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90. Jahrgang   Nr. 5/2017 Fr. 12.

Die Volkswirtschaft
Plattform für Wirtschaftspolitik

INTERVIEW STEUERN UNLAUTERER WETTBEWERB DOSSIER


SNB-Präsident Thomas Hohe Empfindlichkeit bei Beim Seco eingetroffene Wie lassen sich Beruf und
Jordan sieht Anzeichen für Vermögenssteuern Beschwerden erstmals Familie kombinieren?
eine Normalisierung 34 rückläufig 39
28 37

FOKUS
Historisch tiefes Zinsniveau

Wichtiger HINWEIS !
Innerhalb der Schutzzone (hellblauer Rahmen) darf
kein anderes Element platziert werden!
Ebenso darf der Abstand zu Format- resp. Papierrand
die Schutzzone nicht verletzen!
Hellblauen Rahmen der Schutzzone nie drucken!
Siehe auch Handbuch
„Corporate Design der Schweizerischen Bundesverwaltung“
Kapitel „Grundlagen“, 1.5 / Schutzzone
www. cdbund.admin.ch
Swiss Society of Economics and Statistics

ANNUAL CONGRESS 2017


Economists and Policy Making
Lausanne, IDHEAP and HEC, June 8 - 9, 2017
Registration : www.sgvs.ch

Keynote speakers : Local organizers


Prof. Marion Fourcade, at the University of Lausanne :
University of California at Berkeley Prof. Laure Athias, IDHEAP
Prof. James Robinson, University of Chicago Prof. Marius Brülhart, HEC
Prof. Aymo Brunetti, University of Bern Prof. Nils Soguel, IDHEAP

Tiere mit drei Herzen,


ein Wunder der Meere.
Wozu der Oktopus das braucht?
Mehr auf: meere.wwf.ch

Schützen wir die Wunder der Natur.


EDITORIAL

Historisch tiefes Zinsniveau


Lange war es verpönt, mit Zinsen ein Geschäft zu machen. Das Alte Testa-
ment enthält ein Zinsverbot, das im Christentum noch bis ins späte Mittel-
alter galt. Auch der Koran kennt ein solches. Beim Islamic Banking gilt es
noch heute.
Derzeit sind die Zinsen weltweit so tief wie noch nie. Aktuell erhalten wir
in der Schweiz normalerweise zwischen 0,01 und 0,1 Prozent Zins auf dem
Sparkonto. Die Banken selber zahlen seit
über zwei Jahren auf ihren Sichtguthaben
bei der Nationalbank Strafzinsen in der
Höhe von 0,75 Prozent. Doch die Finanz-
institute zögern, die Negativzinsen auf
ihre Privatkunden zu übertragen.
Was würden Sie, liebe Leserin und ­lieber
Leser, tun, wenn Sie plötzlich zahlen
müssten, damit Ihr Erspartes auf der
Bank liegen darf? Würden Sie das Geld
abheben und unter die Matratze legen,
andere, möglicherweise riskantere Anlagen tätigen oder mehr konsumie-
ren? Mark Cliffe vom Finanzinstitut ING hat dazu eine interessante Kunden-
befragung durchgeführt.
Im aktuellen Tiefzinsumfeld ist das traditionelle Geschäftsmodell der
­Banken in Gefahr. Das Retailgeschäft ist nicht mehr profitabel, und es
müssen andere Geschäftsfelder erschlossen werden. Wie sich die Banken
neu e­ rfinden, lesen Sie im Artikel von Professor Yvan Lengwiler.
Damit der Wirtschaftsaufschwung auch in Europa an Fahrt gewinne,
­könnten die Zinsen vorübergehend noch weiter gesenkt werden, so die
Ansicht der Ökonominnen Signe Krogstrup und Jennifer Blake. Zudem
weisen sie darauf hin, dass der Zeitpunkt geeignet sei, um die Wirtschaft
mit ­zusätzlichen Investitionen anzukurbeln.
Im Interview sagt Thomas Jordan, Präsident der Schweizerischen National-
bank, bei Bedarf bestehe weiterer Spielraum für Zinssenkungen.

Wir wünschen Ihnen eine aufschlussreiche Lektüre.


Susanne Blank und Nicole Tesar
Chefredaktorinnen «Die Volkswirtschaft»
INHALT

Fokus

6 12 16
Sinkende Zinsen im Laufe Sind Tiefzinsen die neue Banking unter null
der Geschichte Normalität? Yvan Lengwiler Universität Basel
Peter Kugler Universität Basel Stefan Leist, Vincent Pochon
Staatssekretariat für Wirtschaft

28

«Wir haben
Spielraum, um die
Zinsen weiter zu
senken»
20 24
Wirken die Negativzinsen? Vorsicht vor
Jennifer Blanke Afrikanische Entwicklungsbank Negativreaktionen
Signe Krogstrup Internationaler Währungsfonds
der Sparer
Mark Cliffe, Carlo Cocuzzo
ING Bank

Spots

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IMPRESSUM ZAHLEN INFOGRAFIK
Im Gespräch mit
Alle Informationen Wirtschaftskennzahlen Zunehmende räumliche dem SNB-Präsidenten
zum Magazin Spezialisierung Thomas Jordan

4 59 60
INHALT

Themen

34 37 50
STEUERN UNLAUTERER WETTBEWERB ARBEITSMARKT

Steuerzahler suchen bei Beschwerden wegen Digitalisierung trifft Land


Vermögenssteuern nach unlauteren Wettbewerbs härter als Stadt
Ausweichstrategien erstmals rückläufig Ivo Willimann Hochschule Luzern
Stephan Käppeli Hochschule Luzern
Marius Brülhart Universität Lausanne Philippe Barman
Kurt Schmidheiny Universität Basel Staatssekretariat für Wirtschaft

53 55 57
AUFGEGRIFFEN ZÖLLE ZÖLLE

Alles besteuern ausser Zollverwaltung definiert Zollprogramm «DaziT»


den Menschen sich neu entlastet Unternehmen
Eric Scheidegger Isabelle Emmenegger Basil Stamm Staatssekretariat für Wirtschaft
Staatssekretariat für Wirtschaft Eidgenössische Zollverwaltung Ingo Strasser AEB Schweiz

DOSSIER
40 45
Ein Ausbau der Jobsharing hat nicht nur
familienpolitischen Vorteile für Frauen
Massnahmen lohnt sich Nicole Baur
Gleichstellungsbeauftragte Kanton Neuenburg
Susanne Stern Infras
Monika Bütler Universität St. Gallen

43 47
Jobsharing in der Schweiz Jede zweite Rentnerin ohne
immer beliebter Pensionskassenrente
Beruf und Familie: Robert Fluder, Renate Salzgeber
Irenka Krone-Germann
Welche Anreize braucht es? We Jobshare GmbH Berner Fachhochschule
i IMPRESSUM

Herausgeber
Eidgenössisches Departement für Wirtschaft, ­Bildung
und Forschung WBF,
Staatssekretariat für Wirtschaft SECO, Bern

Redaktion
Chefredaktion: Susanne Blank, Nicole Tesar
Redaktion: Käthi Gfeller, Matthias Hausherr, Christian Maillard,
Stefan Sonderegger

Redaktionsausschuss
Eric Scheidegger (Leitung), Antje Baertschi, ­Susanne Blank,
Eric Jakob, Evelyn Kobelt, Cesare Ravara, Markus Tanner,
Nicole Tesar

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Für Studierende kostenlos

Erscheint 10x jährlich in deutscher und franzö­sischer Sprache


(französisch: La Vie économique), 90. Jahrgang, mit Beilagen.

Druck
Jordi AG, Aemmenmattstrasse 22, 3123 Belp

Der Inhalt der Artikel widerspiegelt die Auffassung der Autorinnen


und Autoren und deckt sich nicht notwendigerweise mit der
Meinung der Redaktion.

Der Nachdruck von Artikeln ist, nach Bewilligung durch die


Redaktion, unter ­Quellenangabe gestattet; Belegexemplare
­erwünscht.

ISSN 1011-386X
FOKUS

Historisch tiefes Zinsniveau


Die Zinsen sind so tief wie noch nie in der Geschichte. Momentan
bewegen sie sich in der Schweiz, in der EU und in Japan nahe
bei null – oder sind gar negativ. Das setzt die Pensionskassen und
die gesamte Bankbranche unter Druck: Für die Finanzinstitute
bricht ein traditionelles Geschäftsfeld weg, und die Vorsorgewerke
können langfristig ihren Renditeverpflichtungen nicht mehr
nachkommen. Wie reagieren die Anleger und die Konsumenten auf
die Tiefzinsen? Eine Studie des niederländischen Finanzinstituts
ING legt nahe, dass nur wenige mehr konsumieren.
Ebenso viele würden mehr sparen.
ZINSEN

Sinkende Zinsen im Laufe


der Geschichte
Seit der Antike lässt sich ein Trend sinkender Zinsen beobachten, der erst mit dem Infla-
tionsanstieg im 20. Jahrhundert unterbrochen wurde. Doch seit den Neunzigerjahren zeigt
sich ein neuerlicher Rückgang des Zinsniveaus. Heute sind die Zinssätze so tief wie noch
nie in der Geschichte.  Peter Kugler
Mit der Einführung von Münzgeld um circa
Abstract  Die Zinsgeschichte ist von der Antike bis ins 19. Jahrhundert durch ten-
denziell sinkende Nominal- und Realzinsen charakterisiert. Aufgrund höherer
630 v. Chr. als allgemein akzeptiertes Tausch-
Inflationsraten ist das Zinsniveau in den entwickelten Volkswirtschaften im 20. und Wertaufbewahrungsmittel sowie als Re-
Jahrhundert wieder nominal angestiegen, aber seit Mitte der Neunzigerjahre be- cheneinheit häufen sich die Evidenzen für Zins
obachten wir eine historisch einzigartige Abnahme der Nominal- und Realzinsen. und Kreditbeziehungen, vor allem im alten Grie-
Dafür gibt es gewichtige reale Ursachen wie die Demografie und die Integration
chenland und im Römischen Reich. In den grie-
Chinas in die Weltwirtschaft. Die äusserst expansive Geldpolitik  in den letzten 10
bis 15 Jahren hat diese Tendenz noch verstärkt. Doch für die Zukunft lassen Demo- chischen Stadtstaaten sind Kredite an Perso-
grafie und Geldpolitik in der mittleren bis langen Frist eine Umkehr der Zinsent- nen, Staaten und Handelsprojekte zu Zinssätzen
wicklung erwarten. zwischen 6 und 18 Prozent belegt. Die Griechen
kannten allerdings keine gesetzlichen Zinsober-
grenzen und keine persönliche Haftung. Anders

I  n den letzten Jahren hat sich in den entwickel-


ten Volkswirtschaften ein äusserst niedriges
nominales Zinsniveau mit Werten von nahe oder
in Rom: Das sogenannte Zwölftafelgesetz von
443 v. Chr. sah dort eine Zinsobergrenze von 8
1/3 Prozent vor, die später auf 12 Prozent erhöht
sogar leicht unter null beobachten lassen. Gab es wurde. Zudem galt die volle Haftung der Person.
in der Geschichte bereits vergleichbare Episoden, In dem Mass, wie sich das Römische Reich als
oder sind die heutigen Zinsverhältnisse einma- arbeitsteilige Geldwirtschaft entwickelte, san-
lig? Um diese Frage zu beantworten, soll zuerst ken tendenziell auch die Zinsen. Zur augustei-
die allgemeine Zinsentwicklung seit der Antike schen Zeit um das Jahr 0 erreichte das Zinsniveau
grob skizziert werden. In einem zweiten Teil sol- ein historisches Tief von 4 Prozent. Vereinzelt
len die Nominal- und die Realzinsentwicklung in sind auch Nullzinskredite des Staates in Aus-
der Schweiz seit 1900 analysiert werden. nahmesituationen belegt: So hat Kaiser Tiberius
in der Liquiditätskrise im Jahre 33 zinslose Kre-
Hohe Zinsen in der Antike dite im Umfang von rund 0,5 Prozent des Brut-
tosozialprodukts des Römischen Reichs an Ban-
Die Geschichte des Zinses reicht weit zurück. kiers gewährt. Die Staatsausgaben wurden durch
Bereits in der Gesetzessammlung des babyloni- Steuern und durch die Prägung von Münzen
schen Herrschers Hammurabi im 18. Jahrhundert finanziert. Staatliche Verschuldung existierte
­
vor Christus finden sich erste Belege für Kredit- damals noch nicht. Bei staatlicher Finanzknapp-
beziehungen und Zins: Demzufolge betrug die heit wie in der Reichskrise im 3. Jahrhundert hat
gesetzliche Zinsobergrenze für das Ausleihen man die Legierung der Münzen verschlechtert
von Getreide 33 1/3 Prozent und für Silber 20 Pro- und so zur Inflation beigetragen. Das Zinsniveau,
zent.1 Die Rückzahlung und der Zins waren in das schon damals ein guter Stabilitätsindikator
Form von Getreide oder Silber zu entrichten, da war, ist im Verlauf des 2. Jahrhunderts auf das ge-
noch kein Geld existierte. Aus heutiger Sicht er- setzliche Maximum von 12 Prozent angestiegen.
1 A
lle Angaben zu der
Höhe der Zinsen in den scheinen diese Zinssätze sehr hoch, wenn man Erst im 4. Jahrhundert hatte das Römische Reich
Abschnitten 1–4 stam- berücksichtigt, dass der Schuldner mit seinem wieder zu einer gewissen politischen und mone-
men aus Homer und
Sylla (2005). Vermögen und seiner Arbeitskraft haftete. tären Stabilität zurückgefunden, die im östlichen

6  Die Volkswirtschaft  5 / 2017
FOKUS

Wer sein Erspartes auf der Bank hat,


erhält heute kaum mehr Zinsen dafür.
KEYSTONE
ZINSEN

Reichsteil noch über einige Jahrhunderte andau- Bei der Beurteilung der Höhe des Zinsniveaus
erte. Im Westen brachen das Reich und seine sind zwei Aspekte interessant: Erstens waren
arbeitsteilige Geldwirtschaft im Sturm der Völ- die relativ hohen Zinssätze bis ins 20. Jahrhun-
kerwanderung im Jahr 476 zusammen. dert primär real- und nicht inflationsbedingt.
Die gelegentliche Entdeckung von Edelmetall-
Sinkende Zinsen im Mittelalter vorkommen und die Verschlechterungen der
Münzlegierung führten zu Anstiegen des Preis-
Trotz der Wiederbelebung des Handels und der niveaus, aber die durchschnittliche Inflationsra-
Münzreform von Karl dem Grossen um 800 sind te war gering. Zweitens galt seit dem Konzil von
bis ins 12. Jahrhundert kaum Belege für Kredite Nicäa 325 ein universelles Zinsverbot der katho-
und Zinsen vorhanden. Erst mit den Produktivi- lischen Kirche. Diese alttestamentarisch begrün-
tätsfortschritten in der Landwirtschaft, der Bele- dete Vorschrift wurde immer wieder klerikal be-
bung des Handels und der Urbanisierung in der kräftigt, etwa von Papst Leo dem Grossen und
Periode von 1160 bis 1330 belebte sich das Kredit- von Thomas von Aquin. Doch die Unterschei-
geschäft. dung von «usura» (Wucher) und «interesse» (Ent-
In der «Kommerziellen Revolution» in Ober- schädigung für den Verzicht und die Umtriebe
italien entstanden Banken, die Depositen in des Kreditors) schuf schon im Hochmittelalter
vollwertigen Münzen entgegennahmen und eine gewisse Grauzone. Die Reformatoren hiel-
verzinsten und Forderungen und Verbindlich- ten Zinssätze zwischen 5 und 8 Prozent für an-
keiten ihrer Kunden über Buchgeld verrechne- gemessen, aber der Vatikan überliess erst Anfang
ten. Ausserdem wurde der Wechsel geschaffen: des 19. Jahrhunderts die Regulierung der Zinssät-
Ein Kredit, der etwa zum Kauf von Waren in Ge- ze dem Staat.
nua aufgenommen wurde, wurde nach Waren-
verkauf – beispielsweise in Antwerpen – mit Zins Finanzinnovationen in Amsterdam
beglichen. Schliesslich gründeten die oberita-
lienischen Kaufleute in ganz Westeuropa Nieder- Mit der Entdeckung Amerikas hat sich der wirt-
lassungen, die den internationalen Handel sowie schaftliche Schwerpunkt Europas vom Mittel-
die Stadtstaaten und Fürstentümer finanzierten. meerraum auf den Atlantik verschoben. Im frü-
Niederländische und süddeutsche Handelshäu- hen 16. Jahrhundert wurde das heute belgische
ser übernahmen diese Praktiken, die sich so im Antwerpen zum führenden Handelsplatz. Doch
Spätmittelalter in ganz Westeuropa verbreiteten. diese Position ging im Verlauf des holländischen
Auf Bankdepositen wurden Zinsen von 4 bis Unabhängigkeitskriegs (1568–1648) verloren. Die
10 Prozent entrichtet; Handelskredite wiesen spanische Herrschaft in den südlichen Nieder-
meist eine höhere Verzinsung zwischen 5 und 15 landen führte zum Niedergang von Antwerpen.
Prozent auf. Die höchsten Sätze – zwischen 80 Seine Vorreiterrolle wurde vom nördlichen Teil
und 100 Prozent – hatten Fürsten für Kredite zu der Niederlande mit seinem Zentrum Amster-
entrichten, die nicht durch zukünftige Staatsein- dam übernommen.
nahmen, beispielsweise aus Bergwerken oder aus Mit Amsterdam sind auch die wichtigsten
Steuern, abgesichert waren. Diese Risikoprämien Finanzinnovationen des 17. Jahrhunderts ver-
waren durchaus berechtigt, da Fürsten ihre Kre- bunden. Erstens entstand aus der 1602 gegrün-
dite vielfach nicht bedienten. Die ab 1262 handel- deten ostindischen Kompanie die erste Pub-
baren Prestiti – die Staatsschulden der Republik likums-Aktiengesellschaft. Zweitens wurde
Venedig – erzielten im 14. und 15. Jahrhundert ef- aufgrund der vielen Bankzusammenbrüche in
fektive Renditen zwischen 5 und 20 Prozent und der Vergangenheit 1609 die Wechselbank mit
widerspiegeln so die politischen und wirtschaft- einer hundertprozentigen Deckung der Deposi-
lichen Erfolge und Misserfolge der Markusrepu- ten gegründet. Und drittens gelang es der Hol-
blik. Generell lässt sich aber für das  späte Mit- ländischen Republik, ihre Staatsschuld zu kon-
telalter zuerst in Oberitalien und später auch in solidieren und voll handelbar zu machen. Der
den Niederlanden ein sinkender Zinstrend fest- Zinssatz fiel  zwischen 1600 und 1640 von 10
stellen. auf 4 Prozent und später sogar unter 3 Prozent.

8  Die Volkswirtschaft  5 / 2017
FOKUS

Damit erreichte er ein Niveau, das im Vergleich Abb. 1: Nominale und reale Rendite von fünfjährigen Bundesanleihen
zur Vergangenheit einmalig war und auch in der der Schweiz (1900–2016)
Moderne selten unterschritten wurde. Ande-
8       In %
re Länder erreichten vor der Industrialisierung
im 19. Jahrhundert keine so niedrigen Zinssätze, 6
und selbst England war dies erst im 18. Jahrhun-

SNB HISTORISCHE ZEITREIHEN 4 UND SNB DATENPORTAL,


BERECHNUNGEN KUGLER / DIE VOLKSWIRTSCHAFT
dert vergönnt. 4

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Globale Finanzmärkte entstehen
Bis zur industriellen Revolution traten nur ein- 0

zelne Wachstumsschübe wie im Römischen


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Reich, in Norditalien und den Niederlanden auf
– ein stetiger Wachstumsprozess setzte erst da-

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nach ein: Das Einkommenswachstum und die   Nominalzins        Realzins mit erwarteter zukünftiger Inflationsrate
Ersparnisbildung in breiteren Schichten führ- Die Daten von 1900 bis 1937 entsprechen den Obligationen der SBB, da keine ande-
ten zu einem Wachstum der Bankeinlagen. Die ren Daten für langfristige Bundesanleihen verfügbar sind.
erhöhte Kapitalintensität verursachte in der
Produktion eine Verschiebung von der inter-
nen zur externen Finanzierung von Firmen Abb. 2: Inflationsrate der Konsumentenpreise in der Schweiz
(1900–2016)
durch Bankkredite, Obligationen und Aktien.
Neben den Staaten traten nun auch die Firmen 40       Veränderung gegenüber Vorjahr in %
als Schuldner an internationalen Obligationen-
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märkten auf.
In der Periode des internationalen Goldstan- 20

SNB DATENPORTAL / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


dards (ca. 1880–1914) sanken dank den Erfindun-
10
gen in der Telegrafie und im Transportwesen
(Dampfschifffahrt und Eisenbahn) die Trans- 0
aktionskosten und führten zu fixen Wechsel-
-10
kursen, internationaler Spezialisierung der Pro-
duktion und Integration der Finanzmärkte. Die -20
kurz- und langfristigen Zinssätze in den führen-
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den Volkswirtschaften in Westeuropa sanken 0


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in dieser Periode bei langfristig stabilem Preis-


niveau auf 2 bis 3,5 Prozent.
Diese Epoche ging mit dem Ausbruch des Ers- Abb. 3: Nominal- und Realzinssatz am Euro-Franken-Geldmarkt
ten Weltkriegs zu Ende, und die Versuche, den (1974–2016)
Goldstandard in der Zwischenkriegszeit wieder
SNB DATENPORTAL, BERECHNUNGEN KUGLER / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

15       In %

einzuführen, scheiterten  alle. Der Übergang zu


10
einem reinen Papiergeldsystem ohne metallische
Deckung führte im 20. Jahrhundert zu vielen
5
kleineren und grösseren Inflationsepisoden, die
die Nominalzinssätze in die Höhe trieben. 0
Nach dem Zweiten Weltkrieg begann im Rah-
men des Währungssystems von Bretton Woods -5
eine zaghafte Re-Globalisierung. Wegen starker
Beschränkungen für den internationalen Kapital- -10
1975 1980 1985 1990 1995 2000 2005 2010 2015
verkehr erreichte diese aber nie mehr das Niveau
vor 1914. Erst in den letzten rund 25 Jahren sind   Euro-Franken-Zinssatz (1 Monat, Libor ab 1989)     
mit der schrittweisen wirtschaftlichen Öffnung   Realzinssatz mit erwarteter zukünftiger Inflationsrate, AR (12) mit Strukturbruch Mai 1993

Die Volkswirtschaft  5 / 2017  9
ZINSEN

KEYSTONE
Finanzinnovationen,
wie die Entstehung
von China und anderen P ­ lanwirtschaften wieder von Banken und te der Neunzigerjahre setzte ein kontinuierliches
wirklich globale F­ inanzmärkte entstanden. handelbaren Staats- Abfallen der Nominal- und Realzinsen ein, wie
schulden, haben im er historisch einzigartig ist. Generell folgte die
spätmittelalterlichen
Rückgang der Zinsen in der Schweiz schweizerische Zinsentwicklung über den gan-
Venedig die Zinsen
zen Zeitraum dem internationalen Trend. Doch
seit 1990 gesenkt.
aufgrund des Zinsbonus seit dem Ersten Welt-
In der Schweiz schwankte die Nominalrendite krieg, wegen der Eigenschaft des Frankens als
von langfristigen Bundesanleihen bis Mitte der sogenannter Safe Haven, lag das schweizerische
Neunzigerjahre zwischen 3 und 7 Prozent (sie- Zinsniveau nominal sowie real und wechselkurs-
he Abbildung 1). Dabei muss wegen gelegentli- 2 E s wurde ein AR(1)-Mo-
korrigiert meistens unter demjenigen im Aus-
cher Inflationsepisoden (siehe Abbildung 2) zwi- dell mit empirisch er- land.3
mittelten Strukturbrü-
schen Nominal- und Realrendite unterschieden chen 1949 und 1993 Wie in anderen Ländern fällt der reale Geld-
geschätzt, wobei die
werden. Die reale Rendite wurde durch Abzug Periode der beiden
marktsatz auch in der Schweiz weniger deut-
des Mittels der für die Laufzeit prognostizier- Weltkriege mit hoher lich als die realen Renditen von langfristigen
und volatiler Inflation
ten Inflationsrate2 berechnet. Die Realzinssätze nicht einbezogen wur- ­Staatsanleihen (siehe Abbildung 3).4 Der Real-
(mit prognostizierter Inflationsrate) lagen in der de. zinssatz für Frankendepositen am Eurowäh-
3 Vgl. hierzu Baltensper-
gleichen Zeit zwischen –1 und 6 Prozent. Ab Mit- ger und Kugler (2016). rungsmarkt (Euro-Franken-Geldmarkt) in Lon-

10  Die Volkswirtschaft  5 / 2017


FOKUS

don, der wieder aufgrund der Inflationsprognose hen der führenden westlichen Industrieländer
aus einem Zeitreihenmodell5 berechnet wurde, ­generierte.
schwankt seit 1974 zwischen –4 und 4 Prozent. Diese Einschätzung impliziert, dass die heuti-
Damit widerspiegelt er bis 2002 die Gangart der ge Zinssituation langfristig nicht bestehen bleibt.
Geldpolitik. Seit 2002 ist der Realzins am Geld- Die demografischen Faktoren führen zukünftig
markt mit wenigen Ausnahmen nahe bei null mit der nun auch in China einsetzenden Über-
und in der jüngsten Finanzkrise deutlich negativ. alterung zu tendenziell steigenden realen Rendi-
Der Nominalzins am Euro-Franken-Geldmarkt ten. Zudem ist anzunehmen, dass sich die Geld- 4 S iehe Bean et al. (2015).
5 Es wurde ein AR(12)-
ist sehr volatil und bewegt sich zwischen –0,75 politik normalisieren wird und der Krisenmodus Modell mit empirisch
ermitteltem Struktur-
und 12 Prozent. im Anleger- und Investitionsverhalten über- bruch Mai 1993 ge-
wunden wird. Allerdings ist das diesbezügliche schätzt.
6 Vgl. hierzu auch Bean et
Steigende Zinsen in Aussicht ­Timing noch sehr ungewiss. al. (2015).

Das aktuell niedrige nominale und reale Zins-


niveau ist historisch einzigartig. Neben der ex-
trem expansiven Geldpolitik der letzten Jah-
re gibt es weitere gewichtige reale Erklärungen
für dieses Phänomen.6 Ein Grund war, dass in
den letzten 20 Jahren der Anteil der Bevölke-
rung im sparintensiven Alter zwischen 40 und
60 Jahren hoch und die Investitionsneigung seit
der jüngsten Finanzkrise reduziert war. Dieses Peter Kugler
Überangebot an Ersparnissen hat den Realzins Professor emeritus für Volkswirtschaftslehre,
Universität Basel
stark gesenkt. Diese Tendenz wurde dadurch
verstärkt, dass China mit besonders hohen
Literatur
Sparüberschüssen schrittweise in die Weltwirt- Baltensperger, E. und Kugler, P. (2016). The Historical Origin of the Safe
schaft integriert wurde. Hinzu kommt, dass in Haven Status of the Swiss Franc, in: Aussenwirtschaft, 2016II.
Bean, C., Broda, C., Ito, T. and Kroszner, R. (2015). Low for Long? Cau-
den letzten Jahren die zunehmende Nachfra- ses and Consequences of Presently Low Interest rates, Geneva Re-
ge nach «risikolosen» Anlagen zusätzlichen ports on the World Economy 17, 2015.
Homer, S. und R. Sylla (2005). History of Interest Rates, 4th Edition,
Druck auf die realen Renditen von Staatsanlei- John Wiley.

Die Volkswirtschaft  5 / 2017  11
ZINSEN

Sind Tiefzinsen die neue Normalität?


Die tiefen Zinsen sind nicht nur Ausdruck der schwachen globalen Wachstumsdynamik.
Sie widerspiegeln auch strukturelle Phänomene. Mit einer Rückkehr zu hohen Zinsen ist in
naher Zukunft nicht zu rechnen.  Stefan Leist, Vincent Pochon

Abstract  Während negative Zinsen lange unmöglich schienen, leben wir nun schon Öffentlichkeit steht häufig der Nominalzins im Fo-
seit einiger Zeit damit. Einerseits ermöglichen die tiefen Zinsen eine günstige Kapi- kus, weil dieser bei Anlagen und Krediten jeweils
talbeschaffung, andererseits leidet die Finanzbranche unter dem tiefen Zinsniveau.
genannt wird. Doch für Ökonomen steht meist der
In diesem Zusammenhang ist die Unterscheidung zwischen Real- und Nominal-
zinsen von zentraler Bedeutung. Die weltweit tiefen Realzinsen hängen mit real- inflationsbereinigte, reale Zinssatz im Fokus. Es
wirtschaftlichen Faktoren zusammen wie der global starken Spartätigkeit und der ist denn auch dieser Realzins, der den Grossteil
schwächeren Wachstumsdynamik. Der Nominalzins ist ausserdem aufgrund der der wirtschaftlichen Aktivität beeinflusst. Laut
abnehmenden Inflationsraten rückläufig. Die tiefen Zinsen bergen auch Risiken: makroökonomischer Theorie wird der Realzins
etwa in Bezug auf Spekulationsblasen an den Finanz- und Immobilienmärkten oder
bezüglich der Unterdeckung von Pensionskassen. Obwohl mittlerweile zumindest
aus dem Gleichgewicht von Angebot und Nach-
in den USA eine sanfte Zinswende eingesetzt hat, sprechen die realwirtschaftlichen frage nach Kapital bestimmt (siehe Kasten).
Einflussfaktoren gegen eine rasche Rückkehr zu historischen Zinsniveaus.

