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„Heinz Schenk Debatte“

Texte zur Kritik an den Autonomen -


Organisationsdebatte -
Gründung der Gruppe „Für eine linke Strömung“
2
Inhaltsverzeichnis
04 Vorwort zur Neuauflage (2011)
04 Einleitung (1992)

05 Gibt es ein Leben vor dem Tod?


07 Thesen zum Kulturbegriff

09 Wir sind doch kein Kampagnenheinz!


13 Eine Antwort auf Heinz Schenk
14 Die Autonomen machen keine Fehler,
sie sind der Fehler!
23 Versuch einer Antwort auf Heinz Schenk
26 ZAUH - Zirkel autonomer Herätikerinnen
30 Noch ein ketzerisches Papier
33 Und wenn es doch noch was anderes gibt?
36 Neues aus dem Unterhaus:
Organisationsdebatte
44 Autonome Studis Bolschewik
50 Soziale Revolution gegen Großdeutschland

Praktische Konsequenzen –
Die Gründung der Gruppe FelS

57 Thesenpapiere zur Veranstaltung am


28. Januar 1992
58 Sich dem Kapitalismus nicht ergeben
71 Für eine linke Strömung
72 FeIS-Selbstverständnis
75 Seminarreihe der Lern-AG der Gruppe FelS
76 Resümee von 6 Monaten „Für eine linke
Strömung“ (FelS)

Mit freundlicher Unterstützung der Rosa-Luxemburg-Stiftung


Vorwort zur Neuauflage (2011)
Diese Broschüre dokumentiert einen Blick auf die verstaubten hergetragenem anstatt wirklich
eine vor mehr als zwanzig Jahren Ahnen und die bucklige Ver- praktischem Anspruch die Gesell-
geführte Debatte innerhalb der wandschaft der Gruppe FelS zu schaft zu verändern, muss sich
westdeutschen radikalen Linken. werfen, sondern das uns heute fragen, wie sie wieder attraktiv für
Der merkwürdige Name Heinz- weiterhin relevant Erscheinende eine breite Anzahl an Menschen
Schenk-Debatte rührt daher, dass einer immer virulenten Organi- wird und sich aus der eigenen
zwei der beteiligten Autor_innen sationsdebatte zu betonen. Eine Marginalität befreit. Dabei hilft uns
als Pseudonym den Namen eines neue Generation von Aktivist_ weder verklärtes Schwelgen im
abgehalfterten Fernsehmodera- innen kennt sie nicht mehr aus roten Fahnenmeer vergangener
tors und Schlagersängers nutzten. eigenem Erleben, aber aus vielen Zeiten, noch die Massenver-
Anlass der Neuauflage ist das Nachfragen wissen wir, dass die achtung auf- und abgeklärter
Jubiläum jenes post-autonomen Heinz-Schenk-Debatte nach wie Theoriezirkel, noch das verbissene
Organisierungsansansatzes, der vor eine wichtige Diskussions- Trotz alledem der alten Militanten.
sich damals als Konsequenz grundlage bietet: Viele der darin Eine relevante Gesellschaftliche
der Debatte gründete. Die von benannten Probleme stellen sich Linke muss der neoliberalen
Heinz Schenk und anderen offenen und undogmatischen Vereinzelung etwas entgegen-
formulierte Kritik an autonomen Gruppen heute immer noch ganz setzen können, solidarische
Politikformen stellt einen Bruch ähnlich. Immer noch schlagen wir Formen zur Bewältigung des
in der neueren Geschichte der uns mit unterschiedlichen Lebens- Alltags entwickeln und in kon-
radikalen Linken dar und ist Teil umständen und Wissensständen krete Verhältnisse intervenieren.
ihrer notwendigen Neukonstitu- herum, immer noch versuchen Zweierlei also: Intervention und
ierung. Viele der in der Debatte wir unsere Politik strategisch zu Invention. Oder auch „Klebstoff
genannten Ansprüche sind uns bestimmen und nicht einfach zwischen den Vereinzelten sein
heute immer noch wichtig – und hilflos in die Wiederholung alter – Konsens schaffen – kommunis-
sei es als bisher nicht oder nur Politikformen zurückzufallen, tische Lebensformen aufbauen.“
ungenügend eingelöste. sondern beständig an einer expe- Nicht die Antworten auf diese
Einiges hat sich verändert in rimentellen Praxis zu arbeiten. Herausforderungen lassen sich
diesen zwanzig Jahren, anderes Eine radikale Linke, die es ernst in dieser Broschüre finden, aber
nicht. Es geht uns nicht darum, meint mit ihrem oft hilflos vor sich viele der richtigen Fragen.

Einleitung (1992)

Dieser Reader ist ein Zusam- folgt dann die Kritik an den licht. Versäumt haben wir es,
menschnitt der seit Sommer Autonomen, die so genannte Zusammenfassungen unserer
’91 gelaufenen Organisations- Heinz-Schenk-Debatte. Der Seminare zu schreiben. Für
debatte, von der Heinz-Schenk- dritte Teil stellt die praktische die Zukunft gedenken wir
Debatte bis zur Entstehung der Konsequenz, die wir aus der nach Abschluss einzelner
Gruppe FelS. Debatte gezogen haben, dar, Seminarreihen eigene Reader
Der erste Teil des Readers die Gründung der Gruppe herauszugeben.
beinhaltet die im Vorfeld der FelS. Die meisten der hier Wir sind weiterhin eine offene
Heinz-Schenk-Debatte entstan- vorliegenden Texte (bis auf Gruppe für alle, die auf der
denen Texte zur Organisa- das Resümee von 6 Monaten Basis unseres Selbstverständ-
4 tionsfrage noch innerhalb der FelS) wurden bereits in der nisses bei uns mitarbeiten
Autonomen. Im zweiten Teil Berliner „Interim“ veröffent- möchten.
Gibt es ein Leben vor dem Tod?
Unsere noch relativ dünne waren zu Instantrezepten II. Ein kalter Winter
Personaldecke kann die Mitar- erklärt worden. Linke Politik und noch mehr
beit in einem unserer Projekte wurde eher als Kampf „gut Missverständnisse
gebrauchen, wir sind aber auch gegen böse“ denn als kompli-
für die Gründung neuer AGs zierte Vermittlung zwischen Der Anfang von FelS lag
offen. Ebenso sind wir auch Gegebenem und Gewolltem atmosphärisch dort, wo wir
über Berlin hinaus an einer begriffen. Ob unser Versuch, inhaltlich aufhören wollten.
Zusammenarbeit mit Gruppen eine Gruppe zu gründen, die Im Versammlungsraum eines
und Einzelpersonen, die in eine außerhalb bestehender Denk- besetzten Ostberliner Hauses,
ähnliche Richtung arbeiten, strukturen revolutionäre Politik wo es selbst dann noch bitter-
interessiert. machen wollte, gelingen würde, kalt war, wenn der Ofen zwei
war am Anfang sehr fraglich: Stunden vorher angeheizt
I. Der Austritt und Sehr wenige schienen sich auf wurde.
seine Folgen ein neues Projekt einlassen zu Manchmal wurde deshalb das
wollen. Selbst viele derjeni- Treffen in einen der Privaträume
Als wir im vergangenen Herbst gen, die unsere Kritik teilten, verlegt, was den improvisiert-
schrieben „Unsere Papiere sind konnten sich Politik nicht chaotischen Eindruck unseres
eine Art Austrittserklärung aus außerhalb der Einordnung in Unternehmens noch verstärken
den Autonomen“ machte sich die eingeübten Schemata RAF- musste.
die Häme über uns vor allem an RZ-Autonome vorstellen. Die eigentlichen Probleme
dieser ironisch, aber absichts- begannen jetzt erst. Auf der
voll gewählten Bemerkung fest. Angesichts erster harscher einen Seite stand die Notwen-
Wir könnten nur in Parteistruk- Reaktionen haben wir uns digkeit, als offene Gruppe zu
turen denken und hätten nun manchmal gefragt, ob nicht arbeiten, da sich neue Organi-
endlich gemerkt, dass die doch wir die Verrückten sind. sationen und Debatten nicht als
Autonomen keine Partei seien. Ob wir uns nicht einbilden, Zirkel herausbilden.
Vor allem deshalb seien wir der Stein des allgemeinen Zudem glaubten wir, dass die
enttäuscht, aber nun könnten Anstoßes zu sein, bloß weil wir bisherigen Versuche, linksradi-
wir ja unsere eigene Partei selbst aus Ungeschick überall kale Politik zu verändern, auch
aufmachen. anstoßen. Ob das Szeneleben daran gescheitert waren, dass
Das „Missverständnis“ hätte nicht doch so viel zu bieten sich bloß neue abgeschlossene
nicht größer sein können. Was hat, dass es uns lebenslänglich Grüppchen gebildet hatten, die
uns an sämtlichen Gruppen der reichen würde. über ihren Tellerrand nicht mehr
deutschen radikalen Linken Eine nette WG, gelegentlich hinauskamen.
genervt hatte, woran wir uns auf Demos den Ärger rauslas- Auf der anderen Seite war
die Köpfe angerannt hatten, sen oder einfach nur mitlaufen klar, dass viele bloß deshalb zu
war der Dogmatismus der und sich – wie am 1. Mai als uns stoßen würden, weil wir
undogmatischen Linken. Viele fühlen zu können. Sicher, einem weit verbreiteten Gefühl
Strukturen und jahrelange sicher, da war das Wissen um der Unzufriedenheit Ausdruck
Denkweisen durften nicht mehr die Szenepsychos – aber gab verliehen hatten, sich ihre und
hinterfragt werden, geschweige es nicht auch Ausnahmen, die, unsere Unzufriedenheit aber aus
denn, dass Möglichkeiten zu die es geschafft hatten, sich verschiedenen, oft entgegenge-
ihrer Veränderung von innen ganz gut im Leben und mit der setzten Motiven speiste.
heraus zu sehen waren. Die Szene einzurichten. Ich erinnere mich da noch an 5
Formen politischen Handelns einen Februarabend, an dem
nur 1/4 der Anwesenden die III. Mühen und Freuden Trotzdem, auch subjektiv, denke
eigentliche Gründungsgruppe der Ebene ich, haben wir in diesem Jahr
ausmachte und wir ständig einiges gewonnen. Endlich
zwischen den 3/4 Erstbesucher- Das Schlimmste dürfte erstmal politisch planen zu können und
Innen vermitteln mussten – hinter uns liegen. Zwar haben nicht wie der Kampagnenheinz
darunter so entgegengesetzten wir natürlich weiterhin Probleme, auf den nächsten Schlag des
wie denen, die meinten, dass die die wir angehen müssen, aber Gegners warten zu müssen, hat
Autonomen nicht genug drauf- nicht letztlich vom Tisch wischen uns ein Stück Selbstbestimmung
hauten und zu viel lesen würden können: zum Beispiel das von zurückgegeben.
und einer kleinen trotzkistischen unterschiedlichen Wissens- Wir sind nicht mehr die
Sekte, die wohl in der Hoffnung ständen und Fähigkeiten in der einsamen Don Quijotes gegen
zu uns gekommen war, hier Gruppe. Oder das Problem der die Windmühlenflügel der auto-
frustrierten, ratlosen und daher Dialektik zwischen subjektiven nomen Betriebsamkeit.
dankbaren Autonomen eine Bedürfnissen und objektiver Und neben uns regen sich trotz
neue Orientierung geben zu Politik, zwischen Konkretem und aller Unterschiedlichkeit einige
können. Abstraktem. Gruppen, die Hoffnung auf
Für Außenstehende müssen Bis jetzt gibt es weder ein eine gemeinsame Perspektive
diese Abende immer sehr bizarr FeIS-Sanatorium noch Ideen, die machen, Gruppen aus allen drei
bis lächerlich gewirkt haben. die Finanzierung der Einzelnen großen linksradikalen Strömun-
Der Name FelS war eher eine kollektiver gestalten könnten. gen der ’80er Jahre haben be-
Verlegenheitslösung, mit der Es scheint so sein zu müssen, gonnen, dogmatisch verhärtete
wir bis heute wohl nicht ganz dass je schlechter die Linke Positionen zu hinterfragen.
zufrieden sind. dasteht und damit auch Das Prinzip Hoffnung kann
Wir hatten zwar genug Phanta- meistens ihre Individuen, desto wieder in die linke BRD-
sie, uns eine andere Linke vor- abstrakter eine erste Phase Geschichte eintreten:
zustellen, aber bei Namensge- neuer linker Politik sein muss,
bungen versagt sie regelmäßig um dann langfristig erfolgreich
(bei der Namensgebung für die an den konkreten Bedürfnissen „Nur wenn das Unmögliche
beiden von uns geplanten Zei- ansetzen zu können. immer wieder gedacht wird, lässt
tungen sind ähnliche Notlösun- Die derzeitige Arbeit, die aus sich das Mögliche retten: das,
gen zu befürchten). viel Lesen und Schreiben was wir kennen, ist nicht alles.“
„Linke Strömung“ – der Begriff besteht, ist jedenfalls notwendig, Rossana Rossanda
„Strömung“ sagt nicht, als aber eben nicht nur befriedi-
Strömung innerhalb von was gend.
er gedacht ist. Innerhalb der Wir hoffen darauf, dass unter
revolutionären Linken – dann anderem die Zusammenarbeit
würden wir jene unsinnigen mit anderen Gruppen, die in
Rechts-/Links-Klassifizierungen eine ähnliche Richtung denken
innerhalb der kommunistischen (Kongress im nächsten Früh-
Gruppen vor allem der 20er jahr?) diesen einseitig einsamen
Jahre wiederholen. Innerhalb Arbeitsstil etwas einschränken
der Gesellschaft – damit würden wird.
wir ein pluralistisches Gesell-
schaftsbild ausdrücken, in dem
zum Beispiel kapitalistische wie
6 antikapitalistische Strömungen
nebeneinander Platz haben.
Thesen zum Kulturbegriff
Keine Revolution ohne andere das sich meine gesellschaftliche Lebensformen stückchenweise
Kultur, ohne andere Umgangs- Identität stellen würde. Sie sind schon vor der Revolution vor-
und Lebensformen, ohne eine sicherlich prägend, können mich weggenommen (auch wenn die
Veränderung der Menschen, die mitziehen und mir neue Sachen Veränderungen immer wieder in
sich an ihr beteiligen. So weit, zeigen, aber ihr Rhythmus die objektiven gesellschaftlichen
so klar – aber darüber, wie eine definiert nicht meinen. Warum Bedingungen zurückfallen).
andere Kultur entsteht und wie ausgerechnet wir Linken eine Gegenkultur ist also „präven-
ihr Verhältnis zur Politik aussieht, neue Protestkultur kreieren tive Revolution“, aber sie kann
darüber wird in der Linken sollten, ist mir deswegen die Revolution als Prozess
wenig geredet. Deswegen diese schleierhaft. der Machtübernahme nicht
Gedanken zum Kulturbegriff: ersetzen.
2.) An gesellschaftlichen Ich glaube, dass die kulturelle
1.) Gegen-/Protestkulturbewe- Prozessen sind mir die bewusst- Subversion als „beharrliches
gungen so wie die antiautoritäre machenden Elemente wichtig. Aushöhlen des alten Systems“
Bewegung ab 1968 oder die Diese Bewusstsein-schaffenden alleine zu keiner bleibenden
Jugendrevolte 80/81 sind für Momente finden sich in Kultur- Veränderung führt. Jede
mich im Wesentlichen zweierlei: bewegungen genauso, wie in gesellschaftliche Transforma-
a.) das Ausprobieren von neuen Kämpfen um Lohn, ein Zentrum tion braucht politische und
Formen, wobei diese Formen usw. – oder auch in unvermittelt militärische Strategie.
relativ willkürlich gewählt und ausbrechender Klassengewalt Ohne diese Strategie, die von
sogar reaktionär sein können (z. B. die Jugendbanden und Organisationen oder Organi-
(z. B. Skins). Dieses Auspro- ihre Konfrontation mit den sationskernen vermittelt wird,
bieren erschöpft sich sehr Bullen). wird Protest oder Gegenkultur
schnell. Wie in jedem gesell- Darüberhinaus aber noch in x- zurückintegriert (z. B. die Kom-
schaftlichen Prozess lässt die Sachen, oft Kleinigkeiten, mehr. merzialisierung des Punk, die
Euphorie nach. In ihnen beginnen Menschen Integration der Alternativen, der
b.) Der Ausbruch aus der ihr Untertanensein ein Stück „Marsch“ der Antiautoritären): –
Einsamkeit als sich neu konsti- aufzusprengen: sie werden an genauso wie politische Strategie
tuierende Gemeinschaft (wobei einzelnen Stellen eigenständige ohne gegenkulturelle Elemente
dieser Ausbruch eben auch Subjekte ohne sich dadurch nur lustfeindlich und formalis-
außerhalb von Protestbewegun- aber gleich „ganz“ zu finden. tisch sein kann.
gen stattfinden kann). In ihrer Bewusstsein-schaffende Mo-
Spontanität sind gesellschaftli- mente sind Schritte auf einem 4) Natürlich gibt es einen
che (und damit meistens auch Weg, noch nicht das Ziel selbst. Bereich der spontanen Entwick-
kulturelle) Ausbrüche unkontrol- lung von Kultur, oder besser:
lier- und steuerbar. Selbst wenn 3.) Gegenkultur kann über den Entfaltung der menschlichen
das anders wäre, würde so eine Bewusstwerdungsprozess, Vielfalt. Das ist, wenn wir auf
Kontrolle wenig interessant sein. der in ihr abläuft, ein konstitu- der Straße singen, tanzen, uns
Klar ist auf jeden Fall auch, dass ierendes Element der neuen unvermittelt und unreflektiert
diese Aufbrüche ihre Schat- Gesellschaft sein. Das Men- ausdrücken. Darüber brauchen
tenseiten haben. Ich persönlich schenbild einer Gesellschaft wir aber auch nicht zu reden.
mißtraue ihnen ein bißchen, weil wird beispielsweise durch die Daneben gibt es aber auch
ihr oft jähes Ende auch mich Kunst zum Ausbruch gebracht, bewusst zu entwickelnde
mit hinabzieht. Sie sind für mich aber auch weitergetrieben. Gegenkultur, die außerhalb 7
daher auch kein Fundament, auf So werden revolutionäre von spontanen Aufbrüchen
entsteht. Das ist für mich vor intervenieren, gesellschaftlich Organisationsansätze als ML-
allem der Austausch mit vielen wahrgenommen zu werden. Sektierertum und Psychozirkel
verschiedenen Menschen, Egal, was wir sagen und den- geendet sind, überzeugt mich
Gemeinschaftlichkeit, ein Über- ken, jede Struktur misst sich nicht vom Gegenteil. Die ML-
Sich-Hinausgehen – also ein natürlich auch an ihrer Effizienz. Phase (die K-Gruppen Anfang
Annähern an kommunistische Genau das ist für uns alle sub- der ’70er) war meiner Ansicht
Lebensformen. jektiv ausgesprochen wichtig, nach nur die undialektische
Diese Lebensformen gehen denn wer macht schon gerne Negation der antiautoritären
nicht aus individuell erlernbaren eine zeitraubende Arbeit, wenn Bewegung, so wie wir weitge-
Fähigkeiten hervor, sondern sind sie nicht wenigstens manchmal hend die undialektische Nega-
kollektive Entwicklungsprozesse, Erfolgserlebnisse vermittelt? tion der ML-Phase sind.
die mensch – hauptsächlich als Wildwuchs ist tendenziell (außer
systematischen Lernprozess in Bewegungshochzeiten) ziem- Zum Schluss:
– durch die Arbeit an einem lich ineffektiv, die frustierende (so „subjektiv“ wie nur
gemeinsamen Prozess macht. Arbeit bleibt an wenigen hän- irgendwas) – mir macht
gen, die gleiche unangenehme politische Arbeit da Spaß, wo
5) Das mir naheliegendste Arbeit wird drei oder vier mal sie über den eigenen Teller-
gemeinsame Projekt der Linken gemacht. Auch deshalb müssen rand hinaus auf andere soziale
ist die revolutionäre Organi- wir über die „wildgewachsene“, Realitäten zugeht, denn da höre
sation. – Warum? Wenn mir subkulturell definierte Szene ich auf, nur für mich denkendes
an der Szene etwas auf die hinaus. Subjekt zu sein und treffe mich
Nerven geht, dann ist es ihre mit anderen: Dahinter steht für
Beschäftigung mit sich selbst, Zusammengefasst: mich die gedankliche Kette:
ihre Selbstlähmung, die aus dem In ihrer Plan- (und deswegen Klebstoff zwischen den Verein-
vorherrschenden bürgerlichen Perspektivlosigkeit) verstellt uns zelten sein – Konsens schaffen
Individualismus hervorgeht die „Szene“ als Organisations- – kommunistische Lebensfor-
und ihn reflektiert. „Jeder ist form das Gefühl des Vorankom- men aufbauen.
sich selbst am nächsten“, heißt mens (es sei denn, die Zu der in Mode geratenen Dis-
die bürgerliche Variante des Bewegungsdynamik verschafft kussion über den Widerspruch
autonomen „Subjektivismus“. uns dieses Gefühl auch ohne zwischen eigener Subjektivität
Die entscheidende Frage ist unser Zutun): In ihrer subkul- und abstrakter Politik: Politik ist
also, wo und wie wir unsere turellen Abschottung verhindert zwangsläufig Abstraktion von
individuelle Subjektivität zu einer sie die Auseinandersetzung sinnlichen Wahrnehmungen.
verschmelzen. Der Prozess mit außen, blockiert also auch Das ist nicht weiter schlimm. Auf
bewusster Organisierung (als das befreiende Aufgeben des der anderen Seite sind wir als
Organisation) ist eine solche bürgerlichen Individualismus. ganzheitliche Menschen aber
Verschmelzung, also Arbeit Meine These ist deswegen, sehr viel mehr als nur „Den-
an der Kollektivität, an der dass es gerade in Bewegungs- kende“.
Gegenkultur, an der neuen tiefs für uns RevolutionärInnen Für mich heißt das, meine Spon-
Gesellschaft. subjektiv notwendig ist, über ein tanität und Kreativität genauso
Zum anderen hängt damit auch so abstraktes Thema wie die auszuleben wie mein Bedürfnis
eng die Frage nach Erfolg und Organisationsfrage zu reden, nach bewusst geplanter und
Nichterfolg zusammen. Erfolg, weil wir anders kaum mehr als erfüllter politischer Arbeit. Be-
das heißt für mich, neue Leute nur uns selbst wahrnehmen wusstsein und Spontanität. Krea-
zu gewinnen, an einzelnen können und keine gesellschaftli- tivität und Systematik sind für
8 Punkten Zwischenerfolge zu che Relevanz erlangen werden. mich dialektische Begriffs-paare,
erringen, richtig bestimmt zu Die Tatsache, dass andere die sich gegenseitig benötigen.
Die jetzigen Formen des Szene- der Jugendrevolte wahrscheinlich Also nicht Partei statt Szene,
Wildwuchses reichen mir nicht. kulturell, wenn man die eigene sondern Gegenkultur, soziale
Ich mache Politik immer mehr Herkunft und die Außenbedin- Bewegung und revolutionäre
außerhalb von autonomen gungen berücksichtigt, gar nicht Organisation als unterschied-
Zusammenhängen, mache dabei schlecht (oft nicht anders als liche, sich ergänzende Sphären.
gute Erfahrungen und kann die Umwelt, oft noch individua- Unsere individuelle Perspektiv-
mir vorstellen, ganz aus ihnen listischer, aber manchmal eben losigkeit kann nur eine kollektive
herauszuwachsen. Dagegen doch umwerfend revolutionär). strukturelle Antwort haben,
schätze ich „autonome“ oder Politisch dagegen ist sie unbefrie- unser Problem lässt sich mit der
linksalternative Lebens- und digend, völlig überholt von den gemeinsamen Abstraktionsleis-
Kulturformen nach wie vor: Ich Wirklichkeiten einer immer här- tung lösen.
lebe gerne in der linken WG, teren sozialen Realität. Und: Auch Deswegen sind unsere Schwie-
liebe Kiez-Discos, mag das EX, für das Zusammenleben (also die rigkeiten mit Alltag und unserer
umgedrehten Kleiderzwang kulturelle „Sphäre“) wäre erfolg- „Kultur“ eng mit der Organisa-
und Nicht-bezahlen-müssen auf reichere (d. h. systematischere) tionsfrage verbunden.
Voküs. politische Arbeit sinnvoll, denn
Die Szene ist als Erbin der befriedigte Menschen haben Zettelknecht
antiautoritären Bewegung und weniger Psychos miteinander.

Wir sind doch kein Kampagnenheinz!


I. Die Geschichte der autonomen Dabei haben wir nichts Analyse findet im Großen und
Bewegung ist die von Kampag- Grundsätzliches gegen eine Ganzen weder untereinander
nen. Auch wir haben gehofft, Flüchtlings-, Olympia- oder noch im Austausch mit anderen
aus Ein-Punkt-Bewegungen zur WWG-Kampagne einzuwenden, gesellschaftlichen Gruppen,
kontinuierlichen Politik kommen sie müssten aber Resultat stra- weder öffentlich noch unter der
zu können. Trotzdem wir dieses tegischer Diskussionen sein und Hand statt – allenfalls noch im
Konzept seit der Anti-AKW- nicht deren Ersatz. eigenen Kleingrüppchen, die
Bewegung ’86 für gescheitert für sich genommen aber kaum
erachten, haben wir uns dann II. Eine politische Bewegung politisch handlungsfähig sind,
zähneknirschend mangels muss sich eine gesamtgesell- geschweige denn gesellschaftli-
Alternative z. B. an der IWF- und schaftliche Analytik erarbeiten che Relevanz erlangen können.
Shell-Kampagne beteiligt, ob- – und dazu in permanentem
wohl wir deren baldigen Absturz öffentlichen Austausch (soweit IV. So bleibt immer wieder das
vorausahnten. Wir hielten eine es die Repression erlaubt) Warten auf äußere Ereignisse
ungenügende Praxis für besser sowohl untereinander, als auch – auf Großprojekte, Treffen von
als gar keine. mit anderen gesellschaftlichen politischen Gegnern, angrei-
Mit diesem Beitrag nehmen wir Gruppen stehen. Aus dieser fenden Faschos, Häuserräu-
erstmals gegen die neuesten Analyse heraus muss sie den mungen. Eigentlich müssten wir
Kampagnen Stellung. Wenn jeweiligen Bedingungen gemäß unseren jeweiligen Gegner doch
wir Beispiele anführen, dann die Mittel bestimmen und mal zum Essen einladen oder
vor allem die Anti-Olympia- Schwerpunkte festlegen. ihm zu Ehren eine Kiez-Disco
Kampagne: Sinngemäß trifft geben:
unsere Kritik aber auch z. B. auf III. Die automone Praxis sieht Wie langweilig wäre der Herbst
die WWG- und Flüchtlingskam- bekanntermaßen anders aus. ’88 ohne IWF gewesen, wie 9
pagne zu. Eine gesamtgesellschaftliche langweilig München ohne WWG
’92 und wie langweilig ist das dem bleiben nur noch die tech- dass wirklich Zehntausende
Leben in manchen besetzten nischen Details: die beliebten auf den Beinen sind, gehen wir
Häusern ohne den Überfall der Diskussionen Spalier ja-nein. nicht trotz Bauchschmerzen zur
Bullen. Vermummung ja-nein etc. Demo, nur damit es nicht so
Wo im Grunde alle erleichtert kläglich aussieht. Das führt zur
sind über den Anlass zum VI. Wir lehnen die Kampagnen Bestätigung der These, dass
Demonstrieren, obwohl sie aus mehreren Gründen ab: aus es ausreiche, in der Szene zu
sich nach draußen darüber be- politischen und persönlichen. mobilisieren.
schweren, wird es schizophren, Unsere persönlichen Gründe Politisch scheint uns die
Beschäftigungstherapie ist aber sind aber verallgemeinerbar und Praxis mittlerweile nicht mehr
keine politische Perspektive. damit ebenso politisch. nur unzureichend, sondern
Aus gemachten Erfahrungen falsch bis kontraproduktiv.
V. Wo sowohl Anlass als auch nicht lernen zu können, Als unzureichend würden wir
Form (möglichst militant auf gemachte Fehler immer beispielsweise eine radikale
allen Ebenen) der Politik festste- wieder machen zu müssen, weil Praxis bezeichnen, die sich
hen, entsteht notwendigerweise schlicht kein Forum besteht, lediglich auf einen Teilbereich
ein instrumentelles Verhältnis um Erfahrungen jenseits von (Internationalismus, Knast etc.)
zur Theorie. Manöverkritik diskutieren erstreckt, aber nicht oder kaum
Theorie dient nur noch zur zu können: Das ist ein- oder an einem gesamtrevolutionären
Absegnung der zuvor schon zweimal persönlich zumut- Projekt arbeitet. Hier sagen auch
beschlossenen Praxis. Dies bar. Danach helfen auch die wir: lieber eine solche Praxis als
führt zu einem reduzierten Schilderungen des Feindes in gar keine.
Theorieverständnis: Theorie ist den wildesten Farben nicht Eine Politik aber mit gesamt-
nicht mehr das Beschreiben mehr. Zudem ist diese Politik revolutionärem Anspruch, die
gesellschaftlicher Verhältnisse vollkommen ungeeignet, das statt Diskussionen krampfhafte
und daraus folgender Interven- gesellschaftliche Objektverhält- Suche nach Anlässen betreibt,
tionsmöglichkeiten, sondern nis der Einzelnen aufzuheben: die im Wunschdenken befan-
bloße Beschreibung der im Gegenteil, sie verstärkt sie gen ist und damit Illusionen
Machenschaften des Feindes. noch: Da die Politik nicht aus produziert („vielleicht klappt bei
Sogar bloßes Faktenaufzählen selbstbestimmten Ansatzpunk- dieser Kampagne ja doch der
wird noch als Theorie bezeich- ten entwickelt wird, sondern Sprung zur Kontinuität“), die
net. Konsequenterweise setzt sich lediglich der Strategie des nicht zur Aneignung politischer
sich denn auch der selbstentlar- Feindes entgegengestemmt Begrifflichkeiten, sondern zur
vende Begriff „Inhalt“ durch: wird, werden wir selbst in politischen Unfähigkeit führt,
Das Gefäß ist bereits gegeben, unserer Politik noch Opfer ihrer kann langfristig nur nach hinten
es muss nur noch mit Inhalten Pläne und zeitlichen Vorgaben. losgehen, selbst wenn z. B.
gefüllt werden. Worin diese Auch ein Fisch, der an der Olympia gekippt werden kann.
bestehen ist letztlich beliebig, Angel zappelt und sich wehrt, ist Wir stellen denn auch eine
nur die Form nicht. Objekt des Anglers. schädliche Dauerwirkung von
Wir glauben, dass auch genau Auch sind wir nicht mehr bereit, Kampagnenpolitik fest: Es bleibt
mit diesem falschen Verhält- politische Fehler durch subjektiv zwar eine Ahnung von der
nis von Theorie und Praxis erhöhten Einsatz auszugleichen. eigenen Hilflosigkeit, aber es
unsere berühmt-berüchtigten Wenn es politisch nicht fehlt jegliches Instrumentarium,
Schweige-VVs zusammen- erwünscht wird, wie jetzt vom diese zu erklären oder sich
hängen. Wer die Praxis schon autonomen Teil der Anti-Olym- Politik überhaupt anders vorstel-
10 beschlossen hat, also nicht mehr pia-Kampagne, intensive Öffent- len zu können. „Wir machen
strategisch diskutieren kann, lichkeitsarbeit zu betreiben, so jetzt mal eine Kampagne: Wir
wissen zwar, dass dies nicht das Themenbereiche, in denen Die Autonomen sorgten für
Optimale ist, aber uns fällt nichts erstmal kaum die Aussicht aufSchlagzeilen, für politischen
anderes ein“, ist eine politische direkte Aktionen besteht, denDruck, während die Grünen
Bankrotterklärung. ReformistInnen überlassen politisch konkrete Konzepte
(z. B. Gesundheit, Arbeits-, vorzuweisen hatten und es
VII. Wer den Feind nur in des- Schul- und Unikämpfe). verstanden, die an den Kämpfen
sen Offensiven beachtet und Folge davon wiederum ist Beteiligten in längerfristige
angreift, programmiert die eine Politik an den eigenen politische Arbeit einzubinden.
Niederlage vor. Das Ansetzen Bedürfnissen vorbei, da nichtHistorisch betrachtet ist dies
am stärksten Punkt führt nur dort angesetzt wird, sondern an
ja keine neue Konstellation:
höchst selten zu Erfolgen. Selbst den Punkten, an denen gerade Immer wieder hat es Massen-
wo diese erzielt wurden, stellen ein militärischer Angriff möglich
bewegungen gegeben, die
wir merkwürdiges Desinteresse erscheint. Unter anderem damit
von Führern/anderen gesells-
an ihnen fest. ist auch das geringe Interesse
chaftlichen Kräften für deren
Da der Feind ja immer irgendwo an Erfolgen in den laufenden Ziele benutzt wurden. Dies
in der Offensive ist, wird Kampagnen zu erklären. war die Folge davon, dass die
der Erfolg kaum registriert, Massenbewegungen aufgrund
geschweige denn genutzt, VIII. Zudem ist die autonome ihrer Klassenlage keine eigenen
sondern sofort zum nächsten Kampagnenpolitik eine des politischen Konzepte entwicklen
Punkt übergegangen (registriert faktischen Reformismus. konnten. Neu ist bloß, dass die
werden lediglich militärische Seit dem letzten Höhepunkt Autonomen diese immer wieder
Erfolge wie 1. Mai ’87, ’89: diese der Anti-AKW-Bewegung aus der Not geborene Situa-
werden zu Mythen). war es nicht zu übersehen: tion als politisches Rezept zu
Eine solche Politik, die nie das autonome Konzept, in verkaufen versuchen und somit
Fortschritte verzeichnen kann, Teilbereichsbewegungen freiwillig die Masse stellen,
muss zur Demoralisierung durch militantes Eingreifen zu auf deren Rücken Geschichte
oder schlimmeren psychischen intervenieren, sie vom Riot zur gemacht wird. Und dies, obwohl
Störungen führen. Das Bild von Revolution und vom Ein-Punkt- sie aufgrund ihrer materiel-
der Allmacht des Feindes wird Aufstand zum Aufstand gegen len Situation durchaus in der
so bestärkt. das ganze „System“ zu führen, Lage gewesen wären, eigene
Eine politische Theorie, die den war gescheitert. Stattdessen Konzepte zu entwerfen.
Feind nur im Moment seines waren die Autonomen zum Was sind in den Jahren nach
Angriffs wahrnimmt, kann nur bewaffneten Arm der Grünen ’86 nicht für Verrenkungen
ein unvollständiges Bild der geworden. unternommen worden, um den
Gesellschaft liefern. Da die mili- Während die Autonomen trotz Ruf des de-facto-Reformismus-
tante Linke dieses Bild aber für oder gerade wegen (denn trotz-revolutionärer-Verpackung
vollständig hält, wird es falsch.
Die These der Faschisierung
hat hier ihren Ursprung und
dann fiel der Anlass weg,
das Bewegungsloch trat ein) .
zu entfliehen.
Der Themenbereich „Ökolo-
gie“ wurde aufgegeben, da die
der auch durch ihren Einsatz
diese wiederum legitimiert erkämpften Teilerfolge aus den ReformistInnen hier am durchor-
im Nachhinein die ständige Kämpfen desolater hervorka- ganisiertesten waren – andere
Konspirativität und führt damit men, als sie hineingegangen Themenbereiche wurden ver-
zur weiteren Abschottung von waren, kletterten die Grünen stärkt aufgegriffen: Flüchtlinge,
der Realität. Ebenso legitimiert in den Prozentpunkten nach Umstrukturierung, etc., da man/
sie die Unterschätzung jeder oben und wurden von der Ein- frau hoffte, dass die ReformistIn-
anderen Aktionsform als der des Punkt-Partei zur gesellschaftlich nen hier nicht das Feld besetzen 11
direkten Angriffs. So werden handelnden Kraft. könnten.
. Abgrenzungswut gegenüber
einzelnen Analysen der
die Autonomen machen den
Putz auf der Straße und allen-
IX. Die kurzatmige Kampagnen-
politik ist Folge der Weigerung,
ReformistInnen und Entgegen- falls noch eine Veranstaltung die Organisationsdebatte zu
halten vermeintlich radikalerer, im „EX“ für die, die eh schon führen.
weil den Feind für schlimmer Bescheid wissen, die AL/ „In ihrer Plan- und deswegen
erklärender Thesen. Bund Naturschutz etc. machen Perspektivlosigkeit verstellt
So halten wir die ökonomistisch- öffentliche Diskussionen, Pres- uns die „Szene“ als Organi-
machtstrategisch analysierende searbeit usw. und interpre- sationsform das Gefühl des
Golfkriegsparole „Kein Blut tieren damit auch die Aktionen Vorankommens (es sei denn, die
für Öl“ für realistischer als den der Autonomen gegenüber Bewegungsdynamik verschafft
Versuch den Golfkrieg als der Presse: „Polizei wollte Aus- uns dieses Gefühl auch ohne
„Vernichtungskrieg gegen die schreitungen herbeireden“. unser Zutun). Meine These ist
arabische Bevölkerung“ zu inter- Nachdem die ausdrückliche deswegen, dass es gerade in
pretieren. Der Versuch, sich von Ablehnung jeglicher Zusam- Bewegungstiefs für uns Revolu-
den ReformistInnen statt in der menarbeit mit ReformistInnen tionärInnen notwendig ist, über
gesellschaftlichen Perspektive in in der IWF-Kampagne ’88 so ein abstraktes Thema wie die
der Analyse einzelner Planungen ebenso gescheitert war, wie Organisierungsfrage zu reden,
des Feindes abzugrenzen, führte die intensive Bündnispolitik weil wir anders kaum mehr als
zur Verschwörungstheorie, die bis ’86, existiert jetzt über- nur uns selbst wahrnehmen kön-

.
sich durch nichts belegen ließ.
Die Ablehnung, überhaupt
noch konkrete Forderungen zu
haupt keine Linie mehr: Jede
Gruppe betreibt Bündnispolitik
nach ihrem eigenen Gut-
nen und keine gesellschaftliche
Relevanz erlangen werden.“
Thesen zum Kulturbegriff
stellen („Wir sind einfach nur dünken und mit einer gewis-

.
da“).
Das Ablehnen jeglicher Bünd-
nisse mit ReformistInnen bzw.
sen Beliebigkeit. Das Ergebnis
der Olympia-Kampagne wird
sein:
Auch dem Reformismus-
Problem ist nicht anders bei-
zukommen. Eine revolutionäre
mit allen, die nicht zur militanten Die AL wird gestärkt aus der Bewegung kann sich nicht in
Linken gehören. Das Ergebnis Konfrontation hervorgehen, der Form von Bürgerinitiativen
ist gleich null. die sie braucht, um ihren (zumal meist klandestinen)
Entweder man übte sich in zwangsläufigen Image- und organisieren, oder sie wird
praktischem Existentialismus Profilverlust durch die Koalition deren Ergebnisse erzielen:
und konnte jenseits des unmit- wieder wettzumachen. Die einzelne Projekte zu verhindern,
telbaren Angriffsziels einer Autonomen werden am Ende um damit den gesellschaftlichen
Randale kein politisches Ziel wieder ratlos auf den nächsten Normalzustand zu sichern und
mehr benennen (siehe 1. Mai). Anlass zu militantem Vorgehen zu festigen.
Was letzten Endes den Verlust warten, allenfalls werden sie
der politischen Ebene über- die personellen Verluste aus- Die politische Seismographen-
haupt bedeutet. Oder man/frau geglichen haben, die sie ihre funktion, die die Protestbewe-
musste die Erfahrung machen, Politik immer wieder kostet. gungen für das System der
dass Reformismus nicht eine D. h. die AL geht auf jeden BRD mittlerweile haben, haben
Frage des Themas und jedes Fall politisch gestärkt aus auch die Autonomen. Ebenso
Thema letzten Endes reformi- der Kampagne hervor, die wie diese zeigen sie gesells-
stisch zu besetzen ist. Folge Autonomen nicht einmal dann, chaftliche Konflikte frühzeitig an,
war dann doch wieder die alte wenn sie ihr unmittelbares erlauben somit eine rechtzeitige
Arbeits-teilung, wie sie schon politisches Ziel, die Olympia- Korrektur der herrschenden
12 jetzt in der Olympia-Kampagne Verhinderung, durchsetzen Linie, ohne den Konflikt bzw.
präsent ist: sollten. das entstandene Konflikt-
potential organisatorisch weiter sich um uns herum alles den neuen Aufgaben und den
anbinden zu können. verändert, sich umso verzwei- neuen Epochen anzupassen,
Wenn sich reformistische felter an das alte zu klammern. nicht immer verstehen sie sich zu
Konzepte durchsetzen, ist Mindestens langfristig wird dies entwickeln gemäß den komplex-
dies meistens auch eine Folge zum Scheitern verurteilt sein. en Kräfteverhältnissen (und den
politischer Schwäche und Eine Gruppe, die sich den his- entsprechenden Positionen ihrer
Unfähigkeit der revolutionären torischen Veränderungen nicht Klassen) in einem bestimmten
Linken. Es ist keine Lösung, stellt, wird, wenn überhaupt, Land oder auf internationaler
keine konkreten Forderungen nur als Sekte ohne politische Ebene. In der Analyse dieser
mehr aufzustellen. Das ist der Relevanz weiterexistieren. Entwicklung der Parteien muss
Luxus für diejenigen, die Erfolge Heinz Schenk man unterscheiden: die gesells-
wie das Erkämpfen von weniger chaftliche Klasse; die Masse
Miete, kein Olympia, Bleiberecht der Partei; die Bürokratie und
für Flüchtlinge nicht notwendig „Mit dieser Reihe von Phänome- den Generalstab der Partei. Die
haben. Entscheidend ist, wer nen ist eine der wichtigsten, die Bürokratie ist die gefährlichste
aus konkreten Kämpfen gestärkt politische Partei betreffenden gewohnheitsmäßig konservative
hervorgeht. Dies kann jegliche Fragen verknüpft; nämlich, ob Macht; wenn sie schließlich ein
politische Formation nur, wenn die Partei fähig ist, gegen die solidarisches, für sich bestehen-
sie gesamtgesellschaftliche Macht der Gewohnheit und des, sich unabhängig von der
Konzepte vorlegen kann, wenn gegen die Tendenz zu reagieren, Masse fühlendes Korps bildet,
sie in den Kämpfen beteiligte zu mumifizieren und anachro- wird die Partei anachronistisch
Menschen für längerfristige nistisch zu werden. Die Parteien und in den Augenblicken akuter
Arbeit gewinnen kann. entstehen und konstituieren Krise wird sie ihres gesellschaftli-
sich zu Organisationen, um chen Inhalts entleert und bleibt in
Die Kampagne wird trotz die Situation in geschichtlich der Luft schweben.“
unserer Kritik stattfinden. Das ist lebenswichtigen Momenten für Antonio Gramsci
der Konservatismus der Linken: ihre Klasse zu meistern; aber
in schlechten Zeiten, in denen nicht immer verstehen sie sich

Eine Antwort auf Heinz Schenk


Wo du natürlich recht hast, ist praktischen Verhaltensweisen zusammenhocken, sich vermit-
die Tatsache, dass die Ent- aufzustellen, käme einem fakti- teln, sich gegenseitig kritisieren/
scheidung, eine Anti-Olympia- schen k.o. in der 100. Runde ergänzen.
Kampgne zu machen, nicht das gleich, sprich, wir würden uns Und wenn das einigermaßen
Resultat einer strategischen erstmal sehr lange gegen- klappen würde, könnte sogar
Diskussion der revolutionären seitig paralysieren (lähmen, gemeinsam analysiert werden,
Linken ist. In meiner Idealvor- schwächen, entkräften), zer- welcher Schwerpunkt von vielen
stellung käme das sehr wohl streiten, uns vielleicht in noch aus unserer revolutionären Sicht
vor. stärkere Sektierergruppen auft- gesellschaftlich anzugehen wäre
Nur damit anzufangen, alle revo- eilen. oder welche positive Utopie wir
lutionären Kräfte dieser Stadt Für mich wäre es schon eigentlich haben.
(gehört die RIM auch dazu?) ein riesiger Schritt nach Dass viele im Moment aus
an einen Tisch zu bringen, eine vorne, würden sämtliche den verschiedenen Bereichen
gesamtgesellschaftliche Ana- „Kampagnen“menschen und heraus sich ’nen Kopf machen, 13
lyse mit dementsprechenden „Teilbereichs“menschen sich um dem Flächenbrand Rassis-
mus was praktisch entgegen zu wenigstens zu fragen, als ein- Medien und Pressearbeit laufen
setzen, entstand zwar nicht aus fach Behauptungen in die Welt uns nicht so einfach aus der
einer Analyse heraus, dennoch zu setzen. Hand wie den eingefleischten
aus einem richtigen politischen PolitikerInnen und das ist auch
Gespür, sich selbstverständlich Zur Anti-Olympia- gut so.
dazu zu verhalten. Kampagne: Nachdem die Szene jahrelang
Du könntest das zwar mit Zusammenarbeit mit der Presse
dem Etikett „Kampagne” oder Diese hat gerade mal erst an- verpönt hat (außer morgens
„Feuerwehrpolitik” versehen, gefangen. Sie stand unter Hand- gierig am Frühstückstisch),
würdest damit aber völlig den lungszwang, weil das IOC nach müssen wir erst lernen, damit
positiven Kern verkennen. Berlin kam. Andererseits sind konstruktiv umzugehen, ohne
Deine Kritik, die Themen wir dadurch erst so richtig aus übern Tisch gezogen und
Flüchtlinge, Umstrukturierung den Puschen gekommen. Dass nicht wie die PolitikerInnen zu
wären als Reaktion auf Refor- wir da nach dem altbekannten werden. Wir wollen so jedenfalls
mismusangst von Linksradikalen Muster funktioniert haben, wis- nicht in Wettstreit mit AL/Grüne
besetzt worden, ist echt frech. sen wir auch. Liga treten.
Solidarische Kritik heißt für Durch den Zugzwang lief al-
mich, die Menschen erstmal les nicht so, wie wir dachten. Liselotte Pulver

Die Autonomen machen keine Fehler, sie sind der Fehler!


