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92. Jahrgang   Nr. 6 / 2019 Fr. 12.

Die Volkswirtschaft
Plattform für Wirtschaftspolitik

INTERVIEW DOSSIER EINBLICK KLEINBANKEN


Branchenexperte Das Ende des Verkehrte Zinswelt Weniger administrative
André Olschewski zur Eigenmietwerts? 44 Pflichten für gut
Wasser­knappheit in der 33 kapitalisierte Institute
Schweiz 49
28

FOKUS
Kostbares Wasser

Wichtiger HINWEIS !
Innerhalb der Schutzzone (hellblauer Rahmen) darf
kein anderes Element platziert werden!
Ebenso darf der Abstand zu Format- resp. Papierrand
die Schutzzone nicht verletzen!
Hellblauen Rahmen der Schutzzone nie drucken!
Siehe auch Handbuch
„Corporate Design der Schweizerischen Bundesverwaltung“
Kapitel „Grundlagen“, 1.5 / Schutzzone
www. cdbund.admin.ch
EDITORIAL

Unsichtbare ­Herausforderung
Im Schweizer Boden liegen 200 000 Kilometer Leitungen für Wasser und Abwasser.
Doch die Öffentlichkeit und die Politik befassen sich kaum mit dem Thema. Mög-
licherweise, weil die Wasserversorgung dezentral und kleinräumig strukturiert ist.
So gehört das Grund- und Seewasser den Kantonen, die Infrastruktur ist meist im
Besitz der Gemeinden, welche den Kantonen eine Konzession bezahlen. Für den
Gewässerschutz ist wiederum der Bund zuständig.
«Die Wirtschaft müsste ein Interesse haben, wie die
regionale Wasserversorgung in Zukunft aussieht», sagt
André Olschewski, Vizedirektor des Schweizerischen
Vereins des Gas- und Wasserfaches, im Interview.
Der geschätzte Investitionsbedarf in den kommenden
30 Jahren beläuft sich auf 130 Milliarden Franken – das
sei mehr, als künftig ins Strassennetz oder ins Schienen-
netz fliessen sollten, schreiben Max Maurer und Sabine
Hoffmann vom Wasserforschungsinstitut Eawag in
ihrem Beitrag. Weiteres Ungemach droht durch Mikro­
verunreinigungen, die ins Grundwasser gelangen.
Eine Volksinitiative, die demnächst im Parlament be­raten
wird, fordert denn auch sauberes Trinkwasser ohne
Rückstände von Pestiziden oder Medikamenten. Zentral
bleibt der Schutz von Trinkwasserressourcen: Eine weitsichtige Raumplanung soll
verhindern, dass durch den Bau von neuen Siedlungen, Strassen oder Bahnlinien
Trinkwasserreservoirs nicht mehr genutzt werden können.
In der Rubrik «Einblick» lassen wir neu Chefökonomen zu Wort kommen. Den
Anfang macht Daniel Kalt, Chefökonom der UBS Schweiz. Lesen Sie seine Ein-
schätzung zu den volkswirtschaftlichen Kosten der Negativzinsen.

Wir wünschen Ihnen eine aufschlussreiche Lektüre.


Susanne Blank und Nicole Tesar
Chefredaktorinnen «Die Volkswirtschaft»
INHALT

4 19

FOKUS

Kostbares Wasser
4 Ökonomie des Trinkwassers 8 Wasserversorgung: In 12 Sanierungsfall
Samuel Rutz, Urs Trinkner grösseren R
­ äumen denken Abwassersystem
Swiss Economics
Andreas Peter Max Maurer
Wasserversorgung der Stadt Zürich ETH Zürich
Michael Schärer Sabine Hoffmann
Bundesamt für Umwelt Wasserforschungsinstitut Eawag
Urs von Gunten
ETH Lausanne

16 Die Privatisierung der 19 Wasser: Grundlage für


Wasser­versorgung nachhaltige Entwicklung und
hat sich nicht bewährt Frieden
Klaus Lanz Guy Bonvin
International Water Affairs Direktion für Entwicklung und
Zusammenarbeit

23 Nachhaltige Abwasser­ 24 STANDPUNKT


reinigung in Kocani Umdenken bei den Investitionen
Françoise Salamé Guex
Agnes Meyer Frund
Staatssekretariat für Wirtschaft Preisüberwachung

25 STANDPUNKT 27 STANDPUNKT 28 INTERVIEW


Kampf ums Überleben Integrierte
Stefan Hasler Wasserbewirtschaftung «Die Trockenheit führte
Verband Schweizer Abwasser- und Jacques Melly zu einem Umdenken»
Gewässerschutzfachleute Departement für Mobilität, Raumentwicklung
und Umwelt des Kantons Wallis Im Gespräch mit dem Vizedirektor des
Schweizerischen Vereins des Gas- und
Wasserfaches André Olschewski

59 WIRTSCHAFTSZAHLEN  61 VORSCHAU   61 IMPRESSUM


INHALT

38 56 10

THEMEN

Schulden, Zinsen und China


44 EINBLICK 46 STUDIE 49 KLEINBANKEN
Verkehrte Zinswelt – Die Staatsverschuldung Vorbildliche Kleinbanken
wie lange noch? beeinflusst Wachstum sollen belohnt werden
Daniel Kalt und Zinsen nicht Martin Bösiger
UBS Schweiz Eidgenössische Finanzmarktaufsicht
Guillaume Guex Statistique Vaud
Sébastien Guex Universität Lausanne

51 CHINA-SCHWEIZ 54 ARBEITSMARKT
Schweizer Stärken sind RAV-Beratungen unter
bei Chinas ­Unternehmern der Lupe
kaum bekannt Katharina Degen, Angelo Wetli
Amosa
Juan Wu, Martin Schnauss
ZHAW School of Management and Law

56 HÖHERE FACHSCHULEN DOSSIER


Höhere Fachschule
Südostschweiz gibt
wirtschaftliche Impulse
Das Ende des Eigenmietwerts?
Franz Kronthaler, Peter Tromm 34 Welche Auswirkungen 38 Bei Tiefzinsen profitieren
HTW Chur
hat die A
­ bschaffung des Wohn­eigentümer vom
Eigenmietwerts? Systemwechsel
­Lukas M. Schneider, Peter Schwarz, Stefan Grob, Luca Bumann
David Staubli Hochschule Luzern
60 INFOGRAFIK Eidgenössische Steuerverwaltung
Schweizer Flugverkehr
41 STANDPUNKT 42 STANDPUNKT
hebt ab
Zeit für einen Systemwechsel Verschrien, aber notwendig!
Markus Meier Natalie Imboden
Hauseigentümerverband Schweiz Schweizerischer Mieterinnen- und
Mieterverband
WASSER

Ökonomie des Trinkwassers


Die Trinkwasserversorgung kann sowohl von staatlichen als auch von privaten Unter-
nehmen erbracht werden. Welchen Weg soll die Schweiz einschlagen?  Samuel Rutz,
Urs Trinkner

Abstract  Wasser ist aus ökonomischer Sicht kein öffentliches Gut. Gleich- kleinere Wasserquellen als Bestandteil von
wohl kann die leitungsgebundene Wasserversorgung nicht unbesehen den Grundstücken und gehören damit dem Grund-
Marktkräften überlassen werden, da insbesondere beim Verteilnetz ein stückeigentümer; alle anderen Wasservorkom-
«monopolistischer Engpass» besteht. Die Ausgangslage präsentiert sich men sind hingegen öffentlich. Der allergröss-
ähnlich wie bei Strom-, Gas- und Schienennetzen: Entweder erbringt die
te Teil des Wasservorkommens in der Schweiz
öffentliche Hand die gewünschte Versorgung selbst, oder sie übergibt die-
se an öffentliche oder private Leistungserbringer. Im zweiten Fall gewähr- unterliegt somit der Hoheit der Kantone, die
leistet er die Qualität der Wasserversorgung durch Regulierung. Aus öko- auch die Verantwortung für die Koordination
nomischer Sicht sind beide Wege gangbar. Für Schweizer Gemeinden, die der unterschiedlichen Nutzungsinteressen tra-
über eine gute direktdemokratische Kontrolle verfügen, kann die öffentli- gen. Dabei gibt es hierzulande sicherlich einen
che Eigenerbringung vorteilhaft sein. Konsens, dass jedermann Zugang zu saube-
rem Trinkwasser haben sollte, auch wenn kein
eigentlicher Rechtsanspruch besteht.

D  er Sommer 2018 hat es auf den dritten Platz


der heissesten Sommer seit Messbeginn im
Jahr 1864 geschafft. Aber nicht nur die Rekord-
Trinkwasser ist kein öffentliches Gut
temperaturen machen den letztjährigen Som- Dies bedeutet aber noch lange nicht, dass Trink-
mer zu einem aussergewöhnlichen Ereignis, son- wasser ein öffentliches Gut darstellt, das zwin-
dern auch der Regenmangel: Es fehlte der Regen gend vom Staat bereitgestellt werden muss. Ein
von zwei bis drei Sommermonaten. In der Folge öffentliches Gut definiert sich nämlich dadurch,
führten viele Schweizer Flüsse und Seen weniger dass Dritte nicht von dessen Nutzung ausge-
Wasser als normalerweise zu dieser Jahreszeit. schlossen werden können und keine Rivalität im
Zwar mochte niemand offiziell von einer Wasser- Konsum besteht. Ein klassisches Beispiel eines
knappheit sprechen, trotzdem wurden teilwei- öffentlichen Gutes ist der Leuchtturm: Er sen-
se lokale Einschränkungen der Wassernutzung det sein Signal unabhängig davon aus, ob da-
erlassen – etwa für die Bewässerung von Grün- für bezahlt wird oder nicht («Nicht-Ausschliess-
flächen –, und vielerorts machten gut gemeinte barkeit»), und das Signal wird nicht schwächer,
Tipps, wie der Wasserverbrauch im Haushalt ge- wenn es gleichzeitig von mehreren vorbeifahren-
senkt werden könnte, die Runde. den Schiffen «konsumiert» wird («Nicht-Rivali-
Das Beispiel des Hitzesommers 2018 zeigt tät»). Gerade Leitungswasser weist diese Eigen-
insbesondere eines auf: Wasser ist ein knappes schaften jedoch nicht auf. Es ist ein Leichtes,
und wertvolles Gut, um dessen Nutzung Kon- nicht bezahlende Dritte von der Nutzung aus-
flikte entstehen können. Wasser wird nicht nur zuschliessen, und auch die Rivalität im Konsum
im Haushalt – zum Trinken, Duschen, Spülen ist eindeutig gegeben. Aus ökonomischer Sicht
und Waschen – gebraucht, sondern etwa auch unterscheidet sich Trinkwasser deshalb nicht
zur Bewässerung in der Landwirtschaft, zur grundsätzlich von anderen kommerziellen Pro-
Energieproduktion oder für industrielle Prozes- dukten. Insbesondere in Ländern, wo die Quali-
se. Zwei Fragen stellen sich in diesem Kontext: tät des Leitungswassers schlecht ist, wird Wasser
Wem gehört eigentlich das Wasser, und wie sol- im freien Markt gehandelt. Der Preis ergibt sich
len allfällige Nutzungskonflikte gelöst werden? dabei als Resultat von Angebot und Nachfrage.
Die erste Frage lässt sich für die Schweiz Demgegenüber gibt es in der Schweiz
relativ einfach beantworten. Zwar gelten für Trinkwasser keinen freien Markt. Die

4  Die Volkswirtschaft  6 / 2019
Der grösste künstliche Wasserspeicher
der Schweiz: Reservoir Lyren in Zürich.
KEYSTONE
WASSER

­ ersorgung ist fest in der Hand der Gemein-


V Die aktuelle, stark öffentlich geprägte Struktur
den und erfolgt im Monopol. Mit anderen Wor- der Schweizer Wasserversorgung entspricht der
ten: Das Wasser muss beim lokalen Versorger im letzten Jahrhundert dominierenden Sichtwei-
bezogen werden. Dies bedeutet jedoch nicht, se, dass die öffentliche Hand in den Netzindust-
dass das Gemeinwesen das leitungsgebundene rien die gewünschte Versorgung selbst erbringen
Trinkwasser gratis abgibt. Vielmehr wird ein soll («Eigenerbringung»). Die in der Europäischen
Tarif erhoben, der sich für einen Mehrperso- Union seit dem Ende der Achtzigerjahre stufen-
nenhaushalt (abhängig vom Wasserverbrauch) weise einsetzenden Liberalisierungen der Netz-
jährlich auf mehrere Hundert Franken belau- industrien führten zu einem Paradigmenwech-
fen kann. Damit wird den Haushalten das Signal sel: Der Staat erbringt den Service public nicht
übermittelt, dass die Bereitstellung und die Ver- mehr selbst, sondern gewährleistet dessen Er-
teilung von Trinkwasser mit Kosten verbunden bringung («Gewährleistung»). Dabei können so-
sind und Wasser ein knappes Gut ist. wohl private als auch öffentliche Unternehmen
mit der Leistungserbringung beauftragt werden.
Versorgung effizient organisieren Um sicherzustellen, dass die politisch ge-
wünschte Versorgung erbracht wird, setzt der
Umgekehrt erwarten die Haushalte, dass ihr Staat eine unabhängige, in der Regel sektor-
Budget nicht übermässig strapaziert wird und spezifische Regulierungsbehörde ein. Diese
die staatliche Trinkwasserversorgung mög- überwacht die mit der Versorgung beauftrag-
lichst kostengünstig erfolgt – was in normalen ten Unternehmen. Im Detail zu regulieren sind
Märkten über den Wettbewerb sichergestellt unter anderem die Preise, um eine missbräuch-
wird. Dass die öffentlichen Wasserwerke diese liche Abschöpfung von Monopolrenten zu ver-
Erwartung nicht zwangsläufig erfüllen, zeigen hindern. Dabei bleibt der Staat im Sinne eines
die unzähligen Interventionen des Preisüber- «Server of Last Resort» in der Verantwortung: Er
wachers: Zwischen 2013 und 2017 beurteilte er reguliert nicht nur den Service public, sondern
rund 140 geplante Tariferhöhungen als unan- muss diesen auch gewährleisten und im Falle
gemessen. Dies führt zur Frage, ob die Wasser- einer Unterversorgung eingreifen.1
versorgung in einem wettbewerblichen Umfeld
nicht effizienter erbracht werden könnte und ob Eigenerbringung oder
diese gegebenenfalls nicht auch für Private ge-
­Gewährleistung?
öffnet werden sollte.
Aus ökonomischer Sicht handelt es sich Für beide Modelle – Eigenerbringung und Ge-
beim überwiegenden Teil der Wertschöpfungs- währleistung – gibt es bei der Wasserversor-
kette – Gewinnung, Speicherung, Aufberei- gung sowohl gute als auch schlechte Beispiele.
tung, Verteilung, Abführung und Reinigung – In Berlin etwa wurde 2011 die Rekommunalisie-
um ein natürliches Monopol. Das heisst: Es ist rung der Berliner Wasserbetriebe beschlossen,
nicht kosteneffizient, wenn mehr als ein Anbie- ein Schritt, der unter anderem mit steigenden
ter eine lokale Infrastruktur wie beispielsweise Wasserpreisen nach der Privatisierung im Jahr
die Kanalisation erstellt. Da sich die Investitio- 1999 begründet wurde.
nen nicht anderweitig nutzen lassen, entstehen Ein positives Beispiel für das Gewährleis-
zudem irreversible Kosten. Wenn sowohl ein na- tungsmodell findet sich in nächster Nähe: Die
türliches Monopol als auch irreversible Kosten Wasserwerke Zug, die zu rund 70 Prozent in pri-
vorhanden sind, spricht man von einem mono- vater Hand sind, versorgen die Bevölkerung seit
polistischen Engpass. Ein solcher liegt insbe- 1878 zuverlässig mit Trinkwasser. Trotzdem hat
sondere bei der Wasserverteilung vor, dem weit- gerade in der Schweiz die Beteiligung von Pri-
aus grössten Kostenblock, der rund 80 Prozent vaten an der Wasserversorgung bislang einen
aller Investitionen auf sich vereint. Dies bedeu- schweren Stand. Dies zeigte sich jüngst erneut
tet, dass kein Wettbewerb auf dieser Stufe ent- im Kanton Zürich, wo ein vorsichtiger Versuch
stehen kann. Die Ausgangslage ist vergleichbar 1 V
gl. Finger und Trinkner
einer Neuregelung des Wasserwesens an der
mit Strom-, Gas- und Schienennetzen. (2014). Urne daran gescheitert ist, dass künftig Minder-

6  Die Volkswirtschaft  6 / 2019
FOKUS

heitsbeteiligungen von Privaten an der Wasser- der Regulierung von öffentlichen Versorgungs-
versorgung möglich geworden wären. aufträgen in Netzindustrien. Das Gewähr-
Beim Entscheid, in welchem Modell die Was- leistungsmodell bedingt eine höhere Regulie-
serversorgung letztlich erbracht werden soll, rungsdichte und eine dichtere Aufsicht als das
sind mehrere Erwägungen zu berücksichtigen. Eigenerbringungsmodell. Die Einbindung Priva-
Aus ökonomischer Sicht haben private Unter- ter lohnt sich vor allem dort, wo die Ineffizienz
nehmen, die ihren Gewinn maximieren, stärkere der öffentlichen Versorger als besonders hoch
Anreize zur kosteneffizienten Leistungserstel- eingestuft wird, die Leistungserbringung inklu-
lung. Gleichzeitig haben sie aber auch grössere sive Zustand der Anlagen gut beobachtbar und
Anreize zu Preiserhöhungen. Die Preisregulie- die Wettbewerbsdynamik ausgeprägt ist.
rung ist denn auch in monopolistisch geprägten
Märkten eine besondere Herausforderung. In Stimmbürger als Aufsicht
der Regel wird von einer reinen Kostenregulie-
rung abgesehen, bei der höhere Kosten automa- In der Summe kann die lokale öffentliche Eigen-
tisch höhere Tarife ermöglichen, da dies Anrei- erbringung bei der Wasserversorgung durchaus
ze für eine Überkapitalisierung schafft. Dieser vorteilhaft sein, da einerseits wenig Grössen-
Effekt wird auch als «Averch-Johnson-Effekt» vorteile bestehen – die Abdeckung von zusätz-
oder als «Goldplating» bezeichnet. Ein plaka- lichem Gebiet erfordert neue Leitungen – und
tives Beispiel: Die Anschaffung eines teuren andererseits intermodaler Wettbewerb auch
Kunstwerks erhöht die Kapitalkostenbasis und langfristig ausgeschlossen werden kann, weil
würde entsprechend höhere Tarife erlauben. es kein Substitut zu Wasser gibt. Vorausset-
Vor dem Hintergrund sind in der jüngeren Ver- zung sind jedoch wirksame kommunale Corpo-
gangenheit vermehrt Anreizregulierungen einge- rate-Governance-Strukturen. Wenn etwa Preis-
führt worden, bei denen Erlös- oder Preisobergren- erhöhungen von der Gemeindeversammlung vor
zen auf Jahre hinaus im Voraus festgelegt werden. Ort abgesegnet werden müssen, sind die Stimm-
So können Anreize für Kosteneffizienz geschaffen bürger, die gleichzeitig auch Eigner und Nutzer
und gleichzeitig die Preise stabilisiert werden. Da- sind, gefordert, kurz- und langfristige Motive
bei muss im Auge behalten werden, dass für Pri- sorgfältig abzuwägen. Ein etwaiges Goldplating
vate kein Anreiz entsteht, durch die Rückhaltung wird eher aufgedeckt als von einer zentralen Be-
von Erneuerungsinvestitionen in die Wasserinfra- hörde. Und: Die Verantwortung für ihren Be-
struktur, die grösstenteils «unsichtbar» unter dem schluss tragen die Stimmbürger in jedem Fall
Boden ist und teils hohe Nutzungsdauern von bis direkt. Insofern kann die lokale öffentliche Was- 2 V
gl. Jaag und Trinkner
zu 100 Jahren aufweist, kurzfristig möglichst viele serversorgung auch aus ökonomischer Sicht eine (2009).
freie Mittel abzuschöpfen. ­langfristig ­effiziente Lösung sein.
In dem Zusammenhang bestehen bei der
privaten Erbringung latente Hold-up-Proble-
me: Das heisst, der gewährleistende Staat ist auf
das private Unternehmen, das den monopolis-
tischen Engpass besitzt, angewiesen und kann
bei Bedarf nicht einfach auf ein anderes Unter-
nehmen ausweichen. Als aktuelles Beispiel
kann das Skigebiet Crans-Montana herangezo- Samuel Rutz Urs Trinkner
gen werden, wo der Eigner kurzerhand die Bah- Dr. oec. publ., stv. Dr. oec. publ., Geschäfts-
nen abstellte, um den strittigen Förderbeitrag ­Geschäftsführer, Swiss führer, Swiss Economics,
Economics, Zürich Zürich
der Gemeinde zu erhalten. Auch bei staatlichen
Ausschreibungen von Verkehrskonzessionen Literatur
werden die Bedingungen oft nachverhandelt.2 Finger, Matthias und Trinkner, Urs (2014). Wie weiter nach dem
­Paradigmenwechsel im Service public? In: Die Volkswirtschaft,
Die richtige Balance von Kosten-, Preiserhö- 2014–7/8.
hungs-, Investitions- und Versorgungsanreizen Jaag, Christian und Trinkner, Urs (2009). Tendering Universal S­ ervice
Obligations in Liberalized Network Industries. In: Journal for Compe-
zu finden, ist eine grosse Herausforderung bei tition and Regulation in Network Industries 10(4), 313–332.