Der reale Zinssatz als Gleichgewichtspreis

I  n den ökonomischen Lehrbüchern wird der


Zins typischerweise als eine Entschädigung
definiert, welche vom Schuldner zum Gläubiger
Global gesehen besteht in der langen Frist ein Gleichgewicht
zwischen Kapitalangebot und -nachfrage, d. h., die Ersparnis-
se S entsprechen den Investitionen I (siehe Abbildung). Dabei
stellt der reale Zinssatz r* den einzigen Preis dar, der im Aus-
fliesst. Letzterer soll für den vorübergehenden gangspunkt (I*= S*) mit dem Gleichgewicht von Angebot und
Verzicht auf Liquidität entschädigt werden. Denn Nachfrage vereinbar ist. Doch angebots- und nachfrageseitige
das ausgeliehene Geld hätte stattdessen für Kon- Entwicklungen können zu einer Abweichung von diesem Gleich-
gewicht und somit zu einer Anpassung der Zinsen führen.
sumzwecke verwendet oder in ein anderes ren- In der Tat wirken seit dem Anfang der Neunzigerjahre ver-
tables Projekt investiert werden können. Ausser- schiedene solcher Einflussfaktoren, die zu einem tendenziell
dem besteht für den Gläubiger ein Ausfallrisiko, sinkenden Zinsniveau geführt haben: Auf der Angebotsseite
für welches er angemessen entschädigt werden haben insbesondere die demografische Entwicklung, die globa-
le Sparschwemme und die expansive Geldpolitik zu einer Ver-
soll. Das sind einige der Faktoren, die den Real- schiebung der Angebotskurve von S nach S’ geführt. Gleich-
zins beeinflussen. Darüber hinaus beinhaltet der zeitig hat die seit einigen Jahren andauernde Investitions- und
Nominalzins auch einen Zuschlag für den Wert- Wachstumsschwäche zu einer Linksverschiebung der Nachfra-
gekurve von I nach I’ geführt und somit den Gleichgewichtszins
verlust des Geldes (Inflation). von r* nach r*’ gedrückt.
In jüngster Vergangenheit scheint diese öko-
nomische Normalität jedoch auf den Kopf ge- r

stellt zu sein. Neuerdings sind beispielsweise die


l S
Anleger auf den Kapitalmärkten bereit, auf jegli- S’
l’
chen Zins zu verzichten oder sogar mehr zu be-
zahlen, als sie am Ende der Laufzeit zurückerhal-
ten werden.
r*

Tiefzinsen sind keine r*’


schweizerische Besonderheit
Um das Phänomen der Negativzinsen richtig zu
verstehen, ist es wesentlich, zwischen dem No- Kapital
minal- und dem Realzins zu unterscheiden. In der l*’/S*’l*/S*

12  Die Volkswirtschaft  5 / 2017


FOKUS

KEYSTONE
Mit dem Eintritt in
die Weltwirtschaft
Die Realzinsen folgen schon seit den Neunzi- hat China grosse wie auch konjunktureller (kurz- bis mittelfristi-
gerjahren einem klar negativen Trend (siehe Ab- Währungsreserven ger) Natur. Das Aussergewöhnliche der letzten
bildung). Ausserdem haben die Zentralbanken angehäuft und so zur zwei Jahrzehnte ist, dass vor allem Einflussfakto-
Sparschwemme
in den letzten 20 Jahren die Inflationsraten auf ren, welche sich negativ auf das Niveau der Nomi-
beigetragen.
relativ tiefem Niveau stabilisieren können, was nal- und Realzinsen auswirken, aufgetreten sind.
die Inflationserwartungen und somit die in den Strukturell besteht angebotsseitig bereits seit
Nominalzinssätzen enthaltene Inflationsprämie den Neunzigerjahren eine globale «Sparschwem-
stark reduziert hat. Gemessen an den nominalen me».1 Die Fülle an Sparkapital wurde grössten-
wie auch den realen Renditen der zehnjährigen teils durch die angehäuften Währungsreserven
Staatsanleihen sind die Tiefzinsen keine schwei- von exportorientierten asiatischen Schwellen-
zerische Besonderheit, sondern widerspiegeln ländern und Öl produzierenden Golfstaaten ge-
ein internationales Phänomen. trieben. Die Sparschwemme wird ausserdem von
der anhaltenden demografischen Alterung so-
Global wirkende Kräfte wohl in den Industrieländern wie auch in wich-
tigen Schwellenländern (insbesondere in China)
Der Rückgang des Realzinses seit den Neunziger- 1 B
ernanke, B. (2005) The
getrieben.
jahren lässt sich auf eine gleichzeitige Expansion Global Saving Glut and Konjunkturelle Einflüsse wirkten im An-
the U.S. Current Ac-
des Kapitalangebots und eine Abnahme der Kapi- count Deficit, Speech schluss an die Finanzkrise. Viele Zentralbanken
talnachfrage zurückführen. Die Gründe für diese 77, Board of Governors senkten zur Unterstützung der Konjunktur ihre
of the Federal Reserve
Verschiebungen sind struktureller (langfristiger) System (U.S.). Leitzinsen und tätigten mit dem sogenannten

Die Volkswirtschaft  5 / 2017  13
ZINSEN

Nominale und reale Rendite zehnjähriger Schweizer Staatsanleihen aus. Die Wirksamkeit solcher Massnahmen auf
(1991–2016) die reale Wirtschaft bleibt jedoch umstritten.
Es besteht insbesondere das Risiko, dass Liqui-
8       In % ditätsschwemmen vor allem das Auftreten von
Blasen auf den Finanz- wie Immobilienmärkten
6
begünstigen. Wenn im Falle einer Rezession nur
noch bedingt auf die Geldpolitik zurückgegrif-
fen werden kann, folgt zudem oft der Ruf nach
4
einer aktiven Fiskalpolitik. Eine solche kann

THOMSON REUTERS, SECO / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


aber nicht nur die Staatsfinanzen dauerhaft
2 belasten, auch wann und wie sich diese Politik
auswirkt, ist schwierig zu kontrollieren.
Die Tief- und Negativzinsen stellen nicht nur
0
eine Herausforderung für die Notenbanken dar,
sondern bergen auch Risiken für einzelne Wirt-
-2 schaftssektoren. Die Zinsmargen der Geschäfts-
1992 1994 1996 1998 2000 2002 2004 2006 2008 2010 2012 2014 2016 banken werden kleiner, weil diese die Zinssen-
  Nominalzins        Geschätzter Realzins         Inflationsprämie
kung teilweise nicht auf ihre Kunden abwälzen
können. Falls der Zins auf Privatkonten einen
Monatsdaten bis Dezember 2016. Der Realzins wurde als nominale Rendite minus gewissen Wert unterschreitet, kann es für die
geschätzte Trendkomponente der Teuerung berechnet: Die (ex-ante) Realzinsen Sparer vorteilhaft sein, ihre Konten zu schlies-
ergeben sich aus der erweiterten Fisher-Gleichung (r= i−∏e): Der Realzins, r, entspricht
dem Nominalzins, i, minus der erwarteten Inflation, ∏e. Als Approximation für die
sen und ihr Vermögen als Bargeld zu horten.
erwartete Inflation wird die Trendkomponente des Landesindex der Konsumenten­ Die tiefen Zinsen erschweren zudem das
preise verwendet, welche mithilfe des Hodrick-Prescott-Filters berechnet wird. Umfeld für Versicherungen und Pensionskas-
sen, welche teilweise ein fixes nominales Ren-
diteziel erreichen müssen. Beispielsweise be-
Quantitative Easing massive Anleihekäufe. Letz- stehen in der Schweiz bei der obligatorischen
teres führte zu einer Ausdehnung des Kapitalan- beruflichen Vorsorge sowohl ein vorgegebener
gebots, was den Zinssatz weiter drückte. Mindestzinssatz auf das Vorsorgeguthaben als
Auf der Nachfrageseite wird als Einflussfak- auch ein Mindestumwandlungssatz für Renten.3
tor häufig das Phänomen der säkularen Stag- Klaffen die Renditevorschriften und die ökono-
nation genannt.2 Dieser Begriff bezeichnet eine mischen Realitäten über eine längere Zeit ausei-
lange Phase schwachen Wirtschaftswachstums, nander, besteht die Gefahr einer Unterdeckung
tiefer Zinsen und niedriger Inflation. Gründe bei den Vorsorgewerken. Die benötigten Rendi-
dafür liegen unter anderem im schwachen Be- ten können teilweise noch mit Anlagen in Aktien,
völkerungswachstum und dem geringen Kapi- Unternehmensobligationen und Immobilien er-
2 S ummers, L. (2014). U.S.
talbedarf von Technologiefirmen der «neuen» Economic Prospects: reicht werden. Diese sind jedoch riskanter.
Industrie. Die damit einhergehende globale In- Secular Stagnation, Aufgrund der tiefen Zinsen investieren in
Hysteresis, and the
vestitionsschwäche wurde seit der grossen Re- Zero Lower Bound, in: der Schweiz zudem nicht nur Pensionskassen in
Business Economics,
zession durch die schwache Weltkonjunktur, die Vol. 49, No. 2. Immobilien – auch Private erwerben vermehrt
gestiegene Unsicherheit, die gesunkenen öffent- 3 Der Mindestzinssatz Wohneigentum, was die Gefahr einer Immobi-
auf Vorsorgegutha-
lichen Investitionen und den schwachen Welt- ben beträgt seit dem lienblase erhöht. Generell kann es zu Fehlallo-
1.1.2017 1 Prozent. Der
handel zusätzlich verschärft. Mindestumwandlungs-
kationen kommen, wenn die Zinsen kein zuver-
satz für Renten beträgt lässiges Preissignal für die Rentabilität und das
aktuell 6,8 Prozent.
Ein grosses volkswirtschaftliches 4 Eine ausführliche Dis- Risiko einer Investition in Finanz- oder Sachka-
kussion verschiedener
pital darstellen.4
Risiko volkswirtschaftlicher
Effekte beinhaltet der Gesamtwirtschaftlich problematisch wird es,
«Bericht zur Geldpoli-
Wenn die Zinsen sehr nahe bei null liegen, weicht tik» des Bundesrates falls bei einer Zinssenkung die Sparer aufgrund
die Notenbank unter Umständen auf unkonven- vom 21. Dezember 2016. eines unsicheren Wirtschaftsumfelds und tie-
Dieser ist auf Admin.ch
tionelle Massnahmen wie etwa Anleihekäufe verfügbar. fer Zinsen ihre Spartätigkeit steigern, um das

14  Die Volkswirtschaft  5 / 2017


FOKUS

KEYSTONE
Die Babyboomer ha-
ben für ihre Pension
gleiche Vermögen zu erreichen, welches sie bei grosse Ersparnisse Bestimmungsfaktoren: Strukturelle und glo-
einem höheren Zinssatz mit geringeren Erspar- angelegt. Das lässt bale Phänomene wie die durch die demografi-
nissen erreicht hätten.5 Damit könnte die Wirt- die Zinsen sinken. sche Entwicklung induzierte Sparschwemme
schaft in eine Tiefzinsfalle geraten, weil immer oder die durch den technologischen Wandel
mehr Ersparnisse beschränkten Investitions- verstärkte Investitionsschwäche könnten die
möglichkeiten gegenüberstehen, was die Zinsen Realzinsen in den kommenden Jahren weiterhin
noch weiter drückt. drücken.

Keine sofortige Zinsnormalisierung


absehbar
Im Zuge der eingeschlagenen sanften Zinswen-
de der amerikanischen Zentralbank Ende 2015
sind die Renditen auf den zehnjährigen Staats-
anleihen international zwar wieder leicht ange-
stiegen. Dennoch scheint es noch sehr verwe- 5 A
izenman, J. et al.
Stefan Leist Vincent Pochon
Dr. rer. oec., stv. Ressort- Dr. rer. pol., wissenschaft-
gen, von einer Zinsnormalisierung zu sprechen. (2016). The Interest
Rate Effect on Private leiter Konjunktur, licher Mitarbeiter,
Zentralbanken können die Realzinsen zudem Saving: Alternative Per- Staatssekretariat für Ressort Konjunktur,
lediglich in der kurzen Frist direkt beeinflussen. spectives, No. w22872, Wirtschaft (Seco), Bern Staatssekretariat für
National Bureau of Eco- Wirtschaft (Seco), Bern
Langfristig überwiegen andere ö ­konomische nomic Research.

Die Volkswirtschaft  5 / 2017  15
ZINSEN

Banking unter null


Die negativen Zinsen stellen das traditionelle Kreditgeschäft der Banken infrage. Hinzu
kommen Regulierungen und Strukturwandel. Um in diesem Umfeld bestehen zu können,
müssen die Banken neue, innovative Geschäftsmodelle entwickeln.  Yvan Lengwiler

Drittens ist die Geldpolitik heute vollkom-


Abstract  Das traditionelle Geschäftsmodell der Banken wird durch das negative
Zinsumfeld zunehmend schwieriger. Während sich die Gesamtwirtschaft nach der men anders als noch vor zehn Jahren. Bedeuten-
grossen Finanzkrise wieder erholt hat, bleiben die Bankaktien weiterhin auf tie- de Notenbanken haben mit unkonventionellen
fem Niveau. Neue Geschäftsfelder werden deshalb umso wichtiger. Nur die inno- Massnahmen in ungewohntem Ausmass Ein-
vativsten Banken gehen aus dieser Transformation der Branche gestärkt hervor. fluss auf den Kapitalmarkt genommen. Traditio-
Neue Technologien stellen hier einen möglichen Weg dar, um volkswirtschaftlich
nützliche Bankdienstleistungen in einer Form zu erbringen, die weit weniger Kapi-
nellerweise beeinflussen Notenbanken nur den
tal in den Bilanzen der Banken bindet. Geldmarkt (d. h. die kurzen Laufzeiten) direkt.
Aber die Geldpolitik in den USA, in Grossbritan-
nien und in der Eurozone hat gezielt auch die
langfristigen Zinssätze und die Risikoprämien

B  anken, Versicherungen, Anlagefonds und


­Investoren bewegen sich heute in einem Um-
feld, das sich in den letzten zehn Jahren massiv
deutlich reduziert. Das Ziel war, die gesamt-
wirtschaftliche Nachfrage zu stimulieren, um
eine drohende Depression zu verhindern. Diese
verändert hat. geldpolitischen Instrumente haben die traditio-
Erstens schätzen die Marktteilnehmer die nelle Grenze zwischen Geld- und Fiskalpolitik
Bedeutung von Gegenparteirisiken heute an- verwischt. In der Schweiz sind die Zinssätze für
ders ein. Das zeigt sich deutlich am Interban- risikolose Anlagen sogar unter null gefallen –
kenmarkt. Auf diesem Markt leihen sich Banken und zwar nicht nur im Geldmarkt, sondern auch
gegenseitig kurzfristig Geld aus. Vor der Finanz- für langfristige Staatsanleihen. Das ist histo-
krise erfolgten die meisten dieser Ausleihungen risch einmalig.
«blanko», also ungedeckt. Heute sind fast alle
dieser Interbanktransaktionen durch verpfän- Das traditionelle Bankgeschäft
dete Wertschriften gesichert.
Zweitens wurde die Regulierung der Finanz- Traditionellerweise sammelt eine Bank Geld von
marktteilnehmer – vor allem der Banken – deut- Einlegern ein und finanziert damit Kredite. Die
lich verschärft. Diese Entwicklung ist auf die Bank betreibt, was man eine sogenannte Los-
G-20 und das Financial Stability Board zurück- grössentransformation nennt: Aus vielen klei-
zuführen, welche als Reaktion auf die grosse Kri- nen Einlagen werden wenige grössere Kredite ge-
se versucht haben, das Finanzsystem durch neue formt. Die Bank geht in diesem Geschäft Risiken
und stärkere Regeln sicherer zu machen. Dieser an verschiedenen Fronten ein.
sogenannte Basler Prozess dient dazu, den mini- Erstens ist es möglich, dass der Kreditnehmer
malen Regulierungsrahmen international fest- seine Schulden nicht wird begleichen können.
zulegen, um ein Rennen in Richtung kompetiti- Die Bank muss dann den Schaden tragen. Um
ver Deregulierung zu vermeiden. Im Verlauf der dieses Ausfallrisiko im Griff zu behalten, betrei-
letzten Jahre wurden unter anderem die Anfor- ben Banken eine Kreditabteilung, welche die Kre-
derungen an das minimale Eigenkapital erhöht, ditwürdigkeit der Schuldner prüft und laufend
die Vorschriften über die minimale Liquidität überwacht. Zudem werden normale Kredite nur
der Bankbilanzen eingeführt, die Transparenz gegen Verpfändung von Sicherheiten gewährt.
der Berichterstattung verbessert und der Begriff Zweitens sind die Einlagen eigentlich «auf
der Geldwäscherei ausgedehnt. Sicht» (d. h. ohne Termin) kündbar. Die Konto-

16  Die Volkswirtschaft  5 / 2017


FOKUS

inhaber können also jederzeit über ihr Gutha- dienstleistung aufbringen muss), sind kleiner als
ben verfügen. Aber die Bank hat das Geld nicht, der Zins, den sie auf der Kreditseite von ihren
sondern sie hat den grössten Teil davon den Kre- Schuldnern verdienen kann.
ditnehmern weitergegeben. Faktisch wandelt die
Bank kurzfristige, liquide Anlagen in längerfris- Geschäft mit Depositen wird
tige, illiquide Kredite um. Die Bank betreibt da-
zunehmend schwieriger
mit eine Liquiditäts- oder Fristentransformation.
Das funktioniert nur, weil die vielen Kontoinha- Dieses Geschäftsmodell ist mit der unkonventio-
ber ihr Geld nicht gleichzeitig von der Bank be- nellen Geldpolitik und den negativen Zinssätzen
ziehen wollen. Aus diesem Grund verbleibt stets arg in Schieflage geraten. Einerseits sind die Ri-
ein grosser Bodensatz an Einlagen in der Bank, sikoprämien zumindest zwischenzeitlich durch
der für die Kreditfinanzierung genutzt werden die unkonventionelle Geldpolitik deutlich ge-
kann. schrumpft. Andererseits haben Banken Schwie-
Für die Bank ist dieses traditionelle Ge- rigkeiten, die negativen Zinssätze ihren Einlegern
schäftsmodell normalerweise gewinnträchtig. weiterzugeben. Es würde bedeuten, dass einfache Ihr Fachwissen ist
Denn die Zinsen, die sie den Kontoinhabern für Bankkunden, die ein Konto bei einer Bank unter- auch in Zukunft das
wertvollste Kapital
ihre Einlage bezahlen muss (und die Kosten, die halten, einen Zins bezahlen müssen, um Geld auf der Banken: Analysten
sie für die damit verbundene Zahlungsverkehrs- dem Konto zu halten. Banken verlangen heute von im Handelsraum der
UBS in Opfikon ZH.

KEYSTONE

Die Volkswirtschaft  5 / 2017  17
ZINSEN

Kursverlauf von Aktien und Bankaktien (2006–2017)


200       Total Return Index

150

100

SIX SWISS EXCHANGE / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


50

0
2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017

  Swiss Performance Index (SPI TR)        Bankindex der Schweizer Börse (SWX SP BANKS TR)
Der Index ist per 1. Januar 2006 auf den Wert 100 normiert.

institutionellen Investoren oder von sehr reichen marktes von grosser Bedeutung ist. Dabei stellt
Privatkunden tatsächlich einen negativen Zins, die Bank für die verschiedenen Aktien, Obliga-
aber die breite Bevölkerung wird heute (noch?) tionen und sonstigen Finanzinstrumente, die
nicht mit negativen Zinsen belastet. Allerdings an der Börse gehandelt werden, sowohl Kauf-
haben viele Banken, als Alternative zu negativen als auch Verkaufsangebote. Diese Tätigkeit er-
Zinsen, die Gebühren deutlich erhöht. möglicht es Investoren, schnell ihren Handels-
Dies bedeutet, dass die Depositen — traditio- bedarf umzusetzen. Die Bank macht damit einen
nellerweise eine der stabilsten und günstigsten Gewinn, weil sie eine Marge zwischen Kauf- und
Finanzquellen für das Bankgeschäft — tatsäch- Verkaufspreisen — den Bid-Ask-Spread — stellt.
lich relativ teuer geworden sind. Die Marge der Market-Making ermöglicht den reibungslosen
Banken ist in diesem traditionellen Bankgeschäft und schnellen Handel von Wertschriften. Für
sehr tief oder sogar negativ. die Bank ist es allerdings mit Risiken verbunden,
Diese Entwicklung hat sich negativ auf die weil sie stets einen gewissen Lagerbestand an
Profitabilität der Banken ausgewirkt. Während Wertschriften halten muss, für die sie den Markt
sich die Gesamtwirtschaft seit der grossen Fi- bewirtschaftet.
nanzkrise wieder erholt hat, sind die Bankaktien Die verschärften Vorschriften machen das
auch nach der Krise auf tiefem Niveau verharrt Market-Making für die Banken heute teurer und
(siehe Abbildung). schwieriger. Darunter leiden die Liquidität des
Marktes und die Konsistenz der Preisfindung.
Andere Geschäftsfelder Dies zeigt sich beispielsweise an der gedeckten
Zinsparität. Diese theoretische Beziehung zwi-
gewinnen an Gewicht
schen dem Zinsniveau und dem Wechselkurs
Da das traditionelle Retailgeschäft an Profitabi- zweier Länder hat bis zur Finanzkrise sehr gut
lität verliert, werden andere Geschäftsfelder in- funktioniert. Seither funktioniert sie bei Weitem
1 Sushko V., C. Borio, teressanter. Viele Banken sind beispielsweise im nicht mehr so einwandfrei.1 Weshalb das so ist, ist
R. McCauley und P.
McGuire (2016). The
Private Banking, im Asset-Management und im nicht ganz klar. Ein wahrscheinlicher Grund ist,
Failure of Covered Inte- Investment-Banking tätig. Zu Letzterem gehört dass die Arbitrage, welche die gedeckte Zinspari-
rest Parity: FX Hedging
Demand and Costly Ba- auch das sogenannte Market-Making. tät sicherstellt, mit einem gewissen Gegenpartei-
lance Sheets BIS Wor-
king Papers No 590,
Market-Making ist eine Dienstleistung, die risiko verbunden ist (und dieses Risiko wird seit
Oktober 2016. für das reibungslose Funktionieren des Finanz- der Finanzkrise viel ernster g­enommen). Zum

18  Die Volkswirtschaft  5 / 2017


FOKUS

anderen ist es denkbar, dass der Devisenmarkt a­ uftaucht. Ein solches System ist beispielsweise
aufgrund mangelhafter Liquidität grosse Trans- Crowdfunding. Der Nachteil dieses Systems ist
aktionen nur langsam und nur mit erheblichen allerdings, dass es auf der Bereitschaft der Spa-
Bid-Ask-Spreads verarbeiten kann. rer basiert, einem Projekt Geld zu geben, von dem
sie wenig wissen und wo sie kaum Kontrolle da-
Banking ohne Kapital? rüber ausüben können, dass das Geld nicht ver-
untreut wird. Genau diese Kontrolle ist die Stär-
Banken stehen, genau wie die Börse, im Zent- ke der Banken.
rum der Verteilung von erspartem Kapital auf Eine mögliche Entwicklung des traditionel-
die verschiedenen Investitionsprojekte. Gros- len Geschäftsmodells könnte also hier liegen:
se Banken, die ungenügend kapitalisiert sind, Die Bank prüft die Kreditwürdigkeit verschie-
stellen ein grosses Risiko für die gesamte Volks- dener Projekte, fasst vielleicht mehrere Projekte
wirtschaft dar. Die Finanzkrise hat Folgendes zu einem Portfolio von Projekten zusammen und
deutlich gezeigt: Die Regierungen lassen nicht bietet den Sparern Anteile davon zum Erwerb
zu, dass systemrelevante Banken untergehen, an. Im Gegenzug erhält die Bank für ihre Dienst-
weil dies zum Schaden der gesamten Volkswirt- leistung eine Gebühr, ähnlich wie ein Auktions-
schaft wäre. Aus diesem Grund werden sie heu- haus eine Gebühr vom Verkäufer und vom Käu-
te stärker beaufsichtigt und in ihrem Geschäfts- fer erhebt. Das Kapital selber fliesst aber direkt
verhalten mehr eingeschränkt. Doch dies hat vom Investor zum Projekt und landet nicht in der
zur Folge, dass die Profitabilität der Banken ­Bilanz der Bank.
heute von zwei Seiten bedroht ist: einerseits, Der Vorteil dieses Systems ist, dass ein Kon-
in einem etwas geringeren Umfang, durch die kurs der Bank nicht mit dem Verlust von Einlagen
verstärkte Regulierung, andererseits vor allem verbunden ist. Denn die Einlagen sind nicht mehr
durch das geldpolitische Umfeld. Sowohl für in der Bilanz der Bank. Die Bank funktioniert in
die Volkswirtschaft als auch für die Banken sel- diesem Geschäftsmodell wie eine Partnerver-
ber ist es deshalb wichtig, eine Geschäftsform mittlung oder ein Netzwerk wie Facebook, indem
zu finden, die die positiven Funktionen dieser die Bank die Informationen der Netzwerkmit-
wichtigen Branche ermöglicht und gleichzeitig glieder verifiziert. Ausserdem betreibt die Bank
ihre Verletzlichkeit mindert. in diesem Modell keine Fristentransformation
Banking ist eigentlich eine Form der Part- und erwirtschaftet ihren Ertrag unabhängig vom
nervermittlung. Investoren werden mit Perso- Zinsniveau. Stattdessen verdient sie einen Anteil
nen zusammengebracht, die Kapital benötigen. auf den Transaktionen, die sie vermittelt.
Für grössere Firmen geschieht diese Vermittlung Eine Transformation der Branche, in der Ban-
auf dem relativ anonymen Finanzmarkt mithil- ken nicht mehr riesige Bilanzen führen, dafür
fe von Market-Makern. Für kleinere Firmen ist aber grosse Netzwerke von Personen bedienen,
der Transparenzaufwand, der mit einem solchen ist ein möglicher Weg in die Zukunft.
Börsengang verbunden ist, jedoch nicht tragbar.
Diese Firmen sind auf Banken angewiesen, die
ihre Kreditwürdigkeit prüfen und gegebenenfalls
für sie das Kapital beschaffen.
Interessanterweise ermöglichen es techno-
logische Innovationen zunehmend, Sparer und
Kapitalsuchende losgelöst von der Verfügung
über Kapital zu vermitteln. Das Kapital könn-
te also auch direkt vom Sparer zum Kreditneh- Yvan Lengwiler
Professor für Volkswirtschaft, Universität Basel
mer gehen, ohne dass es in der Bilanz einer Bank

Die Volkswirtschaft  5 / 2017  19
ZINSEN

Wirken die Negativzinsen?