„Denn für die, die keine Kraft Pünktlich zum Ende des auto- Busunternehmen, das die
mehr haben, gibt es bei uns nomen Sommerlochs nehmen Flüchtlinge in die Ex-DDR gegen
keinen Platz und das weiß jeder. die Überfälle auf AusländerIn- deren Willen verfrachtet hat,
Denn die, sagt er leise... die neu nen an Quantität und Qualität mehrere Busse abgefackelt.
zu uns hinzukommen, meinen, (offene Unterstützung in Hoy- Politisch langfristige Konzepte
sie seien die Größten. Und die, erswerda) zu. Gleichzeitig wird werden kaum diskutiert.
die keine Kraft mehr haben, ver- auf der Ebene der offiziellen Stattdessen verschärfen sich die
schwinden still und heimlich und Politik über eine Verschärfung Konflikte zwischen der „aktio-
werden nicht mehr gesehen.“ des Asylrechts debattiert und nistischen“ und der „politischen“
Michael Wildenhain. die Angriffe auf AusländerIn- Fraktion.
Die kalte Haut der Stadt nen werden als Anlass genutzt, (Dabei widersprechen die-
diese Verschärfung durch- jenigen, die sich bei jedem
„Die Verbindung mit denen, zusetzen. Anlass Scharmützel mit den
die vor uns am Werk gewesen Die Autonomen, die bisher Bullen liefern, nicht autonomer
waren, war immer gleichbedeu- noch einen ungefüllten Ter- Theorie, sondern sind deren
tend mit einer Eröffnung des minkalender für den Herbst konsequentester Ausdruck:
Wegs ins Zukünftige. In diesem hatten, reagieren wie immer Wenn sowieso keine bewusste
Sinn sind wir Traditionalisten, bei aktuellen Anlässen wie ein Planung möglich ist, taktische
sagte Katz. An nichts Kom- aufgeschreckter Hühnerhaufen. Zurückhaltung an einem Punkt
mendes können wir glauben, Hektisch wird versucht, all das nicht mit der langfristigen
wenn wir Vergangenes nicht zu wettzumachen, was die Monate Einbindung von mehr Menschen
würdigen wissen.“ vorher unterblieb: Kontakte zu in unsere Arbeit wettgemacht
Peter Weiss. Die Ästhetik Flüchtlingen werden geknüpft, werden kann und auf der
14 des Widerstands Verstecke für diese organisiert, anderen Seite die Aktionen
Demos durchgeführt, einem bei jedem Anlass auch nicht
schaden – denn auch die zum ersten Mal in eine Krise persönlich einfach nicht mehr so
größten KritikerInnen kommen geraten. weiterarbeiten zu können. Ich
mangels Alternative wieder zur In der Aufarbeitung hat mir habe in den letzten 6 bis 7 Jah-
nächsten Demo – warum soll dann das Frankfurter Lupus- ren irgendwo zwischen 10 und
dann nicht jede noch so zufällig Papier zu den Libertären Tagen 20 Gruppen und eben soviele
günstige Situation für militante ’87 geholfen, die Kritik auf den Kampagnen durchlaufen. Ca.
Aktionen genutzt werden?) Punkt zu bringen, ich habe in 2/3 der Leute, mit denen ich
Was wir damit sagen wollen: den Projekten und Kampagnen, zusammengearbeitet habe,
Die Flüchtlingsarbeit unterschei- in denen ich seit ’87 drin war, haben sich ins Privatleben
det sich in keiner Weise von versucht, diese Kritik umzu- zurückgezogen, einer ist
den anderen Kampagnen der setzen, das heißt: vorübergehend in der Psychia-
Autonomen (wie die „Interim“ Kontinuität herzustellen, trie gelandet, einige im Suff
in ihrem Vorwort zu unserem militante und andere Aktionen geendet, einer hängt an der
„Kampagnenheinz“ gemeint sowie Theorie und Praxis ins Nadel und einer hat Selbstmord
hat!). Im Gegenteil, in gewisser richtige Verhältnis zu setzen, begangen.
Weise kulminiert hier eine fal- Mythen abzubauen, aus dem Daran sind mit Sicherheit nicht
sche Politik (dazu später mehr). Ghetto heraus zu kommen. nur die objektiven Bedingungen
Wir wollen keineswegs einzelne Diese damalige Kritik wurde oder subjektives Unvermögen
Kampagnen kritisieren, sondern und wird von einem Großteil schuld: Die autonomen Struk-
die grundsätzliche Arbeitsweise der Autonomen geteilt. Trotz- turen haben diese Formen der
(seltsamerweise haben uns dem hat sich seit ’87 bis in Resignation und Verzweifelung
diejenigen, mit denen wir über die scheinbaren Kleinigkeiten hervorgerufen oder zumindest
unseren Artikel gesprochen (z. B. Uniformzwang) nichts, begünstigt.
haben, weitgehend recht aber auch gar nichts geändert. Ich selbst habe das Gefühl
gegeben, aber die Kampagne, in Wenn eine politische Struktur von Stagnation, leide zuneh-
der sie selbst gerade mehr oder sich über Jahre hinweg gegen mend mehr unter den inneren
weniger zufällig stecken, davon jede Veränderung als resistent Verhältnissen der Autonomen
ausgenommen). Unsere Papiere erweist, ist sie offenbar nicht als unter den gesellschaftlichen
sind eine Art Austrittserklärung reformierbar. Bedingungen (das ist vielleicht
aus den Autonomen. Sie muss auf falschen Grund- auch ein Privileg von weißen,
theoremen basieren, die jede männlichen Mitteleuropäern).
Persönliche Erklärung des Änderung verhindern. Jede In der Arbeit ist nicht zu spüren,
halben Heinz Schenk: immanente Kritik, die also nur wofür wir kämpfen und die
Ich habe seit 6-7 Jahren Politik die Symptome kritisiert, fördert Tatsache, nie einmal grundsätz-
in autonomen „Zusammenhäng- das Weiterbestehen einer lich seine Fragen einbringen zu
en“ gemacht. Die ersten beiden grundsätzlich falschen Politik, können, sondern sich immer
Jahre waren dabei typische da sie deren Ursachen nicht nur aufs Neue in Kampagnen
„Jungsponti“-Jahre (chaotische erkennt. Deshalb kann unsere hineinstürzen zu können, nervt.
Lebensweise, Tendenz zur Kritik keine solidarische in dem Zudem macht die autonome
Selbstmarginalisierung, Aktionis- Sinne sein, dass sie das Positive Geschichtslosigkeit vieles
mus). hervorhebt, solange die Grund- schwierig. Da das Wissen um
Danach war aufgrund mangeln- richtung nicht stimmt. Geschichte nicht als grundsät-
der persönlicher Perspektiven, zliche Vorraussetzung für Politik
die aus der chaotischen Dabei entspricht die Schärfe begriffen wird, existiert keine
Lebensweise resultierten, und des Artikels weniger dem Art „kollektives Gedächtnis“,
häufigen Festnahmen aufgrund Anspruch, die Wahrheit gefres- alle fangen immer wieder am 15
des Aktionismus meine Politik sen zu haben, als der Tatsache, Nullpunkt an.
Das Einbringen von Erfahrung erklären, dass sich in den Struk- Gültigkeit bestitzt.
muss somit als Arroganz ver- turen doch gerade wieder etwas Auch kulturell habe habe ich
standen werden. Es ist nicht mal bessert und diese Kampagne mit der autonomen Szene nicht
zu schaffen, die Aktionismus- ganz anders sei. Und vor Allem mehr viel am Hut. Die Zeiten, in
Erfahrungen weiterzuvermitteln, ganz wichtig, weil die Schweine denen ich es für nötig gehalten
was eine praktische Erfahrung doch gerade wieder... Vielleicht habe, in ganz schwarz und mit
mit jüngeren GenossInnen fast ist das Ganze ja auch „nur“ ein Springerstiefeln herumzulaufen,
immer unmöglich macht. Generationskonflikt. Das Alter um mir selbst und allen anderen
Offenbar ist es so, dass alle der meisten Autonomen und die zu zeigen, dass ich auch zu den
individuell die Erfahrung machen Dauer ihres Engagements spre- gefährlichen Autonomen ge-
müssen, dass schlecht vorbe- chen jedenfalls dafür, dass sie höre, sind vorbei. Die verbissene
reitete Aktionen in neun von eher radikale Jugendkultur als Humorlosigkeit vieler Autonomer
zehn Fällen zwar gutgehen, in altersübergreifende Bewegung hat mich wichtige persönliche
einem aber daneben, und dass sind und sein können. Auch Beziehungen wieder außer-
sich häufende Festnahmen zur ihre Kultur und Politik sind von halb der Szene suchen lassen.
Krise und bei vielen zum indivi- einer spezifischen (Jugend-) Zudem bin ich es leid, meine
duellen Ausstieg aus politischer Phase gekennzeichnet, der der Abweichung von der autonomen
Arbeit überhaupt führen. Es ist Abgrenzung. Ich sage dies ohne Norm ständig erklären oder gar
unmöglich gewesen, auch nur Wertung. Um zu wissen wofür rechtfertigen zu müssen.
einen einzigen Genossen vom wir kämpfen, müssen wir uns Nochmal ausdrücklich: Ich ver-
Aktionismus fernzuhalten, das zunächst von dem abgrenzen, stehe dies nicht als Arroganz.
haben mit schöner Regelmäßig- was wir ablehnen. Nur glaube
keit dann erst die Bullen ich in den Autonomen nicht Wenn das trotzdem so ankom-
geschafft. älter werden zu können. Das ich men muss, ist das genau die
Von der Weitervermittlung gegen die Zustände hier bin und Folge eines nicht vorhandenen
theoretischer Erfahrungen ganz einen revolutionären Prozess „kollektiven Gedächtnisses”, die
zu schweigen. Ich weiß zuneh- für notwendig halte, weiß ich. nur die Wahl lässt, entweder Er-
mend auch nicht mehr, warum Artikel, in denen zum 250. Mal fahrungen zu verdrängen, oder
ich überhaupt noch theoretische die Strategien des Feindes das Lernen aus ihnen individuell
Texte lese, wenn diese auf die analysiert werden, entbehren einzufordern, was dann eben
Praxis nicht anwendbar sind. nicht einer gewissen Langeweile. als Arroganz und Beserwisserei
Meine heutigen Fragen sind verstanden wird.
KURZ: andere. Es sind die Fragen, die Das Problem scheinen mir nicht
Würde ich so weitermachen, in der autonomen Szene kaum nur die Unterschiede zwischen
fürchte ich schon sagen zu kön- gestellt werden, weil sie glauben, Älteren und Jüngeren zu sein,
nen, was ich in den Jahren 1999 es genüge, gegen das jeweilige sondern die Tatsache, dass für
und 2000 mache: in den selben Hauptprojekt entgegenzuhalten den Umgang mit ihnen keine
ghettoisierten Strukturen würde und der Rest werde sich dann vernünftige Form vorhanden ist.
ich zur nächsten WWG-Demo schon irgendwie, irgendwann Ich halte es jedenfalls auch für
1999 fahren, 2000 gegen Olym- finden. mich für eine schlechte Lösung,
pia demonstrieren, vielleicht auch Es sind zum Beispiel die Fragen mich wie manche Alt-Autonome
im gerade wieder angeschlos- danach, WIE ein revolutionärer auf das Anleiern von Kampag-
senem Breslau Faschos jagen – Prozess aussehen kann, die nen und Demoleitung zu be-
von den GenossInnen von 1991 nach der Möglichkeit einer schränken und sich die Jungen
würde kaum jemand übrigge- Übergangsgesellschaft, die immer wieder die Hörner an der
16 blieben sein – und die Neuen Frage danach, was an Theorie Repression abstoßen zu lassen
und Übriggebliebenen würden der letzten 150 Jahre noch an („Wir brauchen euren Mut und
ihr unsere Schlauheit”).
Wenn wir also autonome Politik
Zudem müssen wir, da keine
klar formulierten Platformen
. Bezüglich persönlichen
Verhaltens: Hieraus folgt die
grundsätzlich in Frage stellen, oder Positionen existieren, aus Tendenz zur Selbstmarginali-
dann nicht bloß, wegen deren dem autonomen Wust das sierung mit ihren Auswüchsen
mangelnder Effektivität, sondern herausfiltern, was trotz aller wie Uniformzwang, überhaupt
weil sie ihrem ureigensten Unterschiedlichkeit Autonome das Herausbilden einer weitge-
Anspruch, subjektive Emanzi- miteinander verbindet. Auch das hend einheitlichen Subkultur in
pation als Vorraussetzung des ist nicht einfach. allen Bereichen (Punk gegen
revolutionären Prozesses (und Die Autonomen entstanden Klassik etc.). Neben diesen
umgekehrt) zu begreifen, nicht Anfang der ’80er Jahre v. a. im unsinnigen Versuchen, bes-
gerecht wird. Der im Folgenden Kontext der Hausbesetzerbe- timmte Geschmacksformen a
erwähnte Begriff Subjektivismus wegung als Erbe der Spon- priori für links zu erklären (und
verhindert gerade die Befreiung tis. Nach dem Niedergang andere nicht) und dabei einen
des Subjekts. ’82/’83 blieben viele übrig, Konformismus zu erzwingen,
Eine Politik, die aber lediglich die weiterhin revolutionäre der bestimmt nicht links ist,
einen objektiven Faktor gegen Politik machen wollten. Was sind die ewigen persönlichen
das „System“ darstellt, jedoch macht eine revolutionäre Linke Anspruchs-Debatten Folge
keine subjektive Emanzipa- in schlechten Zeiten, wenn dieser Spielart des Subjekti-
tion ermöglicht, kann zwar sie die kritische Aneignung vismus.
kurzfristige Erfolge erringen, marxistischer Theorie ablehnt Nun ist es gewiss so, dass das
diskreditiert aber langfristig jede
(mit dem Hinweis auf die ML- Persönliche nicht vom Politi-
linke Politik. Auch die SED war Tradition v. a. der K-Gruppen) schen zu trennen ist und
ein objektiver Faktor gegen den und damit auch Begriffe wie insofern auch persönliche
Kapitalismus. gesellschaftliche Bedingungen, Verhaltensweisen zu diskutieren
materialistisches Denken und sind. Problematisch ist aber,
Der Subjektivismus – Dialektik verwirft? Wie stellt sie dass über allem der Anspruch
Hilfsmittel zur sich vor, mehr zu werden, die nach fehlerfreiem Verhalten
Erklärung der Welt Verhältnisse zum Tanzen zu schwebt und dabei nie die
bringen? Zum Erklärungsmus- Ausgangsbedingungen der Ein-
Um zu verstehen, warum sich ter wird der voluntaristische zelnen berücksichtigt werden.
die im Folgenden erwähnte Subjektivismus, das heißt, dass Es ist einfach unsinnig, ein
subjektivistische Theorie bei den die Revolution dann stattfindet, Verhalten einzufordern, das
Autonomen entwickelte, ist ein wenn die Menschen es wollen. eben erst in einer befreiten
Rückblick auf deren Geschichte Für die Frage, warum sie es Gesellschaft möglich ist – und
notwendig. – Schon das ist derzeit nicht wollen, bleiben nicht unter den derzeitigen Be-
schwierig genug. als Erklärung nur Bösartigkeit, dingungen. Die Gnadenlosigkeit,
Repression und Verblödung mit der gegen alle vorgegangen
Da eine eigene Geschichts- durch die Medien und Konsum wird, die diesen Ansprüchen
schreibung nicht für notwendig übrig. Allenfalls kommt noch nicht genügen, verhindert ge-
erachtet wird, sind wir auf die ein Schuss vulgärmarxistischer rade eine Weiterentwicklung der
Rekonstruktion aus alten Zeitun- Verelendungstheorie hinzu. Einzelnen.
gen, Erzählungen der wenigen Dieser voluntaristischer Sub-
Szene-„Opas und Omas“ und un- jektivismus taucht bei den Au- Um konkret zu werden: Natür-
sere eigene politische Erfahrung tonomen in zwei Spielarten auf, lich gibt es auch hier Grenzen
angewiesen. Sicherheit kann dies die sich aber gut miteinander für Spielräume. Vergewaltiger
natürlich nicht bieten, manches vereinbaren lassen. etc. haben in linken Gruppen 17
können wir nur vermuten. nichts zu suchen. Wer aber z. B.
Eifersucht zur unzulässigen Ver- den subkulturellen. einfach nicht konnten, sind wir
haltensweise erklärt, baut eine So erklärt sich auch die auto- so gut wie vollständig aus der
innere Repression auf, die dem nome Ghettomentalität: Wer Szene herausgefallen.
einzelnen nur das permanente sich einen politischen Prozess Die Einzelnen werden so zum
Gefühl ihrer Ungenügsamkeit nicht als eine Annäherung Rädchen im Getriebe, die nur
geben kann oder zur Selbstver- verschiedener gesellschaftlicher dann in einem revolutionären
leugnung führt und zudem eine Gruppen bei bestehen Prozess als wertvoll betrachtet
Thematisierung der Schwierig- bleibender Unterschiedlichkeit werden, wenn sie einen „out-
keiten unmöglich macht. vorstellen kann, sondern glaubt, put“ an Aktionen hervorbringen.
Der Versuch, durch vorbild- dass die ganze Welt so werden Dies ist aber nichts anderes als
liches persönliches Verhalten müsse wie die eigene Szene, kapitalistisches Denken, das die
die Ungerechtigkeit der Welt kann nur ein instrumentelles Einzelnen nach dem Wert ihrer
bekämpfen zu wollen, erin- Verhältnis zu anderen entwick- erbrachten Leistungen misst
nert an christliche Methoden. eln. Deshalb (und weniger we- und Leistung als Voraussetzung
Kein Wunder, dass verbissene gen des Rassismus in uns) sind der Freiheit begreift.
Humorlosigkeit ihren Einzug hält die Flüchtlinge jetzt OBJEKT
und viele Autonome moralinsau- autonomer Bemühungen, so Subjektivismus
ren Protestanten ähnlich sind. wie es ’86 die OberpfälzerInnen bedeutet den Verlust

. Bezüglich politischen Verhal-


tens: Wenn gesellschaftliche
waren. Sie werden ebenso wie
die fallengelassen werden, wenn
sich herausstellt, dass diese
innerer Demokratie

Die innere Demokratie


Veränderung nicht von gege- keineswegs beabsichtigen, Teil (Demokratie nicht im Sinne
benen Bedingungen abhängt, der Szene zu werden. parlamentarischer Demokratie,
sondern vom subjektiven Der Subjektivismus wirkt sich sondern als Möglichkeit, die
Wollen, und wenn die Wahl aber auch zerstörerisch auf den Vorgänge innerhalb der eigenen
der Mittel daher nicht von der vielbeschworenen kollektiven Gruppe oder Organisationen zu
Situation abhängt, sondern das Prozess aus. Im Schlepptau hat beeinflussen) ist Vorraussetzung
militanteste Mittel immer das er einen Objektfetischismus, für jede emanzipative Politik.
beste ist, da der Staat auf dieses d. h. Politik ist letzten Endes Diese ist bei den Autonomen
am heftigsten reagiert, ist der/ kein sozialer Prozess, sondern nicht gegeben, Kritik kann nur
diejenige am konsequentesten, die Steigerung von militanten als unverbindliche Aufforderung
der/die am häufigsten militante Aktionen, Demos. etc. und an geäußert werden, die aber,
Mittel einsetzt. Das ist letzten der Zahl militanter Aktionen und da keine bewusste Planung
Endes der Kern der Antiimp- Demos lässt sich demzufolge möglich ist und die Formen au-
These vom „Bruch mit dem der Reifegrad einer Linken tonomer Politik a priori gegeben
System“ und Ursache des erkennen. sind, wirkungslos bleiben muss.
autonomen Aktionismus. Auch dies resultiert aus dem
Vielleicht sind die Unterschiede Folge davon ist wiederum die Subjektivismus: Wo es nicht
zwischen der jetzigen RAF/ These „wir kommen nur in un- mehr um die Anpassung der
Antiimps und den Autonomen seren Kämpfen zusammen“, die politischen Formen an die
ja auch nicht größer als in der von manchen theoretisch ver- gesellschaftlichen Bedingungen
Betonung der verschiedenen treten wird, sich v. a. aber in der sondern um bloße Steigerung
Subjektivismen: Während die praktischen Arbeit zeigt. Noch der Leistung der Einzelnen geht,
RAF/Antiimps den politischen jedes Mal, wenn wir uns aus ist grundsätzliche Kritik über-
Bruch als ausreichend betrach- politischen Gründen an der ak- flüssig geworden. Aus demsel-
18 ten, legen die Autonomen tuellen Kampagne nicht beteili- ben Grunde waren die realsozi-
genausoviel oder mehr Wert auf gen mochten oder persönlich alistischen Staaten unfähig, z. B.
der Unproduktivität der eigenen aber zunehmend darin, dass ideologischer als ökonomischer
Wirtschaft mit ihrem politischen ihre Individuen atomisiert, Art war (von Sozi oder Bafög
Diskurs zu begegnen, sondern Handlungen ihres Sinns für ge- leben war noch möglich).
konnten diese nur dem Gegner sellschaftliches Zusammenleben Diese Voraussetzungen sind
zuschreiben und mit Appellen entleert (Ausbau des Dienst- heute nicht mehr gegeben: Die
antworten, die eigene Leistung leistungssektors, Verwertung Ablehnung der Kleinfamilie ist
zu steigern. Sie unterlagen dem immer mehr Bereiche persön- das Erfolgsrezept der Yuppies,
Fehler, ihre Form des Sozial- licher Beziehungen) werden Flexilibilität und Spontanität ist
ismus nicht für eine mögliche, und kaum noch Kommunikation die Voraussetzung für Karriere,
sondern für die immer und zu über kleine Gruppen hinaus Massenkonsum wird durch
allen Zeiten einzig mögliche zu stattfindet. Luxusware einerseits und Bil-
halten. Der Versuch, sich außer- Linke Politik begeht eine Tod- ligläden andererseits ersetzt:
halb der Geschichte zu stellen, sünde, wenn sie in dieser Situ- Die Unterschiedlichkeit von
wurde mit ihrem Verschwinden ation nicht die gesellschaftliche Lebensmodellen ist zumindest in
bestraft. Zersplitterung durch Organi- Großstädten keine Provokation
Zur Hiflosigkeit und Ohnmacht sation aufzuheben versucht, mehr, sondern Voraussetzung
gegenüber einer als nicht sondern das Erfolgsmodell des für Spaltung, in hunderte von
veränderbar angesehenen Ge- kapitalistischen Staates als ein- Interessengrüppchen.
sellschaft tritt damit die Hilflosig- zige Möglichkeit für emanzipa- Subkultur besitzt damit keine
keit und Ohnmacht gegenüber tives Handeln darstellt. Sprengkraft mehr, sondern fügt
der unveränderbaren, kaum Die Bekämpfung von Individu- den verschiedenen Lebens-
einmal beeinflussbaren Szene. alisierungsprozessen ist nicht modellen lediglich noch ein
durch Organisierung in ebenso weiteres hinzu.
Das autonome Organisa- zersplitterten Kleingruppen
tionsmodell als Antwort möglich. Hartmannismus und
auf die Ära des Rückblickend kann damit auch Flüchtlingskampagne.
Massenkonsums erklärt werden, warum die Die Theorie wird der
Autonomen Anfang der ‘80er Praxis angepasst
Die Ursache dafür, dass Jahre eine größere Wirksamkeit
Autonome innerorganisatorische als heute hatten. Bis Hoyerswerda haben wir uns
Demokratie für unwichtig Sie waren die letzte, vielleicht gefragt, warum die autonome
erachten, liegt aber auch in ihrer einzig mögliche, Antwort Flüchtlingsarbeit so seltsam
falschen Gesellschaftstheorie. der Linken auf das „Modell verläuft. Warum sitzen Gruppen
Wäre die hauptsächliche Ursache Deutschland“, was heißt: ein halbes Jahr im trauten Kreis
gesellschaftlicher Unterdrückung institutionalisierte Konfliktlösun- und reden über ihren Rassis-
in den Metropolen tatsächlich gen, Integration gesellschaftli- mus, ohne einen Flüchtling auch
Repression und Überwachung, cher Widersprüche durch nur mal aus 5 Meter Entfernung
könnte ein Organisationsmodell, Massenkonsum, standardisierte gesehen zu haben (wir kennen
das die Individuen der Überwa- Lebensmodelle von der Ein- solche Gruppen)?
chung und dem Zwang zu bauküche bis zum mit-20-in-ein-
gesellschaftlichem Konformismus en-Beruf-bis-zur-Rente und der Warum gibt es seit 5 Jahren
entzieht, tatsächlich eine gewisse Kleinfamilie als gesellschaftlicher Anschläge der RZ zu dem
subjektive Emanzipation ermögli- Norm. Thema, die in keiner Weise mehr
chen, wenn auch nur wenig Sich diesem Anpassungs- dem alten RZ-Anspruch gerecht
politisch erfolgreich agieren. zwang entgegenzustellen, werden, in Verbindung zu einer
Die Gesellschaft der BRD der hatte Anziehungskraft, zumal Bewegung zu stehen, ge- 19
’80er und ’90er Jahre besteht der Anpassungszwang eher schweige denn die zu erreichen,
denen sie solidarisch zugedacht fristige Konzepte agierend. Der Autonomen jenseits von Gut
waren, ohne dass dies von den autonome Operaisten-Flügel und Böse dastehen. Natürlich ist
RZ nur einmal kritisch reflektiert setzte dem noch eins drauf Flüchtlingsarbeit bitter notwen-
worden wäre? Warum haben die und kreierte den sogenannten dig.
Autonomen bis Hoyerswerda „Neuen Antiimperialismus“. Der Schutz vor Anschlägen
kaum einmal ihren traditionel- Detlef Hartmann u. a. begingen ebenso wie Rechtsberatung
len aktionistischen Arbeits- dabei den verhängnisvollen und Pressearbeit. Dies, weil
bereich übernommen, d. h. die Fehler, nicht mehr die eigene Linke immer die Aufgabe
Flüchtlingsheime vor Angriffen Praxis kritisch zu betrachten, haben, gesellschaftliche Brüche
zu schützen? sondern sich das Bild von der wahrzunehmen, Unterdrückte
Dazu müssen wir noch einmal Wirklichkeit nach der eigenen zu unterstützen und zu ihrer
einen Blick in die autonome Ge- Praxis zu machen, so dass die Selbstorganisierung beizutra-
schichtstruhe werfen: Dass die verelendeten, unbewussten gen. Da sich die Flüchtlinge
autonome Politik unzureichend Massen zur eigentlichen aber als revolutionäres Subjekt
war, war am Ende der Anti- Triebfeder der Geschichte ausgeguckt wurden und dafür
AKW-Bewegung nicht mehr wurden. (Zur näheren Kritik der nicht einmal Fakten angeführt
zu übersehen. Mit der weitge- „Materialien für einen Neuen werden können, weil völlig im
henden Integration der Grünen Antiimperialismus” finden wir Unklaren bleibt, wie sie von der
und der Alternativbewegung in auch die Broschüre „Mit den Klasse „an sich“ zur Klasse „für
das politische System war der überlieferten Vorstellungen radi- sich“ werden können, wird
nationale Bezugsrahmen der
Autonomen verschwunden.
kal brechen“ der Autonomen
Studis/Bolschewiki aus Freiburg . die Kampagne baden gehen
Die Befreiungsbewegungen im
Trikont stagnierten und wiesen
z. T. revisitionistische Tendenzen
interessant.)

Die mangelnde autonome Theo-


.
und
sich zuvor ein instrumentelles
Verhältnis zu den Flüchtlingen
(z. B. in Nicaragua) auf. Wollten riebildung ermöglichte es den einstellen.
die Autonomen weder einen Hartmannisten, diesen Unfug
richtigerweise unmöglichen ohne größeren Widerspruch Vielleicht hat der Vorwurf des
Rückgriff auf alte politische monatelang, z. B. in der IWF- Rassismus und Eurozentrismus
Bezüge wie die SU oder die Kampagne oder der Berliner gegen die Autonomen hier einen
ArbeiterInnenklasse versuchen Vorbereitung bzgl. Golfkrieg Teil seiner Ursache. Schlimm ist
noch ihre eigene Politik radikal (z. B. Interim-Sondernummer) nur, dass der Subjektivismus sie
in Frage stellen, blieb nur noch verbreiten zu dürfen. daran hindert, diesen Vorwurf
ein revolutionäres Subjekt, das Besonders bedauerlich ist, dass als einen inhaltlichen an die
die BRD-Linke in den letzten 20 sie ihre Thesen nach aktuellen eigene Theorie und Praxis zu be-
Jahren nicht ausprobiert hat: Ereignissen, die sie hätten greifen, sondern wieder nur als
die verelendeten, aber unor- widerlegen können, nicht über- Bezug auf individuelles Fehlver-
ganisierten Massen des Trikont prüft haben. halten interpretiert werden kann,
und mittlerweile Osteuropas. Wenigstens die abstruse These, die Tübinger Unterstützungs-
Das Sympathische an ihnen dass Jelzin im Moskauer Putsch gruppe schreibt z. B.: „Als unser
war zudem, dass ihre Struktur nur der Kasper der sowjetischen Bioeintopf nicht ankam, merkten
der der Autonomen sehr nahe Massen gewesen sei, hat noch wir, dass auch wir so etwas wie
schien: ohne jegliche Organisa- eine Gegenmeinung gefunden Dankbarkeit erwartet hatten“
tion, daher nur zu spontanen (siehe Interim). Ansonsten (Interim 150, radikal 143).
Aufständen oder individuellem ist der Hartmannismus eine Wir glauben, dass dies lediglich
20 Verweigern fähig, ohne his- Tendenz, die je mehr sie sich Folge ihres instrumentellen Ver-
torisches Bewusstsein und lang- durchsetzt, bewirkt, dass die hältnisses zu den Flüchtlingen
sowie der Ghettobildung und Internationalistische Politik geprügelt hat: Erstens kann
des sich selbst als politische Elite basiert auf Politik im nationalen
Herr Hübel als Kommunisten-
Begreifens ist. Rahmen und an den Wider- fresser nicht mehr zwischen der
Wer andere instrumentali- sprüchen im eigenen Land, KPI der ’20er Jahre und der des
siert als Rettungsanker in der genauso wie Solidarität auf dem„historischen Kompromisses“
eigenen politischen Not, hat Versuch der subjektiven Emanzi-mit der Christdemokratie der
kein Interesse an ihnen. Das pation basiert. Die autonome ‘70er Jahre unterscheiden: Und
führt halt dazu, gar nicht auf Theorie zur Flüchtlingskam- zweitens verkennt er dabei, dass
den Gedanken kommen zu pagne legitimiert damit im Nach-
gerade die Gramsci-Rezeption
können, dass der beliebte hinein auch das eigene, selbst-eine wichtige Rolle im Aufbau
Volxkücheneintopf anderen gewählte Ghetto im Sinne einer einer Linken jenseits der KPI
nicht schmecken könnte – und Self-Fulfilling-Prophecy: Erst gespielt hat.
es erklärt auch, warum manche macht man/frau kaum Politik mit„Dass die Autonomie kein
autonome Flüchtlingsgrup- den Deklassierten im eigenen widerspruchsfreies, homoge-
pen glauben, ohne Kontakt zu Land, woraufhin sich diese nes Gebilde ist, sondern ein
Flüchtlingen arbeiten zu können. immer nach rechts wenden, bunter Haufen, der sich zudem
womit dann wieder Argumente ständig im Wandel befindet,
Die Flüchtlingskampagne ist gegeben sind, nichts mit ihnen gegen Repression aber relativ
vermutlich der letzte Rettungs- versuchen zu wollen. unanfechtbar ist und trotzdem
anker der Autonomen: Danach Kontinuität, eine kontinuierliche
bleibt ihnen nur, wie es sich Einige Antworten auf Politik zustande bringt, empfinde
jetzt schon andeutet, sämtliche Liselotte Pulver und ich gerade als Stärke.“
Theorie- und Praxisansätze der Herrn Hübel Wir haben zuvor schon einmal
letzten 10-20 Jahre, zu einem einiges dazu gesagt, wollen
unsäglichen Brei von beliebig zu Auf Herrn Hübel wollen wir hier aber nochmal betonen,
verwendenden Versatzstücken nur an zwei Punkten einge- dass Herr Hübel hier dem
zu verwursten. hen, wo er unseres Erachtens Fehler aufsitzt, den äußeren
Die Folgen sind aber noch nicht nur polemisiert, sondern Schein der Autonomie mit dem
schwerwiegender. Die Hin- weiter verbreitete Einstellungen inneren Sein zu verwechseln.
wendung zu einer rein interna- vertritt. Ansonsten scheint er So glauben wir, dass sich
tionalistischen Politik, wie sie die unter jener (typisch deutschen?) außer den jeweiligen Mode-
RAF bereits Anfang der ‘70er Intellektuellenfeindlichkeit zu themen und der weitgehenden
Jahre begonnen hat, ist das leiden, unterschwellig mit dem Auswechslung der KämpferIn-
Eingeständnis, auf die Wider- beliebten Vorwurf gekoppelt, nen nicht viel wandelt: Und
sprüche im Land keine Ant- wir würden von der Schreib- dass die Repression zwar nicht
worten mehr zu haben und auch maschine herab die Aktiven oder kaum, die Autonomen als
keine mehr haben zu wollen. betrachten und selbst nichts solche zerschlägt (aber dies hat
Zwei Jahre hat die BRD-Linke Praktisches machen. nichts mit der Organisationsform
es kaum für notwendig gehalten, Ach Herr Hübel... zu tun, siehe die massenhafte
mit den Menschen in der Ex- Um sich jedoch noch etwas Einknastung der italienischen
DDR eine gemeinsame Politik Respektabilität zu verschaffen Autonomia), aber die einzelnen
zu versuchen. Lediglich zum muss sich der gepeinigte Leser Autonomen in einer Härte trifft,
Faschoklatschen taucht sie dort am Schluss noch einige Sätze die gerade in Ermangelung einer
auf. Ein reiner Abwehrkampf des Gründers der KPI anhören, Organisation kaum aufgefangen
gegen Rassismus und Faschis- die sich in den ’60er und ’70er werden kann.
mus wird aber zum Scheitern Jahren genügend mit der italie- Zu Lieselotte Pulver ist es 21
verurteilt sein. nischen Autonomia-Bewegung schwieriger, etwas zu entgeg-
nen, da sie in einer immanenten oder jener Situation zwangsläu- ebenso die Bereitschaft, Politik
Logik durchaus recht hat. fig jene neue Linie entwickeln wissenschaftlich und nicht
Da prallen zwei Weltbilder in der
Herangehensweise aufeinander,
die es schwierig machen, sich
musste. Wir behaupten nichts
weiter, als dass die Autonomen
unbewusst das Richtige getan
.
emotional zu begründen
dabei gleichzeitiges Drinblei-
ben und Ausbauen der Arbeit
zu verstehen. Richtig ist auf haben, wollten sie als Autonome in den Teilbereichen, in denen
jeden Fall, dass es „einem fak- überleben, nämlich nach ’86 die tatsächlich Kontakte zur Außen-
tischen K. O. in der 100. Runde Themen besetzt haben, auf die welt bestehen und die nicht
gleich“ käme, würden wir jetzt noch nach autonomer Art Politik lediglich wieder in einem halben
alle linken Gruppen an einem gemacht werden konnte. Jahr vergessene Modethemen
runden Tisch versammeln, und sind.
eine gemeinsame Analyse und Wie weiter?
Strategie ausarbeiten wollen. Fraglich ist aber, ob wir uns
So würden sich alle doch nur Nun ist es nicht so, dass wir mit unseren Ideen nicht etwas
ihren alten Senf gegenseitig um hier nur pure destruktive Kritik husten können. Ob also nicht
die Ohren hauen wollen. Ohne leisten wollen und keine eige- genau der Subjektivismus, der
eine Bereitschaft, die eigenen nen Ideen hätten. Wir können politische Aktionen unabhän-
Positionen radikal zu hinterfra- zwar – und das ist auch gut so gig von gesellschaftlichen
gen, hat dies tatsächlich keinen – kein perfektes Modell für die Bedingungen produziert, ein
Sinn. revolutionäre Linke der BRD der Erkennen der Notwendigkeit
„Deine Kritik, die Themen ’90er Jahre entwickeln, aber wir der Änderung linker Politik
Flüchtlinge, Umstrukturierung hätten zumindest einige konkre- verhindert: ob unsere Diskus-
wären als Reaktionen auf te Vorschläge für die nächsten sion nicht damit als überflüssig
Reformismusangst von Links- Schritte: abgetan und uns der Verrat-
radikalen besetzt worden, ist
echt frech. Solidarische Kritik
heißt für mich, die Menschen
. Bestandsaufnahme linker
Politik in der BRD und die Be-
Vorwurf gemacht wird.
Dies wird die Diskussion, so sie
zustande kommt, zeigen.
erstmal wenigstens zu fragen, reitschaft, die eigenen Ansätze
als einfach Behauptungen in die (nicht revolutionäre Politik an Heinz Schenk
Welt zu setzen.“
Natürlich sind die Themen nicht
bewusst aus diesem Grund be-
.
sich) radikal zu hinterfragen
ebenso Überprüfung linker
Theorie der letzten 150 Jahre „Erwarte keine andere Antwort
setzt worden. Das ist aber auch auf ihre Brauchbarkeit insbeson- als die deine!“
gar nicht unser Kritikpunkt. dere nach dem Scheitern des Brecht
Nur: Da die autonomen „realen“ Sozialismus und des
Strukturen keine bewusste Stagnierens der neuen Entwürfe
Planung ermöglichen, sie also linker Politik seit Anfang der
nur unbewusster Reflex auf die
herrschenden Bedingungen
sind, ist es für eine politische
.
’60er Jahre
Bereitschaft, eine Organi-
sationsdebatte zu führen und
Einschätzung vollkommen be-
langlos, nach den Motiven der
Einzelnen zu fragen, da diese
mit der praktischen Politik nicht
viel zu tun haben. Kritik hat dann
22 vielmehr die Aufgabe herauszu-
finden, warum sich in dieser
Versuch einer Antwort auf H. Schenks Kritik
„Die Autonomen machen keine Fehler, sie sind der Fehler!!“
Obwohl HS’ Kritik an der in die Struktur der modernen nicht allgemeingültig, sondern
autonomen Bewegung ver- Industriegesellschaft passt vom persönlichen, subjektiven
nichtend ist, hat sie ziemlich (Auseinanderfallen aller Bindun- Empfinden des einzelnen be-
viel Zustimmung bekommen. gen, EinzelkämpferInnentum stimmt seien.” (dtv-Lexikon)
Anscheinend hat er vielen als herrschende Ideologie, „die
Autonomen aus dem Herzen postfordistische Gesellschaft“), “...die Auffassung, dass bei der
gesprochen. Viele einzelne insofern keine Sprengkraft mehr Beurteilung beliebiger Sachver-
Punkte mögen böswillig oder gegen das System sein kann. In halte ihre Bezogenheit auf das
oberflächlich sein, aber eine seiner Kritik kommt HS immer abstrakt aufgefasste menschliche
ganze Reihe sind auch ziemlich wieder auf das Prinzip zurück, in Subjekt, etwa in Form einer
genau getroffen. dem er die Ursache dafür sieht, abstrakten Nützlichkeit für den
Wir können kaum bestreiten, dass die Autonomen eben nicht Menschen, der primäre Gesi-

