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WOLTER geht es also um die Zukünftigkeit des Heils. Deutlich wird


dies gerade an seiner Auslegung des eben erwähnten Verses Röm 5,2: o6~u 'toü
8EOÜ sei eben nicht, wie KÄsEMANN meint, "einfach nur" die Vollendung der
bereits geschenkten Gerechtigkeit; das sei "viel zu schwach"; "sie ist vielmehr
als das von der eschatologischen Zukunft erwartete Heilsgut eine ganz an-
dere Kategorie des Heils als die OlKUtOcruVTJ der Gegenwart."908 Die Frage
ist aber, was "ganz andere Kategorie" im Sinne WOLTERS meint. Was heißt,
Paulus überbrücke die zeitliche und kategoriale Differenz durch EA.1ti~?909 Wenn
EA.1ti~ es ermögliche, in der Gegenwart vom eschatologischen Heil der Zukunft
als einem bereits sicher verbürgten zu reden 910 - wie denn? Kaschiert nicht
die Rede von der "kategorialen Differenz", daß WOLTER vom zukünftigen
Heil doch nichts anderes sagt, als daß es von Paulus - apokalyptisch artiku-
liert wird? Wird nicht das zukünftige Heil- geradezu aus der Anrede des
Evangeliums herausgenommen, da durch die so grundsätzliche Differenz zwi-
schen gegenwärtigem und zukünftigem Heil dieses zukünftige ja gar nicht
mehr vom gegenwärtigen her zur Sprache gebracht werden kann? 'EA.1ti~ steht
so in der Gefahr, zur <Leerformef zu werden.
Obwohl nun WOLTER das Neue des zukünftig-eschatologischen Heils
gegenüber dem gegenwärtigen so stark herausstellt, sieht er doch im Heilsge-
schehen der Gegenwart einen "sehr viel größere(n) Beweis der Liebe Gottes
zu seinen Geschöpfen als es das zukünftige Geschenk des eschatologischen
Heils jemals sein kann".911 Ist aber dann nicht doch das Entscheidende jetzt
geschehen? Wenn WOLTER das Buch mit den Worten abschließt: "Denn weil
aus Sündern Gerechtfertigte ... wurden, was allein aufgrund der Liebe Gottes
zu seinen Geschöpfen möglich wurde, wird uns auch dieser Gott der Liebe
nicht nur in der Gegenwart treu bleiben ... , sondern auch in jeder
Zukunft, auch der eschatologischen"912, so stellt sich doch die Frage, ob
"diese persuasive Intentionalität" von Röm 5,1-11 wirklich ganz kompatibel
mit der sog. kategorialen Differenz zwischen Gegenwart und Zukunft des
Heils ist. Sicherlich, WOLTERS Buch ist ein anregendes und die Frage nach
dem Verhältnis von Heilsgegenwart und Heilszukunft weitertreibendes Werk.
Man wird an ihm nicht vorbeigehen dürfen. Aber seine Antwort überzeugt
nicht.

Die Frage nach dem Verhältnis von Gegenwart und eschatologischer


Zukunft des Gerechtfertigten impliziert speziell die Frage nach dem Verhält-
nis von Rechtfertigung durch den Glauben und Gericht (Endgericht)
nach den Werken. Die Forschung hat immer wieder die Frage bewegt, ob

liegenden Existenzialphilosophie HEIDEGGERS doch gerade die Kategorien den Existenzia-


len, also den formalen Existenzbegriffen, gegenübergestellt werden.
908 Ib. 133; Hervorhebung von mir.
909 Ib. 133.
'JIO Ib. 135.
911 Ib. 220.
912 Ib. 222; Hervorhebungen von mir.
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beides nicht im Widerspruch zueinander steht, ob nicht gar dieser Widerspruch


