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Workshop “Cantaloupe Island - Herbie Hancock”

Ingmar Meissner

27. August 2012

1 Zur Entstehungsgeschichte
Cantaloupe Island ist ein Jazzstandard von Herbie Hancock, der erstmals
1964 veröffentlicht wurde. Der Titel wird dem modalen Jazz zugeordnet und
ist vom Funk beeinflusst. Er besteht aus nur drei verschiedenen Harmonien:
f-Moll, Des-Dur und d-Moll als Septakkord.

1.1 Aufnahmen von Hancock


Der Titel wurde erstmals im Jahr 1964 auf dem Album Empyrean Is-
les (Blue Note) veröffentlicht und gehört – neben Aufnahmen wie Rockit
(1983) und Watermelon Man (1962) – heute zu Hancocks wohl bekanntesten
Stücken. Eingespielt wurde es in der Besetzung: Herbie Hancock (Klavier),
Freddie Hubbard (Kornett), Ron Carter (Bass), Tony Williams (Schlagzeug).
Mit Williams und Carter spielte Hancock seit 1963 bei Miles Davis (Miles in
Antibes, Columbia, 1963); Die Aufnahme hat eine Länge von 5:30 Minuten.
Mit Cantelope Island vom Funk-Fusion-Album Secrets (Columbia Re-
cords, 1976) veröffentlichte Hancock später eine modifizierte Version von
Cantaloupe Island.
Herbie Hancock spielte dieses Stück seitdem in unzähligen Konzerten
rund um den Globus mit verschiedenen Bandbesetzungen (siehe Videolinks).

1.2 Cantaloop von Us3


Die britische Band Us3 (auch unter Us3 featuring Rahsaan veröffentlicht)
brachte den Titel 1993 unter dem Namen Cantaloop (Flip Fantasia) in ei-
ner Hip-Hop-Version heraus. Über ein Sample des Pianoparts von Hancock
wurde dabei ein Rap von Rahsaan Kelly und ein Trompetenpart von Ge-
rard Persencer eingespielt. Produziert wurde der Titel, der dem Jazz-Rap
bzw. Acid Jazz zugeordnet wird, von Geoff Wilkinson und Mel Simpson.

1
Eingeleitet wird der Titel mit einem Sample des Birdland-Ansagers Pee Wee
Marquette, das ursprünglich auf Art Blakeys A Night at Birdland (Blue
Note, 1954) zu hören war. (Quelle Wikipedia)
Bis heute ist dieses Stück von einer ganzen Reihe Bands gecovert und
neu aufgenommen worden und hat sich zu einem festen Bestandteil des Jazz
Session Repertoires entwickelt.

2 Das Stück lernen


2.1 Die Melodie
Da jeder in der Band die Melodie spielen können sollte(!), beginnen wir
damit. Nach einer Einleitung (Intro) beginnt das eigentliche Thema, auch
Head genannt. Am besten lernt man die Melodie nach dem Gehör durch
wiederholtes Anhören der Referenzaufnahme. Dabei lernt man nicht nur die
Melodie, sondern erhält gleich einen umfassenden Eindruck vom Stück. 1 Die
folgenden Hinweise sollen ein wenig Hilfestellung leisten.
Das Thema von Cantaloupe Island ist kurz, einfach gegliedert und be-
steht im Prinzip nur aus zwei Phrasen, die jeweils wiederholt werden.
Es eine gute Idee, sich zunächst einen Überblick über das Stück zu ver-
schaffen und die Form des Themas zu klären. Die einzelnen Abschnitte lassen
sich leicht erkennen. Sie sind kurz und durch Pausen (in der nur die Rhyth-
musgruppe spielt) klar von einander getrennt. Darüber hinaus wechselt mit
jedem Abschnitt die Harmonie.
Genaues Hinhören ergibt: Das eigentliche Thema, das immer wiederholt
wird, und über das im Anschluss improvisiert wird, hat eine Länge von 16
Takten und ist in 4 Abschnitte gegliedert.

