Sie sind auf Seite 1von 3

Deutschland-Knigge II

Schnellkurs für Ausländer

Deutsche Autobahnen, Wurstsorten, Neuschwanstein und die Tradition von Kaffee und Kuchen – es
gibt vieles, über was Ausländer in unserem Land staunen.
Klischees, Vorurteile und Stereotypen mögen dumm und undifferenziert sein, aber sie enthalten auch
immer ein Körnchen Wahrheit. Vor allem die englischsprachige Reiseliteratur beschreibt uns gerne als
pessimistisch, ordnungsliebend und zerrissen. Mit Lust reden wir über Krisen (z.B. Konjunktur), haben
Angst vor dem Chaos (z.B. zu viele Ausländer) und zweifeln an uns selbst.

Andererseits staunen viele über uns: unsere vielen Brot- und Wurstsorten, die Sauberkeit und
Sicherheit. Bewunderung ernten wir für unsere Autos, Neid gar für unsere Autobahnen. Ausländische
Besucher finden vieles an der Bundesrepublik faszinierend. Millionenfach pilgern sie nach Heidelberg
und Weimar, genießen unseren Kaffee und Kuchen und schwärmen von Neuschwanstein und dem
Rhein.

Brot und Wurst

Colourbox.deDer Klassiker: Weißwürste und Brezel


„Deutsches Brot ist feucht, besitzt einen starken Eigengeschmack und kommt in allen Größen und
Formen vor“, schreibt der „Rough Guide Germany“. Vor allem die vielen Graubrotsorten lösen
Verwirrung aus, während Pumpernickel und Brezel schlichtweg als exotisch eingestuft werden.

Dem „Lonely Planet Germany“ fallen die vielen regionalen Begriffe für frische Brötchen (norddeutsch)
auf: Semmeln in Bayern, Wecken im Rest von Süddeutschland und Schrippein Berlin. Mit einem
gewissen Respekt berichtet die Reisebibel, dass es in der Bundesrepublik rund 200 Brot- und 1500
Wurstsorten gibt.

Zu den Spezialitäten, die es zu probieren gilt, zählt selbstverständlich die etwas „gummiartige“ (Lonely
Planet) Weißwurst in Bayern, die man am besten mit einem frischen Weißbier herunterspült.

Kreislaufstörung

Jedes Land hat seine eigenen Leiden. Bei uns Deutschen ist das die Kreislaufstörung, der wir
Schwindel, Kopfweh und Müdigkeit zuschreiben. „Culture Shock Germany“ führt unsere Sorge um den
Kreislauf darauf zurück, dass wir überhaupt ziemlich um unsere Gesundheit besorgt seien. Deshalb
könne es in Deutschland auch passieren, dass die Höflichkeitsfrage „Wie geht es?“ mit einem kurzen
Bericht über den Gesundheitszustand des Gefragten beantwortet werde.

Ordnung und Schubladen

Kein Zweifel, im Ausland sagt man uns eine gewisse Leidenschaft für Ordnung nach. Wir lieben
Effizienz und Geräte, die auch funktionieren. Es ist uns ein Rätsel, warum man in anderen Ländern
abbröckelnde Fassaden nicht streicht, Autos nicht wäscht und kaputte Dinge nicht repariert.

Dieser Ordnungssinn geht einher mit der Neigung, alles zu sortieren und fein säuberlich zu trennen.
Man kann auch etwas abwertend von „Schubladendenken“ sprechen. So trennen wir beispielsweise
deutlich zwischen Privat- und Arbeitsleben, Freunden und Bekannten, Pflicht und Spaß, zu Hause
haben wir für jeden Zweck ein Zimmer bzw. jedes Ding hat seinen Platz.

Der Grund für unseren Ordnungssinn liegt „Culture Shock Germany“ zufolge in der Sehnsucht nach
Sicherheit, die es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der deutschen Geschichte (zwei
Weltkriege, Weimarer Republik, Wirtschaftskrise) nicht gab.

Mülltrennung und Altpapier

Colourbox.deUnsere Lust, Müll zu trennen, ist weithin bekannt


In Deutschland wirft niemand Müll einfach nur weg, sondern er trennt ihn. Kein Zweifel, wir sind
Weltmeister in diesem Metier. Glas muss zu Glas, nach Farbe geordnet, Papier zu Papier,
Weichplastik zu Weichplastik, Folie zu Folie, Dosen zu Dosen. Und bitte bloß nicht falsch sortieren! In
die Bio-Tonne darf nun wirklich kein Hartplastik! Auch nicht versehentlich!

Am besten, man vermeidet Müll ganz und gar. Franzosen zum Beispiel belächeln gerne unsere Manie
mit Leinentaschen statt Plastiktüten einzukaufen. Steht dann noch „Bio …“ drauf, dann ist der Ruf vom
deutschen Öko-Schluffi komplett. So ein Mensch kauft auch ganz sicher nur Toilettenpapier aus
Altpapier und wäscht mit umweltfreundlichem Waschpulver …

Wessis und Ossis

Was wir gar nicht mögen, aber für Ausländer nicht leicht ist: Ein Wessi wird extrem ungern für einen
Ossi gehalten, und umgekehrt. Obwohl die Wiedervereinigung 1989 längst Geschichte ist – der
Unterschied und bisweilen die Ressentiments zwischen Wessis und Ossis bestehen immer noch.