Die Volkswirtschaft  6 / 2019  7
WASSER

Wasserversorgung:
In grösseren ­Räumen denken
Damit die Wasserversorgung in der Schweiz gesichert bleibt, sind jährliche ­Investitionen
von Hunderten Millionen Franken nötig. Gerade kleinere Versorger geraten unter Druck.  
Andreas Peter, Michael Schärer, Urs von Gunten

Abstract    Trinkwasser ist in der Schweiz qualitativ hochstehend, es ist Desinfektion mittels Ultraviolettbestrahlung.
günstig und reichlich vorhanden. An diesen guten Voraussetzungen wer­ Mehrstufig aufbereitet werden knapp ein Drit-
den auch die Folgen des Klimawandels wenig ändern. Doch bei der Ver­ tel des Quell- und Grundwassers sowie das ge-
sorgung mit unserem wichtigsten Lebensmittel werden wir in Zukunft samte Seewasser. Nicht zuletzt dieser relativ
mit anderen Herausforderungen konfrontiert sein: dem Schutz der Trink­
einfachen Aufbereitung wegen verfügt Schwei-
wasserressourcen, der Erneuerung und der Vernetzung der Infrastruktur
sowie der Regionalisierung der Wasserversorgung.
zer Leitungswasser im Vergleich zu Mineral-
wasser über eine ausgezeichnete Ökobilanz: Be-
trachtet man den gesamten Lebenszyklus von

D  ie Schweiz gilt zu Recht als Wasserschloss


Europas. Wir sind mit Ressourcen geseg-
net, von denen andere Länder nur träumen kön-
der Wasser­förderung bis hin zum Konsum im
Haushalt, belastet das Hahnenwasser die Um-
welt rund 500 Mal weniger als Mineralwasser.
nen. Für die Versorgung mit Trinkwasser etwa
brauchen wir gerade mal 5 Prozent der jähr- Wasserverbrauch nimmt ab
lichen Niederschlagsmenge – von jenem Teil,
präziser gesagt, der nicht sofort abfliesst oder In der Schweiz ist die Wasserversorgung tradi-
verdunstet. An dieser privilegierten Situa- tionell eine Aufgabe der öffentlichen Hand – und
tion werden auch die Folgen des Klimawandels wie beispielsweise die Abstimmung über das
grundsätzlich wenig ändern. Zwar wird es ver- Wassergesetz im Kanton Zürich Anfang 2019 ge-
mehrt zu saisonalen und regionalen Verknap- zeigt hat, liegt der Bevölkerung viel daran, dass
pungen kommen wie während der anhalten- das auch in Zukunft so bleibt. Ein weiteres Merk-
den Hitze- und Trockenphase im Sommer 2018, mal der Wasserversorgung ist ihre dezentrale Or-
doch mengenmässig wird unser Land auch in ganisation auf kommunaler Ebene. Verteilt über
Zukunft keine Wassersorgen haben. Dies nicht das ganze Land, existieren über 2000 öffentliche
zuletzt, weil wir mit den zahlreichen Seen im Wasserversorgungsbetriebe. Rund 90 Prozent
Mittelland und den grossen Grundwasservor- sind kleinere Versorger, die das Wasser an jeweils
kommen über grosse Speicher verfügen. weniger als 5000 Menschen liefern. Lediglich in
Je rund 40 Prozent des Trinkwassers stam- den Grossstädten Genf, Zürich, Basel, Lausanne,
men aus Quellen und aus dem Grundwasser – Bern und Winterthur umfasst das Einzugsgebiet
knapp ein Fünftel wird aus den Seen gewonnen. mehr als 100 000 Einwohner. Zusammen setzen
Am einfachsten ist die Trinkwassergewinnung die sechs städtischen Versorger jährlich Wasser
bei Quellen: Wegen des Gefälles fliesst das Was- im Umfang von rund 250 Millionen Kubikme-
ser von allein in die Reservoire. Demgegenüber ter um. Dies entspricht etwa dem Volumen des
sind beim See- und Grundwasser Pumpen nötig. Hallwilersees. Die Hoheit über die Nutzung der
Die Aufbereitung des Rohwassers ist in den Trinkwasserressourcen liegt bei den Kantonen,
meisten Fällen mit wenig Aufwand verbun- die den Gemeinden dazu langfristige Konzessio-
den. Über 40 Prozent des genutzten Quell- und nen erteilen.
Grundwassers müssen gar nicht behandelt wer- Bis 1970 ist der Wasserverbrauch der Schweiz
den, und bei weiteren 30 Prozent reicht eine kontinuierlich gestiegen. Danach stagnierte er,

8  Die Volkswirtschaft  6 / 2019
FOKUS

KEYSTONE
Die grossen S­ tädte
­haben sich gegen
und seit 1985 hat er trotz Bevölkerungswachs- Wasserknappheit Wasserversorgung steht vor grossen Heraus-
tum leicht abgenommen. Der rückläufige Kon- ­abgesichert. ­Arbeiter forderungen – auch wenn das in der Öffentlich-
sum hat verschiedene Gründe: Unter anderem verlegen Wasser­ keit und der Politik kaum zur Kenntnis genom-
leitungen in Basel.
werden in Neubauten wassersparende Arma- men wird. Damit Qualität und Verfügbarkeit
turen eingebaut. Zudem benötigen moderne von Trinkwasser gesichert bleiben, braucht es
Waschmaschinen und Geschirrspüler deutlich insbesondere beim Schutz der Trinkwasser-
weniger Wasser. Auch die Industrie hat ihren ressourcen sowie bei der Erneuerung und Ver-
Verbrauch gesenkt, unter anderem, weil stark netzung der Wasserversorgungsinfrastruktur
wasserkonsumierende Produktionsstätten wie grosse Anstrengungen. Dabei gilt es über die
etwa die Papier- und Kartonherstellung aus der Gemeindegrenzen hinauszudenken: Die Was-
Schweiz verschwunden sind. serversorgung wird so zusehends zu einer re-
Im Jahr 2013 verbrauchte eine Person im gionalen Aufgabe.
Durchschnitt 309 Liter pro Tag. Davon entfal-
len 142 Liter auf die Haushalte und 167 Liter auf Schutzzonen unter Druck
Industrie, Gewerbe und Landwirtschaft. Al-
lerdings stammt bei Letzteren der grösste Teil Eine Gefahr für Trinkwasserfassungen sind bei-
dieses Wassers nicht von der öffentlichen Was- spielsweise lecke Abwasserleitungen, der Einsatz
serversorgung, sondern aus konzessionier- von Gülle und Pestiziden, Unfälle mit Tanklast-
ter Eigenförderung. Aufgeteilt nach Branchen, wagen oder schnell versickerndes verschmutztes
steht beim Wasserbedarf die Landwirtschaft an Regenwasser. Um zu verhindern, dass die Trink-
erster Stelle, nur unwesentlich weniger Wasser wasserfassung beschädigt oder das Grund- und
verbraucht an zweiter Stelle die chemische In- Quellwasser bei der Fassung verschmutzt wird,
dustrie. hat der Bund ein Konzept von Schutzzonen ge-
Das Image von Leitungswasser ist ausge- schaffen. Dieses folgt dem Grundsatz: Je näher
zeichnet, wie Befragungen des Schweizerischen sich eine Zone bei einer Wasserfassung befindet,
Vereins des Gas- und Wasserfaches (SVGW) zei- desto stärker sind die Einschränkungen. Des-
gen. Mit gutem Grund: Die Trinkwasserversor- halb ist in der Nähe der Fassungen das Erstel-
gung in der Schweiz funktioniert reibungslos, len von Gebäuden und Infrastruktureinrichtun-
und das Wasser ist von hoher Qualität. Das ist gen wie etwa Strassen nicht erlaubt. Ebenfalls
alles andere als selbstverständlich, denn die untersagt ist das Ausbringen von Gülle. Für die

Die Volkswirtschaft  6 / 2019  9
WASSER

­ urchsetzung der Gesetzesbestimmungen sind


D Schadstoffen, und zwar hauptsächlich in Bal-
die Kantone zuständig. lungsräumen und landwirtschaftlich intensiv
In den vergangenen Jahren sind die Schutz- genutzten Gebieten. Es handelt sich dabei um
zonen immer stärker unter Druck geraten. In besonders langlebige und gleichzeitig sehr mo-
einer Umfrage des Bundesamts für Umwelt bile Substanzen – vor allem Nitrat und Pflan-
(Bafu) aus dem Jahr 2017 haben fast alle Kanto- zenschutzmittel mit deren Abbauprodukten –,
ne angegeben, dass sie sich in ihren Schutzzo- die durch den Boden ins Grundwasser gelangen.
nen mit schweren Nutzungskonflikten konfron- Wollen wir auch künftigen Generationen eine
tiert sehen. Die grössten Probleme aus Sicht der sichere Wasserversorgung gewährleisten, müs-
Wasserversorgung sind die sich ausdehnende sen diese negativen Entwicklungen möglichst
Siedlungsfläche und die Landwirtschaft. Weil schnell gestoppt werden.
die Schutzzonen zunehmend mit Siedlungen
überbaut oder landwirtschaftlich genutzt wer- Investitionen sind nötig
den, müssen immer mehr Trinkwasserfassun-
gen aufgehoben werden. Eine Herausforderung auf ganz anderer Ebene
Angesichts dieser Entwicklung ist es oft stellt die für die Wasserversorgung nötige Infra-
schwierig, den gesetzlich vorgeschriebenen struktur dar. Der Wiederbeschaffungswert der
Schutz durchzusetzen. Als erschwerend er- Wasserversorgungsinfrastruktur ohne Haus-
weist sich auch, dass dem Schutzaspekt bei vie- anschlussleitungen wird auf rund 47 Milliarden
len Bauprojekten allzu spät Rechnung getragen Franken geschätzt (siehe Abbildung). Über zwei
wird. Um diese Risiken abzuwenden, muss der Drittel entfallen auf das Leitungsnetz, welches
Schutz der Wasserversorgung möglichst früh- mit einer Länge von über 80 000 Kilometern
zeitig bei der Planung beispielsweise von Bau- dem doppelten Erdumfang entspricht. Unter-
projekten berücksichtigt werden. Hilfreich sind halt und Ersatz dieser Rohre sind arbeitsinten-
dabei eine weitsichtige Raumplanung und eine siv und haben ihren Preis: Im Betriebsjahr 2013
vorausschauende Planung von Bauprojekten, wurden 889 Millionen Franken in die Schweizer
die mögliche Nutzungskonflikte im Voraus er- Wasserinfrastruktur investiert. Pro Kopf sind
kennt. Es gilt aber auch, die vorhandenen Ins- das 109 Franken.
trumente zum Schutz der Trinkwasserfassun- Diesen Kosten zum Trotz ist Trinkwasser in
gen auch tatsächlich einzusetzen. der Schweiz ein günstiges Lebensmittel – der-
Ein zunehmendes Problem für die Qualität art günstig, dass zwei Drittel der Bevölkerung
des Trinkwassers sind Spuren von Fremd- und keine Ahnung davon haben, was Hahnenwas-
ser kostet. Zurzeit liegt der durchschnittliche
Wasserpreis bei 2 Franken pro 1000 Liter. Deut-
Wiederbeschaffungswert der Infrastruktur lich weniger zahlt man zum Beispiel in Stans
zur Wasserversorgung (2013) (50 Rappen). Einiges teurer ist dieselbe Menge
Trinkwasser in St. Gallen (rund 2.90 Franken).
BRANCHENBERICHT DER SCHWEIZERISCHEN WASSERVERSORGUNG (2015) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

9%
2% Der Preis hängt unter anderem davon ab, wie
10% viel Energie für Aufbereitung und Transport
verbraucht wird und wie viel in die Erhaltung
des Verteilnetzes investiert werden muss.
Künftig muss die Wasserinfrastruktur nicht
nur erneuert, sondern gar weiter ausgebaut wer-
79% den. Viele Kantone streben eine regionale Ver-
netzung an, wofür es zusätzliche Leitungen
  Wasserverteilung       Wasserspeicherung    
braucht. Ziel dieser Anstrengungen ist, das gan-
  MSR (Mess-, Steuer- und Regeltechnik)       Wassergewinnung ze Versorgungssystem widerstandsfähiger zu
Im Jahr 2013 betrug der Wiederbeschaffungswert
machen. Die Versorger sollen unter anderem bei
der Wasserversorgungsinfrastruktur in der Schweiz lokaler Wasserknappheit auf einen alternativen
insgesamt 47 Milliarden Franken. Bezugsort zurückgreifen können. Die grossen

10  Die Volkswirtschaft  6 / 2019


FOKUS

Städte haben sich längst nach diesem Prinzip unterschiedlichen Verrechnungssysteme sind
abgesichert. So sind etwa die Wasserversorgun- der Transparenz wenig dienlich.
gen von Zürich und Winterthur über eine grosse Weil Gemeinden in ihren Versorgungsge-
Leitung miteinander verbunden, und die Stadt bieten ein Monopol in der Wasserversorgung
Bern bezieht ihr Trinkwasser sowohl aus dem haben, sind sie dem Preisüberwachungsgesetz
Emmen- wie aus dem Aaretal. unterstellt.  Es schreibt unter anderem kosten-
deckende Tarife vor. Gleichzeitig verbietet es
Fachwissen vergrössern den Versorgern, mit der Wasserversorgung Ge-
winne zu erzielen.
Für eine verstärkte Regionalisierung spricht Neue Gebühren sind dem Preisüberwa-
auch, dass sich bei der Wasserversorgung eine cher vorzulegen. Dies sorgt regelmässig für Dis-
Professionalisierung aufdrängt. Trinkwas- kussionen: Manche Versorgungsbetriebe kla-
ser ist ein Lebensmittel und unterliegt des- gen, der Preisüberwacher zeige nicht genügend
halb wachsenden Hygiene- und Qualitätsan- Verständnis für ihre finanzielle Situation. Es
forderungen, was eine langfristige Planung würden keine Tariferhöhungen bewilligt, die
erfordert. Zudem verlangen auch die Schutz- Rückstellungen erlaubten. Der Preisüberwacher
und Umweltaspekte vermehrt nach Fachwis- seinerseits argumentiert, bei der Ausgestaltung
sen, das bei kleinen Wasserversorgern nicht der Tarife dürften zwar die Kapitalkosten be-
zwingend vorhanden ist. Zum Beispiel bei der rücksichtigt werden, doch es gehe nicht an, dass
Überwachung des Trinkwassers auf Rückstän- die heutigen Kunden via Rückstellungen für die
de von Pflanzenschutzmitteln oder bei der Cy- Kosten der Wasserversorgung von morgen zur
bersicherheit. Gerade kleinere Gemeinden tun Kasse gebeten würden. So würde die Genera-
sich aber schwer damit, beim Trinkwasser mit tionengerechtigkeit verletzt. Im Grundsatz aber
anderen zusammenzuspannen. Wasser ist ein anerkennt der Preisüberwacher, dass die Was-
hoch emotionales Gut, und deshalb ist bei der serversorgungen langfristig geplant und finan-
Wasserversorgung die Unabhängigkeit vieler- ziert werden müssen. Daher sind seine Empfeh-
orts erstes Gebot. lungen grundsätzlich mit den Anforderungen
Es zeichnet sich jedoch ab, dass kleine Ge- der Wasserversorger vereinbar.
meinden künftig aus finanziellen Gründen zu Zusammenfassend lässt sich sagen: Die gröss-
einer Zusammenarbeit gezwungen sein könn- ten Herausforderungen in den nächsten Jahren
ten. Im Gegensatz zu grossen Versorgern verkau- sind die Finanzierung, Nutzungskonflikte und
fen sie ihr Wasser nämlich tendenziell zu günstig extreme Wetterperioden. Gefordert sind nicht
und sind deshalb oft nicht in der Lage, die nöti- nur die Wasserversorger, sondern auch der Bund,
gen Rückstellungen für Investitionen zu machen. die Kantone und die Forschung. Nur wenn wir
zusammenarbeiten, können wir die Wasserver-
Empfehlungen des Preisüberwachers sorgung für die nächsten Generationen sichern.

Die Wassertarife unterscheiden sich in der


Schweiz allerdings nicht nur der unterschiedli-
chen Preispolitik wegen. Einen Einfluss auf die
Gestehungskosten haben auch Faktoren wie die
unterschiedliche Topografie oder das Verhält-
nis zwischen der Anzahl Bezüger und der Län-
ge des Leitungsnetzes. Auch ungeachtet äus-
Andreas Peter Michael Schärer Urs von Gunten
serer Einflussfaktoren lassen sich die Preise Dr. sc. nat. Leiter Quali- Dr. sc. nat., Leiter der Dr. sc. nat., Leiter des Labors
häufig nur schlecht vergleichen. Die Wasser- tätsüberwachung, Was- ­Sektion Gewässerschutz, für Wasserqualität und Was-
serversorgung der Stadt Bundesamt für Umwelt seraufbereitung an der ETH
rechnung setzt sich aus einer fixen Grundge- Zürich (Bafu), Ittigen Lausanne sowie Leiter der
bühr und einem variablen Mengenpreis zusam- Gruppe Trinkwasserchemie,
men, wobei mancherorts auch die Gebühren Wasserforschungsinstitut
Eawag, Dübendorf
für die Wasserentsorgung enthalten sind. Diese

Die Volkswirtschaft  6 / 2019  11
WASSER

Sanierungsfall Abwassersystem
Das Schweizer Abwassersystem ist in die Jahre gekommen. Nebst Sanierungen sind in-
novative Lösungen gefragt, um den Ressourcenverbrauch zu mindern. Die Technologien
sind vorhanden.  Max Maurer, Sabine Hoffmann

Abstract  Mit einem Wiederbeschaffungswert von 230 Milliarden Franken saniert und sicher in die Zukunft geführt wer-
zählt die Wasserversorgung und Abwasserentsorgung in der Schweiz zu den. Jedoch liegen nur punktuell Informatio-
den wertvollsten Infrastrukturbauten. Alternde Leitungen, steigende Be- nen über das Alter, den Zustand und den Sanie-
völkerungszahlen und zunehmende Urbanisierung verlangen in den nächs- rungsbedarf vor. Erstaunlicherweise gibt es für
ten 30 Jahren Investitionen von insgesamt 130 Milliarden Franken. Auf
diese essenzielle Infrastruktur keine gesamt-
globaler Ebene schätzt die OECD die Investitionen in die Siedlungswasser-
wirtschaft auf jährlich 900 Milliarden Franken. Dieser hohe Investitions- schweizerische Übersicht.
bedarf und der global steigende Druck, neue Ansätze zu finden, bieten Fachleute gehen von einem erhöhten Investi-
einen Spielraum für innovative Lösungen. Die Schweiz hat mit ihrer Spit- tionsbedarf aus, der – gemäss einer eigenen kon-
zenforschung in diesem Bereich und dem aktuellen Bedarf an Infrastruk- servativen Schätzung – über die nächsten 30 Jah-
turerneuerung ein ungenutztes «Lead-Market»-Potenzial. Dazu braucht re bei rund 130 Milliarden Franken liegt. Hinzu
es aber ein gesamtschweizerisches Impulsprogram, das die fragmentier- kommen Herausforderungen wie die langfris-
ten Infrastrukturentscheide der Gemeinden koordiniert. tige Planung von Wasserinfrastrukturen. Da-
bei gilt es unter anderem die Bevölkerungs- und

