUS
Du siehst mich noch, mein Eros?
EROS
Ja, lieber Herr!
ANTONIUS
Wir sehen manchmal eine Wolke, die
Dem Drachen gleicht, sehn manchmal einen Hauch
Wie einen Bären oder einen Löwen,
Sehn eine Festung oder einen Felsen,
Sehn einen Berg, ein blaues Vorgebirge
Mit Bäumen drauf, die schauen in die Welt,
Und Lüfte täuschen unsre Augen. Du
Hast auch gesehen diese Zeichen alle,
Theaterstücke sinds des schwarzen Abends.
EROS
Ja, lieber Herr!
ANTONIUS
Was eben noch ein Pferd gewesen, löschen
Schnell wie Gedanken Wolken aus und machen
Unsichtbar es wie Wasser ist im Wasser.
EROS
So ist es, o mein lieber Herr!
ANTONIUS
Mein lieber Knabe Eros, schau, dein Hauptmann
Ist eben solch ein wolkiges Gebäude,
Jetzt bin ich noch Antonius, doch kann
Ich die Gestalt nicht halten, o mein Knabe.
Ich kämpfte für Ägyptens Königin,
Ich dachte, dass mein eigen sei ihr Herz,
Nur weil mein eignes Herz ihr eigen war.
Sie aber hat die Karten so gelegt,
Daß Cäsar triumphiert, mein eigner Ruhm
Zunichte wurde durch ihr falsches Spiel,
Ich wurde zum Triumphe meines Feindes.
Doch weine nicht, mein vielgeliebter Eros,
Noch bleibt mir übrig, selbst mich selbst zu morden!

(Auftritt Eunuch Mardion.)

O Schande über deine schlimme Herrin!


Kleopatra hat mir mein Schwert genommen!
MARDION
Nein, Mark Anton, die Herrin ist dir treu,
Ihr Schicksal ist mit deinem tief verbunden.
ANTONIUS
Weg, weg mit dir, Eunuch! Halt nur den Mund!
Den Tod soll sterben die Verräterin!
MARDION
Den Tod kann jeder Mensch nur einmal zahlen,
Und diese Schuld hat sie getilgt. Was du
Begehrst, das ist geschehen. Doch das letzte
Was sie gesprochen war: Antonius,
Du edler Mark Anton! Dann brach ein Stöhnen
Den Namen Mark Anton entzwei, geteilt
Der Name zwischen Herz und Mund. Sie hauchte
Den Geist aus und begrub dich so mit sich.
ANTONIUS
So ist sie tot?
MARDION
Ja, sie ist tot.
ANTONIUS
Entwaffne mich, mein lieber Knabe Eros,
Des langen Tages Arbeit ist getan,
Wir müssen schlafen.
(zu Mardion)
Daß du nun weggehn darfst,
Entschädigt dich für deine Mühen, geh!

(Mardion ab)

Das Schild des Ajax hält den Sturm nicht fern


Von meinem Herzen. Berstet, mein Flanken!
Herz, stärker sei als das, was dich umgibt,
Zerbrich die schwache Hülle dieses Körpers!
Schnell, Eros! Ich bin länger nicht Soldat,
So edel ich die Rüstung einst getragen.
Verlaß mich einen Augenblick, mein Eros!

(Eros ab.)

Ich will dich übereilen, meine Herrin,


Und weinend will ich um Vergebung bitten.
Fortan ist jede Dauer nichts als Folter!
Die Fackel ist erloschen! Leg dich nieder
Und schweif nicht mehr umher! Fortan verdirbt
Die Mühe alles, was sie unternimmt.
Die Kraft verstrickt sich in der eignen Stärke.
So sei der Liebe Siegel aufgedrückt
Und alles ist zuende! Eros, Eros!
Ich komme, meine Königin! Ach Eros!
O Königin, erwarte mich, wo Seelen
Auf Blumen ruhen, Hand in Hand wir beide
Lustwandeln werden, dass die Geister staunen,
Vergessen werden Dido und Äneas
Und alle Ehre wird uns beiden gelten!
Mein Eros, vielgeliebter Eros, komm!

(Eros kehrt zurück)

EROS
Was wünscht mein lieber Herr?
ANTONIUS
Seitdem Kleopatra gestorben ist,
Hab ich gelebt in solcher schlimmen Schande,
Daß Gott verabscheut meine üblen Sünden!
Ich habe mit dem Schwert die Welt beherrscht
Und Städte auf dem grünen Meer gegründet,
Das Urteil sprech ich heute über mich,
Daß ich die Kraft nicht einer Frau besitze
Und nicht so edel bin gesinnt wie sie,
Die mit dem eignen Tode Cäsar sagte:
Ich bin der Überwinder meines Ichs!
Du hast geschworen, mein geliebter Eros,
Daß, falls der Notfall kommt, der jetzt gekommen,
Wenn ich verfolgt von Schande bin und Schrecken,
Daß du auf mein Gebot mich töten wirst!
So tu es jetzt! Die Stunde ist gekommen!
Du triffst nicht mich, den Cäsar schlägst du nieder.
Laß deine Wangen wieder purpurn blühen!
EROS
Die Götter mögen allzeit mich bewahren!
Soll ich das tun, was selbst des Feindes Waffen
Und alle Übeltäter nicht vermochten?
ANTONIUS
Ach Eros, möchtest du am Fenster stehen
In Rom und deinen lieben Herrn so sehen,
Gebunden seine Arme und gebeugt
Sein Nacken, sein Gesicht von Schmach bespuckt,
Dieweil in seinem Throne Cäsar sitzt
Und mich als seinen Untertan verachtet?
EROS
Ich wills nicht sehen.
ANTONIUS
So komm, nur eine Wunde kann mich heilen,
Zieh du dein Schwert, das du zum Ruhm getragen.
EROS
Entschuldigung, mein Herr, ich kann es nicht.
ANTONIUS
Hast du mir nicht geschworen, dass du’s tust,
Wenn ich dich bitte? Tu es jetzt sofort,
Weil alle deine andern Dienste sonst
Nur Zufall waren ohne guten Willen.
EROS
Dann wende sich von mir dein edles Antlitz,
Das von der Erde angebetet wird!
ANTONIUS
So sieh nun zu, was du zu tun gedenkst.

(Antonius wendet sich ab.)

EROS
Gezogen habe ich mein scharfes Schwert.
ANTONIUS
So tu damit, wozu du zogst dein Schwert.
EROS
Mein lieber Herr und bester Imperator,
Bevor ich diesen Schwerthieb blutig schlage,
Laß sagen mich ein letztes Lebewohl.
ANTONIUS
Es ist gesagt, mein Sohn! Du lebe wohl!
EROS
So lebe wohl, mein Vater! Soll ich jetzt?
ANTONIUS
Ja, Eros, töte mich!
EROS
So schlag ich zu, denn so will ich entkommen
Dem Schmerz des Todes des Antonius.

(Eros tötet sich selbst.)

ANTONIUS
Du, dreimal edler als Antonius!
Du lehrtest mich, o wundervoller Eros,
Was ich gesollt und was du nicht vermocht.
Die Königin Kleopatra und Eros
Durch edle Unterweisung meiner Seele
Gewannen einen Ruhm in der Geschichte!
Ich will ein Bräutigam im Tode sein
Und will enteilen in das Totenreich
Wie in das süße Bett der Vielgeliebten!
Komm also, Bett des Totenreiches! Eros!
Dein Herr wird sterben als dein Jünger, Eros!

(Er bohrt sich sein eigenes Schwert in die Brust)

So tu ich, was ich von dir lernte, Eros!


Doch wie? Ich bin nicht tot? Bin noch nicht tot?
Kommt, Wächter, kommt, entledigt mich von mir!
(Auftritt Wächter und Dekretas.)
ERSTER WÄCHTER
Was ist das für ein Lärmen?
ANTONIUS
Ich habe meine Arbeit schlecht getan,
O Freunde, bitte, macht dem doch ein Ende,
Was ich begonnen habe.
ZWEITER WÄCHTER
Herabgesunken ist der lichte Stern.
ERSTER WÄCHTER
Zuende geht die Zeit.
ALLE
Ah weh!
ANTONIUS
Der, der mich liebt, der möge jetzt mich töten!
ERSTER WÄCHTER
Ich bin es nicht.
ZWEITER WÄCHTER
Auch ich bins nicht.
DRITTER WÄCHTER
Nein, keiner hier.
(Alle Wächter ab)
DEKRETAS
Dein Tod und Schicksal lassen deine Leute
Entfliehen. Dieses Schwert, wird es gezeigt
Dem Kaiser mit der Nachricht deines Todes,
Soll Zugang mir verschaffen bei dem Kaiser.

(Auftritt Diomedes)

DIOMEDES
Wo ist Antonius?
DEKRETAS
Dort, Diomedes, dort.
DIOMEDES
Ist er am Leben? Gib mir Antwort, Mann!

(Dekretas ab)

ANTONIUS
Bist du es, Diomedes? Zieh dein Schwert,
Stich zu, auf dass ich endlich sterben darf!
DIOMEDES
Mein Herr, Kleopatra schickt mich zu dir.
ANTONIUS
Wann hat sie dich geschickt?
DIOMEDES
Gerade eben, mein Gebieter.
ANTONIUS
Wo ist sie denn?
DIOMEDES
In ihrem Grabmal eingeschlossen. Sie
Empfing prophetisch eine Ahnung, sah,
Was niemals sein wird, dass du meintest, sie
Sei eingegangen einen Bund mit Cäsar,
Sie sah, dass deine Wut nicht sei zu mildern,
Da ließ sie sagen dir, sie sei gestorben,
Doch dann bekam sie Angst, wie das wohl wirke
Auf dein Gemüt, so hat sie mich gesandt,
Die Wahrheit zu verkünden, und ich bin
Zu spät gekommen, wie ich fürchten muß.
ANTONIUS
Zu spät, mein Guter. Ruf die Wache bitte.
DIOMEDES
Des Imperators Wache, kommt, der Herr ruft!

(Auftritt einiger Wächter des Antonius)

ANTONIUS
O tragt, ihr lieben Freunde, mich dahin,
Wo mich Kleopatra erwartet, das
Sei euer letzter Dienst, den ich gebiete.
ERSTER WÄCHTER
Ach wehe, wehe über uns, Gebieter,
Wirst du nicht überleben deine Leute.
ALLE
O schwere Stunde!
ANTONIUS
Nein, meine guten treuen Kameraden,
Tut doch dem Schicksal den Gefallen nicht,
Mit euren Leiden das Geschick zu ehren.
Heißt das willkommen, was geschehen muß
Zu unsrer Strafe, und bestrafen wir
Das Schicksal auch, indem wirs leicht ertragen.
So hebt mich auf. Ich hab euch oft geführt,
Tragt ihr jetzt mich. Ich dank euch, meine Freunde.

(Alle ab, Antonius tragend.)

ELFTE SZENE

(Alexandria, Kleopatras Palast, ein Grabmahl. Auftritt Kleopatra, Charmion, Iras, Dienerinnen.)

KLEOPATRA
O Charmion, ich geh hier nicht mehr weg.
CHARMION
Geliebte Herrin, tröste dich!
KLEOPATRA
Nein, Charmion, ich will mich nicht getrösten,
Willkommen jedes schreckliche Ereignis!
Doch Trost verachte ich. Des Leidens Größe
Sei angemessen unsres Leidens Ursach!

(Auftritt Diomedes)

Was gibt es? Ist Antonius gestorben?


DIOMEDES
Der Tod ruht über ihm. Er ist nicht tot.
Schau doch heraus aus deinem Grabmal, schau,
Dort bringen seine Wächter ihn zu dir.

(Antonius wird von den Wächtern hereingetragen)

KLEOPATRA
O Sonne, deine Sphäre jetzt verbrenne
Und Nacht sei an dem Ufer dieser Welt!
O Mark Anton, o Mark Anton, Geliebter!
Hilf, Charmion, hilf, Iras, helft, ihr Freunde,
Zieht doch Antonius zu mir herauf!
ANTONIUS
Nicht Cäsar hat Antonius besiegt,
Ich hab allein mich selber überwunden.
KLEOPATRA
So soll es sein, dass keiner dich besiegt,
Antonius besiegt Antonius
Allein, doch weh, dass es so ist.
ANTONIUS
Ich sterbe jetzt, o Königin, ich sterbe,
Nur kurze Zeit bedräng ich noch den Tod,
Bis ich von vielen tausend heißen Küssen
Den letzten Kuß auf deine Lippe drücke!
KLEOPATRA
Geliebter Herr, verzeih Kleopatra,
Ich habe Angst, dass Cäsar triumphiert,
Er seinen Lorbeerkranz des Ruhmes schmückt
Mit meiner Überwindung. Wenn die Schlange
Ihr Gift noch hat, das Messer seine Schneide,
Bin ich gewiß: Octavia voll Tugend
Soll niemals ihre sittenstrengen Augen
An deiner Vielgeliebten kritisch weiden.
Komm, Mark Anton! Helft, meine Dienerinnen,
Zieht doch Antonius herauf zu mir,
Helft, liebe Freunde, helft der Königin!
ANTONIUS
Beeile dich, denn bald schon bin ich tot!
KLEOPATRA
Fürwahr, das ist ein köstliches Vergnügen!
Wie schwergewichtig mein Gebieter ist!
All meine Kraft geworden ist zu Schwermut,
Weil du so schwergewichtig bist, Gebieter!
O hätte ich die Macht der großen Juno,
Hochholen sollte dich Merkurius
Und setzen dich zur rechten Seite Jovis!
Ach komm, ach komm, noch etwas näher, komm!
Die Wünsche haben, sind doch immer Narren.
Komm, komm, o komm zu mir! Noch dichter, Liebster!

(Antonius wird zu Kleopatra heraufgezogen)

Willkommen, tausendmal willkommen, Liebster!


Stirb, wenn du wirklich lebtest, lebe auf
Im Küssen! Meine Lippen haben Kraft,
Mit Küssen will ich meinen Mund verbrauchen!
ALLE
Ein Anblick voller Trauer!
ANTONIUS
Ich sterbe, meine Königin, ich sterbe!
Schenk einmal noch den Rotwein in den Becher,
Denn ich will reden noch ein letztes Wort.
KLEOPATRA
Nein, mich laß reden, lauthals will ich schimpfen,
Daß dieses falsche eitle Weib Fortuna
Ihr Rad zerbricht, erzürnt durch mein Gezanke!
ANTONIUS
Ein Wort noch, meine süße Königin,
Es sucht der große Cäsar deine Ehre
Zusammen mit der Sicherheit Ägyptens.
KLEOPATRA
Die beiden gehen aber nicht zusammen.
ANTONIUS
Geliebte, hör, trau niemandem bei Cäsar
Als einzig und allein Proculius.
KLEOPATRA
Nur der Entschlossenheit und eignem Handeln
Vertraue ich, sonst niemandem bei Cäsar.
ANTONIUS
Den jämmerlichen Wechsel aber nun
An meinem Ende sollst du nicht beklagen
Und nicht beweinen, sondern du erfreue
Die eigenen Gedanken dir, in dem
Du an die frühere Glückseligkeit
Gedenkst, in der ich lebte, als ich war
Der größte Fürst der Welt, der edelste,
Jetzt aber sterbe ich nicht elend, und nicht feige
Nehm ich als stolzer Römer meinen Helm ab
Vor einem andern Römer. Aber jetzt
Hauch ich den Geist aus, ach, ich kann nicht mehr.
KLEOPATRA
Du Edelster der Männer, willst du sterben?
Sorgst du dich gar nicht um Kleopatra?
Soll ich in dieser trüben Welt verbleiben,
Die ohne dich ist nur ein Schweinestall?
Seht, meine Dienerinnen, schaut doch hin,
Die goldne Krone dieser Erde schmilzt!

(Antonius stirbt.)

Mein Herr! Verwelkt der Siegeskranz des Krieges,


Gefallen die Standarte des Soldaten,
Jetzt stehen Kinderlein auf einer Stufe
Mit Männern, kleine Knaben, junge Mädchen,
Dahin ist aller Klassenunterschied,
Jetzt gibt es nichts Besondres mehr auf Erden
Hier unterm Monde, der uns heimgesucht.

(Kleopatra wird ohnmächtig)

CHARMION
So fasse dich, Gebieterin und Herrin!
IRAS
Ach, ist auch unsre Herrscherin gestorben?
CHARMION
Gebieterin!
IRAS
O Herrin!
CHARMION
O Herrin, Herrin, Herrin!
IRAS
O Königin und Imperatorin!

(Kleopatra bewegt sich)

CHARMION
Sei leise, Iras.
KLEOPATRA
Ich bin nichts andres mehr als nur ein Weib,
Regiert von der gemeinen Leidenschaft
Wie eine Magd, die melkt das pralle Euter
Und andre niedre Sklavendienste tut.
Es wäre angemessen, dass mein Zepter
Ich werfe nach dem bösen Neid der Götter,
Daß ich den Göttern sage, dass die Erde
Dem Himmel gleichkam, ach, bevor die Götter
Gestohlen mein Juwel. Ach Nichts ist Alles!
Geduld ist Torheit. Ungeduld gehört
Zu einem Fuchse, der die Tollwut hat.
Ist es denn Sünde, in das Haus des Todes
Zu stürzen sich, bevor der Tod es wagt,
Nach eignem Wunsch und Plan zu uns zu kommen?
Wie geht es euch, ihr Frauen? Habt nur Mut!
O meine feinen Mädchen! Frauen, Frauen!
Schaut, unsre Lampe ist verbraucht, erloschen.
Fasst euch ein Herz, ihr lieben treuen Leute.
Begraben wollen wir Antonius.
Und dann, was mutig und was edel ist,
Laßt uns das tun nach stolzer Römerart.
Der Tod sei stolz, wenn er uns nimmt als Opfer!
Hinweg! Die Hütte eines großen Geistes
Ist kalt! Ach meine Frauen, meine Frauen!
Wir haben keinen Freund mehr als allein
Entschlossenheit zu einem raschen Ende!

(Ab mit dem Leichnam des Antonius)

ZWÖLFTE SZENE

(Palast der Kleopatra. Kleopatra, Charmion und Iras.)

KLEOPATRA
Legt mir mein Kleid an, setzt mir auf die Krone,
Unsterblich ist die Sehnsuchtsglut in mir!
Ägyptens Traube soll den Mund nicht netzen,
Rasch, gute Iras, rasch, ich glaube schon,
Ich höre schon Antonius mich rufen,
Ich seh ihn sich von seinem Thron erheben
Und loben meine heldenhafte Tat.
Gemahl, ich komme! Jetzt beweist mein Mut
Die Würdigkeit zum Titel Königin.
Ich bin allein aus Luft und Feuer jetzt,
Die andern Elemente leg ich ab
Und geb sie dem gemeinen Erdenleben.
Kommt, nehmt den letzten Friedenskuß vom Munde!
Leb wohl, du schöne süße Charmion
Und, Iras, dir ein lange Lebewohl!
(Kleopatra küsst Iras. Iras stirbt.)
Hab ich die Schlange zwischen meinen Lippen?
Gefallen Iras? Wenn Natur und Iras
So sanft sich trennen, ist der Kuß des Todes
Nur wie der Liebesbiß des Vielgeliebten
In meinen Busen, schmerzlich, aber Wollust!
Ach Iras, bist du so dahingeschieden?
Die Welt ist eines Abschieds doch nicht wert.
CHARMION
So löse deinen Gürtel, volle Wolke,
Und Regen ströme nieder von dem Himmel,
So kann ich sagen, dass die Götter weinen.
KLEOPATRA
Nichts bin ich mehr als ein gemeines Weib!
Denn wenn zuerst die reine Iras trifft
Antonius, dann will er sie sich nehmen,
Und jenen Kuß der Liebe schenkt er ihr,
Den zu empfangen doch mein Himmel ist!
So komme jetzt, du tödliches Geschöpf,

(Zu der Schlange, die sie an ihren Busen legt)

Mit deinem scharfen Zahn erlöse mich


Vom Knoten dieses Lebens! O du Narr,
Mach End’, o Narr, mach Ende! Sprich, o Schlange!
CHARMION
O makelloser Stern des Orients!
KLEOPATRA
Still! Siehst du den geliebten Säugling nicht,
Der mir das Leben aus dem Busen saugt?
CHARMION
Mir bricht das Herz!
KLEOPATRA
So süß wie triefende Balsamentropfen,
So weich wie milde Lüfte! O so sanft
Und o so süß! Und O Antonius!
Ich nehme mir noch eine zweite Schlange!

(Sie legt eine zweite Schlange an ihre andere Brust)

Was soll ich länger warten?

(Kleopatra stirbt)
CHARMION
Ach Elend in dem Jammertal der Tränen!
Groß ist dein Ruhm, o Tod, denn ganz dein eigen
Ist jetzt ein reines Mädchen ohnegleichen.

(Charmion nimmt sich eine Schlange und stirbt)

ESTHER
ERSTE SZENE

XERXES
Wir, Unsre Majestät der Herr und Kaiser,
Wir wollen feiern mit den sieben Fürsten.
Kommt, meine Fürsten, kommt von fernen Ländern,
Komm, Fürst der Skythen, aus dem Haschisch-Zelt,
Komm, Fürst aus dem platonischen Athen,
Komm, Fürst der Großen Mutter India,
Komm, Fürst vom weisheitsvollen Reich der Mitte,
Komm, Fürst vom Reich der Königin von Saba,
Komm, Fürst der Schwarzen Mutter Afrika,
Komm, Fürst von dem versunkenen Atlantis,
Kommt, Fürsten, trinkt mit mir vom roten Wein!
Ein Gott wohnt doch im Heiligtum des Weines,
Der inspiriert uns wie der Geist der Götter!
Schaut meinen Boden an von schwarzem Marmor
Und die türkisen-samtnen Ruhelager,
Ein Diwan weiser Trinker soll sich lagern,
Und schaut die Säulen an von Alabaster
Und schaut die Äpfel der Granaten an
Und goldnen Glöckchen zwischen den Granaten
Und schaut die Perlenschnüre, Rosenkränze
Und Mandelblütenkelche, Lilienknäufe
Und schaut das Brot in seiner goldnen Schale!
Mit Gnaden werde ich euch überschütten,
Mit Gnaden! Fragt ihr euch: Mit welcher Gnade?
Mit Gnaden unaussprechlich-schöner Schönheit!
Die Allerschönste aller schönen Frauen
Sollt ihr mit diesen euren Augen sehen!
O Vashti, meine hohe Königin,
Mit deiner Schönheit blende meine Fürsten!
Geh, Page, melde meiner Königin,
Sie soll sich offenbaren meinen Trinkern!

ZWEITE SZENE
PAGE
O Vashti, hoheitvolle Königin,
Der Kaiser selbst verlangt nach deiner Schönheit,
Denn prahlen möchte er vor seinen Fürsten,
Welch eine Schönheit ihm zur Seite steht!
VASHTI
Ja, ich bin schön! Ich sorge mich auch sehr
Um meines Körpers makellose Schönheit.
Ich selbst bin meiner Schönheit Schöpferin
Und halte mich für eine Menschengöttin.
Der Kaiser bettle nur um meine Liebe,
Ich bin nicht, bin nicht die, die sich ihm schenkt.
Es mögen andre Frauen Demut üben
Und Magd des Königs sein, doch ich bin stolz!
Von Gott nicht will ich meine Kraft empfangen,
Ich selbst bin Gott, mein Gott ist meine Seele.
Soll doch der Kaiser betteln um die Liebe,
Verloren ist, wer Menschenliebe sucht!
Kein Mensch kann einen Menschen jemals lieben,
Wenn dieser Mensch sich selbst nicht lieben will.
Ich aber will mich selbst vor allem lieben,
Dann brauch ich keine Liebe eines Gottes,
Dann brauch ich keine Liebe eines Menschen.
Ich schaffe selbst mir meine eigne Welt,
Bin Schöpferin der Welt, die mich umgibt,
Denn weil die Welt ist Ausdruck meiner Seele,
Begegnet in der Welt mir meine Seele.
Wenn meine Seele nun sich selber liebt,
Begegnet in der Welt mir nichts als Liebe.
Was soll ich lieben einen Gott im Himmel
Und warum soll ich meine Nächsten lieben?
Daß ich mich selber liebe, ist genug!
Dann kommt durch mich die ganze Welt in Ordnung.
Der Kaiser muß sich selbst entscheiden, ob
Er Schöpfer oder Opfer möchte sein,
Ich jedenfalls will nicht ein Opfer sein,
Ich bin der Schöpfer meines eignen Lebens,
Denn meine Seele ist nicht Gott vereint
Als einem liebevollem Du, geliebt,
Nein, meine Seele ist mit Gott identisch.
Ich tu allein, was meine Seele will,
So tue ich den Willen meiner Gottheit.
Ich werde nicht zum Fest des Kaisers kommen,
Der Kaiser rechne nicht mit seiner Göttin,
Die Göttin feiert lieber andre Feiern,
Als sich vom Kaiser anzuhimmeln lassen.
Nein, ich verachte den verliebten Kaiser
Wie einen Wurm in seinem eignen Kot!
PAGE
O Vashti, Gott hat dich sehr schön erschaffen,
Ein großer Künstler ist doch Gott der Schöpfer,
Der deine Schönheit schuf so malerisch!
Man könnte nach der Schönheit deines Körpers
Astartes Statue aus Marmor machen.
Doch deine Seele ist total verhärtet,
Dein Herz ist hart und kalt wie Marmorstein.
VASHTI
Geh, Page, süßer Liebling deines Kaisers,
Ich mochte dich noch nie, serviler Sklave,
Sag ihm, er möchte mich in Ruhe lassen!

DRITTE SZENE

XERXES
Mein weiser greiser grauer Philosoph,
Was soll ich tun in dieser schweren Lage?
Ich bin verwirrt und weiß nicht was zu tun.
WEISER
Ich bin ganz still, du schütte aus dein Herz.
XERXES
Die Königin, die schöne Vashti, ist
So schön, ich schaue schon die Schönheit Gottes!
Die Schönheit Gottes schaue ich an Vashti,
Die Liebe schaue ich in meinem Pagen!
Die Schönheit Vashtis ist so wunderschön,
Ich betete sie an als meine Göttin!
Allmächtige Gebieterin, o Göttin,
Erbarme dich des ärmsten deiner Sklaven!
So hab ich ihre Schönheit angebetet.
Vergöttlicht so man aber einen Menschen,
Ein Weib, so ist das nichts als Götzendienst.
Sie ist doch meiner Huldigung nicht wert,
Zwar ist sie schön, doch ist sie seelenlos!
In ihrer Jugend voller Reiz und Anmut,
Da war sie fromme Gottessucherin,
Jetzt hat sie sich dem Bösen zugewandt
Und übergab die Seele Ahriman!
Sie-Teufel wurde meine schöne Vashti,
Bluttränen weine ich in meinem Herzen!
Wenn Perser schon Verbrecher kreuzigen,
So Vashti kreuzigt den verliebten Kaiser!
WEISER
Verbrecherkreuze gibt es für Verbrecher,
Die unserm guten Gotte wohlgefällig,
Doch andre Kreuze hasst der gute Gott,
Die Kreuze nämlich, wenn ein guter Mann
Verliebt ist in ein böses Weib und leidet,
Von diesem Leiden will ihn Gott erlösen!
XERXES
Ich hatte einen Tagtraum eines Mittags,
Ich sah die jugendliche Hoffnungsgöttin
Als Frau, bekleidet mit dem Sonnenlichte,
Sie goss aus ihren Händen Gnadenstrahlen
Hernieder auf ein junges schönes Mädchen.
WEISER
Die Göttin inkarniert in einer Frau
Für einen Tag, vielleicht für sieben Jahre,
Vielleicht für vierzehn Jahre auch, doch dann
Die Göttin kehrt zurück in ihren Himmel.
Die arme Frau in ihrer Sterblichkeit,
Verlassen von der Göttin, wird verlassen
Vom Liebesdiener, der sie angebetet.
Die Göttin aber kehrt zurück zur Erde
Und wählt erneut die Stellvertreterin,
Die immerjunge Göttin neu erscheint
In einer neuen Stellvertreterin.
XERXES
So will ich achten auf ein Wunderzeichen,
Wo sich nun inkarniert die junge Göttin.
WEISER
Dein Reich erstreckt sich ja von Mutter Ganga
Zum Gelben Vater Nilus in Ägypten,
Da lade alle jungen Mädchen ein,
Die ausgezeichnet süß und reizend sind,
Und wähle dann das schönste Mädchen aus,
Die deine neue Menschengöttin wird.
XERXES
Nun ist mir schon nicht mehr so schwer ums Herz.
WEISER
So gebe ich dir Unsrer Göttin Segen!

VIERTE SZENE

MARDOCHAI
Hadassa, meine junge schöne Nichte,
Verachtet wird der Jude doch von allen!
Der Jude, Gottes auserwählter Sohn,
Gott legt ihm seine Worte in den Mund,
Der Jude murmelt Gottes Worte immer
Und all sein Denken kreist allein um Gott,
Nichts andres interessiert ihn als die Gottheit,
Der überall in Gottes schöner Schöpfung
Die Gegenwart der Liebe Gottes sieht,
Der Jude wird verachtet von der Welt!
Die Menschen dieser Welt verachten ihn
Und bauen um die Herzen harte Mauern,
Die Stirnen machen sie zu Kieselsteinen,
Verstopfen sich die Ohren, diese Heiden
Sind wie die Kobra, die das Ohr verschließt,
Daß sie nicht hört die Stimme des Beschwörers,
Des gottgelehrten Schlangenflüsterers.
ESTHER
Bei Gott, mein lieber Onkel Mardochai,
Der du den Namen trägst des Gottes Marduk,
Ich aber, Esther, heiße Morgenstern,
Die ich den Namen trag der Göttin Ishtar,
Wir sind benannt nach Gott und Gott ist mit uns!
Wenn Gott der Herr auf unsrer Seite ist,
Was sollen wir den Hass der Menschen fürchten?
MARDOCHAI
Die Menschen hassen uns, in Wahrheit aber
Sie hassen Gott, den Gott, den sie nicht kennen!
Gott ist so groß, ist größer als das Weltall,
Gott hält im Innersten die Welt zusammen,
Zu diesem großen Gotte sag ich Du
Und Gott liebt mich noch mehr als ich mich liebe,
Ist mehr besorgt um all mein Gutes, Bestes,
Sorgt besser sich um mich als ich es könnte.
Wer diesen Gott erkennt mit seinem Herzen,
Den Gott der Liebe, der wird lieben Gott.
Die Menschen dieser Welt jedoch ersinnen
Sich einen Götzen voller Grausamkeit
Und hassen dann den Götzen ihres Herzens.
ESTHER
Wenn wir uns nun zu unserm Gott bekennen,
Verstehen unsern Gott die Heiden nicht,
Sie hassen Gott und hassen darum uns.
Sei aber nicht besorgt, mein lieber Onkel,
Wenn Gottes Feinde hassen unsern Gott,
So ist es Gottes Freunden eine Ehre,
Wenn Gottes Feinde hassen Gottes Freunde,
So werden wir vereinigt unserm Gott.
MARDOCHAI
Wie aber soll ich meine Feinde lieben?
Wie jene lieben, die mich so verachten?
ESTHER
Ich liebe brennend dich von ganzem Herzen!
Komm, gottgeliebter Mann, lass dich umarmen!
Komm, ruhe du am Herzen deiner Esther!
An diesem Herzen ruh, dem Wohnort Gottes!
MARDOCHAI
In deinem langen weißen Seidenkleid
Stehst du vor mir als jugendliche Jungfrau,
Dein Angesicht voll Liebreiz und Entzücken,
Dein Blick voll Lächeln, voller lichter Liebe,
Dein rotes Mündchen honigsüß und kusslich!
ESTHER
Ich liebe dich! Du darfst mich küssen, Onkel!
MARDOCHAI
Und wenn du groß bist, o Prinzessin Gottes,
Dann nehm ich dich zu meiner Ehefrau.

FÜNFTE SZENE
EUNUCH
O all ihr wunderschönen Haremsdamen!
So nun vernehmt ihr das Gebot des Königs,
Denn salben sollt ihr euch mit Salbungsölen
Und schmücken euch mit allen Schönheitsmitteln,
Mit Augenschminke und mit Lippenschminke,
Und kleiden euch mit euern schönsten Kleidern.
Wenn eine Frau ein halbes Jahr gesalbt ward
Mit der zerriebnen Myrrhe süßen Duft
Und noch ein halbes Jahr gesalbt ward dann,
Gesalbt ward mit den triefenden Balsamen,
Dann ziehe sie die schönsten Kleider an
Und schmücke sich mit allerschönstem Schmuck,
So führt sie der Eunuch zur Königshalle.
Aus diesem Harem jede Frau erscheint
Für eine Nacht vorm Thron des großen Königs,
Wenn er sie nicht erwählt als seine Braut,
Muß sie zurück ins Haus des Frauenharems
Und lebt fortan im Frauenhaus allein
Mit andern Frauen unter Schwatz und Plaudern,
Mit dem Eunuchen und dem Papageien.
Nur wenn der König einst in einer Laune
Verlangt nach einer von den Haremsdamen
Und sie mit ihrem Namen zu sich ruft,
So eile sie sogleich auf seinen Ruf
Und gebe ihre Schönheit willig hin.
HAREMSDAMEN IM CHOR
Wir sind die schönsten Frauen aller Welt,
Die Inderinnen und Chinesinnen,
Die Perserinnen und Tschirkassierinnen,
Araberinnen, Afrikanerinnen,
Der Chor der schönsten Frauen dieser Welt,
Wir präsentieren uns in unsrer Schönheit,
Auf dass der König aller Könige
Die schönste Frau der ganzen Menschheit wähle,
Die auserwählte Frau des Universums!
EUNUCH
Du junges schönes sanftgemutes Mädchen,
Du keusche Jungfrau Ishtar oder Esther,
Du Morgenstern, du Schönste aller Sterne,
Heut ist dein Tag, du trittst vor deinen König.
Gesalbt bist du mit Myrrhe der Passion,
Gesalbt mit den Balsamen allen Trostes,
Nun kleide dich mit deinem schönsten Kleide
Und lächelnd tritt vor deinen Herrn und König.
ESTHER
Mein lieber Vater Hege, du Eunuch
Des Himmelreiches, Kenner aller Frauen,
Ich bin ein Mädchen noch in aller Unschuld
Und weiß nichts von Verführungskunst der Frauen,
Sag du mir, welches Kleid ich tragen soll.
EUNUCH
Die andern Weiber tragen Reizgewänder,
Halbnackt gehn sie in transparenter Seide,
Du trage lieber doch ein keusches Kleid,
Verhülle deine jugendlichen Reize
Mit einem schwarzen Kleid im keuschen Schnitt,
Laß leuchten deines Angesichtes Schönheit,
Laß lächelnd strahlen deine Himmelsaugen
Und grüße liebreich mit dem roten Mündchen!

SECHSTE SZENE

ESTHER
Begleitet mich, ihr meine beiden Mägde,
Ihr schönen Dirnen aus dem Haremshause.
Du Dirne mit den langen schwarzen Haaren,
An deine Schulter lehn ich meine Schulter.
Du Dirne mit der Majestät von Busen,
Du sollst mir halten meines Rockes Schwanz.
Die Glocken läuten schon im Tempel Gottes,
Ich schreite meinem König jetzt entgegen.
Ich habe Furcht und Zittern vor dem Kaiser
Und lieb von ganzem Herzen doch den Kaiser.
KAISER
Komm, meine Braut vom Frauenhaus aus Susa,
Du sollst mir werden meine Königin!
ESTHER
Mein Kaiser, strahlend wie ein Engel Gottes,
Der Engel von dem Angesicht des Herrn
Erscheinst du mir, ich falle fast in Ohnmacht!
Wer schaute jemals solche Herrlichkeit
Und ist gestorben nicht vor großer Wonne?
KAISER
Die Gnade fand in meinen Augen, Mädchen,
Hab keine Angst vor deinem Herrn und König,
Ich bin ein Menschensohn, ich bin dein Bruder,
Die Spitze meines Zepters reich ich dir,
Berühre du die Spitze meines Zepters!
ESTHER
Laß küssen mich die Spitze deines Zepters!
KAISER
Begehre was du willst, o Königin!
Was ist das zwischen dir und mir, Geliebte?
CHOR
Gestorben ist die alte Königin,
Lang lebe unsre Neue Königin!
EUCHARIS
ERSTE SZENE

ESK
Ah weh, ah wehe mir! Die dunkle Nacht
Verfinstert schmerzlich meine arme Seele!
Wie ist doch meine Seele voller Schmerzen
Aufs Blut gepeinigt von des Lebens Geißeln,
Wie ungerecht die Macht des Todes herrscht
Und mich versucht der Dämon der Verzweiflung!
Kein Trost! Nichts als allein das nackte Kreuz!
PAPST JOSEF
(Von seinem Balkon)
Heut ist der Tag der Makellosen Jungfrau,
Der Makellosen Konzeption Maria,
Das Mädchen ist der Gottesschönheit Spiegel,
Allein die Schönheit kann die Welt noch retten!
ESK
Das Licht geht auf, die Sonne scheint am Himmel,
Die Sonne leuchtet im Zenit des Himmels,
Was sehe ich? Ich sehe eine Frau,
Ich sehe eine schöne schlanke Frau
In einem langen weißen Seidenkleid,
Mit einem weißen Schleier auf dem Haupt,
Der Schleier und das Kleid sind goldverziert,
Die Brust gegürtet ist mit goldnem Gürtel,
Sie breitet ihre Arme herzlich aus
Und von den schlanken weißen Händen strömt
Das Gnadenlicht der Gnadensonne Gottes,
So steht die Frau, bekleidet mit der Sonne,
Die Miterlöserin erscheint vor mir
Und schüttet Gottes Licht auf diese Erde.
DIE FRAU IN DER SONNE
Mein lieber Sohn, nun sieh das Neue Leben,
Das Gott dir zeigt, auf neue Art zu leben,
Ein Leben voller Herrlichkeit und Glanz,
Ein Leben solchen lächelnden Entzückens,
Daß du erfüllt von Freude wirst und Wonnen!
ESK
Die lichten Ströme von der Gnadensonne
In Überflüssen überfluten brennend
Die Erde, in dem goldenen Gewölk
Des Glanzes Gottes sehe ich ein Mädchen,
Ja, meine Nachbarin Eucharis ists!
Eucharis ist die Schönheit, die mich rettet,
Die Jugendschönheit, die die Erde rettet!
EUCHARIS
Gegrüßet seiest du, mein Nachbar Esk,
Der Friede Christi sei mit deinem Geist!
ESK
Und auch mit deinem Geist, o Kind Eucharis!

ZWEITE SZENE

(Kellertreppe)

ESK
Ich steige nun hinab die Kellertreppe,
Steig in den Kellerraum des Unbewussten.
Es muß die Niederfahrt zum Höllenpfuhl
Voran gehn einer steilen Himmelfahrt.
Was find ich in des Unbewussten Keller?
Wird mit der Fürst der Ratten hier begegnen?
Gott schuf so Schönes wie die Turteltaube,
Doch warum schuf der Herr die ekle Ratte?
Schuf etwa Luzifer als Demiurg
Die Hässlichkeit der nackten geilen Ratte?
Doch ich muß niedersteigen in die Hölle!
Ich weihe mich der Königin der Hölle,
Der Lieben Frau Proserpina-Maria!
Hier hab ich in dem Korb die alte Wäsche,
Befleckt die alte Wäsche von der Schuld,
Von Fett und Schleim und Kot der Daseinsschuld.
Ist denn das Dasein selbst schon eine Schuld
Und unser Sterben Buße nur und Sühne?
Ich will doch meine alte Wäsche waschen
Und muß hinunter in des Waschraums Beichtstuhl.
Das Lebenswasser wasche meine Wäsche
Und gebe neues reines weißes Linnen!
Hier also steh ich vor der Höllenpforte
Und lese angeschrieben an der Pforte
Das Wort: Du lasse alle Hoffnung fahren!
So öffne dich, du alte Todespforte,
Erbebe, Schwelle zu der Unterwelt,
Denn Esk durchschreitet jetzt des Todes Tor!

(Die Tür wird von innen geöffnet und Eucharis tritt hervor.)

EUCHARIS
Ich hatte meine römischen Sandalen
Gelassen in der alten Waschmaschine,
Hier sind sie wieder, meine Jesuslatschen.

(Ab.)

ESK
Wie schön sie ist! Wie aus der schwarzen Nacht
Des langen keuschen Kleides reiner Tugend
Die Morgenröte aufscheint ihrer Locken
Und wie vom Rosenrahmen ihrer Haare
Die Sonne ihres Angesichtes leuchtet
Mit himmlischen Saphiren lichter Augen!
Eucharis ist die Königin der Hölle
Und ist zugleich die Königin des Himmels,
Sie ist die Meisterin der dunklen Nacht,
Die Morgenröte einer neuen Zeit,
Die Gnadensonne wahren Christentums!
Sie ist die keusche Mädchengöttin Hoffnung,
Ich schaue, hoffend wider alle Hoffnung,
In diesem Mädchen an den Menschheitsfrühling!

DRITTE SZENE

ESK
Welch eine Gnade, liebes Kind Maria
Von Mexiko, dass du die Weihnacht feierst
Mit mir gemeinsam in dem deutschen Volk.
Wie schön du bist mit deinen vierzehn Jahren,
Mit deinem langen schwarzen Seidenhaar,
Mit deinen warmen braunen Augensternen,
Mit deinem südlichbraunen Angesicht.
Du gleichst der Indianita Morenita,
Gleichst Unsrer Lieben Frau von Guadelupe.
Ich trage allezeit ihr Bild bei mir,
Schau hier, das Urbild deiner Mädchenschönheit.
MARIA VON MEXIKO
O meine liebe junge Freundin Fanny,
Ich schenk dir goldnen Indianerschmuck,
So schmücke dich zur Ehre deines Schöpfers.
FANNY
Maria, du bist solch ein liebes Mädchen,
Dein warmes Auge hat mein Herz erobert.
FANNYS VATER
Maria, die du bist aus Rom gekommen,
Ich sah auf dem Balkon des Vatikan
Papst Josef, neben ihm standst du, Maria,
Ich sah den weisen Greis im weißen Haar
Und neben ihm das junge braune Mädchen.
MARIA
Papst Josef ist geboren von der Schwarzen
Madonna von Altötting, seinen Ring
Gab er der Schwarzen Muttergottes Finger.
ESK
Wie schön du bist geschmückt, o Kind Maria,
Wie schön am Handgelenk der Rosenkranz,
Am Hals Mariens Wundermedaillon,
Am Ohr die kleine Perle der Madonna,
Am Finger einen Ring der reinen Jungfrau.
Wie heilig ist dein goldner Schmuck, Maria,
Du schmückst dich nicht aus böser Lust an Unzucht,
Du schmückst dich zu dem Wohlgefallen Gottes
Und Gott gab dir unendlich schönen Liebreiz!
MARIA
Du lieber Esk, du bist ein lieber Mann,
Begehrenswerter Mann, Mariens Schatz,
Ich schenk dir einen schönen Rosenkranz
Aus Mutter Rom, Papst Josef gab den Segen
Dem Rosenkranz aus roten Rosenblüten,
Papst Josef hier und hier der Papst Johannes,
Die Perlen duften süß wie Rosenöl,
Du bete jeden Tag den Rosenkranz!
ESK
Ich benedeie deinen schönen Leib,
Ich benedeie deine festen Brüste,
Ich benedeie deine braunen Arme,
Ich benedeie deine straffen Lenden,
Der Künstler bog sie wie Juwelenspangen!

VIERTE SZENE

ROSA MYSTICA
Schau her und siehe, was ich dir jetzt zeige!
ESK
Die Jungfrau schwebt herab vom hohen Himmel,
Sie trägt ein langes weißes Seidenkleid
Und einen weißen Schleier auf dem Haupt.
Auf ihrer rechten Brust die weiße Rose
Der sieben Freuden Unsrer Lieben Frau,
Auf ihrer linken Brust die goldne Rose
Der Gloria der Mater Gloriosa,
Im Tal der Brüste, diesem Doppelhügel,
Die rote Rose ihrer Liebesschmerzen,
In Blut und Glut erotischer Passion!
Ich weiß, es stören sich die Protestanten
An dieser Jungfrau mit den beiden Rosen
Auf ihren Brüsten, die sich liebend wölben,
Denn Protestanten scheint, dass diese Jungfrau
Ist eine Liebesgöttin aus dem Heidentum,
Ich aber liebe ihre Doppelbrüste
Und liebe auch das Tal der Doppelbrüste,
Da Gottes Eros wohnt als rote Rose,
Der Eros Gottes, der gekreuzigt ist!
ROSA MYSTICA
Ich komme jetzt herab die Himmelstreppe,
Du küsse brünstig jede Treppenstufe,
Die ich mit bloßen Füßen sanft berühre.
ESK
Ach noch den Schatten deiner bloßen Füße
Im Staube auf dem Stein der weißen Treppe
Bin ich nicht würdig, mit dem Mund zu küssen.
ROSA MYSTICA
Drei Stufen steige ich zu dir herab,
Steig aus der Herrlichkeit herab zur Gnade,
Steig von der Gnade nieder zur Natur.
Drei Stufen küsse du der Himmelsleiter,
Drei Küsse küsse du in Buß und Sühne.
ESK
Den Stein zu küssen, den dein Fuß berührte,
Ist fast als küsste ich den Mund der Gottheit!
ROSA MYSTICA
Ich werde jetzt mit meinem bloßen Fuß
Aus Mutter Erde eine Quelle schürfen,
Hier tauche ein die Kranken und die Kinder,
Ihr sollt die Kinder nicht im Schoße töten!
ESK
Oh, wie verwandelt sich die Jungfrau jetzt!
Statt eines langen weißen Seidenkleides
Seh ich sie jetzt in einem grünen Mantel,
Bestickt mit goldnen Sternenordnungen,
Und unter ihrem grünen Sternenmantel
Seh ich ein Hauchkleid, das bestickt mit Blüten,
Sie öffnet dieses hingehauchte Kleid
Und zeigt mir ihre makellosen Brüste,
Die Brüste, die der Gottmensch einst gesogen!
ROSA MYSTICA
Die weiße Rose meiner rechten Brust
Und goldne Rose meiner linken Brust
Berühre küssend du mit deinen Lippen,
Tu Sühne so für aller Sünder Sünden,
Die mir durchbohrt das liebevolle Herz!
Ja, deine Buß und deine Sühne sei,
An meinen hochgebenedeiten Brüsten
Zu saugen Milch der Mutterliebe Gottes!

FÜNFTE SZENE

TANTE
Ich stehe jetzt mit einem Bein im Grab
Und hab gelitten alle Leiden Hiobs
Und kann verzweifeln nur an meinem Gott,
Was musste ich auf Erden so sehr leiden,
Wie soll ich sagen: Gott, ich lobe dich!
ESK
Der Christus an dem Isenheimer Kreuz
Hat doch gelitten für die ganze Menschheit,
Weißt du denn nicht, o meine liebe Tante,
Daß du durch Leiden dir verdienst den Himmel?
TANTE
Bevor ich sterbe, ich mit meinem Herzen
Voll Heimweh und voll wunderlicher Schmerzen,
Will ich den Neffen noch als Gatten sehen.
Du aber wählst dir stets die falschen Frauen,
Nur schöne Frauen, die nicht Geist besitzen,
Die reizend sind, doch harte Herzen haben.
ESK
Ich bin romantisch, tauge nicht zur Ehe.
TANTE
Doch schau dir an die liebliche Eucharis,
Wie fromm sie betet bei der Kommunion,
Wie heiter sie, ein Inbegriff der Hoffnung,
Wie schön sie ist und voller Höflichkeit,
Voll Anmut ihres Leibes, ihrer Seele.
ESK
Ja, wenn Eucharis einmal mich besuchte
Und mir ein Wort voll schöner Liebe sagte!
Ich träumte jüngst, daß ich umging die Mutter
Dione, und Eucharis einen Brief schrieb,
Wie ich sie traf in ihrem Mädchenzimmer.
TANTE
So ist es gut. Ich gehe jetzt zu Gott.
MADONNA
Mein Esk, mein vielgeliebter Schatz, Begehrter,
Berufener, mein andrer keuscher Josef,
Eucharis sollst du nicht zur Gattin nehmen!
ESK
Ich liebte viele Frauen schon auf Erden,
Fand statt der roten Rosen nichts als Dornen!
MADONNA
Dies ist so, weil ich dich erwählt zum Gatten,
Ich möchte dich für mich alleine haben,
Ich will, dass du mit mir vereinigt wirst,
Ich lade dich in meinen keuschen Schoß ein...
ESK
Jetzt hab ich ein Gesicht! Ich seh den Engel
Dich grüßen: Chaire kecharitomene!
Du stehst vorm Bett im blauen Linnenkleid
Und deine rötlichblonden Locken wallen,
Da sehe ich dein Bett, das breite Lager,
Ein rotes Laken ist darauf gespannt,
Drauf liegen rote Decken, rote Kissen.
MADONNA
Im Himmel lade ich dich in mein Bett,
Wenn du auf Erden lebst als Junggeselle.
ESK
Madonna schwebte wieder in den Himmel.
Mein Page du, mein zweites Jesuskind,
Du tröste mich mit deiner süßen Liebe!
PAGE
Hier hab ich eine Schale voller Gras
Und voller Moos und voller weißer Kiesel,
Es ist ein kleines Gartenparadies,
Der Garten Eden ists, Marias Bett,
Maria liebt dich einst im Garten Eden!

SECHSTE SZENE
ESK
O Venus Medici, du Allerschönste,
In meiner Jugend trug ich die Ikone
Der Venus Medici an meinem Herzen
Und wählte dich zu meinem Ideal,
Ob mir auch damals schien, ein hübsches Mädel
Sei dir aus dem Gesicht geschnitten, Göttin,
Das Mädel aber wurde alt und welk,
Du bist noch immer schön und reizend, Jungfrau!
VENUS MEDICI
Als einst mein Minnediener Botticelli
Die wunderschöne Simonetta schaute,
Die Schwester von Amerika, die Fürstin
Der Medici, da malte er mein Bild.
Die schöne Simonetta ist gestorben
An Schwindsucht, sie ging auch den Weg des Fleisches.
Mein Bild jedoch, das weitberühmte Bild,
Verehrt wird auch noch an der Mauer Chinas.
ESK
Von welchem Himmel hast du deine Schönheit?
VENUS MEDICI
Ich hab sie aus dem Himmel der Ideen.
Im Platonismus kommt die Anima
Vom Himmel, wird gehaucht von Gottes Geist,
Hier dargestellt als Zephyrus und Aura,
So kommt die Anima zur Mutter Erde,
Die Mutter Erde breitet ihre Arme
Und gibt der Anima den Stoff des Mantels,
Ein schönes Kleid aus Nichts als Blumenduft.
ESK
So, Göttliche, bist du die Anima!
VENUS MEDICI
Mein Liebster, bist du sehend oder blind?
Siehst du die Anima als Schönheitsgöttin
Spazieren in dem Liebreiz reiner Jugend
In deiner Nachbarschaft? Ist nicht Eucharis
Der makellosen Göttin Ebenbild?
Eucharis ist die Göttin von der Göttin,
Eucharis ist der Lichtglanz von dem Lichtglanz!
So trage meine heilige Ikone
Zu ihrem Haus und diene deiner Göttin,
Indem du dies mein Bild Eucharis schenkst.
ESK
Dein Wunsch ist mir Befehl, o Makellose!

(Er klingelt an der Tür der Eucharis)

EUCHARIS
Womit kann ich dir dienen, lieber Nachbar?
ESK
Schau diese heilige Ikone an
Und sage mir: Erkennst du Gottes Schönheit?
EUCHARIS
Ja, Gottes Schönheit, meine Zwillingsschwester,
Aus Einem Schwanen-Ei die Zwillingsschwester!
ESK
Du bist fürwahr der Göttin Zwillingsschwester
Und Huldigung entrichte ich der Göttin,
Indem ich Huldigung entrichte dir,
Der königlichen Anima aus Gott,
Du gottgehauchte Göttin Anima!
EUCHARIS
Ich stell die heilige Ikone auf
Bei dem Altar in meinem Schlafgemach.

SIEBENTE SZENE

ESK
So kommst du eben von der Katechese?
Was aber denkst du von der Kommunion?
EUCHARIS
So wie ein Vater seinem Sohne gibt
Das weiße Brötchen und die süßen Trauben
Und ihm nicht Brötchen nur und Trauben schenkt,
Vielmehr ihm in dem Brötchen und den Trauben
Den süßen Schmack der väterlichen Liebe...
ESK
Ich feire dich als Jungfrau Primavera,
Du bist die neue Frühlingszeit der Kirche,
Die junge Kirche ohne Fleck und Falten,
Die junge Kirche ohne graue Haare,
Die junge Kirche ohne fette Hüften,
Die junge Kirche ohne welke Brüste,
Die makellose Braut des Christus Jesus!
Schau, Jesus will als Miterlöserin
Und Mitarbeiterin der Hoffnung dich!
Hilf Jesus, sei du Jesus die Gehilfin,
Nach der Kultur des Todes dieser Zeit
Die neue Zivilisation der Liebe
Zu bringen allen Menschen, allen Völkern,
Trag du den Frieden Christi in die Welt!
Der Herr bedarf der Liebe deines Herzens!
Nimm diese sieben weißen Rosen an,
Die Rosen der Madonna, Makellose,
Sei keusch und rein wie eine weiße Rose,
Die weiße Keuschheit der Madonna ist
Die Weißglut ihrer Liebesganzhingabe
An Gott den Herrn, den Bräutigam der Seele!
EUCHARIS
Ich danke dir, mein lieber Freund und Nachbar,
Für dieses schöne Bild der Primavera
Und für die weißen Rosen der Madonna.
Empfange du zum Dank als ein Geschenk
Hier diese süße weiße Götterspeise
Mit diesem süßen roten Nektarsaft!...
ESK
Erheben möchte ich die Schale dankend
Und weihen diese Schale meiner Gottheit!
Wie köstlich schmeckt doch diese Götterspeise,
Wie schön das Weiß der Götterspeise schon,
Ich sehe in dem Weiß der Götterspeise
Den weißen Leib, das weiße Fleisch der Liebe!
Ich speise dieses weiße Fleisch der Liebe,
Als ob ich liebend weiße Brüste küsste,
Und koste süßen roten Nektarsaft
Wie Küsse von dem Rosenmund der Liebe!
Geliebte, diese Speise, dieser Saft,
Sind mir dein weißer Leib, dein rotes Blut!
Wie körperliche Liebes-Einigung
Im Hochzeitsmahl des Liebessakramentes
Ist die Vereinigung mit deinem Fleisch
Im weißen Schaum der süßen Götterspeise!
Die Himmlischen und Geister so genießen
Der Gottheit Fleisch in der Vereinigung
Gewiss in paradiesischen Genüssen
Kaum seliger als ich auf Erden schon
In dem Genusse deines weißen Leibes!

DER ESOTERIKER

ERSTE SZENE

(Deutsches Bauernhaus. Der Herr des Hauses ist nach Frankreich in den Urlaub gefahren. Sein
Knecht Jeremias lädt für die Urlaubszeit den Esoteriker Astralis und seine Freundin Dörte ein, in
diesem Haus ihr Zentrum für Lebensfreude zu begründen.)

JEREMIAS
Schaut, wie romantisch ist das Bauernhaus!
DÖRTE
Der Garten, o der Garten ist so schön,
Hier seh ich Bienen in die Blumen stechen,
Insekten kopulieren öffentlich,
Die Falterpaare tanzen Hochzeitstänze.
JEREMIAS
Komm nur ins Haus, hier ist es sehr gemütlich.
ASTRALIS
Schutzgeister dieses Hauses, hört mich an,
Ich rufe dich, du Gottkind Metatron,
Nachtgöttin dich, geheimnisvolle Lilith!
JEREMIAS
Das Haus empfängt dich wie ein Weib empfänglich.
ASTRALIS
Ich steck den Schlüssel in das Schlüsselloch,
Ich dreh den Schlüssel um im Schlüsselloch,
Jetzt schlüpf ich über die geweihte Schwelle,
Vom Mistelbusch gesegnet diese Schwelle,
Ich dringe durch den langen dunklen Flur
Und streiche sacht an seinen Wänden lang,
Dann komm ich in das Wohngemach und dringe
Noch tiefer ein ins Innere der Wohnung
Und stehe herrlich in dem Schlafgemach!
JEREMIAS
Hier lebt die Mäusemutter mit dem Mäuschen.
Auch kommt die Ratte ab und an vorbei.
DÖRTE
Ih! Eine Spinne! Eine Riesenspinne!
ASTRALIS
Die Spinne ist ein Ursymbol der Mutter
Des Schicksals, die als Schicksalsweberin
Den Lebensfaden spinnt. Die Moira spinnt
Das Schicksal aller Götter, aller Menschen.
DÖRTE
Ich ekle mich doch so vor Spinnen, Freund!
ASTRALIS
So bitte Lilith, dass sie dich befreie!
DÖRTE
O Lilith, durch dein Böses mich erlöse,
Als Schatten komm in mich und mach mich stark!
ASTRALIS
Geweiht ist diese Wohnung Metatron,
Dem Engel, der das Scheitel-Chakra schützt!

ZWEITE SZENE

TABAKVERKÄUFER
Astralis, Eingeweihter ersten Grades,
Ich möchte einen Tabakladen bauen,
Ich möchte geomantisch ihn errichten.
DÖRTE
Urmutter der Natur, in goldner Vorzeit
Die Menschen lebten schön als deine Kinder,
Sie lebten in dem Schoß der Großen Mutter
Und lebten in dem Netz der Energie,
Das wob sich wundervoll von Berg zu Berg,
So alles war beseelt und Geist war alles,
Die Nymphen lebten in den Wassern und
Die Gnome in der Erde, die Sylphiden
Im Luftreich lebten, Salamander lebten
Im Feuer, alle Elemente und
Die Quintessenz erfüllt von Energie.
ASTRALIS
Im Anbeginn der Schöpfung ist aus Gott
Herausgeflossen die Weltseele, die
Als Energie des Geistes durch den Kosmos
Geflossen ist und von den Sternen zu
Der Erde wob ihr Netz der Energie.
Der Urmensch stellte seine Säulen auf,
Die Energie des Alls zu konzentrieren.
TABAKVERKÄUFER
Wie muß mein Tabakladen nun gebaut sein?
ASTRALIS
Der Osten, der Bereich der Göttlichkeit,
Des Gottesfunkens und der Sonne, soll
Die Stätte sein für den Altar des Hauses.
Der Süden als der Ort des Feuers und
Der Liebe und der Phantasie sei offen,
Dort sei die Tür, empfange liebend jeden!
Der Westen als der Ort der Mutter Erde,
Der Mater, der Materia gewidmet,
Im Westen du bewahr den Tabak auf,
Im Westen stelle auch ein Bildnis auf
Der Pachamama, Muttergöttin Erde.
Der Norden ist Bereich der Geistigkeit,
Dort kannst du deine Rechnungen berechnen.
DÖRTE
Und schreibe an dein Haus als Formel magisch
Ein CMB, das gibt dir Gottes Schutz.
TABAKVERKÄUFER
Was denn bedeutet dieses CMB?
DÖRTE
C steht für Catharina und das M
Für Margarethe, B für Barbara,
Drei Göttinnen, die Eine Mutter sind.

DRITTE SZENE

EPIKUR MAMMON
Mein Seligmacher ist das liebe Geld,
Was kann mir da die Esoterik nützen?
ASTRALIS
Ich werde dir dein Horoskop erstellen,
Ein profitables Wirtschaftshoroskop.
Die Götter auf den Sternen wissen nämlich,
Wo Aktien profitabel an der Börse.
Das Lottospiel am Markt des Kapitals
Wird auch gelenkt vom geisterfüllten Kosmos.
Ich sage dir, wie deine Sterne stehen,
Dann spiele du mit höchstem Risiko
Den Poker mit den Aktien an der Börse.
Ich hab den Stein der Weisen, mache Gold!
EPIKUR MAMMON
Ich liebe nichts auf Erden wie das Geld!
Ich glaub an keinen unsichtbaren Gott,
Ich glaube an das anfassbare Geld.
Das Geld regiert die Welt, macht alles möglich,
Ich kann mir alles kaufen, was ich brauche,
Ich mache Reisen durch die ganze Welt,
In Kuba mach ich Urlaub und in Bali,
Ich speise nur die allerbesten Speisen
Und trinke nur die allerbesten Weine.
DÖRTE
Doch braucht der Mann die Liebe einer Frau!
EPIKUR MAMMON
Ich hörte einen Dichter einmal reden
Von dem Geschlechtsteil des geliebten Geldes.
DÖRTE
Ja, Reichtum und Erfolg macht Männer sexy!
Nichts ist doch so erotisch wie das Geld!
Ein reicher Mann gibt Sicherheit der Frau,
Das liebe Geld schafft die Geborgenheit.
EPIKUR MAMMON
Beweisen will ich meiner Frau die Liebe:
Teilhaben lass ich sie an meinem Geld!
DÖRTE
Was aber nützt es einem Menschen, wenn
Er sich die Schätze kauft der ganzen Welt,
Er aber Schaden nimmt an seiner Seele?
Drum tu du etwas auch für deine Seele,
Entspanne dich, ich lehre dich den Yoga,
Du chante Om, den Atem reguliere,
Mit körperlicher Übung stimm den Geist
Ein auf die Harmonie des Universums.
Wenn du in Harmonie von Geist und Körper
Befindlich bist, dann wünsch dir, was du willst,
Schick deine Wünsche ab ans Universum,
Dann lassen Götter goldnen Regen regnen!

VIERTE SZENE

EPIKUR MAMMON
Mein Mädchen Dörte, sei mein liebster Liebling,
Du bist ja schön wie Gold und rein wie Gold!
Ich kauf dich deinem armen Vater ab
Und lege dann als Fundament der Ehe
Ein Testament an, drin ich dir vererbe
Mein ganzes Geld und alles Eigentum.
Die Männer, die nichts wissen von der Liebe,
Die geben nichts von ihrem Gelde ab.
Ich aber schwöre dir, geliebter Liebling,
Erbitte du von mir, was du nur willst,
Und sei es auch die Hälfte meines Reichtums,
Die Hälfte meines Reichtums sei dein eigen.
DÖRTE
Ich möchte reisen durch die ganze Welt.
EPIKUR MAMMON
Ich kaufe dir das Paradies von Kuba
Und kauf dir das kanarische Atlantis
Und kauf dir die Alhambra von Hispanien,
Ich kauf dir die Sahara, kauf dir Lesbos,
Ich kaufe dir Florenz und die Toskana.
DÖRTE
Florenz mit seinen Kirchen und Museen?
EPIKUR MAMMON
Nein, Dörte, ich betrete keine Kirche,
Es sei denn, dass sie ganz von Golde ist.
In Spanien, hörte ich, gibt’s eine Kirche,
Die ganz aus Gold errichtet ist, beim Teufel,
Da schwör ich dir, dir treu zu sein wie Gold!
DÖRTE
Und nimmst du mich zu deiner andern Hälfte,
Willst du dann etwa Kinder auch von mir?
EPIKUR MAMMON
Nein, Kinder lieb ich nicht! Ich lieb nur dich,
Doch bring mir keine Plagen in mein Haus!
Was sind schon Kinder? Sie sind Plagegeister,
Verdammte Satansbraten, das sind Kinder!
DÖRTE
Mein Abgott, mein geliebter Alleskönner,
Allwissender, allmächtiger Geliebter,
Mein bessres Selbst, mein klügster Epikur,
Dann reiß ich mir den Eierstock heraus
Und reiß mir aus dem Schoß den Uterus!
EPIKUR MAMMON
Sei du mein Ideal und meine Traumfrau:
Am Tage Hausfrau, die die Reinheit liebt,
Nachts eine Hure, die die Sünde liebt!

FÜNFTE SZENE

DÖRTE
(Wahnsinnig murmelnd)
Sechsmal errichte eine Freistatt für
Totschläger diesseits von dem Jordanstrom,
Sechsmal errichte eine Freistatt für
Totschläger in dem Lande Kanaan.
Sechs ist die Zahl der Cypris Aphrodite
Und Aphrodite ist Astarte in
Phönizien und Ishtar ists in Babel
Und Ishtar ist in Susan Königin
Haddessa Esther, das heißt Morgenstern,
Und Aster ist es, das heißt Jesus Christus,
So Jesus ist die große Liebesgöttin.
So steht es in dem Alphabeth Ben Siras,
Das er von Adam Kadmon selbst empfangen.
Und Adam Kadmon, er war Mann und Frau,
Hermaphrodit von Hermes und von Venus.
Und Adam Kadmon lebte mit Sophia,
Das ist die Isis Alexandriens.
Und Isis ist Maria, Horus Jesus.
Maria war mit Jesus einmal eins
Wie Adam Kadmon mit Sophia eins.
Und Jesus war das A, Maria B,
Und A und B ergibt den Namen Abba,
Das A heißt Vater und das B heißt Mutter,
So Abba: Vater-Mutter-Mutter-Vater.
Und Gottes wahrer Name, wie ist der?
Erhabne Taube IAHU ist Gott!
Und hundertvierundvierzigtausend Seelen
Gerettet leben in Jerusalem.
Doch zu der Jungfrau von Jerusalem
Wir brauchen auch die Hure Babylon.
Die Hure Babylon mit rotem Mund
Auf einem Löwen reitend ist Madonna
Leone, Göttin aller Indianer,
Ist Pachamama, unsre Göttin Mama.
In Babel war ihr Name Göttin Mami,
In Griechenland Demeter oder Mamme,
In Persien die Muttergöttin Mithra,
Und Mithra, dieser Name heißt: Die Mutter,
Demeter, Mater und Materia.
In Indien die Mutter nennt sich Uma
Und Uma, das heißt Oma, heißt Großmutter,
Und Oma, das heißt Om, der Götter Urlaut,
Und Om heißt Amen, Amen, das heißt Am
Und Am heißt Mutter. Wie der Weise sagt,
War Gott der Herr erst junger starker Papa,
Dann wurde er ein heiliger Großvater
Und schließlich eine liebende Großmutter.
Großmutter aller Himmlischen ist Gott!

SECHSTE SZENE

ASTRALIS
Seid ihr die Heiligen der letzten Tage?
PREDIGER
Ich bin von Mutterschoß an Lutheraner,
Und wahrlich, wahrlich, also sag ich dir:
Du bist ein Pferd, geritten von dem Satan!
Du bist verstockt wie Pharao Ägyptens!
Wer hat dich so verstockt? Das tat der Herr,
Der Herr hat dich bestimmt zu der Verdammnis!
Da kann der Mensch nichts für, denn Gott bestimmt,
Ob Satan reitet dir auf deinem Rücken,
Ob du gerettet wirst allein aus Gnade!
ASTRALIS
Das Gute und die Gnade kommt von Gott
Und Satan und das Böse kommt von Gott?
PREDIGER
Gott ist der Eine, Gott allein das Ganze,
Gott ist der Gute, doch er schafft das Böse,
Sein eignes Böses dann zu überwinden.
So Gott verstockte selbst den Pharao,
Um an dem Pharao die Macht zu zeigen,
Mit der der Herr sein Böses überwindet.
ASTRALIS
Lord Shiva also ist der wahre Gott,
Denn er zerstört als Gott die Schöpfung und
Erschafft aus der Zerstörung und dem Tod.
FUNDAMENTALIST
Geh weg mit deinem Götzen, diesem Satan!
Wenn du den Götzen dienen willst, dann geh
Zu den Papisten, zu der Kirche Roms!
Da findest du Dionysos, den Götzen,
Sie nennen ihn Sankt Dionysios!
Und suchst du deine Heidenmuttergöttin,
Dann geh zu den Papisten, denn sie beten
Maria an, die Große Muttergöttin,
Die Große Artemis von Ephesos!
ASTRALIS
Der Paganismus ist unsterblich eben.
FINDAMENTALIST
O Papst, du Rattenschwanz des Antichristen,
Geh weg mit deiner Hure Babylon,
Der Kirche Roms auf ihren sieben Hügeln!
ASTRALIS
Die Hure Babylon, wer ist denn die?
Es ist die Heiligkeit der Hurengöttin!
FUNDAMENTALIST
Ich höre immer Hure nur und Hure!
Es ist doch nichts so geil wie eine Hure!
Ich muß nun unbedingt ins Hurenhaus!

DIE SCHLAFENDE PHILOSOPHIE

ERSTE SZENE

(In einem Wohnzimmer sitzen abends am Tisch Männer beim Wein. Die Tür zum Schlafzimmer
nebenan ist leicht geöffnet, im Bett liegt die schlafende Philosophie, ein sechzehnjähriges Mädchen,
schön wie die Mediceische Venus, von einer blauen Decke zugedeckt, die roten Locken verstreut
auf dem Kissen, nur der weiße nackte Arm hängt aus dem Bett. Die Männer flüstern, um die
Philosophie nicht zu wecken.)