. dass unsere Beziehungen


untereinander von Härte und
nur Fehler MACHEN, sondern
der Fehler SIND: den Subjek-
tivismus.
chtspunkt sein müsse (dieser
Subjektivismus kommt z. B.
in den industriell entwickelten
Unverbindlichkeit bis hin zu kapitalistischen Ländern in Form
Desinteresse gekennzeichnet HS sagt wenig dazu, wie er den einer bornierten Selbstsucht und

.
sind,
dass es kaum ein Bewusstsein
darüber gibt, dass wir unsere
Begriff versteht.
Ich habe das Gefühl, dass er
alles das, was er selbst als
einer beschränkten, vulgären
Konsumentenideologie zum
Ausdruck).“ (G.Klaus, Philoso-
eigene Geschichte aufbewahren verletzend, frustrierend und phisches Wörterbuch, DDR)
und Erfahrungen weitergeben verwirrend in autonomen
müssen: entsprechend wird Zusammenhängen erlebt hat, „Ansicht, nach der das Subjekt
das auch nicht systematisch auf diesen Begriff projiziert. Die (das Ich) das primär gegebene

.
angefasst,
dass so, wie wir uns gegen-
seitig (und auch selbst) unsere
einzige Definition, die ich im Text
gefunden habe, ist die: „volun-
sei, alles andere Schöpfung des
Bewusstseins dieses Subjekts
taristischer Subjektivismus, (Verneinung objektiver Erkennt-
Ansprüche um die Ohren hauen, d. h., dass die Revolution dann nisse, Werte, Wahrheiten).“
daran nicht unsere Fähigkeiten, stattfindet, wenn die Menschen (Duden-Fremdwörterlexikon)
sondern nur Angst und schlech- es wollen.“

.
tes Gewissen wachsen,
dass wir ein distanziertes, oft
ziemlich beliebiges und dadurch
Nun, das ist sowieso eine
Selbstverständlichkeit: mit der
Definition können wir also nicht
So, wie HS den Begriff einsetzt,
bezieht er ihn aber nicht so sehr
auf das Ich als Ausgangspunkt
instrumentelles Verhältnis zu viel anfangen. Weil er den Sub- des Erkennens und Urteilens,
den Menschen haben, auf die jektivismus im Text aber immer als auf Lust oder Unlust des ein-
wir uns „beziehen“, also die wir wieder als Begründung her- zelnen Subjekts, und das kann
zu agitieren oder zu mobilisieren anzieht, habe ich mal nachge- sich ja nun ständig ändern.
versuchen. schaut, was so die Definitionen Ich denke, er verwechselt hier
des Begriffs sind: Subjektivismus mit Voluntaris-
Zu Recht weist HS darauf hin, „Die Lehre, dass Form und Inhalt mus, in unserer Sprache: das
dass diese Form von Unorgani- des Erkennens vom Subjekt Bock-Prinzip. Das bedeutet,
siertheit, die wir als politischen bestimmt werden, im ethischen keinerlei Verbindlichkeiten
Inhalt verteidigen, von ihrer Bereich relativiert der Subjekti- einzuhalten, die Forderungen, 23
Erscheinungsform her recht gut vismus alle sittlichen Werte, die die mensch gestern noch an
die anderen gestellt hatte, heute Nun überprüfe ich nicht bei Kampf gegen die Gewalt, mit
vom Tisch zu wischen, wenn sie jeder Gelegenheit, wie ein Ver- der ich konfrontiert werde,
einem/r lästig sind, usw. halten, zu dem es mich drängt, heißt, Kampf gegen den Herr-
Das ist aber gerade das Ge- auf die Wahrnehmung meiner schaftsanspruch über mich.
genteil von Subjektivismus, wie eigenen Interessen zurück- Das heißt, Kampf gegen den
ich ihn als konstituierend für zuführen ist. Ich denke, es bildet Anspruch auf Verantwortung
das autonome Politikverständnis sich in der Auseinandersetzung für mich, mit der Herrschaft be-
ansehe. sowas wie ein Rechts- und gründet wird. (Herrschaft wird
Wir sprechen von der „Politik Unrechtsbewusstsein heraus, praktisch immer mit Verantwor-
der ersten Person“ und meinen das verhaltensbestimmend wird tung begründet, bzw. mit der
damit, dass wir nicht stellvertre- und in dem die Erfahrung, was Unfähigkeit der Beherrschten,
tend für andere handeln können dem eigenen Interesse dient, die Verantwortung für sich
und wollen. Es gibt nichts und aufgehoben ist. selbst zu übernehmen.)
niemand, auf dessen Auftrag Je mehr dieses Rechtsbe- Mit dem Anspruch auf Selbst-
und Legitimation wir uns dabei wusstsein von der EIGENEN bestimmung fällt also auch die
berufen könnten. Jede Recht- Erfahrung und Auseinander- Verantwortung auf mich zurück,
fertigung unseres Handelns fällt setzung bestimmt ist, und je und zwar vollkommen! Ich
auf uns selbst zurück und muss weniger von gesetzten und kann niemand anderem mehr
in uns selbst begründbar sein. blind übernommenen Werten, die Schuld geben, wenn es mir
Und zwar letzlich in jedem/r desto stabiler dürfte es im schlecht geht.
Einzelnen. Leben eines/r jeden von uns (Jede politische Argumenta-
Das entspricht der materialis- handlungsbestimmend sein. Das tion, die auf der Empörung
tischen Auffassung, dass die ist der Grund für antiautoritäres über zugefügte Gewalt aufbaut,
letzte Handlungsmotivation Verhalten. schreibt ein stückweit die Ver-
immer im eigenen Interesse Eine antiautoritäre Haltung ist antwortung anderer dafür fest
begründet liegt. auch die Basis der autonomen und damit auch die Herrschaft,
Das klingt genau nach der Bewegung. Sie ist aber einen gegen die sich die Argumenta-
Ideologie, die die völlig verein- Schritt weiter als die antiauto- tion ja richten soll!)
zelte und damit ohnmächtige ritäre Bewegung von vor 20 Heißt das nun, dass wir als
Gesellschaftsstruktur aufspannt, Jahren, jedenfalls in der Theorie: Autonome immer selbstgeißelnd
von der wir Teil sind und unter Sowohl die Bindung an die die Ursache aller Scheiße bei
der wir leiden. Autorität als auch die Rebel- uns selbst suchen müssen?
Das stimmt aber nicht. Denn das lion dagegen bleiben im Prinzip Keineswegs: Es gibt einen Un-
eigene Intreresse ist auf kompli- an diese gebunden. Erst der terschied zwischen „Ursache“
zierte Weise mit dem Interesse Versuch einer EIGENEN Bestim- und „Schuld“. Die Ursache
Anderer verbunden. Solidarität ist mung ist der Schritt in Richtung von etwas herauszufinden,
danach das Eingreifen im Konflikt der Befreiung. „Autonom“ heißt: dient dazu, ein angemessenes
zwischen Anderen aus der eigenes Gesetz! Das heißt, der Handeln zu entwickeln, um sich
Erkenntnis heraus, dass es dabei Name ist Programm! Nun ist dagegen zu wehren. Anderen
um die eigenen Interessen geht. die gängige Vorstellung (auch die Schuld für etwas zu geben,
Diese Motivation unterscheidet ich habe bisher keine andere heißt, unter Berufung auf ein
sich durchaus von der, die sich gefunden), dass der Weg in die gemeinsames Rechtsverständ-
auf einen moralischen Imperativ Selbstbestimmung nur im Kampf nis ein anderes Verhalten
stützt, die durch Gruppendruck gegen die Fremdbestimmung einzuklagen (Schuld kommt
erzwungen wird oder die durch gefunden werden kann. Das von: etwas schulden). Aber da
24 das Versprechen einer Bezahl- hat Konsequenzen, auf die ich kann mensch lange warten und
ung im Jenseits erkauft wird. gleich noch zurückkomme. klagen.
Ich bin davon überzeugt: gewaltsamer erscheinen denen Es ist ein seltsames Phänomen
Verändern kannst du letzlich nur die vermuteten Ansprüche. Aber bei vielen Autonomen, dass sie
das eigene Verhalten, die Ver- die Abwehr wird nun auch nicht äußerst brutal im Austeilen von
haltensänderung der Anderen mehr ausgesprochen, sondern Schlägen, aber sehr empfindlich
ist allenfalls eine Reaktion da- nur noch durch Abwehrhaltung beim Einstecken derselben sind.
rauf. Also, mit der Selbstbestim- signaIisiert. Was das, genauer betrachtet,
mung fällt auch die Verantwor- So arbeiten wir uns wortlos für Ursachen hat, kann ich so
tung vollkommen auf uns selbst aneiander ab und rücken dabei aus dem Stand nicht sagen,
zurück. emotional oft immer weiter aus- aber was es für Folgen hat:
Das ist aber gerade der Grund, einander. Den Meisten, die Angst Gemessen daran, wie mensch
warum Voluntarismus in diesem vor dem Verlust ihrer Freiheit sich selbst durch eine Kritik
Rahmen eigentlich ausgeschlos- und Selbstbestimmung durch die angekachelt fühlt, kommt es
sen ist. Wenn ich die Konse- Wünsche Anderer haben, fehlt die einem/r viel zu schwächlich vor,
quenzen meines Handelns Erfahrung, dass sie schlicht und einfach zu sagen: Ich will das
immer selbst tragen muss, kann einfach, „nein“ sagen können und und das nicht, oder, das und
ich es mir kaum leisten, einfach dürfen. Das bringt sie dazu, alles, das finde ich nicht richtig.
meinen Lüsten und UnIüsten was sie in die Situation bringen Die eigene Meinungsäußerung
nachzugeben. könnte, „nein“ sagen zu müssen, wird aufgerüstet mit beißender
Das kann ich gerade nur, wenn schon im Vorfeld zurückzuschla- Ironie, mit einem bombastischen
ich weiß, das Notwendige zu gen. Vokabular, mit donnernden,
tun kann ich im Zweifelsfalle je- Im Extrem: Was wir den Flüchtlin- doch von allen anerkannten
mand anderem aufdrücken, also gen gegenwärtig an Fürsorge Prinzipien, usw. Es war ja
wenn ich weiß, dass es immer förmlich aufdrängen, verweigern wirklich nur eine Frage der Zeit
noch eine Instanz nach mir gibt. wir uns gegenseitig hartnäckig: bis die seelischen Schläge, die
Das heißt, ernstgenommene Wo wir da alle Anstrengungen wir uns dauernd zufügen, in
Selbstverantwortung erzwingt aufwenden, verständnisvoll und körperliche Prügel umschlagen.
auch in einem gewissen Maß solidarisch zu sein, werden wir un- Ich kann also vieles der Kritik
Selbstdisziplin. tereinander hart und gleichgültig. von HS nicht nur unterschrei-
Zurück zu dem Punkt, dass die ben, sondern sogar noch eins
Selbstbestimmung über den Um sich in solchen Verhältnissen draufsetzen. Aber welche Kon-
Kampf gegen die Fremdbestim- zu behaupten, muss mensch sequenzen zieht er daraus?
mung führt: Die wütendsten schon eine wahnsinnige eigene Er will „austreten“, sagt er.
Kämpfe führen wir da leider Willenskraft aufbringen, die Aber wenn er glaubt, er kann
gegeneinander! Ich weiß wiederum mit der Klarheit der „austreten“, dann ist er nie
auch nicht warum, vielleicht, eigenen Zielvorstellungen zu tun „eingetreten“.
weil sie das Nächstliegende hat: Aber wer kann schon aus sich Die Autonomen sind keine,
sind. Der Hauch einer Erwar- selbst heraus Ziele finden und klar wenn auch noch so diffuse
tung, ja, schon der leidende behalten...? Organisation. Autonomie ist eine
Gesichtsausdruck wird oft Viele fallen dabei durch die Roste, innere Haltung.
als eine Forderung, somit als so wie HS das auch beschrie- Wer sich einmal durchgerun-
Versuch gewertet, uns einen ben hat. Zu spät erkennen die gen hat, die Verantwortung
fremden Willen aufzuzwingen. Anderen, dass die vermeintlichen für sich selbst zu übernehmen,
Je besser jemand, geschädigt Ansprüche nichts anderes als wird wohl schwerlich dahinter
durch solche Erfahrung, seine/ Hilferufe waren. Eine andere Kon- zurückfallen können, selbst
ihre Wünsche vor anderen sequenz ist, dass wir das Gefühl wenn er/sie daran zweifelt.
zu verbergen sucht, desto dafür verlieren, was Schmerzen Die ganze Art, wie HS seine 25
hinterlistiger und somit potentiell zufügt. Kritik vorbringt, zeigt, dass er
in der autonomen Szene etwas der Autorität. Wenn ihm das kann sich darin auf die Dauer
gesucht hat, was diese nicht möglich ist, dann war er in der nur aufrechterhalten, wer keine
ist und aus ihrem Selbstver- autonomen Bewegung wirklich Alternative hat.
ständnis auch nicht sein kann: falsch. Zurück zu den Kritikpunkten
eine politische Heimat, die Kraft von HS. Ich habe gesagt, dass
und Orientierung bringt, die Aber die Freiheit, die nichts ich sie zu einem großen Teil
die Anstrengungen mit Schutz ist als Härte und Kälte, als die berechtigt finde. Sie sind daher
und Geborgenheit belohnt. Er Gesetze der freien Wildbahn, die mit dem Grundsätzlichen, was
klagt die autonome Bewegung hat ja nun wirklich nichts Attrak- ich hier auszuführen versucht
an, als wäre ihm diese etwas tives. Doch ich glaube, so sind habe, auch nicht erledigt.
schuldig, als hätte sie ihm etwas die Verhältnisse nicht vollständig Aber das sollte doch wenig-
versprochen. beschrieben. stens zeigen, wie mit den
Er versucht, die Szene anzu- Es gibt eine Geborgenheit in Kritikpunkten umzugehen ist:
greifen, aber wo er hingreift, der Kollektivität, sie setzt die Wenn jemand die Verhältnisse
ist Nebel: Alles fällt auf ihn Bereitschaft zur Selbstverant- wirklich verändern will und nicht
selbst zurück. Nun sucht er eine wortung voraus und ermöglicht nur eine Rechtfertigung für das
neue (alte) Verkörperung von sie gleichzeitig. Die Balance eigene Aufgeben sucht, dann
Kollektivität, die sich greifen läßt. des Konflikts in autonomen muss er/sie so lange hart-
Die läßt sich aber natürlich nur Zusammenhängen, die zwi- näckig „warum?“ fragen, bis die
greifen um den Preis, dass sie schen dem/r Einzelnen und dem kritischen Phänomene auf ihren
auch die Verantwortung an sich Ganzen pulsierende Kraft, das Kern des falsch verstandenen
zieht, d. h. sie muss Unterwer- ist etwas sehr schwer begrifflich (oder unterschiedlichen) Inter-
fung unter die herrschende zu Fassendes. Noch schwerer, esses zurückgeführt sind.
Rationalität fordern. vielleicht sogar unmöglich, ist Dann läßt sich daraus auch
HS also möchte sich, erschreckt es, sich daraus ein erfolgver- ableiten, was er/sie tun kann.
über die Kälte der Freiheit, sprechendes Verhaltensmuster
zurückfallen lassen in den Schoß zu stricken. Und ich denke, es Lotta

ZAUH (Zirkel autonomer HäretikerInnen)


Liebe JenossInnen, hin zu den persönlichen Frustra- Transparenz von Entschei-
tionen in einer in sich unbeweg- dungsprozessen.
„Was wir haben können, reicht lichen Szene, die das Aufkom- Einige davon haben resigniert,
uns nicht – und was wir haben men einer wirklichen Kollektivität andere wurschteln ohne was zu
wollen, gibt´s noch nicht.“ über den Tellerrand des sagen weiter – obwohl sie (wir)
eigenen gerade vorhandenen eigentlich vieles grundlegend
Schon seit längerem stellen wir (?) Zusammenhangs nicht nur falsch finden. Sie (wir) tun dies,
fest, dass die autonome Szene nicht fördert, sondern regelrecht weil es eben außer der Interim
nicht wirklich unser Zuhause ist, verhindert – es gibt zahlreiche nicht einmal ein Forum für die
wir meistens nur aus Erman- Erfahrungen, die wir als Beleg Kritik und damit Weiterentwick-
gelung einer Alternative dort dafür nennen könnten. lung der „Bewegung“ gibt.
weitermachen wie bisher. Das Seltsame war und ist, dass Es war die zweitschmerzvollste
Vom Ghettocharakter, der Er- wir mit dieser Kritik nie allein Erfahrung der letzten Jahre,
folglosigkeit und dem Militanz- waren. Fast alle, die nicht im dass die zahllosen Anstöße, die
26 fetisch über oft falsche Theorie Herzen der Bewegung sitzen, von den verschiedensten Seiten
und der Unverbindlichkeit bis kritisieren wie wir die fehlende zur autonomen Bewusstseins-
bildung und „Organisierung“ Genenration von jungen Linken 1. Gegen die Bewusst-
gemacht wurden, sämtlich auf Kritik an bestehenden seinslosigkeit
leer verpufft sind – vielleicht Zuständen nur noch mit immer
nicht ohne Konsequenzen der gleichen Frage antworten Unserer Meinung nach müsste
einzelner, aber ohne Folgen in kann: „Kannst du dir etwas am Anfang der Auseinanderset-
der politischen Praxis und den anderes vorstellen?“ Das „klar, zung die kritische Aufarbeitung
Strukturen auch nur nennens- mensch!“ bleibt uns immer unserer politischen Geschichte
werter Teile der „Autonomen öfter im Halse stecken. Wir stehen. Eines der Grundpro-
Bewegung“. Fakt ist, dass sich haben aufgegeben weiter- bleme der Szene ist es ja gerade
in den letzten 6 bis 7 Jahren die zudenken und sind dabei, in sich selbst nicht zu kennen, das
Autonomen so gut wie gar nicht der herrschenden Ordnung als heißt, die eigenen historischen
entwickelt haben, die Fragen bewegungsloser Bestandteil Wurzeln und die Herkunft der
und Probleme die gleichen aufzugehen. Defätismus als selbst verwendeten Theorie-
geblieben sind, ja, noch nicht Ideologie der Unterwerfung. versatzstücke kaum wahrzu-
einmal vom Großteil der Leute Den Trennstrich, den wir ziehen nehmen.
wahrgenommen werden. wollen, empfinden wir deshalb
Wir glauben immer mehr, dass nicht als klugscheißerische Ab- Z. B. Detlef Hartmann: Obwohl
das nicht übermäßig mit unserer grenzung zu den GenossInnen, der Spontanitätskult, die
Unzulänglichkeit zu tun hat die weitermachen wie bisher, Brotrevoltentheorie, die Sub-
(nach dem Motto: „Wir sind sondern als Ausbruchsversuch sistenzfetischisierung einige
halt so verschieden”), sondern aus unserer eigenen Phanta- der konstituierenden Elemente
mit den Strukturen als solchen. sielosigkeit. autonomen „Bewusstseins“ sind
Deshalb sind wir inzwischen Nicht, weil wir alles, was die und in den verschiedensten Vari-
auch davon überzeugt, dass Autonomen machen und ationen auftauchen, hat sich nur
Veränderungsvorschläge scheit- gemacht haben, für falsch ein minimaler Teil der Szene mit
ern müssen, solange sie „imma- halten, sondern, weil die Struk- Hartmann auseinandergesetzt,
nent“, das heißt innerhalb dieser turen, so wie sie sind, ganz ja, weiß der Großteil der Szene
Strukturen vorgetragen werden. offensichtlich die Vorstellungs- nicht einmal, dass die eigene
Vielleicht gilt das Trägheitsge- kraft für andere Arten der Linie mit bestimmten Theorien
setz konservativer Dorfgemein- politischen Arbeit und damit der ’70er eng verstrickt ist.
schaften eben auch in den die wichtigste Eigenschaft der Oder Karl Marx: Der ge-
(ebenso von der Außenwelt Linken blockieren: ihre Anpas- schmähte Philosoph wird von
isolierten) Dorfgemeinschaften sungsfähigkeit (nicht mal so der Szene schon fast dogma-
einer subkulturell definierten sehr in den Themen, sondern in tisch abgelehnt, (die meisten
politischen Bewegung, wie es Theorie, Analyse und Praxis). ziehen ihn sich dann mehr oder
die Autonomen sind. Natürlich wissen wir auch nicht weniger „heimlich“ an der Uni
genau, wohin die Reise aus den rein, wo er „praxisfern“ und
Die undenkbare Alternative Autonomen heraus hinführen damit ungefährlich ist), einzelne
soll. „EI camino se hace an- Elemente wie Verelendung-
Trotzdem scheint niemand dando“, und das können wir stheorie aber werden gerne und
außerhalb des bestehenden nur gemeinsam. zusammenhanglos mitverwen-
Dreigestirns „Autonome - Die folgenden Punkte sind des- det.
Antiimps - klandestiner Mythos halb nicht mehr als Anregun- Das Kernproblem ist einfach,
(RAF, RZ)“ denken zu können. gen dafür, wo unsere Diskus- dass die AktivistInnen dieser
Und das war die schmerzvoll- sion ansetzen könnte – andere Jugendkultur glauben, alle
ste Erfahrung der letzten Zeit: Punkte von Euch können und Erfahrungen für sich selbst 27
dass anscheinend eine ganze sollen dazukommen. machen zu können – auch ohne
die Kenntnisse von Geschichte harten Konkurrenzkampf gegen- good old Charly sagt auch: Die
und schon oft in der Geschichte einander (selbst, wenn dann richtige Fragestellung beinhaltet
geführten Diskussionen. viele Leute eigentlich beides die Antwort schon in sich.
Aus dieser Herausgelöstheit sind), wobei dann keine der
der Aktiven aus jedem Kontext beiden Seiten es schafft, über 3. Für „organische
erklärt sich dann auch der ihr Gebiet wirklich mal hinaus zu Intellektuelle“
Lieblingsfetisch der Autonomen: kommen:
die „Buntheit“ – in Wirklichkeit Weder kommen die LaberInnen „Gibt es eine wirkliche philo-
ein ziemlich seltsamer, verein- über eine sinnlose Debatte um sophische Bewegung nur
samter Superindividualismus. Begrifflichkeiten hinaus, noch in Form einer spezialisierten
Unsere Kritik an den Autono- entwickeln die Aktivistinnen For- Kultur für begrenzte Gruppen
men finden wir selbst fragmen- men der (legalen oder illegalen) von Intellektuellen, oder ist sie
tarisch und an vielen Stellen Aktion, die der revolutionären nur dann wirklich eine philoso-
zu platt. Die Kritik aufs Heinz- Bewegung strategisch nützen phische Bewegung, wenn sie
Schenk-Papier war sicherlich könnten. Auf beiden Seiten während der Erarbeitung eines
nicht falsch. Unsere Kritik der bleibt es bei Scharmützeln wissenschaftlich kohärenten,
Autonomen muss klischeehaft jenseits der gesellschaftlichen dem Alltagsverstand überle-
bleiben, so lange wir selbst nicht Realität. genen Denkens nie vergisst, mit
mehr als ein Klischee der Auto- Das dialektische Verhältnis von den ‚Einfachen‘ in Kontakt zu
nomen analysieren können – Reden-Nachdenken-Kämpfen- bleiben, und gerade in diesem
aber genau deswegen brauchen Organisieren wird von der Kontakt die Quelle für die zu
wir die Auseinandersetzung mit Linken vielleicht oberflächlich untersuchenden und lösenden
mehr Leuten über das Thema. verstanden, aber nicht wirklich Probleme sieht? Nur durch den
Die Ausweitung der Diskussion begriffen. Kontakt wird eine Philosophie
auf andere Teile der Linken Dass es in revolutionären ‚geschichtlich‘, reinigt sich
(DDR, K-Gruppen, ausländi- Prozessen jahrelange Vorberei- von den intellektualistischen
sche Organisationen – je nach tungs- oder Diskussionsphasen Elementen individueller Natur
Erfahrungshintergrund) fänden gibt (die guatemaltekische und wird Leben.“ (Gramsci,
wir sinnvoll. Wenn WIR vor allem ORPA bereitete 10 Jahre lang Philosophie der Praxis)
über die Autonomen reden, hat den bewaffneten Kampf vor,
das mit UNSERER Geschichte ETA war von 1959 bis 1967 Die Autonomen würden sicher-
zu tun und ist keine Anforder- fast ausschließlich eine illegale lich leugnen, „Intellektuelle“ zu
ung an Euch, die Ihr vielleicht Diskussionsgruppe), nimmt die sein, auch wenn bei Gramsci
andere Bezugspunkte habt. Linke bis heute viel zu wenig „Intellektueller“ jeder politisch
wahr. organisierende Mensch ist.
2. Theorie und Praxis Ansonsten aber trifft das Zitat
Die Folge davon ist Polarisie- durchaus auf sie zu, z. B. in
Diese Frage ist unserer Mei- rung in einen „akademischen“ ihrem Gerede über die „Klasse“,
nung nach der Knackpunkt bei und einen „militaristischen“ die „Jungprolls“, die „TürkIn-
der BRD-Linken in den letzten Standpunkt, unter Beibehaltung nen“, mit denen sie nicht einmal
zwei Jahrzehnten. der gesellschaftlichen Bedeu- ansatzweise bereit sind, den
Theorie und Praxis stehen tungslosigkeit und Isolation. Alltag zu teilen.
sich fast immer, und das trotz Die Lösung des Problems wird Eine Gesellschaft vom eigenen
anderer Lippenbekenntnisse, innerhalb wie außerhalb der Standpunkt aus abstrahierend
als unversöhnliche Gegnerinnen Autonomen schwer sein, es ist zu verändern, heißt vor allem,
28 gegenüber. LaberInnen und ja schließlich ein grundsätzli- sie zu kennen und von den
AktivistInnen befinden sich im ches Problem der Linken. Aber Subjekten dieser Gesellschaft
ernstgenommen zu werden. genüber der (schwer erträgli- sammelnde, kollektivierende
Das kann mensch natürlich chen) Realität. Charakter einer demokratischen
nicht als subkulturell isolierter Organisation einen ganz an-
Fremdkörper, sondern nur als 4. Organisation deren Stellenwert haben kann
„organisches Teilgeschehen“ als in den frühen ‘70ern, als
dieser Gesellschaft. Die autonome Organisations- die Gemeinschaftlichkeit in der
Wir meinen mit „organisch“ feindlichkeit ist eine Krankheit, Jugendbewegung als eine
in diesem Zusammenhang im auch wenn sie historisch Grundstimmung bereits
Übrigen auch gar nicht unbed- vielleicht verständlich ist: Auf vorhanden war.
ingt, dass die Linke jetzt nach die K-Gruppen der ‘70er Jahre, Und nicht zuletzt haben sie
dem Vorbild der K-Gruppen deren mechanistische Vorstel- natürlich auch keine Ahnung
Anfang der ’70er Jahre eine lung vom Aufbau führender Ar- davon, dass Parteien, Fronten,
„proletarische Wende“ vollzie- beiterparteien ungefähr so viel Organisationen gesellschaftli-
hen sollte. Lebenslust und Kreativität aus- chen Prozessen unterworfen
„Organisch“ kann auch strahlte wie ein Totensonntag in sind und deshalb natürlich ihr
bedeuten, sich als Teil dessen Altötting, war die Beibehaltung Gesicht und ihr Wesen ändern
zu begreifen, wo mensch sich der wildentstandenen Zersplit- können. Es gibt neben den
gerade befindet: Viele von uns terung keine schlechte Antwort. leninistischen Kaderparteien
sind Studis, leben in normalen und den parlamentarischen
Mietshäusern und müssen job- Aber wie schon x-mal in der Parteiapparaten eine Unzahl
ben aber wie viele von uns fin- Linken ist die Antwort auf eine von Optionen.
den den Widerstand gegen die besondere historische Situation
Unireform, die Mieterhöhungen zur allgemeingültigen Regel Das Modell in der Schublade
oder MieterInnenaktivitäten? verklärt worden. haben wir dazu natürlich
(allesamt im Endeffekt natürlich „Da Organisationen zwangsläu- auch nicht. Deshalb wol-
„reformistisch“) mehr als nur fig so aussehen müssen wie len wir jetzt auch nicht die
verbal wichtig? die autoritären, monolythischen Forderung nach einer „neuen
Parteien der verschiedensten revolutionären Organisation“
In der manchmal nur subtil kommunistischen Traditionen, mit möglichst wohlklingendem
auftretenden Verachtung der brauchen wir darüber nicht re- Namen aufstellen, sondern
„Normalos“ schwingt (genau den“, heißt das platte Statement wir verlangen, dass die
wie im Prolet-, Türkengang-, der Szene zum Thema. Diskussion über die Organisa-
Flüchtlingskult) ein elitäres Be- Natürlich haben die Organisa- tionsfrage enttabuisiert wird,
wusstsein mit, dessen sich die tionsfeindInnen auf die Frage, und zwar als eigenständige
Autonomen nicht bewusst sind. wie ein revolutionärer Prozess Debatte, die sich explizit
Die Linke sieht sich selbst als ohne einigermaßen effizient NICHT mit der Organisierung
„Außenstehende“ und befindet koordinierte Arbeit in Gang der Autonomen nach der
sich damit in der schlimmsten kommen soll, keine Antwort. alten Hausordnung, sondern
„leninistischen“ Tradition. Der „Irgendwie“ (ist sowieso mit einem neuen Projekt
revolutionäre Prozess ist aber das unsäglichste Modewort außerhalb der bestehenden
kein Überstülpen geschichtli- unserer Zeit) werde es sich Strukturen beschäftigt.
cher „Wahrheiten“ über eine schon ergeben. Hat es sich in Politische Organisierung ist
vorhandene Gesellschaft, der Geschichte bloß noch nicht. ein bewusster Schritt, und
sondern das Zusammenfinden Genausowenig denken die damit bereits an und für sich
der unterdrückten Subjekte. gleichen GenossInnen darüber eine Abstraktion gesells-
Für uns bedeutet das: Wir nach, dass in einer atomisierten chaftlicher Verhältnisse. 29
brauchen mehr Offenheit ge- gesellschaftlichen Realität der Soll heißen: Um sich zu
organisieren, muss mensch Diskussionsvorschlag. Wir damit offene Treffen nicht
zwangsläufig vorausdenken, hoffen, dass wir uns demnächst zur wahllosen und peinlichen
neuschöpfen: Ein Zusam- zu zehnt oder fünfzehnt mal im Zusammenkunft der Unzu-
menquetschen des jetzigen engeren Kreis zusammensetzen friedenen werden.
Zustands in ein neues Korsett können, um uns das weitere Ein Genosse hat vorgeschlagen,
ohne Änderung der Grundbe- Vorgehen zu überlegen. Ziel so bald wie möglich an einer Art
dingungen reicht nicht. sollte unserer Meinung nach „Statut“ – einem festgehaltenen
sein, in absehbarer Zeit einen Selbstverständnis – zu arbeiten.
Das Letzte! OFFENEN und VERBINDLI- Wir finden die Idee nicht
CHEN Zusammenhang zu schlecht, da müssten wir aber
Das sind unsere Vorstellungen schaffen. gemeinsam drüber reden.
zum Thema, keine verbindli- Bis dahin müssten wir uns auf
chen Leitlinien, sondern unser einige Eckpfeiler geeinigt haben, Bis baldo

Noch ein ketzerisches Papier


In den letzten Nummern der In- das denn machen?“) oder aus ich hier wohl keinen erinnern)
terim sind verschiedene Papiere Traditionalismus geleugnet. des Repressionsapparates, den
von Heinz Schenk veröffentlicht Ich möchte versuchen, diese die herrschende Klasse zur
worden, leider ohne dadurch Notwendigkeit noch einmal Absicherung ihrer Interessen
eine intensive Diskussion deutlich zu machen, und zwar gebraucht. Die Gropiusstadt
angeschoben zu haben – anhand der „autonomen Prin- stellt andererseits die Umset-
wenigstens, was die Resonanz zipien“, die ein Genosse in der zung der Warenideologie des
in der Interim betrifft, wenn man Interim 165 zusammengestellt Kapitalismus dar: Sie ist einer
von der plumpen Polemik der hat und die wesentliche Teile der praktischsten und billigsten
Redaktion oder der hilflosen der autonomen Ideologie gut Wege, die Ware Arbeitskraft
Zustimmung Roy Blacks absieht, kurz umreißen (denn sie haben (also Menschen!) aufzubewah-
der meint, konkret noch Dinge trotz ihrer Heterogenität eine ren – ein Teil der „strukturellen
verändern zu können. gewisse Ideologie, auch wenn Gewalt“ also, wenn mensch
sie das gern leugnen): diese Begriffe unbedingt ver-
Seine Begründung, dass wenden will, denn sie erklären
eine andere Kraft jenseits der I. „Keine Zusammenarbeit mit letztlich das kapitalistische
Autonomen nicht in Sicht ist, Bullen, Medien, Parteien und System überhaupt nicht.
ist charakteristisch für alle Au- dogmatisch autoritär bis stalinis-
tonomen, mit denen ich bisher tisch orientierten Gruppen.“ Genauso wenig erklärt die
über die Heinz-Schenk-Papiere Dieses Gebot resultiere, so Zusammenstellung der
diskutiert habe und die der Kri- der Genosse, aus „der klaren Institutionen, die der Genosse
tik „im Prinzip zustimmen“. Das Erkenntnis von den Machtstruk- vorgenommen hat, sie ent-
Prinzip dieser Kritik liegt aber turen dieses Systems“. So spricht höchstens dem allseits
gerade darin, die Notwendigkeit klar kann die Erkenntnis aber beliebten Schimpfwort
einer nicht mehr „autonomen“, nicht sein, wenn die Bullen als „Schweinesystem“.
revolutionären Politik zu be- strukturelle Gewalt aufgefasst Während RevolutionärInnen
gründen. werden, „genauso wie Gropi- natürlich nicht mit dem Repres-
Diese Notwendigkeit wird usstadt etc.“. Die Bullen sind sionsapparat zusammenarbeiten
30 aber von den meisten oft aus aber gerade der handgreif- können, sollten sie Wider-
Unsicherheit („Mit wem wollt ihr lichste Teil (an Knüppel muss sprüche, die es im bürgerlichen
Lager (z. B. bei den Parteien in einer Gesellschaft, in der das Der Trotz, der aus diesem
oder in den Medien) gibt, Kapital in allen Lebensbereichen autonomen Dogma klingt ist
durchaus für sich ausnutzen. die kulturelle Hegemonie hat, wo unüberhörbar – der Behaup-
Das tun teilweise auch die der Mensch nur als austausch- tungswille des Militanzfetischs
Autonomen, ohne das allerdings bare Ware bzw. als Warenkäufer gegenüber den „Peacies“, da
in eine Strategie einzubetten: etwas „wert“ ist und dieses von die Militanz mangels einer dia-
Z. B. ist die „taz“ bei aller der Masse in den imperialis- lektischen Analyse der Realität
Lügenberichterstattung durch tischen Zentren widerspruchslos und einer darauf aufbauenden
die Heterogenität ihrer Mitar- akzeptiert wird, auch immer revolutionären Strategie auch
beiterInnen und ihrer LeserIn- nötig haben. praktisch die einzig verlässliche
nen immer noch brauchbare Was revolutionäre Propaganda Abgrenzung zum Reformismus
Infrastruktur für viele autonome aber von dem autonomen Mis- verspricht.
Aktivitäten, oder die AL lange sionsdrang, wie es Heinz Schenk Revolutionäre Politik wird immer
Zeit eine Bündnispartnerin bei ausdrückte, unterscheiden muss, Gewalt anwenden, aber das ist
der Durchsetzung konkreter ist, dass sie die unterschiedliche doch eine fundamental andere
Forderungen gewesen. Realität/das Bewusstsein der Gewalt als die repressive Gewalt
Die moralische Abgrenzung Menschen nicht nur erkennt, des jeweiligen zu bekämpfen-
ersetzt aber in der autonomen sondern auch respektiert. den Systems. Und um diese
Debatte allzu oft eine auf Ana- EinE RevolutionärIn sollte Erklärung werden wir nie herum
lyse basierende Ablehnung bzw. durchaus Menschen lehren, kommen. Gewalt ist nur ein not-
taktische Zusammenarbeit. aber gleichzeitig immer bereit wendiges Mittel in bestimmten
Einerseits werden also moralis- sein, von ihnen zu lernen, denn Situationen zur Erreichung eines
che Prinzipien aufgestellt (für er/sie hat ja auch als Revolu- Ziels (und nicht das Ziel selbst)
einen anderen, den kulturellen tionärIn nur einen bestimmten und als solches unterliegt es –
Bereich hat Heinz Schenk das Erfahrungsschatz und auch von wie alle anderen Bestandteile
schon prima erklärt), ander- seiner/ihrer sozialen Realität revolutionärer Politik auch – der
erseits sagt unser Genosse: bestimmtes Bewusstsein (viele Diskussion.
Autonome sind z. B. Kleinbür- Ein revolutionärer Prozess wird
2. „Wir begreifen uns nicht als gerInnen – ich auch –, auch schließlich nur dialektisch,
Aufklärerlnnen, Propagandis- wenn sie das ungern zugeben, d. h. durch Widersprüche und
tInnen und BesserwisserIn- es dafür aber umso lieber ihre Wirkung vorangetrieben
nen. Das heißt, dass wir keine anderen zugeschrieben wird.) – Diskussionen zu tabuisieren
StellvertreterInnenpolitik und heißt immer, Widersprüche zu
-kämpfe führen.“ 3. „Unsere Kampfmittel und unterdrücken (wohin das führt,
Das elitäre Bewusstsein der -methoden bestimmen wir hat uns die UdSSR gezeigt).
autonomen Szene hat Heinz selbst. Die Bandbreite misst Aber natürlich sollen Revolu-
Schenk schon genug auseinan- sich immer an dem, was wir tionärInnen bestimmen, mit wem
dergenommen. Die Tatsachen – erreichen wollen, gemein- sie diskutieren, mit wem sie
der geradezu moralische Zeige- sam. Vom taktisch motivierten zusammen kämpfen wollen: das
finger auf die oft so genannten Verhandeln bis zur militanten hängt von den objektiven Ver-
„Normalos“ und auch auf die Auseinandersetzung ist alles hältnissen ab, in denen sie leben
GenossInnen, entlarven diesen drin. Folgerichtig führen wir und nicht von einem diffusen
Punkt genau als das verhasste keine Gewaltdiskussionen, denn „Wollen“. Dieses „gemeinsame
Wort: Propaganda. alle Widerstandsformen sind Wollen“ ist nämlich auch nur ein
Propaganda haben die Auto- erlaubt, müssen sich allerdings autonomer Mythos, auch wenn
nomen immer betrieben, und auf gemeinsames Wollen hin unser uns schon wohlbekannter 31
RevolutionärInnen werden sie ausrichten.“ Genosse meint:
4. „Es gibt kein Anerkennen von – räumlich wie ideologisch). Sie werden hierarchisiert und nicht
Hierarchien und FührerInnen“: bleiben meist ungreifbar, sind dialektisch in einem kollektiven
Die Mutter dieses Gedankens/ also auch nicht kritisierbar, ihre Prozess verarbeitet.
Dogmas ist die Organisations- bevorzugte Antwort auf solche/ Statt die Widersprüche
feindlichkeit der Autonomen, die meine Kritik ist: „Du bist doch auszutragen und wechselseitig
sich Hierarchien und FührerIn- auch Teil von etwas, du kannst voneinander zu lernen, um zu
nen mit Vorliebe als böse Kom- doch auch wie ich...“ einer neuen, richtigeren Politik
munistInnen mit vielen Orden, Irrtum, wenn mich noch kaum zu kommen, pisst mensch sich
einem ZK-Posten und langen jemand kennt, kann ich nicht: z. B. NACH so einer nieder-
Titeln vorstellen. Ich muss mich erst profilieren, schmetternden Demo wie
Das führt ganz einfach zu einem erst Leistung zeigen (wie überall Hoyerswerda gegenseitig an,
gigantischen Selbstbetrug: In im Kapitalismus), bevor mir weil mensch schon längst ne-
der Praxis stehen ganz oben zugehört wird, individualistische beneinander her Politik macht
in der Autonomen Bewunder- Selbstbehauptung im persona- und ein gemeinsamer Prozess
ungs-/Mythologisierungsskala len Geflecht des Klüngels statt immer schwieriger wird im allge-
unausgesprochen aber ebenso kollektiver Lehr- und Lern- meinen Subjektivismus.
unangefochten die bewaffneten prozess. Funktionen von Menschen sind
KämpferInnen (RAF, RZ). Und es bleibt dem Zufall nicht prinzipiell schlecht, aber
Mensch bedankt sich bei ihnen überlassen, einmal Klüngelleute sie müssen durchschaubar und
für einen gelungenen Anschlag kennenzulernen, die einem/r veränderbar sein – ein persön-
(1989 an den Wänden der FU ihre Erfahrung INDIVIDUELL licher Klüngel ist vielleicht
nach der Herrhausenexplosion), vermitteln – in der kapitalis- dauerhafter als eine Parade von
aber kritisiert die Strategie der tischen „Außenwelt“ sagen die Titeln (um nicht missverstanden
HeroInnen nicht – allenfalls ein- „Normalos“ schlicht „Vitamin B“ zu werden: Ich will beides nicht).
zelne Aktionen oder Papiere. zu sowas. Eine revolutionäre Bewegung
Die Hierarchie innerhalb der Selbstverständlich wird es sollte Menschen haben, die zu
Autonomen gibt es aber auch: immer in einer revolutionären ihrer Verantwortung stehen
Sie ist das genaue Gegenteil des Bewegung Menschen mit mehr (und diese auch wieder
kommunistischen Funktionärs- Erfahrung geben und solche, abgeben, wenn nötig) UND in
feindbildes, dafür aber nicht die erst neu dazugekommen ständigem Diskussionsprozess
weniger wirksam. Man könnte sind. Aber RevolutionärInnen mit allen stehen (durch prak-
diesen aktivsten, praktisch müssen immer daran arbeiten, tische Arbeit, durch Delegier-
führenden Teil der Autonomen selbst kritisierbar/greifbar für die tenstrukturen und die Medien
auch „Zentralen Klüngel“(ZK) GenossInnen zu sein und müs- der Bewegung). Doch dazu
nennen, innerhalb der struktur- sen jüngere/neue Leute an die müssen die, die diese Aufgabe
losen Szene gibt es Leute, die Übernahme von Verantwortung für grundlegend halten, etwas
sich durch lange Arbeit Aner- heranführen. Es geht Revolu- völlig Neues schaffen.
kennung erwarben. Ihr Wort gilt tionärInnen um Emanzipation „Sie haben durch ihre ent-
auf VVs, sie führen die für die und nicht um Profilierung und schlossene revolutionäre Hal-
Tagespolitik entscheidenden ein Hinter-den-Kulissen-Agieren tung, ihre vorbildliche Tatkraft
Diskussionen abgeschlossen in der eigenen Bewegung. und ihre unverbrüchliche Treue
und nicht im autonomen Me- Der Satz „Wir brauchen Euren dem internationalen Sozialismus
dium Interim, Mensch kennt sie, Mut und Ihr unsere Schlauheit“ wahrhaftig genug geleistet, was
aber Otto/Lisa Durchschnitts- charakterisiert das Dilemma, unter so verteufelt schwierigen
autonomeR kennt sie kaum in das die Klüngelpolitik führt. Verhältnissen zu leisten war.
32 (geschweige denn die Frak- Unterschiedliche Erfahrun- Das Gefährliche beginnt dort,
tionen, in die sie gespalten sind gen von Theorie und Praxis wo sie aus der Not die Tugend
machen, ihre von diesen fatalen der BRD immerhin die einzige Systems vertuschen sie ihre
Bedingungen aufgezwungene relevante radikale Kraft, die den Fehler (die ich selbst auch alle
Taktik nunmehr theoretisch in deutschen Imperialismus nicht mitgemacht habe und teilweise
allen Strukturen fixieren und nur kritisiert, sondern auch noch mitmache), verteidigen
dem internationalen Proletariat immer praktisch zu bekämpfen ihr Mangelmodell und erheben
als das Muster der sozialis- versucht. es zum Vorbild revolutionären
tischen Taktik zur Nachahmung Aber sie haben es versäumt, aus Handelns (siehe den Genossen
empfehlen wollen.“ (Rosa ihrer Bewegung, die als radikale aus der Interim 165). So weit
Luxemburg) Ablehnung des gescheiterten K- erst mal.
Die russischen RevolutionärIn- Gruppen-Ansatzes der ’70er be-
nen, die Lenin-Trotzki, wie Rosa griffen werden kann, eine neue Roberto Blanco
sagt, verbindet hier einiges mit Organisationsform zu schaffen.
den Autonomen in Deutschland. Unter ständigen Angriffen
Diese sind im engen Rahmen und Integrationszwängen des

...und wenn es doch noch etwas Anderes gibt!?!