D  ie Schweizer Wasserinfrastruktur ist leis-


tungsstark. Selbst in trockenen Sommern
wie im vergangenen Jahr ist die Versorgung mit
Siedlungsentwicklung sowie den Klimawandel
zu berücksichtigen.2 Gleichzeitig steigen die An-
forderungen an die Abwasserreinigung. So sind
sauberem Trinkwasser sichergestellt. Ein vier- beispielsweise Lösungen gefragt, um Mikrover-
köpfiger Haushalt in der Schweiz bezieht über unreinigungen zu beseitigen. Noch sind sich
200 Tonnen Wasser pro Jahr. Das Wasser muss viele Gemeinden, als Eigentümer der Wasser-
jedoch nicht nur geliefert, sondern auch nach infrastruktur, dieser Herausforderungen nicht
Gebrauch weggeführt, gereinigt und sicher in bewusst. Auch gibt es nur wenige gesetzliche
den Wasserkreislauf zurückgeführt werden. Um Vorgaben, wie die kommunalen Wasserinfra-
diesen Wassertransport zu gewährleisten, ver- strukturen unterhalten werden müssen.
fügen wir in der Schweiz über eine weitgehend
unsichtbare Transportinfrastruktur, die rund Globale Herausforderung
200 000 Kilometer Leitungen im Untergrund
umfasst. Das entspricht fast der dreifachen Län- Weltweit ist der Investitionsbedarf enorm: Ge-
ge des Strassennetzes.1 mäss der Organisation für wirtschaftliche Zu-
Der Wiederbeschaffungswert der Wasser- sammenarbeit und Entwicklung (OECD) sind im
infrastruktur beträgt rund 230 Milliarden Fran- Wasserbereich jährliche Investitionen im Um-
ken (siehe Tabellen). Zum Vergleich: Bei der fang von 772 Milliarden Dollar nötig. Ausserdem
Strasse liegt dieser Betrag bei 171 Milliarden werden jährlich zwischen 71 und 166 Milliarden
Franken, bei der Schiene sind es 100 Milliarden. Dollar benötigt, um auch in Entwicklungslän-
Mit rund 14 Milliarden Franken machen die über dern bis 2030 einen minimalen Zugang zu Sied-
800 zentralen Abwasserreinigungsanlagen nur lungshygiene zu ermöglichen. Zum volkswirt-
einen kleinen Teil des Gesamtbetrags aus. schaftlichen Nutzen dieser Investitionen gibt es
Viele dieser Wasserinfrastrukturbauten, kaum verlässliche Zahlen. In der Entwicklungs-
1 Schalcher et al. (2011). namentlich für die Abwasserentsorgung, wur- zusammenarbeit spricht man von einer Rendite
2 Vgl. Hoffmann et al.
(2014). den in der Hochkonjunktur der Siebziger- und von 5,5 bis 7 Dollar pro investiertem Dollar.3
3 Return on Investment: Achtzigerjahre gebaut und weisen substanziel- Allerdings zeigt die globale Betrachtung, dass
Vgl. Hutton et al. (2004)
sowie OECD (2011). le Schäden auf. Diese Bauten müssen umfassend konventionelle Wasserinfrastrukturen nicht

12  Die Volkswirtschaft  6 / 2019


Abwasser-Revolution in Dübendorf: Im
«Nest»-Forschungsgebäude werden zukunfts-
weisende Technologien entwickelt (oben). In den
Teichen entstehen kontrollierte Ökosysteme.

KEYSTONE
WASSER

die einzige Lösung für schnell wachsende Städ- Quelle getrennt und separat behandelt werden.
te in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Ein- Dies ermöglicht zum einen, das Grauwasser auf-
kommen sind. Denn Netzinfrastrukturen setzen zubereiten und im Haushalt – etwa zur Toilet-
nicht nur lange Planungshorizonte und stabile tenspülung – wiederzuverwenden und die im
Institutionen voraus, sondern auch Wassermen- Abwasser enthaltenen Nährstoffe zurückzuge-
gen, die in vielen Ländern Afrikas, Asiens und winnen. So könnten die im Abwasser enthalte-
Lateinamerikas mit zunehmender Wasserknapp- nen Stoffe den gesamten Bedarf an Phosphor-
heit nicht zur Verfügung stehen.4 Ein Nachteil und Stickstoffdünger, der derzeit importiert
der konventionellen Wasserinfrastrukturen ist wird, ersetzen.6 Zum andern kann der aufwen-
eine begrenzte Flexibilität, um sich zukünftigen dige Transport des Abwassers über teure Kana-
Entwicklungen wie wachsenden oder schrump- lisationen vermieden werden.
fenden Bevölkerungszahlen anzupassen. Der grosse Investitionsbedarf und der stei-
gende Druck, effizientere Lösungen zu finden,
Recycling als Chance verlangen nach Innovationen. In der Schweiz,
wo insbesondere in der Abwasserbehandlung
Derzeit ist die Ressourceneffizienz der Wasser- ein grosses Know-how vorhanden ist, sind die
versorgung und der Abwasserentsorgung gering. Voraussetzungen gut. Dank langjähriger For-
So wird leicht verschmutztes Wasser aus Lavabos schung zu innovativen Wasserinfrastrukturen
und Waschmaschinen (sogenanntes Grauwasser) zeichnen sich erfolgversprechende, revolutio-
mit hygienisch bedenklichem Wasser aus den näre Ansätze ab, welche den ganzen urbanen
Toi­letten vermischt und muss in den Kläranlagen Wassersektor der Kreislaufwirtschaft («circular
aufwendig gereinigt werden. Mit dem Abwasser economy») öffnen. Beispiele sind die Trennung
werden auch grosse Mengen an Phosphor und und die Behandlung verschiedener Abwasser-
Stickstoff entsorgt. Beides sind essenzielle ströme an der Quelle.
Pflanzennährstoffe, welche in der gleichen Menge
als Mineraldünger wieder importiert werden.5 Dünger aus Urin
Was bei der Wertstofftrennung im Abfall üb-
lich ist – die getrennte Verwertung von Glas-, Das Abwasser aus Bad und Küche kann heu-
Aluminium-, Papier-, Karton-, Plastik-, Bio- und te mittels modernster Membrananlagen lokal
4 Larsen et al. (2016). Restmüll –, funktioniert auch bei Abwasser: Die hochwertig aufbereitet und zur Wiedernutzung
5 Binder et al. (2009).
6 Larsen et al. (2013). verschiedenen Abwasserströme können an der verwendet werden. Urin ist weitgehend eine

Wasserversorgung: Infrastruktur im Jahr 2014 (in Mrd. Fr.)


Wiederbeschaffungswert Jahreskosten (Mrd. Fr.) Jährliche Investitionen
(Mrd. Fr.) (Mrd. Fr.)
Öffentliche Anlagen 15–20 1,5 0,2
Öffentliche Leitungen 35 – 0,6
Private Infrastrukturen 60,6 1,2 ?
Total 110–115,6 2,7 0,8–?

Abwasserentsorgung: Infrastruktur im Jahr 2014 (in Mrd. Fr.)


Wiederbeschaffungswert Jahreskosten (Mrd. Fr.) Jährliche Investitionen
(Mrd. Fr.) (Mrd. Fr.)
Zentrale ARA 13,6 1 0,3
HOFFMANN ET AL. (2014)

Öffentliche Kanalisation 66,4 1,2 0,5


Liegenschaftsentwässerung 34–40 1–1,2 ?
Total 114–120 3,2 –3,4 0,8–?

14  Die Volkswirtschaft  6 / 2019


FOKUS

konzentrierte Nährstofflösung, aus der mit ge- unklar, ob wir diese Spitzenposition auch opti-
ringem Aufwand ein hochwertiger Pflanzen- mal nutzen. Auf der einen Seite gilt es, die be-
dünger hergestellt werden kann. So ist zum Bei- stehenden Infrastrukturen in der Schweiz in die
spiel seit 2018 ein urinbasierter Volldünger vom Zukunft zu führen – auf der anderen Seite be-
Bundesamt für Landwirtschaft zugelassen. Die steht ein globaler Bedarf an innovativen Lösun-
hygienisch bedenklichste Abwasserfraktion, gen. Wenn es uns gelingt, statt reinen Werter-
Fäkalien, macht weniger als 1 Prozent der ge- halts auf Innovationen zu setzen, dann erhalten
samten Abwassermenge aus. wir die Möglichkeit, nicht nur einen essenziel-
Die technischen Entwicklungen in diesem len Service public zukunftstauglich zu machen,
Bereich sind rasch und hoch aktuell. So hat sondern auch eine vielversprechende Industrie
eine schweizerisch-österreichische Koopera- aufzubauen. Ob und allenfalls wie die Schweiz
tion eine urinseparierende Toilette entwickelt, künftig eine international führende Rolle in der
welche an der XXII Triennale Milano 2019 den Umsetzung innovativer Lösungen spielen kann,
Black Bee Award gewonnen hat und ab Sommer wird derzeit im Rahmen eines Nationalen For-
2019 von einer Schweizer Firma produziert und schungsprogramms (NFP 73) untersucht.7
vertrieben wird. Der oben erwähnte Urindünger Allerdings: Das Risiko, das mit dem Schaf-
wird von einem Spin-off der Eawag, dem Was- fen eines «Lead-Market» einhergeht, darf nicht
serforschungsinstitut des ETH-Bereiches, pro- allein den Gemeinden überlassen werden. Es
duziert und in der Schweiz, Deutschland und braucht dazu Impulse auf nationaler Ebene. Aus
7 Mehr Infos unter dem
Frankreich vertrieben. wirtschaftspolitischer Sicht stellt sich somit Stichwort «Comix»
In einem modularen Forschungs- und In- die Frage: Sind wir bereit, die Schweiz als Was- auf der Website des
Schweizerischen Natio-
novationsgebäude in Dübendorf entwickeln ser-Innovationsstandort zu positionieren? nalfonds.
Eawag-Forschende gemeinsam mit Industrie-
partnern verschiedene innovative Technolo-
gien und prüfen deren Funktionstüchtigkeit
unter realen Bedingungen. In einem von der
Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung mit mehreren
Millionen Dollar unterstützten Projekt wird bei-
spielsweise eine wassergespülte Toilette entwi-
ckelt, die keinen externen Anschluss an Wasser-
und Abwassernetze benötigt. Max Maurer Sabine Hoffmann
Professor für Systeme PhD in Entwicklungs-
der Siedlungswasser- studien, Leiterin der
wirtschaft, ETH Zürich, ­Gruppe Transdisziplinäre
Ist der Wille vorhanden? und Abteilungsleiter am ­Forschung und des stra-
Wasser­forschungsinstitut tegischen Forschungs-
Die schweizerische Forschung und Entwick- Eawag, Dübendorf programms «Wings» am
lung im Wasser- und Abwasserbereich nimmt Wasserforschungsinstitut
Eawag, Dübendorf
global eine Spitzenposition ein. Allerdings ist

Literatur
Binder, C. R.; de Baan, L., und Wittmer, D. Hutton, G.; Haller, L. und WHO (2004). Evalua- Larsen, T. A.; Hoffmann, S.; Lüthi, C.; Truffer,
(2009). Phosphorflüsse in der Schweiz. tion of the Costs and Benefits of Water and B., und Maurer, M. (2016). Emerging Solu-
Stand, Risiken und Handlungsoptionen. Ab- Sanitation Improvements at the Global Le- tions to the Water Challenges of an Urbani-
schlussbericht. Umwelt-Wissen Nr. 0928. vel, Genf. zing World. In: Science 352(6288): 928–933.
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Hoffmann, S.; Hunkeler, D., und Maurer, M. (2013). Editorial. Source Separation and De- Sanitation: An OECD Perspective, OECD Stu-
(2014). Nachhaltige Wasserversorgung und centralization for Wastewater Management. dies on Water, OECD Publishing, Paris.
Abwasserentsorgung in der Schweiz: Her- In: T. A. Larsen, K. M. Udert, und J. Lienert Schalcher, H.-R., Boesch, H.-J., Bertschy, K.,
ausforderungen und Handlungsoptionen. (Eds.), Source Separation and Decentrali- Sommer, H., Matter, D., Gerum, J., und Jakob,
Thematische Synthese 3 im Rahmen des zation for Wastewater Management (1–10), M. (2011): Was kostet das Bauwerk Schweiz
Nationalen Forschungsprogramms NFP 61 London. in Zukunft und wer bezahlt dafür? Fokusstu-
«Nachhaltige Wassernutzung», Bern. die des Nationalen Forschungsprogramms 54
«Nachhaltige Siedlungs- und Infrastruktur-
entwicklung», vdf Verlag ETH Zürich.

Die Volkswirtschaft  6 / 2019  15
WASSER

Privatisierung hat sich nicht bewährt


In vielen Ländern ist die Privatisierung der Wasserversorgung wieder rückgängig gemacht
worden. Die Ursachen erschliessen sich erst auf den zweiten Blick.  Klaus Lanz

Abstract  Bei der Privatisierung von Wasserversorgungen geht es nicht um nehmen. Aus diesen Anfängen entwickelten
die Privatisierung der Ressource Wasser, auch nicht um den Verkauf von sich grosse Versorgungskonzerne wie Suez und
Leitungsnetzen und Pumpwerken, sondern um die befristete Durchfüh- Veolia, die sich heute weltweit an Strom-, Gas-,
rung der Dienstleistung Wasserversorgung durch privatwirtschaftliche Wasser-, Abfall-, Bau- und Verkehrsunterneh-
Unternehmen. Die Erfahrung zeigt, dass die Besonderheiten der Wasser-
men beteiligen. Allerdings haben in jüngster
versorgung – extrem hoher Kapitalbedarf, Abwesenheit von Wettbewerb,
langer Planungshorizont, enge Verflechtung mit gesundheitspolitischen
Zeit zahlreiche französische Städte, etwa Paris
und ökologischen Zielen sowie sozial verträgliche Wasserpreise – keine at- und Bordeaux, ihre Wasserversorgung wieder in
traktiven Renditen erlauben, es sei denn zulasten gesellschaftlicher Ziele. eigene Verantwortung zurückgeholt, allem vor-
an wegen übermässig steigender Wasserpreise.

D  ie Industriestaaten wenden rund 2 Prozent


ihres Bruttoinlandproduktes für den Was-
sersektor auf: Allein in den Erhalt der öffentli-
Zeche zahlen die Konsumenten
Auch in Deutschland fassten die französischen
chen Trinkwasserinfrastruktur müssen in der Versorger Fuss. 1999 verkaufte die Stadt Berlin
Schweiz jedes Jahr über 900 Millionen Fran- aus Finanznot ihre Wasserversorgung für 3,3
ken investiert werden. Sie sind nötig, um ein- Milliarden D-Mark zu 49,9 Prozent an ein Kon-
wandfreie Wasserqualität, kontinuierliche Ver- sortium aus zwei Versorgern (Vivendi, RWE)
sorgung und die regelmässige Erneuerung und und einem Versicherungskonzern (Allianz),
Instandhaltung der Anlagen dauerhaft zu ge- wobei Vivendi die Betriebsführung übernahm.
währleisten. Finanziert werden diese Aufwen- Schon bald erwies sich dies als heikles Geschäft
dungen über die Gebühren der Nutzer (Haus- für die Stadt, denn der (vertrauliche) Vertrag
halte, Gewerbe, Industrie etc.). sah eine garantierte Rendite für die privaten
Während der grossen Privatisierungswelle Eigner vor. Die Preise stiegen, während die In-
von Telekommunikation, Strom- und Gasver- vestitionen für Ersatz und Instandhaltung der
sorgung in den Neunzigerjahren kam auch die Infrastruktur unter das nötige Mass fielen. Ein
Wasserversorgung weltweit unter Beobachtung. Volksbegehren veranlasste die Stadt 2013 zum
Auffällige Defizite der kommunalen Betriebe Rückkauf der privaten Anteile. Die Zeche für
waren in Europa zwar nicht auszumachen, den- das Experiment zahlen die Konsumenten, denn
noch förderte der ökonomische Zeitgeist man- die Kaufsumme von 1,2 Milliarden Euro wurde
cherorts eine Privatisierung. In der EU spielten den Berliner Wasserbetrieben belastet, welche
auch politische Vorgaben eine Rolle: Die Ver- die Zinsen für 30 Jahre auf den Wasserpreis auf-
schuldung der Kommunen sollte kurzfristig re- schlagen.
duziert werden, um die Maastricht-Kriterien Die norddeutsche Küstenstadt Rostock hol-
einzuhalten. In Osteuropa und in den Schwel- te nach Ablauf einer 25-jährigen Konzession an
lenländern machten die internationalen Ent- die Remondis-Tochter Eurawasser ihre Wasser-
wicklungsbanken und die Weltbank eine Pri- versorgung 2018 wieder in eigene Regie zurück.
vatisierung gar zur Bedingung für Kredite im Die Rekommunalisierung soll es erleichtern,
Wassersektor. den Herausforderungen des Klimawandels in
Als Mutterland der Wasserprivatisierung der trockenen Region durch langfristige Koope-
kann Frankreich gelten. Viele französische Kom- rationen mit Nachbarversorgungen zu begeg-
munen übertrugen bereits im frühen 20.  Jahr- nen. Der Wasserpreis wurde um 24 Prozent ge-
hundert ihre Wasserversorgung an Privatunter- senkt, Abwasser verbilligte sich um 14 Prozent.

16  Die Volkswirtschaft  6 / 2019


FOKUS

Für die Hamburger Wasserversorgung ist Eigen- Durch einen jahrzehntelangen Mangel an
ständigkeit gar Gesetz: In der Folge eines Volks- Erhaltungsinvestitionen gehören die Wasser-
begehrens beschloss die Hansestadt 2006, ihre verluste aus den vernachlässigten Rohrnetzen
Wasserversorgung vollständig in öffentlichem zu den höchsten in ganz Europa. Beim Londo-
Besitz zu behalten. ner Versorger Thames Water etwa versickern
rund 40 Prozent des eingespeisten Wassers: Pro
Altlasten aus der Ära Thatcher Haushalt sind das 183 Liter pro Tag. Zum Ver-
gleich: In der Schweiz beträgt der Wasserverlust
Das weltweit radikalste Privatisierungsvorha- 13 Prozent. Gleichzeitig ziehen die Eigentümer
ben wurde 1989 von der britischen Premiermi- in England jährlich rund 2 Milliarden britische
nisterin Margaret Thatcher verordnet. Anders Pfund an Dividenden aus dem System. Dies
als im sonst üblichen Modell befristeter Kon- schlägt sich mit 83 Pfund pro Haushalt nieder
zessionen liess sie sämtliche wasserwirtschaft- und macht mehr als 20 Prozent des Wasserprei-
lichen Anlagen in England und Wales an eigens ses aus. Die Labour Party hat angekündigt, die
gegründete Aktiengesellschaften übertragen  – Wasserversorgung wieder in öffentliche Verant-
schuldenfrei und kostenlos. 30 Jahre später wortung zurückholen zu wollen.
ist die Wasserversorgung in England haupt- Weltweit verfügen Weit komplexer als die Übernahme eines
sächlich in den Händen von ausländischen In- viele Menschen europäischen Wasserversorgers mit fertig ge-
nach wie vor über
vestmentgesellschaften, die über kein eigenes bauter Infrastruktur und zahlungskräftiger
­keinen Trinkwasser-
­Branchen-Know-how verfügen. anschluss. Wasser- Bevölkerung ist das Wassermanagement von
tank in Bhopal, Indien.

