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92. Jahrgang   Nr. 4 / 2019 Fr. 12.

Die Volkswirtschaft
Plattform für Wirtschaftspolitik

INTERVIEW EINBLICK ENTWICKLUNGSHILFE DOSSIER


ILO-Direktor Guy Ryder Frühkindliche Förderung Mit Privatinvestitionen Werben für die Schweizer
zur Zukunft der Arbeit zahlt sich aus erneuerbare Energien Wirtschaft
24 32 erschliessen 41
34

FOKUS
100 Jahre Dialog:
Wichtiger HINWEIS !
Innerhalb der Schutzzone (hellblauer Rahmen) darf
Die Internationale
Arbeitsorganisation
kein anderes Element platziert werden!
Ebenso darf der Abstand zu Format- resp. Papierrand
die Schutzzone nicht verletzen!
Hellblauen Rahmen der Schutzzone nie drucken!
Siehe auch Handbuch
„Corporate Design der Schweizerischen Bundesverwaltung“
Kapitel „Grundlagen“, 1.5 / Schutzzone
www. cdbund.admin.ch
EDITORIAL

Warum braucht es die ILO?


«Der Weltfriede kann auf die Dauer nur auf sozialer Gerechtigkeit aufgebaut
werden»: Dieser Satz steht zuoberst in der Verfassung der Internationalen
Arbeitsorganisation (ILO) aus dem Jahr 1919. Im Kontext des Ersten Weltkriegs
und der bolschewistischen Revolution gegründet, bringt die ILO Arbeitgeber,
Arbeitnehmer und Regierungen zusammen.
Seit der Gründung der ILO haben sich die Arbeits­
bedingungen enorm verbessert. In 189 Übereinkommen
sind arbeitsrechtliche Grundsätze festgehalten. Eine
Herausforderung bleibt der Schutz der informellen
Erwerbstätigkeit, beispielsweise von Strassenhändlern
oder Heimarbeiterinnen. Weltweit gesehen arbei-
ten drei von fünf Menschen in Bereichen, die nicht
staatlich registriert und geschützt sind. Gefordert
ist die ILO auch angesichts schwächelnder Arbeit-
nehmerverbände, zersplitterter Arbeitgeberverbände
und schwerfälliger bürokratischer Strukturen.
ILO-Generaldirektor Guy Ryder sagt im
­Interview, der soziale Dialog stosse auf weniger
­Akzeptanz als früher. Deshalb ruft er zu einer Stärkung des Gesellschafts-
vertrags auf. An der Jubiläumskonferenz im Juni sollen die Delegierten eine
Erklärung zur Zukunft der Arbeit und der Rolle der ILO diskutieren.
Die Schweiz war von Anfang an aktiv dabei. Sie hat die acht Kernabkommen
(Zwangsarbeit, Lohngleichheit, Vereinigungsfreiheit etc.) ratifiziert. Welche
­Kriterien bei der Ratifikation erfüllt sein müssen, erläutert Botschafterin Valérie
Berset Bircher in ihrem Beitrag. Der Neuenburger Rechtsprofessor Jean-­Philippe
Dunand stellt einen Kurswechsel des Bundesgerichts fest: Seit Kurzem beziehen
die Bundesrichter die ILO-Übereinkommen in die Rechtsprechung mit ein.

Wir wünschen Ihnen eine aufschlussreiche Lektüre.


Susanne Blank und Nicole Tesar
Chefredaktorinnen «Die Volkswirtschaft»
INHALT

8 34

FOKUS

ILO: 100 Jahre sozialer Dialog


4 Die soziale Gerechtigkeit 8 Mehr Gerechtigkeit am 13 Schweiz will ILO-­Überein­
fördern: Die ILO von 1919 Arbeitsplatz: Eine Roadmap kommen modernisieren
bis heute Damian Grimshaw Valérie Berset Bircher
Internationale Arbeitsorganisation Staatssekretariat für Wirtschaft
Sandrine Kott
Universität Genf

16 ILO-Übereinkommen und 18 Digitalisierung bringt


Schweizer Arbeitsrecht: Sozialpartnerschaft unter
Ein neuer Ansatz Druck
Jean-Philippe Dunand Kurt Pärli
Universität Neuenburg Universität Basel
Anne Meier
MSS Law

21 Gute Arbeitsbedingungen 29 STANDPUNKT


fördern die Produktivität Die ILO ist zentral für die
Monica Rubiolo
Staatssekretariat für Wirtschaft
Schweiz
Luca Cirigliano
Schweizerischer ­Gewerkschaftsbund

30 STANDPUNKT 31 4 FRAGEN
100 Jahre tripartiter Dialog «Eine einmalige Chance 24 INTERVIEW
Marco Taddei für die Schweiz» «Der Aufwand lohnt sich»
Schweizerischer Arbeitgeberverband
Jean-Jacques Elmiger
Staatssekretariat für Wirtschaft Im Gespräch mit Guy Ryder, ILO-Direktor

59 WIRTSCHAFTSZAHLEN  61 VORSCHAU   61 IMPRESSUM


INHALT

42 53 12

THEMEN

Kinder, Klima und Arbeitslosigkeit


32 EINBLICK 34 ENTWICKLUNGSZUSAMMENARBEIT 38 A RBEITSLOSENQUOTE
Frühkindliche Förderung Dringend gesucht: Wirkungs­ Das interkantonale
lohnt sich volle Privat­investitionen Arbeitslosigkeits­gefälle
Günther Fink für Klimaprojekte schwankt stark
Universität Basel
Patrick Renz George Sheldon, Elena Shvartsman
Staatssekretariat für Wirtschaft Universität Basel

60 INFOGRAFIK
Notenbanken weiten Bilanzen
stark aus

DOSSIER

Werben für die Schweizer Wirtschaft


42 Export fördern und Standort 45 Schweizer Exportwirtschaft 48 Alle unter einem Dach
stärken trotzt allen Widrigkeiten Daniel Rüger
Eric Jakob, Annette Spoerri Ronald Indergand, Vincent Pochon Eidgenössisches Departement für
Staatssekretariat für Wirtschaft Staatssekretariat für Wirtschaft auswärtige Angelegenheiten

51 Wie die Bündner Nusstorte 53 Erfolgreiche Handels­ 56 STANDPUNKT


nach Korea kam förderung in einer Welt des Bessere Absprache
Martina Gmür Wandels mit Kantonen
Switzerland Global Enterprise
Anne Chappaz
Matthias Schnyder
International Trade Centre
Volkswirtschaftsdirektorenkonferenz

57 STANDPUNKT 58 STANDPUNKT
Wettbewerbsfähigkeit Keine exzessive
verbessern Exportförderung nötig
Claudia Moerker Stefan Brupbacher
Swiss Export Swissmem
INTERNATIONALE ARBEITSORGANISATION

Die soziale Gerechtigkeit fördern:


Die ILO von 1919 bis heute
Seit ihrer Gründung setzt sich die Internationale Arbeitsorganisation für mehr soziale
Gerechtigkeit ein. Sie hat sich dabei stetig weiterentwickelt. In einer Welt, in der niedrige
Lohnkosten einen kurzfristigen Wettbewerbsvorteil darstellen, stösst sie allerdings auf
Widerstand.  Sandrine Kott

Abstract    Der Verfassung der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) führt, die die begriffliche Grundlage bilden. In
von 1919 liegt die Überzeugung zugrunde, dass der Weltfrieden nur mit so- der Präambel wird betont, eine Verbesserung
zialer Gerechtigkeit bewahrt werden kann. Die ILO ist seit ihrer Gründung der Arbeitsbedingungen sei dringend erforder-
durch den wirtschaftlichen Wettbewerb zwischen Nationalstaaten ge- lich – etwa durch «Regelung der Arbeitszeit, ein-
prägt und beruhte ursprünglich auf den Gesetzgebungen der nördlichen
schliesslich der Festsetzung einer Höchstdauer
Länder. Doch seither hat sie sich weiterentwickelt. In einer Welt, in der die
Idee der sozialen Gerechtigkeit immer wieder infrage gestellt wird, bleibt
des Arbeitstages und der Arbeitswoche, Rege-
sie als Institution unerlässlich. lung des Arbeitsmarktes, Verhütung der Arbeits-
losigkeit, Gewährleistung eines zur Bestreitung
des Lebensunterhaltes angemessenen Lohnes,

N  ach dem Ersten Weltkrieg setzten die Sie-


germächte eine Kommission für inter-
nationales Arbeitsrecht ein. Damit reagierten
Schutz der Arbeitnehmer gegen allgemeine und
Berufskrankheiten sowie gegen Betriebsunfäl-
le». Weiter werden Massnahmen zum Schutz
sie auf die Forderungen der Gewerkschaften von Kindern, Jugendlichen und Frauen verlangt.
zu Kriegszeiten. Zudem kursierten Ängste vor Weitere Forderungen sind die Vorsorge für Alter
der bolschewistischen Revolution. Im Jahr 1919 und Invalidität, der Schutz der Interessen der im
gründeten die Siegermächte die Internationale Ausland beschäftigten Arbeitnehmer, die An-
Arbeitsorganisation (ILO). Die ILO-Verfassung, erkennung des Grundsatzes «Gleicher Lohn für
die den Abschnitt XIII des Versailler Vertrags gleiche Arbeit», die Anerkennung des Grundsat-
bildet, beginnt mit den Worten: «Der Weltfriede zes der Vereinigungsfreiheit sowie die Regelung
kann auf die Dauer nur auf sozialer Gerechtig- des beruflichen und technischen Unterrichtes
keit aufgebaut werden.» Aufgrund ihres Engage- und ähnliche Massnahmen.
ments für soziale Gerechtigkeit als Vorausset- Um diese Ziele zu erreichen, erarbeiteten die
zung für den Weltfrieden wurde der ILO im Jahr Mitglieder eine Art globales Arbeitsrecht. Die-
1969 der Friedensnobelpreis verliehen. ses besteht mittlerweile aus 189 Übereinkom-
Doch: Um welche Art von sozialer Gerechtig- men. Jedes Übereinkommen muss dabei vom
keit geht es hier? Und wie hat sich das Verständ- Parlament der einzelnen Mitgliedsstaaten ra-
nis der sozialen Gerechtigkeit in den 100 Jahren tifiziert werden. Hinzu kommen 205 Empfeh-
des Bestehens der ILO entwickelt, in denen die lungen, die nicht rechtsverbindlich sind. In der
Zahl ihrer Mitglieder von 44 im Jahr 1919 auf 187 Zwischenkriegszeit standen solche Normen im
im Jahr 2019 gestiegen ist? Zentrum der Aktivitäten der ILO: Knapp ein
Drittel der 189 derzeit geltenden Übereinkom-
Ein globales Arbeitsrecht men wurde zwischen 1919 und 1939 ausgearbei-
tet. Bis heute beruht die normative Arbeit auf
Da innerhalb der ILO keine theoretischen Dis- einem nutzbringenden Austausch zwischen
kussionen über den Begriff «soziale Gerechtig- dem Internationalen Arbeitsamt – dem ILO-­
keit» geführt werden, lohnt sich ein Blick auf Sekretariat – und den nationalen Verwaltungen.
die Verfassung von 1919. Dort sind Ziele aufge- Auf dieser Grundlage erarbeitete sich die ILO

4  Die Volkswirtschaft  4 / 2019
Beschäftigte ohne Arbeits-
vertrag sind nicht durch
ILO-­Übereinkommen
geschützt: Melonen­
verkäuferin in Myanmar.
ALAMY
INTERNATIONALE ARBEITSORGANISATION

ein a­ nerkanntes ­Fachwissen. Die Zahl der Ex- daher für das Funktionieren der ILO zentral. Die
perten des Internationalen Arbeitsamtes, wel- Vereinigungsfreiheit und der Schutz des Ver-
che dieses Fachwissen den Mitgliedsstaaten zur einigungsrechts sind in einem ILO-Überein-
Verfügung stellen, stieg von 400 im Jahr 1931 auf kommen von 1948 geregelt. Seit 1951 stellt ein
mittlerweile rund 2700. Kontrollausschuss sicher, dass dieses Kernüber-
Am Ende des 19. Jahrhunderts versuchten einkommen eingehalten wird.
mehrere Bewegungen, die soziale Frage zu lö-
sen. Zur Entwicklung des sozialreformistischen Regulierung für den Norden?
Programms – und des Arbeitsrechts – haben
drei Strömungen beigetragen: der reformisti- Die Vorstellung von sozialer Gerechtigkeit wird
sche Sozialismus, das soziale Christentum und seit 1919 im Kontext des wirtschaftlichen Wett-
die Bewegungen der liberalen Sozialreform. Alle bewerbs zwischen Nationalstaaten verstan-
drei Strömungen organisierten sich internatio- den. In der Präambel steht: «Auch würde die
nal in mehreren Vereinigungen. Die einfluss- Nichteinführung wirklich menschenwürdiger
reichste war die Internationale Vereinigung für Arbeitsbedingungen durch eine Nation die Be-
gesetzlichen Arbeiterschutz, die ihren Sitz ab mühungen anderer Nationen um Verbesserung
1901 in Basel hatte. Ihre Bibliothek, ihr Personal des Loses der Arbeitnehmer in ihren Ländern
und ihre Sozialagenda wurden später von der hemmen.» Somit gehört die soziale Regulierung
ILO übernommen. Indem der erste Direktor des der wirtschaftlichen Globalisierung von Anfang
Internationalen Arbeitsamtes, der französische an zum Selbstverständnis der ILO. Allerdings
Sozialist Albert Thomas, die unterschiedlichen beschränkte sie sich zunächst auf die trans­
Strömungen aufeinander abzustimmen ver- atlantischen kapitalistischen Länder.
mochte, sicherte er der ILO das Überleben und Die Normen spiegelten zunächst weitgehend
ermöglichte ihre Weiterentwicklung. den Stand der Gesetzgebungen in wirtschaftlich
Die erwähnten sozialreformistischen Strö- entwickelten Weltregionen. Für die Kolonien
mungen stimmten in zwei Punkten überein. Ers- waren Ausnahmeregelungen vorgesehen, und
tens war man sich einig, dass die kapitalistische die «peripheren» europäischen, lateinamerika-
Industrialisierung zur Massenarmut führt – und nischen und asiatischen Staaten argumentier-
dass die Massenarmut politische und soziale Un- ten, der Entwicklungsstand ihres Landes erlau-
ruhen begünstigt. Und zweitens: Diese soziale be es ihnen nicht, bestimmte Übereinkommen
Frage kann – und muss – man mit Reformen in- zu ratifizieren, die für die westlichen Industrie-
nerhalb der bestehenden politischen und wirt- länder konzipiert worden seien. Ab den Dreissi-
schaftlichen Ordnung bekämpfen. Die ILO-Ver- gerjahren unterstützte die ILO die wirtschaft-
fassung will diese Reformen mit Arbeiterschutz, lich und sozial weniger entwickelten Länder bei
Umverteilung und Kollektivverhandlungen um- ihrem Bestreben, Sozialgesetzgebungen zu er-
setzen: Dieser Grundsatz gilt bis heute. lassen, die mit den Normen der ILO vereinbar
Sozialpartnerschaft und Kollektivverhand- sind. Bei der ILO war man zur Einsicht gelangt,
lungen bilden die liberale Basis der ILO – und dass ein Wettbewerb zwischen ungleichen So-
dazu braucht es organisierte Sozialpartner. Die- zialsystemen das Ziel der sozialen Gerechtigkeit
se Vorstellung ist in der dreigliedrigen Struktur gefährde. Fachunterstützung bei der Einfüh-
der Organisation verankert: Regierungsvertre- rung von entsprechenden Sozialmodellen leis-
ter, Arbeitnehmende und Arbeitgebende aus den teten die ILO-Experten zunächst auf dem Bal-
Mitgliedsstaaten der ILO treffen sich jedes Jahr kan und anschliessend in Lateinamerika und in
zur Internationalen Arbeitskonferenz, welche Asien.
man als das ILO-Parlament bezeichnen könnte. Doch der weltweite Export von europäischen
Der ebenfalls dreigliedrige Verwaltungsrat, die Normen stiess rasch an seine Grenzen. Kritik
Exekutive, tagt vier Mal jährlich. Diese «tripar- erntete er insbesondere in den ehemaligen Ko-
tite» Struktur bedingt organisierte Sozialpart- lonien, die nach dem Zweiten Weltkrieg un-
ner. Die Vereinigungsfreiheit, die in der Präam- abhängig wurden. Statt Unterstützung bei der
bel der Verfassung von 1919 festgehalten ist, ist Sozialgesetzgebung forderten die Ex-Kolonien

6  Die Volkswirtschaft  4 / 2019
FOKUS

Entwicklungshilfe – womit die Frage der sozia- geschränkt, dass die ILO nicht alle Arbeit-
len Gerechtigkeit eine neue Dimension erhielt. nehmenden und nicht alle in gleichem Masse
Einige Regierungen begründeten ihre Forderun- vertritt und schützt. Lohngleichheit für Frau-
gen mit dem Anspruch auf Wiedergutmachung en und Männer ist zwar schon 1919 in der Ver-
für begangene Kolonialverbrechen. fassung der ILO verankert. Trotzdem wurden
Massnahmen zur fachlichen Unterstüt- Frauen innerhalb der Organisation lange Zeit
zung von Entwicklungsländern bildeten ab den marginalisiert. Diskriminierend wirkten auch
Fünfzigerjahren die Haupttätigkeit der ILO. Ihr geschlechterspezifische Regelungen in einzel-
Zweck bestand nicht darin, den Wohlstand um- nen Übereinkommen – wie das Nachtarbeits-
zuverteilen, sondern Fachwissen zu verbreiten, verbot von 1919, mit dem sie von bestimmten
um die wirtschaftliche Entwicklung zu fördern Berufen ausgeschlossen wurden. Gar nicht
und den südlichen Ländern die Möglichkeit zu unter die ILO-Übereinkommen fallen zudem
geben, ihren Platz im globalen Wirtschaftswett- Arbeitskräfte ohne Arbeitsvertrag (informel-
bewerb zu finden. Dabei ist die ILO im Rahmen le Beschäftigte), zu denen derzeit beispielswei-
des Entwicklungsprogramms der Vereinten Na- se fast 90 Prozent der Arbeitnehmenden in In-
tionen (UNDP) hauptsächlich für die Berufsbil- dien gehören.
dung und für Schulungen von Führungskräften Aus Sicht von sozial Benachteiligten gibt
zuständig. Seit 1965 bietet das Ausbildungszen- es auch positive Beispiele zu vermelden, etwa
trum der ILO in Turin Kurse für Führungskräfte das Übereinkommen über menschenwürdi-
aus Entwicklungsländern an. ge Arbeit für Hausangestellte von 2011. Zur
Zielgruppe dieses Übereinkommens gehö-
Soziale Gerechtigkeit: Nicht für alle ren grossmehrheitlich Frauen, von denen vie-
le einen Migrationshintergrund haben. Diese
Doch das Ziel der wirtschaftlichen und sozia- Migrantinnen, die in ihren Herkunftsländern
len Entwicklung geriet rasch in Konflikt mit weitgehend ausgegrenzt wurden, haben das
dem Ziel der sozialen Gerechtigkeit. Viele Ent- Übereinkommen genutzt, um besonders ge-
wicklungsstaaten betrachteten tiefe Löhne und fährdeten Rechten zum Durchbruch zu verhel-
einen geringeren Sozialschutz als Wettbewerbs- fen. Ihre Mobilisierung unterstreicht die Be-
vorteil auf den Weltmärkten. Auf Druck von Re- deutung der Arbeit der ILO in einer Welt, in der
gierungen und Wirtschaftseliten dieser Länder Regulierungen und die soziale Gerechtigkeit
passte die ILO deshalb ihre Übereinkommen an. seit den Achtzigerjahren grundlegend infrage
So wurden beispielsweise beim Übereinkom- gestellt werden.
men über die Mindestnormen der sozialen Si-
cherheit von 1952 die ursprünglichen Normen
nach unten korrigiert. Auch das ILO-Weltbe-
schäftigungsprogramm der Siebzigerjahre ge-
wichtete die humanitäre Hilfe höher als sozia-
le Gerechtigkeit, wie sie in der Verfassung von
1919 definiert ist. Das Programm wollte in erster
Linie menschliche Grundbedürfnisse wie Nah-
rung, Wohnen, Gesundheit, Bildung decken. Sandrine Kott
Schliesslich wurde das Ziel der sozialen Ge- Professorin für Europäische Zeitgeschichte,
Universität Genf
rechtigkeit von vornherein auch dadurch ein-

Die Volkswirtschaft  4 / 2019  7
INTERNATIONALE ARBEITSORGANISATION

Mehr Gerechtigkeit am Arbeitsplatz:


Eine Roadmap
Die Internationale Arbeitsorganisation widmet sich seit 100 Jahren dem Schutz der
­Erwerbstätigen. Angesichts der Umwälzungen auf dem Arbeitsmarkt muss der Gesell-
schaftsvertrag neu formuliert werden.  Damian Grimshaw

Abstract    Arbeitnehmer, Unternehmer und Regierungen sind angesichts Plattformen wie Amazon, Mechanical Turk
des technologischen Fortschritts, des Klimawandels und demografischer und Microworkers angeboten werden.
Veränderungen gefordert. Hinzu kommen Einkommensunterschiede, die Wenn wir die Vielzahl technologischer Ver-
Diskriminierung von Frauen und der wachsende Einfluss der Finanzmärk- änderungen aus der Vogelperspektive betrach-
te auf die Realwirtschaft. Die Global Commission on the Future of Work der
ten, sehen wir, dass Arbeitsplätze ersetzt, neue
Internationalen Arbeitsorganisation hat anlässlich des 100-Jahr-­­Jubiläu­
ms der Organisation eine Roadmap erstellt, um auf diese Herausforderun- geschaffen und viele verändert werden. Dabei
gen zu reagieren. Erstens sind neue Arbeitsmarktinstitutionen notwendig, drängt sich jedoch das Gefühl auf, dass diese Ver-
um eine weitere Vermarktung der Arbeit als Ware zu verhindern. Zweitens änderungen nicht vom Menschen gesteuert sind
muss der Mensch in der Wirtschaftspolitik stärker im Zentrum stehen, und und soziale Gerechtigkeit kaum von Bedeutung
der Steuerwettbewerb muss gebremst werden. Und drittens sollen alle ist. Eine häufige Frage von Regierungen an die
Menschen ein Recht auf lebenslanges Lernen und Weiterbildung haben – ILO lautet daher: Wie kann man eine Zukunft mit
wobei die Geschlechtergleichheit prioritär ist. menschenwürdiger Arbeit planen – welche Fä-
higkeiten, welche Bildung, welche Rechte braucht

G  erechtigkeit und Weltfrieden: Nach kei-


nem geringeren Ziel strebt die Internatio-
nale Arbeitsorganisation (ILO) seit 1919, indem
es? Leider gibt es keine klare Antwort, denn wir
wissen noch zu wenig, und der Wandel vollzieht
sich mit atemberaubender Geschwindigkeit.
sie die Rechte und den Schutz der Arbeitneh-
mer stärkt und versucht, Ungleichheiten in der Klimawandel verstärkt
Arbeitswelt abzubauen.1 Hundert Jahre später
­Ungleichheiten
hat sich die Arbeitswelt tiefgreifend gewandelt,
und es stellt sich die Frage, ob das ILO-Mandat Eine weitere Herausforderung für die Arbeitswelt
noch zeitgemäss ist. sind der Klimawandel und die Bestrebungen, die-
Der technologische Fortschritt bringt Ver- sen durch eine «grünere» Wirtschaft zu verlang-
änderungen mit sich, die faszinierend und be- samen. Bereits haben viele Staaten und Städte den
ängstigend zugleich sind. Wir hören von neuen «Klimanotstand» erklärt. Erschwerend kommt
Robotern für die Altenpflege in Japan. Künst- hinzu: Die negativen Folgen menschlichen Han-
liche Intelligenz ermöglicht Echtzeitüberset- delns sind global spürbar. Besonders ungerecht ist,
zungen und damit den internationalen Aus- dass die Auswirkungen einer nicht nachhaltigen
tausch von Informationen und Daten. Hier in Produktion in den reichen Ländern hauptsäch-
der Schweiz wiederum produzieren «Cobots» lich die Bevölkerung in ärmeren Ländern treffen.
(Roboter, die mit Menschen zusammenarbei- Gemäss dem Weltklimarat (IPCC) sind beispiels-
ten) Qualitätsmöbel zu günstigeren Preisen, weise bei einem Anstieg des Meeresspiegels um
womit hoch qualifizierte Arbeitsplätze erhal- einen Meter 7 Prozent der Landwirtschaftsfläche
ten bleiben. Gleichzeitig zeigt ein aktueller Vietnams bedroht – dadurch werden Arbeitsplät-
1 Die vom Autor in die- ILO-Bericht, dass ein unsichtbares Heer von ze vernichtet, die seit Generationen die Lebens-
sem Artikel geäusser-
ten Ansichten entspre- «Microtask»-Arbeitern entsteht.2 Diese erledi- grundlage der Bevölkerung sichern.
chen nicht zwingend
den Ansichten der ILO.
gen simple, repetitive Arbeiten, die von Unter- Indem in den letzten Jahrzehnten umwelt-
2 Berg et al. (2018). nehmen ausgelagert und auf digitalen Online-­ belastende Branchen – oft dank Direktinves-

8  Die Volkswirtschaft  4 / 2019
FOKUS

titionen und Handelsabkommen – in Niedrig- ren wird eine riesige Jugendkohorte nach oben
lohnländer ausgelagert wurden, hat sich das in die Kernkategorie der Erwerbstätigen aufrü-
Nord-Süd-Gefälle verschärft. Diese «Migration cken. Zentral für die künftige Erwerbsbevölke-
der schmutzigen Industrie» schuf eine Nach- rung Brasiliens sind deshalb gelungene Über-
frage nach Arbeitskräften, die mit schmutziger, gänge zwischen Schule und Arbeitswelt sowie
schädlicher und gefährlicher Arbeit Waren für eine Belebung der Gesamtnachfrage nach men-
den wohlhabenden Norden produzieren. Solche schenwürdiger Arbeit.
Missstände erfordern ein rasches, international Deutschland und Japan hingegen «altern
koordiniertes Handeln. von oben»: In diesen Ländern steigt die Lebens-
erwartung signifikant, und viele Arbeitstätige
Unterschiedliche Bevölkerungs­ erreichen das Pensionsalter. Hier dreht sich die
Debatte um das zahlenmässige Verhältnis zwi-
pyramiden
schen Rentnern und Erwerbstätigen. In diesen
Eine entscheidende Rolle für die Zukunft der Staaten braucht es nachhaltige Rentengelder
Arbeit spielt die Bevölkerungsentwicklung: und bei Bedarf menschenwürdige Erwerbsmög-
Global betrachtet nimmt der Anteil der älteren lichkeiten für ältere Menschen.
Menschen zu. Allerdings unterscheidet sich die Interessant ist der Fall der USA, deren Be- In Niedriglohnländern
demografische Zusammensetzung je nach Land völkerungsstruktur eher mit Brasilien als mit ist der Gesundheits-
schutz oft unzurei-
stark. In Brasilien etwa altert die Bevölkerung Deutschland vergleichbar ist. Das Land weist chend: Arbeiter einer
«von unten», das heisst, in den nächsten Jah- in erster Linie dank der Immigration eine der Aluminiumfabrik in
Bangladesch.