Zur Belebung der Wirtschaft sind Zinssenkungen – auch im Negativbereich – ein wirk-
sames Instrument. Ihre Nebenwirkungen werden oft übertrieben, aber sie sind auch mit
­Risiken verbunden. Die Geldpolitik ist nicht die einzige Option, um die Wirtschaft anzu-
kurbeln.  Jennifer Blanke, Signe Krogstrup

Abstract  Negativzinsen sind umstritten. Für Kritik sorgen Zweifel an ihrer Wirk-


hen. Denn bei tiefen Zinsen stellen die Banken
samkeit und Bedenken über schädliche Nebenwirkungen. Doch solche Vorbehalte mehr Geld bereit, der Konsum der Haushalte
sind häufig übertrieben und beruhen auf falschen Annahmen. Denn Negativzin- steigt, und die Unternehmen investieren mehr.
sen haben sich als erfolgreiches geldpolitisches Instrument erwiesen und zeigen Doch nicht alle glauben an diese Wirkungs-
weitgehend dieselbe Wirkung wie Zinssenkungen im positiven Bereich in norma-
kette. Die Gegner wenden ein, dass solche An-
len Zeiten. Dass die Negativzinsen noch zu keinem Aufschwung geführt haben,
ist vor allem darauf zurückzuführen, dass die aktuellen Zinssenkungen im his- reize zum Geldausgeben in Ländern mit altern-
torischen Vergleich nur sehr bescheiden waren. Hinzu kommt, dass im Zuge der der Bevölkerung ins Leere laufen. Im Gegenteil:
Zinssenkungen unter null die realen Zinsen nur ungenügend sanken. Negativzin- Bei Negativzinsen drohe sogar die Gefahr, dass
sen sind Neuland und bergen darum Gefahren und Risiken. Die Zentralbanken sind Sparer und Pensionierte ihre Ausgaben kürzten,
sich dessen bewusst und beobachten die Entwicklungen ständig.
weil sie entweder feste Sparziele hätten oder
von den Zinserträgen ihres Kapitals lebten.
Allerdings gibt es keine Beweise dafür, dass

B  is vor wenigen Jahren existierten nominel-


le Negativzinsen höchstens in der Theo-
rie. Eine praktische Umsetzung hielten viele für
Sparer generell anders auf Zinssenkungen re-
agieren, wenn diese im Minusbereich liegen.
Und selbst wenn dies zutreffen würde, ändert
undenkbar.1 Doch in den letzten Jahren haben 1 Die Meinungen in die- es nichts daran, dass in einer Wirtschaft jedem
sem Artikel widerspie-
mehrere Zentralbanken Negativzinsen einge- geln die Meinungen
Sparer ein Kreditnehmer gegenübersteht. Etwa
führt. Als erste ging im Jahr 2012 die Dänische der Autoren und nicht junge Familien, die mit einer Hypothek erstmals
zwingend die Ansich-
Zentralbank unter die Nullgrenze. Zur Überra- ten der Afrikanischen ein Haus erwerben, Autokredite oder Darlehen
Entwicklungsbank,
schung vieler geriet das Finanzmarktsystem da- des IWF oder des Exe-
für Start-up-Unternehmen oder den Staat. Die
durch nicht aus dem Gleichgewicht. 2014 folgten cutive Board und des dank den Negativzinsen höhere Kaufkraft der
Managements des IWF.
die Europäische Zentralbank, die Schweizeri- Der Artikel basiert auf Kreditnehmer dürfte die vermutete Zunahme
sche Nationalbank und die Schwedische Reichs- einer längeren Version,
die ursprünglich auf
der Sparneigung von Pensionierten und ande-
bank. Zwei weitere Jahre später wagte auch die Englisch auf der «Global ren Sparern problemlos aufwiegen. Genauso,
Agenda»-Website des
Bank of Japan den Schritt ins Negativterrito- Weltwirtschaftsforums wie dies in normalen Zeiten der Fall ist. So weit
rium. (WEF) veröffentlicht zur Theorie. Doch funktionieren die Negativ-
wurde (siehe Blanke
und Krogstrup, 2016). zinsen auch in der Praxis?
Die Wirkung von Negativzinsen ist
umstritten
Eine Senkung der Zinsen unter null Prozent be- Nominal- und Realzinsen
deutet, dass eine Zentralbank den Geschäfts- Häufig werden nominale Negativzinsen mit realen Negativzinsen verwechselt, da vielen
banken Zinsen belastet, wenn diese bei ihr nur die Nominalzinsen bekannt sind. Der nominale Zinssatz steht für den Betrag, der pro
Jahr für ein Sparguthaben von 100 Franken anfällt. Der reale Zinssatz hingegen zeigt, wie
Geld hinterlegen. Die Geschäftsbanken wieder- stark der Wert dieser 100 Franken in einem Jahr gewachsen ist, gemessen daran, was sich
um geben diese Zinssenkung über ihre eigenen damit kaufen lässt. Für die Sparrendite ausschlaggebend ist der Realzins, der sowohl von
Zinssätze weiter an Privathaushalte, Unterneh- den Nominalzinsen als auch von der Inflation abhängig ist. In Ländern, in denen die Infla-
tion höher ist als der Nominalzins, resultiert ein negativer Realzins. Das bedeutet, dass
men und Finanzinstitute und somit ans Finanz-
Spargelder selbst dann an Wert verlieren, wenn die nominalen Zinsen positiv sind. In Län-
system allgemein. Die Zentralbanken wollen dern, in denen die Inflation niedriger ist als die Nominalzinsen, nimmt der reale Wert von
damit der Wirtschaftstätigkeit Impulse verlei- Spargeldern zu.

20  Die Volkswirtschaft  5 / 2017


FOKUS

KEYSTONE
Die Tiefzinsen
verleiten zum Kauf
Banken geben die Strafzinsen nur von Wohneigentum. F­ inanzierungsstrukturen der Banken und dem je-
teilweise weiter Wohnüberbauung weiligen Wettbewerbsumfeld zusammenhängen.
in Zürich-Oerlikon. Obwohl die Weitergabe der Zinsen an die Fi-
Die Praxis zeigt, dass die Negativzinsen der Zen- nanzmärkte im Allgemeinen recht gut funk-
tralbanken, wie von der Theorie vorausgesagt, tionierte, kam es in den Volkswirtschaften mit
auch tatsächlich im Finanzsystem angekommen Negativzinsen nicht oder noch nicht zu einem
sind. Allerdings mit kleineren Ausnahmen, etwa klaren Aufschwung. Bedeutet dies, dass die Ne-
bei den Banken. Die Zinssenkungen der Zentral- gativzinsen nicht funktionieren? Nein. Denn die
banken unter die Nullgrenze haben in den ent- Zentralbanken senken ihre Zinssätze normaler-
sprechenden Volkswirtschaften zu einem Zins- weise wesentlich stärker, wenn sie einen Auf-
rückgang auf breiter Front geführt – genauso wie schwung herbeiführen wollen.
normalerweise auch Zinssenkungen im positi-
ven Bereich.2 Die Zinssätze an den Geld- und An- Zinssenkungen zu gering,
leihenmärkten sind wie erwartet gefallen, und
2 Für Details siehe Ball et um Wirkung zu zeigen
die Wechsel- und Aktienkurse haben ebenfalls al. (2016).
3 Siehe dazu Ball et al.
wie üblich reagiert. (2016) und Danthine
Die Zinssenkungen im negativen Bereich waren
Die Ausnahme bilden die Zinssätze der Ban- (2016). minim. So betrug Japans jüngste Zinssenkung von
4 Zudem besteht eine
ken, die diese Zinssenkung nur teilweise wei- Nicht-Linearität bei der 0,10   auf –0,10 Prozent nur gerade 0,20 Prozent-
tergaben. Die Reaktionen der Banken fielen da- Weitergabe von Kurz- punkte. Die Schweizerische Zentralbank wählte
fristzinsen an Lang-
bei je nach Land sehr unterschiedlich aus, wie fristzinsen im Bereich einen Satz von –0,75 Prozent. Die meisten Perso-
der Zinsuntergrenze
verschiedene Studien3 zeigen.4 Über diese län- – je nachdem, wo der nen nehmen eine Zinssenkung um 0,20 Prozent-
derspezifischen Besonderheiten ist noch we- Markt diese Unter-
grenze sieht. Siehe dazu
punkte auf ihrem Sparkonto kaum wahr. Und
nig bekannt, sie könnten aber mit anderen Grisse et al. 2016. auch ein um 0,75 Prozentpunkte günstigerer

Die Volkswirtschaft  5 / 2017  21
ZINSEN

Bankkredit wird nicht scharenweise Leute dazu ren Worten: Die Medizin hilft zwar, doch für eine
bewegen, sofort ein neues Auto anzuschaffen, Heilung müsste sie wesentlich stärker dosiert
wenn gleichzeitig aufgrund einer schleppenden werden. Die Zentralbanken haben die Zinsen
Konjunktur die Aussichten auf Lohnerhöhungen nicht weiter unter null gesenkt, da Negativzinsen
nicht allzu rosig sind. Neuland bedeuteten und ungewiss war, ob sie
Normalerweise greifen die Zentralbanken wirken oder ob sie schädliche Nebenwirkungen
wesentlich beherzter ein, wenn sie eine trä- mit sich bringen. Auch die Unbeliebtheit negati-
ge Konjunktur wirklich ankurbeln wollen. Zum ver Zinssätze und Bedenken über entsprechen-
Vergleich: Während der relativ milden US-Re- de Reaktionen seitens der Öffentlichkeit und der
zession im Jahr 2001 senkte die US-Zentralbank Politik können dazu beigetragen haben. Zentral-
die Zinssätze von rund 6 auf etwa 1 Prozent. Und banken sind von Natur aus vorsichtig.
auch als Reaktion auf die globale Finanzkrise
2008 wurden die Zinssätze um 5 Prozentpunkte Negativzinsen sollen die
herabgesetzt. 2008 und 2009 hätte die Bank die
Risikobereitschaft erhöhen
Zinsschraube noch weiter gelockert, wenn nicht
bereits die Null-Prozent-Grenze erreicht worden Noch ist nicht bekannt, wie weit unter null die
wäre, die bis dahin als Untergrenze galt.5 Zinssätze sinken können, bis Einzelpersonen,
Zudem gelang es im Allgemeinen nicht, mit Unternehmen oder Finanzinstitute ihre Anlei-
dem Senken der nominalen Sätze unter null auch hen und Sparguthaben auf hohem Niveau auf-
die realen Sätze zu drücken. Der Realzins ist so- lösen und stattdessen Bargeld ohne Verzin-
wohl von den Nominalzinsen als auch von der In- sung bevorzugen. Wo diese Untergrenze liegt,
flation abhängig (siehe Kasten). Doch die meisten ist schwierig abzuschätzen. Sollte man diesen
Schritte im Minusbereich waren Reaktionen auf Punkt jedoch versehentlich erreichen, könnte
einen Rückgang der Inflation und der Inflations- dies das Vertrauen ins Finanzsystem erschüt-
erwartungen, der wesentlich ausgeprägter war tern und zur Folge haben, dass es nicht mehr rei-
als die darauf folgenden zögerlichen Zinssen- bungslos funktioniert.
kungen unter null.6 Zur Begrenzung dieses Risikos gibt es ver-
Als zum Beispiel die Schweizerische Na- schiedene Methoden und Instrumente. So kön-
tionalbank ihren Leitzins im Januar 2015 auf nen die Zentralbanken beispielsweise den Ban-
–0,75  Prozent reduzierte, ergriff sie gleichzei- ken aushelfen, die Einlagen verlieren, oder sie
tig Massnahmen, die eine Währungsaufwertung können die Ausgabe von Bargeld beschränken.
bewirkten und die Inflation kurzfristig um min- Solche Ideen sind jedoch umstritten und poli-
destens 0,75 Prozent verringerten. Die Reduktion tisch problematisch. Zumindest sollten Zentral-
der Nominalzinsen und die tiefere Inflation ho- banken aber wachsam sein, ob sich die Zinsen
ben sich gegenseitig weitgehend auf, sodass die dieser Untergrenze nähern.
realen Zinssätze mehr oder weniger unverändert Die meisten übrigen Vorbehalte betreffen
blieben. Das Unterschreiten der Nullgrenze hatte nicht die Negativzinsen an sich, sondern den
daher keinen unmittelbaren realen Effekt auf die langen Zeitraum niedriger, realer Zinssätze. Es
Rendite der Spargelder in der kurzen Frist. Trotz- wird befürchtet, dass niedrige reale Zinssätze
dem haben in der Schweiz viele das Gefühl, ihre über einen längeren Zeitraum zu Verzerrungen
Ersparnisse würden durch die Negativzinsen ge- an den Finanzmärkten führen und die Stabili-
schmälert. Dass negative nominale Zinssätze so tät des Finanzsystems gefährden. Wenn sichere
umstritten sind, liegt auch in der sogenannten Anleihen und Spareinlagen nur noch eine mini-
Geldwertillusion: Viele Leute unterscheiden nicht male Rendite abwerfen, suchen die Anleger nach
zwischen nominalen und realen Zinssätzen. besseren und möglicherweise riskanteren An-
Die Negativsätze vermochten zwar den Defla- lagemöglichkeiten. Doch das ist genau der Sinn
tionsdruck etwas zu mildern. Die winzigen Zins- dieser Geldpolitik: Sie soll die Risikobereitschaft
schritte im Minusterritorium reichten jedoch in und die Wirtschaft stimulieren. Falls die Anle-
den meisten Ländern nicht aus, um der Wirt- ger allerdings auf nicht produktive Anlagen oder 5 Siehe Krogstrup (2017).
schaft wirklich Dynamik zu verleihen. Mit ande- Immobilien setzen, können Blasen entstehen, 6 Siehe Krogstrup (2017).

22  Die Volkswirtschaft  5 / 2017


FOKUS

die s­päter platzen. Doch diese Gefahr besteht wenn keine weiteren Massnahmen zur Eindäm-
nicht nur bei nominalen Negativzinsen, und sie mung der allgemeinen finanziellen und wirt-
ist möglicherweise kleiner, wenn sich die Wirt- schaftlichen Risiken ergriffen werden.
schaft in einem Abschwung befindet.7 Die Geldpolitik ist bei weitem nicht die einzi-
Seit der globalen Finanzkrise gehört es zum ge Option zur Konjunkturbelebung. Bei trägem
Job der Zentralbanken, bei negativen Schocks die Wachstum, hoher Arbeitslosigkeit und hartnäckig
Finanzmarktpreise im Auge zu behalten und An- schleppender Investitionstätigkeit wollen die Ent-
zeichen für Blasen oder eine übermässige Risi- scheidungsträger vielleicht mehr unternehmen.
kobereitschaft zu erkennen. Die Zentralbanken Öffentliche Investitionsprojekte und eine Aus-
können je nach Auftrag und verfügbaren Instru- weitung der staatlichen Ausgaben im Allgemei-
menten unterschiedlich reagieren. Einige Zent- nen können Zinssenkungen wirksam ergänzen.
ralbanken können die Risikobereitschaft mit so- Gerade wenn die Zinssätze niedrig sind, können
genannten makroprudenziellen Massnahmen, Staatsausgaben als Wachstumsmotor wirken.
wie etwa erhöhten Eigenkapitalanforderungen Angebotsseitige Reformen – idealerweise kom-
oder antizyklischem Kapitalpuffer bei der Hypo- biniert mit fiskalpolitischen Massnahmen – kön-
thekenvergabe, direkt regulieren. Andere ha- nen die Wettbewerbsfähigkeit und die Produkti-
ben diese Kompetenz nicht. Eine Anhebung der vität einer Volkswirtschaft ebenfalls stimulieren.
Zinssätze, bevor eine Wirtschaft wieder auf dem Wenn dadurch die Märkte besser funktionieren,
Wachstumspfad ist, birgt jedenfalls stets die Ge- das Bildungssystem aufgewertet wird, wichti-
fahr einer verzögerten Rückkehr zum Wachstum. ge Infrastrukturen entstehen und der Unterneh-
Häufig wird argumentiert, dass Negativzin- mergeist und die Innovation gefördert werden,
sen schlecht für die finanzielle Gesundheit von erhöhen solche Massnahmen das Potenzial für
Banken, Pensionskassen und Versicherungen künftiges Wachstum. Falls die Öffentlichkeit dies
seien. Diese Risiken sind jedoch ebenfalls eher versteht und daran glaubt, könnte es auch in der
das Ergebnis niedriger realer Zinsen als der ne- heutigen Situation Vertrauen schaffen und so die 7 Ball et al. (2016).
8 Siehe etwa Sveriges
gativen nominalen Sätze an sich. Und sie hängen Ausgaben und das Wachstum ankurbeln. Riksbank (2016).
mit den Geschäftsmodellen zusammen, die diese
Institutionen anwandten, als noch von höheren
realen und nominalen Zinssätzen auszugehen
war. Diese Geschäftsmodelle wandeln sich je-
doch, und die Banken haben in Ländern mit Ne-
gativzinsen bisher im Durchschnitt nicht stärke-
re Gewinneinbussen verzeichnet als in Ländern
mit positiven Zinssätzen.8 Jennifer Blanke Signe Krogstrup
Die nominalen Zinssätze anzuheben, um die Dr. oec.,Vizepräsiden- Dr. oec., Beraterin,
Gewinne der Finanzinstitute zu schützen, wäre tin für Landwirtschaft, Forschungsabteilung,
Menschliche und Internationaler Währungs-
falsch, und es könnte sich als Bumerang erwei- Soziale Entwicklung, fonds (IWF), Washington
sen. Denn das würde tendenziell die gesamtwirt- Afrikanische Entwick-
lungsbank, Abidjan
schaftliche Nachfrage schwächen und das Wirt-
schaftswachstum hemmen und so die Phase der
Literatur
niedrigen realen Zinssätze verlängern. Dadurch
Ball, Laurence, Joseph Gagnon, Patrick Honohan and Signe
könnte die Finanzbranche noch stärker unter Krogstrup (2016). What Else Can Central Banks Do? Geneva
Reports on the World Economy 18, ICMB and CEPR.
Druck geraten. Blanke, Jennifer und Signe Krogstrup (2016). Negative Interest
Rates: Absolutely Everything You Need to Know. Artikel auf der
Global Agenda Homepage des World Economic Forum.
Begleitende Reformen und Investitio- Danthine, Jean-Pierre (2016). The Interest Rate Unbound? Hutchins
Center Working Paper Nr. 19, Brookings Institution.
nen können die Konjunktur beleben Grisse, Christian, Signe Krogstrup und Silvio Schumacher (2017).
Lower Bound Beliefs and Long-Term Interest Rates. Forthcoming,
in: International Journal of Central Banking.
Die Wirkung der Negativzinsen ist grundsätz- Krogstrup, Signe (2017). Monetary Policy Accommodation with Low
lich als Erfolg zu werten. Allerdings gibt es beim Interest Rates. Veröffentlichung bevorstehend, in: Business Economics.
Sveriges Riksbank (2016). How Do Low and Negative Interest Rates
Senken der Zinssätze im Minusbereich Grenzen, Affect Banks’ Profitability? In: Monetary Policy Report, April 2016.

Die Volkswirtschaft  5 / 2017  23
ZINSEN

Vorsicht vor Negativreaktionen


der Sparer
Zwei neue Umfragen legen nahe, dass bei der Einführung von Negativzinsen viele Be-
fragte ihr Geld bei Banken abheben würden. Die Konsumanreize sind den Studien zufolge
verhalten. Nur gerade jeder zwölfte Schweizer möchte als Reaktion mehr Geld ausgeben.  
Mark Cliffe, Carlo Cocuzzo

gen auf Privatanleger wird dabei gerne von popu-


Abstract    Die Wirksamkeit von Negativzinsen wird in letzter Zeit immer häufi-
ger angezweifelt. Deshalb stellen sich grundlegende Fragen, die bisher noch nicht
listischen Parteien aufgegriffen, um eine anti-
untersucht wurden: Sind die Banken überhaupt bereit, diese Kosten an die Kon- europäische Stimmung anzuheizen.
toinhaber weiterzugeben? Und wenn ja, wie würden diese darauf reagieren? Die- Die Schweiz blieb von diesem internationa-
ser Artikel stützt sich auf zwei kürzlich veröffentlichte Umfragen: eine Studie für len Trend der Negativzinsen nicht verschont. Die
Europa, die USA und Australien im Auftrag der niederländischen ING-Bank und
Schweizerische Nationalbank (SNB) hat sich be-
eine Befragung des Finanzberatungsinstituts Moneypark für die Schweiz. Die
Mehrheit der Befragten gab dabei an, ihre Ersparnisse im Falle von Negativzin- reits im Dezember 2014 für eine Negativzinspoli-
sen abzuheben. Ungefähr die Hälfte von ihnen möchte in alternative Finanzan- tik entschieden, um den Aufwertungsdruck auf
lagen investieren. In der Schweiz könnte sich nur rund jeder Zwölfte vorstellen, den Franken zu mindern. So führte die SNB per
als Reaktion auf die Negativzinsen mehr auszugeben. Möglicherweise würden die Januar  2015 einen Zinssatz von −0,25  Prozent
Sparer etwas weniger negativ reagieren, wenn sie tatsächlich mit Negativzinsen
konfrontiert wären. Dennoch ist die Frage nach der Wirksamkeit dieses geldpoli-
auf Girokontoguthaben ein, um damit den 3-Mo-
tischen Instruments angesichts dieser Grundstimmung durchaus berechtigt. nats-Franken-Libor weiter in den Negativbereich
zu drücken. Nur einen Monat später beschloss
die SNB sogar die Aufhebung des Mindestkur-

Z  ur Belebung der Konjunktur haben die Zen-


tralbanken der wichtigsten Industrieländer
in den letzten Jahren immer aggressivere geld-
ses gegenüber dem Euro. Das führte schliesslich
zu einer markanten Aufwertung des Frankens
– auch wenn der Zinssatz auf Giroguthaben zu-
politische Instrumente eingesetzt. Manche sind sätzlich auf −0,75 Prozent gesenkt wurde.
sogar so weit gegangen, ihren offiziellen Zinssatz
unter null zu senken. Das Ziel der Zentralbanken Negativzinsen befeuern Rückgang
ist es dabei, weitere Anreize für Konsum und In-
der Spareinlagen bei Banken
vestitionen zu bieten.
Beim Blick auf Kunden und Verbraucher wirft Diese Geldpolitik der negativen Zinsen kann al-
die Einführung der Negativzinspolitik allerdings lerdings nur funktionieren, wenn Geschäfts-
grundlegende Fragen auf, die bisher noch nicht banken diese Zinsen auch an ihre Kunden wei-
untersucht wurden: Sind die Banken überhaupt tergeben. Denn ansonsten entsteht für die
bereit, die Kosten an die Kontoinhaber weiterzu- Sparer auch kein Anreiz, mehr Geld auszuge-
geben? Und wenn ja, wie würden diese darauf re- ben. Offensichtlich befürchten die Banken aber,
agieren? dass Zinssätze unter null zu einem Kunden-
Während in den USA die Federal Reserve rückgang und zu beträchtlichen Geldabflüssen
Bank die Zinsen bereits wieder leicht erhöht hat, führen würden. Da die Zinssätze für Kredite je-
gibt es in Europa kaum Anzeichen für eine sol- doch meist vertraglich an die Geldmarktsätze
che Trendwende. Die noch immer fragile Wirt- gebunden sind, leiden in erster Linie die Ren-
schaftserholung in Europa bleibt anfällig für tabilität, die Kapitalschöpfung und die Kre-
Rückschläge – nicht zuletzt auch wegen der zahl- ditbereitschaft der Bank darunter, wenn sie
reichen anstehenden Wahlen in diesem Jahr. Das ihre Kundschaft vor Negativzinsen verschont.
Thema der Negativzinsen und ihrer Auswirkun- Durch eine geringere Kreditbereitschaft wird

24  Die Volkswirtschaft  5 / 2017


FOKUS

Gemäss einer weltweiten Umfrage ist


die Wirkung von Negativzinsen auf den
SHUTTERSTOCK

Konsum bescheiden.
ZINSEN

Abb. 1: Entwicklung der Negativzinsen und der Sparguthaben bei die s­ timulierende W
­ irkung, welche die Zentral-
Banken in der Schweiz (2009–2016) banken mit ihrer Zinssenkung anstreben, zu-
sätzlich abgeschwächt. Doch zumindest in der
0,75       In % In Mio. Franken       18 000
Schweiz haben die Privatkunden auf die Nega-

ING ECONOMIC AND FINANCIAL ANALYSIS, THOMSON REUTERS /


0,6 12 000 tivzinspolitik der SNB reagiert. Wie die Daten
zeigen, hat die Einführung der Negativzins-
0,45 6 000 politik zu einem Rückgang der Spareinlagen auf
Bankkonten geführt (siehe Abbildung  1). Da-
0,3 0 bei stellt sich nun aber die zentrale Frage, ob
die Kunden nun tatsächlich mehr konsumieren

DIE VOLKSWIRTSCHAFT
0,15 -6000
oder ob sie einfach nur Bargeld horten.
0 -12 000
2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 Die meisten Kunden würden
  Durchschnittlicher Zinssatz auf Girokonten        Veränderung Sparguthaben pro Jahr (rechte Skala)
ihr Geld abheben
Um den Effekt der Negativzinsen auf die Kunden
Abb. 2: Was die Befragten mit dem abgehobenen Geld machen würden
60       In %
zu untersuchen, beauftragte das niederländi-
ING INTERNATIONAL SURVEY / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

sche Finanzinstitut ING Ende 2015 das Marktfor-


schungsunternehmen Ipsos damit, rund 13 000
40
Personen in Europa, den USA und Australien zu
befragen. Die Befragten gaben an, wie sie auf die
20 tiefen Zinssätze reagiert haben und wie sie re-
agieren würden, falls die Zinsen unter null fallen
sollten.1
0
Bei solchen  Befragungen ist allerdings Vor-
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sicht geboten. Denn nicht immer tun die Be-


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fragten auch tatsächlich das, was sie antworten.


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  Einen grösseren Teil des Ersparten ausgeben als sonst     


Trotzdem sind die Ergebnisse erstaunlich. Drei
  Das Ersparte in andere Anlageinstrumente investieren      Viertel der Befragten geben an, dass sie ihr Geld
  Einen bedeutenden Teil der Ersparnisse abheben und an einem sicheren Ort aufbewahren im Falle von Negativzinsen von ihrem Sparkon-
Die Abbildung zeigt die Untergruppe der Befragten, die zumindest einen Teil to abheben würden. Davon würden nur 12 Pro-
ihres Geldes von ihrem Sparkonto abheben würden (78% aller Befragten). Da zent mehr Geld ausgeben. Die meisten gaben an,
Mehrfachantworten möglich waren, kann das jeweilige Landestotal 100 Prozent dass sie wohl entweder in riskantere Anlagen
übersteigen.
investieren oder ihr Erspartes «an einem siche-
ren Ort» in bar aufbewahren würden (siehe Ab-
Abb. 3: Wie die Sparer weltweit auf Negativzinsen reagieren würden bildung 2).
100       In % Tatsächlich lässt sich diese negative Reaktion
ING INTERNATIONAL SURVEY / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

auf allfällige Negativzinsen sehr zutreffend mit


75
dem verhaltensökonomischen Konzept des «loss
50
regret» erklären. Dieses besagt, dass eine Zins-
senkung von 0 auf −0,5 Prozent stärkere Gefüh-
25 le auslöst als eine Senkung von 1 auf 0,5 Prozent.
Erstere wird eindeutig als Verlust wahrgenom-
0
men, während man Letztere lediglich mit einem
geringeren Gewinn gleichsetzt.
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Hinzu kommen auch politische und kultu-


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  Geld vom Sparkonto abheben        Mehr sparen, um Sparziele zu erreichen        Nichts unternehmen relle Faktoren. Viele empfinden Negativzinsen
Gewichtet nach Land, Alter, Geschlecht und Region. Alle Antworten sind auf dem
als eine unfaire «Besteuerung» von Kleinan-
95-Prozent-Niveau signifikant. Da Mehrfachantworten möglich waren, kann das legern. Das gilt insbesondere für Kulturen, in
jeweilige Landestotal 100 Prozent übersteigen. denen Sparsamkeit als Tugend gilt. Im Durch-

26  Die Volkswirtschaft  5 / 2017


FOKUS

Abb. 4: So würden Schweizer auf Negativzinsen


ihr Erspartes in andere Finanzinstrumente in-
reagieren (Umfrage September 2016) vestieren würden. Ein Viertel aller Personen
würde das Geld zu Hause aufbewahren. Und nur
8  Prozent der Befragten antworteten, dass sie
10% 15% mehr ausgeben würden.
4%

8% Kaum Effekt auf den Konsum


16%
Diese Umfrageergebnisse dürften sowohl für die
MONEYPARK / DIE VOLKSWIRTSCHAFT Banken als auch für die Zentralbanken ernüch-
ternd sein. Die Banken könnten daraus schlies-
25% sen, dass ihre Befürchtungen bezüglich der Wei-
22% tergabe von Negativzinsen an ihre Kundschaft
wohl berechtigt sind. Vielleicht fielen die Ant-
worten aber auch deshalb so deutlich aus, da die
Bankkunden sehr besorgt waren, dass sie für das
  Immobilien        Vorsorge        Andere Anlageformen     
  Bargeld zu Hause aufbewahren        Mehr ausgeben     
Aufbewahren ihres Ersparten auf einem Bank-
  Geld auf Konto lassen        Ich weiss es nicht konto belastet werden könnten.
Somit stehen die Banken vor einer schwie-
Die Umfrage wurde vom Marktforschungsinstitut GfK in
der Schweiz auf Deutsch und Französisch durchgeführt. rigen Wahl: Entweder sie senken die Zinsen für
Insgesamt wurden 1013 Personen befragt. Privatkunden nicht unter null, oder sie tun es
doch und riskieren damit beachtliche Abflüs-
se von Kundengeldern. Unabhängig davon le-
schnitt würde allerdings nur eine Minderheit gen die Ergebnisse nahe, dass Negativzinsen die
von 11 Prozent der Befragten mehr sparen (siehe Konsumausgaben weniger stark ankurbeln als
Abbildung 3). Zinssenkungen über der Nullgrenze. Politische
Entscheidungsträger und Banken in ganz Euro-
Ein Viertel der Schweizer würde pa werden deshalb darauf hoffen müssen, dass 1 S iehe ING (2016).
die momentan noch fragile Wirtschaftserholung 2 Die vollständige Studie
Bargeld horten ist auf Moneypark.ch
keine grösseren Rückschläge erleidet. verfügbar.
Privatanleger in der Schweiz wurden bei der Um-
frage von ING nicht berücksichtigt. Dennoch
kommt man auch für die Schweiz praktisch zu
den gleichen Ergebnissen, wie eine ähnliche Be-
fragung im Auftrag des Finanzberatungsinsti-
tuts Moneypark zeigt.2 (siehe Abbildung 4). Die
Befragten sollten angeben, wie sie auf die Ein-
führung von Negativzinsen durch ihre Bank re-
Mark Cliffe Carlo Cocuzzo
agieren würden. Nur 10  Prozent aller Personen Chefökonom der ING Wissenschaftlicher
antworteten, dass sie nicht wüssten, was sie tun Group, ING Bank, London Mitarbeiter, ING Bank,
London
würden. 53 Prozent hingegen gaben an, dass sie

Literatur
Akerlof, G. und R. Shiller (2009). Animal Spirits: Hannoun, H. (2015). Ultra-Low or Negative Inter- White, W. (2012). Ultra Easy Monetary Policy and
How Human Psychology Drives the Econo- est Rates: What They Mean for Financial Stabi- the Law of Unintended Consequences, Federal
my, and Why It Matters for Global Capitalism, lity and Growth, Diskussionsbeiträge am Eurofi Reserve Bank of Dallas, Globalization and Mo-
Princeton University Press. High-Level Seminar, Riga. netary Policy Institute Working Paper Nr. 126.
Haldane, A. (2015). How Low Can You Go?, Rede ING (2015). Negative Rates, Negative Reactions Heitmann, S. und J. Gautier (2016). Negativzinsen
vor der Handelskammer von Portadown, vom ING Economic and Financial Analysis. auf Sparkonten: Jeder vierte Schweizer würde
18. September 2015. sein Geld abheben, Money Park.