KEYSTONE

Die Volkswirtschaft  6 / 2019  17
WASSER

Megastädten in Schwellenländern. Wo Jahr für schwankungen, Zinserhöhungen und Inflation


Jahr Zehntausende neue Haushalte hinzukom- abgesichert. Die daraus resultierenden wesent-
men und periurbane Armenviertel mit Wasser lich höheren Forderungen der Betreiber waren
versorgt werden müssen, ist der Ausbau von nun nicht mehr durch die Wassergebühren der
Leitungsnetzen, Speichern, Pumpstationen und Haushalte zu decken. Die Differenz zahlte die
Aufbereitungsanlagen eine Herkulesaufgabe. staatliche Wassergesellschaft (als nominelle
In den Neunzigerjahren war es die feste Über- Eigentümerin der Infrastruktur), die so gewalti-
zeugung der Weltbank, diese Aufgabe könne ge Schulden anhäufte.
am besten unter privatwirtschaftlicher Ägide
gemeistert werden. Doch die meisten damals Gerichtshof schreitet ein
verordneten Grossprivatisierungen wurden in-
zwischen rückgängig gemacht (zum Beispiel in Diese Gemengelage – durch Staatsverschul-
Buenos Aires, in La Paz, in Maputo und in Dares- dung gedeckte Renditen der privaten Betreiber
salam). Die Gründe ähneln sich und können am bei kaum spürbaren Verbesserungen der Ver-
Beispiel der indonesischen Hauptstadt Jakarta sorgungsqualität und steigenden Wasserprei-
dargelegt werden – eines der weltweit grössten sen – war politisch höchst unpopulär. Unter al-
Ballungsräume. len Grossstädten Indonesiens schneidet Jakarta
heute mit nicht einmal 60 Prozent angeschlos-
Zum Beispiel Jakarta senen Haushalten und Wasserverlusten von 44
Prozent am schlechtesten ab. Demgegenüber
Im Jahr 1997 schloss die Londoner Thames Wa- präsentiert sich die Situation in der zweitgröss-
ter einen 25-jährigen Konzessionsvertrag für ten Stadt Surabaya, wo die Wasserversorgung
die Osthälfte Jakartas ab, die französische in kommunaler Hand blieb, deutlich besser: 87
­Lyonnaise des Eaux für die Westhälfte. Weniger Prozent der Haushalte sind an das Wassernetz
als die Hälfte der damals 8 Millionen Einwoh- angeschlossen, und die Verluste liegen bei 34
ner verfügte über einen Wasseranschluss, und Prozent. Da die vertraglich vereinbarten Ziele
61 Prozent des in die Netze gespeisten Wassers in Jakarta auch nach 20 Jahren nicht annähernd
versickerten durch Leitungslecks oder wurden erreicht waren, erklärte der oberste Gerichts-
illegal abgezapft. Thames Water und Lyonnaise hof Indonesiens 2017 die Privatisierung für un-
verpflichteten sich, binnen zehn Jahren 75 Pro- gesetzlich. Im Februar 2019 leitete die Stadtver-
zent der Haushalte anzuschliessen und die Was- waltung die Rekommunalisierung ein.
serverluste auf unter 25 Prozent zu reduzieren. Weltweit befinden sich heute über 90 Pro-
Dafür wurde ihnen eine jährliche Rendite von zent der Wasserversorgung in öffentlicher Ver-
22 Prozent vertraglich garantiert. antwortung, Tendenz steigend. Die auf Wasser
Diese Ziele erwiesen sich schnell als illuso- spezialisierten Unternehmen setzen heute über-
risch. Der Netzausbau und der Anschluss wei- wiegend auf klar abgegrenzte Projekte wie Auf-
terer Haushalte gingen nur schleppend voran, bereitungsanlagen oder Talsperren. Den wenig
und die Betreiber konnten die vereinbarte Ren- lukrativen Betrieb urbaner Wasserversorgungen
dite bei Weitem nicht erzielen. Bereits nach drei überlassen sie wieder den Kommunen.
Jahren wurden deshalb die Verträge nachver-
handelt: Die Ausbauziele wurden reduziert, die Klaus Lanz
Dr. rer. nat., Leiter International Water Affairs, Evilard BE
Rendite der Unternehmen gegen Wechselkurs-

18  Die Volkswirtschaft  6 / 2019


FOKUS

Wasser: Grundlage für nachhaltige


Entwicklung und Frieden
Um bei grenzüberschreitenden Gewässern die Wasserversorgung sicherzustellen, ist die
Zusammenarbeit der Anrainerstaaten wichtig. In Zentralasien setzt sich die Schweiz für
ausgewogene Lösungen mit maximalem Nutzen ein.  Guy Bonvin

Abstract  Für eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung und die Stabilität Museum der Schweiz in Bern zu sehen war. Es
der Länder ist der Zugang zu Wasser angesichts des Bevölkerungsdrucks und veranschaulicht Interessenkonflikte um die
des Klimawandels von entscheidender Bedeutung. Das «blaue Gold» ver- Ressource Wasser und zeigt, dass es notwendig
eint die Anrainerstaaten von Wasserläufen. In einem solchen Umfeld ist eine ist, eine gemeinsame Vision für eine nachhaltige
grenzüberschreitende integrierte Wasserbewirtschaftung in den Einzugsge-
wirtschaftliche Entwicklung zu finden, gegen-
bieten unerlässlich. Die Schweiz engagiert sich daher in der internationalen
Zusammenarbeit für den Zugang zu Wasser, insbesondere in Zentralasien,
sätzliche Positionen anzugleichen und Kompro-
wo sich sechs Länder zwei Wasserläufe teilen. Im Hinblick auf eine nachhalti- misse auszuhandeln. Die Herausforderungen
ge wirtschaftliche Entwicklung hat sich die Schweizer Entwicklungszusam- enden nicht an der Gemeindegrenze, sondern
menarbeit auf regionale Massnahmen ausgerichtet, um die betroffenen Län- umfassen das Einzugsgebiet eines Wasserlaufs
der bei ihrer gemeinsamen Wasserbewirtschaftung zu unterstützen. Daraus und betreffen alle Anrainer. Zusammenarbeit
ist die Initiative «Blue Peace Central Asia» entstanden, die sowohl diploma- wird folglich zu einem Schlüsselwort, um Kos-
tischen als auch operativen Zwecken dient. Die Fortschritte hängen jedoch ten und Nutzen zu teilen.
vom Vertrauen zwischen den Anrainern und von äusseren Einflüssen ab.

Flüsse enden nicht an


S  tellen Sie sich folgendes Szenario im Jahr
2051 vor: Schnee ist Mangelware, und Nie-
derschläge werden immer unregelmässiger. Sie
der ­Landesgrenze
In der Schweiz und in Europa besteht bereits ein
sitzen im Gemeinderat einer Schweizer Berg- rechtlicher Rahmen, um ausgewogene Lösun-
gemeinde und müssen über folgende Frage ent- gen auszuhandeln – dazu gehören beispielswei-
scheiden: Wie soll das Wasser im Stausee auf se die Übereinkommen zum Schutz des Rheins
dem Gemeindegebiet verwendet werden, um und der Donau. Doch für die Mehrheit der
den grösstmöglichen Nutzen daraus zu ziehen?
Wem soll es zugutekommen?
1. N euen Hotels, die Arbeitsplätze schaffen;
Central Asia Energy and Water D
­ evelopment
2. d er Erzeugung von erneuerbarer Elektrizität Program
im Winter; Die Wasser- und Energiesysteme Zentralasiens sind untrenn-
3. d er Bewässerung der Weinberge und dem bar miteinander verbunden, jedoch unzureichend koordiniert.
Tränken des Viehs im Sommer; Vor diesem Hintergrund stärkt ein Entwicklungsprogramm
der Weltbank, das Central Asia Energy and Water Development
4. e iner Wasserreserve zur Brandbekämpfung.
Program (CAEWDP), die Rahmenbedingungen in Afghanis-
5. D er Stausee soll die beiden flussabwärts lie- tan, Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Turkmenistan und
genden Städte vor Überschwemmungen Usbekistan. Das vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco)
schützen. unterstützte Programm hilft den Regierungen, wirksame Ins-
titutionen aufzubauen. Beispielsweise vermittelt das CAEWDP
6. D ie natürliche Schönheit des Flusses unter- Fachwissen, erstellt Machbarkeitsanalysen und prüft geplante
halb der Staumauer für Touristen steht im Projekte auf ihre Umwelt- und Sozialverträglichkeit. Weiter
Vordergrund. fördert es anhand von Plattformen den regionalen, auf Fakten
basierenden Dialog. Über Ideenwettbewerbe belebt es den
Austausch zwischen jungen Wasserexperten. Die Aktivitäten
Das Szenario stammt aus der Ausstellung «Was- des CAEWDP sind mit dem Programm Blue Peace Central Asia
ser unser», welche vor zwei Jahren im Alpinen sowie mit anderen Entwicklungspartnern koordiniert.

Die Volkswirtschaft  6 / 2019  19
WASSER

ALAMY
Die Bewässerung
von Feldern strom-
3 Milliarden Menschen, die weltweit von grenz- aufwärts führte zum ­ ericht aus dem Jahr 2018 zeigt.1 Hinzu kommt:
B
überschreitenden Süsswasserressourcen ab- Austrocknen des Der Wettbewerb um die Wasserressourcen wird
hängen, sind solche Vereinbarungen alles an- Aralsees. Ehemaliger sich in den nächsten 15 bis 30 Jahren verstärken.
Hafen in Mo’ynoq,
dere als selbstverständlich. Weltweit teilen sich Ein mangelnder Fortschritt bei der grenz-
Usbekistan.
153 Staaten 60  Prozent der Flüsse, Seen und überschreitenden Zusammenarbeit wirkt sich
Grundwasserleiter, die nicht nur zur Erzeugung auf andere, ebenfalls wichtige Ziele für nach-
von Trinkwasser, Energie, Lebensmitteln und haltige Entwicklung (Sustainable Development
Industriegütern dienen, sondern auch für das Goals) negativ aus. Dazu zählen die Erhöhung des
Ökosystem unabdingbar sind und in einigen Anteils der erneuerbaren Energie am globalen
Fällen als lebenswichtige kommerzielle Wasser- Energiemix, die Stärkung der Widerstandskraft
strassen genutzt werden. und der Anpassungsfähigkeit gegenüber Natur-
Eine grenzüberschreitende integrierte Was- katastrophen, die Entwicklung der nachhaltigen
serbewirtschaftung in den Einzugsgebieten ist der Landwirtschaft sowie der Zugang zu Trinkwas-
Schlüssel zum Erfolg, um Wohlstand und Stabili- ser.2 Im Rahmen der internationalen Zusammen-
tät zu gewährleisten. Dieses Ziel ist in der Agenda arbeit setzt sich die Schweiz dafür ein, dass die
2030 der Vereinten Nationen für eine nachhaltige grenzüberschreitenden Herausforderungen bei
Entwicklung festgehalten: Gemäss Punkt 6.5 soll der Wasserbewirtschaftung angegangen werden.
1 U NO (2018): Sustai-
auf allen Ebenen eine integrierte Bewirtschaf- nable Development
tung der Wasserressourcen umgesetzt werden Goal 6 – Synthesis Re-
Aralsee ausgetrocknet
port on Water and Sani-
– gegebenenfalls auch mittels grenzüberschrei- tation 2018, Kapitel II/E
tender Zusammenarbeit. Allerdings sind bisher (S. 75–86), New York.
2 SDG 7.2, 13.1, 2.4 und
Um den Ansatz der Schweiz zu veranschau-
nur begrenzte Fortschritte erzielt worden, wie ein 6.1. lichen, ist Zentralasien ein gutes Beispiel: In

20  Die Volkswirtschaft  6 / 2019


FOKUS

­irgisistan, Tadschikistan und Usbekistan


K sammenfassen mit dem Leitsatz: Wasser ist ein
steht Wasser seit über 25 Jahren im Zentrum der wesentlicher Faktor für eine nachhaltige wirt-
Schweizer Entwicklungszusammenarbeit des schaftliche Entwicklung der Region. Dazu sollen
Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco), der Di- aber nicht einfach die Kosten, welche durch die
rektion für Entwicklung und Zusammenarbeit Untätigkeit verursacht werden, aufgelistet wer-
(Deza) und der Humanitären Hilfe. Diese semi- den, sondern es gilt Massnahmen zu ergreifen,
aride Region ist auf Wasserressourcen, die aus die allen zugutekommen. BPCA umfasst drei
zwei grossen Flussläufen stammen, angewie- Komponenten:
sen (siehe Abbildung). Der 2580 Kilometer lange 1. Eine diplomatische und politische Kompo-
Fluss Amudarja fliesst durch Afghanistan, Ta- nente: Die Anrainerstaaten werden unter-
dschikistan, Kirgisistan, Usbekistan und Turk- stützt, um im Dialog Lösungen für eine inte-
menistan. Der Fluss Syrdarja weist eine Länge grierte Bewirtschaftung der Einzugsgebiete
von 2200 Kilometern auf und durchquert Kirgi- grosser Wasserläufe zu suchen.
sistan, Usbekistan und Kasachstan. Beide Flüs- 2. Eine operative Komponente: Es gilt, verläss-
se münden in den Aralsee. Die Übernutzung liche Daten zur verfügbaren Wasserqualität
von Wasser für landwirtschaftliche Zwecke hat und -quantität zu erheben. Die Fakten bil-
zur Austrocknung dieses Binnengewässers zwi- den die Vertrauensbasis zwischen den An-
schen Usbekistan und Kasachstan geführt. rainern. Darüber hinaus unterstützt BPCA
Für die wirtschaftliche Entwicklung und den Aufbau von Infrastrukturen mit einem
die Stabilität der zentralasiatischen Staaten ist grenzüberschreitenden Mehrwert.
der Zugang zu Wasser angesichts des Bevölke- 3. Eine Jugendkomponente: Junge Menschen
rungsdrucks und des Klimawandels heute mehr werden für die verschiedenen ökologischen
denn je entscheidend. Eine ökonomische Stu- und sozioökonomischen Herausforderungen
die hat aufgezeigt, dass fehlende Massnahmen sensibilisiert, die im Zusammenhang mit der
und eine mangelnde Zusammenarbeit zwischen Wasserbewirtschaftung entlang von Was-
den Anrainerstaaten in der Region direkt oder serläufen zu bewältigen sind.
indirekt Kosten von mindestens 4,5  Milliarden
­Dollar pro Jahr verursachen.3 BPCA bietet einen politischen Rahmen für alle
regionalen Massnahmen im Bereich Wasser,
«Blue Peace»-Initiative welche die Schweizer Entwicklungszusammen-
arbeit in Zentralasien realisiert. Die Initiative
Im Hinblick auf eine nachhaltige wirtschaft- stützt sich – insbesondere bei der operativen
liche Entwicklung hat sich die Schweizer Ent- Komponente – auf bestehende bilaterale Pro-
wicklungszusammenarbeit daher auf regionale gramme in Kirgisistan, Tadschikistan und Us-
Massnahmen ausgerichtet, um die Anrainer- bekistan. Beispielsweise unterstützt das Seco
staaten in den Einzugsgebieten bei ihrer ge- zusammen mit der Europäischen Union (EU)
meinsamen Wasserbewirtschaftung zu unter- das von der Weltbank realisierte Entwicklungs-
stützen. Die Initiative Blue Peace Central Asia programm für Energie und Wasser in Zentral-
(BPCA) bündelt diese Anstrengungen. Einer- asien (CAEWDEP) (siehe Kasten auf S. 19). Die
seits stärkt sie die Diplomatie, indem sie auf Deza wiederum finanziert Programme, die dem
die traditionellen Vermittlungskompetenzen Ausbau der nationalen Bewirtschaftung von
baut. Andererseits stellt sie Fachwissen zur Wasserressourcen (NWRM) dienen.
Verfügung, das in der Schweiz bei der grenz- Im Bereich der Infrastrukturinvestitionen
überschreitenden Wasserbewirtschaftung sind die politischen Strategien der multilate-
und beim gemeinsamen Betrieb von Anlagen ralen Institutionen eng mit den Handlungs-
an Wasserläufen vorhanden ist. Wichtig sind konzepten ihrer Partnerstaaten verknüpft. 3 A
delphi und Ca-
auch Erfahrungen aus bestehenden Projekten Derzeit besteht allerdings kaum ein Interesse, rec (2017): Rethin-
king ­Water in Central
in Zentralasien. ein komplexes Projekt mit grenzüberschrei- Asia – the Costs of In-
Das gemeinsame Verständnis, auf welches tenden Auswirkungen zu integrieren. Mögli- action and Benefits of
Water ­Cooperation,
BPCA in Zentralasien hinarbeitet, lässt sich zu- cherweise sind hier Unterstützungsbeiträge ­Almaty.

Die Volkswirtschaft  6 / 2019  21
WASSER

Wassereinzugsgebiet um den Aralsee

Aralsee
Syrdarja
Kasachstan

Kirgisistan
Amudarja Naryn

SECO, DEZA, SIMPLYMAPS.DE / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


Usbekistan

China
Turkmenistan Tadschikistan

Afghanistan

  Gewässer       Fliessrichtung       Bewässerte Gebiete         Ausgetrocknete Gebiete


Die Flüsse sind schematisch dargestellt. Die Liniendicke entspricht nicht der Durchflussmenge. In der Nähe des Aralsees
enthalten die Flüsse kein Wasser mehr.

als F­ inanzierungsquelle nützlich, um den ers- alten und der neuen Seidenstrasse. Die Rolle der
ten Schritt zu tun und die Zurückhaltung bei Schweiz in dieser Region wird daher sicherlich
den Investitionen in der Region abzubauen. Die weit über die physischen Grenzen Zentralasiens
Unterstützungsbeiträge bieten wahrscheinlich hinaus wahrgenommen.
eine Nische für bilaterale Akteure.
Die Absicht, die Widerstandskraft der zent-
ralasiatischen Länder zu stärken und in dieser
Region eine nachhaltige wirtschaftliche Ent-
wicklung zu gewährleisten, ist zwar edel, und
diesbezüglich bestehen ehrgeizige Ziele. Doch
gleichzeitig müssen die Akteure bescheiden
bleiben. Denn die Fortschritte hängen im We-
sentlichen vom Vertrauen zwischen den Anrai- Guy Bonvin
nerstaaten ab, das sich nicht einfach verordnen Sonderbeauftragter für Wasser in Zentralasien, ­Abteilung
Globalprogramm Wasser und Eurasien, Direktion für
lässt. Massgebend sind auch äussere Einflüsse ­Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza), Eidgenös-
auf diese Region an der Schnittstelle zwischen sisches Departement für auswärtige Angelegenheiten
(EDA), Bern
Orient und Okzident, ein wesentliches Glied der

22  Die Volkswirtschaft  6 / 2019


FOKUS

Nachhaltige Abwasserreinigung in Kocani


Die Schweizer Entwicklungszusammenarbeit zielt auf eine langfristig nutzbare Infrastruk-
tur ab. Dabei berücksichtigt sie Ökologie und Wirtschaft. Françoise Salamé Guex

I  m Januar 2014 sprach der Bundesrat 21  Mil-


lionen Franken zur Finanzierung der Ab-
wasserreinigungsanlage (ARA) der Stadt Koca-
Unter dem Strich verringern sich die Betriebs-
kosten des Versorgers – was der Bevölkerung in
Form von tieferen Wasserrechnungen zugute-
ni im Osten von Nordmazedonien. Das Projekt kommt.
steht beispielhaft für die wirtschaftliche Ent-
wicklungszusammenarbeit der Schweiz: Indem Kapazitäten des Betreibers stärken
die Schweiz auf dem Balkan ein nachhaltiges
Wachstum fördert, leistet sie einen Beitrag zur Um den langfristigen Betrieb der Anlage zu ge-
Sicherheit und Stabilität in Europa. Am 12.  Juli währleisten, sollen die Kapazitäten der ARA-­
2019 werden das Staatssekretariat für Wirt- Betreiberin verbessert und deren finanzielle Si-
schaft (Seco) und die nordmazedonischen Be- tuation gesichert werden. Massnahmen betreffen
hörden die ARA einweihen. Die Anlage verfügt die Finanz- oder Betriebsführung, das Personal-
über die Kapazität, um das Abwasser von 65 000 wesen und die Kundenbeziehungen. Im Fall von
Einwohnern zu reinigen. Bald soll auch die Nach- Kocani bestand die grösste Herausforderung da-
barstadt Vinica angeschlossen werden. Auch die rin, das Inkasso der Wasserrechnungen zu opti-
Landwirtschaft profitiert: Sie kann das aufbe- mieren. Zu diesem Zweck aktualisierte das Seco
reitete Abwasser aus Industrie- und Gewerbebe- zusammen mit dem Personal der ARA-Betrei-
trieben für die Bewässerung nutzen, unter ande- berin die Kundendatenbank, zudem wurde das
rem für die in der Region typischen Reisfelder. Buchhaltungs- und Fakturierungssystem auf
einen aktuellen Stand gebracht.
Erneuerbare Energien Nachdem die Daten von über 11 000  Kunden
aktualisiert worden sind, steigen nun auch die
Ein zentrales Ziel der Schweizer Entwicklungs- Einnahmen, die neu auf einer genauen Abrech-
zusammenarbeit besteht darin, den Betrieb von nung des Wasserverbrauchs basieren. Parallel
Anlagen wie der ARA in Kocani langfristig zu ge- dazu wurde eine Sensibilisierungskampagne mit
währleisten. Das Seco setzt bei der ARA auf die der Gemeinde Kocani lanciert. Die Bevölkerung
Produktion erneuerbarer Energien. Für die Kon- wird dabei über den Nutzen der Abwasserreini-
zeptualisierung arbeitete es eng mit Schweizer gungsanlage aufgeklärt und motiviert, die Was-
Fachleuten zusammen. serrechnungen zu bezahlen, um die Betriebs- und
Eine wichtige Rolle spielt die Energiegewin- Unterhaltskosten der ARA zu decken.
nung. Einerseits wird das durch den Reinigungs- Für den langfristig gesicherten Betrieb einer
prozess entstehende Biogas (anaerober Abbau) Anlage ist somit ein integrierter Ansatz gefragt,
zur Stromproduktion genutzt. Andererseits bau- der sowohl wirtschaftlichen als auch ökologi-
te man eine Solaranlage mit einer Jahresleistung schen Aspekten Rechnung trägt: Die Produktion
von 600 000 Kilowattstunden, um die hohe Son- von erneuerbarer Energie ist nicht nur wichtig für
neneinstrahlung der Region zu nutzen. Zusam- das Klima, sondern auch für die langfristige Wirt-
men decken die Biogas- und die Fotovoltaikanlage schaftlichkeit der Anlage.
über 60 Prozent des Strombedarfs der Abwasser-
reinigungsanlage. Kostensparend wirkt auch die Françoise Salamé Guex
Programmverantwortliche im Ressort Infrastruktur­
Kompostierung, welche gleichzeitig die Emissio- finanzierung und Verantwortliche des Netzwerks Klima
nen der Treibhausgase CO2 und Methan wesent- der Wirtschaftlichen Zusammenarbeit und Entwicklung,
Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern
lich reduziert.