KEYSTONE

Die Volkswirtschaft  4 / 2019  9
INTERNATIONALE ARBEITSORGANISATION

j­üngsten Bevölkerungen der Industriestaaten Durchschnitt ein Fünftel weniger als Männer.3
auf. Die USA haben deshalb anders als Deutsch- Ein Hindernis für die Gleichberechtigung ist
land oder Japan keine inverse Bevölkerungs­ insbesondere die Diskriminierung von Müt-
pyramide. tern, die nach der Geburt wieder arbeiten. Und
sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist ein
Grosse Einkommensunterschiede weltweites Problem, wie #MeToo zeigt.
Eine letzte Herausforderung betrifft die Not-
Weiteres Konfliktpotenzial für den Arbeitsmarkt wendigkeit, dass Länder und Unternehmen
birgt die zunehmende Kluft zwischen den Reichs- langfristige Investitionen tätigen, die den Be-
ten und den Ärmsten, denn ausgeprägte Ein- dürfnissen vielfältiger Anspruchsgruppen ge-
kommensunterschiede können die Marktsignale recht werden. Allzu häufig üben Aktionäre
verzerren und dysfunktionale Rückkopplungsef- Druck auf Unternehmen aus, Entscheidungen
fekte schaffen. Beispielsweise nehmen Menschen zugunsten einer kurzfristigen Gewinnmaxi-
in Ländern mit hohen Armutsquoten aufgrund mierung zu treffen. Dies kann in Widerspruch
von mangelhafter sozialer Absicherung eher Jobs zu den UNO-Nachhaltigkeitszielen stehen, wo-
an, welche die Mindestanforderungen an men- nach die generationsübergreifenden Auswir-
schenwürdige Arbeit nicht erfüllen. So entsteht kungen von unternehmerischen und staatlichen
ein Teufelskreis: Da den Unternehmen genügend Entscheiden für die Gesellschaft von morgen zu
niedrig qualifizierte Arbeitskräfte zur Verfügung berücksichtigen sind. Nur wer langfristig denkt,
stehen, fehlen Anreize zur Schaffung qualifizier- baut Kompetenzen auf, stärkt nachhaltige Pro-
ter Stellen. Für die Regierungen wiederum wird duktionsmethoden und fördert die Innovation.
es schwierig, Beschäftigungssektoren mit hoher Zusammengefasst lässt sich sagen: Die glo-
Wertschöpfung zu fördern. balen Umwälzungen in der Arbeitswelt sind be-
Die Reformen zur Beseitigung extremer Ar- sorgniserregend. Wir gefährden Werte wie De-
mut waren in gewissen Ländern erfolgreich, mokratie, Gleichheit und Solidarität, wenn wir
was zu einem Abbau der Ungleichheiten zwi- nicht handeln. Da in allen Weltregionen das Be-
schen einzelnen Ländern beigetragen hat. So wusstsein dafür wächst, will die ILO alle Akteu-
hat der höhere Lebensstandard in einem einzi- re zusammenbringen, um nach Lösungen zu su-
gen Land – China – die globalen Ungleichhei- chen. Entsprechend hat die Global Commission
ten entscheidend verändert. Allerdings konn- on the Future of Work im Januar eine Roadmap
ten die Menschen in den ärmsten Teilen der vorgeschlagen.4 Die Kommission ruft in ihrem
Welt ihre Einkommenssituation in den ver- Bericht dazu auf, mit einem neu formulierten
gangenen Jahrzehnten am wenigsten verbes- Gesellschaftsvertrag für soziale Gerechtigkeit
sern, während der Trend beim reichsten Pro- zu sorgen. Diesen will die Kommission als Ins-
zent steil nach oben zeigt (siehe Abbildung trument einsetzen, um die Interessen der Er-
1). Obwohl der Anteil der Menschen in extre- werbstätigen ins Zentrum zu stellen.
mer Armut gesunken ist, leben nach wie vor Dazu sollen alle Parteien der Arbeitswelt zu-
Hunderte von Millionen Arbeitende in Armut sammenkommen. Als Gegenleistung für ihren
und sind weit von einem menschenwürdigen wirtschaftlichen Beitrag müssen die Erwerbs-
­Lebensstandard entfernt. tätigen einen fairen Anteil des wirtschaftlichen
Fortschritts erhalten, wobei ihre Rechte respek-
#MeToo als Weckruf tiert und sie vor Risiken geschützt werden müs-
sen. Doch wie lassen sich diese Ziele erreichen?
Eine anhaltende Ungleichheit betrifft die Frau-
en. Ohne Geschlechtergleichheit im Arbeits- Informell Arbeitende schützen
markt wird es auch keine Gleichberechtigung
im Privatleben und bei den Bürgerrechten ge- Die Kommission ruft in drei Bereichen zu dring-
3 ILO (2018). ben – und umgekehrt. Frauen sind im Arbeits- lichen Massnahmen auf. Erstens braucht es
4 Global Commission markt unterrepräsentiert, sie belegen auf der neue Arbeitsmarktinstitutionen, um eine weite-
on the Future of Work
(2019). Karriereleiter tiefere Stufen und verdienen im re Vermarktung der Arbeit als Ware zu verhin-

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FOKUS

dern. Kernpunkt ist eine universelle Garantie Dienstleistungen und in die Infrastruktur er-
von Grundrechten und von menschenwürdigen möglichen. Dies bedingt, dass der Trend zu
Bedingungen am Arbeitsplatz für alle Formen einem verschärften Steuerwettbewerb für
von Arbeit. Dies beinhaltet angemessene Löhne, Unternehmen aufgehalten wird und die globa-
Arbeitszeitbegrenzungen und sichere Arbeitsbe- len Konzerne dort besteuert werden, wo sie tätig
dingungen. Damit wären auch Arbeitende in in- sind. Ausserdem braucht es gemäss dem Inter-
formellen Arbeitsverhältnissen besser geschützt. nationalen Währungsfonds (IWF) kreative Lö-
Weltweit betrifft dies immerhin drei von fünf Er- sungen, um die Milliarden an unproduktivem
werbstätigen, mit Anteilen von über 90 Prozent in Vermögen ausfindig zu machen, das offshore
vielen afrikanischen Ländern (siehe Abbildung 2). oder in «leeren Firmenhüllen» versteckt ist.
Indem man die Institutionen der Arbeitswelt Drittens muss schliesslich mehr in die Ent-
erneuert, bekommt die Sozialpartnerschaft neu- wicklung der menschlichen Fähigkeiten inves-
en Schwung. Gewerkschaften und Arbeitgeber- tiert werden. Da Frauen hier gegenüber Männern
organisationen müssen versuchen, den Nutzen benachteiligt sind, braucht es eine Transforma-
des sozialen Dialogs zu maximieren und seinen tionsagenda für Geschlechtergleichheit. Wichti-
Anwendungsbereich auszudehnen. Die Regierun- ge Punkte sind hier nicht zuletzt gleiche Betreu-
gen wiederum können den Dialog der Sozialpart- ungsaufgaben, transparente Lohnstrukturen,
ner unterstützen, indem sie das Recht auf Vereini- fortschrittliche Unterstützungsmassnahmen
gungsfreiheit auch auf Selbstständigerwerbende für Familien und ein Ende der Gewalt und der
und die informelle Wirtschaft ausdehnen. Belästigung am Arbeitsplatz.
Zweitens braucht es neue Regeln, um die Ver-
änderungen auf einen «menschenzentrierten» Ein Recht auf lebenslanges Lernen
Entwicklungspfad zu lenken. Länder sollten
nicht mehr länger nur ein hohes BIP-Wachstum Jeder Mensch soll die Möglichkeit haben, sei-
anpeilen. Wenn das Ziel soziale Gerechtigkeit ne Ausbildung und seine Fähigkeiten den Er-
ist, brauchen wir neue Messlatten für den Er- fordernissen des Arbeitsmarkts im 21. Jahrhun-
folg – unter anderem solche, die auch die ge- dert anzupassen. Die Kommission spricht sich
sellschaftlichen (etwa gesundheitliche) und die für ein universelles Recht auf lebenslanges Ler-
ökologischen Folgekosten der Wirtschaftstä- nen mit gleichzeitigem universellem sozialem
tigkeit berücksichtigen. Zudem braucht es eine Schutz aus. Indem die Erwerbstätigen eine ge-
Messgrösse, die die Verteilung des Wirtschafts- wisse Einkommenssicherheit und die Möglich-
wachstums abbildet. Weiter müssen die Regie- keit zur Weiterentwicklung ihrer persönlichen
rungen progressive und nachhaltige Steuersys- Fähigkeiten haben, können sie selber entschei-
teme einführen, die ein solides Steuersubstrat den, wie sie den Wandel zu neuen und umwelt-
schaffen und die Investitionen in öffentliche freundlichen Technologien anpacken. Welche

Abb. 1: Wachstum der globalen Einkommen nach Perzentilen (1980–2016)


250    Reales Einkommenswachstum pro Erwachsenen, in %

200

12 Prozent des Gesamtwachstums entfallen auf 27 Prozent des Gesamtwachstums


150 untere 50 Prozent entfallen auf oberstes Prozent
WID.WORLD (2017) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

100
Aufstieg der Schwellenländer

50 US- und westeuropäische Arbeiterklasse

0
10 20 30 40 50 60 70 80 90 99 99,9 99,99 99,999

Einkommensgruppe (Perzentile)

Die Volkswirtschaft  4 / 2019  11
INTERNATIONALE ARBEITSORGANISATION

Abb. 2: Anteil informeller Arbeit an der Gesamtbeschäftigung (2016)

ILO (2018) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


  Weniger als 20%       20% – 49%       50%–74%       75% – 89%        90% und mehr

Art von institutioneller Unterstützung erfor- verkauf und den Unterricht bis hin zu freien
derlich ist, hängt davon ab, in welchem Lebens- Medienschaffenden.
abschnitt sich die Erwerbstätigen befinden. So Das Ziel werden wir jedoch nur erreichen,
macht es zum Beispiel einen Unterschied, ob je- wenn alle Akteure dafür sorgen, dass menschen-
mand nach einer Geburt an den Arbeitsplatz zu- würdige Arbeit im Zentrum der künftigen Wirt-
rückkehrt, den Job wechselt oder kurz vor der schaftspolitik und der Unternehmenspraxis steht. 
Pensionierung steht.
Die Antwort auf die eingangs gestellte Fra- Damian Grimshaw
ge fällt klar aus: Der Auftrag der ILO, die sozia- Direktor Research Departement, Internationale Arbeits-
organisation (ILO), Genf
le Gerechtigkeit zu fördern, ist heute genauso
aktuell und relevant wie in der Vergangenheit.
Die Herausforderung besteht darin, dass alle Literatur
Akteure der Arbeitswelt dieses übergeordnete Berg, Janine, Marianne Furrer, Ellie Harmon, Uma Rani und M. Six
Silberman (2018). Digital Labour Platforms and the Future of Work:
Ziel anerkennen und einen geeigneten norma- Towards Decent Work in the Online World, ILO-Bericht, 20. Sep-
tember 2018.
tiven Rahmen für den sozialen Dialog und alle Global Commission on the Future of Work (2019). Work for a Brighter
Beschäftigungsformen schaffen. Diese reichen Future, ILO-Bericht, 22. Januar 2019.
ILO (2018). Global Wage Report 2018/19: What Lies Behind Gender
von informeller Heimarbeit über den Strassen- Pay Gaps, ILO-Bericht, 26. November 2018.

12  Die Volkswirtschaft  4 / 2019


FOKUS

Schweiz will ILO-Übereinkommen


modernisieren
Stark, gezielt und konkret: Auf diesem Grundsatz basiert das Engagement der
Schweiz bei der Internationalen Arbeitsorganisation. Aus Schweizer Sicht ist Poten-
zial vorhanden, die bestehenden ILO-Normen und deren Überprüfung zu optimieren.   
Valérie Berset Bircher

Abstract    Als Gründungsstaat der Internationalen Arbeitsorganisation Experten prüfen die von den Mitgliedsstaaten
(ILO) setzt sich die Schweiz für internationale Normen ein, die universell eingereichten Berichte.
anwendbar sind und dem Arbeitsmarkt der heutigen Zeit gerecht wer- Bisher gibt es 189 Übereinkommen, wovon
den. Aus institutioneller Optik gilt es das Überwachungssystem und die derzeit 83 in Kraft sind. Übereinkommen sind
ILO-Normen zu modernisieren. Ziel ist es, die Wirksamkeit des normativen
internationale Verträge, die von den Mitglieds-
Systems zu erhöhen.
staaten ratifiziert werden müssen. Die Schweiz
hat 60 Übereinkommen und ein Protokoll ratifi-

M  it der Gründung der Internationalen


Arbeitsorganisation (ILO) im Jahr 1919
entstand das internationale Arbeitsrecht, wel-
ziert, von denen 48 in Kraft sind. Einen Sockel mit
allgemein gültigen sozialen Mindeststandards
bilden 8 Kernübereinkommen (siehe Abbildung).
ches auch das Schweizer Recht prägte. Aus jener
Epoche stammt beispielsweise der Arbeitsver- Tripartite Kommission der Schweiz
trag: Gemäss dem 1911 verabschiedeten Obli-
gationenrecht gilt der Grundsatz der Vertrags- In ihrer Normenpolitik setzt die Schweiz be-
freiheit, und die Arbeitnehmenden sind durch reits seit vielen Jahren auf einen integrierten
zwingende arbeitsrechtliche Bestimmungen ge- Ansatz. Im Jahr 1969 definierte der Bundesrat
schützt.1 Kriterien, nach denen er die Übereinkommen
Als tripartite Institution bringt die ILO ratifiziert.2 In den Jahren 1974 und 1986 wur-
Arbeitgeber, Arbeitnehmende (Sozialpartner) de diese Ratifikationspolitik bekräftigt und je-
und Regierungen zusammen. Sie basiert auf weils von den eidgenössischen Räten bestätigt.
einer normativen Säule und einer Säule der tech- Sie beruht auf zwei Grundsätzen: Erstens dür-
nischen Zusammenarbeit. Das Rückgrat der Or- fen keine grundlegenden Differenzen zwischen
ganisation bildet die normative Tätigkeit: Das einem Übereinkommen und der schweizeri-
heisst, die Sozialpartner und die Regierungen schen Rechtsordnung bestehen, allerdings sol-
erarbeiten gemeinsam Rechtsinstrumente  – len geringfügige Unterschiede eine Ratifikation
­sogenannte Übereinkommen und Empfehlun- nicht verhindern. Zweitens können Überein-
gen. Die Übereinkommen legen arbeitsrechtli- kommen, die nicht vollständig mit dem inner-
che Grundsätze und Mindestrechte fest. Da in staatlichen Recht vereinbar sind, dennoch rati-
der Vergangenheit bemängelt wurde, die ILO re- fiziert werden, wenn eine Prüfung ergibt, dass
guliere zu stark, hat die Organisation in den letz- die bestehenden Lücken geschlossen werden
ten dreissig Jahren ihren Kurs korrigiert: Veralte- können. Dies kann mit entsprechenden Bestim-
te Übereinkommen hebt sie auf oder revidiert sie mungen im Abkommen selber geschehen (falls
so, dass diese den Bedürfnissen der Wirtschaft diese direkt anwendbar sind) oder durch die
und der Realität auf dem Arbeitsmarkt entspre- Verabschiedung entsprechender gesetzgeberi-
1 Siehe insbesondere Ma- chen. Um zu gewährleisten, dass die Staaten die scher Massnahmen.
hon (1998) sowie Geiser
und Müller (2015).
ratifizierten Übereinkommen anwenden, ver- Nach der Annahme der ILO-Erklärung von
2 Bundesrat (1969). fügt die Organisation über ein Kontrollsystem: 2008 über soziale Gerechtigkeit für eine faire

Die Volkswirtschaft  4 / 2019  13
INTERNATIONALE ARBEITSORGANISATION

KEYSTONE
ILO-Direktor Guy
­Ryder vor seiner
Globalisierung hat die Schweiz 2013 eine Strate- Rede an der Jahres- r­atifizierten Übereinkommen im Hinblick auf
gie für ihr Engagement bei der ILO erarbeitet.3 konferenz 2018 in allfällige neue Ratifikationen prüft.
Diese Strategie war Gegenstand ausführlicher Genf.
Diskussionen mit den Sozialpartnern in der Die Schweiz als Vermittlerin
ausserparlamentarischen Tripartiten Kommis-
sion für Angelegenheiten der ILO. Man einig- Die Schweiz begrüsst Reformen innerhalb des
te sich darauf, dass sich die Schweiz in der ILO UNO-Systems. Dieselbe Linie verfolgt sie auch
«stark, gezielt und konkret» engagieren soll. Mit in der ILO. So unterstützt sie alle Diskussionen,
diesem tripartiten Rückhalt stärkt die Schweiz die darauf abzielen, das normative System oder
ihr Bekenntnis zur Organisation. das Überwachungssystem zu optimieren. Die
Dabei setzt die Schweiz drei Prioritäten: Ers- Schweiz übernimmt dabei eine Rolle als Ver-
tens will sie die Entscheidungs- und Verwal- mittlerin und setzt sich für eine Konsenskultur
tungsorgane der ILO stärken, zweitens arbeitet ein.
sie auf eine glaubwürdige Anwendung und För- An der Jahreskonferenz von 2012 kam es
derung der ILO-Grundsätze und -Normen in der in der Kommission für Normenanwendung zu
Schweiz hin, und drittens will sie die menschen- einer «Normenkrise». Verantwortlich für die-
würdige Arbeit weltweit fördern. Diese Strategie se Blockade zwischen den Sozialpartnern war
ist auf die Aktivitäten der Schweiz im Rahmen hauptsächlich die unterschiedliche Ausle-
der wirtschaftlichen Entwicklungszusammen- gung der Normen, insbesondere des Überein-
arbeit im Ausland abgestimmt. Eine Schlüssel- kommens Nr. 87 über die Vereinigungsfreiheit
rolle spielt die erwähnte Tripartite Kommission und den Schutz des Vereinigungsrechtes. Kon-
für Angelegenheiten der ILO, da sie die nicht 3 Seco (2013). kret ging es um die Frage, ob das Übereinkom-

14  Die Volkswirtschaft  4 / 2019


FOKUS

Die acht von der Schweiz ratifizierten ILO-Kernübereinkommen

1930 1948 1949 1951 1957 1958 1973 1999

ILO / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


Nr. 29 Nr. 87 Nr. 98 Nr. 100 Nr. 105 Nr. 111 Nr. 138 Nr. 182
Zwangsarbeit Vereinigungs­freiheit Vereinigungsrecht und Gleichheit des ­Entgelts Abschaffung der Diskriminierung in Mindestalter Die schlimmsten ­Formen
und Schutz des das Recht zu Kollektiv­ männlicher und Zwangsarbeit Beschäftigung und für die Zulassung zur der Kinderarbeit
Vereinigungsrechtes verhandlungen ­weiblicher Arbeits- Beruf ­Beschäftigung
kräfte

men das Streikrecht mit einschliesst oder nicht. Das Vertrauen zwischen den Sozialpartnern
Da in diesem Jahr keine echte Normenkontrol- ist zwar teilweise wiederhergestellt, es bleibt
le durchgeführt werden konnte, befand sich aber fragil; das Schreckgespenst von 2012 ist
das Überwachungssystem erstmals in der Ge- nach wie vor präsent. Vor diesem Hintergrund
schichte der ILO in einer Krise. bringt die Schweiz, welche die Sozialpartner-
Angesichts der Blockade initiierte die Schweiz schaft pflegt und wertschätzt, einen Mehrwert
2013 einen Mediationsprozess zwischen den in die Organisation ein.
internationalen Sozialpartnern. Am Tag vor der Auch im Inland macht die Schweiz vor-
Sitzung des ILO-Verwaltungsrats im Novem- wärts: In den vergangenen fünf Jahren hat
ber 2013 stand die Mediation kurz vor dem Ab- sie – mit dem Übereinkommen über den Mut-
schluss. Einige Mitglieder entschieden sich je- terschutz (Nr. 183), mit dem Übereinkom-
doch für einen Abbruch der Mediation, um die men über menschenwürdige Arbeit für Haus-
Frage dem Rat zu unterbreiten und die Formu- angestellte (Nr. 189) sowie mit dem Protokoll
lierung eines Vorschlags direkt dem General­ über Zwangsarbeit – drei wichtige Texte rati-
direktor zu übertragen. Daraufhin wurde im Rat fiziert. An der 100-Jahr-­Jubiläumskonferenz,
über ein Massnahmenpaket verhandelt, welches die im Juni in Genf stattfindet, sind Verhand-
sich weitgehend mit dem vorhergehenden Media- lungen über ein weiteres Übereinkommen vor-
tionsprozess deckten. Die Massnahmen beinhal- gesehen, welches die Problematik der Belästi-
teten unter anderem eine bessere Anwendung gung und der Gewalt am Arbeitsplatz angehen
der Verfahren, die in der Verfassung der ILO vor- wird. Die Schweiz engagiert sich dafür, dass
gesehen sind. Zudem sahen sie klarere Zulässig- das Übereinkommen konkret in der Arbeits-
keitsbestimmungen und die Stärkung des Tri­ welt anwendbar ist und dass es die Modernität
partismus in den Verfahren vor. Sieben Jahre der Organisation mit Blick auf die Herausfor-
nach dieser normativen Krise sind die Diskussio- derungen der Arbeitswelt verkörpert.
nen noch immer nicht abgeschlossen.
Solche Ereignisse lösen auch positive Ver-
änderungen aus: Dank der Normenkrise dürfte
ein Mechanismus geschaffen werden, mit dem
die Normen praktisch permanent überprüft
werden. Die Schweiz, die bis Ende 2017 in der
Arbeitsgruppe zur Normenüberarbeitung mit-
arbeitete, hat sich von Anfang an für dieses Ziel
Valérie Berset Bircher
eingesetzt. Seit 2018 ist sie Mitglied des Aus- Dr. iur., Botschafterin, Leiterin Internationale Arbeits­
schusses für Gewerkschaftsfreiheit. Auch dort fragen, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern
wirkt sie darauf hin, dass die Reformen zu den
Arbeitsmethoden vorangetrieben werden. Da- Literatur
Bundesrat (1969). Bericht des Bundesrates an die Bundesversammlung
durch soll der Ausschuss effizienter und effek- über die 52. Tagung der Internationalen Arbeitskonferenz , 16. April.
tiver werden: Er soll sich auf die schwersten Geiser, Thomas und Müller, Roland (2015). Arbeitsrecht in der
Schweiz, S. 23.
Fälle von Verstössen gegen die Gewerkschafts- Mahon, Pascal (1998). L’évolution du droit social (1874–1998) et ses
freiheit und das Verhandlungsrecht konzent- perspectives, in: Arbeit in der Schweiz des 20. Jahrhunderts, S. 313.
Seco (2013). Für soziale Gerechtigkeit: Das Engagement der Schweiz
rieren können. in der ILO.

Die Volkswirtschaft  4 / 2019  15
INTERNATIONALE ARBEITSORGANISATION

ILO-Übereinkommen und Schweizer


Arbeitsrecht: Ein neuer Ansatz
Das Bundesgericht hat einen Kurswechsel vollzogen: Nachdem es den Übereinkom-
men der Internationalen Arbeitsorganisation lange Zeit keine Beachtung geschenkt hat,
­bezieht es diese seit Kurzem bei den Urteilen ein. Dadurch eröffnen sich neue Perspekti-
ven für das Arbeitsrecht.  Jean-Philippe Dunand

Abstract  Die Rechtsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) Diese Haltung kommt beispielsweise in
wurden in der Schweizer Rechtsordnung lange weitgehend ignoriert. So einem Bundesgerichtsurteil zum Ausdruck, das
hielt das Bundesgericht im Jahr 2012 in einem Urteil fest, die ILO-Überein- nach Ereignissen vor einem bekannten Restau-
kommen seien nicht unmittelbar anwendbar und könnten von Privatperso- rant im Kanton Genf erlassen wurde.
nen vor Schweizer Verwaltungs- oder Justizbehörden nicht direkt geltend
gemacht werden. Doch seit Kurzem hat das Bundesgericht seine Recht-
sprechung angepasst: In zwei aufeinanderfolgenden Entscheiden aus den Gewerkschafter begehen
Jahren 2017 und 2018 hat es die Relevanz der ILO-Normen ausdrücklich an- ­Hausfriedensbruch
erkannt.
Am 7. Oktober  2009 gingen Gewerkschafts-

W  arum hat das Bundesgericht in der Ver-


gangenheit den Rechtsnormen der
Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) kei-
funktionäre zum Gästeparkplatz und zum Mit-
arbeiterparkplatz des Restaurants, wo sie an
den Autos Flugblätter zum Gesamtarbeitsver-
ne Beachtung geschenkt? Dafür gibt es meh- trag für das Schweizer Gastgewerbe anbrach-
rere Gründe. Beispielsweise wurde argumen- ten. Daraufhin wurden sie von den Pächtern
tiert, für die ILO-Übereinkommen gebe es in des Betriebs verklagt und schliesslich 2010 des
der Schweizer Rechtsordnung keinen kon- Hausfriedensbruchs für schuldig befunden. Die
kreten Anwendungsbereich. Erstens seien die Gewerkschafter zogen diese Verurteilung bis
ILO-Normen materiell unnötig, da die Schweiz vor das Bundesgericht, das ihre Beschwerde im
ein Übereinkommen dieser Institution nur ra- September 2012 jedoch abwies. Das Bundesge-
tifiziere, wenn die Gesetzgebung ihm bereits richt befand, die Beschwerdeführer könnten
entspreche oder in den Grundzügen damit ihre Argumentation nicht auf die ILO-Überein-
übereinstimme. Zweitens seien die ILO-Nor- kommen über die Vereinigungsfreiheit stützen,
men in der Regel nicht unmittelbar anwendbar, da diese nicht unmittelbar anwendbar seien.1
da sie keine ausreichend genauen Rechtsvor- In zwei neueren Urteilen brachte das Bun-
schriften enthielten, um auf einen bestimm- desgericht allerdings eine andere Auffassung
ten Fall angewandt zu werden und die Grund- zum Ausdruck. In beiden Entscheiden berück-
lage für einen konkreten Entscheid zu bilden. sichtigte es die ILO-Übereinkommen und die
Drittens ständen die innerhalb der ILO vorge- Stellungnahmen der ILO-Kontrollorgane weit-
sehenen Streitverfahren – das heisst die Be- gehend.
schwerde- oder Einspracheverfahren – Pri-
vatpersonen nicht offen. Schliesslich seien Vereinigungsfreiheit anerkannt
die Stellungnahmen der ILO-Kontrollorgane,
wie des Ausschusses für Vereinigungsfreiheit Das erste Urteil fällte das Bundesgericht im
und des Sachverständigenausschusses für die September  2017: Hintergrund waren restrikti-
1 Bundesgerichtsent- Durchführung der Übereinkommen und Emp- ve Vorschriften (grundsätzliches Verbot, Not-
scheid 6B_758/2011
vom 24. September
fehlungen, für den Gesetzgeber und die Justiz- wendigkeit einer vorgängigen Genehmigung,
2012, Erwägung 1.3.2. behörden rechtlich nicht bindend. Einschränkung der Diskussionsthemen und

16  Die Volkswirtschaft  4 / 2019


FOKUS

Zeitfenster usw.), mit denen die Tessiner Re- Arbeitnehmenden. Denn der Ausschuss geht in
gierung seit November 2011 den Zugang von der Regel davon aus, die Entscheidung, einen
Gewerkschaftsmitgliedern zu Räumlichkeiten Streik während eines angemessenen Zeitraums
der öffentlichen Verwaltung einschränkte. Das auszusetzen –  um den Parteien die Möglich-
Bundesgericht gab einer Beschwerde einer Ge- keit zu geben, über eine Mediation oder eine
werkschaft statt, welche die Aufhebung dieser Schlichtung eine Verhandlungslösung anzu-
Vorschriften forderte. Die Gewerkschaft hat- streben –, sei kein Verstoss gegen die Vereini-
te einen Verstoss gegen den Grundsatz der Ver- gungsfreiheit.
einigungsfreiheit geltend gemacht.2
Nach Ansicht des Bundesgerichts ist es un- Ein neuer Ansatz
erheblich, inwieweit die ILO-Übereinkommen
(87 und 98) zur Vereinigungsfreiheit, zum Ver- Offenbar hat das Bundesgericht seine Recht-
einigungsrecht und zu Kollektivverhandlungen sprechung angepasst: Es berücksichtigt die
direkt anwendbar sind oder nicht. Denn deren Rechtsinstrumente der ILO und die Praxis der
Inhalt überschneidet sich teilweise mit dem In- Kontrollorgane vermehrt. Mit anderen Wor-
halt anderer internationaler Rechtsinstrumente, ten: Unabhängig von der Frage, ob die Bestim-
die für die Schweiz bindend sind – wie beispiels- mungen eines ILO-Übereinkommens direkt an-
weise die Europäische Menschenrechtskon- wendbar sind, kann bei der Rechtsauslegung auf
vention oder der UNO-Zivilpakt. In der Urteils­ die Stellungnahmen der Kontrollorgane Bezug
begründung verwiesen die Richter wiederholt genommen werden. Dies gilt sowohl für die Aus-
auf die Arbeiten der ILO-Kontrollorgane: Diese legung der ILO-Rechtsinstrumente als auch all-
seien eine wichtige Informationsquelle, um die gemein für die Rechtsauslegung in der Schweiz.
ILO-Übereinkommen auszulegen. Dieser Ansatz, welcher der Auffassung eines
zunehmenden Teils der Lehre entspricht, er-
ILO-Praxis auch zum Nachteil öffnet neue Perspektiven für das Schweizer
Arbeitsrecht. So können etwa die Stellungnah-
von Arbeitnehmenden
men des ILO-Sachverständigenausschusses zur
Im vergangenen Jahr bestätigte das Bundesge- Anwendung des Übereinkommens Nr. 111 (über
richt in einem weiteren Urteil den Kurswechsel. die Diskriminierung in Beschäftigung und Be- 2 Bundesgerichtsent-
scheid 144 I 50 vom
Der Kontext: Ein Spital im Kanton Neuenburg ruf) berücksichtigt werden, um die Rechtsbe- 6. September 2017,
Erwägung 5.3.3.
hatte 22 Angestellte, die seit über zwei Monaten stimmungen auszulegen, die bei einer Diskrimi- 3 Bundesgerichtsent-
gestreikt hatten, am 4. Februar 2013 fristlos ent- nierung im Rahmen von Arbeitsverhältnissen scheid 4A_64/2018
vom 17. Dezember 2018,
lassen. Das Bundesgericht wies die Beschwerde gelten. Erwägungen 5 und 6.
der ehemaligen Angestellten zwar mit der Be-
gründung zurück, der Streik sei rechtswidrig
geworden und die fristlosen Kündigungen sei-
en gerechtfertigt gewesen.3 Gleichzeitig stell-
te es aber klar, dass die Empfehlungen des ILO-­
Ausschusses für Vereinigungsfreiheit, je nach
Umständen, zur Rechtsauslegung dienen kön-
nen. Damit bestätigte das Bundesgericht in die-
sem Punkt das Urteil vom September 2017. Jean-Philippe Dunand
Anzumerken ist: In diesem Fall war die Rechtsanwalt, Professor für Arbeitsrecht an der Univer-
sität Neuenburg
Praxis des ILO-Ausschusses zum Nachteil der

Die Volkswirtschaft  4 / 2019  17
INTERNATIONALE ARBEITSORGANISATION

Digitalisierung bringt
Sozialpartnerschaft unter Druck
In vielen Jobs genügen ein Internetanschluss und ein Laptop, um einen Arbeitsauftrag
auszuführen. Die damit einhergehende Vermischung von Arbeit und Freizeit stellt die
Sozialpartner vor Herausforderungen.  Kurt Pärli, Anne Meier