Die Volkswirtschaft  5 / 2017  27
VIVIANE FUTTERKNECHT / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Trotz der Negativzinsen habe man keine Zunahme


der Dynamik am Immobilienmarkt gehabt, sagt
SNB-Präsident Thomas Jordan am Hauptsitz der
Schweizerischen Nationalbank in Zürich.
FOKUS

«Wir haben Spielraum, um die Zinsen


weiter zu senken»
Laut dem Präsidenten der Schweizerischen Nationalbank (SNB), Thomas Jordan, haben
sich die Negativzinsen bewährt. Weitere Zinssenkungen schliesst er nicht aus, sollte sich
der Druck auf den Franken verstärken. Als Grund für die weltweite Wachstumsschwäche
sieht Jordan strukturelle Probleme. Hier seien in erster Linie die Regierungen gefordert.
Susanne Blank

Herr Jordan, ist das Handwerk eines National- Weshalb?


bankpräsidenten schwieriger geworden in den Einerseits spielen vorübergehende Einflüsse
vergangenen zehn Jahren? eine Rolle. Aufgrund der Krise etwa ist die Geld-
Seit fast zehn Jahren befinden wir uns in einer Aus- politik expansiv geworden und hat damit die
nahmesituation. Nach Ausbruch der Finanzkrise Zinsen unter den üblichen Wert beziehungs-
im Sommer 2007 ist es nie mehr weise den sogenannten realen Gleichgewichts-
ruhig geworden. Eine Krise löst zins gesenkt. Es gibt daneben aber viele Indizien
«Der Franken ist die andere ab. Und die Schwei- dafür, dass auch der reale Gleichgewichtszins
gegenüber dem Euro zerische Nationalbank muss tiefer liegt als in der Vergangenheit. Ein Faktor
deutlich überbewertet.» Instrumente einsetzen, die wir dabei ist die Demografie: Die Menschen werden
in der Vergangenheit noch nie älter. Sie haben deshalb mehr Anreize, während
eingesetzt haben. In der Geschichte der Natio- der Arbeitsphase zu sparen – und das drückt
nalbank gab es jedoch immer wieder schwierige den Realzins. Es gibt zudem Hinweise, dass das
Phasen mit grossen Herausforderungen. Produktivitätswachstum heute geringer ist als
noch vor 20 bis 30 Jahren. Auch das ist ein Fak-
Aber es ist komplizierter geworden? tor, der potenziell auf den gleichgewichtigen
Das Direktorium ist seit einiger Zeit mit ausserge- Realzins drückt.
wöhnlichen Aufgaben und Entscheidungen kon-
frontiert, und dies wird wohl noch eine Weile so In keinem anderen Land sind die kurz- und langfris-
bleiben. Wir lösen diese Herausforderungen zu- tigen Zinsen so tief wie in der Schweiz. Was sagen
sammen mit unseren Mitarbeitenden. Diese sind Ihre ausländischen Nationalbankkollegen dazu?
sehr gut vorbereitet und hoch motiviert. Meine Zentralbankkollegen nehmen auch wahr,
dass der Schweizer Franken als sicherer Hafen
Das Zinsniveau sinkt schon seit Jahren – was sind
die Ursachen?
Wichtig ist, Nominal- und Realzinsen zu unter- Thomas Jordan
Thomas Jordan wurde 1963 in Biel geboren. Er studierte Wirt-
scheiden. In den letzten 20 bis 25 Jahren ist die
schaftswissenschaften an der Universität Bern und doktorierte
Inflation in vielen Ländern stetig gesunken, von mit einer Arbeit zur Europäischen Währungsunion. Nach einem
zweistelligen Zahlen auf praktisch null. Da- dreijährigen Forschungsaufenthalt an der Harvard-Universität
durch sind die Nominalzinsen tiefer geworden. in den USA trat er 1997 zuerst als wissenschaftlicher Berater in
die Schweizerische Nationalbank (SNB) ein. Seit 2007 ist er Mit-
Denn unter sonst gleichen Bedingungen verlan- glied des Direktoriums, und 2012 wählte ihn der Bundesrat zum
gen Sparer grundsätzlich tiefere Zinsen, wenn Präsidenten. Die SNB hat das Mandat, die Preisstabilität in der
die Inflation zurückgeht. Zudem stellen wir Schweiz zu gewährleisten. Jordan vertritt die Schweiz im Ver-
waltungsrat der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich
fest, dass aber auch die Realzinsen – also das,
(BIZ), im Financial Stability Board (FSB) sowie im Gouverneurs-
was nach der Inflation an Zinsertrag bleibt – ge- rat des Internationalen Währungsfonds (IWF). Er ist verheiratet
sunken sind. und Vater von zwei erwachsenen Söhnen.

Die Volkswirtschaft  5 / 2017  29
ZINSEN

funktioniert und dass die Zinsen deshalb in der weil die exportierten Güter teurer und die im-
Schweiz historisch tiefer sind als in anderen portierten Güter billiger werden. Eine weitere
Ländern. Aufwertung hätte die wirtschaftliche Situation
verschlechtert. Das war ein wichtiger Grund für
Das Federal Reserve hat Mitte März entschieden, die Nationalbank zu handeln.
den Leitzins zu erhöhen. Ist eine längerfristige
Zinswende in Sicht, die vielleicht auch die Euro- Erzeugen die Negativzinsen die beabsichtigte
päische Zentralbank vollziehen könnte? geldpolitische Wirkung?
In Amerika zeichnet sich jetzt eine Normalisie- Ja, die beabsichtigte Wirkung ist eingetreten. Das
rung der Geldpolitik ab. Das Fed hat angekün- heisst aber nicht, dass jeder Druck, der auf den
digt, dass bei guter Entwicklung weitere Zins- Franken entstehen kann, alleine durch diese Ne-
schritte geplant sind. Das ist gativzinsen aufgefangen werden kann. Bei grös-
«Der Bargeldumlauf ein sehr positives Zeichen. Ein seren Störungen – etwa wenn politische Verunsi-
wichtiger Teil der Weltwirt- cherung in der Eurozone oder in Europa auftritt
ist nicht übermässig schaft ist demnach so robust, – haben wir das andere geldpolitische Standbein:
gestiegen.» dass dort höhere Zinsen mög- die Bereitschaft, auf dem Devisenmarkt zu inter-
lich sind. In Europa ist die wirt- venieren.
schaftliche Erholung zwar im Gange, aber noch
nicht so kräftig wie in den USA. Auch die Infla- Diese Interventionen werden kritisch angese-
tion ist noch nicht so stark und nachhaltig ange- hen. Die Bilanzsumme ist stark angestiegen auf
stiegen, als dass die EZB die Zinsen schon hätte über 700 Milliarden Franken. Welche Risiken sind
anheben können. Wir sind aber zuversichtlich, damit verbunden?
dass wir allmählich auch in Europa einer Norma- Es stimmt, unsere Bilanz ist im Verlauf der Krise
lisierung entgegensehen können. sehr gross geworden. Sie widerspiegelt letztlich
den Einsatz der Nationalbank im Interesse des
Was wäre passiert, wenn Sie im Dezember 2014 Landes zur Krisenbewältigung. Die Aktiven hal-
die Negativzinsen auf Sichtguthaben nicht ein- ten wir mehrheitlich in Fremdwährungen, und
geführt hätten? dadurch sind sie Bewertungsschwankungen aus-
Der Negativzins ist eine wichtige Säule unserer gesetzt. Solche Bewertungsschwankungen ha-
Geldpolitik. Die Eurozinsen waren vor Einfüh- ben jedoch keinen Einfluss auf unsere geldpoli-
rung des Negativzinses teilweise sogar tiefer als tischen Handlungsmöglichkeiten. Aber es kann
die Frankenzinsen. Dadurch ist die übliche Zins- natürlich dazu führen, dass der Gewinn unter
differenz invertiert worden, was natürlich zu Umständen nicht gross genug ist, um eine Aus-
starken Zuflüssen in den Franken geführt hat. schüttung an Bund und Kantone vorzunehmen.
Mit der Einführung des Negativzinses war es Das war beispielsweise für das Geschäftsjahr
möglich, die verloren gegangene Zinsdifferenz 2013 der Fall.
teilweise wiederherzustellen, sodass Anlagen in
Schweizer Franken wieder tiefer verzinst wer- Gibt es einen Höchstwert dieser Bilanzsumme,
den als Anlagen in Euro. Das hat wiederum den den man nicht überschreiten sollte?
Druck auf den Franken reduziert. Hätten wir das Nein, einen ökonomisch fundierten Grenzwert
nicht gemacht, hätte man mit Frankenanlagen gibt es nicht. Wir wägen aber immer ab, ob eine
mehr verdient als mit Euroanlagen, und das Inte- Intervention und damit eine Ausdehnung der Bi-
resse am Franken wäre zusätzlich gestiegen. lanz gerechtfertigt ist. Wir wollen die Bilanz dann
ausdehnen, wenn dies geldpolitisch sinnvoll ist.
Hätte das bedeutet, dass unsere Exportindustrie
nicht mehr wettbewerbsfähig gewesen wäre und Sie sprechen von einer Überbewertung des Fran-
die Arbeitslosigkeit hochgeschnellt wäre? kens – können Sie sagen, was der faire Kurs
Genau. Jede Aufwertung des Frankens hat auto- gegenüber dem Euro wäre?
matisch Auswirkungen auf die Exportmöglich- Man kann keinen exakten Wert angeben, und
keiten und auf das Preisniveau in der Schweiz, wir hüten uns deshalb davor, eine Zahl zu nen-

30  Die Volkswirtschaft  5 / 2017


FOKUS

nen. Aber alle Indikatoren und Modelle deuten Sie schliessen es also nicht aus.
darauf hin, dass der Franken immer noch deut- Nein, wir schliessen es nicht aus.
lich überbewertet ist, insbesondere gegenüber
dem Euro. Gewisse Kreise wollen mit keynesianischen Re-
zepten die Wirtschaft stimulieren – was halten
Gemäss dem Internationalen Währungsfonds ist Sie davon?
die Negativzinspolitik der SNB erfolgreich. Ge- Wir sollten etwas aufpassen mit der Verwen-
wisse Stimmen sagen, man könnte die Zinsen so- dung von solchen Schlagworten. Für die wirt-
gar noch stärker in den Minusbereich senken – schaftspolitische Diskussion ist es sehr wichtig,
was halten Sie davon? dass wir die Ausgangslage genau analysieren
Wir sind schon ziemlich weit gegangen mit Zin- und schauen, welche wirtschaftspolitischen
sen von –0,75 Prozent. Dennoch: Wir haben Instrumente in der jeweiligen Situation Sinn
noch Spielraum, um die Zinsen weiter zu sen- machen. Ob diese Massnahmen dann unter ein
ken. Aber wir wägen immer ab, ob eine weitere Label wie das des Keynesianismus oder ein an-
Absenkung unter Berücksichtigung der damit deres passen oder nicht, ist zweitrangig und un-
verbundenen Nebenwirkungen gerechtfertigt wichtig. Für viele Länder sind heute vor allem
ist und Sinn macht. Strukturreformen nötig, denn das Potenzial-
wachstum von Volkswirtschaften ist vielerorts
zu tief.

Ist die Strukturpolitik somit Sache der Regierun-


gen?
Ja, genau. Die Zentralbanken können keine
Strukturpolitik betreiben. Für das längerfris-
tige Potenzialwachstum leistet die Geldpoli-
tik nur einen, aber einen sehr wichtigen Bei-
trag, den der Preisstabilität. Darüber hinaus
gibt es sehr viele strukturelle Massnahmen, die
das Potenzialwachstum erhöhen, die aber nur
durch die Parlamente und Regierungen getrof-
fen werden können. Beispielsweise die Erhö-
hung der Flexibilität des Arbeitsmarkts oder der
Effizienz des Steuersystems, um die richtigen
Anreize zu setzen. Auch die Infrastruktur, die
Wettbewerbspolitik und die Ausbildung spielen
für das Potenzialwachstum eine grosse Rolle.

Verhindert die EZB diese Strukturreformen mit


ihrer Geldschwemme nicht teilweise?
In vielen Ländern hat die Geldpolitik versucht,
den Regierungen in der Krise Zeit zu verschaf-
fen, um solche Reformen umzusetzen. Es liegt
in der Verantwortung der Regierungen, diese
Zeit zu nutzen.

Seither sind zehn Jahre vergangen.


Leider wurde diese Zeit vielerorts nicht gut ge-
nutzt. Das hat unter anderem mit unterschied-
lichen Interessenlagen einzelner Gruppen zu
tun, die oftmals Reformen verhindert haben.

Die Volkswirtschaft  5 / 2017  31
ZINSEN

Haben Sie ein Beispiel eines Landes, welches das waltung. Ich glaube, das ist eine gute Ausgangs-
gut bewältigt hat? lage. Aber es braucht auch das Bewusstsein, wie
In Europa haben einige Länder, wie beispiels- wichtig diese Rahmenbedingungen sind, um das
weise Spanien, Griechenland und Frankreich, hohe Lohnniveau und den Wohlstand auch in
Strukturreformen durchgeführt. Diese Refor- Zukunft zu wahren. Unsere gute Situation darf
men greifen aber noch nicht, oder sie haben vor nicht als selbstverständlich angesehen werden.
dem Hintergrund der grossen aktuellen Proble- Im globalen Wettbewerb braucht es nicht viel,
me ihre Wirkung noch nicht voll entfaltet. Doch um bei den Rahmenbedingungen plötzlich an
Regierungen, die den Mut haben, diese Struktur- Vorsprung zu verlieren.
reformen in Angriff zu nehmen, können in den
nächsten Wahlen von den Wählern abgestraft Meinen Sie damit beispielsweise die Ablehnung
und abgewählt werden. Das reduziert selbstver- der Unternehmenssteuerreform III, das ungewis-
ständlich den Appetit, diese Strukturreformen in se Verhältnis zu Europa und die zunehmende Re-
Angriff zu nehmen. Aber weitsichtige Politik ver- gulierungsdichte?
langt, dass man grundlegende Probleme irgend- Das sind alles ganz wichtige Fragen. Als National-
einmal auch löst. bank halten wir uns aber hier zurück und mischen
uns nicht in die politische Diskussion im Detail ein.
Wo gibt es in der Schweiz Handlungsbedarf für
Strukturreformen? Die Vorsorgewerke sind stark von den Negativ-
Wir dürfen feststellen, dass die Schweiz bei den zinsen und von der demografischen Alterung be-
wirtschaftlichen Rahmenbedingungen gut da- troffen. Was können die Pensionskassen tun, da-
steht. Im Vergleich zum Ausland haben wir einen mit sie ihren Renditeverpflichtungen trotzdem
flexiblen Arbeitsmarkt und eine effiziente Ver- nachkommen können?

32  Die Volkswirtschaft  5 / 2017


FOKUS

Ganz grundsätzlich sind es vor allem die tiefen in der Schweiz sind dank vernünftiger Regulie-
Renditen auf dem gesamten Anlagevermögen, rung recht gut kapitalisiert.
welche die Vorsorgewerke vor Probleme stellen.
Dauert eine solche Durststrecke mit Tiefzinsen Ist es heute bereits der Fall, dass man vermehrt in
nur ein paar Jahre, ist das weniger gravierend. riskante Anlageformen investiert?
Wenn das Zinsniveau aber langfristig tief bleibt, In der Schweiz ist beispielsweise der Immobilien-
dann wird die Situation für das Vorsorgesys- markt, der normalerweise sehr anfällig ist, nach
tem deutlich schwieriger, weil es unter der An- Beginn der Finanzkrise stark gewachsen. Wir
nahme von deutlich höheren Erträgen eingerich- verzeichneten einen starken Anstieg beim Hypo-
tet wurde. Dann bleiben eigentlich keine grossen thekarvolumen und bei den Im-
anderen Möglichkeiten, als Anpassungen bei den mobilienpreisen. Seit zwei bis
Umwandlungssätzen oder bei den technischen drei Jahren verflacht sich die- «Die Schweizer Banken
Zinssätzen vorzunehmen. Das wiederum hat Aus- ses Wachstum aber allmählich. sind dank vernünftiger
wirkungen auf die Beiträge und die Leistungen. In einigen Segmenten sind die
Preise sogar leicht rückläufig.
Regulierung recht gut
Stimmt es, dass die Negativzinsen der National- Das heisst, die Massnahmen, kapitalisiert.»
bank die inländischen Banken jährlich über eine die die Behörden ergriffen ha-
Milliarde Franken kosten? ben, wie etwa die Einführung des antizyklischen
Die Erträge auf den Sichtguthaben der National- Kapitalpuffers, wirken. Wir haben also trotz der
bank 2016 lagen in der Grössenordnung von 1,5 Negativzinsen keine Zunahme der Dynamik am
Milliarden Franken. Trotz Negativzinsen hat das Immobilienmarkt gehabt. Sowohl das Hypothe-
Bankensystem die letzten zwei Jahre insgesamt karwachstum als auch die Immobilienpreise ver-
recht gut bewältigt. Viele Banken konnten sich harren jedoch auf hohen Niveaus.
dem Umfeld anpassen und haben keinen Ein-
bruch bei den Gewinnen gehabt. Die Zinsen auf den Sparkonten schwinden, und
die Kontogebühren werden erhöht. Stellen Sie
Trotzdem ist das Geschäftsmodell der Banken in fest, dass die Leute ihr Erspartes abheben und
Gefahr. vermehrt horten?
Für die Banken stellt die gegenwärtige Situa- Nein, das stellen wir nicht fest. Wir sehen zwar,
tion eine grosse Herausforderung dar. Die Zin- dass der Bargeldumlauf gestiegen ist, aber nicht
sen für Hypothekarkredite sind stärker gefallen übermässig. Das Wachstum hat mit dem Umfeld
als die Zinsen auf Sicht- und Spareinlagen. Das zu tun: Aus Angst vor Krisen erhöhen die Sparer
führt dazu, dass die Zinsmarge kleiner geworden in der Regel ihre Bargeldbestände.
ist. Bis jetzt konnten die meisten Banken relativ
gut mit dieser Situation umgehen. Sie haben bei- Ziehen die Sparer das Geld von der Bank ab?
spielsweise mehr längerfristige Hypotheken ver- Nicht wegen unseres Negativzinses, denn es gibt
geben, wo die Renditen noch etwas höher sind, praktisch keine Bank, die Kleinsparer effektiv
als wenn man eine Libor-Hypothek vergibt. Da- mit Negativzinsen belastet. Zudem ist das Ab-
durch sind die Einnahmen hoch geblieben. Aber ziehen von Bargeld bei der Bank mit hohen Risi-
andererseits sind dadurch auch die Risiken ge- ken verbunden: Sparer können Bargeld verlieren,
stiegen, weil eine fixe Hypothek mit einer langen oder es kann gestohlen werden – und dann ist der
Laufzeit für eine Bank zum Verlustgeschäft wer- Ertrag auf Bargeld stark negativ und damit tiefer
den kann, wenn die Zinsen wieder steigen. als der Nullzins bei der Bank. Aber für die Sparer
ist es auch wichtig, dass wir in der Schweiz eine
Und wie kann sich das auf die Finanzstabilität sehr tiefe Inflation haben und dadurch die Kauf-
dieser Banken auswirken? kraft ihrer Ersparnisse gut erhalten bleibt.
Falls es in der Zukunft beispielsweise bei Zins-
änderungen zu Verlusten kommen sollte, ist es
wichtig, dass das Bankensystem gut kapitalisiert Interview: Susanne Blank, Chefredaktorin
ist, damit es diese absorbieren kann. Die Banken «Die Volkswirtschaft»

Die Volkswirtschaft  5 / 2017  33
STEUERN

Steuerzahler suchen bei Vermögenssteuern


nach Ausweichstrategien
Schweizer Steuerzahler reagieren beim Vermögen empfindlicher auf Steuerbelastungsunter-
schiede als beim Einkommen. Sie weichen den Steuern jedoch nicht mit einem Wohnortswech-
sel aus, sondern mittels Konsum- und Anlageentscheiden.  Marius Brülhart, Kurt Schmidheiny

und dem Rest der Bevölkerung, lieferte der


Abstract  Der Schweizer Steuerföderalismus ist dank seiner Vielschichtigkeit hervorragend für französische Ökonom Thomas Piketty ein
die Untersuchung von Vermögenssteuern geeignet. Eine Auswertung von aggregierten Daten
viel beachtetes Plädoyer für mehr Vermö-
aus den Kantonen zwischen 2003 und 2012 sowie der Gemeinden des Kantons Bern für die Jah-
genssteuern.2 Er erkor gar eine «vollkom-
re 2001 bis 2011 zeigt: Die ausgewiesenen Privatvermögen reagieren empfindlich auf Steuerbe-
lastungsunterschiede. Dies gilt sowohl für die jährliche Vermögenssteuer als auch für die Erb- mene Dreifaltigkeit» der Vermögensbe-
schaftssteuer. Die Steuerzahler scheinen aber nicht in erster Linie ihre wirtschaftliche Leistung steuerung, bestehend aus Vermögens-,
anzupassen oder ihren Wohnort zu wechseln, sondern sie suchen nach anderweitigen steuer- Erbschafts- und Kapitaleinkommenssteu-
lichen Ausweichstrategien. Dies sind beispielsweise buchhalterische Optimierungen oder der ern.3 Letztere werden in der Schweiz nicht
Erwerb von Konsumgütern. erhoben.
Ein zentrales Kriterium bei der Bewer-
tung der meisten Steuerarten ist, wie und

W  ussten Sie, dass die Schweiz Ver-


mögenssteuer-Weltmeisterin ist?
Die Vermögenssteuer trägt zwar bloss
tionen – darunter Deutschland, Italien und
Österreich – haben die Vermögenssteuer
im Laufe der letzten beiden Jahrzehnte ab-
wie stark sie das Verhalten der Steuer-
zahler beeinflussen. Einfach gesagt, ist
eine Steuer weniger wünschbar, wenn die
etwa 3,5 Prozent zu den Steuereinnahmen geschafft. Steuerzahler empfindlicher («elastischer»)
bei, damit nehmen wir aber unter OECD- Etwas entgegen dieser Tendenz hat die
Ländern klar die Spitzenposition ein (siehe Wissenschaft die Vermögenssteuer in den 2 Piketty (2014).
Tabelle).1 Und wir liegen ziemlich quer zum letzten Jahren wiederentdeckt. Angesichts 3 Piketty, Saez und Zucman (2013).
internationalen Trend: Viele Industriena- zunehmender Einkommens- und Vermö-
gensungleichheiten in den meisten Län-
1 Die Vermögenssteuer wird ausschliesslich von den Viele reiche Steuerzahler leben in den
Kantonen und Gemeinden erhoben. Der Bund besteuert
dern, mit einer immer weiter geöffneten Zentralschweizer Kantonen Schwyz,
Privatvermögen seit 1959 nicht mehr. Schere zwischen dem «obersten Prozent» Nidwalden und Zug. Blick vom Stanserhorn
auf den Vierwaldstättersee.

KEYSTONE

34  Die Volkswirtschaft  5 / 2017


STEUERN

auf sie reagieren. Zudem ist eine Steuer schwach auf Vermögenssteuerunterschie-
Vermögenssteuern in ausgewählten
umso schädlicher, je stärker solche Reak- de. Da der Löwenanteil der Einkommen in
OECD-Ländern (in % der gesamten
tionen nicht nur buchhalterischer Art sind, der Schweiz Arbeitseinkommen sind, be-
Steuereinnahmen)
sondern die tatsächliche wirtschaftliche deutet dies, dass Vermögenssteuern das
Leistung beeinflussen. Wir gehen daher   1995 2005 2015 reale Arbeitsangebot offenbar nicht we-
in einer aktuellen Studie mittels Schweizer Schweiz 2,87 3,40 3,62 sentlich beeinflussen. Auch die ausge-
Daten der Frage nach, welche Reaktionen Luxemburg 1,59 1,45 2,00 wiesenen Immobilienvermögen reagieren
Vermögenssteuern auslösen.4 verhältnismässig schwach auf Vermögens-
Norwegen 1,31 1,02 1,01
steuern.
Island 1,16 0,00 0,00
Hohe Steuerelastizität der Die grossen Elastizitäten der gesam-
Niederlande 0,54 0,02 0,00 ten Vermögen rühren hingegen zumindest
Privatvermögen Spanien 0,44 0,42 0,32 kurzfristig in erster Linie von der starken
Unser Kernanliegen ist es, zu schätzen, wie Schweden 0,41 0,36 0,00 Reaktion der Finanzvermögen her, welche
stark die steuerlich deklarierten Vermögen Deutschland 0,26 0,01 0,00 in unseren Daten 43 Prozent der gesamten
auf Veränderungen bei der Vermögens- Frankreich 0,25 0,40 0,52
Vermögen ausmachen.
steuerbelastung reagieren. Dazu haben wir Zudem stellen wir eine statistisch klar

OECD REVENUE STATISTICS (CODE 4210)


Italien 0,21 0,00 0,00
detaillierte Daten über steuerbare Vermö- ersichtliche «Bündelung» der ausgewie-
gen und Steuersätze in den Kantonen und Dänemark 0,19 0,00 0,00 senen Vermögen unterhalb der Steuer-
Gemeinden beigezogen.5 Auf Kantonsebe- Finnland 0,08 0,18 0,00 freigrenze fest: Vermögen leicht unter der
ne verwendeten wir aggregierte Daten al- Österreich 0,06 0,00 0,00 Steuerfreigrenze werden deutlich öfter
ler Kantone für die Jahre 2003 bis 2012. Auf Griechenland 0,05 0,00 0,00 ausgewiesen, als es die Verteilung insge-
Gemeindeebene untersuchen wir die ad- samt erwarten liesse (siehe Abbildung). Ei-
ministrativen Individualdaten der Steuer- Aufgeführt sind alle OECD- Länder mit Ver- nige Steuerzahler scheinen also bewusst
zahler im Kanton Bern für die Jahre 2001 bis mögenssteuern im Jahr 1995. ein steuerbares Vermögen knapp unter-
2011. halb der steuerfreien Limite anzupeilen.
Die Auswertungen führen mit beiden Zusammengenommen deuten die Be-
Datensätzen zu ähnlichen Schätzwerten: Vermögenssteuern weniger arbeiten oder funde darauf hin, dass die festgestellte
Eine Anhebung des Vermögenssteuersat- wegziehen. Wenn die Reaktionen jedoch Steuerempfindlichkeit der ausgewiesenen
zes um einen Promillepunkt, sei es auf Stufe rein «buchhalterischer» Natur sind, schmä- Vermögen stärker auf Konsumentschei-
Kanton oder auf Stufe Gemeinde, reduziert lern Vermögenssteuern zwar die steuerba- den und buchhalterischen Optimierun-
den Umfang der ausgewiesenen Vermögen ren Vermögen, nicht aber die tatsächliche gen gründet als auf realen Verhaltensan-
um ungefähr 3 Prozent. Damit ist die Elasti- wirtschaftliche Leistung. Ein Beispiel da- passungen. Solche Optimierungen sind
zität bei der Vermögenssteuer im Vergleich für ist die Umschichtung von Vermögen in beispielsweise möglich durch Verschie-
zu Studien zur Einkommenssteuer mindes- steuerbefreite Anlageformen. Dies gilt aber bungen zwischen Firmen- und Privatver-
tens doppelt so gross.6 Mit anderen Wor- auch dann, wenn Vermögen verschenkt, mögen, mittels Einzahlungen in die steuer-
ten: Vermögen reagieren empfindlicher hinterzogen oder schlicht konsumiert wer- befreite Altersvorsorge oder durch simple
als Einkommen auf Steuern. Die von uns den. Nichtdeklaration. Eine belastbare Schät-
geschätzten Werte übersteigen auch die Die Individualdaten aus dem Kan- zung der relativen Gewichte der verschie-
Vermögenssteuerelastizitäten aus ande- ton Bern zeigen: Es gibt keine Anzeichen, denen Reaktionsarten übersteigt aller-
ren Studien, was vermutlich auf die besse- dass die grossen geschätzten Vermögens­ dings die Möglichkeiten unserer Studie.
re uns zur Verfügung stehende Datenlage elastizitäten der Berner Gemeinden durch
(Paneldaten) zurückzuführen ist.7 Zu- und Wegzüge vermögender Steuer- Vermögens- kontra
zahler verursacht werden. Dies ist ange-
sichts der Kleinräumigkeit im Kanton Bern
Erbschaftssteuern
Wohnortswechsel kein Thema
ein erstaunlicher Befund. Insbesonde- Privatvermögen werden auch von der Erb-
Auf welche Weise reagieren die Vermögen re legt dieses Resultat den Schluss nahe, schaftssteuer belangt. Zuweilen wird vor-
auf Steuerunterschiede? Diese Frage ist für dass im Bereich der Vermögenssteuern geschlagen, die Steuerlast von den Ver-
eine Beurteilung der Vermögensbesteue- nicht von wirklichem Steuerwettbewerb mögenssteuern zu den Erbschaftssteuern
rung ebenso bedeutsam wie die Grösse die Rede sein kann. Allerdings gab es in zu verschieben.8 Hinter solchen Überle-
der Reaktion. Am gravierendsten für einen der untersuchten Zeitperiode nur gering- gungen liegt die Annahme, dass Vermö-
Kanton oder eine Gemeinde sind Reak- fügige Veränderungen der Vermögens- genssteuern das Arbeitsangebot und die
tionen, die «realer» Natur sind. Zum Bei- steuersätze in den Berner Gemeinden. Die Kapitalbildung stärker hemmen als Erb-
spiel, wenn die Menschen wegen höherer viel grösseren Veränderungen zwischen schaftssteuern – was durchaus plausi-
den Schweizer Kantonen könnten deshalb bel ist: Während Vermögenssteuern jedes
4 Brülhart, Gruber, Krapf und Schmidheiny (2017). durchaus zu Wohnortwechseln geführt Jahr vom Sparer selber beglichen werden
5 Die hier beschriebene Forschung wurde vom Schweize- haben. Leider können wir solche Bewe- müssen, fallen Erbschaftssteuern nur ein-
rischen Nationalfonds finanziert (siehe Fiscalfederalism.
ch). Der Kanton Bern gewährte Zutritt zu anonymisier- gungen in den vorhandenen (aggregier- mal pro Generation an, und dies nicht beim
ten Einzeldaten. ten) Daten nicht beobachten. Sparer selbst, sondern bei dessen Erben.
6 Für den Vergleich verwendete Elastizität: «net-of-tax-­
rate elasticity with respect to wealth returns».
Wir stellen auch fest: Ausgewiesene
7 Seim (2017), Zoutman (2015). Einkommen reagieren in den Daten nur 8 Beispielsweise Salvi und Zobrist (2013).