Die Volkswirtschaft  6 / 2019  23
WASSER

STANDPUNKT VON AGNES MEYER FRUND

Umdenken bei den Investitionen


In der Wasserversorgung werden jedes Jahr Hunderte von Millionen Franken
verbaut. Bei den Investitionen kann die Effizienz gesteigert werden.
Die Wasserversorgung und die Abwasserent- Gebiete längst nicht mehr zutrifft, gibt es nach
sorgung in der Schweiz erfolgen im Monopol. wie vor kantonale Behörden, die aus Sorge um
Ob öffentlich-rechtlich oder privat, ein Monopol den Zustand der Wasserleitungen den Gemein-
weckt Begehrlichkeiten. So können Konzessions- den und Wasserversorgern die Bildung hoher
abgaben oder Gewinnvorgaben dazu dienen, die Vorfinanzierungen vorschreiben. Dies ist mit
Staats- oder Gemeindefinanzen aufzubessern. dem Verursacherprinzip nicht vereinbar.
Oder die gesetzlichen Vorgaben zur Gebühren- Dort, wo Investitionen tatsächlich nötig sind,
berechnung sind derart komplex, dass de facto braucht es allerdings ein Umdenken: Wäh-
nur ein einziges Ingenieurbüro diese Berechnung rend sich Private selbstverständlich verschul-
vornehmen kann. Früher kam noch dazu, dass den, wenn sie ein Haus bauen, wird die teilweise
nur konzessionierte Sanitärunternehmen die Fremdfinanzierung der Wasser- und Abwasser-
Hausinstallationen warten durften. infrastruktur von vielen Gemeinden und Kan-
Dennoch: Die Mehrheit der Wasserversorger tonen als des Teufels betrachtet. Dies ist fatal,
arbeitet gut und günstig. Verbesserungspoten- sind doch nicht unmittelbar betriebsnotwendi-
zial besteht aus Sicht des Preisüberwachers viel- ge Reserven volkswirtschaftlich ein viel grösse-
mehr bei den Investitionen: Die hohe Anlagen- res Problem, weil diese wiederum die mit dem
intensität führt dazu, dass die Kosten nur noch Monopol verbundenen Begehrlichkeiten wecken.
beschränkt vom Betreiber beeinflussbar sind, Der Zeitpunkt für Investitionen ist ideal: Nie
sobald die Investition erfolgt ist. Effiziente Inves- konnten Wasserversorgungen die Investitionen
titionen sind daher von zentraler Bedeutung. Es so günstig finanzieren wie heute. Und sollte die
ist denkbar, dass die Wasserversorger in der Ver- Hausbank keine günstigen Konditionen bie-
gangenheit von den in der Baubranche offenbar ten, dann vielleicht eine andere Bank oder eine
weitverbreiteten Preisabsprachen betroffen ge- Versicherung. Wasserversorgungen gelten als
wesen sind. In Zukunft sollten hier also Einspa- ­sichere Anlagen.
rungen möglich sein. Der Schweizer Ansatz – ein niedriger Regu-
Beeinflussen kann eine Gemeinde die Effizienz lierungsaufwand verbunden mit dem Vertrau-
der Investitionen auch, indem sie die Sanierungen en auf die demokratische Kontrolle – ist bei der
der verschiedenen Infrastrukturen besser koordi- Wasserversorgung grundsätzlich richtig. Den
niert. Ebenfalls wichtig ist in diesem Zusammen- Empfehlungen des Preisüberwachers kommt da-
hang, dass die Umweltämter den Gewässer- und bei die wichtige Rolle zu, aufzuzeigen, wie hohe
Bodenschutz durchsetzen, sodass die heutigen Tarife tatsächlich nötig sind, um die Kosten zu
Trinkwasservorkommen auch in Zukunft noch mit decken und den Wert zu erhalten.
vernünftigem Aufwand genutzt werden können.
Seit Jahrzehnten ist die Hypothese verbreitet, Agnes Meyer Frund ist Fachbereichsleiterin ÖV, Wasser/Ab­
wasser, Banken/Versicherungen bei der Preisüberwachung im
die Wasserleitungen in der Schweiz seien eine Eidgenössischen Departement für Wirtschaft, Bildung und
­tickende Zeitbombe. Obwohl dies für die m ­ eisten Forschung (WBF), Bern.

24  Die Volkswirtschaft  6 / 2019


FOKUS

STANDPUNKT VON STEFAN HASLER

Kampf ums Überleben


Über 60 Prozent der heimischen Wassertiere und -pflanzen sind bedroht.
Um ihr Überleben zu sichern, müssen die Gewässer naturnaher gestaltet und
sowohl die Pestizid- als auch die Nährstoffbelastung reduziert werden.

Während Jahrhunderten stellte das Abwasser Wieder war unsere Gesundheit beeinträch-
aus Siedlungen eine der grössten Bedrohungen tigt, und wieder handelte man rasch: Heute
für den Menschen dar. Weil die Notdurft auf wird das Abwasser von über 98 Prozent der
der Strasse verrichtet wurde und dort zudem Schweizer Bevölkerung in Kläranlagen gerei-
Schweine und Hühner frei herumliefen, leb- nigt. Damit gehören verschmutzte Gewässer
te die Stadtbevölkerung in ständigem Schmutz. und durch mangelnde Siedlungshygiene ver-
Dies führte immer wieder zur Verseuchung von ursachte Krankheiten längst der Vergangen-
Trinkwasserbrunnen. Verheerende Typhus- heit an.
und Choleraepidemien waren die Folge. Erst im
19. Jahrhundert forderten Ärzte und Städtepla- Trotz Kläranlagen wenig Fische
ner im Zuge der sogenannten Kloakenreform
eine kontrollierte Abfuhr des Abwassers aus Optisch sind unsere Gewässer nun zwar
den Siedlungen heraus. sauber  – trotzdem leiden die darin lebenden
Weil es um die eigene Gesundheit ging, han- Tiere und Pflanzen: 60 Prozent der Fisch- und
delten die Menschen rasch: Sobald die Bedeu- 70 Prozent der Amphibienarten sowie 60 Pro-
tung der Siedlungshygiene erkannt war, wurden zent der Wasserpflanzen sind bedroht. Grün-
Kanalisationen zur Ableitung des Schmutzwas- de dafür sind einerseits Kanalisierungen, mit
sers gebaut. Damit verdoppelte sich die Lebens- denen die ursprünglichen Lebensräume wie
erwartung in den Städten von 40 auf 80 Jahre. Auen, Moore und Quellen zerstört wurden. An-
Die Siedlungshygiene gilt denn auch – weit vor dererseits tragen zu hohe Nährstoff- und Pesti-
der Entdeckung von Antibiotika – als wichtigste zidbelastungen zum Rückgang der Biodiversität
medizinische Errungenschaft. bei. Weil viele Lebewesen dadurch geschwächt
Der massive Gewinn an Lebensqualität ging sind, stellt die Klimaerwärmung eine zusätzli-
mit einer deutlichen Zunahme der Gewässer- che Herausforderung dar.
verschmutzung einher. Die aus den Siedlungen Der «Aktionsplan Strategie Biodiversität»
abgeleiteten Abwässer gelangten nun ungerei- stellt fest, dass in der Schweiz der Anteil in-
nigt in Bäche, Flüsse und Seen und führten dort takter, naturnaher Flächen auf einem bedenk-
zu Fischsterben, Schaumteppichen und ausge- lich tiefen Niveau angelangt ist. Der dadurch
dehnten Algenblüten. Für viele Gewässer ver- verursachte Artenschwund wird ohne massive
fügten die Behörden ab den 1950er-­Jahren Ba- zusätzliche Anstrengungen weiter fortschrei-
deverbote. Wer sich trotzdem traute, in einen ten und führt mittel- bis langfristig zu hohen
Fluss zu springen, musste damit rechnen, gesellschaftlichen Kosten. Der Bundesrat sieht
neben mitschwimmenden Fäkalien wieder auf- daher einen grossen und dringenden Hand-
zutauchen. lungsbedarf.

Die Volkswirtschaft  6 / 2019  25
WASSER

Auch weltweit wächst die Erkenntnis, dass bar zu wenig wichtig, um einen ähnlich star-
wir mit der intensiven Raumnutzung durch In- ken Willen zur Arterhaltung zu entfalten. Dies
frastrukturen und industrielle Landwirtschaft ist kurzsichtig, denn die Biodiversität bildet die
unsere Lebensgrundlage zerstören. So sind Ge- Lebensgrundlage für uns und alle künftigen
wässer in landwirtschaftlich genutzten Ein- Generationen. Jedes Eingreifen in das komple-
zugsgebieten stark mit Pestiziden belastet. Die xe System hat fatale Folgen: Der Artenschwund
Konzentrationen einzelner Stoffe liegen teilwei- stellt für unser Überleben eine grössere Bedro-
se während mehrerer Monate über dem Grenz- hung dar als jede Epidemie. Ein konsequentes
wert, wodurch empfindliche Gewässerorganis- und rasches Handeln ist unerlässlich.
men erheblich beeinträchtigt werden. Nicht nur
im Wasser, sondern auch an Land wirkt sich die Neben der Politik sind auch
Intensivlandwirtschaft fatal aus: Seit einigen
wir gefordert
Jahren stellt man einen starken Rückgang der
Insekten- und Vogelbestände fest. In erster Linie ist die Politik gefordert, welche
Im Unterschied zum Menschen können sich die Rahmenbedingungen für einen effektiven
die gefährdeten Tiere und Pflanzen nicht gegen Klimaschutz, für eine nachhaltige Raumpla-
ihr Aussterben wehren. Wie wir das Arten- nung und für eine umweltschonende landwirt-
sterben zumindest verlangsamen können, ist schaftliche Produktion setzen muss. Aber auch
offensichtlich: Neben global konzertierten An- Sie können durch Ihr tägliches Verhalten zu
strengungen für einen effektiven Klimaschutz sauberen Gewässern und zur Verlangsamung
und der Eindämmung des Landverschleisses des Artenschwundes beitragen, indem Sie:
braucht es eine Trendwende hin zu einer um- –– Ihren Garten oder Ihre Dachfläche nicht
weltschonenden ­«herausputzen», sondern so gestalten, dass
landwirtschaftlichen die Flächen möglichst vielen Tier- und
Ist der Mensch selber Produktion. ­Pflanzenarten Unterschlupf bieten;
bedroht, dann handelt Die dazu notwen- –– im Privatgebrauch keine Pestizide einsetzen;
dige Desintensivie- –– chemische Produkte wie Farben, Lösungs-
er rasch.
rung der Landwirt- mittel, Medikamentenrückstände etc. korrekt
schaft beinhaltet entsorgen und nicht die Toilette runterspülen;
insbesondere eine drastische Reduktion des –– noch essbare Lebensmittel verwerten und
Pestizid- und Kunstdüngereinsatzes. Nur so nicht wegwerfen;
wird die Umweltbelastung auf ein verträgliches –– konsequent Bioprodukte einkaufen und
Mass reduziert. Nur so sinkt der Nutzungs- ­weniger Fleisch essen;
druck, wodurch wir der Natur einen Teil des –– ganz allgemein auf Ihren ökologischen
Raums zurückgeben können, der für das Über- ­Fussabdruck achten.
leben von sensiblen Tier- und Pflanzenarten
unabdingbar ist. Nur so können die Gewässer Bei all diesen Massnahmen geht es nicht um
ihre natürliche Dynamik zurückgewinnen, und Verzicht, sondern um einen bewussten Umgang
nur so können die als «Hotspots der Biodiversi- mit unseren Ressourcen. Eine intakte Natur mit
tät» bekannten Feuchtgebiete wie Auen, Moore sauberen und lebendigen Gewässern und ihrer
und Quelllebensräume reaktiviert werden. unersetzlichen Biodiversität ist dies allemal
Ist der Mensch selber bedroht, dann handelt wert.
er rasch, wie die eingangs erwähnten Epide- Stefan Hasler ist Direktor des Verbandes Schweizer Abwasser-
mien zeigen. Tiere und Pflanzen sind uns offen- und Gewässerschutzfachleute (VSA), Glattbrugg

26  Die Volkswirtschaft  6 / 2019


FOKUS

STANDPUNKT VON JACQUES MELLY

Integrierte Wasserbewirtschaftung
Der Kanton Wallis hat eine pragmatische und innovative «Wasserstrategie»
entwickelt. Diese basiert auf einer integrierten Wasserbewirtschaftung.
Im Wallis – dem Wasserschloss der Schweiz – der verschiedenen Verwaltungsstellen erreicht
spielt die Ressource Wasser bei der wirtschaft- werden, sondern auch möglichst vorteilhafte
lichen Entwicklung eine Schlüsselrolle. Eine Auswirkungen auf die Realisierung der ande-
kantonale «Wasserstrategie» soll nun – unter ren Ziele erwirkt werden.
Berücksichtigung des Klimawandels – eine op- Konkret soll eine Informationsplattform ge-
timale und integrierte Bewirtschaftung der schaffen werden, die alle Daten, Studien und
Ressource sowie ihre vielfältigen Funktionen Informationen zur Ressource Wasser umfasst.
gewährleisten. An der Ausarbeitung der Was- Gegenwärtig wird im «Muster-Wassereinzugs-
serstrategie waren alle kantonalen Departemen- gebiet» Val de Bagnes ein Pilotprojekt zur An-
te und Dienststellen sowie insbesondere der passung an den Klimawandel realisiert, aus
Verband Walliser Gemeinden (VWG), die Natur- dem die Plattform hervorgehen wird. In einem
schutzorganisation Pro Natura und der Bund ersten Schritt sind bereits alle Daten zur Was-
beteiligt. serbewirtschaftung auf dem Kantonsgebiet
Für die Umsetzung gelten drei vorrangige zusammengestellt worden. In einem zweiten
Grundsätze. Erstens muss die Trinkwasser- Schritt wird nun analysiert, welche Auswirkun-
nutzung gewährleistet werden. Zweitens gilt gen der Klimawandel in der Pilotregion hat und
es die Ressource Wasser, aber auch die Men- welche Strategien zur Wasserbewirtschaftung
schen vor wasserbedingten Naturgefahren dort bestehen.
zu schützen – einer allgegenwärtigen Gefahr Ausgehend von diesen Arbeiten, soll ein all-
im Wallis. Und drittens geht es darum, das gemeiner methodischer Ansatz definiert wer-
Wasser einerseits für die Stromerzeugung, den, der auf andere Wassereinzugsgebiete an-
die Landwirtschaft und die Industrie zu nut- wendbar ist. Alle diese Arbeiten werden mit
zen und andererseits für Biotope und andere einem partizipativen Ansatz realisiert: Gemein-
­Naturräume zu erhalten. den, Wasserkraftwerke, Landwirtschaft und
andere stark vom Klimawandel betroffene Ak-
Informationsplattform schaffen teure und Branchen sind einbezogen. Und: Die
Informationsplattform wird dereinst sowohl
Ausgehend von der Vision einer integrierten dem Kanton als auch den Gemeinden und allen
Wasserbewirtschaftung, wurden acht Leit- Wirtschaftsakteuren zur Verfügung stehen.
linien und 40 Massnahmen festgelegt. Auf Das Wallis gehört zu den ersten Kantonen mit
­operativer Ebene werden die Massnahmen einer derart ausgereiften und gleichzeitig realis-
von einer Steuerungsgruppe koordiniert, der tischen Wasserstrategie.
alle betroffenen Verwaltungsdienste und ein
­Vertreter der Gemeinden angehören. Dabei
Jacques Melly ist Staatsrat des Kantons Wallis und Vorsteher
sind alle Massnahmen und Projekte so konzi- des Departements für Mobilität, Raumentwicklung und Um-
piert, dass nicht nur die spezifischen Ziele welt, Sitten.

Die Volkswirtschaft  6 / 2019  27
WASSER

«Jüngere trinken vermehrt


­Mineralwasser»: André ­Olschewski,
Leiter des Bereichs Wasser
beim Schweizerischen Verein des
Gas- und Wasserfaches.

MARLEN VON WEISSENFLUH / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


FOKUS

«Die Trockenheit führte


zu einem Umdenken»
Angesichts des Klimawandels droht in einzelnen Schweizer Gemeinden das Wasser
knapp zu werden. Die Zusammenarbeit mit den Nachbargemeinden müsse deshalb ver-
stärkt werden, sagt André Olschewski, Vizedirektor des Schweizerischen Vereins des
Gas- und Wasserfaches.  Susanne Blank

Herr Olschewski, trinken Sie privat brauch trotz Bevölkerungswachstum kontinu-


Mineral­wasser? ierlich gesunken. Stark dazu beigetragen ha-
Ich trinke nur Hahnenwasser. Gutes Hahnenwas- ben Spararmaturen in Haushalten wie zum
ser finde ich deutlich besser als Mineralwasser. Beispiel wassersparende WC-Spülungen. Auch
der Strukturwandel in der Industrie spielt eine
Wie beliebt ist Hahnenwasser? Rolle. So sind wasserintensive Zweige wie die
Gut 70 Prozent der Schweizer Bevölkerung trin- Papierindustrie mehrheitlich verschwunden.
ken Hahnenwasser. Das zeigen unsere Umfra-
gen. Das Hahnenwasser punktet bei der Qualität, Trinkwasser ist ein Lebensmittel. Wie wird die
beim Preis, bei der Verfügbarkeit und den Um- Qualität sichergestellt?
weltauswirkungen. Allerdings trinken Jüngere Die Wasserversorger sind für die Qualität ver-
derzeit vermehrt Mineralwasser oder Softdrinks. antwortlich. Als Trinkwasserverband unter-
stützen wir unsere Mitglieder mittels umfassen-
Die Sommer werden immer trockener. Müssen wir der Ausbildungen und spezifischer Richtlinien
uns Sorgen um die Wasserversorgung machen? bei der Qualitätssicherung. Jeder Wasserversor-
Das Trinkwasser geht uns in naher Zukunft ger muss heute über ein Selbstkontrollkonzept
nicht aus. Lokal kann es aber im Sommer zu verfügen, wo er mögliche Gefahren identifiziert,
Wasserknappheit kommen – vor allem dort, wo beurteilt und Massnahmen ergreift. Der kan-
keine ergiebigen Grundwasservorkommen zur tonale Trinkwasserinspektor kontrolliert das
Verfügung stehen und wo die Wasserversorgun- Konzept und die Anlagen regelmässig.
gen nicht regional miteinander vernetzt sind.
Dies war im letzten Sommer beispielsweise im Trinkwasser wird auch zum Löschen von Bränden
Kanton Thurgau und im Kanton Zürich der Fall. verwendet. Ist das nicht unsinnig?
Die Gefahr steigt aber auch in den Alpen, weil Die Infrastruktur für die Trinkwasserversor-
die Gletscher schmelzen und weniger Schnee gung ist historisch gewachsen und hat heu-
zwischengespeichert wird. te einen Wert von rund 50 Milliarden Franken.
Es wäre unsinnig, ein zweites Verteilsystem
Wird der Konsument diese Wasserknappheit zum Löschen aufzubauen. Dasselbe gilt für
spüren?
Das merken in erster Linie die W
­ asserversorger –
der Konsument weniger. Viel früher trifft es die André Olschewski
Landwirte, die ihre Felder nicht mehr bewäs- Seit 2016 ist André Olschewski Vizedirektor des Schweizeri-
sern dürfen. schen Vereins des Gas- und Wasserfaches (SVGW). Der 54-jäh-
rige Kulturingenieur leitet den Bereich Wasser. Der Branchen-
verband vertritt schweizweit 577 Wasserversorger und deckt
Wie hat sich der Wasserverbrauch in den
damit rund 70 Prozent der Bevölkerung ab. Seine Mitglieder
­vergangenen Jahrzehnten entwickelt? unterstützt der SVGW in erster Linie mit der Erarbeitung des
Seit Mitte Achtzigerjahre ist der absolute Ver- Regelwerkes und einem breiten Ausbildungsangebot.