KOMMUNIST
Urkommunismus ist der Menschheit Anfang,
Urkommunismus wie bei den Huronen
War Mutterrecht. Die schöne Philosophie
War Eigentum des ganzen Stammes, alle
Ergötzen sich an ihr in freier Liebe.
Sie wars, die Affen erst zu Menschen machte,
Sie gab den Affen in die Hand ein Werkzeug
Und so begann die Produktion, die Arbeit,
Die Arbeit macht den Affen erst zum Menschen.
Dann aber kam das Eigentum und mit
Dem Eigentum der Sklavenhalter und
Der Adlige und Pfaffe und der Bürger, bis
Die schöne Philosophie erneut erschien
Als Marianne von den Sansculotten,
Zuletzt erschien die schöne Philosophie
Als Rosa Luxemburg, die Muse Lenins,
Da lehrte uns die schöne Philosophie
Der Dialektik Materialismus,
Verändernd Russland und die ganze Welt!
FEMINIST
Da hast du Recht, mein lieber Kommunist,
Am Menschheitsanfang war das Mutterrecht.
Die junge Philosophie war eine Göttin
Und Jungfraun-Priesterinnen dienten ihr
Im Bundeskloster, frei vom Sorgenalltag.
Die Göttin Philosophie im Paradies
Ergoss von Milch und Honig Überfluß
Und alle lebten in der freien Liebe,
Bis dann die Arier gekommen sind.
KOMMUNIST
Die Arier sind meine Feinde auch,
Faschisten, Knechte sinds des Kapitals!
HINDUIST
Fleischfresser! Doch sie brachten uns die Veden.
FEMINIST
Doch vorher die drawidische Kultur
War Mutterrecht, da aß man noch kein Fleisch,
Man flehte nicht zu einem Donnergott,
Man flehte nur zur Göttin Morgenröte.
HINDUIST
Wir haben auch in unsrer Religion
Die Große Mutter, nämlich unsre Kali.
FEMINIST
Und auch in China ehrte man die Mutter,
Die Göttin Philosophie war Mutter Tao,
Bevor Konfuzius gekommen ist
Mit seinem Vaterrecht von Vater Himmel.
TAOIST
Ja, Tao ist die Mutter aller Wesen,
Die Tao ist die göttliche Natur.
Wir müssen nur zurück zu der Natur,
Dann leben wieder wir im Paradies.
THEOSOPH
Zurück zu der Natur, der Mutter,
Das heißt, zurück zur Energie des Kosmos.
Wir stammen alle aus dem Universum
Und wollen wieder heim ins Universum,
Dazu verhilft die Kraft der Erde uns,
Die Gnome, Nixen, Sylphen, Salamander,
Die Tänze in des Mondes Labyrinth,
Die Mantren unsrer großen Göttin Kali,
Die Philosophie des weisen Meisters Buddha,
Die Philosophie des alten Zarathustra
Und auch die Philosophie von Jesus Christus.
KOMMUNIST
Pfui! Jesus Christus? Das ist Reaktion !
Ich hör die klerikale Reaktion
Das Bündnis von Altar und Thron erneuern!
THEOSOPH
Doch nicht der Jesus Christus aus der Kirche!
Die Philosophie des Jesus Christus lehrt,
Daß Christus war ein reiner Sonnengeist.
Als einst die Mutter Erde abgelöst sich hatte
Von ihrer Mutterheimat, von der Sonne,
Da blieb der Christus in dem Sonnenlicht.
Und in dem Monde lebte der Jehowah
Mit sieben Elohim. Und Christus kam
Als Christus-Sonnengeist herab zur Erde
Und wählte einen Scheinleib als Gestalt.
Das war der Jesus, der war nämlich Buddha,
Der andre Jesussohn war Zarathustra.
Der Jesus kam zum Jordan zu der Taufe
Und sah den Ahriman der Stofflichkeit
Und sah den Luzifer des Geistesstolzes.
Da kam der Christus-Sonnengeist herab
Auf diesen Jesussohn. Jedoch im Garten
Gethsemane verließ der Christus wieder
Den Jesus. Christus wurde nicht gekreuzigt.
HINDUIST
Wenn Christus einen Scheinleib angenommen,
Dann ist er ja wie unser König Krishna.
THEOSOPH
Ja, Christus, das ist Krishna, Krishna Christus.
FEMINIST
Der wahre Jesus ist nicht Jesus Christus,
Denn Jesus Nazarenus pries den Vater,
Jehowah pries er als den Vatergott.
Der wahre Jesus aber war Adonis.
Wie Aphrodite den Adonis liebte,
So liebte Jungfrau Mirjam ihren Jesus.
So wie Adonis wurde umgebracht
Von Ares als dem Gott des Vaterrechts,
So wurde Mirjams Jesus umgebracht
Vom Vatergott Jehowah voller Zorn.
Wie Aphrodite weinte um Adonis,
So Jungfrau Mirjam weinte um den Jesus.
Und Jungfrau Mirjam stieg ins Totenreich
Und legte an den sieben Höllentoren
Die sieben Schleier ab, bis nackend sie
Den Sohn-Geliebten von dem Tod erlöste.
Adonis auferstand als Anemone
Und Jesus auferstand im Ostergarten.
ISLAMIST
Was wisst ihr von der Auferstehung, Frevler!
Gott Allah schenkt allein die Auferstehung,
Doch die Verdammnis auch für Juden, Christen!
Die Sklaven Allahs aber, die bereit
Zur Heiligkeit des Krieges für den Glauben
Und töten Götzendiener, Juden, Christen,
Die lässt der Gottherr Allah auferstehen!
Dann werden uns im Paradies beglücken
Mit schwarzen Augen allerschönste Huris,
Nach jedem Liebesakte wieder Jungfrau,
Und nie wird unsre Latte uns ermatten!
HINDUIST
Ja, eure Huris kennen auch wir Inder,
Apsaras und Gandharven warten nackend
Wollüstiger Gestalt im Paradies!
THEOSOPH
Ihr denkt ja alle viel zu sinnlich, Kinder,
Das Jenseits ist ja jene Anderswelt,
Des Geistes paralleles Universum,
Da gibt es keine Bäume, keine Blumen,
Da gibt es keine Sexualität,
Da werden wir zu reinen Lichtgestalten,
Astrale Körper mit verklärter Aura,
Und schweben dann befreit durchs Universum
Wie Außerirdische und junge Götter.
TAOIST
Drum nennen wir den Tod auch einen Heimgang.
ISLAMIST
Der Tod ist nur ein Heimgang in den Garten
Der Huris, wenn du starbest für den Glauben
Und rissest in den Tod die Feinde Allahs!
Die Feinde Allahs aber sind verdammt!
Wer Jesus betet an, schmort in der Hölle,
Da wird ihm Jesus der Prophet erscheinen
Und sagen: In das Feuer, du Verdammter!
TAOIST
Nein, lieber Freund, ich glaub nicht ans Gericht,
Wir alle sind die Kinder unsrer Mutter
Natur und kehren in dem Tod zurück
In die Natur, den großen Mutterschoß.
THEOSOPH
Da muß ich denken an die Indianer,
Die glauben, Gott ist eine liebe Frau,
Und wenn ein sexbesessner Indianer
Verstirbt, so kehrt er in den Mutterschoß.
KOMMUNIST
Die Ammenmärchen von dem schönen Himmel!
Da können wir ja gleich zur Kirche gehen,
Die predigen den Unterdrückten Hoffnung
Aufs Himmelreich, die Freuden nach dem Tode,
Wir aber wollen hier schon Schweinebraten,
Und wenn es geht, Kartoffeln auch dazu.
THEOSOPH
Wer Fleisch isst, der wird stofflich, der wird sinnlich.
Viel besser ist da Buddhas Fastenspeise.
HINDUIST
Am besten ists, man fastet sich zu Tode.
TAOIST
Wir Taoisten essen täglich nur
Ein Körnchen Reis und trinken auch nicht mehr
Als einen Fingerhut voll gelben Weines.
FEMINIST
Die Männer fressen Fleisch, die Frauen aber
Am liebsten nur Gemüse, Obst und Körner.
Die Frauen sind das friedliche Geschlecht.
Wenn erst die Frauenherrschaft wieder kommt,
Dann geht zuende aller Männermord.
Ein Feind verhindert nur die Frauenherrschaft,
Das ist die Religion des Vatergottes.
Die Juden, Christen und Muslime werden
Sich noch vereinen in dem Kult des Vaters
Und einig kämpfen gegen die Befreiung
Der Frau und gegen die uralte Mutter.
TAOIST
Ich sehe einen andern Feind der Freiheit.
Im Anbeginn die Menschen waren glücklich
Als Kinder der Natur, bis aufgekommen
Kultur und Kunst und Wissenschaft und Staat.
Zurück zur göttlichen Natur! Wir müssen
Befreien uns von Wissenschaft und Kunst,
Von Herrschaft und Kultur, und Affen werden.
HINDUIST
In unsrer Religion sind Affen Götter!
KOMMUNIST
Ach, alle Religion ist Opium
Fürs Volk, nur fort mit aller Religion
Und fort mit dem privaten Eigentum!
FEMINIST
Fort mit der bürgerlichen Ehe Joch,
Zurück ins Mutterrecht der freien Liebe!
ISLAMIST
Das Christentum im Westen ist der Feind,
Amerika und seine Demokraten,
Zumeist jedoch der Papst und seine Kirche!
FEMINIST
Sie beten ja den Papst als Vater an!
KOMMUNIST
Wie viele Divisionen hat der Papst?
Der Papst war immer mit dem Kaisertum!
TAOIST
Wir glauben an den Taoistenpapst
Im Gelben Turban, einen Alchemisten.
KOMMUNIST
Was unsern Feinden ist die Kirche Roms,
Ist uns die Kommunistische Partei.
Was unsern Feinden ist der Papst von Rom,
Das ist bei uns der Große Sekretär.
Was unsern Feinden ist das Fest der Firmung,
Das ist bei uns das Fest der Jugendweihe.
Was unsern Feinden ist die alte Bibel,
Ist uns des Kommunismus Manifest.
Was unsern Feinden ist das Himmelreich,
Das ist bei uns vollkommner Kommunismus.
Was unsern Feinden ist Messias Jesus,
Das ist bei uns der Weltbefreier Lenin.
Und Lenin ist unsterblich, Lenin ist
Im Herzen der Proleten eingeschreint.
Historische Notwendigkeit und die
Partei der Revolutionäre bringen
Den Kommunismus, Freiheit für die Menschheit!
ISLAMIST
Nur Allah kann der Menschheit Freiheit bringen,
Drum spreng ich mich und euch jetzt in die Luft!
TAOIST
Still, still! Ich hör die junge Philosophie,
Sie räkelt sich erwachend in dem Bett!

ZWEITE SZENE

THEOSOPH
Kommt, Freunde, lasst uns gehn zu Fräulein Evi,
Mein Medium gibt heute eine Party!

(Theosoph, Kommunist, Islamist und Feminist gehen ab.)

HINDUIST
Erwacht gerad die Göttin Morgenröte,
So will ich schaun die Göttin Morgenröte.
TAOIST
Daß Tao, Mutter der zehntausend Wesen,
Als junges Mädchen jetzt vor mir erscheint!
(Die junge Philosophie erhebt sich vom Bett, sie ist sehr hübsch gekleidet, Inbegriff von Liebreiz
und Anmut.)

PHILOSOPHIE
Nun möcht ich eine Tasse grünen Tee.
HINDUIST
Darjeeling vom Himalaya-Gebirge.
TAOIST
Noch besser ist der grüne Tee aus Tibet.

(Herein tritt die Existentialistin, ganz schwarz gekleidet, kurze schwarze Haare, französischer
Akzent.)

EXISTENTIALISTIN
O meine Vielgeliebte, meine Liebe!
PHILOSOPHIE
Die Gottheit hat die Philosophie gezeugt,
Die Philosophie ist die Idee der Schöpfung,
Das Ideal von Himmel und von Erde.
Die Allnatur und die zehntausend Dinge
Sind nach dem Bild der Philosophie geschaffen
Und alle Seelen geistiger Geschöpfe
Sind Bild der Seele dieser Philosophie.
Sie ist die Seele aller Seelen, ist
Die Seele dieses Universums, ist
Die Königin des Universums Gottes.
EXISTENTIALISTIN
Ach Philosophie, du junges hübsches Ding!
Du bist wie eine Bienenkönigin,
Von einer Blume zu der nächsten flatternd.
Wie viele Freier hast du schon gehabt!
O Himmelskönigin mit tausend Freiern!
Doch keinem Manne bist du treu geblieben,
Mit keinem lebtest du in treuer Ehe,
Nur Partnerschaften für gewisse Zeit
Bist eingegangen, hattest nur Affären
Und hast mit manchem Mann auch nur geflirtet.
Wie viele Philosophen rühmten sich,
Sie hätten dich für Eine Nacht besessen!
Jetzt aber bist du meine Vielgeliebte!
Was ist ein Mann und was ist eine Frau?
Die wahre Liebe gibt’s nur unter Frauen,
Wir lieben lesbisch uns wie Sappho Kypris
Geliebt. Du, Philosophie, bist meine Kypris,
Ich liebe lesbisch dich als deine Sappho.
TAOIST
Natur! Das lehrtest du in keiner Weise!
Abscheulich sind die Sitten dieser Griechen!
HINDUIST
Ich habe stets gehört, dass sich der Lingam
Vereinigt mit der Yoni seiner Göttin,
Daß Shiva und Parvati sind ein Paar,
Doch nie, dass Yoni sich vereint mit Yoni
Und Göttin Shakti liebte Göttin Devi,
Das ist vollkommen gegen Gottes Ordnung!
EXISTENTIALISTIN
Ihr alten Herren Patriarchen, still!
Es gibt ja nicht ein göttliches Gesetz,
Wo uns ein Vater vorschreibt im Gesetz,
Was sei von Mann und Frau das wahre Wesen,
Kein Vater definiert uns mehr den Sex!
Wir wollen keine Kirche Gottes mehr,
Des freien Menschen Kirche wollen wir!
Der Mensch im Humanismus wahrer Freiheit,
Der Mensch nur definiert als Mensch sich selbst.
Kein Gott bestimmt ihm seinen Sinn des Lebens,
Der Mensch entwirft sich seinen Sinn des Lebens.
Die Menschheit ist ja nicht schon von Natur
Ein starker Mann und eine sanfte Frau,
So sagen alte Herren Patriarchen.
Die freie Frau, die lesbische Geliebte
Der schönen Philosophie, erklärt euch aber:
Nur die Gesellschaft voller Unterdrückung
Der Frauen definiert der Frauen Wesen,
Die freien Frauen definieren neu
Das Wesen des Geschlechts, wir reden nicht
Von einer doppelten Natur des Sex,
Von Mann und Frau, naturgegebnen Wesen,
Wir reden von dem Einen Menschenwesen.
Der Mensch entwirft das eigene Geschlecht.
Wenn es mir nun gefällt, ein Mann zu sein,
So werde ich ein Mann und damit basta.
HINDUIST
Der Lingam in der Yoni zeugt allein
Den neuen Menschen, nämlich Gottes Kinder.
EXISTENTIALISTIN
Weil wir die Kirche Gottes nicht mehr brauchen
Und leben in des freien Menschen Kirche,
Drum brauchen wir auch keinen Gott als Schöpfer,
Der Mensch wird selber sich sein eigner Schöpfer.
TAOIST
Natur, o Mutter! Wie erhebt der Mensch sich!
EXISTENTIALISTIN
Habt ihr wohl vom Homunculus gehört?
Ich meine, Paracelsus war es, der
In alchemistischer geheimer Weisheit
Sich im Labor gezeugt das Menschenwesen.
Da braucht es in dem Reagenzglas nur
Den roten Löwen zu der weißen Lilie.
So zeugt die Philosophie des freien Menschen
Das Menschenwesen selbst im Reagenzglas.
TAOIST
Von Alchemie verstehn wir Taoisten
Sehr viel. Was du den roten Löwen nennst
Und seine Königin, die weiße Lilie,
Das ist bei uns der Drache, unser Kaiser,
Mit seiner Kaiserin, dem schönen Phönix.
Doch hörte ich von keinem Alchemisten,
Der Phönix paarte im Labor mit Phönix!
Es ist doch schöpferisch allein das Paar
Von Yin und Yang der Einen Mutter Tao!
HINDUIST
Es ist das Liebesspiel von Gott und Göttin,
Die Ehe in der Gottheit, die ist fruchtbar.
EXISTENTIALISTIN
Ihr alten Herren Patriarchen, still!
Fragt die Französin ihr nach Liebesspielen?
HINDUIST
Ich muß gestehen, davon hört man viel.
EXISTENTIALISTIN
Des freien Menschen freie Liebe lehr ich!
Die Revolutionäre wollten schaffen
Die neue Welt befreiten Menschentums,
Sie wollten diese neue Welt erzeugen
Durch revolutionäre Klassenkämpfe.
Die neuen Revolutionäre aber
Erkannten, dass die Menschheit sich befreien
Und lösen muß von christlicher Kultur,
Von Ehe und Familie doch vor allem
Und von der sauertöpfischen Moral.
Und darum schrieben wir auf unsre Fahne
Die freie Liebe! Jeder paart sich jedem!
Erlösung nicht durch Jesus Christus mehr,
Erlösung durch den hemmungslosen Sex!
Befreiung aller Triebe! Götterwollust!
Nicht Hagiographen lehren uns Befreiung,
Befreiung lehren uns die Pornographen!
Wir beten an die Göttin Venus Porné!
Die Mystik dieser freien Liebe ist
Tantrismus, die Erleuchtung durch den Sex!
Das Paradies, das wir verkünden, ist
Ein riesiger Kanister roter Wein
Und willig allezeit das Wonneweib!
HINDUIST
Tantrismus? O du reizende Französin,
Komm, sei du meine tantrische Genossin!
EXISTENTIALISTIN
Wer zweimal mit dem gleichen Manne schläft,
Ist schon versklavt der christlichen Kultur!
Nun gut, Gelegenheit macht freie Liebe!

(Hinduist und Existentialistin gehen Arm in Arm ab.)

PHILOSOPHIE
Ich habe Hunger, mein Chinese, komm,
Ich möchte essen eine Peking-Ente!
TAOIST
Dazu auch eine Schale heißen Reiswein!

ESCHATA
ERSTE SZENE

(Eschata, ein rotblondgelocktes Mädchen von fünfzehn Jahren, im schwarzen Kleid, geht einen
Waldweg spazieren.)

ESCHATA
In diesem Wald war ich als Kind schon gern
Und sah dem Eichhorn in der Fichte zu
Und hörte Tauben gurren in dem Wipfel
Und oft war mir in diesem grünen Wald,
Als wäre ich in einer grünen Kirche,
Die Wipfel das Gewölbe unterm Himmel,
Die Lichtung wie die buntbemalten Fenster,
Die Bäume wie die Säulen oder auch
Wie Pfeifen einer Orgel der Natur.
Auf dieser Orgel spielte leis der Wind
Und Amseln flöteten mit hellem Pfeifen.
Ich sah die alten Mütter hierher pilgern
Und hörte kleine Kinder fröhlich lachen
Im Kindergottesdienste der Natur
Mit ihres lieben Gottes Bilderbibel.
Gottvater in der bunten Bilderbibel
Vom Paradiese sprach und von der Schlange
Und von der Arche mit den vielen Tieren
Und von dem Regenbogen an dem Himmel
Und von dem guten Hirten und der Herde
Und von dem kleinen Hirtenknaben David
Und von der niedlichen Prinzessin Esther,
Vom Träumer Josef und von seinen Brüdern,
Vom Mosebaby und der Pharaonin,
Von Jesus, wie er auf dem Wasser wandelt
Und sagt: Die Kinder lasst nur zu mir kommen,
Den kleinen Kinderlein gehört der Himmel!
Doch was ist das? Was liegt da auf der Erde?
Ich finde hier tatsächlich doch im Wald
Der lieben Muttergottes Rosenkranz!
Ja, das ist ein stabiler Rosenkranz,
Die Schnur ist fest, die Perlen sind von Holz,
Von hartem Holz in dunkelbrauner Farbe.
Ich grüße dich, du Liebe Frau Maria,
Du bist ja übergossen von der Gnade,
Der liebe Gott ist mit dir, Auserwählte,
Du Einzigartige im Kreis der Frauen,
Ich segne deine Leibesfrucht, das Kindlein,
Das Jesuskind, das auferstanden ist!
Maria, junge schöne Muttergottes,
Du bitte doch für alle armen Seelen
Gerade jetzt, und wenn wir sterben. Amen.

ZWEITE SZENE

(Eschata tritt aus dem Haus und tritt in den Garten.)

ESCHATA
Was ist das für ein schlimmer Januar?
Der Frost zerknirscht mir alle meine Glieder!
Am prasselnden Kamine lässt sich träumen,
Da sehe ich die schlanken Flammen tanzen,
Wie Seraphim, wie junge Tänzerinnen,
Da sah ich eine junge Flamme tanzen
Wie eine himmlischglühende Prinzessin
Und schaute einen feuerroten Drachen,
Verschlingen wollt der Drache die Prinzessin,
Die himmlischglühende Prinzessin aber
Zertrat mit nacktem Fuß den roten Drachen.
Und so erwärmte ich mir die Gedanken,
Da weißer Schnee auf meiner Esche liegt.
Und ist es noch so kalt und klirrt der Frost,
So malerisch ist doch die Abendstunde,
Dies satte Dunkelblau der Dämmerung,
Und in dem tiefen Blauschwarz scheint der Schnee,
Noch rieseln leise weiße Winterflocken
Wie Lämmerwolle oder Elfenseide,
Und alles ist ein wundersames Licht,
Ja, seltsam ist das Licht dort auf der Esche,
Das Licht, wie das? – ist eine Lichtgestalt!

(Die Madonna erscheint über der Esche. Sie trägt einen feuerroten Mantel, lange rotblonde Locken,
ihre rechte Schulter und rechte Brust ist entblößt, unter ihrer schneeweißen Brust ruht im Arm der
Madonna das Jesuskind und schläft.)

MADONNA
O Tochter, grüße jetzt Maria lactans!
ESCHATA
Maria lactans! Einen kleinen Tropfen
Von süßer Milch aus deiner nackten Brust
Für meine Urgroßmutter und Großmutter
Im Fegefeuer, dass sie Gott bald schauen!
MADONNA
Geliebte Tochter, bete, bete, bete!
In diesem Augenblicke der Geschichte
Steht Unsre Liebe Frau vom Karmel hoch
Auf einem Berge mitten in der Menschheit
Und fordert eins nur: Betet, betet, betet!

(Die Madonna wird wieder unsichtbar.)

ESCHATA
Heil Königin, o Mutter des Erbarmens,
Mein Leben, meine Hoffnung, meine Wonne,
Du meine Süßigkeit und Wonne, Heil!
Verbannte Kinder Evas schrein zu dir!
Wir weinen traurig in dem Tal der Tränen!
Ei, du Herbeigerufne, schau uns an
Aus deinen warmen Augen voll Erbarmen!
Und nach dem Elend unsres Erdendaseins
Zeig uns das Kind auf deinem Schoße, Jesus!
O weiß, o sanft, o süß bist du, Maria!

DRITTE SZENE

(Eschata in der Küche mit ihrer Mutter.)

ESCHATA
Ich fühle eine Sehnsucht nach der Dame,
Die schöne Frau ruft mich heraus zu sich.
MUTTER
Wer denkst du, das du bist? Mein liebes Kind,
Du bildest dir da tüchtig etwas ein.
Wer so verrückte Phantasien träumt,
Der kann nicht völlig bei Verstande sein.
Sei doch vernünftig! Tu die Hausarbeit,
Und tu die Muschelschalen in den Eimer,
Dann setz dich, mache deine Hausaufgaben,
Schreib, wer der Führer ist der Demokraten
Und schreib von demokratischen Parteien
Und demokratischen Parteiprogrammen,
Von Liberalen, Bürgern, Sozialisten,
Und träum nicht von der Königin des Himmels!
ESCHATA

Ich muß hinaus! Und wenn es noch so stürmt


Und wenn es noch so schneit und noch so friert!
Mich ruft zu sich die Königin des Himmels!
MUTTER
Solang du hier von meinem Gelde lebst,
Gehorchst du mir und tust, was ich dir sage!
Du bleibst im Haus, das ist mein letztes Wort!
ESCHATA
Gott sagt, ich soll ja meine Mutter ehren,
Gehorchen aber mehr als meiner Mutter
Muß ich der lieben Mutter von dem Himmel!

(Eschata geht in den Garten. In der Ferne ist ein Wäldchen. Über dem Wäldchen erscheint die
Madonna im roten Samtkleid, Schulter und Brust entblößt, die vollkommene weiße Brust
unverschleiert von den langen rötlichblonden Lockenfluten. Die Madonna schwebt näher, in ihren
Armen ruht das göttliche Jesuskind.)

MADONNA
Mein liebes Kind! Ich komme jetzt zu dir,
Ich bin gekommen, um das Leid zu lindern!
Das Leid zu lindern aller Menschenkinder,
Entblöß ich meine benedeite Brust!
Ich wollt, die ganze Menschheit wär mein Kind
Und tränke Trost aus meiner vollen Brust!
Das Leid zu lindern aller Menschenkinder,
Bin ich gekommen mit dem Gottessohn!
Wie böse immer auch die Menschheit ist,
Der Gottessohn ist immer noch der König!
Erwache, o mein süßes Jesulein!
Geh spielen mit den lieben Menschenkindern!
ESCHATA
Madonna, o wie schön ist deine Brust!

(Madonna wird unsichtbar, Eschata geht ins Haus.)

VIERTE SZENE

(Abend. Eschata steht vor der Esche der Erscheinung und betet Ave Maria.)

ESCHATA
Maria, Gratiaplena! Gott ist mit dir!
Was sehe ich? Ich sehe an dem Himmel
Ein Weib, ein junges wunderschönes Weib,
Das rötlichblonde Lockenhaar umflutet
Das weiße Antlitz, schneeweiß wie ein Vollmond,
Sie stöhnt wie eine Frau in ihren Wehen
Und Schmerzen hat sie, schwere Wehenkrämpfe,
Und stößt hervor die Atemstöße rhythmisch
Und schreit sehr schrecklich, presst aus ihrem Becken
Den Sohn, der wird sogleich entrückt zu Gott!

(Jetzt erscheint Maria wie in den vorigen Erscheinungen.)

MADONNA
Gepriesen sei der Vater, Sohn und Geist!
ESCHATA
Madonna, bitte sag mir deinen Namen!
MADONNA
Das Weltall ist vergleichbar einem Körper,
Ich aber bin die Seele dieses Weltalls,
Die Jungfraunkönigin des Universums.
ESCHATA
Ich sehe eine Schönheit, die mich blendet!
(Eschata fällt in Ohnmacht. Ihr Pflegevater schaut aus dem Fenster, sieht Eschata ohnmächtig unter
der Esche liegen, und eilt zu der Ziehtochter. Vom Nachbarhause kommt ein bärtiger vierzigjähriger
Mann herbei und eilt dem Pflegevater und der Ziehtochter zu Hilfe.)

PFLEGEVATER
Kind meines Herzens! Kind, was ist mit dir?
NACHBAR
Was ist mit dir, du engelgleiches Wesen?
PLEGEVATER
Herr Nachbar, helfen Sie mir, Eschata
Ins Haus zu tragen. Sie muß jetzt ins Bett.

(Der Pflegevater und der Nachbar tragen Eschata ins Haus, in ihr Mädchenzimmer, und legen sie in
ihr Bett. Der Pflegevater zieht ihr den Wintermantel aus.)

PFLEGEVATER
Kind meines Herzens, sag ein Wort, mein Kind!

(Eschata schlägt die Augen auf.)

ESCHATA
Ihr Männer, ich hab Gottes Frau gesehen!
NACHBAR
Schlaf, liebes Mädchen, schlaf in Gottes Schoß.

FÜNFTE SZENE

(Eschata sitzt abends am Küchentisch. Sie trägt ein schwarzweißgestreiftes Kleid. Ihre rotblonden
Locken hat sie hochgesteckt, dass ihr weißer schlanker Hals strahlt. Ihre Mutter sitzt ihr gegenüber,
eine Frau von vierzig Jahren, hager, mit kurzen schwarzen Haaren.)

MUTTER
Wie war es heute in der Schule, Kind?
ESCHATA
Wir lernten etwas über Kaiser Otto,
Den deutschen Kaiser in dem Reiche Roms.
MUTTER
Und mit den Jungen? Ärgern sie dich etwa?
ESCHATA
Nicht nur die Jungen, auch die andern Mädchen,
Sie sind so unerträglich albern alle,
Nein, schlimmer noch als albern: sehr gemein!
MUTTER
Was tun dir denn die andern Mädchen an?
ESCHATA
Sie nennen spöttisch mich Marienkind
Und sagen grinsend: Geisterseherin,
Die Auserwählte ist in einer Sekte!
Ich hielte mich wohl für was Besseres
Und meinte wohl, Gott liebe mich vor allen?
MUTTER
Das alles opfre auf dem lieben Gott.
ESCHATA
Ein Junge hat mir ins Gesicht gespuckt
Und einer hat mit Steinen mich beworfen!
MUTTER
Ach Kind, wie sind die Menschen doch so böse!
ESCHATA
Ich hab die Schöne Jungfrau von der Esche
Schon einen Monat lang nicht mehr gesehen.
Ich möchte sie so gerne wiedersehen!
Ich gehe jeden Abend zu der Esche
Und singe die Loretto-Litanei
Und nenne sie den Turm von Elfenbein
Und nenne sie geheimnisvolle Rose
Und nenne sie den Kelch der Devotion
Und nenne sie das goldne Haus der Weisheit.
Doch kommt die Jungfrau von der Esche nicht,
Ich fürchte sehr, ich seh sie nicht mehr wieder!
Ach Gott, schick doch die Liebe Frau zu mir,
Ach Gott, wie soll ich hier auf Erden leben,
Wenn nicht die Jungfrau von der Esche lächelt?
Ihr Lächeln ist mir wie das Lächeln Gottes!

SECHSTE SZENE

(Frühlingsanfang. Vogelsang. Abends geht Eschata zur Esche.)

ESCHATA
Maria, Gratiaplena, Gratiaplena!
Ah, siehe, jetzt erscheint sie wieder, oh!

(Maria erscheint über der Esche. Sie trägt ein meerblaues Kleid, ihr Hals ist weiß und schlank, ihr
Antlitz weiß, ihre rotblonden Locken fallen über die Brüste bis zu den Lenden. Sie hält die Hand
zum Segensgruß erhoben. Hinter ihr erscheint ein purpurnes Himmelsbett.)

MADONNA
Gepriesen sei der Vater und der Sohn
Und beider Geist im gleichen Gottesthron.

(Maria beginnt zu weinen.)

ESCHATA
Maria, unser Priester der Gemeinde
Hat mir gesagt, ich soll von dir erbitten
Ein Zeichen, dass du’s wirklich bist, Maria.
MADONNA
Mein liebes Kind, du glaube nur an mich,
Ich bin die Mutter dann, die an dich glaubt.
ESCHATA
Ich hab gelesen eines Dichters Wort:
Mein Kind, du kannst an viele Götter glauben,
Doch glauben diese Götter auch an dich?
MADONNA
Ich lade dich jetzt ein, mein liebes Kind,
Daß du verliebt bist in die Ewigkeit,
Von Ewigkeit zu Ewigkeit verliebt
In Gott, der nichts als Schöne Liebe ist!
Vertraue mir und halte meine Hand,
Dann führ ich dich den Weg der Heiligkeit,
Der führt dich bald ins Himmelsparadies!
Adieu, mein liebes Mädchen Eschata!
ESCHATA
Maria, darf ich dich zum Abschied küssen?
MADONNA
Ja, küsse mich! Nun geh im Frieden Gottes.

DIE FRIEDLICHE REVOLUTION


Personen:

Jungfrau
Dichter
Trinker
Weib
Germane

Ort: Am Ende der Erde

Zeit: Herbst 1989

ERSTE SZENE

(Vor der Schenke Zur Eiche, am Abend des 15. August. Sichelmond. Der Dichter sieht zum ersten
Mal die Jungfrau.)

DICHTER
Du, Jungfrau, schaust aus großen warmen Augen
In meine Seele. Meine Seele fühlt
Den Lichtstrahl deiner Augen sie durchdringen
Und sie erkennen bis zum Grund des Herzens.
JUNGFRAU
Ich seh das Lächeln deines Angesichts,
Was, lieber Freund, erheitert deine Seele?
DICHTER
Ich war in dem Gymnasium, doch nicht
In dem Gymnasium der Leibesübung,
Ich war im komischen Theater, sah
Lysistrata und ihre Freundinnen.
Die Männer Griechenlands, dem Vater Krieg
Als Vater aller Dinge dienten sie.
Die Frauen aber wünschten sich den Frieden.
Eirene, göttliche Eirene, komm,
Zu deinen frommen Frauen komm und lehre
Die Frauen, Frieden in der Welt zu stiften!
JUNGFRAU
Wenn Frauen Frieden selbst im Herzen haben,
Dann tragen sie den Frieden in die Welt.
Die Frauen Griechenlands, wie wirkten sie
Den Frieden in der Welt und stifteten
Die Zivilisation des schönen Friedens?
DICHTER
Enthaltsamkeit war ihre schärfste Waffe!
Der männlichen Begier nach Fleischeslust
Sie wehrten die Befriedigung der Ehe
Und lebten in der Ehe selbst jungfräulich.
JUNGFRAU
Die Jungfrau Iphigenia, die Hindin,
Gab sich als Opfer hin der Jungfraungöttin.
Antigone, die heldenhafte Jungfrau,
Sie widerstand dem ungerechten Staat
Und folgte dem Gebot der Bruderliebe,
Als Marterzeugin starb sie für die Liebe.
DICHTER
O Jungfrau, deine Augen liebe ich
Und liebe in den Augen deine Seele!
JUNGFRAU
Ich aber werde eine Jungfrau bleiben,
Verlobt allein dem guten Geist der Freiheit!

ZWEITE SZENE

(Kirche. Dichter kniet vor der Madonna.)

DICHTER
Hier sehe ich in dem Madonnenbild
Die heilige Ikone der Geliebten.
Hier schweben in der Nische der Madonna
Die Feenkönigin und ihre Elfen
Und alle Jungfraun aus den Ammenmärchen
Und alle schönen Frauen aus den Träumen.
Ich zünde eine Opferkerze an
Und lasse brennen dieses Licht im Tempel
Für die Geliebte, meine Königin.
Ich sehe sie in einem Schlosse wohnen,
In einem weißen Schloß aus Glas und Gold
Und reinem Marmor in der Herrlichkeit.
Die Pforte dieses Schlosses ist verschleiert,
Der Schleier ist aus purpurrotem Linnen,
Der rote Purpur ist so rot wie Feuer.
Die Kuppeln dieses Schlosses sind wie Brüste,
Wie weiße Marmorbrüste wohl gewölbt.
Und auf den schöngewölbten Kuppen thronen
Brustspitzen gleich die Kreuze der Erlösung.
Ich stehe vor der Pforte, klopfe an,
Im Turm von Elfenbein die Glocke läutet.
Mein Pochen ist ihr irgendwie vertraut.
Ich sehe sie am Himmelsfenster stehen,
Der Busen hebt und senkt sich voller Sehnsucht,
Sie hält in ihrer Hand den Rosenkranz
Und streut die rosa Perlen auf die Erde.
Sie ist die theosophische Aurora,
Die rosenarmig Rosenblüten streut.
Wach auf, Gitarre, weck die Morgenröte!
Ich steig die Stufen ihrer Himmelstreppe
Zu ihrem Thron der Königin hinan
Und dort erwarte ich das Weltgericht
In der Geschichte und auch mein Gericht.
Schutzengelin des Universums ist sie,
Gesandte von dem Stern der Phantasie,
Mein Täubchen, meine Eine, meine Reine.
Ich bin es, der sie liebt und der ihr dient,
Für alle Zeiten ihr geringster Sklave.
Wie? Lächelt die Madonna des Altares?
Sah ich die Schöne Dame wirklich lächeln?

DRITTE SZENE

(Im Zimmer der Jungfrau. Sie und der Dichter stellen Masken her.)

JUNGFRAU
Ich hörte, dass die weise Hildegard
Von Bingen, die Prophetin der Teutonen,
Gesehen, wie Natur, die gute Mutter,
Sich gegen den verdorbnen Menschen zornig
Erhebt und wie sie rebelliert, weil er
In seiner sündigen Gottlosigkeit
Missachtet ihre schöne Schöpfungsordnung!
Der Mensch, von Gott ein kleiner Gott auf Erden,
Der Mensch, wenn er nicht Gott dem Schöpfer dient,
Wenn er wie Satan selber Gott sein will,
Zerstört die Schöpfungsordnung! Die Natur
Bewaffnet sich mit überheißen Sonnen
Und Meeresbeben und mit Katastrophen.
DICHTER
Der Mensch will wirklich Gott auf Erden spielen
Und keinem Gott im Himmel dienen, sondern
Selbst Schöpfer sein, als Mensch den Menschen schaffen,
Ja, neue Menschen künstlich schaffen in
Dem chemischen Labor. Homunculus
Ist nicht die Frucht der ehelichen Liebe.
Homunculus ist ein Produkt aus der
Fabrik der Wissenschaft der Gottesleugner.
JUNGFRAU
Mutanten schafft der gottvergessne Mensch,
Monströse Wesen produziert der Mensch.
Doch über der verdorbnen Menschheit lastet
Der Zorn des großen Gottes, der uns richtet
Mit Katastrophen der gequälten Schöpfung!
DICHTER
Doch diese Masken der Mutanten und
Monströsen Wesen und Homunculi
Erschrecken werden alle reinen Seelen
Noch unverdorbner Menschenkinder, schreiend
Sie schrein zu Gott, wie kleine Kinder weinen
Und wenden sich um Trost an ihre Mutter.
JUNGFRAU
Die Sonne schaute ich als goldne Schale,
Doch in der goldnen Schale waren Löcher,
Durch diese Löcher strömte Gottes Zorn!
DICHTER
Ich schaute in der Sonne eine Frau,
Die Schöne Dame in dem Kleid der Sonne,
Sie musste kämpfen mit dem roten Drachen,
Der bösen Diktatur des Kommunismus!
JUNGFRAU
Im Westen aber ist der alte Drache
Wie eine schöne, schillernd bunte Schlange!
Das Evangelium des Mammon ist es,
Der Nihilismus und der Hedonismus!

VIERTE SZENE

(Im Café Zum Adler sitzt der Trinker bei einem großen Glas Bier. Bei ihm sitzt der Dichter vor
einem Becher Kaffee.)

TRINKER

Ich habe alle Zeitungen durchgelesen. Ich will immer wissen, was in der Tagespolitik geschieht. Die
Großen machen zwar doch, was sie wollen, und der kleine Mann muß es über sich ergehen lassen.
Aber es ist doch wie ein Kriminalroman der Politik, was jetzt im Osten geschieht.
DICHTER
Ich lese keine Zeitung, denn sie dient
Der Zeit, ich aber dien der Ewigkeit!
TRINKER
Es ist aber doch wie ein neuer Prager Frühling im Herbst! Als einst im Prager Frühling die
Demokratie erwachte, da wurde die Demokratie zerschlagen von den Panzern der kommunistischen
Diktatur. Der Führer der Demokraten wurde einsamer Friedhofsgärtner. Aber jetzt ist der
Friedhofsgärtner zurückgekehrt, ein gütiger alter Mann mit silbernen Haaren steht er auf dem
Balkon. Die jungen schönen böhmischen Mädchen werfen ihm Kusshände und weiße Rosen zu!
DICHTER
O Praha, alte Stadt der deutschen Kaiser!
Im Traum war ich in deinem Goldnen Gässchen.
TRINKER
Und als in Polen der polnische Papst gerufen: Komm, Heiliger Geist, verwandle das Antlitz der
Erde! – da brach die Arbeiterbewegung der Solidarität und der Freiheit auf. Die Arbeiterklasse
erhob sich gegen die Partei der Arbeiterklasse!
DICHTER
Der Slawen Papst muß Russland noch befreien!
TRINKER
Nun ist die Grenze zwischen Ungarn und Österreich geöffnet! Die Menschen aus der
kommunistischen Diktatur fliehen über Ungarn nach Österreich. Das ostdeutsche Volk strömt in die
Freiheit! Wir erleben einen Augenblick, da die Tagespolitik zur großen Weltgeschichte wird.
DICHTER
O Österreich und Ungarn, Haus von Habsburg!
Solang das Haus von Habsburg Gott verehrt,
Wird es beschützt von Gottes großer Mutter!

FÜNFTE SZENE

(Dichter im Café, er trinkt Rotwein, vor ihm sein Notizbuch. Das Weib tritt herein, schön wie eine
Nymphe von Otto Mueller.)

WEIB
Darf ich mich hier zu dir setzen?
DICHTER
Ich liebe sehr die Gegenwart von Frauen.
WEIB
Bist du Poet?
DICHTER
Siehst du an meiner Stirn das Zeichen strahlen?
WEIB
Ich sehe dich beim roten Wein versonnen sitzen. Dein Notizbuch liegt vor dir. So saßen doch die
Poeten in Prag im Straßencafé und tranken ihren Weißwein der Sorte Poesie und schrieben
Liebesgedichte an ihre jungen Mädchen. Du bist sicher verliebt?
DICHTER
Ja, in die Liebe selbst bin ich verliebt.
WEIB
Und liebst du auch die Natur? Ein Dichter muß doch lange Spaziergänge machen und die Bäche
belauschen und die Nachtigallen.
DICHTER
Ich lausche gern dem mütterlichen Meer.
WEIB
So ging es auch einem andern großen Poeten. Er saß auf seiner Insel am Strand auf einem Stein und
lauschte dem Meer. Dann dichtete er seine Oden. Sein Sekretär schrieb sie ab, der Dichter legte die
letzte Hand an, gab der Ode den letzten Schliff.
DICHTER
Wo kommst du her, o Weib, wo gehst du hin?
WEIB
Ich komme aus dem Osten Deutschlands. Ich bin über Ungarn nach Österreich geflüchtet. Nun bin
ich hier, in der Provinz, am Ende der Erde.
DICHTER
Bist du allein geflohen in die Freiheit?
WEIB
Mein Freund ist mit mir geflohen. Er kommt auch bald hierher. Du musst uns einmal besuchen.
Dann bring mir doch einmal ein Gedicht von dir mit. Vielleicht schreibst du einmal über mich ein
Gedicht?
DICHTER
Verklären würde ich dich dann als Nymphe.
WEIB
Ja, als nackte Nymphe oder die wilde Göttin Freyheit!

SECHSTE SZENE

(Café. Der Dichter und der Trinker. Vorm Trinker ein Glas Bier und ein Stapel Tageszeitungen.)

TRINKER
Im Osten demonstrieren die Menschen. Sie fordern Menschenrechte, Meinungsfreiheit, Demokratie.
Einige versammeln sich in der Kirche von Leipzig und ziehen dann friedlich durch die Stadt. Immer
mehr Bürger gesellen sich dazu. Die kommunistische Staatspartei nennt die friedlichen Bürger
Krawallmacher, asoziales Pack! Dabei wollen sie nur friedlich demonstrieren für den Schutz der
Schöpfung und für demokratische Freiheiten. Sie rufen: Wir sind das Volk!
DICHTER
Die revolutionären Kommunisten,
Durch einen Staatsstreich an die Macht gekommen,
Errichteten die strengste Diktatur,
Die Diktatur der herrschenden Partei.
Die jungen Revolutionäre nun,
Die protestieren gegen die Partei,
Die stehen unterm Schutz der Mutter Kirche,
Versammelt unterm Rock der Mutter Kirche
Die Revolutionäre predigen
Nicht revolutionären Klassenhass,
Nein, Frieden und Versöhnung, Nächstenliebe,
Bewahrung der Natur als Schöpfung Gottes.
TRINKER
Dieselben Bohemiens, die im Kapitalismus von den Spießbürgern gehasst werden, die werden im
Kommunismus von den Staatstreuen als asozialer Abschaum gehasst. Langhaarige, vollbärtige
Männer, politisch aktive Pastoren, die für den Frieden auf Erden arbeiten, Frauen, die die Natur
lieben, diese Leute wühlen den Kommunismus auf.
DICHTER
Und Jesus Christus segnet sie vom Himmel
Und redet zu den Revolutionären
Von Bruderliebe und von Nächstenliebe,
Vor allem aber von der Feindesliebe!
TRINKER
Will die kommunistische Partei die Führung des Volkes sein, will das Volk aber eine andere
Führung wählen, so soll doch die Partei sich ein andres Volk wählen.
DICHTER
Der Liebe junge Revolutionäre
Jetzt solidarisch betend überwinden
Des Hasses alte Revolutionäre,
Versammelt unterm Rock der Mutter Kirche,
Gesegnet vom Befreier Jesus Christus!

SIEBENTE SZENE

(Kammer des Dichters. Sofa und Tisch. Auf dem Boden Bücher und Manuskripte. Vom Musiktisch
– Die Liebe ist ein Musiktisch – Schuhmanns Träumerei oder Beethovens Mondscheinsonate, das
können wir nicht beurteilen. Vor dem Fenster ein Garten mit einem Apfelbaum in der Mitte. Nacht,
Vollmond.)

DICHTER
An meine Jungfrau muß ich immer denken.
Sie ist so ähnlich dieser Diotima,
Von der ich eben in dem Buch gelesen.
Ja, Diotima ist die Priesterin
Der Liebe und der Schönheit und der Weisheit.
Sie soll auch mich den Weg der Liebe lehren.
Was jenes schöne Griechenland betrifft,
Sie träumten auch von einem Reich der Freiheit.
Und alle Dichter, alle Musensöhne,
Sie liebten alle überaus die Freiheit.
Was aber Freiheit ist, wer kündet das?
Der Dichter frage seinen Philosophen.
Ist Freiheit denn, dem Ich allein zu folgen?
Und ist das Neben-Du denn nichts als Nicht-Ich?
Muß nicht das Ich erst sterben? Auferstehen
Im Du und sich im Du zurückempfangen
Als ein geliebtes und verklärtes Ich?
O Diotima, lehre mich die Liebe!
Was aber, wenn der Liebende sein Ich
Ganz hingibt und in dem geliebten Du
Verstirbt und wenn es dann nicht aufersteht
Im Du, weil dieses Du das Ich nicht liebt,
Weil dieses Ich nicht Raum hat in dem Du,
Nicht Raum, nicht Thron und keine Herrlichkeit?
Das ist die Grausamkeit des Dämons Eros!
Dann ist das Ich gestorben, ist ermordet!
Das vielgeliebte Du ward dann zum Mörder!
Wenn dann der Mensch sich selbst das Leben nimmt,
So nur, weil er schon längst ermordet ward!
O Gott der Liebe in der Höhe, hilf!
Befreie mich, o Geist der Ewigkeit!
Die absolute Freiheit meines Ich
Zerschmettert an der Grenze ward des Nicht-Ich!
Des Ichs beschränkte Freiheit geb ich auf
Und bind mich an die absolute Freiheit,
Den unbedingten Geist, das Höchste Wesen!
Ich sterbe ab den Grenzen meines Ichs
Und auferstehe in der absoluten
Und unbedingten Freiheit meines Gottes!

(Die Uhr schlägt zwölf)


O Gott! Was seh ich auf dem weißen Vollmond?
Ist das die Königin Urania?
Heil Himmelskönigin Urania!
Es triumphiere bald dein Reich der Liebe!

ACHTE SZENE

(Im Café, der Trinker bei Bier und Zeitungen, bei ihm der Dichter.)

TRINKER
Weißt du, welche Lösung die kommunistische Partei für das Problem ihres demonstrierenden
Volkes hat?
DICHTER
Sie richten Waffen gegen stille Beter.
TRINKER
Ja, man nennt das die chinesische Lösung. Am Platz des Himmlischen Friedens in Peking ist doch
auch die friedliche Demonstration von chinesischen Studenten für Demokratie von der Staatspartei
mit Panzer niedergerollt worden.
DICHTER
Die kommunistische Partei von China
Hat alle Weisheit von Konfuzius
In China ausgerottet, aber jetzt
Kommt Gottes Weisheit selbst nach China: Christus!
TRINKER
Die protestantischen Kirchen im Osten Deutschlands folgen der Lehre von Dietrich Bonhoeffer, das
Christentum soll irdisch, diesseitig, weltlich sein. Der Christ soll nicht nur Litaneien singen,
sondern politisch eingreifen und tatkräftig die Welt verändern.
DICHTER
Und doch wird es gelingen nur den Betern.
Die Katholiken in dem Osten Deutschlands
Versammelten zu Prozessionen sich
Und feierten Elisabeth, die fromme
Prinzessin, die dem Adelsstand entsagte
Und zu den Armen ging und brachte ihnen
Genügend Brot und Rosen auch dazu!
TRINKER
Die Kommunisten denken immer nur ans Brot. Sie singen: Es macht uns ein Geschwätz nicht satt,
das schafft kein Fressen her!
DICHTER
Doch Jesus spricht: Der Mensch lebt nicht vom Brot
Allein, er lebt auch von dem Worte Gottes.
Elisabeth, die heilige Prinzessin,
Sie sagt: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein,
Der Mensch braucht auch der Liebe rote Rose!

NEUNTE SZENE

(Café. Der Trinker bei Bier und Zeitungen. Der Dichter.)


TRINKER
Kennst du die Autorin aus dem Osten Deutschlands, die am Anfang ihres Schaffens den geteilten
Himmel über Deutschland beschrieben, die in der Führung der Partei gesessen, die sich zur
heidnischen Muttergöttin gewandt und den HERRN geschmäht?
DICHTER
Die Atheisten wurden Neue Heiden,
Wo vorher kein Gott war, der Mensch ein Gott,
Wird jetzt Natur als Göttin angebetet,
Sie irren rechts und links vom wahren Weg.
TRINKER
Die Autorin erhebt nun ihre Stimme und wirbt für einen Dritten weg. Sie will nicht den Sozialismus
als Diktatur der Partei, sie will nicht den Kapitalismus als Diktatur des Kapitals, die will einen
neuen Prager Frühling und einen Sozialismus mit demokratischem Antlitz.
DICHTER
Die Utopisten träumen immer weiter,
Erfinden immer neue Messianismen.
TRINKER
Die Diktatur der Staatspartei über eine gleichgeschaltete Masse ist menschenunwürdig. Aber wir
fühlen doch auch beide, dass der Terror des Konsumismus keine Befreiung bringt.
DICHTER
Die Kommunisten und das Kapital,
Sie glauben beide, dass der Mensch zum Glück
Nur Fressen, Saufen, Schlafen, Haus und Weib
Bedürfe, dass die Seele in dem Menschen
Zum Glück die Liebe Gottes nicht bedürfe.
Anbetung der Materia, der Mater,
Vergötzung sinnlicher Gelüst-Genüsse,
Der Materialismus, Hedonismus,
Das sind die Götzen dieser unsrer Zeit.
TRINKER
Der Papst verwirft ja den Kommunismus. Aber ich hörte, er verwirft auch die westliche Kultur des
Todes. Will nicht der Papst auch einen dritten Weg?
DICHTER
Der Papst will einen neuen Weg mit Gott!
Denn alle dritten oder vierten Wege,
Die Menschen gehen wollen ohne Gott,
Sie führen in den Tod und in die Hölle!

ZEHNTE SZENE

(Café. Trinker, Dichter. Später kommen dazu das Weib und ihr Freund, der Germane)
DICHTER
Ich wollt, ich wäre in der leidenslosen
Vorhölle bei Homer und Sokrates!
TRINKER
Mein Pastor hat mir aber gesagt, es gibt keine Hölle. Im Augenblick des Todes läuft unser ganzes
Leben noch einmal vor unserm geistigen Auge ab und dann sind wir alle, alle beim lieben Gott im
Himmel.
DICHTER
Doch viele Menschen kommen in die Hölle,
Weil keiner für sie betet, büßt und opfert.
TRINKER
Die Nationalsozialisten und die Kommunisten haben in ihren Todeslagern die Hölle auf Erden
errichtet! Und so etwas sollte der liebe Gott in Ewigkeit errichten?
DICHTER
Es ist der Mensch, der sich die Hölle baut.
Gott will, dass jeder Mensch gerettet wird.

(Das Weib mit dem Germanen tritt herein.)

WEIB
Da ist der deutsche Dichter und Denker ja. Wohin entführte dich deine Muse eben?
DICHTER
Vergil entführte mich in das Inferno.
GERMANE
Ich war im Inferno. Ich war im Gefängnis im Kommunismus, weil ich revolutionäre Lieder
gesungen. Meine Gitarre war meine Waffe. Ich sang Lieder der französischen Revolution, der
russischen Revolution und des spanischen Bürgerkriegs, dafür sperrten mich die Kommunisten ein.
Sie haben die eigne Revolution verraten!
TRINKER
Du glaubst also an den wahren Kommunismus, an die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit?
GERMANE
Den Zahn hat mir die Zeit gezogen! Wenn im Kommunismus alle satt und zufrieden sind, entsteht
kein Genie! Das Genie entsteht aus dem Kampf! Der Kommunismus ist ein Traum von
Schlaraffenland, ein Gelobtes Land für Faultiere! Ich glaube an den brutalen Lebenskampf und den
Sieg des Übermenschen!
DICHTER
Einst alle Menschen werden Brüder sein:
Ein Vater wohnt im Himmelszelte droben!

ELFTE SZENE

(Vor der Schenke Zur Eiche. Der Trinker betrunken. Der Dichter schaut in den Mond.)

TRINKER
(lallend)
Kurz und gut! Ich habe eine Bekanntschaft gemacht, die mein Herz näher angeht, ich habe... ich
weiß nicht... Ein Engel! Pfui, das sagt jeder von der Seinigen, nicht wahr? Doch bin ich nicht
imstande, dir zu sagen, wie vollkommen sie ist, warum sie vollkommen ist. Genug, sie hat all
meinen Sinn gefangen genommen! Soviel Herzensgüte bei soviel Klugheit, soviel Güte bei soviel
Charakterstärke, und diese Seelenruhe bei vollem lebendigem Leben und männlicher Tatkraft! Ach
das ist alles nur garstige Abstraktion! Nichts als leeres Geschwätz! Ein andres Mal mehr davon.
DICHTER
Ich will jetzt mit dem Mond spazieren gehen,
Spazieren bei den Toten auf dem Friedhof.

(Der Dichter ab. Das Weib kommt.)

TRINKER
He, schönes Fräulein, darf ich’s wagen, Arm und Geleit ihr anzutragen?
WEIB
Bin weder Fräulein weder schön, kann ungeleitet nach Hause gehn.
TRINKER
Fräulein hin Fräulein her! Aber einen Kuß kannst du mir doch geben?
WEIB
Jedermann will von mir einen Kuß!
TRINKER
Küsst dich auch dein Freund, der Germane?
WEIB
Aber nicht oft genug!
TRINKER
Küsst dich etwa auch mein alter Freund, der Dichter?
WEIB
Ich gab ihm einen geistigen Musenkuß!
TRINKER
Aller guten Dinge sind drei! Nun küss auch mich!
WEIB
Wo wollen wir uns küssen?
TRINKER
Dort im dichten Busch.
WEIB
Nun gut. Komm ins Gebüsch. – So?
TRINKER
Ich werde dich mein Leben lang lieben!

ZWÖLFTE SZENE

(In der Wohnung des Weibes und des Germanen. Zu den beiden gesellen sich der Dichter und der
Trinker.)

DICHTER
Heil Göttin Freyheit, die du kommst vom Himmel!
TRINKER
Was ist Freiheit?
WEIB
Freiheit ist meine Freiheit, zu lieben, wen ich will, wann ich will, wo ich will, wie oft ich will und
wie lange ich will. Freiheit ist Liebe und Liebe ist Freiheit. Ohne Freiheit keine Liebe. Darum liebe
ich die Freiheit, indem ich die Freie Liebe lebe!
GERMANE
Freiheit ist Befreiung von den Gesetzen der jahrtausendealten jüdisch-christlichen Moral. Gott
schrieb wie ein Diktator seine zehn Gebote auf eine steinerne Tafel und alle unterwarfen sich wie
Sklaven dem Herrscher im Himmel. Aber Freiheit des Menschen heißt, die steinernen Tafeln Gottes
zu zerschlagen und ein neues Gesetz zu schaffen, das Gesetz des freien Menschen: Erlaubt ist, was
gefällt! Gut ist, was stark und glücklich macht!
TRINKER
Freiheit ist, keine Vorherbestimmung des Menschen anzunehmen. Nicht der liebe Gott legt den Sinn
des Lebens fest, sondern ich selbst definiere den Sinn meines Lebens.
WEIB
Und Frau ist nicht Frau nach der Definition Gottes, sondern die freie Frau definiert selbst ihr
Geschlecht.
DICHTER
Was toben doch die Heiden so vergeblich?
Was murren doch die Völker so vergeblich?
Es lehnen sich die Herrn der Erde auf,
Die Herren halten miteinander Rat
Und rebellieren gegen Gott den Herrn
Und gegen Gottes Sohn, Messias Jesus!
So lasset uns zerreißen ihre Bande
Und von uns werfen ihre Fesselstricke!
Doch der im Himmel wohnt, der lacht, der lacht!
Der Heiland spottet über diese Narren!

DREIZEHNTE SZENE

(In der Wohnung des Dichters. Der Trinker tritt ein mit einer Flasche Champagner.)

TRINKER
Das Wunder, das Wunder von Leipzig! Ich habs nicht geglaubt, dass der liebe Gott im Himmel in
die Geschichte eingreift! Aber da hat sich ein Häuflein Gerechter in der Kirche von Leipzig
versammelt und gebetet. Der Prediger predigte Feindesliebe. Eine schwerbewaffnete Armee stand
dem Häuflein Gerechter gegenüber. Voller Angst saßen sie hinter verschlossenen Türen im
Abendmahlssaal. Dann traten sie todesmutig wie David dem Riesen Goliath der hochgerüsteten
Armee gegenüber. Aber, o Wunder, tausende, zehntausende, hunderttausend Bürger auf den
Straßen! Die Kommunisten konnten nicht alle ermorden.
DICHTER
Ein Knabe hatte einst zwei Fische nur,
Zwei Brote nur für dreißigtausend Menschen.
Doch Jesus nahm das Brot und nahm die Fische
Und hob sie zu dem Vater in den Himmeln
Und sprach das Dankgebet und sang den Lobpreis
Und dreißigtausend Menschen wurden satt.
TRINKER
Die Todesmauer, die sich mitten durch unser deutsches Vaterland zog, ist gefallen! Die gefangenen
Deutschen strömen in die Freiheit! Alle Deutschen tanzen auf den Trümmern der Todesmauer! In
Deutschland wird ein Fest der Freiheit gefeiert! Das deutsche Volk ist trunken vor Freude!
DICHTER
Sie sangen einst die Internationale:
Kein Gott wird uns erlösen und kein Kaiser,
Erlösen müssen wir uns selber schon,
Erwacht, erwacht, Verdammte dieser Erde!
Jetzt aber singt das deutsche Volk Tedeum:
Wir loben dich, o Herr Gott Zebaoth,
Dich preisen Seraphim und Cherubim,
Die Erde neigt sich voll Bewunderung
Vor dir, o Vater unser in dem Himmel!
TRINKER
Wahnsinn!

VIERZEHNTE SZENE

(In der Wohnung des Dichters. Der Dichter alleine. Später tritt die Jungfrau ein.)

DICHTER
Der Geist kommt von den Enden dieser Erde
Und atmet die Gebeine an der Toten.
Komm, Geist, und hauche an die Totenknochen!
Die Knochen überziehen sich mit Fleisch,
Die Toten auferstehen aus den Gräbern!
Zwei Hölzer nehme ich in meine Hand,
Das eine Holz, das ist der Osten Deutschlands,
Das andre Holz, das ist der Westen Deutschlands,
Zusammen füg ich sie zu Einem Kreuz.
Gott segne unser deutsches Vaterland!

(Die Jungfrau tritt ein.)

O Jungfrau! Oh wie strahlend deine Schönheit!


Komm, lege deine Hände auf mein Haupt
Und gib mir deinen wundervollen Segen!
JUNGFRAU
Du suche allezeit das Antlitz Gottes,
Der Weisheit Gottes sollst du dich verloben
Und leben in der Wunderkraft der Liebe!
DICHTER
Ich werde reisen in das alte Prag,
Dem Prager Jesulein für Deutschland danken!
Das Prager Jesulein ist Deutschlands Kaiser!
JUNGFRAU
Nun muss ich dich verlassen, lieber Freund,
Doch ganz gewiss, wir sehen einst uns wieder.
DICHTER
Wohin denn gehst du, vielgeliebte Jungfrau?
JUNGFRAU
Zuerst nach Rom und dann ins Paradies!

APOKALYPSE
Personen:
Adam, Gatte und Vater
Eva, Gattin und Mutter
Die Söhne Quintus, Georg, Thomas, Simeon & Maximilian
Lili, Nachbarin
Jesus Christus

Ort: Der Flecken Hage im idyllischen Ostfriesland, ein romantisches Bauernhaus mit Blumengarten
und Obstbäumen

Zeit: Ungewiss, allein dem Ewigen Vater bekannt


ERSTE SZENE

(Adam und Eva in ihrem Garten, die Söhne spielen Fußball, bis auf Quintus, der in einem Buch
liest.)

ADAM
Geliebte! Wüsst ich, dass die Welt zugrund geht morgen,
Ich wär in Gott getrost, in Gottes Schoß geborgen
Und pflanzte heute noch den schönsten Apfelbaum.
Geliebte, wahrlich, du bist schöner als mein Traum!
EVA
Du hast mir doch geschenkt die beiden Apfelbäume,
Die pflanz ich heute ein in unsre Gartenräume,
Der Apfelbäume Paar sich so bestäuben kann!
O Liebe in der Welt! O Glück von Frau und Mann!
ADAM
Johannesbeerenbusch mit deiner Früchte Frische,
Ihr Erdbeerpflanzen auch und süßen Himbeerbüsche,
Wenn euch der Frühlingswind als lieber Buhle hascht,
So weiß ich wohl, wie gern der Thomas von euch nascht.
EVA
Frag Kinder nur nach Glück, nicht großer Gaben Gnaden
Begehrt das frohe Kind, wenn nur des Bäckers Laden
Den Kuchen bietet an, das süße Zuckerbrot,
Vor Glück und Freude wird des Kindes Wange rot.
ADAM
Der erstgeborne Sohn studiert in seinem Buche,
Studiert der Weisheit Wort und weiß von keinem Fluche,
Sohn Quintus ist dem Buch und seiner Weisheit hold,
Der Stein der Weisen schafft durch ihn uns wohl noch Gold.
EVA
Von Golde will ich nicht, der Armut fromme Schule
Lehrt uns auf Gott vertraun, mein vielgeliebter Buhle.
Sind wir auch arm, bei Gott, beim schönen Abendrot
Wir danken Gott gewiss fürs liebe Abendbrot.
ADAM
Mit Käse von der Kuh, mit Käse von den Schafen,
Oliven auch dazu, so lässt sich ruhig schlafen,
So danken wir dem Herrn, der uns die Speise gab,
Und Ziegenkäse auch, und alles ohne Lab.
EVA
Gemüse frisch und grün und knackige Salate,
Was hat ein König mehr in seinem großen Staate?
Der Sonnenblume Kern, des blonden Weizens Korn,
Dazu den roten Wein, dir überfließt das Horn!
ADAM
Die Sonne lacht dazu, die Jungfrau in der Sonne
Gibt ihren Segen uns, die Süßigkeit und Wonne
Und Leben für uns ist, ich bete ihren Gruß
Und küss der Jungfrau fromm voll Demut ihren Fuß!
(Lili tritt in den Garten ein)

EVA
O Lili, Nachbarin, wie geht’s in deiner Hütte?
Dort lebst du so allein und doch in frommer Sitte!
LILI
Doch Nachricht bring ich euch vom Welten-Wettersturm,
Ob auch von Elfenbein einsiedlerisch mein Turm.
EVA
Du kannst mir Freude doch mit Plauderei bereiten.
Was lieber hört ein Weib doch je als Neuigkeiten?
LILI
Ein Anschlag auf den Papst in Roma ist geschehn!
Das ist der Anfang erst der schmerzensreichen Weh’n!
ADAM
O Jesus! Hat der Papst denn überlebt den Frevel?
Wie stinkt doch Satanas nach saurem Gift und Schwefel!
EVA
Ja, sag es, Lili, ob der Papst hat überlebt?
Wie zittert mir mein Herz! Mein voller Busen bebt!
LILI
Gefallen war der Schuss von einem Islamisten,
Geplant war so der Mord am Oberhaupt der Christen.
Doch grad, als fiel der Schuss, der Papst hat sich gebückt
Und ein Madonnenbild voll Liebe angeblickt!
Verwundet ist der Papst, doch Gott sei Dank lebendig,
Ob er auch leiden muß der Wunde Schmerz elendig.
EVA
Sprach schon der Papst ein Wort zu diesem Attentat?
LILI
Er sprach: Vergebung ist Gesetz im Gottesstaat,
Dem Täter wollte er von Herzen gern vergeben,
Maria dankte er und Jesus für sein Leben.
ADAM
Die Wehen kommen jetzt! Der Feind des Lebens will
Zerstörn die Christenheit, die lebt im Lande still.
Wo ist der Frieden hin in unserm kleinen Eden?
Geliebte Eva, ich will zu Maria beten!

(Adam geht abseits zu einer kleinen Steinmadonna im Garten und betet)

Maria, weihen will ich deinem Herzen mich,


Ich schenke mich dir ganz und bitt von Herzen dich,
Nimm du mein Opfer an und schenk uns bald den Frieden,
Schenk uns das Friedensreich in dieser Welt hienieden,
Schenk du uns deinen Sohn, schenk du der Liebe Licht,
Daß ohne Weltkrieg, wenn es geht, zusammenbricht
Des Todes Unkultur, das Reich des Antichristen!
Beschwöre Jesus du mit deinen Mutterbrüsten!

ZWEITE SZENE
QUINTUS
Mein Bruder Thomas hat geschossen seinen Ball
Auf dies mein neues Buch, ich aber hasse all
Die Fußballspieler! Gott, was wissen sie vom Buche?
Mir aber steht der Sinn nach einem bittern Fluche!
THOMAS
Es war nur ein Versehn. Ich habe mich entschuldigt.
Es hat ja nur mein Ball dem Weisheitsbuch gehuldigt.
Und Fußballspielen ist ein Spielen ohne Schuld,
Wenn man nicht pflegt dabei des Fußballgottes Kult.
MAXIMILIAN
Ah, das tut aber weh! Nein, Georg, das ist übel!
Das hast du nicht gelernt aus Vater Adams Bibel!
Was, Bruder, fällt dir ein, so schlimm mir weh zu tun?
Ich glaub, das sage ich dem Vater Adam nun.
SIMEON
Was quälst du uns denn so? Wir leiden nun gemeinsam.
O Georg, aber du, du bist als Täter einsam.
GEORG
Ihr habt mich provoziert! Das habt ihr nun davon!
Ihr grinstet wie die Clowns im Karneval von Bonn.
ADAM
Still, alle Burschen, still! Was habt ihr wilden Jungen
Für Drachenherzen doch, gespaltne Schlangenzungen!
EVA
Du reagierst zu hart, geliebter Adam mein,
Du musst den Jungen doch den Streit und Zank verzeihn.
Wie zähmt man denn die Wut der aufgewühlten Triebe
Des heißentflammten Zorns? Nur durch die sanfte Liebe!
ADAM
Es ist doch in der Welt nun nur noch Rebellion!
Das Kind die Mutter schmäht, den Vater schmäht der Sohn!
Kein Wunder darum doch, dass Revolutionäre
Die Ordnung stürzen ein, rebellische Gewehre
Nun machen Politik, an jedem Erdenort
Regiert brutal Gewalt und statt Gesetz der Mord.
Lateinamerika hat seine wilden Banden,
Die Terroristen schon mit Macht in allen Landen
Errichten ihr Regime, ihr Staatsgesetz ist Terror,
Die Politik Gewalt und die Kultur ein Horror.
Die Indianer und die Bauern leiden Not,
Da für Gewehre Geld da ist, doch nicht für Brot.
Die Terroristen wild in allen Winkeln lungern,
Die Mutter und das Kind verdursten und verhungern.
Die rasende Musik ist ohne Schönheitsglanz,
Ein wildes Totenfest, ein schwarzer Totentanz.
Die Dichter singen nicht von Liebe mehr, von Küssen,
Der Dichter lauter Lärm gleicht nun Pistolenschüssen.
Und auch in Afrika ist nichts als Bürgerkrieg,
Das schwarze Militär behauptet seinen Sieg,
Roms Christen sammeln sich wie einst in Katakomben,
Die Erde übersät mit Minen und mit Bomben.
Die Kinder kämpfen auch schon in den Heeren mit,
Zerfetzt wird jedes Kind, das auf die Mine tritt!
Dort herrscht jetzt die Armee und der brutale Knüppel,
Viel Kinder sieht man da als ruinierte Krüppel!
Die Mutter Asia, die Mutter Asia
Noch nie soviel Gewalt und Rebellionen sah.
In Asia einst still doch standen alle Uhren,
Doch jetzt marschiert die Zeit im Takt der Diktaturen,
Rebellendiktatur des Pöbels Herrschaft ist,
Und eine Diktatur die andre Herrschaft frisst.
Kaum siegt die Rebellion, die Revolutionäre
Sich fressen selber auf, sie kennen keine Ehre,
Des Lebens Heiligkeit ist den Rebellen fremd,
Sie beten an als Gott des Diktatoren Hemd.
In Russland an der Macht sind nun die Nationalen,
Vorbei des Zaren Reich, vorbei das Recht der Wahlen,
An Russland glaubt man jetzt und glaubt nicht mehr an Gott,
Für Russland ist die Welt ein Übel und ein Spott,
Europa sie bedrohn und sie bedrohen China!
EVA
Maria, Morgenstern, o Stella Matutina!
Wir weihen in Gebet und Sühne und in Buß
Das große Russland dir, die alte Mutter Rusj!
ADAM
Und darum will ich streng der Söhne Schar erziehen!
Nicht alles sei sogleich und ganz umsonst verziehen!
Mit Vaterwürde und mit Strenge, doch gerecht,
Den Söhnen bring ich bei, wie ehrenwert das Recht!
EVA
Bei der Gerechtigkeit des ernsten strengen Vaters
Die Söhne in dem Spiel lebendigen Theaters
Nur lernen strenges Recht, doch Sanftmut, Mildigkeit
Der Mutter lehre sie des Herrn Barmherzigkeit.
Als Mutter will ich nur der Söhne Schar umarmen,
So lernen sollen sie das göttliche Erbarmen!
ADAM
Doch allzu sanft und weich und allzu honigsüß,
Bewahrt den Kindern nicht das Kinderparadies.
Mit Vollmacht sprich ein Wort, zeig ihnen ihre Grenzen!
Das Leben ist nicht Lust allein und faules Lenzen!
EVA
Die Welt ist hart genug, da fließt kein süßer Wein!
Da trinken sie das Gift, da essen sie den Stein!
Ich aber will mit Milch und Honigseim und Butter
Barmherzig sein, das ist die Liebespflicht der Mutter!

DRITTE SZENE

(Spaziergang auf dem Waldweg)


ADAM
Wie gern spaziere ich mit dir doch Hand in Hand,
Wenn still und schweigsam du durchwandelst unser Land,
Wenn vor uns scherzend läuft der liebe Thomas fröhlich,
Wie bin ich dann mit dir auf Erden schon glückselig!
EVA
Du rede mir dein Wort und sprich von Weisheit nur,
Sprich von der Gottheit, von der göttlichen Natur,
Ich bitt dich um dein Wort, ich mag dir gerne lauschen
Und will Ideen mit dir in einem Geiste tauschen.
THOMAS
Mein Vater Adam, weißt du, dass wir Schatten sind,
Daß Schatten Mann und Frau, dass Schatten ist das Kind?
Das wahre Wesen ist viel größer als der Schatten,
Das Innere der Welt der Kinder und der Gatten
Ist größer als die Welt. Das Äußere ist klein,
Ich aber schau im Geist ins Innere hinein,
Da größer als die Haut das Innre ist der Zwiebel.
Das hab ich aber nicht aus meiner Kinderbibel.
ADAM
Wie weise du und klug in deiner Kindheit bist!
Ein großer weiser Mann und tiefgelehrter Christ!
THOMAS
Jetzt lauf ich aber los, alleine fort durchs Dunkel!
Ich hör Titania und ihrer Feen Gemunkel.

(Thomas rennt fort)

EVA
Ich mach mir Sorgen doch, ob nicht mit bösem Bann
Von böser Zauberei ihn fängt der schwarze Mann!
Der böse Onkel geht durch tiefe schwarze Nächte,
Die Kinder schändet er, der schlimme Ungerechte!
ADAM
Nur keine Sorge, Frau, sein Engel doch beschützt
Den kleinen Thomas dein, des Engels Waffe blitzt,
Er zieht das Schwert heraus aus seiner goldnen Scheide!
Getrost, du liebe Frau, du meine Augenweide!
EVA
Nein, nicht getrost, mein Mann, ich bin in großer Not!
Ist unser Thomas wohl ermordet schon und tot?
Dann gäbe es für mich nicht Tag mehr und nicht Morgen!
Ich bin in großer Angst, in kummervollen Sorgen!
Mein Thomas, komm zurück! Wo bist du, liebes Kind?
Denk doch, wie sorgenvoll jetzt deine Eltern sind!
Komm, Adam, komm doch schnell, wir wollen Thomas suchen!
Ob er beim Teiche ist im Schutze alter Buchen?

(Lili und Thomas kommen ihnen entgegen)

LILI
Hier ist dein lieber Sohn. Hat er sich wohl verirrt?
Doch ruhevoll im Baum die Turteltaube girrt.
EVA
Mein Sohn, mein lieber Sohn, ich habe dich gefunden!
Wie quälte mich der Schmerz in meinen Seelenwunden!
THOMAS
Warum denn, Mütterchen? Mein Engel mich bewacht,
Der ist viel lichter als die tiefe Mitternacht.
LILI
Es ist die Zeit der Flucht. Wie Thomas ist geflohen,
So auch in dieser Zeit Soldaten schrecklich drohen,
Die antichristlichen Soldaten drangen ein
In Romas Vatikan mit Brüllen und mit Schrein,
Um in dem Vatikan die Venus zu zerstören
Und den Apollon auch, Apoll von Belvederen,
Ach dass ich scherze noch! Humor, wie du erlabst!
Doch ist vor der Armee geflohen heut der Papst!
ADAM
Wohin geflohen ist der Papst, der Herde Hirte?
LILI
Bin ich die Wirtin denn, dass ich den Papst bewirte?
Die Ahnung habe ich in meinem Geist, mein Sohn,
Der Papst geflohen ist ins schöne Avignon.
In der Verbannung dort, der Papst dort im Exile,
Spielt voller Weisheit er des Geistes Perlenspiele.
Doch kehrt er wieder bald, der Hirte kehrt zurück
In Romas Vatikan, dann lächelt uns das Glück.
EVA
Mein vielgeliebter Mann, hör ich von Avignon,
Dann denk ich, wie wir einst in unserm Pavillon
Getrunken Apfelwein aus Avignon, den süßen,
Den ich dir mitgebracht aus Frankreichs Paradiesen.
ADAM
Ja, liebevolle Frau, da fühlt ich mich geliebt,
Da dachte sich mein Herz: Wenn meine Eva gibt
Mir Wein aus Apfelsaft, den Adamswein zu trinken,
Wenn wir zusammen sehn den Wein im Glase blinken,
Dann hat sie mich doch lieb, sie hat an mich gedacht.
So trank ich gern den Wein mit dir in stiller Nacht.

(Lili geht fort)

EVA
Und ist es wahr, mein Mann, wenn Wein die Männer trinken,
Daß alle Frauen dann so schön wie Nymphen blinken?
ADAM
Ja, als ich trank den Wein, an Lili dachte ich
Und fand auch Lili schön, zwar nicht so schön wie dich,
Auch Lili hatte da an sich gewisse Schöne,
Du aber warst so schön, ich denke dran und stöhne,
Du warst im Rausch so schön, wie eine Göttin groß,
Vor deiner Schönheit Macht war ich ganz atemlos!
VIERTE SZENE

(Adam und Eva allein im Garten nachts beim Wein)

ADAM
Den Wein hat mir geschickt ein lieber Freund und Bruder,
Ich trinke nicht vom Wein mit einem losen Luder,
Ich trinke nicht den Wein vulgären Ehebruches,
Ich trinke edlen Wein nicht mit dem Gift des Fluches,
Nicht Drachengeiferwein, ich trink das Traubenblut
Mit meiner lieben Frau und trink aufs Höchste Gut!
EVA
Was ist das Höchste Gut, das letzte Ziel des Lebens,
Der tiefste Herzenswunsch, das höchste Ziel des Strebens?
ADAM
Der eine nennt es so, der andre nennt es so,
Glückseligkeit in Gott, so las ich irgendwo,
Das Ziel des Menschen sei, doch andre Menschensöhne
Als aller Liebe Ziel verherrlichen das Schöne.
Erkenntnis Gottes sei das Höchste, liebe Frau,
So sagen manche, freun sich auf die Gottesschau.
Ich denk, das höchste Glück für alle Erdentriebe,
Das ist in Ewigkeit die schöne Gottesliebe.
EVA
Doch jeder denkt sich Gott auf seine eigne Art,
Der eine denkt sich Gott als Große Mutter zart,
Der andre denkt sich Gott als lieben Vater weise,
So jeder denkt sich Gott auf seine eigne Weise.
ADAM
Gott als der Schöpfer hat die Seele eingehaucht,
Gott jeder Seele gibt, was diese Seele braucht,
Gott prägt sich selber ein im Inneren der Seele,
Es lebt ein Gottesbild im Innern ohne Fehle.
In deiner Seele Kern, o liebe Ehefrau,
Lebt rein und makellos ein Bild als Gottesschau,
Das ganz dein eigen ist. So schaut nur deine Seele
Den einen lieben Gott. Nicht andre Wege wähle,
Als deinen eignen Weg zum innerlichen Gott.
Im Herzen schaust du Gott, wenn unbefleckt von Spott
Du dich in Gott versenkst in inneren Gebeten.
In deiner Seele ist noch heut der Garten Eden,
Da abends wandelt Gott im Garten voller Licht
Und zur geliebten Braut als Ehegatte spricht.
Gott ist den einen Glanz, Gott ist den andern Klarheit,
Gott ist dem einen Huld, Gott ist dem andern Wahrheit,
Ist dem Gerechtigkeit, ist dem Barmherzigkeit,
Ist jenem Ewigkeit und dem Glückseligkeit,
Ist jenem höchstes Glück und schönste Lust der Triebe,
Gott jenem Weisheit ist und jenem schöne Liebe.
Das alles ist der Herr, der Eine, ohne Spott,
So viele Götter gibt’s, wie’s Bilder gibt von Gott.
EVA
Mein lieber Ehemann, was ist das für ein Leuchten
Dort in der dunklen Nacht, der schwarzen Nacht, der feuchten?