Abstract  Die Digitalisierung führt zu neuen Formen der Organisation der komplex organisiert sind, ist diese Unterschei-
Arbeit und verändert die Arbeit an sich. Entgrenzung der Arbeit durch Ver- dung manchmal nicht mehr klar: Wer gilt als
mischung von Arbeitszeit und Freizeit, lückenlose Überwachung, aber Arbeitgeber, was ist ein Betrieb? Gefordert ist
auch Schwierigkeiten, die neuen Formen der Arbeitsorganisation in die be- auch die Sozialpartnerschaft, da ein Gesamt-
stehende arbeitsrechtliche Ordnung einzuordnen, stellen eine grosse He- arbeitsvertrag (GAV) Arbeitgeber und Arbeit-
rausforderung dar. Wie kann der Schutz der Arbeitnehmenden in digita-
nehmer beziehungsweise Arbeitgeberverbände
len Zeiten aufrechterhalten werden? Mit dem für die Sozialpartnerschaft
wichtigen Instrument des Gesamtarbeitsvertrages (GAV) können Lösun- und Gewerkschaften voraussetzt. Angespro-
gen für neue Probleme flexibel und branchennah erprobt werden. Wichtig chen sind somit grundsätzliche Fragen des kol-
ist dabei, den Arbeitnehmerbegriff möglichst weit zu fassen, um möglichst lektiven Arbeitsrechts: Fallen beispielsweise
viele Beschäftigten in einen GAV zu integrieren. Aus kartellrechtlichen und Selbstständigerwerbende oder arbeitnehmer-
anderen Gründen ist es abzulehnen, Solo-Selbstständige in einen GAV auf- ähnliche Personen in den Geltungsbereich eines
zunehmen. Gesamtarbeitsvertrages (GAV)?
Zentral für die Sozialpartnerschaft ist das

G  lobalisierung und Digitalisierung ver-


ändern Produktions- und Vertriebsfor-
men und bringen neue Geschäftsmodelle wie
kollektive Arbeitsrecht. Es regelt die Bezie-
hungen zwischen Arbeitgebenden und Arbeit-
nehmenden beziehungsweise der jeweiligen
Sharing-Plattformen hervor, die Dienstleis-
­ Verbände. Indem der gesetzliche Rahmen die
tungsanbieter und Dienstleistungsempfän- kollektive Interessenvertretung ermöglicht, soll
ger vermitteln. Es verändert sich aber auch der Arbeitnehmerschutz erhöht werden. In die
die Arbeit an sich: Arbeitsprozesse werden gleiche Richtung zielen die zwingenden Bestim-
beschleunigt, und die Anforderungen an die mungen des Individualarbeitsrechts sowie das
Aus- und Weiterbildung steigen. Gleichzeitig öffentliche Arbeitsrecht.
vermischen sich Arbeits- und Wohnort bezie- Vor diesem Hintergrund haben wir in einer
hungsweise Arbeit und Freizeit zusehends – Studie untersucht, in welche Richtung sich die
was zwar die Autonomie in der Lebensgestal- Sozialpartnerschaft bewegt.1 Auftraggeber war
tung stärkt, aber auch die Gesundheit und das das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco).
Sozialleben beeinträchtigen kann. Schliesslich
erfordern zunehmende Datenmengen einen Was ist ein Arbeitsvertrag?
verstärkten Schutz betrieblicher Geheimnisse
und ermöglichen eine stärkere Überwachung Ein Gesamtarbeitsvertrag setzt Arbeitsverhält-
der Beschäftigten. nisse zwischen Arbeitgebenden und Arbeit-
Für das Arbeits- und Sozialversicherungs- nehmenden voraus. Diese Verhältnisse sind ge-
recht stellen diese Veränderungen eine Her- mäss dem Obligationenrecht (OR) in einem
1 Anne Meier, Kurt Pärli
und Zoé Seiler (2018):
ausforderung dar. Denn das Arbeitsrecht und Einzelarbeitsvertrag geregelt: «Durch den Einzel-
Die Zukunft des so- insbesondere auch das kollektive Arbeitsrecht arbeitsvertrag verpflichtet sich der Arbeitnehmer
zialen Dialogs und des
Tripartismus vor dem basieren auf den Prämissen «Arbeitnehmer», auf bestimmte oder unbestimmte Zeit zur Leis-
Hintergrund der Digi-
talisierung der Wirt-
«Arbeitgeber» und «Betrieb». Auf den digitalen tung von Arbeit im Dienst des Arbeitgebers und
schaft. Plattformen, wo die einzelnen Arbeitsschritte dieser zur Entrichtung eines Lohnes, der nach

18  Die Volkswirtschaft  4 / 2019


FOKUS

Zeitabschnitten (Zeitlohn) oder nach der geleis- auf, ob auch sogenannte Solo-Selbstständige
teten Arbeit (Akkordlohn) bemessen wird.»2 Ein in einem GAV erfasst werden könnten. Damit
Arbeitsvertrag weist somit vier Merkmale auf: sind Personen gemeint, die eine Tätigkeit allein,
Erbringen einer Arbeitsleistung (geschuldet ist ohne Angestellte, ausführen.
nicht der Arbeitserfolg), Entschädigung, Dauer- Ein Gesamtarbeitsvertrag ist an sich eine
schuldverhältnis und Unterordnung. Art Kartell, denn branchenweite Abreden über
Das Kriterium der «Unterordnung» ist ange- Lohn- und Arbeitsbedingungen wirken wie
sichts der gerade durch die Digitalisierung zu- eine Preisabsprache. Solche Wettbewerbs­
mindest für qualifizierte Arbeiten verstärkt ge- beschränkungen werden in der schweizerischen
forderten Selbstorganisationskompetenz nicht Rechtsordnung als Reaktion auf die wirtschaft-
immer sachgerecht. Mehr Autonomie im Arbeits- liche Übermacht der Arbeitgeber gegenüber den
verhältnis heisst indes noch nicht, dass eine Per- Arbeitnehmern bewusst in Kauf genommen.
son nicht dennoch Schutz des Arbeitsrechts nö- Im Kartellrecht gilt der Grundsatz «Arbeitneh-
tig hat. Auch mit Homeoffice und einer freien mer sind keine Unterneh-
Zeiteinteilung ist man in einen Betrieb eingeglie- men». Gewerkschaften sind
dert: Je nach Umständen genügen dazu lediglich deshalb dem Kartellgesetz Solo-Selbstständige
ein Smartphone und ein Laptop. nicht unterworfen. Damit haben kein Recht, einen
Grundsätzlich gilt: Liegt ein Arbeitsvertrag verhält sich das Kartellrecht
vor, steht dem Arbeitnehmer ein Arbeitgeber spiegelbildlich zum Arbeits- GAV zu verhandeln.
gegenüber. Arbeitgeber ist, wer vom Arbeitneh- recht: Wenn ein Solo-Selbst-
mer die arbeitsvertraglich zugesicherte Arbeits- ständiger und damit Unternehmer im Sinne des
leistung einfordern kann. Die Arbeitgeberstel- Kartellrechts einem GAV angehört, der einen
lung ist nicht abhängig davon, ob der Arbeitgeber «Mindestlohn» vorsieht, liegt im Ergebnis eine
ein Unternehmer ist oder ob er ein nach kauf- Preisabsprache vor. Das geltende Recht spricht
männischen Kriterien geführtes Unternehmen also gegen die Möglichkeit, einem Berufsver-
betreibt. Auch ist möglich, dass ein und diesel- band, der die Solo-Selbstständigen einschliesst,
be Person sowohl Arbeitgeber als auch Arbeit- die Tariffähigkeit zu verleihen. Mit anderen
nehmer ist. Dies ist etwa der Fall, wenn jemand Worten: Solo-Selbstständige haben kein Recht,
neben seiner Tätigkeit als Arbeitnehmer für an- einen GAV zu verhandeln.
dere Organisationen Aufträge oder Werkverträ- Damit Plattformbeschäftigte und andere
ge annimmt und diese durch eigene Angestell- Personen in prekären Verhältnissen vom Schutz
te ausführen lässt. Schliesslich ist auch möglich, eines GAV profitieren können, ist erforderlich,
dass ein Arbeitnehmer zusätzlich zu seiner Be- den Begriff des Arbeitnehmers möglichst weit
schäftigung in einem weiteren Arbeitsverhält- zu fassen: Auch arbeitnehmerähnliche Perso-
nis steht: beispielsweise, indem man als «Click- nen, die eines kollektiven Schutzes bedürfen,
worker» über eine Internetplattform Aufträge sollten deshalb in den Anwendungsbereich des
für Dritte auf der Grundlage eines Auftrages GAV fallen. Die kartellrechtlichen Einschrän-
oder eines Werkvertrages ausführt. kungen fallen hier nicht ins Gewicht.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob
eine Person Arbeitgeber oder Arbeitnehmer ist, Überwachung nimmt zu
sondern vielmehr, ob eine bestimmte Arbeits-
leistung im Rahmen eines Arbeitsvertrages oder Durch die Digitalisierung werden Arbeitspro­
eines anderen Vertragstypus erbracht wird. Das zesse standardisierter und transparenter –
Arbeitsvertragsrecht erfasst den Arbeitgeber gleichzeitig werden die Kontrollmöglichkeiten
nicht nur als Vertragspartner des Arbeitneh- der Unternehmen gegenüber den Mitarbeiten-
mers, sondern auch als Inhaber der betriebli- den erweitert. Mit immer dichteren Compliance-­
chen Organisationshoheit. Regelungen versuchen die Unternehmen den
Im Zusammenhang mit der künftig wohl ­steigenden E­ rwartungen von Behörden, Kunden
zunehmenden Verbreitung von Formen selbst- und Öffentlichkeit gerecht zu werden. In der Folge
ständiger Erwerbstätigkeit taucht die Frage steigt die Überwachung der ­Arbeitnehmenden. 2 Art. 319 OR.

Die Volkswirtschaft  4 / 2019  19
INTERNATIONALE ARBEITSORGANISATION

Die technologischen Entwicklungen der letz- Prozessproblemen und zur Optimierung von
ten Jahre haben die Möglichkeiten zur Über- Abläufen stellen. Wenn gleichzeitig Führungs-
wachung und Kontrolle der Arbeitnehmen- und Organisationsstrukturen weitgehend top-
den massiv erweitert. Datenverknüpfung und down ausgerichtet sind und die Beschäftigten
Datenanalyse erlauben den Arbeitgebenden, kaum Mitspracherechte haben, ist dies wider-
präzise Informationen über das Verhalten der sprüchlich. Mitsprache und Mitgestaltung sind
Mitarbeitenden zu gewinnen. Durch die zuneh- ein zentraler Bestandteil qualifizierter Arbeit:
mende Vermischung von Arbeitszeit und Frei- Indem ein Unternehmen die Kooperation über
zeit sowie von Arbeitsort und privaten Räum- Fach-, Bereichs- und Hierarchiegrenzen hin-
lichkeiten steigt das Überwachungspotenzial weg verstärkt, kann es die Chancen der Digi-
um ein Mehrfaches. Zwar finden sich auf ge- talisierung am besten nutzen – was zur De-
setzlicher Ebene Vorschriften zum Schutz vor mokratisierung betrieblicher Entscheidungen
missbräuchlicher Überwachung. Ob diese Be- führen muss.
stimmungen ausreichen werden, um den spe- Die heutigen gesetzlichen Mitwirkungsrech-
zifischen Gefahren der Überwachung und der te stellen lediglich einen Minimalstandard dar.
Datenbearbeitung im Arbeitsverhältnis zu be- Es steht den Sozialpartnern offen, in Gesamt-
gegnen, ist allerdings zu bezweifeln. arbeitsverträgen die betriebliche Mitwirkung
zu verstärken. Insbesondere ist auch zulässig,
Mitsprache erhöhen dass darin die Rolle der Gewerkschaften bei der
betrieblichen Mitbestimmung näher definiert
Was ist zu tun? Angesichts der nicht vollstän- wird.
digen und weitgehend nicht effektiven rechtli- Klar ist: Die Digitalisierung wird sich ebenso
chen Regelungen eröffnen sich für die Sozial- wenig aufhalten lassen wie die Verbreitung von
partner Handlungsspielräume. Es ist möglich, Beschäftigungsplattformen. Doch stehen wir
Lösungen zu finden, die den Bedürfnissen der dieser Entwicklung nicht machtlos gegenüber:
Branchen und Betriebe sowie der Mitarbei- Unter welchen Bedingungen in digitalen Zeiten
tenden entsprechen. Dabei müssen die unter- gearbeitet wird, ist gestaltbar. Eine besondere
schiedlichen Interessen berücksichtigt werden: Rolle kommt den Sozialpartnern zu. Durch ihre
Während auf Arbeitnehmerseite der Schutz von Nähe zur Arbeitswelt sind sie besonders geeig-
Persönlichkeit und die Privatsphäre im Zent- net, praxistaugliche Lösungen für arbeitsrecht-
rum stehen, hat die Arbeitgeberseite ein legiti- liche Fragen und Probleme zu finden. Die mit der
mes Interesse an der Beschaffung und der Nut- Digitalisierung einhergehenden Umwälzungen
zung von Arbeitnehmerdaten. eröffnen den Sozialpartnern Chancen, in Ge-
Gefördert werden soll auch die betriebliche samtarbeitsverträgen Lösungen zu erproben,
Mitwirkung: Demokratische Strukturen in den die später möglicherweise vom Gesetz­ geber
Betrieben sind zur Verteidigung von Privat- nachvollzogen werden.
sphäre und Persönlichkeitsschutz unumgäng-
lich. Ohnehin erfordert die Digitalisierung eine
Demokratisierung der Arbeitswelt, da die neu- Kurt Pärli
en Formen des Arbeitens hohe Anforderungen Professor für soziales Privatrecht, Universität Basel
an die Selbstorganisation und ein aktives En- Anne Meier
Dr. iur., MSS Law, Genf
gagement der Beschäftigten zur ­Lösung von

20  Die Volkswirtschaft  4 / 2019


FOKUS

Gute Arbeitsbedingungen fördern


die Produktivität
Eine höhere Produktivität und bessere Arbeitsbedingungen sind kein Widerspruch: Dies
zeigen von der Schweiz unterstützte Projekte in Entwicklungsländern.  Monica Rubiolo

Abstract    Arbeitsthemen sind ein wichtiges Teilgebiet der wirtschaft- ter Arbeitsbedingungen produktiver wird und
lichen Entwicklungszusammenarbeit der Schweiz. Bessere Arbeitsbe- seinen Marktanteil vergrössern kann, schafft es
dingungen sind in grossen und kleinen Firmen entlang der Lieferketten mehr und «bessere» Arbeitsplätze.
nötig, um ein nachhaltiges Wachstum zu ermöglichen. Mit praktischen Um diesen positiven Kreislauf in Gang zu set-
Instrumenten und evidenzbasierter Beratung wird im Rahmen von Ini-
zen, braucht es praktische Instrumente und evi-
tiativen, die durch das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) unter-
stützt und von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) umgesetzt denzbasierte Beratung. Deswegen unterstützt
werden, gezeigt, dass Investitionen in bessere Arbeitsbedingungen zu das Seco die beiden ILO-Programme «Better
höherer Produktivität führen. Work» und «Sustaining Competitive and Respon-
sible Enterprises» (Score). Diese bilden das Rück-
grat der Seco-Aktivitäten auf diesem Gebiet.

A  ngesichts des grenzüberschreitenden Cha-


rakters von Lieferketten spielen Arbeits-
themen bei der wirtschaftlichen Entwick-
Das «Score»-Programm hat zum Ziel, die Pro-
duktivität und die Arbeitsbedingungen in klei-
nen und mittleren Zulieferbetrieben aus Entwi-
lungszusammenarbeit eine wichtige Rolle: Die cklungs- und Schwellenländern zu verbessern.
Unternehmen und die Produzenten vor Ort Seit 2009 erhalten KMU in den Seco-Partnerlän-
müssen nationale Arbeitsnormen einhalten, dern Schulungen und Betriebsberatungen unter
die im Einklang mit internationalen Verpflich- anderem zu Qualitätsmanagement, Arbeitssi-
tungen und Konventionen stehen. Auch Konsu- cherheit, kooperativer Personalführung und
menten und Abnehmer pochen zusehends auf umweltfreundlichen Produktionsmethoden. In
die Einhaltung dieser Standards. Gleichzeitig den Genuss des «Score»-Programms kommen
sollten die Vorschriften für die produzierenden beispielsweise KMU im verarbeitenden Gewer-
Unternehmen keinen Wettbewerbsnachteil ver- be in Indonesien, in Ghana, in Myanmar und in
ursachen. Das Staatssekretariat für Wirtschaft Kolumbien – sowie Betriebe in der Agrarindus-
(Seco) unterstützt die Partnerländer der Schweiz
bei Arbeitsthemen rechtlich und technisch. Da-
für arbeitet das Amt eng mit der Internationalen Familienbetrieb in Myanmar verbessert seine
Arbeitsorganisation (ILO) zusammen. Arbeitsabläufe
Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) Bei Phyo Dana, einem Familienunternehmen in Myanmar,
stellen weltweit rund zwei Drittel aller Arbeits- arbeiten rund 120 Angestellte. Die Firma stellt Snacks wie  Kar-
toffelchips und «Bean Sticks» her. Im April 2018 nahm Phyo
stellen und sorgen für einen wesentlichen Teil
Dana am ILO-Programm «Sustaining Competitive and Respon-
der Einkommen der Bevölkerung. Sie spie- sible Enterprises» (Score) teil. Um langfristiges und nachhalti-
len daher eine Schlüsselrolle für eine nachhal- ges Handeln im Unternehmen zu verankern, wurde ein «Enter-
tige wirtschaftliche Entwicklung. Allerdings prise Improvement Team» geschaffen. In diesem Komitee sind
Mitarbeitende aller Produktionsstufen vertreten. Das Fazit
sind KMU tendenziell oft weniger produktiv als fällt positiv aus: «Die Zusammenarbeit bei der Produktion hat
Grossunternehmen, und die Einhaltung von Ar- sich verbessert», sagt der Produktionsleiter Maw Maw gegen-
beits- und Umweltstandards stellt für sie viel- über «Score». Dank einer besseren Stimmung unter den Mit-
arbeitenden gebe es für ihn weniger Konflikte, bei denen er
fach eine gewaltige Herausforderung dar. Aus
vermitteln müsse. Auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht hat
Sicht der wirtschaftlichen Zusammenarbeit gilt sich das Programm gelohnt: «Wir arbeiten systematischer»,
deshalb: Wenn ein Unternehmen aufgrund gu- sagt Maw Maw. Als Folge stieg die Produktivität.

Die Volkswirtschaft  4 / 2019  21
INTERNATIONALE ARBEITSORGANISATION

SECO
Konnte die Arbeits-
bedingungen dank
trie in Peru und in der Holzmöbelproduktion in dem ILO-Programm Beide Programme haben zum Ziel, Fach-
­Vietnam. In praktischen Schulungen erfahren «Better Work» ver- wissen zu generieren und die Relevanz guter
die KMU, wie sich die Arbeitsbedingungen ver- bessern: Kleiderfabrik Arbeitsbedingungen für mehr Wachstum und
Namyang Songmay in
bessern lassen. So werden sie auf eine internatio- Wettbewerbsfähigkeit aufzuzeigen. Nebst der
Vietnam.
nale Ausrichtung vorbereitet (siehe Kasten). Schweiz nimmt bei «Score» auch Norwegen
teil – bei «Better Work» sind es unter anderem
Textilsektor im Fokus Australien, Dänemark, Deutschland, die Nie-
derlande und die USA. Diese breitere Abstüt-
Das Programm «Better Work» richtet sich haupt- zung ermöglicht es, eine Koalition für die iden-
sächlich an Exportbetriebe im Bekleidungs- und tifizierten Lösungsansätze zu bilden.
Textilsektor. Es hilft den Unternehmen, die na-
tionalen Arbeitsgesetze und die internationalen Produktivität gesteigert
Arbeitsnormen einzuhalten. Darüber hinaus för-
dert es den Dialog zwischen den Stake­holdern «Score» hat bisher in 15 Ländern Schulungen
und erarbeitet Lösungen, die von der Regierung, für mehr als 300 000 Arbeitnehmende durch-
den Unternehmen, den Arbeitnehmenden und geführt. Die Investitionen in gute Arbeitsbedin-
internationalen Einkäuferorganisationen ge- gungen zahlen sich betriebswirtschaftlich aus:
tragen werden. Auf globaler Ebene entwickelt So stieg die Produktivität in den insgesamt 1400
­«Better Work» praktische Hilfsmittel zur Bewer- KMU um bis zu 50 Prozent. Gleichzeitig fielen
tung von Unternehmen betreffend Einhaltung bis zu 64 Prozent weniger Ausschussware an.
von Arbeitsstandards. Die Abfallmenge reduzierte sich um 48 Prozent,

22  Die Volkswirtschaft  4 / 2019


FOKUS

die Zahl der Arbeitsunfälle sank um 29 Prozent, Abb. 1: Zeitersparnis beim Erreichen der Produktionsziele («Better
und die krankheitsbedingten Personalausfälle Work», Vietnam)
gingen um 22 Prozent zurück (vgl. Abbildungen). 25    Minuten
Eine Impact-Analyse des Programms «Better
Work» zeigt: Firmen, die am Programm teilneh- 0

men, sind weniger anfällig für den Einsatz von


-25
Zwangsmassnahmen. Zudem konnten die Fäl-
le von sexueller Belästigung substanziell redu- -50

ILO / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


ziert werden, und die Qualität der Arbeitsplät-
ze wurde allgemein verbessert. Darüber hinaus -75

trägt das Programm dazu bei, dass geschlechts-


-100
bedingte Lohngefälle reduziert werden. Aus 1 2 3 4 5
Unternehmenssicht sind die Vorteile ebenfalls Anzahl Jahre bei «Better Work»

zahlreich: höhere Produktivität, geringere Mit-


arbeiterfluktuation, Rentabilitätssteigerung,
bessere Geschäftsaussichten mit Grosseinkäu- Abb. 2: Rentabilität («Better Work», Vietnam)
fern und grössere Einkaufsaufträge.
4    Umsatz/Kosten
Die Resultate der beiden Programme verdeut-
lichen, dass für Firmen kein Zielkonflikt zwi-
3
schen besseren Arbeitsbedingungen und höherer
Produktivität besteht. Nicht zuletzt profitieren +25%
2
auch Schweizer Unternehmen und Konsumen-

ILO / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


ten, indem die Lieferketten nachhaltiger werden.
1

Lieferketten verantwortungsvoll 0
gestalten Jahr 1
Anzahl Jahre bei «Better Work»
Jahr 4

Das sich stetig verändernde Handelsumfeld Innerhalb von vier Jahren stieg die Rentabilität um 25 Prozent.
macht Veränderungen unumgänglich. Gefordert
sind auch die multinationalen Unternehmen: le ändern. Da die künftigen Formen der Arbeit
Im Rahmen der UNO-Agenda 2030 erwartet die und die Auswirkungen der Digitalisierung für
Staatengemeinschaft, dass sie verantwortungs- Arbeitnehmende, Arbeitgeberseite und Regie-
voll handeln und einen Beitrag zum wirtschaft- rungen zurzeit nur ansatzweise vorhersehbar
lichen, sozialen und ökologischen Fortschritt sind, bleibt die technische Beratung eine Her-
leisten.1 Besonderes Augenmerk gilt ihren Liefer- ausforderung. Umso wichtiger werden Inves- 1 S iehe auch OECD-­
ketten – was sich oft in verschiedenen Auflagen titionen in die Berufsbildung und Trainings, Leitsätze für multi­
nationale Unterneh-
und multiplen Audits für Zulieferer und KMU welche die Lücke zwischen vorhandenen Kom- men: OECD (2018).
manifestiert. Damit eine verantwortungsvolle- petenzen der Arbeitnehmenden und vom Markt OECD Due D ­ iligence
Guidance for Responsi-
re Beschaffungspraxis der internationalen Ab- nachgefragten Qualifikationen schliessen. ble Business Conduct.
nehmer zu mehr Nachhaltigkeit in die Lieferkette
führt und negative Nebenwirkungen vermieden
werden, braucht es eine gute Einbettung in die
nationalen Reformbemühungen. Denn die Ent-
wicklungsländer sind selbst für die Umsetzung
besserer Arbeitsbedingungen verantwortlich: Sie
müssen dafür sorgen, dass die Gesetze eingehal-
ten werden.
Eine weitere Herausforderung für die Monica Rubiolo
Arbeitspolitik ist die Digitalisierung, die be- Dr. rer. soc., Leiterin Handelsförderung, Staatssekreta-
riat für Wirtschaft (Seco), Bern
wirkt, dass sich bestehende komparative Vortei-

Die Volkswirtschaft  4 / 2019  23
«Es braucht ein universelles
Recht auf lebenslanges
Lernen.» ILO-Generaldirektor
Guy Ryder in Genf.
RETO PROBST / DIE VOLKSWIRTSCHAFT
FOKUS

«Der Aufwand lohnt sich»


Seit der Gründung der Internationalen Arbeitsorganisation vor hundert Jahren haben
sich die Arbeitsbedingungen weltweit verbessert. Wie sieht die Zukunft der Arbeit aus?
Die Digitalisierung verändere die Art und Weise, wie wir arbeiten, sagt ILO-Direktor Guy
Ryder.  Susanne Blank

Herr Ryder, die Internationale Arbeits­ Ja. Es braucht deshalb ein universelles Recht auf
organisation feiert dieses Jahr ihr hundert­ lebenslanges Lernen. Wir müssen uns von der
jähriges Bestehen. Zur Zeit ihrer Gründung war Vorstellung verabschieden, dass wir die ersten
der Erste Weltkrieg gerade erst beendet, und 20 Jahre unseres Lebens zur Schule gehen und
die kommunistische Revolution in Russland rief anschliessend arbeiten.
Ängste hervor. Gibt es Parallelen zu heute?
Die ILO wurde ins Leben gerufen, weil die füh- Wie soll der Staat das lebenslange Lernen
renden Regierungen der Welt erkannt hat- unterstützen?
ten, dass sie sich mit der Bevölkerung und den In der Schweiz spielen die Unternehmen im
Arbeitsbedingungen auseinandersetzen müs- dualen Berufsbildungssystem eine zentrale
sen, um Frieden und Stabilität zu wahren. Die- Rolle  – an diese positiven Erfahrungen gilt es
se Erkenntnis gilt auch heute noch: Viele Welt- anzuknüpfen. Der Privatsektor muss weiterhin
regionen sind instabil, und in zahlreichen die Hauptrolle spielen, und der Staat muss das
Ländern macht sich ein Gefühl der sozialen Un- Recht auf Weiterbildung verankern und mit
gerechtigkeit breit. Eine bolschewistische Revo- Mechanismen sicherstellen, dass alle davon
lution ist dies nicht, aber es bestehen nach wie profitieren. Bildung ist als Investition – und
vor ungelöste Probleme. nicht als Ausgabe – zu betrachten. Indem man
Arbeitsplätze erhält, spart man bei den Ausga-
Braucht es 2019 die ILO noch? ben der Sozialhilfe und der Arbeitslosenkasse.
100  Jahre lang haben wir uns für mehr so-
ziale Gerechtigkeit in der Arbeitswelt einge- Weiterbildung beruht in der Schweiz vor allem
setzt. Noch nicht alle Menschen profitieren da- auf Eigeninitiative.
von, obwohl sich die Arbeitsbedingungen seit Die Arbeitnehmenden müssen eine gewisse Be-
der Gründung enorm verbessert haben: Die reitschaft mitbringen. Aber: Jeder soll sich zu si-
80-Stunden-Woche gibt es nicht mehr, viele cheren Konditionen weiterbilden können. Dazu
Arbeitnehmende haben Anspruch auf soziale sind adäquate finanzielle Garantien nötig. Ein
Absicherung, und das Arbeitsrecht wurde ein- Arbeitnehmer kann das Risiko eines Arbeits-
geführt. Trotzdem sind wir noch nicht am Ziel. platzverlustes nicht allein tragen.

Welche neuen Herausforderungen stellen sich Der im Januar veröffentlichte Bericht «Für eine
heute? bessere Zukunft arbeiten» verlangt soziale
Die Digitalisierung der Arbeitswelt ist in aller Sicher­heit für alle. Wie soll das erreicht werden?
Munde. Leider dreht sich die Diskussion meist nur
darum, wie viele Arbeitsplätze verschwinden oder Guy Ryder
entstehen. Aber: Die Digitalisierung verändert die Der 63-jährige Guy Ryder ist in Liverpool geboren und begann
Art und Weise, wie wir arbeiten. Denken wir an seine Karriere in Gewerkschaftskreisen. Nach einem ersten
Web-Plattformen und Arbeiten über das Internet. Einsatz bei der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zwi-
schen 1998 und 2002 kehrte er 2010 zurück und wurde 2012
zum Generaldirektor gewählt. Dazwischen war er ab 2006 als
Sind neue Kompetenzen auf dem Arbeitsmarkt erster Generalsekretär des Internationalen Gewerkschafts-
gefragt? bundes (ICFTU) tätig.