im Denken des Paulus gegeben ist. So darf ein kurzer Hinweis auf diese
Diskussion nicht fehlen.
Am besten setzen wir bei HERBERT BRAUN, "Gerichtsgedanke und Recht-
fertigungslehre bei Paulus'913 ein, weil jede neuere Monographie über diese
Thematik auf ihn zurückgreift. Gerichts- und Rechtfertigungsaussagen lassen
sich nach BRAUN zwar terminologisch nicht zusammendenken 914 . Trotzdem
sei der Gerichtsgedanke, den Paulus ja radikalisiert habe 91s , unüberwundener
jüdischer Rest. 916 Mit dieser Antwort hat BRAUN mehr eine Aufgabe gestellt
als eine Lösung vorgelegt.
Keinen Schritt weiter, sondern einen gehörigen Schritt zurück bedeutet
die Grundanschauung von CHRISTOPH HAUFE, die er in "Die sittliche Rechtferti-
gungslehre des Paulus'917, seiner Hallenser Dissertation, vorträgt. Man wird
zwar sein Bemühen um eine Integration von Rechtfertigungslehre und Sittlich-
keit positiv werten. Doch die Art und Weise, wie er dies tut, bedeutet eine
arge Verzerrung und Verzeichnung der paulinischen Theologie. HAUFE spricht
von der Relativierung des Gesetzes, das zuvor absoluter Maßstab der Vergel-
tung war, durch die Gnade. Das nun neue "Evangelium-Gesetz" bzw. "Gnaden-
recht" bleibt Gesetz, weil es eine Vergeltung bestehen läßt, aber eben nicht
die absolute Vergeltung. Die neue Formel "Gnade und Lohn' bedeutet nun
eine für den jeweiligen Menschen spezifische Vergeltung. 918 "Er (sc. Paulus)
spricht von der Rechtfertigung des Sünders als der Rechtfertigung eines mit
allen Kräften sittlich Ringenden und Kämpfenden. "919 In diesem Sinne be-
zeichne das Evangelium-Gesetz nicht den als gerecht, der eine für alle erreich-
bare objektiv meßbare sittliche Qualität erreicht hat, sondern denjenigen, der
den Forderungen soweit (!) nachkommt, wie er in der Lage ist. 92o Soll das
Paulus sein: Gerechtigkeit als Erfüllung einer je individuell bestimmten Quanti-
tät an Forderungen? Daß HAUFE sich mit dieser Anschauung nicht hat durchset-
zen können, liegt auf der Hand.
Gegen HAUFE wendet sich auch vehement LIESELOTTE MATTERN in ihrer
Zürcher Dissertation "Das Verständnis des Gerichts bei Paulus'921: "Wird nur
der, der so weit, wie es seinen individuellen Möglichkeiten entspricht, gekom-
men ist, gerechtfertigt? Wer immer strebend sich bemüht, den wollen wir
erlösen - ist das paulinische Theologie?"922 Sie sieht den grundsätzlichen
Fehler in der bisherigen Diskussion in der von ihr als falsch beurteilten
Voraussetzung, daß es im Gericht über den Christen und in der Rechtfertigung

913 UNT 19, Leipzig 1930.


914 Ib. 32 f.
915 Ib. 59.
916 Ib. 92.
917 Halle/Saale 1957.
918 Ib. 116 f.
919 Ib. 117.
920 Ib. 117.
921 AThANT 47, Zürich 1966.
922 Ib. 55, Anm. 12.
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um ein und dasselbe gehe: um gerecht oder ungerecht, Heil oder Vernichtung. 923
Indem sie hier im Sinne des Paulus eine Trennung beider Komplexe vornehmen
will - "Spricht Paulus jedoch vom Gericht über Christen, dann fehlt
Rechtfertigungsterminologie"924 -, sieht sie sich in der Lage, sowohl das
Gericht nach den Werken als auch die Rechtfertigung sola gratia radikal ernst
zu nehmen. "Das radikale Gericht dient Paulus vielmehr als Folie für das
Heilsgeschehen, um den Geretteten zu zeigen, aus welchem Gericht sie befreit
sind. "925 Diese, einst sola gratia gerecht gesprochen, werden auch am Jüngsten
Tage sola gratia gerecht gesprochen. Nur der Christ, der aufhört Christ zu
sein, verfällt dem Vernichtungsgericht. Es muß also ein Gericht geben, das
darüber urteilt, 0 b der Christ wirklich Christ war. Dieses Gericht urteilt über
gerecht oder ungerecht, Heil oder Vernichtung. Beim Gericht über den Christen
geht es aber gerade nicht um diese Alternative. "Wenn Gott den freien Dienst
des Christen, sein verantwortliches Partizipieren an Gottes Werk, ernst nimmt,
dann ist ein Gericht über das verschieden gute Werk des Christen,
das verschiedene Maß seines Glaubens notwendig."926 Somit ist das
Gerichtsverständnis des Paulus nicht jüdisch und das Gericht kein Kapitel am
äußersten Rand paulinischer Theologie. 927
LIESELOTTE MATTERN bietet in der Tat eine in sich stimmige, aufgehe~de
Lösung der zunächst so antinomisch erscheinenden Aussagen des Paulus. Aber
es geht doch alles zu glatt auf. Sie erreicht dies nur, indem sie das Gericht
über den Christen so abschwächt, daß es sein eigentliches Gewicht verloren
hat. So spricht CALVIN J. ROETzEL, dessen Werk eJudgement in the Commu-
nity'928 wir gleich noch zu besprechen haben, davon, daß ihre Argumentatiqn
an einigen fundamentalen Schwächen (" some basic weaknesses") leide. Als
deren erste nennt er: "With her tendeney to minimize the importance of
the final judgement for the Christian~ Miss 'Mattern seriously weakens the
eschatological tension which appears to us to run through all of Paul's
judgement thought."929 Symptomatisch zeigt sich die exegetische Einseitigkeit
an ihrer Auslegung von 1 Kor 3,5 H.: "In 1 Kor 3,5 H. bringt Paulus seine
ausführlichste Darstellung des Gerichts über Christen. "930 Aber diese Stelle
handelt doch gar nicht vom ,Christen schlechthin, sondern spezifischer ,vom
Werk des Missionars und Apostels!931
CALVIN J. ROETZEL betrachtet e~ als eine Verzerrung des paulinisthen
Denkens, Glaubensgerechtigkeit und Gericht in einem dialektischen Verhältnis