(Ein merkwürdiges Licht erscheint am Himmel, vielleicht ein Komet)

ADAM
Ist kein normaler Stern und ist auch kein Planet,
Ein Zeichen Gottes ists, ein glühender Komet!
EVA
Ein Zeichen des Gerichts? Wird jetzt in Himmelsfeuern
Die Sündenerde Gott verbrennen und erneuern?
ADAM
Kommt jetzt das Strafgericht, kommt jetzt des Richters Zorn?
EVA
Die Menschheit ist in Angst! Die Frevler gehn verlorn!
ADAM
Maria, Gottes Braut, ich grüß mit frommem Gruße.
EVA
Die Menschheit bete und bring Früchte ihrer Buße!
ADAM
Die Menschheit betet nicht, sie betet nicht zu Gott,
In lauter Blasphemie sie lästern voller Spott,
Bei diesem Übermaß an Sündigen und Schlechten
Die Buße legt der Herr auf Schultern der Gerechten.
Als Stellvertreter wir für alle Sünder flehn
Zu Gott: Barmherzigkeit in diesen schweren Weh’n!
EVA
Erbarmen, Jesus! Hab Erbarmen, Jesu Christe!
Laß überströmen von Erbarmen deine Brüste!
Barmherzigkeit, allein Barmherzigkeit, du Held,
Erbarmen, Menschenfreund, Erbarmen mit der Welt!
Den Indianern schenk Erbarmen und den Indern,
Zumeist Barmherzigkeit erweise allen Kindern,
In erster Unschuld noch sie sind von Sünden rein,
Erbarm dich im Gericht der lieben Kinderlein,
Schenk du Barmherzigkeit den gottgeschaffnen Knaben,
Den lieben Mädchen auch schenk deiner Gnade Gaben,
Europas Kindern und den Kindern Afrikas,
Den Kindern Asias, der zwei Amerikas,
Den frommen Töchterlein, den jugendlichen Schönen,
Herr, deine Liebe schenk den vielgeliebten Söhnen!
Herr, Quintus schenke Huld, verzeihe seine Schuld,
Herr, Thomas schenk Verzeihn, erweise deine Huld,
Herr, Georg schenke Kraft und gib ihm deine Stärke,
Und Maximilian und Simeon, die Werke
Der Schöpfermacht des Herrn, bewahr in deiner Gunst,
Auch Adam du bewahr in deiner Weisheit Kunst,
Ich schenke dir mein Herz, beim Beben meiner Brüste,
Mein Retter und mein Gott, geliebter Jesu Christe!
FÜNFTE SZENE

(Eva sitzt in der Hütte auf einem Sessel, Thomas auf ihrem Schoß, in ihren Armen, sie liebkost ihn.
Adam steht draußen vor dem Fenster, raucht eine Zigarette. Durchs Fenster beobachtet er Eva und
vergleicht sie mit der Marien-Ikone, die neben Eva auf dem Hausaltar steht.)

ADAM
O Gott, wie ist sie schön, wie lieb ich ihr Gesicht,
Es ist so sanft und weich, von mildem dunklem Licht,
Wie Sterne blitzt ihr Aug, wie eine Himmelsblüte,
Wie lächelt auch ihr Mund voll mütterlicher Güte,
Wie ist die Wange weich, ich geb ihr gern den Kuß,
Zu küssen ihre Haut ist lieblicher Genuß,
Wie fein die Brauen auch, die dunklen Augenbrauen,
Darunter Blitzen gleich voll Licht die Augen schauen,
Und dieses schwarze Haar, so schwarz wie Ebenholz,
Wie Rabenflügel schwarz. O Gott, wie bin ich stolz,
Daß solche Frau mich liebt, ist gern in meiner Nähe,
Von Gott gesegnet ist, von Gott ist unsre Ehe.
Und schaue ich das Bild Mariens nebenan
Und schau ich Eva und Maria beide an,
So scheint Maria mir die Schönheit der Ideen,
In Eva kann ich dann Mariens Schönheit sehen,
Wie Zwillingsschwestern sie, wie Urbild und wie Bild,
Maria himmlisch süß und Eva irdisch mild,
Maria ganz perfekt in göttergleicher Schöne,
Doch Eva auch so schön, dass ich vor Liebe stöhne!
Maria mit dem Sohn ist wie ein Gottesbild,
Wo in Maria ich Gott-Mutter sehe mild
Und in dem Sohn mich selbst, mich selbst im Gottessohne,
Da ich in Gottes Arm wie Jesus Christus throne.
Und schau ich Eva an und Thomas auf dem Schoß,
So kommt mir Eva vor wie eine Göttin groß
Und Thomas seh ich an als ihren Sohn-Geliebten.
Das ist ein großer Trost für alle die Betrübten,
Die Mutterliebe einst vermissten als ein Kind,
Daß Gott und Gottes Sohn wie Kind und Mutter sind!
So Eva ist ein Bild, sie ist ein Abbild Gottes,
Sie ist Ikone, ist trotz allen Sünderspottes
Ein Gottesebenbild, ob Sünder oder Christ,
Die Frau ein Ebenbild der großen Gottheit ist,
Gott hat die liebe Frau als Gottes Bild gegeben,
Wie Eva Leben heißt, die Gottheit ist das Leben,
Die Gottheit heißt mir Jahwe-Eva denn,
Gott ist Gott-Mutter für all die Lebendigen.
In Eva schaue ich die Gottheit ohne Spott,
Denn Eva ist so schön und liebevoll wie Gott!

(Lili tritt zu Adam)

LILI
Hier stehst du in der Nacht und rauchst die Zigarette?
Ging deine Eva denn alleine schon zu Bette?
ADAM
Sie spielt noch mit dem Sohn, das ist ihm angenehm.
LILI
Maria jüngst erschien! Ja, in Jerusalem
Ist Unsre Liebe Frau auf einem Berg erschienen,
Der Ölberg war der Berg. Sie will dem Frieden dienen,
Sprach in Jerusalem: Was eure Konfession
Und euer Glaube ist, bekehrt euch zu dem Sohn!
Zwar gibt es in der Welt verschiedne Religionen
Und in der Christenheit verschiedne Konfessionen,
In jeder Religion herrscht als ein König Gott,
Ich aber streitet euch, verlästert euch mit Spott.
Was eure Religion auch ist und euer Glauben,
Laßt euch den Frieden nicht mit Gott dem Schöpfer rauben.
Es gibt nur einen Weg zum einen wahren Gott,
Wenn ich’s euch heute sag, so lästert nicht mit Spott,
Es gibt nur einen Weg zu Gott dem Himmelsvater,
Der Weg ist Jesus! Hier im irdischen Theater
Ihr streitet euch im Krieg. Ob Jude, Christ, Muslim,
Bekehrt euch zu dem Herrn und wendet euch zu ihm,
Denn Jesus ist der Weg. Ihr Gläubigen hienieden,
Nur Jesus schenkt der Welt den langersehnten Frieden.
So wendet im Gebet euch nun an Gottes Sohn,
Er führt euch alle zu des Vaters weißem Thron.
ADAM
Was sagen Juden nun, was sagen die Muslime,
Was sagen Christen nun? Vernehmen die sublime
Verkündigung im Geist die Frommen dieser Welt?
Ob Unsrer Lieben Frau Verkündigung gefällt?
LILI
Die Juden rufen laut: Maria, Tochter Zion,
In der Plejaden Kranz, im Kranze des Orion,
Jesajas Jungfrau du, du Jungfrau Israel,
Messias du gebarst, den Sohn Immanuel!
Und die Muslime auch zur Mutter des Messias
Sie rufen freudig laut: Preis Jesus, Sohn Marias,
Messias’ Mutter lobt, Messias’ Mutter preist,
Die Gottes Wort empfing allein von Gottes Geist!
Die Protestanten auch und auch die Orthodoxen,
Sie singen dieses Lied: Die Esel und die Ochsen,
Sie kennen ihren Herrn! Wir glauben an den Herrn
Und seine Mutter auch, der Hoffnung Morgenstern!
ADAM
Zu dem Ereignis in dem irdischen Theater
Gab einen Kommentar der Papst als weiser Vater?
LILI
Als Jude, Christ, Muslim getreten zu dem Papst,
Sie sprachen: Heiligkeit, wie oft du Trost schon gabst!
Nun aber in der Welt die Gläubigen sich hassen
Und führen Krieg um Krieg, da hat uns Gott verlassen!
Da sprach der Papst: Bist du ein Jude, Moslem, Christ,
Gott ist uns Abba, ja, doch Gott auch Mutter ist!
Und Gott spricht: Kann ein Weib die Leibesfrucht vergessen?
Doch Gott vergisst dich nicht! Gott liebt dich unermessen!

SECHSTE SZENE

(Eva im Morgenmantel tritt aus dem Schlafzimmer in die Küche, die Haare noch zerzaust. Adam
sitzt am Tisch und trinkt Kaffee. Vor ihm liegt noch ungelesen die Zeitung.)

EVA
Ach Adam, lieber Mann, glaubst du an Prophetie
Der Träume einer Frau? Ich hörte Lehrer, die
Von Träumen dies gesagt, dass grade Morgenträume
Sehr oft prophetisch sind und nicht nur eitle Schäume.
ADAM
In jedem Fall, o Frau, du Venus aus dem Schaum,
Erzähle deinem Mann doch deinen Morgentraum.
EVA
Das Universum sah unendlich ich und dunkel,
Durchzogen wie von Licht, von glitzerndem Gefunkel,
Von einem kosmischen harmonischen Gesetz,
Das sah ich in dem Traum so wie ein Spinnennetz.
ADAM
War das ein Angsttraum, Frau? Du fürchtest dich vor Spinnen.
Saß eine Spinne denn im Spinnennetze drinnen?
EVA
Es saß im Spinnennetz die Spinne riesengroß
Und meine Panik war abgründig bodenlos!
ADAM
Bist du davon erwacht? Und musstest Angstschweiß schwitzen?
EVA
Ich schaute einen Blitz, ein Licht von tausend Blitzen,
Da hört ich einen Lärm wie lauten Donnerschall,
Wie eine Explosion, wie einen lauten Knall,
Da ist das Spinnennetz in Stücke jäh zerrissen!
Was sagt mir dieser Traum? Das möchte ich gerne wissen.
ADAM
Des Kosmos Harmonie im göttlichen Gebot,
Der Liebe Weltgesetz vom Tode ist bedroht,
Von Krieg und Untergang und ewiger Vernichtung.
Ach leider, liebe Frau, der Traum ist nicht nur Dichtung.
Der Liebe Weltgebot, der Venus goldnes Netz,
Des Kosmos Harmonie, der Liebe Weltgesetz
Bedroht ist von dem Tod, der kommt vom Vater Kriege,
Der Explosion des Kriegs! Geb Gott, dass Venus siege!
EVA
Du liest die Zeitung, Mann? Sie dient doch nur der Zeit!
Doch tausend Jahre währt der Tag der Ewigkeit.
ADAM
(Nach einer Zeit stillen Lesens)
Weh, ausgebrochen ist der Krieg! Die stolzen Russen
Von Osten nahen sich Berlin und seinen Prussen,
Sie stehen schon in Prag, im kaiserlichen Prag,
Sie stehn vor Warschaus Tor, ein großer Schreckenstag,
Auch Ungarn überfiel und Serben und Kroaten
Die russische Armee mit vielen Gräueltaten.
Die europäische Vereinigung erbebt
Und militärisch sich zur Gegenwehr erhebt.
Die Russen wollen noch nach Frankreich und nach Spanien,
Der Kaiser aber stellt sein Heer auf in Germanien!
EVA
O Krieg, du Gräuelgott! Europas Geißel, Rusj!
Maria, höre uns, wir knien vor deinem Fuß!
ADAM
Doch nicht genug, o Frau, der Krieg der wilden Russen,
Der stolze Widerstand Europas und der Prussen:
Das große China auch schon Japan überfiel,
Korea nahmen sie sich auch zum Angriffsziel,
Vietnam ergab sich schon, es haben die Chinesen
Ganz Asien unterjocht, der Inder sanftes Wesen
Nur bleibt noch souverän. Die Kirche ruft zu Gott,
Die Philippinen schrein zur Mutter ohne Spott,
Die Mantras helfen nicht und nicht die Tempeltänze
Der Bajaderen mehr, allein die Rosenkränze
Mariens retten noch, allein der Perlenschnur
Gebet schreit auf zu Gott, zur Einen Gottnatur!
EVA
Erbarm dich, großer Gott, der ganzen Welt hienieden!
Maria schenke bald der Welt den Völkerfrieden!

SIEBENTER GESANG

(Eva und Adam im Wohnzimmer bei einer großen Kanne grünen Ginko-Tees.)

EVA
Der Völkerpräsident, er rief den Wandel aus,
Der Friede herrsche nun im ganzen Erdenhaus.
Man pries zuvor den Krieg, die atomaren Bomben,
Da rettet kein Versteck in tiefen Katakomben.
Der Völkerpräsident will bannen nun den Krieg,
Den Wandel ruft er aus, dem Frieden sei der Sieg.
Den Armen schenkt er schon Versichrung des Gesundens,
Die Schulden stundet er, der Gönner großen Stundens.
Es jubelt alle Welt: O Völkerpräsident!
Die ganze Welt tut so, als ob sie Gott ihn nennt,
Doch scheint mir auch der Mann ein Gott zu sein hienieden,
Gebührt ihm doch der Kranz des Lorbeers für den Frieden,
Des Friedens Komitee gab ihm den Lorbeerkranz:
O Völkerpräsident, vorbei der Waffentanz,
Vorbei der Wettbewerb der atomaren Bomben,
Vor denen kein Versteck uns hilft in Katakomben.
Versöhnt das Christentum wird nun mit dem Islam,
Muslime einen sich den Juden monogam.
Der Völkerpräsident, ein Wundermann hienieden,
Jerusalem zum Tost schenkt Israel den Frieden.
Arabien voll Glück wird frei von allem Krieg,
Vernunft behauptet nun des Friedens sanften Sieg.
Der Terror schon erlahmt, verbannt die Terroristen,
Das Christentum befreit von Fundamentalisten,
Die Welt in Hoffnung singt, den Wendebringer preist,
Freimaurerlogen schon lobpreisen seinen Geist,
Die ganze Welt entzückt vom großen Friedensbringer,
Ein jeder Staatsmann ist des Präsidenten Jünger.
Der Jugend macht er Mut: Auch ich war jung und wild,
Auch ich hab wüst getobt im irdischen Gefild,
Die fromme Tyrannei hat mich nicht lang belogen,
Ich hab es auch probiert, das schnelle Glück der Drogen.
Ich kenn der Jugend Lust und flüchtigschnelle Liebe,
Ich lieb der Jugend Lust, mir heilig sind die Triebe,
Das sexuelle Glück ist doch ein Menschenrecht,
Die Freie Liebe wird dem menschlichen Geschlecht
Die Freuden bringen, und die Erde wird voll Liebe!
Prinzessinnen der Lust verheißen Glück der Triebe,
Ich Völkerpräsident, ich diene ganz bewusst
All den Prinzessinnen der schrankenlosen Lust!
ADAM
Ja, Närrin, juble nur! Doch nur der Sohn Marias
Den Frieden schenkt der Welt, der göttliche Messias!
Freimaurerlogen dient der Völkerpräsident,
Verachten wird ihn nur, wer seinen Plan erkennt:
Er setzt den Mammon frei, die Kinder zu ermorden!
So siehst du, Satanas ist Herr von seinem Orden!
Der Völkerpräsident, die Spinne in dem Netz,
Brutalen Kindermord macht er zum Weltgesetz!
Das Volk von Afrika lässt er in Not verhungern
Und Kinder jammervoll auf ihrem Müllberg lungern,
Wenn sich nicht Afrika bekehrt von diesem Wahn,
Des Kindes Leben sei ein Glück nach Gottes Plan!
Das schwarze Afrika wird nicht sein Brot bekommen,
Wenn weiter Afrika ein Land ist voll von Frommen,
Wo Kinder ein Geschenk von Gott dem Schöpfer sind,
Wo Gottes Gabe ist und Liebesglück das Kind!
Er predigt Kindermord und macht es zum Gesetze,
Libellen fangen sich in seinem Spinnennetze.
Millionenfacher Mord an Kinderseelen wird
Aufschreien zu dem Herrn! Der Gute Hirte wird
Ausgießen seinen Zorn! Den Teufelspakt schließt Faustus,
Es will der Satanas den Kinder-Holocaustus!
Doch alle Kinder sind der Menschheit Zukunftsglück!
Wie göttlich liebevoll ist eines Kindes Blick!
EVA
Mein lieber Ehemann, wie laut wird deine Stimme
In deinem heißen Zorn, in deinem großen Grimme!
ADAM
O Maximilian, mein vielgeliebtes Kind,
O wehe, wüsstest du, wie schlimm die Sünder sind,
Wie schlimm die Frevler sind in ihres Vaters Orden,
Die Vater Satans Plan befolgen, Kinder morden!
Ein Menschenembryo hat Seele schon und Geist,
Du, lieber Embryo, schon von der Liebe weißt,
Du weißt schon, wer dich liebt, ob der Plazenta Futter
Dich schon mit Liebe speist erbarmungsvoller Mutter,
Ob deine Mutter sich auf dein Erscheinen freut,
Ob sie, von Satanas getäuscht, dich hasst schon heut,
Ob Lügenväter dich aus Vater Satans Orden
Bei deiner Zeugung schon im Schoße wollen morden!
Des Lebens Heiligkeit, des Kindes Heiligkeit
Zu schützen, ist Triumph des Herrn in Ewigkeit!
Was soll die Phrase mir vom großen Völkerfrieden,
Wenn kleine Kinderlein im Mutterschoß hienieden
Ermordet werden, weil der Präsident ein Faust,
Mit Satan schloß den Pakt zum Kinder-Holocaust!

ACHTE SZENE

(Georg und Maximilian und Simeon spielen im Garten. Adam und Eva sitzen lesend abseits auf
einer Gartenbank im Rosenhag.)

GEORG
Komm, Maximilian, komm her und sei mein Sklave!
So sprich: Ich bin dem Tod geweiht und grüß dich: Ave,
Mein Cäsar und mein Gott! Dann wirf dich vor mir hin!
MAXIMILIAN
Nein, danach steht mir nicht, mein Brüderlein, der Sinn.
GEORG
Doch ich befehl es dir! Und willst du mir nicht folgen,
So treffe dich der Blitz aus finstern Wetterwolken!
Dann trifft dich wie ein Blitz mein Wüten und mein Grimm,
Fürwahr, ich sage dir, dann geht’s dir wirklich schlimm!
MAXIMILIAN
Da lauf ich lieber weg und wähle andre Wege.
GEORG
Komm jetzt sofort hierher, sonst setzt es aber Schläge!
Sprich: Ave Cäsar, du mein Gott, den Sklavengruß,
Ich tret in dein Gesicht dir sonst mit meinem Fuß,
Ich schlage mit der Faust voll Kraft in deine Hoden
Und werf dich in den Staub und tret dich auf dem Boden!
MAXIMILIAN
Ich habe Angst, geh weg! Ich sag das Adam an!
GEORG
Wenn du das weiter sagst, dann wirst du nie ein Mann.
Du musst nicht altklug, Narr, wie alte Weise klügeln,
Ich werde jedenfalls dich unbedingt verprügeln!
Ich reiße dir das Haar aus deinem blonden Schopf
Und schlag mit meinem Kopf dann gegen deinen Kopf!
MAXIMILIAN
O Papa Adam mein! Der Georg will mich hauen!
Mein Papa, hilf mir doch, bei Unsrer Lieben Frauen!
ADAM
Still, Georg! Hör jetzt auf mit deiner wilden Wut!
Willst du, die Erde schreit von deines Bruders Blut?
GEORG
Gott Cäsar bin ich doch, er aber ist mein Sklave,
Ich prügle ihn zu Tod, ich schlachte ihn wie Schafe!
ADAM
In Jesu Namen! Sohn, hör auf mit diesem Bösen!
Der Name Jesu wird vom Bösen dich erlösen!
GEORG
Was hab ich denn getan? O Vater Adam mein,
Kannst du denn deinem Sohn, dem Georg noch verzeihn?
Ich bin doch auch dein Sohn und zähl mich zu den Deinen.
Ach, weinen muß ich sehr, muß heiße Tränen weinen!
ADAM
Dich lieb ich sehr, mein Sohn! Doch nicht den bösen Geist,
Der manchmal voller Zorn in deinen Gliedern reißt.
Dich, lieber Georg mein, von allen meinen Söhnen,
Dich nenn ich den Apoll, antikisch-griechisch Schönen.
EVA
Warum, mein lieber Mann, ist unser Kind brutal?
Warum entscheidet er sich so in freier Wahl?
ADAM
Dämonen gehen um auf dieser unsrer Erde,
Wie Wölfe voller Gier, sie reißen an der Herde.
Wie hilflos ist das Lamm vorm wilden Wolfe doch!
Die ganze Erde geht in Satans schwerem Joch!
Der Völkerpräsident, die Völker unterjochend,
Will kleine Kinder, sie im Blut der Mütter kochend,
Verschlingen, Moloch gleich, dem Gräuelgötzenbild.
Die Philosophen auch sind wie die Wölfe wild.
EVA
Die Philosophen, so? Was lehren Philosophen
In dieser unsrer Zeit? Ich frage wie die Zofen.
ADAM
Sie lehren einen Gott, der gut und böse ist,
Den Gott der Liebe nicht, den glaubt der wahre Christ.
Der gut und böse Gott, der schafft durch die Vernichtung,
Erschafft die Welt durch Mord, das ist nicht schlechte Dichtung.
Sie sagen, dass der Mensch zuvor ein Affe war,
Der seine Ahnen fraß, sie fraß mit Haut und Haar,
Und weil er fraß das Fleisch mit seinen Proteinen,
Zu denken er begann. So also wurde ihnen
Des Denkens Kraft zuteil durch ihren Vatermord.
Der Philosophen Witz lehrt nämlich dieses Wort:
Der Starke überlebt! Der Starke ist der Böse,
Der Starke überlebt durch seiner Bosheit Größe.
Drum Stärke gilt allein, es gilt allein die Macht.
Die Macht ist das Gesetz in dieser Denker Nacht.
Es gilt nicht Lammesart, wie bei des Landes Stillen,
Der Mensch will nichts als Macht mit dem brutalen Willen.
Es siegt allein der Mensch der unbegrenzten Kraft.
Nicht Liebe ist Gesetz, nein, wilde Leidenschaft.
Der Bestie wüste Gier, der aufgesperrte Rachen
Besiegt die Lammesart, jetzt gilt die Kraft des Drachen.
Der Mensch befreie sich vom göttlichen Gebot,
Der Gott der Liebe ist gescheitert! Gott ist tot!
Jetzt gilt der Neue Gott, der Gott der Macht und Stärke,
Vernichtung ist sein Ziel und Mord sind seine Werke.
So schafft der Gott der Macht den starken Übermann,
Das wilde Überweib, die wild sich paaren dann
Und zeugen dann in Lust die Übermenschenrasse!
Die Lammesart verdirbt, die Untermenschenklasse.
EVA
Wer ist der Untermensch, der unterlegen ist?
ADAM
Jehowahs Jude ists und es ist Christi Christ!

NEUNTE SZENE

(Georg kommt aus der Schule. Adam steht am Tor des Hauses und geht seinem Sohn mit offenen
Armen entgegen. Er nimmt ihn in die Arme.)

GEORG
O Vater Adam mein, wir müssen in der Schule
Ein Zeichen tragen nun, das Mal vom Beelzebule,
So denke ich, es ist das Zeichen Sechs Sechs Sechs!
ADAM
Sie lachen alle laut und brüllen: Sex Sex Sex!
GEORG
Was heißt dies Zeichen denn, was hat es zu bedeuten?
ADAM
Ich hörte früher oft von vielen frommen Leuten,
Sechshundertsechzig und noch sechs sei Neros Zahl.
Der Kaiser Nero war ein Kaiser Roms einmal
Und hielt sich selbst für Gott und ließ sich auch anbeten.
So war es schon dereinst im Freudengarten Eden,
Da Satan sprach zur Frau: Du selbst wirst Gottheit sein,
Gott ist nicht absolut und ewig, einig Ein,
Vielmehr der Mensch ist Gott, der Mensch an Stelle Gottes!
Ursünde nennt man dies und Inbegriff des Spottes.
Doch heute vielmals mehr als einst im Paradies
Die Welt der Sünder sagt genau gerade dies,
Die Sünder unsrer Welt die Schuld noch potenzieren
Und spielen Schöpfer selbst. Doch Satan wird verlieren!
Der Mensch vergöttert sich und hält sich selbst für Gott,
Will selber Töpfer sein und töpfern den Schamott,
Will selber Schöpfer sein und schaffen Lebewesen.
Das ist der Bestie Zahl, so sagen Exegesen.
GEORG
Wenn ich jedoch die Zahl nicht trage auf der Haut,
Darf ich zur Schule nicht. Ich hab es angeschaut
Bei einem Kind, das von der Schule ward verwiesen,
Weil es geglaubt an Gott, den Herrn von Paradiesen,
An Gott, den Schöpfergott, den schöpferischen Geist.
Verachtet wird ja jetzt, wer Gott als Schöpfer preist!
ADAM
Verachtung, Hohn und Spott, das sind der Sünder Waffen,
Der Gotteslästerer, die Söhne sinds des Affen.
Wir aber lieben Gott, den lieben Vater mild,
Der uns geschaffen hat als Gottes Ebenbild.
GEORG
Und nun das Sechs Sechs Sechs, was will das mir nun sagen?
ADAM
Ich will die Deutung jetzt auf diese Weise wagen:
Es werden kommen sechs, es werden leiden sechs,
Es werden dann bestraft vom Zorn des Lammes sechs.
GEORG
Sankt Michaelis Schwert soll Satans Macht verkürzen!
Er soll die Satansschar rasch in die Hölle stürzen!
ADAM
Erzengel Michael beschütze dich, mein Sohn!
Erzengel Michael, sei Georgs Schutzpatron!

(Eva tritt aus dem Haus)

EVA
Wer nicht des Biestes Zahl trägt, wer sich nicht lässt taufen
Auf dieses Biestes Zahl, der kann jetzt nichts mehr kaufen!
ADAM
Nun backe mir ein Brot und gib mir etwas Fleisch!
EVA
Ich habe nichts mehr da. O hilf uns, Jungfrau keusch!
ADAM
Ich betete zu Gott dem Vater um die Speise,
Gott sprach mir in mein Herz, der Ewige, Allweise:
Der Mehlkrug wird gefüllt an jedem Tage sein,
Du bitte nur ums Brot, so wird dein Gott allein
Dir Speise geben, Brot und Fleisch dazu als Nahrung.
Gedenke doch daran, wie in der Offenbarung
Elias sprach mit Gott und wie des Herrn Gebot
Ihm, dem Propheten, und der Sunemitin Brot
Gegeben jeden Tag und ihren Mehlkrug füllte,
Der Sunemitin und dem Sohn den Hunger stillte.
Schau, wie Elias einst zu Gott gebetet keusch
Und Raben brachten ihm alltäglich Brot und Fleisch.
So wird am Abend und an jedem neuen Morgen
Gott durch ein Wunder selbst auch dich und mich versorgen.
Sei ohne Sorge, Frau, in dieser Zeit der Not,
Den Vater bitte nur alltäglich um das Brot.
Nun in die Küche geh, das Brot wird dir geraten
Und in der Pfanne sollst du mir das Fleisch auch braten.
Dann mach ein leckres Mahl für dich, wie dirs gefällt,
Und unsern Söhnen auch, verachtet von der Welt,
Geliebt vom lieben Gott, den Hungernden, Betrübten
Bereite du ein Mahl, den von dem Herrn Geliebten!
EVA
Und speisen wir das Mahl, dann segne dein Gebet
Die Speise, die bei uns auf unserm Tische steht.
ADAM
Ja, immer soll des Herrn, des großen Gottes Segen
Heil über unser Brot und alle Speise fegen!
EVA
Mein lieber Jesus! Sei bei unsrer Mahlzeit Gast
Und segne uns das Mahl, das du gespendet hast!
ADAM
Und nach dem Mahl des Danks wir wollen uns nicht schämen:
O lieber Gott und Herr, wir wünschen teilzunehmen
Dereinst im Paradies in Christi Speisesaal
Als Gottes Kinder an des Lammes Hochzeitsmahl!

ZEHNTE SZENE

(Adam spielt mit Thomas im Garten. Im Gartentor flüstern Lili und Eva.)

LILI
Wo warst du heute Nacht? Du warst ja nicht zu Hause.
EVA
Beim Komödianten war, beim Clown ich in der Klause.
Er hatte viel Humor, war heiter und war nett,
So bin gelandet ich in eines Engels Bett,
Wo wir des Liebesspiels im Ehebruche pflagen.
LILI
Doch davon sollst du nichts dem Ehemanne sagen!
THOMAS
O lieber Adam mein, wir spielen Sternenkrieg!
Der Sternenkriegern wird zuletzt der große Sieg!
ADAM
Mein Thomas, weißt du, dass ich Kaiser bin von China?
Wie lacht der Morgenstern, die Stella Matutina,
Wie ging die Sonne auf, wenn ich es ihr gebot,
Wie folgsam folgte mir die Jungfrau Morgenrot,
Wie schön und jung sie war, wie ließ sie ihre Wimpern
Von rötlichblondem Haar an ihren Lidern klimpern!
THOMAS
Bist du nicht Kaiser mehr? Wo ist dein Kaiserthron?
ADAM
Die Bauern haben mich verjagt vom Thron, mein Sohn,
Mit Knüppel und mit Spieß verjagten mich die Bauern,
Ich muß als Himmelssohn in der Verbannung trauern.
THOMAS
Ich werde helfen dir, ja, meine Krieger gleich
Erobern dir zurück dein großes Kaiserreich!
ADAM
Die Grenze ist bewacht. Dort Bauer steht an Bauer
Und überwacht das Reich an Chinas großer Mauer.
THOMAS
Dann schleichen wir uns still und heimlich, leis und sacht
Im Schutz des Nebels durch die dunkle Mitternacht.
ADAM
Schon aufersteht mein Heer aus seinen Katakomben!
THOMAS
Und ich befrei dein Reich mit atomaren Bomben!
ADAM
Nur Tonsoldaten, Sohn, aus ihren Katakomben!
Ich bitte dich, sprich nicht von atomaren Bomben!

(Quintus kommt in heller Aufregung in den Garten gerannt.)

QUINTUS
O Mama, Mama mein! In diesem schlimmen Krieg
Gibt’s keinen Sieg, es gibt auf keiner Seite Sieg.
Nun Russland liegt im Krieg mit China in dem Osten,
Der vielen Seele doch das Leben noch wird kosten.
Das allerschlimmste doch, das jetzt geschehen ist,
Das glaubt keiner guter Mensch, das glaubt kein lieber Christ,
In Nordkorea fiel die atomare Bombe!
EVA
In Nordkorea fiel die atomare Bombe?
ADAM
In Nagasaki einst in Japan fiel sie auch,
Die Menschen starben hin von ihrem Todeshauch.
In einem Kirchlein nur ein Häuflein Jesuiten
War grad beim Rosenkranz. Schenk, Königin, uns Frieden!
Dieweil die Bombe tanzt den großen Todestanz,
Die Jesuiten flehn nur mit dem Rosenkranz,
Und Nagasaki ward zerstört und ward zu Trümmer,
Es starben Jahr um Jahr die Menschen, immer schlimmer,
Allein das Kirchlein blieb verschont, das Kirchlein schön,
Es blieb das Kirchlein heil und ganz erhalten stehn.
EVA
Sag bei des Todes Macht und seiner Schrecken Klarheit,
Ist, was du grad erzählt, die makellose Wahrheit?
ADAM
Als das Atomkraftwerk in Russland explodiert,
Der Todeswolke Gift sich durch das Land verliert
Und alles krank wird und viel Menschen aus dem Volke
Versterben an dem Gift der dunklen Todeswolke,
Ein Höhlenkloster blieb erhalten, heut noch steht
Das Höhlenkloster, da man betete Gebet
Und sang Maria Lob, die Mönche nicht erkrankten
Und Unsrer Lieben Frau allein das Wunder dankten.
EVA
So rettet uns auch jetzt nur Unsre Liebe Frau?
Wir Sünder wissen, dass wir Sünder sind, genau,
Nur Unsre Liebe Frau ist ohne jede Sünde!
ADAM
Gib deinen Segen uns, o Mutter mit dem Kinde!

ELFTE SZENE

(Dreitägige Finsternis. Eva und Adam flüstern im Dunkeln.)

EVA
Drei Tage währt nun schon die große Finsternis,
Ob Licht erneut erscheint, ist leider ungewiß.
Unheimlich ist es hier, ich höre ein Gemunkel
In dunkler Finsternis, von Augen ein Gefunkel,
Die Tiere herrschen nun, es herrscht in unserm Haus
Und in dem Schlafgemach die fette graue Maus
Und unterm Dache herrscht die alte fette Ratte,
Die Rättin triumphiert, die geil ist wie ihr Gatte,
Hoch oben auf dem Dach die alte Eule sitzt,
In tiefer Finsternis ihr graues Auge blitzt,
Vom Walde höre ich den Uhu auch, den Boten,
Der kündet Geister an der heimgegangnen Toten,
Vorm Hause aber laut die alte Eiche ächzt,
In ihrem Wipfel laut die schwarze Krähe krächzt,
Der Rabe auch stolziert und schlägt die schwarzen Flügel
Und durch den Efeu schlüpft zur Mitternacht der Igel.
ADAM
Das alles ist nicht schlimm. Bei Romas Obelisk!
Ich seh, das Auge blitzt, es blickt der Basilisk,
Sein Blick versteinert wie das Blicken der Meduse,
Wie blickt der Basilisk, so schaut nicht meine Muse,
Die schaut mit Taubenaug durch ihren keuschen Schleier,
Ich aber seh im Geist die Basilisken-Eier,
Dem Basilisken-Ei ein Basilisk entschlüpft,
Ein Flügeldrache auch durchs tiefe Dunkel hüpft,
Der Feuerdrache hat zu fauchen angefangen,
Ich seh in dunkler Nacht hier auch ein Nest von Schlangen,
Die Anaconda und die Boa würgen stark,
Der Skorpionenschwanz sticht Gift ins Knochenmark,
Pfeilschlangen richten sich blitzschnell in steile Höhe,
Die Strumpfbandnatter auch ich dich umwinden sehe,
Feldteufel lauern dort, die ich gesehen hab,
Die Bocksdämonen dort beim Götzenbild Priap,
Die Bocksdämonen sich vermählen ohne Zweifel
Mit Nachtgespenstern, mit Frau Lilith, dem Sie-Teufel,
Die Lilith-Teufelin hab ich zur Nacht geschaut,
Geliebte Luzifers, des alten Satans Braut,
Verführerin der Welt, die Kinder zu ermorden,
Die Weiber heute sind von Liliths Teufelsorden,
Die Lilith-Teufelin brüllt immer Sex Sex Sex,
Den Neuen Adam nennt sie ihren alten Ex,
Verführt die Weiber mit wollüstigen Versprechen,
Zu stiften Unheil und den Ehebund zu brechen.
Herr Jesus, Gott, du ewiger Ich-Bin,
Treib du aus dieser Welt die Lilith-Teufelin,
Die Lilith-Teufelin treib aus in Gottes Namen,
O Jesus Christus, o Herr Christus Jesus, Amen!

(Maximilian tritt fröhlich aus seinem Schlafzimmer)

MAXIMILIAN
O liebster Papa mein, du starker Lebensbaum,
Ich hatte diese Nacht solch einen schönen Traum,
Ich war alleine in der schönsten Gartenlaube,
Da aus dem Frühlingsgrün mich schaute an die Taube,
So sanft ihr Auge war, so liebevoll ihr Blick,
So voller Frieden und Erbarmen, dass voll Glück
Mein Herz ging auf und ich vernahm, fern allen Spottes,
Die Menschenstimme sanft der Friedenstaube Gottes:
Ich künde Frieden euch, ich Taube Elohims!
Die Engel sah ich da vom Tal Mahanajims,
In Händen hielten sie goldweiße Rosenkränze
Und tanzen froh im Lenz die schönsten Hochzeitstänze!
EVA
O schaut, ein Licht erscheint, ein junges Morgenrot,
Der neue Tag erscheint, die Finsternis ist tot,
Aurora kommt zurück, die Göttin Morgenröte,
Hyperion erscheint und Pan bläst seine Flöte,
Hyperion erscheint vom alten Götterstamm,
Die Sonne kommt, das Licht erscheint als Bräutigam,
O Wonne, welch Genuß, dies süße Licht zu kosten,
Es kommt der Bräutigam, es kommt das Licht von Osten!
ADAM
O Jesus, Licht der Welt, erleuchte uns dein Licht,
Laß leuchten über uns, o Herr, dein Angesicht!

(Lili tritt ein)

LILI
O meine Lieblingin und o du auch, mein Lieber,
Singt Halleluja Gott, der Krieg ist jetzt vorüber!
Der Kaiser Chinas hat zu Chinas höchstem Ruhm
Zu seiner Religion erklärt das Christentum!
Auch Russlands neuer Zar weiht Russland nun Maria
Und betet Christus an als Hagia Sophia!
Europas Völkerbund, die heilige Union,
Nimmt als Patrone an Maria mit dem Sohn,
Europas Fahne trägt das Bild der Unbefleckten,
Der höchsten himmlischen All-Schönheit, der Perfekten!
ADAM
Nie wieder mehr der Krieg, nie wieder mehr der Krieg!
Die Taube Elohims, sie brachte uns den Sieg!
Die Taube Elohims, sie segne uns hienieden!
Jetzt kommt der Friedefürst zum allgemeinen Frieden!
ZWÖLFTE SZENE

(Maximilian und Simeon spielen im Garten. Am Himmel erscheint für alle Welt sichtbar das Kreuz.
Dann erscheint auf einer Wolke die Jungfrau Maria mit dem göttlichen Jesuskind. Das göttliche
Jesuskind trägt eine Kaiserkrone und einen weißen Kaisermantel, weißer als Schnee. In der einen
Hand hält das Jesulein die Erdkugel mit einem Kreuz und in der anderen Hand sein Szepter.)

SIMEON
Ich habe große Angst, ich zittere vor Angst!
Sing, Maximilian, was du dem Vater sangst!
MAXIMILIAN
Beim lieben Jesulein! Gott lässt die Lieben sprießen
Und lässt die Bösen in der heißen Lava fließen!
JESUS
Geliebte Kinderlein! Ich segne euch in Gott,
Des Himmels Vatergott! Ich komme ohne Spott
Voll von Barmherzigkeit als euer lieber Heiland,
Ich war in Bethlehem Kind in der Krippe weiland
Und bin auch heut noch Kind, mein Vater ist mein Gott,
Und König bin ich auch, ja Kaiser ohne Spott,
In aller Einfachheit, ich bin der Fürst der Liebe.
Ihr lieben Kinderlein in diesem Weltgetriebe
Sollt auch wie Kinder sein, und euer Vater ist
Der liebe Vatergott, der niemals euch vergisst.
So hört nicht auf die Welt und auf ihr falsches Flüstern,
Hört nicht auf den Betrug, die Leute sind so lüstern,
Ihr sollt nur einfach sein, gerecht sei euer Herz,
Und eure Liebe schickt zum Vater himmelwärts
Und liebt auch Gottes Sohn, ich bins doch, Jesu Christe,
Heut komme ich zu euch. Schaut meiner Mutter Brüste!
Ich schenk euch meine Huld, die Gnade und die Gunst,
Ich kenne eure Not, ich kenne eure Kunst.
So betet, dass ich mich an eurem Beten freue,
Und haltet mir und auch der Lieben Frau die Treue.
Ich helfe euch, ich bin als euer Retter da,
Sagt ihr nur zu dem Herrn und seiner Mutter Ja!
Oft habt ihr große Angst, euch locken viele Reize,
Schaut immer nur zu mir und schaut zu meinem Kreuze
Und tragt auch euer Kreuz und ruft noch mehr zu mir,
Denn wenn ihr zu mir ruft, ich sag dann: Ich bin hier!
Ich bin der Heiland doch. Ihr Kinderlein auf Erden,
Ihr sollt nur Kinder sein, nur Gotteskinder werden,
Das ist der ganze Weg, des Vaters Kind zu sein,
Das ist das Ganze schon, so seid ihr ewig mein!
MAXIMILIAN
O süßes Jesulein, ich seh in deinem Blicke
In weiter Ferne schon des Paradieses Glücke!
Schon schwebt die Seele mir aus meinem Kerker-Leib,
Wie durch den Wirbelsturm ich in das Dunkel treib.
Was ich im Jenseits schon als reiner Geist gefunden,
Ist, tausend Jahre währt ein Augenblick von Stunden.
Ich sehe ein Gesicht, ich sehe im Gesicht
Mein ganzes Leben, seh, wo mir gelungen nicht
Der frommen Tugend Weg, wo Kinder ich gepeinigt,
Wo ich der Lüge mich, dem Diebstahl mich vereinigt.
Und Jesus, da bist du, unsichtbar die Person,
Doch spürbar bist du da, sanft deiner Stimme Ton,
Du sagst mir: Kindlein, dort du tatest nicht das Gute.
Voll Reue ist mir da zu Tränenflut zumute.
Dort eine Geisterschar will sehen mich bestraft,
Die andre Geisterschar, voll des Erbarmens Kraft,
Bedeutet mir, dass nichts dich, Jesus, so erfreue
Als voll Bedauern und Betrübnis meine Reue,
Das sei dir schon genug und nichts von Strafe mehr!
Da schweb ich in der Nacht, des Universums Meer,
Ich hänge ganz allein in bodenlosem Nichtsein,
Da seh ich einen Punkt voll wunderschönem Lichtschein,
Es zieht mich an der Punkt. Wie meine Seele reist
Nun näher diesem Punkt, gesellen Geist an Geist
Sich meiner Seele zu, ganz geistig ihre Leiber,
Doch schön, viel schöner selbst als allerschönste Weiber.
Wir reden Weisheit nur, der Menschheit Wissensschatz
Wird denkend ausgetauscht mit einem bloßen Satz.
Das Licht kommt näher und ich gehe in den Lichtschein
Mit meiner Seele ein, ich tauche in das Licht ein.
Ja, jetzt bin ich in Gott! Ich bin total geliebt!
In Gottes Innerem es nichts als reine Liebe gibt!
So große Liebe gab es niemals auf der Erde
Und immer größer dort die Geisterliebe werde!
Und alles ist so schön, das sagt kein Menschenmund!
Ja, alles ist ganz weiß und alles ist ganz bunt!
Ja, alles ist ganz still und alles voll von Tönen
Und ich bin auch ein Ton in dieser wunderschönen
Musik des Himmels! Ach, mein Reden ist ein Spott!
Die Liebe ists allein! Die LIEBE ist mein Gott!

COLOMBINES HOCHZEIT

ERSTE SZENE

(Colombine, ihr Lebensgefährte Harlekin und ihr Hausfreund Pierrot)

COLOMBINE
Ich lieb den David und den Alexander,
Die beiden sind ja Forcen miteinander.
HARLEKIN
Ich bin doch der Gefährte deines Lebens.
PIERROT
Du, Harlekin, bist Colombines Freund,
Geliebt als der Gefährte ihres Lebens,
Ich aber bin ihr armer Minnesklave,
Sie ist mir Engel, Muse und Madonna!
COLOMBINE
Pierrot, du kannst so herrlich Süßholz raspeln!
PIERROT
Ach Colombine, ach, wie lieb ich dich!
HARLEKIN
Wie? Meine Colombine willst du lieben?
COLOMBINE
Ach Harlekin, mach dir nur keine Sorgen,
Pierrot liebt mich rein geistlich und platonisch.
HARLEKIN
Aha? Platonisch liebt er dich und musisch?
COLOMBINE
Pierrot, Pierrot, ich aber lieb dich nicht,
Ich lieb dich nicht, ich lieb dich nicht, Pierrot!
PIERROT
Man soll mich nicht durch Gegenliebe stören...
HARLEKIN
Und liebst du mich, geliebte Colombine?
COLOMBINE
Am Anfang war ich sehr in dich verliebt,
Du ähnelst meinem Vater, als er jung war,
Doch weiß ich nicht: Ob ich dich jetzt noch liebe?
PIERROT
Du liebe Gott, den Nächsten wie dich selbst –
Ach lass mich bitte deinen Nächsten sein!
Hast du mich nicht ein kleines bisschen lieb?
COLOMBINE
Du kannst so nette Sachen sagen, Freund,
Ich hab dich gern, ja auch ein wenig lieb.
Vor allem aber liebe ich mich selber!
Wenn ich mich selber nur genügend liebe,
Hab ich das göttliche Gebot erfüllt.
Wenn ich mich selber lieben kann von Herzen,
Dann kann ich auch die ganze Menschheit lieben!
PIERROT
Ich aber liebe dich, o Colombine!
COLOMBINE
Pierrot, ich liebe ja die ganze Menschheit!

ZWEITE SZENE

(Harlekin am Bett des sterbenden Pantalone)

PANTALONE
Ich sterbe nun. Doch gibt es keinen Gott!
Gott ist ein Märchen nur aus alten Büchern!
Mein Vater ist gestorben in dem Krieg
Und meine Mutter starb, als ich noch Kind war.
Wenn Gott ist gut und dazu noch allmächtig,
Warum dann musste ich als Kind so leiden?
Vielleicht ist Gott nicht gut und schafft das Leid?
Vielleicht ist machtlos Gott, dem Leid zu wehren?
Ich fand auf dieser Erde, dass das Geld
Die Wünsche alle dir erfüllen kann.
Der Pastor sagte: Lern den Glauben kennen,
Ich aber wollte nichts vom Glauben wissen.
Ich hörte: Wenn du gehst zur Jugendkirche,
Die Paten schenken dir Geschenke dann.
So ging ich also zu der Jugendkirche,
Als grad der Unterricht vorüber war.
Der Pastor drückte beide Augen zu
Und nannte mich doch einen Christenmenschen.
Da habe ich Geschenke um Geschenke
Bekommen und – trat aus der Kirche aus.
Das Geld allein ist wirklich Glücklichmacher!
Mein Harlekin, mit einem Fuß im Grabe,
Verkünd ich dir die Lehre wahrer Liebe:
Wenn du ein Mädchen wirklich lieben willst,
Dann teile deinen Geldbesitz mit ihr!
Wenn du dein Geld für dich allein behältst,
Dann fühlt die Frau sich nicht von dir geliebt.
Doch wenn du teilst dein Eigentum an Geld,
Dann spürt sie: Du liebst sie von ganzem Herzen!
HARLEKIN
Ich geh zur Arbeit ja den ganzen Tag
Und bring allein das Geld in unsern Haushalt.
Die Freundin soll zuhause Ordnung schaffen,
Soll Essen kochen und den Garten pflegen,
Wenn sie sich langweilt, soll sie plaudern doch
Mit diesem närrischen Pierrot von Gott.
Mein Geld jedoch behalt ich für mich selber,
Ich muß mir meine Drogen doch beschaffen.
PANTALONE
Und rede nicht so viel mit deiner Frau!
Die Frauen lieben allzu sehr das Plaudern,
Du aber rede nur mit deiner Flasche!
Wenn deine Frau sich unterhalten will,
So soll sie doch mit den Kaninchen reden!...
(Pantalone stirbt)
HARLEKIN
Ein Vorbild er an väterlicher Strenge!
Warum muss sterben doch ein solcher Vater?
Unsterblich müsst er sein, das wär gerecht!

DRITTE SZENE
(Dottore Grazioso und Pierrot)

DOTTORE GRAZIOSO
Ich möchte dich nicht überfallen mit
Dem vollen Redeschwall des alten Mannes,
Was doch die Ritter von dem Kreuze taten,
Wie Richard Löwenherz gewütet hat
Und wie so weise Saladin gewesen,
Dem Richard Löwenherz in Sherwood Forest
Ist treu geblieben einzig Robin Hood.
Die Weltgeschichte schrieb mir ein Professor,
Wie sie erlebt ward von den armen Leuten.
Denn in den Büchern der Geschichte sonst
Stehn nur die Meinungen der Herrschenden.
Reiß aber aus den Büchern der Geschichte
Nur jedes Blatt, drauf Lüge steht geschrieben!
Doch Neunzehnhundertachtundsechzig stand
Ich in Paris auch auf den Barrikaden!
Wenn jetzt die kleinen Enkel zu mir kommen,
Versohl ich ihnen tüchtig ihren Hintern!
Doch ich vergesse nicht, wie du gepredigt
Als Freigeist hattest über Buddhas Weisheit,
Erinnerst du dich? Oder war es doch
Der weise Lao Tse auf seinem Büffel?
Ich bete jeden Abend zu dem Büffel,
Daß er in dieser Finsternis der Endzeit
Mich trage einen Weg in bessre Zeiten.
PIERROT
Es kommt das Reich des Friedens des Messias!
DOTTORE GRAZIOSO
Ob unsre Wege sich noch einmal kreuzen?
Du weißt jedoch, wo du mich finden kannst:
Ich wohne auf dem Zwillingssternbild Kastor.
PIERROT
Ich bin zuhause auf dem Pollux-Stern.
Doch sind die Zwillinge stets nah beisammen.
DOTTORE GRAZIOSO
Ob du geboren auch am Arsch der Welt,
Da sind geboren doch auch große Denker,
Die dem gemeinen Pöbel weit voraus!
PIERROT
Dottore, dich zu sprechen, welche Freude!
DOTTORE GRAZIOSO
Dank allen Egoisten, die mich plagten,
Sie lehrten mich die Feindesliebe üben!
Dank allen Satanisten, die mir fluchten,
Sie lehrten mich, den Herrn noch mehr zu lieben!
Dank allen, die mich ganz allein gelassen,
Sie lehrten mich die Freiheit, die der Geist schenkt!
Vor allem aber Dank den schönen Seelen,
Die mich so lieben, wie ich bin, denn sie
Beschenken mich mit Lebenskraft und Hoffnung!
VIERTE SZENE

(Pierrot geht bei Don Juan und Eros in die Schule, die Sprache der Liebe zu lernen)

PIERROT
O Don Juan, wie spricht man von der Liebe?
DON JUAN
Im Süden sind die Frauen Huris gleich,
Geheimnisvoll die schöngeformten Augen,
Stets enggebaute Jungfraun noch im Alter,
Mit vierzig Jahren schwarz noch ihre Haare,
Schön wie die Frauen sie des Paradieses!
PIERROT
Hast du erkannt die ideale Traumfrau?
DON JUAN
Ich liebte Julia auf dem Balkon
Und Haidi liebte ich an Zyperns Strand,
Mit Dudu lag im Harem ich im Bett,
Die Zarin Katharina liebte ich,
Die große Hure, welche Friedrich plagte,
Aurora liebte ich im kühlen England.
Doch als ich dann Elvira sah, da starb ich,
Der steinerne Komtur hat mich ermordet!
Die große Liebe meines Lebens ist
Die Frau, die Todesschmerzen mir geschenkt!
PIERROT
Ja, meine Mörderin ist Colombine!
EROS
Ist Colombine deine schöne Psyche?
PIERROT
Ich habe keine eigne Psyche mehr,
Denn meine Psyche, das ist Colombine.
EROS
Gott Eros redet wie ein Therapeut:
Ist sie dir die blauäugichte Athene,
Ist sie dir Hera mit den Lilienarmen,
Ist sie die Aphrodite deines Blutes?
PIERROT
Wenn Colombine wandelt, wandelt sie
Schön wie die Himmelskönigin im Himmel,
Wenn Colombine redet, redet sie
Geheimnisvoll und mystisch wie Frau Weisheit,
Wenn Colombine lächelt, lächelt sie
Voll Charme und Zauber wie die Schöne Liebe!
EROS
Wenn du nun deine Colombine liebst,
Ist Unsre Liebe Frau dann eifersüchtig?
PIERROT
Was kann Frau Weisheit denn dafür, dass sie
So ähnlich ist der Liebe meines Lebens?
FÜNFTE SZENE

(Colombine zieht aus dem gemeinsamen Haus aus, da sie sich eben mal kurz von Harlekin trennt.
Pierrot schleppt ihre kaputten antiken Möbel und ein wurmstichiges antikes Klavier hinter seiner
Herrin her.)

COLOMBINE
Mein Harlekin, mein schlimmer Harlekin!
Du bist genauso wie mein alter Vater,
Du siehst auch aus, wie einst mein Vater aussah,
Als er noch jung war und ich war sein Kind,
Da strengte ich mich an, um seine Liebe
Mir zu verdienen, aber ach, vergeblich!
Nun hab ich lange strebend mich bemüht,
Auch deine Liebe zu verdienen, aber
Du bist genauso wie mein Vater – lieblos!
HARLEKIN
Was für ein psychologisches Geschwätz!
Wenn du nur in der Küche fleißig wärst
Und jeden Tag die alten Teller spültest
Und meine Kaffeebecher sauber wüschest
Und wenn du dann den Boden fegen würdest
Im Wohnraum, fegen alle Essenskrümel,
Dann könnte ich dich lieben auch von Herzen.
Du aber sitzest Tag für Tag beim Tee
Mit deinem Hausgalan Pierrot und plauderst!
Schau dir doch nur das Schlafgemach mal an,
Wie dort sich große Wäscheberge sammeln
Und Bücher stapeln sich in allen Ecken
Und überall Papiere liegen da
Mit Liebesdichtung von Poet Pierrot
Und Essenskrümel liegen unterm Bett,
Wo Mäuse sich zum Abendmahl versammeln.
Pierrot kann schwatzen viel von Liebeskunst,
Altindisch, altchinesisch, doch Pierrot
Muß auch nicht unter deiner Decke liegen,
Die Monde lang nicht mehr gewaschen wurde.
COLOMBINE
Ich gründe meinen eignen Haushalt jetzt.
Mein Freund Pierrot, du hilfst mir bei der Arbeit?
PIERROT
Ich bin ganz dein, bin dein geringster Sklave!
COLOMBINE
Ach, nie mehr wird ein schöner Mann mich lieben!
Ich sterb als alte Jungfer Trockenpflaume!
PIERROT
Die Männer aller Völker reißen sich
Darum, dich Supergöttin zu beglücken!
COLOMBINE
Mein Freund, du sagst so nette Sachen immer.
SECHSTE SZENE

(Colombine und Pierrot renovieren Colombines neue Wohnung, die Sterbewohnung der frommen
Großmutter Kolumbina.)

PIERROT
Den Pinsel tauch ich in den Farbentopf.
COLOMBINE
Vom Pinsel tropft die weiße Farbe ab.
PIERROT
Wie du geschickt den harten Hammer hältst!
COLOMBINE
Der Hammer liegt sehr gut in meiner Hand.
PIERROT
Ich sehe schon, du bist geschickt im Nageln.
COLOMBINE
Reichst du die Latte bitte zu mir hoch?
PIERROT
Ist kein Problem! Empfange du die Latte!
COLOMBINE
Kriegst du die Latte hoch? Ich helfe dir.
PIERROT
Im Oberstübchen ist mein Schlafgemach.
COLOMBINE
Mein Himmelsbett verschleire ich mit Schleiern.
PIERROT
Wenn ich in deinem Haus mal schlafen dürfte!
COLOMBINE
Du hast zu tief geschaut wohl in den Becher?
PIERROT
Ein Becher ist dein Becken voller Rauschtrank!
COLOMBINE
Das geht mir doch zu weit! Mein lieber Freund!

(Sie schweigen eine Zeit peinlich verlegen)

PIERROT
Ich hör in meinem Kopfe deine Stimme.
COLOMBINE
Was sagt in deinem Kopfe meine Stimme?
PIERROT
Ich höre deine Stimme immer seufzen:
Ach Harlekin, ach liebster Harlekin!
COLOMBINE
Ich dachte eben auch an Harlekin,
Ich dachte, und es seufzte meine Seele:
Ach Harlekin, ach liebster Harlekin!
PIERROT
Verwandt sind unsre Seelen, dass ich deine
Gedanken lese wie ein offnes Buch.
COLOMBINE
Du kannst nun gehn. Wir machen morgen weiter.

SIEBENTE SZENE

(Weihnachten. Weihnachtlich geschmückte Stube. Colombine ist zu Harlekin zurückgekehrt. Pierrot


kommt als Hausfreund zu Besuch.)

PIERROT
O Colombine, o mein Colombinchen
Ich habe soviel zärtliche Gefühle
Für deine schöne Seele, meine Freundin!
Mir scheint gemütlich diese Weihnachtsstube
Der Stall von Bethlehem und du Madonna!
COLOMBINE
Mein Harlekin, du wunderschöner Mann,
Dein Körper ist wie eine Marmorsäule,
Du stehst erhaben auf dem goldnen Sockel,
Dein Kopf ist gelbes Gold, ganz rein geläutert,
Dein Lockenhaar ist schwarz wie Rabenfedern.
PIERROT
Mein honigsüßes Colombinchen, du
Bist meine vielgeliebte Turteltaube!
Ich kenne viele Närrinnen auf Erden,
Die Corallina und die Smeraldina,
Du aber bist die allerschönste Närrin!
Du bist die auserwählte Zofe Gottes!
COLOMBINE
Mein Harlekin, du Mann nach Gottes Herzen,
Wie männlich bist du und wie riechst du männlich,
Auch bist du gut rasiert und parfümiert,
Hier ist das männliche Parfüm Tabak,
So mag ich deinen männlichen Geruch.
PIERROT
O Colombine, meine Weihnachtstanne,
Behangen mit Rosinen und mit Feigen,
Ich möchte plündern diese Weihnachtstanne!
Ach, wickle du dich in Geschenkpapier
Und schenk dich mir zu eigen diese Weihnacht!
Bestreichen will ich dich mit Schokolade
Und dann genüsslich dich vernaschen, Süße!
COLOMBINE
Mein Harlekin, du bist mein Weihnachtsmann,
Ich zieh dir deinen roten Mantel aus,
Wie gut bist du gebaut, perfekt genormt,
Heut nacht vernasche ich den Weihnachtsmann,
Den süßen Schokoladenweihnachtsmann!
PIERROT
Ach, Colombine, ach! Du siehst mich nicht!

(Pierrot ab wie ein fortgejagter Straßenköter)


COLOMBINE
Mein Gott, mein Gott, mein lieber Harlekin,
Wie schön ist es, mit dir allein zu sein!

ACHTE SZENE

(Pierrot trifft am zweiten Weihnachtstag die Schöne Dame oben unter ihrem Dach im Oberstübchen.
Sechzehnjährige Schönheit! Leicht bekleidet! Viel nackte Haut!)

PIERROT
Verschleire dich, du junge schöne Dame,
Denn sonst erwacht in mir die Fleischeslust!

(Die Dame verhüllt ihre bloßen Schultern und Arme, aber der Ansatz ihrer festen Brüstchen bleibt
offenbar)

SCHÖNE DAME
Im humanistischen Gymnasium
Hab Solomon und Platon ich gelesen.
PIERROT
So sag mir, Schöne Dame, was ist Liebe?
SCHÖNE DAME
Gott ist die Liebe und der Mensch ist Liebe!
Die Liebe Gottes ist ein Mensch geworden!
Wenn ein Verliebter seine Liebste schaut,
So schaut er Gottes Liebe an im Gleichnis,
Er schaut, er betet seine Liebste an,
Doch betet er nicht die Geliebte an,
Er betet an die Schöne Liebe Gottes!
Gewissermaßen scheint ihm die Geliebte
Inkarnation der Schönen Liebe Gottes!
So sagen Hindus von der Heiligen:
Sie ist Inkarnation der Liebe Gottes!
Genauso redet aber der Verliebte:
Geliebte, du bist Gottheit, Mensch geworden!
Und Jesus Christus ist nicht eifersüchtig,
Wenn der Verliebte die Geliebte preist
Als seine Retterin und seine Göttin,
Sein Seelenheil und Paradiesesgarten,
Wenn er vergleicht die Lieblingin mit Christus
Und seine Vielgeliebte Christa nennt.
Er betet ja allein die Liebe an,
Die schöpferische Liebe ruft er an,
Frau Liebe nennt er seine höchste Herrin!
Frau Liebe, seine allerhöchste Gottheit,
Sieht aber ganz aus wie die Vielgeliebte!
PIERROT
Frau Liebe sah ich auch auf einem Bild,
Doch Colombine ist noch vielmals schöner!
SCHÖNE DAME
Weil jedes Bild, das je ein Maler malte,
Nicht schön wie die Lebendige Ikone
Der Gottheit Liebe! Aber du kannst sagen:
Ich habe Gottes Schönheit schon geschaut!

NEUNTE SZENE

(Colombine bedroht den Harlekin mit chinesischer Kampfkunst)

COLOMBINE
Wenn du mich nun nicht endlich nimmst zur Frau,
Dann prügle ich dich windelweich, du Narr!
HARLEKIN
Ach, jeder spricht von der Gewalt der Männer
Zuhause, wie sie ihre Frauen schlagen,
Ich werde doch von meinem Weib verprügelt!
Die häusliche Gewalt der Frauen ist
Erschreckend! Komm ich nachts nach Hause, steht
Schon Colombine mit dem Nudelholz
Am Tor und wartet, mich zu Tod zu prügeln!
Und warum lernst du jetzo Chinas Kampfkunst?
Um deinen armen Harlekin zu treten!
COLOMBINE
Dein Psycho-Terror ist noch vielmals schlimmer!
Wenn ich mit meiner Faust auf deinen Brustkorb
Dir schlag, so nur, weil ich dein Herz begehre,
Ich will dich zwingen: Liebe mich doch endlich!
Sag endlich Ja zu mir und feire Hochzeit!
HARLEKIN
Nun gut! Ich sprach mit dem Finanzbeamten.
Wenn wir in Wilder Ehe weiter leben,
So fällt die Steuer nicht so günstig aus.
Doch schließen rechtlich wir den Ehebund,
So gibt es einen großen Steuervorteil.
Ich hab das einmal richtig durchgerechnet.
Selbst wenn wir eine Hochzeitsfeier machen,
Die etwa tausend Taler kosten sollte,
Genügend Bier für alle unsre Narren,
So holen wir die Kosten wieder ein
In einem Jahr, was wir an Steuern sparen.
COLOMBINE
So nimmst du endlich mich zur Ehefrau?
HARLEKIN
Das wird ein überströmendes Besäufnis!
COLOMBINE
Und ich im roten Kleidchen in Venedig
Mit dir in einer schwarzen Schwanengondel
Fahr unterm Bogenjoch der Seufzerbrücke
Und lass die Haare flattern in dem Winde
Und dann im Dom San Marco feiern wir
Die Eheschließung mit dem Segen Gottes?
HARLEKIN
Es reicht das bürgerliche Standesamt.
Das ist genug, um Steuern einzusparen.
Es lohnt sich also: Werde du mein Weib!
COLOMBINE
Ich will! Bis dass uns scheidet unsre Scheidung!

HERMANN UND THUSNELDA

ERSTER AKT

ERSTE SZENE

(Heiligenkirchen im Teutoburger Wald. Hermann und Klopstock.)

HERMANN
Ich ruf euch, alte Götter der Teutonen,
Dich, Bragi, dass du meine Telyn stimmst,
Iduna, dich, dass du mich inspirierst,
Iduna, makellose Jugendgöttin
Mit deinen Äpfeln der Unsterblichkeit,
Laß mich hinein in deinen Apfelgarten,
Ins Apfelgartenparadies des Himmels!
Dich ruf ich auch, du immerschöne Nanna,
Du jugendliche sanfte Wanengöttin,
Die du dem Baldur ewig Treue schworst
Und bist gefolgt ihm in den Feuertod,
Doch nach der großen Götterdämmerung,
Wenn alle Asengötter der Germanen
Den Tod gestorben sind und sind dahin,
Dann werden auf des Himmels Idafeld
Zwei Throne stehen, Baldurs Thron und Nannas.
Dich ruf ich auch, du Freundschaftsgöttin Hlyn,
Laß mich dein Freund sein, Freundschaftsgöttin Hlyn,
Du sanfte Freundin Unsrer Lieben Frouwe!
KLOPSTOCK
Heil, Hermann von Walhalla, Friede, Friede!
Ich weihe deine Seele, mein Teutone,
Der Lieben Frouwe, Unsrer Lieben Frouwe!
Komm, Unsre Liebe Frouwe, komm von Folkwang!
Die Barden nennen diese Externsteine
Dein Folkwang, Unsre Liebe Süße Frouwe!
Ich kniete in dem Teutoburger Walde
Am Quell des Jordanstroms, trank von der Quelle,
Der Quell entsprungen von des Rosses Hufschlag,
Ich trink und singe in Begeisterung:
Mein Deutschland, ein Jahrhundert war des Krieges,
Da herrschte nur das Schwertrecht. Krieg ist Gräuel!
O Deutschland, spricht die Stimme der Vernunft,
Dann höre auf die Stimme der Vernunft!
Als Barde Deutschlands stimm ich die Telyn
Und weih mein Vaterland der Göttin Freyheit!
O Freyheit, erstgeborne Tochter Gottes,
Komm du mit deinen beiden Himmelsschwestern,
Der Göttin Freude und der Göttin Friede!
O Göttin Freude, Tochter aus Walhalla,
Wir treten liebestrunken in dein Folkwang!
O Göttin Friede, segne unser Deutschland,
O Göttin Friede, und die ganze Welt!

ZWEITE SZENE

(Im Teutoburger Wald. Mai. Hermann liegt auf einer grünen Aue und schläft. Er erwacht, als ein
Hirsch röhrt. Zwei Rehkitzzwillinge stehen neben ihm.)

HERMANN
Ich hör die makellose Göttin Frouwe,
Wie süß tönt ihre Stimme in der Luft:
Entfliehe, Liebling, vielgeliebter Freund,
Sei wie ein edler Hirsch auf Scheidebergen!
O Frouwe, makellose Liebesgöttin,
Jetzt bin ich auferwacht vom Schlaf, vom Röhren
Des Hirsches bin ich auferwacht vom Schlaf
Und sehe, siehe, was ich sehe, ist
Ein Rehkitzzwillingspaar, das lustig hüpft
Und weidet in der weißen Lilienaue.
O Frouwe, makellose Liebesgöttin,
So hüpfen deine makellosen Brüste!
Sie hüpfen wie ein Rehkitzzwillingspaar
In weißen Lilien deines weißen Leibes!

(Aus dem Wald tritt der Hirsch mit einem großen Geweih. Er nähert sich Hermann. Im Geweih ist
ein strahlendes Kreuz und an dem strahlenden Kreuz ein blutüberströmter Christus.)

CHRISTUS
Mein lieber Sohn, ich sterbe deinen Tod,
Auf dass du lebst mein Leben als ein Gottmensch!
HERMANN
Mein Heliand, du Allvaters Heldensohn,
Mein Heliand, du bist mein großer Gottheld,
Mein Ewigvater und mein Friedefürst!
Ich bitte dich fürs ganze große Deutschland,
Erbarme du dich aller Kinder Manas,
Teuts Kinder weih ich dir, die Bajowaren,
Sueven, Alemannen und Teutonen,
Die freien Friesen und die wilden Sachsen,
Die Preußen und die Deutschen in dem Osten,
Sei du der Heliand des deutschen Volkes,
O Ewigvater, Gottheld, Friedefürst!
CHRISTUS
Soll ich der König sein des deutschen Volkes,
So will ich auch, dass meine Jungfraumutter
Die Königin des deutschen Volkes sei!

(Der Hirsch verschwindet wieder im Teutoburger Wald.)

DRITTE SZENE

(Zwischen Herford und Heiligenkirchen. Ein Hügel, unten weiße Rosen, eine steile Treppe.
Hermann steigt hinan.)

HERMANN
Aus einem weißen Meer von weißen Rosen
Der Keuschheit und Jungfräulichkeit erhebt
Sich eine Himmelstreppe in den Himmel.
Ich will den Himmel nach dem Wege fragen,
Doch bin ich nicht bewandert im Gebet,
Ich war zu lang ein Heide und ich weiß
Orakel der Magie allein zu fragen.
Wen seh ich doch auf dieser Treppe kämpfen?

(Faust erscheint, im Todeskampf befindlich.)

FAUST
Die letzte Stunde, meine Todesstunde
Hört meine Stimme: Reine Jugendliebe,
Erbarme dich und bitt für meine Seele!
O bei den weißen Margariten drunten
Beschwör ich dich, geliebtes Margarethchen,
Und bei den goldnen Flechten deiner Zöpfe,
Erbarm dich über meine arme Seele
Und salbe mich in meiner Todesstunde
Mit Myrrhe, mit dem Öl zerriebner Myrrhe,
Mit Aspalath und Tragakant, vor allem
Mit Onych, das ich über alles liebe!
HERMANN
O Faust, wen siehst du in der Todesstunde?
FAUST
Ich seh fürwahr Maria Magdalena,
Doch nicht als Büßerin am Fuß des Kreuzes,
Ich sehe sie in goldner Lockenflut,
Die ihren bloßen weißen Leib verschleiert,
Im Paradies auf einem Himmelsbette
Als eine Buhlerin und Vielgeliebte,
Die in dem Paradiese auf mich wartet!
Auch die ägyptische Maria wartet,
Mit nichts bekleidet als mit schwarzer Haarflut!
Sankt Thais wartet in dem Paradies,
Mich in dem Garten Eden zu beglücken!
HERMANN
Du Schlangenbrut, wie willst denn du entgehen
Der ewigen Verdammnis im Gericht?
FAUST
Ich rufe an in meiner Todesstunde
Maria als die Königin der Hölle!
HERMANN
Schau ich vom Gipfel auf die Erde nieder,
So sehe ich auf Erden eine Hochzeit.
Die weißen Pferde ziehen eine Kutsche,
Die Braut im weißen Kleid und weißen Schleier
Verheißt auch mir Erfüllung meiner Wünsche.
Ich nehme das Orakel Gottes an.

VIERTE SZENE

(Heiligenkirchen im Teutoburger Wald. Nacht. Thusnelda im langen weißen Kleid. Lange


kastanienbraune Locken fallen ihr auf die Schultern. Über ihrem Haupt wie ein Heiligenschein der
Vollmond. Hermann steht vor ihr, vor Liebe zitternd.)

THUSNELDA
Was willst du hier im Teutoburger Walde?
HERMANN
Ich will noch Einmal deine Augen sehen!
Vor sieben Jahren sah ich deine Augen,
Da deine Augen sahen in die meinen,
Da meinte ich, am hohen Himmel leuchten
Zwei Monde, eine Doppelgalaxie.
Da haben deine Augen mich gebannt
Mit ihrer weißen Milch der Galaxie,
Daß ich von jenem Augenblicke an
In alle Ewigkeit dein Sklave bin.
Ich brauche deine Liebe, o Thusnelda,
Und wer gebraucht wird, der ist nicht mehr frei.
THUSNELDA
Ich freue mich an deiner treuen Liebe.
Wenn du dein Herz gehängt an einen Menschen,
Dann ist dein Herz auch treu in weiter Ferne
Und über viele lange Jahre hin.
Das finde ich bewundernswürdig, Freund.
HERMANN
Wo warst du nur so lange, o Thusnelda?
THUSNELDA
Ich war in Rom beim großen Cäsar Roms.
HERMANN
Doch nun bist du im Teutoburger Wald,
Nun sehe ich in dir die Seele Deutschlands.
Ich träumte all die Jahre stets von dir
Und immer schienst du mir in meinen Träumen
Die reinste Himmelskönigin zu sein,
Die makellose Jungfrau der Teutonen.
THUSNELDA
Ich glaube, du liebst nicht Thusnelda wirklich,
Thusnelda von dem Teutoburger Walde,
Du liebst die Traumfrau nur, von der du träumst,
Die makellose Himmelskönigin!
HERMANN
Doch eben diese steht ja jetzt vor mir!
So bitt ich dich, o Himmelskönigin,
Du Heilige vom Teutoburger Walde,
Umarme mich und drück mich an dein Herz!

(Thusnelda umarmt Hermann, sie ruhen einen seligen Augenblick in dieser Liebe, Herz an Herz,
wie verschmolzen.)

THUSNELDA
So? Morgen sehen wir uns wieder, Lieber.

FÜNFTE SZENE

(Herford im Teutoburger Walde. Ein Bettler.)

BETTLER
Wir alle sind doch Bettler vor dem Herrn,
Wir betteln alle um das Brot des Tages,
Wenn wir lateinisch Paternoster beten.
Wir alle sind doch Bettler um die Liebe!
Die Menschenseelen aber, hart und steinern,
Sie lassen uns verhungern ohne Liebe!

(Ein junges wunderschönes Mädchen im langen weißen Gewand erscheint. Kastanienbraune


Locken quillen aus ihrem weißen Schleier. Ihr Antlitz ist süß und voller Glanz und ihr lächeln
überaus charmant.)