• Takt 1–4: Phrase 1


• Takt 5–8: Phrase 1 wird wiederholt
• Takt 9–12: Phrase 2 (hat eine länge von 2 Takten und wird 2x gespielt)
• Takt 13–16: Melodie Pause, man hört die Piano–Begleitfigur vom Intro

Um die Töne der Melodie zu finden, ist es hilfreich, zu wissen, dass nur
die Töne der f-moll Pentatonik verwendet werden.
1
Noch besser verankert man die Melodie im Gedächtnis, wenn man sich die Melodie
notiert, nachdem man sie gelernt.

2
4 4 4 4
 4 4
1 ’3 4 5 ’7 8
Macht euch zunächst auf eurem Instrument klar, wo die Töne der f-moll
Pentatonik zu finden sind. Spielt sie rauf und runter, in verschiedenen Arten,
um euch Klang und Lage der Töne einzuprägen. 2

Jetzt sollte es nicht mehr so schwer sein, die Melodie nachzuspielen. Wer
zur Kontrolle, ob er alles richtig gehört hat, eine notierte Fassung der Melo-
die benutzen möchte, findet im Anhang Hinweise zu veröffentlichten Noten
vom Stück.

2.2 Die Basslinie


Die Bassfigur für dieses Stück ist sehr markant. 3 Es ist eine gute Idee, sie
auch als Spieler eines Melodieinstruments spielen zu lernen. Der Wechsel der
Bassfigur markiert sehr deutlich die Harmoniewechsel und hilft so, sich als
Solist in der Form zu orientieren.

  
þ þ þ þ þ þ þ þ
þ þ
Hinweis: Als Bassist hat man die Freiheit, die Bassfigur (im Laufe des
Stückes) abzuwandeln und zu verändern.

2.3 Akkordschema (Chord Changes)


Das Akkordschema ist für alle beteiligten Spieler aus verschiedenen Gründen
interessant. Naheliegend ist, das Pianisten und Gitarristen (und alle son-
stigen Harmonieinstrumente) das Akkordschema konkret mit Akkordgriffen
(Voicings) darstellen und so für ein harmonisches Grundgerüst sorgen. Soli-
sten wiederum können aus dem Akkordschema herleiten, welche Töne jeweils
passen. Eigentlich logisch – alle Töne, die im Akkord erklingen, werden auch
als Melodieton passen. Für Bassisten interessant sind zunächst vor allem die
2
Jazzmusiker üben Tonleitern meist nicht in der Art, sie vom Grundton beginnend,
über mehrere Oktaven rauf und runter zu spielen. Stattdessen benutzen sie verschiedene
Muster (Pattern) und kurze Melodien, die sie systematisch versetzen.
3
Vor allem auf den Referenzaufnahmen.

3
Grundtöne der Akkorde.

Das Akkordschema lautet:4

• Intro: F-7, 4 Takte (kann offen, d.h. länger gespielt werden. Wichtig:
Blickkontakt!)

Die Form, die immer wiederholt wird, und als Grundlage für die Impro-
visationen verwendet wird lautet:

• 4 Takte F-7 |

• 4 Takte Db7 |

• 4 Takte D-7 |

• 4 Takte F-7 |

Weitere passende Töne findet man durch Probieren, nach Gehör oder
ergeben sich durch Analyse der Akkordfolge.

2.3.1 Die Klavier Begleitfigur


Typisch für dieses Stück ist die Pianofigur aus dem Intro. Sie kann auch
verwendet werden, um den Solisten zu begleiten. Sie passt auch während des
F-moll Teiles im Thema.

  b   bb b
B  bb  bb b bb bb
 
 b b b b
b
Für den Db7 Abschnitt wird sie leicht abgewandelt:
4
F-7: sprich F moll sieben, Töne: f–as–c–es
7
Db : sprich Des Sieben, Töne des–f–as–ces (h)
D-7: sprich D moll Sieben, Töne: d–f–a–c.

4
   ’  ’  ’   
( ’’

 
 
’   ’ ’
’
Für den D-moll 7 Teil passt folgendes Quartvoicing:


   K
  K
    KK

Typisch für diese Stelle ist vor allem der Rhythmus.