Die in den letzten Wochen muss zwangsläufig ketzerisch Dies ist nicht verwunderlich und
veröffentlichen Texte von Heinz wirken, denn es untergräbt den entspricht dem „autonomen Ab-
Schenk haben glücklicherweise absolutistischen Anspruch der solutismus“, der den Rahmen für
für viele Diskussionen gesorgt. Autonomen. Dies wird beson- zulässige Kritik schon im Vorfeld
In vielen Zusammenhängen ders in der Kritik von Lotta abgesteckt hat. Wer diesen
werden sie diskutiert und, was deutlich (Interim 169), die in der Rahmen verläst war früher ein
den Inhalt der Texte nur Behauptung gipfelt: „Counter“, und heute, wie H.S.
bestätigt, viele Menschen, „H.S. also möchte sich, ... „in der autonomen Bewegung
denen ich die Texte gegeben erschreckt über die Kälte der wirklich falsch“ (Lotta).
habe, die nicht „Teil der Szene“ Freiheit, zurückfallen lassen in Der Rahmen, in dem Revolu-
sind und trotzdem Interesse den Schoß der Autorität.“ tionärInnen diskutieren, sollte
an revolutionärer Politik haben, So einfach ist also die Welt, der Wille sein, ein politischer
fanden in ihnen Ansätze, die entweder „autonom“ oder im Faktor zu werden, eine revolu-
eine Perspektive bieten. Eine Schoß der Autorität. Nun mal im tionäre Gegenmacht aufzubau-
Perspektive für die Linke, da Ernst, kann es außer den Au- en, eben „die Verhältnisse zum
endlich, wie Roberto Blanco tonomen keine antiautoritären Tanzen zu bringen“ und dies
sagt (Interim 169), die Not- Lebens-, Handlungs- und nicht nur 5x im Jahr rund um die
wendigkeit einer nicht mehr Organisationsformen geben, O-Straße!
„autonomen“ (meint hier die zumal die „Autonomen“ lediglich A riot ain’t a revolution (Mutaba-
allseits bekannten Sitten und antiautoritär sein wollen es aber ruka).
Bräuche) revolutionären Politik nicht sind? (Das ist nicht bös’
erkannt wurde. gemeint – Autonome sind eben Der Rahmen, in dem „Auto-
Und die einzig richtige Kon- auch „nur“ Menschen.) nome“ diskutieren, lässt keine
sequenz gezogen wurde, der grundlegenden Kritiken zu. Dies
„Austritt“ aus den „Autonomen“, Doch sehen wir mal auf den wird an der Herangehensweise
sprich die Suche nach den ganzen Text von Genossin von Lotta deutlich: Die funda-
Möglichkeiten einen anderen, Lotta. Zunächst gibt sie H.S. mentale Kritik wird nicht ernst
besseren Rahmen für revolu- recht in seiner Kritik an den genommen, weil sie gar nicht als 33
tionäre Politik zu schaffen. Dies Umgangsformen in der Szene. mögliche Kritik wahrgenommen
wird, Lotta bezieht sich nicht auf für den Menschen, der primäre und dies ist in den meisten
die Kritik, sondern pickt sich den Gesichtspunkt sein müsse Fällen eben nicht von „eigenen
von H.S. in der Tat oft ungenau (dieser Subjektivismus kommt Erfahrungen und Auseinander-
verwandten Begriff „Subjektiv- z. B. in den industriell entwick- setzungen bestimmt“.
ismus“ heraus und zerlegt ihn, elten kapitalistischen Ländern in In der gesamten Seite 2 von
ohne sich die geringste Mühe Form einer bornierten Selbst- Lottas Text vermischen sich
zu geben zu verstehen, was H.S. sucht und einer beschränkten, Realität und Ideal miteinander
meint. vulgären Konsumentenideologie und machen eine Kritik wirklich
Es scheint klar zu sein, die zum Ausdruck.)“ schwer. Doch zu kritisieren ist
Ursache liegt bei H.S., das Darauf folgt die Erläuterung des auf jeden Fall Lottas Überzeu-
Problem auf der persönlichen Subjektivismus, wie Lotta ihn gung: „...verändern kannst du
Ebene: Psychologisierend stellt konstituierend für das autonome letztlich nur das eigene Verhal-
Lotta fest: Politikverständnis versteht, was ten, die Verhaltensänderung
„Ich habe das Gefühl, dass jedoch eher eine Beschreibung der anderen ist allenfalls eine
er alles das, was er selbst als der sagen wir mal „Autonomie Reaktion darauf.“
verletzend, frustrierend und des Subjekts“ darstellt, eine
verwirrend in autonomen Vorstellung von der sich H.S. Demnach gibt es nur Ketten-
Zusammenhängend erlebt hat, bestimmt nicht trennen will. reaktionen. wir müssen eben
auf diesen Begriff projiziert.“ Jedoch auch eine Vorstellung, „nur“ vorbildlich leben und die
An dieser Stelle möchte ich der nur der kleinste Teil derer, anderen werden uns folgen,
Gramsci zitieren, der eben die sich irgendwie „autonom“ und wenn es dann alle wollen is’
doch zum Teil ganz brauchbare finden, versucht gerecht zu Revolution! Das wirft die Frage
Gedanken zu Papier gebracht werden. Es ist mir auch zu auf, wie denn diese Kettenreak-
hat, so z. B. in seiner Kritik am schwarz/weiß, den „eigenen Er- tion (sei sie noch so lang-
„Gemeinverständlichen Lehr- fahrungen und Auseinanderset- sam...) ausgelöst wurde, wenn
buch“ Bucharins: zungen“ schlichtweg „Gesetze Verhaltensänderungen allenfalls
„...man muss seinen Gegnern und blind übernommene Werte“ Reaktionen auf Verhalten-
gegenüber gerecht sein. Man gegenüberzustellen. sänderungen sind...
muss sich zu verstehen be- Demnach hätten Schriften,
mühen, was sie wirklich haben Denn ich kann aus meinem Veranstaltungen, Aktionen
sagen wollen, und nicht böswil- persönlichen Erfahrungs- usw. keine Überzeugungskraft,
lig bei ihren oberflächlichen und horizont, der eben in meiner demnach ist es eigentlich gar
unmittelbaren Aussprüchen (mitteleuropäischen) Realität nicht möglich, dass z. B. die
stehen bleiben.“ (Philosophie aufgebaut worden ist, vieles H.S.-Texte mich dazu gebracht
der Praxis) nicht nachvollziehen. haben, meinen Ansatz zu
Abgesehen davon zitiert Lotta Z. B. stehen einige Verhaltens- revidieren und den Ansatz einer
das „Philosophische Wörterbu- weisen von Flüchtlingen im nicht mehr „autonomen“ revolu-
ch, DDR“, welches die herr- krassen Gegensatz zu meinem tionären Politik zu suchen.
schende Realität, die auch von politischen Verständnis, eine Als „Autonomer“ hab’ ich näm-
den „Autonomen“ reproduziert Auseinandersetzung damit kann lich viel Kritik gehabt und nie
wird, ganz gut beschreibt: nur erfolgen, wenn nicht nur über meinen/unseren Tellerrand
„...die Auffassung, dass bei der der/die Flüchtling, weil er/sie hinaus geschaut. Lang genug
Beurteilung beliebiger Sachver- jetzt hier ist sich mit meiner Re- hab’ ich immer wieder versucht,
halte ihre Bezogenheit auf das alität auseinandersetzt, sondern Sachen zu verändern, Prozesse
abstrakt aufgefasste men- ich mich auch über die Realität in Gang zu setzen usw... aber
34 schliche Subjekt, etwa in Form seines „Herkunftslandes“ bzw. eben nur intern.
einer abstrakten Nützlichkeit seiner Sozialisation informiere Ich will hier nicht die Kritik an
der autonomen Szene wieder politischen Arbeit und Orga- schütteln kann.
aufgreifen, ich teile sie, und sie nisierung zu finden, die im Wie ein solcher Rahmen aus-
ist tatsächlich nichts Neues. Stande sind, jetzt und zukün- sieht, weiß ich nämlich natürlich
Es geht auch nicht darum, „die ftig verstärkt zu Tage tretende auch nicht genau, und H.S. und
Autonomen“ als schon immer Widersprüche aufzugreifen. Es R.B. wissen es wohl auch noch
durchweg schlecht und verfehlt geht nicht darum, irgendwelche nicht, sonst hätten sie es uns
darzustellen. Versprechungen zu machen, bestimmt nicht vorenthalten.
Doch als RevolutionärInnen sondern einen Rahmen zu Mir geht es darum, einen
müssen wir unsere Strategien schaffen in dem alle Menschen Beitrag zu der Diskussion um
an der Realität orientieren, und mit Interesse an revolutionären „den neuen Rahmen“ zu leisten,
die ist heute eine andere als Veränderungen, relativ unab- und ich hoffe, da ich keinen
noch vor 10 Jahren. Es geht hängig von ihrer sozialen absoluten Anspruch habe, dass
nicht darum, sich von allen Herkunft, kulturellen Vorlieben es auf der Basis des bisher
Inhalten „autonomer Politik“ zu und Lebensformen diskutieren, und weiterhin Diskutierten zu
trennen, sondern darum, zu erk- kämpfen und feiern können. möglichst vielen verschiedenen
ennen, dass der Rahmen, den Dies schließt nicht aus, dass Ansätzen revolutionärer Politik
wir dieser Politik gegeben ha- sie sich auch am Punkt ihrer kommt.
ben, nicht ausreicht, bestimmte spezifischen Unterdrückung So ist die Chance, dass
Widersprüche, die außerhalb organisieren. wenigstens einer von ihnen die
unserer sozio-kulturellen Iden- Einige Punkte, in denen Widersprüche greifen, und ein
tität und unserer Lebensformen Veränderungen notwendig reelles revolutionäres Gegenge-
liegen, zu erfassen. sind, wurden von H.S. und R.B. wicht aufbauen wird, um einiges
bereits dargestellt. Ein wichtiger größer.
Und in den letzten Jahren hat Ansatz ist, „die Widersprüche, So long. Fortsetzung folgt
sich die Anzahl der Menschen die es im bürgerlichen Lager, bestimmt. Gruß an Heinz
mit genau solchen Wider- z. B. bei den Parteien oder in Schenk und Roberto Blanco!
sprüchen vergrößert. was den Medien gibt, durchaus für
Ansatzpunkte für revolutionäre sich auszunutzen.“(R.B.) Adriano Celentano
Politik bietet, die nicht in den und Rita Pavone
Doch es muss sicherlich noch
bekannten „autonomen Rah- viel und lang diskutiert werden...
men“ passt. da sich niemand und niefraud P.S.: Zur Gewaltfrage: „By any
Es liegt hier an der revolu- einen neuen Rahmen für revo- means necessary“ (Malcolm X)
tionären Linken, Formen der lutionäre Politik aus dem Ärmel

35
Der nachfolgende Text stand Die hier folgende Kritik an nisse von Unorganisiertheit
eigentlich nicht im unmittel- dem Göttinger Papier von in der autonomen Linken
baren Zusammenhang mit einem Han Solo wurde von theoretisch zu rechtfertigen.
der Heinz-Schenk-Debatte. uns inhaltlich nicht geteilt. Als Antwort auf den Han-So-
Er ist eine Antwort auf den Wir empfanden den Han- lo-Text (und auf andere Be-
sehr konkreten, an die Grup- Solo-Text als den Ausdruck tonungen der Unmöglichkeit
pen der antifaschistischen einer zum Teil widersprüchli- unseres Anliegens) entstand
Bewegung gerichteten Or- chen und manchmal bornier- der Aufsatz „Sich dem Kapi-
ganisierungsvorschlag der ten Geschichtsschreibung, talismus nicht ergeben“ – der
Göttinger Antifa (M), der im deren wichtigstes Ziel es letzte lange Text der Heinz-
Oktober 1991 in mehreren schien (zumindest lasen wir Schenk-Diskussion, der im
linksradikalen Zeitschriften den Artikel in diesem Sinn), Anschluss zum Han-Solo-
veröffentlicht wurde. die bestehenden Verhält- Text abgedruckt ist.

Neues aus dem Unterhaus: Organisierungsdebatte


Eine Antwort im Speziellen auf benutzte Literatur zu finden wegung. Weibliche Lohnarbeit
das Organisationspapier der sind. Für das Verständnis des (Verkäuferinnen, Sekretärinnen,
autonomen Antifa (M) aus Göt- Textes selbst sind sie nicht so Industriearbeiterinnen) rückte
tingen – und eine Erwiderung im wichtig...) mehr ins öffentliche Bewusst-
allgemeinen zur „Organisations- sein, wobei zwei gegenläufige
debatte schlechthin“. Tendenzen in der Tendenzen sichtbar wurden:
Bevor der Anspruch der Weimarer Republik Einerseits schaffte weibliche
Überschrift eingelöst wird Lohnarbeit Freiräume: Frauen
– Antwort und Erwiderung – Nach der Niederlage im 1. Welt- wurden als Rechtssubjekte
entschuldigt sich der Verfasser krieg und der Niederschlagung anerkannt, hatten eigenes Geld
bei der geneigten Leserin und der Revolutionsversuche setzte zur Verfügung – andererseits
dem geneigten Leser für einen sich in Weimar der Morderni- wurde die weibliche Arbeit aber
längeren historischen Teil. In sierungsprozess der bürgerli- „sofort“ als „minderwertig“ ab-
ihm wird dargelegt, wie sich – chen Gesellschaft fort – teilweise qualifiziert, also auch schlechter
kurzgefasst – die Durchsetzung in Kontinuität zum Kaiserreich, bezahlt, und war meistens für
der bürgerlichen Gesellschaft in teilweise die Verhältnisse im die Arbeiterinnen eh nur Durch-
Deutschland darstellte (wobei Kaiserreich sprengend. gangsstation auf dem Weg zur
etwas willkürlich als Anfang Der Prozess, in dem sich gewünschten Ehe. (1)
die Weimarer Republik gewählt die bürgerliche Gesellschaft Es gab insgesamt einen „neuen“
wurde), um dann – ebenfalls durchsetzt(e) und von der Diskurs um „Weiblichkeit“: Die
kurzgefasst – zu betrachten, fortschreitenden „Zerschlagung“ alten „ritterlichen“ Moralvor-
welche Folgerungen daraus für kollektiver Milieus zu im Endef- stellungen des viktorianischen
eine „Organisations“-Debatte zu fekt atomisierten Individuen Zeitalters – in denen Frauen
ziehen sind. fortschreitet, war in der Wei- wie „kleine, dumme Kinder“
(Für die, die an bestimmten marer Republik an einem ganz behandelt wurden, die zu „be-
Textstellen, die Argumentation bestimmten Punkt angelangt. schützen“ waren – war schon
noch weiter nachvollziehen oder In der Verfassung wurde das länger einem Erosionsprozess
„weiter“ lesen wollen, sind ab aktive und passive Wahlrecht für ausgesetzt gewesen. Die ältere
36 und zu Anmerkungen angege- Frauen verankert – ein später Frauenbewegung hatte bereits
ben, in denen Beispiele für die Erfolg der Frauenwahlrechtsbe- zu einem größeren Selbstbe-
wusstsein vieler Frauen geführt, KPD, eine „neue“ SPD und ein Landschaft war also in sich
allerdings um den Preis größerer vielfältige linksradikale „Kul- zersplittert: Es existierte eine
Vereinzelung bzw. der Auf- tur“ entstanden. Die Spaltung von der KPD als „bürgerlich“
lösung traditioneller, weiblicher machte die Arbeiterklasse „für denunzierte Frauenbewegung:
Lebenszusammenhänge. (2) sich“, handlungsunfähig: Nur in Es gab die SPD, die sich schon
So veränderte sich die alte der Defensive – als „Hindernis“ zur „Volkspartei“ mauserte und
patriarchale Sphärentrennung für weitere, notwendige indus- trotzdem noch eine bestimmte
– in männliche und weibliche trielle Modernisierung in einem Form von Arbeiter-Alltagskultur
Gesellschaftsbereiche – da großen Maßstab (a la USA zum unter ihrem Dach integrierte
Frauen in bisher männlich domi- Beispiel) – war sie stark. und es gab die KPD, die sich
nierte Räume eindrangen (die Die Spaltung war nicht nur auf einen bestimmten Teil der
Trennung der Sphären wurde eine „politische“, sondern auch Arbeiterklasse stützte, der eben-
dadurch aber nicht aufgehoben, eine kulturelle: Getrennt nach falls durch eine gemeinsame
sondern nur „neu“ definiert). Parteizugehörigkeit existierten Alltagsorganisation unterein-
Im Zuge der Veränderungen verschiedene Lebensuniversen ander verbunden war (dazu
änderten sich auch die sexuellen innerhalb der „Arbeiterklasse“, gehörten allerdings meist nicht
Lebensgewohnheiten, was aber wobei der Abgrund zwischen die Ehefrauen bzw. Freundinnen
wiederum nicht hieß, dass ihr ihnen (zumindest „offiziell“) nur der organisierten Arbeiter und
patriarchaler Inhalt angegriffen selten und momentan durchbro- Arbeitslosen). (6)
wurde. (3) chen wurde. Größer noch war „Quer“ dazu gab es die pro-
der Abgrund zur bürgerlichen letarische Frauenbewegung,
Im Zuge der sexuellen Liber- Sphäre, zu der alle „proletari- die sich aufgrund übereinstim-
alisierung bildete sich in den schen Kulturen“ überhaupt mender Gesellschaftsanalyse
großen Städten eine bedeu- keine Berührungspunkte hatten. größtenteils in den Arbeiterpar-
tende schwule und lesbische Allerdings wurden viele teien organisierte, manchmal
und eine kulturelle (Dadaismus, Momente der bürgerlichen aber auch mit der „bürgerli-
Surrealismus) Subkultur und Welt für die Unterklassen zum chen“ Frauenbewegung zusam-
Lebensweise heraus. erstrebenswerten Ideal z. B. die menarbeitete.
„bürgerliche Familie“, die als
Diese Prozesse kulminierten Gegenmodell zu den „un- Die Basis der KPD war zumeist
in der Weimarer Republik. Sie geregelten“ Beziehungen der männlich, heterosexuell, weiß
waren real – aus heutiger Sicht Unterklassen (Kostgänger, Be- (nicht-jüdisch) und „antika-
– aber keineswegs großar- suchsehen...) idealisiert wurde, pitalistisch“ eingestellt – und
tige Schritte zur Befreiung um „Ausschweifungen“ zu zwar „revolutionär“ eben
der Frauen, wurden aber im verhindern (was im Klartext nur nur in dem Sinn, dass sie ein
Bewusstsein der damaligen hieß, neu entstandene sexuelle „objektives“ Hindernis für
männlichen Zeitgenossen als im- Freiheiten der proletarischen die Konkurrenzfähigkeit des
mense Bedrohung empfunden. Frauen patriarchal neu ein- deutschen Kapitals darstellte.
(4) Die Arbeiterklasse, die sich zudämmen). In beiden proletari- Alle anderen – antipatriarcha-
1914 als revolutionäre Kraft schen Lebensuniversen gab es len, anti-antisemitischen und
verabschiedet hatte (wenn sie keine autonome Organisierung antikapitalistischen – Strömun-
es denn je war), erlitt 1918/19 von Frauen – Frauenpolitik gen dagegen wurden von der
eine erneute Niederlage und wurde nur insofern geduldet, als KPD oft als „bürgerlich“ und im
spaltete sich (obwohl sie in der sie den von Männern definierten schlimmsten Fall als „konterrevo-
Verfassung zum ersten Mal als Zielen nicht zuwider lief – wie in lutionär“ denunziert (was bald
gesellschaftliche Kraft anerkannt der KPD. (5) die Liquidation nahelegte...). Es 37
wurde): Die politisch-„revolutionäre“ gab also kaum nennenswerte
Versuche, die historisch und denn tat, dann oft nur unter der UdSSR, war sie ein objek-
aktuell verschiedenen Unter- einem Konzept von Fürsorge für tives Hindernis für die Modern-
drückungsverhältnisse (pa- die Armen. (10) isierung, das im weiteren Prozess
triarchale, rassistische, anti- Die bürgerliche Gesellschaft auf irgendeine Art und Weise
semitische, ökonomische) als bedrohend war allerdings nicht „beseitigt“ werden musste.
Facetten eines Zusammenhangs die Existenz einer Partei wie der Die Frauenbewegung war
zu verstehen. Auf proletarischer KPD (im Gegenteil, die Bol- Reflex auf und Bedingung für
Seite blieb die Unterdrückung schewiki wurden zum Garanten den Modernisierungsprozess:
nach Geschlecht immer ein einer nachholenden Modern- Einerseits bekämpfte sie die
„Nebenwiderspruch“, der sich isierung in der UdSSR): ebenso Auswirkungen des Prozesses,
nach der angestrebten Revolu- wenig wie die Existenz anderer andererseits versuchte sie,
tion von „selbst“ lösen sollte, linker Strömungen. Hinderlich die Ergebnisse für sich zu
sodass sich viele Frauen nicht hingegen war die Existenz wenden, wurde so aber zu
in der KPD organisierten, da von „homogenen“ Teilen der einer gesellschaftlichen Kraft,
dort im Endeffekt nur ein Aspekt Bevölkerung, die die gleichen die die Modernisierung selbst
weiblicher Unterdrückung „antikapitalistischen“, „über“- mit vorantrieb, da sie nicht über
Thema war: Lohnarbeit von individuellen Werte teilten, die die patriarchal-bürgerliche
Frauen. (7) einer Modernisierung (schein- Gesellschaft hinauszudenken
Ebenso wenig setzte die KPD bar) entgegenstanden – übri- vermochte (trotzdem wurden die
dem völkisch-antisemitischen gens ebenso hinderlich wie die Veränderungen, die patriarchale
Denken etwas entgegen – im Existenz konservativer, reak- Herrschaftsverhältnisse betrafen,
Gegenteil. Mit Rücksicht darauf tionärer Bevölkerungsteile, die von den Männern so betrachtet,
(das „Völkische“ wurde manch- eine Modernisierung genauso als ob sie das System in Frage
mal sogar gelobt) wurden jüdis- behinderten. stellen würden (11), obwohl
che Kommunisten nicht mehr diese Veränderungen doch eher
ins ZK gewählt. Antisemitismus Die Organisationen der Arbei- als Anpassung an die moder-
wurde nur insofern thematisiert, terbewegung waren Reflex neren Verhältnisse betrachtet
als er als „Antikapitalismus der auf die Vereinzelung der freien werden müssen).
Verblendeten“ verstanden und Lohnarbeiter-Rechtssubjekte, Im Zusammenhang damit muss
deshalb auch nicht bekämpft aber ihre „revolutionäre“ Theorie kurz die „globale“ Situation der
wurde, denn das hätte ge- war eher nach „rückwärts“ ge- deutschen Gesellschaft betrach-
heißen, die eigene „potentiell richtet, da sie die Arbeiter kollek- tet werden, die wiederum ein
revolutionäre“ Basis in Frage tiv zu organisieren versuchte ganz spezifisches Produkt
zu stellen, in der das völkische (und selbst noch die vergangene deutscher Entwicklung war:
und nationale Denken durchaus „Einheit der Klasse“ ideologi- Die nachholende Entwicklung
verbreitet war. sierte) – Praxis und Theorie, als des deutschen Kapitals ohne
Antisemitismus wurde so auch Organisationsformen, waren gelungene bürgerliche Revolu-
nur als „Nebenwiderspruch“ deshalb der damaligen Zeit tion, die im 1. Weltkrieg eine
begriffen und nicht als historisch schon nicht mehr angepasst, Niederlage erlitt, musste sich in
gewachsenes, „eigenes“ Unter- da sie die Veränderungen der der Weimarer Republik beschle-
drückungsverhältnis. (9) bürgerlichen Gesellschaft (im unigen, um konkurrenz-fähig zu
Gegensatz zur Frauenbewe- bleiben. Außenpolitisch wurde
Ähnlich eingeschränkt war die gung) kaum mitreflektierten. das durch die innerimperialis-
„bürgerliche“ Frauenbewegung, Da die Arbeiterklasse in der tischen Konkurrenten mit Hilfe
die sich um weiblich-ökonomi- deutschen „Atmosphäre“ nicht der Versailler Verträge und durch
38 sche Unterdrückung gar nicht selbst zur Trägerin der Moderni- den drohenden Export der Revo-
kümmerte – und wenn sie es sierung werden konnte wie in lution aus der UdSSR behindert.
In der Weimarer Republik – und Nationalsozialismus Eine durch Terror individuali-
besonders an ihrem Ende – und Modernisierung sierte, in der die zur bürgerli-
wurde die Situation explosiv, da chen Vereinzelung „gehörende“
die Modernisierung im Rahmen Die Widersprüchlichkeit, die individuelle Freiheit völlig fehlte
der damaligen Bedingungen Hindernisse auf dem Weg der – und die diese Vereinzelung in
an ihre Grenzen stieß und die Modernisierung bzw. der wei- der Rhetorik der „Volksgemein-
Widersprüchlichkeit der „Ein- teren Durchsetzung der bürger- schaft“ leugnete.
zelprozesse“ krass zutage trat: lichen Gesellschaft versuchten
einerseits krisenhafte Steigerung die Nazis mit „Rücksicht“ auf die Der völkische Antisemitismus,
der Produktion mit Arbeits- spezifisch deutschen Bedin- der sich zum Völkermord
losigkeit und Inflation und - auf gungen zu beseitigen: Wie bei steigerte, bildete den notwen-
gesellschaftlicher Ebene - Alexander dem Großen und dem digen gesellschaftlichen und
Verbürgerlichung und Vereinze- gordischen Knoten bestand ihre individuellen Kitt für die psychi-
lung und „Transformation“ des Lösung in purer Gewalt. sche Entlastung der atomisierten
Geschlechterverhältnisses. Terroristisch zerschlugen sie die Individuen, die gegenüber dem
Andererseits die in der proletarischen Organisationen projektiven Feind ihre „Gemein-
Defensive feste Bastion der – kulturelle wie politische – und schaft“ sich einbildeten – diese
Arbeiterbewegung, die von den ließen die einzelnen ArbeiterIn- Einbildung materialisierte sich
Männern als systemsprengend nen so in moderner Vereinzelung in Massenritualen und in der
empfundene Frauenbewegung zurück. (13) Ebenso zerschlugen „Volks“-Rhetorik.
und die imperialistische Konkur- sie die Frauenbewegung(en) Der projektive Feind waren
renz. Die Widersprüchlichkeit und ließen „Mütter“ zurück die jüdischen Menschen, die
war natürlich nicht nur auf ge- (erst Ende der ’60er Jahre war in einer geplanten Aktion aus-
sellschaftlicher Ebene sichtbar: die Stellung der Frau wieder gelöscht wurden. Aber natürlich
ihre historischen und aktuellen der in der Weimarer Republik erforderte es die Logik eines
Spuren steckten ebenso – als vergleichbar) – nach ihrer Diszi- projektiven Feindes, dass letzt-
Reflex auf und Bedingung für die plinierung wurden die Frauen endlich alle, die außerhalb der
Widersprüchlichkeit an der ge- allerdings auch wieder als Arbei- selbstdefinierten „Volksgemein-
sellschaftlichen Oberfläche – tief terinnen gebraucht. (14) schaft“ standen oder gestellt
in der Psyche jedes einzelnen Im Endeffekt zerschlugen sie wurden, vernichtet werden soll-
Menschen. alles, was sich (organisiert) ten – Roma und Sinti, Schwule
Das drückte sich im spezifisch gegen die kapitalistisch-hetero- (und Lesben), „Faule“, PolInnen
deutschen, völkisch-antisemi- sexuell-familiär ausgerichtete und RussInnen und natürlich
tischen Denken und Bewusst- bürgerliche Gesellschaft richtete Linke gerieten ebenfalls in
sein aus, das immer weitere Teile – wobei die Nazis allerdings nur großer Zahl in die für jüdische
der Gesellschaft durchdrang und das fortführten, was schon in Menschen konzipierte Vernich-
bestimmte und für weite Teile den letzten Jahren der Weima- tungsmaschinerie.
der (nicht-proletarischen) Be- rer Republik eingeleitet wurde, Frauen- und Arbeiterbewegung
völkerung konstitutiv wurde. Sie ohne auf den Widerstand wurden nicht einfach nur zerschla-
steckte genauso in den Köpfen aller „bedrohten“ Kollektive zu gen, ihre „konservativen“ Elemente
(aller!) Männer, was sich im ri- stoßen. (15) wie „Stolz auf die eigene Arbeit“
gorosen Frauenhass vieler Män- Der sich auf ein breites völkisch- oder „weibliche Bestimmung“
ner und in ihrer Reaktion auf die antisemitisches und frauenfein- wurden – mit „Zustimmung“ der
Frauenbewegung widerspiegelte dliches Bewusstsein stützende Einzelindividuen – aus dem theo-
– nicht nur bei den Freikorps- Nazi-Terror produzierte eine retischen Gesamtzusammenhang
Soldalen und Faschos, sondern „Karikatur“ einer modernen „gelöst“ und nutzbringend für die 39
auch bei vielen Proletariern. bürgerlichen Gesellschaft: Modernisierung gewendet.
Die Tatsache, dass die revolu- trachtet werden, dass es die Gesellschaft mitdenken – muss
tionären Bewegungen und die Grundlagen für die gelungene also ein historisch-kritischer
ihnen zugehörigen Individuen Nachkriegsmordernisierung sein. Jeder kritiklose Bezug auf
nicht über ihre eigenen Bedin- bis zur Weltmacht BRD gelegt Vergangenes – auf z. B. die KPD
gungen hinaus denken konnten, hat, ohne die nichts gegan- oder die „alte“ Frauenbewegung
führte so dazu, dass einige ihrer gen wäre – indem die Nazis – kann nur falsch sein, da die
zentralen Gesichtspunkte im die Voraussetzungen für eine objektive und subjektive Basis
völkische Bewusstsein aufgehen moderne bürgerliche Gesell- einfach nicht mehr existiert.
konnten – unter anderem wurde schaft schufen (die sich deshalb Wenn es heute um „Organisie-
„Stolz auf eigene Arbeit“ zu auch von anderen bürgerlichen rung“ geht, kann es also nicht
„Arbeit macht frei“, und „weib- Gesellschaften unterscheiden darum gehen, ein wie auch
liche Bestimmung“ wurde im muss, die sich evolutionär, d. h. immer geartetes Organisations-
Mutterkreuz sichtbar gemacht. ohne Faschismus, entwickeln schema der KPD wie auch im-
Die revolutionären Strömungen konnten). mer verändert zu übernehmen:
konnten sich nicht dagegen Ganz abgesehen davon, dass
wehren, da die völkischen Was heißt das für heute selbst schon die Organisations-
Parolen der Bewusstseinslage formen der KPD in ihrer Zeit
vieler Männer und Frauen Alle politisch-kulturellen „Kollek- nicht auf der „Höhe der Zeit“
entsprachen, die vorher selbst tive“, die in der vornazistischen waren, da die KPD ihre Basis
„linken“ beziehungsweise Zeit potentiell „revolutionär“ – einen Teil der Arbeiterklasse
feministischen Parolen nur waren und zumeist unverbun- und einen noch kleineren Teil,
nachgelaufen waren. (16) den nebeneinander standen, wenn er ins Verhältnis zu allen
Diese archaisch-hypermoderne wurden unwiderruflich zerschla- „Unterdrückten“ gesetzt wird
Nazi-Gesellschaft setzte mit gen. – zum „revolutionären“ Subjekt
dem Terror eine auf Kosten Sie werden nicht wieder neu schlechthin stilisierte. (19)
der innerimperialistischen entstehen, da die inzwischen
Konkurrenten und der eigenen, erfolgte Verbürgerlichung der Dass die Durchsetzung der
abhängigen Bevölkerung Gesellschaft samt ihrer fortge- bürgerlichen Gesellschaft ein
(exzessive Außenverschuldung schrittenen Atomisierung der Prozess der Individualisierung
bis zur Schuldentilgung durch Individuen die Basis für diese der Einzelnen ist und das
Krieg, absolute Ausbeutung bis „Kollektive“ zerstört hat: es dieser Prozess „vorbürgerliche“
zur Vernichtung durch Arbeit gibt sie nicht mehr, die „über“- (patriarchale, fremdenfeindliche,
und „Biologisierung“ der Frauen individuellen Werte, die religiöse...) Herrschaftsstruk-
als „Mütter“) einen industriel- unabhängig von persönlicher turen aufnimmt und auf neuer
len Modernisierungsschub in Subjektivität breite Kreise der Stufe weiter entwickelt, blieb
Verbindung mit bevölkerungs- Bevölkerung unter einem der kommunistischen Arbeiter-
politisch-rassistischen Maßnah- Dach vereinen könnten. Jede bewegung seit jeher verborgen
men durch, der seinesgleichen Beziehung ist zu einer Waren- (20) (ob die KPD das in ihrer
sucht. (17) beziehung geworden, was Zeit erkennen konnte oder nur
Oberflächlich gesehen, schei- impliziert, dass der einzige den objektiven Einschränkungen
terte die forciert-terroristische „über“-individuelle Wert, der der bürgerlichen Gesellschaft
Modernisierung der Nazis am heutzutage Menschen objektiv ihrer Zeit selbst unterlag, ist eine
Ende des 2. Weltkrieges mit der einander „nahe“ bringt, der Wert andere Frage).
Niederlage Nazi-Deutschlands. selbst ist: Geld. (18)
Allerdings könnte das nazis- Jeder Bezug auf die Geschichte Die KPD wurde deshalb damals
40 tische System – aus heutiger muss die sich verändert zu einer Bastion weißer –
Perspektive – auch so be- habende Form der bürgerlichen arbeitender und arbeitsloser
– Männer, die gegen ihren in der deutschen Gesellschaft Alltag, zwischen theoretischer
„Feind“ auf ihrem „spezifischen entwickelt hat – eine verständli- Orientierungslosigkeit und
Terrain“ kämpften. Das reichte che Projektion, da das Erkennen Alltagsgrauen, ist nur – in der
schon damals natürlich nicht zur des Seins hinter dem Schein dialektischen Aufhebung der
Umwälzung der kapitalistischen abgrundtiefe Konsequenzen Dichotomie persönlich/abstrakt
Gesellschaft hin zur kommunis- bereithält: zu verstehen und vielleicht
tischen – und heute erst recht „revolutionär wendbar“ – ohne
nicht. „wir sind die tauben tierchen im Linie.
Der Vorschlag der Antifa (M) aus glas oder die toten fliegen im Ein Organisationsvorschlag, der
Göttingen zur „Organisierung“ bernstein- wahrscheinlich wird es objektive Herrschaftsstrukturen
– mit Linie, Statut und Mitglied- kämpfe geben, die ohne ziel sein untereinander nicht wahrnimmt
schaft – kann so nur (positiv werden, denn indem das individu- und so „Differenzen“ unterein-
gesehen) romantischer Reflex um seiner unendlichen einsam- ander gar nicht erkennen kann,
auf vergangene „Einheit“ (die keit inne wird, schleift es an den leugnet das individuell, nach Ge-
ideologisiert werden muss, da abgründen bourgeoiser trauer die schlecht, nach Hautfarbe, nach
sie keine war), auf vergangenes waffen des eigenen grauens zu sexueller Ausrichtung und nach
„revolutionäres Bewusstsein“ gnadenloser solidarität“ Abweichung von der gesell-
sein, da die materiellen, gesell- (Michael Wildenhain: Die kalte schaftlich bestimmten „Norma-
schaftlichen Bedingungen, die Haut der Stadt) lität“ je verschiedene Grauen.
diese Organisationsstruktur Er schiebt das Grauen und die
einmal scheinbar „gerechtfertigt“ Die Trauer und das Grauen, Trauer ins „privat-persönliche“
haben mögen, heute durch die die dem und der einzelnen ab, obwohl genau durch diese
Entwicklung des spätkapitalis- inzwischen ständiger Wegbe- Abschiebung die patriarchale
tischen Patriarchats längst (in gleiter sind, sind erst einmal bürgerliche Gesellschaft mit
den Metropolen) zerschlagen zu erkennen und in ihrer konstituiert wird. So wird
worden sind. Unterschiedlichkeit festzustel- eine Organisation nie Kämpfe
Der Bezug auf diese Organisa- len – was nicht nur ein abstrakt- bündeln oder Ziellosigkeit
tionsstruktur zeigt aber ebenfalls, theoretischer Prozess sein kann überwinden können, denn der
dass sie die revolutionären (wie ihr es vorschlagt), sondern Grund für die Ziellosigkeit kann
Kämpfe in der Weimarer Repu- ebenso ein „persönlicher“, in gar nicht verstanden werden,
blik außerhalb der KPD nicht dem in jeder Alltagssituation der da er dem Ziel der Organisation
sieht – und dass sie für die Versuch unternommen wird, widerspricht: Es gibt inzwischen
heutige Zeit ein entsprechend die warenförmig-patriarchalen so viele Ziele wie atomisierte
eingeengtes Gesichtsfeld hat: Beziehungen der Menschen Individuen.
der Aufruf zur „Einheit“ denun- untereinander zu überwinden Es muss hinter die Projek-
ziert alle Kämpfe außerhalb und so das Grauen und die tion geschaut werden: Die
des von ihr selbst gesteckten Trauer kollektiv zu bekämpfen, Organisation ist nicht dadurch
Rahmens, indem er sie nicht und in dem das Grauen und die wertvoll, dass sie da ist – nichts
als etwas (notwendig von ihr) Trauer an die abstrakte Theorie anderes bedeutet die propagi-
getrenntes wahrnimmt und angebunden wird. erte Unterwerfung unter eine
akzeptiert. Vielleicht verkennt Das wird ein Prozess sein, der „Linie“ und „Statuten“. So eine
die autonome Antifa (M) in nicht so organisiert werden Organisation mit Linie wäre nur
ihrem Vorschlag zur Organi- kann, wie es im Vorschlag bewusstloser Reflex auf die
sierung selbst den Grad an der Antifa (M) anklingt, da er Vereinzelung, da sie die
Atomisierung der Individuen, unmöglich „vereinheitlicht“ Vereinzelung in einer tenden-
der sich über die von den Nazis werden kann. Denn der Wider- ziell entindividualisierten 41
geschaffenen Voraussetzungen spruch zwischen Theorie und „Organisation“ aufheben will:
42
43
5 S. Kontos: Die Partei kämpft wie 13 D. Peukert: Volksgenossen und
ein Reflex, der die Geschichte ein Mann, Stroemfeld/Roter Stern, Gemeinschaftsfremde, Bund-Verlag,
zurückdrehen will. Frankfurt 1979 Frankfurt 1982
6 Siehe (3) und Radikal 139, S.98 14 Beiträge zur feministischen
Han Solo und 138/2, S.7 Theorie und Praxis 29, Köln 1991,
7 Siehe (5) S.67
1 K. v. Soden, M. Schmidt: Neue 8 Konkret 1/91, S.44 und G. Mosse: 15 F. Neumann: Behemoth, Fischer,
Frauen, Elefantenpress, Berlin 1991, German Socialists and the Jewish Frankfurt 1988 (Neuauflage)
S.25 Question in Weimar Republic, Year 16 R. Rothermund: Verkehrte
2 L. Barrow u. a.: Nichts als Book of the Leo Baeck Institute Utopien, Verlag Neue Kritik,
Unterdrückung, Verlag Westfälis- 1971 Frankfurt 1980, S.14-93
ches Dampfboot, Münster 1991, 9 T. W. Adorno/M. Horkheimer: 17 Das fünfhundertjährige Reich,
S.143ff. Dialektik der Aufklärung, Fischer, Medico 1990, S.90-111 und
3 A. Kuhn u. a.: Frauenkörper, Frankfurt 1989, S.177 (Neuauflage) Autonomie Nr.14, S. 246
Medizin, Sexualität, Schwann, 10 R. Kurz: Der Kollaps der 18 Krisis 11, 1991, S. 162
Düsseldorf 1986, S.159-286; G. Modernisierung, Eichborn, Frankfurt
Mosse: Nationalismus und 19 K. H. Roth: Die andere
1991 Arbeiterbewegung, Trikont,
Sexualität, Rowohlt, Reinbek 1987
11 H. Berl: Die Männerbewegung, München, 1977, S. 55-81
4 K. Theweleit: Männerphantasien Kairos Verlag, Karlsruhe 1931
Band 1&2, Rowohlt, Reinbek 1982; 20 C. v. Werlhof, V. Bennhold-Thom-
W.F. Haug: Faschisierung des 12 G. Mosse: Die völkische sen, M. Mies: Frauen, die letzte
Subjekts, Das Argument 80, 1987, Revolution, Athäneum, Frankfurt Kolonie, Rowohlt, Reinbek, 1988, S.
S.126-142 1991 142