Die Volkswirtschaft  4 / 2019  25
INTERNATIONALE ARBEITSORGANISATION

Weltweit steht eine Mehrheit der Arbeitneh- fügen über keinen sozialen Schutz und erhalten
menden ohne – oder mit ungenügendem – sozia- keinen Lohn, wenn sie krank sind. Insbesondere
len Schutz da. Deshalb arbeitet die ILO mit ihren auf dem Lande ist die informelle Beschäftigung
187 Mitgliedsstaaten – insbesondere mit den am stark verbreitet. Hier besteht Handlungsbedarf.
wenigsten entwickelten Ländern – darauf hin, In der Vergangenheit wurde der Agrarsektor
eine Mindestabsicherung für alle Arbeitneh- hintangestellt, und meiner Ansicht nach wurde
menden gegenüber den grössten Risiken einzu- einiges falsch gemacht. Wir sind auf eine starke
führen. Diese soll auch Beschäftigte in der in- Landwirtschaft angewiesen, die angemessene
formellen Wirtschaft mit einschliessen. Beschäftigungsmöglichkeiten bietet. In vielen
Ländern ist eine Abwanderung vom Land in die
Der informelle Sektor liegt ausserhalb der Grossstädte zu beobachten, da es auf dem Land
staatlichen Vorschriften – wird er von der ILO an solchen Arbeitsplätzen fehlt.
vernachlässigt?
Keinesfalls. Die drei Hauptakteure der ILO – Welche weiteren Problematiken haben
Regierungen, Arbeitnehmende und Arbeitge-
­ ­Priorität?
ber – haben eine Empfehlung zur Formalisie- Wichtige Themen sind die grüne Wirtschaft und
rung der informellen Wirtschaft verabschiedet: das Gesundheitswesen. Vor zehn Jahren schien
Sie wollen helfen, informelle Arbeitsplätze und es, als ob man sich zwischen Umweltschutz und
Unternehmen in formelle umzuwandeln. Wo- Wirtschaftsentwicklung entscheiden müsse.
bei Informalität viele Gesichter hat: Strassen- Heute besteht zwischen Regierungen, Arbeit-
händler bewegen sich beispielsweise ausserhalb geber- und Arbeitnehmerverbänden ein brei-
jeglicher rechtlicher und administrativer Rah- ter politischer Konsens darüber, dass Umwelt-
menbedingungen. Auch illegal Beschäftigte ver- schutz und nachhaltiges ­Stellenwachstum zu

26  Die Volkswirtschaft  4 / 2019


FOKUS

vereinbaren sind. Auf einem toten Planeten gibt einer Gewerkschaft vertreten werden möchten.
es keine Arbeit. Das Interesse ist also vorhanden – die Gewerk-
schaften müssen sich jedoch überlegen, wie sie
Und was ist mit dem Gesundheitswesen? für junge Menschen attraktiver werden können.
In den Volkswirtschaften des globalen Nordens
und Asiens werden die Menschen immer älter Hat sich die Gesprächskultur verändert?
und sind zunehmend auf Pflege angewiesen. Die Regierungspolitik von einigen Staaten ist
Diese Pflegeleistungen, die heute meist unent- vermutlich kaum förderlich: Der soziale Dia-
geltlich von Frauen erbracht werden, müssen als log stösst auf weniger Akzeptanz als früher. Die
Arbeit anerkannt und qualitativ verbessert wer- Globale Kommission zur Zukunft der Arbeit
den. ruft deshalb in ihrem Bericht
zu einer Stärkung des Sozial-
Wie sollen die entsprechenden Investitionen vertrags auf. Dieser Pakt wi- «Auf einem toten
­finanziert werden? derspiegelt die Erwartung der
­Planeten gibt es keine
Es wäre illusorisch, zu glauben, die Regierun- Bürger, von der Gesellschaft
gen könnten die Investitionen allein bezahlen. für ihre Arbeit entschädigt Arbeit.»
Ein gut funktionierender Privatsektor ist unab- zu werden. Er wurde jedoch
dingbar. Aufgabe der Regierungen ist es, güns- durch die Entwicklungen der Arbeitswelt ge-
tige Rahmenbedingungen bereitzustellen. Das schwächt. In den Industrieländern stieg die Pro-
Pariser Klimaabkommen schuf einen solchen duktivität in den letzten 40 Jahren schneller als
Rahmen für Investoren. Diesen ist nun bewusst, die Löhne. Der Anteil des Kapitals am Bruttoin-
dass künftig rentable Sektoren grün sind. landprodukt hat zugenommen, jener der Arbeit
ist zurückgegangen. Der Dialog über ein neues
Die ILO besteht aus Vertretern der Regierun- Gleichgewicht wurde verdrängt durch die Suche
gen, der Arbeitgeber und der Arbeitnehmen- nach wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit in
den. Die Interessen der Arbeitgeber sind jedoch einer globalisierten Welt. Die Folgen dieses ge-
oft nicht deckungsgleich. Welche Auswirkun- schwächten Sozialvertrags lassen sich an jüngs-
gen hat dies? ten politischen Ereignissen in den USA, Frank-
Eine dreigliedrige Organisation hat viele Vor- reich und Grossbritannien beobachten. Die
teile. Die Akteure müssen aber dadurch legiti- Menschen fragen sich, was mit der sozialen Ge-
miert sein, dass sie alle Mitglieder vertreten. Die rechtigkeit geschehen ist.
Gruppe der Arbeitgeber reicht von KMU über
informelle Unternehmen bis zu multinationa- Wie steht es mit den Ungleichheiten?
len Konzernen. Das ist ein breites Spektrum an Gemäss dem Internationalen Währungsfonds
Bedürfnissen. Jedoch finden die grossen Unter- behindern die aktuellen Ungleichheiten das
nehmen des Silicon Valley, die in ihrer eigenen Wirtschaftswachstum und die Schaffung von
Welt agieren, im repräsentativen Gremium der Arbeitsplätzen, weil die Nachfrage darunter lei-
Arbeitgeber keinen Platz. Es zeichnen sich aber det. Soziale und wirtschaftliche Probleme tref-
Lösungen ab, und das Bewusstsein für die Prob- fen zusammen.
lematik steigt.
Wäre es möglich, die Entscheidungsprozesse
Auf der anderen Seite verlieren die Gewerk- der ILO effizienter zu gestalten, um hier Abhilfe
schaften an Mitgliedern. Wie reagiert die ILO zu schaffen?
darauf? Der soziale Dialog erfordert Zeit und politischen
Hier spielen strukturelle Veränderungen eine Einsatz. Manchmal ist der Prozess lang und
Rolle: Es war deutlich einfacher, die Belegschaft frustrierend, aber der Aufwand lohnt sich. Nach
von fünf Fabriken oder Minen mit je 1000 Mit- der Wirtschaftskrise sank das Bruttoinlandpro-
arbeitenden gewerkschaftlich zu organisieren dukt in Deutschland und in den USA im Jahr
als 1000 Büros mit je fünf Angestellten. Studien 2009 um je rund 4 Prozent. In den USA hatte
zeigen jedoch, dass viele Arbeitnehmende von dies verheerende Folgen für die Beschäftigung.

Die Volkswirtschaft  4 / 2019  27
INTERNATIONALE ARBEITSORGANISATION

Nicht so in Deutschland: Dank des Dialogs zwi- Nichtdiskriminierung, Verbot von Kinder-
schen Regierung, Arbeitgeber- und Arbeitneh- oder Zwangsarbeit usw.  – ratifiziert und sind
merverbänden führte man die Kurzarbeit ein. rechtlich daran gebunden. Alles ist gut aufein-
ander abgestimmt.
Hat auch die ILO mit Budgetbeschränkungen zu
kämpfen? Wie sieht es mit den Arbeitsnormen und
Bei meinem Stellenantritt leitete ich eine struk- ­privaten Labels aus?
turelle Reform ein. Unser Zweijahresbudget Private Labels beziehen sich häufig auf die
liegt seit Jahrzehnten stabil bei rund 790 Millio- ILO-Übereinkommen. Tun sie dies nicht, haben
nen Dollar. Da die Bedürfnisse und Anforderun- sie kaum Chancen, sich durchzusetzen. Wir die-
gen der Mitgliedergruppen unsere finanziellen nen als Vorbild. Um sicherzustellen, dass sich
Möglichkeiten übersteigen, forderte ich jüngst die Unternehmen an die erwähnten Ziele hal-
eine moderate Erhöhung des Budgets. ten, müssen wir Aufklärungsarbeit leisten und
mit dem Privatsektor zusammenarbeiten.
Sie waren Generalsekretär des Internationalen
Gewerkschaftsbundes. Wie reagierten Regie- Was erhoffen Sie sich von diesem Jubiläums-
rungen und der Arbeitgeber auf Sie? jahr und den anstehenden Veranstaltungen und
Ich bin der zehnte Generaldirektor der ILO. Zu- Konferenzen?
vor ist die Organisation noch nie von einer Per- Normalerweise fehlen an jeder Jahreskonferenz
son mit gewerkschaftlichem Hintergrund ge- etwa zehn Mitgliedsstaaten.
leitet worden – allerdings auch nie von einem Mein Wunsch ist es, dass an
Arbeitgebervertreter. Die Organisation arbeitet der Jubiläumskonferenz im «Der soziale Dialog
für alle und achtet auf ein ausgewogenes Gleich- Juni alle teilnehmen. An der stösst auf weniger
gewicht. Ich habe den sozialen Dialog nie als Konferenz wollen wir das
Konfrontation betrachtet, aus der die Gewerk- internationale Übereinkom-
­Akzeptanz als früher.»
schaften als Gewinner und die Arbeitgeber als men zu Gewalt und sexueller
Verlierer hervorgehen. Das ist kein Nullsum- Belästigung am Arbeitsplatz verabschieden. Das
menspiel. Das erste Mal wurde ich dank einer wäre das erste internationale Instrument, wel-
Stimme gewählt. Bei meiner Wiederwahl vor ches sich des von der #MeToo-Bewegung ans
zwei Jahren erhielt ich 54 von 56 Stimmen: Die Licht gebrachten Problems annimmt. Ausser-
Zahlen sprechen für sich. dem richten wir den Fokus auf die Zukunft der
Arbeit: Der im Januar vorgestellte Bericht wird
Machen die UNO-Nachhaltigkeitsziele oder im Juni im Plenum diskutiert, und anschlies-
die Europäische Menschenrechtskonvention send dürfte auch eine entsprechende Jubiläums-
der ILO Konkurrenz? erklärung angenommen werden. Bisher hat die
Unser Programm ist auf die Ziele der ILO zu jedem entscheidenden Zeitpunkt ihrer
UNO-Agenda ausgerichtet. Ausserdem haben Geschichte starke Erklärungen verabschiedet.
alle europäischen ILO-Mitglieder unsere acht
Kernübereinkommen – Gewerkschaftsfreiheit, Interview: Susanne Blank, Co-Chefredaktorin.

28  Die Volkswirtschaft  4 / 2019


FOKUS

STANDPUNKT VON LUCA CIRIGLIANO

Die ILO ist zentral für die Schweiz


In der Schweiz steht es um den Schutz von Gewerkschaftsmitgliedern nicht
zum Besten. Die ILO-Normen wirken solchen Missständen entgegen.
Das 100-Jahr-Jubiläum der Internationalen ILO immer mehr an Aktualität: Arbeit ist und
Arbeitsorganisation (ILO) bietet die Gelegenheit, bleibt keine Ware. Dies wurde erstmals von der
die Bedeutung dieser für die Arbeitnehmen- ILO 1944 in der wegweisenden Deklaration von
den einzigartigen UNO-Organisation aufzuzei- Philadelphia festgehalten – einem der ersten
gen. Zentral sind insbesondere die von der ILO Menschenrechtswerke der UNO-Familie.
geschaffenen und ständig weiterentwickelten Um dieses fundamentale Prinzip gerade
Normen: Diese wirken sowohl in der Schweiz – im Warenverkehr zwischen Staaten sicherzu-
bei der Auslegung der Europäischen Menschen- stellen, muss jedes neue Freihandelsabkom-
rechtskonvention – als auch auf internationa- men, welches die Schweiz abschliesst, Mindest-
ler Ebene bei der Entwicklung der UNO-Agenda bestimmungen in Bezug auf Menschen- und
2030 für nachhaltige Entwicklung. Arbeitsrechte beinhalten. Dafür sind die ent-
sprechenden ILO-Standards einzubauen. Denn
Arbeit ist keine Ware es gibt keine nachhaltige, breit abgestützte Glo-
balisierung ohne soziale Gerechtigkeit. Dies gilt
Gerade in der Schweiz, wo das aktuelle Kündi- besonders für eine offene, vernetzte Wirtschaft
gungsrecht nicht den ILO-Konventionen ent- wie die der Schweiz.
spricht (wie nach einer Beschwerde des Schwei- Die UNO will menschenwürdige und gute
zerischen Gewerkschaftsbundes festgestellt Arbeit für alle ermöglichen. Dafür sind die 17
wurde), soll das 100-Jahr-Jubiläum dazu die- Ziele für nachhaltige Entwicklung mit ihren
nen, gesetzliche Verbesserungen für den Schutz 169 Unterzielen in der Agenda 2030 festgelegt
von gewerkschaftlich und betrieblich engagier- worden. Sie tragen der wirtschaftlichen, sozialen
ten Arbeitnehmenden einzuführen: für Ver- und ökologischen Dimension der nachhaltigen
trauensleute in den Betrieben, Mitglieder von Entwicklung in ausgewogener Weise Rechnung
Personalkommissionen oder Stiftungsräte von und führen zum ersten Mal Armutsbekämpfung
Pensionskassen. Es darf nicht sein, dass sich und nachhaltige Entwicklung in einer Agenda
das ILO-Gastland um verbindliches Völkerrecht zusammen. Im Kapitel 8 geht es um die Umset-
foutiert. Hier hat das Bundesgericht im Dezem- zung unter anderem der ILO-Standards in allen
ber 2018 mit einem Leitentscheid (144 I 50) zur Mitgliedsländern. Hier bleibt immer noch viel zu
direkten Anwendbarkeit von ILO-Standards den tun für die Schweiz: Denn auch in der Schweiz
Weg geebnet für eine längst fällige grundrechts- geniessen längst nicht alle Arbeitnehmenden die
konforme Auslegung des Schweizer Kündi- von der ILO garantierten Rechte. So beispiels-
gungsrechts, sollten Bundesrat und Gesetzgeber weise den bereits erwähnten effektiven Schutz
weiterhin passiv bleiben. gegen missbräuchliche, antigewerkschaftliche
In Zeiten der Globalisierung, der Digitalisie- Kündigungen.
rung und der Herausforderungen durch reaktio- Luca Cirigliano ist Zentralsekretär des Schweizerischen
näre Politik gewinnt eines der Leitprinzipien der ­Gewerkschaftsbundes, Bern.

Die Volkswirtschaft  4 / 2019  29
INTERNATIONALE ARBEITSORGANISATION

STANDPUNKT VON MARCO TADDEI

100 Jahre tripartiter Dialog


Die tripartite Struktur der Internationalen Arbeitsorganisation trägt weltweit
zu Dialog und menschenwürdigen Arbeitsplätzen bei.
Die 1919 aus dem Ideal der sozialen Gerechtigkeit massnahmen stehen dabei im Mittelpunkt: die
heraus entstandene Internationale Arbeitsorga- Vereinfachung der Regulierungen und ein bes-
nisation (ILO) feiert dieses Jahr ihr 100-jähriges serer Zugang zu Finanzierungen für KMU.
Bestehen. Bei den Schweizer Arbeitgebern ge- Ein weiteres Beispiel ist die 2016 verabschie-
niesst die Organisation Unterstützung: Als einzi- dete Resolution zur Förderung von menschen-
ge tripartite Sonderorganisation der UNO vereint würdiger Arbeit in den globalen Lieferketten.
sie Regierungen, Arbeitgeber sowie Arbeitneh- Dies ist gerade für eine kleine, offene Volks-
mende. Dieser tripartite Dialog hilft, Lösungen wirtschaft wie die Schweiz von besonderem In-
für Probleme der Arbeitswelt zu finden. Damit teresse. Die ILO-Delegierten haben in diesem
trägt die ILO zur Schaffung menschenwürdiger Fall den Vorschlag der Arbeitgeber übernom-
Arbeitsplätze und zur Einhaltung der Menschen- men und Empfehlungen verabschiedet, die sich
rechte in den Unternehmen bei. auf die UNO-Leitprinzipien für Wirtschaft und
Ihre Aufgabe besteht darin, internationa- Menschenrechte stützen.
le Arbeitsstandards zu entwickeln und de- Und ganz aktuell: Im Hinblick auf ihr
ren Anwendung zu überprüfen. Bisher hat die 100-jähriges Bestehen hat die ILO eine Initia-
Schweiz 60 ILO-Übereinkommen ratifiziert, tive zur Zukunft der Arbeit lanciert, in deren
darunter die acht sogenannten Kernarbeitsnor- Rahmen an der Internationalen Arbeitskon-
men. Der Schweizerische Arbeitgeberverband ferenz im Juni 2019 eine Erklärung über die
(SAV) unterstützt die Praxis des Bundesrates, Zukunft der Arbeit verabschiedet wird. Neue
internationale Normen nur dann zu ratifizie- Arbeitsformen, Sozialdialog, soziale Sicherheit
ren, wenn sie mit dem Schweizer Recht im Ein- und Weiterbildung stehen dabei im Zentrum
klang stehen. Indem der SAV jedes Jahr als Teil der Diskussionen.
der Arbeitgeberdelegation an der Internationa- Die ILO als Garantin für die Einhaltung der
len Arbeitskonferenz in Genf dabei ist, leistet er Kernarbeitsnormen verdankt ihre Langlebig-
einen Beitrag zu den Arbeiten der ILO. keit ihrer tripartiten Struktur. Denn in einer
Aber wirkt die zu Zeiten des Versailler Ver- Zeit des zunehmenden Individualismus und
trags gegründete ILO angesichts von Globalisie- des wieder erstarkenden Nationalismus macht
rung und Digitalisierung nicht etwas überholt? diese besondere Struktur aus der ILO ein ein-
Nein, im Gegenteil: Die ILO geht mit der Zeit zigartiges internationales Forum für den Ge-
und begleitet die tiefgreifenden Veränderun- dankenaustausch und den Dialog. Dadurch
gen in der Arbeitswelt. So wurden in den letz- trägt sie weltweit zur Verbesserung der Arbeits­
ten Jahren mehrere aktuelle Themen, die die bedingungen und somit auch zu einer besseren
Arbeitgeber stark beschäftigen, auf die Tages- Performance der Unternehmen bei.
ordnung der ILO gesetzt. Im Jahr 2015 etwa ver-
Marco Taddei leitet das Ressort Internationale Arbeitgeber­
abschiedete die ILO eine Resolution, um mehr politik und ist Mitglied der Geschäftsleitung des Schweizeri­
Arbeitsplätze in KMU zu schaffen. Zwei Haupt- schen Arbeitgeberverbands (SAV), Zürich.

30  Die Volkswirtschaft  4 / 2019


FOKUS

4 FRAGEN AN JEAN-JACQUES ELMIGER

«Eine einmalige Chance für die Schweiz»


An der ILO-Jubiläumskonferenz soll eine Erklärung zur Zukunft der Arbeit verabschiedet
­werden. Der Schweizer Botschafter Jean-Jacques Elmiger ist an vorderster Front dabei.

Herr Elmiger, Sie werden im Juni die die Koordination der Jubiläumsak- Massnahmen braucht es eine allsei-
Jubiläumskonferenz der ILO in Genf tivitäten. Insbesondere muss ich tig akzeptierte Regelung, worin klare
leiten. Was bedeutet diese Ernen- sicherstellen, dass die rund 4000 Rechte und Pflichten sowie gemein-
nung für die Schweiz? Konferenzteilnehmenden im Kon- same Strategien und Aktivitäten fest-
Die Schweiz ist Gründungsmitglied sens eine Erklärung zur Zukunft der gelegt werden müssen.
und seit 1919 Gaststaat der Interna- Arbeit und zur Rolle der ILO sowie
tionalen Arbeitsorganisation (ILO). eine neue internationale Norm zur Markiert die Jubiläumskonferenz
Indem die ILO damals den Hauptsitz Bekämpfung von Gewalt und Belästi- tatsächlich einen Wendepunkt für
in der Rhonestadt errichtete, wurde gung am Arbeitsplatz verabschieden die ILO?
der Grundpfeiler für die Entwicklung können. Hoffentlich! Vor hundert Jahren woll-
des internationalen Genf im 20. Jahr- ten die Gründungsstaaten verhin-
hundert gelegt. Die tripartiten Ver- Welches sind die strittigen Punkte dern, dass die Russische Revolution
treter der 187 Mitgliedsstaaten – bei diesem Übereinkommen? von 1917 weltweit die Arbeiterklasse
Regierungen, Arbeitgebende und Nach ersten Gesprächen, Schluss- ansteckt. Heutige Herausforderun-
Arbeitnehmende – müssen meine folgerungen und einer Empfehlung gen sind die Globalisierung und die
Ernennung noch bestätigen. Sie be- im vergangenen Jahr herrscht noch Einführung neuer Technologien, wel-
kräftigt das Engagement der Schweiz keine Einstimmigkeit: Während ei- che die Arbeitswelt und unsere Ge-
für die ILO und steht im Einklang mit nige Regierungen – insbesondere sellschaften tiefgreifend verändern.
dem Ziel von Bundesrat und Parla- im europäischen Raum – sowie die Wir müssen eine Lösung für die herr-
ment, die Rolle der Schweiz als Gast- Arbeitnehmenden einen weitgehen- schende Ungewissheit und die Unzu-
land auszubauen. Das Jubiläum bietet den und detaillierten Schutz verlan- friedenheit im Zusammenhang mit
die einmalige Chance, die Bedeutung gen, plädieren die Arbeitgebenden der sozialen Gerechtigkeit finden: Die
der Organisation für die Schweiz und und andere Regierungen – darunter ILO muss diese Probleme angehen
das internationale Genf hervorzuhe- die Schweiz – für mehr Flexibili- und gleichzeitig die grüne Wirtschaft
ben. Auch im Inland wollen wir ge- tät und nationale Autonomie. Die fördern.
zielt über die Aktivitäten der ILO in- Schweiz unterstützt das Vorgehen
formieren. der ILO auf diesem Themengebiet:
Für die internationale Gemeinschaft
Botschafter Jean-Jacques Elmiger ist Vorsitzen-
Welche Aufgaben haben Sie als ist es unerlässlich, dass eine Organi- der der Jubiläumskonferenz der Internationa-
­Vorsitzender der Konferenz? sation bei der Bekämpfung von Ge- len Arbeitsorganisation (ILO), die im Juni in Genf
stattfindet. Er arbeitet als Sonderbeauftragter
Unter anderem werde ich die Arbei- walt und Belästigung am Arbeitsplatz der Direktion für Arbeit im Staatssekretariat für
ten des Plenums leiten. Hinzu kommt die Führung übernimmt. Für griffige Wirtschaft (Seco) in Bern.

Die Volkswirtschaft  4 / 2019  31
ALAMY
EINBLICK VON GÜNTHER FINK

Frühkindliche Förderung lohnt sich


In der Wohlfahrtsökonomie stehen Kinder zu- muss. Solche Schüler sind schnell frustriert,
nehmend im Fokus. Dabei geht es nicht dar- und trotz massiver Anstrengungen des Lehr-
um, wie man Eltern und Grosseltern die neu- personals bleibt der Lernerfolg aus. Wie aktu-
esten Kleider und Spielsachen durch gezieltes elle Studien zeigen, erhöht die frühe Förderung
Marketing schmackhaft machen kann, son- von Kindern in einkommensschwachen Haus-
dern vielmehr darum, dass die frühe Kind- halten nicht nur den Schulerfolg; sie kann lang-
heit immer mehr als entscheidender Faktor für fristig auch zu niedrigeren Jugendkriminali-
das langfristige Wohlergehen von Kindern und tätsraten führen – wodurch öffentliche Mittel
Jugendlichen wahrgenommen wird. In die- und Steuergelder eingespart werden können.
sem Gebiet forschen wir verstärkt am Schwei- Die grosse Frage lautet nun natürlich: Was
zerischen Tropen- und Public-Health-Insti- ist politisch im frühkindlichen Bereich zu ma-
tut (Swiss TPH) und an der Universität Basel. chen? Bei Kindern im Vorschulalter setzen die
Kantone  – abgesehen von der klinischen und
Schulerfolg messbar der kinderärztlichen Betreuung – vor allem auf
Für lange Zeit lag der Schwerpunkt der Betreuung durch Kitas und Kindergarten. Zwei
Arbeitsmarkt- und Wohlfahrtsökonomie stark Jahre Kindergarten sind in 17 Kantonen obliga-
im Bereich schulischer Bildung. Auch wenn torisch, in 8 Kantonen gilt ein Jahr Kindergar-
einzelne Schätzungen ein wenig voneinan- tenpflicht. Da diese Programme Kinder besser
der abweichen, zeigen die Resultate nahe- auf die Schule vorbereiten und vor allem auch
zu aller Studien: Jedes zusätzliche Schuljahr dafür sorgen, dass die Unterschiede zwischen
ist mit 5 bis 10 Prozent höheren Gehältern im Kindern aus reicheren und ärmeren Einkom-
Arbeitsmarkt assoziiert. Dass sich die Schu- mensschichten bei Schulantritt nicht allzu
le langfristig lohnt, ist natürlich positiv. War- gross sind, sind sie sowohl aus ökonomischer
um tun sich manche Kinder aber so viel leich- als auch aus sozialer Perspektive zu begrüssen.
ter mit der Schule als andere? Eine wachsende Inwieweit es schon ausreicht, Kinder aus bil-
Zahl an Studien macht die Ursachen fehlen- dungsärmeren Schichten erst mit vier oder fünf
der Schulleistungen im frühkindlichen Alter statt schon mit zwei oder drei Jahren durch das
aus. Vereinfacht gesagt, haben Kinder, die von öffentliche Bildungssystem zu unterstützen,
Anfang an viele Möglichkeiten zum Lernen bleibt eine offene Frage, die in den nächsten
und zur Selbstentfaltung haben, in der Schu- Jahren durch gezielte Forschung hoffentlich zu-
le weniger Mühe als Kinder, die bis zum Ein- mindest teilweise beantwortet werden kann.
tritt in den Kindergarten noch nie ein Buch
in der Hand hatten und sich vielleicht auch
mit der Unterrichtssprache schwertun. Günther Fink ist Professor für Epidemiologie und Household
Economics an der Universität Basel. Er leitet die Household
Eine fehlende Vorbereitung führt oft dazu, Economics and Health Systems Research Unit am Schweizeri-
dass das erste Schuljahr wiederholt werden schen Tropen- und Public Health-Institut (Swiss TPH).