Wer bist du, o du wunderschönes Mädchen?


MARIA
Die heilige Maria von dem Walde!
BETTLER
O heilige Maria von dem Walde,
Bist du vielleicht die Himmelskönigin?
MARIA
Ich bins! Mein vielgeliebter Bettler Thorstein,
Du brauchst nicht länger mehr um Liebe betteln,
Die Allerheiligste Dreifaltigkeit
Strömt ihre Schöne Liebe in dein Herz!
BETTLER
Das glaubt mir keiner, dass du mir erscheinst!
MARIA
Stell du an diesem Ort ein Holzkreuz auf.
Denn über jenen schreckenvollen Sund,
Der Gottes Land vom Menschenlande trennt,
Hat unser Herr das Kreuz gelegt als Brücke,
Das Kreuz geworden ist der Weg zu Gott.
Geliebter Thorstein, trag auch du dein Kreuz
Und geh mit Jesus Christus deinen Kreuzweg!
Sag allen Schwestern auch, die beten wollen,
Daß ich von ihnen wahre Umkehr will,
Die Abkehr von dem Wege ohne Gott,
Die Umkehr zu dem Leben mit dem Herrn.
Sie sollen meditieren, sollen beten.
BETTLER
O heilige Maria von dem Walde,
Ob meine Schwestern mir das glauben werden,
Daß du durch mich zu ihnen sprechen willst?
MARIA
Wenn du das Kreuz erhöhst an dieser Stelle,
Wird überm Kreuz erscheinen eine Taube,
Die Taube wird es sein der Schönen Liebe!
Bald, o mein Liebling, wirst du bei mir sein.

(Die Erscheinung verschwindet.)

BETTLER
O heilige Maria von dem Walde,
Ich schrei zu dir aus diesem Jammertal!
Wie lange noch, mein Lieb, wie lange noch?

SECHSTE SZENE

(Die Externsteine im Teutoburger Wald. Das Hauptheiligtum der Teutonen. Christus hängt tot am
Kreuz. Maria Magdalena und Josef von Arimathäa nehmen den Leichnam Christi vom Kreuz.)

MARIA MAGDALENA
O tot ist Jesus, tot ist Jesus Christus!
JOSEF VON ARIMATHÄA
Der Gott in der Gestalt des Menschen tot!
MARIA
Zuende litt er an dem Marterkreuz!
Wir wollen seinen Leib vom Kreuze nehmen!
JOSEF
Ich bat Pilatus um den Leichnam Jesu,
Ich hab für ihn auch eine Grabeshöhle,
Die meine eigne Grabeshöhle ist,
Sie soll jetzt seine Grabeshöhle sein.
MARIA
Beweinen will ich den geliebten Jesus,
Ich war ja seine mystische Geliebte!
Nun lässt der Herr als Witwe mich zurück,
Ach, jetzt ist all mein Lebensglück dahin!
JOSEF
Wir glaubten doch, er wäre der Messias,
Messiaskönig auf dem Throne Davids,
Wir glaubten doch, er wär der Menschensohn,
Der Weltenrichter auf dem Throne Gottes,
Wir glaubten doch, er wär die Weisheit Gottes,
Zu uns herabgekommen von dem Himmel
Und wieder heimgekehrt in ihren Himmel!
MARIA
Ich glaubte auch an diese Weisheit Gottes,
Ich habe als Maria Magdalena
Der Hagia Sophia Mund geküsst
Wie nicht Johanna und wie nicht Susanna.
Jetzt bin ich an der Weisheit doch gescheitert!
JOSEF
Gescheitert sind wir an der Weisheit Gottes!
MARIA
Gescheitert ist im Leben Jesus Christus!
JOSEF
Gescheitert meine Hoffnung, mein Vertrauen!
MARIA
Gescheitert meine Liebe zum Geliebten!
JOSEF
Jetzt legen wir ihn in die Grabeshöhle.
MARIA
Todtraurig ist, todtraurig meine Seele!

SIEBENTE SZENE

(Die Externsteine. Das Grab Christi. Davor Johannes und Petrus.)

JOHANNES
Du hörtest von Maria Magdalena,
Daß leer die Grabeshöhle Christi sei.
PETRUS
Da rief ich dich, wir rannten um die Wette.
JOHANNES
Ich war der Jüngere, der Schnellere,
War ich der Lieblingsjünger doch des Herrn,
Ich kam als Erste an bei Christi Grab.
PETRUS
Wer ging denn immer an des Meisters Seite?
Wir waren doch der engste Freundeskreis,
Johannes und Jakobus Zebedäus
Und Simon, den der Meister Petrus nannte.
Mich machte er zum Felsenfundament
Der unbesiegbar starken Kirche Christi,
Er machte mich zum Haupte der Apostel.
JOHANNES
Der Jünger, den der Herr besonders liebte,
Der bin doch ich, Johannes Zebedäus.
PETRUS
Doch ich bin Petrus, bin der Fels der Kirche.
Ich bin gewandelt auf dem See mit Christus,
Ich sah ihn auf dem Berge der Verklärung,
Ich sagte: Du bist Christus, Gottes Sohn,
Er sagte: Du bist Petrus, Fels der Kirche,
Dir gebe ich des Himmelreiches Schlüssel.
JOHANNES
Ich anerkenne den Apostelfürsten.
PETRUS
So tret ich jetzt als Erster in die Höhle.
Ja, diese Grabeshöhle, sie ist leer,
Nur liegen hier zwei Tücher noch, das eine
Zeigt wundersam den Körper meines Herrn,
Das andre Muschelseidentuch das Antlitz.
Der Herr ist auferstanden! Jesus lebt!
STIMME AUS DEM TEUTOBURGER WALDE
O Kefa, Kefa, weide meine Schäfchen!
O Kefa, Kefa, weide meine Lämmlein!

ACHTE SZENE

(Bei den Externsteinen, am nahen See, auf dem schwimmen zwei weiße heilige Schwäne. Der
Druide am See weissagt aus der Bewegung der Schwäne.)

DRUIDE
Du weiße Schwanin bist so majestätisch
Wie eine lichte Himmelskönigin,
Doch unter deinem weißen Schwanenbusen
Verborgen ist ein marmorhartes Herz.
Ich sehe diesen adeligen Schwan
Zerbrechen an dem marmorharten Herzen.
Sein Herz von Fleisch und Blut wird ausgerissen,
Zum Fressen wirft man es den Ratten vor!
Prophetisch naht der Schwan sich seinem Tode,
Schon schwimmt er auf dem Phlegeton des Hades
Zum Acherusischen Gestade, dort
Gepeinigt wird sein Herz von Höllenängsten,
Ich meine nicht von Ängsten vor der Hölle,
Ich meine von den Ängsten in der Hölle,
Dem Ekel vor den Monstern in der Hölle,
Dem Ekel vor dem Pest- und Schwefelstank.
Dann schwimmt der Schwan ins Purgatorium
Und badet in der Lethe des Vergessens
Die Sünden ab, die seine Brust beflecken,
Er badet ab die Sünde seines Todes
Und wäscht sich in der Glut der Reinigung
Die großen Schwanenflügel wieder weiß.
Gereinigt in dem Feuerfluß der Buße
Der Schwan fliegt in den Garten Eden, dort
In Pischon, Gihon, Phrat und Hiddekel
Er badet seine weißen Leibesglieder
Wollüstiger Ergötzungen im Bad
Und träumt von Schwaninnen im Garten Eden,
Die liebevoll wie Turteltauben sind
Und weise und erotisch sind wie Schlangen.
Dann steigt er auf zum Himmelsfirmament,
Milchstraßen oder Sternenströme er
Durchschwimmt und badet in der Milch des Mondes
Und badet in der Milch der Galaxie,
Entströmt der Brust der Himmelskönigin,
Bis er zuletzt als der astrale Schwan
Beim Schwestersternbild Lyra himmlisch wohnt.
Im Himmel weissagt der astrale Schwan
Zu der astralen Lyra sieben Saiten
In Hymnen für die Himmelskönigin.

NEUNTE SZENE

(Hermann und Thusnelda auf der Spitze der Externsteine.)

THUSNELDA
Ich träumte einen Traum in dieser Nacht,
Da sah ich deine Seele, meine Seele,
Und meine Seele kannte deine Seele
Seit ewigen Äonen, kannte sie
Seit Sternmilliarden, Lichtjahr über Lichtjahr.
HERMANN
So raunten mir Druiden in das Ohr,
Die Seelen füreinander sind geschaffen,
Die eine Seele ist die Urfrau Embla,
Die andre Seele ist der Urmann Esk.
Doch vor der Schöpfung dieses Universums
Allvater schaute diese Seelen schon
Und diese Seelen schauten schon Allvater
Und waren vor dem Angesicht Allvaters
Berufen zur Verschmelzung ihrer Seelen.
THUSNELDA
Und meinst du, deine Seele sei der meinen
Bestimmt vom ewigen Gesetz Allvaters?
HERMANN
Druiden raunten oft mir in das Ohr,
Daß Seelen zwar geschaffen füreinander,
Doch dass das ist verborgen unserm Wissen.
Es gibt für jede Seele eines Mannes
Die Seele einer Frau, die zu ihm passt.
Doch mancher Mann erkennt erst in dem Tode,
Wer seine feminine Partnerin.
THUSNELDA
Du aber meinst zu wissen, meine Seele
Sei deiner Seele Himmelspartnerin?
HERMANN
Der größte Barde der Teutonen liebte
In seiner Jugend eine Jugendliebe
Und sprach von ewiger Vereinigung
Im Himmelsleben in der Ewigkeit,
Sie aber liebte diesen Barden nicht.
Gott aber gab ihm eine Ehefrau,
Die mehr er liebte als man Frauen liebt,
Daß er am Abend seines eignen Lebens
Erwartete das Wiedersehn im Himmel
Mit der verklärten Ehefrau des Barden.
Gott weiß allein, wie ihm im Himmel wird
Die Partnerin der Seele zugesellt.
THUSNELDA
So zweifelst du daran, dass du mich liebst?
HERMANN
Ich werd dich bis zu meinem Tode leben
Und will dich noch nach meinem Tode lieben.

ZEHNTE SZENE

(Heiligenkirchen im Teutoburger Walde. Hermann mit Wanderstab wandert einen Weg. Thusnelda
kommt auf einem weißen Pferd geritten.)

THUSNELDA
Du gehst, mein Hermann, fort aus meinem Walde?
Du hebst das Schwert nicht gegen die Franzosen?
HERMANN
In wandre aber nicht in Frankreichs Süden,
Zu forschen, was dort unterm Höschen sei.
THUSNELDA
Wo wanderst du denn hin, mein lieber Freund?
HERMANN
Ein Häuptling von den freien Friesen will
Heiraten eine Häuptlingstochter Sachsens.
THUSNELDA
So gehst du zu der freien Frisia?
Kehrst du zurück zum Teutoburger Walde?
Ja, du wirst wiederkommen, lieber Hermann,
Wir werden sicherlich uns wieder sehn,
Ich weiß es sicher, denn ich habs geträumt.
Und so versprech ich dir ein Wiedersehn.
Jetzt aber lass dich küssen auf den Mund!

(Thusnelda neigt sich vom Schimmel und küsst Hermann.)

Und wenn du wiederkommst, dann sage mir:


Wie ist des wahren Gottes wahrer Name?

(Thusnelda reitet fort.)

HERMANN
Von diesem Kusse leb ich jetzt ein Jahr lang,
Ernähre mich von nichts als von dem Kuss
Und trinke nichts als dieses Kusses Tau.
Wenn ich erwache, denk ich an den Kuss,
Leg ich mich schlafen, denk ich an den Kuss.
Im Traum ich küsse diesen Kuss erneut,
Und wenn ich singe, sing ich von dem Kuss.
Wenn Frieslands Häuptling Sachsens Tochter nimmt,
Verkünde ich den Segen eines Kusses.
Wenn Cäsar kommt zu dem totalen Krieg,
Dann kämpf ich mit der Waffe dieses Kusses.
Denn meine Fahne ist die Göttin Liebe,
Ich werde diese Fahne mir erobern,
Ach, oder sterben für der Liebe Fahne!

ZWEITER AKT

ERSTE SZENE

(Irgendwo in der freien Frisia. Hermann auf einem heiligen Hügel kniet auf einem Opferstein und
betet.)

HERMANN
Allvater, jetzt ist schon ein Jahr vergangen,
Seit ich Thusnelda sah zum letzten Mal.
Nun will ich wandern wieder zur Geliebten,
Ihr einmal noch in ihre Augen sehen.
Allvater, meine Seele schenkt ich ihr,
Ich gab ihr meine Seele hin vollkommen,
Ich hab jetzt keine eigne Seele mehr,
Gestorben ist mir meine eigne Seele,
Allvater, gib zurück mir meine Seele,
Ich möchte von Thusnelda sie empfangen,
Verklärt von ihrer Liebe meine Seele
Zurückempfangen von der Liebsten Herz.
Wenn sie nur meine Seele nicht gestorben,
Begraben lässet sein im Marmorherzen!
O möge meine Seele auferstehen
Aus einem offnen Herzen der Geliebten
Und wieder kehren ein in meine Brust,
Vermehrt mit schöner Liebe der Geliebten.
Allvater, überströmt von Trauertränen
Ertrage ich den Dauerregen nicht,
Mir ist, als ob der Himmel mit mir trauert,
Als ob ich selber traure mit dem Himmel.
Allvater, laß die Sonne wieder scheinen,
Wenn ich Thusnelda wiederseh, Allvater,
Laß heiter einen lichten Himmel lächeln!
So weiche, Nebel, nun von Avalon,
So scheine, Sonne, über Avalon,
Sei strahlend, Mondschein, über Avalon!

(Ein Engel erscheint, gekleidet wie ein Wanderer, mit Wanderstab. An seiner Seite ein Fuchs.)

ENGEL
So wandre, Hermann, wandre zu Thusnelda,
Ich wandre mit dir, denn ich bin dein Engel.
HERMANN
Wer bist du, Engel, schön wie eine Frau?
ENGEL
Ich bin ein Engel aus dem Doppellager
Mahanajim vom Wildbachtale Jabbok.

ZWEITE SZENE

(Am Eingang zum Teutoburger Walde begegnet der Teutone Hermann dem Sachsen Luther.)

HERMANN
Hilf beten mir zu Gott, du deutscher Christ.
LUTHER
Willst beten du, so bet mit Gottes Wort.
HERMANN
Zeig mir, wie betet man mit Gottes Wort.
LUTHER
Psalm Dauids / von den Rosen / vor zu singen.
GOTT hilff mir / Denn das Wasser gehet mir
Bis an die Seele. Jch versinck im Schlamm /
Da ist kein grund. / Jch bin im tieffen Wasser /
Die Flut will mich erseuffen. Ach! Jch habe
Mich müd geschrieen. Heiser ist mein Hals
Und das Gesicht vergeht mir. Das jch doch
So lange harren mus auff meinen Gott.
Die mich on ursach hassen / Der ist mehr /
Denn hare ich auff meinem heubte habe.
Umb deinen willen trage jch die schmach /
Mein Angesicht ist voller scham und schande.
Frembd worden bin jch meinen brüdern und
Frembd worden bin jch meiner eignen Mutter.
Jch weine und jch faste bitterlich /
Man spottet aber dennoch über mich.
Errette mich, o Gott, aus disem kot /
Das jch nicht in dem schlamm und kot versincke /
Das jch errettet werd von meinen Hassern /
Errettet werde aus dem tieffen Wasser.
Das mich die Wasserfluten nicht erseuffen /
Das mich der tieffe Abgrund nicht verschlinge /
Das loch der grube über mir sich schliest.
Die schmach bricht mir mein Hertz und krencket mich /
Jch warte ob es jemand jammerte /
Doch da ist niemand / Wart auf einen Tröster /
Doch find ich wirklich nirgend einen Tröster.
Sie geben bittre galle mir zu essen /
Sie geben sauren Essig mir zu trincken
In meinem grossen Durste nach dem Troste.
Jch aber bin ein Elend / mir ist wehe.
GOTT deine hilfe helfe mir o HERR.
HERMANN
Dies ist auch mein Gebet in meinen Leiden.
LUTHER
Und wenn die Welt zugrunde ginge morgen,
Ich pflanzte heut noch einen Apfelbaum.

DRITTE SZENE

(Detmold beim Denkmal des Deutschen. Straße. Nacht, Regen und Gewitter. Hermann am
Pilgerstab.)

HERMANN
In welcher dichten tiefen Mitternacht
Geh ich die Straße nun des Liebeslebens!
Ich dachte, Liebe sollte heiter sein,
Das Leben ein Genuss und eine Freude,
Da Liebe lacht und da das Leben jubelt,
Da Mann und Frau sich in die Arme nehmen.
Ich sah ja schon die Leibesfrucht der Liebe,
Ich sah sie schon herab vom Himmel kommen,
Ich rief die Tochter schon mit Namen: Eske!
Ich gab ihr schon vom Süßholz in den Mund
Und sagte: Dieses Süßholz ist für Hermann
Und dieses Süßholz ist für die Thusnelda
Und dieses Süßholz für die Tochter Eske.
Jetzt aber stürzen alle Wetter Gottes
Und Gottes Blitz und Donner auf mein Haupt
Und schrecklich schwer belastet meine Seele
Die Finsternis mit tausend Trauertränen!
Ah weh mir, meine Liebe ist ein Leiden,
Das Leben auf der Erde ist ein Leiden!
Ich leide an dem Vaterland, den Menschen,
Ich leide an der Heiden harten Herzen,
Ich leide an den Blitzen, an den Donnern,
Die Regentropfen peitschen meine Straße,
Mein Herz ist wie ein trüber Seufzernebel,
Die Seele wird durchspickt von tausend Nadeln,
Die Nadelstiche quälen meine Seele,
Als ob der Feind mit tausend Nadelstichen
Durchbohre eine Puppe meiner Psyche!
Jetzt aber donnert Gott im Wetterhimmel
Und in dem Donner hör ich Gottes Stimme,
Jetzt aber blitzt der Herr im Wetterhimmel
Und in den Blitzen seh ich den Messias!
MESSIAS
Die Stimme Gottes donnert über Wassern,
Die Stimme Gottes macht die Wälder kahl,
Die Stimme Gottes lässt die Eichen wirbeln,
Die Stimme Gottes lässt die Hügel hüpfen,
Die Stimme Gottes macht die Hirschkuh kreißen!
HERMANN
Messias in dem Blitz, erbarm dich meiner!
MESSIAS
Ein Engel Gottes hat mit dir geredet.
Du aber bist mein vielgeliebter Sohn,
An dir hab Wonne ich und Wohlgefallen!

VIERTE SZENE

(Ein Elfenbeinturm, von Weißdorn überwuchert. Draußen steht die schöne Fee Viviane, drinnen
sitzt gefangen der alte Druide Merlin.)

VIVIANE
Nun bist du in dem Turm von Elfenbein
Und bist für immer mein Gefangener!
Ich bitte dich, Prophete, weiszusagen!
Sprich, Merlin, von der Götterdämmerung
Und zeige uns den schmalen Pfad der Rettung,
Wie können wir, die Elfen und die Feen,
Die Götterdämmerung doch überleben?
Prophete, wann erscheint der Fenrirswolf,
Die Göttin in der Sonne zu verschlingen?
MERLIN
Gefangen in dem Turm von Elfenbein
Studiere ich die Schriften der Propheten.
Ein Rätsel habe ich zu lösen noch.
VIVIANE
Mein Weiser, lös die Rätsel in der Schrift.
MERLIN
Der Friedefürst und Bräutigam der Weisheit
Bekam in jedem Jahre soviel Geld,
Sechshundertsechsundsechzig goldne Münzen.
Das böse Biest jedoch, der Gegenretter,
Hat einen Namen, dessen Namenszahl
Sechshundertsechsundsechzig wird genannt.
VIVIANE
Schweig mir von Rom, du bärtiger Prophet!
MERLIN
Gefangen in dem Turm von Elfenbein
Seh ich den deutschen Hermann im Gefecht.
Ich sehe ihn gestärkt von Doktor Luther.
Teutone Hermann und der Sachse Luther,
Sie heben ihre Schwerter gegen Rom.
Von England seh ich kommen Bonifazius!
Doch Bonifazius grämt sich über Deutschland:
Teutone Hermann, führtest du nicht Krieg
Und hieltest Rom von Deutschlands Grenze fern,
So wäre Christus unser Herr gekommen
Nach Deutschland viele hundert Jahre früher.
VIVIANE
Und kommt ein Reich, das tausend Jahre währt?
MERLIN
Das sagt das Biest und meint totalen Krieg!
VIVIANE
So kommt kein Reich, das tausend Jahre währt?
MERLIN
Ich hörte Unsre Fraue in der Sonne
Als Königin von Frieden und Versöhnung:
Das Reich, das tausend Jahre währt, ist nah!
Die Menschheit wird zum Reich des Friedefürsten!

FÜNFTE SZENE

(Morgendämmerung im Teutoburger Walde. Eine kleine Französin, ausgesprochen reizend, tanzt


vor Hermann.)

KLEINE FRANZÖSIN
Ah, voulez-vous coucher avec moi?
HERMANN
Bewundern muß ich deine vollen Brüste.
KLEINE FRANZÖSIN
Mon cher, isch bin die Göttin Aphrodite!
HERMANN
Dein Röckchen reicht bis auf die Oberschenkel.
Ein Dichter Deutschlands dichtet ein Gedicht:
Ihr werdet reisen in den Süden Frankreichs,
Schaut nicht die Kathedrale an von Chartres,
Schaut in Paris nicht Notre Dame euch an,
Ihr küsst nicht die Reliquien Magdalenas
nd schaut nicht der Zigeuner Wallfahrtsort
Der Schwarzen Sara, Magdalenas Magd,
Ihr badet in der Quelle nicht von Lourdes
Und steigt nicht auf den Gipfel eines Berges,
Den Vater Augustinus dort zu lesen.
KLEINE FRANZÖSIN
Ah mon ami, wie göttlich ist La France!
Wir wollen Liebe machen, mon trésor!
HERMANN
Der Dichter Deutschlands dichtet ein Gedicht:
Ihr werdet reisen in den Süden Frankreichs,
Zu schauen, was dort unterm Höschen sei.
KLEINE FRANZÖSIN
Schreib lieber ein Gedicht vom Venusdelta!
La grande déesse Vénus, sie liebt disch doch!
HERMANN
Und hat das Weib den Jüngling erst im Sack,
Versklavt sie ihn als ihren Domestiken!
Erst eine junge Hure, reich an Reizen,
Dann wird sie zur Mätresse, kaiserlich
Diktiert sie ihrem Domestiken: Diene!
Doch fordre keine Liebe von dem Weib!
Nein, putz den Kot aus ihrer Toilette!
KLEINE FRANZÖSIN
Ihr schrecklichen Germanen, ihr Barbaren!
Was weißt du, mon filou, von Liebemachen?
Die schönste Nebensache von die Welt!
Ist die Französin nicht viel schöner als
Thusnelda mit der scharfen Adlernase?
Adieu, mon cher, bleib du in Deutschland hocken!

SECHSTE SZENE

(Heiligenkirchen. Karfreitag. Regengüsse. Hermann. Thusnelda erscheint mit dem Franken.)

THUSNELDA
Was willst du denn schon wieder hier, Herrmännchen?
HERMANN
Du hast vor einem Jahr zu mir gesagt,
Daß wir uns sicher wiedersehen werden
Und dass ich dir dann sagen soll den Namen
Des wahren Gottes: Jesus Christus heißt er!
THUSNELDA
Ich aber sage dir: Du bist ein Bock,
Der Bock, den ich jetzt in die Wüste schicke!
HERMANN
Ich aber liebe dich so sehr, Thusnelda!
DER FRANKE
Barbar! Hast du Thusnelda nicht gehört?
Verschwinde, sonst zerschlag ich dein Gebein!
THUSNELDA
Geliebter Franke, schlag dich nicht mit ihm,
Ihm solls genügen, dass ich ihn verachte!

(Der Franke drängt dennoch Hermann an eine Eiche und drückt ihn gegen den Baum. Da erscheint
Hermanns Schutzengel mit dem Fuchs. Der Franke und Thusnelda fliehen erschrocken. Der Fuchs
beginnt mit menschlicher Stimme zu reden.)

FUCHS
Ob dir die Feinde deiner Seele fluchen,
Geliebter Hermann, Jesus segnet dich!
O Hermann, Jesus segnet die Teutonen,
O Hermann, Jesus segnet Friesen, Sachsen,
Die Allemannen und die Bajowaren,
Sueven und in Ost und West die Preußen.
O Hermann, deiner Seele schwere Leiden
Sind Anteilhabe an den Leiden Jesu,
Du leidest für dein deutsches Vaterland,
Du leidest für den Häuptlingssohn der Friesen,
Du leidest für die sächsische Prinzessin.
Vereine deine mit den Leiden Jesu,
So wirst du Miterlöser sein für Deutschland.
Hab Mut, o Hermann! Wer mit Jesus leidet,
Wird auch mit Jesus einst im Himmel herrschen
Und Könige und Heidenvölker richten.
(Der Engel und der Fuchs werden wieder unsichtbar)
HERMANN
Zum Heulen ist zumute meiner Seele!
Ich muss zum Kreuze bei den Externsteinen!

SIEBENTE SZENE

(Externsteine. Hermann kniet vor dem Kreuz. Hagel stürzt vom Himmel.)

HERMANN
Eli, Eli, lama asabthani?
Was hast du mich verlassen, o mein Gott?
Eli, Eli, lama asabthani?
Wie schrecklich ist die Gottverlassenheit!
Eli, Eli, lama asabthani?
Wie zittert meine Seele in der Hölle!
Eli, Eli, lama asabthani?
Wie bohrt sich eine Lanze durch mein Herz!
Eli, Eli, lama asabthani?
Wie undurchdringlich tief die Finsternis!
Eli, Eli, lama asabthani?
Auf meiner Seele lasten tausend Tode!
Eli, Eli, lama asabthani?
Ich schrei der ganzen Menschheit Schrei zu Gott!
Eli, Eli, lama asabthani?
Ich leide als des kalten Hasses Opfer!
Eli, Eli, lama asabthani?
Ich hoffe in der finstersten Verzweiflung
Auf meinen Retter Jesus, der da schrie:
Eli, Eli, lama asabthani?

(Vom Gipfel der Externsteine ertönt eine Frauenstimme)

STIMME
O mamma mia, mamma, mamma mia!
HERMANN
Ja, mamma mia, Große Gottesmutter,
Ich opfre meiner Seele Kreuzigung
Dem Unbefleckten Herzen Unsrer Fraue!

(Maria erscheint auf dem Gipfel der Externsteine)

MARIA
Maria, makellose Mutter Gottes,
So ist mein Name. Mein geliebter Hermann,
Der Herr nahm an das Opfer deiner Leiden!
So komm du nun zu meinem Herzen, Liebling,
Denn meine herzliche Barmherzigkeit
Wird deiner Seele Durst nach Liebe stillen!
HERMANN
Ich bin ganz dein, o Große Gottesmutter!
Ich weihe dir mein Vaterland, Maria!

(Der Hagel hört auf. Eine lichte Ostersonntagssonne lacht vom Himmel.)

DIE HEILIGE SUSANNE

ERSTE SZENE

(Sardinien. Ende 3. Jhd. n. Chr. Der heilige Gabinus, Vater der heiligen Susanne, von kaiserlichen
Soldaten gefoltert.)

GABINUS
Zermalmt mich nur! Ich bin ein Weizenkorn,
Zermalmt mich nur, dass ich zum Brote werde!
Ich sah den heiligen Antiochus
Von Sulchi, sah den Marterzeugen leiden
Und sah den Marterzeugen sterben und
Bekehrte mich zu seinem Gott und Herrn!
SOLDAT
Wo ist dein Gott denn, wenn du sterben musst?
GABINUS
Ihr Heiden alle lebt in Todesfurcht,
Ihr lebt in Finsternis und Todesschatten!
Die Babylonier und Ägypter und
Die weisen Griechen auch und alle Römer
Und auch am Indus und im fernsten Tarschisch,
Ihr Heiden alle fürchtet euch vorm Tod
Und vor der ewigen Vernichtung, ihr
Habt eine Heidenangst vorm leeren Nichts!
Ha! Christus auferstanden ist vom Tode
Und öffnete die Perlentür zum Himmel!
SOLDAT
Wir alle sterben! Du musst sterben auch!
GABINUS
Und ob ich sterben muss, ich sterb für Christus,
Wie Christus sterbe ich den Kreuzestod.
In meiner dunklen Nacht der Todesleiden
Ich schenke ganz mich dem gekreuzigten
Und auferstandenen Erlöser Jesus!
Ich sterbe nicht, denn Christus lebt in mir!
Und ob ich sterbe auch, ich werde leben
Mit Jesus in des Himmels Paradies!
SOLDAT
Ich will dir helfen rasch ins Paradies!
Wir schicken alle Christen in den Himmel,
Dann haben wir auf Erden unsre Ruhe!
GABINUS
(Sieht von fern seine Tochter, die heilige Susanne, kommen)
Du Narr! Wir Marterzeugen Christi,
Wir taufen diese Welt mit unserm Blut,
Und jeder Tropfen Blut von Marterzeugen
Ist Same für die Ernte neuer Christen!
Susanne! Bleibe Jesus treu als Braut!
SUSANNE
O lieber Vater, stirb als Marterzeuge,
Und Jesus gibt die Krone dir des Lebens!
Mein Vater, ach, wie möchte ich dir folgen!
Auch ich will leiden das Martyrium!
SOLDAT
So stirb, du Hund, und fahre in den Hades!
GABINUS
Ich gebe meinen Geist in Gottes Hände!

(Er stirbt)

ZWEITE SZENE

(Papst Cajus auf dem Stuhl des Apostels Petrus als Bischof von Rom und Hirte der universalen
Kirche. Neben ihm seine Nichte, die heilige Susanne.)

PAPST
Valerian, der Heidenkaiser, hat
Es Uns nicht angetan, ob goldne Münzen
Verkünden auch: Apoll hat ihn erhalten.
Wir sehn, wie schlecht doch sein Apollo war.
SUSANNE
O lieber Onkel! Eure Heiligkeit
Die Kirche führt, die heilig, apostolisch,
Katholisch ist, die Eine Kirche Christi,
In einer Zeit, da schon Valerian
Nicht mehr verfolgt die Kirche Jesu Christi.
PAPST
Wir sehen Kaiser kommen, die die Kirche
Verfolgen werden. Im Moment ist Ruhe,
Es ist die Ruhe aber vor dem Sturm.
SUSANNE
Mein Onkel! Woran habt Ihr grad geschrieben?
PAPST
Ein Brief geht an die Kirche in Korinth,
Weil dort Rebellen sich erhoben haben,
Die gegen Papst und Bischof sind und Klerus,
Die Laien wollen dort die Kirche führen.
Kraft Unsres Amtes als Apostelfürst
Und Romas Bischof definieren Wir
Der Kirche Christi Führung durch den Papst
Und den von Uns ernannten Bischof und
Die gottgeweihten Priester, die die Messe
Der Kommunion mit Christus zelebrieren.
SUSANNE
Was wär die Kirche ohne Kommunion?
PAPST
Susanne, in der Kommunion begegnet
Dir Christus. Er, der Bräutigam der Kirche,
Er spendet Seinen Leib und Seine Seele,
Die Menschheit und die Gottheit Jesu Christi.
SUSANNE
Mein Meister Jesus ist mein Bräutigam,
In jeder Kommunion vereinigt sich
Der Bräutigam mit seiner Jungfrau-Braut.
PAPST
O liebe Nichte, junge süße Nichte,
Du bleibe immer Jungfrau Jesu Christi!
SUSANNE
Mit keinem Manne will ich mich vereinen
Als mit dem Herrn allein in seiner Gottheit.

DRITTE SZENE

(Kaiser Diokletian beschließt die neue Christenverfolgung.)

KAISER DIOKLETIAN
Ich bin ein Gott! Ich bin Apollos Sohn!
Ich habe dieses große Weltreich Rom
In Weisheit zu regieren und ich finde
Die Römer und das Volk der Ökumene
Tief religiös, sie alle ehren Götter.
Wir herrschen an dem Indus und verehren
Gott Schiwa und die schwarze Göttin Kali,
Wir herrschen übers goldne Persien
Und ehren dort die Göttin Anahita
Und ihren guten Gott Ahura Mazda,
Wir herrschen über ganz Arabien
Und ehren Allah als den Himmelsgott
Und ehren Allahs Töchter auch, die drei,
Al-Lath, Al-Uzza und als Dritte Manath,
Die wie die Schwäne an dem Himmel fliegen,
Wir ehren auch die Juden und den Gott
Der Juden, der das Schweinefleisch verbietet,
Wir herrschen über Skythen und verehren
Perun, den starken Donnergott der Skythen,
Wir herrschen über die Germanen und
Verehren Wotan und die schöne Freyja,
Wir herrschen übers Riesenreich der Kelten
Und ehren ihre große Göttin Danu,
Wir herrschen über Griechenland und Rom
Und ehren alle Götter des Olymp,
Zeus, der zur Gattin seine Schwester nahm,
Die Venus, die die Ehe brach mit Mars,
Wir herrschen übers Totenreich Ägypten
Und lieben Isis sehr, die Katzengöttin,
Und lieben Hathor sehr, die Himmelskuh,
Wir herrschen über Afrika, das schwarze,
Und beten auch wie Afrika zur Sonne,
Die Säulen selbst des Herkules beenden
Nicht unser Weltreich, wir verehren noch
Im fernen Westen Mutter Erde und
Den Kriegsgott und die Schlange, die von Stein.
Allein die Kirche, die katholisch ist,
Ehrt alle diese Weltengötter nicht,
Sie glaubt, sie habe selbst die ganze Wahrheit,
Sei im Besitz der absoluten Wahrheit.
Doch was ist Wahrheit? Sie ist relativ!
Doch um den Frieden in der Ökumene
Von Roma zu bewahren, sage ich:
Wer als sich als Katholik bekennt zu Christus,
Der wird zum Tod verurteilt von dem Kaiser!

VIERTE SZENE

(Die heilige Susanne badet nackt wie die keusche Susanne der Bibel. Aber sie ist verhüllt von einem
seidenen Vorhang, der nur die Silhouette ihres Leibes erkennen lässt. Vor dem Vorhang steht der
Adoptivsohn des Kaisers Diokletian, Maximian, und sieht auf die schöne Susanne.)

MAXIMIAN
O Venus, wie man dich im Bilde malt,
Wie du dem Schaum entstiegen splitternackt,
So seh ich hier die göttliche Susanne!
O nein, sie friert nicht, sie ist nicht die Venus
Frigida, die vor Frost erstarrt zu Eis!
Es dampft das Bad, ich sehe schwüle Wolken
Von Wasserdampf umschweben die Gestalt.
Sie ist kein Weib von dieser Erde, nein,
Sie scheint mir eine Göttin aller Schönheit!
Ich weiß, die Christen reden oft davon,
Daß eine Himmelsgottheit Mann geworden,
Ich aber seh die göttliche Susanne,
Die Göttin Venus ist zur Frau geworden!
SUSANNE
(Hinter dem Vorhang)
O Jesus, wasche mich von Sünden rein,
Wie dieser Wasserstrahl des heißen Wassers
Mich wäscht von allen Flecken meines Leibes,
So wasche mit dem Feuer der Vergebung
Von allen Makeln meine Seele rein!
Du weißt, wir Menschen sind doch alle Sünder,
Allein die Jungfrau Gottgebärerin
Ist frei von allen Makeln in der Seele,
Ist frei von aller Erbschuld, Evas Erbe,
Ist frei von allen Sünden dieser Welt.
O, mache mich der reinsten Jungfrau ähnlich,
Mach mich der reinsten Jungfrau gleich an Demut,
An Sanftmut und an Milde ihres Herzens,
Ihr gleich an Güte und an Menschenliebe
Und mache mich wie sie zur Magd des Herrn
Und zur gesalbten Braut des Geistes Gottes!
MAXIMIAN
O Venus, deine weißen Augenlider,
O Venus, und dein schlanker Schwanenhals!
Ich bet dich an, du göttliche Susanne,
Du Spiegelbild der Göttin aller Schönheit!
Gott ist kein Vatergott mit weißem Bart,
Gott ist vielmehr die Göttin aller Schönheit!
O Göttin aller Schönheit, wie du blendest
Im Bild der nackten badenden Susanne!
SUSANNE
Ich liebe Keuschheit, Armut und Gehorsam
Und liebe keinen Mann als Jesus Christus!
MAXIMIAN
Die Venus will ich mir zum Weibe nehmen!

FÜNFTE SZENE

(Kaiser Diokletian und sein Adoptivsohn Maximian)

KAISER DIOKLETIAN
Mein Adoptivsohn, Liebling meines Herzens,
Du sollst dir eine Frau zur Ehe nehmen!
Auch meine Frau Serena möchte das.
MAXIMIAN
Sag, Vater, findest du Serena schön?
KAISER DIOKLETIAN
Ich fand sie schön im Reize ihrer Jugend,
Da war sie wie der Inbegriff von Liebreiz,
Sie war von einer göttlichen Erotik!
MAXIMIAN
Und jetzt, mein Vater, ist sie jetzt noch schön?
KAISER DIOKLETIAN
Ach, Schönheit ist das Eigentum der Jugend.
Gewohnheit aber hält uns noch zusammen.
MAXIMIAN
Nein, eine Schönheit ist Serena nicht.
KAISER DIOKLETIAN
Hast du schon eine schöne Frau gesehen?
MAXIMIAN
Ja, eine wunderschöne Frau, so schön,
Wie Maler Grazien und Nymphen malen.
KAISER DIOKLETIAN
Und hat sie schwarzes oder goldnes Haar?
MAXIMIAN
Tief bräunlich, leicht gerötet, wie ein Reh.
KAISER DIOKLETIAN
Und hat sie große Augen oder schmale?
MAXIMIAN
Die Augen sind wie schöne Mandelaugen,
Die weißen Lider schön gewölbt und müde.
KAISER DIOKLETIAN
Sind ihre Lippen rötlich oder blass?
MAXIMIAN
Denk ich an ihren Mund, denk ich ans Lächeln,
Charmant ihr Lächeln, doch sie schmollt auch reizend!
KAISER DIOKLETIAN
Wie kleidet sich die Dame deines Herzens?
MAXIMIAN
Wenn sie nicht nackt ist in der Badewanne,
So kleidet sie sich edel, herrlich, schön,
Sehr schön sogar und nicht mit Dirnenkleidchen.
KAISER DIOKLETIAN
Wer ist die Himmelsfrau, die du dir wünschst?
MAXIMIAN
Ich nenne sie die göttliche Susanne!

SECHSTE SZENE

(Drei Kupplerinnen treten der Reihe nach bei der heiligen Susanne ein.)

ERSTE KUPPLERIN
Des Kaisers Adoptivsohn will dich freien,
Maximian ist wirklich sehr bezaubernd!
SUSANNE
Doch kenn ich einen Mann, der so bezaubernd,
Daß Zauberer des Ostens vor ihm knien!
Er ist das Wort, mit dem der Herr die Welt schafft!
ERSTE KUPPLERIN
Was ist das für ein Mann? Den will ich kennen!
SUSANNE
Der Logos, den die Stoiker gesucht,
Der Logos ist der Gottmensch Jesus Christus!
ERSTE KUPPLERIN
Ich will ganz eigen sein dem Worte Gottes!
(Erste Kupplerin ab. Auftritt zweite Kupplerin)
ZWEITE KUPPLERIN
Maximian begehrt dich zu der Ehe!
SUSANNE
Ich habe eine Ehe schon geschlossen.
ZWEITE KUPPLERIN
Du, Jungfrau, lagest schon im Ehebette?
SUSANNE
Das Ehebett des Gottessohnes ist
Kein schwüles parfümiertes Lotterbett,
Das Kreuz geworden ist mein Ehebett,
Wo ich vereinigt bin, doch Jungfrau bleibe...
ZWEITE KUPPLERIN
Vereinigt dem Gemahl und dennoch Jungfrau?
Den Ehegatten will ich kennen lernen!
SUSANNE
Herr Jesus litt am Kreuze unsre Leiden
Und starb als Sühnelamm für unsre Sünden,
Nun seine göttliche Gerechtigkeit
Spricht er mir zu durch Buße und Bekehrung.
ZWEITE KUPPLERIN
Ich Sünderin fleh Gott an um Erbarmen
Und komme zu dem Christus an dem Kreuze!

(Zweite Kupplerin ab, Auftritt dritte Kupplerin)

DRITTE KUPPLERIN
Maximian will dich im Bette lieben!
SUSANNE
Des Menschen Bett ist eine Grabeshöhle!
Ich aber will ins Bett des Gottessohnes,
Sein Bett, das ist das Himmelsparadies!
DRITTE KUPPLERIN
Ich möchte auch in dieses Himmelsbett!
SUSANNE
Bekehre dich zu Jesus, nenn ihn Meister!
DRITTE KUPPLERIN
Du, Jesus Christus, bist mein Höchstes Gut!

(Dritte Kupplerin ab. Susanne betet verzückt zu Jesus und schenkt ihm drei Seelen.)

SIEBENTE SZENE

(Kaiser Diokletian und die heilige Susanne vor einer goldenen Jupiter-Statue.)

KAISER DIOKLETIAN
Susanne! Du verschmähst Maximian
Und führst die Kupplerinnen noch zu Christus?
Gehörst du zu der weltgehassten Sekte
Der Kirche, die sich selbst katholisch nennt?
SUSANNE
Viel Stifter gibt es andrer Religionen,
Doch Jesus ist allein der Gottessohn.
Viel geistliche Vereinigungen gibt es
Und Ketzer und Häretiker auf Erden,
Doch Eine Kirche hat der Herr gegründet,
Die heilig, apostolisch und katholisch,
Und ich bin Glied an diesem Leibe Christi!
KAISER DIOKLETIAN
Du nennst dich Römerin, Susanne? Dann
Sollst du dem großen Gott der Römer opfern:
Gott Jupiter, der Vater aller Götter
Und Vater aller Menschen ist, der Donnrer
Und Blitzeschleuderer von dem Olymp,
Gott Jupiter wohnt in der goldnen Säule:
Fall nieder, anzubeten Jupiter!
SUSANNE
(Sie haucht mit dem Hauch ihres Mundes)
Ich bin der Herr, dein Gott, der dich befreit
Aus dem Ägyptenland der Sklaverei,
Du habe keine Götter neben mir!
Hör, Israel, Gott ist Ein Gott allein!
Ich, Gott, bin Gott und keiner außer mir!
Gott einzig sollst du lieben über alles,
Gott liebe du mit Herz, Gemüt und Kraft!
Gott ist Ein Gott allein und keiner sonst!
Du sollst kein Bildnis dir auf Erden machen
Von Gott, nicht nach dem Bilde eines Mannes!
Ich bin der Herr, mich bete an, sonst keinen!

(Die Jupitersäule bricht durch die Macht des Wortes Gottes aus dem Mund der heiligen Susanne
zusammen.)

KAISER DIOKLETIAN
Was für ein Hauch strömt dir aus deinem Munde?
Wie duftet lieblich deines Mundes Hauch?
Doch weil du meinen Jupiter zerschmettert,
O heilige Susanne, sollst du sterben!

ACHTE SZENE

(Susanne und kaiserliche Soldaten)

SOLDAT
Susanne, leide dein Martyrium!
SUSANNE
Als ich mich Jesus Christus angetraut,
Verlobt ich mich dem Ersten Marterzeugen,
Denn der Gekreuzigte ist Marterzeuge
Für Gottes Weisheit an dem Kreuz geworden!
Soll ich mich wundern des Martyriums?
Die Ehe ist schon ein Martyrium!
Die Jesus-Ehe ist Martyrium!
Das Christentum ist ein Martyrium!
Die apostolische, katholische
Und heilige Gemeinde Jesu Christi
Ist die Vereinigung der Marterzeugen!
SOLDAT
Nun aber geht’s dir an den eignen Leib!
SUSANNE
Ich lebte die Jungfräulichkeit für Jesus
Und ahmte in der Keuschheit nach die Jungfrau
Maria, reinste Jungfrau aller Jungfraun.
Sie sprach zu mir, die Frau der Offenbarung:
Mein liebes Kind, o heilige Susanne,
Wenn du mit mir vereint zu Jesus gehst,
Lebst du auf Erden schon das Himmelsleben
Und merkst den Übergang ins Jenseits kaum...
SOLDAT
So will ich nun dein Engelmacher sein!
Dies scharfe Schwert in meiner rechten Hand,
Das dir den Schädel von dem Rumpfe schlägt,
Wird dich zu deinem Gott der Toten bringen!
SUSANNE
Ich opfere mein Leiden und mein Sterben
Dem Retter auf zur Sühne meiner Sünden,
Zum Heil des Volkes der Lateiner und
Zum Heil der großen Roma und vor allem
Für den gewissen Sieg des Herzens Jesu,
Für den Triumph der makellosen Kirche!
SOLDAT
So kniee hin und fluche deinem Gott!
SUSANNE
Ich schau schon die Urgottheit der Urschönheit!
Ich seh die allerreinste Jungfrau lächeln!
Soldat, verehre auch die Mutter Gottes!
SOLDAT
Seht, wie vernarrt sie war in ihren Gott!

(Susanne wird enthauptet)

NEUNTE SZENE

(Serena, die Gattin des Kaisers Diokletian, begräbt heimlich die Gebeine der heiligen Susanne in
einem silbernen Sarg)

SERENA
Ach Jesus, ach, du weißt, ich suche dich
Und manchmal fühle Liebe ich für dich
Und manchmal fühle Liebe ich für Gott
Und manchmal bete ich zu Michael
Und manchmal bete ich zu Gabriel
Und manchmal höre ich Maria reden.
Dann wieder plagt der böse Dämon mich,
Der Dämon Asmodäus plagt mich oft,
Den nennt man auch den bösen Eheteufel.
Nur heimlich hab ich ein Gefühl für dich,
Mein Jesus, heimlich habe ich ein Bild
Von dir bei mir und schau es gerne an.
Ich mag mich noch nicht öffentlich bekennen
Zu jener Kirche, die sich Christi Leib nennt.
Wenn ich zu jener Kirche mich bekennen
Und zählen würde, die katholisch, heilig
Und apostolisch ist, geführt von Petrus
Und dem Konzil der heiligen Apostel,
Die Christi Leib ist, Christi Leib anbetet
Und Christi Leib empfängt in Kommunionen –
Wenn ich zu dieser Kirche mich bekennte,
So wär ich ausgeschlossen aus dem Kreis
Der menschlichen Familie, die mich trägt,
Die Brüder mir und Schwestern sind und Mütter
Und Väter, und auch mein Gemahl verachtet
Die Kirche, die der Überzeugung ist,
Besitzerin der absoluten Wahrheit
Zu sein, der ganzen Offenbarung Christi.
Daß ich dich dennoch liebe, o mein Jesus,
Das will ich dir mit meiner Tat beweisen,
Indem ich Sankt Susannes Leib begrabe.
Wer deine Heiligen verspottet, Jesus,
Verspottet dich, den Quell der Heiligkeit,
Wer aber deine Heiligen verehrt,
Verehrt den Heiligen der Heiligen,
Denn deine Gnade, Jesus, wars allein,
Die Sankt Susanne so geheiligt hat,
Dein Sakrament der Taufe und der Salbung,
Dein Sakrament der Kommunion, der Buße,
Die Gnade durch die Sakramente strömend
Verklärte Sankt Susanne so, dass sie
Dir ähnlich wurde, ja, ein andrer Christus,
Drum geb ich ihr den Namen: Jesusanne!

ZEHNTE SZENE

(Sankt Hieronymus, nach Beendigung seiner Bibelübersetzung, schrieb die Vita der heiligen
Susanne. Zum Schluß faltet er die Hände zum Gebet.)

HIERONYMUS
O heilige Susanne, einen kenn ich,
Der ging mit seinem Freunde einst spazieren,
Sie sprachen über Cäsar, über Rom,
Da ward der Himmel schwarz von Regenwolken,
Da sprach der Freund zum Katholiken so:
Als Katholik bist du vertraut mit Petrus,
So bitte Petrus, der das Wetter macht,
Daß uns nicht überrascht ein Regenschauer.
Die beiden gingen weiter nun spazieren
Und diskutierten über Petri Wesen,
So kamen trocken sie bis an das Haus,
Erst, als sie grad die Türe aufgeschlossen,
Vom Himmel kam ein dicker Regenschauer.
Der Katholik hat dieses sich gemerkt
Und betete um Schutz vor Regenfluten,
Als seine lieben kleinen Patenkinder
Beim Karneval sich Süßigkeiten suchten,
Er betete zur heiligen Susanne,
Und du erhörtest sein Gebet, Susanne.
Auch als der selbe Katholik von Unglück
Im Innern seiner Seele heimgesucht,
Da packte ihn der Geist des Herrn und zeigte
Ihm deine Kirche, heilige Susanne,
Wo deine Beine als Reliquien ruhen,
Er betete zur heiligen Susanne,
Und du hast ihm gelindert seinen Kummer
Und ihn getröstet in des Herzens Unglück.
Und wenn der Katholik erfuhr, dass jene
Geliebte, die er unter allen Frauen
Am meisten liebte, frech verleumdet wurde
Von gottvergessnen Lästerzungenweibern,
Die wie die Furien gerne schmähen, lästern
Und Zank und Streit erregen, hat der Mann
Als Frommer sich geflüchtet ins Gebet
Und dich gebeten, heilige Susanne,
Die liebste Frau vom Himmel aus zu segnen!
So haben wir erfahren deine Macht
Fürbittenden Gebetes bei Verleumdung,
Bei Regen, Unglück, und des weiteren
Ausbreitest du den Segen deines Gottes
Auf jede Frau, die deinen Namen trägt
Und keusch wie eine Lilie Gottes ist.

ELFTE SZENE

(In der Kirche Sankt Susanne in Rom)

PRIESTER
Susanne, hilf uns, dass wir heilig werden!
GEMEINDECHOR
Du weiße Lilie der Dreieinigkeit,
Du lichte Rose gottgeschaffner Anmut,
O heilige Susanne, bitt für uns!
PRIESTER
Susanne, uns erfleh von Gott die Gnade,
Daß wir als treue Zeugen Christi leben
Und wenn es sein muß, sterben auch für Christus,
Daß wir in Treue lieben bis zum Tod!
GEMEINDECHOR
Du weiße Lilie der Dreieinigkeit,
Du lichte Rose gottgeschaffner Anmut,
O heilige Susanne, bitt für uns!
PRIESTER
Susanne, bitte Jesus Christ für uns,
Daß wir in aller Schönheit dieser Schöpfung
Des Schöpfers makellose Schönheit schauen!
Erbitte uns des Herzens reine Augen,
Daß wir durch alle Schönheit des Geschaffnen
Durchscheinen sehn die unerschaffne Schönheit,
Und bitte Gott und Jesus und den Geist,
Daß wir aus Gnade an das Ziel gelangen,
Die Schönheit Gottes ewig anzuschauen,
Die Schönheit Gottes ewig zu genießen!
GEMEINDECHOR
Du weiße Lilie der Dreieinigkeit,
Du lichte Rose gottgeschaffner Anmut,
O heilige Susanne, bitt für uns!
PRIESTER
Susanne, rufe Jesus Christus an
Und bitte um die Gnade deinen Gott,
Daß wir, die wir dich lieben und verehren,
Wie du dem Herrn und Meister ähnlich werden
An Keuschheit, Reinheit, Demut, Sanftmut, Güte!
GEMEINDECHOR
Du weiße Lilie der Dreieinigkeit,
Du lichte Rose gottgeschaffner Anmut,
O heilige Susanne, bitt für uns!
PRIESTER
Im Namen Gottes, der dich Schönheit schuf,
Im Namen Jesu, der sich dir vermählt,
Im Namen jenes Geistes, der dich liebt,
Erhöre uns, o heilige Susanne!
GEMEINDECHOR
Im Namen göttlicher Urschönheit, Amen!

GALILEO GALILEI
PERSONEN

Ptolemäus, antiker Astronom


Aristoteles, antiker Philosoph
Aristarchos von Samos, antiker Naturwissenschaftler
Nikolaus von Kues, katholischer Philosoph und Theologe
Keppler, moderner Naturwissenschaftler
Tycho de Brahe, Prager Astronom und Alchemist
Martin Luther, Junker Jörg
Phillip Melanchthon, sein Genosse
Kardinal Bellarmin, ein Heiliger
Urban, Papst
Eine Seherin
Ein Geist, Weißer Bischof von Rom
Galileo Galilei, Wissenschaftler

Ort: Der absolute Raum als Sensorum Dei, Zeit: Die absolute Zeit als Gegenwart Gottes

ERSTE SZENE
(Griechenland, vor dem Tempel der Göttin der Weisheit. Aristoteles, Aristarchos und Ptolemäus.)

ARISTOTELES
Es gibt nur Eine Welt, die ewig ist,
Und sie ist aus Materia und Geist.
Materia ist aber nicht der Geist,
Der Geist ist aber nicht Materia.
Der Himmel ist die Welt vollkommnen Geistes,
Die Erde ist die Welt der Sterblichkeit.
Das Universum ist so zweigeteilt:
Hoch oben kreiset das Vollkommene,
Dort wandeln wie die Götter die Gestirne
Und kreisen ewig in perfekten Kreisen.
Die Erde aber ist Materia
Und sterblich ist Materia, die Mater.
Der Himmel ist sehr nah dem Höchsten Geist,
Die Erde ist sehr nah dem reinen Nichts.
Was aber hat das Seiende, das Sein,
Zu schaffen mit dem Nichtsein, mit dem Nichts?
Was hat der Kreis vollkommner Ewigkeit
Zu schaffen mit der Linie dieser Zeit?
Geist und Materia sind stets geschieden,
Der Himmel und die Erde sind geschieden.
Es gibt den Stoff, der nahe an dem Nichts ist,
Der ist dem Wandel unterworfen und
Ist eine lineare Zeit und endet
Im Tode, in der ewigen Vernichtung.
Es gibt ein Seiendes, das wird bewegt,
Das ist der Himmel, ist das Firmament.
Am Firmamente laufen ihre Bahnen
Die himmlischen Gestirne und die Götter,
Rund sind die göttlichen Gestirne, sind
Vollkommne Kreise, makellose Kreise.
Apollo ist vollkommen rund und rein
Und Luna ist die makellose Runde.
So wandeln Götter ewig ihre Kreisbahn.
Doch über dem bewegten Seienden
Ist unbewegtes Sein, die erste Ursach,
Der Ursprung aller himmlischen Bewegung.
Den Urgrund nennen wir den Höchsten Gott.
Der Höchste Gott in seiner Gottesschönheit,
In seiner Gottesweisheit, Gottesgüte
Zieht alle göttlichen Gestirne an
Und lenkt durch Seiner Schönheit Attraktion
Die Götter auf des Firmamentes Kreisbahn.
So unten treibt in Sterblichkeit die Erde,
Stets in chaotischer Bewegung treibend,
Materia, bestimmt für den Verfall.
Von Sterblichkeit durchwoben und von Tod,
Erfährt sie ihren Wandel, ihren Wechsel
Vom Nahesein und Fernesein der Sterne,
Die selber wandeln ewig ihre Bahnen
In den perfekten Kreisen wie die Götter
Und folgen als der strahlende Apollo
Und folgen als die makellose Luna
Und als die Venus Gottes höchster Schönheit,
Die als das Allgesetz hoch überm Himmel
Im Himmel aller Himmel thront als Gottheit,
Als Gott, als Erstursache alles Seins.
ARISTARCHOS
So oft ich aber die Natur bedenke,
So scheint mir, Gottes Sohn Apollo ist
Als Sonne der Gerechtigkeit das Zentrum,
Zentrale Sonne in dem Universum,
Und Mutter Erde, Unser Aller Mutter,
Bewegt in kreisgeformten Bahnen sich
Um die Zentrale Sonne des Apollo.
PTOLEMÄUS
Wir Forscher der Natur, der Wissenschaft,
Wir denken uns entweder still die Erde
In wandelloser Ruhe und die Sonne
Geht auf und unter, wie das Auge sieht,
Wie sichtbar, oder denken so wie du,
Die Sonne sei das Zentrum dieses Kosmos
Und Mutter Erde tanze um das Feuer.
Des Philosophen göttliche Erkenntnis
Erkennt den Höchsten Gott als Allbeweger,
Das Firmament als göttlich und vollkommen,
Im untersten Bereich der Hierarchie
Die gute alte Mutter Erde, sterblich.
Dies soll das Weltbild sein in der Antike.
ARISTOTELES
Was aber ist der Mensch? Ist Geist unsterblich
Im sterblichen Gefäß des Erdenleibes!
Doch der Unsterblichkeit der Menschenseele
Nicht würdig ist als Wohnort diese Erde,
Die sterblich ist, dem Tode unterworfen.
Wird die unsterbliche Geistseele frei
Vom sterblichen Gefängnis ihres Körpers,
Wo wird des Menschen Geist dann wohnen, wo?
Gott nimmt doch keine Kreaturen auf!
Gott ist der Denkende, Er denkt nur Gott,
Gott der von Gott Gedachte, Gott das Denken!
Nichts jemals wird in Gott sein als allein
Der göttliche Gedanke, den der Gott denkt!

ZWEITE SZENE

(Nikolaus von Kues vor der Hagia Sophia von Byzanz.)

NIKOLAUS VON KUES


Die Offenbarung spricht von Gottes Wesen.
Der Vater als der namenlose Urgrund
Und sozusagen Mutter allen Schweigens
Besitzt in sich das absolute Sein,
Besitzt den Selbstbesitz nicht für sich selbst,
Verschenkt das Sein der Gottheit an ein Du,
Gott schenkt die göttliche Natur dem Sohn.
In Gott das Große und das Kleine ist,
Gott ist Zusammenfall der Gegensätze.
Die Einheit und die Gleichheit der Personen
Des Vaters und des Sohnes sind verbunden
Durch die Vereinigung der Gottesliebe,
Gott Heilig Geist, von göttlicher Natur.
Die Allerheiligster Dreifaltigkeit
Ist Urbild aller seienden Geschöpfe.
Die ganze Schöpfung dieses Universums
Gestempelt ist von der Dreieinigkeit
Und trägt die Spuren des drei-einen Gottes.
Zusammenfall der Gegensätze und
Die Selbsthingabe ans geliebte Du,
Vereinigung von zwei Gestalten durch
Die liebende Bekanntschaft oder Freundschaft,
Grundmuster dies des ganzen Universums.
So Geist sind und Materia nicht zwei
Total entzweite Gegensätze, sondern
Der Geist wie die Materia sind Ausdruck
Des Einen Schöpfergottes oder Vaters,
Der sich verschenkt in schöpferischer Liebe.
O Seele du des Menschen, die du Geist bist,
Dein Körper stofflich ist nicht dein Gefängnis,
Der Leib persönlich ist der Seele Ausdruck,
Die Seele drückt sich durch den Körper aus.
Geistseele, wenn du Liebe schenken willst
An ein geliebtes Du als Seele geistig,
So schenkst du dich in dem Gefäß des Körpers
Und spendest deine Seelenliebe aus
Durchs Sakrament der körperlichen Liebe,
Dein Körper eins wird dem geliebten Körper
Und Seele sich vereinigt mit der Seele
Als Abbild der Vereinigung in Gott,
Da Gott der Vater eint sich Gott dem Sohn
In dem Mysterium der Liebe Gottes.

(Er seufzt...)

Sophia, schenke mir den Trost der Weisheit!


Parmenides und Heraklit, sie dachten,
Es sei das Eine Seiendes allein
Und auf der andern Seite sei die Vielheit,
Die mannigfaltigen Erscheinungen,
Dem Wandel unterworfen in der Zeit,
Geworfen in den Fluss, der immer anders
Und immer andre Wasser mit sich führt.
Auch Sokrates sprach mit Parmenides
Und diskutierte übers Eins. Und auch
Für Aristoteles war es gewiß
Ein absoluter Widerspruch, totales
Verschiedensein von Eins und Vielerlei.
Wir aber glauben an die Offenbarung
Der göttlichen Natur als der Dreieinheit.
Es ist die Eine Göttliche Natur.
Wir glauben an die Eine Gottheit: Credo
In Unum Deum! Aber dieser Gott
Entfaltet sich in drei Personen als
Die Liebe einer liebenden Person
Zu dem geliebten Du, das wieder liebt,
Und die Vereinigung der Liebenden
Ist selbst die göttliche Person der Liebe.
In Gott ist Einheit: Eine Gottnatur,
In Gott ist Vielheit: Die Dreifaltigkeit.
So auch die Vielheit der Erscheinungen
Der Kreaturen in dem Universum
Steht nicht im absoluten Widerspruch
Zu der Idee der Einheit dieses Kosmos:
All-Einheit ist das Ebenbild der Gottheit.
Ich denke mir den Kosmos mathematisch,
Wie Punkt an Punkt gereiht ergibt die Linie,
Wie Eins an Eins gereiht ergibt die Zahlen.
In aller der Unendlichkeit der Zahlen
Als Grundeinheit ist immerdar die Eins.
Das Vielerlei des ganzen Universums
Ist Wiederholung seiner Grundeinheit.
Wie Mond und Sonne und die Sterne alle,
Die Erde auch ist ein Planet des Himmels.
Nicht überm Himmel schwebt der Erstbeweger,
Der durch die Schönheit lenkt das Firmament,
Und unten treibt in wesenlosem Chaos
Der sterblichen Materia die Erde,
Nein, Gottes Vielheit in der Einheit Gottes,
Sie spiegelt sich im Universum ab.
Die Erde ist ein himmlischer Planet.
Materia ist nicht von Anfang an
Dem Tode unterworfen, sondern ist
Von Gott geschaffen mit dem Geist zusammen
Als Ausdruck schöpferischer Liebe Gottes.
Gott drückt persönlich seine Liebe aus
Durchs Sakrament der körperlichen Liebe
Der Gottheit in dem Innern der Natur:
Das Universum ist wie eine Messe.

DRITTE SZENE

(Vor der Karmeliterkirche „Maria vom Sieg“ in Prag diskutieren Keppler, Tycho de Brahe und
Nikolaus von Kues.)
KEPPLER
Kopernikus hat uns gebracht die Wende,
Er hat bestätigt, was einst Aristarchus
Von Samos sagte schon, die Sonne sei
Das Zentrum ihrer Galaxie, die Erde
Umkreist die Sonne im vollkommnen Kreis.
TYCHO DE BRAHE
Doch eure Kreise, die ihr ausgerechnet,
Die makellosen Kreise der Planeten,
Sie stimmen gar nicht überein mit meinen
Berechnungen, Erfahrungen des Kosmos.
KEPPLER
Wir müssen unsre Bahn erneut berechnen.
TYCHO DE BRAHE
Gott rechnet doch genau! Der weise Gott
Ist in der mathematischen Berechnung
Der einzig Weise, der vollkommne Weise.
KEPPLER
Schon Salomo sagt in dem Buch der Weisheit:
Sophia als des Kosmos Architektin
Schuf alles nach Gewicht und Maß und Zahl.
Sophia küsste Nikolaus von Kues!
Wie göttlich scheinst du mir, mein Philosoph!
Gott schuf aus absolutem Nichts den Kosmos,
Gott schuf die Körperwelt in Quantität.
Gott schuf die reinen Kreise der Planeten
Und schuf auf Erden lineare Zeit.
Was sagst du, weiser Nikolaus von Kues,
Was sagst du zu dem Kreis und zu der Linie?
NIKOLAUS VON KUES
Ein Dichter sang einst: Gott ist wie der Vollmond...
Das deut ich so: Gott ist ein reiner Kreis,
Gott ist die Große Runde Ewigkeit,
Der Mensch lebt in der linearen Zeit,
Hat Anfang, Mitte und das Ziel als Ende.
Die Offenbarung unsres Glaubens aber
Lehrt, dass die Ewigkeit kam in die Zeit,
Lehrt, dass die Weltvernunft ist Fleisch geworden.
Dies Urmysterium der Offenbarung
Hat Gott der Schöpfer abgebildet in
Dem Universum so, dass die Planeten
Nicht eine reine runde Kreisbahn laufen,
Nein, sich bewegen auf Ellipsenbahnen.
Der eine runde Kreis ist reine Gottheit,
Die reine Linie ist die reine Menschheit,
Doch die Ellipse ist der Gottmensch Christus,
In der Ellipse einst sich Kreis und Linie
In einer himmlischen Figur und diese
Gottmenschliche Figura der Ellipse
Ist jene Bahn, darauf sich die Planeten
Bewegen nach dem Allgesetz der Weisheit.
TYCHO DE BRAHE
Ich muss euch leider nun verlassen, Keppler
Und Nikolaus von Kues, liebe Brüder.
Die Majestät von Prag gebot den Weisen
Von Prag, sie sollen in dem Goldnen Gässchen
Saturnus’ Blei in Phöbus’ Gold verwandeln.
Ich bin schon nahe dran am Stein der Weisen!
Doch Englands Jungfraunkönigin Eliza
Geschickt hat einen englischen Spion
Ins Goldne Gässchen, der den Stein der Weisen
Dem erzkatholischen Regenten Rudolf
Von Habsburg stehlen soll und geben ihn
Der anglikanischen Regentin Englands,
Elisabeth der Großen Gloriana.
KEPPLER
Ist die bekannt der englische Spion?
TYCHO DE BRAHE
Er unterschreibt mit Null-Null-Sieben. Aber
Den Stein der Weisen, wenn ich ihn gefunden,
Den weihe ich dem Kaiserhaus von Habsburg.
NIKOLAUS VON KUES
Nun, Tycho, der getauft du auf den Namen
Der Göttin Tyche bist, der Zufallsgöttin,
Vielleicht wird dir die große Zufallsgöttin
Den Stein der Weisen noch bescheren und
Du wandelst noch Materia in Geist!
So jedenfalls erwarten es die Toren.
TYCHO DE BRAHE
Maria, Goldnes Haus der Gottesweisheit,
Die Gott im Fleisch empfangen durch den Geist,
Erbitte uns die Gabe wahrer Weisheit,
Daß wir erkennen, was das Universum
Im Innersten zusammenhält: Die Liebe!

VIERTE SZENE

(Galileo Galilei in seinem Obergemach mit Fenster zum Apfelgarten und zum Firmament.)

GALILEI
Ich habe meinen Keppler gut studiert
Und auch den alten Aristoteles.
Wenn ich den Aristoteles bedenke,
Ist Gott der Herr hoch über allen Welten
Und lenkt durch seiner Weisheit reine Schönheit
Am Firmament die göttlichen Planeten
In den vollkommnen Kreisen ihrer Bahnen.
Die Erde ist für Aristoteles
In einer Hierarchie der Wertigkeit
Gelegen unterm Monde. Salomo
Und Phanias behaupten: Unterm Monde
Ist alles Nichtigkeit der Nichtigkeiten.
Und so auch Aristoteles, der sagt,
Die Erde treibt in ihrer Sterblichkeit
In einer wesenlosen Masse hin,
Die nah dem Nichts ist und die nicht Substanz hat,
Materielles wesenloses Chaos,
Dem Wandel unterworfen und dem Wechsel.
Nun aber höre ich den großen Keppler,
Die Mutter Erde schwebe auch am Himmel,
Sei Eine von den göttlichen Planeten.
Mit mathematischer Genauigkeit
Berechnen wir die göttlichen Planeten
Und ihre himmlischen Bewegungen,
Die revolutionären Allgesetze.
Wenn Gäa nun mit ihren breiten Brüsten,
Die schwarze Mutter Erde, schwebt am Himmel,
Dann können wie die göttlichen Planeten
Wir auch berechnen Unser Aller Mutter
Und können das Gesetz erforschen, das
Der Herr und Schöpfer unsrer Mutter gab.
So habe ich studiert und so gefunden,
Daß auf der Erde das Gesetz der Trägheit
Gesetzlich wirkt. Zwar Aristoteles
Sprach von den Körpern, wie sie sich bewegen,
Indem von außen sie gestoßen werden.
Am Firmament die göttlichen Planeten,
Sie werden von der Höchsten Macht bewegt,
Der Gottesweisheit Unbefleckten Schönheit.
Die göttlichen Planeten wiederum
In ihrem Nahesein und Fernesein
Bestimmen auf der Erde allen Wandel.
Ich aber fand in meinem Studium
Der heiligen Natur das Weltgesetz
Der Trägheit, dass auf Erden sich die Körper
Bewegen durch die eigne Kraft und Masse.
Was nun bedeutet dieses philosophisch?
Die Erde ist nicht mehr wie bei den Griechen
Ein wesenloses Fast-Nichts unterm Monde,
Materia allein und nicht Substanz,
Nein, meine wissenschaftliche Erkenntnis
Behauptet eine doppelte Natur:
Am Himmel waltet makelloser Geist
Und ist Substanz und wesenhaftes Wesen,
Auf Erden waltet heilige Natur
Und ist Substanz und wirklich wesenhaft.
Was aber sagt das einem Katholiken?
Und ich bin stolz, ein Katholik zu sein!
Der Katholik erkennt an zwei Substanzen,
Substanzen der Natura und des Geistes,
Die Wahrheit seines Meisters Jesus Christus.
In Christus sind ja zwei Naturen
In einer göttlichmenschlichen Person.
In Jesus die Natur des Logos ist
Und auch ist in ihm die Natur des Fleisches.
So Jesus ist aus Geist und aus Natur,
So Jesus ist aus Gott und ist aus Mensch,
So Jesus ist aus Himmel und aus Erde,
Mit Einem Worte: Unser Herr ist Alles!

FÜNFTE SZENE

(Galilei vor einem Fernrohr, in den Himmel schauend.)

GALILEI
Nun geh ich aus von einem Universum,
Das nicht geteilt in zwei verschiedne Hälften,
In einen höchst vollkommnen Vater Himmel
Und eine makelhafte Mutter Erde,
Ich gehe aus von einem Universum,
Das Gott der Schöpfer im Beginn geschaffen,
Als Gott der Schöpfer Himmel schuf und Erde,
Als Gott Materia erschuf und Geist,
Die Sichtbarkeit und die Unsichtbarkeit,
Der Engel und der Kirche Hierarchie.
Ein Gott ist nur und nur Ein Universum.
Doch jetzt will ich beweisen, dass der große
Kopernikus mit seiner Wende Recht hat
Mit seinem revolutionären Himmel.
Von Alexandria soll Ptolemäus
Mit mir durch dieses große Fernrohr schauen!
Ich hab es nicht erfunden, ich gestehe,
Doch habe ich es wesentlich verbessert.
Von Alexandria mein Ptolemäus,
Du sprachst von göttlicher Vollkommenheit
Der himmlischen Planeten, von der Sonne
In ihrer makellosen weißen Schönheit
Und von dem Mond in der perfekten Runde.
Ach, hätten einst die Griechen schon gewusst,
Was ich mit meinem Fernrohr jetzt erkenne,
Sie hätten nicht die Sonne angebetet
Und Luna nicht als makellose Göttin.
Apollo, lichter Gott von höchster Schönheit,
Du junger Sonnengott mit goldnen Locken,
Ich sehe, sieh, ich sehe deine Flecken!
Jungfräulich unbefleckte Göttin Luna,
Der Grieche sagt, du seist perfekt gerundet,
Perfekt gerundet seist du Himmelsweib,
Ich aber sehe durch mein scharfes Rohr
Unebenheiten und Gebirge da
Und Beulen hat und Buckel hat die Göttin!
Sei nicht enttäuscht, mein alter Ptolemäus,
Es bleibt die Sonne der Gerechtigkeit
Das Licht der Welt, der Heiland Jesus Christus,
Es bleibt die unbefleckte Jungfraumutter,
Perfekte Himmelskönigin Maria!
Doch dass sich Ptolemäus irrte, dass
Die göttlichen Planeten nicht perfekt,
Beweist noch nicht: Kopernikus hat Recht.
Nun mit dem scharfen Augenglas der Liebe
Ich starre an die Schönheitsgöttin Venus.
In epizyklischer Bewegung tanzt
Die Göttin Venus um das Sonnenfeuer!
Nicht hinter und nicht vor der Sonne tanzt sie,
Nein, um die Sonne tanzt sie epizyklisch.
Die Venus liefert mir nicht den Beweis,
Doch Venus ist ja aus dem Meer getaucht,
Ich will das mütterliche Meer befragen.
O Meer, in Ebbe waltest du und Flut,
Und anders sind Gezeiten nicht erklärbar,
Als dass die Erde um sich selber kreist
Und dass die Erde um die Sonne kreist.
Ich will das als Beweis den Menschen sagen.
Es mögen oberkluge Männer kommen,
Es mögen Fischer sagen, dass das Meer
An einem Tage zweimal ebbt und flutet,
Daß mein Beweis nicht ganz korrekt gedacht,
Doch brauch ich unbedingt Beweise und
Ein Irrtum hilft wohl auf der Wahrheit Spur,
Wie durch die Liebe Davids zu Bath-Sheva
Geboren ist der weise Salomon!

SECHSTE SZENE

(Papst Urban und Kardinal Bellarmin in der Sixtinischen Kapelle unter dem Bilde des Jüngsten
Gerichts.)