Die Volkswirtschaft  5 / 2017  35
STEUERN

bung der Steuerbelastung von Vermögen


Häufung der ausgewiesenen Vermögen relativ zur Steuerfreigrenze (Kanton Bern; auf Einkommen erwägen. Denn die Ram-
2001 bis 2011) sey-Regel besagt, dass die Steuerlast vor
17 500       Anzahl Steuerzahler allem auf inelastisches Steuersubstrat kon-
Steuerfreigrenze
zentriert werden sollte.
15 000
Allerdings ist nebst der Steuerempfind-
12 500 lichkeit an sich auch von Belang, auf wel-

BRÜLHART ET AL. (2017) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


che Weise die Steuerzahler auf Steuern re-
10 000 agieren. Sei es, indem sie weniger arbeiten,
indem sie ihren Wohnort wechseln oder
7500
indem sie bei unverminderter Leistung
5000 die Steuerrechnung mit buchhalterischen
Optimierungen und Konsumentscheiden
2500 vermeiden. Unsere Schätzungen deuten
-50 000 0 50 000 darauf hin, dass letztere Reaktionen domi-
Vermögen relativ zur Steuerfreigrenze in Franken nieren, und zwar bei Erbschafts- wie auch
  Tatsächliche Häufigkeit        Geglättete Interpolation
Vermögenssteuern. Wenn das stimmt,
Im Kanton Bern wurden in der untersuchten Zeitperiode Vermögen unterhalb von 92 000 bis 97 000 Franken
nicht besteuert (der Schwellenwert war nicht konstant). Die Anzahl Steuerzahler bezieht sich jeweils auf ein
dann sind unsere relativ grossen beobach-
Vermögensintervall von 1000 Franken. teten Vermögenssteuerelastizitäten eher
Ausdruck grosszügiger Umgehungsmög-
lichkeiten als leistungshemmender Anreize
Eine frühere Studie hat gezeigt, dass Erb- ten kaum reale Reaktionen zu verursa- Unsere Befunde zu den Arten der Reak-
schaftssteuern keine statistisch erkennba- chen scheinen und die Ausweichreaktio- tionen beruhen jedoch auf relativ groben
ren Wanderungsbewegungen älterer und nen durch steuertechnische Optimierung Analysen. Eine vertiefte empirische Unter-
vermögender Steuerzahler zwischen den oder Anpassung der Konsumneigung in suchung würde daher eine bessere Daten-
Kantonen auslösen.9 Somit scheinen in der etwa gleich stark sind, könnte man auf ein grundlage bedingen, idealerweise in der
Gesamtheit weder Erbschafts- noch Ver- «Unentschieden» schliessen. Allerdings ist Form von kombinierbaren Individualdaten
mögenssteuern wesentlichen Einfluss zu auch unsere Analyse hinsichtlich der An- mehrerer Kantone.
haben auf die Standortentscheide der Pri- passungsmechanismen noch ziemlich un-
vathaushalte in der Schweiz. scharf, da wir diese nur für den Kanton
In unserer aktuellen Studie untersuchen Bern mit eher kleinen Steuerunterschie-
wir nun auch, wie sich Erbschaftssteuern den durchführen können. Es wäre des-
– zusätzlich zu Vermögens- und Einkom- halb beispielsweise denkbar, dass den Erb-
menssteuern – auf die in einem gegebenen schaftssteuern stärker mit vorgezogenen
Kanton ausgewiesenen Vermögen auswir- Schenkungen ausgewichen wird und den
ken.10 Im Gegensatz zur oben erwähnten Vermögenssteuern mit Kapitalrückbehalt
Studie über Wanderungsreaktionen finden in Unternehmen. Solche Unterschiede wä- Marius Brülhart
wir hier nun statistisch bedeutsame Effek- ren relevant für die ökonomische Beurtei- Professor für Volkswirtschaft, Faculté des
te. Einfach gesagt, heisst das: Erbschafts- lung der beiden Steuerarten. Dazu wissen Hautes Etudes Commerciales (HEC),
Universität Lausanne
steuern haben zwar insgesamt keine sta- wir aus der empirischen Forschung aber
tistisch erkennbaren Auswirkungen auf die noch nichts.
Wohnortswahl, hingegen beeinflussen sie
den Umfang der deklarierten Vermögen. Vermeidungsstrategien
Die ausgewiesenen Vermögen reagieren
dabei mindestens so stark auf Erbschafts-
dominieren
steuern wie auf Vermögenssteuern. Zusammenfassend lässt sich sagen: Die
Wäre also eine Verschiebung der Steuer- Summe der ausgewiesenen Vermögen re-
last von Vermögens- auf Erbschaftssteuern agiert empfindlich auf Veränderungen der
effizienzsteigernd? Da beide Steuerar- Vermögenssteuerlast. Gemäss der Faust- Kurt Schmidheiny
regel der Steuerlehre – benannt nach dem Professor für Angewandte Ökonometrie,
britischen Mathematiker Frank Plumpton Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät,
9 Brülhart und Parchet (2014). Universität Basel
10 Brülhart, Gruber, Krapf und Schmidheiny (2017). Ramsey – müsste man somit eine Verschie-

Literatur
Brülhart, M., Gruber, J., Krapf, M. und Brülhart, Marius and Raphaël Parchet Piketty, Thomas, Emmanuel Saez and Salvi, Marco und Luc Zobrist (2013).
Schmidheiny, K. (2017). The Elasticity (2014). Alleged Tax Competition: The Gabriel Zucman (2013). Rethinking Capital Zwischen Last und Leistung: Ein Steuer-
of Taxable Wealth: Evidence from Mysterious Death of Inheritance Taxes in and Wealth Taxation. Arbeitspapier, Paris kompass für die Schweiz. Avenir Suisse
Switzerland. Arbeitspapier, Universität Switzerland. Journal of Public Economics, School of Economics, UC Berkeley und und Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich.
Lausanne, Massachusetts Institute of 111: 63–78. London School of Economics. Zoutman, Floris T. (2015) The Effect of
Technology und Universität Basel. Piketty, Thomas (2014). Capital in the 21st Seim, David (2017). Behavioral Responses Capital Taxation on Household Savings.
Century. Harvard University Press. to Wealth Taxes: Evidence from Sweden. Arbeitspapier, Norwegian School of
American Economic Journal: Economic Economics (NHH), Bergen.
Policy, im Druck.

36  Die Volkswirtschaft  5 / 2017


UNLAUTERER WETTBEWERB

Beschwerden wegen unlauteren


Wettbewerbs erstmals rückläufig
Im Jahr 2016 haben die beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) eingegangenen Beschwer-
den wegen unlauteren Wettbewerbs gegenüber dem Vorjahr um 11 Prozent abgenommen. Die
meisten Reklamationen betreffen weiterhin unerwünschte Werbeanrufe. In 76 Fällen hat das
Seco Warnschreiben verfasst und in 27 Fällen Strafklage eingereicht.   Philippe Barman

D 
25 
as Staatssekretariat für Wirtschaft
(Seco) hat im Jahr 2016 insgesamt
875 Beschwerden wegen unlauteren
Abb. 1: Beschwerden nach Konsumenten und Unternehmen
40 000

Wettbewerbs erhalten. Die Anzahl Be-


schwerden ist damit erstmals seit der Ein- 30 000 29 186
führung des Klagerechts für Binnensach-
25 875
verhalte im Jahr 2012 rückläufig. Im Jahr
2015 waren noch über 29 000 Beschwer-
20 000
den beim Seco deponiert worden (siehe
Abbildung 1). Von den 2016 eingereichten
13 235

SECO / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


Beschwerden stammten 25 009 von Kon-
10 000
sumenten und 866 von Unternehmen. Wie
im Vorjahr haben sich mit 229 Beschwer- 5 830
3 611
den nur wenige Konsumenten und Unter-
0
nehmen aus dem Ausland beim Seco be-
2012 2013 2014 2015 2016
schwert. Das Seco kann im Namen der
Eidgenossenschaft gegen Unternehmen   Beschwerden von Konsumenten        Beschwerden von Unternehmen
klagen, deren unlautere Geschäftsprakti-
ken Kollektivinteressen verletzen.1
Abb. 2: Werbeanrufe trotz Sterneintrag (2012 bis 2016)
30 000
Rund 24 000 unerwünschte
27 908
Werbeanrufe
25 000
Von einer eigentlichen Trendwende zu 23 927
sprechen, ist allerdings noch verfrüht, denn
die Beanstandungen verharren nach wie 20 000

vor auf hohem Niveau. Wie in den letzten


fünf Jahren machen mit rund 24 000 Rekla- 15 000
mationen (siehe Tabelle 1 und Abbildung 2)
nach wie vor die unerbetenen Werbeanrufe 11 502
10 000
den Löwenanteil der beim Seco eingegan-
SECO / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

genen Beschwerden aus. Es folgen mit 353


Beschwerden die allgemein irreführenden 5 000
4 228
Geschäftspraktiken, mit 184 Beschwerden
2 107
der Adressbuchschwindel und mit 117 Be-
0
schwerden der Versandhandel.
2012 2013 2014 2015 2016
Im Vergleich zum Vorjahr sind gerade
die Beschwerden, welche unerwünsch-
te Werbeanrufe betreffen, um rund 4000 allein mit Gerichtsverfahren dem lauter- gestützt auf das neue Krankenversiche-
Beschwerden zurückgegangen. Auch dies- keitswidrigen Telefonmarketing nicht bei- rungsaufsichtsgesetz, das Anfang 2016
bezüglich lässt sich nur spekulieren, wor- zukommen ist. in Kraft getreten ist, neue Qualitätsstan-
auf der Rücklauf der Beschwerden in die- Betroffen von den unerwünschten dards vorgesehen haben. Diese verbieten
sem Bereich zurückzuführen ist. Die vielen Werbeanrufen ist vornehmlich der Kran- es, neue Kunden durch Werbeanrufe zu
Strafklagen des Seco haben gezeigt, dass kenkassenbereich. Insoweit ist es zu be- akquirieren. Inwiefern diese Massnahme
grüssen, dass die beiden Branchen- greift, wird erst die Zukunft weisen kön-
1 Art. 10 Abs. 3 Bundesgesetz gegen den unlauteren Wett- verbände Santésuisse und Curafutura nen.
bewerb, SR 241 (UWG).

Die Volkswirtschaft  5 / 2017  37
UNLAUTERER WETTBEWERB

Tabelle 1: Beschwerden nach


Sachbereichen 2016
Werbeanrufe trotz Sterneintrag 23 927
Werbeanrufe ohne Sterneintrag 607
Irreführung 353
Nicht spezifiziert 266
Adressbuchschwindel 184
Vorauszahlungsbetrügerei 134
Versandhandel 117
Spamming (E-Mails und Werbefaxe) 78
Missbräuchliche Klauseln 57
Lotterien/Gewinnversprechen 49
Schneeballsysteme 28
Internetschwindeleien 25
Dienste, die über das Mobiltelefon abge- 22
rechnet werden (Mehrwertdienste)
Werbefahrten/Werbeveranstaltung 17
SECO / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Aggressive Verkaufsmethoden 5
Esoterik 3
Gesundheit 3
Total 25 875

Tabelle 2: Abmahnungen nach Bereichen


Missbräuchliche Klauseln 39

SHUTTERSTOCK
Irreführung (inkl. aggressiver Verkaufs- 29
methoden)
SECO / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Werbeanrufe 4
Auf dem Handy lassen sich Callcenter-
Adressbuchschwindel 3 Nummern blockieren.
Werbefaxe 1
fahrten und Schneeballsysteme (je 2) sowie
Werbefaxe und Privatbestechung (je 1).
Total 76
Die Zahl der Beschwerden zu Werbe- Insgesamt führten 19 Strafverfahren zu
fahrten hat sich 2016 mit 17 Reklamatio- Verurteilungen (siehe Tabelle 4). Davon ent-
Tabelle 3: Strafklagen nach Bereichen nen auf tiefem Niveau stabilisiert. In die- fielen 7 Strafbefehle auf Werbeanrufe; bei
(2016) sen sogenannten Kaffeefahrten werden den irreführenden Geschäftspraktiken gab
Irreführung 15 vornehmlich ältere Personen dazu verlei- es 6 Strafurteile und Entscheide.
(inkl. aggressiver Verkaufsmethoden) tet, an einem fremden Ort überhöhte Prei- In 3 Fällen kam es zu Freisprüchen, und
Werbeanrufe 6 se für ein Produkt zu bezahlen. Die vom in einem Fall wurde das letztinstanzliche
Werbefahrten 2
Seco initiierten Strafverfahren haben hier kantonale Urteil durch das Bundesgericht
in den letzten fünf Jahren zu einer Reduk- aufgehoben. Ferner ist es im vergangenen
SECO / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Werbefaxe 1
tion der Anzahl Beschwerden geführt. Im Jahr in 18 Fällen zu Nichtanhandnahme-,
Schneeballsysteme 2 Jahr 2012 waren noch 564 Beschwerden Einstellungs- und Sistierungsverfügungen
Privatbestechung 1 eingegangen. gekommen.
Total 27
Seco reicht 27 Strafklagen ein
Tabelle 4: Strafbefehle, Entscheide,
Urteile Im Jahr 2016 hat das Seco insgesamt 76
Unternehmen mit Warnschreiben abge-
Werbeanrufe 7 mahnt (siehe Tabelle 2) und in 27 Fällen
SECO / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Adressbuchschwindel (Entscheid) 4 Strafklage eingereicht (siehe Tabelle 3). Da-


Irreführung 6 von betrafen 15 Strafklagen irreführen-
Spamming (inkl. Werbefaxe) 2 de Geschäftspraktiken und 6 unerbete- Philippe Barman
ne Werbeanrufe trotz Sterneintrags. Die Rechtsanwalt, Ressort Recht,
Total 19 Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern
übrigen Klagen verteilten sich auf Werbe-

38  Die Volkswirtschaft  5 / 2017


DOSSIER

Beruf und Familie:


Welche Anreize braucht es?

ALAMY
In der Schweiz entscheiden sich die meisten Familien für eine traditionelle
Aufteilung zwischen Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung: Der Mann
arbeitet 100 Prozent, während die Frau ihr Pensum reduziert.
Gesamtwirtschaftlich verschlechtert die tiefere Arbeitsmarktbeteiligung
der Frauen die Karrierechancen und mindert die Rente. Unser Dossier
zeigt: Nebst Wertvorstellungen beeinflussen steuerliche Fehlanreize
sowie ein fehlendes Betreuungsangebot die Wahl eines Familienmodells.
Jobsharing oder auf Kaderebene «Topsharing» können dabei helfen,
Beruf und Familie besser zu vereinbaren. Damit sich die Chancen­
gleichheit zwischen den Geschlechtern effektiv verbessert, müssten sich
aber vermehrt auch Männer für diese Arbeitsform entscheiden.

Die Volkswirtschaft  5 / 2017  39
BERUF UND FAMILIE

Ein Ausbau der familienpolitischen


Massnahmen lohnt sich
In der Schweiz besteht ein grosses Entwicklungspotenzial bei Kindertagesstätten, bei Förder-
angeboten von Risikofamilien sowie bei familienfreundlichen Arbeitsbedingungen in Unter-
nehmen. Die nötigen Investitionen im Umfang von fast 2 Milliarden Franken pro Jahr zahlen
sich langfristig aus.   Susanne Stern, Monika Bütler
wir uns mit familienfreundlichen Arbeits-
Abstract  Eine Studie des Beratungs- und Forschungsunternehmens Infras und der Universität
bedingungen wie flexiblen (Teilzeit)-
St. Gallen zeigt: Die in der Schweiz verfügbaren Angebote wie Kindertagesstätten (Kitas) und
Spielgruppen, spezifische Förderangebote für Risikofamilien oder familienfreundliche Arbeits-
Arbeitsmodellen und Elternurlaub.
bedingungen kosteten im Jahr 2015 schätzungsweise 2,7 Milliarden. Die Kosten verteilten sich
ungefähr je zur Hälfte auf Betreuungsangebote und familienfreundliche Arbeitsbedingungen; Kosten in Milliardenhöhe
die spezifischen Förderangebote kosteten 40 Millionen Franken. Da in allen Bereichen noch
ein beträchtliches Entwicklungspotenzial besteht, sind Investitionen im Umfang von fast Gestützt auf die für die Schweiz verfügba-
2 Milliarden pro Jahr nötig. Eine Gegenüberstellung der Kosten von Ausbauszenarien mit dem ren Daten und die Auswertung von in- und
erzielbaren Nutzen zeigt, dass sich diese Investitionen zumindest in der mittleren und längeren ausländischer Forschungsliteratur, wur-
Frist für die Schweiz lohnen. Da die Haushalte in der Schweiz heute stark belastet werden, den die Kosten und Nutzen verschiedener
scheint eine Diskussion über andere Finanzierungsmodelle angebracht. Massnahmen in diesen drei Bereichen grob
abgeschätzt. Im Jahr 2015 beliefen sich die
Kosten der untersuchten Massnahmen auf

F amilienpolitische Themen wie die


Einführung eines Elternurlaubs oder
zusätzliche Finanzierung für familien-
zu fördern. Darüber hinaus soll sie zu einer
besseren Vereinbarkeit von Familie und
Beruf beitragen. Um diese Ziele zu er-
schätzungsweise 2,7 Milliarden Franken.
Der Bereich der Betreuungs- und Förder-
angebote sowie die familienfreundlichen
ergänzende Betreuung werden derzeit reichen, braucht es eine breite Palette von Arbeitsbedingungen machen je rund die
politisch intensiv diskutiert. Als wissen- Leistungen der öffentlichen Hand, von Hälfte der ausgewiesenen Kosten aus. Die
schaftliche Grundlage für diese Dis- Unternehmen und weiteren Akteuren wie Unterstützungsmassnahmen für Risiko-
kussion hat das Zürcher Beratungs- und Stiftungen oder Vereinen. gruppen und andere fallen mit rund 1 Pro-
Forschungsunternehmen Infras zusammen In der Studie wurden erstens die zent kaum ins Gewicht.
mit der Universität St. Gallen im Auftrag Betreuungs- und Förderangebote für Aktuell besteht überall noch Raum für
der Jacobs Foundation ein Whitepaper zu Kinder im Vorschulalter wie Kindertages- weitere Entwicklung: Bei den Betreuungs-
den Kosten und Nutzen einer «Politik der stätten (Kitas), Tagesfamilien und Spiel- angeboten besteht beispielsweise noch
frühen Kindheit» verfasst.1 gruppen analysiert. Zweitens betrachteten Potenzial, das Angebot auszubauen und
Die Politik der frühen Kindheit hat zum wir Unterstützungsmassnahmen für auch die pädagogische Qualität zu ver-
Ziel, jedem Kind gleiche Chancen zu er- bestimmte Gruppen, insbesondere bessern. Und bei den familienfreundlichen
öffnen und alle Kinder in ihrer Entwicklung Programme zur Unterstützung von Risiko- Arbeitsbedingungen erachten wir etwa
familien und Familien mit Migrations- die Einführung eines 24- bis 44-wöchigen
1 Infras / Universität St. Gallen (2016). hintergrund. Und drittens beschäftigten Elternurlaubs als zielführend.2 Würden die
einzelnen Massnahmen gemäss den in der
Studie skizzierten Szenarien ausgebaut,
Jährliche Gesamtkosten einer Politik der frühen Kindheit (3 Szenarien; 2015) stiegen die Kosten um 70 Prozent auf rund
5 000       In Millionen Franken 4,6 Milliarden Franken pro Jahr (siehe Ab-
INFRAS / UNIVERSITÄT ST. GALLEN (2016), DARSTELLUNG INFRAS /

4 670 bildung).
4 000
3 890
Wirtschaft profitiert von
3 000
2 740 Betreuungsausbau
2 000 Den hier ausgewiesenen Kosten steht ein
beträchtlicher Nutzen gegenüber. Na-
DIE VOLKSWIRTSCHAFT

1 000 mentlich ist aufgrund der verfügbaren em-


pirischen Evidenz davon auszugehen, dass
0 ein weiterer Ausbau des Betreuungsan-
Ist-Situation Mittlerer Ausbau Starker Ausbau
2 Siehe auch Eidgenössische Koordinationskommission
  Familienfreundliche Arbeitsbedingungen        Angebote für Risikofamilien und Familien mit Migrationshintergrund      für Familienfragen (2010), Elternzeit-Elterngeld. Ein
  Betreuungs- und Förderangebote für Vorschulkinder Modellvorschlag der EKFF für die Schweiz.

40  Die Volkswirtschaft  5 / 2017


DOSSIER

KEYSTONE
Wenn ein Kind eine Kita besucht, können beide
Eltern arbeiten – davon profitiert die Wirtschaft.
gebots die Arbeitsmarktpartizipation von ausschlaggebend für die Betreuungsquali-
Frauen wirksam erhöht. Dies wiederum tät: Sie beeinflussen beispielsweise die
wirkt sich positiv auf die Unternehmen aus, Möglichkeiten des Personals, individuelle Im Bereich der familienfreundlichen
welche in Zeiten des Fachkräftemangels Bedürfnisse der Kinder zu erkennen und Arbeitsbedingungen entstehen den
einen direkten Nutzen aus dem grösseren zu berücksichtigen. Zusätzlich entscheidet Unternehmen zwar Kosten für die Bereit-
inländischen Arbeitskräfteangebot ziehen. das Betreuungsverhältnis über die Zeit, stellung von flexiblen Teilzeitarbeits-
Auch die öffentliche Hand profitiert dank welche für die individuelle Betreuung eines plätzen. Diese Kosten werden durch den
zusätzlicher Steuereinnahmen und Einspa- Kindes zur Verfügung steht. Mit anderen direkten Effekt der vermehrten Rückkehr
rungen im Bereich der sozialen Sicherheit. Worten leidet bei diesbezüglichen Kosten- von Müttern an den Arbeitsplatz und den
Neben dem direkten Nutzen wirken einsparungen die Qualität. damit verbundenen Einsparungen bei
sich die untersuchten Betreuungs- und Eine Studie des Berner Beratungs- und der Personalwiederbeschaffung jedoch
Förderangebote auch auf die kognitiven Forschungsunternehmens Ecoplan aus dem wieder aufgewogen. Deshalb fallen hier
und nicht kognitiven Fähigkeiten der Jahr 2016 ortet ein moderates Optimierungs- vor allem die Kosten des in den Ausbau-
Kinder mehrheitlich positiv aus, wie ver- potenzial bei den Regulierungen in der szenarien berücksichtigten Elternurlaubs
schiedene Studien zeigen. Die stärkste Eröffnungsphase einer Kinderkrippe. ins Gewicht.
Evidenz besteht dabei für Kinder aus Allerdings dürfte die Realisierung dieser Aufgrund ausländischer Studien kann
sozial benachteiligten Familien: Indem Potenziale die laufenden Betriebskosten vermutet werden, dass sich der Eltern-
Krippen und Spielgruppen diesen Kindern nur unwesentlich beeinflussen. urlaub tendenziell positiv auf die Arbeits-
ein gutes Umfeld bieten und sie auf den marktpartizipation von Müttern aus-
Kindergarten vorbereiten, verbessern sich Grosser Nutzen für Risikofamilien wirkt. Der Effekt hängt jedoch stark von
deren Bildungschancen. der konkreten Ausgestaltung ab; zu-
Sparpotenzial besteht hier relativ Kinder aus sozial benachteiligten Familien dem sind die ausländischen Erfahrungen
wenig, denn die Kosten eines Krippen- nutzen Kitas oder Spielgruppen seltener, nur bedingt auf die Schweiz übertragbar.
platzes in der Schweiz sind kaufkraft- obwohl sie am stärksten davon profitieren Trotzdem ist anzunehmen, dass ein Aus-
bereinigt nicht höher als im benachbarten würden – wie verschiedene Studien zei- bau der Elternzeit den Bedarf für familien-
Ausland. Die Löhne des Betreuungs- gen. Gezielte Massnahmen zur Unterstüt- ergänzende Kinderbetreuung im ersten
personals als wichtigster Kostenfaktor zung von Risikofamilien und Familien mit Lebensjahr leicht reduziert und somit im
sind im Vergleich zu anderen Berufs- Migrationshintergrund sind deshalb ein Bereich der Kitas etwas geringere Kosten
gruppen in der Schweiz eher tief.3 weiterer wichtiger Pfeiler einer Politik der anfallen.
Wichtige Determinanten der Vollkosten frühen Kindheit. Im Rahmen von Hausbe- Grundsätzlich sind die beiden Hand-
sind das Betreuungsverhältnis – das heisst suchsprogrammen beispielsweise können lungsfelder – Betreuungsangebote auf der
die Anzahl Kinder pro Betreuungsperson – Eltern in der Erziehung gezielt unterstützt einen und familienfreundliche Arbeits-
und der Anteil an qualifiziertem Personal. und motiviert werden, ihr Kind in eine Kita bedingungen auf der anderen Seite –
Gleichzeitig sind das Betreuungsverhält- oder eine Spielgruppe zu schicken. Mit ver- stark miteinander verzahnt. Für das Ge-
nis und der Anteil an qualifiziertem Personal gleichsweise geringem Aufwand kann hier lingen der Vereinbarkeit von Familie und
eine relativ grosse Wirkung erzielt werden. Beruf braucht es beides: ein qualitativ
3 Infras / Universität St. Gallen (2015).