Autonome Studis Bolschewik


Einleitung dass die Fehler der Theorie auf die Tage von Leuten aus dem
die der Praxis verweisen und Umfeld der Autonomie bzw.
Es ist etwas schwierig, unsere umgekehrt. der Materialien für einen neuen
Kritik, die wir an der real existie- Diese Schwierigkeiten, die Antiimperialismus.
renden autonomen Bewegung autonome Bewegung in ihrer Die TheoretikerInnen hatten
haben, in einem kurzen Referat Einheit von Theorie und Praxis gerufen und die Bewegung
zusammenzufassen. Wer unsere zu kritisieren, haben allerdings war gekommen: Die einen
Textsammlung gelesen hat, ihren Grund nicht nur in un- hielten ellenlange Referate,
wird festgestellt haben, dass die serer subjektiven Unfähigkeit. die anderen hörten mehr oder
Texte nur sehr schwer mitein- Die Trennung von Theorie und minder geduldig und schwei-
ander diskutiert werden können. Praxis ist eine Realität innerhalb gend zu. Die Ausführungen
Die Kritik, wie wir sie an der der autonomen Bewegung. etwa über die Entstehung und
Autonomie (Neue Folge) geübt Wer letztes Jahr auf den Organisation der IWF-Riots
haben, hat z. B. wenig zu tun mit Bremer Internationalismustagen in Brasilien riss keinen der
der Kritik autonomer Bündnis- war, konnte die völlige Tren- Zuhörenden vom Hocker. Und
politik. Wir hatten ungemeine nung von Theorie und Praxis manchem wird wohl mehr als
Schwierigkeiten, autonome – oder besser die von Theore- einmal die Frage durch den
Theorie und autonome Praxis so tikerInnen und PraktikerInnen Kopf geschossen sein: „Was
44 zu kritisieren, dass es sich um bis ins Groteske gesteigert soll der Scheiß?“ Natürlich,
ein und dieselbe Kritik handelt, erleben. Veranstaltet wurden die gern zitierte Behauptung,
ohne revolutionäre Theorie Theoria vulga autonoma eine Kritik an der autonomen
gäbe es keine revolutionäre - die gemeine autonome Bewegung auf diese Art und
Praxis, schwirrte wohl den Theorie Weise anfängt, ist die Falle
meisten Zuhörenden durch die schon zugeschnappt, die durch
Birne und mahnte zur Geduld Gehen wir von der bekannten das spezifische Verhältnis von
mit den ReferentInnen. Doch Erscheinung des bzw. der Theorie und Praxis aufgestellt
wie die Ausführungen der Durchschnittsautonomen aus. ist.
Theoriecracks den praktischen Natürlich, eineN derartigeN Unser Vorwurf ist es nicht, dass
Kampf voranbringen sollten, DurchschnittsautonomeN gibt die autonome Bewegung theo-
konnte sieh niemand so recht es nicht: Und alles, was man rielos sei – im Gegenteil.
vorstellen. über ihn bzw. sie aussagt, Es gibt vielmehr eine ziemlich
Und tatsächlich, als es dann kommt schnell in den Ruf, klar umrissene autonome
endlich um die Frage ging: Karikatur und wüste Polemik Theorie, deren großer Fehler
„Was machen wir eigentlich zu sein. es ist, gar nicht so explizit als
im September in Berlin?“ – da Und in der Diskussion wird Theorie bewusst zu sein und die
konnten die TheoretikerInnen dann dieses oder jenes Ge- deshalb so unendlich schwer
nur hilflos die Schultern zucken genbeispiel erwähnt, bei dem zu kritisieren ist. Was meinen
und hoffen, dass den Praktik- natürlich alles ganz anders ist. wir damit? Keineswegs meinen
erInnen etwas einfällt und dass Trotzdem: Ohne Verallge- wir damit die verschiedenen
diese die Sache ordentlich meinerungen, die sicherlich theoretischen Versuche, wie
vorbereiten würden. Unbefrie- den durch sie charakterisierten sie etwa von der Wildcat oder
digend war das natürlich für Menschen Unrecht tun, ohne der Autonomie hervorgebracht
beide Seiten – genauso unbe- derartige Verallgemeinerungen wurden. Sondern damit meinen
friedigend wie in unserer Bro- kann nicht vernünftig diskutiert wir das ganz normale autonome
schüre die Trennung der Kritik werden: Sonst artet nämlich Durchschnittsbewusstsein, das
der autonomen Theorie auf jede Diskussion in ein reines selbst eine Form der Theorie ist.
der einen und der autonomen Anekdotenerzählen aus. Und Obwohl dieses autonome
Praxis auf der anderen Seite ist. derartiges Anekdotenerzählen Durchschnittsbewusstsein
Wir wollen versuchen, in dieser ist durchaus charakteristisch für selten als Theorie der Gesell-
Veranstaltung die Kluft zu Diskussionen in der autonomen schaft verstanden wird, ist es
überbrücken. Bewegung: Dem wollen wir doch eine klar umrissene Theo-
Es geht hier also um den hiermit gleich einen Riegel rie der Macht- und Ausbeu-
Versuch zu klären, auf welche vorschieben. tungsverhältnisse auf der Welt.
Weise in der autonomen Deshalb: Wenn wir also im Wenn wir also das autonome
Bewegung Theorie und Praxis Folgenden die Vorstellungen Durchschnittsbewusstsein
vermittelt sind. und die Praxis autonomer kritisieren, dann nicht, weil
Gerade in dieser Weise der KämpferInnen darstellen, dann die Autonomen nicht ernstzu-
Vermittlung, so unsere These, mag das zum Teil überspitzt nehmen sind. Im Gegenteil
über die nachher diskutiert erscheinen, aber in dieser versuchen wir, das Bewusstsein
werden soll, liegt das große Überspitzung drückt sich eine der Autonomen als Gesell-
Problem der Autonomen. Wahrheit aus, die nicht durch schaftstheorie ernstzunehmen.
Und nicht nur der Autonomen, endloses Anekdotenerzählen Und zwar als Gesellschaftstheo-
weil hierin überhaupt das Di- zugekleistert werden kann. rie, die zu einer bestimmten
lemma revolutionären Handelns In der Kritik an der autonomen Praxis führt. Deshalb stellen
in den imperialistischen Metro- Bewegung wird viel über die wir die Frage nicht wie üblich
polen beim augenblicklichen Theorielosigkeit der Bewegung auf die falsche Art und Weise, 45
Stand der Klassenkämpfe liegt. gejammert. Doch wenn mensch nämlich so: Welche Theorie?
Welche Praxis? Und klar, wie der Geier noch wem ist. Wenn Wobei sich natürlich die Frage
hängen sie zusammen? Fragen man derart kindliche Weltbilder stellt, was denn das Kapital ist.
wir also nach der autonomen aber einmal weg lässt, dann Natürlich, nun ist es nicht mehr
Durchschnittstheorie. wird es schwierig: ganz so einfach auszumachen,
Klar ist einmal, dass auf der Welt Natürlich, schuldig sind Staat wie es beim Staat war. Das
nicht alles so ist, wie es sein und Kapital. Kapital, das sind irgendwie die
sollte: Armut, Hunger, Elend, Aber das hilft auch nicht weiter: großen Banken und Konzerne.
Kriege und Bürgerkriege... und Wer sind Staat und Kapital? Und das Gemeine an diesen
uns geht es auch schon ganz Wenn diese abstrakten Begriffe ist, dass sie die Menschen
schlecht. Die Feststellung dieser gefüllt werden sollen, aus leeren ausbeuten, auf der ganzen
Tatsache wird wohl auch jedeR Worten konkrete Gegner aus Welt. Und weil sich niemand
BundesbürgerIn teilen. Fleisch und Blut werden sollen, gern ausbeuten lässt, braucht
dann bietet sich einer natürlich das Kapital den Staat, um
Was die revolutionären ganz besonders an: die Ausgebeuteten zu unter-
Kämpferin nun von Otto Müller DER BULLE. Der Bulle ist der drücken. Sonst würden die
unterscheidet ist das Faktum, Feind Nr.1 aller Autonomen: An dem Kapital nämlich ruckzuck
dass sie diese nicht als Natur- ihm ist der Staat handgreiflich den Garaus machen. Wie das
tatsache hinnimmt, nicht wie der und in Person sichtbar: Und mit der Ausbeutung nun genau
Durchschnittsspießer mit einem wenn vor einem die Schweine- funktioniert, das ist nicht näher
Achselzucken sagt: visagen auftauchen, die Knüppel bekannt: Aber genaueres
„Das war schon immer so, das greifen, dann weiß jedeR, wo braucht mensch auch nicht zu
wird auch immer so sein, und die Front verläuft, nämlich wissen: Denn die Sache selbst
machen kann man eh nix.“ Sie zwischen uns und denen. ist ja ganz deutlich zu sehen: Im
hält daran fest, dass es auch Damit hat sich die autonome Trikont krepieren die Menschen
anders sein könnte, dass die Staatstheorie im Wesentlichen wie die Fliegen, hier müssen sie
Menschen auch vernünftig, erschöpft: Der Staat ist nackte von Sozialhilfe leben, während
friedlich und glücklich mitein- Gewalt, Repression, Faschismus, die Konzerne und Banken das
ander leben könnten, wenn... Punkt. Großartig differenziert große Geld scheffeln. Das
Ja, wenn... An diesem Punkt muss hier nicht mehr werden: Faktum der Ausbeutung ist also
muss nun die Gretchenfrage „Deutsche Polizisten: Mörder völlig offensichtlich.
revolutionärer Theorie gestellt und Faschisten“, „SS, SA, SEK“. Wie aber kann diese brillante
werden: Wenn es anders sein Staat, Bullen, Faschismus, Re- theoretische Einsicht in die
könnte, dann muss irgendje- pression: Alles verschwimmt in revolutionäre Praxis umgesetzt
mand daran Schuld sein, dass einem undurchdringlichen Brei, werden? Banken und Konzerne
es nicht so ist: Und die Frage in dem die Klopperei mit den haben Bürohäuser, Geschäfts-
ist nun: Wer? Und hier wird Bullen auf einmal zur heroischen stellen, Verkaufsräume etc. Und
es kompliziert. Lassen wir Tat, zum Angriff auf den Staat diese haben Schaufenster oder
zunächst einmal die dumpfeste als solchen, zur revolutionären zumindest Fassaden. Erstere
Variante weg, die paranoide „Praxis“ wird. Natürlich, ganz kann mensch eindeppern,
Verschwörungstheorie der so plump ist das Weltbild der letztere mit Farbeiern verzieren.
Antiimps, bei der das ganze meisten Autonomen nicht, auch Außerdem soll auch schon der
Unglück der Welt das Resultat wenn mensch gelegentlich den eine oder andere Molli sein Ziel
einer heimtückischen Ver- Eindruck bekommt. Dass der gefunden haben und auch
schwörung von trilateraler Kom- Staat kein reiner Selbstzweck Feuerlöscher mit Unkraut-Ex
mission, dem US-Imperialismus, ist, das ist irgendwie bekannt. und Puderzucker erzielen nicht
46 der sozialistischen Internation- Der Staat, das ist klar, ist zum zu vernachlässigende Wirkun-
ale, dem Zionismus und weiß Schutz des Kapitals da. gen.
Was das alles an der Tatsache was derartige Diskussionen auf, die große Verweigerung
ändern soll, dass die Konzerne auch so unsäglich langweilig gegenüber der Welt und die
und Banken weltweit Menschen macht: Über bloße Meinungen gnadenlose Identifikation mit der
ausbeuten, ist nicht ganz klar, und moralinsaures Gedöns eigenen Gruppe.
aber auf jeden Fall ist das was lässt sich letztlich schlecht Früher oder später fühlt mensch
Praktisches und kein abstraktes diskutieren: Derartig sinnloses sich auf allen Seiten umstellt
theoretisches Rumlabern. Geschwätz kann mensch nur von Feinden, die hinterhältig
Und, nebenbei bemerkt, wenn über sich ergehen lassen. versuchen, jedes bisschen
die Bullen bei einer Demo Interessanter sind die gruppen- Identität, das mensch sich im
die Fassade der Deutschen dynamischen Effekte. Gehen wir Kampf erworben hat, kaputt zu
Bank schützen, dann wird das deshalb noch einmal zur Staats- machen.
faschistische Komplott von Staat und Kapitaltheorie zurück. Die Ganz besonders hinterhältig
und Kapital ganz deutlich. Frage, die sich dabei natürlich treiben es dabei andere Linke,
Selbst wenn wir die Ironie stellt, ist die: Warum lassen die Kritik üben. Und irgendwann
weglassen: Darauf reduziert sich die Ausgebeuteten sich das geht die Abschottung vor der
im Großen und Ganzen die au- gefallen, dass sie ausgebeutet Realität dann soweit, dass sie
tonome Theorie. Was noch fehlt, werden? Die Antwort ist, wie wahnhaft umschlägt in eine
ist das Patriarchat, aber darüber oben schon gesagt, dass die gewisse Art von Bewusstseins-
weiß nun wirklich niemand staatliche Gewalt Menschen spaltung. Laufend wird hin
überhaupt nichts Genaues zurückhält, indem sie sie ein- und her geschwankt zwischen
mehr. Der Rest sind technische schüchtert. zwei völlig entgegengesetzten
Details und Gruppendynamik. Und die, die sich nicht ein- Interpretationen der Welt.
Zunächst zu den technischen schüchtern lassen, werden mit Einmal erscheint das Jenseits
Details, die den größten Teil gnadenloser Repression über- des Szeneghettos als ein
autonomer Diskussion aus- zogen. Natürlich weiß jedeR ins- großes Heerlager von Feinden,
machen. Diese sind einziges Hü geheim, dass sich die Passivität die eineN „umdrehen“ wollen,
und Hott: Mit den ReformistIn- der Masse der Bevölkerung so einer/m die revolutionäre Iden-
nen oder gegen die ReformistIn- nicht erklären lässt. Aber wie tität kaputtmachen wollen.
nen, mit Vermummung – ohne lässt sich dann erklären, dass Dann wiederum wird sie
Vermummung, geht mensch zur die meisten Menschen sich alles interpretiert als brodelnde,
Demo oder nicht. gefallen lassen? kochende Masse, die kurz vor
Bewertungskriterien für diese Die Antwort, die bestenfalls der Explosion, dem endgültigem
Fragen sind die revolutionäre auf diese Frage kommt, ist die: revolutionärem Umsturz steht.
Moral und Entschlossenheit. Die Menschen sind manipu- Der andere, mit großer
Tatsächlich taktische Kriterien liert und korrumpiert durch die Regelmäßigkeit auftretende
können für die einzelnen Ent- Medien und durch Konsum. gruppendynamische Effekt ist
scheidungen nicht angegeben Diese Antwort schlägt selbst die sogenannte Patriarchatsdis-
werden. wieder in den Gruppenprozess kussion.
Nicht in Bezug auf die zu er- der meisten autonomen Grup- Es geht uns nicht darum, zu
zielenden Zwecke werden Ent- pen zurück. Früher oder später leugnen, dass es das Patriarchat
scheidungen getroffen, sondern kommt den Einzelnen der gibt, dass die geschlechtsspezi-
in Bezug darauf, welche der Al- Verdacht, sie selbst könnten fische Unterdrückung bis in den
ternativen „gerechter“ erscheint. auch schon manipuliert und kor- Gruppenprozess autonomer
Das Verhältnis zwischen dem rumpiert sein. Und darin taucht Gruppen hineinreicht und das
Einsatz und dem Ergebnis spielt in autonomen Gruppen ein dies ein wichtiger Diskus-
aus diesem Grunde in den al- merkwürdiger, beinahe purita- sionspunkt ist und weiter auch 47
lerseltensten Fällen eine Rolle, nisch zu nennender Asketismus sein muss. Aber: In autonomen
Zirkeln wird im Grunde gar inhaltlicher Differenzen sind, Entscheidend für die bürger-
nicht inhaltlich über die Frage sondern an Umgangsformen liche Herrschaftsform ist das
diskutiert. Vielmehr bleibt die festgemacht werden. Nun ist Kräfteverhältnis zwischen den
Diskussion im Wesentlichen die Diskussion über Umgangs- einzelnen sozialen Komponen-
rein formal. Als Beispiel können formen in politischen Gruppen ten. Das Problem, das sich im
wieder die Bremer Internatio- durchaus nötig. Verhältnis der Autonomen zum
nalismustage vom letzten Jahr Aber wenn durch sie jede bürgerlichen Staat auftut (von
dienen. Bei fast keinem Referat strategische oder taktische einer Staatstheorie kann selbst
der VeranstalterInnen kam es Diskussion verdrängt wird, eben bei wohlwollendster Würdigung
zu einer Diskussion. Erst als weil eine absolute Unfähigkeit keine Rede sein), ist vor allem
die Patriachatsfrage aufs Tapet vorherrscht, über derartige das der mangelnden Differen-
kam – oder besser, weil sie trotz Fragen zu diskutieren, dann zierung.
Ankündigung nicht behandelt wird die politische Diskussion Der Staat wird nie als Aus-
wurde – kam es zum Eklat. zum Surrogat, die autonome druck des Kapitalverhältnisses
Ruckzuck spalteten sich die An- Gruppe zur linksradikalen betrachtet, sondern Staat und
wesenden in ein Männer- und Variante der Encountergruppen, Kapital sind eins (vgl. D.
ein Frauenplenum. bei denen es nur noch darum Hartmann in Autonomie Neue
Doch anstatt in diesen dann geht, sich der eigenen Identität Folge 14). Dabei wird, um einen
über die Relevanz der Frage zu versichern. geschichtlichen Bezug herzu-
des Patriarchats für den stellen, als historisches Datum
revolutionären Prozess zu dis- Die Autonomen dieser Verschmelzung der
kutieren, kam es zum berühmt- und der Staat NS-Faschismus bestimmt. Alles,
berüchtigtem autonomen was danach oder gleichzeitig
Anekdotenerzählen, bei dem „Der Staat in seinen spezifischen war, wird von einer einzigen
die Redebeiträge sich nur so Ausformungen wurzelt in den weltweiten Kapitalstrategie
überstürzten. Die Frage des materiellen Lebensverhältnissen hergeleitet. Seit Beginn der
Patriarchats verkam damals und der Gesellschaft, in dem Verhält- bürgerlichen Herrschaft gibt
verkommt bei fast allen derar- nis der Produktionsbedingungen es zwar eine Entwicklung hin
tigen Situationen zum Diskus- zu den unmittelbaren Produzent- zum Monopolkapitalismus, es
sionsersatz. en.“ (MEW 25, S. 799ff.) wurde jedoch nie geschafft und
Rein empirisch werden patri- ist – trotz Europa ’92 – bisher
archale Verhaltensweisen in Die spezifische Form, in der auch nicht beabsichtigt worden,
autonomen Gruppen aufgezeigt. das Kapital die Mehrheit der die NationaIstaaten gänzlich
Statt dass mensch nun tatsäch- Lohnarbeiter zwingt, bestimmt aufzuheben.
lich darüber diskutiert, wird das die politische Form des bürgerli- Es war richtig, dass sich seit
Ganze auf das Niveau individu- chen Staates. der Krise 1929 die kapitalis-
eller Moral heruntergebracht. Die „normale“ Mehrwertschaf- tische Gesellschaftsstruktur
Im besten Fall endet das dann fung bedarf stets einer entscheidend verändert hat
bei Schuldzuweisungen bzw. außerökonomischen Zwangsge- und die Strukturen der US-
Schuldbekenntnissen und walt des bürgerlichen Staates. amerikanischen Gesellschaft
gegenseitigen Diese Zwangsgewalt äußert sich der Jahre 1932-40 Vorbild für
Versprechen, dass jetzt alles jedoch unterschiedlich innerhalb das fordistische Europa wurden,
besser gemacht werden soll. der nationalstaatlichen Grenzen aber genau das beweist eher
In den anderen Fällen kommt zum einen, zum anderen die Aufrechterhaltung des sozia-
es zu dauerhaften Spaltungen, zwischen imperialistischen, len Friedens als erweiterte und
48 die zumeist endgültig sind, da halbkolonialen und kolonialen verallgemeinerte Erfahrung des
sie nicht Resultat tatsächlicher Ländern. Faschismus.
Der Nachkriegskapitalismus Während des New Deal gab böser Faschismus“ (Auschwitz),
zeichnet sich durch eine es militante Massenstreiks und „etwas besserer Faschismus“
wachsende Intervention der revolutionäre Propaganda kleiner (Südafrika, Israel, BRD), bzw.
Staatsgewalt im Wirtschaftsle- Splittergruppen; im Faschismus „guter oder zu vernachlässigen-
ben aus und kann durchaus als werden alle demokratischen der Faschismus“ (bürokratische
modifizierte Fortsetzung des Organe zerstört. Um diesem Arbeiterstaaten) erweitert
New Deals betrachtet werden: Dilemma auszuweichen, reden werden.
Dies bedeutet aber noch Autonome (oder Teile davon, Und als umfassende subjektiv-
nicht die Einheit von Staat und aber wer will in Zeiten des moralische Kategorie schlagen
Kapital! Abschiffens der Bewegung wir folgende Definition vor:
noch AutonomeR sein?) von Faschismus ist immer dann,
Diese Intervention des Staates einer Faschisierung des Staates, wenn eine ungerechte Sauerei
hatte lange Zeit einen antizykli- ohne Faschismus überhaupt passiert.
schen Charakter und integrierte definieren zu können. Das ist dann ein klares Weltbild
dadurch die ArbeiterInnen- Einem vernünftigen Gedanken ohne Wenn und Aber, lässt
klasse: Ihr Akkumulationsmodell noch fremder gegenüberste- sich beliebig ausdehnen (z. B.
bedurfte einfach keines Faschis- hende (und vermeintlich Ökofaschist, Sanierungsfaschist
mus, um die Mehrwertrate „radikalere“) Einschätzungen etc.) und kein Schwein mehr
stetig zu erhöhen. Autonome kolportieren auch, der Staat entweicht den enggeknüpf-
sehen weder unterschiedliche (bzw. alle Staaten) sei immer ten Maschen messerscharfer
Herrschaftsformen der Bour- schon faschistisch gewesen: autonomer Analyse. Doch genug
geoisie, noch unterschiedliche immer, überall und mit allen der Polemik.
Kapitalfraktionen (z. B. die unter- Waffen... Faschismus in der autonomen
schiedliche Nicaragua-Politik von Auch wenn angesichts der Terminologie jedenfalls symbo-
Reagan und Mitterand). Vernichtungsphantasien der lisiert reale Repression, Bullen,
Obwohl es natürlich richtig Repräsentanten des bürgerli- Stammheim. Kaputtsanierung
ist, den Imperialismus und die chen Staates seinen Feinden (autonome Wandparole ‘88):
Weltwirtschaft als weltweite, gegenüber diese Vorstellung eigentlich Phänomen eines
übergreifende Systeme zu verständlich ist, so wird sie durchschnittlichen bürgerlichen
begreifen, gibt es Widersprüche, dadurch aber auch nicht wahrer. Staates – für den Autonomen
die zum einen für das Ver- Im Gegenteil, um die diffus- der Staat schlechthin. „Der
ständnis dessen, was in der anarchische „Staat = Faschis- Staat“ oder „das System“ wird
Welt passiert wichtig sind, zum mus-Theorie“ mit der eigenen zum Feindbild überhaupt.
anderen für die Kampfbedingun- Lebenslüge vom militanten Da unsere autonomen Genoss-
gen eines vielleicht irgendwann Freiraum-Widerstand kompatibel Innen ja selten in irgendwelchen
mal wieder revolutionären Sub- zu machen, wird eben noch die sozialen Milieus verankert sind
jekts entscheidend werden. Phrase der Freunde des bewaff- (außer im eigenen Ghetto) und
Ein Staat, der sich als bürger- neten Kampfes hinzugefügt, sich in den so rar gewordenen
liche Demokratie versteht, mensch müsse „die faschistische sozialen Auseinandersetzungen
gibt RevolutionärInnen die Fratze des Systems freibomben“. kein so eindeutiges Feindbild
vorübergehende Möglichkeit, Um der hierbei entstehenden abzeichnen will(?), wird der
ihre Ideen öffentlich zu machen Inflation des Begriffes „Faschis- mieseste, kleinste Scherge jeder
und garantiert teilweise eine mus“ und der eigenen wider- Herrschaftsform für alles verant-
relative Versammlungsfreiheit, sprüchlichen Wahrnehmungen wortlich gemacht: der Bulle.
ein Demo- und Streikrecht etc., gerecht zu werden, sollte dieses
während die Illegalität ganz geniale Denksystem vielleicht Die Phrase vom „Bullensatat“ 49
andere Bedingungen schafft. noch um Kategorien „ganz oder auch „Schweinesystem“
ist jenseits jeder Klassenanalyse seine niedrigsten Schergen den Produktionsverhältnissen.
und hat dieselbe bisher auch sicht- und greifbar wird. Aber die bürgerliche Gesell-
derb zu vereinfachen versucht. Die politische Form der schaft kann nur über das
Der Staat wird zum Mythos, zum bürgerlichen Gesellschaft kann Kapitalverhältnis verstanden,
einzigen omnipotenten Feind der nicht begriffen werden ohne bekämpft und überwunden
alles beherrscht, den es jederzeit ihren sozialen Inhalt. Der Staat werden!
frontal zu bekämpfen gilt und wird nur aus einem Prinzip der L’ANTIFASCISME C’EST BIEN
der nun (wie hinterhältig!) durch Repression abgeleitet, nicht aus LA REVOLUTION C’EST MIEUX