KARDINAL BELLARMIN
Wir haben Galilei unterstützt
In seiner Forschung, haben Anteilnahme
Gezeigt und waren wirklich interessiert.
Sein Buch, das von den Sonnenflecken handelt,
Das haben wir genehmigt und es wurde
Gedruckt mit der Genehmigung der Kirche,
Weil dieses Büchlein von den Sonnenflecken
Die Bibel nicht berührt und weil dies Büchlein
Nicht das Kopernikanische System
Darstellt als eine absolute Wahrheit.
Mein Freund, der Wissenschaftler Galilei,
Hat unterschrieben seines Freundes Formel,
Die ich als Kardinal ihm vorgelegt,
Daß das Kopernikanische System
Sei eine Hypothese, mathematisch
Wahrscheinlich, sei sie einfach nur Beschreibung
Der himmlischen Gesetze der Planeten,
Doch soll man dies System nicht so verstehen,
Als sei die Wirklichkeit des Kosmos so.
Denn diese Lehre könnt dem Glauben schaden,
Weil es den Anschein hat, als ob die Lehre
Der Wissenschaft der Bibel unterstellt,
Sie irre sich, die irrtumslos doch ist.
Doch gibt es wirklich einmal den Beweis
Für das System der Wissenschaft, die Erde
Umkreist die Sonne, müssen Theologen
Vorsichtig bei der Interpretation
Der Bibel sein und müssen eher sagen:
Wir haben Gottes Buch nicht recht verstanden.
Denn wenn es wissenschaftliche Beweise
Gibt für der Erde Kreisen um die Sonne,
So lass der Theologe Vorsicht walten
Bei der Erklärung jener Worte in
Der Bibel, die von der Bewegung sprechen
Der Sonne und wie untergeht die Sonne
Und wie die Sonne aufgeht, dass dann nicht
Bei seiner Interpretation der Bibel
Der Theologe eine Lüge nennt,
Was wissenschaftlich schon bewiesen ist.
Die Hagia Sophia, Gottes Weisheit,
Sagt durch den Mund des Augustinus so:
Wenn jemand die Autorität der Bibel
Ausspielen wollte gegen den Beweis
Der Wissenschaft der menschlichen Vernunft,
So fehlt ihm das Verständnis dieser Bibel,
Er stellt der Wahrheit dann der Wissenschaft
Entgegen nicht den wahren Sinn der Bibel,
Vielmehr nur seine eigenen Gedanken,
Was er sich denkt bei manchen Bibelworten,
Tut so, als ob es in der Bibel stünde,
Als obs entspräch dem tiefen Sinn der Bibel.
PAPST URBAN
Als Stellvertreter Christi auf der Erde
Empfahlen dringend Wir dem Physiker,
Daß das Kopernikanische System
Von ihm behandelt wird als Hypothese
Rein mathematisch und er solle auch
Den hypothetischen Charakter des
Systems betonen, ohne auf die Bibel
Bezug zu nehmen. Wenn er das beachtet,
So sagten Wir, so gibt dem Physiker
Der Papst die Blanko-Unterschrift, er darf
Sein Büchlein von den beiden Weltsystemen
Veröffentlichen. Aber er missbrauchte
Das ihm voraus gespendete Vertrauen
Und darum haben Wir ihn auch verurteilt,
Da er den hypothetischen Charakter
Doch des Kopernikanischen Systems
Nicht mehr vertrat und noch vor dem Beweis
Der Wahrheit dieser Lehre sie vertrat,
Als ob sie ganz genau der Wirklichkeit
Entspräch des Universums. Aber dennoch
Wird seine Forschungstätigkeit fortan
Vom Papste nicht behindert, nein, vielmehr,
Wir fördern seine Forschungstätigkeit
Und unterstützen sie mit allen Mitteln.
So kann er den Diskurs veröffentlichen.
Ja, das Kopernikanische System
Darf weiterhin vom Physiker behandelt
Und diskutiert und ausgestaltet werden.
KARDINAL BELLARMIN
Die Weltanschauung Ptolemäus’ ist
Gemäß antiker Weisheit ausgestaltet,
Da sich das Universum spaltet auf
In einen Himmel des vollkommnen Geistes
Und eine Erde stofflich und verderblich.
Wenn im Kopernikanischen System
Die Erde wird zum göttlichen Planeten,
Dann ist Materia nicht mehr geschieden
Grundsätzlich von der geistigen Substanz,
Auch die Materia hat dann Substanz,
Ist nicht nur Akzidenz und abzustreifen.
So tritt dann neben die Substanz des Geistes
Materia auch wahrhaft als Substanz.
Und das entspricht dem biblischen Gedanken:
Im Anbeginn schuf Gott der Herr als Schöpfer
Den Himmel geistig und die Erde stofflich
Als Ausdruck seiner schöpferischen Liebe.
PAPST URBAN
Das ist nun so die Mode unsrer Zeit.
Doch Wir, als Stellvertreter Christi, sehen
Die Physiker der Zukunft kommen schon,
Die sagen werden, weder Ptolemäus
Noch auch Kopernikus erkannten richtig,
Des Universums Wahrheit ist noch anders.
Der Lehrstuhl des Apostels definiert
Die rechte Interpretation der Bibel.
Der Papst sagt: In der Bibel steht geschrieben,
Wie Christenmenschen in den Himmel kommen,
Nicht aber, wie der Sternenhimmel aussieht.
KARDINAL BELLARMIN
O Pappa! Doch die Sternenhimmel preisen
Die allerschönste Herrlichkeit des Herrn!

SIEBENTE SZENE

(Doktor Martin Luther als Junker Jörg mit dichtem Vollbart in der Wartburg, bei ihm sein Freund
und Genosse Philipp Melanchthon.)

MELANCHTHON
(singt)
Martinus Luther ist ein Christ,
Ein glaubensstarker Mann!
Weil heute sein Geburtstag ist,
Zünd ich ein Lichtlein an.
JUNKER JÖRG
Ich denk an einen neuen Astrologen,
Der will beweisen, dass die Erde sich
Bewegt und dass sie um die Sonne kreist,
Der will beweisen, dass die Sonne still steht,
Der Mond, die Sterne und das Firmament.
Der Narr will alle Kunst der Astronomen
Nun stellen auf den Kopf. Doch sagt die Bibel,
Daß stillgestanden war die Sonne einst
Auf Josuas Gebet und nicht die Erde.
Denn damals sagte Josua zum Herrn
Und vor den Augen Israels rief er:
O Sonne, über Gibeon steht still!
O Luna, still steh über Ajalon!
Da stand fürwahr die Himmelssonne still
Und stehen blieb der Mond auf seiner Bahn,
Bis Israel genommen Rache an
Den Feinden Gottes, blieb die Sonne stehen,
Den ganzen Tag verzögerte die Sonne
Den Untergang ins Meeresbett des Westens!
MELANCHTHON
Die physikalische Vernunft und auch
Die Bibel spricht davon: Die Sonne kreist,
Sie geht am Morgen auf, am Abend unter.
Die Bibel ist doch wörtlich auszulegen!
Die wörtlich ausgelegte Bibel zeugt
Doch von der Wahrheit, dass die Sonne kreist,
Am Morgen aufgeht und am Abend unter,
Die Erde ruht auf festen Fundamenten.
JUNKER JÖRG
O Heiligkeit des puren Biblizismus!
Doch wo der Rattenschwanz des Antichristen
Und seine geile Hure Babylon
Die Bibel zu ersetzen suchen durch
Konzile, Kirchenväter, Papst und Dogmen,
Kann man der Sintflut Einhalt nicht gebieten!
Die Hure Babylon von sieben Hügeln
Hurt ja mit einer andern Hure noch,
Die Heidin ist, der Hure der Vernunft!
So lehrt es uns der pure Biblizismus,
Des heiligen Purismus’ Buchstabtreue,
Daß Gott die Welt erschuf in sieben Tagen,
Als er wortwörtlich aussprach Gottes Wort.
Nun kommt die Hure der Vernunft, die Heidin,
Sie redet wie die Säue Epikurs,
Spricht von Materia und von Atomen,
Von Urmateria und Geistentwicklung,
Von der Natur und wie sie sich entfaltet.
So hurt die Hure der Vernunft mit Satan,
Weil schon der Rattenschwanz des Antichristen,
Der Papst, hurt mit der Hure Babylon!
MELANCHTHON
O Junker Jörg, der du bist Gottes Schwan,
Du wirst dem Papste ewig eine Pest sein!
JUNKER JÖRG
Ich glaub an kein Konzil und keinen Papst,
Ich glaub an meine Biblia allein.
MELANCHTHON
Ein feste Burg ist Unser Gott und Herr,
Der Herr ist unsre Wehr und unsre Waffe!
JUNKER JÖRG
Doch Christus lieb ich nicht, denn Er verzehrt mich!
Gott musste erst zum einem Teufel werden,
Bevor er werden konnte Gott der Gnade!

(Er schleudert das Tintenfass, mit dessen Tinte er seine Bibelübersetzung schrieb, an die Wand, weil
er dort den Teufel sieht.)

Geh weg, du Satanas, du fette Ratte!

ACHTE SZENE

(Eine hundertjährige Greisin mit weißem Haar als Orakel der Ewigen Weisheit thront in ihrem
Lehrsessel und weissagt.)

SEHERIN
Ich sehe Galileo Galilei:
Die Wissenschaftler werden ihn verehren
Als Marterzeugen für die Wissenschaft
Und als Ikone menschlicher Vernunft.
Sie werden sagen, dass die Mutter Kirche
Ihn pfäffisch hat zum Widerruf gezwungen.
Mit Galileo Galileis Fahne
Die Wissenschaft von der Natur wird sich
Emanzipieren von der Mutter Kirche,
Emanzipieren von der Offenbarung,
Die Christus anvertraut der Mutter Kirche.
Die Wissenschaft von der Natur wird schließlich
Die Leibesfrucht im Mutterschoß sezieren!
Sie wird im chemischen Labore schaffen
Kunstmenschen und auch ihre Doppelgänger
Und Mischungen aus Menschen und aus Affen!
Die Mutter Kirche hat nicht mehr verlangt,
Als dass der Physiker nicht mehr sagt, als
Er wissenschaftlich auch beweisen konnte.
Die Wissenschaft und Forschung, ungezügelt,
Erforscht einst die Mechanik der Atome
Und wird noch atomare Waffen schaffen!
Ob Waffen aus gespaltenen Atomen
Die Welt vernichten werden? Wer weiß das?
Die Wissenschaftler der modernen Zeiten
Sind nicht bereit zum gläubigen Gehorsam
Der weisen Mutter Kirche gegenüber.
Sie unterwerfen sich nicht mehr den Priestern,
Ob diese Gottes Wahrheit auch bewahren
In den gebenedeiten Priesterhänden.
Der Mutter Kirche Herrschaft wird vergehen,
Die Herrschaft wird dann liegen in den Händen
Der Wissenschaft, der menschlichen Vernunft.
Doch diese wissenschaftliche Vernunft,
Emanzipiert vom gläubigen Gehorsam
Der Offenbarung Christi gegenüber
Und seiner Jungfrau-Braut, der Mutter Kirche,
Ach, diese wissenschaftliche Vernunft
Gibt dann die Welt der Selbstzerstörung preis!
Ich sehe aber, siehe, was ich sehe,
Im weißen Kleid der Bischof ists von Rom,
Der blutig unterm Kreuz zusammenbricht!
O sprich zu mir, du Gast aus ferner Zukunft!
DER WEISSE BISCHOF
(Als Geistererscheinung leise sprechend)
Im Evangelium ist eine Weisheit,
Die Weisheit wird ein reines Licht euch spenden
Und euch erleuchten in den Forschungen
Vom Ursprung der Materia, von der
Entwicklung der Materia. Die Bibel
Ist Trägerin der Botschaft von dem L e b e n ,
Sie gibt ein Bild der Weisheit von dem L e b e n .
So achtet immerdar das Menschenleben
Vom Augenblicke der Empfängnis an
Bis zu dem ganz natürlichen Verscheiden.
Im Evangelium Johannis ist
Das L e b e n jenes Licht, das Christus schenkt.
Wir sind von Gott berufen in das L e b e n
In Ewigkeiten einzugehen, nämlich
In eine ewige Glückseligkeit!
Das L e b e n ist ja selbst ein Name Gottes,
Gott, der Lebendige, ist Gott des L e b e n s !
(Er lächelt voller Liebe)
Von ganzem Herzen grüße ich den Dichter,
Der Gott lobpreisen wird als JAHWE-EVA:
ICH BIN DAS LEBEN, Mutter alles Lebens!

FRÄULEIN EDITH
ERSTE SZENE
(Der Schüler in der Abendstunde auf einem dunklen Waldweg. Nebel. Er betet.)

SCHÜLER
O meine Gottheit! Hagia Sophia!
Ich bin verzagt an meiner kleinen Weisheit!
Soll ich den Weg der Weisheit weiter gehen?
Ich bin ja ungelehrt, ein Idiot!
Ich kann kein Griechisch und kann kein Latein.
Ich weiß nicht, was heißt Wesen, was Substanz,
Was Akzidenz und was ist die Idee?
Sophia! Einst die alten Kirchenväter
Bezeichneten der alten Griechen Weisheit
Ein zweites, andres Altes Testament,
Das auch zum Logos führt, zu Jesus Christus.
Ich habe Aristoteles noch nicht
Gelesen, nur alleine die Poetik
Vor zwanzig Jahren, als ich noch nicht glaubte.
Ein wenig Platon habe ich gelesen,
Doch wenn er spricht mit dem Parmenides,
Bin ich zu dumm dazu. Ich bin verzagt!
Der Papst verwies mich auf Johannes Scotus,
Ich habe seine Schriften mir besorgt,
Doch leider, ich verstehe nichts davon.
Die metaphysischen Gedanken und
Spekulationen, Theorien, ach,
Das ist mir alles leider viel zu hoch.
Was ich verstehe, das ist Friedrich Nietzsche
In seiner schönen Prosa-Poesie
Von Zarathustra und dem Übermenschen.
Was ich am liebsten lese in der Welt,
Das ist der Prediger, der Koheleth,
Von Martin Luther herrlich eingedeutscht.
Ja, Luthers Sprache ist die Sprache Gottes!
Und Philosophen sollten alle singen
Wie Zarathustra singt so hochpoetisch.
Nun aber spür ich doch den Drang nach Weisheit,
Der Priester wies mich auf die Weisheit hin,
Die Hildegard von Bingen einst gesehen,
Da Christus ist in weiblicher Gestalt
Erschienen als die Hagia Sophia.
O Hagia Sophia, hab Erbarmen
Und sende du mir eine Meisterin,
Die liebevoll mich Gottes Weisheit lehrt.

(Auf dem Waldweg erscheinen drei Jungfrauen, unbeschuhte Karmelitinnen. Sankt Teresa von
Jesus, Sankt Therese vom Heiligen Antlitz und vom Kinde Jesu und Sankt Teresia Benedicta a
Cruce. Sie lächeln alle drei liebevoll und stehen da wie die drei Grazien. Aus der Gruppe löst sich
Sankt Teresia Benedicta a Cruce und spricht.)

FRÄULEIN EDITH
Teresa Benedikta von dem Kreuze,
So nennen mich die Schwestern in dem Karmel.
Du darfst mich aber Fräulein Edith nennen.
Ich weiß, in deiner Kindheit mochtest du
Die Nachbarin sehr gern, die Edith hieß.
So bin ich eben deine alte Edith,
Die Tante Edith, die dich grüßt und küsst.
Ich bin ein Doktor ja als Philosophin,
So nannte man mich lange Fräulein Doktor.
Als ich zu Ruhm gekommen in der Welt,
Da nannte man mich plötzlich nur Frau Doktor.
Ich bin nicht eines Doktors Ehefrau!
Mein Lehrer Husserl hatte eine Frau,
Wenn er einmal besonders Schönes sagte,
Dann sprach sie immer ganz verständnislos.
Frau Doktor? Nein, das bin ich wirklich nicht.
Ich bitte, laß mich Fräulein Doktor bleiben!
Du aber nenne mich nicht Fräulein Doktor,
Du nenn mich einfach Edith, deine Freundin!
Und nenne mich nicht Heilige und Sankt,
Hochwürden, Eure Heiligkeit und so.
Nein, nenn mich Edith, oder willst du singen,
So singe meinen Namen so: Editha!
Die Poetesse Gertrud von LeFort
Hat Sie zu mir gesagt. Ich aber weiß,
Du magst nicht, wenn man dich mit Sie anredet.
Teresia von Avila sprach Gott
Mit Eure Hoheit an und Majestät,
Du aber sagst zu deinem Gotte Du,
Du stehst mit deinem Gott, dem Herrn, auf Duz-Fuß,
So sag ich du und du sagst du zu mir.
SCHÜLER
Ach liebe Edith, meine liebe Freundin,
Ich möcht dich wirklich gern zur Freundin haben.
Und lernen möchte ich von dir, o Schwester.
Komm du doch mit in meine kleine Wohnung.
Ich habe zwar Besuch, in meiner Wohnung
Zwei kluge Männer sind als Gäste da,
Doch freuen sie sich sicher auch mit mir,
Wenn eine Frau in unserm Kreis erscheint.
FRÄULEIN EDITH
Wen hast du denn in deiner Wohnung, Freund,
Wen hast du denn zu Gast geladen? Sind
Es Theologen oder Philosophen?
SCHÜLER
Zuerst geladen hab ich Martin Luther.
Ich kenn ihn schon von Kindesbeinen an.
Als Kind sang immer ich am Martinstag
Ein heiliges Geburtstagslied für ihn
Und dafür dann bekam ich Mandarinen.
Und die Familie nannte sich lutherisch,
Wir waren evangelisch und lutherisch.
Wir spielten Indianer in dem Wald
Und dienten nicht als Knaben in der Messe.
So hab ich auch das Abendmahl empfangen
Als bloßen Traubensaft und bloßes Brot.
Großmütterchen, mein liebes Omilein,
Gab mir im Alter ihre Lutherbibel
Und lehrte mich Psalm dreiundzwanzig
In Martin Luthers dichterischem Deutsch.
FRÄULEIN EDITH
Wer ist der andre Gast in deiner Wohnung?
SCHÜLER
Ein Philosoph mit Namen Friedrich Nietzsche.
Im humanistischen Gymnasium
Ich las von der perversen Knabenliebe
Des Künstlers Aschenbach, um den Roman
Mit Friedrich Nietzsches Weisheit zu vergleichen,
Der von Apollon und Dionysos
Geschrieben und von der Musik als Ursprung
Der griechischen Tragödie. Neuer Heide,
Verehrt ich den Dionysos der Griechen
Und las in Nietzsches Buche Zarathustra.
Mir schien Dionysos ein Bruder Christi.
Es war jedoch ein Gegner Jesu Christi,
Der sagte, Jesus Christus sei nicht Bacchus.
Doch immer noch verzauberte mich sehr
Die Sprachgewalt des Dichters Friedrich Nietzsche.
FRÄULEIN EDITH
Die Dialektik nahm dich in die Schule?
Ich führe dich zum engelgleichen Thomas
Und zu dem lieben Vater Augustinus.
SCHÜLER
Den Vater Augustinus lieb ich sehr!
Ich hörte auch, er war Platoniker.
Gehörst du nun zu Aristoteles
Und ich gehör zu meinem lieben Platon?
FRÄULEIN EDITH
Kind!... Wir gehören nur zu Jesus Christus!
SCHÜLER
Da sind wir. Hier ist meine kleine Wohnung.
Zwar ist es nicht sehr sauber, doch du bist
Willkommen, meine Lehrerin und Freundin!

ZWEITE SZENE

(Martin Luther frisst ein fettes Hühnchen mit den Händen und säuft eine unglaubliche Menge
Wein.)

LUTHER
Des Königs Narr in der Komödie spricht:
Statt Gottes Liebe stößt bei den Reformern
Ein Götze auf des andern Bosheit an!
So sprechen Narren! Wirksam ist allein
Der Gott, er streckt den freien Willen nieder
Des Menschen. Gott wär ja kein Gott, er wäre
Ein Götze, wenn nicht unveränderlich
Und ewig und unfehlbar wär sein Wille,
Und was er vornimmt sich, das tut er auch.
Der wahre Gott jedoch, der lebende,
In seiner Freiheit legt er auf den Menschen
Das Joch der ehernen Notwendigkeit.
Der kardinale Angelpunkt ist dies:
Des Menschen freier Wille wird vernichtet
Durch Gottes Allmacht und durch Gottes Vorsicht,
So wie ein Blitz den Menschen niederschmettert!
Wenn du jedoch den freien Willen preist,
Dann machst du Christus leer und höhlst ihn aus
Und trittst die Bibel unter deine Füße.
Nicht herzbewegend ist die Liebe Gottes,
Allwille Gottes herrscht wie Blitz und Donner!
Gott denkt sich selber ja als Quell des Bösen:
Ich bins, der Gutes schafft und Böses schafft;
So widersinnig machte sich der Herr,
Daß er das Gute und das Böse führt
Zurück auf Einen Quellgrund in der Gottheit,
Die Einheit seiner ewigen Natur.
Warum hat Gott denn Adam fallen lassen,
Obwohl er ihn bewahren hätte können?
Warum denn wurde Judas zum Verräter?
Gott, der allein den Willen ja bewegt,
Warum verändert er nicht bösen Willen?
Nein, nicht der arme Mensch ist schuldig, sondern
Der große ungerechte Gott ist schuldig!
Der wahrhaft gute Herrgott des Erasmus
Von Rotterdam, der schafft den freien Willen,
Ist nicht mein Herr. Ich glaub an die Gewalt
Des Herrgotts, unter der der Mensch als Knecht
Der Sünde steht. Der Mensch ist wie ein Lasttier
Der Sünde. Unser Name ist: Die Sünde!
Drum kämpf ich bitter gegen diesen Gott,
Weil Gott mein Gegner ist! Es kommt der Herr,
Indem er nur vernichtet und zerstört!
Er tötet durch sein göttliches Gesetz,
Das doch die Menschen nicht erfüllen können.
Gott können wir mit Gott nur überwinden.
Drum suche ich den Christus auch für mich,
Der Christ für mich ist wie ein fester Fels,
Auf dem liegt Sünde, Tod und Höllennacht.
Der Christ für mich, ein göttliches Geschöpf,
Wird nicht hinzugefügt der Gottnatur.
Johannes sagt: Und Gottheit war das Wort;
Doch sagt er nicht, dass Christus ist das Wort.
Denn Christ ist eine Schöpfung in der Weise,
Daß Gott der Schöpfer schuf wie alles ihn.
So geht der Herrgott mit dem Christus um:
Er schafft ein Fleisch und tut es in die Jungfrau.
Johannes spricht: Das Wort ist Fleisch geworden,
Und Paulus nannte Christus Davids Sohn
Und Samen und von einem Weib geboren.
Durch einen Menschen, der Geschöpf ist, kann
Doch nichts geschaffen werden. Paulus und
Johannes widersprechen sich doch selbst,
Sie machen ihn zum Menschen und zum Schöpfer!
Erlöser ist er auch nicht von Geburt,
Erlöser ist er von der Taufe an,
Von da an trägt er nicht nur unsre Sünde,
Nein, Christus selber ist geworden Sünde,
Er nahm die Knechtsgestalt an, wurde Sünde.
Weil Sünde aber nicht mit Gott kann eins sein,
Drum ist auch Christus nicht dem Vater gleich,
Dem Knecht kommt nicht der Gottheit Titel zu.
Propheten haben das vorausgesehen,
Daß Christus ist der allergrößte Räuber,
Gesetzesbrecher, Gotteslästerer
Und Tempelschänder, Säufer, Fresser, Dieb,
Weil er nicht mehr das eigne Wesen ist,
Weil er jetzt als der größte Sünder wandert,
Des Teufels Sohn ist Christus, gottverlassen!
So Christ durchläuft der Bosheit Abgrund, um
Uns gleich zu werden und uns so zu helfen.
Doch dieser Christus ist nicht meine Liebe,
Weil er mich auffrisst und mich ganz verzehrt!

(Katharina von Bora tritt ein und setzt sich neben Luther)

KATHARINA
Gegrüßet seiest du, o Schüler Luthers,
Gegrüßet seist auch du, o fremde Frau,
Heil Luther! Ich war eine Jesus-Nonne,
Jetzt aber will ich das Gelübde brechen
Und lieber buhlen mit dem Mann von Fleisch!

(Sie streichelt Luthers Rücken, dann seinen Oberschenkel.)

LUTHER
O hochgebenedeite Herrin Käthe!
Ich habe Ehelosigkeit gelobt,
Jetzt aber laß uns wie Diogenes
Ganz öffentlich vollziehen unsre Liebe!

(Luther und Katharina ab)

EDITH
Das also war der große Reformator?
Und das, meinst du, sei wahres Christentum,
Das unverfälschte Evangelium?
Wer aber liegt da so besoffen auf
Dem Philosophen-Sopha in den Kissen?

DRITTE SZENE

(Nietzsche erwacht von seinem Weinrausch. Er erhebt sich und sieht seinen eigenen Schatten
übergroß wie den Schatten eines Übermenschen an der weißen Wand der Höhle des Schülers.)

NIETZSCHE
Ich kämpfe mit des alten Gottes Schatten,
Sechs Kriege führ ich gegen Platons Schatten!
Der erste Schatten ist die wahre Welt,
Erreichbar für den Weisen, für den Frommen,
Den Tugendhaften. Er lebt in der Welt,
Er ist die Welt. Das ist die älteste
Der Formen der Idee, die simple Form,
Doch überzeugend. Hier gilt noch der Satz:
Ich, Platon, bin die makellose Wahrheit.
Für Platon war die wahre Welt das Reich
Der ewigen Ideen. Weisheit, Tugend
Erlangt der Mensch durch Anteilhabe an
Der höchsten, heiligen Idee des Guten.
Gott selber war für Platon die Idee
Des Guten. Die Idee ist nicht allein
Das subjektive Denken an das Sein,
Sie ist der Inbegriff des höchsten Seins,
Die sich als Geist-Idea selbst besitzt.
Die höchste heiligste Idea drückt
Die Einheit aus von Denken und von Sein,
Ist Gott, der selbst sich denkt als höchstes Sein,
Der ist von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Sich selber denkend, ist das Sein des Gottes
Ein abgeschlossnes, höchst perfektes Sein,
Das keinerlei Ergänzung je bedarf,
Das durch den Überfluß der eignen Güte
Sich selbst abbildet in perfekten Wesen
Und in Gestalten weltenhaften Seins.
Der Menschengeist als höchstes Abbild der
Idea, ist aufgrund der Ähnlichkeit
Mit Gottes höchstem Dasein nicht nur fähig,
Gott als die höchste Gutheit sich zu denken,
Vielmehr auch Gott als Maßstab anzunehmen
Fürs eigne Tun in Tugend und Moral.
Der Güte Gottes zu entsprechen, heißt
Für Platon, jedem Ding Gerechtigkeit
Zu widerfahren lassen, Mensch, Tier, Pflanze
Hat jeweils eigne Wahrheit, Güte, Schönheit,
Ihm von der göttlichen Idee verliehen.
Doch die platonische Idee des höchsten
Und absoluten Wahren, Guten, Schönen,
Gilt es zu morden in dem Gottesmord!
Wir haben Gott solange nicht getötet,
Solang noch lebt die göttliche Idee!
Der zweite Schatten Platons sterbe auch:
Die wahre Welt, im Heute unerreichbar,
Versprochen für den Frommen und den Weisen
Und für den Tugendhaften oder für den Sünder,
Der Buße tat. Der Fortschritt der Idee:
Die göttliche Idee wird feiner und
Verfänglicher, unfasslicher, sie wird
Zu einer Frau und wird zu einer Christin.
Die Christen unterscheiden zwischen Gott,
Zwar jetzt zu denken, dessen Wirklichkeit
Verheißen aber ist erst für das Jenseits.
Der Sünder nur, der Buße tut, erlangt
Anschauung Gottes später in dem Jenseits.
Die wahre Welt ist heute unerreichbar.
Der Zwiespalt zwischen Diesseitswelt und Jenseits
Wird also durch das Christentum verschärft.
Der dritte Schatten Platons sterbe auch:
Die wahre Welt ist unerreichbar fern,
Ist unbeweisbar, unversprechbar auch.
Allein die wahre Welt zu denken schon,
Schon als Gedachte ist sie eine Tröstung!
Verpflichtung und Gebot! Die alte Sonne
Vom Sinai im Grunde, aber durch
Den bleichen Nebel Königsbergs gesehen.
Transzendentalphilosophie von Kant
Heißt dieser Schatten von dem alten Gott:
Was du nicht willst, das man dir tu, das tu
Du keinem andern an! Dies ist Gebot.
Nicht die vernünftige Idee von Gott
Reicht als das Fundament der Wissenschaft,
Wir brauchen Gottes wahre Existenz
Als Urprinzip des materiellen Werdens.
Wenn wir im Diesseits zwar aufgrund der Sünde
Von Gottes Schau getrennt sind, können wir
Im kategorischen Gebot zum Gutsein,
In der Gewissenspflicht zum Tugendleben
Doch Gottes wahre Gegenwart erfahren.
Du sollst! – im Sinn der zehn Gebote Gottes,
Das richtet mich unmittelbar auf Gott aus.
Die Stimme des Gewissens wird für uns
Reale Gegenwart des Gottes in uns,
Der gegen unsre Triebnatur ermutigt
Zu der Moral des ethisch guten Handelns.
Der Abschied von dem Königsberger Vater
Ist Abschied auch von jeglicher Moral.
Nicht mehr: Du sollst – steht auf der Tafel, sondern:
Ich will! Anstelle des Moralgewissens
Die absolute Herrschaft tritt des Triebes!
Der vierte Schatten von dem alten Gott
Wird jetzt von mir bekämpft: Die wahre Welt
Ist unerreichbar, sie ist unerreicht
Und unerkennbar auch und unerkannt.
Sie tröstet nicht und ist auch nicht verpflichtend.
Wie könnte Unbekanntes auch verpflichten?
Im Morgengrauen gähnt, vom Schlaf erwachend,
Die Göttin der Vernunft. Es kräht der Hahn.
Aufklärung! Sieg der Göttin der Vernunft!
Der Schatten Gottes hat sich schon verflüchtigt,
Die menschliche Vernunft wird autonom.
Befreit von Gottes Normen und Prinzipien
Die Göttin der Vernunft bestimmt den Menschen
Nicht mehr als Ebenbild und Schatten Gottes,
Nein, als ein wesenloses Teilmoment
Der höher sich entwickelnden Natur.
Den fünften Schatten Platons schaff ich ab:
Ich hänge Platon auf an der Laterne!
Die wahre Welt, die himmlische Idee,
Zu nichts mehr nütze, auch nicht mehr verpflichtend,
Die göttliche Idee ist überflüssig.
Sie ist nun widerlegt von der Natur.
Wir schaffen ab die göttliche Idee!
Es ist der helle Tag des Kommunismus,
Zum Frühstück kommen Revolutionäre.
O welch ein Teufelslärm der freien Geister!
Dies ist der sechste Krieg mit Platons Schatten:
Die wahre Welt ist abgeschafft! Was blieb?
Der Schein vielleicht? Nein, mit der Wahrheit schwand
Der Schein. Die Sonne steht jetzt im Zenit,
Die heiße Sonne strahlt auf Zarathustra!
Der alte Gott ist tot! Der Neue Gott
Heißt Übermensch! Dionysos regiert!
Heil, antichristlicher Dionysos!
FRÄULEIN EDITH
Maria, bitt für uns bei deinem Sohn!
NIETZSCHE
Wie? Was? O wo? Ich rede irr! Der Wahn
Reißt mich entzwei! Des Pferdes Auge blutet!
Barmherzigkeit! Es kommt der Affe Gottes!
Weg, euer Name ist Legion, ihr Affen!
Wie hässlich, Affen! Ah, das ist die Hölle!

(Er rennt schreiend davon)

VIERTE SZENE

(Der Schüler und Fräulein Edith allein in der Wohnung. Die Wohnung ist hell erleuchtet. Sie sitzen
auf Stühlen am runden Tisch. Der Schüler trinkt ein Glas Cabernet Sauvignon aus Lateinamerika.
Die Lehrerin trinkt einen Becher grünen Tee.)

SCHÜLER
Ist die Geschichte dieser Menschheit nicht
Ein Fortschritt in der Negativität
Und ist der Höhepunkt denn nicht in Auschwitz?
Ja, wird der Höhepunkt noch übertroffen
In einem atomaren dritten Weltkrieg?
Zermalmend alles, wälzt der Strom des Bösen
Sich fort und fort! Wo aber ist der Grund?
Mit welchem menschlichen Vernunftbegriff
Lässt sich des Bösen Wahnsinn noch erfassen?
Ein metaphysisches Problem ist Auschwitz,
Ist Konsequenz, wenn man zum Sein gehörig
Das Nichts, das Negative anerkennt.
Die Nationalen Sozialisten haben nur
Das ausgeführt, was in dem Abendland
Begann als Mythos von der Negation.
Die Weltgeschichte führt von Katastrophe
Zu Katastrophe. Doch am Anbeginn
War übermächtig eine Willkürhandlung
Des Menschen gegen Gott, wie Schelling lehrt.
So brach der Dialog von Gott und Mensch ab,
Der Mensch fiel aus dem Einssein mit der Gottheit.
Seit dieser Rebellion des Menschen gegen
Den Herrn verläuft des Menschen Weltgeschichte
Verrückt und teuflisch. Falsch ist jetzt das Ganze!
Die Dialektik Hegels oder Marxens
Führt mit Notwendigkeit von Auschwitz weiter
Zu einem atomaren dritten Weltkrieg!
Solange Unrecht rechtgefertigt wird,
Weil man das Böse in die Gottheit setzt,
Bestimmt die Bosheit mit Notwendigkeit
Die Weltgeschichte, und die Aggression
Wird Motor aller Handlungen des Menschen,
Die enden in dem atomaren Endkrieg!
Der Heiden Mythos ließ das Gute, Lichte
Entwickeln sich aus Finsternis und Bosheit.
Die Griechenphilosophen unterschieden
Das Gute und das Böse, sprachen vom
Vollkommnen Gott des Seins und von der Freiheit
Des Menschen, diesem guten Gott zu folgen.
Das wird vollendet durch das Christentum,
Wo Christus an dem Kreuz besiegt den Bösen.
Nein, Negation entwickelt nicht Vernunft,
Das Unbewusstsein wird nicht zum Bewusstsein,
Nicht durch Verteilungskampf ums Kapital
Führt Klassenkampf herauf das Paradies,
Materia wird nicht zum Geist belebt
Und Affen fangen nicht zu denken an,
Indem sie ihre Affenväter fressen.
Die Griechen haben Recht: Nichts ist das Böse,
Das Böse kann nichts andres als vernichten,
Das Böse hat nicht teil an Gottes Sein.
Und Auschwitz und die atomare Bombe
Und Embryonenmord und Menschen-Klonen
Sind nicht ein purer Zufall der Geschichte,
Sie sind mit eherner Notwendigkeit
Die Frucht der dialektischen Idee,
Der Satan sei der Erstgeborne Gottes
Und Gott der Herr sei Satanas geworden!
FRÄULEIN EDITH
Du rührst an das Mysterium des Bösen.
SCHÜLER
Erzähle mir, was denkst du übers Böse?
FRÄULEIN EDITH
Des Bösen Ursprung ist ja ein Geheimnis.
Die Bibel spricht davon in Rätselworten.
Im Buche Genesis geschrieben steht
Vom Baum des Lebens und dem der Erkenntnis
Des Guten und des Bösen, von der Schlange,
Von der verbotnen Frucht, von Eva und
Von Adam und vom ersten Sündenfall.
Doch diese Worte sind nicht logisch deutbar,
Man kann sie aber betend meditieren.
Das Böse ist nicht logisch, sondern Gott
Liebt Logos, Ordnung, Klarheit, liebt das Denken.
SCHÜLER
Ich habe Zahnschmerz, meine Lehrerin,
Ich muß ein Gläschen klaren Wodka trinken.

(Er schenkt aus einer großen Flasche Wodka in einen gläsernen Becher und trinkt)

FRÄULEIN EDITH
Die Gnosis und das Manichäertum
Erklärten sich das Böse dualistisch,
Wie Zoroaster glaubte Mani auch
An einen guten Gott und einen bösen.
Der gute Gott erschuf die Welt des Geistes,
Der böse Gott erschuf die Welt des Stoffes,
Materia ist Werk des bösen Gottes.
Wie hoffnungslos ist solche Gotteslehre!
Gibt’s einen bösen Gott und ist das Böse
Von Anbeginn, ein Gott ist seine Ursach,
So gibt es keine Hoffnung für die Menschen,
Die Macht des Bösen je zu überwinden.
So die moderne Wissenschaft von der
Entwicklung der Materia lehrt auch,
Von Anbeginn war in dem All der Tod
Und durch die Macht des Todes und des Bösen
Entwickelt sich Materia zum Geist.
Wie trostlos und wie hoffnungslos die Lehre!
Die Offenbarung Gottes in der Bibel
Lehrt aber, dass der Eine Gott, der Gute,
Die Schöpfung schuf und siehe, sie war gut,
Sehr gut die Schöpfung war des Menschenpaares,
Sehr gut die Schöpfung Evas war und Adams.
Die gute Welt ist der primäre Fakt,
Das Böse, das geheimnisvoll entstanden
Aus dem Missbrauch der Freiheit, sekundär,
So wird es schließlich überwunden werden.
Drum lehrt der Christusglaube Hoffnungstugend!
Das Unbefleckte Herz wird triumphieren!
Doch noch ist stark die dunkle Nacht des Bösen!
SCHÜLER
Ja, groß die Dunkelheit, der Schmerz in mir!
In meiner Seele herrscht die dunkle Nacht,
Kein Stern erstrahlt am Himmel dieser Nacht!
FRÄULEIN EDITH
Drum rufen Geist und Braut auch: Komm, Herr Jesus!

FÜNFTE SZENE

(Nacht. Fräulein Edith und der Schüler.)

SCHÜLER
Ist nicht die Angst des Daseins Grundtatsache?
FRÄULEIN EDITH
Tatsache ist: Mein Dasein, das ist flüchtig,
Von Augenblick zu Augenblick gefristet,
Der Möglichkeit des Nichtseins ausgesetzt.
Unleugbar aber auch ist die Tatsache,
Daß trotz der Flüchtigkeit ich wirklich bin
Und bin von Augenblick zu Augenblick
Im Sein gehalten und dass in der Flucht
Des Daseins ich das Dauernde umfasse.
Ich weiß mich doch gehalten, habe Ruhe
Und Sicherheit in dem Gehaltenwerden.
Doch nicht die selbstgewisse Sicherheit
Des Mannes, der in eigner Kraft steht auf
Dem festen Boden dieser Erde, aber
Die selig-süße Sicherheit des Kindes,
Das von dem starken Arm getragen wird.
Nicht unvernünftig diese Sicherheit,
Denn wäre wohl vernünftig jenes Kind,
Das immerwährend lebte in der Angst,
Die liebe Mama könnt es fallen lassen?
SCHÜLER
Gott ist die Mutter, die im Arm mich trägt.
Was aber ist das Dasein in der Zeit?
FRÄULEIN EDITH
Das Sein ist nicht nur zeitlich sich erstreckend
Und stets sich selbst voran, der Mensch verlangt,
Stets neu beschenkt zu werden mit dem Sein,
Um auszuschöpfen können den Moment
Und was der Augenblick ihm gibt und nimmt.
Was Fülle gibt, das will der Mensch nicht lassen,
Der sein will ohne Ende, ohne Grenzen,
Um endlos, ganz die Fülle zu besitzen!
Unendlich Freude, Wonne ohne Schatten
Und Liebe ohne Schranken, Leben, höchst
Gesteigert, ohne Schlaffheit, starke Tat,
Zugleich vollkommne Ruhe und Gelöstheit
Von aller Spannung – das ist Seligkeit!
Das ist das Sein, um das es geht dem Menschen
In seinem Dasein. Er ergreift den Glauben,
Der ihm die Seligkeit verheißt, weil diese
Verheißung seinem Wesen ganz entspricht,
Weil sie den Sinn des Daseins ihm erschließt.
SCHÜLER
So wird es aber erst im Himmel sein.
Was aber sagst du zu den Philosophen,
Die schreiben groß das transzendente Ich
Und ordnen alles Dasein um das Ego?...
FRÄULEIN EDITH
Die Krise aller Wissenschaft und Weisheit
Im Abendland ist das Vergessen der
Dreifaltigkeit der Gottheit, die durch Jesus
Die Welt geschaffen und die Welt erlöst.
Nicht die Geschichte ist der Fakt des Seins,
Nicht die Gemeinschaft transzendenter Egos,
Die sind nicht Träger dieser Welt. Allein
Sophia, Fleisch geworden, kann erlösen
Vom Tode in der Zeit und Ewigkeit.
Fleischwerdung dieser Hagia Sophia,
Das ist der größte Fakt der Weltgeschichte,
Und wer das aufhebt, stürzt die Welt ins Nichts,
Ins Leere des banalen Nihilismus.
SCHÜLER
Was sagen denn der Kirche Philosophen?
Was ist des Christentumes Wissenschaft?
FRÄULEIN EDITH
Die Wesensschau des transzendenten Ichs
Und ideale Subjektivität
Muß aufgehoben werden. An die Stelle
Des Egos, das die Dinge definiert,
Muß treten eine freie Geistperson,
Die die verschiednen gottgeschaffnen Dinge
Mit ihrem eignen Selbst vereinen kann.
So steige von der Endlichkeit des Seins
Zur gottgezeugten Ewigkeit des Seins.
Die Geistperson ist ausgerichtet auf
Die Herkunft und die Zukunft in der Gottheit.
Person ist jenes Selbst aus Leib und Seele,
Voll von Erkenntniskraft, Gefühl und Willen.
Die Geistperson ist ähnlich Gott dem Herrn,
Der Geist und Leben in Vollendung ist.
Die Pflicht der Geistperson ist, dieses Leben
In aller Fülle sinnvoll zu gestalten.
Das reine, leere, transzendente Ich,
Das alle Daseinswelt um sich gruppiert,
Vertausch ich mit der Freiheit der Person,
Die nicht von außen nur getrieben wird,
Vielmehr von oben her geleitet wird,
Von oben her geleitet und von innen,
Des Himmels Höhe ist des Herzens Tiefe!
Die Seele wird in sich hineingezogen
Und in der Himmelshöhe so verankert
Und so befriedet, dass sie dieser Welt
Bedrängnissen entzogen wird und ruht.
Das wahrhaft ist Befreiung dieser Seele.
Nicht Gegenstände reizen und bewegen,
Die Geistperson ist nicht so wie ein Tier,
Sie nimmt von innen Stellung zu der Welt,
Gehorsam nur den Weisungen von oben.
SCHÜLER
Was hat denn Gott der Geist dir offenbart?
Nenn mir den Gipfel deiner Weisheit, Freundin!
FRÄULEIN EDITH
Dein Kreuzesleiden, ja, dein eignes Kreuz,
Dein großes, schweres Kreuz führt durch die Angst,
Führt durch die abgrundtiefe Höllenangst
Zur Schau der Gottheit! O! Die Schau der Gottheit!
Das ists, was Gott von Ewigkeit bereitet
Den Kreaturen Gottes, das ist das,
Was nie ein Auge sah, kein Ohr je hörte,
Kein Herz sich je ersann. Allein die Nacht –
Sternlose dunkle Todesnacht der Sinne,
Sternlose dunkle Todesnacht des Wissens,
Sternlose dunkle Todesnacht des Wollens,
Sternlose dunkle Todesnacht des Fühlens –
Führt dich zur Umgestaltung deines Geistes
Als gnadenhafter Anteilhabe an
Dem innertrinitarischen Gespräch
Der göttlichen Urschönheit mit der Weisheit
In der gebenedeiten Liebe Sprache,
So dass du Kreatur vereinigt wirst
In dem Mysterium der Liebesgottheit
Durch das Mysterium der Weisheitsgottheit
Mit der Urschönheitsgottheit im Genuss!

(Der Vorhang fällt...)

DER STELLVERTRETER
ERSTE SZENE

(Untersuchungsgefängnis der Nationalen Sozialisten. Dietrich Bonhoeffer bekommt Besuch von


seiner Braut Maria.)
BONHOEFFER
Die Duineer Elegieen gabst
Du mir, Produkte einer kranken Seele?
MARIA
Mir scheinen doch die Dichtungen von Rainer
Maria Rilke inspirierte Kunst.
BONHOEFFER
Wenn du es sagst! Du bist ja meine Hoffnung!
Ich sitze hier in dem Gefängnis und
Erträume eine Zukunft mir mit dir,
Ich träum von Apfelbaum und Apfelgarten.
MARIA
Ich werde reiten dann auf einem Pferd!
BONHOEFFER
Ich höre die Musik der Freudenbotschaft!
MARIA
Wir sitzen am Klavier zusammen, spielen,
Wie Moses ging zum Pharao Ägyptens:
O Pharao, laß meine Leute gehen!
BONHOEFFER
Wir wollen alte Litaneien singen!
Doch der allein darf Litaneien singen,
Der auch dem Rade in die Speichen fällt,
Der laut für die gequälten Juden schreit!
MARIA
Nun bist du selber unters Rad gekommen!
BONHOEFFER
Der Christ soll kreisen nicht ums eigne Leiden,
Der Christ soll kreisen um das Leiden Gottes!
Gott leidet heute noch in dieser Welt!
MARIA
Wie aber geht es dir in dem Gefängnis?
BONHOEFFER
Die Wärter sagen: Sie sind immer freundlich,
Sind nett und sind behilflich jedermann,
Wo nehmen Sie dazu die Kraft nur her?
Im Innern aber bin ich voller Angst,
Ich bin verzagt, verzweifelt, ohne Trost!
Wie bin ich denn? Der Menschen Trost und Hoffnung
Und Hilfe? Oder bin ich die Verzweiflung?
Ich kenne mich nicht selber, wie ich bin,
Mich kennt allein mein Gott, der mich erschaffen!
MARIA
Wie gehst du abends schlafen auf dem Lager?
BONHOEFFER
Ich nehme meinen bittern Leidensbecher
Aus Gottes liebevoller Vaterhand!
MARIA
Und wenn sie dich zu deinem Tode bringen?
BONHOEFFER
Dann werde ich zu leben erst beginnen!
ZWEITE SZENE

(Reinhold Schneider verteilt seine Sonette im Untergrund. Tief verschleiert schaut ihm lächelnd
Gertrud von LeFort zu.)

REINHOLD SCHNEIDER
Die Gottesgnadenkönige gestürzt,
Die Kronen liegen in dem Staub zerbrochen,
Die Tempel stehen leer und sind entweiht,
Die Tempel machte man zum Pferdestall,
Das Kreuz des Herrn bespucken sie verächtlich
Und dienen nun dem Kreuz des Antichristen,
Der Dämon hat die Herrschaft übernommen,
Auf Erden herrscht das Reich der Finsternis,
Der Abgrund tat sich auf, der Dämon kam
Und brachte auf die Erde seine Hölle,
Es brüllt in unserm Vaterland der Lügen-
Prophet und fordert den totalen Krieg!
Allein den Betern kann es noch gelingen,
Des Antichristen Herrschaft abzukürzen,
Die Heiligen erscheinen mit dem Kreuz
Und fordern alle auf, ihr Kreuz zu tragen!
Ohnmächtig ist das Kreuz in der Geschichte
Und tragisch ist der Kreuzestod des Herrn,
Unschuldig wie ein Lamm war Jesus Christus
Und starb doch unterm Zorngericht der Sünde!
Jetzt mächtig ist die Sündenmacht auf Erden,
Die Drachen brüllen und die Schlangen flüstern.
Jetzt helfe uns die Frau der Offenbarung,
Die Königin erflehe uns die Rettung!
Die heilige Armee der Königin
Mit Fürbittmacht besiege die Dämonen!
Aus Trümmern der Soldatengräber steige
Der Friede und sein neues Friedensreich!
Wir hoffen auf die neuen Könige,
Die heiligen, gesalbten Könige,
Die als der rechte Arm der Kirche herrschen!
GERTRUD VON LEFORT
Jetzt ist die Zeit der Mütter, hör ich sagen,
Das heilige Jahrhundert ists der Frau.
Nur Eine Mutter kenn ich, Eine Frau,
Die Mutterschaft vollkommen lebte, die
In Ewigkeit die Frau nach Gottes Herzen.
Nur diese Frau kann jetzt die Welt noch retten!
Soldaten höre ich aus Schützengräben
Zur Mutter schrein, zur Großen Mutter Gottes!
Im Osten rufen selbst die Feinde Gottes
Wladimirskaja in der Not des Krieges
Und aus dem Flugzeug segnet die Ikone
Die leidenden Soldaten Petersburgs!
Die Große Frau, der Endzeit Großes Zeichen,
Jetzt kann allein den Bösen überwinden!
Drum rufen stellvertretend wir für Deutschland:
“O Jungfrau, Mutter, Königin, / ja, Göttin“,
Sei gnädig deinem armen deutschen Volke!

DRITTE SZENE

(Else Lasker-Schüler am Ölberg in Jerusalem. Zum Schluß der Szene tritt Martin Buber mit seiner
Bibel zu ihr.)

ELSE LASKER-SCHÜLER
Ich bin schon ganz herabgekommen, ach,
Verprügelt haben sie mich schon in Deutschland
Und Jude mich genannt, die Hakenkreuzler,
Ich habe einen Brief dem Papst geschrieben,
Der Oberhirte lobte meine Verse!
Am Zürcher See hab ich Natur besungen:
Schön sind, o Liebe Großmama Natur,
Schön die Erfindungen, die du ersonnen!
Dann bin ich auf dem Schiffe Palästina
Nach Israel gereist, mit mir ein Christ,
Wie Schubert-Lieder seine blauen Augen,
Der jeden Juden, jede Jüdin liebte,
Als wäre es das Neue Testament.
Hier in dem schönen Tor der Tochter Zion
Ich gründete die Gruppe frommer Künstler
Und weiser Schriftgelehrter, meinen Kraal.
Ich aber bin ein blauer Jaguar
Und sehne mich in das Indianerland,
Ich will die Kaiserliche Majestät
Von Mexiko noch einmal wieder sehen!
Jetzt bin ich endlich Josef in der Heimat!
Gott baute Palästina aus der Erde,
Jerusalem jedoch aus Seiner Rippe!
Nun aber ist es dunkle Nacht am Ölberg!
Die Arier beginnen mit dem Weltkrieg,
Sie nennen sich die indischen Germanen
Und Könige von Thule hoch im Norden.
Ich aber sammle alle die Semiten,
Die Talmudisten und die Kabbalisten,
Die Chassidim, Zeloten und Essener,
Die Jünger des Propheten Mohammed,
Die Erben von dem Kaiser Menelik,
Die Meister des Talmud aus Babylon
Und Rabbi Hillel, Rabbi Gamliel,
Ägyptische Mysterienpropheten
Und Königin Kandakes Kämmerer,
Muslimische Poeten wie Hafiz
Und Salomo und seine Braut Suleika!
Und plötzlich seh ich Vater Goethes Geist!
Ich sehe Faustus in die Hölle fahren,
Seh den satanischen Diktator Haman
Mephisto seine Seele übergeben,
Und alle die Satane in der Hölle
Mit hocherhobnen Armen rufen: Heil,
Heil Haman! Küsse Satanas den Arsch!
MARTIN BUBER
Unordentlich ist diese Welt geworden,
Weil in dem Lebensbaum der Kabbala
Zu stark geworden ist die böse Seite
Des Zornes Gottes in dem Weltgericht.
Baal-Shem, so heiße ich, der Bibel Gatte!
Ich sah die Göttin Bibel im Gemach,
Ich sah die schönen Kleider ihrer Worte
Und der geschichtlichen Bedeutungen,
Dann schaute ich die Göttin Bibel nackt,
Ich schaute die moralische Bedeutung
Der Worte Gottes für mein eignes Leben.
Schön waren schon der Göttin Bibel Kleider,
Viel schöner war die Göttin Bibel nackt!
Am meisten aber lieb ich ihre Seele,
Der Göttin Bibel Seele ist ein Hauch
Von Gott, Schutzengelin des Universums!
Verein ich mich der Lieben Göttin Bibel,
Bring ich die Schöpfung wiederum in Ordnung
Und stelle Gottes Ordnung wieder her
In dem Triumph der Liebe, die mein Gott ist!

VIERTE SZENE

(Unsre Liebe Frau von Fatima spricht mit Schwester Lucia im Karmelkloster)

UNSRE LIEBE FRAU VON FATIMA


Ich habe dir in der Vision der Hölle
Die Schrecken der Verdammnis offenbart!
Doch habe ich zugleich mit der Vision
Ein Mittel dir gezeigt, zu retten Seelen.
Denn das wird sagen doch der Kardinal
Pacelli, den ich auserkoren habe,
Als zwölfter Pius Papst zu sein der Kirche,
Daß ein Geheimnis ist des Christentums,
Daß vieler Menschenseelen Rettung hängt
Von dem Gebet der Christenmenschen ab!
Ich sagte dir voraus den zweiten Weltkrieg,
Wenn sich die Menschen nicht bekehren wollen.
Als Heilungsmittel für die kranke Welt
Hab ich mein Unbeflecktes Herz gezeigt.
Die Weihe an mein Unbeflecktes Herz
Ist das von Gott geoffenbarte Mittel,
Die Menschheit in dem großen Krieg zu retten.
Vorläufer sinds des Antichristen nämlich,
Die streiten gegen Gott und Gottes Volk.
Doch der Triumph der Liebe über die
Barbarische Gewalt der finstern Mächte
Hat Gott der Frau der Völker übergeben,
Die Satan und die Stellvertreter Satans
Zertreten wird mit ihrem bloßen Fuß!
SCHWESTER LUCIA
Von links und rechts die Feinde Gottes führen
Den offnen Weltkrieg gegen Gottes Volk.
Von links die Kommunisten predigen
Den militanten Atheismus und
Von rechts die Nationalen Sozialisten
Verkünden Altgermaniens Heidentum
Und opfern den satanischen Dämonen
Aufs neue gräuelhafte Menschenopfer!
Dazwischen wehrlos stehen Papst und Kirche
Mit zarten Waffen des Gebetes nur.
UNSRE LIEBE FRAU VON FATIMA
Doch meine Allmacht auf den Knieen wird
Die Schutzmacht vor dem Antichristen sein!
Der Antichrist will diese Welt zerstören,
Auslöschen will der Antichrist die Menschheit!
Allein die Große Frau der Offenbarung,
Des ganzen menschlichen Geschlechtes Mutter,
Führt den Triumph der Liebe einst herauf!
Der Papst muß Mir die Welt und Russland weihen,
Dem Unbefleckten Herzen der Madonna!
Am Ende siegt mein Unbeflecktes Herz!

FÜNFTE SZENE

(Auschwitz als Kalvarienberg! Israel als leidender Gottesknecht allein!)

ISRAEL
Die Hand des Ewigen liegt schwer auf mir,
So schwer auf mir, ich kann es nicht mehr tragen!
O Gott, mein Herrscher, was tust du mir an?
Nackt kam ich aus dem Schoße meiner Mutter,
Nackt steig ich in des Todes Feuerofen.
Wie aber soll ich loben Gottes Namen?
O Gott, zum Feinde bist du mir geworden,
Du bist wie eine wilde Bärenmutter,
Der man geraubt die jungen Bärenkinder!
Du bist wie eine schwarze Pantherkatze
Und zornig fällst du mich zerreißend an!
Den Feinden Gottes geht es doch so gut,
Sie lachen gottlos in des Herzens Hochmut.
Dein Sohn jedoch, dein erstgeborner Sohn,
Muß schon auf Erden Höllenqualen leiden!
Wo ist die göttliche Gerechtigkeit?
O komm, du göttliche Gerechtigkeit,
Und übe Rache an den Feinden Gottes!
Zerschlagen bin ich ganz und ganz zuende!
Ich sehe einen Mann, von Gott verlassen,
Weh mir, der Gottverlassene bin ich!
Allein bin ich in dieser Nacht des Bösen,
Kein Davidstern erscheint mir mehr am Himmel,
Kein Stern aus Jakob leuchtet in der Nacht.
O Gott, die Heiden opfern Menschenopfer,
Sie opfern Menschenopfer ihren Götzen,
Doch ihre Heidengötzen sind Dämonen,
Sie opfern Menschenopfer bösen Teufeln!
Warum erscheint kein Engel mir vom Himmel,
Gebietet Einhalt nicht den Menschenschlächtern?
Sie legen mich auf den Altar des Kriegsgotts
Und reißen mir das Herz aus meiner Brust!
Mein Herz verblutet in den Höllenschmerzen,
Ich pilgre barfuß durch die Höllenreiche,
Ich sehe aufgetan den Höllenrachen
Und sehe Menschen, die zu Satan beten,
Die Ekelhaften beten Satan an,
Anbetend küssen sie den Arsch des Teufels!
Und Satan steigt aus Höllenschlünden auf
Und mit dem Satan steigt der Drache auf
Und mit der alten Schlange kommt der falsche
Prophet und redet Lästerung und Lüge.
Erscheine, Sohn des Menschen, zum Gericht!
Gott, Ewiger, an Tagen alter Gott,
Erscheine zum Gericht und rette mich!
Doch du hast mich verlassen! Eli, Eli!
Gott! Eli, Eli! Lama asabthani?

SECHSTE SZENE

(Im Karmelkloster von Köln. Edith Stein sieht in ihrer Zelle als Geistwesen die heilige Königin
Esther erscheinen.)

ESTHER
Du sollst nun eine andre Esther sein.
EDITH STEIN
Zwar Vashti war ein wunderschönes Weib,
Doch sie gehorchte nicht dem Herrn und König.
Da hat der Herr und König auserkoren
Aus allen Frauen sich die Allerschönste,
Die Wohlgefallen fand in seinen Augen.
So Eva war ein wunderschönes Weib,
Sie folgte nicht dem göttlichen Gebot,
Sie lauschte Gottes Wort und Weisung nicht,
Vertraute mehr der Schlange Luzifer.
Da hat der Herr und König auserkoren
Aus allen lieben Frauen dieser Erde
Die Allerliebste, Unsre Liebe Frau,
Die frei ihr Ja gesagt zu Gottes Wort:
Ich bin die Sklavin meines Herrn und Gottes
Und mir geschehe nach dem Wort des Herrn.
ESTHER
Auch du sollst ähnlich Unsrer Lieben Frau
Freiwillig stimmen ein in Gottes Willen.
EDITH STEIN
Was aber ist der Wille meines Herrn?
ESTHER
Gott sendet mich zu dir, geliebte Edith,
Du sollst von Esthers Beispiel etwas lernen.
Bedenke doch die Esther in der Bibel
Und meditiere über Gottes Wort.
EDITH STEIN
Da war es so, wie es auch heute ist,
Der Feind der Juden, damals hieß er Haman.
Heil Haman! schrieen alle auf den Straßen.
Doch Esther betete und fastete
Und mit der Fürbitt-Allmacht auf den Knien
Trat sie vorm König ein für ihre Juden.
Sie selber war ja aus dem Volk der Juden.
ESTHER
Du, Edith, du bist auch vom Volk der Juden.
Heil Haman! schreien sie auch heute alle.
Im Karmelkloster betest du und fastest,
Du betest immerwährendes Gebet
Zur Königin des Friedens um den Frieden.
Nun will die Königin des Friedens noch
Ein weiteres, sie will dein Ganzbrandopfer!
EDITH
Maria will von mir den Holocaust?
ESTHER
Sie möchte, dass du alle deine Leiden
Vollkommen opferst auf dem Bräutigam,
Der Juden König Jesus Nazarenus
Will gleichgestalten dich auf deinem Kreuzweg
Ihm, dem gekreuzigten Messias Gottes.
Zur Sühne aller Sünden dieser Welt,
Der Menschheit grad in diesem Augenblick,
Sollst du die Kreuzeswissenschaft vollenden
Durch deinen Kreuzweg bis zur Ganzhingabe.
Dein Volk, o Edith, Gottes Israel,
Geht diese Stunde in der Weltgeschichte
Den schweren Kreuzweg auch zur Schädelstätte.
Vereine deine Kreuzesleiden, Edith,
Mit allen Kreuzesleiden aller Juden
Auf dem Kalvarienberg der Todeslager
Und opfre aller dieser Kreuze Qualen
Dem Herrn auf, dem gekreuzigten Messias,
Der durch sein Kreuz die Seelen retten will.
Sei Miterlöserin mit dem Messias
Und rette viele arme Menschenseelen
Durch deine Kreuzigung im Todeslager.
Nimmst du es an, das Kreuz, das Ganzbrandopfer,
Den Holocaust zur Rettung deines Volkes?
EDITH
Ich nehme jetzt von ganzem Herzen an
Den Tod, den Jesus für mich ausgesucht.
Ich opfre meinen Tod dem Christus auf
Für die Bekehrung meines Volks der Juden,
Für die Bekehrung Deutschlands, für die Kirche,
Für meinen Orden von dem Berge Karmel,
Daß sich das Reich Mariens breitet aus
Und dass der Antichrist zusammenbricht,
Für den Triumph des Unbefleckten Herzens!
ESTHER
So führe Gott dich in das Paradies!

SIEBENTE SZENE

(Auschwitz. Der heilige Maximilian Kolbe und ein jüdischer Familienvater)

JÜDISCHER VATER
Ich bin der Gatte einer schönen Frau,
Mein Weib hat eine schöne Adlernase!
Ich liebe sie, wenn sie die Bibel liest
Und wenn sie ihre beiden Söhne füttert.
Der große Sohn ist Intellektueller
Und redet von dem Schöpfer und dem Weltall.
Der kleine Sohn spielt Josef von Ägypten
Und ich muß immer spielen Pharao.
Weil ich Semit vom Volke Israel,
Hat man mich eingesperrt im Arbeitslager.
Sie sagten uns, die Arbeit macht uns frei.
Der Nazi aber, der die Hunde liebt,
Der nennt die Juden zynisch Untermenschen
Und will vertilgen sie wie Ungeziefer.
Ich habe nun versucht zu fliehen aus
Dem Lager Auschwitz und dem sichern Tod
Noch zu entkommen und zu meiner Frau
Und meinen beiden Söhnen heimzukehren.
Doch wurde ich geschnappt und ward verurteilt,
Den Hungertod zu sterben in dem Bunker.
MAXIMILIAN KOLBE
O Vater, du sollst lieben deine Frau,
Als wär sie Miriam von Nazareth,
Und deine beiden Söhne sollst du lieben
Als kleinen Jeschua von Nazareth.
Die Liebe zwischen Menschen ist sehr schön!
Ich geh für dich in deinen Hungertod,
Auf dass du leben kannst mit deiner Frau!
JÜDISCHER VATER
Du bist ein Katholik und bist kein Jude.
Sag, warum willst du sterben für den Juden?
MAXIMILIAN KOLBE
Ich sterbe für den Nächsten, denn im Nächsten
Begegnet Jesus mir, der Juden König.
JÜDISCHER VATER
Ich glaube nicht an Jesus als Messias.
MAXIMILIAN KOLBE
Doch Jesus Christus starb für jeden Juden,
Um jeden Juden vor dem Tod zu retten!
JÜDISCHER VATER
Und haben Juden deinen Gott ermordet?
MAXIMILIAN KOLBE
Ach! Meine Sünde schlug ihn an das Kreuz!
Er starb für mich, als ich sein Feind noch war!
Und weil mein Herr für mich gestorben ist,
Drum sterbe jetzt auch ich für meinen Herrn.
JÜDISCHER VATER
Glaubst du, du kommst zu Gott in Seinen Himmel?
MAXIMILIAN KOLBE
Trag ich auf Erden voll Geduld mein Kreuz
Und opfr ich alle meine Leiden auf
Und bin bereit, ans Kreuz nicht nur zu denken,
Nein, sondern selbst an meinem Kreuz zu hängen,
Mit Jesus Christus an dem Kreuz zu hängen
Und ausgespannt voll Schmerzen an dem Kreuz
Zu bluten, wie auch Jesus blutete,
Und gebe ich wie Jesus meinen Geist
Im Augenblick des Todes Gott dem Vater
Und geh wie Jesus in das Reich des Todes,
So werde ich mit Jesus auferstehen
Und leben mit dem Herrn im Himmelreich
Und thronen an der Seite meines Herrn!
JÜDISCHER VATER
Wenn du ins Paradies gekommen bist,
So bitt für mich und meine Frau und Söhne
Zu Gott, dem Einzigen, dem Ewigen!
MAXIMILIAN KOLBE
Jetzt ist sie da, die Stunde meines Todes.
Man sticht mich mit der Todesspritze. Ave
Maria, Makellose Konzeption!

ACHTE SZENE

(Heede im norddeutschen Emsland. Zwei Mädchen, Anne und Susi, sehen die Madonna auf dem
Friedhof bei der Kirche.)

ANNE
O Mutter, Mutter, bleibe doch bei uns!
SUSI
Wir wollen beten, beten, beten, Mutter!
ANNE
Die Nationalen Sozialisten haben
Uns eingesperrt ins dumme Irrenhaus!
SUSI
Visionen von der Großen Muttergottes
Sind Träume von Phantasten, sagen sie.
ANNE
Wir sprachen von der Finsternis der Erde
Und wie der Satan herrscht auf dieser Erde
Und wie die okkultistischen Dämonen
Den Krieg entfachen in den Menschenherzen,
Wir sahen die satanischen Dämonen
Wie braune Ratten aus dem Abgrund steigen!
SUSI
Am Himmel eine schwarze Wolkendecke
Von Unheil über uns, doch manchmal bricht
Die schwarze Wolkendecke auf, dann strömt
Von Gottes Liebe Licht auf uns herab!
ANNE
Da haben die Faschisten uns verspottet,
Wir seien irre Träumer, Don Quichotten!
SUSI
Wir wissen, dass die Große Muttergottes
Die Königin des Universums ist.
ANNE
Wir wissen, dass die Große Muttergottes
Die Königin der Armen Seelen ist.
Wir weihen dir, o Mutter in dem Himmel,
Die Armen Seelen in dem Fegefeuer.
Spritz Milch aus deinem Gottesmutterbusen
Den Armen Seelen in den trocknen Mund!
Erleichtre ihre Qual im Fegefeuer
Und führe Kreis um Kreis hinan zu Gott!
SUSI
Wir gehen noch einmal ins Irrenhaus,
Wenn du das Opfer dieser Leiden willst,
Nur mach ein Ende mit dem Antichristen
Und schone deine Menschheit, liebe Mutter!
ANNE
Wir sind nun müde, wollen ruhen, Mutter,
Die Augen schließen wir... Laß deine Augen
Barmherzig über unsern Gräbern sein!
MADONNA
Gott ist zufrieden mit den Opfern, Kinder,
Wie ihr dem Herrn das Leiden aufgeopfert.
SUSI
Hast du für uns noch eine Botschaft, Mutter?
MADONNA
Ja, eine Botschaft, ein Geheimnis, Kinder.

(Die Madonna flüstert Anne etwas ins Ohr)

Nun, Anne, halt geheim der Welt die Botschaft,


Doch bringe meine Botschaft zu dem Papst,
Dem Engelgleichen Pastor, Pius Pappa!

NEUNTE SZENE

(Der Heilige Vater, der Schutzengel Russlands, der Erzengel Michael als Schutzengel des jüdischen
Volkes und des deutschen Volkes, und die Hagia Sophia als Schutzengelin des Universums.)

HEILIGER VATER
Wir weihen kraft der Vollmacht des Apostels
Das Reich der Rusj, das alte Mütterchen,
Dem Unbefleckten Herzen Unsrer Frau!
Wir weihen Unsrer Frau die Mönche Russlands,
Die Marterzeugen und die Eremiten.
Wir rufen an den Heiligen Wladimir
Und Anna von Byzanz, sie mögen beten
Für Russland, dass der Materialismus
Nicht ruiniert das alte fromme Volk.
In jeder Hütte die Ikone steht
Der Schwarzen Muttergottes von Wladimir.
Die Große Muttergottes schützte Russland
Einst vor der Goldnen Horde wilder Hunnen,
Die Große Muttergottes schützte Russland
Einst vorm Eroberer Napoleon,
Die Große Muttergottes schütze Russland
Heut vor den Nationalen Sozialisten,
Die Große Muttergottes rette Russland
Auch aus der Sklaverei des Kommunismus!
Erhöre die Gebete deiner Diener
Und Dienerinnen, alter frommer Ammen,
Geheimnisvoller Dichter der Madonna.
Maria, rette Russland vor dem Satan!
SCHUTZENGEL RUSSLANDS
O Schwarze Mutter Erde, schrei zu Christus!
O Schwarze Mutter Russland, schrei zu Christus!
O Schwarze Mutter Gottes, schrei zu Christus!
HEILIGER VATER
Die wahre Kirche Jesu Christi spricht:
Die Ideologie der Herrenrasse,
Der Arier, der deutschen Übermenschen,
Des Nihilismus Suizid-Gedanken,
Der Wahnsinn satanistischer Tyrannen
Ist unvereinbar mit der Liebe Christi.
Wer Nationaler Sozialist sein will,
Den schließen Wir aus Christi Kirche aus,
Der darf den Corpus Christi nicht empfangen!
O Bonifatius! O Michael!
Erzengel Michael des deutschen Volkes,
Stürz die Dämonen eilends in die Hölle!
Erzengel Michael des Volkes Juda,
Steh deinem Volke bei auf Golgatha
Von Auschwitz, wenn sie Eli, Eli schreien:
O Gott, wozu hast du dein Volk verlassen?
ERZENGEL MICHAEL
Ich sage zu dem Menschenmörder Satan:
Der Herr Messias Jesus strafe dich!
HEILIGER VATER
Ich weihe Asien von Japan aus
Und Indien und China und Korea,
Die Philippinen und Vietnam, und weihe
Das Reich der Perser und Arabien
Und Palästina und Ägypten und
Äthiopien, Sudan, Südafrika,
Marokko, die Kanaren, Mexiko
Und Kuba und Brasilien und Peru
Und die Vereinten Staaten, Kanada
Und Grönland, Island, Skandinavien,
Germanien, England, Frankreich, Polen, Rom
Dem Unbefleckten Herzen Unsrer Frau!
HAGIA SOPHIA
Am Ende triumphiert das Herz Marias!
Bald kommt die Herrschaft Hagia Sophias!

MADONNA JULI
ERSTE SZENE

(Romeo und sein Vetter auf der Straße.)

VETTER
Ach Vetter! Guten Morgen!
ROMEO
Ist schon die Sonne aufgegangen?
VETTER
Es ist so etwa neun Uhr vormittags.
ROMEO
Die Zeit schleicht langsam in der Traurigkeit.
VETTER
Dann sag mir, warum du so traurig bist.
ROMEO
Was mir die Zeit verkürzen könnte – Liebe –
Ach leider, die Geliebte ist nicht da!
VETTER
Du bist verliebt!
ROMEO
Doch unerreichbar ist –
VETTER
Die Liebe?
ROMEO
Doch unerreichbar ist der Herrin Herz!
VETTER
Die Liebe lächelt so charmant und gütig,
Doch grausam ist ihr Herz und hart wie Stein!
ROMEO
Doch Amor sieht noch mit verbundnen Augen,
Der blinde Amor findet immer Wege.
Ah weh! Wie zickig ist die Liebe doch!
Ach was für ein Gemisch von Hass und Liebe!
Ja, alles Seiende – aus Nichts geschaffen!
Der Leichtsinn des Verliebten ist aus Schwermut,
Tiefsinnig tun die aufgeblasnen Spötter,
Aus Chaos tauchen feminine Formen,
Die Flügel des Verliebten sind aus Blei
Und wo ein Feuer ist, da ist auch Rauch,
Der Liebsten Eis entzündet meine Glut,
Ich bin glückselig und bin krank vor Liebe
Und nachts bin ich hellwach in meinem Tiefschlaf
Und widersprech mir selbst. So ist die Liebe.
Ich liebe! Doch so lieb ich Liebe nicht!
Nun, kann ich dich denn nicht zum Lachen bringen?
VETTER
Zum Heulen wär mir eher doch zumute.
ROMEO
Warum?
ROMEO
Mit deinen Liebesleiden hab ich Mitleid.
ROMEO
Die Liebe selbst ist schuld an ihren Leiden,
Die Schmerzen stecken schon in meinem Herzen.
Dein Mitleid würde nur mein Leid vermehren.
Die Liebe ist wie Dunst, erzeugt von Seufzern,
Doch wenn der Nebel schwindet, glüht die Liebe
Und leuchtet in den Augen der Verliebten.
Betrübt man aber diese Liebe, weint sie
Und wird zum Meer in des Verliebten Augen.
Was soll ich sonst noch von der Liebe sagen?
Sie ist der Wahnsinn weiser Philosophen!
Du möchtest Galle aus dem Rachen würgen
Und doch ist Liebe süß wie Bienenhonig.
VETTER
Sag, Romeo, in wen bist du verliebt?
ROMEO
Ich liebe eine Frau! Ein Wonneweib!
O, sie ist schön! Ja, sie ist eine Schönheit!
VETTER
Ja, Amors Pfeile zielen stets auf Schöne.
ROMEO
Sie will kein Ziel für Amors Pfeile sein!
Die Dame ist so keusch wie die Madonna!
VETTER
Hat sie geschworen, keinen Mann zu nehmen?
ROMEO
Ach, sie verschwendet alle ihre Reize,
Will sie die Reize keinem Manne schenken.
VETTER
Vergiss die Frau und denk nicht mehr an sie.
ROMEO
Dann müsste ich das Denken unterlassen.
VETTER
Schau du nach andern schönen Mädchen aus.
ROMEO
Säh ich ein Mädchen, übermenschlich schön,
Ich dächte doch an die Geliebte nur,
Weil Rosa schön wie eine Göttin ist!

ZWEITE SZENE

(Julis Mutter, Julis Amme und Juli in ihrem Haus.)