Die Volkswirtschaft  5 / 2017  41
BERUF UND FAMILIE

hochstehendes familienergänzendes Be- Kita ist die Belastung je nach Einkommen hohe finanzielle Belastung der Haushalte
treuungsangebot und familienfreund- sogar noch höher; sie beträgt bei Haushal- schränkt den Zugang für Familien mit ge-
liche Rahmenbedingungen am Arbeits- ten mit tiefen Einkommen bis zu 44 Pro- ringem Einkommen zu den Betreuungsan-
platz. Ohne Kitas und Spielgruppen ist zent des Bruttoeinkommens. Die starke geboten ein und stellt insbesondere ein
eine erhöhte Arbeitsmarktpartizipation der finanzielle Belastung führt wiederum zu Hindernis für die Integration von Müttern
Frauen kaum erreichbar – doch ein Aus- geringen oder gar negativen Erwerbsan- in den Arbeitsmarkt dar.
bau der familienergänzenden Betreuung reizen: Zumindest in der kurzen Frist lohnt Im Gegensatz dazu sind die Ausgaben
allein genügt nicht, denn die meisten Eltern es sich für einen Haushalt nicht, dass bei- der öffentlichen Hand für die Politik der
wollen ihre Kinder nach wie vor zu einem de Elternteile beruflich tätig sind. frühen Kindheit im internationalen Ver-
grossen Teil selber betreuen. Verschiedene Angebote der Politik der gleich eher tief. Eine Diskussion über die
Durch die Summe der Humankapital- frühen Kindheit werden via allgemeine künftige Finanzierung der Politik der frühen
effekte bei Müttern und Kindern stärkt Steuermittel mitfinanziert. Der grösste Kindheit scheint deshalb empfehlenswert.
die Politik der frühen Kindheit die Wett- Ausgabenposten der öffentlichen Hand
bewerbsfähigkeit und die Produktivität ist die Mitfinanzierung der Betreuung in
der Wirtschaft. Zudem tragen die unter- Kitas, Spielgruppen und Tagesfamilien.
suchten Massnahmen zu einer gerechteren Dazu kommen die Ausgaben im Bereich
Verteilung von Bildung und Einkommen der Unterstützungsangebote für Risiko-
und damit zur Armutsprävention bei. Des- familien und Familien mit Migrations-
halb dürften sich Investitionen in die hintergrund. Insgesamt schätzen wir die
Politik der frühen Kindheit zumindest in Ausgaben von Bund, Kantonen und Ge-
der mittleren und längeren Frist auszahlen. meinden für die Politik der frühen Kind-
Um den Return on Investment genauer heit auf rund 600 Millionen Franken pro Susanne Stern
zu beziffern, wären allerdings zusätzliche Jahr. Dies entspricht einem Wert von Sozialgeografin, Bereichsleiterin und
empirische Studien für die Schweiz nötig 0,1 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP). Partnerin Forschungs- und Beratungsbüro
Infras, Zürich
– insbesondere zu den mittel- und länger- Im Vergleich mit anderen Industrie-
fristigen Wirkungen der Programme und staaten sind die Ausgaben der öffentlichen
Massnahmen. Hand relativ tief: Alleine die öffentlichen
Ausgaben für die familienergänzende
Hohe Elternbeiträge setzen Kinderbetreuung im Vorschulbereich be-
laufen sich im OECD-Schnitt auf 0,3 Pro-
Fehlanreize zent des BIP.4
Ein beträchtlicher Teil der Kosten der Poli- Auch die Arbeitgeber beteiligen sich
tik der frühen Kindheit wird heute von an der Finanzierung der Politik der frühen
den privaten Haushalten getragen. Kitas, Kindheit, und zwar in dreierlei Hin- Monika Bütler
Spielgruppen und Tagesfamilien werden sicht: erstens über direkte Beiträge zur Professorin für Volkswirtschaftslehre,
mehrheitlich über Elternbeiträge finan- Finanzierung von Kitas und Tagesfamilien. Schweizerisches Institut für Empirische
ziert – im Durchschnitt beträgt der Eltern- Zweitens über Arbeitgeberbeiträge an die Wirtschaftsforschung (SEW-HSG),
Universität St. Gallen
anteil bei den Kitas je nach Kanton und Ge- Erwerbsersatzkasse und drittens über die
meinde rund zwei Drittel der Vollkosten; Bereitstellung von familienfreundlichen
bei den Spielgruppen sind es sogar bis zu Teilzeitarbeitsplätzen. Literatur
drei Viertel. Im internationalen Vergleich Ecoplan (2016). Regulierungen für die Eröffnung
einer Einrichtung der familienergänzenden Kinder-
sind Schweizer Familien damit überdurch- Über die Finanzierung sprechen betreuung, Wissenschaftlicher Bericht im Auftrag
schnittlich stark durch Ausgaben für die des Bundesamts für Sozialversicherungen, Bern.
Infras / Universität St. Gallen (2015). Analyse der Voll-
familienergänzende Betreuung belastet. Die Kosten-Nutzen-Bilanz zeigt, dass die kosten und der Finanzierung von Krippenplätzen in
Die in der Studie betrachteten Haushalts- Politik der frühen Kindheit beträchtliche Deutschland, Frankreich und Österreich im Vergleich
zur Schweiz. In: Beiträge zur Sozialen Sicherheit,
typen geben bis zu ein Viertel ihres jähr- Investitionen erfordert, die aber mittel- Forschungsbericht 3/15. Bundesamt für Sozialver-
lichen Bruttoeinkommens für die Betreu- und langfristig amortisiert werden. Die sicherungen (Hrsg).
Infras / Universität St. Gallen (2016). Whitepaper
ung ihrer Kinder in einer subventionierten zu den Kosten und Nutzen einer Politik der frühen
Kita aus. Bei einer nicht ­subventionierten 4 OECD Family Database (2012), OECD-33. Kindheit. Jacobs Foundation.

KMU-Handbuch Beruf und Familie


Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie hat sich auf setzung zu bieten, hat das Staatssekretariat für Wirt- überarbeitet. Praxisbeispiele aus der ganzen Schweiz
Arbeitgeberseite als zielführende Unternehmens- schaft (Seco) vergangenes Jahr das 2007 lancierte zeigen, wie moderne Kommunikationstechnologien
strategie etabliert und wird gesellschaftlich als zeit- KMU-Handbuch «Beruf und Familie» auf den es deutlich vereinfachen, entsprechende Mass-
gemässe Personalpolitik betrachtet. Auch Schweizer neuesten Stand gebracht. Die Neuauflage als inter- nahmen umzusetzen.
KMU fahren gut mit massgeschneiderten Strategien aktives PDF bündelt die aktuellsten Erkenntnisse zur
zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Um den Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Die praktischen PDF abrufbar unter Seco.admin.ch/kmu-handbuch
Arbeitgebenden ein aktuelles Instrument zur Um- Informationen für die Betriebe wurden umfassend Kontakt: dragan.ilic@seco.admin.ch

42  Die Volkswirtschaft  5 / 2017


DOSSIER

Jobsharing in der Schweiz immer beliebter


Dank der Digitalisierung erlebt Jobsharing einen Aufschwung: Arbeitgebern hilft diese Arbeits-
form, ihre besten Mitarbeitenden zu halten. Arbeitnehmende wiederum können Tätigkeiten zu
Hause oder in verschiedenen Berufen besser kombinieren – ohne auf Verantwortung zu
verzichten.   Irenka Krone-Germann

Jobsharing  in der öffentlichen Verwaltung


Abstract  Beim Jobsharing teilen sich zwei (oder mehr) Arbeitnehmende eine Vollzeitstelle mit
sowie bei Finanzdienstleistern und Ver-
verschiedenen, voneinander abhängigen Aufgaben und gemeinsamer Verantwortung. Wird
dieses Arbeitsmodell für Kaderpositionen verwendet, spricht man von «Topsharing». Durch die sicherungen2, wo das Arbeitsmodell in den
Digitalisierung haben sich die Möglichkeiten der Kommunikation zwischen den im Jobsharing letzten Jahren an Bedeutung gewonnen hat.
arbeitenden Personen verbessert. Dossiers und Aufgaben lassen sich so problemlos nachver- Unternehmen, welche Jobsharing in
folgen. Mit der Stellenteilung können Unternehmen kompetente Mitarbeitende und Know- Kaderpositionen aktiv fördern, sind bei-
how leichter halten. Zudem gewinnt das Unternehmen auf dem Arbeitsmarkt an Attraktivität. spielsweise in den Branchen ICT, Bank-
Eine geeignete Zweitperson für ein Jobsharing zu finden, kann allerdings schwierig sein. Des- und Versicherungswesen, Energie, Kunst,
halb braucht es Plattformen, um Personen zusammenzubringen, die in beruflicher Hinsicht zu- kantonale Verwaltungen und Bundesver-
einanderpassen. waltung sowie Forschung und Lehre anzu-
treffen.3

D  urch die Digitalisierung der Infor­


mations­ flüsse und die zunehmende
Flexibilisierung ändert sich das Arbeits-
Während es früher kaum vorstellbar war,
dass sich zwei Personen eine Führungs-
position mit Verantwortung teilen, er-
Digitalisierung erleichtert Job-
sharing
umfeld rasch. Homeoffice, Reorganisation freut sich das sogenannte Topsharing Internet sei Dank: Die Informationstechno-
von Vollzeitäquivalenten, «Crowdworking» heute zunehmender Beliebtheit und ist logien haben die Kommunikation zwischen
und dank digitaler Netzwerke horizontal sowohl in der Privatwirtschaft wie auch in den im Jobsharing arbeitenden Personen
organisierte kollektive Arbeitsintelligenz: der Verwaltung bereits auf verschiedenen optimiert, und Dossiers sowie Aufgaben
All das steht für die Arbeit 4.0. Vor diesem Hierarchiestufen anzutreffen. können problemlos nachverfolgt werden.
Hintergrund ist das Modell der Stellenteilung In der Schweiz besetzen bereits 27 Pro- Schnellere, gemeinsam getroffene Ent-
− Jobsharing oder bei Führungspositionen zent der Unternehmen Stellen im Job- scheidungen führen zu einer höheren Pro-
«Topsharing» − besonders interessant. sharing, rund ein Viertel davon sind Kader- duktivität eines Jobsharing-Tandems. Auf
Jobsharing ist an sich kein neues Konzept, positionen.1 Am stärksten verbreitet ist zwei Personen aufgeteilte Berufstätigkei-
sondern entstand bereits in den Sechziger-
jahren in den USA; 1977 erwähnte es die 1 Amstutz N. und Jochem A. (2014), Teilzeitarbeit und Job- 2 Ebd.
Ökonomin Barney Olmsted als Erste in der sharing in der Schweiz, FHNW. 3 Siehe auch Testimonials auf Go-for-jobsharing.ch.
Fachliteratur. Dank der Digitalisierung er-
lebt Jobsharing heute einen Aufschwung.
Hinzu kommt, dass sich Arbeitnehmende Gründe für die Einführung von Jobsharing auf den oberen Hierarchiestufen
aller Generationen («Babyboomer», Steigerung der Motivation der
Generation X, Y und Z) wie auch Arbeit- qualifizierten Arbeitnehmenden
geber und HR-Verantwortliche immer Erhaltung des Wissens des
stärker dafür interessieren. Letztere ver- hochqualifizierten Personals für
das Unternehmen / die Organisation
suchen, auf diese Weise kompetente Mit-
arbeitende im Unternehmen zu halten, Bessere Aufstiegsmöglichkeiten
für Frauen ermöglichen
welche Beruf und Familie vereinbaren
wollen oder Abwechslung suchen, indem Steigerung der Attraktivität des
sie nebeneinander verschiedenen beruf- Arbeitgebers
lichen Tätigkeiten nachgehen. Aus Überzeugung (die Aufteilung von
Das Prinzip des nach wie vor innovativen Kaderpositionen ist ein Vorteil für das
FHNW (2014) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Unternehmen)
Modells ist simpel: Zwei (oder mehr)
Vermittlung von Erfahrung von Seniors
Arbeitnehmende teilen sich eine Vollzeit- an Jüngere (z.B. intergenerationelles
stelle mit verschiedenen, voneinander ab- Jobsharing)
hängigen Aufgaben und gemeinsamer
Weitere Gründe
Verantwortung. Die beiden Personen
treten beruflich als Einheit auf und können
0 10 20 30 40 50 60 70
sich gegenseitig vertreten − beurteilt
In %
wird letztlich das gemeinsame Ergebnis. Mehrfachnennungen möglich.

Die Volkswirtschaft  5 / 2017  43
BERUF UND FAMILIE

Jobsharing: Sammelband und nicht Vollzeit arbeiten zu müssen. So Wissen, was für die Wettbewerbsfähigkeit
Informationen im Internet arbeiten heute über 60 Prozent aller des Unternehmens entscheidend ist. Die
Frauen mit einem Hochschulabschluss beiden Gründe zeigen: Massnahmen zur
Der Verein Part Time Optimisation (PTO) hat und mindestens einem Kind Teilzeit.4 Auch Erhaltung qualifizierter Arbeitskräfte im
die Initiative Go-for-jobsharing lanciert und
unter der Leitung der Co-Gründerin von PTO, auf Führungspositionen ist es von Vor- Unternehmen werden immer wichtiger,
Irenka Krone-Germann, und von Alain Max teil, auf ein Duo zu setzen, zumal dieses insbesondere angesichts des Fachkräfte-
Guénette, Professor an der Westschweizer im Vergleich zu einer einzigen Person mit mangels. Der am dritthäufigsten genannte
Fachhochschule ARC, den mehrsprachigen
einer Teilzeitstelle eine höhere Präsenz im Grund war die Ermöglichung besserer
Sammelband Le partage d’emploi – Jobsharing
Neue Chancen und Herausforderungen der Arbeit Unternehmen aufweist. Aufstiegsmöglichkeiten für Frauen.
(Ed. L’Harmattan) mit Beiträgen von 34 Autoren Diese Ziele gewinnen zusehends an
aus fünf Ländern veröffentlicht. Unterstützt Bedeutung: Zahlreiche Mitarbeitende
wird PTO vom Eidgenössischen Büro für die Qualifizierte Mitarbeitende halten
Gleichstellung von Frau und Mann sowie von
sehen in einem flexiblen und innovations-
diversen privaten Sponsoren. Der Verein betreut HR-Verantwortliche und die Unterneh- freundlichen Arbeitsumfeld eine Chance,
Tandems, die an Jobsharing interessiert sind, mensleitung müssen alles daransetzen, sich auch in anderen Berufsfeldern zu be-
und organisiert «Jobsharing Meet-ups» in ver- kompetente Mitarbeitende im Betrieb zu tätigen oder sich daneben sogar selbst-
schiedenen Schweizer Städten. Des Weiteren
führt er Workshops in Unternehmen durch,
halten. Eine hoch qualifizierte Frau, die ständig zu machen. Und: Immer mehr
die sich an Führungskräfte, HR-Fachleute und nach zehn Jahren im Berufsleben ihr ers- Menschen gehen heutzutage freiwillig
potenzielle Jobsharing-Kandidaten richten. Am tes Kind erwartet, möchte nach der Ge- mehreren Berufstätigkeiten nach. Die
6. November 2017 organisiert PTO zusammen burt vielleicht nur noch Teilzeit arbeiten. US-Forscherin Marci Alboher hat solche
mit seinen Partnern in Basel das zweite inter-
nationale Kolloquium zum Thema Job- und Lässt ihre Kaderposition dies nicht zu, wird Doppel- oder Parallelkarrieren 2007 als
Topsharing. das Unternehmen sie unter Umständen für «Slash Careers» bezeichnet.
Plattformen wie Wejobshare.ch und immer verlieren. Dank Job- oder Topsha-
Tandemploy.com erleichtern die Suche nach ring bleibt die Firma im Vergleich zur Kon-
einer passenden Person für ein Jobsharing. Für Suchen, finden – starten
praktische Fragen ist die Website Go-for-job- kurrenz attraktiv. Gleichzeitig bleibt dem
sharing.ch empfehlenswert, welche sich sowohl Unternehmen das Know-how der Mit- Die Grundvoraussetzung für ein effizien-
an Arbeitgeber und HR‑Fachleute als auch an arbeitenden erhalten – sein wertvollstes tes Jobsharing ist nach wie vor, dass sich
Arbeitnehmende richtet.
Kapital. Durch ein generationenübergrei- zwei passende Personen finden. Zuerst
fendes Jobsharing lässt sich das Fachwis- muss man jemanden suchen, mit dem man
sen zudem von den älteren Mitarbeitenden gewisse Werte teilt. Danach gilt es, sich
ten können heute am gleichen Ort oder an die jüngeren weitergeben. gegenseitig kennen zu lernen und auszu-
auch an verschiedenen Orten gleichzeitig Im Jahr 2014 befragte die Fachhoch- probieren, ob eine Zusammenarbeit funk-
ausgeübt werden. schule Nordwestschweiz (FHNW) landes- tioniert. Erst dann kommt eine gemeinsa-
Für die Rekrutierung und die Suche weit 382 Unternehmen mit insgesamt me Kandidatur infrage (siehe Kasten).
nach potenziellen Jobsharing-Partnern 180  000 Mitarbeitenden zu Jobsharing
set­
zen die entsprechenden Plattformen (siehe Abbildung).5 Als wichtigsten Grund
auf Big Data. Algorithmen erleichtern es für die Einführung von Jobsharing auf den
Interessierten, berufliche Kontakte zu oberen Hierarchiestufen nannten die be-
knüpfen, aus welchen Jobsharing-Tandems fragten Führungskräfte die Motivations-
entstehen können. steigerung von qualifizierten Mitarbeitern
Da der Anteil an Teilzeitmitarbeitenden (Talentbindung). Am zweitwichtigsten
stetig zunimmt, zeigen immer mehr Unter- war die Erhaltung und Vermittlung von
nehmen Interesse am Modell. Mehr als ein
Drittel aller Beschäftigten in der Schweiz 4 BFS (2015). Irenka Krone-Germann
arbeiten Teilzeit. Ein Grund dafür sind die 5 Krone-Germann Irenka, De Chambrier Anne Aymone Dr. oec., Co-Gründerin und Geschäftsfüh-
und Amstutz Nathalie (2014), Nationale Befragung und rerin des Vereins Part Time Optimisation
generell hohen Löhne, welche es Personen Informationsplattform zum Jobsharing in der Schweiz, (PTO), Co-Gründerin We Jobshare GmbH
mit einer guten Ausbildung e­rlauben, Die Volkswirtschaft, 6–2014, 22−23.

44  Die Volkswirtschaft  5 / 2017


DOSSIER

Jobsharing hat nicht nur Vorteile für Frauen


Dank Jobsharing lassen sich Familie und Beruf besser vereinbaren. Wenn dies jedoch nur Frauen
praktizieren, ist diese Arbeitsform nichts anderes als eine weitere Ausprägung von Teilzeit-
arbeit – mit all ihren Nachteilen.   Nicole Baur

ration standen im Spannungsfeld zwischen


Abstract  Unter den verschiedenen Massnahmen, dank denen Eltern Beruf und Familie besser
der Vorgängergeneration, die sich haupt-
vereinbaren können, ist auch Jobsharing ein nützliches Instrument. Doch das Potenzial dieser
Arbeitsform sollte nicht überschätzt werden. Da vor allem Frauen auf Jobsharing setzen, ver-
sächlich auf ihre Mutterpflichten und die
stärkt diese Arbeitsform die Unterschiede zwischen dem beruflichen Werdegang von Frauen Arbeiten im Haushalt konzentriert hatte,
und Männern und trägt dazu bei, dass Frauen nur selten in einflussreichen Positionen zu finden und ihrem Bedürfnis, auch ausserhalb des
sind. Denn eine Stellenteilung ist mit Teilzeitarbeit und allen damit einhergehenden Nachteilen Haushalts einer Tätigkeit nachzugehen.
verbunden, insbesondere mit geringeren Karrierechancen und einer tieferen Rente. Solange Vor diesem Hintergrund haben sie sich als
fast ausschliesslich Frauen Jobsharing praktizieren, werden das vorherrschende Familien- Kompromiss für die Teilzeitarbeit entschie-
modell und die Rollenteilung zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit nicht infrage gestellt. den.
 Auch die öffentliche Hand profitiert: Sie
spart umfangreiche Investitionen in die
familienergänzende Kinderbetreuung. Es

W  er eine Familie gründen möchte und


gleichzeitig arbeiten will, steht vor
grossen Herausforderungen. Diese sind in
Laut der Organisation für wirtschaft-
liche Zusammenarbeit und Entwicklung
(OECD) schneidet die Schweiz bei der
kommt zwar selten vor, dass Arbeitgeber
ihren Angestellten, die eigentlich mehr
arbeiten möchten, eine Teilzeitarbeit auf-
der Schweiz noch schwieriger zu bewältigen Gleichstellung der Geschlechter schlecht zwingen. Trotzdem wirft der «freie Ent-
als in anderen Ländern.1 So sind die Angebote ab: Sie liegt auf dem 27. Rang und scheid» für die Teilzeitarbeit einige Fragen
an familienexterner Kinderbetreuung un- damit weit hinter den meisten anderen auf.
zureichend. Ausserdem erschweren in den europäischen Ländern. Insbesondere die Der Mythos von der «Rabenmutter»,
meisten Kantonen die Unterrichtszeiten der beruflichen Möglichkeiten von Frauen die ihr Kind extern betreut und damit ver-
Schulen eine Vollzeitarbeit, und die Kosten für werden als unbefriedigend erachtet, da meintlich im Stich lässt, ist insbesondere
die Fremdbetreuung sind abschreckend hoch. lediglich ein Viertel der Frauen Vollzeit in der Deutschschweiz noch immer weit
Die Schweiz gehört zu den Industrie- arbeitet – gegenüber drei Vierteln bei den verbreitet. Ausserdem ist die liberale Auf-
staaten, die am wenigsten staatliche Mittel Männern. Unter diesen Umständen hat fassung, die durch Kinder verursachten
für die Familienpolitik aufwenden.2 Dies Teilzeitarbeit bestenfalls eine Stagnation Kosten seien Privatsache, ebenfalls nach
gilt insbesondere für die Angebote im Be- von beruflicher Karriere und Lohn zur wie vor in vielen Köpfen verankert, wie sich
reich der Kleinkinderbetreuung. Im inter- Folge, im schlimmsten Fall bewirkt sie eine bei allen Abstimmungen über familien-
nationalen Vergleich setzen Schweizer Rückstufung. politische Fragen gezeigt hat – sei es bei
Eltern den grössten Anteil ihres Ein- Eine Aufteilung einer Stelle in zwei der Mutterschaftsversicherung oder beim
kommens für die familienergänzende gleiche Teile erscheint somit grundsätz- Verfassungsartikel über die Familien-
Kinderbetreuung ein. Zu diesen Kosten lich als Fortschritt. Insbesondere das so- politik, mit dem den Kantonen eine ge-
kommen verhältnismässig hohe Steuern. genannte Topsharing – eine geteilte wisse Verantwortung für die familien-
Denn das Steuersystem kennt keine Führungsposition – bietet die Möglichkeit, ergänzende Kinderbetreuung übertragen
Individualbesteuerung und besteuert ins- trotz Teilzeitarbeit eine verantwortungs- werden sollte.
besondere den Mittelstand stark progressiv. volle Funktion auszuüben. Dennoch sind
Da auch die Kinderbetreuungskosten die Risiken und Nachteile dieser Arbeits- Eine ungleiche Wahl
von der Höhe des Einkommens abhängen, form nicht zu unterschätzen. Namentlich
hält das System den zweiten Erwerbs- in Bezug auf die Gleichstellung von Mann Die Kombination von institutionellen und
tätigen eines Elternpaars – in der Regel ist und Frau kommen die gleichen Nachteile regulatorischen Faktoren hat zur schwie-
das die Mutter – davon ab, wöchentlich zum Zuge wie bei der Teilzeitarbeit. rigen Situation geführt, mit der wir heu-
mehr als zwei oder drei Arbeitstage einer te in der Schweiz konfrontiert sind. Die
Erwerbstätigkeit nachzugehen.3 Die «Rabenmütter» Vereinbarkeit von Beruf und Familie las-
1 Dieser Artikel bezieht sich auf den Beitrag der Autorin
tet hauptsächlich auf den Schultern der
Job sharing: atout ou piège pour l’égalité entre les Die in Teilzeit ausgeübte Erwerbstätig- Frauen, welche sich für ein Familienmo-
sexes?, in: Le partage d’emploi – Job sharing, Paris, 2016, keit hat sich in den Neunzigerjahren stark dell «entscheiden». Demgegenüber wird
251–260.
2 In Prozent des BIP, OECD Family Database. entwickelt. Sie galt als idealer Kompromiss die berufliche Karriere von Vätern nicht
3 Monika Bütler (2009), Wenn die Arbeit mehr kostet als zwischen dem Wunsch der Frauen nach beeinträchtigt. Entsprechend hängt
sie einbringt, Studie über die Auswirkungen der Be-
steuerung und Krippenkosten auf die Erwerbstätigkeit beruflicher Verwirklichung und ihren Vor- der Beschäftigungsgrad der Mütter von
der Frauen, Universität St. Gallen, im Auftrag der der stellungen vom Muttersein. Die Frauen der ihrem Einkommen, vom Einkommen des
Westschweizer Gleichstellungskonferenz; BFS, Sake-
Daten (2013). letzten Jahrgänge der Babyboomer-Gene- Partners, vom Alter der Kinder und vom

Die Volkswirtschaft  5 / 2017  45
BERUF UND FAMILIE

KEYSTONE
In den meisten Familien bleiben die Mütter öfter
zu Hause als die Väter.
sie als minderwertige Arbeitsform be- nehmen sie grosse wirtschaftliche Risiken
trachtet wird – als Besonderheit, die auf auf sich, insbesondere bei einer Scheidung
­ ngebot im Bereich der Betreuungsstruk-
A eine traditionelle Rollenverteilung zurück- und bei der Pensionierung.
turen ab. zuführen ist. Die Teilzeitarbeit zementiert Ebenfalls nicht infrage gestellt wird die
Die Übervertretung von Männern bei diese stereotype Aufgabenteilung, indem hauptsächlich private Finanzierung der
den Vollzeitstellen und von Frauen bei die Teilzeitarbeit als etwas betrachtet familienergänzenden Kinderbetreuung –
der Teilzeitarbeit lässt sich in allen Alters- wird, was in erster Linie Frauen betrifft. was die Nachteile verstärkt. Selbst wenn
gruppen feststellen. Die Unterschiede Wenn also Frauen weiterhin haupt- zwei Frauen die Aufgaben einer Kader-
beim beruflichen Werdegang zwischen sächlich für die Hausarbeit zuständig sind, stelle unter sich aufteilen, bringen sie
Vätern und Müttern sind der Grund während die Männer weiterhin zwei Drittel mit ihrem Entscheid für die Teilzeitarbeit
dafür, dass sich hauptsächlich Frauen zum Familieneinkommen beisteuern, ist zu zum Ausdruck, dass sie den wesentlichen
für ein Arbeitsmodell wie das Jobsharing befürchten, dass die Ungleichheit weiter Teil der Haus- und Familienarbeit über-
interessieren. Je nach sozialer Schicht zunimmt oder dass sie zumindest bei- nehmen. Erst wenn gleich viele Väter wie
fällt der «Entscheid» für die Teilzeitarbeit behalten wird. Männer und Frauen werden Mütter Teilzeit arbeiten, wird die mit dieser
allerdings unterschiedlich aus. So ziehen dadurch auch in Zukunft nicht im gleichen Arbeitsform verbundene Symbolik neu
sich Frauen mit einem höheren sozio- Umfang in die berufliche Vorsorge ein- definiert.
ökonomischen Status nach der Geburt zahlen, und sie werden nicht die gleichen
ihrer Kinder weniger häufig vom Arbeits- Karrierechancen haben.
markt zurück. Es ist davon auszugehen, Zweifellos vermögen Job- oder Top-
dass diese gut ausgebildeten Frauen am sharing die Nachteile, welche die Teil-
ehesten ein Jobsharing oder ein Top- zeitarbeit mit sich bringt, am besten zu
sharing für sich in Anspruch nehmen. kompensieren. Aber: Das heutige bürger-
Wäre die Reduktion des Be- liche Familienmodell – der Mann arbeitet
schäftigungsgrads gleichmässig auf zu 100 Prozent und die Frau zu 50 Pro-
beide Partner verteilt, würde sie die Un- zent – wird nicht infrage gestellt. Indem
gleichheit zwischen den Geschlechtern die Frauen weiterhin den wesentlichen Teil
nicht verstärken. Bleibt hingegen die Teil- der Kinderbetreuung leisten, gefährden Nicole Baur
zeitarbeit hauptsächlich eine Sache der sie ihre Chancen auf berufliches Weiter- Gleichstellungsbeauftragte des Kantons
Neuenburg
Frauen, besteht weiterhin die Gefahr, dass kommen und Lohnerhöhungen. Damit

46  Die Volkswirtschaft  5 / 2017


DOSSIER

Jede zweite Rentnerin ohne Pensions-


kassenrente
Bei den Vorsorgegeldern klafft eine Lücke zwischen den Geschlechtern. Rentnerinnen stehen
37 Prozent weniger Geld zur Verfügung als Rentnern. Der Hauptgrund liegt darin, dass viele
Frauen kaum eine berufliche Vorsorge ansparen konnten.   Robert Fluder, Renate Salzgeber

Prozent geringer als der durchschnittliche


Abstract  Erstmals hat eine Studie der Berner Fachhochschule Soziale Arbeit die Altersrenten
Männerlohn.1
der Männer und Frauen in der Schweiz integral untersucht. Dabei zeigen sich erhebliche
Unterschiede zwischen den durchschnittlichen Renten der Frauen und der Männer. Dieser so-
Bei Paaren mit Kindern übernehmen
genannte Gender Pension Gap (GPG) beträgt in der Schweiz 37 Prozent und entspricht damit Frauen meist den grössten Teil der Kinder-
etwa dem europäischen Mittel. Grosse Rentenunterschiede existieren ausschliesslich bei der betreuung und weisen deshalb häufiger
beruflichen Vorsorge und beim steuerbegünstigten Sparen der dritten Säule. Eine hohe und Erwerbsunterbrüche oder eine reduzierte
konstante Erwerbsbeteiligung der Frauen sowie der Abbau der Lohnunterschiede könnten die Erwerbstätigkeit auf. Der Entscheid für ein
Rentenunterschiede in Zukunft reduzieren. Eine grosse Bedeutung für die Altersvorsorge hat bestimmtes Familienmodell wird dabei von
auch die Wahl des Familienmodells, d. h. die Aufteilung der Erwerbstätigkeit und der Familien- Wertvorstellungen, Rahmenbedingungen
arbeit. wie beispielsweise verfügbaren Kinder-
betreuungsangeboten oder Erwerbsmög-
lichkeiten geprägt.