Soziale Revolution gegen Großdeutschland


Der folgende Aufsatz soll die sich in einem typischen linksradi- Diesen Organisationen formal
grundsätzliche Kritik an der kalen Dilemma: Die Autonomen ein Räte-Modell entgegenzu-
geplanten Anti-Weltwirtschafts- kritisieren und lehnen die stellen (wie es AnarchistInnen
gipfelkampagne 1992 der sozialdemokratische Organi- tun) würde die Organisations-
autonomen und antiimperialis- sierung ab (d. h. Massen/ frage auf einen ideengeschicht-
tischen Linken verdeutlichen, Mitgliedspartei oder „revolutio- lichen Streit abheben, einer für
indem er zu einer Analyse und näres“ bzw. Klassenbewusst- alle Zukunft bereits gefundenen
Aufarbeitung der Metropolenre- sein wird auf Mitgliedschaft Wahrheit die Geschichte
alität von unten orientiert. und quantitative Anhänger- beendet. „Somit hat es eine
Deswegen ist dieser Diskus- Innenschaft mechanisch redu- Geschichte gegeben, aber es
sionsbeitrag nicht nur an die an ziert), wenden sich gegen gibt keine mehr“ (Karl Marx,
der WWG-Kampagne Interes- leninistische Avantgarde- Das Elend der Philosophie),
sierten gerichtet, sondern schlägt Modelle/institutionalisierte oder wie es ein Genosse in
eine Diskussion über die Pers- Führung (d. h. Partei als der alten Radikal über Anar-
pektiven revolutionärer Politik in unabhängig fixierte Wahrheits- chistInnen formulierte: „dort
der BRD vor, die nicht an eine instanz, Führungspartei, in der stehen geblieben, wo es in der
einmalige Mobilisierung gebun- die Basis nur eine Funktion ist) Geschichte am schönsten war“
den ist, die daran Beteiligten und landet dann manchmal (was nicht nur ihr Fehler ist!).
aber einbezieht. vage bei einer theoretischen „Die Organisierungsfrage“
Der Text setzt beim Stand der in Verständigung von Zirkeln stellt sich also anders, ist eine
den Autonomen als Krisenlösung (z. B. die radikale Passivität der andere: Nicht um ein neues
betrachteten Organisierungsde- Autonomen Studies Freiburg, Schema zu erfinden, sondern
batte an, um diese Diskussion deren Ausweg bloßer theore- sie muss ihre Substanz bewei-
vom Kopf auf die Füße zu stellen. tischer Arbeit von Zirkeln fatal sen, indem sie die Frage als
Diesem hohen Anspruch wird an die Situation von Linksradi- Frage der praktischen Politik
dieses Papier sicher nicht kalen in der Weimar Republik stellt, zur Klärung auf dem
gerecht: Aber es soll Ansatz- – KAPD.AAUD – erinnert). Boden der praktischen Politik
punkte für eine zukünftige, Alles in allem ist die Kritik zwingt.
kollektive Diskussion liefern. praktisch nicht wirklich tref- Dann erweist sie sich nicht als
fend: Die Sympathie innerhalb abstrakt prinzipielle, sondern
Die Organisierungsdebatte der autonomen Linken für die als praktische Kritik an der
und ihre Krise PDS hält sich in Grenzen, und Organisierung der autonomen
der altbackene Stalinismus zum Linken, wenn ihr Ziel die
50 Die Organisationsfrage innerhalb Beispiel von „Radikal brechen“ erneute Offensive der „sozialen
der autonomen Linken bewegt hat kaum Resonanz. Revolution“ ist.
Modell Deutschland gegen Niederlage war angesichts der Massenbewegung entspre-
Massenautonomie Über-Terroristen des kleinen chen nicht der heute geläufigen
Krisenstabs von vornherein Selbstbezeichnung Autonome,
Um eine Ausgangslage für abzusehen. Erstmals wurde der autonome Szene/autonomes
die Analyse der heutigen bewaffnete Existentialismus über Spektrum) in Westdeutschland.“
Situation zu erlangen, um eine den Punkt hinaus getrieben, wo Die herrschende Macht hat alle
geschichtslose Dynamik von er seine Gewalt direkt gegen ihre Strukturen, Institutionen
„Bewegungsstürmen“ und die Massen kehrte. Die aus Ver- und Medien darauf festgelegt,
-flauten zu verlassen, sollen die zweiflung geborene statistische die erstmals durch die Flug-
gesellschaftlichen Veränderun- Geiselnahme wurde vom Krisen- zeugentführung kollektivierbar
gen entziffert werden, die den stab in ein Scharnier der Angst gewordene Angst vor dem
behaupteten Boden der defen- verwandelt, das einen breiten bewaffneten Existentialismus zu
sive der „sozialen Revolution“ Konsens mit der neuesten konkretisieren und gegen das
bereit haben. Phase des ‚Modell Deutschland‘ breite Geflecht der autonomen
Zum Ausgangspunkt wurde herbeiführte.“ Basisbewegungen umzuleiten...
Karl-Heinz Roths „Modell Die Bestialität des sozialdemok-
Deutschland gegen Mas- ratischen Machtstaats des Bis Stammheim-Mogadischu
senautonomie“, gehalten in Kapitals verfügte über eine neue war der kapitalistische
Mailand im November 1977, Moral, K.-H. Roth bezeich- Machtstaat außerstande, Inter-
gewählt, nicht weil dieser Text nete die Konsolidierung des ventionspunkte gegen diese,
politisch ohne jeden Fehler und kleinen Krisenstabs als inneren dem „Modell Deutschland“
Widerspruch ist, sondern weil Staatsstreich: absolut gegenläufige Tendenz
er übergreifend die Situation „Er (der innere Staatsstreich) ausfindig zu machen... Er
in der BRD bis 1977 darlegen war von der Provokation einer ernannte sie zum Vorfeld der
will. K.-H. Roths Redebeitrag neuen Welle der Verzweiflung Mogadischu-Akteure, zum
entstand unter dem Eindruck ausgegangen. Er hatte das Sumpf, der auszutrocknen sei.
vom „Deutschen Herbst 1977“ Verlöschen seiner seit Jahren Der Staat betrachtete zum
(Schleyer-Entführung, Mogadis- gefangengehaltenen Geiseln ersten Mal den Bruch, den
chu, Morde in Stammheim), der beschleunigt, um den Prozess die Basisinitiativen vollzogen
von Linksradikalen als Teil der der existentialistischen haben, indem sie sich den
Konzeption eines abgestuften Verselbstständigung revolu- mörderischen Arbeitsrhythmen
Vernichtungsangriffs gegen tionärer Gegengewalt zu sichern entziehen, die Kernfamilien
sie empfunden wurde. Im und als Vehikel seines eigenen durch Wohngemeinschaften
ersten Abschnitt schilderte er Über-Terrorismus aufrechtzuer- ersetzen. Disziplinargewalt,
die Ereignisse seit Juli/August halten. Das erste Nahziel, auf Zeugnisse und soziale Integra-
1977: die Niederschlagung des das sich die Allparteienkoalition tion verweigern, von sich aus als
Hungerstreiks der Gefangenen einigte, war die Vernichtung der unheilbar. Da das Geflecht der
um Rückgängigmachung der RAF- Gefangenen.“ autonomen Gruppen undurch-
Haftverschärfungen, und das K.-H. Roth spitzt das Ziel des dringlich geworden ist und sich
„langsame Sterben“ in den inneren Staatsstreiches zu: nicht mehr von innen heraus
Knästen: eine Herausforderung „Der Endlösung gegenüber den spaltbar darstellt, wird es nur
für das gesamte Spektrum der RAF- Gefangenen entspricht die noch von außen eingekreist.
Massenbewegung. geplante soziale Ghettoisierung Gegen die Zersetzung des
Die Handlungsunfähigkeit der der gesamten autonomen Mas- Machtstaates wurde eine Bar-
linken und autonomen Basisini- senbewegung (die von K.-H. riere der projizierten Ängste
tiativen führte zum Alleingang Roth genutzten Begriffe Mas- entgegengesetzt, die sich 51
der bewaffneten Gruppen. „Ihre senautonomie bzw. autonome im Bild des terroristischen
Untermenschen verdichten. zu kämpfen, und sich in der Ge- Zusammenhang zwischen den
Parallel dazu lief die Praxis der sellschaft den sozialen Reichtum sozialen Phantasien der Klasse
Verpolizeilichung des Isolations- anzueignen.“ nach selbstbestimmter Tätigkeit
prozesses, dessen Funktion die Die Überwachung mittels Per- jenseits der Arbeitsrhythmen
Angstbesetzung der Aggre- sonaldatensystemen, Überwa- und der Praxis der alternativen
gationspunkte der Bewegung chungsanlagen in Betrieben, Bewegungen bestand.
durch Polizeiüberfälle (auf Universitäten, Stadtbezirken, Nicht nur die autonome Linke
Jugendzentren, Wohngemein- Nahverkehrssystemen und verweigere die Spielregeln der
schaften, regionale Zeitungen), Einkaufszonen wird als unsicht- klassischen Politik, sondern
die Verfügbarmachung der barer Belagerungszustand die Auflösung der Kernfamilie,
Subjekte für alle Arten des bezeichnet. Dieser Zustand die Selbstbefreiung der Frauen
Zugriffes, indem sie zu isolierten wäre gekoppelt an eine sys- und die vielen Teilbewegun-
Bezugspunkten, Daten für die tematische Institutionalisierung gen drücken eine stille soziale
Polizeicomputer werden, ist. der Konfliktbereitschaft: Integra- Revolution aus, die weit über die
Im zweiten Abschnitt versucht tion in Gewerkschaftsjugend, autonomen Initiativen um sich
K.-H. Roth nachzuweisen, dass Sektionen der Gewerkschaften, gegriffen hätte.
die autonomen Basisbewe- Vertrauenskörperapparaten, K.-H. Roth skizziert eine
gungen seit 1974/75 imstande universitären Selbstverwaltungs- Bewegung, die nicht von den
gewesen wären, „innerhalb des gremien und Fakultätseinrich- Fabriken ausgehend das Netz
Krisenstaates mit seiner Politik tungen. der Knotenpunkte der kapitalis-
der Philipskurve ein selbstorgan- Er bestätigt die Teilnahme von tischen Kontrolle durchlöchere,
isiertes Geflecht zu stabilisieren, militanten Teilen der Massen- eine Bewegung, die in die
das das Modell Deutschland bewegung am „langen Marsch Hunderttausende gehe.
unterwuchert und zersetzt“, durch die Institutionen“, der Ein Drittel der Hochschulange-
charakterisiert durch ein merk- aber an der Unerbittlichkeit des hörigen gehören zur autonomen
würdiges Wechselverhältnis von Machtstaates gescheitert sei: Szene im weitesten Sinne, die
Verweigerungen und positiven Der Traum von der Öffnung und sich nicht nach inhaltlichen
Alternativen. Demokratisierung des Systems Zwängen der Wissensfabriken
Als Ausgangslage der von ihm durch den Gebrauch seiner definiere: Die Frauen entzögen
als „Ausweichen vor einem Institutionen sei vorbei. sich mit ihren eigenen Aggre-
System potentierter Gewalt“ Entweder entstünde dadurch gationspunkten einer Krisen-
bezeichneten Situation ist für für die sozialrevolutionären strategie, die auf eine neue
ihn die zentrale Erfahrung aller Minderheiten ein Doppellleben klasseninterne Unterwerfung
sozialrevolutionären Gruppen der erzwungenen Anpassung unter das Patriarchat abziele;
seit 1973/74 der „bedingungs- und der davon getrennten Ver- der Jugendzentrumsbewegung
losen Kriminalisierung des weigerung oder sie fanden sich scheine es zu gelingen, ein
direkten Konfliktes“, gegen die mit den Randschichten wieder solidarisches Verhalten gegen
sich alle traditionellen Taktiken im Status der Arbeitslosen, der das Recht auf Arbeit zu organi-
und Strategien der Linken als Berufsverbotenen, der Gelegen- sieren; und eine breite
aussichtslos erwiesen hätten. heitsarbeiterInnen. Gefangenenbewegung inte-
griere sich zunehmend in die
Er bezeichnet die Überwachung Die Zeit der Autonomie regionalen Teilbewegungen.
als „eine zentrale Antwort des Diese Massenautonomie ge-
Krisenstaates auf die Bereit- Dieser Ausgangssituation gen das Modell Deutschland
schaft größerer Minderheiten folgt die „Zeit der Autonomie“. beziehe sich wieder inten-
52 der Klasse, in den Betrieben K.-H. Roth beschreibt, dass in siv auf das Disziplinarnetz
ohne institutionelle Vermittlung der BRD 1976/77 ein breiter und stehe damit vor neuen
Problemen: Die genauere Als ersten Schritt dagegen zu Formen des Anschlusses
Definition des subversiven formuliert K.-H. Roth, dass die an gesellschaftliche Produk-
Einverständnisses der „atomisi- autonomen Teilbewegungen für tivität, Wiedereinrichtung der
erten Massensubjekte innerhalb die Befreiung der gefangenen Arbeitsmoral, Kostenentlastung
der gigantischen Leistungs- Genosslnnen kämpfen werden des Wohlfahrtsstaates durch
maschinerie“; die Erweiterung und dass danach die Diskussion Integration von drop-outs und
des Rechts auf Leben auf den ihrer und unserer Fehler wieder kooperatistischen Eigeninteres-
Garantismus, das heißt das lesbar werden wird. sen der inzwischen kommerzia-
Recht auf Einkommen ohne lisierten Projekte und Betriebe.
die kapitalistische Arbeit; die Ansätze der Kritik Ein Teil der Aggregationspunkte
Verwirklichung dessen durch der Massenbewegung vollzo-
neue Formen der Aneignung Schon bei nur oberflächlicher gen diese Entwicklungen mit
des sozialen Reichtums gegen Betrachtung von „Modell und propagierten sie: Heraus-
die Armut und Bedürftigkeit der Deutschland gegen Massenau- ragende Beispiele sind die 1979
alternativen Lebensversuche; tonomie“ von K.-H. Roth können begonnene tageszeitung und
der Angriff auf den Lebensnerv wir Fehleinschätzungen und der ehemalige Pflasterstrand
des „Modells Deutschland“, Widersprüche feststellen, die (Frankfurter Stadtzeitung
„die Moral der Ausbeutung von die historischen Entwicklungen von 1977 bis 1990, das sich
Arbeitskraft als Voraussetzung überholt haben: als Metropolenmagazin zum
für die kontrollierte Reproduk- Die Gefangenen sind immer Promoter der Reala/o-Grünen
tion der Klasse“. noch Geiseln des Machtstaates: entwickelte). Die autonome
Die Verwirklichung einer Es gelang nicht, eine Initiative Massenbewegung konnte das
hierarchielosen Massenbe- zur Befreiung aus der Versprechen der Egalität und
wegung, die völlig egalitär ist autonomen Basisbewegung Hierarchielosigkeit nie einlösen:
(Frauen/Männer, Deutsche/ zu beginnen. Der Marsch in Sie blieb eine junge, weiße,
MigrantInnen, Jugendliche/Alte, die Institutionen war geschei- deutsche und von Männern
Entlohnte/Unentlohnte, Techni- tert, aber die Defensive wurde dominierte Bewegung; die au-
kerInnen/MassenarbeiterIn- zum Programm: Nur ein Jahr tonome Frauenbewegung unter
nen). später begannen auch bei die Massenautonomie zu sub-
Linksradikalen Diskussionen sumieren ignoriert die grund-
Als zentrales Problem bleibt um Wahlteilnahme, Partei- und sätzlichen Schwierigkeiten und
die Projektion des Terrorismus Listengründungen. In der Brüche zwischen Frauen und
auf die autonome Massenbe- autonomen Frauenbewegung Männern. Die Gewaltfrage stellt
wegung: Die überlebenden entwickelten sich Strömungen, das Ergebnis einer gelungenen
Gefangenen sind Geiseln in der die das Frausein allein zum und immer wiederbelebbaren
Hand des Machtstaates, mit Programm erhoben, auf das Projektion des Terrorismus auf
denen sie die Massenbewegung anthrophologische Anderssein revolutionäre Gegengewalt und
„in Formen der gewaltsamen von Frauen ihre Interessenpolitik der Herauslösung dieser aus
Konfrontationen hinein treiben, aufbauten (Grünes Müttermani- den sozialen Massenbezügen
deren Ablauf von Krisenstäben fest). Die Formen des Rechts dar, auch wenn diese Strategie
bestimmt und gegen unsere auf Leben in den alternativen in der Anti-AKW/Anti-Start-
sozialrevolutionäre Perspek- Projekten entwickelten sich mit bahnbewegung immer wieder
tive insgesamt eingesetzt wird. der Integration durch die sozial- durchbrochen werden konnte;
Sie werden weiter versuchen, demokratische Strategie der der inzwischen militante Pazifis-
die Frage der revolutionären zwei Kulturen (der Mehrheits- mus und Legalismus der Grünen
Gegengewalt aus ihren sozialen kultur, die eine Alternativkultur und Friedensbewegten ist ein 53
Massenbezügen zu lösen.“ toleriert und von ihr profitiert) Ergebnis dieser Projektion.
Diese negative Bilanz der letzten sitäten, Betrieben, Bereichen). Bausteinen dieser Vielfalt etwas
15 Jahre im oberflächlichen Das Recht auf Leben in Arbeits- anderes: Es entstand eine
Überflug würde schnell den kollektiven gegen die Arbeits- Ideologie hart an der Grenze der
Schluss zulassen, dass die rhythmen, die Fabrik- und Philosophie der Bewegungs-
Stillstellung, Gefangennahme Bürodisziplin, die Arbeitsmoral losigkeit – der neu entdeckte
und Indienststellung der „sozia- der Leistungsgesellschaft. Reichtum (der freilich weit
len Revolution“ für autonome Verweigerung der „Schule der ärmer ist als er tut) machte die
Politik heute keine Bedeutung Negation“ durch massenhafte Gegner und auch die Frage der
hätte (eh alles integriert) und Kriegsdienstverweigerung Macht vergessen. Die ‚Autono-
dass diese Wirklichkeit von der (einige tausend pro Jahr vor mie‘ hatte an diesem Prozess
eigenen Binnenwirklichkeit ge- 1968 – bis zu hunderttausend teil.“
trennt erlebt und bewertet wird. 1991). Durchbrechung eines an
Legalität orientierten klassischen Obwohl die Hoffnungen, die mit
Im vergangenen Text beschreibt Politikverständnisses und des dem homogenen Kampfbegriff
K.-H. Roth aber Verhaltens- staatlichen/herrschenden Ge- Massenautonomie verbunden
weisen, die hier noch erweitert waltmonopols (Massenmilitanz, waren, durch die tatsächliche
werden, die innerhalb der Guerilla-Sabotage, Aneignung Geschichte desillusioniert und
BRD minoritär blieben, aber gesellschaftlichen Reichtums). korrigiert wurden, besteht ein
die gesellschaftliche Situation Durchbrechen der sexuellen deutlicher Zusammenhang
verändert haben. Zwangsmoral und Hetero- zwischen der durch die oben
Ohne diese Opposition als sexualität (Beziehungsversuche, benannten Praktiken gekenn-
prinzipiell/übergeschichtlich Homosexualität). Die kulturelle zeichneten gesellschaftlichen
revolutionär oder nicht werten Revolte der sinnlichen Aus- Minderheiten und den Auto-
zu wollen, sind diese Prozesse drucksmöglichkeiten in Musik, nomen.
(teilweise selbstverständliche) Kleidung, Drogengebrauch, Dass die Autonomen noch „die
Basis auch der sozialrevolu- Sprache, Körper. einzige mobilisierungsfähige
tionären Minderheiten in Groß- Dies sind Beispiele für das, was linksradikale Kraft seien“
deutschland: K.-H. Roth 1977 euphorisch (Geronimo) ist wesentlich aus
Die Auflösung der deutschen die stille soziale Revolution dem Zusammenhang und dem
Kernfamilie (ca. 500.000 genannt hatte. Nur ein Jahr zersplitterten bruchstückhaften
Wohngemeinschaften 1976 später schreibt das Hamburger Überleben dieser sozialen
im Vergleich zu wenigen vor AutonomiekolIektiv über die Lebensformen zu erklären.
1968, Kinderladenbewegung): Spaltung der Zeitung: Die Doppelstruktur der
Selbstbefreiung der Frauen, „Die Entdeckung der Vielfalt, Autonomen aus einerseits
Entstehung der autonomen, die die ‚Autonomie‘ von Anfang Alltagspraxis (Nicht-Arbeit,
feministischen Frauenbewegung an kennzeichnete, war nicht Wohnen, Sexualität, Subkultur
(Frauenzentren und Häuser, gedacht als Aufgabe des und so weiter) und anderseits
Frauenforschung, feministische revolutionären Impulses... Später politischer Organisierung
Theorie). Verweigerung inhaltli- kam es anders, die Vielfalt sagt noch nichts über die
cher Zwänge der Schulen und nahm selbstgenügsame Züge Qualität dieser Struktur aus:
Universitäten (zum Beispiel die an, sie wurde zum gepflegten Sie kenn-zeichnet den oft indi-
ca. 10% Absentistlnnen an Uni- Pluralismus. Wo eine aktuelle vidualisierten Zusammenhang
versitäten). Gegenöffentlichkeit revolutionäre Perspektive nötig zwischen autonomen KaderIn-
als Modell gegen Medien- gewesen wäre und die Vielfalt nen, autonomer Szene und
monopole (hunderte regionale, in sie hätte einfließen müssen, der Praxis und den sozialen
54 linke, feministische Zeitungen, bewirkte der selbstgenügsame Phantasien einer größeren
Zeitungen an Schulen, Univer- Umgang mit den einzelnen Minderheit.
Die Autonomen-Partei – also ein Aufheben funktional nomen-Partei und dementspre-
getrennter Lebensbereiche, chenden KaderInnen geht aber
Die Einsicht von Leben und war und ist eine Umsetzung nicht vom prächtigen Funktio-
Kampf oder die vorangestellte „radikaler Bedürfnisse“ über- nieren dieser Organisierung
Doppelstruktur war konstituie- haupt vorstellbar... wir wollten aus, sondern von dessen Krise:
rendes Element der Autonomen. nicht mehr auf die „Massen“ „Da Erfolge ausbleiben, häufen
Exemplarisch ist dafür immer oder ein „politisch-geeignetes“ sich Kündigungen, Arbeitsver-
wieder die Häuserkampfbewe- Klima warten. Die Totalität und weigerungen, Urlaubsanträge
gung 1980/82: Radikalität dieser Ansprüche und Blaumachen, oder wird
„Die Dynamik entwickelte und Forderungen ans „hier und pragmatisch Kurzarbeit gemacht
die Anti-Haig-Demo (Berlin, jetzt“ löste befreiende Stürme (d. h. der Schein gewahrt).“
September 1981) ... nicht aus der Begeisterung bei uns aus, Die Katze beißt sich in den
den Imperialismusanalysen wovon noch heute so manche/r Schwanz und die autonomen
einzelner Gruppen, sondern mit glänzenden Augen zehrt.“ ArbeitnehmerInnen in dem
aus der sozialen Bewegung des (Mitte der 1980er Rhein-Main) selbstverwalteten Betrieb Auto-
Häuserkampfes, die das ‚Hin- Nur vor dem Hintergrund der nomia Doria GmbH beschleicht
terland‘ für die Demos gebildet Niederlagen der Häuserkämpfe das Gefühl, dass da von Anfang
hat... Die Häuserkampfbewe- und der anderen Kämpfe in den an der Wurm drin war. Keinem
gung in Berlin gab der Demo ’80er Jahren lässt sich die nach- noch so verbissenem Vorarbei-
erst die Rückendeckung und folgende Kritik an autonomer ter oder resoluter Abteilungs-
Dynamik. Natürlich waren die Organisierung verstehen. leiterin gelingt es dann,
Kämpfe gegen Imperialismus, In den letzten 5-10 Jahren Arbeitsmoral und Lust aufrecht
NATO und Krieg auch Inhalte hat sich eine Form autonomer zu erhalten: Beim Betrieb bleibt
der Häuserkampfbewegung Organisierung durchgesetzt, die mensch aus Gewohnheit oder
geworden und lösten so teil- dem Anti-Parteien-Partei-Modell „weil es immer noch netter als
weise den Teilbereichscharakter der Urgrünen ähnelt. Eine überall anders ist.“
dieser Bewegung auf. Hier einigermaßen funktionierende Die Kernthese zielt darauf, dass
stellte sich für uns grundsätzlich Rotation, imperatives Mandat, die „nicht-institutionalisierte
die Frage, ob es eine radikale Kontrolle durch Basis. Diese Organisierung“ als Autonomen-
Antikriegsbewegung, die eine „nicht-institutionalisierte“, immer Partei die Krise nur herauszögert
Perspektive haben soll, geben neu sich schaffende Partei, die und unbeantwortet lässt, und
kann, die nicht in den sozialen eine möglichst hierarchielose durch diese Passivität sich der
Alltagskämpfen verwurzelt ist.“ Arbeitsteilung versucht – Institutionalisierung/Formali-
(Hamburger Genosslnnen 1983) pragmatisch praktisch: Sanität, sierung ergibt (formalisierte
„Einen besonderen Stellenwert Infoläden, Zentren, Voküs Sprache, autonome Linie bzw.
hat der Punkt Häuserkampf oder pragmatisch politisch: autonome Themen, ritualisierte
innerhalb der autonomen Bewe- Anti-AKW, Knast, AntiFa und Aktions-Kommunikations-Poli-
gung deshalb, weil es hier vor- so weiter – ist eben die Folge tikformen). So setzen sich auch
rangig nicht um die Politisierung des Zerfalls und des Scheiterns sozialdemokratische Verhaltens-
gesellschaftlicher Missstände, der Kämpfe auf den sozialen weisen bei den Autonomen
sondern um unmittelbare und Terrains und gleichzeitig der durch: passive AnhängerInnen,
erfahrbare Einflussnahme auf die Versuch, den Erfahrungszusam- pflichtbewusste ParteisoldatIn-
eigenen Lebensbedingungen menhang zwischen den nen.
ging... nur unter der Vorausset- Kämpfen nicht abreißen zu Diese „Sozialdemokratisierung“
zung einer Einheit von Privatem lassen durch organisierte, wird eingeschränkt: Natürlich
und Politischem“ – so das kontinuierliche Praxis. sind die Verhältnisse nicht so 55
autonome Sprachrohr damals Die These von einer Auto- reduziert wie oben dargestellt,
sind die „Identitäten“ komplexer. Propaganda-Rekrutierungs- und von den MünchnerInnen, den
Zum Beispiel gibt es innerhalb Mobilisierungsobjekt wahr- Begriff „Kampf um Befreiung“
der Autonomen eine einiger- nimmt. Sie würden die übrig mit historischen und eigenen Er-
maßen funktionierende Rotation gebliebenen KaderInnen orga- fahrungen zu füllen: „Und wenn
als Anti-Institutionalisierungs- nisieren, die immer in Gefahr uns jetzt die Formulierung, dass
mittel: Und so findet mensch stünden, wegen entfremdeter dieser Prozess ein kollektiver
autonome KaderInnen auch Politik in traditionellen Formen
sein muss, zur Phrase verküm-
beim Spülen in der VoKü. Aus nur noch sich selbst zu mobili-
mert, dann liegt das daran, dass
diesem Widerspruch zwischen sieren. Sie würden gleichzeitig
wir bei der Beschreibung herr-
„institutionalisierter“ Politik ohne den stattfindenden Rückzug vonschender Subjektivität zwar von
institutionalisierter Identität von AktivistInnen beschleunigen, unseren eigenen Erfahrungen
Personen und Funktionen erklärt weil für sie die Autonomen eben
ausgegangen sind, diese aber
sich auch die vergebliche Suche „mehr waren als Politik“. nicht beschrieben haben (siehe
des Verfassungsschutzes nach Einladung).“
einem Autonomen ZK, und die Perspektiven? Dies heißt praktisch die Dimen-
detektivische Neugier der „Radi- sion eigener Subjektivität offen-
kalen Linken“ für den geheim- Eine Perspektive autonomer siv und revolutionär anzugehen,
nisvollen Kopf der Autonomen. Politik liegt also nicht in der und diese Konfrontation nicht
verbindlicheren, disziplinieren- auf einen bloß physischen
Diese Widersprüchlichkeit lässt den Organisierung, sondern Überlebenskampf zu reduzieren,
sich aber nur unzureichend in der Weiterentwicklung der sondern als grundsätzliche
mit innerorganisatorischen in den sozialrevolutionären Konfrontation zwischen anta-
Anti-Institutionalisierungsmitteln Kämpfen und Basisbewegungen gonistischen Utopien: Soziale
fassen: die Doppelstruktur der gewonnenen Erfahrungen: Und Revolution oder Barbarei!
Autonomen als Versuch die Organisierung entwickelt
sozialer Lebensformen, sich mit der Neuorientierung, Nachtrag:
selbstverändernder Praxis und und nicht umgekehrt. Dieser Text kann auch als
politischer Organisierung lässt Antwort und Kritik der Organi-
es (noch?) nicht zu, dass eine/r Dieses Diskussionspapier zielt sierungsvorschläge von der
nur Politik macht, nur Funk- also in erster Linie auf eine Göttinger Antifa (M) und in der
tionärIn ist. Dieses Selbstver- Blickerweiterung über die Radikal verstanden werden, ob-
ständnis ist Klammer der ausein- ausschließlich selbstbezogene wohl er schon feststand, bevor
anderstrebenden Richtungen Krisendiskussion der Auto- die Papiere der GenossInnen
innerhalb der Autonomen: die nomen hinaus, und fordert dazu bekannt waren.
Organisierung ist verbindlich, auf, die Autonomen historisch
institutionalisierte Strukturen auf als einen Teil der Opposition Xanthippa,
der einen, die Individualisierung gegen das patriarchale, imperia- Rhein-Main Oktober 1991
in Basisprojekten, Studium, listische Modell Deutschland zu
Arbeit auf der anderen Seite. begreifen. Es geht außerdem
Die von Vielen aus der verzwei- darum, in Anlehnung an das
felten Situation der Autonomen Kritikpapier an der Einladung
gestellte Organisierungsfrage zum 1. Vorbereitungstreffen
würde die noch bestehende zur Anti-WWG-Kamagne 1991
Klammer zerbrechen und die
Autonomen zur institutionali-
56 sierten Partei degradieren, die
ein „Außen“ nur als Agitations-
Praktische Konsequenzen – Die Gründung der Gruppe FelS
Thesenpapier zur Veranstal- 6. Die autonome Nicht- Subjekt ausmachen, weder das
tung am 28. Januar 1992 Organisation vermeidet nicht die Proletariat noch die am meisten
Gefahr aller Organisationen, zu verelendeten Klassen noch die
1. Gesellschaft besteht aus einem starren, hierarchischem Bevölkerung der am meisten
Gegebenem und Gewolltem, Apparat zu werden: Sie ver- entwickleten kapitalistischen
deshalb kann Veränderung lagert die Hierarchien lediglich Länder. Eine erste neue Antwort
wegen der Berücksichtigung auf eine informelle Ebene wird vor allem praktisch zu
der gegebenen Bedingungen und macht sie damit weniger ermitteln sein.
nur schrittweise erfolgen. Der kritisierbar. Die Starrheit der Au- 2. Die Frage einer veränderten
voluntaristische Subjektivismus tonomen bildet sich heraus, weil Gesellschaft ist weder determi-
der Autonomen ist dagegen kein Weg zu einer Änderung nistisch noch durch subjektiven
untauglich zur Erklärung der vorgegeben ist. Willen allein zu lösen. Die Wied-
Realität und baut ein inneres 7. Die autonome Subkultur kann eraneignung der Debatte über
repressives Klima aus. keine allgemeinverbindliche das Verhältnis von Objektivität
2. Aus dem voluntaristischen Form der Befreiung sein. und Subjektivität ist eine der
Subjektivismus resultiert Theo- 8. Die Autonomen sind eine vordringlichen Aufgaben der
riefeindlichkeit wie Militanz- Antwort auf die BRD-Gesell- Linken.
fetischismus. schaft der ’70er und ’80er Jahre. 3. Es geht weder ohne
3. Die wenige autonome Mit der Durchsetzung des Post- Machtübernahme noch ohne
Theorie (v. a. Hartmann) dient fordismus werden sie ihre his- Machtausübung. Die komplexe
weitgehend der Rechtferti- torische Berechtigung verlieren Gesellschaft kann nicht aus sich
gung der bereits bestehenden und keine gesellschaftliche Kraft vernetzenden Kleingruppen
Politik der Autonomen. Sie mehr sein. bestehen.
erklärt damit nicht mehr Reali- 9. Es kommt nicht darauf an, 4. Es gibt eine Dialektik von
tät, sondern macht sich das in bestehenden oder neuen Reform und Revolution. d. h. die
Bild von der Wirklichkeit nach Kleingruppen die Krise der Linke wird immer Zwischen-
der eigenen Praxis. Autonomen bzw. der Linken zu etappen auf dem Weg zu einer
4. Organisationen sind kein debattieren. Eine Debatte kann grundsätzlichen Umgestaltung
Allheilmittel und die Krise nur dann Sinn und Erfolg haben, formulieren müssen.
der Linken ist mehr als eine wenn sie den Bruch mit der 5. Das Verhältnis von Avant-
Krise der Formen. Organisa- Organisierung in Kleingruppen garde - Masse ist nicht durch
tionen sind nicht hinreichend, und Privatzirkeln vollzieht, ihre seine Leugnung aus der Welt zu
aber notwendig: Sie sind die Strukturen transparent macht schaffen: es bleibt aber immer
einzige Möglichkeit, zielge- und öffentlich arbeitet sowie in problematisch und muß daher
richtet an einer Veränderung die Öffentlichkeit hineinwirkt. tendenziell aufgehoben werden.
der gesamten Gesellschaft zu 10. Die Krise der Linken ist 6. Es gibt weder alte noch neue
arbeiten. weder von einer kleinen Gruppe Haupt- und Nebenwidersprüche
5. Ohne eine Form der Organi- noch mit Patentrezepten zu noch eine Trikausalität: linke
sation bleibt nur Kampagnen- lösen, sondern nur als Debatte Theorie muß deshalb die Unab-
politik, die nichts anderes als und Praxis vieler. hängigkeit der verschiedenen
de facto Reformismus ist, weil Unterdrückungsverhältnisse
sie an einzelnen Punkten Teil II voneinander genau
Widersprüche mobilisiert, untersuchen – und Befreiung
ohne diese in langfristige 1. Es läßt sich derzeit kein als kompliziert ineinander 57
Formen bringen zu können. eindeutiges historisches verstrickte Bemühungen auf den
verschiedensten gesellschaftli- Debatte um ein „Ende der trachten uns deshalb als Teil der
chen Feldern verstehen. Geschichte“ nicht von links sozialistischen Geschichte mit all
7. Wir werden uns an der beteiligen und be- ihren Fehlern.