JUILIS MUTTER, DIE FÜRSTIN


Du liebe Amme, wo ist meine Tochter?
Ich möchte jetzt mit meiner Tochter reden.
AMME
Ich hab sie schon gerufen, ja, so wahr
Ich selbst mit sechzehn Jahren Jungfrau war.
Marienkäfer! rief ich: Liebes Lamm!
Behüt dich Gott! Wo bist du, süße Juli?
JULI
Wer will mich sehen?
AMME
Die liebe Mama möchte mit dir reden.
FÜRSTIN
Ich, deine Mutter!
JULI
Was ist denn, Mama?
FÜRSTIN
Es geht um dies... Lass uns alleine, Amme,
Wir müssen heimlich reden... Bleib nur, Amme,
Du sollst es hören, was wir hier besprechen,
Du weißt, mein Kind ist jetzt schon sechzehn Jahre.
AMME
Ich weiß, sie ist ja bald schon siebzehn Jahre.
So alt war meine Tochter Katharina,
Als Gott sie holte in das Paradies!
Gott hab sie selig in dem Paradies!
Nun, Katharina ist beim lieben Gott,
Sie war zu liebevoll für diese Erde!
Doch wann wird noch mal Juli siebzehn Jahre?
Ich weiß noch, wie ich sie entwöhnt, die Süße,
Da tat ich auf die Warzen meiner Brüste
Was Bitteres, da saß ich bei den Tauben
Im Garten – Fürstin, du warst da im Ausland –
Da schmeckte Juli Bittres an den Brüsten,
Die süße Närrin, wie sie zornig guckte
Auf meine Brüste, fand sie gar nicht süß!
Da schlugen Täuberich und Taube droben
Und spreizten ihre Schwingen, ruckten gurrend
Und pickten mit den Schnäbeln in die Brüste!
Das ist jetzt dreizehn Jahre her, ja damals,
Ach damals konnte Juli ja schon laufen,
So watschelnd lief sie wie ein kleines Entlein,
Da ist sie umgefallen, auf die Steine
Mit dem Gesicht, da sprach mein Ehemann:
Schau, Juli, immer auf den Rücken fallen!
Bei Unsrer Lieben Frau! Das süße Püppchen
Mit süßem Lächeln sagte leise: Ja.
Ich hör es noch, wie mein Gemahl gesagt:
Nur immer auf den Rücken fallen, Juli!
Und wie dann Juli lächelnd sagte: Ja.
FÜRSTIN
Red du nicht solchen Unsinn, liebe Amme.
AMME
Ich bin schon still. Behüt dich Jesus, Juli!
Du warst das schönste Kind, das je ich stillte!
Könnt ich mit dir noch deine Hochzeit feiern!
FÜRSTIN
Das wollte ich ja sagen. Es ist Zeit
Zur Heirat. Juli, willst du in die Ehe?
JULI
Von diesem Kreuz hab ich noch nicht geträumt.
AMME
Vom Kreuze! Hätte ich dich nicht gestillt,
Ich dächt, Frau Weisheit habe dich gestillt!

DRITTE SZENE

(Romeo und sein Freund vor dem festlichen erleuchteten Hause der Fürstin.)

ROMEO
Willst du mit mir zu dieser Feier gehen,
Mein Freund, ich glaub, du handelst so nicht klug.
FREUND
Wie meinst du das?
ROMEO
Prophetisch kam ein Traum zu mir heut Nacht...
FREUND
Ich träumte auch: Dass Träume Schäume sind!
ROMEO
Nein, meine Träume sind so oft prophetisch!
FREUND
Zu dir kommt wohl die Königin der Elfen?
Sie ist so klein wie der Rubin am Ring
Am kleinen Finger eines alten Mannes.
Die Pferde ihres Wagens sind aus Staub
Und blasen Nasen an von Träumern nachts,
Die Räderspeichen sind aus Spinnengliedern,
Der Seidenvorhang von Libellenflügeln,
Der Pferde Zaumzeug ist aus Lunas Licht,
Die Lederpeitsche ist aus Samenfäden,
Als Kutscher dient im schwarzen Rock die Mücke,
Viel kleiner als ein halber Regenwurm,
Die Kutsche ist aus einer Walnuss-Schale,
Eichhörnchen machten sie als Zimmermänner,
Seit alter Zeit der Elfen Zimmermänner.
So jagt sie Nacht für Nacht durch das Gehirn
Des Liebenden, der dann von Liebe träumt,
Auch manchmal durch der Rechtsanwälte Hirne,
Die dann vom goldnen Schatz des Amtes träumen,
Und manchmal auch durch Hirne reifer Frauen,
Die träumen leidenschaftlich dann vom Küssen,
Doch kriegen eine Krankheit an den Lippen,
Fliegt durch die Hirne alter Tabakraucher,
Die träumen dann von frischer Pfefferminze,
Fliegt manchmal durch die Hirne böser Mönche,
Die lüstern dann von kleinen Knaben träumen.
Das ist die selbe Königin der Elfen,
Die Pferden Zöpfe in die Mähne flechtet,
Die lange Mähne lässt in Locken wallen
Der Stute bis zu ihren strammen Schenkeln,
Doch will der Reiter dann den Knoten lösen,
So prophezeit sie diesem Reiter Unglück.
Die Königin der Elfen ist die Hexe,
Frau Lilith heißt sie bei den alten Juden,
Die plagt das Weib, das auf dem Rücken liegt,
Die Liebe macht mit einem Buhldämonen,
Die lässt empfangen sie von einem Geist,
Daß sie mit einem Bastard schwanger wird.
ROMEO
Sei still! Du redest nichts als dummes Zeug!
FREUND
Die Kinder des Gehirns im Müßiggang,
Geboren sind sie von der Phantasie.
Frau Phantasie ist luftig wie die Luft
Und flieht vor dir noch schneller als der Wind,
Sie reitet auf dem Sturm vor dir davon!
Heut bläst sie an das Eis im hohen Norden
Und morgen bläst sie an den heißen Süden,
Sie bläst dich schließlich aus dir selbst heraus!
Jetzt komm, wir gehen zu der schönen Feier.
ROMEO
Ich sehe schwarz! Ein Unglück kommt vom Himmel!
Ich werde dies von mir gehasste Leben
Sehr bald beenden, dies mein eignes Leben!
Die Nacht, die mich in diese Welt geführt,
Die führt mich auch aus dieser Welt heraus.
Gut, lieber Freund, wir gehen zu der Feier.
FREUND
Sie werden Trommeln schlagen, dass es donnert!

VIERTE SZENE

(Romeo und Juli auf der Feier im Hause der Fürstin.)

ROMEO
Entweih ich diesen göttlichen Altar
Mit meiner Sünderhand, verzeih mir, Süße!
Errötend naht der Lippen Pilgerpaar,
Daß ich mit einem kleinen Küsschen büße!
JULI
Du Pilger, nenn die Hand nicht Frevlerhand,
Die mich berührt in keusch bescheidner Demut.
Der sich an Unsre Liebe Frau gewandt,
Der Pilger lasse ab von seiner Wehmut...
ROMEO
Hat Unsre Liebe Frau auch einen Mund?...
JULI
Ja, auch um von dem frommen Wein zu nippen,
Vor allem, um mit süßen, süßen Lippen
Zu Gott zu beten aus dem Herzensgrund.
ROMEO
Berühre mich mit deinen Gnadenhänden,
Sonst wird mein Glauben in Verzweiflung enden!
JULI
Madonna bleibt auf ihrer Wolke stehn
Und doch will sie dir Gnaden zugestehn.
ROMEO
So lächle du wie die Madonna stille
Und gib mir, was von dir erfleht mein Wille.
(Er küsst Juli)
Mein Mund hat deinem Mund den Gruß verkündigt,
Mein Mund ist jetzt durch deinen Kuss entsündigt!
JULI
Ach, dass ich nun auf meinen Lippen finde,
Besiegelt durch dein Küsschen, deine Sünde!
ROMEO
Ach Juli, gib mir meine Sünde wieder!
Dann sing ich deinen Lippen Liebeslieder.
JULI
Du küsst ja wie ein Beter immer nur,
So wie des Rosenkranzes Perlenschnur...
AMME
Mein liebes Kindchen, Mama will dich sprechen.
ROMEO
Wer ist die Mutter eines solchen Mädchens?
AMME
Ja, junger Mann, die Mutter dieses Mädchens,
Sie ist die hohe Herrin dieses Hauses,
Ist eine liebevolle, zärtliche
Und herzensgütige und fromme Fürstin!
Wer aber ihre Tochter kriegt zur Frau,
Der erbst auch noch ein überreiches Erbe...

FÜNFTE SZENE

(Priester und Romeo in der Marienkapelle.)

PRIESTER
Gott segne heute eure Eheschließung
Und möge später euch vor Harm bewahren!
ROMEO
Ja, Amen, Ja und Amen! All das Leid,
Der Schmerz soll immer tun, was er vermag,
Er wiegt doch nichts, verglichen mit der Wonne
Nur Eines Augenblicks in Julis Nähe!
Leg unsre Hände segnend ineinander,
Kommt dann der Tod, der Mörder süßer Liebe,
So reicht es mir, dass Juli mein gewesen!
PRIESTER
So rasche Freude nimmt ein rasches Ende
Und stirbt in weißer Glut, wie Funken und
Schwarzpulver, sich vereinend, explodieren!
Isst du zuviel vom süßen Bienenhonig,
Wirst du dich ekeln bald vor Bienenhonig.
Lieb du in Maßen, denn dann bleibt die Liebe,
Lieb nicht zu schnell und auch zu langsam nicht,
Denn dann wird deine Frau zufrieden sein.
(Juli erscheint...)
Da kommt das Mädchen! Solche Blumenfüße,
Sie lassen keine Spur auf dieser Erde,
Sie ist wie eine Elfe, wie ein Hauch!
Ja, wer verliebt ist, der geht auf den Wolken,
So leicht wird man durch Liebesheiterkeit!
ROMEO
O Juli, wenn dein Glück so groß wie meines
Und wenn du besser sprechen kannst vom Glück,
Versüß die Luft mit deinem reinen Atem
Und lass die Zunge musikalisch schwingen
Vom Liebesglück, das wir einander schenken
In dieser Himmelsstunde unsrer Hochzeit!
JULI
Gefühle, welche tiefer sind, als Worte
Je sagen können, sind zu stolz auf ihr
Bewusstsein ihrer schönen Art und Weise
Und brauchen keine Kunst, sich auszusprechen
Mit Schminke und mit Schmuck und Redeblumen.
Wer kann denn zählen, was er hat? Der Bettler.
Ich aber bin so reich, so überreich
An Lebenslust und Liebesglück und Wonne,
Daß ich von einem Zehntel meines Reichtums
Die ganze Summe nie errechnen könnte.
PRIESTER
Besiegeln wir das Sakrament der Ehe!
Daß ihr nicht länger heimlich lieben müsst,
Will Gott durch seinen Priester euch vereinen.

SECHSTE SZENE

(Juli abends allein in ihrem Zimmer.)

JULI
O schwarze Mutter Nacht, breit aus den Mantel,
Daß Romeo, von niemandem gesehen,
In meine Arme stürme! Die Verliebten
Sehn klar genug durchs Licht der eignen Schönheit,
Um der Verliebten schönes Spiel zu spielen.
Ist Amor blind, dann kann’s auch dunkel sein.
Komm, schwarze Mutter Nacht im dunklen Kleid,
O reine Jungfrau, lehr mich zu verlieren
Die heilige Jungfräulichkeit des Mädchens!
Lass keinen sehn das Schamrot meiner Wangen,
Verhülle mich mit deinem Sternenmantel,
Bis scheue Liebe mutiger geworden
Und ehrlich tut das Werk der wahren Liebe!
Komm, schwarze Mutter Nacht! Komm, Romeo!
Komm, Romeo, du Sonne meiner Nacht!
Auf schwarzen Schwanenschwingen wirst du blenden
Wie weißer Schnee in klarer Neujahrsnacht.
Komm, dunkle Nacht! Komm, süße Liebesnacht!
Führ meinen Romeo in meine Arme
Und gib ihn mir! Und stirbt er diese Nacht,
Verwandle ihn in eine Galaxie!
Er wird des Himmels Paradies verschönern,
Daß jeder Dichter in die Nacht verliebt
Und keiner mehr dem Gott der Sonne huldigt.
Gekauft hab ich die Wohnung süßer Liebe,
Die Wohnung habe ich noch nicht bewohnt,
Ich bin verkauft an meinen Eheherrn
Und doch bin ich ein unberührtes Mädchen.
Wie lange dauert diese Abendstunde!
Ich fühl mich wie ein Kind am Abend vorm
Geburtstag, wo es die Geschenke kriegt.
Da kommt ja meine vielgeliebte Amme.
(Die Amme erscheint)
Wer immer etwas weiß von Romeo
Zu künden, dem gesegnet sei die Zunge
Und die geschwätzigste Beredsamkeit!
AMME
O tot ist Romeo - - -

SIEBENTE SZENE

(Der Priester und Romeo in der Marienkapelle)

PRIESTER
Erwache, Romeo, steh wieder auf! - - -
(Romeo erhebt sich)
Der Herrscher gibt dir nicht das Todesurteil,
Der Herrscher schickt dich jetzt in die Verbannung!
ROMEO
Verbannung ist der Untergang der Welt!
PRIESTER
Wie gnädig ist der Herrscher doch, er wandelt
Den Tod in lebenslängliche Verbannung.
ROMEO
Verbannung ist doch schlimmer als der Tod!
Ist sterbe tausendmal, doch darf nicht sterben?
Wie viele Tode sterb ich noch auf Erden,
Bis mich mein Tod gebiert ins Himmelsleben?
PRIESTER
Du bist ja nur verbannt aus dieser Stadt.
Geduldig trag die Leiden der Verbannung.
Auf Erden dich erwarten andre Freuden.
ROMEO
Nein, jenseits dieser Stadt gibt’s keine Freude,
Nur Folterungen wie im Fegefeuer,
Nur Wahnsinnsqualen wie im Höllenabgrund!
PRIESTER
Todsünde! Undankbar bist du der Gnade!
Dir leuchtet nicht des Herrschers Gnade ein?
ROMEO
Die Gnade, ach, ist ein Martyrium!
Hier ist das Paradies, wo Juli lebt!
Ach, jede weiße Maus und schwarze Katze
Darf Juli sehn, und ich darf sie nicht sehn!
Selbst eine Fliege hat mehr Rechte noch
Als ich, die Fliege darf auf Julis Hand
Ganz selig sitzen und dies Wunderwerk
Berühren, darf gar Julis Wange küssen,
Nur ich darf Juli nicht berühren, ach,
Ich bin verbannt aus Julis Paradies!
Die Fliege ist glückseliger als ich!
Zu hören: Lebenslängliche Verbannung!
Das hören die Verdammten in der Hölle!
Beichtvater meiner schuldbeschwerten Seele,
So harte Worte wagst du auszusprechen?
Mann Gottes, sei mein Beistand und mein Tröster!
PRIESTER
Im Wahnsinn idiotischer Verliebtheit,
Kannst du da noch ein Wort der Weisheit hören?
ROMEO
Sprich nicht von lebenslänglicher Verbannung!
PRIESTER
Gott schenkt dir süße Milch in deiner Trübsal:
Studier die Weisheit aller Philosophen!
Der Philosophen Weisheit wird dich trösten
In deiner lebenslänglichen Verbannung.
ROMEO
Schon wieder: Lebenslängliche Verbannung!
Hängt Philosophen an Laternenpfähle!
Frau Weisheit schenkt mir nicht die Schönheit Julis!
PRIESTER
Wahnsinnige vernehmen keinen Ratschlag,
Die Idioten haben keine Ohren.
ROMEO
Die Philosophen haben keine Augen:
Sie haben nie gesehen Julis Schönheit!

ACHTE SZENE

(Morgengrauen. Romeo und Juli in ihrem Ehebett.)

JULI
Willst du schon aufstehn, Liebling? Noch ist Nacht.
Es war die Nachtigall und nicht die Lerche,
Die süßen Sanges in dein Ohr geflötet.
Dort auf dem Baume singt sie jede Nacht.
Mein Bräutigam, es war die Nachtigall.
ROMEO
Die Lerche war es, die die Sonne preist,
Ach, nicht die Nachtigall. Orangne Schleier
Seh ich schon in den Morgenwolken glühn.
Die Nacht hat ihre Kerzen ausgeblasen
Und heiter strahlend steht die Sonne auf.
JULI
Das ist kein Sonnenlicht, ich weiß es, ich!
Es ist ein Meteor mit Feuerschweif,
Der dir die Fackel hält in meiner Nacht.
Bleib noch im Bett, du brauchst nicht aufzustehn.
ROMEO
Ich bleibe gern, wenn du so nett mich bittest.
Das lichte Graun ist nicht die Morgenröte,
Das dort sind nicht der Morgenröte Wimpern,
Der lichte Schein ist Schimmer von dem Mond.
Der Vogelsang im hohen Himmelsdom
Ist nicht der Lerche junges Jubilieren.
Ich bleibe lieber doch im Bette liegen,
Das ist viel schöner doch, als aufzustehn.
Willkommen, Tod, willkommen, Bruder Tod - - -
Du findest mich im Bett mit Juli scherzend.
(Der Vorhang fällt. Das Publikum applaudiert.)

MYSTERIUM BUFFO ODER MAUSOLEUM BUFFO

(Vorspiel auf dem Theater.)

BELEUCHTER
Ich sah das Stück
Schon vierzig Mal,
Hab nichts verstanden.
BÜHNENBILDNERIN
Ach, die Partei-
Genossen sind
Wie Räuberbanden!
BELEUCHTER
Hab ich das Licht
Gut eingestellt,
Ex-Freundin mein?
BÜHNENBILDNERIN
Wie Höllenglut
Und Satans Blitz
Der Feuerschein!
BELEUCHTER
Was andres nun:
Was macht das Geld,
Die Arbeitsstelle?
BÜHNENBELEUCHTERIN
Die Bühne bau
Und mal ich aus
Der ewigen Hölle!
BELEUCHTER
Verdienst du Geld
Genug? Das Geld
Regiert die Welt!
BÜHNENBILDNERIN
Ich dachte, du
Wärst anders, wärst
Der Liebe Held!
BELEUCHTER
Ich seh die Welt!
Amerika!
Und Berolina!
BÜHNENBILDNERIN
Im Garten sitz
Im Seidenkleid
Ich still aus China.
BELEUCHTER
Der Müßiggang
Zerstört die Welt,
Die untergeht!
BÜHNENBILDNERIN
Dann schafft sie neu,
Aus meinem Leib,
Der mein Poet!
BELEUCHTER
Nun angestrahlt
Wird Satans Arsch
Durch meine Lichter!
BÜHNENBILDNERIN
Den Podex mein
Verklärt und preist
Mein eigner Dichter!

(Versammlungssaal in der Hölle. Über allem leuchtet das satanisch-kommunistische Pentagramm.)

MARX
Bei meinem Bart,
Dem langen Bart,
Dem Barte grau,
Prophetenbart!
Die Revolution
Ist meine Frau!
ENGELS
Mein Bart ist auch
Sehr imposant,
Pechrabenschwarze!
Was aber macht
An deinem Po
Die dicke Warze?
MARX
Ich leide sehr
An grimmer Pein,
An Höllenpein!
Verdammt! Jedoch
Es wird wohl nicht
Die Warze sein.
ENGELS
An deinem Po
Strahlt feuerrot
Wie ein Karfunkel
Die Warze nicht,
Ich glaub, es ist
Das ein Furunkel!
MARX
Was tatest du,
Worüber du
Stolz wie ein Held?
Was tatest du,
Was aller Welt
So wohlgefällt?
ENGELS
Furunkel nicht
Am Hintern, muß
Ich mich nicht schämen!
Die Weser ich
Durchschwommen hab
Im schönen Bremen!
MARX
Jedoch zurück
Zur Politik
Und Philosophie!
Die Arbeit macht
Den Menschen frei!
Wie macht das sie?
ENGELS
Die Affen sonst
Auf ihrem Baum
Von Nüssen träumen...
Die Hände sie
Dort klammern fest
An ihren Bäumen...
Ein Affe stieg
Herab vom Baum,
Auf Erden stand!
Der Affe nun
Stand aufrecht da!
Mit freier Hand!
MARX
Der Affe da
Mit Werkzeug gleich
Sein Werk vollführte?
ENGELS
Der Affe erst –
Diogenes! –
(...............)!
MARX
Ging dann ans Werk,
Um sein Produkt
Zu schaffen stark?
ENGELS
Ihn hungerte
Nach Affenfleisch,
Nach Affenmark!
Da fraß er auf
Den Vater sein
Und seine Mutter!
Denn wichtig ist
Zum Denken, dass
Man hat sein Futter!
Da Vater er
Und Mutter sich
Zum Mahl gemacht,
Vom Protein
Des Fleisches er
Hat nun – gedacht!
Er ist ein Mensch
Und ein Prolet
Der Welt geworden!
MARX
Auf Affenfleisch
Begründet so
Karl Marxens Orden!
ENGELS
Wie sind ja stolz
Auf unsern Ahn,
Der Ahnen fraß!
Ich auch dereinst
An solchem Tisch
Zu Gaste saß.
MARX
Menschwerdung so
Ist der Triumph
Der Kannibalisten?
Behüte Gott
Die Menschheit nur
Vor den Marxisten!

(Versammlungssaal in der Hölle. Stalin und einige Genossen Unterteufel.)

STALIN
Genossen! Wir
Erwarten nun
Den Sekretär!
O Lenin! Was
Ist er? Er ist
Nicht Bach, ist Meer!
S’ist Mitternacht!
Es schlägt die Uhr
Gespensterstunde!
Der Satan in
Der Hölle macht
Jetzt seine Runde!
Ich weiß, was dem
Genossen der
Partei da frommt:
Der Sekretär
Als großer Mann
Verspätet kommt!
(Die Uhr der Hölle schlägt Zwölf. Genosse Lenin tritt pünktlich ein!)

LENIN
Was lernt der Reuss
Vom strengen Preuss?
Nur pünktlich immer!
Um zwölf Uhr nachts
Mit Pünktlichkeit
Tret ich ins Zimmer!
STALIN
O Lenin! Ich
Bin tief enttäuscht!
In Satans Bann
Ich frag mich, wie
Kann pünktlich sein
Ein großer Mann?
Ein großer Mann –
O Lenin, ich
Bring dir die Kunde –
Verspätet kommt!
Lässt warten stets
Die Viertelstunde!
LENIN
Ich eben saß
Mit meinem Weib
Beim Samowar,
Nadeshda war
Gemütlich so,
Ganz wunderbar,
Da hörte ich
Von einem Mann,
Von einem zarten,
Es sollt der Baum
Geschlagen sein
In meinem Garten.
Nadeshda da,
Mein Eheglück
Im Ehebette,
Mich dringend bat,
Genossen, dass
Den Baum ich rette!
STALIN
Jetzt bist du alt,
Großväterlich
Und voll Gemüt.
Wo ist dein Hass,
Dein Klassenhass,
Dein heiß Geblüt?
LENIN
Genossen, ach, -
Bei Demeter,
Der Göttin Deo! –
Nicht Stalin wählt
Als Sekretär,
Wählt Trotzki Leo!
STALIN
Doch Trotzki schon
Geflohen ist
Nach Mexiko.
LENIN
Was macht er in
Amerika,
Im Nirgendwo?
STALIN
Im Bergwerk mit
Neruda sucht
Er Eisen, Nickel.
Ich aber hau
Ihm auf den Kopf
Mit einem Pickel!

(Rotbeleuchtetes Schlafzimmer in der Hölle. Lenin im Arm seiner geliebten Pariserin Inès Amand.)

INES AMAND
Was Liebe ist,
O Lenin mein,
O sag mir das!
LENIN
Ist bürgerlich,
Ist klerikal!
Nein – Klassenhass!
Befreien wir
Vom Sklavenjoch
Die armen Dirnen!
Der Klassenhass
Die Klasse lehrt
Allein zu zürnen!
INES
Die Liebe ist,
Genosse, frei!
Ein Wasserglas!
LENIN
Die Liebe, ach,
Ist klerikal!
Heil Klassenhass!
Die Revolution,
Sie ist mein Weib!
Wie ich sie liebe!
Sie greift hinein
Geschickter Hand
Ins Weltgetriebe!
Sie stellt es um,
Stellt’s auf den Kopf!
Die Revolution!
Den Kopfstand macht
Die Welt und lacht
Der Liebe Hohn!
Die Revolution
Ins Weltgetrieb
Wird mächtig fassen,
Die Revolution
Die Massen lehrt
Das heiße Hassen!
INES
Französisch ist
Die Liebe schön!
Da ist sie frei!
Kein Ehejoch,
Gesegnet von
Der Klerisei!
O Kommunist!
Kommunen gibt’s
Der freien Liebe,
Da allgemein
Und all mit all
Lebt frei dem Triebe!
Die Liebe frei,
Befreit vom Joch
Der Ehe, das
Ist so gemein
Wie einem Mann
Ein Wasserglas,
Das muss man nicht
Von Thron, Altar
Erst teuer kaufen,
Das kann man wie
Ein Hengst voll Durst
Ganz einfach saufen!
LENIN
Doch der Prolet
Von Ehe denkt
Ganz sittlich groß,
Pariserin,
Nicht liederlich
Wie ein Franzos!
Der Bauer will
Die Bäuerin
In seiner Nähe,
Die Kinderlein
Um ihn herum.
O Lob der Ehe!
Vermählt bin ich
Nadeshda so
Im Ehebund
Und küsse sie
Allein auf den
Gespitzten Mund.
INES
Nun küsse mich!
Sei Kommunist!
Befrei die Triebe!
Kein Ideal
Ist heilig fromm
Die freie Liebe!
Nur einen Blick
Aufs Brüstepaar,
Kurz hingeblickt
Und schon im Bett
Unehelich
Sogleich (.....)!
Die Liebe ist,
O Kommunist,
Nur Einerleiheit!
Des Sexus Trieb,
Von uns befreit,
Das nenn ich Freiheit!
LENIN
Nadeshda, ach,
Ist eine Frau
Voll Eifersucht!
Die Ehe ehrt
Und Sitte sie
In strenger Zucht!
INES
Genosse, zieh
Die rote aus,
Die Unterhose,
Ich lehr dich, wie
Geliebt bei uns
Wird ein Franzose!
LENIN
Ja, mit der Hand
Das Werkzeug du
Der Arbeit fass,
Ich schreib ein Werk
Für die Partei
Vom Klassenhass,
Wie heiß der Hass
Befreiten Volks
Wird wütend rasen!
INES
Ich werde dir
In dieser Zeit
Die Waffe (......)!
(Ein Unterweltsfluss in der Hölle, wahrscheinlich der Styx, vielleicht auch die Lethe. Im Wasser
schwimmt die schöne Wasserleiche Rosa Luxemburg. Bert Brecht, besoffen von billigem Wermut,
steht am Ufer der Lethe und besingt die Wasserleiche.)

BERT BRECHT
Besoffen bin
Ich Zechkumpan
Von dem Absinth!
O Rosa du,
O Luxemburg,
Du schönes Kind,
Die Freiheit du
Hast sehr geliebt,
Warst treu dem Volke,
Jetzt schwindest du
Wie die Marie,
Die weiße Wolke.
Ophelia,
Du tote Braut,
Du bleicher Traum!
Die Pflaume fiel –
Ich schüttelte –
Vom Pflaumenbaum!
Jetzt schwimmst du hin
So bleich und blass
Im Wasserbette,
Die Welle dich
Liebkost im Tod,
Die violette.
Aus schwarzem Wald
Gekommen ich,
Der Bert, der Brecht,
Ich schwimm mit dir
Und durch dich durch,
Im Fluss ein Hecht.
Die Wurzeln seh
Ich drunten tief
Vom Eichenstamme,
Da liegt dein Haar,
Dein schwarzes Haar,
Du liegst im Schlamme!
Der Frösche Laich,
O Leiche du,
Im Wasser schwimmt,
Da Bert, da Brecht
Sein Saitenspiel
Von Därmen stimmt.
O Rosa du,
O Rose rot,
So rot von Blute!
Von Freiheit du
Gesungen hast,
Du Böse-Gute!
Die Mehrheit ist
Stets bei dem Volk
Und der Partei!
Die Masse siegt!
Die Minderheit
Macht Massen frei!
Die Massen führt
Zu ihrem Heil
Die kleine Clique,
Denn die Partei,
Die weiß allein
Vom wahren Glücke.
Drum Mehrheit ist
Und Wohl des Volks
Die Minderheit,
Drum allezeit
Zu Staatsstreich, Putsch
Sind wir bereit!
Ach Rosa du,
Du Rose rot,
Bei Gott’s Erbarmen,
Hab Mitleid nicht
Mit armen Volk,
Mit Elend-Armen,
Denn Mitleid nicht
Und herzliche
Barmherzigkeit
Benötigt wird.
Zur Revolution
Sei du bereit!
Jetzt aber schwimm
Dahin so bleich
Im Wasserbette,
Ophelia,
So bleich und fahl,
So blass, du Nette,
Wie Froschlaich blass,
Wie Mondschein bleich,
Wie Tote fahl.
Ich habe schon
Mich selbst entleibt,
Beim Gotte Baal!
Gitarre mein
Mit Schweinedarm,
Besing die Welle!
Wie Dante sing
Die Rose rot
Im Reich der Hölle!
(Am Fuß einer höllischen Pyramide steht Trotzki und rechtfertigt sich vor dem Gräuelgötzen
Vitzliputzli, dem Gott des ewigen Krieges und der Menschenopfer.)

TROTZKI
O Kriegergott
Der Hölle du
Von Mexiko,
Es diente dir
Kein Krieger je
Wie Trotzki so!
Kriegskommunist
Zog ich durchs Land
Der armen Bauern,
Sah Bäuerin
Und Bauer um
Die Ernte trauern,
Nahm Ernte da
Dem Bauernvolk
Mit Waffen ab,
Soldaten ich
Der Rotarmee
Den Weizen gab,
Die Bäuerin,
Der Bauer da,
Die nichts mehr hatten,
Da fraßen sie,
Was da war, und
Sie fraßen Ratten!
Als ausgetilgt
Aus allem Land
Das Rattenfleisch,
Die Bäuerin
Im Wahnsinn wild
Mit Wutgekreisch,
Vor Hunger sie
Die Körper fraß
Von ihren Kindern!
Doch Menschenfleisch,
Wie Pflaumenmus,
Das kratzt im Hintern!
VITZLIPUTZLI
Die Revolution
Als Göttin ist
Berauscht von Blut,
Die Göttin tanzt
Mit dem Skelett
In wilder Wut,
Der Göttin du
Gedient hast treu,
Ein treuer Bote,
Der Göttin gibt
Sich gerne hin
Doch jeder Tote.
Kriegsgöttin ist
Frau Revolution,
Die laut ich preise,
Aztekenvolk
Die Göttin preist,
Die Göttin Sch(......)!
TROTZKI
O Mutter Rusj,
Wie Wladimir
Gedichtet so,
O Mutter Rusj,
Bewege du
Den breiten Po!
Die Mutter Rusj
Besoffen stand
An Wodka-Theken,
Sie sandte mich
Nach Mexiko
Zu den Azteken.
Der Sonnengott
Verlangt nach Blut,
O Erdensohn,
Den Sonnengott
Befriedige
Frau Revolution!

(Stalin kommt hereingerannt mit einem eisernen Pickel.)

STALIN
Ha! Fort und fort
Den Trotzki will
Der Zar ermorden,
Zar Stalin will
Auslöschen dich
Aus seinem Orden!
Vom Pickel wird
Dein Leben dir
Durch mich geraubt!
Es spaltet dir
Die Revolution
Das Ketzer-Haupt!

(Schwarzer Wald der Hölle. An den Bäumen baumeln Selbstmörder. Johannes R. Becher in
poetischer Muße durchwandelt den Wald und ersinnt eine Hymne an Väterchen Stalin.)

JOHANNES R. BECHER
Ich, Dichter von
Der Muse Kuss,
Ich Dichter sehe
Und siehe, was
Ich seh, ist Wald
Und junge Rehe.
O deutscher Wald!
O Waldeshorn!
Was ist so deutsch
Wie deutscher Wald?
Was wie ein Reh
So scheu und keusch?
O Muse mein,
Lass deinen Mund
Begeisternd saugen,
Wie Rehe braun,
Wie Meteor,
Die Mandelaugen,
Du sanftes Reh,
Rehzwillingen
Gleich deine Brust,
Rehzwillinge
Der Brüste Paar,
So hüpft die Lust,
O du mein Reh,
Ich liebe sehr,
Die Zwillingskitze,
Du scheues Reh,
So keusch und süß,
Und deine R(.....)!
Du scheues Reh,
Du keusches Reh,
Du junge Braut,
O Ricke du,
O Ricke jung,
So eng gebaut!
Verneige dich
Vorm Väterchen,
Vor Stalin! – Vater!
O Stalin, Gott
Der ganzen Welt!
Im Welttheater
Die Rolle schreibst
Du allen vor!
O Dichter, hör,
Wie Stalin dich
Als Dichter preist,
Den Ingenieur
Der Seele nennt!
O Genius,
Gott meiner Muse,
Die in Blue jeans
Die Venus ist
Mit offner Bluse!
STALIN
Ah, du Poet!
Du Ingenieur,
Du Ingenieur
Der Seele! Du,
Johannes R.,
Du Becher! Hör,
Sei Präsident
Der Akademie
Der Kommunisten.
BECHER
Großmütterchen
Katholisch war
Wie wahre Christen –
Mein Gott jedoch,
Mein Vatergott
Ist Stalin nur!
Der Schöpfer er,
Der Neue Mensch,
Gott-Kreatur!
Ihm weihe ich
Germania
Und ihre Deutschen,
Die Hitler will
In das K.Z.
Der Hölle peitschen!
Ich, Patriot,
Ich diente Frau
Germania!
Zu Stalin sagt
Germania
Gehorsam Ja!
Gott Stalin kommt
Als Genius
Auf Bomber-Wolke,
Als Retter und
Erlöser zu
Dem deutschen Volke!
O Muse mein,
Ich küsse dir
Dein Hinterteil!
Heil Revolution!
Heil der Partei!
Gott Stalin Heil!

(Der Große Vorsitzende Mao Tse-Tung, ein hervorragender chinesischer Philosoph, Dialektiker, und
zugleich ein hervorragender chinesischer Poet, sitzt in seinem militärischen Arbeiterkittel bei einem
Schälchen Reiswein und einem Schüsselchen Reis mit Phönixperlen in seinem höllischen
Gemüsegarten.)

MAO
O milder Mond!
O Pflaumenbaum!
O Frühlingsgarten!
Die Poesie
Erwacht in dem
Gemüt, dem zarten.
O Becher Wein!
O Becher Wein!
O Becher Wein!
Der Schatten dort,
Daneben ich,
Und Mondenschein!
Der Große Marsch
War mein Triumph!
Ich sang die Ode
Vom Großen Marsch,
Vom Großen Mord,
Der Große Tote!
Ich, Genius
Der Taktik, ich,
Ich Großer Marsch!
Heil Mao, Heil!
Ergeben küss
Ich Satans Arsch!
SATAN
Ergebnen Dank,
O Philosoph
Vom großen Tao,
Daß du den Arsch
Dem Satan küsst,
Genosse Mao!
MAO
Wir Genien
Verstehen uns!
Du, Satanas,
Bist Mao gleich,
Ein Narr, wer noch
Bezweifelt das.
Der Mitte Reich
Wollt ehlich sich
Mit Mao gatten!
Die Bäuerin
Ihr Baby fraß,
Zum Nachtisch Ratten!
Millionenvolk
Zog hungernd da
Von Ort zu Ort,
Millionenfach
Die Revolution
Vollzog den Mord!
O Großer Sprung
Nach vorne, Stahl
Zu produzieren,
Und Chinas Volk
Verwilderte
Zu wilden Tieren!
Doch die Partei
Ward fett und faul!
Ich liebte nur
Die Rebellion
Der Jugendzeit,
Die Kriegskultur!
Da rief ich aus
Die Rebellion
Der Roten Garden!
O Satanas,
Trink mit mir Wein
Im Frühlingsgarten!
SATAN
Wo ist dein Weib,
Das ich dir gab,
Dem Hass zum Lohn?
MAO
Da kommt sie schon!
Chinesin, schau,
Der Skorpion!
Was Israel
Einst Lea war
Und mehr noch Rachel –
Ist mir dies Weib,
Der Skorpion
Mit Gift im Stachel!
Kein Skorpion
Im Petticoat
Amerikas...
Ein Skorpion
Im Bauernrock,
Bei Satanas!
DAS SCHLIMMSTE VON MAOS WEIBERN
O Mao mein,
Du Philosoph
Der Dialektik,
Regierungskunst
Beiseite lass,
Des Herrschens Hektik,
Erzähl mir nicht
Von Revolution
Und Kriegskultur,
Sing, Dichter, sing,
Die Ode sing
Von der Natur!
MAO
Als Chinas Volk
Gehungert hat,
Hab ich’s gerettet!
Das Spatzenvolk
Hat sich zu gern
Im Laub gebettet!
Wir schlugen da
Die Trommeln laut
Mit großem Lärm,
Das Spatzenvolk
Gen Himmel flog
Laut im Geschwärm,
Sie flatterten
In Lüften blau,
Da die Verzagten
Zum Baume sich
Und seinem Laub
Nun nicht mehr wagten,
Erschöpft vom Flug,
Der Flatterei,
Von all dem Lärm,
Der Vögelei
Im Wolkenbett
Und dem Geschwärm,
Sie stürzten auf
Die Erde hin,
Erschöpft zu Tode!
Dem Tao der
Natur sang ich,
Dir diese Ode!
DAS SCHLIMMSTE VON DEN WEIBERN MAOS
O Großer Chef
Vom Großen Reich,
Sing auch Gesang,
Wie du einst schwammst
Alleine in
Dem Jangtsekiang!
MAO
War ich nicht schön?
Ja, ich war dir
Zu schön, ich wette!
DAS SCHLIMMSTE VON DEN WEIBERN MAOS
Ein Klumpen Fleisch!
Das liebst du (dacht
Ich da) dies Fette?

(Pablo Neruda tritt auf, ein melancholischer Student im existentialistischen schwarzen Anzug. Er
singt eine Elementare Ode an den Große Vorsitzenden.)

PABLO NERUDA
Amerika
Die Bombe warf!
Hiroshima
Durch das Atom
In Höllenglut
Verbrannte da!
Mein Pantherweib
Von Sumatra,
O Madonnina!
Da schaute ich
Der Freiheit Reich,
Das Rote China!
Die Mauer schützt
Den Kaiser nicht!
Und kein Palast
Des Himmels ist
Verboten mehr!
Ich war zu Gast
Bei Li Tai-Bo
Und Bo Djü-I!
Ich pries das Tao!
Der Himmelssohn
Im Mitte-Reich
Ist Gottmensch Mao!
Und Wunder tut
Der Himmelssohn,
Erlöst vom Übel!
Ich schwöre auf
Des Gottes Wort,
Die Mao-Bibel!

(Eine Gruppe jugendlicher Unterteufel kniet vor der Ikone des Heiligsten Antlitzes von Ché
Guevara. Der leibhaftige Ché mit einer Havanna im Maul und einem Gewehr im Arm erscheint.)

CHE GUEVARA
O Paradies
Von Kuba du,
Sei frei, sei frei!
Im Freiheitskampf
Gemordet wird –
Ganz nebenbei!
O Paradies
Von Kuba, o
Du Zucker-Insel!
Ich dulde nicht
Ein weibisches
Gemütsgewinsel!
Voran, Soldat
Der Revolution,
Marschier im Heer,
Der Klassenhass
Legt in den Arm
Dir das Gewehr!
Nimm das Gewehr
In deine Hand,
Die vielgeübte,
Das Flinten-Weib,
Genosse, sei
Dir die Geliebte!
Marschiere bis
Zum Monde und
Noch fort und fort
Und pflastere
Den Himmelsweg
Mit Menschenmord!
Die Revolution,
Der ich als Held
Der Freiheit diene,
Soldat, sie will,
Du seiest nur
Die Mordmaschine!
Die Fahne rot
Der Revolution
Lässt dich erröten?
Erröte nicht!
Du sollst, Soldat,
Die Menschen töten!
Sei kalt, voll Hass,
Voll Klassenhass
Im Herzensgrund!
Dir geht voran
Der Heros Ché,
Tabak im Mund!

(Pablo Neruda sitzt am Meeresstrand der Hölle auf einem Felsen und schreibt in sein
Extravaganzen-Brevier ein Gebet an das heiligste Antlitz von Ché.)

PABLO NERUDA
Ché, Heros Ché,
Dein Angesicht
Ist unsre Rettung!
Ja, Volk an Volk
Vereinigst du
In der Verkettung
Der Sklaverei
Der Revolution!
O Neuer Mensch
Der Arbeit du!
Ich bet dich an,
Dein roter Mönch,
Ich singe dir
Den Thron, o Ché,
Ich bin dein Dante!
Die Hölle bebt,
Wenn Ché erscheint,
Der Commandante!
Und Satan steht
Vom Throne auf,
Ich Seher seh,
Wie Satan sich
Erhebt vom Thron,
Wenn du kommst, Ché!

(Wladimir Majakowski erscheint. In der rechten Hand ein Bild von Lenin, in der Linken Hand ein
Bild seiner Muse und Geliebten, der Ehefrau seines Nächsten, am Gürtel einen Revolver, genauer
gesagt, den Genossen Mauser.)

MAJAKOWSKI
O Lenin mein,
Mysterium
Und Mausoleum!
Ich singe dir
Den Abgesang
Und nun – Tedeum!
Ich Werther, ach!
Vor Lottes Bild
Das Herz mir brach!
Was soll die Kunst
Und all das Spiel
Mit dem Symbole?
Genosse mein,
O Retter mein,
O du Pistole,
Den langen Lauf
Ich schiebe jetzt
In meinen Mund –
O Lotte! Ach
Ich liebe dich
Von Herzensgrund!

(Er erschießt sich – E cadde come corpo morto cade. - - - Der Vorhang der Hölle fällt. Eine Bühne
senkt sich von oben herab, darstellend die vom Kommunismus gereinigte Erde. Es ist der
Kindergeburtstag des vierjährigen Buffo. Seine Gäste sind die vierjährigen Knaben Dontel, Akka
und Danu. Betreut werden sie von dem sechzehnjährigen Mädchen Fatima, einer Schönheit!)

CHOR DER KINDER


O liebes Kind,
Wie schön, dass du
Geboren bist,
Wir Kinderlein,
Wir hätten dich
Sonst sehr vermisst!
BUFFO
Habt vielen Dank
Fürs Spielzeug, das
Ihr heut mir schenktet!
Die Blicke ihr
Ja alle schon
Zum Tische lenktet.
Der Kuchen da
Ist honigsüß
Mit Zuckerguss!
Und von Kakao
Und Zuckerschaum
Der Negerkuss!
Bananenmilch
Soll und Kakao
In Strömen tröpfeln
Und frischer Saft
Voll Süßigkeit
Von goldnen Äpfeln!
DONTEL
Am Abend gibt’s
Ganz sicher Wurst
Und Pommes Fritz!
BUFFO
Erzähl mir doch
Noch einmal den
Ganz tollen Witz!
FATIMA
O Jesuskind!
Sei heute hier
Am Tisch zu Gast
Und segne du,
Was du uns hier
Gegeben hast!
BUFFO
Wir essen jetzt
Und trinken jetzt,
Gott, dir zum Preise,
Wir danken dir
Für Speis und Trank,
Für Trank und Speise!
FATIMA
Nun kommt heraus,
Kommt in das Grün,
Den Gartentraum!
Da oben sitzt
Ein Taubenpaar
Im Eichenbaum!
AKKA UND DANU
Die Liebe Frau
Im Himmel steht
Im Licht der Sonne!
FATIMA
Madonna ist
Uns Süßigkeit
Und Lebenswonne!
BUFFO
Halleluja!
Halleluja!
Halleluja!
FATIMA
Ich lieb dich! Ja!
Ich lieb dich! Ja!
Ich lieb dich! Ah!

(Fatima tanzt mit Buffo, alle Kinder tanzen um sie herum.)

EMPEDOKLES

ODER

DER SINN DER WELT IST FREUNDSCHAFT

ERSTER AKT

ERSTE SZENE

(Empedokles und seine Freundin Panthea in Pantheas Gartenparadies am Fuß des sizilianischen
Ätna. Frühling.)

PANTHEA
Ich bat dich ja, mich öfter zu besuchen,
Nun freu ich mich, dass du zu mir gekommen.
EMPEDOKLES
Geliebte Freundin, Seele dieses Gartens,
Ich glaube, Gott erschuf die Welt im Frühling.
Wie schön der Frühling ist in deinem Garten,
Mir scheint, ich bin im Anbeginn der Welt.
PANTHEA
Was weißt du von dem Anbeginn der Welt?
EMPEDOKLES
Die Priester der Mysterien verkünden
Ein Ursprungsparadies der Unschuldsliebe.
Dort lebte noch die Menschheit nicht im Krieg,
Da waren Mann und Frau noch wahre Freunde,
Da war der Mensch befreundet mit den Tieren,
Da war der Mensch befreundet mit der Gottheit.
PANTHEA
Wie heißt die Gottheit dieses Paradieses?
EMPEDOKLES
Des Anfangs Gottheit war die Schöne Liebe,
Wir Griechen sagen: Göttin Aphrodite.
PANTHEA
Der Großen Muttergöttin der Natur
Die Menschen brachten Menschenopfer dar!
EMPEDOKLES
Nicht so am Anfang in der Menschheit Unschuld.
Man sang der Göttin Aphrodite Oden
In reiner Keuschheit und Jungfräulichkeit
Und schlachtete der Göttin keine Stiere
Und rote Rinder oder reine Lämmer,
Die Menschen brachten dar der keuschen Göttin
Der Schönen Liebe Weihrauch und Gebete,
Die keuschen Jungfraun flochten Rosenkränze
Und schmückten mit den reinen Rosenkränzen
Jungfräulich keusch die Hörner des Altares.
Nur Weihrauchduft und Duft von Rosenblüten
Erfreute Aphrodites edle Nase.
Das Blut von Böcken mochte sie nicht trinken,
Das Fleisch von Stieren mochte sie nicht essen,
Schlachtopfer gar von Fleisch der Menschenkinder
War unbekannt der Ursprungs-Aphrodite.
PANTHEA
Und lebt die schöne Göttin heute noch?
Vor allem: Ist sie mächtig noch und wirksam?
EMPEDOKLES
Das Reich der schönen Göttin wahrer Liebe
Ist mitten unter uns, ist in uns, innen.
Das Königtum der Göttin Aphrodite,
In meinem Herzen ist es angebrochen,
Als ich zum ersten Mal dich sah, Panthea!
PANTHEA
Ich such nicht leidenschaftliche Erotik,
Ich such des Geistes heilig-reine Freundschaft!
EMPEDOKLES
Die Schöne Liebe hat ja viele Namen:
Sie ist die sorgenvolle Mutterliebe,
Sie ist die leidenschaftliche Erotik,
Sie ist die mitleidsvolle Menschenliebe,
Sie ist die geisterfüllte Freundschaftsliebe.
PANTHEA
Die geisterfüllte Freundschaft wähle du,
Stell unsre Freundschaft unter ihren Segen.
EMPEDOKLES
Ich habe keinen Sohn und keine Tochter:
Was weiß ich von der elterlichen Liebe?
Ich meinem Bett liegt keine Konkubine:
Was weiß ich von dem Feuersturm des Eros?
Ich lebe nicht mit Bettlern und mit Kranken:
Was weiß ich von der Menschenliebe Mitleid?
Doch weil du deiner Freundschaft mich gewürdigt,
Erscheint die Freundschaft mir wie eine Göttin.
PANTHEA
Ist Göttin Aphrodite Freundschaftsgöttin?
EMPEDOKLES
Auch Aphrodite hat ja viele Namen:
Die meerentstiegne Anadyomene
Ist sie in Paphos für die Zyprioten,
Auf Lesbos Sappho pries sie Göttin Cypris,
Urania als Ideal der Schönheit
In spiritueller Liebe pries sie Platon,
Pandemos Aphrodite preist das Volk
Die Göttin freier sexueller Triebe,
Und Aphrodite Porné preist der Pöbel
Die götzendienerische Hurerei.
PANTHEA
Was man so Liebe nennt! Ob göttlich sie
Im Himmel ist die Schönheit über allem,
Ob animalisch sie des Wurmes Zucken!
EMPEDOKLES
Panthea, ich verehre Aphrodite
Als Göttin Philia, der Freundschaft Göttin,
Sie hält die Welt im Innersten zusammen!

ZWEITE SZENE

(Im Garten der Panthea. Empedokles und der Knabe Milon, der mit Magneten spielt.)

EMPEDOKLES
Mein Milon, kennst du meine beste Freundin,
Kennst du die absolute Frau Panthea?
MILON
Empedokles! Panthea ist vielleicht
Dir deine beste Freundin, aber ich
Bin doch gewiss dein allerbester Freund!
(Empedokles lacht)
EMPEDOKLES
Du spielst so schön mit den Magneten, Milon.
MILON
Schau diese kleinen, runden, schwarzen Scheiben,
Ich klebe sie zu einem Turm zusammen,
Am Ende dieser Schlange kleb ich an
Ein neues Scheibchen, schau, die Scheibe springt schon,
Hüpft durch die Luft und klebst am Schlangenschwanz.
Doch diese Scheibe will nicht zu der Schlange,
Sie weigert sich, sie weicht zurück vom Turm.
EMPEDOKLES
So ist es mit dem Hass und mit der Liebe.
Magnete, welche zueinander wollen,
Die lieben sich von Herzen, lieber Knabe.
Magnete aber, die sich stoßen ab,
Abstoßend finden sie sich voller Hass.
MILON
Ja, schau, Empedokles, die Scheibe fliegt
Zum Schlangenschwanz und klebst am Schlangenschwanz,
Die Schlange und die Scheibe lieben sich!
Doch was ist das? Die beiden hassen sich,
Der eine stößt sich von dem andern ab!
EMPEDOKLES
Urkräfte sind es in der Schöpfung Gottes,
Hass oder Liebe, Frieden oder Krieg!
MILON
Doch schau dir dieses an, Empedokles,
Dies hasserfüllte Scheibchen stößt sich ab,
Doch stärker wird die Liebe als der Hass,
Das hasserfüllte Scheibchen kehrt sich um,
Fliegt einfach an das andre Schlangen-Ende
Und hat von Hass zur Liebe sich gewandelt.
EMPEDOKLES
Du, lieber Milon, bist ein kluges Kind!
(Er schweigt. Nach einigen Augenblicken erscheint Panthea.)
PANTHEA
Ihr beiden spielt so schön mit den Magneten.
EMPEDOKLES
(lächelnd)
Die Fabeldichter singen vom Magnetberg,
Der irgendwo in Meeres Mitte steht.
Nun kommt ein Schiff, die Planken sind vernagelt,
Und der Magnetberg zieht das Schiff zu sich,
Das Schiff, es kann nicht anders, ja, es muss
Zu dem Magnetberg schwimmen, weil er zieht,
Zuletzt ist der Magnetberg so gewaltig
In seinem starken Magnetismus, dass
Die Eisennägel aus dem Schiffe fliegen,
Das Schiff zerschellt, da liegt es da als Wrack!
PANTHEA
Was willst du, lieber Freund, mir damit sagen?
EMPEDOKLES
Du bist der mächtigste Magnetberg, Liebste,
Ich bin das Schiff, so zieht es mich zu dir.
MILON
Panthea, sagst du doch, ist ein Magnet?
Du liebst sie also, mein Empedokles?
PANTHEA
Empedokles, Empedokles! Erklär mir,
Was ist der Magnetismus in der Schöpfung?
EMPEDOKLES
Die Mutter Erde mit den breiten Brüsten,
Wie Hesiod sie nennt, zieht ihre Bahn,
Kreist um sich selbst, der Mond kreist um die Erde,
Und Mond und Erde kreisen um die Sonne,
Was sie auf ihren himmlischen Ellipsen
Erhält und stets die rechten Bahnen führt,
Das ist der Magnetismus in der Schöpfung.
Wenn Mutter Erde mit den breiten Brüsten
Wie Ikarus zu nah der Sonne käme,
So gäbe es kein Leben auf der Erde,
Doch würde sie nicht angezogen von
Der Sonne mit dem Magnetismus Gottes,
So würden wir in dieser Welt erfrieren.
Der Magnetismus, der wie Liebe ist,
Macht erst das Leben möglich auf der Erde.
PANTHEA
Und ist das Leben nicht in Wahrheit schön?
Der weise Philosoph mit seinem Geist,
Die Freundin voller Sympathie im Herzen,
Der kleine Knabe mit der Einfalt Unschuld:
Ist nicht das Leben wirklich schön, mein Freund?

DRITTE SZENE

(Pantheas Garten. Frühlingsnacht. Empedokles und Panthea sitzen auf einer Bank unter einem
Baum und trinken Wein.)

EMPEDOKLES
Ich denke immer über Freundschaft nach.
PANTHEA
Ich möchte wirklich deine Freundin sein.
EMPEDOKLES
Was heißt für dich denn Freundschaft, meine Freundin?
Was ist denn Freundschaft anderes als Liebe?
PANTHEA
Dem Vielgeliebten sing ich dieses Lied:
Ich schweig mit dir im Schatten blauer Büsche,
Verschmelzen möchte ich mit deiner Seele
Und auf dem Grunde deiner Seele rauschen.
Dem Freunde aber sing ich dieses Lied:
Ich will mit dir im Garten diskutieren
Und unter Säulen wandeln auf dem Markt.
Gemeinsam wollen wir durchs Leben gehen.
EMPEDOKLES
Ich hörte einmal eine Dichterin
Zu ihrem Freunde diese Verse sagen:
Die Liebe, sie verschmilzt zwei Seelen innig,
Die Freunde rühren zart sich an den Händen.
PANTHEA
Was ist für dich die Freundschaft mit dem Freunde?
EMPEDOKLES
Der Liebende schaut die Geliebte an,
Sie ist sein Ziel, ist alles, was er will.
Die Freunde aber gehen Hand in Hand
Und schauen nicht einander liebend an,
Gemeinsam schauen sie zum gleichen Ziel,
Dem Inhalt ihrer Freundschaft, zu dem Geist,
Dem Genius der Freundschaft, schaun auf Gott.
PANTHEA
Bin ich mit meinen Freundinnen befreundet,
So sag ich ihnen keine Liebesworte,
Wir sprechen über Menschen, über Männer
Und Frauen, über Mutterschaft und Kinder
Und manchmal von der Schönheit der Natur.
EMPEDOKLES
Wie denkst du unsre Freundschaft dir, o Freundin?
PANTHEA
Ich ehre deine Weisheit, lieber Freund,
Mit deiner Weisheit hast du mir schon oft
Geholfen, meine Seele zu erkennen,
Die menschliche Natur, das Universum,
Zu staunen an die göttliche Natur.
EMPEDOKLES
Ich hörte Männer auf der Straße reden,
Ein Mann sei nur so lange Freund der Frau,
Bis diese Frau zuletzt den Mann erhört
Und er sie schließlich doch beschlafen darf.
PANTHEA
So denkt nur der gemeine Pöbel. Aber
Sie glauben nicht, dass Frauen Geist besitzen,
Sie leugnen unsres Geistes Würdigkeit,
Die weibliche Vernunft, den Genius.
Sie meinen, unsre schöne Weiblichkeit
Erschöpfe sich allein in der Erotik.
EMPEDOKLES
So hörte ich auch Philosophen reden,
Daß Weiblichkeit zu denken nicht vermag,
Sie können nichts als lieben oder hassen!
PANTHEA
Denkst du genau so, mein Empedokles?
EMPEDOKLES
Ich denke, auf des Mannes Wesenheit
Liegt schwer die harte Vaterhand des Gottes,
Doch über eines Weibes Wesenheit
Schwebt schöpferisch der reine Hauch der Gottheit.
PANTHEA
Meinst du, die Frauen stehn der Gottheit näher?
EMPEDOKLES
Und wenn es stimmt, dass Männer Logos ehren,
Und wenn es stimmt, dass Frauen Eros ehren?
PANTHEA
Daß Frauen besser lieben, als sie denken?
EMPEDOKLES
Die Philosophen dachten oft schon nach,
Was höher sei im Menschen und bestimmend:
Der menschliche Verstand? Des Menschen Wille?
PANTHEA
Was soll die Rede von Verstand und Wille?
EMPEDOKLES
Der menschliche Verstand erkennt die Weisheit,
Des Menschen Wille aber will die Liebe.
Und darin seh ich unsrer Freundschaft Segen:
Ich bin die menschliche Vernunft und suche
Den Logos zu erkennen und die Weisheit,
Du aber wie des Menschen Wille suchst
Den Eros zu ergründen, Schöne Liebe.
Nun lehren aber meine weisen Freunde
Aus Platons Schule, dass der Wille sei
Noch höher als der menschliche Verstand,
Daß göttlicher gewissermaßen als
Die Weisheit Gottes sei die Liebe Gottes!
PANTHEA
Soll ich dir also von der Liebe künden?
EMPEDOKLES
Indem du bist, so wie du bist, Geliebte,
Wird mir der Liebe Wesen offenbart.

VIERTE SZENE

(Pantheas Garten. Empedokles in der Morgenröte allein.)

EMPEDOKLES
Die Weisheit selber nenn ich meine Freundin.
Ein Philosoph, das ist ein Freund der Weisheit.
Ich nenne mich nicht einen Weisen, sondern
Mich einen Freund der Weisheit, meiner Freundin.
So sagte ja auch einst Pythagoras.
Die Weisheit ist noch mehr als eine Freundin,
Die Einsicht ist wie eine Seelenschwester,
Verwandte meiner Seele ist die Einsicht.
Intimvertraute Freundin ist die Weisheit,
Verlobte und Genossin meines Lebens.
Wenn ich der Weisheit mich vereinige,
Dann geht die Weisheit ein in meine Seele.
Dann macht sie mich zu einem Seher und
Zu einem Freund der überschönen Gottheit!
Die höchste Gottheit über allen Göttern
Nennt jetzt mich nicht mehr länger einen Sklaven,
Die überschöne Gottheit aller Liebe
In überwesentlichem Sein, die Eine,
Sie nennt mich einen Freund der höchsten Gottheit.
O Ruhm der Freundschaft mit der schönen Gottheit!
Die Freundschaft mit der Gottheit will ich feiern!
(Panthea tritt in den Garten)
PANTHEA
Empedokles, du gabst mir deine Ode,
In der die Freundin du besungen hast,
Die Freundin als die Seele der Natur.
Ach lieber Freund, wenn das die Menschen hören,
Was werden sie dann denken über mich?
Was interessiert die Menschen deine Freundin,
Die selbst sich nicht so hoch einschätzen kann!
Freund, singe von der Schönheit der Natur
Und sing von den Geheimnissen der Gottheit,
Verschweig nur vor den Menschen deine Freundin!
EMPEDOKLES
O liebe Freundin, Freundin nenn ich dich,
Weil ich dich nicht Geliebte nennen soll.
Was kümmern mich die Narren dieser Welt?
Ich will die Perlen meiner Poesie
Nicht vor die Eber und die Säue werfen,
Denn sonst zertreten sie mir meine Perlen,
Und all die Heiligtümer meines Herzens
Geb ich nicht preis den Hündinnen und Hunden.
Jedoch, dir sag ich jetzt es im Vertrauen:
Die Freundin, die ich sang in meiner Ode,
Die bist nur scheinbar du, du bist ihr Schatten,
Die einzige und wahre Freundin aber,
Das ist Frau Weisheit, Seele der Natur.
PANTHEA
Ah, jetzt versteh ich dich, mein lieber Freund.
EMPEDOKLES
Doch in gewissem Sinne bist auch du
Die Freundin im Mysterium der Weisheit.
Du selber bist ja ein Mysterium.
PANTHEA
Ja, schaust du meine Psyche auch so an,
Als wie mit sieben Schleiern keusch verschleiert?
EMPEDOKLES
Verschleiert seh ich deine schöne Psyche
In ihrem seelischen Mysterium
Versunken ins Mysterium der Gottheit.
Wenn ich die Psyche dieses Universums
Lobpreis und rühme als die Freundin Weisheit,
Weltseele selber meine Freundin nenne,
So spiegelt sich des Kosmos schöne Psyche
In deiner sehr geheimnisvollen Psyche.
So, wenn ich dich betrachte, meine Freundin,
Betrachte ich im Spiegel und im Gleichnis
Des Kosmos Psyche, meine Freundin Weisheit.
(Panthea steht vor Empedokles, er schaut sie an, ihr Antlitz ist umstrahlt von der blendenden Sonne.
In dem Kreis der blendenden Sonne sieht er Pantheas lächelndes schönes Antlitz voller
Freundlichkeit zu ihm schauen.)
PANTHEA
Weltseele und des Universums Psyche,
Geheimnisvoll bleibt mir doch die Idee.
EMPEDOKLES
Panthea, sieh, ich seh, und was ich sah,
Das war das schöne Antlitz einer Frau
Im Glanz der lichten Sonne, lieblich lächelnd.
Ich nenne sie die lächelnliebende
Frau in der Sonne, deren schönes Antlitz
Voll Freundschaftsliebe lächelnd mich gesegnet.
PANTHEA
Frau in der Sonne, mein Empedokles?
EMPEDOKLES
Ich sah den Logos, sah die Weltvernunft,
Doch nicht den Logos selber schaute ich,
Ich sah des Logos Psyche in der Sonne,
Des Logos Psyche, die Idee der Schönheit!

FÜNFTE SZENE

(Empedokles in der Stadt unter Säulen wandelnd mit seinem Freunde Marcion.)

MARCION
Die Gottheit als die allerhöchste Liebe
Erschien mir wie in drei Personen als
Die Gottheit mitleidvoller Menschenliebe,
Die Gottheit leidenschaftlicher Erotik,
Die Gottheit geisterfüllter Freundschaftsliebe.
EMPEDOKLES
Ich dien der allerhöchsten Freundschaft Gottes.
Du, Marcion, bist auch ein Freund des Logos,
Und weil wir beide sind des Logos Freunde,
Drum segnet auch der Logos unsre Freundschaft.
MARCION
Der Logos ist ja anders als der Mythos.
Der Mythos, das sind Märchen und Legenden.
Der Mythen Götter wahrlich sind verwerflich,
Sind menschlich-allzumenschlich arme Sünder.
Der Mythos ist Geschwätz. Der Logos aber,
Er ist das Wort der göttlichen Vernunft.
Das Wort jedoch, ich mein des Logos Wort,
Das Wort jedoch ergeht mit Ton und Schall
Und so erzeugt der Logos die Musik
Des Universums, jene Harmonie,
Die hält die Welt im Innersten zusammen.
Ich hörte von den skythischen Barbaren,
Daß sie das selbe eine Wort verwenden
Für Universum und für Harmonie.
Pythagoras vernahm ja die Musik
Der göttlichen Planeten. Denke dir,
Gott Logos ist ein großer Lyraspieler,
Mit seinem Plektron schlägt er an die Saiten,
Die Saiten schwingen und erzeugen Töne,
Die hohen Schwingungen der Töne sind
Die Götter und die Geister und die Seelen,
Die tiefen Schwingungen der Töne sind
Die stofflichen Erscheinungen der Welt.
Denn die Materia ist nichts als Schwingung
Der Töne aus dem Lyraspiel des Logos.
EMPEDOKLES
Ja, diese Harmonie des Universums,
Die du Musik des Logos nennst, ich nenne
Sie Freundschaft. Freundschaft seh ich überall
Im Universum walten, aber auch
Die Gegenkraft, den ärgerlichen Streit!
Der Sinn der Welt ist ganz allein die Freundschaft,
All-Einheit will die Welt, will die Gemeinschaft.
Die Atomisten lehrten mich dereinst
Die Freundschaft unter den Protonen und
Den Elektronen in Atomes Kern.
Auch unterwiesen mich die Chemiker,
Wie gut befreundet sind die Karbonate,
Da Wasserstoff und Kohlenstoff befreundet.
Die Astronomen aber lehrten mich
Vom Magnetismus in der Himmelssphäre,
Wie in dem Magnetismus Freundschaft waltet,
Wie Erde, Mond und Sonne sind befreundet.
Die Menschen streben auch zu der Gemeinschaft,
Sie gründen eine Zivilisation.
Die Babylonier und die Perser und
Der große Alexander sahn die Welt
Als Ein geeintes Reich der ganzen Erde,
Die Menschheit als Familie, tief geeint.
Doch ist in der Natur das Böse auch,
Der ärgerliche Streit in der Natur.
Die Katze frisst die Maus, der Wolf das Lamm,
Der Mensch isst Tiere, um sich zu ernähren,
Der Mensch verschließt im Egoismus sich,
Der Mensch verschließt sich in der Sünde und
Der Bosheit, schließlich triumphiert der Tod.
Das Reich des Todes ist das Reich der Feindschaft,
Der Böse ist Person, der ist der Feind.
Doch dieser ärgerliche Streit entspricht
Nicht dem geheimen Sinn des Universums,
Was alle Welt im tiefsten Innern will,
Das ist die Freundschaft, ist der Freundschaftsbund,
Die Freundschaft unter allen Elementen,
Die Freundschaft unter allen Kreaturen,
Die Freundschaft zwischen menschlichen Geschlechtern,
Die Freundschaft zwischen allen Menschenseelen,
Die Freundschaft zwischen allen Erdenvölkern.
Ja, was zutiefst das Universums will,
Das ist des Universums Freundschaft mit
Des Schöpfergottes höchster Freundschaftsliebe.
MARCION
Doch mächtig ist der ärgerliche Streit!
EMPEDOKLES
Mir aber ist erschienen Gottes Freundin
Und hat mir prophezeit: Am Ende siegt
Und triumphiert das Herz der Philia!
ZWEITER AKT

ERSTE SZENE

(Am Fuß des Ätna. Der Hohepriester und Empedokles.)

HOHERPRIESTER
Ich will dich jetzt auf deinen Glauben prüfen:
Wer ist in deinem Denken Aphrodite?
EMPEDOKLES
Die Göttin Aphrodite ist die Liebe,
Die hält die Welt im Innersten zusammen.
HOHERPRIESTER
Ich lege dir den wahren Glauben vor,
So wie er von den Vätern überliefert
Und aufgeschrieben ist in unsern Schriften:
Am Anbeginn der Welt war Nacht des Chaos,
Das Chaos ward befruchtet von dem Wind,
Geboren wurde Unsre Mutter Erde,
Sie, die gebar den Vater Uranos
Und sich mit Uranos vereinigte,
Von ihm empfing die Mutter Erde Chronos.
Gott Chronos aber zeugte die Titanen.
Gott Chronos aber hasste seinen Vater
Und schnitt mit einer Sichel ihm das Glied
Und seine Hoden ab und warf das Glied
Und warf die Hoden in das Mittelmeer,
Daraus entstand der Schaum des Mittelmeeres,
Der Schaum gebar die Göttin Aphrodite
Bei Petra tou Romiou vor Paphos-Ktima,
Wo auf der Muschel stehend zog die Göttin
In Zypern ein, wo unter ihren Füßen
Die Rosen blühten. Dort auf Zypern war
Das Bad Fontana Amorosa auch,
Worin die Göttin nackt gebadet hat.
Wenn sich vereint die Göttin Aphrodite
Mit einem Gotte oder einem Halbgott
Und manchmal auch mit einem Menschensohn,
So badete die Göttin nach dem Beischlaf
In der Fontana Amorosa und
Ist aufgetaucht als unbefleckte Jungfrau
Intakten Hymens. Glaubst du das, mein Sohn?
EMPEDOKLES
Die Märchen unsrer alten Fabeldichter,
Altweibermärchen sind’s in meinen Augen.
Die Götter, die sich fressen und ermorden,
Die Göttinnen und Götter, die sich paaren,
Sind Träumereien dichtender Phantasten.
Ich glaube an die Eine Liebe Gottes,
Die hält die Welt im Innersten zusammen
Und triumphiert einst über Streit und Feindschaft
Durch den vollkommenen Triumph der Freundschaft!
HOHERPRIESTER
Mit deinem kleinen männlichen Gehirn
Denkst du dir eine Logik Gottes aus
Und mit der wissenschaftlichen Vernunft
Verleugnest du die Götter unsres Volkes?
Wer bist denn du, dass du Homer verleugnest?
Homeros war ein blinder Götterseher!
Homeros sah, und siehe, was er sah,
Das war die schöne Göttin Aphrodite,
Die sich beschlafen ließ vom Gotte Mars,
Als eben war ihr Ehemann Vulkanus
Auf seinem Arbeitsplatz, war nicht zuhause,
Da nutzte Mars gleich die Gelegenheit
Und stieg zu Aphrodite in das Bett!
Wer hat denn Aphrodite nicht besessen?
Auch Hermes schlief mit Aphrodite, sie
Gebar Hermaphroditos, einen Zwitter.
Dionysos erkannte Aphrodite
Und sie gebar den Gartengott Priapus.
Auch warf die Göttin Aphrodite einst
Ein Auge auf den Menschensohn Anchises,
Gebar Äneas so, den Göttinsohn!
Glaubst du an Aphrodites Buhlereien?
Willst du auch werden Aphrodites Buhle?
EMPEDOKLES
Die kranke Phantasie von Ehebrechern
Erzeugte dies Idol der Hurerei!
Die Göttin Aphrodite, die ich ehre,
Ist Ewige und Schöne Liebe Gottes,
In makelloser unbefleckter Keuschheit
Und immerwährender Jungfräulichkeit
Ist sie als Liebe, Freundschaft, Harmonie
Die schöne Psyche dieses Universums.
HOHERPRIESTER
Du lästerst also Hesiod, Homer
Und alle Hymnen an die große Göttin?
EMPEDOKLES
Ein schöner Schein ist diese pure Kunst,
Auch ich genieß die Verse von Homer.
Die Aphrodite des Homeros aber,
Von Diomed verletzt, am Leibe blutend,
Wehleidig flieht zur Mutter, kindisch wimmernd,
Das ist mir keine göttliche Natur.
HOHERPRIESTER
Jetzt habe ich’s gehört aus deinem Munde!
Der Griechen große Göttin Aphrodite,
Sie ist dir nicht von göttlicher Natur!
Das, Philosoph, ist Gotteslästerung,
Auf Lästerung der Götter steht der Tod!
EMPEDOKLES
Und wenn ich sterben muss, so sterbe ich.
ZWEITE SZENE

(Auf der Straße. Empedokles vom Pöbel bedrängt.)

PÖBEL
Du hältst dich wohl für etwas Besseres!
Du trägst zu hoch die Nase, Philosoph!
Wir hassen deinen arroganten Stolz!
EMPEDOKLES
Ihr Narren, redet nicht so aufgeblasen!
Ich weiß, wer eure Aphrodite ist!
PÖBEL
Wir haben hier die Marmorstatuen,
Gebildet nach der schönsten Hure Gleichnis!
Wir fallen nieder vor der Hurengöttin
Und unser Gottesdienst ist Hurerei!
In Aphrodites Gärten warten Huren,
Wir werfen ihnen Gold in ihren Schoß
Und schlafen mit den Huren Aphrodites,
So werden wir vereint der großen Göttin!
EMPEDOKLES
Der Logos schaut voll Zorn auf eure Sünden!
PÖBEL
Dein Gott ist eine Kopfgeburt! Die Göttin
Jedoch hat volle Brüste einer Hure
Und göttlich ist der Aphrodite Becken!
EMPEDOKLES
Ihr preist die animalische Begierde
Und betet Menschenfleisch als Göttin an.
PÖBEL
Die Göttin schenkt uns aber Seligkeit!
Wenn uns die Göttin ihre Huren gibt,
So sind wir selig schon auf dieser Erde!
Der Tod ist uns gewiss, so uns wie dir,
Du aber grübelst nachts gedankenvoll,
Doch wir ergötzen uns im Hurenbett!
Wir pflücken jede junge Rosenknospe,
Verschmähen auch die reifen Rosen nicht,
Wir zechen roten Wein im Übermaß,
Und wenn der Becher völlig ausgeleckt,
Dann wenden wir uns trunken zu der Vulva!
EMPEDOKLES
Ihr fahrt einst zu den Schatten in den Hades,
Kommt nicht in das Elysische Gefilde!
PÖBEL
Was ist Unsterblichkeit der Seele? Schatten!
Was ist im Bett die Hure? Seligkeit!
EMPEDOKLES
Ach, wisst ihr gar nichts von der wahren Liebe?
EIN MANN
Der Hirte Paris sah drei Göttinnen
Und sollte Eine preisen als die Schönste.
Drei Grazien sind gestern mir begegnet,
Die Grazien mir zeigten ihre Hintern!
Der einen Grazie Gesäß war rund,
Der zweiten Grazie Gesäß war breit,
Der dritten Grazie Gesäß war prall.
So sprach ich zu den Grazien, den Dreien:
Drei Grazien in Einer Göttin preis ich
Und dieser Einen Göttin Po ist schön,
Ja, rund und breit und prall der Göttin Po,
Und diese Göttin ist ein Weib geworden
Und dieses Weib ist meine Konkubine!
EMPEDOKLES
Du liebst an der Geliebten ihren Po?
MANN
Anbetend stand ich vor der Statue
Der Aphrodite mit dem schönen Hintern:
Callipigos, erbarm dich über mich!
Callipigos, erbarm dich über mich!
Callipigos, gib mir den Seelenfrieden!
Da flehte ich zum schönen Po der Göttin
Und voller Gnade schwenkte Aphrodite
Vor mir das straffe pralle Hinterteil!
Ah, in Ekstase und Verzückung pries ich
Als wahrhaft göttlich Aphrodites Hintern!
Anbetend jede Backe ihres Hinterns
Sang ich Hexameter dem Po der Göttin!
EMPEDOKLES
Geh, Sünder, du besudelst meine Ohren!
PÖBEL
Nun, gehen wir und lassen ihn allein!
Soll er im Himmel mit Ideen tanzen
Und die Planetengeister singen hören,
Wir gehen zu den Huren Aphrodites,
Zu Sängerinnen und zu Tänzerinnen,
Reizgöttinnen, die unser Flehn erhören,
Sexgöttinnen, die Seligkeiten spenden!
(Alle ab. Empedokles allein.)
EMPEDOKLES
Erlöse mich, o Gott, vom Kot der Erde!