D  ie Schweizer Altersvorsorge ruht auf


drei Pfeilern. Die erste Säule (AHV)
garantiert zusammen mit den Ergänzungs-
schnitt rund 2 Prozent. Es ist zu beachten,
dass die untersuchten Kohorten erst
in der zweiten Hälfte ihrer Erwerbsbio-
Bei den in der Studie einbezogenen
Rentnergenerationen war diese Rollen-
teilung noch deutlich ausgeprägter.
leistungen eine existenzsichernde Alters- grafie vom Obligatorium der beruflichen So waren die Frauen der untersuchten
rente für alle in der Schweiz wohnhaften Vorsorge und den Möglichkeiten des Rentnergenerationen in den letzten
Personen, wobei die Maximalrente doppelt steuerbegünstigten Sparens profitieren 20 Jahren vor der Pensionierung im Durch-
so hoch ist wie die Minimalrente. In der konnten. Spätere Generationen werden schnitt während lediglich 64 Prozent des
ersten Säule sind die Rentenunterschiede deshalb vermutlich häufiger eine voll- Zeitraums erwerbstätig, Männer hingegen
vergleichsweise gering und die Regeln der ständige Alterssicherung aus allen drei arbeiteten während 85 Prozent der Zeit.
Rentenbildung für alle Personen gleich. Säulen haben. Die Daten enthalten jedoch keine Angaben
Im Gegensatz zum universalistischen zum Beschäftigungsumfang.
Prinzip der AHV ist die Alterssicherung in Frauen verdienen ein Fünftel Noch ausgeprägter sind die Unter-
der beruflichen Vorsorge (zweite Säule) schiede in dieser Lebensphase in Bezug
und beim steuerprivilegierten Sparen
weniger auf das erzielte Erwerbseinkommen. Im
(dritte Säule) individuell ausgerichtet. Hier Die Erwerbsbiografien von Männern und Durchschnitt verdienten die Frauen in den
werden die Beiträge nur im Zusammen- Frauen unterscheiden sich heute noch letzten 20 Jahren vor der Pensionierung
hang mit einer Erwerbsarbeit geleistet. grundsätzlich. Frauen arbeiten häufiger lediglich 35 Prozent so viel wie die
Weil Erwerbstätige mit einem tiefen Ein- Teilzeit und sind öfter in tieferen Positionen Männer, wobei das Einkommensgefälle
kommen und Selbstständigerwerbende sowie in Branchen mit einem unterdurch- bei Verheirateten besonders gross war
nicht obligatorisch in der zweiten Säule schnittlichen Lohn anzutreffen. Dies spie- (siehe Abbildung 2). Gründe für das massiv
versichert sind, haben nicht alle Anspruch gelt sich in den Löhnen. So war der auf eine tiefere Einkommen der Frauen sind
auf eine Rente der beruflichen Vorsorge. volle Stelle umgerechnete Lohn von Frauen
Je nach Pensionskasse kommen zudem in der Privatwirtschaft im Jahr 2014 um 19,5 1 BFS (2017).
Unterschiede bei der Verzinsung und beim
Umwandlungssatz hinzu.
In unserer Studie haben wir die Alters- Bezugsquote von Rentnern nach Geschlecht; Gender Pension Gap
SESAM (2012), BERECHNUNGEN FLUDER ET AL. /

renten von Pensionierten der Jahrgänge


1937 bis 1948 untersucht (siehe Kasten). AHV Berufliche 3. Säule Total
Vorsorge
Im Jahr 2012 machte die erste Säule bei
dieser Rentnergruppe im Durchschnitt Männer 100% 77,6% 26,0% –
DIE VOLKSWIRTSCHAFT

69 Prozent der gesamten Altersrente aus; Frauen 100% 54,6% 14,2% –


lediglich 29 Prozent der Renten stammten Gender Pension Gap 2,7% 63,0% 54,4% 37,1%
aus der zweiten Säule (siehe Abbildung 1).
Der dritten Säule kam nur eine unter- AHV-Rentner zwischen 64/65 und 75 Jahren; N=3855, Missings: N=422, gewichtet gemäss BFS; berufliche
geordnete Bedeutung zu – ihr Anteil an der Vorsorge inkl. in Rente umgewandelten Kapitalbezugs; dritte Säule entspricht dem in Rente umgewandelten
gesamten Altersrente betrug im Durch- Kapital.

Die Volkswirtschaft  5 / 2017  47
BERUF UND FAMILIE

123RF
Die Renten von Frauen sind durchschnittlich fast
40 Prozent tiefer als diejenigen von Männern.
E­rwerbsunterbrüche, der Rückzug aus Pensionskassenrente (siehe Tabelle). Leis-
dem Arbeitsmarkt, Teilzeitarbeit und An- tungen aus der dritten Säule haben bei den
stellung im Tieflohnbereich. Im Gegensatz untersuchten Rentnergenerationen ledig- Im Unterschied zur AHV kommt es
zu den verheirateten, den geschiedenen lich 14 Prozent der Frauen und 28 Prozent bei der beruflichen Vorsorge zu keinem
und den verwitweten Frauen war der aus- der Männer. Splitting der Rentenansprüche. Nur bei
gewiesene Einkommensunterschied bei Der sogenannte Gender Pension Gap einer Scheidung werden die während der
den Ledigen relativ gering. Vermutlich (GPG) zeigt auf, um wie viel Prozent die Ehe erworbenen Ansprüche der beruf-
auch deshalb, weil diese – unabhängig Renten der Frauen im Durchschnitt tiefer lichen Vorsorge aufgeteilt. Auch im
vom Geschlecht – oft vollzeitlich oder sind als jene der Männer. Insgesamt be- Todesfall des Mannes erhalten Frauen
zu einem hohen Beschäftigungsgrad er- trägt der Unterschied der Renten von eine Witwenrente.
werbstätig waren. Frauen und Männern 37 Prozent. Dabei Wird der GPG ohne die verheirateten
ist zu beachten, dass die AHV-Renten der Personen berechnet, beträgt der Renten-
Renten der Frauen 37 Prozent Frauen und Männer praktisch gleich hoch unterschied noch 21 Prozent. Dieser
sind. Betrachtet man lediglich die Renten Wert ist vermutlich aussagekräftiger, da
tiefer aus der beruflichen Vorsorge, sind die bei Verheirateten von einer Haushalts-
Wie gross sind die geschlechtsspezifischen Renten der Frauen im Durchschnitt sogar gemeinschaft ausgegangen werden kann
Unterschiede bei den Bezugsquoten aus 63 Prozent tiefer. Bei der dritten Säule und es deshalb nicht so zentral ist, an wen
den drei Säulen der Altersvorsorge? Wäh- beträgt der Rentenunterschied 54 Pro- die Pensionskassenrente ausbezahlt wird.
rend beinahe die gesamte Bevölkerung An- zent. Somit ist das grosse Rentengefälle
spruch auf eine AHV-Rente hat, erhalten zwischen Männern und Frauen haupt- Ursachen des Gender Pension Gap
fast die Hälfte der Frauen keine Rente aus sächlich durch die viel geringeren Renten
der beruflichen Vorsorge. Dagegen bezie- aus der beruflichen Vorsorge bei Frauen Auch heute noch dominiert bei den Frau-
hen mehr als drei Viertel der Männer eine bedingt. en die Teilzeitarbeit: Während im Jahr
Aufgrund der traditionellen Rollen- 2013 nur 29 Prozent der Frauen zwischen
teilung bei der heutigen Rentnergeneration 20 und 65 Jahren Vollzeit arbeiteten, wa-
Datengrundlage haben die Männer den grösseren Teil zum ren es bei den Männern 76 Prozent.2 Eine
Haushaltseinkommen beigetragen. Da der Modellrechnung für die Bestimmung der
Die Unterschiede der Altersrenten von Männern
und Frauen (Gender Pension Gap) in der Schweiz Aufbau der beruflichen Vorsorge unmittel- relevanten Einflussfaktoren zeigt, dass
werden anhand des Sake/Sesam-Datensatzes bar mit der Erwerbstätigkeit zusammen- Nichtverheiratete, Kinderlose und Perso-
des Jahres 2012 und dessen Modul «Soziale hängt, konnten verheiratete Männer viel nen ohne Erwerbsunterbrüche über er-
Sicherheit» des Bundesamtes für Statistik (BFS)
ausgewiesen. Untersucht wurden AHV-Rentner,
öfter und in einem höheren Ausmass eine heblich höhere Pensionskassenrenten
welche im Jahr 2012 zwischen 64/65 und 75 Jahre berufliche Vorsorge aufbauen als ver-
alt waren (N=4277). heiratete Frauen. 2 Hofmann (2016).

48  Die Volkswirtschaft  5 / 2017


DOSSIER

Abb. 1: Anteile der drei Säulen an der Gesamtrente von Pensionierten Bewusstsein der Auswirkungen
100       In % fehlt

SESAM (2012), BERECHNUNGEN FLUDER ET AL. / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


Die Studie zeigt deutlich: Eine tiefe Er-
75 werbsbeteiligung der Frauen, die dadurch
fehlenden Aufstiegschancen und ein tie-
feres Lohnniveau führen zu markanten
50 Unterschieden beim Aufbau der berufli-
chen Vorsorge. Bei der Entscheidung für
25
ein Familienmodell fehlt auch heute noch
bei vielen Paaren das Bewusstsein für die
Folgen dieser Entscheidungen auf die Al-
0 tersvorsorge.
Beide Geschlechter Frauen Männer Ausgebaute Angebote der familien-
  AHV        Berufliche Vorsorge        3. Säule externen Kinderbetreuung verbessern die
Vereinbarkeit von Beruf und Betreuungs-
AHV-Rentner zwischen 64/65 und 75 Jahren; N=3855, Missings: N=422, gewichtet gemäss BFS; berufliche
Vorsorge inkl. in Rente umgewandelten Kapitalbezugs; dritte Säule entspricht dem in Rente umgewandelten
aufgaben und könnten dazu beitragen,
Kapital. dass Frauen in einem höheren Ausmass
erwerbstätig sein können. Eine Stärkung
der AHV, wie es die im März vom Parla-
Abb. 2: Erwerbseinkommen von Frauen (in % des Einkommens der Männer; ment verabschiedete Altersvorsorge 2020
letzte 20 Jahre vor der Pensionierung) vorsieht, kann ebenfalls einen Beitrag zur
Reduktion des Gender Pension Gap leisten.

SESAM (2012), BERECHNUNGEN FLUDER ET AL. / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


100       In %

75

50

25

Robert Fluder
0
Dr. phil. I, Dozent und Projektleiter,
Berner Fachhochschule, Soziale Arbeit
g

en

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al
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5-

73
70
67
-/6
64

AHV-Rentner zwischen 64/65 und 75 Jahren; N=4277, gewichtet gemäss BFS. Das mittlere Einkommen wurde
anhand der Einkommen aus den individuellen Konten der AHV (IK-Daten) der Jahre 1982 bis 2012 erfasst.

verfügen. Deutlich negativ wirken sich Bildungsniveau, geringere Erwerbstätig-


dagegen eine selbstständige Erwerbstä- keit und weniger Erwerbseinkommen, Be- Renate Salzgeber
tigkeit, ein tiefes Ausbildungsniveau so- schäftigung in bestimmten Branchen) er- Dozentin und Projektleiterin,
Berner Fachhochschule Soziale Arbeit
wie ein kleiner Lohn auf die Höhe der klärt werden kann. Knapp ein Fünftel des
Pensionskassenrente aus. Mit dem gesell- GPG bleibt unerklärt.
schaftlichen Wandel haben sich das Aus- Im Vergleich mit den europäischen Literatur
bildungsniveau und die Erwerbsquote der Ländern liegt der GPG der Schweiz im Bettio, Francesca; Tinios, Platon; Betti, Gianni (2013).
The Gender Gap in Pensions in the EU, Luxemburg,
Frauen deutlich erhöht. Es kann daher da- europäischen Mittel.3 Es zeigt sich ein Publications Office of the European Commission.
von ausgegangen werden, dass der GPG deutlicher Zusammenhang zwischen BFS (2017). Lohnunterschiede zwischen Frauen und
Männern nehmen weniger ab. Medienmitteilung vom
bei der beruflichen Vorsorge der künftigen der Erwerbsbeteiligung der Frauen eines 7. März 2017.
Generationen tiefer ausfallen wird. Landes (insbesondere dem Geschlechter- Fluder, Robert; Salzgeber, Renate; von Gunten, Luzius;
Kessler, Dorian; Fankhauser, Regine (2016). Gender
Anhand einer sogenannten Dekom­ unterschied bei der durchschnittlichen Pension Gap in der Schweiz, Geschlechtsspezifische
positions-Analyse wurde ermittelt, dass 80 Arbeitszeit) und dem GPG. Unterschiede bei den Altersrenten, Beiträge zur
Sozialen Sicherheit, Forschungsbericht Nr. 12/16.
Prozent des GPG durch die unterschied- Hofmann, Silvia (2016). Teilzeit und Rente: Genauer
liche Ausstattung der Frauen (tieferes 3 Bettio et al. (2013). hinschauen lohnt sich, in: Die Volkswirtschaft Nr. 8/9.

Die Volkswirtschaft  5 / 2017  49
ARBEITSMARKT

Digitalisierung trifft Land härter als Stadt


Ländliche Regionen sind vom Strukturwandel stärker betroffen als städtische. Dies zeigt
eine laufende Studie der Hochschule Luzern zu den regionalen Folgen der Digitalisierung.
Es besteht die Gefahr, dass das Wohlstandsgefälle zwischen Stadt und Land weiter zunimmt.  
Ivo Willimann, Stephan Käppeli

Arbeitsmarkt, mit welcher Wahrschein-


Abstract  Die Digitalisierung führt zu grundlegenden Veränderungen in der Arbeitswelt und
lichkeit diese in den nächsten 20 Jahren
bietet bisher kaum absehbare Entwicklungspotenziale. Der Strukturwandel bedroht aber auch
viele Arbeitsplätze. Eine Forschungsgruppe der Hochschule Luzern hat erste Hinweise dafür computerisiert und somit automatisiert
gefunden, dass in der Schweiz der ländliche Raum stärker vom Wegfall von Arbeitsplätzen be- werden. Insgesamt schätzten die beiden
troffen sein könnte als städtische Gebiete. Ein Grund dafür ist das regional unterschiedliche Bil- den Anteil gefährdeter Arbeitsplätze in
dungsniveau. Die Forschung wird fortgeführt, um die regionalen Wirkungen solider einschät- den USA auf 47 Prozent.
zen und um Handlungsmöglichkeiten aufzeigen zu können. Im Vergleich mit anderen Forschungs-
ergebnissen ist dieser Wert zwar eher
hoch. Ob nun aber 20 Prozent oder 50

D   er technische Fortschritt beschleu-


nigt den Strukturwandel in der Wirt-
schaft. Die Digitalisierung und die Robote-
Da sich der Wandel beschleunigt, droht
ein gewichtiger Anteil der Arbeitstätigkei-
ten in relativ kurzer Frist wegzufallen. In
Prozent der Arbeitsstellen wegfallen, ein
Fazit bleibt dasselbe: Von Arbeitskräf-
ten ist künftig ein hohes Mass an Entwi-
risierung verändern die Produktion sowohl einer viel beachteten Studie aus dem Jahr cklungs- und Anpassungsfähigkeit gefor-
von Gütern als auch von Dienstleistungen 2013 untersuchten Carl Benedikt Frey und dert. Dies vor allem auch deshalb, da nicht
grundlegend. Dank der Computertechnik Michael Osborne von der Universität Ox- vorausgesagt werden kann, welche neuen
lassen sich immer mehr Tätigkeiten auto- ford die Gefährdung bestehender Arbeits-
matisieren – man denke beispielsweise an plätze aufgrund der Digitalisierung. Dazu Städte sind besser auf die Digitalisierung vor-
selbstfahrende Lastwagen. schätzten sie für rund 700 Berufe im US- bereitet als ländliche Gebiete. Zürich mit Prime
Tower im Hintergrund.

KEYSTONE

50  Die Volkswirtschaft  5 / 2017


ARBEITSMARKT

Berufe aufgrund der Digitalisierung ent- Abb. 1: Berufsabschlüsse nach Urbanisierungsgrad


stehen werden. Ebenfalls unklar ist, wie
hoch die Zahl der neu geschaffenen Stel-
Dünn besiedeltes
len sein wird.

SAKE (BFS), BERECHNUNGEN WILLIMANN UND KÄPPELI /


Gebiet
Nebst dem Ausmass an möglichen
Arbeitsplatzverlusten interessiert auch
deren räumliche Verteilung. Eine For- Mitteldicht besiedeltes
schungsgruppe der Hochschule Luzern Gebiet
untersucht daher in einer laufenden Stu-

DIE VOLKSWIRTSCHAFT
die, wie stark unterschiedliche Regio-
nen in der Schweiz vom Strukturwan- Dicht besiedeltes
del betroffen sind. Als Informationsbasis Gebiet
dient die vom Bundesamt für Statistik
(BFS) durchgeführte Arbeitskräfteerhe- 0     10 20 30 40 50 60 70 80 90 100
In %
bung von 2015, in welcher landesweit
über 40 000 Erwerbstätige befragt wor-
den sind. Indem wir diese Daten mit den   Obligatorische Schule        Allgemeinbildende Schule     
    Berufsbildung         Höhere Berufsbildung         Akademische Ausbildung
Wahrscheinlichkeitswerten von Frey und
Osborne verknüpften, konnten wir regio-
nale Unterschiede in der Intensität des
Strukturwandels abschätzen. Abb. 2: Berufsabschlüsse: Verteilung und Gefährdungsgrad
50    Anteil Erwerbstätige, in % Anteil gef. Arbeitsplätze, in %    75
Akademiker wohnen in der Stadt

SAKE (BFS), FREY UND OSBORNE (2013), BERECHNUNGEN WILLIMANN UND KÄPPELI
Bezüglich des Gefährdungspotenzials von 40 60
Arbeitsplätzen zeigt sich ein Stadt-Land-
Graben: Die Arbeitsplätze von Personen, die
30 45
in dünn besiedelten Gebieten wohnen, sind
mit rund 57 Prozent stärker gefährdet als
jene in städtischen Räumen (46%). Der lan- 20 30
desweite Durchschnitt liegt bei 51 Prozent.
Ein wesentlicher Grund für diese Dif-
10 15
ferenz zwischen Stadt und Land ist das
unterschiedliche Bildungsniveau der Er-
werbstätigen (siehe Abbildung 1). Beson- 0 0
ders ausgeprägt ist das Phänomen bei der Obligatorische Allgemeinbildende Berufsbildung Höhere Akademische
akademischen Ausbildung: Von den Er- Schule Schule Berufsbildung Ausbildung
werbstätigen, die im dicht besiedelten Ge-
    Erwerbstätige 2015         Gefährdete Arbeitsplätze (rechte Skala)
biet wohnen, haben fast 40 Prozent einen
Universitätsabschluss, in dünn besiedel-
ten Gebieten sind es hingegen lediglich
17 Prozent. Dafür ist die Berufsbildung im Abb. 3: Anteil gefährdeter Arbeitsplätze der erwerbstätigen Wohnbevölkerung nach
ländlichen Raum um 20 Prozentpunkte Regionen
stärker vertreten.
Die durchschnittliche Arbeitsplatz-
gefährdung variiert je nach Bildungsab-
schluss erheblich – was sich insbesonde-
SAKE (BFS), FREY UND OSBORNE (2013), BERECHNUNGEN WILLIMANN UND KÄPPELI

re bei den beiden quantitativ wichtigsten


Ausbildungsgängen «Berufsbildung» und
«akademische Ausbildung» deutlich zeigt:
Während bei Erwerbstätigen mit Berufsbil-
dung 65 Prozent der Arbeitsplätze gefähr-
det sind, liegt dieser Wert bei Akademikern
bei 25 Prozent (siehe Abbildung 2). Personen
mit Berufsbildung dürften in den nächsten
Jahrzehnten somit besonders stark vom
Strukturwandel betroffen sein. Für Berufs-
schulabgänger gilt im besonderen Masse,
was immer mehr zum allgemeinen Credo
wird: Lebenslanges Lernen wird zur Vo-   <50%        50 bis 55%         55 bis 60%         >60%

Die Volkswirtschaft  5 / 2017  51
ARBEITSMARKT

KEYSTONE
Arbeitsplätze auf dem Land sind angesichts des
digitalen Wandels besonders gefährdet. Ein
Bauer in der Leventina. sanne unter 50 Prozent (siehe Abbildung 3). besteht die Gefahr, dass der Wandel in der
In stark ländlich geprägten, peripher gele- Arbeitswelt das Wohlstandsgefälle sowohl
genen Regionen steigen die Werte hin- zwischen Regionen wie auch in der Bevöl-
raussetzung, um auf dem Arbeitsmarkt gegen auf teilweise über 60 Prozent. Für kerung vergrössert.
bestehen zu können. Dies muss als eine einige einwohnermässig kleinere Regio-
Herausforderung nicht nur für die Arbeits- nen ist die Aussagekraft aufgrund der ge-
kräfte, sondern auch für die Bildungsinsti- ringen Stichprobenzahl allerdings einge-
tutionen gesehen werden. schränkt.
Aufgrund der bisherigen Forschungs-
Risiko in Randgebieten am ergebnisse lässt sich sagen: Die «Schwä-
cheren» sind stärker vom Wandel in der
grössten Arbeitswelt betroffen. Dies bezieht sich
Die Auswertung nach geografischen Re- sowohl auf die strukturschwachen, peri-
gionen zeigt eine leicht erhöhte Arbeits- pheren Regionen wie auch auf Personen Ivo Willimann
platzgefährdung im Bernbiet sowie in der mit tieferem Bildungsniveau. Die Frage Dozent, Institut für Betriebs- und Regional-
ökonomie, Hochschule Luzern – Wirtschaft
Ost- und in der Zentralschweiz, wo das Ri- stellt sich, wie gut sich diese stärker be-
siko jeweils 53 Prozent entspricht. Dies sind troffenen Erwerbstätigen in einer verän-
jene Regionen, die im landesweiten Ver- derten Arbeitswelt zurechtfinden werden
hältnis etwas weniger dicht besiedelt sind. und wie die stärker betroffenen Regionen
Demgegenüber weist der dicht besiedelte mit dem Strukturwandel umgehen. Hier-
Grossraum Zürich einen tieferen Anteil ge- für mitentscheidend ist, welche neuen
fährdeter Arbeitsplätze von 47 Prozent auf. Arbeitsplätze geschaffen werden, welche
Die kleinräumigere regionale Auswer- Qualifikationen diese Jobs erfordern und
tung bestätigt dieses Bild: Nebst dem wo diese Arbeitsplätze entstehen. Dies
Grossraum Zürich liegt der Anteil gefähr- wird wesentlich von der Anpassungsfähig- Stephan Käppeli
deter Arbeitsplätze auch in den Stadtre- keit der Erwerbstätigen sowie der Wand- Dozent, Institut für Betriebs- und Regional-
ökonomie, Hochschule Luzern – Wirtschaft
gionen Basel, Bern, Lugano, Genf und Lau- lungsfähigkeit der Regionen abhängen. Es

52  Die Volkswirtschaft  5 / 2017


AUFGEGRIFFEN

Alles besteuern ausser den


Menschen
Wenn einer der reichsten Personen des Planeten eine neue Steuer vorschlägt,
ist für Schlagzeilen gesorgt. Microsoft-Mitbegründer Bill Gates brachte sich un-
längst in die aufgeregte Diskussion um die Zukunft der Robotik ein. Seine Über-
legung scheint einfach: Da immer mehr Roboter in die Arbeitswelt vordringen,
sollten wir auch ihre Leistungen fiskalisch belangen.
Wer sich Gates’ Botschaft im Videoclip genauer anhört, kann den Beweggrund
hinter der unkonventionellen Idee zunächst nicht festmachen. Steuern wir
auf paradiesische Zeiten ohne Zwang zur Arbeit zu und können deshalb das
Schuften und den Steuerärger den Maschinen überlassen? Oder verdrängen uns
die Roboter unfreiwillig aus der Arbeitswelt, sodass künstliche Intelligenz statt
Muskelkraft und Gehirnschmalz besteuert werden muss? Völlig unklar bleibt
Gates auch bei der Abgrenzung zwischen Robotern, Automaten, Microsoft-
Applikationen und vielen anderen Formen des technischen Fortschrittes. Was
unterscheidet den Einsatz von Robotern zum Beispiel etwa von der Ausrüstung
des Bankenarbeitsplatzes mit neuer analytischer Software?
In Wahrheit möchte uns der Milliardär wohl seine humanistische Zukunfts-
vision offenbaren: Dank Robotern arbeiten wir weniger und können die ge-
wonnene Zeit für gesellschaftliche und soziale Aufgaben einsetzen. «Wir stehen
vor einer ausserordentlichen Knappheit an Leuten, welche in diesen Bereichen
helfen können», sagt er denn auch voller Überzeugung im Clip.

Die Volkswirtschaft  5 / 2017  53
Roboter und Mensch ergänzen sich
Leider basieren diese hehren Absichten auf ökonomisch zweifelhaften An-
nahmen. Beginnen wir mit der erwähnten «ausserordentlichen Knappheit» an
Arbeitskräften beispielsweise im Sozial- und Bildungsbereich: Sollte die Nach-
frage nach entsprechenden Dienstleistungen tatsächlich weiter stark zunehmen,
ist nicht nachvollziehbar, warum das Arbeitsangebot, aber auch der Einsatz
digitaler Technologien nicht auf dieses Bedürfnis reagieren sollte.
Weiter scheint der Unternehmer von einer Robotersteuer zu erwarten, dass diese
wie eine Art Lenkungsabgabe die Verbreitung von menschlichen Automaten
bremst. Auch diese Erwägung ist falsch. Denn Roboter verdrängen als besondere
Form des Kapitaleinsatzes den Menschen nicht zwingend vom Arbeitsplatz.
Aktuelle Forschungsprojekte zeigen im Gegenteil das grosse Potenzial an Auto-
maten, welche die Arbeit gerade im Pflege- und Gesundheitsbereich erleichtern.
Der Maschinenmensch trägt somit zum Abbau des Fachkräftemangels bei.
Aber noch wichtiger: Auch die nächste Welle der Automatisierung wird die
Arbeitsproduktivität der Menschen, das heisst die Wertschöpfung pro Arbeits-
stunde, in allen Branchen erhöhen und damit künftige Reallohnerhöhungen
und/oder tiefere Güter- und Dienstleistungspreise ermöglichen. Umgekehrt
verringerte eine fiskalische Belastung von Maschinen die Investitionsneigung
von Unternehmen. Weniger Roboter bedeuteten deshalb nicht automatisch
mehr Arbeit, sondern letztlich weniger Produktivität, weniger Wohlstand und
im schlimmsten Fall weniger Arbeit. Und schliesslich unterliegt der Vorschlag
der ewigen Illusion der Inzidenz: Würde eine solche neue Steuer eingeführt, be-
lastete diese die Kapitaleigner – sie lastete sicherlich nicht auf den Schultern von
Robotern.

Perücken und Bärte besteuern


Die menschliche Innovationskraft ist auch beim Aushecken neuer Steuerformen
beeindruckend. Schon früher wurde nach Alternativen zur Besteuerung der
menschlichen Arbeit gesucht. Bei den originellsten Fiskalarten wie Fenster-,
Perücken- und Bartsteuern stand grundsätzlich die Belastung von Luxus – stell-
vertretend für übermässigen, sprich «unverdienten» Wohlstand – im Vorder-
grund. Sie gehören Gott sei Dank der Vergangenheit an. Hingegen hat die
Hundesteuer als Luxussteuer überlebt – ursprünglich selbstverständlich mit
Ausnahmebestimmungen für Jäger und Hirten. Klar ist: Der Wunsch, möglichst
alles zu besteuern ausser den Menschen, wird weiter geträumt.