923 Ib. 54.


924 Ib. 212; Hervorhebung von mir; s. auch 'ibo 58.
925 Ib. 213.
926 Ib. 214; Hervorhebungen von mir.
927 Ib. 215.
928 C. J. ROETZEL,. ]udgement in the Community. A Study of the Relationship between
Eschatology and Ecclesiology in Paul, Leiden 1972.
929 Ib. 88. '
930 MATTERN, op. eiL 168~
931 S. auch die Kritik von K. p, DONFRIEri, ]tlstification ;;ind Last ]udgement in Paul, ZNW
67 (1976), 105.. . , , ,
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zu sehen. "Any attempt to reconcile these n:zotifs may be more of a concern


of the western theologian for consistency than a concern of Paul's."932 Sein
Lösungsvorschlag wird schon im Titel des Buches deutlich: "Judgement in the
Community·. Eschatologie muß im Lichte der Ekklesiologie gesehen werden.
Er spricht von den "corporate aspects of judgement": "This tendency is
apparent in the prominent role the church plays in Paul's judgement
allusions."933 So ist für ROETZEL der glaubende Einzelne im Sinne des Paulus
"first and formost a social being", woraus folgt: "If the old dominion governs
the Christian's style of life, the whole church is implicated by his malfeasance.
On the other hand, if one member of the church betrays his calling the whole ,
church is responsible for his restoration. "934 Die alte Problematik von
theologia crucis und theologia gloriae meldet sich wieder, wenn ROETZEL
erklärt: "As the eschatological community, t he c h ur c h must order her life
accordingly, accepting the present judgement in repentance, exercising it with
love, and thus anticipating the ultima te triumph of God's right-
eousness."935 Was an früherer Stelle (oben S. 2726ff.) bereits über diese
Problematik gesagt worden ist, gilt auch hier. Die Gesamttendenz dieses Buches
dürfte eine zu 'einseitige Betonung des ekklesiologischen Moments sein.
Einen Fortschritt; in der Forschung bedeutet hingegen die von GEORG
STRECKER angeregte Göttinger Dissertation von ERNST SYNOFZIK, "Die Ge-
'richts- und Vergeltungs aussagen bei Paulus. Eine traditionsgeschichtliche Un-
tersuchung·.936 Der Autor ordnet die paulinischen Aussagen zu Gericht und
Vergeltung nicht nach inhaltlich-systematischen Erwägungen" sondern nach
formgeschichtlichen Gesic~tspunkten. 937 Vielleicht darf man fragen, ob er mit
diesem Prinzip nicht zu einseitig verfährt. Die vorgelegten Exegesen sind
methodisch ordentlich angefertigt. Richtig sieht SYNOFZIK, daß Paulu~ den
Gerichts- und Vergeltungsgedanken nie zu einem eigenständigen Thema seiner
Erörterungen geformt, sondern stets nur als Argumentationsmittel verwendet
hat. 938 Er gibt die Uneinheitlichkeit dieser Aussagen zu, erklärt sie aber damit,
daß Paulus den in traditioneller Terminologie ausgedrückten Gedanken des
Gerichtes und der Vergeltung nicht thematisiert hat. 939 Insofern sei dieser
Gedanke kein unüberwundener jüdischer und urchristlicher Rest, als' Paulus
auf ihn bezogene Aussagen durch Interpretfltion in seine Theologie integriert
habe. 940 Als, Ort der Gerichts- und Vergeltungsaussagen nennt SYNOFZTIK