DRITTE SZENE

(Empedokles steigt den Ätna hinan. Eine Weile noch begleitet ihn der Knabe Milon.)

MILON
Ich werde dich nie wiedersehn, mein Vater!
EMPEDOKLES
Mein Herz ist schwer, mein vielgeliebter Knabe,
Was soll ich dir zu deinem Troste sagen?
MILON
Ich möchte einmal noch in deinem Bette
Im Morgenrot mich liebend an dich schmiegen.
EMPEDOKLES
Ich kann dir nur den Segen Gottes geben.
MILON
Wenn Gott im Innern der Natur verletzt wird
Von aller Bosheit böser Menschen, Vater,
So ist doch Gott zu Tode schon verwundet!
EMPEDOKLES
Doch Menschen gibt es, die die Gottheit trösten.
Ich seh auf deiner Wange eine Träne,
Geliebter Milon, und ich wische fort
Die Träne deiner Wange und ich tröste
Die Liebe in dem Innern der Geschöpfe.
MILON
Wenn du nun nicht mehr bei mir sein wirst, Vater,
Wer soll mir Gottes Weisheit dann verkünden?
EMPEDOKLES
Der Logos in dem Innern der Natur
Wird allezeit auf allen deinen Wegen
Begleiten dich mit treuer Freundesliebe.
Ich bin dein Freund gewesen, o mein Liebling,
Du hast von mir genommen Vaterliebe
Um Vaterliebe und dich so getröstet.
In aller Demut sag ich heute dir:
Was schlecht gewesen ist an meinen Werken,
Das kam aus meiner menschlichen Natur,
Was aber Gutes du durch mich empfangen,
Kam von der Liebe göttlichen Natur.
MILON
Und wenn ich abends gehe in mein Bett,
Wer segnet mich dann mit der Liebe Gottes?
EMPEDOKLES
Wenn ich dich nicht mehr bringe in dein Bett,
Wer wird mich segnen dann in dunkler Nacht?
Wenn ich gegangen bin von deinem Bett,
Dann wachtest du noch einmal auf vom Schlaf
Und lalltest mit der süßen Kinderstimme:
Empedokles, pass du gut auf dich auf!
MILON
Du flüstertest noch einmal durch die Nacht:
Mein Liebling, schlaf recht schön und träum was Süßes.
EMPEDOKLES
Du wirst mich bald vergessen, mein Geliebter!
(Er schweigt.)
Jetzt geht du mit dem Segen Gottes, geh!
Dein Genius begleite allzeit dich,
Dein Genius geh stets an deiner Seite,
Dein Genius geh hinter dir als Schutzgeist,
Dein Genius geh dir voran als Licht,
Dein Genius soll über deinem Haupt
Im Himmel schweben und den Weg dir weisen
Zum Garten im Elysischen Gefilde!
MILON
Ich werd dich nie mehr wieder sehn, o Vater!
(Milon kehrt weinend um. Empedokles steigt den Ätna weiter aufwärts. Nach einer Weile
Schweigens - )
EMPEDOKLES
In drei Milliarden Jahren stürzt herein
Andromeda mit ihrer Galaxie
In unsre Galaxie, und unsre Sonne
Wird dann zu einem roten Riesen werden
Und wird verschlingen den Merkurius
Und Venus fressen, und die Sonne wird
Zu einem weißen Zwerg, und Mutter Erde
Verglüht, und alles Leben wird versterben.
Der Urkeim explodierte einst, die Kraft
Verblasst von Tag zu Tag im Universum,
Und eines Tages wird das Universum
Entschlafen wie mit einem leisen Wimmern.
Der Mensch jedoch wird durch ein warmes Loch,
Wird schlüpfen durch ein warmes Loch, hinüber
Ins parallele Universum, da
Die Mutter Erde mit den breiten Brüsten
Ist noch ganz jung, da herrscht die Steinzeit-Venus
Und Mann und Frau sind in Elysium
Vereint in nackter Schönheit reiner Liebe!
(Er schweigt)
Ich rede irr vor großem Seelenkummer!
Gott, nimm mich eilig weg von dieser Erde!

VIERTE SZENE

(Empedokles allein am Rande des Vulkans. Er zieht seine Sandalen aus.)

EMPEDOKLES
O schöne Seele dieses Universums,
O Freundin mein, des Kosmos schöne Psyche,
O Göttin Philia, o Freundschaftsliebe,
Die Welt im Inneren zusammenhaltend!
In meinem Herzen ist ein starker Wille
Mit brennender Begier, sich aufzulösen!
Ob meine Träne wie ein Tropfen sich
Versinkend auflöst in dem Ozean,
Ob meines Herzens heiße Liebesflamme
Sich auflöst in dem Feuer des Vulkans,
Ob all das Mark in meinem Beine fällt
Der Mutter Erde in den schwarzen Schoß,
Ob meiner Seele letzter Atemhauch
Zerflattert in den blauen Frühlingslüften –
Weltseele! Ist mein Tod nichts andres doch,
Als einzugehn in deinen Mutterschoß!
Weltseele, deren Körper ist der Kosmos,
Weltseele, deren Schoß ist der Vulkan,
Den Leib versenke ich in deinen Schoß,
Saug meinen Körper ein mit deinem Munde!
Verbrennen will ich meinen Leib im Feuer
Und meine Asche auf die Erde streuen,
Doch meine Seele wird als Feuervogel
Im Himmelreiche meiner Freundin schweben!
O Freundin! Dieses Kosmos schöne Psyche!
O Freundin! Hauch vom Hauch des Mundes Gottes!
O Freundin! In dem Busen der Natur
Du eingegossne Freundschaftsliebe Gottes!
O meine Freundin! Leben der Natur!
O Freundin! Energie des Universums!
O Freundin! Lichte Frau im Glanz der Sonne!
O Freundin! Königin der Galaxien!
O Freundin! Morgenrot der Ewigkeit!
O Freundin! Auferweckerin der Toten!
O Freundin! Fürstin von Elysium!
Empfange mich in deinem Himmelsgarten!
Ich sterbe jetzt im Feuer deines Schoßes,
Ich scheide in der Lava deines Schoßes!
Als Phönix lass mich auferstehen, Freundin!
Lass meiner Seele reine Turteltaube
In deinem Garten von Elysium
Von Freundschaft gurren, ah, von Freundschaft girren!
STIMME
(Aus dem Feuer des Vulkans)
Zieh deine Schuhe aus, der Grund ist heilig!
Ich bin der Gottheit grenzenlose Liebe!
EMPEDOKLES
O Philia des Gottes aller Götter,
Die scheiden von der Erde, reden trunken,
Doch trunken nicht von purpurrotem Wein,
Nein, trunken von Begeisterung der Liebe!
O Philia! Ich rief dich meine Freundin,
Dein Name, makellose Freundschaft Gottes,
Dein Name war mir allzeit: Meine Freundin!
Jetzt aber, in der Stunde meines Todes,
Gewähre mir die Gnade, meine Freundin,
Daß ich dich meine Vielgeliebte nenne!
Denn in der letzten Stunde dieses Lebens
Gesteh ich dir mit seufzendem Geständnis,
O Freundin meines Lebens, o Geliebte,
O einzige und ewige Geliebte,
Was nieder mich zu deinen Füßen wirft
Und brennend mich an deinen Busen drängt,
Ist mehr als makellose Freundschaft – Liebe!
Ja, Eros ist es, meine Vielgeliebte!
Jetzt, in der Wahrheit meiner Todesstunde,
Verwerf ich alles Wissen meiner Weisheit
Und alle philosophische Erkenntnis
Und alle Lehren, die ich je verkündigt,
Von Freundschaft, die im Innern der Natur
Die Harmonie des Universums ist.
Jetzt, in dem Augenblick der Todesstunde,
Erkenne ich die Liebe, Gottes Eros!
Die Philosophen aber kennen nicht
Die Allgewalt des schöpferischen Eros,
Allein der liebestrunkne Liebesdichter
In leidenschaftlicher Verherrlichung
Der herrlichen Geliebten seines Herzens
Erkennt den wahren Sinn des Universums!
O Freundin, jetzt komm ich nicht nur in Freundschaft,
Jetzt komme ich zu dir mit Gottes Eros,
Mit meinem Durste nach Vereinigung,
Ja, göttlicher Begierde nach Verschmelzung!

(Er stürzt sich in den Lavaschoß des Vulkanes.)

PYTHAGORAS

ODER

ALLES IST MUSIK

ERSTE SZENE

(Pythagoras und sein Schüler Philolaos in Metapontion, dem Altersruhesitz des Philosophen.
Pythagoras im grauen Haar und grauem Bart, er erfrischt sich bei einem Becher Wein.)

PHILOLAOS
Pythagoras, erzähl von deinen Kindertagen,
Wohin das Leben dich, wohin dich Gott verschlagen,
Wie du aus Griechenland fortwandelnd dich entfernt,
Von wem und wie und was du in der Welt gelernt.
PYTHAGORAS
In Samos schaute ich das Licht des Welttheaters.
Und ich erinnere mich noch des reichen Vaters,
Er war ein reicher Mann, der in dem Stadtrat saß,
Mnesarchos hieß er, der oft die Leviten las
Mit strengem Vaterzorn dem neugierklugen Knaben.
Ich wollte mich schon früh an der Natur erlaben,
Sezierte an dem Teich die Glieder von dem Frosch,
Weshalb der Vater mit der Rute mich verdrosch.
Die Schmetterlinge ich hab stets im Glas gesammelt,
Die Sonne liebt ich sehr und hab ihr Lob gestammelt.
Zur Schule kam ich dann. Mein Lehrer unterwies
Mich in der Poesie, der Pherekydes hieß,
Da las ich Hesiod, den heiligen Homeros,
Las Pindars Hymnen und der Sappho Lob an Eros.
Da dünkte mir im Geist – mein Freund, lass ab vom Spott! –
Die Götter allesamt, sie seien nur Ein Gott.
Der Unbekannte Gott erfüllte meine Seele.
Ich aber litt zutiefst an jedem meiner Fehle,
Da habe ich gesucht, wer mich von aller Schuld
Befreit, wer Retter ist und was der wahre Kult?
Ich hab ersonnen in der Torheit meiner Jugend
Der Selbstbefreiung Weg durch Wandel in der Tugend.
Ich wollte werden rein und makellos und keusch,
Enthalten mich vom Blut, enthalten mich vom Fleisch,
Die Tugend leben in der Welt in frommer Reinheit,
Den Gott des Kosmos fromm verehren, die All-Einheit.
PHILOLAOS
Wo du geboren bist, in Samos war es doch,
Ergabest du dich schon der Herrin Weisheit Joch?
PYTHAGORAS
Die Weisheit schien mir schön als Unbekannte Göttin,
Ich wollte werben sie zu meines Geistes Gattin!
Sie rief aus Griechenland den jungen Mann davon,
Daß nach Ägyptenland ich kam und Babylon,
Von den Ägyptern die Mysterien zu lernen,
Mit Babels Magiern zu schauen nach den Sternen,
Mit Babels Magiern zu schaun den Himmelssaal.
Geordnet ist das All nach Maß, Gewicht und Zahl!
Nach Griechenland zurück ich brachte von den Reisen
Den Schatz des Orients, die Weisheit seiner Weisen.
PHILOLAOS
Hast du in Griechenland gelehrt die Weisheit dann?
PYTHAGORAS
Unruhig war die Zeit. Es herrschte ein Tyrann.
Die Aristokraten zwar die Hierarchie verehren,
Ein Gott ist König nur, wie alle Weisen lehren,
Doch abgrundtief verhasst sind mir die Welttyrannen.
Und Polykrates, der Tyrann, tat mich verbannen.
Ich mit mir nur Homer in meiner Tasche nahm
Und nach Italien so im schönsten Frühling kam.
PHILOLAOS
Das war der Anfang doch der Philosophenschule,
Die du begründetest, der Göttin Weisheit Buhle?
PYTHAGORAS
Ich fand dort einen Kreis von Freunden fromm und gut,
So wie die Glucke hockt auf ihrer Küken Brut,
So hab versammelt ich um mich die Schar der Freunde.
Im Geist der Freundschaft sich die heilige Gemeinde
Ergab der Wissenschaft und wie sie mir erschien,
Geheimer Religion in strenger Disziplin.
Das Goldene Äon sich in der Zeit erneue
Durch unsern Freundschaftsbund, geweiht der Freundestreue,
Geweiht der Disziplin, geheimer Religion,
Daß sich erneuere das Goldene Äon,
Als der Gerechtigkeit Jungfrauengöttin lebte
In dieser Erdenwelt. Wonach der Zirkel strebte,
Das war Asträas Reich voll der Gerechtigkeit,
Wo Freundschaft alle Welt erfüllt mit Heiligkeit.
In strenger Disziplin wir hielten ein das Fasten,
Besonders fasteten die eingeweihten Kasten,
Der innre Zirkel nur enthielt sich allem Fleisch,
Wir tranken keinen Wein, nur Schwester Wasser keusch.
PHILOLAOS
Jetzt aber sprichst du zu dem Becher mit dem Weine?
PYTHAGORAS
Die Weisheit sprach zu mir in mildem Gnadenscheine:
Du übertreibe nicht mit deiner Disziplin,
Trink einen Becher Wein als Herzensmedizin!
PHILOLAOS
Wie ich nach Winden doch und Luftgespinsten hasche,
Wenn jeden Abend ich geleert die volle Flasche!
PYTHAGORAS
Hab mir dir selbst Geduld, mein Schüler, lieber Sohn,
An einem Tage nicht lernt man die Religion.
PHILOLAOS
Du bliebest aber nicht in jenen kleinen Staaten?
PYTHAGORAS
Vertrieben haben mich die Gegner, Demokraten,
Der Demagogen Schar mit ihrer Hetzerei,
Mit ihrer Anarchie, des Chaos Ketzerei.
Nach Metapontion mich trugen meine Schuhe –
Oft ging ich unbeschuht – und hier fand ich die Ruhe.

ZWEITE SZENE

(Theano, die Frau des Pythagoras, mit ihrer Freundin im Garten in Metapontion.)

FREUNDIN
Theano, sag mir doch von deinem Lebensweg.
Wenn ich dich sehe, dann wird mir im Innern reg
Die Göttin Weisheit, schön in makelloser Jugend.
Vor allem lehre mich: Was ist der Weg der Tugend?
Und sag von der Vision und geistgegebnen Schau,
Wie sich verhalten soll die fromme Ehefrau,
Wie heiße Liebe auch im Frost kann überwintern,
Und von Erziehung sprich und sprich von deinen Kindern.
THEANO
Pythagoreer war Brotinos, der gezeugt
In meiner Mutter Schoß, in Liebe zugeneigt.
Drei Kinder habe ich, zwei wunderschöne Mädchen,
Die schönsten ihrer Art in unserm kleinen Städtchen.
Die Tochter Demo ist so strahlend goldenblond
Wie morgens früh Apoll im Ost am Horizont,
Das goldenblonde Haar, die langen Seidenhaare,
Sie strahlen so im Licht, als ob die Schöne, Wahre
Ein Geist des Himmels wär, auch ist sie herzlich gut,
Aus Herzensgüte tut sie alles, was sie tut,
Sie ist ein Himmelsgeist in dieser Welt hienieden
Und in der Schule stets sie stiftet holden Frieden.
Die andre Tochter mit dem Namen Mya ist
Der Himmelskönigin vergleichbar! Wie ihr wisst,
Italiens Frauen, ist die Königin des Himmels
Die Schönste in dem Kreis des göttlichen Gewimmels.
Ja, Mya ist so schön, es hat schon ein Poet
Gestanden, dass vor ihr die Sprache ihm vergeht.
Das lange braune Haar von der Kastanien Bräune
Umflutet ihren Hals im weißen Schwanenscheine,
Das lange Seidenhaar wie Flut des Wasserfalls
Den Turm von Elfenbein umspielt, den Schwanenhals.
Die großen Augen, die zu Meteoren taugen,
In schöner Mandelform, die großen braunen Augen
Verströmen Gnadenlicht und liebevolles Glück,
Ein Segen Gottes ist von ihr ein Lächelblick!
Die Lippen voll und süß sind weisen Männern küsslich,
Auch Philolaos schaut die Lippen an genüsslich,
Wenn süß ihr Plaudermund im Redeüberfluß
Verströmt den Charme, so denkt ein Mann nur an den Kuss!
Thelauges ist mein Sohn, ich will den Götterknaben
An der geschwellten Brust mit Milch der Weisheit laben.
Er ist ein kleiner Gott, und wen er lieben tut,
Der Mensch ist ganz gewiss von tiefstem Herzen gut.
FREUNDIN
Ist nicht der Ehe Joch sehr öde und langweilig?
THEANO
Der Himmelskönigin ist stets die Ehe heilig,
Wo nie die Frau allein nur an sich selber denkt,
Ihr Leben, ihre Kraft dem Mann und Kindern schenkt.
Selbstlose Liebe nur in heilig treuer Ehe
Bringt in der göttlichen Ur-Liebe Gottes Nähe.
FREUNDIN
Was aber soll man tun, sag, was Frau Weisheit spricht,
Wenn einer gierig geil den Bund der Ehe bricht?
THEANO
Lern eines du zuerst, das Wichtigste im Leben:
Soll dir verziehen sein, so musst du selbst vergeben!
Wenn einer das Vertraun so in die Gosse stößt,
Der Ehe Himmelsband wird drum nicht aufgelöst!
Frag der Betrogne sich, ob Männer oder Frauen:
Wie habe ich verscherzt die Treue, das Vertrauen,
Warum der Partner doch mich freventlich betrügt,
An einen fremden Leib in geiler Lust sich schmiegt,
Gab ich denn Liebe nicht genug und Ganzhingabe,
Dass sich mein Partner nun am fremden Leib erlabe?
FREUNDIN
Wenn aber Frau und Mann des Ehebunds Verein
Erhalten heilig rein, wie soll die Kinderlein
Erziehn die Mutter dann, wie ist sie zu den Kindern?
THEANO
Gott gibt die Vollmacht ihr und Macht von Überwindern,
Die Autorität von Gott zu haben voller Macht
Und Gottes Liebe zu verströmen süß und sacht.
Die Schwäche ist es meist der Zärtlichen und Schönen,
Daß sie die Kinderlein verzärteln und verwöhnen.
Der Vater habe dann in Kraft die Autorität,
Als starkes Vorbild er vor seinen Kindern steht,
Zeigt seinen Söhnen auf und seinen Töchtern Grenzen
Und soll auch fröhlich sein bei heitern Reigentänzen.
FREUNDIN
Woher hast du den Rat, der Weisheit Tugend nur?
THEANO
Es lehrte mich als Geist die Seele der Natur,
Die Göttin Weisheit selbst in makelloser Jugend
Mich lächelnd unterwies im Weg der frommen Tugend,
Daß ich im Leben nie die Tugenden vergaß,
Die Klugheit und den Mut, Gerechtigkeit und Maß,
Die Hoffnung, die der Tod nicht machen kann zu Spotte,
Den Glauben an den Geist, die Liebe zu dem Gotte.

DRITTE SZENE

(Männer und Frauen aus dem Volk. Die Männer in einer Gruppe, die Frauen in einer Gruppe.)

FRAUEN
Pythagoras, der Mann, ist sehr geheimnisvoll,
Es braust in unserm Kopf, wir werden beinah toll,
Was für ein Wundermann und großer Wundertäter,
Was für ein Magier und eingeweihter Beter!
Er lernte die Magie, er lehrt uns die Magie,
Wie in dem Kosmos doch ist alles Sympathie,
Wie Seele überall erfüllt das große Hohle
Des Kosmos-Körpers. Er kennt alle die Symbole,
Mit denen er den Gott, die Geisterwelt beschwört,
Der Geistersprachen kennt, der Geister reden hört.
Begeisternd religiös im inspirierten Wahne
Die Seele der Natur ergründet der Schamane
Und spricht mit Vögeln, und er tötet nie ein Tier.
Der Elemente Zahl, die heilig große Vier,
Erdgnomen sind es ihm, er sieht die kleinen Gnomen
In Mutter Erde und in winzigen Atomen,
Er sieht die Nymphen schön im Flusse baden nackt,
Er dirigiert sie noch mit seines Stabes Takt,
Und in den Lüften sieht er tanzen die Sylphiden,
Wie Vögel froh und frei im Äther und hienieden,
Und Salamander sieht er in des Feuers Glut,
Der zappelt mit dem Schwanz und großen Unsinn tut.
Wer wie Pythagoras die Geister alle kennte
Und kennt die große Vier, die Zahl der Elemente,
Der ist ein Wundermann und Magier und Herr,
Herrscht über Erde, Luft und Feuersglut und Meer,
Den nennen Meister wir, wir sagen Herr und Meister,
Denn ihm sind untertan Dämonen all und Geister.
In die Mysterien Ägyptens eingeweiht,
Der in die Reihen sich der Weisen eingereiht,
Der in Atlantis selbst gegangen in die Schule,
Der Göttin Weisheit Freund, der Göttin Weisheit Buhle,
Weiß mehr von diesem All, weiß mehr vom großen Gott,
Als Menschen möglich ist. Die Männer sind ein Spott
Mit ihrer Ratio, dem kläglichen Verstande.
Pythagoras jedoch, zuhaus im Geisterlande,
Ist mit dem großen Gott im unsichtbaren Licht
Befreundet, und er schaut den Gott von Angesicht
Zu Angesicht und spricht mit Gott als seinem Freunde.
Wir Frauen aber sind des Magiers Gemeinde,
Die esoterische Gemeinde, tief betört,
Die Autos Epha schwört, die Autos Epha schwört!
MÄNNER
Die Frauen sind betört in ihrem Aberglauben,
Wir aber lassen uns die Wissenschaft nicht rauben,
Wir suchen nicht Magie, geheimer Mystik Brunft,
Wir lieben Ratio, des Logos Weltvernunft.
Wir wissen nichts vom All als dem Dämonenlande,
Doch messen wir das All mit denkendem Verstande,
Denn alles in dem All ist Maß, Gewicht und Zahl.
Pythagoras hat einst studiert im Sternensaal,
Sternwarten hoch und steil bestieg er einst in Babel.
Die Mutter Erde ist des Universums Nabel,
Und Sonne, Mond und fünf Planeten gehen um
Die Mutter Erde um. Nein, kein Mysterium
Die Sphärenharmonie, nicht göttliche Sirenen
Auf den Planeten mit verführerischen Tönen
Betören den Verstand, nein, mathematisch ist
Geordnet dieses All. Der weise Denker misst
Planeten, zählt die Zahl, da findet er die sieben,
Die Sonne und den Mond, so steht es ja geschrieben,
Und der Planeten fünf, zusammen sieben, die
Vergleichbar der Musik mit ihrer Harmonie,
Da sieben Töne sind geordnet zur Oktave.
Die Säulen stehen fest und fest die Architrave
Auf denkendem Verstand und strahlender Vernunft.
Musik ist dieses All, nicht schwüler Götter Brunft,
Wo Venus nackend liegt bei Mars im goldnen Netze.
Ein Gott hat mit Verstand geschaffen die Gesetze,
Geschaffen hat ein Geist, ein weiser Intellekt.
Harmonisch ist das All, geordnet und perfekt.
In dieses Weltgesetz wir forschend uns versenken
Mit unserm Intellekt und rationalem Denken.
Ein Mann, ein Wort! Ein Mann und eine Wissenschaft!
Die Weisheit suchen wir, die schöpferische Kraft,
Des Weltalls Energie, wie in den Sternen-Uhren
Der Demiurg bewegt die himmlischen Naturen,
Wie einst die Sonne ward und unsre Galaxie,
Wie alles ist Musik, das All ist Harmonie.
Der Demiurg erscheint als großer Lyraspieler,
Der lyraspielend ist allein der Schöpfer vieler
Naturen, die im All bewegen sich harmonisch,
Bewegen in der Zeit bemessbar sich und chronisch,
Sie schwingen als Musik, als Gottes Leierspiel.
Die große Harmonie, des Universums Ziel,
Die große Symphonie, der Sphärentöne Feier
Erzeugt der Gott Apoll mit seiner goldnen Leier!

VIERTE SZENE

(Pythagoras und das Musiker-Paar Frau Katharsis und Mann Holon.)

PYTHAGORAS
Katharsis, Holon, seid gegrüßt mit Freundlichkeit!
KATHARSIS
Mein Ohr ist deinem Wort und deinem Geist bereit,
Mein Herz steht offen dir, mein Herz in meinem Busen,
Sprich mir von der Musik, Liebhaber du der Musen.
PYTHAGORAS
Spazieren ging ich einst, ging an der Schmiede lang,
Da hörte ich den Schmied und seines Hammers Klang,
So dumpf der Hammer schlägt mit harten Donnerschlägen,
Ich hörte wunderbar auf meinen Wanderwegen
Im dumpfen Hammerschlag harmonisch einen Ton,
Ich hörte die Musik des Hammers, dachte schon
Mit seinem Hammer Zeus zu hören Donner machen.
Katharsis, lächle nur, du darfst auch ruhig lachen.
Ich ging nach Hause gleich, um da ein Experiment
Zu machen. Saiten nahm in meinem Element
Ich da, verschieden lang und hängte dran Gewichte.
Empirisch wollte ich erforschen in dem Lichte
Exakter Wissenschaft die heilige Musik
Und fand heraus die Zahl, fürwahr die Mathematik
Verborgen in Musik, empirisch in exakten
Experimenten fand in Tönen und in Takten
Verhältnisse der Zahl. Du wunderst dich, mein Herz?
Berechnen lässt sich die Oktave und die Terz,
Die Quarte ist aus Zahl, aus Zahl ist auch die Quinte.
So experimentell ich Zahlenordnung finde
Im musikalischen, harmonischen Gesetz.
HOLON
Ich deiner Weisheit Geist von ganzem Herzen schätz,
Doch denk ich anders noch, und hör ich Lyren lyrisch,
Denk ich nicht an die Zahl und forsche nicht empirisch,
Die Weisheit der Musik bedarf der Theorie
In reiner Geistigkeit, der Töne Harmonie
Durchdenke mit dem Geist in reinem Spekulieren,
Dem Weisen würdig ist das Theoretisieren.
Was sagt der Philosoph vom Wesen der Musik,
Ist sie ihm denn allein exakte Mathematik?
Was mir bei der Idee denn doch von Herzen fehle,
Das wäre der Musik geheimnisvolle Seele.
Erheb dich von der Zahl und von dem Experiment,
Von Elementen vier, vom fünften Element,
Zur Seele, zur Vernunft, zum gottgezeugten Geiste,
Daß ich dann die Musik als Gottes Tempel preiste.
Wenn Orpheus Lyra spielt, dem Saitenspiel vertraut,
Er unsichtbar im All den Tempel Gottes baut!
KATHARSIS
Musik ist körperlich nach heiligen Gesetzen,
Erlernbar nach der Zahl. Doch kann sie nur ergötzen,
Ist sie auch seelenvoll. Die Psyche der Musik
Beherrscht die Leiblichkeit mit aller Mathematik,
Erschöpft sich nicht darin, sie ist ein höhres Wesen,
Wie Orpheus Philosoph und Magier gewesen
Und mit dem Saitenspiel beherrschte die Natur,
Die Bäume folgten ihm und seiner Leier nur.
Sie Sprache der Musik versteht der Tiere Sprache,
Die Nachtigall vernimmt nicht eine tote Sache
Exakter Wissenschaft, es hört die Nachtigall
Die Seele der Musik, die Liebe in dem Schall!
HOLON
Einst war in einem Wald ich früh mit meiner Flöte,
Zu wecken mit Musik die Göttin Morgenröte,
Da morgens ich im Wald als wie im Paradies
Mit Liebe im Gemüt die Knochenflöte blies
Und spielte seelenvoll, auch nach genauen Regeln,
Da hörte ich im Wald das Echo von den Vögeln,
Die Schar gab Antwort mir, und meine Melodie
Erlernten folgsam sie und imitierten sie.
Wir waren heiter froh und musizierten fröhlich,
Ich und die Vögelein im Morgenrote selig.
PYTHAGORAS
Es ist doch alles Zahl und alles ist Gesetz.
Das ist nicht Torheit nur und törichtes Geschwätz.
Wenn Orpheus’ Saitenspiel lässt folgen sich die Bäume,
So kennt er das Gesetz, das auch die Himmelsräume
Durchgeistigt mit Musik, und auch die Vögelein
Und auch die Nachtigall, sie stimmen darin ein.
Die Sprache der Musik, die Harmonie der Sphären,
Nach Maß, Gewicht und Zahl, die kann uns Orpheus lehren,
Die große Sympathie der Töne in dem All,
Der Musen Harmonie, das Lied der Nachtigall,
Kartharsis’ Leierspiel zu Holons Flötentönen
Und der Planeten Lied von lockenden Sirenen!
KATHARSIS
Nun musizieren will ich für den Denker auch.
PYTHAGORAS
Ich hör in der Musik der Seele lieben Hauch
Und therapeutisch auch wohltuend deine Güte,
Da tröstend die Musik strömt mir in mein Gemüte,
Ich höre seelenvoll Katharsis’ Harmonie
Und diese Liebe ist die beste Therapie,
Daß mich dein Saitenspiel lässt schweifen in die Fernen
Und reisen als ein Geist zu Gärten auf den Sternen,
Zum Strande in dem All, zum Weinberg in dem All
Durch deinen Musenkuss und deiner Lyra Schall!

FÜNFTE SZENE

(Pythagoras und sein Freund Philolaos im Hause des Philolaos neben Rechenmaschinen, bei einem
Becher Wein vom Libanon.)

PYTHAGORAS
Die Astronomie hab ich gelernt von Tochter Babel,
Die Mutter Erde ist des Universums Nabel.
Der Erde Kugelform ist in der Galaxie
Das Zentrum, darum kreist in Sphärenharmonie
Das All. Von Ost nach West der Fixsternhimmel wandert,
Im Himmelslabyrinth die Sternenschar mäandert.
Von West nach Ost jedoch gleichförmig zieht im Kreis
Der keusche Mond, ich mein die Luna milchig weiß,
Die Sonne oder Sol, (Apoll mit goldnem Schenkel,
Den goldnen Schenkel hab auch ich, Apollons Enkel)
Und der Planeten Zahl, der fünf Planeten Chor.
Von allen zieh ich doch die Aphrodite vor,
Die Babel Ishtar nennt, die Königin der Himmel,
Den Morgenstern, den Stern Astartes im Gewimmel.
Ich schaue immer gern zur Morgenröte fern
Und meine Sehnsucht schweift zum schönen Morgenstern,
Zu Aphrodites Reich mit marmornen Palästen,
Wo Helena Achill lädt ein zu Freudenfesten,
Die Dioskuren dort mit Mutter Leda nahn,
Der nackten Leda naht erneut der Gott im Schwan.
So träume ich im All von Göttern in den Fernen
Und schönsten Göttinnen auf heitern Morgensternen!
Merkurius jedoch quecksilbrig fließt dahin,
Der Dialektik Geist, der Weisheit Witz im Sinn.
Der heldenhafte Mars auch triumphiert im Kriege,
Den Sieg genießt im Bett mit Venus nach dem Siege.
Auch Jove oder Zeus geht durch den Himmelssaal
Als Jove Xenius olympisch jovial.
Und schließlich auch Saturn schwermütig melancholisch
Die Künstler inspiriert mit Wassern alkoholisch.
Planetengötter sinds, ich kenne sie, mein Sohn,
Mich unterwies darin die Tochter Babylon.
Ägypten aber sah ins All voll Totentrauer,
Die Sterne schaun sie an, ein Gärtner oder Bauer
Schaut so die Sterne an, für seine Landwirtschaft,
Allein von Fruchtbarkeit begeistert, Lebenskraft,
Die Sternengötter schaut Ägypten an im Saal,
Ob auch ihr Einfluss macht den Garten ihm vital.
Ägypter nur im Staub der schwarzen Erde kriechen.
Die Theorie des Alls entwickelten die Griechen,
Ich selbst, Pythagoras, hab meine Theorie:
Das Universum ist aus Himmelsharmonie!
PHILOLAOS
Ich habe aber doch ganz andre Theoreme
Und sie zu nennen ich mich auch vor dir nicht schäme.
Die Mutter Erde mit den breiten Brüsten ist
Das Zentrum nicht des Alls. Ihr lieben Griechen, wisst,
Des Weltalls Zentrum, das ist das Zentrale Feuer!
Dies ist die Sonne nicht mit ihrem heißen Schleier.
Zentrales Feuer ist die Mitte in dem All,
Und alles kreist darum in Schwingungen aus Schall,
So Mutter Erde auch mit ihren breiten Brüsten,
Nach denen Dichtern gern es lassen sich gelüsten,
Und so die Luna auch, der unbefleckte Mond,
Wenn östlich sie erscheint am Himmelshorizont,
Und so die Sonne auch, der Sehergott der Sonne,
Der Zarathustras Gott einst war und heiße Wonne,
Und der Planeten Chor, wie du die Götter heißt,
Um die Zentrale Glut in Himmelskreisen kreist.
PYTHAGORAS
Wenn Mutter Erde mit den breiten Brüsten wirklich
Ganz kugelförmig ist, vom Zirkel so bezirklich,
Die eine Seite neigt sich zum Zentralen Feuer,
Der Erde Angesicht im Atmosphären-Schleier,
Die Mutter Erde muss dann logisch aber, weil
Sie schön gerundet ist, ihr rundes Hinterteil
Abwenden von dem Licht, ich meine ihren Rücken,
Ob dieser auch von Gott gebildet zum Entzücken.
Was aber lehrt davon der Weisheit höchstes Gut?
Wie, was sich wendet nicht zu der Zentralen Glut
Und lässt sich von der Glut nicht hochzeitlich begatten,
Wie ist die Finsternis, die Jenseitswelt im Schatten?
PHILOLAOS
Die Gegenerde ists, die da im Schatten liegt,
Wo dunkle Todesnacht in Finsternis sich fügt.
Die Gegenerde ist das Reich der Antipoden,
Wo Schatten seufzen nur, die Zähne klappern Toten,
Dort klappert das Gebein in Mitternacht und Eis,
Das ist der Hades, das ist der Verfluchten Kreis.
PYTHAGORAS
Doch Astronomie ist das nun nicht, nein, das ist Mythe.
Doch bei Urania, der Himmels-Aphrodite,
Du wähle mein System: Harmonisch ist das All!
Ein Gott erschuf das All aus Schwingungen von Schall!
Die Himmel tönen schön von Tönen der Sirenen,
Dämonen singen schön und Geisterharfen tönen,
Das Universum schwingt in Himmelsharmonie,
Urania regiert durch schöne Sympathie!
Ich höre ihren Ton – ach, wenn’s so ewig bliebe! –
Schön schwingend herrscht im All die Königin der Liebe!

SECHSTE SZENE

(In dem Hause eines Demokraten. Pythagoras ist zu Gast. Sie trinken Wein aus Tarschisch.)

DEMOKRAT
Ich hab mein Leben lang nur für die Demokratie
Gekämpft in heißem Zorn! Was ist die Philosophie
Von Staat und Politik in deinem Denkergeiste?
Ob auch dein Denkergeist das Volk der Armen preiste?
PYTHAGORAS
In meiner Jugendzeit ich dachte an Homer,
Ich sah ihn sitzen blind und schauen auf das Meer,
Sah Aphrodite ihn anbeten hoch emphatisch,
Im Reich des Geistes schien er mir höchst aristokratisch,
Ein Fürst im Geisterreich, erhaben, königlich,
Von Gottes Gnaden er gesegnet sah sein Ich.
DEMOKRAT
Doch schau die Menge an, schau an das Volk der Armen,
Sie leben in der Not! Wie ist es zum Erbarmen,
Wie sie versinken tief in abgrundtiefer Not,
Wie täglich kämpfen sie um das gemeine Brot,
Sie haben keine Zeit für himmlische Visionen
Und pure Poesie von reinen Götterthronen!
Ums Überleben nur sie kämpfen mit Gewalt
Und ringen allezeit mit Sorgen mannigfalt,
Doch mancher aus dem Volk auch wäre ein Homeros
Und pries im Müßiggang auch gern den Herrscher Eros!
PYTHAGORAS
Der Dichter aber ist berufen von dem Gott!
Das Alle Dichter sind, das ist ein dummer Spott!
Von Gottes Gnaden ist der auserwählte Dichter,
Er ist ein Lieblingssohn des Vaters aller Lichter,
Ein Hoherpriester ist der heilige Poet,
Er ist ein Pontifex und trunkener Prophet,
Er opfert seinem Gott, der ihn erwählt aus Gnaden,
Dem Jove Xenius, der ihn zum Mahl geladen!
DEMOKRAT
Der Poesie Talent ist in dem Volk zerstreut,
Und wenn die Goldne Zeit sich wiederum erneut,
Wenn die Gerechtigkeit auf Erden wieder waltet
Und jeder Arme frei nach eignem Willen schaltet
Und wenn beseitigt ist gemeine Hungersnot,
Der Bauer allen gibt das allgemeine Brot,
Dann herrscht kein hoher Herr als schrecklicher Vernichter,
Volk ist kein Pöbel mehr, dann jeder ist ein Dichter!
THEANO
(eintretend)
Pythagoras, mein Mann, ich hab den Bienenstock
Im Garten aufgestellt – bei Kypris’ kurzem Rock! -
Ich will als Imkerin dem süßen Honig dienen
Und werden Dienerin der Königin der Bienen.
Nun komm nach Hause, Mann, in unsern Garten komm,
Die Bienenkönigin summt schon voll Liebe fromm.
PYTHAGORAS
(mit Theano aus dem Hause gehend)
Es sang einst ein Poet vom großen Reich der Bienen,
Wie fleißig Drohnen stark die Königin bedienen,
So Ritter der Armee, Soldaten der Armee
Dem König dienen stark. Ich aber schauend seh
Den Wabenhonig süß, den Wabenseim nicht bitter,
Ich seh die Königin, das alte Reich der Mütter!
Die Bienenkönigin in ihrem Reiche da
Ist Himmelskönigin im All, Urania!
THEANO
Ist keine Königin im Bienenstock vorhanden,
So wird das Bienenvolk doch darum nicht zuschanden,
Sie wählen aus dem Volk sich eine arme Magd
Und füttern sie mit Seim höchst fürstlich, wie man sagt,
Mit königlichem Seim sie dieser Biene dienen,
So wird sie groß und rund, wird Königin der Bienen!
PYTHAGORAS
Da hör ich wieder, pfui doch, von der Demokratie!
In Kroton hetzten einst die Demokraten, die
Volksprediger voll Hass, erhitzte Demagogen,
Drum bin ich aus der Stadt ja auch davon gezogen.
Sie peitschten auf die Schar des Pöbels in dem Land,
Verschworen gegen Gott sich listig, intrigant,
Und fingen Pöbelschar in Menschenfischernetzen
Durch Hasstiraden und durch lügenreiches Hetzen!
THEANO
Was in der Politik ist dein Gesicht, mein Mann?
Ich weiß, von Herzen hasst du eifrig den Tyrann!
PYTHAGORAS
Das Universum ist hierarchisch eingerichtet,
Der Gott der Götter herrscht, wie auch Homeros dichtet,
Der Gott der Götter herrscht, die Götter dienen ihm,
Dämonen dienen ihm und Geisterseraphim
Und Thron, Gewalt und Macht und Hirten ihrer Herde
Und Sonne, Mond und fünf Planeten und die Erde.
Der Schöpfung Krone ist der Mensch als Mann und Frau,
Die Tiere folgen dann im großen Weltenbau,
Dann Blume, Baum und Gras, zuletzt die toten Steine.
Gott ist der Herrscher Gott, das All ist die Gemeine.
So in der Welt der Fürst in reiner Monarchie
Soll herrschen frei und fromm. Die Völker alle, die
Des Weltmonarchen Volk, sie sollen ihm nicht schaden,
Sein Genius gelenkt wird ja von Gottes Gnaden.

SIEBENTE SZENE

(Pythagoras und seine Frau Theano in dem Garten. Der Knabe Thelauges spielt allein.)

THEANO
Was ist der Urbegriff, die heiligste Idee?
PYTHAGORAS
Weltregiment des Herrn, der Gottheit, die ich seh,
Vorsehung nenn ich sie, die Gottheit ist verschleiert.
Das Universum ist Musik, von Gott geleiert.
Die Sphärenharmonie, das Wesen der Natur,
Der Mensch als Mann und Frau und alle Kreatur,
Sie sind von Gott regiert, der große Weltenlenker
Ist aller Götter Gott, ihn ehre ich als Denker.
THEANO
Ist Gott der Schöpfer auch? Gibt es nur Eine Welt?
Und was, wenn einst vergeht das blaue Himmelszelt?
PYTHAGORAS
Gott schuf im Anbeginn die Zeit und alle Zeiten
Und schuf des Kosmos Raum und aller Welten Weiten.
Die Zeit jedoch als Kreis ist Teil der Ewigkeit,
Im Zyklus sich vollzieht die Ewigkeit der Zeit.
Und alles Werden ist ein Werden zum Vergehen
Und das Vergehen wird zum neuen Auferstehen.
Und was geboren wird, geboren wird zum Tod,
Und nach des Todes Nacht kommt neu ein Morgenrot.
Der Kosmos ist im Lenz geschaffen von dem Schöpfer,
Die Ur-Materia nahm Gott sich als ein Töpfer
Und schuf des Kosmos Form. Dann kam die Sommerzeit,
Die Welt war Paradies. Die Lust will Ewigkeit!
Dann kam die Große Flut, es kam mit seinen herben
Und süßen Früchten Herbst: Die Menschen müssen sterben.
Der Winter kommt zuletzt: Des Universums Tod!
Gott aber ruft herauf die Göttin Morgenrot,
Das Universum wird erneut im Lenz geschaffen,
Erneut zum Menschen wird entwickeln aus den Affen
Natur sich mütterlich, erneut ein Paradies
Der goldnen Zeit der Welt wird wie ein Sommer süß
Beglücken alle Welt, bis alle reifen Früchte
Einsammelt ernst der Herbst, der Winter dann vernichte
Das All erneut, der Tod beschließt den Kreis der Zeit.
So immer für und für in alle Ewigkeit!
Die Ewigkeit der Zeit im Zyklus ist gegeben
Und so bleibt ewiglich des Universums Leben.
THEANO
Des Mensachen Seelen nun – sag in Begeisterung
Von Psyches Ewigkeit und Seelenwanderung!
PYTHAGORAS
Von Anbeginn der Welt der Urmensch ist geschaffen
Als Gottes Ebenbild (nicht ähnlich einem Affen),
Der Gottheit ähnlich mehr, der Urmensch war beseelt,
Den Menschen Gottes nicht der Hauch der Seele fehlt,
Der Urmensch aber voll der Summe aller Seelen,
Der Menschen große Zahl sich ihre Seelen wählen,
Die ganz bestimmte Zahl der Menschenseelen trat
Ins Universum ein, das große Weltenrad.
Ich kenne ihres Zahl, sind sechzig Myriaden
An Menschenseelen in der Welt von Gottes Gnaden.
Die Seele schaute Gott präexistent und kam
Und inkarnierte sich in eines Weibes Scham
Und geht den Lebensweg, die Torheit ihrer Jugend
Zur Altersweisheit wird in Frömmigkeit und Tugend.
Wer aber weiter noch auf Erden lernen muss,
Verkörpert sich erneut, es kommt der Genius
Erneut in diese Welt, geboren von dem Weibe,
Es lebt der Genius erneut in einem Leibe.
THEANO
Ich denke doch, es sprach zu meinem Geist der Gott,
Ob andre Männer auch drob treiben ihren Spott,
Ich soll nicht essen Fleisch, nicht essen mehr vom Fleische,
Auch trinken keinen Wein, das Wasser nur, das keusche,
Und Drogen nehmen nicht und meiden alles Gift,
So Gottes Wort mein Ohr mit süßem Flüstern trifft.
PYTHAGORAS
Nichts vom Lebendigen sei eines Menschen Speise,
Und keusch die Speise sei, denn das allein ist weise,
Auch will ich nicht, dass Gott von Menschen dargebracht
Schlachtopfer wird von Fleisch in einer großen Schlacht,
Wir opfern nur vom Brot, Demeters Brot alleine,
Dionysos den Wein, wir opfern von dem Weine.
THEANO
Mein Mann Pythagoras, warum du aber nicht
Die Bohnen essen willst, warum wird uns zur Pflicht,
Das wir der Bohnen Mahl vermeiden? Was sind Bohnen?
PYTHAGORAS
Die Mütter, Mütter sind’s, die in den Bohnen wohnen!
Jetzt aber, liebe Frau, wir schweigen beide stumm,
Denn Schweigen ehrt allein das Urmysterium.

ACHTE SZENE

(Pythagoras in seinem Garten. Er trinkt mit Philolaos Wein aus Syrien. Theano trinkt von der
Schwester keusches Wasser. Abend im Frühling.)

PYTHAGORAS
Die Koinonia preis ich meiner lieben Schüler.
Theano, liebe Frau, der Abend wird schon kühler.
Doch, Philolaos, Freund, ich preis den Freundschaftsbund,
Nun schweige ich nicht mehr, nun mystisch meinen Mund
Ich öffne zum Gesang, ich preise die Gemeinschaft
Der Göttin Philia, der Koinonia Freundschaft!
PHILOLAOS
Wir waren alle eins in unserm Freundschaftsbund
Und jeder Jünger hing an unsers Meisters Mund,
Du unser Meister, o Pythagoras, und Lehrer,
Wir deine Jünger all und gläubigen Verehrer,
Wir schwiegen mystisch stets und blieben heilig stumm,
Wenn du uns offenbart das Urmysterium.
Doch waren alle wir, von Genien erkoren,
Auch freie Denker selbst, selbstdenkende Doktoren,
Und jeder hatte Geist, des Intellektes Kraft,
Ergründete Natur im Fleiß der Wissenschaft.
So trunken wir auch oft von Mystik ganz ekstatisch,
Doch auch die Wissenschaft wir trieben mathematisch,
Wir lehrten Tugenden und heilige Moral
Und die Geheimnisse der Gottheit ideal,
Ganz idealistisch und zutiefst moralisch,
Wir priesen Gottes All, den Schöpfer musikalisch!
THEANO
Pythagoras, ich seh als Seherin voraus,
Nach deinem Tode wird gespalten sein dies Haus
Der Weisheit deines Wegs. Entstehen werden Sekten.
Die einen gehn den Weg der heilig unbefleckten
Allweisheitsmystik von dem Urmysterium:
Der Meister hats gesagt, wir aber folgen stumm!
Der Überlieferung sie folgen esoterisch.
Die andre Seite wird vernünftig exoterisch
Vertrauen auf die Schrift und ihres Denkens Kraft
Und gehen denkerisch den Weg der Wissenschaft.
Die eine Sekte schwebt im Himmel mystisch brünftig,
Die andre Sekte steht auf Erden ganz vernünftig.
Pythagoras, doch du allein hast dies vereint,
Du warst allein der Mann, wie deiner Gattin scheint,
Der beides hat vereint, Verstand und Gottesglauben,
Vernunft und Religion. Ich lass mir Gott nicht rauben!
Der Esoterik Weg ich gehe ohne Spott,
Allweisheit suche ich, Mysterium ist Gott!
PYTHAGORAS
Wie es bei Scheidenden am Lebensabend Mode,
Ich sing mein Testament in einer schönen Ode.
Die Muse inspiriert den Odensänger ja,
Die Ode singe ich der Göttin Philia.

Ode an die Göttin Freundschaft

Alle sind befreundet allen,


Alle werden Gott gefallen,
Freundschaft gründet die Gemeinde,
Alle sind wir Gottes Freunde!
Alle von der Freundschaft reden,
Gottes Freundschaft anzubeten!
Jeder dient der unbefleckten
Göttin Freundschaft, alle Sekten,
Weisheitslehren, Religionen,
Brüderlich zusammenwohnen,
Pharisäer und Philister,
Alle Menschen sind Geschwister,
Alle Denkenden vernünftig
Für die Göttin Freundschaft brünftig
In der Freundschaft auserkoren
Sich verbrüdern mit den Toren.
Freundschaft führen Geistnaturen
Mit den niedern Kreaturen.
Freundschaft stiftet die Gemeine,
Herzen sind nicht mehr wie Steine,
Freundschaft lebt im Heiligtume
Zwischen Schmetterling und Blume,
Freundschaft breitet goldne Netze
Auf moralische Gesetze,
Göttin Freundschaft nur zum Ruhme
Dienen in dem Bürgertume
Alle Menschen ohne Tadel,
Göttin Freundschaft dient der Adel,
Freundschaft in der goldnen Wolke
Waltet über jedem Volke,
Freundschaft segnet mit der Lilie
All die menschliche Familie,
Freundschaft stiften wird hienieden
Allgemeinen Völkerfrieden!
Freundschaft preisen die Verfechter,
Freundschaft einigt die Geschlechter,
Freundschaft einigt unbeschreiblich
Ewigmännlich, ewigweiblich,
Freundschaft zwischen Griechen, Indern,
Freundschaft zwischen allen Kindern,
Freundschaft zwischen Männern, Weibern,
Zwischen Seelen und den Leibern,
Jedes Ich sich selbst befreundet,
Keiner seinem Leib verfeindet,
Freundschaft gründet immer wieder
Harmonie der Leibesglieder,
Freundschaftssegen wird verliehen
Elementen, Energieen,
Freundschaft einigt alles – Liebe
Mit dem göttlichsten der Triebe!

NEUNTE SZENE

(Pythagoras auf seinem Sterbebett. Einzig bei ihm Theano, seine Hand haltend.)

PYTHAGORAS
Von meiner Lehre lernt Siziliens Philosoph,
Ein frommer Diener an der Göttin Freundschaft Hof.
Der Freier der Idee, der Tänzer der Ideen
Wird meine Weisheit auch im Innersten verstehen.
Der Abderite auch betrachtet meinen Weg.
Und meine Weisheit wird in Wundertätern reg,
In großen Magiern, in einem großen Seher,
Verehren wird man ihn, den Neupythagoräer.
Und Seher der Ideen begründen Religion
Auf meiner Weisheit Schau vom höchsten Götterthron.
Ah, Römer sehe ich, den großen Vater Äther
Und seinen Gottessohn lobpreisen diese Väter
Und überwinden stark des Lügengeistes Gift
Und folgen fromm und treu der Tradition und Schrift.
Den Vater sehe ich, den Freund des Gottessohnes,
Der wird mich ehren auch trotz Spottes und trotz Hohnes,
Weil ich Unsterblichkeit der Seele hab gelehrt
Und die Unsterblichkeit der Seele tief verehrt,
Nur schmähen wird er streng mit scharfen Schlangenzungen
Die Reinkarnation und Seelenwanderungen.
Mich ehren wird ein Mann, ein frommer Philosoph,
Der als Gefangner an der Göttin Weisheit Hof
Glückseligkeit allein mit letztem Todesmute
Als Höchstes Gut verehrt, die Gottheit nennt die Gute.
Es wird auch ein Poet mit seiner Muse nett
Mich feiern mit dem Vers im liebenden Sonett.
Ha, unser Griechenland wird einmal neugeboren,
Italien ist dazu vom Geiste auserkoren!
Ein Philosoph wird da die Weisheit Griechenlands
Vereinen Gottes Sohn im höchsten Lorbeerkranz
Der liebenden Passion, und dieser fromme Seher
Pythagoras versteht als Neupythagoräer.
Hyperboräer selbst wird weise ein Barbar
Mich ehren in dem Geist, in geistiger Gefahr
Ruft er die Weisheit an und eint im Schönen-Guten
Die Weisheit Griechenlands der Religion der Juden.
Auch meine Wissenschaft verehrt einst ein Barbar,
Wie Astronom ich auch und frommer Beter war,
Wird dieser Astronom mein Lebenswerk versöhnen
Mit seines Gottes Schrift, er hört die Himmel tönen,
Er wird im Glauben und in seiner Astronomie
Vereinen Gottes Wort der Sphärenharmonie.
Die Dichter sehe ich, die Priester der Kamönen,
Die Himmelsharmonie vernehmen sie, das Tönen
Und der Sirenen Sang, verlockenden Gesang,
Der Engel Lobpreis und des Gotteswortes Klang.
Pythagoras trug einst Apollons goldnen Schenkel,
Apollon dienen auch Apollons Dichter-Enkel
Und hören Engel in den Himmeln singen ihm,
Dem Allerhöchsten, voll von Brunst die Seraphim,
Der Götterthrone Chor die Dichter ihrer Schönen
Vernehmen und das All in wundervollen Tönen.
Und einst die Wissenschaft und kosmische Physik
Spricht meinen Glaubenssatz: Das All ist aus Musik!
THEANO
Geliebter! Stirbst du nun? Ich sehe deinen Genius
Schon auf dem Morgenstern! Dort wartet Göttin Venus
Schon unterm Lebensbaum im Himmelsparadies!
Die Haare lang und schwarz! Die Lippe lächelnd süß!
Der Augen Mandelform grün blitzend voll von Lüsten!
Ich sehe weiß und nackt das Zwillingspaar von Brüsten!
Das Delta seh ich schwarz der unbefleckten Scham!
Die Göttin Venus ruft: Jetzt komm, mein Bräutigam!
GENIUS
(Erscheinend mit einem Becher Wein)
Pythagoras, dein Kelch, Pythagoras, dein Becher!
Des Allerhöchsten Zorn trink aus als trunkner Zecher!
Des Gotteszornes Wein ist wie das Blut so rot!
Betrink dich in der Nacht! Jetzt kommt zu dir der Tod!
Den Becher sauge aus und lecke noch die Scherben!
Der Leidensbecher dies, denn siehe, du musst sterben!
Den Becher lecke leer und gib mir den Bescheid,
Betrunken nicht vom Wein, betrunken von dem Leid!
In diesen Becher will ich meine Liebe flößen –
Die tödliche Passion wird deinen Geist erlösen...
(Pythagoras trinkt vom Becher und stirbt. Der Genius verschwindet mit der Psyche des
Unsterblichen im Jenseits.)THEANO
Durchwalle, Bräutigam, das Purgatorium –
Sink in der Liebe Schoß – Gott ist Mysterium!

APHRODITE IN FLAMMEN
ERSTE SZENE

(Homer allein in seinem Haus.)

HOMER
Nun bin ich fünfzig Jahre alt,
Der Tod naht mir mit Machtgewalt,
Doch wen die jungen Götter lieben,
So steht es in der Schrift geschrieben,
Den lassen sie auch jung versterben
Und das Elysium ererben.
Das Alter ist ein grauer Mann,
Er klopft ganz ungelegen an
Und stört mich in der schönen Muße
Und ruft zu Reue auf und Buße.
Nun, den Geburtstag soll ich feiern,
Soll stimmen meine goldnen Leiern
Und Hymnen singen für den Tag,
Da ich geboren ward. Ich mag
Es meiner Mutter gar nicht sagen,
Doch muß ich diesen Tag beklagen:
Weh, Mutter, dass du mich geboren,
Der in der blinden Welt verloren
Als Götterseher unter Blinden,
Um nichts als Jammernot zu finden!
Doch Aphrodite ist gesellig,
Sie feiert mich. Doch unterschwellig
Sie feiert selber sich und will,
Daß ich nicht einsam bin und still,
Daß ich bereite in dem Neste
Die Fröhlichkeit von einem Feste.
Daß Aphrodite auf der Szene
Nicht einsam ist, kommt auch Athene,
Der Aphrodite Busenfreundin
Und meine schlimmste Minnefeindin.
Der fromme Dichter soll nicht lästern,
Die beiden schönen Himmelsschwestern
Schon zwanzig Jahre mich ergötzen.
Sie fingen an als junge Metzen,
Nun sind sie fromme alte Nonnen
Und keusch wie heilige Madonnen.
Doch Aphrodite eifersüchtig
Betrachtet, wenn Athene züchtig
Mich reißt zu Leidenschaften hin,
Der klug ich wie Odysseus bin
Und bet zum Strahlenaug Athene
Und weine Träne über Träne
Vor Liebessehnsucht jede Nacht.
Doch Aphrodite gerne lacht.
Jetzt aber sag ich ein Geheimnis,
Jetzt ohne weiteres Versäumnis
Erwart ich das Geburtstagsfest,
Weil sich was Neues sehen lässt.
Das Neue aber ist das Alte.
In meiner Jugend in dem Walde,
Da liebte ich das keusche Reh,
Die Hindin, die so weiß wie Schnee,
Mondgöttin in der Finsternis,
Die Jugendliebe Artemis!
Und Artemis schrieb einen Brief
Mit Liebesworten schön und tief,
Sie wolle wieder mich besuchen
Und mit mir kosten Feigenkuchen
Und über alte Zeiten plaudern.
Ihr Musen, mich befällt ein Schaudern!
Wenn Artemis tritt auf die Szene,
Vergleichen will ich sie Athene.
In meiner Kammer stillem Saal
Schau meiner Jugend Ideal
Beim Ideale meines Alters
Ich sitzen. Saiten meines Psalters,
Wen werdet ihr dann rühmen, loben?
Wem werden meine Sinne toben?
Ach, Artemis in ihrer Jugend
War Jungfraungöttin voller Tugend,
Und Aphrodite an der Küste
Wild schüttelte die großen Brüste,
Athene aber in Hesperien
Mich unterwies in den Mysterien.
Drei Göttinnen, o welche Pein,
Sie sollten alle Eine sein!
Wie Artemis sie sollte schreiten
Und keusch wie eine Hindin gleiten,
Wie Aphrodite sollt sie lachen
Und lauter liebe Sachen machen
Und sollte wie Athene reden
Nur von Elysium und Eden.
Ich bin ganz aufgeregt, ihr Musen,
Ich bräuchte Aphrodites Busen,
Den völlig aufgewühlten Willen
An Aphrodites Brust zu stillen!
Daß nach der Todesfinsternis
Ich wieder sehn soll Artemis!
Jedoch, es klingelt an dem Tor,
Die Aphrodite steht davor,
Die Göttin mit dem schönen Hintern,
Sie kommt mit ihren lieben Kindern.

ZWEITE SZENE

(Homer, die fünfzigjährige Aphrodite, mit ihrem Sohn, dem zehnjährigen Apoll,
und den sechsjährigen Zwillingen Eros und Anteros. Eros und Anteros treten fröhlich lärmend in
Homeros Eremitenzelle.)

APHRODITE
Viel Liebeswonne und viel Segen,
Mein Schatz, auf allen deinen Wegen!
HOMER
Was schenkst du mir zum Jammertag?
APHRODITE
Was du dir wünschst, mein Liebling, sag!
HOMER
O, einmal möcht ich dich noch küssen!
Wie schwer, die Küsse zu vermissen!
APHRODITE
Hier auf die weiche Pfirsichwange
Bei meiner braunen Lockenschlange?
HOMER
Nein, Aphrodite, auf die Lippen!
Und nicht nur so am Mündchen nippen!
Nein, heiße Küsse sollen taugen,
Den Saft mir aus dem Mark zu saugen!
(Aphrodite küsst Homeros.)
APHRODITE
Nun, meine vielgeliebten Kinder,
Homeros ist ein Überwinder,
Er war im weltlichen Theater
Euch wie ein lieber Herzensvater!
Kommt, fasst euch an den Patschehändchen,
Bringt Väterchen Homer ein Ständchen!
DIE KINDER
(singen)
Wie schön, dass du geboren bist,
Wir hätten dich sonst sehr vermisst!
APOLL
Homer, die vielen Bücher da
Hast du gelesen, Vater, ja?
HOMER
Hab viele Bücher schon gehabt
Von schlechten Dichtern unbegabt
Und auch von trefflichen Poeten,
Von Musenpriestern und Propheten!
Wenn ich sie alle heut noch hätte,
Sie reichten mir zu meinem Bette,
Ich fände dann in meinem Stübchen
Doch keinen Platz mehr für ein Liebchen!
EROS
Wann darf ich wieder bei dir schlafen?
Mein Schiff will in den Heimathafen!
Man nennt mich Schelm und Schalk und Bube,
Wohl ist mir nur in deiner Stube!
APOLL
Ja, in der Stube ungelüftet
Es stets nach Süßigkeiten düftet!
ANTEROS
Was machst du mit den vielen Flaschen?
Hast du was Leckeres zu naschen?
HOMER
Für Aphrodite Feigenkuchen
Und auch noch zwei Rosinenkuchen.
APHORODITE
Ein Feigenkuchen, welche Lust!
Wie hüpft das Herz mir in der Brust!
Und zwei Rosinenkuchen auch!
Ein Falter flattert mir im Bauch!
APOLL
Komm, Eros, zu der Spielzeugkiste!
EROS
Erst, wenn mich mein Homeros küsste!
APOLL
Anteros, komm, wir wollen spielen,
Hier in der Spielzeugkiste wühlen.
EROS
Ich bin der süße Knabe Eros
Und du mein Väterchen Homeros,
Ich will auf deinem Schoße sitzen,
Mit Blicken dir ins Auge blitzen,
Die Arme schlingen um den Hals
Und küssen will ich jedenfalls
Mit meinen Lippen deine Lippen
Und dann am Apfelnektar nippen.
APHRODITE
Mein Kind, so wahr lebt Jesus Christ,
Du weißt, dass du der Liebling bist
Und dass das Väterchen Homeros
Verliebt ist närrisch in den Eros!
Doch hab Erbarmen mit der Mutter,
Mein Busen ist so weiß wie Butter,
Ich wurde wegen meinem Busen
Auch eine von Homeros Musen,
Als ich noch war die Lustig-Junge!
HOMER
Ja, Schatz, und wegen deiner Zunge!
APHRODITE
Wie, wegen meinem dummen Schwatzen,
Wie, oder wegen meinem Schmatzen?
HOMER
Wie deine Zunge mich liebkost!
Erinnerungen sind mein Trost!
(Es klingelt an der Tür.)

DRITTE SZENE

(Homer, Aphrodite und ihre Kinder, die fünfzigjährige Athene tritt ein.)

ATHENE
Homer, mein Freund, ich wünsch dir Glück!
HOMER
Zum Ungeborensein zurück?
ATHENE
Das Glück steht erst am Ziele, sieh,
Die Ewige Eudämonie
Erwartet dich! Doch überleg:
Das Glück ist dienlich nicht als Weg.
APHRODITE
Suchst das Geheimnis du des Glücks?
Such eine Freundin dir am Styx...
ATHENE
Ach Aphrodite, Busenfreundin,
Du meine schlimmste Herzensfeindin,
Tyrannin aller Himmelsgötter,
Heut hoffentlich ist schönes Wetter,
Ich will spazieren noch durchs Feldchen
Zum stillen schönen Eichenwäldchen.
APHRODITE
Was willst denn du im Walde suchen?
Hier wartet dein der Feigenkuchen!
ATHENE
O, Kuchen! Wie im Paradies!
Die Feige ist doch honigsüß!
APHRODITE
Und schau, Homer, der alte Knilch,
Hat einen Krug voll Ziegenmilch.
ATHENE
Er nennt uns beide: alte Zicken
Und sehnt sich schon nach jungen Ricken!
APHRODITE
Ob alte Zicken, junge Ricken,
Die Männer wollen immer ficken!
HOMER
In meiner Jugend ein Gedicht
Las ich dir vor, da reimt ich schlicht
Der Glocke baumelndes Gebimmel
Auf Gottes Heiterkeit im Himmel.
APHRODITE
Ich reimte: Himmel und Gebimmel,
Ich weiß, Homer, das reimt auf Pimmel.
ATHENE
Er nennt uns auch schon: alte Huren!
Doch wir sind Göttliche Naturen!
Wenn wir uns selber so verachten
Und uns als Tempelhuren achten,
Sind selbst wir an der Schande schuld.
Doch pflegen wir den Ego-Kult
Und lieben selber uns am meisten,
Dann wird uns unser Selbst begeisten,
Dann sind wir Göttinnen im All.
HOMER
Ja, ich bin deine Nachtigall,
Athene, du bist Gottes Rose!
APHRODITE
Und heut kommt auch die Makellose,
Die Jungfraungöttin voller Tugend,
Die Vielgeliebte deiner Jugend,
Die alte Dame Artemis?
HOMER
Sie stürzte mich in Finsternis,
Mein Herzblut sprudelte blutrot,
Da griff nach mir schon Bruder Tod!
ATHENE
O Aphrodite, Stern der Schwestern,
Laß über Artemis uns lästern!
Hast du gesehen je ihr Bild?
Sie lebt ja scheu im Wald und wild.
APHRODITE
Ich sah ihr Bildnis von Apelles,
Das Augenpaar ein mondweiß helles,
Doch, bei dem Mittler und Versöhner,
Ich bin doch wirklich vielmals schöner!
Der Artemis Gesicht ist spitz,
Die Brust kein hüpfend Zwillingskitz,
Die krausen Locken dunkelblond,
Das Antlitz bleich und nicht besonnt.
ATHENE
Homeros, Aphrodites Ex,
Er hatte damals keinen Sex
Mit Artemis in seiner Jugend,
Drum preist er sie als Stern der Tugend.
HOMER
Athene, meine Weisheitsgöttin,
Mein Ideal, ersehnte Gattin!
Schon zwanzig Jahre lieb ich dich
Und widme deinem Dienst mein Ich,
Doch hab ich oftmals mich gesehnt
Und vor Verlangen heiß gestöhnt,
Daß ich dich sehe, neben dir
Frau Artemis in ihrer Zier,
Und dann euch beiden Gnadenreichen
Wollt prüfen ich und streng vergleichen.
APHRODITE
Du betest diese beiden an?
Ich aber liebe dich, mein Mann!
(Es klingelt an der Tür.)

VIERTE SZENE

(Zu den Vorigen, Artemis tritt ein.)

ARTEMIS
Homer, so lange nicht gesehn
Seit unsrer tollen Jugend schön,
Und doch erkennen wir uns wieder!
Und singst du heut noch deine Lieder?
HOMER
Vorstellen will ich dir die Schwestern,
Die Vögelinnen in den Nestern.
Dort die, um die ich mich bemühte,
Die Liebesgöttin Aphrodite,
Und dort die Quelle mancher Träne,
Die Weisheitskönigin Athene.
APHRODITE
Du also bist die Artemis?
O, bei der Höllenfinsternis,
Weißt du denn auch, dass mich verließ
Homeros in dem Paradies,
In allen Lüsten unsrer Jugend,
Weil er begehrte deine Tugend?
ARTEMIS
Ja, ja, wir waren jung und rein,
Ich aber lud ihn niemals ein,
Er wählte mich zur Auserkornen,
Doch war ich stachlig wie die Dornen,
Er konnte lispeln, lallen, fisteln,
Ich glich den Nesseln und den Disteln,
Homeros aber kennt kein Nein,
Da machte er mir manche Pein,
Da stand er immer vorm Balkon
Bei dem Kastanienpavillon
Und sang dort immer zur Gitarre:
O Artemis, ich harre, harre,
Ich harre bis zu meinem Tod
Und in der letzten Todesnot
Und selber nach dem Tode doch
Lieb ich dich trotzdem immer noch!
So sang der närrische Homeros.
APHRODITE
Worüber lachst du, lieber Eros?
EROS
Ach, diese spitze Hakennase
Der Dame Artemis! Ich rase!
Und diese schmalen, dünnen Lippen,
Die immer schwarzen Tee nur nippen!
ARTEMIS
Homer, woher kommt dieser Bube,
Ja, all die Kinder in der Stube?
HOMER
Ich habe selber keine Kinder,
Doch alle Griechen, alle Inder,
Das ganze irdische Theater
Lieb ich als herzensguter Vater.
Und, Artemis, bist du auch Mutter?
War je dein Busen voll von Butter?
ARTEMIS
Was weißt du denn von meinen Brüsten?
HOMER
Im Bade einst mich tats gelüsten,
Du warst im Badezimmer nackt,
Ganz ein Modell für einen Akt.
ARTEMIS
Wer sollte je mich nackend finden,
Den reih ich in die Schar der Blinden.
APHRODITE
Was tust du dich so züchtig zieren,
Willst du denn keinen Mann verführen?
ARTEMIS
Ach, diese arroganten Männer,
Die einen spielen Alleskönner,
Die andern spielen Müßiggänger
Und Taugenichts und Grillenfänger!
Nein, lieber bleibe ich allein,
Ich bin noch Jungfrau keusch und rein,
Bin selbstbestimmt, ein freies Weib,
Mir ganz allein gehört mein Leib,
Mir ganz allein gehört mein Bauch!
HOMER
Ist alles nichts als eitler Hauch!
Im Alter bist du noch ein Mädchen,
Im Lockenhaar schon Silberfädchen,
Du alte Jungfer Trockenpflaume!
Dich sah ich einst in meinem Traume
Und hielt dich für die Maid Maria
Und für die Hagia Sophia?
APOLL
Komm, lass uns lieber Karten spielen!
Hier die Zentaurenkrieger zielen!
ANTEROS
Ich geb dir dafür Amazonen,
Auch Drachentöter und Äonen!
Laß mich in deine Karten schauen!
EROS
Ich hab drei Kleine Meerjungfrauen!

FÜNFTE SZENE

(Wäldchen vor Homeros Hütte. Artemis und Athene gehen zusammen spazieren.)

ATHENE
Ich hielt es nicht mehr länger aus
In diesem muffig-dumpfen Haus,
Den Besen hat er nie benutzt,
Nie Staub von Büchern abgeputzt.
ARTEMIS
So war er schon in seiner Jugend,
Die Reinheit ist nicht seine Tugend.
ATHENE
Wie war er in der Jugend denn?
Erzähl mir von dem Liebenden!
ARTEMIS
Er betete zu mir, als wäre
Ich Gott! Das ist zuviel der Ehre!
Ich sprach in meinem weißen Rock:
Ich aber habe keinen Bock
Auf deine Leidenschaft der Triebe
Und deine religiöse Liebe!
ATHENE
Hat er dich da in Ruh gelassen?
ARTEMIS
Denk ich daran, muß ich ihn hassen!
Er lagerte vor meiner Türe,
Er streckte tierisch alle Viere
Und bettelnd wie ein Straßenhund
Er schrie: Ich bin am Herzen wund!
O Retterin, du musst mich heilen!
Komm, Vielgeliebte, lass uns eilen!
Wir sind doch schon seit Millionen
Von überhimmlischen Äonen
Zu einem Liebespaar bestimmt!
ATHENE
O, wie mir meine Seele grimmt!
Da werd ich armes Weibchen männlich,
Entzündlich und im Zorne brennlich,
Weil seines Mundes übler Hauch
Zu mir das Gleiche sagte auch!
ARTEMIS
Er predigte auch dir wie Pfaffen,
Du seiest nur für ihn erschaffen?
ATHENE
Bevor die Mutter ihn empfangen,
Wir wären schon vor Gott gegangen
Als Eheleute Hand in Hand,
Vereinigt im Ideenland!
ARTEMIS
Da siehst du seine ganze Narrheit!
Es ist doch wahrlich Gottes Wahrheit
Getreuer als der weise Plato
Und als der Advocate Cato.
ATHENE
Das sind nun meine lieben Leute.
Doch frag ich mich, was das bedeute,
Daß unser Narr noch nach dem Tod
Will schenken mir die Rose rot
Und in Elysium mich freien,
Im Himmel würde ich mich weihen
Schlussendlich seinem Durst der Triebe
Und stillen ihn mit meiner Liebe!
ARTEMIS
Das sagte er ja auch zu mir:
O Jungfrau voll der Zierrat Zier,
Ich lieb dich bis zur Todesstunde
Und schwöre dir mit heißem Munde,
Ich lieb dich nach dem Tode noch
Als Engel in dem Himmel doch!
ATHENE
Wie er in trunkener Ekstase
Nur immer lallt die gleiche Phrase!
ARTEMIS
Ich aber zornig sagte ihm:
Du Schwärmer! Du liebst zu sublim
Ja nur die Himmlische Idee!
In deinem blauen Auge seh
Ich die Ikone der Maria,
Den Glanz der Hagia Sophia!
Doch ich bin aus der Welt der Schatten,
Ich will mich einem Schatten gatten!
Du aber liebe immer wilder
Ideen, Ideale, Bilder!
ATHENE
Er hat es selber mir gestanden,
Als er war in der Liebe Banden:
Ich liebe niemals eine Frau,
Allein der Ideale Schau,
Wenn über einem Weib ich seh
Den Glanz der Himmlischen Idee!
Die Himmelskönigin Madonne
Allein ist meine Liebeswonne!
ARTEMIS
Er liegt gewiss grad jetzt zu Füßen
Der Aphrodite, um der Süßen
Den selben Unsinn zu erzählen
Von ihren parallelen Seelen!
ATHENE
Wie leid tut mir Urania!
ARTEMIS
Der arme Dichter! Ha, ha, ha!

SECHSTE SZENE

(Homer und Aphrodite allein in der Kammer.)