Wir unterscheiden also nicht nur deutlich zwischen Deutschen, Ausländern und Gastarbeitern. In
gewisser Weise verläuft unverändert eine unsichtbare Grenze quer durch die Republik entlang der
ehemaligen Zonengrenze.

Auto und Autobahn

BMW, VW und Mercedes mögen wirtschaftlich in der Klemme stecken, aber wenn wir für eines im
Ausland bewundert werden, dann sind es unsere Autos. Deutsche Ingenieure – Gottlieb Daimler, Karl
Benz, aber auch der Österreicher Ferdinand Porsche – waren geniale Tüftler und haben
Autogeschichte geschrieben.

Autos bleiben das Statussymbol der Deutschen schlechthin. Logisch, dass der Fetisch möglichst
immer in perfektem Zustand sein muss. Ein Kratzer im Lack ist wie ein Kratzer im Selbstwertgefühl.

Noch mehr staunen Besucher über den guten Zustand unserer Straßen und vor allem über die
Autobahnen. Davon haben wir reichlich: über 12 000 Kilometer! Und unvorstellbar für viele: keinerlei
Geschwindigkeitsbeschränkung. Mancher Gast aus Amerika bzw. Asien erfüllt sich deshalb einen
Traum und mietet einen Flitzer, um einmal im Leben mit 200km/h über deutsche Highways zu rasen.

Kinder und Hunde

Wir sollen mehr Nachwuchs produzieren, wir sterben ja aus. Aber abgesehen davon, dass immer noch
die einfachsten Voraussetzungen für arbeitende Mütter fehlen, sind wir nicht das kinderfreundlichste
Land der Welt. Dazu muss man nur einmal die genervten Blicke Erwachsener angesichts schreiender
Kinder erleben. Um den Standort von Kinderspielplätzen wird vor Gericht gestritten, weil Anlieger den
Lärm nicht wollen. Ach, wären die lieben Kleinen doch bloß nicht so laut und so schmutzend!

Anders dagegen verhält es sich mit unserer Liebe zu Hunden. Die dürfen alles. Auch in Restaurants.
Es gibt anscheinend keine Hygienevorschriften, die verbieten, dass sabbernde
Schäferhundschnauzen auf dem Tisch liegen und auf Leckerbissen warten. Oder dass haarende
Kleinhunde auf der Bank neben Oma sitzen und ebenfalls mitessen. Auf den Gedanken, dass dies
den Tischnachbarn ekeln könnte, kommt in der Bundesrepublik keiner.

Skinheads und Ausländer

Seit Ende der 80er-Jahre sind fast 100 Menschen in der Bundesrepublik an den Folgen rassistischer
Gewalt gestorben. Wenn ausländerfeindliche Männer Opfer mit dunkler Hautfarbe fast totschlagen,
dann ist das englischen Zeitungen eine Schlagzeile wert. Dann werden wir Deutsche gnadenlos an
unsere Nazi-Vergangenheit erinnert.

„Culture Shock Germany“ stellt zu diesem sensiblen Thema fest, dass wir Personen, die nicht hier
geboren sind, immer noch misstrauisch und verständnislos begegnen. Sie erhalten ja auch nicht wie
zum Beispiel in den USA oder Frankreich automatisch die Staatsbürgerschaft. Einer Umfrage zufolge
seien 15 Prozent der Deutschen fremdenfeindlich und 15 Prozent antisemitisch gesinnt.

Mit Erstaunen bemerken die Reiseführer auch, dass bei uns ein Brite oder Schwede nicht mehr als
„Ausländer“ wahrgenommen wird. Der Begriff aber immer öfter angewandt wird, je dunkler die
Hautfarbe der jeweiligen Person ist. Ein Brite pakistanischen Ursprungs wird also sehr wohl als
„Ausländer“ bezeichnet.

Pessimismus und Angst

Ein Klischee, das von uns beständig kolportiert wird, ist, dass wir uns immer Sorgen machen. Weil wir
angesichts unserer Geschichte wissen, wie schief die Dinge gehen können, unterstellt man uns gerne
Schwarzmalerei. Unsere Republik befindet sich permanent am Rande des Zusammenbruchs. Selbst
dann, wenn es uns gut geht. „Xenophobe’s guide to the Germans“ spricht gar von Deutschland als ein
Land voller Angst und zitiert einen Reisenden aus dem 19. Jahrhundert: „… sie finden überall
Hindernisse, und man wird hundertmal hören ‚das geht nicht’ …“

Service und Ladenschluss

Lange Zeit war Service für uns ein Fremdwort. Selbst Einheimische fühlten sich bisweilen von
Beamten, Verkäufern und anderen Dienstleistern geradezu misshandelt. An eine Änderung der
strikten Ladenschlusszeiten war nicht zu denken. Wir hatten zu kaufen, wann es den Gewerkschaften,
Ladenbesitzern und Kaufhäusern passte.

Aber Wirtschaftskrisen haben auch ihre Vorteile. Wir haben dazugelernt. Wir haben nicht nur für die
Fußball-WM 2006 10 000 Polizisten und Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes in Knigge-Kurse
geschickt. Wir haben schon lange davor begonnen, freundlicher zu werden.

Zwar sind wir auch heute noch nicht die routiniertesten Dauerlächler vom Dienst – wir wollen
schließlich authentisch bleiben. Aber einkaufen kann man bei uns schon lange sechs Tage die Woche.
Danach ist es nur noch eine Frage der Zeit, wann das Ladenschlussgesetz ganz gestrichen wird.