932 ROETZEL, op. cit. 178.


933 Ib. 178; Hervorhebungen von mir.
934 Ib. 178. ,
935 Ib. 178 f.; Hervorhebungen von mir.
936 GTA 8, Göttingen 1977.
937 Ib.5 ,(Vorwort).
938 Ib. 105; ich nenne hier nur seine Exegese von 2 Kor 5,9 f. (ib. 74 -77); ihr Ergebnis (ib.
77): " ... entscheidend (ist) ... die paulinische Interpretation dieser Aussage: Am Leben
des crrol1u entscheidet sich Heil oder Unheil; denn hier ist der Ort des m:pmun:t'v 8111
ntcrtEco<;, ou 8111 E180\)<; (V. 7)."
939 Ib. 105.
940 Ib. 106~,
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Eschatologie, Paränese und Soteriologie. Der Gerichtsgedanke unterliege zwar


in der Paränese am ehesten dem Verdacht, ein Relikt jüdischer Theologie im
corpus Paulinum zu sein. Jedoch sei die Begründung der Paränese mittels
des Lohn-Strafe-Gedankens nur eine Möglichkeit unter vielen. 941 Was die
paulinische Eschatologi,e anbelangt, so sei zu sagen, daß der Apostel seine
eschatologischen Vorstellungen nicht zu einem apokalyptischen System verei-
nigt habe, sondern seine eschatologische Hoffnung vom christologischen Ke-
rygma der Urgemeinde her entfalte. 942 Im Blick auf die Soteriologie gelte:
Paulus nimmt den Topos von der Retterfunktion Christi im Endgericht auf und
interpretiert ihn durch Rechtfertigungsgedanken. Die Rechtfertigungsaussagen
setzen die Gerichtsaussagen voraus; beide bilden einen in sich einheitlichen
Gedanken: "Denn Gott allein wirkt die Rechtfertigung des Menschen durch
seine Gnade, da der Mensch Sünder ist und bleibt und stets des richterlichen
Freispruchs Gottes bedarf. "943 An dieser Stelle müßte das theologische Ge-
spräch mit SYNOFZIK beginnen. Inwiefern blei bt der Mensch Sünder? Meint
dies Paulus in Röm 8 wirklich? An diesem Punkt wird man wohl eine theologi-
sche Defizienz in SYNOFZIKS sonst so erfreulicher Arbeit konstatieren.
KARL PAUL DONFRIED setzt sich in seinem Aufsatz eJustification and
Last Judgement in Pau1'944 zunächst mit relevanter Literatur auseinander
(KÄSEMANN, STUHLMACHER, ZIESLER, KERTELGE). Greifen wir, weil dadurch
DONFRIEDS eigene Position deutlicher wird, dessen Auseinandersetzung mit
PETER STUHLMACHER heraus. Er fragt, ob dieser zutreffend formuliere, wenn
er vom "Problem der doppelten Rechtfertigung"945 spreche. 946 Es sei wohl
hilfreich, den Gehorsam als das Verbindungsglied zwischen Rechtfertigung
und Letztem Gericht zu akzentuieren; doch sei es schließlich nutzlos, von einer
"zur Endrechtfertigung führende(n) und nach des Menschen freistellender Tat
rufende(n) Bewährungsethik"947 zu sprechen, in der der Gehorsam letztlich
unbedeutend und die Enderlösung gesicherter, durch den Schöpfer garantier-
ter Besitz sei ("an assured possession guaranteed by the Creator' s faithful-
ness").948

941 Ib. 107.


942 Ib. 107.
943 Ib. 108.
944 ZNW 67 (1976), 90-110.
945 STUHLMACHER, Gerechtigkeit Gottes bei Paulus, 229; DONFRIED zitiert dann diesen (ib.
230 f.): "Die Lösung liegt für Paulus darin, daß er das Gericht nach den Werken für den
Christen als Gericht über die diesem noch anhaftende crap~ versteht, daß ihm aber die
Taufgabe des Geistes pfand und Siegel für die auch das Gericht überdauernde Treue des
Schöpfers zu dem Getauften bleibt!"; er kritisiert aber diesen Spitzensatz STUHLMACHERS,
weil er ohne wirkliche exegetische Begründung gewonnen sei. Hinzufügen sollte man
noch die Frage, ob man wirklich von anhaftender crap~ im Sinne des Paulus sprechen
darf. Ist nicht der Mensch crap~, insofern er noch unter der Herrschaft der u/laptia
steht? Und: Ist die Ta ufgabe des Geistes allein Pfand und Siegel? Muß hier nicht unbedingt
der Glaube auch noch erwähnt werden?
946 DONFRIED, ZNW 67 (1976), 95.
947 STUHLMACHER, op. cit. 235.
948 DONFRIED, ZNW 67 (1976), 95.
PAULUSFORSCHUNG SEIT 1945 '2779