HOMER
Die Kinder spielen draußen schön!
Ach Aphrodite! Hör, ich stöhn:
Wenn ich doch noch ein Kindlein wäre
Und mein Großmütterchen voll Ehre
Mich wieder in die Arme nähme!
APHRODITE
Vor Aphrodite dich nicht schäme
Der Trauer schwachen Augenblicke.
Schau, wie ich lächelnd gnädig nicke!
HOMER
Apoll sprach gestern ein Gedicht.
APHRODITE
Sag, wie mein Sohn in Reimen spricht!
HOMER
(zitiert)
Von Blut zu Blut die Todesleiden
Wild wühlen in den Eingeweiden!
APHRODITE
Das spricht dir ganz aus deinem Herzen,
Nicht wahr, du Mann der Liebesschmerzen?
Wie schön du mit den Kindern spielst
Und auch mit ihrem Kummer fühlst,
In diesem tragischen Theater
Des Jammertals ein lieber Vater.
Weißt du, mein Ehemann Vulkan
Sah dich nur immer neidisch an,
Er klagte seiner Mutter das,
Der Göttin Juno. Weißt du, was
Die Göttin Juno da gesagt?
Ich höre, wie Vulkanos klagt,
Homeros sei sein Überwinder,
Homeros sei der Gott der Kinder!
Apoll, Anteros und der Eros
Sind doch gezeugt von dem Homeros,
Und dem Vulkan, dem Sohn, dem lieben,
Du tatest sie dann unterschieben!
So sprach die Göttin Juno. Ha,
Homer, das sagt Urania:
Ich liebe dich mit ganzem Triebe
Für deine treue Kinderliebe!
Und dafür will ich dich belohnen,
Erlaube dir, mir beizuwohnen!
HOMER
Was sagt dazu dein Ehegatte,
Der Satansbraten, diese Ratte?
APHRODITE
Wir leben ja in Griechenland,
Hier schrieb kein Gott mit seiner Hand
Auf Felsentafeln seinen Fluch,
Ich Göttin lieb den Ehebruch,
Im Goldenen Äone wars,
Als ich Vulkan betrog mit Mars!
HOMER
Ja, weißt du noch, in unsrer Jugend,
Als wir noch töricht frei von Tugend,
Wie wir da in der Sommersonne
Genossen wilde Liebeswonne?
APHRODITE
Willst du dich wieder auf mir wälzen
Wie damals bei dem Klippenfelsen?
HOMER
Auch das war schön, doch denke ich,
Wie ich dereinst genossen dich
Süß unterm Blütenpavillon
Kastanienbaums auf dem Balkon.
APHRODITE
Ah, ich erlange die Erhellung,
Du meinst die wunderschöne Stellung,
Da Kopf und Füße man vertauscht?
HOMER
Oh, ich bin ganz von Lust berauscht!
APHRODITE
Nun zieh mir meine Kleider aus,
Wir sind ja ganz allein im Haus,
Wir wollen nach der Liebe Regeln
Wie Tauben-Eheleute vögeln!
HOMER
O du Modell für einen Akt,
Wie göttlichschön bist du doch nackt,
Du Liebe voller Liebeslüste,
Wie majestätisch deine Brüste!
APHRODITE
Du wirst mit deinem Lied mich krönen.
Den Apfel schenkst du mir, der Schönen?
HOMER
Den Apfel hast du auch verdient,
Weil du der Liebe gut gedient
Als Magd der Götter, Hierodule!
Die Magd der Götter meine Buhle!
Nun ich dich fleißig auch bediene,
O Göttin, meine Konkubine!
(Sie verschwinden im Schlafzimmer.)

SIEBENTE SZENE

(In Homeros Wohnzimmer. Die Kinder spielen. Aphrodite isst Feigenkuchen. Artemis und Athene
diskutieren. Homer beobachtet alles.)

ARTEMIS
Die Herren Männer halten sich
Fürs Ebenbild von Gottes Ich,
Als Erste in der Welt erschienen,
Daß alle Frauen ihnen dienen.
Wir sollen still sein und demütig
Und lieblich, zärtlich und sanftmütig,
Als ewig sanfte stille Weibchen
Erquicken sie mit unsern Leibchen,
Empfänglich stets, nur lauschen stille,
Was uns verkündet Männerwille
Und zu des Wortes Mannessamen
Als Mägde sagen Ja und Amen.
ATHENE
Der Urmensch war doch androgyn!
In meiner Weisheit sag ich kühn
Wie einst Aristophanes sprach,
Daß Gott das Urgeschöpf zerbrach,
Daß alles strebend jetzt erfleht
Erneut die Androgynität,
Daß Weiber männlich werden müssen
Und Männer wieder weiblich küssen.
Wenn männlich wird das Feminine
Und weiblich wird das Maskuline.
Der Urmensch, androgyner Zwitter,
Erscheint erneut. Doch das ist bitter
Für jene maskulinen Kerle,
Die suchen nur des Weibes Perle
Und sagen: Weiber, seid doch weiblich,
Seid ewigweiblich seelisch-leiblich,
Seid Töchter, Mädchen, werdet Mütter.
Die Kerle hassen dann den Zwitter,
Den Gott der Schöpfer einst zerbrach,
Sie wollen ihre Weibchen schwach
Und immer gütig, immer mild
Und schön wie ein Madonnenbild
Und starren allezeit hypnotisch
Auf Weibes Leibchen hoch erotisch.
ARTEMIS
Das alles ist doch patriarchalisch,
Der Anfang aber matriarchalisch
War Frauenherrschaft in der Welt.
Kein Herrgott sprach vom Himmelszelt,
Auf Erden war die Große Mutter,
Ein Paradies von Seim und Butter!
Der Großen Mutter Priesterinnen,
Das waren Jungfraunköniginnen.
Dort herrschten nicht die Hausfraunmütter,
Die Kindersorgen haben bitter,
Den Kindern geben Seim zu naschen,
Dann eilen Wäsche sie zu waschen,
Dann waschen sie die Kinderköpfe
Und putzen Pfannen dann und Töpfe,
Die Mütter voller Alltagssorgen
Regierten nicht am Weltenmorgen,
Vielmehr die femininen Nonnen,
Voll Geist jungfräuliche Madonnen,
Der Jungfraungöttin Priesterinnen,
Jungfräulich-reine Königinnen.
ATHENE
Kein väterlicher Geist vom Himmel
Dort ordnete das Weltgewimmel,
Kein Geist erzeugte dort die Formen,
Gott war nicht Geist und gab nicht Normen
Der patriarchalischen Ehe-Ethik
Und patriarchalischer Poetik,
Nein, an dem Anbeginn kein Vater
Die Welt erschuf, die Magna Mater
War Mater, war Materia,
Materia war immer da,
Materia im Anbeginn.
Ich Materialistin bin!
Materia gebar die Stoffe
Und wird gebären, wie ich hoffe,
Wenn diese Welt zugrunde geht,
Dann eine neue Welt entsteht,
So fort und fort in Ewigkeit.
Nicht linear zum Ziel die Zeit
Führt uns zum Himmel, wo wir strahlen,
Die Zeit bewegt sich in Spiralen,
Und nach der Patriarchen Krieg
Erneut erscheint der Mutter Sieg,
Da kommt die göttliche Asträa
Als Magna Mater Bona Dea
Und Frauenherrschaft bringt den Frieden,
Dann ist das Paradies hienieden.
ARTEMIS
Wir Jungfraun aber unbemannt,
Die Göttin haben wir erkannt.
ATHENE
Die Weisheit zeigt sich uns erkennlich,
Wenn wir als Weiber werden männlich,
Nicht lieblich-feminin, nein, bitter,
Voll Zank und Zürnen, starke Zwitter!
ARTEMIS
Ja, Weiber sollen zänkisch werden!
Dann kommt das Paradies auf Erden!

ACHTE SZENE

(Homer und Aphrodite sitzen Arm in Arm auf dem Sopha und flüstern. Die Kinder werden plötzlich
verdächtig still! Artemis und Athene verabschieden sich.)

ATHENE
Es war sehr schön bei dir, Homer,
Nun werde dir dein Herz nicht schwer,
Ergib dich keinen Liebesleiden,
Athene muß jetzt von dir scheiden.
ARTEMIS
Wie schön, dass wir uns wiedersahn,
Jetzt muß ich nach des Schicksals Plan
Von dannen gehn. Du sollst nicht fluchen
Und sollst mich auch nicht weiter suchen!
(Athene und Artemis ab.)
APHRODITE
Es ist mit einem Mal so stille!
Mein Freund, was wäre jetzt dein Wille?
HOMER
Geliebte, alles was wir müssen,
Das ist uns küssen, küssen, küssen.
Du liebes Weib, mit einem Wort:
Komm, treiben wir der Liebe Sport!
APHRODITE
Bei meinem hochverehrten Hintern:
Ich muß erst schauen nach den Kindern.
HOMER
Ich aber frag mich langsam auch:
Was machen sie? Hier riechts nach Rauch!
ANTEROS
Ach liebe Mutter, nicht mehr schwätzen!
Ich, Mama, will dir jetzt was petzen!
Der Eros machte Feuer an!
Das darf nur ein erwachsner Mann.
Er spielte mit dem Feuerzeug!
EROS
Anteros, halt den Schnabel, schweig!
HOMER
Ich glaube, meine Wohnung brennt!
Rasch, vielgeliebte Kinder, rennt!
APHRODITE
Homer, mit Macht von Überwindern
Sei du der Retter meinen Kindern!
Das Feuer, des Geprassels Prasser,
Ich will es löschen mit dem Wasser!
(Homer nimmt Eros auf den Arm, Anteros an die Hand und ruft Apoll zu, so eilen sie hinaus. Das
ganze Haus steht in Flammen.)
EROS
Homer, Homer, es ist zu spät!
Die Aphrodite untergeht!
APOLL
Wie hart schlägt Gottes Vaterhand!
Weh, Aphrodite ist verbrannt!
HOMER
Herr Jesus hat sie doch gerettet
Und sie im Paradies gebettet!
Da feiert Jesus Nazarenus
Die Hochzeit mit der Göttin Venus!
EROS
Ach, Aphrodite ohne Mängel,
Ist jetzt geworden unser Engel!
ANTEROS
Was soll jetzt aus uns Kindern werden
In diesem Jammertal der Erden?
HOMER
Ich bringe euch zu dem Zentauren!
Ihr Kinder sollt nicht länger trauren!
Seht, Chiron ist ein Pädagog,
Der Kinder nie gewaltsam bog,
Er macht den einen und den andern
Als Pädagog zu Alexandern,
So klug wie Aristoteles
Und so verliebt wie Sokrates
In Alkibiades gewesen,
Das können wir bei Platon lesen.
Ihr werdet auf Atlantis leben
Und über euch wird segnend schweben
Sankt Aphrodite ohne Mängel,
Fürsprecherin und Hüte-Engel,
Für immer sei euch Advocata
Sankt Aphrodite Immaculata!
EROS
(umschlingt den Hals von Homer und weint)
Ach Herzensväterchen Homeros,
Du liebstes Papachen von Eros,
Wie war die Zeit mit dir so schön!
HOMER
Wir werden uns nie wieder sehn!
Wie grausam, Gott, ist der Verlust!
Ich heul an Aphrodites Brust,
Mich tröste Aphrodites Busen!
Vor Kummer schweigen meine Musen!
Fort ist am Dasein alle Lust
Durch diesen grässlichen Verlust!
Wie soll es mit mir weitergehen?
APOLL
Wird Aphrodite auferstehen?
HOMER
Gott wird sie auferwecken, ja,
Die Selige Urania!

NEUNTE SZENE

(Gebirgsgegend, Hain von Ölbäumen, Eichen. Über einer Steineiche eine seltsame
Lichterscheinung. Homer staunt die Lichterscheinung an.)

HOMER
Die weißen Laken eines Bettes
Trägt dieses Weib, es ist ein nettes,
Ich sehe kein Gesicht voll Charme
Und seh am Leibe keinen Arm...
(Plötzlicher Windstoß rauscht in den Eichen.)
O Gott, du rauschst in diesem Wind!
Was bin ich armes Menschenkind,
Daß du dich meiner annimmst, Gott?
Ich bin nur Odem im Schamott!
(Plötzlich kommt ein junges Mädchen, sie ist wunderschön, wie das Modell eines Venusmalers.)
Wer bist du, wunderschönes Mädchen?
Du kommst woher, aus welchem Städtchen?
HELENA
Ich bin die Helena von Sparta,
Bin nicht Maria und nicht Martha,
Ich bin die junge Helena,
Die Nichte der Urania!
HOMER
Wie alt? Wie lang sind deine Haare?
HELENA
Ich zähl im Maien sechzehn Jahre.
Die braunen Haare reichen so
Mir beinah bis zu meinem Po.
HOMER
Bildhauer möchte ich sein, bei Amor,
Und hauen deinen Leib aus Marmor.
Ich wäre ein Praxiteles,
Dem zugeschaut einst Sokrates,
Wie er gemeißelt schön die Phryne
So aphrodisisch schön, der Kühne.
Ja, oder ich wär der Apelles,
Ich malte dann ein Bild, ein helles,
Wie Kypris steht auf einer Muschel
In ihrer Lockenflut Gewuschel.
HELENA
Wer bist du denn, bist du ein Maler?
Du bist ein alter Mann, ein kahler,
Ein alter Mann mit dickem Bauch
Und stinkend deines Mundes Hauch.
Ich aber, schön wie Stella Maris,
Ich lieb den schönen Jüngling Paris!
HOMER
Ob Matutina oder Maris,
O Stella, liebe nur den Paris,
Ich will dich ja auch nur bedichten.
Sonst gäb es ja auch nur Geschichten,
Wenn ich dich lieben wollte, Kind.
Du weißt doch, wie die Leute sind.
Ich schreib ein episches Gedicht,
Den Hymnus auf dein Angesicht.
HELENA
Homer, das ist zuviel der Ehre,
Das ist ja mehr als ich begehre.
Ich schon die Iliade seh
Und lese schon die Odyssee.
Doch zeig die Bücher, deinen Veda,
Nicht meiner strengen Mutter Leda!
HOMER
Die Königin ist fromm und züchtig.
HELENA
Sie ist auch rasend eifersüchtig,
Besonders, wenn ein trunkner Dichter
Preist ihrer Tochter Augenlichter
Und schwärmt für ihrer Tochter Charme
Und Reiz und Liebreiz – Gott erbarm! –
Dann wird die Luft für Leda stickig,
Dann wird sie zänkisch, wird sie zickig!
HOMER
Was sagt die Mutter Leda dann?
HELENA
Ja, ja, so ist der böse Mann,
Verrückt nach junger Mädchen Reiz,
Die Alten schlagen sie ans Kreuz,
Nie lieben sie die armen Alten,
Stets nur die Mädchen ohne Falten,
Wo nicht die Brüste welk und schlaff,
Wo Mädchenbrüste fest und straff!
HOMER
Ich mich doch ziemlich irren müsste,
Wenn nicht ganz himmlisch deine Brüste!
HELENA
Doch will ich nicht den Schleier lüpfen!
HOMER
Ich seh der Ricke Kitze hüpfen!
HELENA
Nun gut, du darfst mein Dichter sein,
Das darf nur wissen Gott allein!
HOMER
Urschönheit der Urgottheit, Heil!

TANNHÄUSER
ERSTER AKT

ERSTE SZENE

(Südfrankreich. Grotte mit Quelle. Umher Weinberge. In der Grotte auf einem breiten roten
Samtbett mit vielen Kissen die Venus und in ihren Armen Tannhäuser. Turteltauben gurren.)

VENUS
Wohin ist alle Welt? Verschwunden ist die Erde!
TANNHÄUSER
Und nicht als Hirte mehr ich weide meine Herde!
VENUS
Groß wie das Weltenall ist unsre Einsamkeit.
TANNHÄUSER
Doch diese Einsamkeit ist unsre Zweisamkeit.
VENUS
Wir liegen Arm in Arm, wir beiden Weltentrückten.
TANNHÄUSER
Mag reden alle Welt von Narren und Verrückten.
VENUS
Im All sind wir allein, Zweieinheit in dem All.
TANNHÄUSER
Im Rosenkelche ruht und trinkt die Nachtigall.
VENUS
Ich bade meinen Leib in Sonnenlicht und Mondschein.
TANNHÄUSER
Ich bade meinen Geist in deiner Lippen Rotwein.
VENUS
Hier schmäht uns keiner mehr für unsre Himmelslust.
TANNHÄUSER
Wie selig unbewusst ich ruh an deiner Brust!
VENUS
Die Götter stören nicht, hier schweigen selbst die Musen.
TANNHÄUSER
Ich trink der Liebe Milch aus deinem Taubenbusen.
VENUS
Hier lacht kein Philosoph und schmäht der Liebe Leib.
TANNHÄUSER
Der Mann vollkommen ist, vollkommen ist das Weib.
VENUS
Gedanken schweigen still, wir lächeln leise selig.
TANNHÄUSER
So still ist mein Gemüt, so heiter doch und fröhlich.
VENUS
Die Liebe ist allein die Seligmacherin.
TANNHÄUSER
Ich glaube, dass ich schon im Paradiese bin!
VENUS
Und mehr und immer mehr genieß ich deine Küsse.
TANNHÄUSER
Es ist Elysium voll trunkener Genüsse.
VENUS
Die Liebe ist wie Milch und Wabenhonig süß.
TANNHÄUSER
Dein lieber lichter Leib ist all mein Paradies!
VENUS
Die wir auf Erden schon wie Himmelsgeister leben...
TANNHÄUSER
Dein Busen fruchtbar ist und prall wie trunkne Reben!
VENUS
Im Weinberg ruhen wir, die Sonne lächelt mild.
TANNHÄUSER
Es ist Elysium dies selige Gefild.
VENUS
Mein lieber Leib sich hüllt in nichts als Licht der Sonne.
TANNHÄUSER
Dein Antlitz heiter schön ist meines Lebens Wonne.
VENUS
In meine Augen schau nur Einen Augenblick.
TANNHÄUSER
Ich seh den Ozean der Liebe voller Glück.
VENUS
Ah, diese Wonne wird in Ewigkeit nicht enden!
TANNHÄUSER
Aus deiner Augen Blau die lichten Blitze blenden!
VENUS
Mein Mann und mein Gemahl! Mein Liebling und mein Kind!
TANNHÄUSER
Geblendet, Göttliche, ich bin geblendet, blind!
Ich kann die Augen jetzt nicht mehr an Venus weiden,
Jetzt muß ich in die Welt und leiden, leiden, leiden!
Geblendet von dem Licht der Gottheit, deinem Glanz,
Ist um mich dunkle Nacht! Ich seh den Dornenkranz!
Nein, deine Schönheit kann man nicht in Marmor meißeln.
Ich aber dürste jetzt nach Schlägen, Peitschen, Geißeln!
Nicht schmecken darf ich jetzt mehr deines Leibes Brot.
Komm jetzt, Martyrium, komm, Sühneopfertod!
VENUS
Du gehst jetzt in die Welt, zu stillen dein Begehren
Nach Martern? Doch du wirst zu Venus wiederkehren!
(Tannhäuser wirft sich einen Purpurmantel um und verlässt die Grotte der Venus.)

ZWEITE SZENE

(Mittelalterliches Deutschland, also das Heilige Römische Reich Deutscher Nation. Um den Fluch
der Pestratten abzuwehren, ziehen Flagellanten in einer Buß-Prozession durch die kotigen Gossen.)

PRIESTER
O Herr, uns plagt der Tod, der Schwarze Tod, die Pest,
Der Roma deutsches Reich ward ganz zum Rattennest,
Wo Seuchen überall und böse Geister lungern,
Die Krankheit ist zum Tod, die Armen Gottes hungern,
Uns plagt die Teuerung, wir fürchten uns vorm Sieg
Des Antichristen, der uns überzieht mit Krieg.
FLAGELLANTEN
Maria, Königin uns Elenden und Armen,
Schenk uns dein Mutterherz voll herzlichem Erbarmen!
PRIESTER
Die Sünde klagt uns an, wir selber sind die Sünder,
Zu Huren gingen wir und schändeten die Kinder!
Zur Hure Babylon die Kirche wurde fast,
Der Papst in Avignon ist bei den Sündern Gast.
Wir, die wir ein Idol aus Felsenherzen meißeln,
Wir unsern armen Herrn und Heiland wieder geißeln,
Mit Peitschen peitschen wir den armen Gottessohn,
Indem wir frevelhaft begehn die Kommunion.
Des Krieges Opfer schrein mit schriller Stimme Gellen,
Die Mönche gleichen gar den Homosexuellen,
Wie Heiden leben wir und heißen Christen doch
Und gehen Belial und Beelzebul im Joch!
FLAGELLANTEN
Maria, Königin uns Elenden und Armen,
Schenk uns dein Mutterherz voll herzlichem Erbarmen!
PRIESTER
Doch Gottes Kelch ist voll, jetzt überfließt der Born
Des Grimmes Gottes, Gott schenkt Wein uns ein im Zorn,
Die bittre Hefe noch wir lecken, trunkne Zecher,
Wenn Gott zerschlägt den Kelch, zu Scherben schmeißt den Becher,
Der Donner donnert laut, Gottvaters Donnerstimm’
Zutiefst erschreckt die Welt, Gott zürnt in seinem Grimm!
FLAGELLANTEN
Maria, Königin uns Elenden und Armen,
Schenk uns dein Mutterherz voll herzlichem Erbarmen!
PRIESTER
Herr Jesus steht jetzt auf, in seiner Rechten hält
Der Totenrichter jetzt und starke Gottesheld
Den Bogen Gottes und des Gotteszornes Pfeile!
Sein Pfeil, das ist die Pest! Wir wichen ab vom Heile
Und leiden Strafe jetzt, wenn Gott der Herr sich rächt,
Des Herrn Gerechtigkeit im Zorn uns tödlich schwächt!
FLAGELLANTEN
Maria, Königin uns Elenden und Armen,
Schenk uns dein Mutterherz voll herzlichem Erbarmen!
PRIESTER
Die Sünden sühnen wir und gehn den Weg der Buß’,
Wir grüßen Unsre Frau mit ehrfurchtsvollem Gruß,
Die Schönste aller Fraun vom weiblichen Geschlechte!
Im Zorn erhoben ist noch Jesu Christi Rechte,
Doch Unsre Liebe Frau hält Gottes rechten Arm
Zurück durch ihr Gebet voll liebevollem Charme!
Wenn Jesus Christus zürnt, der Herr zürnt seinen Schafen,
Wenn Gott der Richter kommt, die Sündenwelt zu strafen,
Dann bittet Unsre Frau für uns um Gottes Huld,
Des Herrn Barmherzigkeit mit aller unsrer Schuld,
Erbittet uns Verzeihn für unsern Sündenwandel
Und deckt die Christenheit mit ihrem Sternenmantel.
Sie hält allein zurück des Herrn Gerechtigkeit
Durch ihre Frauenhuld, der Frau Barmherzigkeit!
FLAGELLANTEN
Maria, Königin uns Elenden und Armen,
Schenk uns dein Mutterherz voll herzlichem Erbarmen!
PRIESTER
Wenn an dem Jüngsten Tag einst an dem Weltgericht
Gottvater ernst verhüllt sein lichtes Angesicht
Und schaut zum Gottessohn, ob Gnade wir gefunden
Bei Jesus unserm Herrn, dann sehn wir seine Wunden,
Die wir verursacht selbst durch alle unsre Schuld.
Wird Jesus haben dann mit unsrer Schuld Geduld?
Doch Hoffnung haben wir, wir orthodoxen Christen,
Denn dann wird Unsre Frau stehn mit entblößten Brüsten
Und sagen zu dem Sohn: O Jesus, Seelengast,
Schau diese nackte Brust, dran du gesogen hast,
Der du als Menschensohn gesogen an dem Busen,
Erbarme dich der Welt, der wirren und konfusen,
Bei meiner Milch, o Sohn, erbarme dich der Welt!
So kommt der Christenmensch doch noch ins Himmelszelt.
FLAGELLANTEN
Maria, Königin uns Elenden und Armen,
Schenk uns dein Mutterherz voll herzlichem Erbarmen!
(Stille.)
TANNHÄUSER
Gott schuf das Chaos erst, das ungestalte Meer,
Das Universum schuf dann herrlich Gott der Herr,
Gott schuf dann die Natur, Gott schuf die Menschenaffen,
Gott schuf den ersten Mann, das Urbild aller Pfaffen,
Der Schöpfung Krone schuf dann Gott der Schöpfer, schau,
Da war es wirklich gut, als Gott erschuf die Frau,
Gott sprach: Es ist sehr gut! Und in des Himmels Hafen
Zufrieden ging der Herr mit seiner Weisheit schlafen.

DRITTE SZENE

(In einer Burg in Deutschland. Zwei Minnesänger nehmen Tannhäuser in ihren parnassischen Orden
auf.)

ERSTER MINNESÄNGER
Oh, die Prinzessin, oh! Als ich zuerst gesehn
Die wunderschöne Maid, wie Gottes Tochter schön,
Schien sie mir unbefleckt und rein wie eine Göttin,
Ganz reiner Geist zu sein, wie Gottes eigne Gattin!
An ihrer Stirne sah ein Zeichen, ohne Spott,
Ich strahlend klar und licht, da schaute ich den Gott,
Den Gott der Liebe sah ich licht auf ihrer Stirne!
Ich schämte mich: Ich war verliebt in eine Dirne,
Der niedern Minne Lust, gemeine Fleischeslust
Genoss ich Sünder einst an einer Dirne Brust.
Jetzt aber kam die Maid, die geistig-reine, keusche,
Ich schämte mich der Lust, der Sinnlichkeit im Fleische.
Wer wird je würdig sein, dass er die Jungfrau preist?
Sie ist ein Engel rein, ein makelloser Geist.
Fort mit der Sinnlichkeit und mit den Konkubinen,
Urania allein im reinen Geist zu dienen,
Urania allein zu singen Lob und Preis!
Mein Platon steht mir bei, der von der Liebe weiß,
Die Himmlische allein, die Heilige und Reine
Ist rühmenswert und nicht die Irdische, Gemeine.
Vergeistigt will ich sein und werden ohne Spott
Durch meiner Göttin Gunst ein junger schöner Gott
Und in Elysium lustwandeln, trotz der Spötter,
Die Göttin und ihr Gott, glückselig wie die Götter!
ZWEITER MINNESÄNGER
Als meines Herzens Herz und Geistesaugen sahn
Den Christus jung und wild, da schien er mir der Wahn,
War Magdalena ihm Geliebte, war die pure
Hetäre, Sünderin und ewigliche Hure!
Die Hure und der Wahn, der Gott und seine Braut,
So in der Jugend hab ich Christus angeschaut.
Doch eines Tages sah ich die Prinzessin, siehe,
Sie war der Morgenstern der rosa Morgenfrühe,
Sie war so makellos, ein reiner Himmelsschein,
Sie war die Weiße Frau, die Schöne Dame rein,
Sie war so ohne Fleck und Fehl und ohne Mängel,
Kein Mensch mehr, sondern ein geoffenbarter Engel,
Nicht irgendeine Frau – die Ewigliche Sie,
Ein Engel, der erschien vom Stern der Phantasie,
Ein Engel war fortan für mich die Schöne Dame
Und Engel war fortan für mich des Gottes Name.
TANNHÄUSER
Ich sah in einem Bild die Hure Babylon,
Ich sah im Dasein sie, ich, Gottes Lieblingssohn,
Auf einem Löwen ritt die wilde nackte Hure,
Die Göttin aller Lust und Wollust, ja die pure
Hetäre, offenbar war ihre bloße Brust,
Der Löwe, den sie ritt, der Löwe war die Lust,
Die Haarflut wallte lang auf ihre großen Brüste,
Der Inbegriff der Lust, die Spenderin der Lüste,
Sie hielt in ihrer Hand den Kelch mit Zypernwein,
Gewürzt mit Nelken und von blutigrotem Schein,
Den Wein der Hurerei sie schenkte in den Becher,
Lustknaben waren da betrunken ihre Zecher,
Auf sieben Hügeln sie als wilde Wölfin lag,
Blutrünstig sah ich sie an ihrem Jubeltag
Die Lippen lecken sich, besoffen von dem Blute
Der Heiligen des Herrn, die sie im Übermute
Geschlachtet am Altar der Götzenhurerei,
Die Heiligen des Herrn mit einem lauten Schrei
Noch segneten mit Gott die Hure aller Huren
Und triumphierend dann in Gottes Himmel fuhren!
Dann habe ich im Geist die reine Maid geschaut,
Die Nymphe Gottes sie, des Lammes Jungfrau-Braut,
Jerusalem, die Maid, die Heilige und Reine,
Erschien im weißen Kleid, im goldnen Glorienscheine,
Jungfräulich rein und keusch, im weißen Linnen sie,
Umtönt vom Engelchor, der Sphären Harmonie,
Vom Himmel kam herab die Heilige und Reine,
Von Jaspis, Jade und von manchem Edelsteine,
Saphir und Onyx und von Lapislazuli,
Türkis und Malachit geschmückt die reinste Sie,
Mit Tränenperlen war geschmückt der Jungfrau Krone,
Von Elfenbein gebaut der Thron, sie saß in ihrem Throne,
Im Thron von Elfenbein zu sehen Gottes Lamm,
Gott Ja und Amen als der Jungfrau Bräutigam!
ERSTER MINNESÄNGER
Ja, die Prinzessin ists! Die Ewigliche Schöne!
Mit deinem Minnesang du die Prinzessin kröne!
ZWEITER MINNESÄNGER
Ja, die Prinzessin hat als Engel offenbart
Dir die Vision von Gott, die reine Jungfrau zart.
TANNHÄUSER
Wenn die Prinzessin ihr verehrt als Frau der Frauen,
Will die Prinzessin ich in ihrem Leibe schauen!
Ist sie ein Geist allein? Lebt sie im lichten Leib?
Ach, die Prinzessin muß wohl sein ein Überweib!

ZWEITER AKT

ERSTE SZENE
(Die Prinzessin vor ihrem Spiegel.)

PRINZESSIN
Ihr Minnesänger all, ihr liebt ja nicht die Frauen,
Ihr wollt Ideen nur in eurer Seele schauen!
Der Minnesänger singt, was er im Innern sah,
Die eigne Seele schaut er, seine Anima.
Er schaut Ikonen an und wunderbare Tücher
Und träumt von Musen, Feen. Die Damen seiner Bücher
Umtanzen seinen Geist, da schaut er ideal
Der Schönheit Ur-Idee aus dem Ideensaal.
Pandora ist es wohl! Athene gab ihr Weisheit
Und Aphrodite Charme, charmanten Lächelns Leisheit,
Und Hera gab den Arm, den lilienweißen Arm,
Und Kybele die Brust! O dass sich Gott erbarm,
Pandora soll ich sein und die Idee der Frauen!
Was alles ein Poet in einer Frau will schauen!
Das aber bin ich nicht, bin nicht Maria mild
Und Aphrodite schön, ich bin kein Marmorbild.
Wer aber liebt mich selbst in meinem eignen Wesen?
In keinem Minnelied hab ich bisher gelesen,
Was selber ich gefühlt und wie ich selber bin,
Kein Minnesänger weiß von meinem innern Sinn.
Wer also liebt mich selbst? Ihr Neider, werdet gelber!
Ich liebe mich allein, ich lieb mich eben selber!
Gewiss, es schmeichelt mir, die Schönste aller Fraun
Zu sein im Minnesang, die Sulamithin braun,
Die Venus Hesiods, Athene des Homeros,
Wenn ich das Ideal von Weisheit und von Eros,
Wenn, Magdalena ich, anbete vor dem Kreuz,
Zugleich die Venus bin, der Inbegriff von Reiz,
Ich Feenkönigin, ich Zauberin Morgana,
Mondgöttin keusch und weiß, die himmlische Diana,
Die Himmelsliebe selbst bin ich, Urania,
Die Schönste aller Fraun, die schöne Helena,
Von Tyrus Helena und Helena von Sparta,
Mal Magdalena bin und mal die Schwester Martha,
Wenn angebetet ich wie Hagia Sophia,
Das Frauenideal wie Unsre Frau Maria,
Das schmeichelt mir, gewiss. Doch weiß ich, der Poet
In Eros Flammen stets im Fegefeuer steht,
Er tut so fromm und keusch, doch will er mit mir schlafen,
Er will doch eigentlich nur in den Ehehafen,
Ob er jungfräulich auch im Zölibate keusch
Lebt wie ein Engelsgeist, doch stärker ist das Fleisch,
Doch stärker ist der Trieb, die Sinnlichkeit der Sinne,
Er möcht zu gern von mir im Gras die niedre Minne!
Und wenn nun predigt gar der Minner und Poet
Und spielt den großen Geist, begeistert als Prophet
Von Gottesliebe spricht und von der Nächstenliebe,
Wenn er von Liebe spricht, dann reimt er immer Triebe!
Ach, Gott zu lieben und den Nächsten, was ist das?
Das kommt von ganz allein, bei Göttin Veritas,
Das kommt von ganz allein, wenn ich mich selber liebe!
Ihr Minnesänger seid begierig Herzensdiebe,
Ich aber schenk mein Herz nicht einem Minner hin,
Weil ich nicht Hälfte nur, ein halber Apfel bin,
Der ganz erst wird und heil durch eines Mannes Gnade.
Nein, ich bin nicht geschnitzt aus eines Mannes Wade!
Ich bin ein Teil von Gott, ich bin von Gott ein Stück!
In meinem eignen Selbst wohnt ganz allein mein Glück!
Lieb ich mich selber nicht, wie soll ich Gott dann lieben,
Lieb ich mich selber nicht, so steht es doch geschrieben,
Wie soll ich lieben dann den Nächsten wie mich selbst?
Zwar sterben muß mein Ich, dann lebt mein Wahres Selbst,
Mein Wahres Selbst jedoch ist Gottheit, Mensch geworden!
Was soll ich denn als Frau in eurem Männerorden?
Ich bin ein Stück von Gott, bin Gottheit inkarniert!
Ihr aber gebt euch hin, dass ihr euch selbst verliert!
Hingebt ihr euer Herz, wollt euer Herz mir schenken,
Wollt euer Liebesherz tief in mein Herz versenken,
Laß sterben euer Herz, auf dass es aufersteht
In meiner Lust an euch! Drum jammert der Poet:
Sie liebt mich nicht, ach sie ist Mörderin und mordet
Mein ganzes Lebensglück! Von Jammer überbordet
Wird krank dann der Poet, gerät in irren Wahn,
Zum Selbstmord schleicht sein Geist auf kranken Wahnsinns Bahn
Und wenn er dann sich selbst gemordet mit dem Messer,
Dann sage ich mir selbst: Ich aber mach es besser!
Wo ist ein Menschengeist, der mich zutiefst versteht,
Ein Geist, der mich erfreut, ein Freund, der mit mir geht,
Ein Hoherpriester, der verzeiht mir alle Sünden,
Und ein Prophet, der nicht mein Fehlen will verkünden,
Wo eine Mutter, die mich tröstet in dem Schmerz,
Wo eine Liebe, wo, die ganz erfüllt mein Herz?
Das alles ist mein Selbst! Ja, allen den Betrübten
Sagt jetzt mein Wahres Selbst: Allein die Selbst-Verliebten
Im Orden ihres Ichs glückselig sind allein!
Ich bleib mit meinem Selbst in Einsamkeit allein!

ZWEITE SZENE

(Die Prinzessin in ihrem Rosengarten. Tannhäuser kniet vor ihr.)

TANNHÄUSER
Je vous salue, Marie! – Prinzessin, meine Liebe!
PRINZESSIN
Ja, ja, ich weiß, Poet: Der Mächtigste der Triebe!
TANNHÄUSER
Du bist so wunderschön! Allmächtig ist dein Reiz!
PRINZESSIN
Gleich sagt du noch, Poet, ich schlüge dich ans Kreuz!
TANNHÄUSER
All meines Lebens Sinn, mein Atem, meine Seele!
PRINZESSIN
Wann schenkst du wieder mir von Goldschmuck und Juwele?
TANNHÄSUER
Anbetung fühle ich, ich knie vor meinem Gott!
PRINZESSIN
Und morgen hast du nur für meine Torheit Spott.
TANNHÄUSER
O Rosa Mystica, ich bin dein trunkner Falter!
PRINZESSIN
Ja, weil ich jung und schön. Was aber dann im Alter?
TANNHÄUSER
O, meine Liebe ist ganz rein, platonisch keusch!
PRINZESSIN
Was aber, wenn ich erst dir kitzele dein Fleisch?
TANNHÄUSER
Ach lieb mich doch, mein Gott, du Gottes Gottheit heilig!
PRINZESSIN
Ist erst der Reiz dahin, dann bin ich dir langweilig.
TANNHÄUSER
Ach Engel, liebe mich, ich fleh dich an voll Scheu!
PRINZESSIN
Die Liebesschwüre sind ja allesamt nicht neu.
TANNHÄUSER
In Minnehofs Gericht bist du mein Seelenrichter!
PRINZESSIN
Das sagten andre schon, das ist gestohlen, Dichter!
TANNHÄUSER
Allah selbst fleht dich an, du göttliche Allath!
PRINZESSIN
Das immerhin, Poet, das ist kein Plagiat...
TANNHÄUSER
Du raubtest mir mein Herz, du Königin der Diebe!
PRINZESSIN
Begreife endlich dies doch, dass ich dich nicht liebe!
Ich lieb dich nicht, ich lieb dich nicht, ich lieb dich nicht!
TANNHÄUSER
Prinzessin! Jetzt ist wohl der Jammer meine Pflicht?
In tragischer Manier ich blute vor der Rose,
Warum ist nicht ein Weib ein Blümchen Dornenlose?
Wie reizend ist der Kelch! Wie stechend ist der Dorn!
Kein Zorn ist ja so schlimm wie wilden Weibes Zorn!
Der arme Israel bei Lea und bei Rachel –
Dort Schlangenschwanz und dort der Skorpionenstachel!
Ich bat wohl meinen Gott um einen leckern Fisch,
Seezunge, Scholle, Butt auf meinem Mittagstisch,
Da gibt mir dann mein Gott, da bin ich gar nicht bange,
Da gibt mir dann mein Gott bestimmt nicht eine Schlange!
Ich bat einst meinen Gott als Beter fromm und frei:
O lieber Gott, ich bitt dich, gib mir dieses Ei!
Da gibt mir Gott nicht den Skorpion mit seinem Gifte!
Ich schrieb einst ein Gebet mit meinem flinken Stifte:
Dies weiße Dampfbrot, Gott, gib mir dies heiße Brot!
Meinst du, dass mir mein Gott da einen Kiesel bot?
Was also soll ich laut aufjammern, schreien, klagen?
Soll ich der Rose Dorn ins Herz mir selber jagen?
Ja, so tut ein Poet! Die wahre Nachtigall
Durchbohrt sich selbst die Brust, so lieblich wird ihr Schall,
Das ist der Nachtigall von Amor zuzumuten,
Der Rose spitzer Dorn lässt Nachtigallen bluten,
So wird der Lorbeerkranz Poeten nur zuteil,
Drum Heil dir, Schlangenschwanz, Skorpionenstachel, Heil!
Ja, schlag mich an das Kreuz, das wird mich noch vergotten!
Nein, üble Laune lässt mich über Weiber spotten!
Hanswurst nimm dir zum Mann und dien ihm als Gemahlin,
Ich bin kein Troubadour, du bist nicht Provencalin.
Dein Körper ist gebaut wie Aphrodites Leib,
Von Marmor ein Idol dein Körper, schönes Weib.
Fragt mich dein stumpfer Blick, was mir noch weiter fehle?
In deinem Golem-Leib fehlt eine schöne Seele.
Zwar denkt zu gern ein Mann: Dies Mädchen herrlich blüht
Wie Pflaumenblüte schön, drum schön ist ihr Gemüt.
Doch irrt sich oft der Mann. Was sollen alle Reize
Des Körpers einem Mann bei kargem Herzensgeize?
Nicht Schmuck und Schminke und ein Reizkleid schmückt den Leib,
Die Liebe ists allein, die lieblich macht ein Weib!
Doch du bist solch ein Weib, die Liebe weiß zu wecken,
Dein eignes Herz jedoch im Busen zu verstecken,
Die du verehrt wirst und geliebt und man vergisst,
Daß steinern ist dein Herz und dass du lieblos bist!

DRITTE SZENE

(Auf der Burg der Prinzessin. Prinzessin, Tannhäuser und zwei Minnesänger. Minnehof,
Sängerwettstreit.)

PRINZESSIN
Singt, Minnesänger, singt dem Mächtigsten der Triebe,
Ich schenke meinen Kranz dem schönsten Lob der Liebe!
ERSTER MINNESÄNGER
Die Liebe, die ich preis, ist Platons Ideal,
Die Liebe zur Idee aus dem Ideensaal.
Ein Mann sieht eine Frau, er hebt die Augenbraunen
Und glättet seine Stirn, verwirrt steht er voll Staunen
Und schaut die Göttin an in lichter Gloria,
Er schaut die Venus selbst, ich mein, Urania!
Nicht die konkrete Frau, die irdisch ist und sterblich
Und deren Schönheit ist der Zahn der Zeit verderblich,
Die liebt er wahrlich nicht, er liebt nur die Idee.
Idee ist nicht die Frau? Das ist ja all sein Weh!
Doch drüber soll ein Narr und Idiot nicht spotten,
Es will der Platonist die Lieblingin vergotten,
Bis sie geworden ist: Werd, was ich in dir seh,
Werd Gottes Ebenbild und himmlische Idee!
PRINZESSIN
Du musst noch den Begriff der Liebeskunst erweitern,
Denn dieser Platonist wird an der Liebe scheitern!
ZWEITER MINNESÄNGER
Ich lieb die Liebe nicht, der Leidenschaften Fron,
Frau Minne ist allein mir Kult und Religion.
Die Hohe Minne soll den Minnenden erlösen
Von seinem eignen Ich, dem Schlimmsten aller Bösen!
Erlöserin allein ist Sie, die Hohe Frau,
Die Göttin-Dame in des hohen Minners Schau.
Er betet rein und fromm zur ewig nicht Verführten,
Zur Keuschheit in Person, zur hohen Unberührten,
Die klar ist wie das Eis, wie Eiskristall so keusch,
Ein reiner Engelsgeist, ein Hauch ist all ihr Fleisch.
Er kniet vor ihrem Thron, sie sklavisch anzubeten.
Sie ist nicht Eva ihm, laszives Weib aus Eden,
Sie ist Madonna ihm, ist Unsre Liebe Frau,
Ihr Kleid ist seidenweiß, ihr Mantel himmelblau,
Zu Füßen ihr der Mond, umglänzt sie Gottes Sonne,
Wie Unsre Liebe Frau die Muse und Madonne,
In einer Aura sie der höchsten Gottheit steht,
In Ihr verehrt den Herrn der liebende Poet!
PRINZESSIN
Gewiss, die Dame wird den Minner nicht vergotten,
Den Sklaven wird die Frau mit scharfem Spott verspotten!
TANNHÄUSER
Urania lobpreist der trunkne Platonist,
Madonna tief verehrt der Minner und der Christ.
Doch ich bin ein Poet, der Enkel des Homeros,
Ich preis als meinen Gott den Gott der Liebe, Eros!
Ja, Eros triumphiert in meinem Hohen Lied,
Priapus triumphiert mit seinem Mannesglied!
Was Platonismus und was religiöse Minne?
Glückselig machen mich die Lüste meiner Sinne!
Ich will, ich will zurück zum Schoße der Natur,
Ich suche Glück und Lust, mich lehre Epikur,
Des goldenen Äons elysisch-heitre Zeiten
Schmeck ich erneut im Fest der süßen Sinnlichkeiten!
Idee und Religion? Ich liebe mehr die Brunst!
Ja, Venus lehrte selbst mich ihre Liebeskunst!
Ja, Venus lehrte selbst mein Mannesglied das Zeugen!
Ich sprech Mysterien, drum will ich mystisch schweigen.
PRINZESSIN
Wann lehrte Venus dich und wo der Liebe Werk?
TANNHÄUSER
Als ich geborgen war dereinst im Venusberg!
PRINZESSIN
Bei Davids großem Sohn, bei Salomo und Nathan,
Geh, Schlange Luzifer, geh, roter Drache Satan!
Geh, pilgere zu Fuß, zerreiße dir den Fuß,
Geh, pilgre barfuß du und unbeschuht zur Buß,
Verlass der eitlen Welt Theater, Weltenbühne,
Und opfere dich selbst in reuevoller Sühne,
Daß du nicht länger mehr im Venusberg priapst,
Geh du nach Avignon und flehe an den Papst,
Er möge alle Schuld des Fleisches dir vergeben
Und wieder geben dir des Herzens reines Leben
Und spende dir von Gott dem Herrn die Absolution
Und spende dir von Gott dem Herrn die Kommunion
Und reih dich in die Schar geweihter Gotteskinder.
Tannhäuser, weg von mir, du wüster wilder Sünder!
Epikuräerschwein bist du und Hedonist!
Bekehre dich, Poet, und werde wahrer Christ!
Gott will aus deinem Block noch einen Menschen meißeln!
Zum Papst nach Avignon! Geh! Muß ich dich erst geißeln!

DRITTER AKT

ERSTE SZENE

(Eine arme Bauernmagd in ihrem Sterbebett. Auf dem Bett sitzt der erste Minnesänger und hält der
Bauernmagd die Hand. Neben ihnen sitzt eine unbekannte Schöne.)

BAUERNMAGD
Ich sterbe jetzt, mein Freund, ich fürchte mich vorm Tod!
Sag, wird es Abendrot, sag, wird es Morgenrot?
MINNESÄNGER
Ich weiß nur eins allein, ich fühl in meinem Herzen
Wie Nadelstiche spitz die allerschärfsten Schmerzen.
BAUERNMAGD
Nun sterbe ich allein und bin in großer Not,
Sag mir von deiner Pein, bei meinem armen Tod!
MINNESÄNGER
Ach, die Prinzessin quält mich lieblos fast zu Tode!
Ach, käme doch zu mir des Todes heitrer Bote!
BAUERNMAGD
Halt noch ein wenig aus und dulde deine Qual,
Maria steht dir bei in diesem Tränental.
MINNESÄNGER
Ich war beim Priester ja voll Reue und voll Buße,
Maria grüßte ich mit ehrfurchtsvollem Gruße.
BAUERNMAGD
Sprach dich der Priester los, ob du auch wenig keusch
Und immer noch so sehr begehrst in deinem Fleisch?
MINNESÄNGER
Der Priester gab voll Huld mir ein geweihtes Bildnis,
Da Sulamith steht nackt in Edens holder Wildnis!
BAUERNMAGD
Wie sieht denn Sulamith auf jenem Bilde aus?
Wie die Prinzessin schön vor ihrem schönen Haus?
MINNESÄNGER
Ja, die Prinzessin sah ich so im Licht der Sonne
Wie diese Sulamith, die Paradies-Madonne!
BAUERNMAGD
Halt noch ein wenig aus, mein Minnesänger süß,
Bald lädt Maria dich doch in ihr Paradies!
MINNESÄNGER
Ach liebe Freundin mein, wenn deine Gunst mir bliebe!
Ich danke dir zutiefst für alle deine Liebe!
BAUERNMAGD
Nun lass uns schweigen, Freund. Mein Engel mit mir spricht.
Ich sehe Christi Leib in einem süßen Licht!
(Sie schweigen.)
UNBEKANNTE SCHÖNE
Die liebe Freundin schläft. Schau, wie sie lieblich lächelt!
MINNESÄNGER
Wie deine Wimper schön dir überm Auge fächelt!
Wie deine Nase stolz doch nach Damaskus schaut!
Des Mohrenkönigs bist du die erwählte Braut?
Wo, als im offnen Aug, ist doch die Seele nackter?
Die Adlernase zeugt von herrlichem Charakter.
Des Angesichts Oval, wo hab ich das geschaut?
Noch nie bisher sah ich so makellose Haut!
Die Lippen lächeln süß, charmanten Lächelns küsslich,
Zu küssen deinen Mund, ja sag ich’s? wär genüsslich!
Wie hoch ist die Gestalt! O wie ein Palmenbaum!
Wie Venus bist du schlank, als sie getaucht aus Schaum!
Dein langes weißes Kleid ist wie das Licht der Sonne,
Allmächtig ist dein Reiz, du irdische Madonne,
Jedoch dein Gürtelschmuck, o Gott im Himmelszelt,
Dein Liebreizgürtel ist der Venus Zauber-Belt!
UNBEKANNTE SCHÖNE
Welch eine Ehre, Mann, tust du mir an so freundlich!
Man sagt von dir, du seist sonst allen Frauen feindlich,
Nur die Prinzessin schön sei tief von dir verehrt,
Doch zarte Hoffnung hast du jetzt in mir genährt.
MINNESÄNGER
Wer bist du, schöne Frau? Ich hörte eine Mythe,
Der Gott der Götter Zeus erschuf mit Aphrodite
Ein Weib, ich meine, du bist dieses Weib, denn du
Bist Venus’ Tochter, du raubst mir die Seelenruh!
UNBEKANNTE SCHÖNE
Charmanter Schmeichler! Wär ich eine der Koketten,
Ich würde mich mit dir im Liebeslager betten!
MINNESÄNGER
Die Tote aber, wird sie Werwolf werden, Tier,
Ein Wiedergänger, ein Gespenst, vielleicht Vampir?
UNBEKANNTE SCHÖNE
Ha, ich bin ein Vampir! Ha, meine Lippen taugen,
Dir all dein Lebensmark aus dem Gebein zu saugen!
Doch schau, mein lieber Freund, die Freundin ist erwacht.
BAUERNMAGD
Mein Minnesänger süß, in dieser letzten Nacht
Sprich nicht von dem Vampir, lobpreise nicht die Biester!
Nun geh mit Gott, mein Freund! Gleich kommt zu mir der Priester,
Nach meiner Beichte ich erhoff die Absolution,
Daß ich empfang des Herrn Leib in der Kommunion!
Nun geh mit Gott, mein Freund, du starker Überwinder,
Als frommer Pate du versorge meine Kinder!

ZWEITE SZENE

(Der Minnesänger an einem Wegkreuz, das er mit Butterblumen schmückt. Tannhäuser kommt.)

MINNESÄNGER
Tannhäuser, warest du in Avignon beim Papst?
TANNHÄUSER
Sag mir zuerst, mein Freund, ob du im Traum priapst?
Ich seh in jedem Traum zu allen Mondenphasen
Die Venus mit dem Mund die Knochenflöte blasen!
MINNESÄNGER
Hast du gebeichtet, Freund? Hat dir dann Gottes Sohn
Die Gnade zugeströmt, Verzeihn der Absolution?
TANNHÄUSER
Ach, Avignon ist schön! Dort schwingen sich die Brücken,
Die Mädchen tanzen schön zum seligen Entzücken,
Wie flattert doch das Haar, wie zappelt dort der Rock!
Im Garten machte man zum Gärtner dort den Bock!
Der Papst von Avignon in seinem frommen Wahne
Ist selber ein Poet und großer Erotomane!
MINNESÄNGER
Sahst du die Reihen auch der Kardinäle dort,
Die Priester dort vereint, und sahst du an dem Ort
Die lieben Knaben auch, die schönen Ministranten,
So schön herausgeputzt von ihren frommen Tanten?
TANNHÄUSER
Der Weihrauch hat zumeist wie Rauschgift mich berauscht!
Dem Singsang hab ich auch und dem Latein gelauscht.
Ich hörte auch den Papst in der Karsamstagspredigt.
MINNESÄNGER
Und hast du deiner Schuld des Fleisches dich entledigt?
TANNHÄUSER
Ich klopfte an beim Papst, stand schon vor seiner Tür,
Er sprach: Mein Sohn, ich hab heut keine Zeit dafür,
Komm morgen wieder, Sohn, und seufze deine feuchte
Selbstoffenbarung, Sohn, der Fleischeslüste Beichte.
MINNESÄNGER
So kamest du zurück vom Papst aus Avignon
Und hast gebeichtet nicht, du Venus’ Hurensohn?
TANNHÄUSER
Ich hatte doch Geduld. Es wird der Hohepriester
Mich wohl erlösen noch von meinem Seelendüster.
Ich harrte einen Tag und eine Woche noch.
Der Weiße Sonntag wars nach Ostern, da ins Joch
Der Buß ich mich ergab, um mit dem heißen Stöhnen
Mich mit dem lieben Gott barmherzig zu versöhnen!
MINNESÄNGER
Zur Ohrenbeichte warst du also bei dem Papst?
TANNHÄUSER
Sag mir, mein lieber Freund, ob du im Traum priapst!
Dann sage mir, mein Freund, muß man denn auch die feuchten
Versuchungen im Traum der Mutter Kirche beichten?
MINNESÄNGER
Wenn sie den Atem in die Knochenflöte stößt,
Wenn Venus mit dem Mund die Jubelflöte bläst?
TANNHÄUSER
Ich sagte zu dem Papst, wie Venus göttlich flötet!
Der Greis im weißen Haar, ich glaub, er ist errötet.
MINNESÄNGER
Gab seine Absolution der Papa Pontifex?
TANNHÄUSER
Er nannte Götzendienst den Kult der Göttin Sex!
Mich loszusprechen von der Heidengöttin Venus
Er habe Vollmacht nicht von Jesus Nazarenus.
Wenn Gott ein Wunder tut, der Stab des Papstes blüht,
Dann erst kann er verzeihn, dass wieder ich das Glied
An Christi Corpus sei. Der ich gesündigt habe,
Muß warten, bis ihm sprießt die Spitze an dem Stabe!
MINNESÄNGER
Bei Aphrodites und des Bacchus Sohn Priap!
Schoß auf in Blütenblust des Heilgen Vaters Stab?
TANNHÄUSER
So oft der Schwengel schwang in großen Kirchenglocken,
Der Stab des Pontifex blieb ohne Säfte trocken!
MINNESÄNGER
Vielleicht geschieht doch noch ein Wunder Gottes bald!
TANNHÄUSER
Ich aber will zurück in Venus dichten Wald,
Zum Busen der Natur, in Venus’ feuchte Grotte,
Daß ich das Leben leb von einem jungen Gotte!
MINNESÄNGER
Mein Freund, ich schließ dich ein in mein Gebet zur Nacht,
Daß Gottes Gnad für dich doch noch ein Wunder macht.
TANNHÄSUER
Wenn Jesus sich erbarmt mit herzlichem Erbarmen,
Dann lieg ich selig schon in Aphrodites Armen!
Und spricht mich Gottes Sohn von allen Sünden los,
Dann lieg ich trunken schon in Aphrodites Schoß!
(Tannhäuser wandert weiter. Der Minnesänger kniet vor dem Kruzifix am Wegrand.)

DRITTE SZENE

(Venushügel. Unter dichtem Gebüsch verborgen die feuchte Venusgrotte. Tannhäuser steht vor dem
Venushügel, in seiner Rechten den Pilgerstab, an dessen Spitze eine Muschel. Über dem Venushügel
erscheint die himmlische Venus. Sie trägt ein langes meerschaumweißes Seidenkleid und darüber
einen meerblauen Umhang. Ihre langen goldenen Locken verschleiern die Gestalt.)
TANNHÄUSER
O Göttin Venus, ich komm aus dem deutschen Reiche,
Das deutsche Reich ist heut, ach, ganz wie eine Leiche!
Der Sensenmann geht um, das knöcherne Skelett,
Er lockt Germania, die Frau, in Totenbett!
Ich war in Österreich, ich schaute auch den Kaiser,
Der schon verlor den Thron, er betet nun als Weiser.
Ich war am Zürcher See, wo Großmama Natur
Erfindungen streut aus auf lenzlich-lieber Flur,
Wo Freunde baden nackt, wo baden froh die Nackten
Und singen Oden dann in den antiken Takten.
Ja, schön ist die Natur, die Mutter, in der Schweiz!
Die Freiheit sah ich dort in ihrer Schönheit Reiz!
Ich war im Norden der französischen Bretagne,
Ich nahm auch teil am Krieg, am Krieg in der Champagne.
Champagner trank ich dort und große Mengen Sekts.
Auch sprach ich ein Gebet zur Mittagszeit, die Sext.
Ich trank auch Traubensaft vorm Dome Unsrer Dame,
Sah die Zigeunerin mit ihrem Bräutigame.
Wie schön ist doch die Stadt Lutetia-Paris,
Der Liebeslüste Stadt, der Wollust Paradies!
Die Arche sah ich dort, Titanen und Giganten,
Ich sah den Efeuturm und steinerne Trabanten,
Sah eine schöne Frau, ein schwarzes Netz ihr Strumpf,
Ich sah den Bogen auch, der feiert den Triumph,
Champs-Elyssée sah ich, die Felder von Elysen,
Wo Schatten gehen um in Gartenparadiesen.
Jardin du Luxembourg! Ich sah das Pantherweib,
Im Käftig eingesperrt, samtschwarz der Katzenleib!
Flamingos sah ich dort auf Wassers klaren Wellen
Und wunderschön und schlank die hüpfenden Gazellen.
Den Heliotrop, den Phlox sah ich im Garten blühn,
Platanen sah ich breit, die Lebenskrone grün.
Ich schaute in Paris zum Himmel in die Höh:
Ach, die Pariserin starb im Hotel de Dieu!
Ich sah Lavinia, Äneas Pius, Turnus,
Ich sah den Ehering des göttlichen Saturnus,
Die Leier und den Schwan, den Adler auch. Und oh,
Ich trank das rote Blut des Bacchus von Bordeaux!
(Die himmlische Venus strahlt übers ganze Gesicht. Sie lächelt ihr entzückendstes Lächeln und
breitet ihre Arme aus zum herzlichen Willkommen.)
VENUS
O mein Geliebter du! Ein herzliches Willkommen!
Jetzt endlich bist du doch zu mir zurückgekommen!
Dir offen steht mein Herz wie eine Rose rot,
Ich schenk dir meinen Leib wie süßes weißes Brot!
Ich habe Lust an dir, Geliebter deiner Göttin,
Ich habe Lust an dir, ich bin doch deine Gattin!
Ich habe Lust an dir, ich habe an dir Lust!
Schau! Venus offenbart dir ihre bloße Brust!
(Venus öffnet ihr weißes Kleid und zeigt Tannhäuser ihre makellose jungfräuliche Mutterbrust. Die
Brust ist ohne Muttermal und von perfekter Form und jugendlicher Festigkeit, zugleich von
mütterlicher Fülle.)
TANNHÄUSER
Die Worte fehlen mir, der Dichter muss verstummen!
Was soll die Logik mir, der Theologen Summen?
Ich kann nur singen noch der Liebe Hohes Lied!
O Venus, schöner bist du selbst als Sulamith!
Frau Schönheit bist du selbst, so wahr lebt Nazarenus,
Die Schönheit Gottes du, du Schönheitsgöttin Venus!
VENUS
Tannhäuser, jetzt empfang von deiner Lieben Frau
Den Ehrennamen, den ich dir aus Huld vertrau,
Tannhäuser heißt fortan, beim Ringe Salomonis,
Der Venus Ehemann, du heiße jetzt Adonis!
TANNHÄUSER
Ich bin es ja nicht wert, o Venus, solche Huld!
Tannhäuser bin ich nur, Poet im Minnekult.
VENUS
Nur keine falsche Scheu! Wer Venus darf erkennen,
Der darf Adonis sich mit vollem Rechte nennen.
Ich, deine Venus, nehm dich als Adonis an!
Adonis, Buhle und Geliebter, du mein Mann!
Ich deine Buhlin bin, die Keusche und Kokette,
Dir Konkubine bin im schwülen Lotterbette!

DAS MARTYRIUM DER HEILIGEN JULIA


ERSTE SZENE

(Karthago in Nordafrika im vierten Jahrhundert nach Christus. Julia in ihrem Elternhaus. Ihre
Mutter Katharina. Ihre Schwester Maria und ihr Bruder Noah.)

JULIA
Als unser lieber Vater ist gestorben –
Ich muß doch immer an den Vater denken,
Wie bei der Feier der Beerdigung
Ganz Afrika stand auf für unsern Vater
Und zu den Trommelschlägen in der Kirche
Sich Afrika erhob wie Ein Soldat,
Um das Geleit der Ehre ihm zu geben,
Wenn Papa geht in Gottes Vaterhaus.
MARIA
Jetzt schaut der Vater von dem lichten Fenster
Des Vaterhauses Gottes zu uns her
Und steht uns bei vom Himmel als ein Schutzgeist.
MUTTER KATHARINA
Ich habe meinen Ehemann verloren
Und dies ist so, als schnitte man mir ab
Von meinen beiden Brüsten eine Brust.
Seh ich jetzt auf der Straße Ehepaare,
So sticht es wie ein Schwert in meine Brust!
Ich finde Tröstung nur in Gottes Kirche,
Dort sprach ein altes Mütterchen zu mir:
O Katharina, was ist Ganzhingabe
An Jesus Christus? Ganzhingabe ist,
Daß alles du empfängst, was Gott dir gibt,
Und wenn der Herr dir etwas nehmen wird,
Daß du es Gott dann gibst mit einem Lächeln.
So sprach das alte Mütterchen, doch ich
Kann den Verlust noch nicht verschmerzen. Weh mir!
KNABE NOAH
Du hast doch mich noch, meine liebe Mama!
Ich brauche doch dein süßes Mutterherz!
MARIA
Ich fühle einen Ruf von Jesus Christus,
In die Mission zu gehn. Schwarzafrika
Hat noch so viele arme kleine Kinder,
Die schreiend weinen nach der Liebe Gottes.
JULIA
Ja, mir hat Jesus heute Nacht im Traum
Ein Wort gesagt für dich, mein Schwesterherz:
Ich, Jesus, bin ein Kind in Afrika!
MARIA
Die Kinder sind die Lieblinge des Herrn,
Und wer die Kinder schändet, kreuzigt Jesus!
Wer aber kleinen Kindern Liebe schenkt,
Schenkt Jesus Liebe, tröstet Jesu Herz!
MUTTER KATHARINA
Marie geht also nach Schwarzafrika
Und Noah bleibt an meiner Mutterbrust,
Du aber, Julia, wo willst du hin?
JULIA
Ich schaute gestern Abend im Gebet
Den jungen auferstandnen Meister Jesus,
Nicht mit den Augen meines Körpers, aber
Doch mit den Augen meines Herzens sah ich
Den jungen Jesus, der so wunderschön war,
Daß ich es nicht mit Worten sagen kann.
Sein Kleid war weiß, doch war das Weiß nicht blendend,
Es war ein süßes eingegossnes Licht.
Ich schaute seine feinen schlanken Hände,
Die waren wunderschön, fast transparent.
An seiner rechten Hand am vierten Finger
Trug Jesus einen goldnen Ehering.
Sein Angesicht war unaussprechlich schön,
Ich dachte im Gebet, der Wahnsinn kommt,
Das ist der Wahnsinn, das ist so unglaublich,
O Jesus, du bist so unglaublich schön,
Du brichst mir fast das Herz mit deiner Schönheit,
Ich müsste sterben, in den Himmel kommen,
Daß ich ertragen könnte deine Schönheit,
Um ewig deine Schönheit zu genießen!
Da sagte Jesus Christus: Julia,
O Julia, ich kenne dich beim Namen!
O Julia, ich habe einen guten
Geschmack und will des jungen Mädchens Liebe!
O Julia, sei du nur keine Närrin
Und sage nicht: In meiner Jugend will
Ich mich verschwenden an die Welt, die Lust
Genießen in der Welt, und wenn ich alt bin,
Dann gehe ich ins Kloster, werde Nonne
Und schenke Jesus mich als seine Braut.
O Julia, ich habe einen guten
Geschmack und will des jungen Mädchens Liebe,
Ich, Jesus, will das Herz des jungen Mädchens!
MUTTER KATHARINA
O süßer Jesus der Barmherzigkeit,
Dank, dass du dir erkoren Julia
Zu deiner Braut, die ohne Falten ist!
MARIA
Ich bete zu der Schwarzen Muttergottes:
O Schwarze Muttergottes, o Maria,
Erbarme dich der Kinder Afrikas!
NOAH
O Mama! Müde bin ich, Känguruh,
Ich schließe meine kleinen Äuglein zu,
O Himmels-Abba, laß die Augen dein
Nur immer über meinem Bettchen sein!

ZWEITE SZENE

(Die Jungfrau Julia und ein heidnischer Dichter.)

DICHTER
O Julia, ich preise deinen Namen,
Du bist die Göttlichste der schönen Damen,
Ob du auch glaubst an Jesus Nazarenus,
Du bist die Enkelin der Göttin Venus!
JULIA
Ach, das Geschmier der Farbenkleckserei
Auf weißer Leinwand macht doch keinen Gott.
DICHTER
Ich Dichter, inspiriert von Gottes Eros,
Besing dich wie der heilige Homeros,
Du, schöne Helena, bist meine Muse.
Schau, einst in Troja lebte Frau Kreuse,
Die Ehegattin von Äneas war,
Dem Prinzen Trojas, schön und wunderbar.
So wahr der Weingott feiert mit Silenus,
Äneas war der Sohn der Göttin Venus,
Denn Venus, Königin des Paradieses,
Ergötzte einst den frommen Mann Anchises,
Daß Venus schwanger ward, und sie gebar
Äneas, diesen Prinzen wunderbar.
Äneas aber liebte die Kreuse.
So wahr mir helfe des Homeros Muse,
Kreuse von Äneas hat empfangen
Den Julus. Und so hat es angefangen,
Das heilige Geschlecht der Julier.
O Venus in der Muschel auf dem Meer,
Du Himmelskönigin Urania,
Urmutter bist du dieser Julia!
JULIA
Wenn du von Venus sprichst, bin ich pikiert!
DICHTER
Doch meine Muse singt dich immer weiter.
Dein Name, Julia, bedeutet: heiter,
Ein heitrer Himmel, klar wie lichtes Glas,
Die Heiterkeit, das heißt Serenitas,
Kein weißes Wölkchen an dem Himmel blüht,
So klar scheint mir dein heiteres Gemüt.
Dein Name, Julia, das heißt: die Junge,
O bei dem Atem meiner kranken Lunge,
Wo ist ein Mann, der je geliebt die Tugend
So innig wie ein Mädchen in der Jugend?
Ich prophezeie in Begeisterung:
Die Himmlischen sind ewig schön und jung!
Dein Name, Julia, das heißt: die Schöne,
Und ich bekenn mit seufzendem Gestöhne:
Die Götter haben dich zumeist verschönt,
Die Schönheitsgöttin selbst hat dich gekrönt!
JULIA
Was ist an meinem Namen schon gelegen?
Mein Jesus gibt mir einen neuen Namen!
DICHTER
Auch Cäsar Julius war Sohn der Venus!
So wahr der Weingott feiert mit Silenus,
Die Schwester Cäsars, die hieß Julia
Wie du, ja, die Cäsarin Julia
War Cäsars Schwester. Venus voller Lust!
Nach Julius war Cäsar der August.
Augustus’ Tochter, die hieß Julia.
Ovid, der Dichter, einst die Schöne sah,
Der Dichter lehrte da in einem Buch,
Wie kunstvoll man begeht den Ehebruch.
Augustus aber war ein Moralist,
Dem Ehe und Familie heilig ist.
Die Tochter Julia, sie ward verbannt,
Ovid verbannt ward an den Moldaustrand.
JULIA
Hab Dank für deine chronique scandaleuse!
DICHTER
Nun gib mir Urlaub, Jungfrau Julia,
Daß ich verklär dich als Urania,
Als Königin der Schönheit, als Idee,
Die Göttlichkeit der Schönheit, die ich seh.
(Dichter ab)
JULIA
Ach Jesus, soviel Schmutz hab ich gehört!
Wie geistig unsre Umwelt wird verschmutzt!
Man nennt das zwar Kultur, man nennt das Kunst,
Sie beten aber nur den Körper an.
Die Schönheit wird gelobt als Augenlust,
Doch ob die Seele hässlich, ekelhaft
Und widerlich und voller Unrat ist,
Das scheint egal zu sein. Du aber, Jesus,
Du schaust die Schönheit in den Herzen an.
STIMME DER MUTTERGOTTES
Mein liebes Kind, du fragst, warum ich schön bin?
Schön bin ich, weil ich voller Liebe bin!
Es ist auf Erden doch kein Menschenkind,
Das nicht von Herzen gerne schön sein möchte.
Drum liebe, Tochter, wenn du schön sein willst!
Und wenn du betest und mit Jesus sprichst,
Wird deine Seele immer schöner, liebes Kind.
JULIA
Ich bin ganz dein, Maria tota pulchra!

DRITTE SZENE

(Die germanischen Vandalen haben Karthago überfallen und in Trümmer gelegt. Diese germanische
Rotte hat die Julia auf einem Schiff entführt und segelt mit ihr nach Korsika. Die germanischen
Seemänner sind betrunken und grölen.)

GERMANEN
Bei Wotan und bei Thor und allen Göttern
Der heiligen Germanen, unsre Rasse
Ist auserwählt, die Erde zu beherrschen!
O Wotan, du der Führer der Germanen,
Du machst uns zu der Erde Herrenrasse!
Wir, die Germanen, sind die Übermenschen!
Die Macht, die Weltmacht, das ist unser Wille!
Vor allem aber diese alten Juden
Mit ihrem Gott der Demut hassen wir,
Der alte Gott der Juden lehrt die Demut,
Die Sklavendemut, diese Hundedemut!
Wir aber vom Geschlecht der Arier
Sind keine Sklaven, sondern Herrenmenschen!
Bei uns ist nicht der Arme Gottes Liebling,
Nein, Wotans Liebling ist der starke Krieger!
Der Gott der Arier will Krieg und Sieg,
Der Gott der Arier will Herrenmenschen,
Die stolz sind, weil sie Übermenschen sind!
Doch zu den Juden mit den Hakennasen
Gesellen sich die Christen, sanfte Lämmer!
Was predigt Jesus seinen Christenschafen?
Glückselig sind die Armen in dem Geiste,
Glückselig die Barmherzigen voll Mitleid,
Glückselig, die da Trauertränen weinen,
Zumeist glückselig, die gekreuzigt werden!
Ach, dieser jämmerliche Schwächling Jesus,
Ein Jude, seine Mutter eine Hure,
Wir hassen diesen Schwächling an dem Kreuz,
Wir hassen diesen gottverlassnen Gott!
JULIA
O Jesus, hab Erbarmen mit den Armen,
Der alte Satan spielt mit ihren Herzen!
O Jesus, wie beleidigt man dein Herz,
Wie leidest du in deinem Herzen Schmerzen!
O du mein Gott, wie könnte ich dich trösten?
Ein Liebender, der Liebe schenken will,
Der aber Spott nur und Verachtung erntet,
O Jesus, das bist du, ein Liebender,
Der als Freiwilliger den Liebestod
Für die geliebte Menschheit starb, die Menschheit
Hat aber nichts als Hohn und Spott für dich!
O Jesus, trösten möchte ich dein Herz,
Geliebter, jedenfalls – ich liebe dich!
GERMANEN
Kommt, Männer, lasst uns saufen Götterbier,
Wir wollen einmal ganz besoffen sein!
Denkt, Männer, an die Wonnen eurer Jugend,
Als ihr besoffen durch die Welt getaumelt
Und jedes Weibchen nahmt, das willig war!
O Freiheit in der Trunkenheit der Götter!
Die Götter saufen kräftig in Walhalla!
Ha, ein Germane, der den Strohtod stirbt
Und friedlich einschläft in dem Sterbebett,
Der kommt zur Hel, zur finstern Höllengöttin!
Doch die Germanen, die im Kriege sterben,
Sie steigen auf ins himmlische Walhalla,
Mit Wotan, Thor und allen andern Göttern
Sie saufen Bier der Götter in Walhalla!
Die Schwanenmädchen, himmlische Walkyren,
Sie schenken immer wieder diesen Kriegern
Das Götterbier in ihre Hörner ein!
Ja, wahre Krieger der Germanen sind
Die Krieger, die aus Totenschädeln saufen
Und sich betrinken an dem Hirn der Feinde!
Ah! Aber diese Jungfrau Julia,
Ein Schwanenmädchen ist sie und Walkyre!
Schaut doch nur diesen Schwanenhals euch an!
Das muss man doch den Christenschafen lassen,
Daß sie entzückend schöne Weibchen haben!
JULIA
Wenn ihr betrunken seid, ihr armen Kerle,
Dann scheint euch jedes Weibchen schön.
GERMANEN
Ja, Kätzchen! Freyja, unsre Liebesgöttin,
Sie ist auch solch ein süßes Schmusekätzchen!
Ah, Kätzchen, warum streckst du deine Krallen?
JULIA
Ihr tut mir leid! Entmenschte Tiere seid ihr!
GERMANEN
Kommt, Männer, lasst die Weiber, lasst das Mädchen!
Sie sinds nicht wert, dass man sich um sie kümmert!
Dumm sind die Weiber, falscher noch als Katzen!
Kommt, zündet an das hohe Opferfeuer,
Wir schlachten unserm Gotte Thor den Bock,
Wir fressen Fleisch zur Ehre unsrer Götter,
Denn unsre Götter lieben Fleisch und Bier,
Wir fressen Fleisch und saufen Götterbier
Und taumeln trunken in Walhallas Betten!
JULIA
Ich aber wache meinem Gott zu Ehren.
GERMANEN
(lachend)
Germanen saufen wenig, saufen selten,
Doch wenn sie saufen, saufen sich auch kräftig,
Und kräftig saufen die Germanen immer!

VIERTE SZENE

(Korsika. Die Germanen feiern ein heidnisches Sommersonnenwendenfest. Sie beten die Sonne als
Gott an. Julia ist in einer dunklen Hütte eingesperrt.)

DRUIDE
Germanen, beten wir die Sonne an!
Im Sommer steht die Sonne im Zenit,
Die Sonne herrsche über alle Lande,
Sie bringt hervor das Leben auf der Erde,
Sie sendet ihre Strahlen, wohlzutun.
Wir breiten alle unsre Arme aus,
Empfangen von der Sonne Himmelskräfte.
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