Die Volkswirtschaft  6 / 2019  29
WASSER

­oilettenspülungen: Wir spülen das WC mit


T tritt. Der gesamte Wasserverlust in der Schweiz
Trinkwasser – das ist ein grosser Anteil unseres beträgt 13 Prozent.
täglichen Verbrauchs. Im Zuge des Klimawandels
wird zudem vermehrt Trinkwasser verwendet, Wem gehört eigentlich das Wasser?
um beispielsweise Pflanzen zu bewässern. Dafür Das Wasser gehört den Kantonen. Der Thuner-
könnte man auch Regenwasser verwenden. see gehört beispielsweise dem Kanton Bern.
Auch die unterirdischen Grundwasserströme
Eine Person bezahlt rund 30 Rappen pro Tag für sind in Kantonsbesitz. Gemeinden bezahlen
das Trinkwasser und 40 Rappen für die Abwasser- dem Kanton für die Nutzung Konzessionsge-
entsorgung. Ist der Anreiz nicht schlicht zu bühren. Kleinere Quellen, die nicht von öf-
gering, um Wasser zu sparen? fentlichem Interesse sind, gehören jedoch den
Über diese tiefen Preise kann man keinen Hebel Landeigentümern. Die Versorgungsinfrastruk-
erzeugen. Man muss deshalb beim Bewusstsein tur wiederum ist in den Händen der Wasser-
der Konsumenten ansetzen. Bei wasserintensiven versorger.
Aktivitäten wie Autowaschen, Gartenbewässern
oder Swimmingpool soll vor allem in Trocken­ Die Wasserversorgung in der Schweiz ist
zeiten jedem klar sein: Wasser ist ein kostbares ­klein­­räumig organisiert. Macht es Sinn,
Gut, das nicht verschwendet werden darf. wenn jedes Dorf für seine eigene Wasserver-
sorgung zuständig ist?
Die Wassergebühren unterscheiden sich je nach Die Struktur hat historische Gründe. Heute
Region: Worauf ist das zurückzuführen? findet ein Umdenken statt: Im Kanton Thurgau
Je vierzig Prozent des Trinkwassers stammen habe ich zum Beispiel kürzlich einen Work-
aus Grundwasser und Quellen, zwanzig Pro- shop zur regionalen Trinkwasserplanung mo-
zent aus den Seen. Eine Gemeinde, die über deriert. Das Projekt wurde vom Kanton initi-
eine Quelle am Berg verfügt, kann das Wasser iert – anfänglich mit wenig Verständnis der
in einem Reservoir fassen und es ohne zusätz- Gemeinden. Die Trockenheit vom letzten Jahr
lichen Energieaufwand und Kosten zu den Kun- führte zu einem Umdenken – die Bereitschaft
den transportieren. Andere Gemeinden müssen zur Zusammenarbeit stieg. Das Projekt zeigte:
dafür teure Pumpwerke bau- Es gibt Gemeinden, die genügend Wasser ha-
en. Der grösste Kostenpunkt ben, um Nachbargemeinden zu versorgen. Nun
«Das Wasser gehört ist aber die Erneuerung der müssen Leitungen gebaut werden, um die Sys-
Netze: Gesamtschweizerisch teme zu vernetzen. Das ist technisch meist gar
den Kantonen»
werden jedes Jahr 900 Mil- nicht so aufwendig – man muss es einfach zu-
lionen Franken investiert, um lassen.
die Infrastruktur instand zu halten. Die gröss-
ten Unterschiede in den Tarifen entstehen, weil Inwiefern sind technologische Entwicklungen
die Gemeinden diese Kosten anders berechnen. bei Fusionen ausschlaggebend?
Das ist ebenfalls ein Treiber. Gerade in kleinen
Heisst das, einzelne Gemeinden legen zu wenig Gemeinden fehlt es oft an Know-how. Manche
Geld für den Unterhalt zur Seite? können sich keinen vollamtlichen, professionel-
Im Durchschnitt sind diese Kosten gut einge- len Brunnenmeister leisten. In solchen Fällen
preist. Es gibt aber Ausreisser: Bei Gemeinden kann es sinnvoll sein, mit der Nachbargemein-
mit zu tiefen Gebühren sind die regelmässige de zusammenzuarbeiten. Als Trinkwasserver-
Erneuerung und die nachhaltige Entwicklung band unterstützen wir die Professionalisierung
nicht gewährleistet. der Branche aktiv.

Wie muss man sich das vorstellen: Rosten Gibt es auch private Firmen, die diese Dienste
die Rohre? anbieten?
Metallische Leitungsrohre können durch Kor- Die grössten ausgegliederten Wasserversor-
rosion Schäden erleiden, wodurch Wasser aus- gungsunternehmen sind im Besitz der öffent-

30  Die Volkswirtschaft  6 / 2019


FOKUS

lichen Hand. In diesem Bereich gibt es eine be- wettern oder Sabotageakten: Wenn jemand eine
achtliche Dynamik – gerade in der Romandie. Leitung öffnet, um Gift einzubringen, erkennen
Hinzu kommen private Sanitärbetriebe, die dies die Sensoren sofort.
Brunnenmeister anstellen und Aufgaben für
die Wasserversorgung ausführen. Die Digitali- Wie gut ist die Trinkwasserversorgung vor
sierung spielt ebenfalls in die Hände der exter- Cyber-Attacken geschützt?
nen Anbieter: Sie sind effizienter als die lokalen Aufgrund einer Verwundbarkeitsanalyse des
Versorger, wenn es etwa darum geht, Smart-Me- Bundes haben wir einen ICT-Standard für Was-
ter abzulesen, Hydranten und Schieber mit di- serversorger entwickelt. Das ist keine Fiktion:
gitalen Messgeräten zu kontrollieren. Die Kehr- Im solothurnischen Lostorf löste im letzten
seite ist: Wenn die Gemeinden zunehmend das Sommer ein Blitzeinschlag einen Stromausfall
Know-how verlieren, können sie weniger gut aus – was zu einer ICT-Panne in der Abwasser-
einschätzen, welche Angebote sie benötigen reinigungsanlage führte. Darauf floss Abwas-
und was ein angemessener Preis ist. ser in die Aare und von dort über eine Grund-
wasserfassung ins Trinkwassernetz. Lostorf
Wie viel Elektronik steckt in den Wasserzählern musste das Wasser abkochen. Es geht also
und Hydranten? nicht nur darum, Hackerangriffe abzuwehren,
Wasserzähler sind zusehends digital. Auch im sondern auch darum, Mängel im System zu
Versorgungsnetz wird die Digitalisierung Ein- beheben. Dabei ist es nicht mit einer einmali-
zug halten: In Forschungsprojekten messen gen Investition getan, sondern die Sicherheits-
Sensoren, ob die Wasserqualität stimmt. So massnahmen müssen im Alltag gelebt werden.
kann man rasch feststellen, wo Verunreinigun- Bereits ein einziger unvorsichtig eingesetzter
gen ins Wasser gelangen. Dies ist wichtig bei Un- USB-Stick kann Folgen haben.

Die Volkswirtschaft  6 / 2019  31
WASSER

Auf Bundesebene gibt es keine klare Wasser- dem giftige Stoffe auslaufen, kann eine Grund-
strategie. Warum? wasserfassung auf Jahre hinaus unbenutzbar
Es gibt Vorschläge. Jemand muss nun die Um- machen.
setzung an die Hand nehmen. Der Föderalismus
bremst aber diesen Prozess. Aus meiner Sicht Können Sie ein Beispiel geben?
sind vor allem Kantone und Gemeinden gefor- In der solothurnischen Gemeinde Schönenwerd
dert. Aber auch die Wirtschaft müsste ein Inter- gab es ein altes Pumpwerk namens Spitzacker.
esse haben, wie die regionale Wasserversorgung Als die SBB mit der Planung des Eppenberg-
in Zukunft aussieht. Im Verkehr und in der Sied- tunnels begannen, gab der Kanton keine Kon-
lungsplanung gibt es Agglomerationsprogram- zession mehr, da die Bahnlinie zwischen Olten
me: Warum gibt es kein entsprechendes Impuls- und Aarau praktisch über das Pumphäuschen
programm für Wasser? Wir müssen heute die führt. Nur: In der Gemeinde
Entscheide treffen, damit wir in zwanzig Jahren Schönenwerd gibt es keinen
über die nötige Infrastruktur verfügen. anderen geeigneten Stand- «Privatisierung macht
ort für eine Wasserfassung. wenig Sinn»
Der grösste Teil der Wasserversorgung gehört Gemeinsam mit den Nach-
der öffentlichen Hand. Mancherorts ist sie jedoch bargemeinden hat man nun
in Privatbesitz. Warum? eine Lösung gefunden. Ein anderes Beispiel ist
In einigen Dörfern gibt es Wasserkorporatio- Oensingen: Dort ist der Nitratgehalt im Wasser
nen. Das sind private Vereine, die vor mehr als zu hoch – der einzig mögliche Standort ist eine
100 Jahren Geld in die Wasserversorgung inves- Wiese, an der auch ein Fleischverarbeiter inte-
tierten. Im Kanton St. Gallen ist diese Rechts- ressiert ist. Da muss man sich nun entscheiden,
form beispielsweise heute noch verbreitet. Es welche Nutzung man will. Gemeinden müssen
gibt aber auch Aktiengesellschaften: In der geeignete Flächen für die Trinkwasserversor-
Stadt Zug liefert ein privates Versorgungsunter- gung unbedingt frühzeitig in ihrer Raumpla-
nehmen das Wasser. nung sichern.

Kann die Wasserversorgung effizienter von Als Konsument hört man nicht gerne, dass der
Privaten erbracht werden? Nitratgehalt zu hoch ist. Welche Gefahr geht
Dafür gibt es keine Hinweise. Die Qualität der von Düngern und Pestiziden aus?
Wasserversorgung ist sehr hoch und preiswert – Wenn die Fassung ungenügend geschützt ist,
wir erhalten kaum Beanstandungen des Preis- können Nitrat aus Düngern und Pflanzen-
überwachers. Privatisierung macht auch wenig schutzmittel im Grundwasser über grosse Dis-
Sinn, da man keinen Gewinn erwirtschaften tanzen verfrachtet werden und ins Netz gelan-
darf und die Wasserversorgung ein natürliches gen. Nitrate und Pestizide sind im Trinkwasser
Monopol ist. unerwünscht. Einige Grundwasserfassungen
mussten deswegen geschlossen werden. Der
In den Schutzzonen rund um die Wasserfass- Einsatz von Pestiziden und Düngern im Um-
ungen gibt es Nutzungskonflikte: Es verlaufen kreis der Fassungen muss verboten – oder zu-
Strassen und Bahnlinien in der Nähe von Wasser- mindest stark reduziert – werden.
fassungen. Inwiefern ist das ein Problem?
Verkehrsanlagen gehören nicht in die inner-
sten Schutzzonen. Ein Transportunfall, bei Interview: Susanne Blank, Co-Chefredaktorin.

32  Die Volkswirtschaft  6 / 2019


KEYSTONE

Das Ende des Eigenmietwerts?


Die Diskussion um den Eigenmietwert geht in die nächste Runde: Die ständerätliche
Kommission für Wirtschaft und Abgaben will die Besteuerung von selbst bewohntem
Wohneigentum abschaffen und im Gegenzug den Abzug der Schuldzinsen einschrän-
ken. Was sind die Gründe dafür und dagegen? Und wer profitiert von der Reform?
EIGENMIETWERT

Welche Auswirkungen hat die


­Abschaffung des Eigenmietwerts?
Langfristig kann der Systemwechsel bei der Wohneigentumsbesteuerung ohne Minder­
einnahmen für Bund, Kantone und Gemeinden gelingen. Dies gilt aber nicht beim aktuell
­tiefen Zinsniveau. Hingegen fördert die Reform mittelfristig die Stabilität des Finanzsystems. 
­Lukas M. Schneider, Peter Schwarz, David Staubli

Abstract  Die Politik nimmt einen erneuten Anlauf für einen Systemwechsel bei der davon, ob sie Liegenschaften besitzen oder
Wohneigentumsbesteuerung. Der Eigenmietwert soll für selbst bewohntes Wohn- nicht.
eigentum am Wohnsitz entfallen, gleichzeitig soll der Schuldzinsenabzug einge- Bezüglich der Besteuerung nach der wirt-
schränkt und der Unterhaltskostenabzug abgeschafft werden. Die Schätzungen zur schaftlichen Leistungsfähigkeit haben alle
direkten Bundessteuer zeigen: In einer statischen Betrachtung ist bei Wohneigentü- Varianten ihre Vor- und Nachteile. Bei der
mern mit hohen Einkommen bei einem Zinssatz von 3,5 Prozent tendenziell mit einer 1. und der 2. Variante können Wohneigentü-
Erhöhung der Steuerbelastung zu rechnen; bei niedrigen Einkommen – darunter zahl- mer je nach Konstellation auch Schuldzin-
reiche Rentnerhaushalte – tendenziell mit einer Senkung. Die Art und das Ausmass der sen zum Abzug bringen, die im neuen System
Betroffenheit der Hauseigentümer durch die Reform hängen stark vom Zinsniveau ab. eigentlich Lebenshaltungskosten darstel-
Im Weiteren führt der Systemwechsel zu diversen Verhaltensanpassungen. Der ge- len, wie beispielsweise die Fremdfinanzie-
wichtigste Effekt betrifft Portfolioumschichtungen der Hauseigentümer hinsichtlich rung des Eigenheims. Die 3. und die 4. Varian-
eines Abbaus von beweglichem Vermögen zugunsten einer Reduktion der Verschul- te erlauben nur den Abzug der Schuldzinsen
dung. auf steuerbare Erträge aus unbeweglichem
Vermögen. Für Steuerpflichtige mit bewegli-
chem Vermögen heisst das: Eine solche Rege-

D  ie Besteuerung des Eigenmietwerts ist


ein politisches Evergreen mit einer lan-
gen Geschichte. Auf Bundesebene hat sie
abzug eingeschränkt oder sogar vollständig
eliminiert und der Unterhaltskostenabzug
abgeschafft werden. Der wohl umstrittens-
lung wäre deutlich restriktiver als das gelten-
de Recht. Allerdings scheint dies vertretbar,
wenn man beachtet, dass das schweizerische
ihren Ursprung in der schweren Wirtschafts- te Eckwert der Vorlage betrifft die steuer- Steuerrecht Kapitalgewinne aus der Veräus-
krise der Dreissigerjahre. Die Besteuerung liche Behandlung der privaten Schuldzin- serung von Privatvermögen nicht besteuert.
des selbst genutzten Wohneigentums wird sen. Aus steuerrechtlicher Sicht gibt es gute Zusätzlich enthält die 3. Variante eine Trenn-
seither immer wieder kontrovers diskutiert. Gründe, weshalb Schuldzinsen in bestimm- linie, die sich als verfassungsrechtlich heikel
Sieht man einmal von der Besteuerung von ten Konstellationen abzugsberechtigt sein erweist: Ab einer Mindestbeteiligungsquo-
Ehepaaren ab, ist wohl kein Dossier so re- sollten: Dienen sie dazu, steuerbare Vermö- te von 10 Prozent soll das Halten einer oder
sistent gegenüber Veränderungen wie der genserträge zu erzielen, stellen sie Gewin- mehrerer fremdfinanzierter qualifizierter Be-
Eigenmietwert. nungskosten dar. Die gesetzgeberische Um- teiligungen abzugsberechtigt sein, wäh-
Insofern hat sich die zuständige Kommis- setzung dieses Grundsatzes erweist sich rend Streubesitzbeteiligungen ausgeschlos-
sion für Wirtschaft und Abgaben des Stände- indessen als schwierig. Denn eine klare Zu- sen wären. Variante 5 schliesslich mangelt
rates (WAK-S) einer geradezu herkulischen ordnung der privaten Schuldzinsen zu be- es an Systemkonformität, denn sie regelt
Aufgabe zugewandt, wenn sie in ihrer Initia- stimmten steuerbaren Vermögenserträgen die Fremdfinanzierung von selbst genutzten
tive den Eigenmietwert für selbst bewohn- ist nicht beliebig möglich. Im Hinblick auf Zweitliegenschaften sowie vermieteten oder
tes Wohneigentum am Wohnsitz abschaf- die Vernehmlassungsvorlage hat sich die verpachteten Liegenschaften allzu restriktiv:
fen will.1 Die Vernehmlassung zur erarbeite- WAK-S nicht dazu durchringen können, eine Schuldzinsen, die zur Erzielung dieser steuer-
ten Vorlage wurde am 5. April 2019 eröffnet.2 bestimmte Schuldzinsenregelung zu favori- baren Einkünfte angefallen sind, wären nicht
sieren. Stattdessen hat sie nicht weniger als mehr abzugsfähig.
Streitpunkt Schuldzinsenabzug fünf gleichberechtigte Abzugsvarianten in
die Vernehmlassung geschickt (siehe Tabel- Auswirkungen nach
Darum geht es: Der Eigenmietwert soll aus- le auf S. 36).
schliesslich auf dem Eigenheim und nicht auf Aktuell sind die Schuldzinsen im Umfang
­Einkommensgruppen
den selbst genutzten Zweitliegenschaften der steuerbaren Vermögenserträge zuzüg- Was bedeutet die Reform für die verschiede-
entfallen. Gleichzeitig soll der Schuldzinsen- lich weiterer 50 000 Franken abzugsfähig. nen Einkommensgruppen der Wohneigen-
Alle in der Vernehmlassung vorgeschlage- tümer? Einerseits müssten sie zwar die Brut-
1 Siehe parlamentarische Initiative 17.400 «System­ nen Varianten beschneiden diese Abzugs- to-Eigenmietwerte nicht mehr versteuern,
wechsel bei der Wohneigentumsbesteuerung» auf berechtigung. Davon betroffen wären alle gleichzeitig könnten sie aber die Zinskosten
­Parlament.ch.
2 Die Vernehmlassungsunterlagen sind online auf
steuerpflichtigen Personen, die Schuldzin- nur noch teilweise und die Unterhaltskos-
­Parlament.ch verfügbar. sen geltend machen – und zwar unabhängig ten gar nicht mehr steuerlich abziehen. Um

34  Die Volkswirtschaft  6 / 2019


DOSSIER

der Frage nachzugehen, haben wir die Daten Anteils der Liegenschaftskosten4, der nach Betrachtet man nur den Brutto-Eigen-
zur direkten Bundessteuer aus den Kantonen der Reform nicht mehr abgezogen werden mietwert, zeigt unsere Analyse, dass der Vor-
Bern und Thurgau analysiert und so den Sal- könnte. Dabei sind wir vom Reformszenario teil aus der wegfallenden Besteuerung mit
do der Liegenschaftsrechnung3 berechnet. 2 ausgegangen, bei welchem der Schuldzin- steigendem Einkommen zunimmt (siehe Ab-
Dieser bemisst sich aus dem wegfallenden senabzug auf 80 Prozent der steuerbaren Ver- bildung 1). Bei den Liegenschaftskosten zeigt
steuerbaren Brutto-Eigenmietwert minus des mögenserträge beschränkt wird. Im Weiteren sich diese Zunahme noch deutlicher. Dies
unterstellen wir einen Zinssatz von 3,5 Pro- deutet darauf hin, dass gerade hohe Einkom-
3 Der «Saldo der Liegenschaftsrechnung» entspricht zent. mensgruppen umfangreiche Unterhalts-
nicht dem «Netto-Eigenmietwert». Denn bei der direk-
ten Bundessteuer findet keine Zuweisung der Schuld-
arbeiten steuerlich geltend machen, die zu-
zinsen auf die verschiedenen Liegenschaften statt. 4 Unterhaltskosten plus Zinskosten. mindest teilweise Konsumcharakter haben
dürften. Dafür spricht, dass bei vermiete-
ten Liegenschaften die in Abzug gebrachten
Abb. 1: Saldo der Liegenschaftsrechnung bei der direkten Bundessteuer nach Unterhaltskosten sowohl relativ zum Miet-
­Einkommensgruppen wert als auch relativ zum Liegenschaftswert
40 000    In Franken im Durchschnitt deutlich niedriger sind.
Bei einem Zinssatz von 3,5 Prozent ist der

EIGENE SCHÄTZUNGEN / STEUERDATEN KANTON BERN UND


Saldo bei den untersten Einkommensdezi-
20 000
len positiv und sinkt dann mit zunehmen-
dem Einkommen in den negativen Bereich.