Eric Scheidegger
Dr. rer. pol., Leiter der Direktion für Wirtschaftspolitik,
Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern
eric.scheidegger@seco.admin.ch

54  Die Volkswirtschaft  5 / 2017


ZÖLLE

Zollverwaltung definiert sich neu


Die Eidgenössische Zollverwaltung will mit dem Programm «DaziT» bis 2026 sämtliche
Zollprozesse digitalisieren. Dadurch beschleunigt und vereinfacht sich der Grenzübertritt.  
Isabelle Emmenegger

gen laufen unter der Programmbezeich-


Abstract    Die Digitalisierung der Wirtschaft schreitet voran. Die öffentliche Hand ist gefor- nung «DaziT»2.
dert, diesen tiefgreifenden Wandel mitzugestalten. Dies gilt insbesondere für die Eidgenös- Dank automatisierter Schnittstellen
sische Zollverwaltung (EZV) als wichtige Akteurin in der internationalen Lieferkette von Gü-
soll der Geschäftsverkehr dereinst voll-
tern und Dienstleistungen und als zentrales Sicherheitsorgan an der Grenze. Die durchgehende
Digitalisierung der EZV soll im Rahmen des Programms «DaziT» von 2018 bis 2026 erfolgen.
ständig elektronisch abgewickelt werden.
Die künftigen digitalen Zollformalitäten werden vereinfacht und beschleunigt – zum Nutzen In Zukunft können die Kunden Zollan-
aller beteiligten Parteien. Im Vordergrund stehen eine Senkung der Regulierungskosten für die meldungen via E-Portal weitgehend orts-
Wirtschaft und eine Fokussierung der Personalressourcen auf die Sicherheit an der Grenze. Zur unabhängig und selbstständig vorneh-
Umsetzung dieses ambitionierten, aber notwendigen Vorhabens hat der Bundesrat dem Parla- men. Zugleich können sie jederzeit auf
ment einen Sonderkredit von rund 400 Millionen Franken beantragt. ihre eigenen Daten zugreifen und diese
auswerten. Insgesamt wird die Digitalisie-
rung zu kürzeren Kontroll- und Wartezei-

D  ie mit den Zollverfahren einhergehen-


den Regulierungskosten schlagen für
die Wirtschaft jährlich mit rund 500 Mil-
Zollverwaltung (EZV) in Kontakt treten
müssen. Dabei sind sie von Schalteröff-
nungszeiten abhängig und gehalten, die
ten beim Grenzübertritt führen. Die Mit-
arbeitenden der EZV wiederum werden
von administrativen Routinearbeiten ent-
lionen Franken zu Buche.1 Dies hängt unter Landesgrenze dort zu überqueren, wo die lastet und können dort eingesetzt werden,
anderem damit zusammen, dass die Unter- Zollverwaltung präsent ist. wo es um die Durchsetzung von Recht,
nehmen zurzeit auch bei Routinegeschäf- Angesichts dieser Schwierigkeiten bie- 2 DaziT setzt sich aus dem rätoromanischen Wort «Dazi»
ten persönlich mit der Eidgenössischen tet die geplante Digitalisierung der Pro- und «Transformation» zusammen.
zesse in der Zollverwaltung eine Chance
1 B,S,S. (2013). Schätzung der Kosten von Regulierungen – womit die EZV zugleich einem Anliegen
und Identifizierung von Potenzialen für die Vereinfa- Das Programm «DaziT» bringt administrative
chung und Kostenreduktion im Bereich Zollverfahren;
von Wirtschaft, Reisenden, Partnerbehör- Entlastung. Dadurch gewinnen die Mitarbeitenden
Studie zuhanden der EZV. den und Politik entspricht. Die Bestrebun- der Zollverwaltung mehr Zeit für ihre Kerntätig-
keit.

EZV

Die Volkswirtschaft  5 / 2017  55
ZÖLLE

Geschätzte Kosten von «DaziT»


die V
­ erhinderung von Missbräuchen und Gesamtkredit von 400 Millionen
die Steigerung der Sicherheit der Schweiz Franken beantragt
(in Mio. Fr.; 2018 bis 2026)
geht.
Da sich die Zollverwaltung mit dem Das Programm «DaziT» ist ein Informatik-
78,0 Digitalisierungsprogramm «DaziT» neu Schlüsselprojekt des Bundes und wird auf
definiert, wird dies weitreichenden An- der Grundlage der Projektmanagement-
passungsbedarf in den rechtlichen Grund- Methodik Hermes geführt. Die Erkenntnis-
lagen, der Ablauf- und Aufbauorganisation se aus den bisherigen IT-Projekten des Bun-
184,9
und im Personaleinsatz nach sich ziehen. des fliessen bei der Initialisierung ein. Der
Gesamtkredit (siehe Abbildung) ist in mehre-
67,0
Gesamtheitliche Lösung gefragt re Verpflichtungskredite unterteilt und wird
in vier Etappen freigegeben. Dadurch er-
Die angestrebte Gesamttransformation hält der Bundesrat die Möglichkeit, laufend
31,4
bedingt eine umfassende Modernisierung steuernd auf den Fortgang von «DaziT» ein-
31,7
der ICT-Landschaft. Denn die Systeme der zuwirken. Auch die Finanzdelegation des
EZV / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

EZV stossen in mehrfacher Hinsicht an ihre Parlaments soll alle sechs Monate über den
  Einmalige Projektaufwendungen        Reserve     
Grenzen. So ist die ICT-Infrastruktur über Fortschritt von «DaziT» informiert werden.
  Hardware, Software, Lizenzen     
  Personalkosten (davon Externe: 45%)    
mehrere Jahrzehnte gewachsen und um- Die mit dem Programm «DaziT» beab-
  Betriebsaufwand
fasst mittlerweile rund 80 Fachanwendun- sichtigte systematische Digitalisierung
gen. Viele dieser in die Jahre gekommenen ist ein hochkomplexes Vorhaben, das mit
Total: 393 Mio. Fr. Anwendungen sind sogenannte Insellö- vielen Unsicherheiten und Risiken behaf-
sungen, die Redundanzen und Medien- tet ist. Bei einer erfolgreichen Umsetzung
brüche generieren. Homogene Technolo- bringt die digitale Gesamterneuerung der
Die sieben Projekte von «DaziT» gie- und Architekturprinzipien hingegen EZV jedoch eine nachhaltige Verbesserung
Das Programm «DaziT» besteht aus den folgenden fehlen. Diese technischen Grenzen verhin- für alle betroffenen Kreise.
sieben Projekten, die auf strategische Ziele ausge- dern vielfach Optimierungen zur Verbes- Offiziell startet das Programm «DaziT»
richtet sind und den Anknüpfungspunkt für die serung der Effizienz und Weiterentwick- im Jahr 2018 und dauert bis 2026. Doch
finanzielle Steuerung bilden:
Das Projekt Steuerung und Transformation umfasst
lungen. Mit anderen Worten: Es besteht bereits im laufenden Jahr werden wich-
die gesamte Programmsteuerung und enthält das dringender Handlungsbedarf. tige Aufbau- und Grundlagenarbeiten an
Transformationsmanagement, das u. a. den Rahmen Eine 2015 durchgeführte Studie führte die Hand genommen. Nachdem der Bun-
für die Umsetzung der organisationsrelevanten Inhal- zur Erkenntnis, dass der angestrebte Effi- desrat am 15. Februar die Botschaft zur Fi-
te in den fachlichen Projekten definiert. ICT Grundla-
gen legt die technischen Grundpfeiler und damit das
zienzgewinn sowie die geforderten Ver- nanzierung von «DaziT» verabschiedet hat,
Fundament für die neue Anwendungslandschaft. besserungen für die Anspruchsgruppen liegt das Geschäft nun beim Parlament, das
Portal und Kunde beinhaltet den Aufbau des nur durch eine serviceorientierte Gesamt- über die Freigabe des beantragten Sonder-
E-Portals. Damit wird es Kunden möglich sein, zeit- erneuerung und eine Modernisierung der kredits von rund 400 Millionen Franken
und ortsunabhängig auf sämtliche Dienstleistun-
gen der EZV digital, sicher und einfach zuzugreifen. Systemlandschaft realisiert werden kön- entscheidet. Voraussichtlich im Sommer
Das Projekt Redesign Fracht umfasst eine einheitliche nen. Die bestehenden Insellösungen müs- kommt die Vorlage in den Nationalrat.
Fachanwendung zur Verzollung von Waren (Fracht) sen in eine völlig neue ICT-Architektur
und die vollständige Digitalisierung der Prozesse für übergeführt werden. Entsprechend wer-
die Ein-, Aus- und Durchfuhr von Waren. Redesign Ab-
gaben beinhaltet die Erneuerungen und Modernisie- den die Fachanwendungen auf ihre Kern-
rungen in den Bereichen Strassenverkehrsabgaben aufgaben reduziert, zusammengefasst
und Verbrauchssteuern. Shared Services umfasst die und, wo nötig, funktional erweitert.
Vereinheitlichung und Digitalisierung von verwal-
Da sich effiziente Prozesse mit einer
tungsinternen, bereichsübergreifenden Prozessen
(z. B. Bewilligungsverfahren oder Ressourcenma- optimalen technischen Systemunterstüt-
nagement). Und schliesslich führt das Projekt Kontrol- zung nur durch eine ganzheitliche Vorge-
le und Befund zu einer funktionalen Verbesserung der hensweise erreichen lassen, werden bei Isabelle Emmenegger
Anwendungen zur Steuerung der Einsätze des Grenz-
personals (z. B. Einsatzleitsystem) sowie zur zentra-
«DaziT» die sieben Projekte über ein ge- Programmleiterin «DaziT» und Mitglied
meinsames Steuerungsdach geführt und der Geschäftsleitung, Eidgenössische
len, gemeinsamen und einheitlichen Dokumentation Zollverwaltung (EZV), Bern
der Kontrollaktivitäten und -ergebnisse. koordiniert (siehe Kasten).

56  Die Volkswirtschaft  5 / 2017


ZÖLLE

Zollprogramm «DaziT» entlastet


Unternehmen
Das geplante Digitalisierungsprogramm «DaziT» der Eidgenössischen Zollverwaltung stellt eine
Chance für Unternehmen dar. Dank einfacherer Abläufe können insbesondere KMU künftig
Kosten sparen.   Basil Stamm, Ingo Strasser

auf Seite 55). Durch den Einbezug ver-


Abstract  Die heutigen Zollabläufe entsprechen nicht mehr den Anforderungen von global ver-
schiedener Stakeholder wie zum Beispiel
netzten Unternehmen, deren Produkte mehrfach die Grenze überqueren, bevor der Produk-
Wirtschaftsvertreter, Bundesämter, Kan-
tionsprozess abgeschlossen ist. Das geplante Digitalisierungsprogramm «DaziT» der Eidge-
nössischen Zollverwaltung (EZV) bietet die Chance, die Zollprozesse neu zu konzipieren und tone und Sozialpartner ist das Programm
diese unter Einbezug der Bedürfnisse der exportierenden und importierenden Firmen wirt- breit abgestützt. Die Interessen der klei-
schaftsfreundlicher zu gestalten. Nebst der IT-Architektur werden auch sämtliche Zollprozes- nen und mittleren Unternehmen (KMU)
se neu konzipiert, und die Wirtschaftsbeteiligten sind von Beginn weg involviert. Gerade für koordiniert das Staatssekretariat für
KMU sind einfachere Zollabläufe und benutzerfreundliche IT-Plattformen wichtig. Wirtschaft (Seco) im Auftrag der Exper-
tenkommission KMU-Forum.
Der intensive Miteinbezug der KMU ist

S  chweizer Unternehmen sind stark in


die globalen Wertschöpfungsketten
integriert. Verlängerte Werkbänke im In-
Prozesse für KMU vereinfachen
Eine Chance, die Abläufe in der Eidge-
wichtig, da sich die heutigen Zollprozes-
se kaum an den Bedürfnissen von kleinen
und mittleren Unternehmen orientieren,
und Ausland sorgen für immer komplexe- nössischen Zollverwaltung (EZV) wirt- welche die Zollformalitäten häufig nicht
re Produktionsabläufe. Viele Waren müs- schaftsfreundlicher zu gestalten, bie- ohne Hilfe von externen Zolldienstleistern
sen bis zu ihrer Fertigstellung mehrmals tet das Programm «DaziT», welches sich bewältigen können.
über Ländergrenzen hinweg transportiert nicht nur auf die IT-Abläufe konzentriert,
werden. Bevor ein Produkt in den Verkauf sondern die existierenden Zollprozesse
Produkte überqueren heute vor der Fertig-
gelangt, werden importierte Vormateria- neu beurteilt und wo nötig neu konzipiert stellung oft mehrfach die Grenze. Mann
lien be- und verarbeitet, gegebenenfalls (siehe Beitrag von Isabelle ­Emmenegger bearbeitet Solarzellen im bündnerischen San
zur Weiterverarbeitung in das Zollausland Vittore.
exportiert, um im Anschluss im Zollinland
erneut endbearbeitet zu werden.
Angesichts dieser komplexen Logistik
sind die Firmen auf effiziente und zuver-
lässige Zollabläufe angewiesen. Hier be-
steht Nachholbedarf: Die heutigen Zoll-
formalitäten sind nicht mehr zeitgemäss
und verursachen den Firmen erhebliche
administrative und operative Kosten, wie
verschiedene Studien gezeigt haben.1
Die Politik hat das Problem erkannt. In
den vergangenen Jahren lancierten Parla-
mentarier diverse Vorstösse mit dem Ziel,
die Zollformalitäten zu verringern und die
Zollprozesse zu vereinfachen. Der Bundes-
rat hat die Kosten des Grenzübertritts als
Themenbereich identifiziert, den er im Rah-
men der Massnahmen gegen die administ-
rative Belastung angeht. In internationalen
Foren ist das Thema ebenfalls auf der Agen-
da, wie der Abschluss des WTO-Abkom-
mens über Handelserleichterung («Trade
Facilitation Agreement») aus dem Jahr 2014
zeigt, welches zum Ziel hat, die Kosten des
grenzüberschreitenden Handels zu senken.
KEYSTONE

1 B,S,S. (2013); Minsch, Moser (2006); Engman (2005).

Die Volkswirtschaft  5 / 2017  57
ZÖLLE

Coordinated Border Management und von Zollverwaltung zu Zollverwaltung


ohne Medienbruch gewährleistet ist.
Das Coordinated Border Management (CBM) kon- administrativen Aufwände der involvierten Zoll- Obwohl der Bundesrat die Bundesver-
zipiert den Grenzübertritt im Warenverkehr als verwaltungen und Unternehmen. So muss eine
one-stop-shop. Die Verknüpfung der IT-Systeme der Lieferung an der Grenze nur noch einmal gestoppt waltung bereits 2010 damit beauftragt hat,
Zollverwaltungen der Nachbarländer ermöglicht werden. Anstelle von bisher zwei Zollstellen reicht den Datenaustausch mit der EU zu prüfen,
es, dass die Daten der Zollanmeldung durch den Ex- beim CBM eine aus, da die Infrastruktur und die per- ist eine umfassende Verknüpfung der IT-
porteur einmalig im Voraus eingegeben werden und sonellen Ressourcen zwischen den Grenzstaaten
Systeme bisher nicht realisiert worden. Mit
danach unmittelbar den beiden Zollverwaltungen geteilt werden. Die Ausfuhrdeklaration, welche als
sowie dem Importeur zur Verfügung stehen. Dies Barcode auf der Ware angebracht ist, bestätigt da- «DaziT» ist nun der richtige Zeitpunkt ge-
erlaubt es den Zollverwaltungen, die Risikoanalyse bei sowohl den Import als auch den Export. Zudem kommen, diese Idee der Zusammenarbeit
und die Selektion für eine mögliche Kontrolle schon tauschen die Zollverwaltungen auch die Risikopro- wieder verstärkt mit unseren wichtigsten
vor dem Grenzübertritt durchzuführen. file, Risikoanalysen und die Auswertungen der Kon-
Das CBM vereinfacht den Ablauf des grenzüber- trollen aus.
Handelspartnern zu diskutieren.
schreitenden Warenverkehrs und reduziert die Die Voraussetzungen für ein Gelingen
von «DaziT» sind gegeben: Die EZV und
die Unternehmen ziehen am selben Strang
Für die mittlerweile stark in die globa- Zwar existieren schon heute Konzepte und scheuen nicht davor zurück, existie-
len Wertschöpfungsketten eingebundenen wie «Authorized Economic Operator» oder rende Prozesse fundamental zu hinterfra-
KMU erhöhen sich dadurch die Ausgaben, «zugelassener Versender/Empfänger», die gen. Obwohl das Programm erst im Lauf
und gleichzeitig kann firmenintern kein ähnliche Elemente beinhalten. Allerdings der nächsten Jahre konkrete Resultate lie-
fachliches Know-how geschaffen werden. haben die hohen Zertifizierungskosten fern wird, werden die angedachten Neue-
Für die KMU ist es deshalb ein Anliegen, bisher viele Unternehmen von einer Teil- rungen den Unternehmen künftig die mit
die Zollformalitäten via kostenloses Web- nahme abgeschreckt. Teilweise ist der Zu- dem Grenzübertritt verbundenen Aufwän-
portal schnell und unkompliziert erledi- gang zu einem solchen Status auch mit de stark reduzieren.
gen zu können.2 Bisher war eine effiziente hohen Anforderungen an quantitative Kri-
Online-Zollanmeldung für Wirtschaftsbe- terien wie beispielsweise Kennzahlen der
teiligte aber nur durch eine kostenpflichti- Buchhaltung verbunden, was die Nutzung
ge Software möglich und somit primär für für kleinere Unternehmen ebenfalls er-
grössere Firmen attraktiv. Kleine Unter- schwert.
nehmen sind deshalb meist gezwungen, «DaziT» will den Unternehmen Verfah-
ihre Verzollungen an Dritte auszulagern, rensvereinfachungen daher möglichst un-
was ein zusätzlicher Kostenfaktor darstellt. abhängig von quantitativen Kriterien ge-
Durch das «DaziT»-Webportal für Zollfor- währen. Anstelle einer Zertifizierung durch
malitäten soll es künftig allen Unterneh- die EZV sollen sich die Firmen idealerwei- Basil Stamm
men freistehen, ob sie die Zollformalitäten se durch ein Self-Assessment selbst zer- Wissenschaftlicher Mitarbeiter,
selbst abwickeln oder ob sie dafür Dienste tifizieren und erst im Falle gravierender Ressort Internationaler Warenverkehr,
Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern
von Spediteuren beanspruchen wollen. Verletzungen ihrer Sorgfaltspflichten den
Status verlieren. Dabei könnte auf den be-
Vertrauenswürdige Partner reits erwähnten Konzepten sowie auf wei-
teren Vereinfachungen wie dem Verlage-
profitieren rungsverfahren der Mehrwertsteuer oder
Ob eine Lieferung beim Grenzübertritt vom dem «bekannten Versender» im Flugver-
Zoll kontrolliert werden muss, wird nebst kehr aufgebaut werden. Zudem wäre es
einem Zufallselement durch die Risikoana- denkbar, ähnliche Konzepte im Ausland
lyse bestimmt. Dabei spielen die Art der gegenseitig anzuerkennen, damit Unter-
Ware, das Herkunftsland, die Route und nehmen möglichst auf beiden Seiten der Ingo Strasser
der gewählte Logistiker eine Rolle. Wich- Grenze in den Genuss von Vereinfachun- Geschäftsführer, IT-Unternehmen AEB
Schweiz, Zürich
tig ist auch die Erfahrung: Wenn ein Unter- gen kommen.
nehmen bisher nie negativ aufgefallen ist,
Literatur
spricht vieles dafür, dass die Zollverwal- Internationale Zusammenarbeit B,S,S. (2013). Schätzung der Kosten von Regulierungen
tung ihm vertrauen kann. und Identifizierung von Potenzialen für die Ver-
Im Zuge von «DaziT» sollen vertrauens- Bei der Neugestaltung der Zollprozesse einfachung und Kostenreduktion im Bereich Zoll-
verfahren, Studie im Auftrag der Eidgenössischen
würdige Unternehmen, die klar definierte und der IT-Infrastruktur gilt es die Grund- Zollverwaltung EZV in Kooperation mit Rambøll
Kriterien erfüllen, deshalb von einem Sta- lagen dafür zu schaffen, damit das Sys- Management Consulting, September.
Engman, M. (2005). The Economic Impact of Trade
tus mit Verfahrensvereinfachungen pro- tem der EZV mittelfristig mit den Zollver- Facilitation, OECD Trade Policy Papers, No. 21, OECD
fitieren. Das lohnt sich für beide Seiten: waltungen anderer Länder im Sinne eines Publishing.
Hüsemann, S. (2014). Kontinuierliche Verbesserung der
Für das Unternehmen senkt sich somit der «Coordinated Border Managements» (sie- Zollsysteme – Kostensenkungspotenzial für KMU, Die
durch die Zollprozesse verursachte Auf- he Kasten) zollrelevante Daten austau- Volkswirtschaft, 1/2-2014.
Minsch, R. und R. Moser (2006). Teure Grenzen. Die
wand, und die Zollbehörden können sich schen kann. Dies ist umso wichtiger, als Volkswirtschaftlichen Kosten der Zollschranken: 3,8
bei ihren Kontrollen auf die Risikofälle kon- ein durchgehender, vereinfachter Waren- Milliarden Franken, Avenir Suisse, März.
Muller, P. (2011). Mögliche administrative Entlastung
zentrieren. fluss über die Grenze nur möglich ist, wenn für KMU im Bereich Zollverfahren, Die Volkswirt-
2 Hüsemann (2014) und Muller (2011)
der Datenfluss von Exporteur zu Importeur schaft, 3-2011.

58  Die Volkswirtschaft  5 / 2017


ZAHLEN

Wirtschaftskennzahlen
Auf einen Blick finden Sie hier die Kennzahlen Bruttoinlandprodukt, Erwerbslosenquote und Inflation von acht Ländern, der EU und
der OECD. Zahlenreihen zu diesen Wirtschaftszahlen sind auf Dievolkswirtschaft.ch aufgeschaltet.

Bruttoinlandprodukt: Bruttoinlandprodukt:
Reale Veränderung in % gegenüber dem Reale Veränderung in % gegenüber dem Vorquartal1
Vorjahr
2016 4/2016 3/2016 2/2016 1/2016
Schweiz 1,3 Schweiz 0,1 0,1 0,6 0,3
Deutschland 1,9 Deutschland 0,4 0,1 0,5 0,7
Frankreich 1,2 Frankreich 0,4 0,2 –0,1 0,7
Italien 0,9 Italien 0,2 0,3 0,1 0,4
Grossbritannien 1,8 Grossbritannien 0,7 0,6 0,6 0,2
EU 1,9 EU 0,5 0,5 0,4 0,5
USA 1,6 USA 0,5 0,9 0,4 0,2
Japan 1,0 Japan 0,2 0,3 0,4 0,6
China 6,7 China 1,7 1,8 1,9 1,3
OECD 1,7 OECD 0,4 0,5 0,4 0,4

Bruttoinlandprodukt: Erwerbslosenquote:3 Erwerbslosenquote:3


In Dollar pro Einwohner 2015 (PPP2) in % der Erwerbstätigen, Jahreswert in % der Erwerbstätigen, Quartalswert
2015 2016 4/2016
Schweiz 59 712 Schweiz 4,6 Schweiz 4,3
Deutschland 47 308 Deutschland 4,1 Deutschland 3,9
Frankreich 40 178 Frankreich 9,9 Frankreich 9,6
Italien 36 196 Italien 11,7 Italien 11,9
Grossbritannien 40 903 Grossbritannien – Grossbritannien –
EU 38 544 EU 8,6 EU 8,2
USA 55 798 USA 4,9 USA 4,7
Japan 37 122 Japan 3,1 Japan 3,1
China 14 388 China – China –
OECD 40 145 OECD 6,3 OECD 6,2

Inflation: Inflation:
Veränderung in % gegenüber dem Veränderung in % gegenüber dem
Vorjahr ­Vorjahresmonat
2016 Februar 2017
Schweiz 0,0 Schweiz 0,6
Deutschland 0,5 Deutschland 2,2
Frankreich 0,2 Frankreich 1,2
Italien –0,1 Italien 1,6
Grossbritannien 0,7 Grossbritannien 2,3
EU 0,3 EU 1,9
SECO, BFS, OECD

USA 1,3 USA 2,7


Japan –0,1 Japan –
China 2,0 China 0,8
Weitere Zahlenreihen
OECD 1,1 OECD –
1 Saisonbereinigt und arbeitstäglich bereinigte Daten.
www.dievolkswirtschaft.ch d Zahlen
2 Kaufkraftbereinigt.
3 Gemäss ILO (Internationale Arbeitsorganisation).

Die Volkswirtschaft  5 / 2017  59
Zunehmende räumliche Spezialisierung
Beim Anteil der Arbeitsplätze pro Branche zeigt sich eine zunehmende Spezialisierung zwischen den Landschaftsräumen:
Während sich die urbanen Gebiete tendenziell deindustrialisieren – mit Ausnahme der Spitzenindustrie in den Metropolräumen –
wächst der industrielle Anteil im peripheren ländlichen Raum weiter. Umgekehrt wächst in den Metropolräumen der Anteil
der Arbeitsplätze in den wissensintensiven Dienstleistungen stark und auf hohem Niveau – aber die Agglomerationen und
periurbanen ländlichen Räume holen auf. Das Wachstum im Tourismus konzentriert sich auf die Städte und die Tourismuszentren.

Veränderung der Beschäftigung nach Vollzeitäquivalenten (2011–2014)

Bülach ZH
periurbaner
Wattwil SG
periurbaner
Biel BE 0

periurbaner
peripherer
0
peripherer
0
Leysin VD

0
Onsernone TI
peripherer Agglomerationen
und übrige städtische
Peripherer agglo
Gemeinden
ländlicher
0 Raum
Periurbaner
0
agglo 0
Alpine +3,0%
ländlicher Raum
+2,3% -0,6%
Tourismuszentren
0
+7,9% +3,0%
-3,3%
QUELLE: REGIOSUISSE, MONITORINGBERICHT (2017); BFS, STATENT, THEMAKART (2016) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

rer +2,4% -0,3%


Tourismus
agglo
+0,4%
+6,9%
+5,7% -0,2% +5,9%
periurbaner Tourismus
-0,6%
-0,5% +7,7% -3,9% 0
0 -1,1% +1,3 % 0
0
+1,0%
0
Tourismus Metropolräume
Alle Branchen Vollzeitarbeitsstellen absolut im Jahr 2014:
+3,1%
peripherer
Spitzenindustrie < 10 000 metroplo
0
+2,2%
0
Traditionelle Industrie 10 000 – 99 999

Wissensintensive Dienstleistungen
metroplo
100 000 – 999 999
-5,9%

0 +5,4%
Tourismus > 1 000 000
+0,6%
0

metroplo
0
60  Die Volkswirtschaft  5 / 2017
agglo
0
VORSCHAU

88e année   N°5 /2017
90. Jahrgang   Nr. 5 /2015 sFr.
Frs.12.–
12.–

La
DieVie économique
Volkswirtschaft
Plattformdefür Wirtschaftspolitik
Plateforme politique économique

FOKUS

Freihandel versus
Protektionismus
Die Dynamik des Welthandels hat in den vergangenen Jahren nachgelassen. Ein Grund dafür ist die kon-
junkturelle Abschwächung nach der Weltwirtschaftskrise. Aber auch zunehmende protektionistische
Massnahmen einzelner Staaten tragen das Ihre bei. Laut der Welthandelsorganisation (WTO) ist die Zahl
der Handelshemmnisse zwischen 2015 und 2016 stark angestiegen: Globalisierungskritik ist salonfähig ge-
worden. Was bedeutet dies für die Schweiz? Schliesslich sind Freihandelsabkommen ein wichtiger Bestand-
teil unserer Aussenwirtschaftspolitik. Welche Auswirkungen die Abschottungstendenzen haben, lesen Sie
in der kommenden Ausgabe.

Weltweiter Handel – eine Bestandesaufnahme


Chad Bown, Peterson Institute for International Economics, Washington, Manfred Elsig, World Trade Institute,
Universität Bern

Spannungsverhältnis zwischen Freihandel und Protektionismus


Tobias Lehmann, Staatssekretariat für Wirtschaft

Die Rolle des Aussenhandels für die Wohlfahrt der Schweiz


Christian Hepenstrick, Schweizerische Nationalbank

Ein Plädoyer für den Freihandel


Eric Scheidegger, Staatssekretariat für Wirtschaft

Globalisierung trifft Mittelstand relativ hart – ausser in der Schweiz


Daniel Kalt, UBS

Entwicklung und Inhalte der Globalisierungskritik


Andreas Missbach, Public Eye (Erklärung von Bern)

Globalisierungskritik und der Einfluss auf Abstimmungs- und Wahlresultate in der Schweiz
Pascal Sciarini, Universität Genf