Die Volkswirtschaft  4 / 2019  33
ENTWICKLUNGSZUSAMMENARBEIT

Dringend gesucht: Wirkungsvolle


Privatinvestitionen für Klimaprojekte
Soll die globale Erwärmung auf 1,5 Grad beschränkt werden, sind deutlich mehr klima­
relevante Investitionen nötig. Das Seco will deshalb die Rahmenbedingungen für wirkungs-
volle und nachhaltige Privatinvestitionen in Entwicklungsländern verbessern, zum Beispiel
bei Projekten für erneuerbare Energien.  Patrick Renz

Abstract  Allein mit den bisher beschlossenen nationalen Klimaplänen und den öffent- ler Länder bei der Umsetzung ihrer Klimazie-
lich verfügbaren Mitteln ist die angestrebte Begrenzung auf eine globale Erwärmung le zu überprüfen.
um 1,5 Grad Celsius nicht realistisch. Der Einbezug des Privatsektors ist deshalb zwin- In Polen nicht zur Debatte standen die
gend notwendig. Auch die Schweiz will in ihrer Entwicklungsfinanzierung den Privat- eigentlichen Ziele zur Einsparung bzw. Reduk-
sektor bei Massnahmen gegen den Klimawandel noch mehr einbinden. Neu interessie- tion von CO2-Emissionen, welche im Rahmen
ren sich auch die internationalen Finanzmärkte immer stärker für die klimabedingten des Klimaübereinkommens von Paris durch die
Risiken: Die Nachfrage nach grünen Finanzanlagen steigt stark. Damit diese dringend einzelnen Länder formuliert wurden. Diese rei-
benötigten Gelder effektiv investiert werden können, sind gerade in Entwicklungs- chen leider nicht einmal, um den weltweiten
ländern bessere Rahmenbedingungen für den Privatsektor erforderlich. Erhöhte In- Temperaturanstieg unter 2 Grad zu halten. Zu-
vestitionen sind aber nutzlos, wenn ihre Wirkung verpufft oder wenn sie ungewollte dem fehlen global verbindliche Vorgaben, wie
Nebeneffekte verursachen. Trotz der Euphorie über zusätzliche Gelder muss die Wir- die Länder ihre bisher ungenügenden Klima-
kung deshalb weiterhin im Zentrum stehen. schutzpläne in Zukunft schrittweise an die Kli-
maziele anpassen müssen.
Allein mit ambitionierteren Plänen der Län-

W  ährend Davos die Besucher des World


Economic Forum (WEF) 2019 tief
verschneit und mit Minusgraden empfing,
bale Erwärmung auf maximal 1,5 Grad be-
grenzt werden kann, muss bis 2050 weltweit
CO2-Neutralität erreicht werden. Das bedeu-
der wäre es aber nicht getan. Bei einem ange-
strebten maximalen Temperaturanstieg von
1,5 Grad Celsius und ohne weitere Massnah-
sprach der vom WEF publizierte World Risk tet: Ab diesem Datum darf die CO2-Menge men der Politik müssten gemäss dem Welt-
Index deutliche Worte: Die drei grössten glo- in der Atmosphäre nicht mehr steigen oder klimarat allein die weltweiten energiebezoge-
balen Risiken für das Jahr 2019 stehen im Zu- muss sogar reduziert werden. nen Investitionen pro Jahr um durchschnitt-
sammenhang mit dem Klimawandel. Gemeint lich 830 Milliarden Dollar höher ausfallen als
sind extreme Wetterereignisse, Naturkatast- Ungenügende Klimaschutzpläne heute. Gerade in Entwicklungsländern reichen
rophen sowie das Scheitern von Politiken im die öffentlichen Gelder, inklusive der klima­
Kampf gegen und zur Anpassung an den Kli- Der Klimawandel ist eine globale Herausfor- relevanten Mittel aus der internationalen Ent-
mawandel. Klimaforscher sagen für das lau- derung, die zwingend eine globale Lösung wicklungsfinanzierung, nur für einen Bruchteil
fende Jahr zudem eine Rückkehr des Wetter- braucht. Entsprechend wurden im Dezem- der benötigten Investitionen. Der Privatsektor
phänomens El Niño voraus, das für Stürme, ber 2018 an den Klimaverhandlungen im pol- muss deshalb zwingend eingebunden werden.
Überschwemmungen und Dürren verant- nischen Katowice wichtige Elemente zur Um-
wortlich ist. Darüber hinaus wird für 2019 ein setzung des Klimaübereinkommens von Paris Ein fairer Schweizer Beitrag
rekordhoher Anstieg von CO2-Emissionen er- verabschiedet. So hat man sich unter ande-
wartet. rem auf die Methodik geeinigt, die es in Zu- Neben ihrer nationalen Klimapolitik
Ein Rückblick auf das vergangene Jahr kunft möglich machen soll, den Fortschritt al- unterstützt die Schweiz im Rahmen der
unterstreicht dieses Bild: 2018 war das vier-
te Jahr in Folge mit einer globalen Durch-
schnittstemperatur von 1 Grad über dem vor- Das Gul-Ahmed-Windprojekt
industriellen Niveau. Gemäss dem Bericht des Die Private Infrastructure vestoren bei einem Projekt für tät eines solchen Windprojektes
Weltklimarats vom Oktober 2018 erreicht die ­Development Group (PIDG) ist erneuerbare Energien hatte, in- beweisen und damit weitere In-
globale Erwärmung voraussichtlich zwischen eine Initiative, um private Mit- vestierte PIDG sein Fachwissen vestitionen in den Sektor der er-
2030 und 2052 die im Klimaübereinkommen tel in Entwicklungsländern zu und 15 Millionen Dollar in die neuerbaren Energien Pakistans
mobilisieren. Das Seco beteiligt Entwicklung eines 50-Mega- auslösen. Das Projekt reduziert
von Paris angestrebte Obergrenze der Klima- sich daran. Ein Beispiel für ein watt-Windprojekts. Die PIDG-­ die CO2-Emissionen des Landes
erwärmung von maximal 1,5 Grad. PIDG-finanziertes Klimaschutz- Investitionen mobilisierten zu- um 93 800 Tonnen pro Jahr und
Für viele Regionen ist eine Klimaerwär- projekt ist das Gul-­Ahmed- sätzliche 120 Millionen Dollar, garantiert den Zugang zu Elek-
mung von 1,5 Grad bereits heute Realität. So Windprojekt in Pakistan. Da wovon 69 Millionen aus dem trizität oder verbessert diesen
das Unternehmen Gul Ahmed lokalen Privatsektor kamen. Mit für mehr als 350 000 Menschen.
etwa für die Schweiz, wo die mittlere Jahres- Energy Schwierigkeiten bei der begrenzten Gebermitteln konn-
temperatur seit Messbeginn sogar um 2 Grad finanziellen Strukturierung und te Gul Ahmed den inländischen
gestiegen ist. Damit aber zumindest die glo- der Gewinnung von privaten In- Privatinvestoren die Rentabili-

34  Die Volkswirtschaft  4 / 2019


Um die Wirkung von klimafreundlichen
Projekten in Entwicklungsländern zu erhöhen,
kooperiert die Schweiz auch mit privaten
Investoren.
KEYSTONE
ENTWICKLUNGSZUSAMMENARBEIT

i­nternationalen Zusammenarbeit auch die Schweiz auch in Zukunft beeinflussen. Ein in der Schweiz werden Vermögen in der Höhe
Entwicklungsländer beim Kampf gegen den gewisser finanzieller Spielraum sei deshalb von rund 7,3 Billionen Franken verwaltet.
Klimawandel. Bereits an der Klimakonferenz unabdingbar. Wie sich am diesjährigen WEF zeigte, fin-
2009 in Kopenhagen hat man sich mit ande- Die öffentlichen Mittel für die internatio- det bei einem wachsenden Teil der Akteure
ren Industrieländern gemeinsam dazu ver- nale Zusammenarbeit der Schweiz stagnieren ein Umdenken statt. Grüne Finanzanlagen,
pflichtet, ab 2020 insgesamt 100 Milliar- derzeit, und neue Finanzierungsquellen für wie etwa Investitionen in erneuerbare Ener-
den Dollar pro Jahr dafür zu mobilisieren. den globalen Klimaschutz wie etwa zweck- giequellen, werden auch aus Renditeüber-
Die Gelder sollen aus öffentlichen und priva- gebundene Abgaben haben politisch wenig legungen immer attraktiver. Die Nachfra-
ten Quellen stammen und die Entwicklungs- Chancen. Das bedeutet: Eine höhere Klima- ge nach solchen Finanzprodukten ist in den
länder bei der Umsetzung von Aktivitäten finanzierung ist nur durch eine zunehmen- letzten Jahren markant gestiegen. Das welt-
gegen den Klimawandel und zur Anpassung de Mobilisierung des Privatsektors möglich. weite Emissionsvolumen von grünen Anlei-
an dessen Folgen unterstützen. 2017 hat Deshalb sollen der Ausbau von hierfür geeig- hen ist 2018 auf 167 Milliarden Dollar gestie-
der Bundesrat in einem Bericht festgehal- neten bestehenden Initiativen (siehe Kasten), gen (siehe Abbildung). Gemeinsam mit der
ten, dass der faire Anteil der Schweiz an die- der Einsatz neuer Instrumente sowie die hier- Internationalen Finanz-Korporation (IFC)
sen 100 Milliarden ab 2020 450 bis 600 Mil- für benötigten Ressourcen geprüft werden. unterstützt das Seco deshalb die Förderung
lionen Dollar pro Jahr beträgt.1 Dafür will der und die Qualitätssteigerung von grünen An-
Bundesrat öffentliche Mittel und, zu einem Globale Finanzflüsse leihen aus Entwicklungs- und Schwellen­
massgeblichen Teil, mobilisierte private Mit- ländern.
tel verwenden.
als grösster Hebel Die Bereitstellung von zusätzlichen Mil-
Die internationale Klimafinanzierung der Das Klimaübereinkommen von Paris fordert liarden, um die Reduktion von Emissionen
Schweiz soll sich dabei aber nicht am Mi- zudem die klimafreundliche Ausgestaltung und die Anpassung an den Klimawandel
nimum – den 450 Millionen – ausrichten. der Finanzflüsse. Denn durch die Investition zu finanzieren, genügt aber nicht. Gerade
Zu diesem Schluss kommen Experten des in ein Kohlekraftwerk mit minderwertiger in Entwicklungsländern fehlen vorteilhaf-
Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco), des Technologie in einem Entwicklungsland kann te Rahmenbedingungen und attraktive In-
Bundesamts für Umwelt (Bafu) und der Direk- beispielsweise ein Vielfaches der Emissio- vestitionsmöglichkeiten für den Privatsek-
tion für Entwicklung und Zusammenarbeit nen in die Atmosphäre gelangen, als gleich- tor, um klimafreundliche Investitionen zu
(Deza) in einem technischen Konzept zur ver- zeitig durch öffentlich finanzierte erneu- erhöhen.
stärkten Mobilisierung des Privatsektors für erbare Energiequellen eingespart werden.
klimafreundliche Investitionen in Entwick- Lange Zeit wurden solche klimabedingten Ri- Rahmenbedingungen für private
lungsländern. Gemäss diesem werden jähr- siken in den Portfolios von Banken, Versiche-
liche Schwankungen bei den Projektfinan- rungen oder Pensionskassen nicht oder nur
Investoren verbessern
zierungen, unterschiedliche Projektlaufzei- sehr bedingt berücksichtigt. Die angestreb- Mit der wirtschaftlichen Zusammenarbeit
ten oder Währungsschwankungen die Höhe te Begrenzung des maximalen Temperatur- unterstützt das Seco ein nachhaltiges und
der internationalen Klimafinanzierung der anstiegs auf 1,5 Grad kann aber nur dann er- inklusives Wirtschaftswachstum in Entwi-
reicht werden, wenn die Finanzmärkte mit cklungs- und Schwellenländern. Dazu ist
1 Siehe Bundesrat (2017). Internationale Klimafinanzie- ihrem Investitionsverhalten den Übergang der Aufbau von günstigen politischen und
rung. Bericht des Bundesrates in Erfüllung des Postu-
lats der Aussenpolitischen Kommission des National-
zu einer klimaverträglicheren Weltwirtschaft wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für
rats 15.3798 vom 2. Juli 2015. begünstigen und nicht weiter bremsen. Allein den Privatsektor zentral. So will man etwa

Als grün bezeichnete Bond-Emissionen nach Emittententyp (2012–2018)


200  Milliarden Dollar
CLIMATE BONDS INITIATIVE / STANDARD & POOR’S FINANCIAL SERVICES / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

150

100

50

0
2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018

  Banken            Unternehmen           Entwicklungsbanken           Staaten           Regierungsbehörden           Lokalregierungen           Forderungsbesicherte Wertpapiere        


  Weitere Schuldinstrumente

36  Die Volkswirtschaft  4 / 2019


ENTWICKLUNGSZUSAMMENARBEIT

den Privatinvestoren helfen, ihre Risiken Mitteln und zusätzlich den gleichen Betrag gionen zu verhindern, müssen öffentliche
abzufedern, die mit einer Geschäftstätig- aus mobilisierten Mitteln für die Klimafinan- und private Investoren gemeinsam mit den
keit in Entwicklungsländern verbunden zierung bereitstellen. betroffenen Akteuren sozialverträgliche
sind. und nachhaltige ökologische Lösungen su-
Neben der bilateralen Zusammenarbeit Die Wirkung macht den Unter- chen. Die multilateralen Entwicklungsban-
mit Partnerstaaten kooperiert die Schweiz ken sind heute wichtige Akteure in der För-
auch mit den wichtigsten multilateralen
schied derung von global akzeptierten Standards.
Entwicklungsbanken. So beteiligt sich das Die Kooperation von öffentlichen und priva- Ein Beispiel sind die sogenannten Äqua-
Seco unter anderem am «Energy Sector ten Akteuren könnte den Weg zur Begren- tor-Prinzipien, ein freiwilliges Regelwerk
­Management Assistance Program» der Welt- zung des maximalen Temperaturanstiegs von Banken zur Einhaltung von Umwelt-
bank-Gruppe, welches in Entwicklungslän- auf 1,5 Grad ebnen. Hierfür ist es allerdings und Sozialstandards bei Projektfinanzie-
dern nachhaltige Reformen des Energiesek- zwingend, dass die Wirkung der eingesetz- rungen. Auch in Zukunft sind diesbezüglich
tors fördert. Hiermit unterstützt das Seco ten Finanzmittel nicht verpufft oder unge- grosse Anstrengungen aller involvierten
beispielsweise das Schwerpunktland Ägyp- wollte Nebeneffekte verursacht. Eine inno- Akteure gefordert.
ten beim Abbau von Subventionen für fossi- vative Lösung zum effizienteren Energiever-
le Brennstoffe. brauch ist beispielsweise nur dann sinnvoll,
Durch ihre finanzielle Beteiligung an den wenn die Konsumenten die eingesparte
multilateralen Entwicklungsbanken ist die Energie nicht für eine zusätzliche, ineffizien-
Schweiz auch ein aktives Mitglied in de- te Lösung nutzen.
ren Leitungsgremien. Die Banken finanzie- Wichtig ist auch ein effektiver Umgang
ren klimaresiliente und emissionsarme Infra- mit ökologischen, sozialen und Führungsri-
strukturen und ermöglichen finanzierungs- siken. So können etwa der Abbau von Sub-
reife und klimarelevante Projekte, indem ventionen für fossile Treibstoffe oder die
sie Risiken der wirtschaftlichen und techni- Schliessung von Kohleminen gerade die är- Patrick Renz
schen Machbarkeit minimieren. Die Welt- mere Bevölkerung eines Landes durch hö- Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Multi­
bank-Gruppe will zwischen 2021 und 2025 here Preise oder Jobverlust empfindlich laterale Zusammenarbeit, Staatssekretariat
für Wirtschaft (Seco), Bern
insgesamt 100 Milliarden Dollar aus eigenen treffen. Um soziale Probleme für ganze Re-

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ARBEITSLOSENQUOTE

Das interkantonale Arbeitslosigkeits­


gefälle schwankt stark
Die Arbeitslosenquoten unterscheiden sich von Kanton zu Kanton. Einzelne Kantone wie
etwa Uri erweisen sich dabei robuster gegenüber Konjunktureinflüssen als beispielsweise
der Kanton Jura.  George Sheldon, Elena Shvartsman

Abstract  Die Arbeitslosigkeit in der Schweiz streut stark nach Kantonen. Seit Jahren nale Arbeitslosigkeitsgefälle zwischen 1990
werden die Gründe dieser kantonalen Unterschiede empirisch erforscht. In der Regel und 2017 also antizyklisch zur Konjunktur.
gehen die Studien von einem im Zeitablauf konstanten interkantonalen Arbeitslosig- Auffällig ist zudem, dass sich die Rangposi-
keitsgefälle aus und erklären das Gefälle vor allem mit dem unterschiedlichen Erfolg tionen der Kantone im Arbeitslosigkeitsgefäl-
der Kantone bei der Wiedereingliederung der Arbeitslosen in den Erwerbsprozess. le im Zeitablauf verändern, was in der Abbil-
Eine Studie im Auftrag der Aufsichtskommission für den Ausgleichsfonds der Arbeits- dung 1 am mehrfachen Kreuzen der Kurven zu
losenversicherung zeigt, dass das Gefälle im Zeitablauf stark schwankt und vornehm- erkennen ist.
lich auf die unterschiedliche Beschäftigungsstabilität in den Kantonen zurückzufüh- Was sind die Ursachen des interkanto-
ren ist. nalen Arbeitslosigkeitsgefälles? Dieser Fra-
ge sind wir im Auftrag der Aufsichtskommis-
sion für den Ausgleichsfonds der Arbeits-

I  m Kanton Neuenburg lag die Arbeitslo-


senquote im Jahr 2017 bei 5,6 Prozent – im
Kanton Obwalden betrug sie nur 0,9 Prozent.
wie zum Beispiel Mitte der Neunzigerjahre,
nahm das interkantonale Gefälle zu, während
es in Aufschwungsphasen wie etwa um 2000
losenversicherung nachgegangen.1 Da bei
1 George Sheldon und Elena Shvartsman (2018). Bestim-
mungsfaktoren der kantonalen Arbeitslosigkeitsunter-
Die Differenzen fallen dabei je nach Konjunk- wieder sank (siehe Abbildung 1). schiede im Zeitraum 1990–2017.

turlage unterschiedlich aus: In Perioden ho- Gemessen in Prozentpunkten der Arbeits- Im Kanton Jura reagiert die Arbeitslosenquote
her gesamtschweizerischer Arbeitslosigkeit, losenquote entwickelte sich das interkanto- stark auf konjunkturelle Schwankungen. Fabrik
in Pruntrut.

KEYSTONE

38  Die Volkswirtschaft  4 / 2019


ARBEITSLOSENQUOTE

auf die Entstehung von Arbeitslosigkeit und


Abb. 1: Arbeitslosenquoten nach Kantonen (1990–2017)
gibt die Wahrscheinlichkeit an, mit der eine
8    %
Erwerbsperson in einem gegebenen Zeitraum
(hier ein Monat) arbeitslos wird. Es ist somit

AVAM, BERECHNUNGEN SHELDON UND SHVARTSMAN (2018) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


ein Indikator für die Beschäftigungsstabilität.
6
Die Arbeitslosigkeitsdauer misst die Länge
der anschliessenden Arbeitslosigkeitsepisode
4 und gibt über die Schwierigkeit Auskunft, eine
Stelle zu finden. Das Produkt der beiden Kom-
ponenten ergibt die Arbeitslosenquote.
2 Die Stromkomponentenanalyse erlaubt
es, Arbeitslosenquoten sozial- und arbeits-
marktpolitisch differenziert zu bewerten und
0 zu behandeln. Wenn zum Beispiel eine lange
1990 1992 1994 1996 1998 2000 2002 2004 2006 2008 2010 2012 2014 2016 Dauer für hohe Arbeitslosigkeit verantwort-
  NE       GE       JU       VD       BS       ZH       VS       TI       SH       AG       BL       SO       FR       BE       SG       ZG       TG     lich ist, werden vermittlungsunterstützende
  GL       LU       SZ       AI/AR       GR       NW/OW       UR Massnahmen gebraucht. Sonst drohen sozia-
Dargestellt sind die Schwankungen im Zeitverlauf. Werte der einzelnen Kantone können in der Web- le Not und Ausgrenzung. Demgegenüber hat
version (www.dievolkswirtschaft.ch) abgerufen werden. ein hohes Arbeitslosigkeitsrisiko weitaus ge-
ringere Konsequenzen, sofern eine Arbeitslo-
sigkeitsepisode den weiteren Erwerbsverlauf
Abb. 2: Einfluss der Konjunktur auf kantonale Arbeitslosenquoten (1990–2017) der Betroffenen nicht beeinträchtigt. In die-
2    Proportionalitätsfaktor sem Fall sind Instrumente gefragt, welche die
Entstehung von Arbeitslosigkeit bekämpfen.
1,75
Aus arbeitsmarktpolitischer Sicht gilt: Ein ho-

SHELDON UND SHVARTSMAN (2018) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


1,5 hes Arbeitslosigkeitsrisiko ist der Arbeits-
marktpolitik eines Kantons weniger stark an-
1,25
zulasten als eine lange Arbeitslosigkeitsdau-
1 er. Ersteres resultiert nämlich in der Regel aus
der kantonalen Wirtschaftsstruktur.
0,75

0,5 Konjunktureinfluss
0,25
­unterschiedlich
Die Stromanalyse der Arbeitslosenquoten
UR

NW G R
W
R
SZ
FR
TG
BL
GL
LU
SG
BE
TG
TI
BS
AG

VS
SH
ZH
GE
VD
SO
NE
JU
/A
/O
AI

zwischen 1990 und 2017 zeigt, dass etwa


Dargestellt ist der Faktor, um welchen sich die kantonalen Arbeitslosenquoten verändern, wenn sich die drei Viertel der Schwankungen auf entspre-
gesamtwirtschaftliche Arbeitslosenquote um einen Prozentpunkt verändert. Der Faktor ist mit den Betas chende Veränderungen der Arbeitslosig-
des CAPM zu vergleichen (siehe Kasten). In Kantonen mit einem Aufschlagsfaktor >1 reagiert die Arbeits-
keitsdauer in den Kantonen zurückzufüh-
losenquote überproportional auf konjunkturelle Schwankungen, bei <1 unterproportional. Die senkrech-
ten Linien geben die Vertrauensintervalle an, innerhalb derer sich die wahren Werte der geschätzten Auf- ren ist. Das heisst: Bei einem konjunkturel-
schlagfaktoren (Punkte) mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent bewegen. len Abschwung (Aufschwung) nehmen die
kantonalen Arbeitslosenquoten in erster Li-
nie zu (ab), weil sich die Arbeitslosigkeits-
Capital Asset Pricing Modell (CAPM) dauer entsprechend verändert. Die kan-
Die in der Studie durchgeführ- senquoten in einen konjunktur- formationssystem Avam (Sys- tonalen Arbeitslosenquoten reagieren
te Paneluntersuchung beruht unabhängigen («Alpha») und tem der Arbeitsvermittlung und dabei unterschiedlich stark auf konjunktu-
formal auf dem aus der Finanz- einen konjunkturbedingten Arbeitsmarktstatistik). Merk- relle Schwankungen (siehe Abbildung 2). Am
marktforschung bekannten («Beta») Teil unterteilt. Gröss- malsträger ist ein Kanton in
stärksten ist der Effekt in den Kantonen Jura
Capital Asset Pricing Modell tenteils stammen die Daten aus einem gegebenen Monat.
(CAPM), das im vorliegenden dem vom Staatssekretariat für und Neuenburg ausgeprägt, am schwächs-
Fall die kantonalen Arbeitslo- Wirtschaft (Seco) geführten In- ten in Uri und in Graubünden.
Beim interkantonalen Gefälle hingegen
ist die Risikokomponente ausschlaggebend:
Die Querschnittsstreuung ist zu drei Vierteln
Querschnittsuntersuchungen die Wahl des Risiko und Dauer durch das unterschiedlich hohe Arbeitslosig-
Untersuchungszeitraums einen starken Ein- keitsrisiko beziehungsweise durch die unter-
fluss auf die Ergebnisse haben dürfte, wähl- Anhand einer Stromkomponentenanalyse zer- schiedliche Stabilität der Beschäftigungsver-
ten wir einen anderen Ansatz. Mit einer Pa- legten wir die Arbeitslosenquoten zuvor in die hältnisse in den Kantonen zu erklären. Das
neluntersuchung konnte den Schwankun- Komponenten «Arbeitslosigkeitsrisiko» und heisst, das Arbeitslosigkeitsrisiko und nicht –
gen besser Rechnung getragen werden «mittlere Dauer einer Arbeitslosigkeitsepiso- wie häufig vermutet – die Dauer der Stellen-
(siehe Kasten). de». Das Arbeitslosigkeitsrisiko bezieht sich suche ist hier bestimmend.

Die Volkswirtschaft  4 / 2019  39
ARBEITSLOSENQUOTE

kantonale Unterschiede bezüglich des


Abb. 3: Stromkomponentenzerlegung der kantonalen Arbeitslosenquoten
Arbeitslosigkeitsrisikos beziehungswei-
(1990–2017)
se der Beschäftigungsstabilität zu erklären
0,9   Arbeitslosigkeitsrisiko pro Monat, in % ist, enthält mehrere Implikationen. So sind
1% 2% 3% 4% 5% 6%
für die kantonalen Arbeitslosigkeitsunter-
0,8
NE
GE schiede wohl eher branchenstrukturelle als
VS
arbeitsmarktpolitische Unterschiede ver-
0,7 BS
JU antwortlich. Auch kulturelle Differenzen
VD TI (Stichwort Röstigraben) kommen als Erklä-
0,6
FR SH rung kaum in Betracht, es sei denn, die Per-
sonalpolitik der Firmen eines Kantons wäre
0,5 CH
SO stark kulturgeprägt, wofür es bislang kei-
ZG

SHELDON UND SHVARTSMAN (2018) /DIE VOLKSWIRTSCHAFT


GR TG ne Evidenz gibt. Zudem stellt das Ergebnis
0,4 SG BL
GL AG SZ
LU
ZH
die Erfolgsaussichten von Anstrengungen
NW/OW BE zur Senkung des interkantonalen Gefäl-
0,3
UR AI/AR les durch dauerverkürzende Massnahmen
0,2
(Stichwort Wirkungsvereinbarung) infra-
ge – zumal nach unseren Resultaten die
0,1
Arbeitslosigkeitsdauer in erster Linie von
der allgemeinen Konjunkturlage abhängt.
0 Darauf kann ein Einzelkanton kaum Einfluss
1 2 3 4 5 6 7 8 9 nehmen.
Dauer der Arbeitslosigkeit, in Monaten

Die Kurven stellen Dauer-Risiko-Kombinationen dar, die gleich hohe Arbeitslosenquoten ergeben. Für die
Schweiz ergibt sich aus dem Produkt eines Arbeitslosigkeitsrisikos von 0,5 Prozent pro Monat und einer
Dauer von sechs Monaten eine entsprechend bereinigte Arbeitslosenquote von 3 Prozent. Oberhalb (unter-
halb) der 0,5-Prozent-Marke liegen Kantone mit einem überdurchschnittlichen Anteil an instabilen (stabilen)
Beschäftigungsverhältnissen, während rechts (links) der 6-Monats-Geraden sich Kantone befinden, deren
Arbeitslose überdurchschnittlich lange (kurz) nach Arbeit suchen. Die Punkte sind mit den Alphas des CAPM
zu vergleichen (siehe Kasten).

Im Rahmen der Paneluntersuchung wur- Wenn die so erweiterte Paneluntersu-


George Sheldon
de versucht, das zwischen den Kantonen be- chung das interkantonale Arbeitslosig- Prof. em. Dr., Leiter der Forschungsstelle für
stehende konjunkturunabhängige Arbeitslo- keitsgefälle vollständig erklären könn- Arbeitsmarkt- und Industrieökonomik (FAI)
sigkeitsgefälle durch die unterschiedlichen te, lägen in der Abbildung 3 die bereinig- am Wirtschaftswissenschaftlichen Zentrum
Merkmalsprofile der Kantone zu erklären. ten Arbeitslosenquoten aller Kantone auf (WWZ) der Universität Basel
Zum Merkmalsprofil eines Kantons gehören dem Schnittpunkt der senk- und waagrech-
dauer- und risikobestimmende Variablen, wel- ten Geraden, da nach der Bereinigung kei-
che die ­Zusammensetzung der kantonalen ne arbeitslosigkeitsbestimmenden Unter-
Arbeitslosen- und Erwerbspersonenbestän-
­ schiede zwischen den Kantonen mehr be-
de (etwa die Qualifikation oder die Branchen- stünden. Dass dies nicht zutrifft, zeugt von
zugehörigkeit) sowie die kantonale Arbeits- einem verbleibenden Erklärungsbedarf. An-
marktpolitik (zum Beispiel der Massnahmen- hand der Grafik ist ferner ersichtlich, dass
einsatz) charakterisieren. Daraus ergeben sich die Kantone deutlich weniger nach Dau-
die um kantonale Profilunterschiede und Kon- er als nach Risiko streuen. Dies liegt dar-
junktureffekte bereinigten Arbeitslosenquo- an, dass die dauerbestimmenden Variablen Elena Shvartsman
ten und Stromkomponenten der Kantone mehr erklären können als die risikobestim- Dr. rer. pol., PostDoc am Lehrstuhl für
(siehe Abbildung 3). Das Produkt der beiden menden Variablen. Personal- und Organisationsökonomie,
Komponenten ergibt die zugehörige Arbeits- Der Befund, wonach das konjunktur- Wirtschafts-wissenschaftliches Zentrum
(WWZ) der Universität Basel
losenquote. unabhängige Gefälle hauptsächlich durch

40  Die Volkswirtschaft  4 / 2019


KEYSTONE

Werben für die Schweizer Wirtschaft


Der Bundesrat will zwischen 2020 und 2023 rund 108 Millionen Franken für die Export-
förderung und die Standortpromotion einsetzen. Das Ziel: Schweizer Exporte im Ausland
stärken und Firmen in der Schweiz an­siedeln. In unserem Dossier erfahren Sie, was alles
­passiert, bis ein Bündner Konditor in Korea seine Nusstorten verkaufen kann.
EXPORTFÖRDERUNG

Export fördern und Standort stärken


Die Schweiz ist ein Exportland. Mit der neuen Botschaft zur Standortförderung 2020–2023
will der Bundesrat die digitalen Dienstleistungen auch bei der Exportförderung konsequent
weiterentwickeln und die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts Schweiz stärken.  Eric Jakob,
Annette Spoerri

Abstract  In Zeiten von Protektionismus, Handelsstreitigkeiten und Brexit spielt die zeitig steigt die Unsicherheit, etwa in Bezug
Unterstützung der Exportfirmen in der Standortförderung des Bundes eine besondere auf die internationale Handelspolitik und ihre
Rolle. Mit der neuen Botschaft zur Standortförderung 2020–2023 will der Bundesrat Auswirkungen, den künftigen Zugang zum
deshalb bei der Exportförderung noch stärker auf die Bedürfnisse der Unternehmen europäischen Markt oder die Verfügbarkeit
und Partner eingehen. Digitale Instrumente und Plattformen sollen ausgebaut und von Fachkräften. Diese Entwicklungen gene-
noch wirkungsvoller werden. In der Standortpromotion sieht die Botschaft vor, dass rieren neue und zum Teil zusätzliche Bedürf-
verstärkt mit dem positiven Image der Innovationsparks für den Standort Schweiz ge- nisse von Exportunternehmen sowie poten-
worben wird. Der Zusammenarbeitsprozess der inländischen Akteure soll vereinfacht, ziellen Investoren. Häufig sind heute sehr viel
flexibilisiert und dadurch investorenfreundlicher ausgestaltet werden. Der weitere spezifischere Informationen über Ecosyste-
Ausbau des Onlineschalters «EasyGov» wird die Behördenkommunikation für Unter- me, Regulierungen und Prozesse erforder-
nehmen in der Schweiz vereinfachen. Schliesslich sollen auch in der Regionalpolitik lich, die rasch und einfach verfügbar sowie
und im Tourismus die Chancen der Digitalisierung genutzt werden. kunden- bzw. branchenorientiert ausgestal-
tet sein müssen.