Sich dem Kapitalismus nicht ergeben


Überlegungen zur Organi- menten abgewürgt werden. Verhalten immer ein Stimmungs-
sationsfrage und darüber So long, für eine neue und barometer für gesellschaftliche
hinaus organisierte revolutionäre Bewe- Trendbewegungen – wandern
gung. in Richtung neoliberaler oder
In diesem Text sollen keine reformistischer Projekte ab.
Wahrheiten verbraten werden. Die „Krise der Linken“ Verschiedene Befreiungsbewe-
Die meisten Thesen sind gungen im Trikont verabschieden
ungenau und noch völlig am Vor 75 Jahren begann der erste sich von der Machtübernahme
Anfang. Sie repräsentieren auch Versuch, über die Geschichte als Ziel, wobei die vielerorts
nicht die Gruppe FelS, sondern von gescheiterten Revolten unbewältigten Probleme wie
nur einen Menschen daraus, hinauszukommen und den Sozia- Korruption, Theoriemangel und
dessen Meinung in der Gruppe lismus einzuführen. Vertikalismus voll zur Geltung
nicht unwidersprochen ist. Von Anfang an gab es scharfe kommen.
Trotzdem wollen wir diesen Auseinandersetzungen und Und in der BRD herrscht
Text veröffentlichen, er spiegelt grundlegende Meinungsver- Ratlosigkeit: in Form von zur
wieder, in welche Richtung schiedenheiten um den dafür Schau gestelltem Pessimismus
manche von uns diskutieren und richtigen Weg. Die Linke war („Wir wissen nicht mehr, was
er könnte Anlass zu Erwiderung reich an Vorstellungen, die über links ist, und bevor wir´s wissen,
sein. Außerdem macht die das sowjetische „Modell“ weit brauchen wir auch gar nichts
Veröffentlichung dieses und hinausreichten. mehr machen.“), der dem
anderer Texte von Einzelper- 1968 dann, vor inzwischen 25 Defätismus benutzt, um sich der
sonen der Gruppe unseren Jahren, kritisierte eine ganze praktischen Verantwortung zu
Diskussionsprozess als solchen Generation zunehmend auch entziehen, und als Nostalgie, die
transparent. Wir wollen Diskus- praktisch den vorgegebenen stehenbleibt, wo die Geschichte
sionen schließlich öffentlich und Weg. Mit Kuba fiel das Revo- am schönsten war (ob es sich
nicht im Privatzirkel führen. lutionsmodell der führenden dabei um den spanischen
Zum anderen: Bevor jetzt kommunistischen Parteien, in Anarchismus, die deutsche
die Unterstellung kommt, die verschiedenen Ländern ging KP-Geschichte, die Hippie-Zeit
Theoriefraktion würde es sich es um ein neues Verhältnis von oder die italienische Autonomia
auf ihren Bürostühlen bequem Spontanität und Organisationen, handelt, ist völlig belanglos).
machen und über Krise oder die feministische Kritik deutete
nicht schwadronieren – erst mal weitergehende Formen von Die „Krise der Linken“ ist zum
hinschauen und abwarten. Befreiung an. Heute ist dagegen Schlagwort der Zeit geworden.
Es gibt keine Praxis ohne Verwirrung angesagt. Die Linke Es passt ganz hervorragend in
Theorie, aber es gibt auch keine steht vor einem Scherbenhaufen den ideologischen Mainstream
Theorie ohne Praxis. Wir wissen – sie weiß nicht mehr, was richtig vom „Ende des Marxismus/Kom-
das so gut wie andere. und was falsch ist... oder zumind- munismus/der Geschichte“ (dass
Wir finden es auf jeden Fall be- est glaubt sie es. die drei Begriffe auch in der
58 scheuert, wenn Überlegungen Die wenigen von ’68 geblie- Öffentlichkeit in einem Atemzug
von Leuten mit Todschlagargu- benen Intellektuellen – mit ihrem genannt werden, ist kein Zufall),
den die Linke reproduziert, Staaten in den kapitalistischen Zwischen Selbstkritik
auch wenn sie das Gegenteil Markt seine Krisenhaftigkeit und Zusammenbruchs-
behauptet. Es fehlt die Stärke, zu überwinden können wird. ideologie
sich selbst zu stehen. Zugegeben: Der Zusam-
So betonen die Autonomen zwar menbruch der Sowjetunion Natürlich gibt es für die Linke
trotzig ihre/unsere Mythen vom rechtfertigt keinen Optimismus die Notwendigkeit zur Neuan-
revolutionären Widerstand, aber – solange es keine realistische, passung oder zum Neuanfang –
alle schieben schnell nach, dass d. h. gesellschaftsfähige Alterna- obwohl mir beide Begriffe nicht
sie „keine Ahnung haben, was tive zu ihm gibt, wird selbst die gefallen. Gar nicht so sehr, weil
das im Augenblick genau ist“. antikommunistischste Linke eine „epochale Umwälzung“
Es lebe die Ohnmächtigenideo- von ihm betroffen sein – aber (sozusagen der Anbruch
logie. Was uns immer gesagt er erklärt auf der anderen Seite eines ganz neuen Zeitalters)
wurde, stimmt eben doch: Wir auch weder die herrschende stattgefunden hätte, sondern
sind weltfremde Spinner. Bei theoretische Verwirrung noch deswegen weil in verschiedens-
Marcuse heißt das „die Abschaf- das um sich greifende Gefühl der ter Hinsicht Phasen zu Ende
fung der Linken gegenüber den Hilflosigkeit. gehen, von denen die Entwick-
neuen Möglichkeiten der Praxis“ Wahrscheinlich hat die wach- lungen im realsozialistischen
ein systematisch gezüchteter sende Erkenntnis bei so vielen Block nur ein Aspekt sind.
Minderwertigkeitskomplex. Linken, alle Begrifflichkeiten, Die anderen wären die Durch-
Dabei ist der weltgeschichtliche analytischen Methoden, Praxis- setzung der postfordistischen,
Einschnitt, den wir erleben, für formen und organisatorische neoliberalen Gesellschaften
die Linke in der BRD zunächst Strukturen der letzten Jahrzehnte in den hochindustrialisierten
sehr viel weniger negativ als für seien falsch gewesen und Ländern, zweitens das Entste-
die Bewegungen im Trikont. müssten durch etwas Neues hen eines tripolaren Imperialis-
Der Blockkonflikt bot den ersetzt werden, sowieso viel mus (EG, Japan, USA), in dem
antiimperialistischen Kämpfen mehr mit tiefliegenden psychis- Deutschland zunehmend zur
in der ganzen Welt zweifellos chen Strukturen zu tun als mit imperialen Führungsmacht wird,
Spielräume, aber er stärkte auf Beobachtungen und eigenen und drittens, damit zusammen-
der anderen Seite in Form des Überlegungen. Sich gegen hängend auf der politischen
Antikommunismus gerade in vorherrschende Ideologie zu Ebene das Einbrechen sowohl
Westeuropa die ideologische stellen (und zwar mit mehr als der traditionellen Arbeiterpar-
Hegemonie der Rechten. Er war einem bloßen Nein) bedarf der teien als auch der auf der
Grundlage des keynesianis- Ich-Stärke, eines Bewusstseins, Kritischen Theorie aufbauenden,
tischen Klassenkonsenses und gesellschaftliches Subjekt und technologiekritischen und anti-
der immens hohen Reform- nicht Objekt zu sein. autoritären Bewegungen.
bereitschaft von Seiten des Und weil wir das unter den Eine Neuanpassung müsste
westdeutschen Staates und herrschenden gesellschaftlichen diese Entwicklungen berück-
Kapitals. Politisch war vor dem Bedingungen immer weniger sichtigen und wird dabei mit
Hintergrund der existierenden besitzen, fällt es ständig schwe- zahlreichen Widersprüchlich-
sozialistischen Staaten eine rer eine eigene, zwangsläufig keiten auskommen müssen. So
gesellschaftsfähige revolutionäre widersprüchliche Position zu wird sich die Linke grundsätzlich
Perspektive schwer zu entwer- beziehen. in ihren Konzepten und organi-
fen. Und schließlich spricht Die Linke wählt zwischen Defait- satorischen Vorstellung in Frage
nichts dafür, dass der Kapitalis- ismus und Rückgriff auf einfache stellen müssen (z. B. indem sie
mus mit der vollen Integration Lösungen. Entweder ist alles sagt: Nicht nur die erledigte
der widerspruchsreichen ost- Scheiße oder Verrat von bösen K-Gruppen, sondern auch 59
europäischen und asiatischen Verschwörern. das jüngere und in den ’80ern
wenigstens etwas erfolgreichere Position genau darin, etwas der ‘70er Jahre) und zum
Konzept „Autonomie“ ist am entschlossen zu verteidigen, beianderen die Spontis, die in
Ende), ohne sich in das Gefühl dem es ständig die Notwen- gewisser Weise die ideologisch
des Zusammenbruchs fallen zu digkeit gibt, es neu zu denken prägende Kraft für die Au-
lassen. und zu verändern, also das tonomen geblieben sind.
Sie wird die Marx’sche und Prozesshafte zum Prinzip zu er- Beide Erfahrungen reichen über
Lenin’sche Methodik radikal heben. Um das zu leisten, kann die BRD-Linke weit hinaus. Die
kritisieren, aber dafür eben sehr die Linke sich eben nicht auf Kritik an der traditionellen KP-
viel genauer kennen (und das die Frage Theorie oder Praxis, Linie (die sich meiner Einsicht
heißt aneignen) müssen als in revolutionär oder pragmatisch- nach viel massiver durchgesetzt
den letzten 15 Jahren. Und sie realistisch, konsequent oder hat als die am Spontaneismus)
wird außerdem darauf zielen vermasst zurückziehen. Sie lässt sich in einigen Stichpunk-
müssen, dass Linke zugleich muss alles leisten, und vor allem:
ten zusammenfassen:
wagemutiger als auch pragma- nicht hintereinander, sondern -mechanistisches Verständnis
tischer, theoretischer wie gleichzeitig. von Revolution (z. B. in der
praktischer wird. starren Etappentheorie: erst
Die Organisationsfrage bürgerlich-demokratische,
Dafür müssen wir begreifen, dann sozialistische Revolution);
dass theoretische und prak- Das ist zugegebenermaßen eine Beschränkung auf Übernahme
tische Überlegungen niemals lange Einleitung für einen Text, des Staatsapparates/ Ver-
endgültig, objektiv wahr, der etwas mit der Organisa- staatlichung der Industrien;
sondern immer nur konkret und tionsfrage zu tun haben will: Fehlen einer echten Soziali-
situationsbezogen sein können. aber auch nicht überflüssig, vor sierung der Produktionsmittel;
Eindeutige Antworten, die uns allem dann nicht, wenn man kein umfassender Begriff von
Sicherheiten geben und uns den davon weg will, die Frage auf ein sozialer Emanzipation und ihrer
Weg aufzeigen, wird es ebenso technisches Problem zu redu- Prozesshaftigkeit; Unterordnung
wenig geben wie klare Unter- zieren. Eine politische Organisa- der Bewegungen anderer
scheidungen in Gut - Böse, tion ist zwar zunächst einmal vor Länder unter die Interessen
revolutionär - Verrat. allem Instrument für kontinuier- einer Zentrale; Ignoranz gegen-
Eine offene Diskussion, wie wir liche Lernprozesse, Praxis über anderen Theorieansätzen;
sie brauchen, muss über den und Diskussion (womit auch Nicht-Revolutionierung des
Dualismus hinauskommen (wie schon gesagt ist, warum ich die sogenannten Reproduktions-
z. B.: alles was nicht befreite Debatte für unverzichtbar halte), bereichs...
Gesellschaft ist, ist Faschismus, aber wenn die Diskussion zur Anders gesagt: Bisher hat die
oder: entweder autonomer Strukturfrage ohne Hinter- kommunistische Linke zwar in
Wildwuchs oder Partei, Pa- grund degradiert wird, kann sie zahlreichen Fällen erfolgreich
piertiger oder Haudrauffraktion, auch nur zur Aufwärmung von die Macht übernommen, aber
entschlossen-revolutionär oder historischen Konzepten führen in nur ganz kurzen Perioden
reformistisch). Der Hang zu (wie z. B. bei den Kommunis- gesellschaftliche Prozesse in
praxisfernen Verabsolutierungen tischen Brigaden). Gang gesetzt und am Leben
ist historisch immer das größte Die Organisationsdebatte muss, gehalten. Im Grunde genom-
Hindernis für eine solche im zumindest in den Autonomen, men fehlten der kommunis-
Ergebnis offene Diskussion im Zusammenhang mit zwei tischen Bewegung Konzepte
gewesen. Erfahrungen geführt werden: und vor allem Möglichkeiten
Meiner Ansicht nach besteht das ist einmal die Geschichte eine Einheit von (notwendiger)
60 das Besondere und Emanzipa- der kommunistischen Parteien Eroberung staatlicher Macht
torische an einer revolutionären (darunter auch die K-Gruppen und umfassender Umwälzung in
Produktion und Lebensalltag zu Ein zweiter Ansatzpunkt der zur Frage „wie kann Gegen-
schaffen. Antiautoritären ist die Kritik der macht entstehen ohne neue
In der BRD äußerte sich diese Macht. Das von der traditionel- Machteliten herauszubilden ist
Unfähigkeit, mehr als nur len Linken (und allen anderen die von Daniel Cohn-Bendit, der
aktionsfähige Organisations- Linken) unbeantwortete im Februar ’77, als er noch ein
apparate mit straffer interner Problem, wie Macht Verge- Linker war, irgendwie sagte:
Ordnung aufzubauen, zuletzt in sellschaftet werden kann, wird „Die Einheit von WGs, Betrieb-
den K-Gruppen, sektiererischen dadurch aufgelöst, dass die szellen, alternativen Projekten,
Kleinstparteien mit repressivem Fragestellung ganz einfach ab- Landkommunen und anderen
Innenleben (lesenswert und geschafft wird. Macht als solche Organisationsformen, die wir
passagenweise durchaus witzig: wird für verwerflich erklärt und heute überhaupt noch nicht
„Wir warn die stärkste der verboten. Damit ist die Linke/ denken, zu entwickeln, wird
Parteien“/Rotbuch). die Menschheit zwar nicht einen die revolutionäre Organisation
einzigen Schritt weiter, aber bilden.“
Die Spontis - Organisa- man wäscht sich rein von den
tionsfeindlichkeit und Verbrechen der realsozialisti- Na alles klaro, oder?
„Abschaffung der Macht“ schen GenossInnen.
Die Überlegung ist ernsthaft Das Bauen auf Selbstentwick-
Der Spontaneismus, der mit blöde. Einmal ist die Abschaf- lungen, die ohne Zutun entste-
dem antiautoritären Flügel der fung der Macht nur als Prozess hen, ist genauso blöde wie ein
‘68er Bewegung an Stärke vorstellbar, d. h. als allmähliches künstliches Vorantreiben der
gewinnt, ist dagegen bis heute Verdrängen durch Gegenmacht Verhältnisse. Spontane Revolten,
ein unreflektierter Begleiter der (und dann auch keine Abschaf- z. B. die von der Autonomie-
Autonomen. fung, sondern ein Herausbilden Redaktion so in den Vorder-
Unter anderem als Ausdruck neuer Strukturen). grund gerückten Brotunruhen
ihrer/unserer Ablehnung von Zum anderen ist langfristig die haben in Lateinamerika zwar
realsozialistischen Avantgarden Übernahme von ökonomischen, Regierungen hinweggefegt,
und dem daraus resultierenden politischen und administrativen aber das nur für ein paar Tage.
Fehlen von Masseninitiative lehnt Machtpositionen zwar – und Es gibt keine revolutionäre Um-
die Bewegung heute grund- hier ist die Kritik am Sowjet- wälzung ohne Organisationen,
sätzlich führende Rollen von marxismus berechtigt – längst die das Machtvakuum besetzen.
revolutionären Organisationen ab nicht hinreichend für die Revolu- Ja es gibt noch nicht einmal
und vertraut auf die „Selbstor- tion, aber diese ist auch nicht beständige gesellschaftliche Ge-
ganisierung der Klasse“ (wie als ohne sie vorstellbar. Neben den genmacht ohne solche Organi-
ob Parteien in vielen Fällen nicht verschiedenen Formen reformis- sationen. Venezuela ist dafür ein
auch Formen von Selbstorgani- tischer Veränderung, – d. h. der gutes Beispiel: vom Caracazo,
sierung wären). In ihrer letzten Durchdringung einer Gesells- dem Aufstand im Februar 1989
Konsequenz führt diese Vorstel- chaft wie nach ‘68 oder wie es ist zunächst nicht viel geblieben
lung zur Brotrevolten- und die Sozialdemokratie seit über außer ein paar Tausend Toten
Riottheorie, mit der die wenig 100 Jahren praktiziert – besteht und dem Gefühl einer Nieder-
fortschrittlichen Aspekte von für eine radikale Umwälzung lage. Erst durch das Einsetzen
„spontaner Selbstorganisierung“ eben nur die Perspektive der von Organisationsprozessen vor
wie z. B. Bandenkriege in Latein- Eroberung und Zerstörung alter allem durch die Herausbildung
amerika und den USA oder die Machtpositionen (und darunter einiger politischer bzw. politisch-
nicht minder auftretende Kor- auch denen des Staates). militärischer Organisationen hat
ruption von Basisorganisationen Ein Beispiel für die vereinfachte sich die diffuse Unruhe in eine 61
völlig ausgeblendet werden. sponti-linksradikale Position Machtalternative (d. h. einer
Alternative zur bestehenden Das ist nichts abgehoben herrschenden, von Lohnar-
Macht) verwandelt. Abstraktes, was bis auf den beit und preußischer Disziplin
Ähnlich ist die Erfahrung im Sankt-Nimmerleins-Tag in der geprägten Arbeitsbegriffs.
Iran, die Ende der ’70er von der Schublade aufbewahrt werden „Arbeit ist Verrat am Proletariat“
Autonomie-Redaktion (Hefte kann, um dann mit der „Revo“ behaupten wirtschaftlich abgesi-
1 und 8) zu einer Art Revolu- ausgepackt zu werden. Gerade cherte Autonome und leugnen
tion neuen Typus hochstilisiert wenn Revolutionen eben keine damit ein Bedürfnis fast aller
wurde. Das Fehlen einer in den Machtübernahmen von den- Militanten.
Massen verankerten revolu- kenden Eliten mehr sein sollen, Jede und jeder von uns strebt
tionären Führung (was ja nicht dann ist die Arbeit an gesell- in irgendeiner Weise danach:
Zentrale bedeutet...) wurde von schaftsfähigen Gegenstrukturen Dinge zu schaffen, d. h. sich
der Autonomie als Ausdruck eine aktuelle Aufgabe. Arbeitsziele zu setzen und zu
von Authentizität verstanden. Den Embryo einer anderen erreichen – und wenn’s um
Aber authentisch sein bedeutet Gesellschaft trägt ein System die Renovierung von einer
eben auch die unreflektierte schon in sich, wenn es noch voll Wohnung geht. Während des
Übernahme von patriarchalem, intakt ist. Deswegen sind z. B. Arbeitsvorganges wird jede und
feudalem, kapitalistischem und Machtstrukturen der Linken, jeder von uns umso geplanter
rassistischem Kulturgut. in denen nicht die Schlauheit vorgehen müssen, umso kom-
Das Problem der Macht und der Spitze, sondern die breite plexer der Arbeitsvorgang ist,
ihrer Vergesellschaftung stellt Erkenntnis vieler zählt, natürlich d. h das Fegen läuft noch relativ
sich also komplizierter dar als eine Aufgabe für den Augen- spontan, für das Streichen trifft
in ihrer einfachen Abschaffung. blick und nicht erst für die man Vorbereitungen und das
Befreiung ist ein komplexes befreite Gesellschaft. Tapezieren wird durchgeplant.
Zusammenwirken von Macht- Man denkt also voraus, wägt
kampf und gesellschaftlichem Darüber hinaus aber gibt es Kosten, Nutzen und Dauer ab,
Neuaufbau, und kann nur als eben nicht nur die Notwen- bereitet spätere Schritte vor.
Zusammenwirken von Ver- digkeit, Befreiung vorwegzu- So banal wie nur was... Genau
drängen der Gegenseite und nehmen, sondern wirklich diese nicht-bockbezogene,
Selberbesetzen der eroberten Gegenmacht darzustellen. Die sondern vorausdenkende
Positionen verstanden werden, Gegenseite wartet schließlich Methode lehnen weite Teile
und zwar auf allen Ebenen ge- nicht bereitwillig darauf, der Bewegung jedoch für die
sellschaftlicher Macht (politisch, abgesetzt zu werden. Sobald politische Arbeit ab. Revolution
militärisch, kulturell und ökono- es einen gewissen Grad wird zum ich-bezogenen Spek-
misch). überschreitet, antwortet die takel. zur Aneinanderreihung
Dafür braucht eine Linke aber Staatsmacht konzentriert und von Ersten Mais und anderen
nicht weniger Machttheorie, organisiert. Linke Politik bewegt sich zufällig ergebenden Hap-
sondern im Gegenteil mehr und sich deshalb immer auf der penings.
genauere. Im Gegensatz zu den Gratwanderung zwischen Kampf
leninistisch inspirierten Revo- um gesellschaftliche Bedeutung, Ich finde es wichtig: Das
lutionsmodellen dürfen diese also realistischer Politik, und Zusammenwirken von sinnvol-
Überlegungen nicht in die Rich- Vorwegnahme der Utopie. len, erfolgsorientiert organisier-
tung gehen „wie die Linke wieder Noch eine andere Kritik an der ten Arbeitsschritten und schöp-
an die Macht kommt“, sondern sponti-autonomen Linken nach ferischer Freiheit macht das
dahin, wie sie den Zustand ‘68 ist wichtig: ihr zunehmend Bedürfnis des Menschen nach
vergesellschafteter Macht (als ideologisierter Arbeitsbegriff. Ein Arbeit aus. Planung und Kreati-
62 Sowjet-, Volksmacht...) entwick- Gutteil der Linken beschränkt vität sind ein sich gegenseitig
eln, festigen und verlängern kann. sich auf die Ablehnung des bedingendes Begriffspaar und
müssen natürlich auch für die dahin, auf der einen Seite „rassistisch“ und geschlecht-
politische Praxis, d. h. die Arbeit unterschiedliche Ausgangs- lich differenziert gewesen:
an der Gesellschaft, gelten. bedingungen der Individuen Iren in England und Polen in
abzubauen (beim Entstehen Deutschland waren bei den
Die Fragen über die funktio- des Kapitalismus wurde so z. B. Parias überdurchschnittlich
nierende Struktur hinaus: aus dem versklavten Bauern der vertreten, die Leichtlohngrup-
Bei den Diskussionen um die rechtlich gleichgestellte Lohnar- pen bestehen nach wie vor
Organisationsfrage tauchen drei beiter), auf der anderen Seite hauptsächlich aus Frauen und
grundlegende Fragen immer aber auch solche ungleichen, Ausländern.
wieder auf: aus gesellschaftlicher Trägheit Der Irrtum der traditionellen
a) Sind die verschiedenen und zur Systemstabilisierung Linken war es zu glauben, dass
Unterdrückungsverhältnisse übernommene vorkapitalistische sich die übernommenen ge-
(Klassen-, Geschlechter-, Ras- Verhältnisse beizubehalten und sellschaftlichen Verhältnisse, die
senunterdrückung usw.) nicht weiter zu entwickeln. älter sind als der Kapitalismus,
zu unterschiedlich, so dass eine Und so ist – obwohl das Kapital im Rahmen seiner Universali-
gemischte Organisation sowieso in seinem Drang nach optimaler sierung zwangsläufig auflösen
unmöglich ist? Vernutzung der fähigsten müssten, d. h. die vermeintliche
b) Wenn die bisherigen Revolu- Kräfte tatsächlich universalis- Sozialisierung der Produktion
tionen in ihrer Befreiung immer tisch, d. h. gleichmachend ist zum Verschwinden von Über-
wieder auf die vorherrschenden – das kapitalistische System baustrukturen wie Sexismus und
Bedingungen zurückgefallen gleichzeitig durch und durch Rassismus führen müssten.
sind, für was kämpfen wir dann? reaktionär. Es ist mehr als nur
Und welche Funktion hat eine kapitalistisch. Sein ganzes Verkannt wurde in diesen sim-
politische Organisation in dieser ökonomisches Werden ist von plen Basis-Überbau-Modellen,
allgemeinen Konzeptionslosig- den patriarchalen und fremden- dass sich Kultur und Ökonomie
keit? feindlichen Gesellschaften, aus gar nicht schematisch vonein-
c) An wen richtet sich die denen es hervorgeht, bestimmt. ander trennen lassen, weil eben
Linke? Gibt es ein kämpfendes Rassismus ist eben nicht die das Kapital die alten gesells-
Subjekt oder ist die Linke am herrschaftsstabilisierende Ideo- chaftlichen Verhältnisse nicht
Ende dazu gezwungen, sich mit logie des Kapitals (auch wenn vorrangig überwindet, sondern
sich selbst zu beschäftigen? er diese Funktion de facto oft vor allem in sich aufnimmt.
einnimmt), sondern prägender
zu a) Die Unterdrückungsver- Bestandteil der Ökonomie. Ein heterogenes System
hältnisse oder „das Basis-Über- Genauso wie auch das Geschlech-
bau-Modell ist falsch“ terverhältnis sehr viel mehr ist Wenn das bestehende
Das Komplizierte bei der als von den Personen reprodu- kapitalistische System aber
Analyse der verschiedenen zierte sexistische Ideologie, widersprüchliche Elemente und
Unterdrückungsverhältnisse nämlich ein materielles Ausbeu- Tendenzen (z. B. gleichmache-
in den modernen kapitalis- tungsverhältnis, das unabhän- risch und gleichzeitig rassis-
tischen Gesellschaften ist, gig von der Schlechtheit oder tisch) beinhaltet, dann werden
dass ihre Entwicklung äußerst Gutheit der Männer und Frauen konkrete Vorhersagen über
widersprüchlich verläuft. Der die gesellschaftliche Struktur den weiteren Werdegang der
US-Historiker Immanuel Waller- durchzieht. gesellschaftlichen Struktur so
stein sagt, der Kapitalismus sei gut wie unmöglich.
gleichzeitig universalistisch und So ist die Klassenzusammen- Diese innere Heterogenität
anti-universalistisch, d. h seine setzung von Anbeginn der des Systems ergibt sich neben 63
Entwicklung gehe gleichzeitig kapitalistischen Entwicklung universellen Elementen (den
Regeln der Weltwirtschaft), die sind. pitalistischen Beweglichkeit
überall gelten, und Charakteris- Die Suche nach der eindeutigen ergibt, ist monokausal („die
tika, die aus den spezifischen Gesellschaftsanalyse führt nach Ökonomie ist linear erklärbar
historischen, geographischen Nirgendwo. und bedingt alles Weitere“)
und kulturellen Vorbedingungen nicht zu bewältigen, aber auch
vor Ort (überlieferte Lebens- Kein Spruch ist deshalb so eine Vermischung der Unter-
und Produktionsweisen) über- blöde wie: Erst mal wieder Klar- drückungsverhältnisse (wie sie
nommen werden, vor allem aus heit kriegen, bevor man handelt. das 3:1 Papier vorschlägt oder
den sozialen Kämpfen, die Das Prinzip im Kapitalismus ist das Entdecken eines neuen
innerhalb und gegen das Sys- es ja gerade, seine sich aus dem Hauptwiderspruchs wie beiden
tem geführt werden, aber nicht technischen Fortschritt und den Bielefelder Radikalfeministin-
zu ihrem Zusammenbruch füh- sozialen Kämpfen ergebende nen (Werthof, Mies) sind wenig
ren. So kann der Kapitalismus Entwicklung im Fluss zu halten überzeugend.
je nach inneren oppositionellen und dabei völlig widersprüch- Die Stärke des Kapitalismus und
Bewegungen frauenfreundli- liche Tendenzen in sich zu seiner tragenden politischen
cher oder frauenfeindlicher, bewahren. Eine Analyse, die uns Institutionen (Sozialstaat, Kirche,
rassistischer oder multikulturel- alles erklärt, kann es nicht ge- Parteien, Medien usw.) ist es
ler, sozialdemokratischer oder ben, dafür sind selbst Moment- vor allem seine Komplexität
neoliberaler werden. aufnahmen zu heterogen. pragmatisch anzuerkennen. Der
Im Gegensatz zur Linken kann Pluralismus der bürgerlichen
er mit seiner inneren Wider- So ist Fakt, dass noch nie in Gesellschaft ist kein Bluff.
sprüchlichkeit sehr gut leben. der Menschheitsgeschichte die Natürlich schieben sich in
Sie macht ihn flexibel, steigert Universalität (d. h. die Möglich- Krisenphasen planende Zen-
seine Anpassungsfähigkeit. Die keit, unabhängig von Rassen-, tralen über das Gefüge von
Heterogenität der modernen Geschlechterzugehörigkeit und widersprechenden Interessen,
kapitalistischen Gesellschaften Klassenherkunft, Führungs- und natürlich gibt es Grenzen
führt dazu, dass sich Zusam- positionen im Kapitalismus zu für Pluralismus, aber innerhalb
mensetzungen andauernd übernehmen) so groß war wie dieser Grenzen ist
krisenhaft verändern und heute, ohne dass dies bedeutet, Widerstand und Bewegung
gerade von den sozialen Be- dass es nicht gleichzeitig starke nicht nur zugelassen, sondern
wegungen (also von uns), die Rollbacktendenzen auf den sogar erwünscht. Mit der
gegen den herrschenden Status verschiedensten Feldern gäbe. Vorstellung einem einheitlichen
Quo kämpfen, weitergebracht Der kapitalistische Entwick- Schweinesystem mit planenden
werden. lungsgang ist ständig wider- Zentralschweinen lügen wir uns
Klar wird hieran, dass ein sprüchlich und den Interessen was in die Tasche. Selbst die
Basis-Überbau-Modell, das eine der Kämpfenden oft völlig entschiedensten Kämpfe gegen
einfach kausale Verknüpfung entgegengesetzt. So haben die das System sind vor dem Refor-
(vom neutralen Kapitalverhältnis Frauenkämpfe gegen Ge- mismus nicht gefeit: Solange
zum Überbau-Rest) vornimmt, schlechterrolle und Hausarbeit sie sich nicht in wachsendem
viel zu kurz greift. Natürlich zum Teil Emanzipation bedeutet, Bewusstsein und bleibender
bleibt die Ökonomie zentral, nur zum Teil aber auch nur zu einer Organisierung ummünzen,
ist die konkrete Ausformung Kapitalisierung des Reproduk- sind sie auch nur der radikal-
der Ökonomie eines Landes tionsbereiches geführt (Fast reformistische Stachel, der zur
von einem Haufen Faktoren Food-Industrie, Frauenhandel, Modernisierung beiträgt.
bestimmt, von denen Patriarchat Pornoindustrie).
64 und imperialistisches Gefälle nur Das Verständnisproblem, das
die beiden hervorstechendsten sich für uns aus dieser innerka-
Wir brauchen heute weder der Welt zeigt, dass eine Linke tion vor der Durchsetzung der
eine monolithische noch um revolutionär zu sein, eben individualisierten, warenförmi-
eine diffuse Linke nicht nur radikale (an die Wurzel gen Gesellschaft, die nur noch
gehende) Positionen braucht, den subjektlosen Untertan der
Um zur Frage zurückzukommen: sie muss diese Positionen Massengesellschaft (z. B. in der
Linke Theorie kann aufgrund auch massenhaft artikulieren Bürokratie oder den Parteien)
dieser Heterogenität der können. Weil sie widersprüch- oder den Kleingruppenmen-
kapitalistischen Gesellschaft ein liche Gesellschaften vorfindet schen (z. B. der Kleinfamilie)
revolutionäres Projekt nicht als (nirgends gibt es den von Marx kennt.
eine auf einem Weg erkämpf- vorhergesehenen Antagonismus Ja gerade weil die vorherr-
bare Veränderung, sondern Bürgertum-Arbeiterklasse voll schende Tendenz in den
nur als kompliziert miteinander ausgebildet), muss auch die Metropolen ist, bestimmte
verstrickte Bemühungen auf den „Linke“ (als Kern der anderen offene Sozialstrukturen förmlich
verschiedensten gesellschaft- Gesellschaft) widersprüchlich abzuschaffen – zum Beispiel
lichen Feldern verstehen. sein. durch Veränderung des
Die entscheidende Frage, wo Städtebaus, am Arbeitsplatz, in
Den zentralen Bereich poli- die Grenze anzusetzen hat, bis den Familienstrukturen – muss
tischer Tätigkeit schlechthin gibt wohin linker Pluralismus gehen eine Linke daran interessiert
es dabei nicht. Auch die unter- kann, ohne eine revolutionäre sein, Gegengesellschaftlichkeit
schiedlich ausfallende Reaktion Position aufzugeben, kann sich aufzubauen. Und zwar nicht von
der staatlichen Repressions- nur in der Praxis beweisen. Mit außerhalb der Gesellschaft als
maschinerie gibt keine Aus- Sicherheit weiten sich die Gren- sektenförmige Szene, sondern
kunft darüber, wo denn nun ein zen für das, was noch als Teil durchaus im Normalalltag als
zentrales Feld zu finden wäre. des revolutionären Prozesses zu Organisation.
Veränderung müsste vielmehr sehen ist, im gleichen Maße aus, Vielleicht ist dieser Wunsch
wie in anderen Ländern als wie die Marginalität der Linken unrealistisch. Dann aber vor
Vielzahl von durchaus wider- abnimmt. Trotzdem ist Vorsicht allem deswegen, weil die Linke
sprüchlichen Bemühungen angebracht. Aber eine Posi- (und das ist auch der Grund,
verstanden werden. tion, die diesen Widersprüchen warum ich das Misstrauen der
einfach aus dem Weg geht, traditionellen Linken gegenüber
Das Ziel wäre damit eine revolu- indem sie sich in die Isolation der Nach-’68er-Linken bis zu
tionäre Linke, die ohne beliebig zurückzieht, entzieht sich nur einem gewissen Grad verstehe)
zu werden, so pluralistisch ist der gesellschaftlichen Wirklich- die individualisierenden Tenden-
wie die bürgerliche Gesellschaft keit und Verantwortung, und zen nicht bekämpft hat, sondern
selbst. D. h sie muss in allen ist gleichzeitig nicht weniger im Gegenteil an vielen Stellen
gesellschaftlichen Bereichen reformistisch. eine Art Vorreiterrolle für sie
präsent sein, und muss dabei Der Standpunkt von Han Solo eingenommen hat. Das seit ’68
für jeden dieser Bereiche eigene (wenn ich ihn richtig verstanden durchgesetzte Recht, aus der
politische Vorschläge und Vor- habe), die heutige Gesellschaft Norm auszubrechen, ist eben
stellungen entwickeln. sei in zu viele gesellschaftliche nur bis zu einem bestimmten
Wer jetzt leichtfertig den (Unterdrückungs-)Verhältnisse Punkt gesellschaftliche Befrei-
Reformismusvorwurf auspackt zersplittert, um eine gemein- ung gewesen.
(„mit der Position kannst du in same Linke – als Organisation – Es war daneben auch Grund-
die AL“ – Vorwurf von einem Zuzulassen, ist deshalb meiner lage für ein modernes und sehr
aus der Gruppe K), macht es Ansicht nach die falsche Ant- kapitalkonformes Lebensgefühl
sich zu einfach. Ein Blick auf wort auf die richtige Erkenntnis. von Spaß, Luxus, Unverbindlich- 65
die revolutionären Prozesse in Es ist sozusagen eine Kapitula- keit, Teilzeitarbeit, Individual-
reisen... Auch die Einrichtung Geknechteten unter Führung „Alle bisherigen Revolutionen
von alternativen Wohngemein- von BürokratInnen aus der Mit- meint Freire, unterliegen an
schaften mit ihrem Umfeld telschicht. dieser Stelle der Kritik. Sie ver-
widerspricht dem nicht. Dieser zichteten auf eine revolutionäre
Kleinfamilienersatz ist genau wie Aber im Gegensatz zur Linken Pädagogik oder vertagten
die Kernfamilie selbst Reproduk- in der BRD bedeutet das nicht sie. Und also überlebten im
tionszusammenhang und an das Festschreiben der Zersplit- revolutionären Prozess vorrevo-
sich eben noch kein Ausdruck terung, sondern Bemühungen lutionäre Bewußtseinsstrukturen
von Gegengesellschaftlichkeit. und innere Kämpfe um eine und Herrschaftstechniken. Und
In diesem Sinne gibt es durch- andere Einheit. Insofern haben das führt mit Notwendigkeit zur
aus eine Kontinuität vom die OrganisationskritikerInnen Bürokratisierung der Revolution,
Vollsponti „Dany le Rouge“ zum mit einem richtigen Argument zu ihrer Selbstzerstörung. Das
nouveau citoyen Cohn-Bendit. unrecht. konterrevolutionäre Potential im
Das Betonen der widersprüch- Die Antwort auf die falsche Bewusstsein der Massen und
lichen Unterdrückungsver- Einheit kann nicht der Verzicht ihrer Führer ist viel zu groß. Der
hältnisse macht mich deshalb auf weitreichende Organisierung Feind, der rechts beseitigt ist,
bei manchen Diskussionen sein, sondern Bemühungen um steht immer noch innen (...) Nur
skeptisch. Oft nämlich dient die eine pluralistische Linke. wenn der revolutionäre Prozess
Unvereinbarkeit von „deutsch“ mit dem Vertrauen zum Volk
und „ausländisch“, von Mann zu b) und also mit einer revolutionären
und Frau als Vorwand für eine Ein anderer Revolutionsbe- Pädagogik anhebt und fort-
grundsätzliche Unfähigkeit zur griff? schreitet als „kulturelle Aktion für
Kollektivität, die man aber auch die Freiheit“ vor dem revolutio-
gar nicht überwinden will. Das „So sind Eroberung der nären Akt, als Kulturrevolution
Konzept der unterschiedlichen politischen Macht und Abschaf- danach, wird er hervorbringen,
Ausbeutungsverhältnisse ersetzt fung des Privateigentums an was sein einziges und eigentli-
Gedanken über jenes postmo- Produktionsmitteln lediglich ches Ziel ist: freie Menschen.“
derne Lebensgefühl, das aus die notwendige, aber nicht die (Ernst Lange in der Einleitung
Unverbindlichkeit, genossener ausreichende Bedingung einer zur „Pädagogik der Unterdrück-
Vereinzelung und Für-sich- Transformation der Struktur im ten“ des brasilianischen Befrei-
selbst-ganz-subjektiv-Reden sozialistischen Sinn. Notwendig, ungspädagogen Paulo Freire)
besteht. weil jene nachfolgende Umwäl-
Die Hoffnung auf die einfache zung ohne sie nicht zu vollziehen Die zweite Frage nach dem
Einheit der Unterdrückten ist in ist; nicht ausreichend, weil sie Revolutionsbegriff, d. h. nach
ihrer Makellosigkeit natürlich sich in dieser Bedingung noch einer Vorstellung von dem, was
ein Mythos der patriarchalisch nicht erschöpft. Daraus folgt, daß Befreiung heute bedeutet, hat
dominierten Linken, und hier die sogenannte „Übergangsge- viel mit dem oben Gesagten zu
ist die Kritik von Han Solo sellschaft“ eine Gesellschaft ist, tun. Die traditionell-marxistische
und anderen gültig. Selbst in in welcher nicht als Residuum Begrifflichkeiten von „Basis“
Trikontländern wie z. B. jetzt in der Vergangenheit, sondern als (ökonomischer Grundlage) und
der 500-Jahres-Kampagne in ganz in der Gegenwart verwur- „Überbau“ (Kultur, Ideologie,
Lateinamerika kriegen die linken zelte Form ein Großteil der Parteien, Staat) beinhalten eine
Avantgardeorganisationen die kapitalistischen Produktionsweise einfache Schlussfolgerung:
Unterdrückten nur noch unter fortbesteht.“ Wenn sich das erste verändert,
einen zerbeulten Hut: Frauen, (Rossana Rossanda, Über die wird auch das zweite revolutio-
66 Schwarze und IndianerInnen Dialektik von Kontinuität und niert.
rebellieren gegen die Einheit der Bruch) Diese Vorstellung ist mecha-
nizistisch und war bestimmend von Stellungskrieg, d. h., von muss die Organisation dieser
im Sowjetmarxismus (gutes einer Umwälzung, die aus der ArbeiterInnen befreiende
Beispiel dafür: Bucharin). So allmählichen Einnahme von Tendenzen beinhalten: Sie
war die Revolution in der SU Positionen besteht, ohne dabei muss, was antisexistisches
(vor allem aufgrund gegebener an Reformmöglichkeiten inner- Bewusstsein oder egalitäre
objektiver Zwänge) auf die halb des bestehenden Systems Strukturen betrifft, nach vorne
Übernahme der Staatsführung zu glauben. Die Idee von der weisen.
beschränkt (die Bürokratie blieb Vorwegnahme der Revolution ist
zu einem erheblichen Teil sogar auch bei anderen Linken nicht Revolutionäre Positionen
zaristisch), was zwar Möglich- neu. Seit 25 Jahren wird der messen sich daran, ob sie
keiten eröffnete, aber eben Revolutionsbegriff des Sowjet- diese verschiedenen Elemente
auch die Grenzen des Prozesses marxismus massiv kritisiert. Der gleichzeitig beinhalten.
ziemlich eng festlegte. Marsch durch die Institutionen Weder sind Kämpfe, die über
Für einen anderen Revolutions- der StudentInnenbewegung mit die Machtübernahme nicht
begriff müssten aus dieser seiner Hinwendung zu diesen hinausdenken, wirklich befrei-
Erfahrung mehrere Schlussfol- ist eine Folge dieser Kritik am end, noch besitzen all jene
gerungen gezogen werden: Realsozialismus und zeigt auch Strukturen, die sich ohne
Erstens müsste es, wie es im die darin beinhalteten Ausweitung in die Gesellschaft
Rossanda-Zitat ausgedrückt Schwierigkeiten auf. Weder bereits durch ihre Existenz für
ist, erkannt werden, dass die kann eine straff organisierte subversiv halten (ein weitver-
Machtübernahme zwar notwen- Linke den Staat einfach per breiteter Irrtum der Szene) für
dig, aber nicht hinreichend ist. Unterwanderung übernehmen uns größere Bedeutung. Die
Zweitens dass die Kontrolle noch kann eine lose linke Verwechslung von Parallelmacht
über den Staat und selbst die Strömung die Reformen bis und Alternativkultur führt in die
Sozialisierung der Produktions- zum Sieg weitertreiben. Es Irre. Die Absonderung in Form
mittel andere gesellschaftliche geht vielmehr um das schwie- einer angepunkten Politbe-
Verhältnisse unangetastet rige „Zusammenwirken von wegung ist uninteressant, es
lassen kann, also gesonderte Zerstören und Neuaufbauen“ geht um den Aufbau kollektiver
Bemühungen auf allen gesell- (Gramsci). Strukturen im Normalalltag,
schaftlichen Feldern nötig sind Das alte System muss zerschla- dort wo wir lernen, arbeiten,
(die russische Kommunistin gen werden – eine radikale studieren und leben.
Alexandra Kollontai hat das Reform kann es nicht geben Es ist banal, aber immer noch
ziemlich früh erkannt und nach – und auf der anderen Seite nicht durchgesetzt: Ein revolu-
1917 vor allem über Themen müssen parallele Strukturen tionärer Prozess ist nie von
wie Sexualität, Liebe, Familie, aufgebaut werden, die eine außerhalb gegen die Gesell-
Frauenrolle gearbeitet) – Inte- Grundlage bilden für später, schaft, sondern nur innerhalb
gralität der Revolution könnte eine beschränkte Vorwegnahme der Gesellschaft gegen ihre
man das nennen: von Befreiung bedeuten und Unterdrückungsverhältnisse
und das drittens, da die Bestandteil der politischen denkbar. Vielleicht ist manchmal
staatlich-administrative (Gegen-)Macht sind. nichts anderes mehr möglich als
Machtübernahme nur ein So müssten ArbeiterInnen eines die Beschränkung auf eine völlig
Element des revolutionären Betriebes sich sowohl für isolierte Minderheitenposition.
Prozesses ist, dieser lange vor konkrete Kämpfe organisieren Aber ein selbstgefälliges Einrich-
ihr einsetzen kann und muss. als auch die Bildungsgrundlage ten in ihr, wobei die Außenwelt
Der italienische Kommunist erarbeiten um den Betrieb nur noch als feindlich und
Antonio Gramsci spricht später selber verwalten zu spießig empfunden wird, ist ein 67
in diesem Zusammenhang können. Darüber hinaus jedoch Verzicht auf jede politische Posi-
tion. Es ist ganz einfach nur die chen Zersplitterung beitragen, natürlich meistens selbst ist. Das
Suche nach einer Nische, in der war alles für die Katz. Andere passt im Übrigen auch gut zur
man sich moralisch einwand- politische Umgangsformen sind „Politik in der ersten Person“
frei fühlen kann. Egal wie groß gerade jetzt für eine mögliche und ist deswegen den Subjek-
unsere Schwierigkeiten dabei Neuzusammensetzung ein ten einer individualisierten
sind: die Linke braucht eine absolutes Muss. Massengesellschaft höchst
Ausweitung in die Gesellschaft sympathisch.
zurück, auch wenn die Berüh- Zu c) In der Praxis werden alle drei
rung mit den wirklich haarigen Für eine Linke ohne Theorien miteinander vermischt,
Widersprüchen viel schwierigere zentrales Subjekt wobei zwischen Beliebigkeit,
Entscheidungen als bisher billiger Verelendungstheorie und
erfordert. „Die materialistische Lehre, daß ich-bezogener Selbstkasteiung
die Menschen Produkte der (die ganze Zeit zu betonen,
Außerdem wird es bei einer Umstände und der Erziehung dass man als weißer Mann
politischen (anstelle einer sub- sind, veränderte Menschen also zu den Ausbeutern gehört, ist
kulturellen) Definierung „unse- Produkte anderer Umstände schließlich auch eine Methode,
rer Bewegung“ zwangsläufig zu und geänderter Erziehung, sich wieder zum Mittelpunkt
Brüchen kommen: Viele der sich vergißt daß die Umstände eben der theoretischen Auseinander-
als radikal dagegen begreifen- von den Menschen verändert setzung zu machen) hin- und
den Menschen verfolgen kein werden und daß der Erzieher herschwankt.
politisches Projekt und unter selbst erzogen werden muß.“ Das revolutionäre Subjekt
denen, die es verfolgen, gibt es (Marx/Engels: Redigierte Feuer- schlechthin dürfte im Augen-
völlig unterschiedliche Vorstel- bachthesen) blick in der BRD und wahr-
lungen. scheinlich nirgends in der Welt
Aber eine solche Klärung, die Banal ist inzwischen auch die auszumachen sein. Alle gesell-
der Linken bevorsteht, bedeutet Erkenntnis, dass das gesell- schaftlichen Gruppen, selbst die
nichts Schreckliches. Die schaftlich treibende Subjekt im verelendeten Massen im Trikont,
notwendigen politischen (Um-) Augenblick in der BRD nicht in sind im Moment so heftigen
Brüche brauchen nichts Endgül- der Arbeiterklasse zu erken- Bewegungen und Veränderun-
tiges und Absolutes an sich zu nen ist. Trotzdem stürzt sich gen unterworfen, dass sie als
haben. Die Möglichkeit des die Linke auf neue zentrale soziale Einheiten schon wieder
Irrens sollten wir berücksichti- Widersprüche, die die ersehnte im Zerfallsprozess begriffen
gen und für unsere freund- Umwälzung ermöglichen sind, bevor sie aufgrund äußerer
schaftlichen Beziehungen müs- werden. materieller Bedingungen zusam-
sen sie gar nichts bedeuten. Für einige sind es – gemäß der menfinden könnten.
Zu bedenken haben dabei Mies’schen Theorie – die Frau- Die Kultur- und Informations-
zudem gerade wir, die wir eine en, für andere wie die Macher- politik des modernen Kapitalis-
politische Organisation wollen, Innen der –„Materialien für mus, der seine Fernsehserien
dass weder alle Systemgeg- einen neuen Antiimperialismus“, bis in die Slums von Corumba
nerInnen das gleiche wollen und den sich bewusst oder im Urwald Brasiliens gelan-
müssen, noch das eine solche unbewusst an ihnen orientieren- gen lässt, tut ein Übriges. Die
Organisation einen Führungs- den Autonomen, die Massen materiellen Gemeinsamkeiten
anspruch beanspruchen darf im Trikont und dort vor allem sind differenziert genug, um
(auch wenn sie darauf abzielen die farbige Frau; und darüber Solidarisierung zu verhindern.
sollte orientierend/führend zu hinaus sind es natürlich auch all Kulturelle Einheiten werden
68 wirken). Wenn unsere Bemü- diejenigen, die es sein wollen, durch die immer noch massiv
hungen nur zu einer zusätzli- was im verengten Blickfeld man durchgesetzte Konsumkultur
zerschlagen. Und dort, wo es Trotz relativ guter Löhne wird Leuten ermöglichen, an linker
den Zusammenhalt als Stadtteil, diesem Großteil der Bevölkerung Politik teilzunehmen. Wenn Politik
Region, ausländische Gemeinde wirkliche Lebensqualität in keine Exklusivität für jugendliche
oder Subkulturszene gibt, kämpft Form von Gesundheit, sozialen Singles zwischen 17 und 27 sein
die Rechte mit Repression und Beziehungen, Bildung und Entfal- soll, dann muss der Alltag mit
Integration meistens erfolgreich tungsmöglichkeiten nach wie Lohnarbeit, Kindern, Haushalt
um Hegemonie. vor vorenthalten. Nichts spricht usw. Thema sein. Erst recht für
Die Aussicht, dass demnächst dafür, dass der Kapitalismus eine offene Organisation.
ein von der Geschichte dazu diese Bedürfnisse in der Zukunft
prädestiniertes soziales Subjekt besser erfüllen und seine inneren Wichtig wird dabei auch sein, ob
auftauchen wird (das dann das Widersprüche auflösen wird. Das die Linke den Schritt vom Agita-
Objekt der Linken sein könnte), Gegenteil dürfte der Fall sein. torischen zum Befreiungspäda-
ist eher klein. Die theoretisch So gesehen besteht die Notwen- gogischen schafft: ob sie weiter-
leicht zu handhabende Masse aus digkeit, und damit auch die hin glaubt, Wissen vermitteln zu
Arbeitern, Frauen, Flüchtlingen, Grundlage für ein sozialistisches müssen, oder aber ob sie ihre
Roma und Sinti, die aus materi- Projekt fort. Dafür aber, dass eine Umwelt zur Selbstfindung, zum
ellem Zwang revolutionär wird, ist Bewegung sich diese andere Subjektwerden anstachelt. Das
die Erfindung einer Gesellschaft erkämpfen will, ist mühselig, und bedarf eines
verwirrten Linken nach Marx. dafür ist das subjektive Erleben ganz und gar unarroganten Ver-
Weder im Trikont noch in den des Alltags wichtiger geworden. hältnisses zur Umgebung, aber
Metropolen werden sich unsere Klar, dass dieses Erleben völlig es ist im Endeffekt der einzige
RetterInnen aufspüren lassen. Das unterschiedlich ist und deshalb erfolgversprechende Weg zur
Schielen auf das Subjekt sollten auch die Kampfbereitschaft Revolution. Das revolutionäre
wir lassen. Auf der anderen Seite stärker von subjektiven Faktoren Subjekt muss eben wirklich aus
aber bestehen die gesellschaftli- (Sensibilität, Gerechtigkeitsemp- Subjekten bestehen.
chen Ausbeutungs- und Unter- finden, Bedürfnis nach Sozial- Oder wie es bei Paulo Freire
drückungsverhältnisse fort, es gibt beziehungen usw.) beeinflusst heißt:
weiterhin objektiv vorhandene ist als möglicherweise noch im „Kritischer und befreiender
Klassen (auch wenn sie sich kaum Manchesterkapitalismus. Der Dialog, der Aktion voraus-
politisch artikulieren) und einen Determinismus – „wer in diesen setzt (...) muß auf allen Stufen
nicht abgeschwächten, sondern Verhältnissen lebt, muss sich des Kampfes um Befreiung
ausdifferenzierten Antagonismus folgendermaßen verhalten“ – war geführt werden. Der Inhalt
zwischen diesen. nie richtig. Heute ist er noch dieses Dialogs kann und muß
Die materialistische Analyse, nach falscher geworden. sich verändern, je nach den
der die Position innerhalb des Für die Linke bedeutet das histrorischen Bedingungen und
Ausbeutungsgefüges das Inte- aber auch, dass es wichtiger dem Maß, in dem Unterdrückte
resse an Veränderung steigen geworden ist, Alternativen die Wirklichkeit begreifen.
oder fallen lässt, hat nicht an aufzuzeigen. Gar nicht so sehr An Stelle des Dialogs jedoch
Gültigkeit verloren. Genauso in Form schlüssiger Theoriege- Monolog, Schlagwort und Kom-
wenig die Erkenntnis, dass weite bäude, sondern eher dadurch, muniques zu setzen, bedeutet
Teile der Bevölkerung auch in den dass sie persönlich greifbar ist. den Versuch, die Unterdrückten
Metropolen den unterschiedlichs- Die Linke muss, wenn sie eine mit dem Instrumentarium der
ten materiellen Ausbeutungs- gesellschaftliche Option sein Domestizierung zu befreien. Wer
verhältnissen (in der Familie, im will, präsent sein und sie muss versucht, die Unterdrückten
Lohnarbeitsverhältnis, aber auch es (und da haben die Göttinger- ohne ihre denkende Teilnahme
als kleine Selbständige) unterwor- Innen total recht) auch endlich am Akt der Befreiung zu be- 69
fen sind. wieder den verschiedensten freien, behandelt sie als Objekte,
die man aus einem brennenden wir Strukturen, in denen sich der KB in besseren Zeiten oder
Gebäude retten muß. Es heißt mehr Wissen angeeignet und die Autonomen 1986. Beschei-
(...) sie in Massen verwandeln, gegenseitig vermittelt wird denheit ist angesagt und die
die man manipulieren kann.“ als im Augenblick. Es fällt mir linke Praxis sollte sich dabei
(Pädagogik der Unterdrückten) schwer, mich hier verständlich mehr an unscheinbaren Erfolgen
zu machen, weil ich es für einer soliden Arbeit als an den
Die Perspektiven absolut offensichtlich halte, spektakulären Ereignissen,
einer revolutionären die Strukturen sowohl für eine von denen in zwei Jahren nur
Organisation offene praxisbezogene Diskus- noch eingeweihte VeteranInnen
sion – also eine, die Theorie in reden, orientieren.
Die Zeiten für eine neue linke Kämpfen erproben muss – als Eine linke Organisation kann
Organisation sind schwer. auch für verankerte Aktionen im Augenblick nicht viel mehr
Die Skepsis überwiegt aller- und (klar auch) Kampagnen machen, als Positionen zu
orts. Sozialismus ist zu einem sind zwangsläufig die einer halten, die Individualisierungs-
diskreditierten Begriff geworden Organisation. Es gibt – außer in tendenz zu stoppen, im
und die Vorstellungskraft der Bewegungshochzeiten – über- Bekanntenkreis die Politisierung
Gesellschaft zerbrochen. Auf haupt keine Alternative dazu. voranzutreiben, und vor allem
der anderen Seite gibt es keine Die Schritte dorthin sind schwer ihre Militanten darauf vorzube-
Alternative zu einem neuen vorzuzeichnen, zumal die Bereit- reiten in jeder Hinsicht Verant-
Anlauf in Richtung Befreiung. schaft, in einer Kollektivstruktur wortung für einen gesellschaftli-
Ansonsten wird das Fehlen aufzugehen, für die Verbindlich- chen Prozess zu übernehmen.
eines gesellschaftlichen Zieles keit und Arbeit benötigt werden,
auf lang oder kurz auch auf die nach wie vor klein ist. Konkrete Ohne langen Atem, einer dicken
gesamte Gesellschaft zurück- Vorschläge werden deshalb Haut gegen Anfeindungen und
fallen. Ohne befreiende Projekte, zwangsläufig am Unwillen einer der Bereitschaft, sich gegen den
Utopien und Entwicklungen eigentlich zufriedenen, höchs- durchgesetzten Mainstream zu
geht sie langfristig vor die tens moralisch betroffenen stellen, wird jedes Organisations-
Hunde, weil sich Sinnleere breit Linken abprallen, und sich von konzept scheitern. Nach allen
macht. Insofern ist unser Pro- vorneherein darauf einstellen Anzeichen wird die Veränderung
blem nicht nur unser Problem müssen, mehr GegnerInnen als in der Linken – wenn sie denn
– egal ob wir im Augenblick FreundInnen zu haben. kommt – verheißungsvoll unspek-
isoliert mit unserer Suche sind Zudem werden wir uns nicht takulär werden. Ein mühsames
und unabhängig davon, dass es zu viel von einem neuen Ansatz Aufbrechen längst verinnerlichter
gewaltig klingt, wir beschäftigen erwarten dürfen. Ein Großteil Rede- und Denkstrukturen. ein
uns mit einer Menschheitsfrage der Probleme der radikalen Zweifel schürender Abschied
– mit der Menschheitsfrage Linken in der BRD sind von Ideologien (die es bei den
schlechthin. gesellschaftliche, und werden Autonomen nicht weniger gibt als
in einer anderen Struktur anderswo).
Die Linke wird deshalb nicht ebenso auftauchen wie bisher. Natürlich wird in diesem Prozess
darum herumkommen, sich Außerdem spricht nichts dafür, viel von der Kraft einzelner abhän-
gerade jetzt zusammenzu- dass eine linke Organisation in gen. Darauf dass alle gleichzeitig
raufen und gewagte Schritte absehbarer Zeit eine Massenba- zum selben Schluss kommen,
in Richtung Neubestimmung sis haben wird. Es ist eben nicht darauf könnten wir ewig warten.
zu machen. Und um die so, dass die Bevölkerung darauf Etwas vorzugeben wird sicherlich
dafür notwendige Diskussion wartet, revolutionäre Impulse positiv zu bewerten sein, und das
70 verschiedenster Konzepte zu erhalten. Eine schlaue Linke setzt den Mut der sich Vorwärts-
führen zu können, brauchen wird nicht viel stärker sein als wagenden voraus.
Alles in allem eher mittelmä- kein klares Ende hat. Sekte, egal ob man sich
ßige Perspektiven, aber nicht Aber nichtsdestotrotz der Satz selbst als Partei oder Szene
schlechte. Woran sollten wir „es gibt keine Alternative“ ist bezeichnet. Als uns selbst als
mehr lernen als an Umbrüchen ernst gemeint. In den Strom- ideologiekritisch begreifende
und Krisen wie heute. Revolu- schnellen gesellschaftlichen Menschen sollten diejenigen,
tion ist sowieso sehr viel weni- Umbruchs können nur die die das jahrelang als Autonome
ger das begeisternde Spektakel, überleben, die bereit sind, sich gesehen haben, bei dieser
von dem wir mit 16 geträumt und ihre Vorstellungen ständig Bereitschaft zum Neulernen
haben, als vielmehr die kon- in Frage zu stellen. eigentlich in erster Reihe stehen.
tinuierliche Arbeit, der gesells- Alles andere führt zum Verlust
chaftliche Prozess, der ständig der gesellschaftlichen Relevanz Zettelkecht
weitergeführt werden kann und und dann direkt zur Psycho-

Für eine linke Strömung


„Für eine linke Strömung“ sten Gruppen und das Schaffen wir also unseren Anspruch als
ist eine Gruppe von etwa 20 von unterschiedlichen Diskus- Gruppe, nämlich zum Entstehen
Leuten, die etwa zur Hälfte aus sionsstrukturen unerlässlich. einer neuen linken Organisation
dem autonomen Spektrum, und Aber auch historische Irrtümer, beizutragen, gerecht werden
zur anderen aus anderen linken Sackgassen, verpasste Möglich- wollen, dann können wir nicht
Gruppen kommen. keiten, sowie objektive Zwänge einfach wie zahllose Zirkel des
FelS ist eine Organisationsinitia- lassen sich heute ohne ideolo- „wissenschaftlichen Sozialismus“
tive, die zur Neuzusammenset- gische Voreingenommenheit im Hinterzimmer eine eigene
zung der Linken beitragen will entdecken. theoretische Position erarbeiten,
und dafür an bundesweiten Sich gerade jetzt von 150 mit der wir danach die Szene
Diskussionsstrukturen mitar- Jahren sozialistisch-revolutio- beschießen....
beitet. Sie betrachtet sich als närer Geschichte mit ihren Wir wollen die Aneignung
offene politische Gruppe ohne verschiedenen Strömungen von Theorie, die für uns einer
Themenbeschränkung. abzukehren, weil „man jetzt von mehreren wesentlichen
Sie will sich nicht zu einem sehen kann, was da für Scheiße Bestandteilen für das Entstehen
Teilbereich verhalten, sondern rausgekommen ist“, finden wir einer linken Kraft ist, deshalb
eine gesellschaftliche Perspek- kleinkariert und beknackt. Ein als offene und gemeinsame
tive wieder zur Diskussion Konzept für eine andere Ge- Entwicklung zugängig machen.
stellen helfen. Obwohl sie sellschaft lässt sich nur entwick- Zwar bereiten wir unsere
das Entstehen einer linksradi- eln, wenn wir eine Vorstellung Seminare als AG gemeinsam
kalen politischen Organisation von Geschichtlichkeit haben, mehrere Wochen vor, aber wir
begrüßenswert fände, hält sie von Notwendigkeiten und einer wollen nicht als SpezialistInnen
die Organisationsfrage für kein Langatmigkeit der Umwälzung. auftreten, die ihren Standpunkt
Allheilmittel. In der jetzigen Deswegen brauchen wir eine eindeutig geklärt haben. Die
Situation der Neuzusammenset- Theorie, nicht um akademische Seminare sollen Raum bieten für
zung der Linken findet sie vor Pirouetten zu drehen, oder das gemeinsame Erobern einer
allem eine breite Debatte unter als Bestätigung dessen, was Position, die natürlich keine im-
den bestehenden Zusammen- wir schon immer gesagt und mer gültige bleiben kann. Dafür
hängen, Gruppen und Szenen getan haben, sondern als wollen wir sowohl mit Referaten
notwendig. Dafür sind die Untersuchung, als ständiges und Diskussionen im Plenum, als 71
Eigeninitiative der verschieden- Dazu- und Umlernen. Wenn auch mit kleinen Untergruppen,
Textauszügen, Dias, Filmen, könnte, dafür brauchen wir itschaft einer Gruppe von
ZeitzeugInnen usw. arbeiten. Theorie. Leuten.
Die interessanteste, spaßigste, Ums klar machen: Gemein- Das unerlässliche Zwischen-
praktischste Methode werden schaften, die kommunis- stück zwischen den objektiven
wir – blutige Laien die wir tisch-oppositionell gelebt Bedingungen und der Strategie
sind – erst im Verlauf der Reihe haben, Aufstände, Streiks, Ver- kämpfender Menschen. Diese
finden können, gemeinsam mit weigerung, all das gibt es seit (Unterdrückungs-)Verhältnisse
denen die kommen. Jahrtausenden. Die häretischen zum Zerbrechen zu bringen,
Dazu haben wir schon Sekten im Mittelalter sind ein das ist das Verständnis von ge-
einiges gesagt: man kann zwar gutes Beispiel für radikale kom- schichtlichen Veränderungen,
Aktionen machen, sich an munistische Gemeinschaften, die Fähigkeit zu planen und das
Revolten beteiligen, Aufstände die zwar gekämpft, aber keine Lernen aus Fehlern.
durchführen oder einfach nur gesellschaftliche Veränderung Wer also Theorie für unnötiges
oppositionell leben („leb radi- erreicht haben. Labern hält, nimmt der Linken
kal, wild und gefährlich“). Warum? Unter anderem ihre wichtigste Waffe, ohne die
Aber damit aus der eigenen deswegen, weil Utopie und sie nicht siegen kann.
Wut eine gesellschaftliche guter Wille nicht ausreichen, So gibt es zwar oppositionelle
Bewegung für eine andere wenn die gesellschaftlichen Bewegungen ohne Theorie und
Gesellschaftsform entsteht, die Bedingungen Veränderungen ohne strategisches Konzept,
außer der Utopie auch noch nicht zulassen. Revolution ist aber bestimmt keine revolu-
eine Vorstellung besitzt, wie eben mehr als die Entschlos- tionäre Praxis mit Aussicht auf
man zu der Utopie gelangen senheit und die Opferbere- Erfolg.