Akkordgriffe für die Linke Hand (Left Hand Voicings) Linke Hand
Voicings können verwendet werden, wenn man sich während eines Klavier-
solos selber begleiten will. Üblicherweise spielt man mit der rechten Hand
Melodien und mit der linken Hand Akkorde. Hier einige Möglichkeiten, die
man am besten wie Vokabeln5 auswendig lernt:

• 3 stimmige Akkorde

7 7 7
Fm D Dm

  ÐÐÐ ÐÐÐ ÐÐÐ

• 4 stimmige Akkorde

5
Der Begriff ist nicht so weit hergeholt. Tatsächlich geht es darum, zu jedem Ak-
kordsymbol möglichst viele verschiedene Möglichkeiten der Umsetzung zu sammeln. Die
Akkordgriffe sind also eine Art Akkordvokabeln.

5
7
Fm D {7 Dm
7

  {{ {{ {

• 3 stimmige Akkorde in Quarten (Quartvoicings)

7
Fm D 7 Dm
7

    



¿
2.3.2 Gitarre
Abwandlung der Klavier Begleitfigur für Gitarristen

    Fm,  , ,,, ,,, ,,


7

  ,
, , ,   
8

 6
5 7
6
8
6 8 10 8 6
6 6
7 5   

     


7

££ ££ ££
5 D

8

 6 6
4 6
6 8
6
8
9
6 6
6 4
8 6
££ ££ ££

 ·
 Ô  
7
Dm
     
9 Ô

   
8

  
Ô5 Ô5 8 11 8
6 6
5 5
5 5
5 5

6
 
        
7

££ ££ ££
13 Fm

8

 6
5
6
7
8
6
8
10
6 6
7 5
8 6
££ ££ ££

Man kann auch die Bassfigur einbauen, dann wird es allerdings kniffliger.
Lasst gegebenfalls einen oder mehrere Töne weg, fangt dabei hinten im Takt
an. Probiert aus, wieviel ihr von der Pianofigur umsetzen könnt.

Fm
7

      ŒŒ ŒŒ ŒŒ
  
8
Π
7
  
D
 ŒŒ ŒŒ ŒŒ
5

 
Π  

8

7
 
    
Dm
þþ þþ
þþ þþ  
9

   þ þ
8

Fm
7

         ŒŒ ŒŒ ŒŒ


13

8  Π   

Voicings Anstatt die Pianofigur zu doppeln, können auch folgende Voi-


cings verwendet werden:

7
X X
7
Fm
X
Fm
X
7
X
D 7 7
Dm
iii viii X
v

  
L  
Alternativ

8

Das Strummingpattern sollte zum Schlagzeuggroove passen. Zum klassischen


Groove der Hancock-Aufnahme aus den 60er Jahren passt z.B.:

  
7

 
Fm

   @ @  @ @   @ @ @ @  @@

2.4 Rhythmus und Groove


Dieses Stück funktioniert mit einer großen Bandbreite an Grooves. Im Prin-
zip reicht schon jeder einfache 8tel basierter Rock Standard Rhythmus. Das
Tempo variiert meist um 100 BpM (Viertel = 100). Wichtig für die Wirkung
dieses Stückes, dass es den Mitspielern der Rhythmusgruppe gelingt, zusam-
men eine überzeugende Groovetextur zu erzeugen. Hört euch verschiedene
Versionen von diesem Stück an und lasst euch inspirieren.

2.5 Play-Along Aufnahmen


Es empfiehlt sich, zum Üben Play-Along Aufnahmen zu verwenden. Es gibt
eine ganze Reihe speziell zum Jazz (Rock und Pop) lernen geeignete Play-
Alongs. 6 Zum Üben der Melodien und Improvisationen hat man die Ge-
legenheit, mit einer (im Studio aufgenommenen) Rhythmusgruppe, meist
bestehend aus Schlagzeug, Bass und Klavier zu spielen. Auch für Pianisten
und Bassisten sind diese Aufnahme zum Probieren geeigntet, da sich der
Klavier- und Basspart ausblenden lässt.
6
Die bekanntesten Reihen sind die Aebersold und die Hal Leonard Jazz Play-Along
Serie mit weit über 100 veröffentlichten Play-Along CDs.