E  nde 2019 läuft die Finanzierung verschie-


dener Instrumente der Standortförde-
rung des Bundes aus. Um sie fortzuführen,
darauf ab, die wirtschaftliche Tätigkeit von
Unternehmen im Ausland zu erleichtern so-
wie die Grundlage für einen starken Markt-
Branchenspezifisch und digital
unterstützen
sind mehrere Bundesbeschlüsse notwendig. auftritt des Wirtschaftsstandorts Schweiz Für die Dienstleistungen der Exportförde-
Im Rahmen der Botschaft Standortförderung gegen aussen zu schaffen. rung und der Standortpromotion hat der
2020–20231 hat der Bundesrat diese im Feb- Die Rahmenbedingungen und Herausfor- Bund den privaten Verein Switzerland Global
ruar verabschiedet und dem Parlament zur derungen für die Exportwirtschaft ändern Enterprise (S-GE) beauftragt. S-GE bietet den
Beratung überwiesen. Gesamthaft beantragt sich stetig. So haben beispielsweise protek- schweizerischen Unternehmen – in erster
der Bundesrat beim Parlament einen Zah- tionistische Handelsmassnahmen im Aus- ­Linie exportorientierten KMU – Unterstüt-
lungsrahmen von rund 373 Millionen Franken land deutlich zugenommen. Dabei werden oft zungsleistungen bei der Identifikation und
für die Jahre 2020 bis 2023 (siehe Abbildung). nicht tarifäre Massnahmen ergriffen, was die Wahrnehmung von Absatzmöglichkeiten im
Mit der Botschaft soll das Parlament über prozeduralen und regulatorischen Heraus- Ausland sowie zur Steigerung ihrer interna-
die Finanzierung der Exportförderung, der forderungen für Exporteure erhöht. Gleich- tionalen Wettbewerbsfähigkeit an.
Standortpromotion, der E-Government-Akti- Der Bundesrat will die Exportwirtschaft
vitäten, der Innovationsförderung im Touris- auch in den Jahren 2020 bis 2023 bedürfnis-
mus (Innotour) und von Schweiz Tourismus Vom Bundesrat beantragte Finan- gerecht, zielgerichtet und effizient unterstüt-
beschliessen. zierung in der Botschaft zur Stand- zen. Deshalb soll S-GE die Exporteure noch
Mit seiner Standortförderungspolitik ver- ortförderung 2020–2023, in Mio. branchen- und segmentspezifischer anspre-
folgt der Bundesrat übergeordnete Ziele: So Franken chen und die onlinebasierte Informations-
BOTSCHAFT ZUR STANDORTFÖRDERUNG 2020–2023 / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

setzt er sich etwa dafür ein, dass KMU und und Beratungstätigkeit weiter ausbauen. Um
17,6 21,7
Regionen die Chancen der Digitalisierung 22,8 die Subsidiarität sowie die Wettbewerbsneu-
nutzen können. Zudem trägt er zur Verbes- tralität zu gewährleisten und die Exportför-
serung der Rahmenbedingungen für KMU 90,5
derung möglichst kosteneffizient und integ-
bei, leistet einen Beitrag an die Erhöhung der rativ umzusetzen, soll S-GE verstärkt Drittan-
Leistungsfähigkeit der Wirtschaftsakteu- bieter einbeziehen.
re und die Wettbewerbsfähigkeit der Regio- Eine unabhängige Evaluation ergab 2018,
nen. Nicht zuletzt schärft er auch das Profil dass die heutige Exportförderlandschaft der
des Wirtschaftsstandortes Schweiz im Aus- Schweiz grundsätzlich gut aufgestellt ist.
land und stärkt dessen Marktauftritt. 220,5 Dennoch gibt es Optimierungspotenzial hin-
sichtlich des Einbezugs von Dritten durch
Ändernde Herausforderungen S-GE, der diesbezüglichen Kooperationsre-
Total: 373,1 Mio. Franken geln sowie der Transparenz. Digitale Instru-
Die Exportförderung und die Schweizeri-   E-Government         Innotour (ordentliche Mittel, Projekt- mente und Plattformen bieten neue Möglich-
sche Exportrisikoversicherung zielen primär förderung)        Schweiz Tourismus        Exportförderung      keiten, um exportorientierte Firmen verstärkt
1 Mehr Informationen auf Admin.ch.
  Standortpromotion auf geeignete Angebote Dritter aufmerksam

42  Die Volkswirtschaft 4 / 2019


EXPORTFÖRDERUNG

KEYSTONE
Der Bund will innovative ausländische Unter-
nehmen zum Umzug in die Schweiz bewegen.
In der Realität ist das nicht so einfach wie im kretariat für Wirtschaft (Seco) wird für die Das gegenwärtige System soll laufend
Swissminiatur in Melide. MPK die hierfür erforderliche Handlungs- optimiert und weiterentwickelt werden. Ein
grundlage schaffen. möglichst gut abgestimmter Aussenauftritt
zu machen und deren Fach- und Spezialwis- der Akteure auf kantonaler, regionaler und
sen vermehrt für die Exportförderung zu nut- Zusammenarbeit mit schweizeri- nationaler Ebene soll die Schlagkraft wei-
zen; beispielsweise indem bei branchenspe- ter erhöhen. Der Zusammenarbeitsprozess
zifischen Anfragen die entsprechenden Ver-
schem Innovationspark soll einfacher, flexibler und dadurch investo-
bände bei der Beantwortung beigezogen Mit der Standortpromotion fördert der Bund renfreundlicher gestaltet werden. Die weite-
werden. Diese Möglichkeiten will der Bun- die nachhaltige Ansiedlung ausländischer re Digitalisierung des Leistungsangebotes,
desrat mit der neuen Botschaft fördern. Unternehmen. In Abstimmung mit den Kan- beispielsweise zum schnellen und einfachen
Die gezielte Förderung privater Initiativen tonen erarbeitet er die nötigen allgemeinen Standortvergleich oder zur Offertstellung,
und Projekte mit Modellcharakter ist ein wei- Grundlagen und informiert über den Wirt- und die Einbettung kantonaler und regiona-
teres Ziel des Bundes. Dies soll unter ande- schaftsstandort Schweiz. Er ergreift gezielte ler Inhalte werden vorangetrieben. Im Fokus
rem über die Messe- und Projektkommission Promotionsmassnahmen, die im übergeord- der Ansiedlungsaktivitäten stehen weiterhin
(MPK) realisiert werden, die vom Bund finan- neten Interesse aller Kantone liegen. Weiter innovative und wertschöpfungsintensive Fir-
ziert wird und sich aus Vertretern verschie- identifiziert und betreut er potenzielle Inves- men.
dener Branchen zusammensetzt: Die MPK fi- toren bis zu dem Punkt, wo die Kantone die Die 2017 eingeleitete Zusammenarbeit mit
nanziert Schweizer Gemeinschaftsstände an Betreuung mit Blick auf die konkrete Realisie- der Stiftung Swiss Innovation Park, welche
ausländischen Messen sowie gewisse Be- rung einer Ansiedlung übernehmen können. an fünf Standorten den Schweizerischen In-
gleitanlässe und -projekte. Die Wirtschaft Bei der gezielten Ansprache von Investoren novationspark betreibt, wird ab 2020 in das
schätzt den konkreten Beitrag der MPK zur spielt die «Offizialität» des Schweizerischen Mandat der nationalen Standortpromotion
Exportförderung sehr. Aufgrund ihrer bishe- Aussennetzes eine wichtige Rolle. So sind integriert. Die Organisationen erschliessen
rigen Tätigkeit ist die MPK eine naheliegende etwa die «Swiss Business Hubs» – die Vertre- sich so gegenseitig Know-how und Netzwer-
Lösung für die Förderung erfolgversprechen- tungen von S-GE im Ausland – in Schweizer ke. Die nationale Standortpromotion nimmt
der Initiativen Dritter. Dazu soll sie künftig in Botschaften und Konsulaten angesiedelt und Informationen zu den verschiedenen Innova-
Bezug auf Organisation, Budget und Projekt- profitieren bei ihrem Auftritt von dieser Offi- tionsparks in ihren Vermarktungskanälen auf
gewährung gestärkt werden. Das Staatsse- zialität. und bewirbt diese in ausgewählten Märkten,

Die Volkswirtschaft  4 / 2019  43
EXPORTFÖRDERUNG

um Ansiedlungen im Forschungs- und Ent- Die mandatierten Partnerorganisatio- 230 Millionen Franken fest. Die beiden För-
wicklungsbereich zu fördern. Ferner profitiert nen S-GE, Serv, Schweizerische Gesell- derschwerpunkte Industrie und Tourismus
die nationale Standortpromotion bei ihrer Tä- schaft für Hotelkredit, Schweiz Tourismus werden weitergeführt. Ein spezifischer Fo-
tigkeit vom positiven Image der Innovations- sowie die Bürgschaftsorganisationen für kus wird auch hier auf die Digitalisierung
parks sowie von den entsprechenden Netz- KMU bauen ihr Angebot an Onlinetools gelegt. Zudem sollen die regionalen Inno-
werken in Forschung und Industrie. für die Kunden laufend bedürfnisgerecht vationssysteme weiter konsolidiert wer-
aus. Das Wissen über die Digitalisierung in den.
Onlineschalter gegen den für die Standortförderung relevanten
Handlungsfeldern wird weiter vertieft und
Administrativ­aufwand mit den Stakeholdern via Wissensplattfor-
Die Digitalisierung ist ein Ziel, das allen Inst- men geteilt.
rumenten der Standortförderung übergeord-
net ist. Die Standortförderung unterstützt Tourismus und Regionen fördern
die digitale Transformation der Wirtschaft,
indem sie mit ihren Förderinstrumenten – Bei der Tourismuspolitik steht die Umsetzung
beispielsweise mit der Regionalpolitik oder der vom Bundesrat verabschiedeten neuen
mit Innotour – Schwerpunkte bei der Digita- Tourismusstrategie2 im Zentrum. Damit wer- Eric Jakob
Dr. phil., Botschafter, L­ eiter der Direktion
lisierung setzt. Sie engagiert sich bei der Aus- den die Rahmenbedingungen für den Schwei- für Standortförderung, Staatssekretariat
gestaltung von Standards sowie der Formu- zer Tourismus weiter verbessert. Konkret soll für W
­ irtschaft (Seco), Bern
lierung und Umsetzung gesetzlicher Grund- das Unternehmertum gefördert, die Chancen
lagen für standortfreundliche Regulierungen. der Digitalisierung genutzt sowie die Attrak-
Digitale Dienstleistungen werden konse- tivität des Angebots und der Marktauftritt
quent weiterentwickelt. Im Vordergrund der verbessert werden.
KMU-Politik steht das E-Government als Die Neue Regionalpolitik wird gemäss
wirksames Mittel, um die administrative Be- dem vom Parlament 2015 verabschiede-
lastung der Unternehmen zu reduzieren. Der ten Mehrjahresprogramm 2016–2023 um-
als One-Stop-Shop konzipierte Onlineschal- gesetzt. Das Parlament legte mit dem Bun-
ter «EasyGov» soll in seinem Leistungsum- desbeschluss vom 9. September 2015 Einla-
fang weiter ausgebaut und gezielt bekannt gen in den Fonds für Regionalentwicklung
gemacht werden. Mit dem Onlineschalter in den Jahren 2016–2023 von insgesamt Annette Spoerri
können Unternehmen alle angebotenen Be- Stellvertretende Leiterin, Ressort R
­ egional-­
2 Die Strategie wurde am 15. November vom Bundesrat und Raumordnungspolitik, Staats­
hördengänge über einen einzigen Account verabschiedet. Sie ist online auf Seco.admin.ch verfüg- sekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern
mit einheitlicher Benutzerführung abwickeln. bar.

44  Die Volkswirtschaft 4 / 2019


EXPORTFÖRDERUNG

Schweizer Exportwirtschaft trotzt


allen Widrigkeiten
Die Schweizer Exportindustrie hat die Frankenstärke insgesamt gut überstanden und ist
heute robuster aufgestellt gegenüber Wechselkursschwankungen und dem Wirtschaftsgang
der Eurozone. Doch die Abhängigkeit von Branchen wie der Pharmaindustrie und einzelnen
Grossunternehmen steigt weiter.  Ronald Indergand, Vincent Pochon

Abstract    Die exportorientierte Industrie sah sich während der letzten zehn Jahre schritte im medizinischen Bereich zu einer
einem äusserst widrigen Umfeld gegenüber. Trotzdem hat sich die Exportwirtschaft stetig steigenden Weltnachfrage nach Ge-
als sehr widerstandsfähig erwiesen. Innerhalb der Warenexporte hat zum einen ein sundheitsartikeln und Medikamenten. Ein
Strukturwandel hin zu weniger wechselkurssensitiven Gütern stattgefunden und zum weiterer Grund für die hohen Pharmaexporte
anderen eine breitere Diversifikation über die Exportdestinationen. Damit einher ging ist der Handel mit Zwischenprodukten. Denn
allerdings auch eine Konzentration auf weniger Exportbranchen. Speziell im Pharma- in der Pharmabranche werden üblicherweise
sektor spielen nur wenige Unternehmen eine massgebende Rolle für die Entwicklung bei der Wirkstofferzeugung über die globalen
der gesamten Exporte. Wertschöpfungsketten Skalenerträge aus-
geschöpft, bevor die Zwischenprodukte in
den verschiedenen Absatzländern zu Fertig-

R  und 452 Milliarden Franken: So hoch


war der Wert der Waren und Dienstleis-
tungen, welche die Schweiz 2018 exportier-
nuierlich auf und setzte der Wettbewerbs-
fähigkeit der Schweizer Exportfirmen immer
mehr zu. Dann, am 6. September 2011, führ-
produkten weiterverarbeitet werden. Dieses
mehrstufige Verfahren generiert viele Grenz-
überschreitungen, die in den Aussenhandels-
te. Im Vergleich zur gesamten Produktion der te die Schweizerische Nationalbank (SNB) statistiken auftauchen.4
Schweiz ist das etwa ein Drittel. Im interna- einen Mindestkurs zum Euro ein. Parallel Diverse andere Exportarten entwickel-
tionalen Vergleich gehört die Schweiz damit dazu rutschte aber die Eurozone in eine zwei- ten sich ab 2008 hingegen schwächer. Dies
zu den sehr stark verflochtenen Volkswirt- te Rezession. Am 15. Januar 2015 entschied die betrifft etwa die Maschinenindustrie und
schaften. Deshalb ist sie abhängig von der SNB, den Mindestkurs wieder aufzuheben, insbesondere kleinere Branchen wie die
ausländischen Wirtschaft, und ihre Fähigkeit, worauf sich der Schweizer Franken in kürzes- Papier- und Textilindustrie. Dort ist die Ab-
auf den Weltmärkten zu bestehen, ist zentral. ter Zeit real um rund 13 Prozent gegenüber hängigkeit gegenüber Konjunktur und Wech-
Die Entwicklung der Schweizer Waren- dem Euro aufwertete. Schliesslich durchlief selkursschwankungen grösser. 2017, im Zuge
exporte1 kann mit zwei Einflussgrössen er- der Welthandel eine ausgeprägte Schwäche- des weltweit synchronen Konjunkturauf-
klärt werden: der weltweiten Nachfrage nach phase. Diese dauerte von 2011 bis 2016. schwungs, konnten aber praktisch alle Ex-
Waren und der preislichen Wettbewerbsfä- Viele Schweizer Exportunternehmen ka- portbranchen wieder stark zulegen. Ob es in
higkeit der Schweizer Unternehmen. Wäh- men aufgrund obiger Entwicklungen zumin- diesem Tempo weitergehen kann, ist fraglich
rend die Nachfrage vom Konjunkturgang der dest zeitweise in starke Bedrängnis. Zwi- angesichts der jüngsten Schwächetendenzen
Weltwirtschaft abhängt, wird die Wettbe- schen 2009 und 2015 wurde dadurch das der Weltwirtschaft und der zahlreichen Risi-
werbsfähigkeit unter anderem vom Preisset- Schweizer Exportwachstum gehemmt (siehe ken wie etwa des internationalen Handels-
zungsverhalten der Firmen und – insbeson- Abbildung 1), und es mussten teilweise sehr streits.
dere in der kurzen Frist – vom Wechselkurs schmerzhafte Rationalisierungsmassnah-
bestimmt.2 men ergriffen werden. Trotzdem: Die insge- Industrie bleibt wichtige
samt starke Entwicklung der Schweizer Wa-
renexporte beeindruckt. Ende 2018 lagen die
­Wachstumsstütze
Einbruch nach der Finanzkrise
Warenexporte auch preisbereinigt rund 30 Die Schweizer Exportwirtschaft ist insgesamt
In den letzten zehn Jahren wurde die Export- Prozent über den Höchstständen vor der Fi- gut aufgestellt. Da die wichtigsten Industrie-
wirtschaft sowohl an der Nachfrage- wie nanz- und Wirtschaftskrise. Hauptsächlich sektoren der Schweiz, insbesondere die Phar-
auch an der Wechselkursfront stark gefor- verantwortlich dafür war der kräftige An- ma-, die Uhren- und die Maschinenindust-
dert. Im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskri- stieg der Ausfuhren chemischer und phar- rie, den mit Abstand grössten Teil ihrer Pro-
se von 2008/2009 brach die weltweite Nach- mazeutischer Produkte. Stark spezialisierte duktion exportieren, hängt auch die gesamte
frage nach Produkten stark ein. Ab 2009 Güter wie chemisch-pharmazeutische Pro- Industriewertschöpfung der Schweiz stark
wertete sich der Schweizer Franken konti- dukte oder Uhren reagieren bekanntlich nur vom Ausland ab. Umfragen der Konjunktur-
wenig auf Wechselkursschwankungen.3 Zu- forschungsstelle der ETH Zürich (KOF) deu-
1 Warenexporte ohne nicht monetäres Gold, Wert- dem führen demografische Trends, wach- ten darauf hin, dass sich die Ertragslage in der
sachen und Transithandel. sende Einkommen und die laufenden Fort-
2 Siehe zum Beispiel Hanslin Grossmann et al. (2016); 4 Vgl. hierzu das Industrieporträt des Dachverbandes
Kemeny und Pochon (2015); Doytchinov und Schmid- für Chemie, Pharma und Lifesciences auf
bauer (2007). 3 Vgl. Indergand und Mahlstein (2012). Scienceindustries.ch.

Die Volkswirtschaft  4 / 2019  45
EXPORTFÖRDERUNG

Industrie im Verlauf der Jahre 2017 und 2018


Abb. 1: Schweizer Warenexporte mit und ohne Chemie- und Pharmaindustrie
massiv verbessert hat und 2018 so gut da-
(2005–2018)
stand wie zuletzt vor der Finanz- und Wirt-
schaftskrise. Dementsprechend war es auch 180  Index (2005=100)

die Industrie, welche dank dem hohen Ex- Aufwertung Aufhebung


(Eurokrise) Mindestkurs
portwachstum die Konjunkturerholung in der Finanz- und Rezession
Schweiz zwischen 2017 und 2018 anführte. 160 Wirtschaftskrise Euroraum
Der Anteil der Industrie am Schwei-
zer Bruttoinlandprodukt betrug im 4. Quar-
tal 2018 18 Prozent und liegt damit nur leicht 140
unter dem Stand von Ende der Neunzigerjah-
re. Damit ist der Industrieanteil in der Schweiz
nach wie vor höher als in Frankreich, Italien, 120
Grossbritannien oder den USA. In diesen Län-
dern hat sich die Bedeutung der Industrie

SECO / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


für die gesamte Wertschöpfung in den letz- 100
ten 20 Jahren deutlich stärker reduziert. Das-
selbe gilt für den Anteil der Industrie an der
Gesamtbeschäftigung: 2008 lag dieser An- 80
teil in der Schweiz bei 19 Prozent. Kurz nach 2006 2008 2010 2012 2014 2016 2018
der Aufhebung des Mindestkurses betrug er   Warenexporte Total            Warenexporte ohne Chemie- und Pharmabranche
noch 16 Prozent. Seither ist er in etwa kons-
tant geblieben.
Von einer breiten Deindustrialisierung Abb. 2:  Herfindahl-Index der Schweizer Warenexporte nach Branchen und nach
während der letzten zehn Jahre kann also in Handelspartnern (1995–2018)
der Schweiz keine Rede sein. Allerdings befin- 140   Index (1995 = 100)
det sich jede Volkswirtschaft in einem steten
Wandel. So haben die konjunkturelle Schwä-
120
che in Europa und die zwischenzeitliche Ver-
schlechterung der Wettbewerbsfähigkeit
aufgrund der Frankenstärke zwei Entwicklun-
100
gen begünstigt: erstens einen Strukturwan-
del hin zu weniger konjunktur- und wech-

EZV / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


selkurssensiblen Exportgütern und zweitens 80
eine Diversifikation in neue Exportmärkte.5

60
Stärkere Konzentration
auf wenige Branchen
12
13
14
15
16
17
18
95
96
97
98
99
00
01
02
03
04
05
06
07
08
09
10
11
20

20

20
20
20

20
20

20
20
20
19
19

20
19

20
20
20
19

19

20
20

20

20
20

Die ausserordentlich positive Entwicklung der   Konzentration nach Handelspartnern             Konzentration nach Branchen (Total)          
pharmazeutischen Exporte hatte unweiger-   Konzentration nach Branchen (ohne Chemie und Pharma)

lich eine verstärkte Konzentration der gesam- Lesebeispiel: Je höher die Konzentration nach Branchen, desto ungleicher sind die Grössenverhältnisse
ten Warenexporte zur Folge: Heute stammt zwischen den einzelnen Exportbranchen. So hat etwa die Pharmabranche ein zunehmendes Gewicht am
rund die Hälfte aller Warenexporte aus der gesamten Exportvolumen.
Pharmaindustrie. Zum Vergleich: 2005 waren
es noch 36 Prozent. Die übrigen Branchen re-
duzierten ihren Anteil entsprechend; insbe- Abb. 3: Exportvolumen der führenden fünf Exportunternehmen in
sondere die Maschinen, Apparate und Elek- ­ausgewählten Branchen (2016)
tronikprodukte verloren an Gewicht. Um zu 80   Milliarden Franken
zeigen, wie sich die Konzentration der Expor-
te entwickelt hat, kann man den sogenannten 60
Herfindahl-Index6 verwenden. Eine Zunahme
EZV / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

des Indexes bedeutet eine erhöhte Konzen- 40

tration. Ein Beispiel: So haben sich etwa die


20
Warenexporte zwischen 1995 und 2016 im-
mer stärker auf einzelne Produktkategorien
0
Pharma Präzisions- Maschinen, Chemie Nahrungsmittel Metalle Fahrzeuge
5 Vgl. Erhardt et al. (2017) für eine umfangreiche Analyse instrumente, elektrische
der Exportkonzentration. Uhren Ausrüstungen
6 Der Herfindahl-Index berechnet sich als die Summe der
quadrierten Exportanteile.   Alle Unternehmen             Top 5 Unternehmen

46  Die Volkswirtschaft 4 / 2019


EXPORTFÖRDERUNG

konzentriert (siehe Abbildung 2). Berechnet Treiber für den gesamten Schweizer Aussen- Die Schweizer Exportindustrie hat die
man den Index jedoch ohne die chemischen handel. Das Phänomen, dass nur wenige Fir- Phase seit der Finanz- und Wirtschaftskri-
und pharmazeutischen Produkte, so sind die men den Aussenhandel dominieren, ist aller- se dementsprechend gut gemeistert. Ge-
Warenexporte ungefähr gleich stark diversi- dings keineswegs auf die Schweiz begrenzt.8 messen am Wertschöpfungs- und Beschäf-
fiziert wie vor gut 20 Jahren. Seit 2016 ist die tigungsanteil hat bislang keine beschleunig-
Konzentration stabil geblieben. Das ist vor al- Bessere Diversifikation te, breite Deindustrialisierung stattgefunden.
lem auf die gute Weltkonjunktur zurückzu- Hingegen wurde der Strukturwandel hin zu
führen, die den meisten Exportbranchen glei-
nach Handelspartnern weniger wechselkurssensitiven Exporten –
chermassen Auftrieb verliehen hat. Ein anderes Bild zeigt sich bei den Absatzlän- insbesondere pharmazeutischen Produk-
dern: Hier hat die Konzentration der Schweizer ten – und zu neuen Exportmärkten begüns-
Superstarfirmen dominieren Warenexporte abgenommen (siehe Abbildung tigt. Die stärkere Konzentration auf wenige
2). Dies gilt sowohl für die einzelnen Branchen Exportbranchen und Unternehmen bedeutet
Warenexporte als auch für die Warenexporte insgesamt. Mit zwar einerseits eine höhere Abhängigkeit von
Die Warenexporte hängen stark von weni- anderen Worten: Die Schweizer Exporte sind branchenspezifischen Entwicklungen. Ande-
gen Unternehmen ab.7 So machen Unter- heute gleichmässiger über die Länder verteilt. rerseits sind die Exporte aber stärker diver-
nehmen mit weniger als zehn Beschäftigten Der Anteil des nach wie vor grössten Absatz- sifiziert gegenüber einzelnen Wirtschafts-
zwar rund 60 Prozent der exportierenden Fir- marktes, des Euroraums, betrug 2018 44 Pro- räumen und deshalb weniger abhängig vom
men, aber nur rund 5 Prozent der Exporte aus. zent. 1995 waren es noch 55 Prozent. Gleich- Wechselkurs.
Umgekehrt machen Grossunternehmen mit zeitig haben nicht zuletzt die USA und China
über 249 Beschäftigten nur rund 2 Prozent al- als Absatzländer an Wichtigkeit gewonnen. So
ler Exportunternehmen aus, sie sind aber für sank der Herfindahl-Index nach Handelspart-
mehr als die Hälfte der Exporte verantwort- nern, berechnet zwischen 1999 und 2013, kon-
lich (53%). Bei den pharmazeutischen Produk- tinuierlich. Die Frankenstärke gegenüber dem
ten ist diese Konzentration besonders ext- Euro und die lange konjunkturelle Schwäche
rem (siehe Abbildung 3). Die fünf wichtigsten des Euroraums haben diesen Prozess seit der
Unternehmen in dieser Branche bestreiten Finanz- und Wirtschaftskrise noch begüns-
mit fast 60 Milliarden Franken an Exporten tigt. Die leichte Zunahme der Konzentration
ungefähr 90 Prozent aller Pharmaexporte. seit 2016 lässt sich durch den globalen Wirt-
In den anderen Exportsektoren spielen die schaftsaufschwung von 2017 und 2018 erklä- Ronald Indergand
fünf führenden Unternehmen ebenfalls eine ren, als sich die Exporte in wichtige Absatzlän- Dr. rer. oec., Leiter Ressort Konjunktur,
wichtige Rolle, doch ihr Anteil liegt deutlich der wie Deutschland oder die USA besonders Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco),
tiefer. Zum Beispiel im Maschinen- und Elek- dynamisch entwickelt haben. Bern
troniksektor: Dort sind insgesamt rund zehn Die ausgewogenere geografische Vertei-
Mal mehr Exportunternehmen tätig als in der lung der Exporte macht die Schweizer Ex-
Pharmabranche. Und diese haben im Schnitt portwirtschaft robuster: Sie mindert die Ab-
deutlich weniger Beschäftigte und generie- hängigkeit gegenüber Nachfrageschocks
ren tiefere Exportvolumen als die Pharma- bei einzelnen Handelspartnern und reduziert
unternehmen. Aufgrund des Stellenwerts der die Auswirkungen einer Frankenaufwertung
Pharmaprodukte für die Gesamtexporte sind gegenüber einer einzelnen Fremdwährung.
die grossen Pharmaunternehmen wichtige Die Schweizer Wirtschaft wurde so wider-
standsfähiger bei Wechselkursschwankun-
7 Im Dezember 2018 hat die Eidgenössische Zollver- gen.9 Vincent Pochon
waltung Daten zum Warenverkehr nach Wirtschafts- Dr. rer. pol., wissenschaftlicher Mitarbeiter,
zweigen (Noga) veröffentlicht, die Aufschluss über 8 Mayer und Ottaviano (2008). Ressort Konjunktur, Staatssekretariat für
die Unternehmensstruktur des Aussenhandels geben. 9 Siehe auch Hanslin Grossmann et al. (2016) sowie Wirtschaft (Seco), Bern
Mehr Informationen online auf Ezv.admin.ch. Indergand und Mahlstein (2012).

Literatur
Doytchinov, Silvia und Schmidbauer, Hanslin Grossmann, Sarah; Lein, Sarah und Indergand, Ronald und Mahlstein, Kornel Mayer, Thierry und Ottaviano, Gianmarco
Frank (2007). Schweizer Warenexporte Schmidt, Caroline (2016). Exchange Rate (2012). Schweizer Warenexporte im (2008). The Happy Few: The Interna-
im Hoch – eine Ursachenanalyse, in: Die and Foreign GDP Elasticities of Swiss Zeichen der Frankenstärke, in: Die Volks- tionalisation of European Firms, in:
Volkswirtschaft, 2007/7-8, 38:41. Exports Across Sectors and Destination wirtschaft, 2012/1-2, 8:12. Intereconomics, May/June 2008.
Erhardt, Tobias; Rutzer, Christian und Countries, in: Applied Economics, 48:57. Kemeny, Felicitas und Pochon, Vincent
Weder, Rolf (2017). Strukturwandel der (2015). Starker Franken heisst nicht
Schweizer Wirtschaft in einem schwie- schwache Wirtschaft, in: Die Volkswirt-
rigen Währungsumfeld: Frankenstärke schaft, 2015/6, 54:56.
und Exportstruktur, Studie im Auftrag
des Seco.