Selbstverständnis
Wozu ein Selbstverständnis? einfacher. Die uns wichtigen Szene Diskussionen führen und
Punkte wollen wir hiermit eine eigene Praxis entwickeln.
Mit diesem Selbstverständnis darstellen, ohne damit ein fer- Als Gruppe haben wir uns
wollen wir das Projekt unserer tiges Konzept bieten zu können. seit ca. anderthalb Monaten
politischen Gruppe offenlegen neu konstituiert, wobei wir
und kritisierbar machen. Für Der folgende Text ist als Kopro- unsere Arbeit parallel zu den
eine Diskussion unterschiedlicher duktion von Zettelknecht, Heinz gemeinsamen Plena schon in
Gruppen miteinander und für Schenk, Roberto Blanco, Rita AGs aufgeteilt haben. Zur Zeit
das Dazukommen neuer Leute Pavone, Adriano Celentano und arbeiten wir in zwei Arbeitsge-
ist es notwendig, dass mensch einigen weiteren GenossInnen meinschaften: Die „Kontakt-AG“
die Linie der einzelnen Gruppen entstanden. Wir wollen hier kümmert sich darum, dass wir
kennt. Im heutigen Szene- nicht nur unsere Diskussionen Verbindungen zu verschiedenen
Zusammenhang gibt es diese und Ideen offenlegen und damit Gruppen, die ebenfalls die
Kenntnis nur für Insider. Wenige kritisierbar machen, sondern Organisationsfrage diskutieren
Gruppen haben im Moment ihr auch interessierte Genoss- oder diskutieren wollen, und
Konzept zusammengefasst und Innen dazu einladen, sich an zwar in Berlin sowie der übrigen
veröffentlicht, obwohl sich in der den Debatten zu beteiligen (sei BRD bekommen. Die AG orga-
Praxis doch immer wieder zeigt, es, dass Ihr schreibt oder bei nisiert die Diskussion mit diesen
dass vage unterschiedliche uns direkt vorbeikommt). FelS Gruppen und soll Treffen mit ih-
72 Theorien zugrundeliegen. Eine will zu verschiedenen Themen nen ermöglichen, sowie interes-
Diskussion wird dadurch nicht auch außerhalb der autonomen sante Diskussionen aus anderen
Ländern übersetzen bzw. als wir es aber für ebenso wichtig, nach kann die Linke die „Krise
Reader veröffentlichbar machen. auch auf eine Organisation ihrer Inhalte“ nicht durch
Unsere zweite Arbeitsgemein- hinzuarbeiten, die – über die einen Rückzug in die Theorie
schaft ist die „Lern-AG“, die unmittelbaren Unterdrück- lösen. Sie braucht wie immer
Theoriearbeit nicht so versteht, ungsverhältnisse hinaus und gleichzeitig theoretische und
dass in einem abgeschloss- die Teilkämpfe vereinend – praktische Arbeit, die in einem
enen Zirkel neuartige Konzepte einen gesamtgesellschaftlichen kontinuierlichen wechselseitigen
entwickelt werden, sondern Kampf um Befreiung führt. Entwicklungsprozess stehen.
Wissen für viele Menschen, also Damit denken wir nicht an eine Beides kann sie nur bewältigen,
öffentlich, zur Diskussion gestellt Führungsorganisation, die wenn sie sich den Rahmen für
wird. Es geht der AG darum, die sich an die Spitze spezifischer Diskussion und politische Arbeit
Diskussion verschiedenartiger Kämpfe stellt, sondern an eine schafft.
Organisations- und Struktur- Form gesamtgesellschaftlicher
modelle voranzubringen, wobei politischer Organisierung, die 3. Der Aufbau einer eigenen
konkret schon eine Veranstal- es im Moment nicht gibt und politischen Gruppe (FelS) ist für
tungsreihe in Planung ist, die die fehlt. (Man kann Probleme uns desweiteren auch ein Mittel,
Anfang Februar mit einem zwar konkret erkennen, aber zwei der bestimmenden Eigen-
Seminar zum Spontaneismus um ihre gesellschaftlichen schaften des modernen Kapi-
beginnen wird. Ursachen umfassend zu be- talismus, die Objekthaftigkeit,
greifen, muss man abstrahieren, mit der die Mehrheit so lange
1. „Wir“, das sind Frauen d. h. verallgemeinern können, zum Opfer gemacht wird, bis sie
und Männer, in diesem Land um von dort zum Konkreten/ selbst nicht mehr glaubt, auch
geborene Menschen ebenso Einzelnen zurückzukehren.) Subjekt sein zu können, und
wie ImmigrantInnen. Da unsere Ganz konkret bedeutet das, die Vereinzelung angreifen zu
bisherigen Erfahrungsbereiche zu verhindern, dass – wie oft können. Eine politische Gruppe,
u. a. durch Alter und Lebens- in der Geschichte – durch das die ihre Initiative bewusst plant
stil/Kultur sehr stark eingeengt Entstehen eines übergreifenden und realisiert, kann eigenes und
sind, wollen wir so breit wie Organisationsansatzes andere gemeinsames Handeln ermögli-
möglich die verschiedensten unmittelbare Ansätze (siehe chen. Zielrichtung ist es, nicht
gesellschaftlichen Realitäten oben) unterdrückt werden. Bei mehr nur zu reagieren, sondern
von Menschen kennenlernen unserer Organisierung wollen selbst Inhalte und Strategien
und zusammnenbringen. Es gibt wir ein gemeinsames Vonein- zu bestimmen und wirklich
zwei verschiedene Mögli- ander-Lernen erreichen, sind gemeinsam zu handeln: über die
chkeiten, Kämpfe zu führen, uns aber bewusst, dass hier Kleingruppe und die (im Grunde
ausgehend von der Realität Widersprüche existieren. genommen individualistische)
einer sozialen Gruppe, sozialen anonyme Zufallsbewegung
Klasse oder sexuellen Gruppe 2. Unser mittelfristiges Ziel hinaus.
einerseits und quer zu diesen ist es, einer von mehreren
Realitäten andererseits. Wir Orientierungspunkten in der 4. Wir verstehen Revolution als
halten die zuerst genannte notwendigen Diskussion um das einen dialektischen Bewusst-
Möglichkeit sich zu organisieren Entstehen einer revolutionären seins- und Lernprozess, der
für notwendig, und als Einzelp- Organisation zu sein, wie auch sich in verschiedensten sozialen
ersonen sind wir auch in vielen eine organisierte Position in Kämpfen in der kapitalistischen
Bereichen entlang spezifischer sozialen Kämpfen. Dabei stellt Gesellschaft entwickeln muss
Unterdrückungsverhältnisse/ sich als zentrales Problem das und weder erst mit dem
gesellschaftlicher Widersprüche des Verhältnisses von Theorie bewaffneten Aufstand beginnt, 73
organisiert. Daneben halten und Praxis. Unserer Ansicht noch nach einer Machtüber-
nahme durch RevolutionärInnen unsere jetzigen Kulturformen Gruppe für alle Leute offen, die
beendet sein kann. Vielmehr feststehende Wahrheiten sein. mit uns bestimmte Grundein-
geht es ständig darum, gegne- Das heißt, es geht uns nicht um schätzungen teilen, welche hier
rische Macht zurückzudrängen die Vermittlung von Erkenntnis- formuliert sind. Die Gruppe stellt
und in dem zurückgelassenen sen (von den Wissenden zu den ihre Diskussionen nach außen
Vakuum Gegenmacht aufzubau- Massen), sondern um einen dar, ist ansprechbar und erreich-
en (aber nicht als abgeschottete gemeinsamen/gegenseitigen bar (siehe oben). Dazu nutzt
Subkultur). Das bedeutet Lernprozess. Zum Vorantreiben sie verschiedene Medien auch
aber, Erfolge weniger an dem dieses Prozesses sind aber außerhalb der autonomen Szene
plakativ radikalen Aussehen unserer Meinung nach folgende und geht mit Zielen wie Pro-
einzelner publikumswirksamer Herangehensweisen gänzlich grammen nicht konspirativ um.
Ereignisse zu messen, sondern ungeeignet: Diese Offenheit bedeutet auch,
stärker an ihrer Bedeutung dass wir mit Veröffentlichun-
auch als winzige Schritte in a.) Es gibt eine akademistische gen nicht warten, bis unsere
einem Gesamtprozess sozialer Art, Politik zu machen, die sich Diskussionen abgeschlossen
Befreiung. Erfolge sind Kämpfe, darauf beschränkt, Theorie um sind, sondern dass wir auch den
die der solidarischen Organi- ihrer selbst willen zu betreiben Diskussionsprozess selbst mit
sierung und dem revolutionären und bestenfalls soziale Kämpfe seinen Widersprüchlichkeiten
Denken und Handeln Terrain kommentiert, ohne je Teil von transparent machen.
erobern, sei es auch dadurch, ihnen sein zu können.
dass der herrschenden Klasse b.) Als das andere Extrem zeich- 7. Obwohl sich FelS explizit als
Zugeständnisse abgerungen nen sich manche Gruppen aus, Versuch begreift, außerhalb des
werden, – die ja dann Ausgangs- die meinen, dass die einzelnen autonomen Rahmens Politik zu
punkte für verstärkte Kämpfe unabhängigen Kämpfe und machen, geht es uns nicht um
werden können. Das wird Verweigerungshaltungen aus die Schaffung eines bezüglich
tendenziell dann erreicht, wenn ihrer eigenen Dynamik heraus drinnen und draußen klar
wieder mehr Dialog zwischen zur Revolution führen und keine abgegrenzten Körpers (Partei,
den Vereinzelten hergestellt verbindende Organisation und Szene...). Das bedeutet vor
wurde und das Gefühl der Ohn- Strategie brauchen (spontane- allem, dass wir den Fehler der
macht gegenüber den zahllosen istische Position). traditionellen linken Organisa-
Herrschaftsmechanismen durch c.) Ebenso eindimensional tionen und Parteien, nämlich für
eigenes Handeln durchbrochen sind andere Gruppen, die die die eigene Linie zu rekrutieren,
wird. D. h. wir finden die Revolution in erster Linie als ein nicht wiederholen wollen. Mehr
Durchsetzung von konkreten Problem der Machtübernahme als das Wachsen der eigenen
Verbesserungen auch innerhalb durch die RevolutionärInnen im Gruppe muss die Entwicklung
der heute bestehenden gesells- militärischen Sinne betrachten einer übergreifenden Diskussion
chaftlichen Ordnung notwendig und sich vor allem auch auf eine zur Organisierung Messlatte
und positiv, wenn in ihr die hierarchische Wertung der so- der eigenen Praxis sein. Das
oben angesprochenen Elemente zialen Kämpfe stützen (Haupt- beinhaltet für uns, dass unter uns
enthalten sind, sie also eine und Nebenwiderspruch). unterschiedliche Standpunkte
Verbesserung von Kampfbedin- Raum finden müssen, und zwar
gungen für systemfeindliche Wir wollen uns mit dem Aufbau einmal in Form verschiedener
Bewegungen darstellt. einer eigener politischen Strömungen und zum anderen
Gruppe außerhalb dieser drei in der gemeinsamen Erkenntnis,
5. Dabei können weder unser Positionen stellen dass sich unterschiedliche Praxis
74 aktueller Begriff von den (z. B. radikale HausbesetzerInnen
Inhalten der Befreiung noch 6. Grundsätzlich ist unsere – Engagements in der Institution
Mietergemeinschaft, Arbeiter- lich auf persönlichen Beziehun- heute TrägerInnen eines
Innenselbstorganisierung – Mit- gen aufbauen kann. Außerdem revolutionären Projekts, noch
gliedschaft in der Gewerkschaft) bedarf politische Arbeit – wie wird ein revolutionäres Projekt
in ihrer Widersprüchlichkeit jede andere Arbeit auch – neben ausschließlich aus ihnen her-
durchaus ergänzen kann. der Lustorientiertheit und Kreati- vorgehen. Eine Organisations-
Zusammengefasst heißt das vität der Planung und innerhalb diskussion kann sich deshalb
– um klarzustellen, wo wir einer Gruppe der arbeitsteiligen nicht auf die autonome Szene
grundlegende Unterschiede zur Organisierung, beschränken.
vorherrschenden autonomen 3. Eine gesamtgesellschaftlich 6. Veröffentlichungen in ver-
Position erkennen: ausgerichtete Organisierung schiedenen Medien auch außer-
1. Offenheit, d. h. das offensive über die unmittelbaren, individu- halb der Autonomen sollen nicht
Darstellen und Anbieten linker ellen Bedürfnisse und unbedingt abgeschlossene Stel-
Konzepte und Organisationsfor- die spezifischen Unterdrück- lungnahmen darstellen, sondern
men ist für einen gesellschaftlich ungsverhältnisse hinaus ist den Diskussionsprozess unserer
emanzipatorischen Prozess notwendig. Gruppe in seiner Widersprüch-
unverzichtbar. 4. Dazu ist es unserer Meinung lichkeit transparent machen.
2. Politik ist wesentlich zielgerich- nach nötig, eine revolutionäre
tete Arbeit an der Gesellschaft Organisation aufzubauen; das ist Für eine linke Strömung!
(Bruch mit der Hinterzimmer- ein Prozess, in dem wir ein
politik). D. h. einerseits, dass Orientierungspunkt von mehre-
eine gesamtgesellschaftliche ren sein wollen.
Organisierung nicht hauptsäch- 5. Weder sind die Autonomen

Seminarreihe der Lern-AG der Gruppe FelS


Das Projekt Verhältnis von Theorie und Praxis bemerkten unsere GenossInnen
in der Gruppe FelS: aus der DDR, dass es Formen
Als Lern-AG der Gruppe FelS Einerseits waren wir uns darin der Theorievermittlung gibt, die
wollen wir in den nächsten einig, dass der autonomen genauso wenig über das Halb-
Monaten eine Seminarreihe zu Bewegung, mit der viele von wissen hinauskommen, wie das
politischer Theorie und Organi- uns verbunden sind/waren, einfache Ignorieren der Theorie.
sationsmodellen machen. theoretische Grundlagen fehlen. Einen befriedigenden Umgang
Im Abstand von fünf bis sieben Das heißt, dass notwendige mit Theorie konnte eigentlich
Wochen soll jeweils ein Sams- Begriffe unbekannt sind, Halb- niemand von uns in der Linken
tag oder Sonntag zu einem wissen vorherrscht und sich die entdecken.
Thema gearbeitet werden. Im politische Bestimmung stark Als wir uns als Gruppe zusam-
Gegensatz zu den szeneüb- auf äußere Erscheinungsfor- mengefunden hatten, teilten wir
lichen Veranstaltungen zu den men (Kleidung, Sprache usw.) alle die Ansicht, dass im Moment
spezifischen Themen wollen wir beschränkt. Zum anderen aber Strukturen in der Linken fehlen.
durch die Seminare Grundfragen waren wir uns auch darin einig, Nicht, weil wir ParteifanatikerIn-
linker Politik über einen ganzen dass eine Theorie, wie sie an nen sind, sondern weil in den
Tag vertiefen, d. h. über aktuelle den Unis betrieben wird, zum heute bestehenden, losen und
Bewegungsbeschreibung überwiegenden Teil auch nur atomisierten Strukturen bei den
hinauskommen. der Profilierung dient und für Autonomen, aber nicht nur dort,
Die Idee zu einer Seminarreihe eine politische Praxis unbedeu- nicht einmal eine richtige Diskus- 75
entstand aus Überlegungen zum tend bleibt. Und zum Dritten sion zustande kommt.
Wir fanden, dass die Stellung- ist zwar „notwendig, aber nicht wendigerweise beschränkt ist...
nahme in den meisten Debat- hinreichend“. Über Themenanregungen und
ten sich entweder gar nicht Sich vernünftig zu organisieren Leute, die sich in die Reihe mit
aufeinander beziehen oder aber ist ein notwendiger Schritt, aber eigenen Themen und Vorstel-
mit Worthülsen hantiert wird, kein Allheilmittel, wenn ansons- lungen einklinken, freuen wir
die sich dadurch ergeben, dass ten nur Halbwissen, Parolen uns aber. Lücken sind dazu da,
es keine gemeinsam erarbei- oder vage Moralvorstellungen/ sie zu füllen. Es ist bestimmt
teten Begrifflichkeiten gibt. Ansprüche herum spuken. richtig, dass wir im Augenblick
Die existierenden Debatten Unsere Themenstellung bezieht Themen für richtig erachten, die
über Zeitungen und Bücher sich deshalb vor allem auf Fra- andere für zweitrangig halten.
sind unpersönlich und deshalb gen, die unserer Meinung nach Aber weder hat der Mainstream
beschränkt. Was in Theorie a) in der autonomen Debatte immer Recht, noch lässt sich
und Praxis nicht erreicht wird, besonders unreflektiert beant- so eindeutig sagen, was „die
wird dann durch Aktionen und wortet werden, brennenden Themen der Zeit
Kampagnen wettzumachen b) für eine Strukturdebatte viel sind“.
versucht. bringen, Unsere Veranstaltungsreihe
c) zu denen wir interessante bezieht sich auf jeden Fall auf
Diese Form des Arbeitens wol- ZeitzeugInnen/ReferentInnen jene Fragen, die uns in unserer
len wir nicht mehr. Wir wollen kennen. politischen Praxis besonders
eine arbeitsteilig organisierte Darüber hinaus entspringen die unter den Nägeln brennen...
und verbindliche Struktur, und Themen natürlich auch unseren Wir haben nicht alle die gleichen
bewegten uns jahrelang um die persönlichen Diskussionsbe- Finger...
Organisationsfrage. Die aber dürfnissen in der AG, die not-

Resümee von sechs Monaten „Für eine linke Strömung“ (FelS)


Ein Resümee in Form einer Der Anspruch während der d) auch außerhalb der unbedeu-
Selbstkritik über die ersten sechs Debatte vor nun sieben oder tend kleinen Subkultur wieder
Monate einer Gruppe wie FelS acht Monaten war es, den Bruch Menschen für ein politisches
besitzt zugegebenermaßen nur mit einer Praxis zu vollziehen, die Projekt anzusprechen.
begrenzte Bedeutung. Wenn wir wir als subjektivistisch, unreflek-
uns dennoch die Mühe gemacht tiert, geschichtslos und sich Daneben beschrieben wir
haben, diese Selbstkritik öffent- gesellschaftlich selbst isolierend unsere Unzufriedenheit mit der
lich zu formulieren, dann nicht bezeichnet haben. D. h. wir Organisierung der Autonomen,
aus Selbstüberschätzung und beobachteten an der autonomen deren versteckte Hierarchien
Eitelkeit, sondern deswegen, weil Bewegung die Unfähigkeit: und undurchschaubaren (d. h.
wir glauben, dass andere Grup- a) mehr als nur das eigene kaum kritisierbaren) Entschei-
pen von unseren Erfahrungen/ Befinden zu betrachten, dungsprozesse wir angriffen.
Fehlern profitieren können, und b) politische Strategien zu ent- Wir kamen zur Organisations-
weil wir außerdem im Verlauf der wickeln bzw. Aktionen in einen frage, weil wir glaubten und
Heinz-Schenk-Debatte mit einem größeren Rahmen zu setzen, nach wie vor glauben, dass
großen Anspruch angetreten c) ein gemeinsames Gedächtnis eine transparente, offene und
sind. So gesehen wäre es der sozialen und politischen einigermaßen klar umrissene
unehrlich, unsere Reflektionen Geschichte dieses Landes und Struktur Möglichkeiten bieten
76 jetzt nicht allen zugänglich zu seiner Bewegungen zu erarbei- kann, um sich gegenseitig
machen. ten und Wissen zu vermitteln, theore-
tische Debatten zu führen und Verändern der bestehenden Entwicklung in den meisten Fäl-
auch wieder eine gemeinsame Praxis von innen heraus, len unvermeidbar; es ist weder
Wahrnehmung der Welt außer- wurde deshalb von uns als zu richtig, eine sich allmählich
halb der Subkultur zu gewähr- wenig erachtet. Wir kamen zur herausschälende Mehrheitsmei-
leisten. polemischen Formulierung des nung zugunsten eines zurecht-
Auf dieser Grundlage fingen Austritts aus den Autonomen, gekrampften Konsens immer
einige, die wir in der Heinz- der weder ein Abschied aus wieder in Frage zu stellen, noch
Schenk-Debatte ähnliche den linksradikalen Zusammen- bestimmte Auseinandersetzun-
autonomen-kritische Posi- hängen noch eine akademische gen deswegen nicht zu führen,
tionen vertreten hatten, an, Wende ins Theoriezimmer weil sie bei der Außenwelt
uns Gedanken über eine neue sein sollte. Im Selbstverständ- schlecht ankommen. Ohne
Gruppe zu machen. Wir teilten nis formulierten wir, dass es grundsätzliche theoretische
die Meinung, dass die beste- gleichzeitig theoretischer und und historische Diskussionen
henden linken Gruppen und praktischer Arbeit bedürfe und (die viele für Laberei halten)
Organisation keine Alternativen dass sich linke Politik als Arbeit und ohne Annäherung an ein
anboten und dass die Suche an der Gesellschaft begreifen Grundsatzprogramm wird es
nach neuen Projekten angesagt müsse. D. h dass sie nicht ab keine neuen Gruppen geben,
ist. Die Erfahrung der letzten und zu mal über die Subkultur sondern nur die alten diffusen
zwei Jahrzehnte, die ja nun auch hinausreicht (in Form einer Zusammenhänge in einer neuen
von den Autonomen mitgeprägt spektakulären Aktion oder Kam- Verpackung.
waren, wollten wir nicht einfach pagne), sondern dass sie erst Nach dem Wegbleiben von Ein-
„über Bord werfen“ und auch anfängt, Politik zu sein, wenn zelnen musste sich die Gruppe
die Bewegung nicht dafür sie kontinuierlich außerhalb der darauf einstellen mit einem Kreis
angreifen, was sie alles falsch Subkultur auftritt. von 10-14 Leuten weiter zu
gemacht hätte. Vielmehr ging es Die neue Gruppe, die ab Januar denken. Keine tolle Personal-
uns um eine Neubestimmung, Für eine linke Strömung (FelS) decke, wenn einem überall auf
bei der wir mit Teilen der bis- hieß lockte bei ihren ersten die Finger geschaut wird, wenn
herigen Praxis brechen müssten. Treffen eine ganze Menge von man zu theoretischen Positionen
Diesen Bruch hielten und halten Neugierigen. Dabei war der kommen will, an der linksradi-
wir für unvermeidlich, weil sich Durchlauf der Leute auffällig. kalen Praxis beteiligt bleiben,
sonst immer wieder die alten Viele schauten nur mal vorbei, eigene Akzente setzen, sinnvolle
Verhaltensformen und Politik- um sich eine Meinung zu Praxisfelder aufspüren und dann
konzepte einstellen würden. bilden bzw. sich ihre Meinung auch noch Kontakte halten bzw.

..
Schließlich ist der Aktionismus
also das planlose Rumrödeln
nur bei den wenigsten eine
bestätigen zu lassen, andere
erwarteten stillschweigend
nicht eine am Anfang stehende
ausbauen möchte.
Da die Heinz-Schenk-Dis-
kussion nicht zu einer breiten
Politikform, für die sie sich Gruppe von etwa 20 Leuten, in Diskussion über eine Neu-
bewusst entschieden hätten. Bei der man erst in einer gemein- bestimmung geführt hatte –
den allermeisten ist Aktionismus samen Anstrengung zu neuen dafür fehlte es ihr an positiven
einfach eine Praxis, an die man Positionen kommen musste, Denkansätzen und an der
sich gewöhnt hat, weil man sondern eine politische Heimat Bereitschaft in der autonomen
sich keine Alternativen dazu mit einem tragfähigen und Bewegung, über die Debatte
vorstellen kann, und weil die dif- überzeugenden Programm. Ein „hat Heinz recht oder nicht?“
fuse Bewegung grundsätzliche anderer Teil blieb weg, weil er grundsätzliche Fragen zuzulas-
Fragen immer wieder abwehrt. die Vorstellungen und Konzepte sen – standen wir isoliert vor
Eine einfache Revision der ganz einfach nicht teilte. der selbstgestellten Aufgabe, 77
Autonomen, ein allmähliches Wahrscheinlich war diese Antworten zu finden.
Wir haben uns dabei offensicht- seien und innerhalb kürzester keinen definitiven Schutz gegen
lich verzettelt, wie es in so Zeit zu einer akademischen La- Repression. Aber auf der an-
vielen Gruppen der Fall ist. Es bertruppe“ werden würden, hat deren Seite bringen klandestine
ist eben grundsätzlich immer sich als unberechtigt heraus- Verhaltensweisen (die ja stets
etwas anderes, sich eine Sache gestellt. Eher das Gegenteil ist auf Kosten der offenen Debatte
vorzunehmen, und sie dann der Fall, wir sind näher daran, gehen) weniger Sicherheit als
auch tatsächlich umzusetzen. eine normale Aktionsgruppe ein intensiver, durchaus auch
Aber das kann kein Vorwurf als ein Theoriezirkel zu werden. kritischer Umgang miteinander,
sein. Schließlich können neue Anscheinend ist die Gefahr der das persönliche nicht außen
Projekte ohne ein Nach-vorne- zu theoretisch zu werden, in vor lässt.
Drängen nicht auskommen. unserem Spektrum geringer als Bedeutender als die Repression
Dass man sich gerade in Situa- vielfach angenommen. waren die Probleme von Fluktua-
tionen ungebändigten Enthu- tion und Wissensunterschieden/
siasmus mit Arbeit überlädt, und Die Notwendigkeit eines Hierarchien einer offenen
dann nur die Hälfte umsetzen echten Bruchs Gruppe. Dadurch dass ständig
kann, bleibt wohl eine Tatsache, neue Leute dazukommen und
mit der man leben muss. Die entscheidende Frage lautet auch wieder wegbleiben können,
zweifellos, ob und wie es uns werden Diskussionen zurückge-
Four months after gelungen ist, etwas anders zu worfen und bereits vorhandene
machen als bisher. Dazu lässt Konsensmeinungen in Frage
4-5 Monate, nachdem das sich Unterschiedliches sagen: gestellt. Ein Versuch damit
Interesse spürbar abgeflaut ist, umzugehen war es, den offiziel-
stehen wir vor einer Situation, a) Weitgehend neu und richtig len Termin früher zu beginnen
die man ungefähr so beschrei- war, die ungeklärte Vermi- als das eigentliche Treffen. Das
ben kann: Der erste, bei den schung von klandestiner und aber brachte wenig, weil a) die
verschiedenen Leuten unter- offener Praxis, die sich meistens Fluktuation sowieso abgenom-
schiedlich stark vorhandene in abgeschotteten Kleingrup- men hat und b) neue Leute eben
Enthusiasmus ist verschwunden, pen ausdrückt (und im Grunde selten wirklich pünktlich sind.
und es hat sich eine zähe, genommen eher mit dem Hang Auf die Dauer hilft hier wohl nur
unspektakuläre Arbeit einge- zur Kleinfamilie als mit einer Geduld sowie Grundsatztexte,
stellt, deren Erfolge nicht politischen Bestimmung zu tun die alle paar Monate als Diskus-
unmittelbar zu sehen sind. Die hat), aufzugeben. Dass wir sionsergebnisse verabschiedet
Gruppe wächst im Augenblick eine erreichbare Gruppe mit werden und Fixpunkte für die
wenig, dafür aber solide (d. h. festen Bürozeiten und offenen Debatte darstellen. Wer neu
neue Leute gehen nicht gleich Treffen sind, ist ein eindeutiger dazukommt, muss dann eben
wieder). Die von uns begon- Pluspunkt. einige Sachen lesen...
nene Seminarreihe ist zwischen- Unser Konzept hat zwar nicht zu Das zweite Problem, das der
durch längere Zeit steckenge- einem Massenansturm geführt, Hierarchien und Wissensunter-
blieben, weil wir kräftemäßig aber es lässt sich an der Zusam- schiede, ist das größere einer
überfordert waren. Die vor dem mensetzung von FelS durchaus offenen Gruppe. Noch stärker als
1. Mai von einigen von uns erkennen, dass offene Gruppen in abgeschlossenen Kleingrup-
mitinitiierte Plattform wartet auf eben doch Leute zusammen- pen, die sich lange kennen,
genauere Diskussionen und schließen können, die sonst nur kristallisieren sich Führungs-
praktische Konsequenzen. sporadisch aktiv wären. Trotz persönlichkeiten heraus, mani-
Die massivste Kritik dagegen, dieser Offenheit haben wir uns festiert sich das Ungleichgewicht
78 die wir zu hören bekamen, dass nicht der Repression ausgeliefert. bei Diskussionen und Initiativen.
wir nämlich „zu theoretisch Es gibt mit Sicherheit überhaupt Wir haben auf dieses Problem
keine Antwort. Es wäre wohl muss man sich darum bemühen, Protokollen und schriftlich festge-
verträumt zu glauben, dass es Distanz abzubauen, auf andere, haltenen Arbeitszielen haben es
Gruppen geben kann, in denen fremde Menschen zuzugehen uns ermöglicht, den roten Faden
grundsätzlich (d. h. in abseh- und sich anstehenden Konflik- nicht zu verlieren. Das Gefühl
barer Zukunft) alle gleich viel ten offen zu stellen, Wissen des auf der Stelle-Tretens, der
Initiative und damit Anerkennung ohne Arroganz zu vermitteln sichere Tod jeder Gruppe also,
besitzen. Unter den gegebenen und kranken, frustrierten oder lässt sich mit einer strukturierten
Bedingungen lassen sich die isolierten GenossInnen auch ein Arbeit zwar nicht ausschließen,
Widersprüche weder durch Sta- wenig „hinterherzulaufen“. Das aber es wird unwahrscheinlicher.
tute noch durch Willenserklärun- Entstehen anderer Organisa- Oft ist es ja gar nicht so sehr
gen oder Dogmen aufheben. tionsformen bedarf eben ganz die Praxis, die unzulänglich ist,
Oder wie es die VerfasserInnen stark bewusster Verhaltensfor- sondern das Bewusstsein über
der Uni-Broschüre zu „Auto- men. die eigene Praxis.
nomen Seminaren“ schreiben: Trotz der von uns beschriebenen Der nur mit einer gewissen
Probleme aber halten wir daran Portion Selbstdisziplin mögliche
„Unterschiedliche Wissensstände fest, dass das Entstehen offener Prozess von Vorausdenken-
(und nicht nur das, Anm. d. V.) Gruppen eine der Grundvoraus- Handeln-Reflektieren in Form
sich klar machen und zu nutzen setzungen für das Wieder- von Protokollen, festgehaltenen
versuchen, Wissen muß nicht im- erstarken der Linken darstellt. Arbeitszielen, Aufarbeitungen
mer Macht über andere (Grup- Wenn es uns nicht gelingt, dass und niedergeschriebenen Selbst-
pen-)Teilnehmerinnen bedeuten, Menschen unterschiedlicher kritiken ist keine Unterwerfung
eine Gruppe muß auch Leute Sozialisierung und Erziehung, mit unter die Bürokratie wie wir
mit unterschiedlichen Wissens- verschiedenen Ansichten, Inter- glauben. Er ist unserer Erfahrung
ständen zueinander bringen kön- essen und Bedürfnissen in einer nach gerade der Ausbruch aus
nen. Hierarchien vermeiden und politischen Gruppe/Organisation einer Form der Fremdbestim-
ExpertInnen zulassen(...)“ sowie: zusammenarbeiten können, dann mung, nämlich der Unterwerfung
„Zusammen aufpassen, daß können wir auch das Konzept unter die vorgegebene Eigendy-
Menge und Qualität der Arbeiten einer befreiten Gesellschaft, namik und Eigengesetzlichkeit
bei allen ungefähr gleich verteilt d. h. einer Gesellschaft, wo die von Bewegungen.
sind, Ziel und Zweck individuel- verschiedenen Gesellschaftsteile
ler Vorleistungen gemeinsam eben nicht mehr entfremdet c) Darüber ob es uns gelungen
vorbereiten (Kleingruppen statt miteinander umgehen, verges- ist, Theorie und Praxis in ein
einzelner Meister-Werke); breite sen. wechselwirkendes (= dialek-
gemeinsame Aufgabenverteilung tisches) Verhältnis zu setzen,
und Kontrolle (nicht immer b) Gut an unserer Arbeit war haben wir kein abgeschlossenes
dieselben Doofen, die schriftli- auch, dass sie zumindest in Urteil. Sicherlich steht außer
che Vorlagen machen); rundum Grundzügen strukturiert war und Frage, dass wir uns bemüht ha-
wechselnde Funktionen (Pro- ist. Gerade weil wir Organi- ben, Theorie als etwas notwen-
tokoll, Redeleitung, Vorbereitung, sierung nicht als bloßes Zusam- diges, nach vorne bringendes
Vertretung nach außen); für alle menkommen, sondern als eine zu betrachten. Die intensiven
und immer verbindliche Rede- gesonderte Anstrengung betrach- Bemühungen um die Seminare
regeln (z. B. ausreden lassen) ten, für die abstrakte Denkleis- zeigen das deutlich. Trotzdem ist
und regelmäßige Gruppenkritik.“ tungen und planende Schritte es uns bisher nicht gelungen, mit
Darüber hinaus würden wir notwendig sind, haben wir uns unserer Reihe („Spontanität und
behaupten, dass offene Gruppen immer wieder gezwungen, über Bewusstheit bei den KlassikerIn-
auch die persönliche Offenheit die nächste Aktion hinauszuden- nen, in der deutschen Revolution 79
der Einzelnen brauchen. Bewusst ken. Ein ganzer Stapel von 1918/19 und der BRD-Linken
nach 68“; „die marxistische Il len, eindeutigen Antworten Solidarität sind gesellschaftliche
Manifesto Gruppe in Italien in wollen wir nicht. Was wir leisten, Phänomene, die nicht von der
den ’70ern“; „die Linke in Griech- ist nicht mehr als ein Ausschnitt Schlechtigkeit der Autonomen/
enland und Euskadi“) eine weit- aus den notwendigen Diskus- Linken herrühren. Um daran et-
erführende Diskussion außerhalb sionen und beweist sich in seiner was zu verändern, brauchen wir
unserer Gruppe auszulösen. Kontinuität. Ehrlichkeit/Genauigkeit und nicht
moralischen Druck. Solange
Bei uns selbst hat sich durch Zum zweiten können wir nach z. B. die Linke ein nur wenig
die Seminarreihe manches mehreren Monaten Seminar- erfolgversprechendes Projekt
unspektakuläres getan, z. B. hat reihe feststellen, wie schwierig ist, ist es ziemlich normal, dass
sich das Problembewusstsein, das gemeinsame Lernen ist. Die viele ihre Einzelinteressen nach
was mechanistische Vorstel- Auseinandersetzung mit Befrei- Beziehung, Urlaub, Ausbildung
lungen über gesellschaftliche ungspädagogik, d. h. mit Lernfor- höher bewerten als die politische
Prozesse angeht, geschärft. Aber men, bei denen Wissen nicht Gruppe. Was eine Gruppe sich
gleichzeitig ist uns auch mehr- eingetrichtert wird, sondern zu gegenseitig abverlangen kann,
mals der rote Faden abhanden selbständigem Denken angeregt ist ein gewisser Realismus, dass
gekommen. wird, ist ausgesprochen wichtig. der/die Einzelne, das was er/
Auf der anderen Seite stellt auch Bis jetzt fehlt es uns sicher sie übernimmt, auch erledigt.
klar heraus, dass Bildungsarbeit an Phantasie und Erfahrung. Ansonsten hängt die Dynamik
ein langfristiges Projekt ist, das Interessant auch hier, was die einer Gruppe davon ab, ob
sich nur sehr vermittelt auf eine GenossInnen aus der Uni dazu Einzelne Andere motivieren
andere Politik auswirkt. Zu glau- schreiben: oder mit ihrem Optimismus
ben, dass man mit Seminaren „Die neverending Suche nach anstecken können. Diejenigen,
oder Theoriearbeit überhaupt anderen Formen, – Gruppe- die das können, sollten ihre
Antworten auf die drei oder vier narbeit, vorbereitete Diskus- Rolle als Orientierungspersonen
brennenden Fragen der Zeit sionen/Rollenspiele, Planspiele, annehmen, auch wenn das dem
finden kann, ist naiv. Gerade die Fingerfarben, und alles wofür wir Mythos des „wir sind alle so
Beschränkung auf einige wenige so Verachtung haben – überlegt gleich“ widerspricht. Der Zeige-
Hauptdiskussionsstränge, von einsetzen. Und auf alte Bücher finger dagegen („du musst doch
denen man Handlungsan- zum Thema zurückgreifen, sich einsehen...“), der die wirklichen
weisungen erwartet, würde über Ideen und Erfahrungen Bedürfnisse übersieht, drängt
eine fatale Einengung linker mit anderen Gruppen aus- die Leute nur hinaus. Natürlich
Theorie nach sich ziehen. Es tauschen...“ sollten alle versuchen, das ihnen
ist kontinuierliches Entdecken Mögliche beizutragen, aber ein
neuer Hauptwidersprüche, Zen- d) Außerdem können wir objektiver Maßstab – „alle müs-
tralthemen und revolutionärer sehen, dass eine Reihe von sen die gleiche Verantwortung
Subjekte (die Marginalisierten, Eigenschaften, die wir bei den tragen, gleich viel arbeiten...“ –
die farbige Frau im Trikont, die Autonomen kritisiert haben, bei verhindert die Entwicklung der
SubsistenzbäuerInnen in der uns genauso auftauchen wie in Individuen, weil er die unter-
ganzen Welt, die ImmigrantInnen anderen Gruppen: die Schwierig- schiedlichen Voraussetzungen
usw.), was zu einer revidierten keiten mit der Verbindlichkeit, nicht beachtet.
Neuauflage jenes mechanisti- die fehlende Bereitschaft, ein e) Der Punkt, bei dem wir am
schen Geschichtsverständnisses gemeinsames Projekt auch selbstkritischsten sind, ist der der
führt, bei dem sich Befreiung als einmal über ein individuelles zu gesellschaftlichen Öffnung. Hier
eindeutige Kausalkette begreifen stellen, die Unfähigkeit, Initiative haben wir in den ersten sechs
80 lässt. Die Theoriearbeit der zu entwickeln oder mangelndes Monaten sehr wenig zustande
„großen Würfe“, d. h. der schnel- Verantwortungsbewusstsein und gebracht. Sicherlich haben wir
uns bemüht, mit Leuten
außerhalb des Tellerrands ins
Sachen beteiligt zu sein, auch
seine Berechtigung hat, ist nicht
.
Planung-Aktion-Reflektion.
Offene Gruppen mit Ansprech-
punkten und der ernstgemeinten
Gespräch zu kommen, aber ganz klar zu beantworten. Zwar Bereitschaft, neue Leute zu
bisher macht das noch keine brauchen wir mehr Überlegung integrieren, sind unverzichtbar.
politische Perspektive aus. und theoretische Begründung Offene Konzepte sind weder
In der Öffentlichkeitsarbeit – das für diese oder jene Initiative, aber schutzlos der Repression aus-
wären z. B. gesteckte Stadtteilzei- auf der anderen Seite ist auch geliefert noch blockieren sie sich
tungen zum Thema Rassismus, der Blick der politischen Elite durch ihre innere Widersprüch-
ein eigener 1. Mai-Aufruf oder
eine Aktion gegen die faschis-
tischen Parteien zur BVV-Wahl
(der Avantgarde und Checker)
gefährlich, der Protestpotentiale
ausforscht, um sich zu ihnen zu
.
lichkeit selbst.
Theorie und Praxis lassen sich
nicht sinnvoll voneinander tren-
– haben wir wenig Initiative begeben. Das ist nicht mehr als nen; das bedeutet nicht, dass die
entwickelt. Bei aller Kritik an die Festschreibung der Trennung Theorie ausschließlich Anwei-
der Kreuzberg-Fixiertheit des in politisch bewusste Revolu- sungen für die Praxis zu liefern
ersten Teils des (vierseitigen) 1. tionärInnen und die ganz netten, hat. Im Gegenteil – Theorie muss
Mai-Aufrufs war dieser ein ganz aber etwas blöden Massen. frei forschen können. Was wir
gutes Beispiel dafür, wie wir uns Insgesamt können wir nicht ablehnen, ist die Auftrennung in
wieder an die Öffentlichkeit rich- behaupten, die Artworten auf DenkerInnenzirkel und Aktions-
ten könnten. Auch die Plakate
von Antifa-Gruppen zu den
faschistischen Organisationen
die in der Heinz-Schenk-Debatte
gestellten Fragen gegeben zu
haben. Aber von einer kleinen
.
gruppen.
Die Linke muss sich ohne Auf-
gabe revolutionärer, internatio-
vor der BVV-Wahl waren eine Gruppe mit sechs Monaten nalistischer Ziele und system-
gute Aktion. In dieser Richtung Praxis ist das auch kaum zu sprengender Forderungen auf
sollten wir weiter überlegen, erwarten. Obwohl einige gemes- konkrete Bedürfnisse der Bevöl-
und vor allem kontinuierlicher sen an ihrer Anfangseuphorie kerung beziehen. Die Ignoranz
werden. zeitweise enttäuscht gewesen gegenüber der Bevölkerungs-
Für uns steht fest, dass die Neu- sind, machen wir eine positive mehrheit ist genauso falsch wie
bestimmung der revolutionären/ Einschätzung dieses ersten ein unkritisch-populistisches
radikalen Linken vor allem über halben Jahres. Wir glauben auf Verhältnis. Wenn die Linke jede
den Kampf um die breite Öffent- einem Weg zu sein, der weder Verbesserung der Lebensver-
lichkeit läuft. Herzen und Köpfe die Verlängerung autonomer hältnisse (damit meinen wir
zu gewinnen, und zwar sowohl Praxis noch eine Parteigrün- nicht die Erhöhung der Konsum-
über politische Überzeugungsar- dungsinitiative im klassischen möglichkeiten für die Kernarbei-
beit und gemeinsame Organi- Sinne ist. Der Bruch mit den terklasse, sondern Forderungen
sierung als auch über praktische, Dogmen ist ein wichtiger Schritt nach z. B. mehr Gesundheit,
direkte Aktionen, ist die richtige gewesen. Wir halten an unseren mehr Bildung und weniger Ar-
Parole der Zeit. Hier muss die Thesen fest: beit) im bestehenden System als
ganze Linke einiges lernen.

f) Der letzte Punkt, der in unserer


. Linke Politik hat ihren eigentlich
Bezugspunkt außerhalb der
Reformismus verteufelt, braucht
sie sich nicht wundern, wenn sie
marginal bleibt.
Selbstkritik immer wieder auf- subkulturellen Szene („Revolution
getaucht ist, nämlich die Frage, ist nur mit der Mehrheit der hier Es bleibt dabei: andere Formen
ob uns als Gruppe der strategi-
sche Blick fehlt, ob wir planlos
herumrödeln und von Aktion zu
.
lebenden Menschen denkbar.“).
Politische Arbeit kann ohne
Strukturierung, Selbstdisziplin und
revolutionärer Praxis sind nicht
nur notwendig, sie sind auch
möglich!
Aktion stolpern, oder aber ob Genauigkeit nicht funktionieren. 81
das Bedürfnis, bei verschiedenen Wir brauchen die Grundelemente Für eine linke Strömung!
Für eine linke Strömung (FelS)
c /o Schwarze Risse
Gneisenaustr. 2a
10961 Berlin
http://www.fels-berlin.de
http://arranca.org
fels@nadir.org