STUHLMACHERS Formulierung von der "doppelten Rechtfertigungslehre"


ist in der Tat äußerst problematisch. 949 DONFRIED erklärt: " ... he himself does
not present a consistent or persuasive solution to the problem. "950 Doch seine
eigene Lösung ist in nicht geringerem Maße problematisch, da er zwischen
"justification" und "salvation" überaus scharf unterscheiden möchte. 951 "Jus ti-
fication" ist "a past event", "sanctification" "a present" und "salvation" "a
future event".952 Zwar verklammert DONFRIED alle drei Begriffe auch tempo-
ral. Trotzdem: "Justification is the beginning of the Christian life, salvation
its consummation and fulfillment. "953 SYNOFZIK bemerkt zu Recht, daß dieses
nach Zeitstufen gegliederte Schema die für Paulus charakteristische zeitliche
Koinzidenz von "schon und noch nicht" in den Heilsaussagen aufhebt. 954

Immer noch umstritten ist die Frage, ob die in 1 Thess sicher nachweisbare
Naherwartung nur für diesen Brief, der im allgemeinen als der älteste
Paulusbrief angesehen wird, zutrifft oder ob Paulus sie bis zu seinem Ende
durchgehalten hat. Mit anderen Worten, hat Paulus im Blick auf seine eschato-
logischen Vorstellungen, im Blick auf sein eschatologisches Denken eine theo-
logische Entwicklung durchgemacht? Die wichtigsten für diese Fragestel-
lung zu berücksichtigenden Stellen sind: 1 Thess 4,13 -18; 5,1-11; 1 Kor 15;
2 Kor 5,1-10; Phil 1,23; 3,20 f.; Röm 13,11-14. Die Frage, ob Paulus an
der Naherwartung auch nach 1 Thess festgehalten hat, kann allerdings nur
beantwortet werden, wenn ihre Interdependenz mit anderen Fragen, haupt-
sächlich biographischen und einleitungswissenschaftlichen, berücksichtigt
wird; vor allem, ob unterschiedliche eschatologische Aussagen durch die jewei-
ligen Gegner bedingt sind, mit denen sich Paulus gerade auseinandersetzt, oder

949 Vielleicht erinnert man sich daran, daß auf dem Regensburger Reichstag 1541 der 5.
Artikel (über die Rechtfertigung) des Regensburger Buches von der "duplex iustitia"
sprach (dazu HUBERT JEDIN, Das Konzil von Trient I, Der Kampf um das Konzil,
Freiburg 21951, 308 f.). Hier geht es freilich um die Gleichzeitigkeit zweier iustitiae.
Doch steckt in der Formel "duplex iustitia" strukturell die gleiche Problematik wie in
STUHLMACHERS Formulierung von der "doppelten Rechtfertigung", da es beide Male um
die Frage nach dem Verhältnis von Tun Gottes und Tun des Menschen geht. Gegenüber
der Regensburger Formel besteht aber das Bedenkliche an STUHLMACHERS Formulierung
darin, daß durch das zeitliche Auseinanderreißen das Tun Gottes hier und heute irgendwie
relativiert wird, das Problematische der Regensburger Formel hingegen darin, daß Tun
Gottes und Tun des Menschen zumindest als komplementäre Größen mißverstanden
werden können. Dennoch meine ich sagen zu dürfen - es sei nur am Rande
vermerkt -, daß die Regensburger Formel eine Einigung in der Rechtfertigungslehre
zwischen Katholiken und Protestanten hätte artikulieren können. Aber 1541 ging die
eigentliche Auseinandersetzung schon nicht mehr um den articulus stantis et cadentis
ecclesiae! Ekklesiologisch-sakramentale Fragen hatten bereits den ureigensten theologi-
schen Streitpunkt der Reformation überlagert. Und cl a r i n liegt heute noch die Tragik
der christlichen Spaltung!
950 DONFRIED, ZNW 67 (1976), 95.
951 Ib. 95.
952 Ib. 102; Hervorhebungen von mir.
953 Ib. 104.
954 SYNOFZIK, op. cit. 152.