Die Volkswirtschaft  4 / 2019  47
EXPORTFÖRDERUNG

Alle unter einem Dach


Das Seco, das EDA und der Exportförderverein Switzerland Global Enterprise treten im
­Ausland mit den Swiss Business Hubs gemeinsam auf. Um dies zu demonstrieren, liessen sie
an der Consumer Electronics Show in Las Vegas Drohnen fliegen.  Daniel Rüger

Abstract  Von der Zusammenarbeit in Bern und Zürich bis zum gemeinsamen Aussen- ist die Grundlage für die Zusammenarbeit der
auftritt an der Consumer Electronics Show in Las Vegas: Die Zusammenarbeit in der schweizerischen Botschaften und General-
Exportförderung des Bundes findet auf verschiedenen Ebenen statt. Die massgebli- konsulate mit S-GE und den von ihnen betrie-
chen Player sind dabei Switzerland Global Enterprise (S-GE), das Staatssekretariat für benen Business Hubs.
Wirtschaft (Seco) und das Departement für auswärtige Angelegenheiten. Die Export-
förderung des Bundes kann Firmen ermutigen, ihnen Opportunitäten aufzeigen und Business Hubs und Trade Points
sie bei der Internationalisierung begleiten und unterstützen. Das geht nicht ohne die
Arbeit und das Netzwerk der rund 170 Schweizer Vertretungen im Ausland und der Einzelheiten in der Zusammenarbeit zwischen
dort integrierten Swiss Business Hubs und Trade Points. Je nach Anlass können sich Seco, S-GE und EDA regelt die sogenannte
auch weitere Organisationen des Bundes dazugesellen: so etwa Präsenz Schweiz oder tripartite Vereinbarung. Sie definiert die Zu-
Swissnex, das Schweizer Netzwerk für Bildung, Forschung und Innovation. ständigkeiten der drei Partner und deren ge-
meinsames Vorgehen. Mit der Umsetzung
und der Anwendung dieser Vereinbarung ist

D  er Bund fördert die Exporte der Schwei-


zer Wirtschaft einerseits durch den Ein-
satz seiner Aussenstellen und andererseits,
GE) und das Departement für auswärtige An-
gelegenheiten (EDA). Das Seco ist als Kompe-
tenzzentrum des Bundes für alle Kernfragen
das Komitee Swiss Business Hub beauftragt.
Das Komitee, in dem alle drei Organisationen
über je eine gleichberechtigte Stimme verfü-
indem er Dritte mit der Exportförderung be- der Wirtschaftspolitik zuständig und somit gen, trifft sich in der Regel einmal pro Quar-
auftragt. So sieht es das Exportförderungs- der Auftraggeber, der den privatrechtlichen tal. So ist ein regelmässiger Austausch zwi-
gesetz vor.1 Da sind einmal die drei massgeb- Exportförderverein S-GE beauftragt. Das schen den drei Partnern gewährleistet. Und
lichen Player im Bereich der Exportförderung: EDA stellt das Personal und die Infrastruktur zu besprechen gibt es genug. Denn die tripar-
das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), für die Auslandvertretungen bereit. Wie zu- tite Vereinbarung regelt auch die Zusammen-
der Verein Switzerland Global Enterprise (S- dem aus dem Gesetz hervorgeht, muss die arbeit zwischen S-GE und den Auslandvertre-
Exportförderung im entsprechenden Land tungen – zumindest dort, wo eine solche Zu-
1 Exportförderungsgesetz vom 6. Oktober 2000, Art. 1. über die Auslandvertretungen erfolgen. Das sammenarbeit besteht. Gegenwärtig sind das

Das weltweite Netz der Swiss Business Hubs und Trade Points

S-GE / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

  Swiss Business Hubs: Grossbritannien, Spanien, Frankreich, Deutschland, Italien, Österreich, Polen, Russland, Türkei, Südafrika, Vereinigte Arabische Emirate, Indien, Hongkong, China,
Südkorea, Japan, Singapur, Indonesien, Kanada, USA, Mexiko, Brasilien       Trade Points: Schweden, Nigeria, Kasachstan, Australien, Chile

48  Die Volkswirtschaft 4 / 2019


EXPORTFÖRDERUNG

Die Schweiz präsentiert sich an der diesjährigen


Consumer Electronics Show in Las Vegas als
innovativer Technologiestandort: Eine Drohne
PRÄSENZ SCHWEIZ, EDA

des Schweizer Herstellers Flyability.


EXPORTFÖRDERUNG

22 Swiss Business Hubs und fünf Trade Points ge und potenziell nützliche Kontakte mit Ex- bei sind nicht nur Grossveranstaltungen wie
– «Light-Versionen» eines Business Hub (sie- perten knüpfen können. Das Interesse dar- Weltausstellungen und Olympische Spie-
he Abbildung). Mit den Business Hubs haben an ist durchaus beidseitig. Schliesslich kann le das primäre Ziel von gemeinsamen Auf-
sich S-GE, Botschaften und Generalkonsula- sich aus einem solchen Kontakt jederzeit tritten. Auch etwas kleinere Veranstaltungen
te auf eine gemeinsame und dauerhafte Zu- eine lukrative Zusammenarbeit ergeben. Die bieten durchaus Potenzial für einen markan-
sammenarbeit geeinigt. Konkret bedeutet Auslandvertretung vermittelt nicht nur zwi- ten Auftritt der Schweiz als innovativer Wirt-
das: Die Botschaften und Konsulate stellen schen Kunden und Experten, sondern nimmt schaftsstandort und Herkunftsland topaktu-
das benötigte Personal und die erforderliche zwischen den beiden oft auch eine beraten- eller Technologie.
Infrastruktur für die Business Hubs und Tra- de Vertrauensposition ein. Da sie sowohl die Ein erfolgreiches Beispiel ist die Consumer
de Points zur Verfügung. Die Fachverantwor- schweizerischen als auch die lokalen Verhält- Electronics Show (CES), die Anfang dieses
tung liegt bei S-GE. nisse kennt, kann sie kulturelle Unterschiede Jahres in Las Vegas stattgefunden hat. Unter
Wohlgemerkt: S-GE beschäftigt keine überbrücken und die Verständigung fördern. dem Lead von Präsenz Schweiz und S-GE
eigenen Leute in den Business Hubs und Tra- Gleichzeitig kann sie aber auch erkennen und wurde die Schweiz mit einem eigenen Pavil-
de Points; die Stärken des Exportförderver- reagieren, falls Kundin und Experten nicht die lon als führender Innovations- und Technolo-
eins liegen vielmehr in der Vermarktung, der gleichen Vorstellungen haben. giestandort positioniert. Als Partner wurden
Beratung und der Information sowie beim Eine besondere Stellung nehmen die pri- dafür Innosuisse, der Interessenverband Di-
Identifizieren von internationalisierungs- vaten bilateralen Handelskammern und gitalswitzerland sowie Swissnex mit ins Boot
willigen und -fähigen KMU in der Schweiz. schweizerischen Geschäftsvereinigungen geholt. Präsenz Schweiz war für den Bereich
Unterstützt wird S-GE dabei von den Busi- – die sogenannten Business Societies – ein. Marketing, Image und Spektakel zuständig.
ness Hubs und Trade Points, indem diese die Dabei handelt es sich um Organisationen Die Abteilung für Sektorielle Aussenpolitiken
nötigen Kenntnisse des Zielmarktes in die wie etwa die Swiss Business Association in des EDA hat sie dabei unterstützt.
Beratung einbringen und ihr Personal regel- Vietnam und anderen Ländern. Nebst dem Spektakulär waren insbesondere die lau-
mässig an Firmenberatungstage von S-GE in grundsätzlichen Interesse an der Schweizer ten Drohnenshows, die fortwährend für Auf-
die Schweiz schicken. Zudem versorgen die Wirtschaft vereinen sie oft konzentriertes merksamkeit sorgten und viel Publikum an-
Business Hubs, Trade Points und alle übrigen Wissen und Erfahrung über die Geschäfts- zogen. Davon konnten wiederum die 32
Schweizer Botschaften S-GE periodisch mit bedingungen für Schweizer Firmen im Gast- Schweizer Unternehmen profitieren, die von
aktuellen Informationen über die wirtschaft- land auf sich. Insbesondere in Ländern, wo S-GE, dem Swiss Business Hub USA und den
liche Situation im Gastland, über die «Dos die Schweiz nur wenig Personal hat, ergän- Partnern betreut wurden. Die Unterneh-
and Don’ts» und nützliche Adressen. zen sich die schweizerische Auslandvertre- men waren mehrheitlich Start-ups. Sie konn-
Die eigentliche Stärke der Swiss Business tung und lokale schweizerische Handelskam- ten sich am Stand und bei einer eigens da-
Hubs kommt aber dann zum Tragen, wenn mern mit Informationen über das Gastland für organisierten Präsentation den poten-
sich eine Firma in der Schweiz entschliesst, oder über Schweizer Produkte und vielem ziellen Kunden vorstellen. Zudem wurden sie
zusammen mit S-GE den Schritt ins Ausland mehr. Unterstützt werden die Handelskam- durch den Business Hub USA mit verschie-
zu wagen. Dabei ist unwesentlich, ob der mern und die Vertretungen in diesen Fällen denen Marktinformationen versorgt. Auch
Kunde den Kontakt über S-GE, über einen vom Verein S-GE, der die Aufteilung der Auf- die Schweizer Firmen, die unabhängig vom
Business Hub oder einen Trade Point her- gaben vereinbart und die Handelskammern Schweizer Pavillon an der CES ausstellten,
stellt. In engem Austausch mit S-GE wird das entsprechend finanziell entschädigt. wurden vom Schweizer Botschafter in den
Schweizer Unternehmen mit kostenpflichti- USA begrüsst. Ausserdem konnte der Busi-
ger Beratung in den neuen Markt begleitet. Innovativer ­Wirtschaftsstandort ness Hub USA die Gelegenheit nutzen, eine
Ob der richtige Distributionskanal, der ge- sogenannte Fact-finding-Mission im Westen
eignete Partner oder der passende Markt- Schliesslich existiert auch eine Zusammen- der USA mit einem Besuch der Schweizer De-
auftritt gefunden werden muss: Die Business arbeit zwischen den Auslandvertretungen legation an der CES aufzuwerten. Alles in al-
Hubs und Trade Points können den richtigen und verschiedenen Organisationen des Bun- lem ein gelungener gemeinsamer Auftritt,
Weg zusammen mit der Firma erarbeiten. des sowie öffentlich-rechtlichen Institutio- der durchaus als Grundlage für weitere sol-
Diese kann dabei auf die marktspezifischen nen. Diese hat in den letzten drei bis vier Jah- che oder ähnliche Projekte dienen kann.
Kenntnisse, aber insbesondere auch auf ein ren richtiggehend Fahrt aufgenommen. Prä-
grosses Netzwerk vor Ort zurückgreifen, aus senz Schweiz, Swissnex – das Schweizer
dem sie je nach Bedarf die richtigen Spezia- Netzwerk für Bildung, Forschung und Inno-
listen auswählen kann. vation – sowie S-GE haben den Austausch
untereinander verstärkt, um mit einem ge-
Netzwerke schaffen meinsamen Auftritt im Ausland bei ausge-
suchten Veranstaltungen Synergien zu schaf-
Eine Schweizer Auslandvertretung, auch eine fen und zu nutzen. Je nach Event können
mit Swiss Business Hub, kann über noch so auch Organisationen wie etwa Schweiz Tou-
viele Informationen über die wirtschaftlichen rismus, Innosuisse oder Pro Helvetia einge-
Verhältnisse im Gastland verfügen; sie wird bunden werden. Bei diesen gemeinsamen Daniel Rüger
trotzdem nie in der Lage sein, immer alle be- Auftritten im Ausland sind jeweils auch die Stv. Chef Sektion für Wirtschaftsfragen,
nötigten Kenntnisse anzubieten. Deshalb sind örtlichen Schweizer Auslandvertretungen Abteilung für Sektorielle Aussenpolitiken,
die Mitarbeitenden von Auslandvertretun- mit ihren Kenntnissen der lokalen Gegeben- Eidgenössisches Departement für auswär-
tige Angelegenheiten (EDA), Bern
gen besonders gute Netzwerker, die wichti- heiten und ihrem Netzwerk involviert. Da-

50  Die Volkswirtschaft 4 / 2019


EXPORTFÖRDERUNG

Wie die Bündner Nusstorte nach


Korea kam
Die Exportunterstützung für KMU muss individuell ausgestaltet sein und ist nur im Netz-
werk erfolgreich. Das zeigt das Beispiel einer Bäckerei aus den Bündner Bergen. 
Martina Gmür

Abstract    Das Beispiel von La Conditoria, einem kleinen Lebensmittelunternehmen men können aus dem Beispiel lernen. Denn
aus Graubünden, zeigt auf, dass individuelle Unterstützung auch kleinsten Unter- zusätzlich nahm Reto Schmid auch Unter-
nehmen aus peripheren Regionen zum Erfolg auf dem Weltmarkt verhelfen kann. Als stützung in Anspruch, die zweifach genau
Netzwerkorganisation arbeitet Switzerland Global Enterprise (S-GE) mit vielen ex- auf seine Bedürfnisse zugeschnitten war.
ternen Exportdienstleistern zusammen, um KMU die relevanteste Hilfe zu leisten. Die Erstens: die Einkäufermission, an der La
Wünsche der exportierenden KMU nach möglichst passgenauer Unterstützung stei- Conditoria teilgenommen hat. Sie ist ein
gen angesichts der zunehmenden wirtschaftlichen und politischen Unsicherheit und Format, das sich speziell für Exporteure mit
des Trends zu mehr Protektionismus weltweit. Mit Investitionen in digitale Technolo- wenig Erfahrung eignet. Durch den Kon-
gien lässt sich die Exportförderung noch wirksamer auf die einzelnen Bedürfnisse der takt zum ersten Kunden können die teil-
KMU zuschneiden und das Support-Netzwerk noch besser einbeziehen. Dies sind die nehmenden KMU so einen noch unbekann-
Rezepte für die Zukunft der subsidiären Schweizer Exportförderung. ten Markt ohne grosses Risiko testen und
sich allenfalls auch wieder zurückziehen.
S-GE begleitet jeden dieser Schritte und

H  och oben in den Bündner Bergen, im


kleinen Skiort Sedrun, verkaufte die Bä-
ckerei La Conditoria lange Zeit erfolgreich Ge-
Dafür hatte S-GE Einkäufer der US-Super-
marktkette Fairway in die Schweiz eingela-
den. Gemeinsam mit dem Branchenverband
vermittelt Experten, zum Beispiel für den
Umgang mit der amerikanischen Lebens-
mittelbehörde.
bäck an die Dorfbewohner, die Touristen und Fial brachte S-GE diese dann in Kontakt mit Zweitens waren die Unterstützungsan-
die zahlreichen Bauarbeiter des Gotthard-­ Schweizer Firmen. So auch mit La Condito- gebote in hohem Masse branchenspezifisch.
Basistunnels der Neat. Doch als der Bau abge- ria. Die Sedruner Konditorei wurde dabei von Das war nur durch die Kooperation mit dem
schlossen war und sich auch die touristische Fairway ausgewählt und konnte erstmals in Branchenverband Fial möglich. Der Dachver-
Situation schwieriger gestaltete, fragte sich die USA liefern. Den deutschen Markt ging band der Lebensmittelhersteller hilft S-GE,
der Inhaber Reto Schmid: Was nun? La Conditoria anschliessend systematischer Messen und Einkäufermissionen für Lebens-
Der dynamische Bündner glaubte vor al- an. Gemeinsam mit S-GE wurden vorgängig mittelunternehmen wie La Conditoria noch
lem an eines: seine mehrfach ausgezeichne- potenzielle Geschäftspartner identifiziert. relevanter und bekannter zu machen.
ten und sehr beliebten Bündner Nusstorten. Inzwischen kann Reto Schmid bereits in Nur indem S-GE seine Dienstleistungen
Da aber eine ganze Torte seinen Kunden häu- über zehn Länder liefern: von den USA über genau auf die Bedürfnisse der KMU zuschnei-
fig zu viel war, verkleinerte Reto Schmid sein Dubai und Israel bis nach Südkorea. Mit sei- det und mit anderen Exportdienstleistern
wichtigstes Produkt auf Biskuitgrösse, ver- nen 30 Mitarbeitenden kommt er kaum mehr
packte es, um es länger haltbar zu machen, mit der Produktion nach. Deshalb wird der-
und machte sich auf den Weg, den Weltmarkt zeit eine neue Produktionsanlage mit einer Kasten 1: Switzerland Global
zu erobern. Kapazität von 20 000 Törtchen pro Stun- ­Enterprise
de aufgebaut, und es werden neue Arbeits- Switzerland Global Enterprise (S-GE) betreibt
Sprungbrett ins Ausland plätze im Berggebiet geschaffen. Den inter- ausschliesslich Service public für Schweizer
nationalen Erfolg errang Reto Schmid trotz KMU und ergänzt so die Angebote von Handels-
kammern, Verbänden oder Privatunternehmen
Seine ersten Schritte auf dem internationa- vielfältiger Handelshürden. Der Export in die beim Eintritt in ausländische Märkte. Der
len Markt tat Schmid als Teilnehmer eines so- USA etwa zog eine zeitintensive Abwicklung grösste Teil der Dienstleistungen ist kostenfrei.
genannten Swiss Pavillons an zwei Messen in durch die amerikanische Lebensmittelbehör- So werden den KMU beispielsweise erste Infor-
Köln: der Internationalen Süsswarenmesse de nach sich. Diese verbot etwa die Abbil- mationen zu den Absatzmärkten zur Verfügung
gestellt. Individuelle Detailprojekte für KMU –
und der Lebensmittelmesse Anuga. Die Swiss dung eines Enzians auf der Verpackung mit etwa zur Suche nach Vertriebspartnern im
Pavillons organisiert die Exportförderungs- der Begründung, dass dies nicht Teil des Le- Ausland – verrechnet S-GE kostendeckend und
organisation Switzerland Global Enterprise bensmittelproduktes in der Packung sei. bezieht in zwei Dritteln der Fälle externe Exper-
­(S-GE, siehe Kasten 1) seit Jahren gemeinsam ten im In- und Ausland mit ein. S-GE ist also eine
Netzwerkorganisation. Insgesamt stammen
mit den Nahrungsmittel-Branchenverbänden Passende Unterstützung rund 95 Prozent der Betriebsmittel des privaten
Fial und Switzerland Cheese Marketing. Die Vereins S-GE vom Bund oder werden bei der
Messe- und Projektkommission (MPK, sie- Am Beginn von Reto Schmids Erfolgsge- Ausführung der Bundesmandate generiert.
Für die Exportförderung beantragt der Bundes-
he Kasten 2) unterstützt sie dabei. In einem schichte stehen natürlich eine clevere Ge-
rat insgesamt 90,5 Millionen Franken für die
nächsten Schritt nutzte Schmid das Sprung- schäftsidee und unternehmerische Ener- Jahre 2020–2023. Davon sind 80,5 Millionen
brett einer sogenannten Einkäufermission. gie. Doch auch andere kleine Unterneh- Franken für das Mandat von S-GE bestimmt.

Die Volkswirtschaft  4 / 2019  51
EXPORTFÖRDERUNG

z­ usammenarbeitet, gelingt es, die rund 5000 ren und keine unnötigen Risiken einzugehen. spiel ein ausführliches Handbuch, das in den
Unternehmen, die es jährlich unterstützt, op- Sie wünschen sich, dass die für sie relevan- Internationalisierungsprozess einführt. Er-
timal zu betreuen. Beide Prinzipien sind also ten Daten und Fakten aus dem weltweiten fahrene Exporteure etwa können sich kos-
zentral für die tägliche Arbeit bei S-GE. In Informationsüberangebot so herunterge- tenfrei und punktuell in der digitalen Zoll-
einer von einem unabhängigen Institut re- brochen werden, dass sie die Unsicherheit datenbank sämtliche weltweiten Zoll- und
gelmässig durchgeführten Befragung ge- für ihre Exportprojekte besser einschätzen Einfuhrangaben beschaffen. 2018 gab es
ben 80 Prozent der Unternehmen an, dass die können. Aus demselben Grund wünschen sie dafür bereits 85 000 Anfragen. Unterneh-
Unterstützung, die sie von S-GE erhalten ha- sich einen persönlichen Ansprechpartner für men stellen sich heute die ersten Informa-
ben, wirksam war. Die Ausrichtung auf die in- ihre Anliegen; auch über einzelne Exportpro- tionen, die sie benötigen, selbst zusammen.
dividuellen Erfahrungen und Bedürfnisse der jekte hinaus. Kurz: Ihr Bedürfnis nach einem Und zwar so, wie es ihren individuellen Be-
KMU sowie die stärkere Einbeziehung von an- Unterstützungsangebot, das sie genau bei dürfnissen entspricht. Dies schafft wieder-
deren Exportdienstleistern zu diesem Zweck ihrem Export-Erfahrungsniveau und in ihrer um Kapazitäten, um Firmen enger und per-
sind denn auch die beiden Schwerpunkte, in Branche abholt, ist in den letzten Jahren ge- sönlicher zu begleiten.
die S-GE in der kommenden Leistungsperio- stiegen und wird angesichts zunehmender Die gemeinsame Erbringung von Dienst-
de 2020–2023 verstärkt investieren möchte. Unsicherheiten noch weiter steigen. Unter- leistungen für Exporteure im Netzwerk
nehmen wollen ein Angebot, das einfach, heben digitale Technologien zudem auf ein
Engere Begleitung erwünscht günstig und effizient und doch so individu- neues Niveau. Bereits heute finden sich auf
ell wie möglich ist. der Website von S-GE Kontakte zu einem
Die Schweizer Exporteure haben lange Jah- breiten Expertennetzwerk, auf das Unter-
re des Margen- und Preisdrucks hinter sich. Partner zusammenbringen nehmen zugreifen können. S-GE arbeitet zu-
Der weltweite Trend zu mehr Protektionis- dem an einem ersten Pilotprojekt für ein di-
mus und politischer Unsicherheit lässt sie Digitale Technologien ermöglichen es, die- gitales Matchmaking. Will heissen: Künftig
zusätzlich vorsichtiger werden beim Ausbau se Bedürfnisse besser zu erfüllen: Infor- sollen sich Exportexperten und KMU hier
ihres Geschäfts in neuen und in bestehen- mationen genauer zuzuschneiden, einfach gegenseitig finden können.
den Absatzmärkten – auch wenn die Stim- zur Verfügung zu stellen sowie das Sup- Eine wirksame Exportförderung wird in
mung derzeit noch gut ist. port-Netzwerk und die KMU gezielter zu- Zukunft also individueller, bietet auf digita-
KMU setzen Exportprojekte heute in klei- sammenzubringen. So finden Exportein- lem Wege ein breites Unterstützernetzwerk
nen Schritten um, um Zeit und Geld zu spa- steiger auf der Website von S-GE zum Bei- und erreicht so noch mehr exportierende
KMU. In diese Rezepte lohnt es sich zu inves-
tieren – damit die international orientierte
Schweizer Wirtschaft auch in Zeiten zuneh-
Kasten 2: Messe- und Projektkommission
mender Unsicherheit und von mehr Protek-
Auch in Zeiten der Digitali- eines Projekts zu unterstützen, ner Exportwirtschaft vertreten. tionismus auf Erfolgskurs bleibt.
sierung bleibt die Teilnahme also jene Leistungen, die nicht Die MPK verfügt derzeit über
an Messen ein wichtiges einer einzelnen Firma, sondern ein Jahresbudget von rund
Instrument für viele Firmen. einer ganzen Branche oder der 2 Millionen Franken. Jähr-
Entsprechend fördert die gesamtschweizerischen Wirt- lich werden über 90 Projekte
Messe- und Projektkommission schaft zugutekommen. Der Auf- unterstützt, die von Verbänden,
(MPK) mit den Swiss Pavillons wand (Administration, Organi- Handelskammern oder Firmen
einerseits den Gruppenauf- sation) für die Firmen, an einer in vielen Märkten weltweit
tritt von Schweizer Firmen Messe oder an einem Projekt durchgeführt werden. Davon
auf Messen. Andererseits im Ausland teilzunehmen, wird profitieren pro Jahr mehrere
unterstützt sie weitere Markt- dadurch deutlich minimiert. Hundert Unternehmen. Die
förderungsmassnahmen im Gleichzeitig profitieren die Fir- Angebote der MPK sind heute
Ausland wie etwa Fact-finding men vom gemeinsamen Auftritt breit anerkannt. Für die Jahre
Missions, Unternehmerreisen unter der Marke «Schweiz». 2020–2023 sollen der MPK
oder Projekte zur Förderung Die MPK setzt sich aus zusätzlich 2 Millionen Franken
Martina Gmür
von Branchenaktivitäten. Die fünf bis sieben Mitgliedern zur Förderung von modellhaften
Leiterin Exportpromotion und Mitglied der
Fördermittel sind dazu be- zusammen, die verschiedene und erfolgversprechenden Pro-
Geschäftsleitung, Switzerland Global Enter-
stimmt, den gemeinwirtschaft- Industrien und Branchen der jekten zur Verfügung stehen.
prise (S-GE), Zürich
lichen Teil einer Messe oder Schweizer und der Liechtenstei-

52  Die Volkswirtschaft 4 / 2019


EXPORTFÖRDERUNG

Erfolgreiche Handelsförderung
in einer Welt des Wandels
Handelsförderorganisationen stärken die Wettbewerbsfähigkeit von kleinen und mittleren
Unternehmen. Sie müssen ihre Tätigkeit jedoch den neuen Technologien anpassen. 
Anne Chappaz

Abstract  Organisationen für Handelsförderung führen viele Massnahmen zur Unter- tel dazu, sich ein entsprechendes Netzwerk
stützung des Exportgeschäfts durch. Wie ihre Strategien zur Mittelverteilung aus- an Informationsquellen zu finanzieren. Auch
sehen, hängt davon ab, welche Ziele ein Staat damit verfolgt. Dass Handelsförderer das ist mit ein Grund, dass staatliche Inves-
unterschiedlich stark auf die Erbringung zahlungspflichtiger Leistungen angewiesen titionen in Auslandmissionen und in den Auf-
sind, hat für sie Vor- und Nachteile. In diesem Artikel wird aufgezeigt, weshalb die Ex- bau entsprechender Datenbanken gerecht-
portförderung auch künftig eine staatliche Finanzierung verdient und mit welchen fertigt sind.
Veränderungen solche Organisationen konfrontiert sind. Handelsförderer, die ihren Die digitalen Plattformen, die neuen Ak-
Auftrag kompetent erfüllen, können für Unternehmen von substanziellem Nutzen teure in diesem Feld, nutzen Big Data und
sein. Sie müssen jedoch ihre Glaubwürdigkeit unter Beweis stellen und ihre Aktivitä- Web-Analysen und bieten so hoch persona-
ten mit den staatlichen Akteuren, der Wirtschaft und den übrigen strategischen Part- lisierte Daten über das Exportpotenzial, das
nern koordinieren und bereit sein, mehr Risiken einzugehen. Marketing, die Absatzmöglichkeiten und die
Logistik. Weltweit passen sich die Handels-
förderer diesem Trend an, indem sie inno-

I   m Kontext der Globalisierung ist Handel


kein Nullsummenspiel. Innerhalb von drei
Jahrzehnten hat er mehr als einer Milliarde
Ohne Unterstützung wagen sich nur weni-
ge Unternehmen ins Exportgeschäft, und nur
wenige können sich dort behaupten.
vative Partnerschaften schliessen. Dadurch
leisten sie einerseits einen Beitrag zu dieser
neuen Art von Datennutzung. Andererseits
Menschen einen Weg aus der extremen Ar- Die Handelsförderorganisationen spielen können sie diese Informationen gleich selber
mut eröffnet, Wohlstand generiert, Unter- eine wichtige Rolle bei der Reduktion dieser verwenden.
nehmen effizienter gemacht und produktive irreversiblen Kosten. Denn sie reduzieren das
Arbeitsplätze geschaffen. Die Konsumenten Risiko und bieten den Exportunternehmen Koordination und Brücken­
profitieren von tieferen Preisen und einem eine staatliche Unterstützung, die breitere
breiteren Angebot. Die Unternehmen erhal- wirtschaftliche, gesellschaftliche und öko-
bildung
ten Zugang zu fachlichen Inputs, Wissen, logische Überlegungen berücksichtigt. Aus Zweitens braucht es häufig einen Katalysa-
Kompetenzen und Technologien. Ausserdem diesem Grund ist es auch gerechtfertigt, die tor, damit sich ein sogenanntes Firmencluster
schaffen die Anforderungen neuer Märkte Handelsförderung durch Steuergelder zu fi- bildet, das dank eines koordinierten Ansat-
und die Bedürfnisse neuer Konsumenten An- nanzieren. zes zur Marktdurchdringung tiefere Kosten
reize für Innovationen. Entscheidend ist jedoch die Qualität und höhere Gewinne ermöglicht. Realisie-
Empirische Studien bestätigen, dass Han- der Leistungen. Und diese hängt von vielen ren lässt sich dies beispielsweise mit einem
del zu mehr Produktivität und Wohlstand Punkten ab: von der Governance, der Struk- gemeinsamen Stand an einer Handelsmes-
beitragen kann. Für einen inklusiven Handel tur, der Kultur und der Strategie eines Han- se oder durch ein gemeinsam eingereichtes
und eine gerechte Verteilung des resultie- delsförderers sowie davon, ob er effektive Projekt bei einer Ausschreibung. Weitere Op-
renden Nutzens müssen die Organisationen Lösungen bietet, die auf den folgenden Inter- tionen sind gemeinsame Sektormarken oder
der Handelsförderung, wie etwa Switzerland ventionsansätzen beruhen. Insgesamt gibt es Marketingstrategien, ein Zusatzprodukt für
Global Enterprise in der Schweiz, jedoch en- sechs solche Interventionsbereiche, und sie einen bestimmten Kunden, die gemeinsa-
gagiert und effizient arbeiten und eine geeig- alle sind von einem raschen technologischen me Ideen­akquisition oder die Aufteilung von
nete Strategie verfolgen.1 Wandel betroffen.