THURGAU, 2010 / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


0 Das heisst: Bei den niedrigen Einkommens-
gruppen fällt der Vorteil aus der wegfallen-
den Besteuerung des Brutto-Eigenmiet-
–20 000
werts stärker ins Gewicht als der Nachteil,
dass die Liegenschaftskosten nur noch teil-
–40 000 weise abgezogen werden können. Für diese
0–10 10–20 20–30 30–40 40–50 50–60 60–70 10–20 70–80 90–100 Gruppen sinkt also – rein statisch betrach-
Einkommensdezil, in % tet – das steuerbare Einkommen im Reform-
  Brutto-Eigenmietwert       Unterhaltskosten       Zinskosten       Saldo der Liegenschaftsrechnung szenario gegenüber dem Status quo. Umge-
kehrt bei den hohen Einkommen: Bei diesen
­­ urchschnitt der durch die Reform wegfallenden Brutto-Eigenmietwerte und Abzüge pro Einkommens-
D führt vor allem der Wegfall der heute gross-
dezil bei einem simulierten Zinsniveau von 3,5 Prozent. Die Einkommensdezile werden ausgehend vom zügig geltend gemachten Unterhaltskos-
steuerbaren Einkommen vor der Wohneigentumsbesteuerung gebildet. Reformszenario: Beschränkung ten zu einer tendenziell höheren Steuerbe-
Abzugsfähigkeit Schuldzinsen auf 80% der steuerbaren Vermögenserträge (Variante 2) inkl. Schuld­
zinsenabzug für Ersterwerber. lastung.
Daten zur direkten Bundessteuer aus den Kantonen Bern und Thurgau (adjustiert an Schweizer Durch-
schnitt); Jahr 2010; Hochrechnung auf 2017; nur verheiratete Steuerpflichtige.
Rentner profitieren
Zu bedenken gilt, dass in die Analyse aus-
Abb. 2: Saldo der Liegenschaftsrechnung bei der direkten Bundessteuer nach schliesslich Steuerpflichtige mit Eigenheim
Rentnern und Nicht-Rentnern einfliessen, welche insgesamt überdurch-
schnittliche Einkommen haben. Zudem be-
10 000    In Franken
inhalten die Durchschnittswerte sowohl
EIGENE SCHÄTZUNGEN / STEUERDATEN KANTON BERN UND

Rentner- als auch Nicht-Rentnerhaushalte.


5000
Die Rentner haben im Durchschnitt niedri-
0
gere Einkommen und machen systematisch
THURGAU 2010 / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

geringere Liegenschaftskostenabzüge gel-


–5000
tend. Ein Teil des Musters in Abbildung 1 ist
auf diesen Umstand zurückzuführen. Die
–10 000 niedrigeren laufenden Einkommen der Rent-
ner sagen jedoch wenig über die wirtschaft-
–15 000 liche Leistungsfähigkeit aus, wenn man den
1 1,5 2 2,5 3 3,5 4 4,5 5 5,5 6 gesamten Lebenszyklus betrachtet. Nicht
Zinsniveau, in % zuletzt aus diesen Gründen ist bei vertei-
  Alle Wohneigentümer       Nicht-Rentner       Rentner lungspolitischen Schlussfolgerungen Zu-
rückhaltung geboten.
Durchschnittlicher Saldo der Liegenschaftsrechnung aus den von der Reform betroffenen Brutto-Eigen- Von der Reform profitieren werden vor al-
mietwerten und Abzügen in Abhängigkeit des Zinsniveaus. Das Zinsniveau variiert entlang der hori- lem die Rentner: Sie weisen systematisch hö-
zontalen Achse für die Schuldzinsen und für die Erträge aus beweglichem Vermögen. Reformszenario:
here Saldi auf als Nicht-Rentner (siehe Ab-
Beschränkung Abzugsfähigkeit Schuldzinsen auf 80% der steuerbaren Vermögenserträge (Variante 2)
inkl. Schuldzinsenabzug für Ersterwerber. bildung 2). Der Vorteil aus der entfallenden
Daten zur direkten Bundessteuer aus den Kantonen Bern und Thurgau (adjustiert an Schweizer Durch- Besteuerung des Brutto-Eigenmietwerts
schnitt); Jahr 2010; Hochrechnung auf 2017. übertrifft bei den Rentnern also den N
­ achteil

Die Volkswirtschaft  6 / 2019  35
EIGENMIETWERT

eingeschränkter Liegenschaftskostenabzü- mer bei einer Abschaffung des Eigenmiet- Insbesondere könnte es zu Portfolioum-
ge – selbst bei einem hohen Zinsniveau von werts ihr Verhalten entsprechend anpassen schichtungen kommen. Im jetzigen System
6 Prozent. Bei Nicht-Rentnern sind die Saldi würden. lohnt es sich, eine Immobilie mit einem ho-
insgesamt deutlich niedriger, was typischer- Solche Anpassungsreaktionen könnten hen Fremdfinanzierungsanteil zu erwerben
weise auf die höhere Belehnung und die da- insbesondere sowohl das absolute Ausmass und einen Teil des Vermögens in liquiden
mit verbundenen Zinskostenabzüge zurück- der Nachfrage nach Wohneigentum als auch Vermögenswerten zu halten, um steuer-
zuführen ist, die mit der Reform teilwei- die Nachfragestruktur (hinsichtlich Ausbau- freie Kapitalgewinne zu erzielen. Für gut si-
se wegfallen würden. Dies erklärt auch die standard, Lage der Immobilie oder Grösse der tuierte Haushalte ist es nach einem System-
ausgeprägtere Zinssensitivität der Liegen- Wohnung) betreffen. Auch eine zunehmende wechsel vorteilhaft, liquide Vermögens-
schaftsrechnung bei den Nicht-Rentnern im Nachfrage nach Handwerkerleistungen ohne positionen aufzulösen, um die Hypothek
Vergleich zu den Rentnern. korrekte Deklaration («Schwarzarbeit») ist zu amortisieren. Dabei fallen teilweise auch
nicht auszuschliessen. Typischerweise dürf- steuerbare Kapitalerträge weg, da das li-
Reform beeinflusst Sparverhalten te dies Arbeiten betreffen, die eher arbeits- quide Vermögen zur Amortisation verwen-
statt kapitalintensiv sind und keinen regula- det wird. Zudem ist damit zu rechnen, dass
Bei unseren Schätzungen handelt es sich torischen Vorgaben unterliegen, wie Pinsel- Hauseigentümer mehr sparen werden, um
um statische Analysen, die allfällige Ver- renovationen oder die Verlegung von Böden. die Hypothek möglichst zügig zu amorti-
haltensanpassungen der Hauseigentümer Weit gewichtiger als diese Effekte dürften je- sieren. Diese vorwiegend finanziellen Um-
nicht berücksichtigen. Tatsächlich ist aber doch die finanzwirtschaftlichen Anpassungs- schichtungen sind wahrscheinlich. Je schär-
damit zu rechnen, dass die Wohneigentü- mechanismen ausfallen. fer der Schuldzinsenabzug begrenzt wird,

Die zentralen Eckwerte der Reformvorlage


Art des Wohneigentums Geltendes Recht zur direkten Vernehmlassungsvorlage zur direkten ­
­­ antons- Bundessteuer (DBG) und zu den Kantons- und
­Bundessteuer (DBG) und zu den K
und Gemeindesteuern (StHG) ­Gemeindesteuern (StHG)
Werden Eigenmietwert Eigenheim
sowie Miet- oder Pacht-
erträge besteuert?
Selbst genutzte Zweitliegen-
schaften sowie vermietete oder
verpachtete Liegenschaften
Ist der Liegenschafts- Eigenheim
unterhalt abzugs­
berechtigt?
Selbst genutzte Zweitliegen-
schaften sowie vermietete oder
verpachtete Liegenschaften
Sind ausserfiskalisch Eigenheim
­motivierte Abzüge (Ener- DBG: DBG:
giesparen, Umwelt-
schutz, Denkmalpflege, StHG: kantonal möglich StHG: kantonal möglich
Rückbau) erlaubt? Selbst genutzte Zweitliegen-
schaften sowie vermietete oder DBG: DBG:
verpachtete Liegenschaften
StHG: kantonal möglich StHG: kantonal möglich
Sind Schuldzinsen von Eigenheim
Ersterwerbern zusätzlich
abzugsberechtigt?
Selbst genutzte Zweitliegen-
schaften sowie vermietete oder
verpachtete Liegenschaften
EIGENE DARSTELLUNG DER AUTOREN / SHUTTERSTOCK / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Generelle Abzugs­ Im Umfang der steuerbaren Vermögens- 1. V


 ariante: Im Umfang der steuerbaren Vermögens-
fähigkeit der privaten erträge und weiterer 50 000 Franken erträge
Schuldzinsen
2. Variante: Im Umfang von 80 Prozent der steuer­
baren Vermögenserträge
3. V
 ariante: Im Umfang der steuerbaren Erträge aus
unbeweglichem Vermögen und weiterer 50 000
Franken bei Halten einer oder mehrerer qualifi-
zierter Beteiligungen
4. V
 ariante: Im Umfang der steuerbaren Erträge aus
unbeweglichem Vermögen
5. Variante: Keine Abzugsfähigkeit

DBG: Bundesgesetz über die direkte Bundessteuer; StHG: Bundesgesetz über die Harmonisierung der direkten Steuern der Kantone und Gemeinden

36  Die Volkswirtschaft  6 / 2019


DOSSIER

desto intensiver dürften diese Anpassungs- die Schuldzinsenvarianten 1, 2 und 4 ist dies
reaktionen ausfallen. bei der direkten Bundessteuer in etwa der
Im Sinne der Finanz- und Makrostabilität Fall. Zu den Aufkommenseffekten der 3. Va-
sind diese Anpassungen erwünscht, wenn riante gibt es jedoch keine Zahlen. Bei einem
sie zum Abbau der Bruttoverschuldung (und generellen Abzugsverbot (Variante 5) wäre
eventuell auch der Nettoverschuldung) der mit substanziellen Mehreinnahmen für den
privaten Haushalte führen.5 Sollte das Zins- Bund, die Kantone und die Gemeinden zu
niveau allerdings plötzlich stark ansteigen rechnen; gleichzeitig würde das Leistungsfä-
und würden dadurch Preisrückgänge an den higkeitsprinzip strapaziert, weil zum Beispiel Lukas M. Schneider
Dr. phil., Projektleiter steuerpolitische
Immobilienmärkten resultieren, so dürften Mieterträge weiterhin besteuert würden, ­Geschäfte, Abteilung Steuergesetzgebung,
Finanzinstitute auf einen Abbau der hohen aber die zur Erzielung dieser Erträge aufge- Eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV),
Bruttoverschuldung pochen. Im jetzigen Sys- wendeten Schuldzinsen nicht mehr abzugs- Bern
tem sind die Zinsen weitestgehend abzugs- fähig wären. Beim jetzigen Zinsniveau ist al-
fähig, doch mit dem neuen System wäre das lerdings selbst bei einem vollständigen Ab-
nicht mehr der Fall. In der Übergangsphase zugsverbot bei privaten Schuldzinsen mit
vom alten ins neue System kann die Anfällig- Mindereinnahmen zu rechnen.
keit des Finanzsystems deshalb erhöht sein. Betrachtet man die Verteilungswirkungen
Langfristig sollten von der Reform jedoch An- zwischen unterschiedlich einkommensstar-
reize ausgehen, die private Verschuldung zu ken Eigenheimbesitzern, dürften einkom-
reduzieren. mensschwache Haushalte – darunter vie-
le Rentnerehepaare – von einer Reform des
Langfristig aufkommensneutrale Eigenmietwerts profitieren. Die obersten Ein- Peter Schwarz
kommensdezile müssten bei einer statischen Dr. rer. pol., Ökonom, Abteilung Volkswirt-
Reform möglich Betrachtung mit einem höheren steuerba-
schaft und Steuerstatistik, Eidgenössische
Steuerverwaltung (ESTV), Bern
Kann eine Abschaffung des Eigenmietwerts ren Einkommen rechnen. Allerdings: Gerade
bei einem langfristigen Durchschnittszins- die einkommensstärksten Haushalte können
niveau von 3,5 Prozent grob aufkommens- sich relativ leicht an sich wandelnde steuerli-
neutral, d. h. ohne Mindereinnahmen für die che Konstellationen anpassen.
öffentlichen Haushalte, gelingen? Das ist von Internationale Einrichtungen wie die
zentraler Bedeutung und entscheidet, wie OECD oder der Internationale Währungs-
sich die Reform auf das Verhältnis von Mie- fonds haben der Schweiz in ihren Länderbe-
tern und Eigenheimbesitzern auswirkt. Für richten mehrfach empfohlen, im Hinblick auf
die Finanz- und Makrostabilität die steuerli-
5 Der Wegfall der Brutto-Eigenmietwertbesteuerung
hat hingegen einen gegenläufigen Effekt, der die An- chen Anreize zur Bruttoverschuldung privater David Staubli
reize für (schuldenfinanzierte) Investitionen in selbst Haushalte einzudämmen. Dieser Forderung Dr. rer. oec., Ökonom, Abteilung Volkswirt-
bewohnte Liegenschaften unter gewissen Umständen
erhöhen kann. Auch der Ersterwerberabzug relativiert
wird mit dem neuen Anlauf zur Abschaffung schaft und Steuerstatistik, Eidgenössische
den Abbau der Verschuldungsanreize. des Eigenmietwerts Rechnung getragen. Steuerverwaltung (ESTV), Bern

Die Volkswirtschaft  6 / 2019  37
EIGENMIETWERT

Wohn­eigentümer profitieren bei


­Tiefzinsen vom Systemwechsel
Bleiben die Hypothekarzinsen so tief wie aktuell, profitiert der durchschnittliche Wohn-
eigentümer von einem Wegfall des Eigenmietwerts. Bei Zinsen über 4 Prozent wird es für
junge Familien aber bereits knapp.  Stefan Grob, Luca Bumann

Abstract  Es wird wieder über einen Systemwechsel bei der Besteuerung der Eigen- Wohneigentumsförderung in der Schweiz
mietwerte diskutiert. Im Rahmen eines Forschungsprojekts der Hochschule Luzern gänzlich entgegenlaufen.
wurden die steuerlichen Auswirkungen eines solchen Systemwechsels berechnet. Was wären die Folgen, wenn der Eigen-
Untersucht wurden die Folgen für die individuellen Einkommenssteuern von spezifi- mietwert abgeschafft würde? Dieser Frage
schen Kategorien von Hypothekarschuldnern und die Auswirkungen auf die gesamt- sind zwei Masterstudenten der Hochschule
schweizerischen Steuereinnahmen von Bund, Kantonen und Gemeinden. Die auf Basis Luzern nachgegangen. Mittels eines eigens
eines eigens erstellten Modells erzielten Hochrechnungen zeigen, dass der durch- erstellten Modells haben sie untersucht, wel-
schnittliche Wohneigentümer in der Schweiz bei einem Zinsniveau von 1,5 Prozent che steuerlichen Auswirkungen der von der
jährlich rund 3300 Franken weniger Einkommenssteuern zu bezahlen hätte. Bei die- ständerätlichen Kommission für Wirtschaft
sem Zinsniveau profitierten Wohneigentümer mit einer besonders hohen Hypothe- und Abgaben (WAK-S) vorgeschlagene Sys-
karschuld am stärksten von einer Abschaffung des Eigenmietwerts. Rentner würden temwechsel1 für die einzelnen Haushalte in
bei steigenden Zinsen am längsten von einem Systemwechsel profitieren.
1 Der Vorschlag der WAK-S sieht vor, dass die Besteue-
rung des Eigenmietwerts am Hauptwohnsitz abge-
schafft wird. Zugleich sind keine Abzüge für Unterhalts-

D 
kosten mehr möglich. Auch der Abzug der Schuldzinsen
ie Schweiz hat im internationalen zer Steuersystem. Deshalb stellt sich die soll entweder abgeschafft oder reduziert werden. Der
Vergleich eine verhältnismässig tie- Frage, ob der Eigenmietwert noch zeitge- Entwurf sieht zudem einen zeitlich befristeten Erst-
erwerberabzug vor.
fe Wohneigentumsquote und eine hohe mäss ist. Denn möglicherweise sind beim
Verschuldung der privaten Haushalte. Ein aktuellen Steuersystem die Wohneigentü-
Schneiden nach einer Reform des Eigenmiet-
möglicher Grund dafür sind die problema- mer schlechtergestellt als die Mieter. Wenn werts schlecht ab: Junge Familien mit Eigenheim
tischen Verschuldungsanreize im Schwei- dem so ist, würde das dem Auftrag der haben bei steigenden Zinsen hohe Unterhalts-
kosten.

KEYSTONE

38  Die Volkswirtschaft  6 / 2019


DOSSIER

der Stadt Luzern konkret haben würde. Unter


Abb. 1: Steuerersparnis bei der Amortisation einer Hypothek ohne Besteuerung
Berücksichtigung verschiedener Zinsszena-
des Eigenmietwerts, nach Zinsniveau
rien analysierten sie zudem die Folgen eines
Systemwechsels für die Steuereinnahmen 7500    Ersparnis in Franken
der öffentlichen Hand. Das Modell bildet die
Steuererklärung für natürliche Personen ab
5000
und berechnet anhand der eingegebenen Va-

EIGENE BERECHNUNGEN DER AUTOREN / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


riablen direkt das steuerbare Einkommen so-
wie die Steuerlast für Bund, Kantone und Ge- 2500
meinden.
2500
Wohneigentümer reagieren
unterschiedlich –2500
Um die konkreten Auswirkungen in verschie-
denen Zinsszenarien zu simulieren, wurden –5000
vier Kategorien von Wohneigentümern de- 1,5 2,0 2,5 3,0 3,5 4,0 4,5 5,0 5,5 6,0 6,5
finiert. Sie unterscheiden sich insbesondere Zinsniveau, in %
bezüglich der Hypothekarhöhe, des steuer-
  Fam. Grütter, die Ersterwerber       Fam. Heusler, die Wohlhabenden (Rückzahlung bei 2,5%)    
baren Einkommens und der Art und Weise,   James, der Banker (Rückzahlung bei 3,5%)       Helene, die Witwe (Rückzahlung bei 2,5%)
wie sie sich bei einer Abschaffung des Eigen-
mietwerts verhalten würden (siehe Tabelle
auf S. 40). Abb. 2: Der Break-even-Point der Ersterwerber Familie Grütter bei einem
Die Auswirkungen auf die Steuerlast der Hypothekarzins von 3,5 Prozent
vier Kategorien sind unterschiedlich und vari-
30 000    Betrag in Franken
ieren je nach Höhe der Hypothekarzinsen (sie-
he Abbildung 1). Der Grund dafür ist, dass die

EIGENE BERECHNUNG DER AUTOREN / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


25 000
Personen einiger Kategorien ihre Hypothekar-
7 000
schuld ab einem bestimmten Zinsniveau (teil- 20 000
weise) zurückzahlen, sofern genügend Liqui-
15 000 
dität vorhanden ist. Die (Teil-)Rückzahlung er-
folgt aber erst ab dem Zeitpunkt, wo die zu 26 600
10 000
bezahlenden Hypothekarzinsen höher sind als 19 600
die Rendite auf dem für die Rückzahlung zur 5 000
Verfügung stehenden Kapital.
Ein Beispiel: Personen wie der Banker 0