8
3 Ideen zu Improvisation und Sologestaltung
3.1 Tonmaterial
Als Ausgangsmaterial für eure Melodien passt der gleiche Tonvorrat, den
ihr auch zum Spielen der Melodie benutzt habt: die F-moll Pentatonik. Wir
ergänzen die Pentatonik noch um einen Ton und erhalten die F-moll Blues
Tonleiter.

    
™  
1 ’3 4 ’5 5 ’7 8
Macht euch zunächst in Ruhe mit dieser Tonleiter auf eurem Instrument
vertraut, und probiert anschließend mit diesen Tönen zu einem Playalong zu
spielen. Nehmt euch Zeit, die Wirkung jedes einzelnen Tones zu erforschen.
Ihr werdet feststellen, das es sich schon um eine recht gute Auswahl handelt.
Je nachdem, welche Harmonie gerade klingt, gibt es allerdings Töne, die mal
mehr, mal weniger gut passen. Hier in Kürze ein paar Tipps:
• Im f-moll Abschnitt hat der Ton H (in der Bluestonleiter) eher Leit-
toncharakter und führt als Durchgangston entweder zum B oder zum
C.
• Im Db7 Teil wird H (Ces) dann zum Akkordton. Seid an dieser Stelle
dafür etwas vorsichtiger mit dem Ton C.
• Während der Ton As in der Regel Akkordton ist, wechselt er bei D-
7 seine Funktion und wird zum Blues Tone (Blue Note). Probiert an
dieser Stelle vielleicht mal ein A.
• Obwohl nicht in der Blues Tonleiter vorhanden, passt der Ton G die
ganze Zeit.
• Probiert alle Töne auch in verschiedenen Oktavlagen

3.2 Rhythmus
Zum “funky” Charakter dieses Stückes passen knackige, kurze rhythmische
musikalische Aussagen. Konzentriert euch vor allem darauf, dass eure Töne
richtig mit dem Beat “verzahnen”. Wenn ihr beim Spielen merkt, daß euch
eine rhythmische Phrase besonders gut gelungen ist, bleibt eine Zeitlang bei
dieser Idee und wiederholt sie ein paar mal. Das bringt Struktur in euer Solo
und ist ein klasse Effekt.

9
A Aufnahmen von Cantaloupe Island
A.1 Referenzaufnahme
Der Titel eingespielt von Komponisten selber, ist erhältlich auf einer Reihe
an Samplern. Ursprünglich erschienen ist er auf folgenden zwei Schallplatten.

• Empyrian Island, Herbie Hancock, 1964

• Secrets, Herbie Hancock, Columbia Records 1974

A.2 Coverversionen
Bekannt geworden ist in den 1990 Jahren die Version von Us3

• Cantaloope Island (Flip Fantasia)

Darüber hinaus gibt es eine unüberschaubare Menge an Coverversionen, vor


allem im Latin und Club/Electro Sound. (Recherche iTunes)

A.3 Videolinks
• Herbie Hancock with US3 - Cantaloupe Island

– http://www.youtube.com/watch?v=wCueu4ZmlQw&feature=related

• Herbie Hancock - Cantaloupe Island

– http://www.youtube.com/watch?v=NvPAOGBhuQY&feature=related

• Herbie Hancock Cantaloupe Island / Live under the sky ‘91

– http://www.youtube.com/watch?v=GZOkyQx3jIw&feature=related

• Pat Metheny Trio Cantaloupe Island 1992

– http://www.youtube.com/watch?v=uabdCVrs1C8&feature=related

• Herbie Hancock & Pat Metheny - Cantaloupe Island

– http://www.youtube.com/watch?v=oqaHqaTvOmI&feature=related

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B Noten und Play-Alongs zum Üben
• Aebersold Play–Along Serie Vol.54 “Maiden Voyage” (Play-a-long in-
cl.Noten),
Neben dem Hauptheft gibt es eine Reihe von Ergänzungsheften. Es
gibt Transkriptionen der Piano, Bass, Drumparts, sowie Bände mit
notierten Beispielsoli für die Stücke. Die Titelauswahl in diesem Band
gehört zum Basisrepertoire jeder Jam Session.

• The Real Book Vol.2, Hal Leonard Corporation, ISBN-13:978-4234-


2452-9

• Hal Leonard Jazz Play-Along Serie Vol.20 (Vol.14B): “Herbie Hancock”

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