Nutzen für alle maximieren Informationsasymmetrien International Trade Centre

Wenn Unternehmen internationale Märkte


­überwinden Das International Trade Centre (ITC) ist eine ge-
meinsame Organisation der Vereinten Nationen
erschliessen, profitieren nicht nur sie selber, Erstens gilt es, die Informationsasymmetrie (UNO) und der Welthandelsorganisation (WTO)
mit Sitz in Genf. Seine Aufgabe besteht darin,
sondern die ganze Gesellschaft. Die Unter- zu überwinden. Und zwar indem den Unter-
Mikro-, kleine und mittlere Unternehmen in
nehmen zögern jedoch häufig, diesen Schritt nehmen Informationen zur Verfügung ge- ihrer internationalen Wettbewerbsfähigkeit
zu tun, da die Erschliessung eines unbekann- stellt werden über die zu erwartende Nach- zu unterstützen und sicherzustellen, dass die
ten Markts stets mit irreversiblen Kosten – frage, die Märkte, die Marktzugangsmodelle, Globalisierung ein nachhaltiges und inklusives
Wachstum bewirkt. Seit über 50 Jahren arbeitet
sogenannten Sunk Costs – verbunden ist. die regulatorischen Anforderungen, die Wett- das ITC mit Institutionen zusammen, welche
bewerbssituation und die potenziellen Part- Exportunternehmen mit dem Ziel unterstützen,
1 International Trade Centre (2016). ner. Kein Unternehmen hätte allein die Mit- «guten Handel» zu fördern.

Die Volkswirtschaft  4 / 2019  53
EXPORTFÖRDERUNG

Schulungs- und Innovationskosten. Als Ka- förderungsaktivitäten prägen. In der aktuellen, ten. Deshalb müssen sie gewisse strategische
talysatoren erkennen die Handelsförderor- digitalisierten Welt ist die Marke eines Landes Entscheidungen für die Exporteure treffen.
ganisationen häufig als Erste, was die bes- nicht mehr ein statisches Wahrzeichen, son- Sowohl im öffentlichen als auch im Privatsek-
ten Möglichkeiten für ein bestimmtes Clus- dern das Ergebnis eines sorgfältig gepflegten, tor werden immer mehr neue Partnerschafts-
ter sind. Zudem sind sie neutral und verfügen von traditionellen und sozialen Medien unter- modelle mit globalen Partnern geschlossen.
über die erforderlichen Ressourcen, um Ge- stütztes Narrativ. Die Marke muss so flexibel Ausserdem spielt das diplomatische Perso-
meinschaftsinitiativen zu unterstützen. sein, dass sie sich für den Tourismus ebenso nal eine zunehmend wichtige Rolle, wenn
Drittens müssen die Handelsförderer ver- eignet wie für viele Sektoren in der Geschäfts- es darum geht, die Ziele der Unternehmen
stehen, welche Bedürfnisse die Unterneh- welt und für Investments, die Diplomatie und beim Suchen und Erkunden von neuen Märk-
men haben. Und sie müssen beweisen, dass den Sport. ten zu realisieren. Bei den Handelsförderern
sie politische Entscheidungsträger sensibi- steigt dabei insbesondere die Nachfrage nach
lisieren und so das Geschäftsumfeld verbes- Risiken teilen Schulungen in der Kunst der Handelsvertre-
sern können. Die positiven Effekte von Frei- tung für Nichtexperten.
handelsabkommen lassen sich insbesonde- Fünftens reduzieren viele traditionelle Aktivi- In der heutigen unsicheren und sich stän-
re dann maximieren, wenn die Bedürfnisse täten zur Handelsförderung die Risiken und dig wandelnden Welt entstehen immer ra-
der Unternehmen aufgenommen und sie de- die irreversiblen Kosten bei der Erschliessung scher neue Märkte. Für die Handelsförderer
tailliert über Geschäftschancen informiert neuer Märkte. Noch bevor die Exportunter- bedeutet dies, dass sie mehr Ressourcen in
sind. Handelsförderer, die sowohl für die Ge- nehmen überhaupt in Erscheinung treten, weniger bekannte Märkte investieren, dass
schäftswelt als auch für die Regierungen leistet diese Vorarbeit in wenig bekannten sie den Unternehmen mehr Risiken abneh-
glaubwürdig sind, sind für beide Seiten her- Märkten einen wertvollen Beitrag zum Wis- men müssen und dass sie erst zeitverzögert
vorragende Kommunikationspartner. sen, zur Marke des Landes und zu den Netz- Renditen realisieren können. Auch wenn die
Der vierte Interventionsbereich betrifft werken. Studien bestätigen, dass die Han- staatlichen Geldgeber sofort Ergebnisse se-
die offizielle Anerkennung und die Schaffung delsförderung mit diesen Aktivitäten mehr hen wollen, muss sich die Handelsförderung
einer nationalen Marke («country brand»). Wertschöpfung generiert.2 künftig stärker auf langfristige Ergebnisse
Jede staatlich finanzierte Organisation ist auch Durch den zunehmenden fiskalpoliti- konzentrieren. Eine mögliche Lösung ist es,
staatlich legitimiert. Das macht die Unterneh- schen Druck und die wachsende Zahl von Ex- die staatlichen Akteure davon zu überzeugen,
men glaubwürdig und verbessert ihren Zu- portmärkten in Schwellenländern ist es für dass sie sich vermehrt an Zwischenergebnis-
gang zu den Behörden und diplomatischen die Handelsförderer unmöglich, Wissen und sen orientieren.
Netzwerken. Diese staatliche Anerkennung Netzwerke für sämtliche Märkte zu erarbei-
bedeutet eine gewisse Verantwortung für die Bieten Orientierungshilfe: Handelsförderer
«Marke» eines Landes und sollte alle Handels- 2 Volpe Martincus, Carballo und Gallo (2010). erleichtern KMU den Markteintritt in
Schwellenländern wie Indien.

KEYSTONE

54  Die Volkswirtschaft 4 / 2019


EXPORTFÖRDERUNG

Sechstens schliesslich geht es darum, in hängig sind, konzentrieren sich vermutlich Diese Veränderungen erfordern dringend
den gesellschaftlichen Wert, in positive Ex- stärker auf bekannte und erfahrene Expor- neue Arbeitsmodelle, neue Partnerschaften,
ternalitäten und langfristig zu investieren. teure mit geringeren Risiken und gesicher- neue Kompetenzen und neue Parameter. In
Staatlich finanzierte Organisationen haben ter Finanzierung. Dies geht auf Kosten von einer sich rasch wandelnden Welt ist staat-
einen weiteren Horizont und können ihre Firmen, die kleiner, aber besser positioniert liche Unterstützung von Institutionen und
Ressourcen deshalb anders einsetzen, etwa sind: Für sie schwinden die Möglichkeiten, in- Unternehmen daher relevanter denn je.
um marginalisierte Gruppen zu unterstüt- novativ und erfolgreich auf den raschen Wan-
zen. Zudem können sie Externalitäten bei der del zu reagieren.
Internationalisierung von Unternehmen be-
rücksichtigen. Relevant bleiben
Diese soziale Verantwortung und die neu-
en Möglichkeiten der digitalen Wirtschaft An der Weltkonferenz der Handelsförderor-
bewegen die Handelsförderer dazu, mit ganisation in Paris haben kürzlich Vertretun-
Unternehmen in einem frühen Stadium ihres gen aus 95 Ländern diese Themen erörtert.
Lebenszyklus zusammenzuarbeiten und sie Dabei zeigten sich drei Schlüsseltrends, wel-
auch in den Bereichen Unternehmertum und che die Tätigkeiten der Handelsförderer be- Anne Chappaz
Innovation zu unterstützen. Folglich werden einflussen: Erstens verlagert sich der Fokus Leiterin der Sektion Stärkung der Institu-
die Handelsförderer ihre traditionellen Akti- des Exportwachstums hin zu einem inklu- tionen, International Trade Centre (ITC),
Genf
vitäten zur Handelsförderung ebenfalls neu siveren, breiteren wirtschaftlichen Ziel, mit
ausrichten, beispielsweise bei Informations- mehr Risiken und zeitlich verzögerten Rendi-
seminaren zum Thema Export. Denn diese ten. Zweitens zeigt sich als Folge der digitalen Literatur
sind zwar hilfreich für Unternehmen, die be- Plattformen eine «Disintermediation». Zu- International Trade Centre (2016). Investing in Trade
reits exportfähig sind, sie können aber bei dem ergibt sich für die Handelsförderer eine Promotion Generates Revenue – a Study of Trade
Promotion Organisations. International Trade
anderen, die diese Fähigkeit noch aufbau- neue Möglichkeit, gemeinsam mit dem Pri- Centre, Genf.
en müssen, sogar kontraproduktiv sein.3 Eine vatsektor Vertrauen aufzubauen.4 Drittens International Trade Centre (2018). SME Competiti-
veness Outlook 2018: Business Ecosystems for the
zeitgemässe Handelsförderung muss über- hat sich schliesslich eine Entwicklung her- Digital Age.
dies den Bedürfnissen der Frauen und den auskristallisiert, bei der die Handelsförderer Kim, Yu Ri; Todo, Yasuyuki; Shimamoto, Daichi
und Matous Petr (2018). Are Seminars on Export
Erwartungen an ein nachhaltiges Wachstum nicht mehr Solisten sind, sondern vielmehr Promotion Effective? Evidence from a Randomised
gerecht werden. die Rolle des Dirigenten einnehmen, der si- Controlled Trial.
Volpe Martincus, Christian; Carballo, Jerónimo und
Handelsförderer, die stark von den Ein- cherstellt, dass alle involvierten Akteure des Gallo Andrés (2010). The Impact of Export Pro-
nahmen durch eigene Dienstleistungen ab- Ökosystems dieselbe Partitur spielen. motion Institutions on Trade: Is It the Intensive or
the Extensive Margin?. IDB Publications (Working
Papers) 3191, Interamerikanische Entwicklungs-
3 Kim, Todo, Shimamoto und Matous (2018). 4 International Trade Centre (2018). bank.

Die Volkswirtschaft  4 / 2019  55
EXPORTFÖRDERUNG

STANDPUNKT VON MATTHIAS SCHNYDER

Bessere Absprache mit Kantonen


Die Standortförderpolitik des Bundes agiert subsidiär zu Kantonen und
­Privaten. Eine bessere Abstimmung dient der gesamten Standortförderung.

Mit der vorliegenden Botschaft über die Standort­ Kantonen im Ausland sicherzustellen. Das gemeinsame
förderung 2020–2023 will der Bundesrat die Instrumen- Ziel ist es, Ansiedlungen und somit Arbeitsplätze zu ge-
te des Bundes zur Standortförderung weiterentwickeln. nerieren.
Als Querschnittsaufgabe spielt dabei auch die Optimie- Die nationale Standortpromotion der Schweiz wird
rung der Abstimmung zwischen den Staatsebenen eine von einer Steuerungsgruppe koordiniert, welche durch je
herausragende Rolle. Eine kontinuierliche Zusammen- ein Mitglied der VDK und des Staatssekretariats für Wirt-
arbeit zwischen Bund und Kantonen erfolgt im Bereich schaft (Seco) gemeinsam präsidiert wird. Die Kantonsver-
der Standortförderung vornehmlich bei der Standortpro- treter der Steuerungsgruppe haben im Hinblick auf die
motion, der Regionalpolitik und der Tourismuspolitik. Die neue Förderperiode 2020–2023 eine gemeinsame «Char-
Volkswirtschaftsdirektorenkonferenz (VDK) übernimmt ta» erarbeitet, welche die unterschiedlichen Prioritäten
dabei eine interkantonale Koordinationsrolle. Die Export- stärker aufeinander abstimmt und Regeln für die Zusam-
förderung ist primär Sache des Bundes. menarbeit präzisiert. Darauf basierend hat die VDK in en-
ger Abstimmung mit dem Seco die für die Kantone we-
Standortpolitik: Kantone konkurrieren sentlichen Eckwerte für die zukünftige nationale Stand-
ortpromotion festgelegt. Diese Eckwerte liefern wichtige
Die Koordination zwischen Bund und Kantonen verläuft neue Impulse, um die Wirksamkeit der nationalen Stand-
bei der Standortförderung insgesamt gut. Im Hinblick auf ortpromotion zu verstärken. Und sie dienen als Grund-
die Erarbeitung der neuen Botschaft wurden die gemein- lage für die neuen Leistungsvereinbarungen der Kanto-
samen Anstrengungen verstärkt, um die verschiedenen ne sowie des Bundes mit der Standortförderorganisation
Handlungsfelder der Standortförderung besser abzu- Switzerland Global Enterprise (S-GE).
stimmen und damit wirksamere Instrumente zu schaffen. Die erwähnten Abstimmungsoptimierungen im Be-
Ein Beispiel dafür ist die nationale Standortpromotion. reich der nationalen Standortpromotion sind Ausdruck
Zu einer attraktiven Standortpolitik sind die Kantone einer über die letzten Jahre kontinuierlich verbesserten
durch die föderale Konkurrenz gezwungen. Internationa- Zusammenarbeit der Akteure in der Standortförderung,
le Vergleiche in OECD-Staaten aus dem Jahr 2017 zeigen, insbesondere zwischen Bund und Kantonen. Die besse-
dass die Anzahl der staatlichen Ebenen die Investitions- re Abstimmung widerspiegelt sich in allen einschlägigen
attraktivität nicht negativ beeinflusst. Die föderale Struk- Handlungsfeldern der vorliegenden Botschaft über die
tur erfordert jedoch eine enge Koordination zwischen Standortförderung des Bundes 2020–2023.
den verschiedenen Ebenen. Deshalb ist es eine wichtige
Kernaufgabe der nationalen Standortpromotion, einen Matthias Schnyder ist Generalsekretär der Volkswirtschafts­
möglichst gut abgestimmten Auftritt zwischen Bund und direktorenkonferenz in Bern.

56  Die Volkswirtschaft  4 / 2019


EXPORTFÖRDERUNG

STANDPUNKT VON CLAUDIA MOERKER

Wettbewerbsfähigkeit verbessern
Produkt, Strategie und Finanzierung sind beim Auslandgeschäft mass­
gebend. Der private Verband Swiss Export vermittelt das Wissen dazu.

Internationale Geschäftsbeziehungen sind für kleine und arbeit zwischen den verschiedenen Anbietern muss ver-
mittlere Unternehmen ein entscheidender Wettbewerbs- bessert und es muss auf die Subsidiarität Rücksicht ge-
faktor, um auf dem Markt zu bestehen. Mit der fort- nommen werden. So zum Beispiel bei der Empfehlung
schreitenden Digitalisierung lösen sich unternehmeri- von Dritten für Fachberatungen, für Seminare und für
sche Grenzen immer mehr auf, Geschäftsbeziehungen Weiterbildungen im Auslandgeschäft.
und Wertschöpfungsketten verändern sich. Die immer Swiss Export pflegt aktiv den Austausch mit S-GE und
komplexeren Vorschriften in diesen internationalen Han- sucht die Abstimmung. Themen sind etwa die plötzlich
delsbeziehungen stellen Schweizer Unternehmen vor stark reduzierten Ticketpreise der Jahreshauptveranstal-
grosse Herausforderungen. Umso wichtiger ist es, dass tung, Fachpublikationen mit vergleichbarem Inhalt, zu
sich Exporteure rechtzeitig informieren und Mitarbeiten- günstige Mitgliedschaften oder zu ähnliche Veranstal-
de fachspezifisch ausbilden. Denn nur so können sie auf tungen. Der Service public des Bundes muss zum Nut-
Veränderungen reagieren und den Geschäftserfolg nach- zen der Exportindustrie die private Exportförderung er-
haltig sicherstellen. gänzen, stärken und möglichst nicht konkurrenzieren.
Die Realität zeigt, dass sich Überschneidungen nicht voll-
Exportförderung: Gefragt wie nie zuvor ständig vermeiden lassen. Damit die private Exportför-
derung neben der staatlichen Ergänzung erfolgreich be-
Der wirtschaftliche Druck nimmt stetig zu: Immer mehr stehen kann, sind ein steter Dialog und vor allem ein um-
und auch immer kleinere Unternehmen wollen deshalb sichtiger Einsatz der Fördermittel notwendig.
Exportmärkte in möglichst raschem Tempo erschlies- Seit 1973 schafft der privatwirtschaftlich organisier-
sen. Vor diesem Hintergrund gewinnen Aus- und Wei- te Verband Swiss Export Marktvorteile für seine Mitglie-
terbildungsmöglichkeiten, einfache und kurze Informa- der. Der Verband ist ein starker Partner für Schweizer und
tionswege sowie der Zugang zu Kompetenznetzwer- Liechtensteiner Unternehmen. Das Ziel von Swiss Ex-
ken immer mehr an Bedeutung. Schon seit Jahrzehnten port ist es, die Wettbewerbsfähigkeit international tä-
bieten effiziente und motivierte Privatunternehmen wie tiger Unternehmen zu verbessern. Für ein erfolgreiches
Swiss Export in der Schweiz solche Dienstleistungen an, Auslandgeschäft kommt es jedoch in erster Linie auf die
welche die KMU individuell bei ihren Exporttätigkeiten Eigeninitiative der Unternehmen an: Sie brauchen ein
unterstützen und die offiziellen Angebote von Gemein- gutes Produkt, eine erfolgversprechende Strategie und
den, Kantonen und Bund sinnvoll ergänzen. In den ver- eine verlässliche Finanzierung. Kleine und mittlere Unter-
gangenen Jahren hat die Nachfrage nach solchen Dienst- nehmen schaffen Werte – betrieblich, ökonomisch, so-
leistungen beachtlich zugenommen. Wer Exportförde- zial und politisch. International tätige kleine und mittle-
rung betreibt, sollte die individuellen und spezifischen re Unternehmen sind aber vor allem auch Treiber der In-
Bedürfnisse der jeweiligen Firmen berücksichtigen und novation. Tatsache ist: Eine klare Vision ist nach wie vor
die Angebote danach ausrichten. zentral für den langfristigen Erfolg.
Die privatwirtschaftliche Exportförderung soll eine
reelle Chance haben, sich einzubringen. Die Zusammen- Claudia Moerker ist die Geschäftsleiterin von Swiss Export.

Die Volkswirtschaft  4 / 2019  57
EXPORTFÖRDERUNG

STANDPUNKT VON STEFAN BRUPBACHER

Keine exzessive Exportförderung nötig


Die beste Exportförderung sind gute wirtschaftspolitische Rahmenbedin-
gungen. Die Herausforderung besteht darin, diese zu erhalten.

Die Exportquote der schweizerischen Maschinen-, Elek- 1972 und den bilateralen Verträgen geniesst die MEM-­
tro- und Metall-Industrie (MEM-Industrie) liegt seit Lan- Industrie einen privilegierten Zugang zum EU-Binnen-
gem bei hohen 80 Prozent. Das bedeutet, dass 80 Pro- markt. Um diesen Zugang langfristig zu sichern und wei-
zent des Gesamtumsatzes im Ausland erwirtschaftet terzuentwickeln, braucht es das institutionelle Rahmenab-
werden. Das Exportvolumen erreichte 2018 knapp 70 kommen. Der Schweizer Arbeitsmarkt ist vergleichsweise
Milliarden Franken. Über 95 Prozent der Unternehmen flexibel ausgestaltet. Eine gute Arbeitsmarktpolitik hilft
sind KMU. den Unternehmen, agil zu reagieren, wenn sie währungs-
Für die Exportförderung nutzen die Firmen das An- bedingt oder wegen einer schwachen Konjunktur in den
gebot von Switzerland Global Enterprise (S-GE). S-GE Absatzmärkten unter Druck geraten.
unterstützt sie bei der Erschliessung neuer Auslandmärk-
te und hilft mit Informationen, Beratung und dem Zu- Gute Bildungspolitik und attraktives
gang zu Netzwerken und Messen. In der OECD ist die-
se Form der Exportförderung weitverbreitet. Im Unter-
Steuersystem
schied zum Ausland fällt der finanzielle Umfang der Wichtig ist auch die Bildungs- und Forschungspoli-
Schweizer Aktivitäten bescheiden aus. Und das ist gut so. tik. Denn die Schweizer Forschungsinstitutionen leisten
Denn die beste Exportförderung sind immer noch gute einen wesentlichen Beitrag zur Innovationskraft der In-
wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen. Sie sollen dustrie. Der Wissens- und Technologietransfer stellt da-
den Firmen Handlungsspielraum schaffen, damit der Ex- bei die Nutzung der Forschungserkenntnisse in Produk-
port aus einem Land mit hohen Kosten und hohen Löh- ten und Prozessen der Unternehmen sicher. Zudem hilft
nen wie der Schweiz auch weiterhin möglich bleibt. das duale Berufsbildungssystem bei der Verfügbarkeit
von Fachkräften. Das ist eine wichtige Voraussetzung,
Freihandels- und Rahmenabkommen damit die Unternehmen qualitativ hochstehende Produk-
te und Dienstleistungen erbringen können.
Zentral ist dabei etwa die Aussenwirtschaftspolitik: Frei- Auch die Steuervorlage 17 wird ein Schlüsselpunkt
handelsabkommen sollen einen möglichst hindernis- sein. Denn damit erhalten die Unternehmen einen wett-
freien Zugang zu ausländischen Märkten schaffen. Ak- bewerbsfähigen, attraktiven und international akzeptier-
tuell im Vordergrund stehen neue Abkommen mit den ten Steuerrahmen. Fazit: Eine weiter ausgebaute staatli-
USA und den südamerikanischen Mercosur-Ländern so- che Exportförderung ist deshalb nicht notwendig. Gute
wie das abgeschlossene Handelsabkommen mit Indone- wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen sind viel ent-
sien. Gerade in diesen Ländern haben Schweizer Firmen scheidender. Die Herausforderung besteht darin, diese
einen zusätzlichen Vorteil, weil für Konkurrenten aus der aktuell guten Rahmenbedingungen zu erhalten und wei-
EU noch kein solches Abkommen besteht. terzuentwickeln.
Die EU ist der mit Abstand wichtigste Absatzmarkt der
MEM-Industrie und die Europapolitik deshalb umso wich- Dr. iur. Stefan Brupbacher ist Direktor des Branchenverban-
tiger. Dank dem Freihandelsabkommen Schweiz – EU von des Swissmem in Zürich.

58  Die Volkswirtschaft  4 / 2019


ZAHLEN

Wirtschaftskennzahlen
Auf einen Blick finden Sie hier die Kennzahlen Bruttoinlandprodukt, Erwerbslosenquote und Inflation von acht Ländern, der EU und
der OECD. Zahlenreihen zu diesen Wirtschaftszahlen sind auf Dievolkswirtschaft.ch aufgeschaltet.

Bruttoinlandprodukt: Bruttoinlandprodukt:
Reale Veränderung in % gegenüber dem Reale Veränderung in % gegenüber dem Vorquartal1
Vorjahr
2017 3/2018 2/2018 1/2018 4/2017
Schweiz 1,0 Schweiz –0,2 0,7 0,6 0,6
Deutschland 2,2 Deutschland –0,2 0,5 0,3 0,6
Frankreich 1,8 Frankreich 0,4 0,2 0,2 0,6
Italien 1,5 Italien 0,0 0,2 0,3 0,3
Grossbritannien 1,7 Grossbritannien 0,6 0,4 0,1 0,4
EU 2,4 EU 0,3 0,4 0,4 0,6
USA 2,3 USA 0,9 1,0 0,5 0,6
Japan 1,6 Japan –0,3 0,7 –0,2 0,1
China 6,8 China 1,6 1,8 1,4 1,6
OECD 2,5 OECD 0,5 0,7 0,5 0,6

Bruttoinlandprodukt: Erwerbslosenquote:3 Erwerbslosenquote:3


In Dollar pro Einwohner 2017 (PPP2) in % der Erwerbspersonen, Jahreswert in % der Erwerbspersonen, Quartalswert
2017 2018 4/2018
Schweiz 65 096 Schweiz 4,7 Schweiz 4,6
Deutschland 50 705 Deutschland 3,4 Deutschland 3,3
Frankreich 42 698 Frankreich 9,1 Frankreich 9,1
Italien 39 823 Italien 10,6 Italien 10,5
Grossbritannien 43 857 Grossbritannien – Grossbritannien –
EU 40 920 EU 6,8 EU 6,6
USA 59 535 USA 3,9 USA 3,8
Japan 43 896 Japan 2,4 Japan 2,4
China – China – China –
OECD 43 800 OECD 5,3 OECD 5,2

Inflation: Inflation:
Veränderung in % gegenüber dem Veränderung in % gegenüber dem
Vorjahr ­Vorjahresmonat
2018 Januar 2019
Schweiz 0,9 Schweiz 0,6
Deutschland 1,7 Deutschland 1,4
Frankreich 1,9 Frankreich 1,2
Italien 1,1 Italien 0,9
Grossbritannien 2,3 Grossbritannien 1,8
EU 1,9 EU 1,5
SECO, BFS, OECD

USA 2,4 USA 1,6


Japan 1,0 Japan –
China – China –
Weitere Zahlenreihen
OECD 2,6 OECD –
1 Saisonbereinigt und arbeitstäglich bereinigte Daten.
www.dievolkswirtschaft.ch d Zahlen
2 Kaufkraftbereinigt.
3 Gemäss Internationaler Arbeitsorganisation (ILO).

Die Volkswirtschaft  4 / 2019  59
Notenbanken weiten Bilanzen stark aus
Innerhalb von zehn Jahren hat sich die Bilanzsumme der Schweizerischen Nationalbank (SNB) versiebenfacht:
Im Jahr 2007 machte die SNB-Bilanzsumme rund ein Fünftel des Bruttoinlandprodukts (BIP) aus – zehn Jahre
später übertrifft sie das BIP deutlich. Der Grund dafür sind Devisenkäufe der Notenbank, um die Aufwertung
des Frankens zu bremsen. Mit dieser Zunahme liegt die Schweiz international an der Spitze.

2017

SNB-Bilanzsumme
2017
792 Mrd. Fr.
EZB-Bilanzsumme
2007 4166 Mrd. Euro

SNB-Bilanzsumme
2007
110 Mrd. Fr.
EZB-Bilanzsumme
1210 Mrd. Euro
x 7
x 3
Anteil am BIP:
19%
Anteil am BIP: Anteil am BIP: Anteil am BIP:
119% 13% 37%

2017

2017
Fed-Bilanzsumme
4462 Mrd. Dollar
BOJ-Bilanzsumme
2007 501 825 Mrd. Yen
BEA, BOJ, CAO, EUROSTAT, EZB, FED, SECO, SNB / SHUTTERSTOCK / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

2007
Fed-Bilanzsumme
873 Mrd. Dollar
BOJ-Bilanzsumme

x 5 108 616 Mrd. Yen

x 5
Anteil am BIP: Anteil am BIP:
6% 23%
Anteil am BIP:
20% Anteil am BIP:
92%
Nominale Werte; BOJ: Bank of Japan; EZB: Europäische Zentralbank;
Fed: Federal Reserve System (USA); SNB: Schweizerische Nationalbank.
VORSCHAU

IM NÄCHSTEN FOKUS

 Blockchain: Ausgabe
Die nächste 4. April 2019
Mehr als ein Hype? ­erscheint a
m2

Die Schweiz verzichtet auf ein Blockchain-Gesetz. Vergangenen Dezember beschloss der Bundesrat, die
neue Branche nur so stark zu regulieren wie notwendig. So passt er einzelne Gesetze an, wie etwa das
Obligationenrecht. Als dem führenden Blockchain-Standort stellt sich der Schweiz die Frage: Wo liegen
die realen Anwendungen dieser Technologie? Erfahren Sie mehr dazu in der nächsten Ausgabe.

Die Schweiz ist eine der führenden Nationen im Blockchain eröffnet neue Perspektiven
Bereich Fintech und Blockchain für das Gesundheitswesen
Bundespräsident Ueli Maurer Sandro Morghen, Nexum

Bundesrat verzichtet auf Blockchain-Gesetz Register: Nachhaltig Daten erhalten


Michael Manz, SIF Andreas Spichiger, BFH

Technologieneutralität: Am Beispiel Kapital­ Ökonomische Relevanz der Blockchain-­


aufnahme durch Initial Coin Offering Technologie
Björn Flückiger, Finma Mathias Bucher, HSLU

Energieabrechnung über Blockchain Ist der Hype um Blockchain vergleichbar


Matthias Egli, Postfinance mit der Dotcom-Blase?
Interview mit Mathias Ruch, Crypto Valley Venture Capital
Infrastruktur für Blockchain-Anwendungen
Volkmar Beck, Swisscom

IMPRESSUM
Herausgeber Abonnementpreise Druck
Eidgenössisches Departement für Wirtschaft, Inland Fr. 100.–, Ausland Fr. 120.– Jordi AG, Aemmenmattstrasse 22, 3123 Belp
­Bildung und Forschung WBF, Staatssekretariat für Für Studierende kostenlos
App
Wirtschaft SECO, Bern
Layout Vogt-Schild Druck AG, Gutenbergstrasse 1,
Redaktion Patricia Steiner, Marlen von Weissenfluh 4552 Derendingen
Chefredaktion: Susanne Blank, Nicole Tesar
Redaktion: Jessica Alvarez, Matthias Hausherr, Illustrationen
Thomas Nussbaum, Stefan Sonderegger Cover: Claudine Etter, atelier-c.ch Erscheint 10x jährlich in deutscher und franzö­
Aufgegriffen: Alina Günter, www.alinaguenter.ch sischer Sprache (französisch: La Vie économique),
Redaktionsausschuss 92. Jahrgang, mit Beilagen.
Eric Scheidegger (Leitung), Antje Baertschi, Kontakt
­Susanne Blank, Eric Jakob, Evelyn Kobelt, Holzikofenweg 36, 3003 Bern Der Inhalt der Artikel widerspiegelt die Auffassung
Cesare Ravara, Markus Tanner, Nicole Tesar Telefon +41 (0)58 462 29 39 der Autorinnen und Autoren und deckt sich
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