James (Kat. 3), mit hohem Einkommen, ho-


  Brutto-Eigenmietwert       Zinsaufwand       Unterhaltskosten
hem Eigenmietwert und erspartem Kapital,
welches im privaten Portfolio durchschnitt- Beim Break-even-Point entspricht der zu versteuernde Eigenmietwert (links) den abzugsfähigen Unter-
lich zwischen 3 und 3,5 Prozent Rendite pro halts- und Zinskosten (rechts). Steigt das Zinsniveau weiter an, übersteigen Unterhaltskosten und Zins-
Jahr erwirtschaftet, haben ihr Wohneigen- aufwand den Eigenmietwert: Der Systemwechsel lohnt sich nicht mehr.
tum zurzeit wohl relativ hoch belehnt. Diese
Personen werden die Hypothek erst ab einem
Zinssatz von circa 3,5 Prozent zurückbezah- men. thekarzins über diesen Punkt, lohnt sich der
len, da sonst die Opportunitätskosten der Anders sieht es aus bei der Familie Grüt- Systemwechsel für Familie Grütter nicht mehr.
entfallenen Portfoliorendite höher wären als ter (Kat. 1): Sie hat erst kürzlich ihren Traum Die Steuerlast wäre grösser als unter dem ak-
die ersparten Zinskosten. Im neuen System vom Eigenheim verwirklicht und weist keine tuellen Regime mit Eigenmietwert.
ohne Besteuerung der Eigenmietwerte spa- verfügbare Liquidität auf, mit welcher sie die Von der Reform profitieren würden vor al-
ren sie bei tiefen Zinsen am meisten Steu- Hypothek auch bei höheren Zinsszenarien lem Personen wie Helene, die Rentnerin. Sie
ern ein. Diese Steuerersparnis wird mit stei- amortisieren könnte. Die anfängliche Steuer- würden ab einem Zinsniveau von 2,5 Prozent
gendem Zinsniveau aber immer kleiner – bis ersparnis der Familie nimmt mit steigenden ihre Hypothek vollständig zurückzahlen und
zu einem Zinsniveau von 3,5 Prozent, wo eine Zinsen linear ab. Für Familie Grütter wäre bei so unabhängig vom Zinsniveau von einer Ab-
(Teil-)Rückzahlung erfolgt. Der Knick bei 3,5 einem Zinsniveau von 3,5 Prozent der soge- schaffung des Eigenmietwerts profitieren.
Prozent in der Grafik zeigt, dass diese Per- nannte Break-even-Point erreicht. Dieser Die Analyse der vier Kategorien zeigt, dass
sonen durch die Rückzahlung von 350 000 zeigt an, wann die Zinskosten, addiert mit beim momentanen Zinsniveau von 1,5 Prozent
Franken wieder stärker von der Abschaffung den Unterhaltskosten, genau dem Brutto- Wohneigentümer mit einer hohen Hypothe-
des Eigenmietwerts profitieren. Dies ge- eigenmietwert entsprechen. Bei diesem Zins- karschuld respektive mit hohen Eigenmiet-
schieht aus dem Grund, dass der Eigenmiet- niveau wäre die Steuerbelastung der Fami- werten, wie James, der Banker, am stärks-
wert unverändert bleibt, während die Zins- lie mit und ohne Eigenmietwert exakt gleich ten von einem Systemwechsel profitieren.
kosten durch die tiefere Hypothek abneh- gross (siehe Abbildung 2). Steigt der Hypo- Je höher aber die Verschuldung, desto hö-

Die Volkswirtschaft  6 / 2019  39
EIGENMIETWERT

Vier Kategorien von Wohneigentümern nach ausgewählten Eigenschaften


Kategorie 1 Kategorie 2 Kategorie 3 Kategorie 4
Familie Grütter, Familie Heusler, James, der Banker Helene, die Witwe
die Ersterwerber die Wohlhabenden

EIGENE ANNAHMEN DER AUTOREN / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


Bruttojahreseinkommen (in Fr.) 122 000 200 000 160 000 70 000
Eigenmietwert (in Fr.) 26 600 23 264 39 881 17 440
Belehnung (in %) 80 60 60 30
Ursprüngliche Hypothek (in Fr.) 560 000 420 000 720 000 180 000
Verfügbare Liquidität (in Fr.) 0 200 000 350 000 250 000
Zinssatz, ab welchem Hypothek zurückbezahlt – 2,5 3,5 2,5
wird (in %)

her auch die Zinssensitivität der e­inzelnen wechsel und einem Hypothekarzinsniveau ter, Banken, Unterhalts- und Renovations­
­Wohneigentümer. Aus diesem Grund wirkt von 1,5 Prozent im Durchschnitt jeder firmen sowie der Staat würden bei Inkrafttre-
sich eine Abschaffung des Eigenmietwerts Schweizer Wohneigentümer jährlich 3318 ten eines Systemwechsels zu den Verlierern
bei höheren Zinsszenarien negativ auf die Franken Steuern sparen würde. Bei der Ge- gehören. Ob und allenfalls inwiefern die Ge-
Steuerbelastung von hoch verschuldeten meinde- und Kantonssteuer beträgt die Ein- setzesänderung tatsächlich in Kraft tritt, ist
Eigenheimbesitzern aus. Anders bei den Rent- sparung 2611 Franken, bei der direkten Bun- bis dato noch offen.
nern, die oftmals bereits einen grossen Teil dessteuer 707 Franken. Für die öffentliche
der Hypothek zurückbezahlt haben und dem- Hand hätte das Konsequenzen: Schweizweit
entsprechend eine tiefe Belehnung aufwei- würden die Einkommenssteuern auf der Ein-
sen: Sie können bei steigenden Hypothekar- nahmenseite um 4663 Millionen Franken
zinsen am längsten von einem Systemwech- sinken. Dabei entfallen 3669 Millionen Fran-
sel profitieren. Diesbezüglich überrascht es ken auf die Gemeinde- und Kantonssteuern
nicht, dass Wohneigentümer, die über ge- und die restlichen 994 Millionen Franken auf
nügend Liquidität verfügen, die Hypothek die direkte Bundessteuer.
amortisieren sollten, sobald die Hypothekar- Unter Berücksichtigung der anzunehmen- Stefan Grob
zinsen ansteigen. den Amortisationen bei Inkrafttreten eines Masterassistent, Institut für Finanzdienst-
Systemwechsels würden Schweizer Wohn- leistungen Zug (IFZ), Hochschule Luzern –
Wirtschaft, Zug
Schweizweite Hochrechnung eigentümer im Durchschnitt so lange pro-
fitieren, bis der durchschnittliche Hypothe-
Wie eingangs erwähnt, wurde für eine karzins auf 5,19 Prozent ansteigt. Dann ist
schweizweite Hochrechnung ein eigenes der Break-even-Point für den durchschnitt-
Modell erstellt, dem aktuelle Durchschnitts- lichen Wohneigentümer in der Schweiz er-
werte aus öffentlich zugänglichen Portalen reicht. Bei einem weiteren Anstieg würde sich
sowie Daten aus Experteninterviews zugrun- ein Systemwechsel für den durchschnittli-
de liegen. Dabei wurde angenommen, dass chen Wohneigentümer in der Schweiz nicht
die Steuerrechnung der Stadt Luzern reprä- mehr lohnen. Für Wohneigentümer scheint
sentativ für die ganze Schweiz ist. Das Resul- ein Systemwechsel zurzeit also attraktiv zu Luca Bumann
tat wurde dann auf die Gesamtschweiz hoch- sein. Es gilt jedoch festzuhalten, dass es bei Masterassistent, Institut für Finanzdienst-
gerechnet. einem allfälligen Systemwechsel auch Verlie- leistungen Zug (IFZ), Hochschule Luzern –
Wirtschaft, Zug
Die Analyse zeigt, dass bei einem System­ rer gäbe. Namentlich Mieterinnen und Mie-

40  Die Volkswirtschaft  6 / 2019


DOSSIER

STANDPUNKT VON MARKUS MEIER

Zeit für einen Systemwechsel


Der Eigenmietwert setzt falsche Anreize und soll abgeschafft werden. Der
Hauseigentümerverband unterstützt die Reform unter drei Bedingungen.

Der Eigenmietwert ist eine rund hundertjährige den einzelnen Eigentümer, sondern auch für die schwei-
Besonderheit des Schweizer Steuersystems: Wer seine zerische Volkswirtschaft und den Finanzplatz Schweiz als
­Immobilie selber bewohnt, muss einen fiktiven Miet- Ganzes.
wert als Einkommen versteuern. Gleichzeitig kann er Der Hauseigentümerverband (HEV) Schweiz verlangt
damit verbundene Hypothekarschuldzinsen, Unterhalts- seit Langem die Abschaffung des Eigenmietwerts und
kosten sowie Aufwendungen für energetische Sanie- befürwortet grundsätzlich einen konsequenten System-
rungen, Denkmal- und Heimatschutz in Abzug bringen. wechsel. Es ist an der Zeit, diese Problematik anzugehen
Der von der ständerätlichen Kommission für Wirt- und endlich eine Lösung
schaft und Abgaben (WAK-S) in die Vernehmlassung zu finden. Aus Sicht des
geschickte Vorschlag zur Änderung der Wohneigentums­ HEV sind dabei drei For- Wenn ein Ertrag versteu-
besteuerung sieht nun einen Systemwechsel für selbst derungen elementar: Der
genutztes Wohneigentum am Hauptwohnsitz vor. Künf- Eigenmietwert von selbst
ert werden muss, muss
tig soll hierfür kein Eigenmietwert mehr versteuert genutztem Wohneigen- auch der mit d ­ essen
werden. Gleichzeitig sollen aber auch die Abzüge für tum am Hauptwohn- ­ Erzielung verbundene
Unterhaltskosten, Versicherungsprämien und Ver- sitz muss abgeschafft
waltungskosten von Dritten abgeschafft werden. werden. Konsequenter- Aufwand a­ bziehbar sein.
Zudem sollen auf Bundesebene die Abzüge für Energie- weise können in Zukunft
spar- sowie Umweltschutzmassnahmen und Denkmal- auch keine Schuldzinsen und Unterhaltskosten mehr
pflege wegfallen. Die Kantone können diese Abzüge als «Gestehungskosten» abgezogen werden. Dem Ver-
beibehalten. Um selbst genutztes Wohneigentum zu fassungsauftrag der Wohneigentumsförderung kann
fördern, ist ein begrenzter und befristeter Schuldzins- mit einem begrenzten Schuldzinsabzug für Ersterwerber
abzug für Ersterwerber mit einer linearen Abnahme Rechnung getragen werden. Der private Schuldzins-
über zehn Jahre vorgesehen. Zur Abzugsfähigkeit von abzug im Zusammenhang mit weiterhin steuerbaren Ver-
privaten Schuldzinsen stellt die WAK-S fünf Varian- mögenserträgen – beispielsweise aus Zweitwohnungen
ten zur Diskussion. Die Spanne reicht vom Abzug priva- oder Renditeliegenschaften im Privatvermögen – muss
ter Schuldzinsen im Umfang von 100 Prozent der steuer- zudem erhalten bleiben. Der Grund: Wenn ein Ertrag
baren Vermögenserträge (Variante 1) bis zur generellen versteuert werden muss, muss auch der mit dessen
Abschaffung des privaten Schuldzinsabzugs (Variante 5). Erzielung verbundene Aufwand abziehbar sein. Das ist
konsequent und systemkonform. Die Variante 5 im Ver-
Eigenmietwert fördert Verschuldung nehmlassungsvorschlag, welche zukünftig generell keine
privaten Schuldzinsabzüge mehr vorsieht, erfüllt diese
Die heutige Besteuerung von Wohneigentum hat Forderung nicht – der HEV lehnt sie daher ab. Die wei-
einen erheblichen Einfluss auf die stetig steigende Ver- tere Positionierung zum Revisionsvorschlag wird der HEV
schuldung der Schweizer Privathaushalte. Denn die Schweiz prüfen und im Rahmen der Vernehmlassung
Besteuerung des Eigenmietwerts und die Abzugsfähig- eingeben.
keit von privaten Schuldzinsen bieten Anreize zur priva-
ten Verschuldung, und sie bestrafen die Amortisation Markus Meier ist Direktor des Hauseigentümerverbandes
von Hypotheken. Das bedeutet nicht nur ein Risiko für Schweiz

Die Volkswirtschaft  6 / 2019  41
EIGENMIETWERT

STANDPUNKT VON NATALIE IMBODEN

Verschrien, aber notwendig!


Der Eigenmietwert wird schlechtgeredet. Ein Systemwechsel ohne steuerliche
Gleichstellung der Mieterinnen und Mieter hat keine Chance.

In den letzten 20 Jahren wurde die Revision der Wohn- Stichwort Steuerausfälle: Beim heutigen Zins-
eigentumsbesteuerung fünf Mal an der Urne abge- niveau gibt es bei einem Wegfall des Eigenmietwerts
lehnt. Jetzt will der Ständerat den Eigenmietwert erneut auf Bundesebene Ausfälle von gegen 500 Millionen
abschaffen. Gemäss Bundesverfassung müssen Personen Franken; bei den Kantons- und Gemeindesteuern sind
nach ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit besteu- es rund 1,3 Milliarden Franken weniger. Dadurch feh-
ert werden. Wenn eine Person ihr Vermögen also nicht len Einnahmen für die
in ein Haus investieren würde, könnte sie darauf Rendi- Umsetzung der Ver-
ten erzielen, die dann steuerbar wären. Daher müssen fassungsziele in Artikel Der Mieterverband hat
Hauseigentümerinnen und -eigentümer die Einnahmen, 108, welche die «Ver-
die ihre Wohnung bei einer Vermietung an Dritte erzie- billigung des Woh-
sich offen gezeigt für
len würde, als Realnutzen versteuern. So wie auch Kost nungsbaus» und die einen Systemwechsel,
und Logis bei einer Anstellung besteuert werden. Wobei: «Verbilligung der der die Steuergerechtig-
Je nach Kanton werden nur 60 bis 70 Prozent der rea- Wohnkosten» for-
len Marktmiete besteuert. Im Gegenzug können Unter- dern. Doch gerade keit nicht tangiert.
haltskosten, Schuldzinsen und ausserfiskalische Abzüge diese Verbilligung
für Energiesparmassnahmen abgezogen werden. Fällt der Wohnkosten wäre notwendig, wie auch der Miet-
der Eigenmietwert weg, dann müssen auch diese Abzüge preisindex zeigt. Dieser ist zwischen 2005 und 2019
gestrichen werden. Sonst würden Hausbesitzende gross- auf 117,6 Punkte gestiegen, obwohl der Konsumen-
zügige Steuererleichterungen erhalten. In einem solchen tenpreisindex nur auf 103,1 Punkte gestiegen ist. Die
Fall bliebe die Steuergerechtigkeit nur dann gewährleis- Mieten galoppieren der Preisentwicklung davon. Die
tet, wenn auch Mieterinnen und Mieter ihre Miete bei jüngst vom Parlament beratene Volksinitiative «Mehr
den Steuern abziehen könnten. bezahlbare Wohnungen» wird dadurch umso drin-
gender. Denn sie setzt dort an, wo es harzt: nämlich
Bezahlbare Wohnkosten notwendig bei der Verfügbarkeit von Bauland für den gemein-
nützigen Wohnungsbau. Sie fordert, dass jede zehnte
Der Mieterverband (SMV) hat sich offen gezeigt für neue Wohnung von gemeinnützigen Wohnbauträgern
einen vollständigen Systemwechsel, der die Steuerge- gebaut wird. Diese Wohnungen sind dank der Kosten-
rechtigkeit nicht tangiert. Doch davon ist der Vorschlag miete langfristig günstiger.
des Ständerats weit entfernt: Abzüge sind auf kantona- Zurück zum Eigenmietwert: Die ursprüngliche Vor-
ler Ebene auch weiterhin möglich, und die Eigentümer gabe der ständerätlichen Wirtschaftskommission sah
werden dadurch gegenüber Mieterinnen und Mietern vor, dass «im Rahmen der verfassungsrechtlichen Vor-
steuerlich bevorzugt. Zweitens wird als Ausnahme ein gaben keine unzulässigen Disparitäten zwischen Mie-
zeitlich begrenzter Ersterwerberabzug für neue Haus- tern und Wohneigentümern entstehen». Der aktuelle
besitzer eingeführt, um das Wohneigentum zu fördern. Vorschlag verletzt diese Vorgabe jedoch.
Und drittens haben sich die Tourismuskantone durch-
gesetzt, sodass selbst genutzte Zweitliegenschaften
vom Systemwechsel ausgenommen sind. Die Touris- Natalie Imboden ist Generalsekretärin des Schweizerischen
muskantone wollen so hohe Steuerausfälle verhindern. Mieterinnen- und Mieterverbands (SMV)

42  Die Volkswirtschaft  6 / 2019


DOSSIER

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Die Volkswirtschaft  6 / 2019  43
SHUTTERSTOCK
EINBLICK VON DANIEL KALT

Verkehrte Zinswelt – wie lange noch?


Kaum ein Thema beschäftigt Anlegerinnen Rendite­liegenschaften, wodurch die Leer­stände
und Anleger derzeit mehr als die seit Jahren an- vor allem in periphereren Lagen bereits mar-
haltende Ausnahmesituation bei den Zinsen. kant angestiegen sind. Ausserdem bringen die
Und was den Investoren – seien es private oder tiefen Kapitalmarktzinsen unsere Vorsorge-
institutionelle – Sorgen bereitet, beschäftigt werke in Schwierigkeiten. Viele Pensionskas-
auch mich als Chefökonom einer Grossbank. sen können die Renditen, die zur Finanzierung
Denn schliesslich interessieren sich Anleger zu der Renten nötig sind, nicht mehr erzielen.
Recht dafür, wie lange die Phase negativer Zin-
sen noch anhält und was sinnvolle Alternati- Negativzinsen als Belastung
ven zu festverzinslichen Anlagen sein könnten. Die Abwägung von Nutzen und Kosten der
Gut vier Jahre ist es her, dass die Schweize- ­Negativzinsen scheint sich zunehmend zu­
rische Nationalbank (SNB) im Januar 2015 in ungunsten dieses Instrumentariums zu nei-
einem überraschenden Schritt die Untergrenze gen. Unglücklicherweise verpasste die EZB
von 1.20 zum Euro freigab und fortan mit Nega- vor gut einem Jahr, als auch in Europa die
tivzinsen und opportunistischen Interventionen Konjunktur auf Hochtouren lief, das damals
gegen die Frankenstärke ankämpfte. Damals war offene Zeitfenster für den Start zu behut-
die Hoffnung gross, man müsse diese unortho- samen Zinserhöhungen. Weil seit Ende des
doxen geldpolitischen Massnahmen nur kurz- letzten Jahres die Sorgen um die Verfassung
fristig einsetzen und würde schon bald wieder der Weltwirtschaft wieder zugenommen ha-
davon wegkommen. Vier Jahre später weicht die ben, scheut die SNB im aktuellen Umfeld ver-
Hoffnung der bösen Ahnung, dass wir womög- ständlicherweise das Risiko, die Zinsen vor
lich für lange Zeit mit negativen Zinsen leben der EZB aus dem negativen Bereich zu hieven.
müssen. Weil die Europäische Zentralbank (EZB) Denn der Franken könnte dadurch heftig auf-
die Zinsen im besten Fall im ersten Quartal des werten. Im ungünstigsten Fall einer baldigen
nächsten Jahres ein erstes Mal anheben wird globalen Rezession drohen in Europa japani-
und die SNB wohl kaum vor der EZB einen Zins- sche Verhältnisse mit Zinsen bei null oder gar
schritt vornehmen kann, dürfte es Ende 2020 darunter auf weitere, lange Jahre hinaus.
werden, bis die Leitzinsen schon nur die Null- Insofern müssen sich auf Rendite und
linie erreichen. Um die Zinsen in der Schweiz Sicher­heit fokussierte Anleger auf schwierige
nachhaltig zu normalisieren, müsste daher Zeiten einstellen. Aufzuzeigen, wie mit alterna-
der heute bereits zehn Jahre anhaltende Wirt- tiven Anlageklassen wie beispielsweise Priva-
schaftsaufschwung nochmals mindestens drei te Equity und intelligent strukturierten Anla-
Jahre fortbestehen. Ob dies gelingt, ist angesichts gelösungen dennoch vernünftige Renditen bei
der geopolitischen Risiken zumindest fraglich. überschaubaren Risiken zu erzielen sind, bleibt
Derweil nehmen die Kosten der Negativ­ somit ein bedeutender Teil meiner Aufgaben.
zinsen laufend zu. Sie führen beispielsweise
im Immobilienmarkt zu einer Fehlallokation
von Kapital. So erstellen Investoren weiterhin Daniel Kalt ist Chefökonom der UBS Schweiz, Zürich.

Die Volkswirtschaft  6 / 2019  45
STUDIE

Staatsverschuldung beeinflusst Wachstum


und Zinsen nicht
Die Theorie, dass hohe Schulden der öffentlichen Hand das Wachstum beeinträchtigen
oder höhere Zinsen zur Folge haben, trifft für die Schweiz nicht zu. Das zeigt eine neue
­Studie. Guillaume Guex, Sébastien Guex

Abstract  In den letzten Jahrzehnten wurden zahlreiche Studien über den Zusammen- desschulden an der Gesamtverschuldung
hang zwischen Staatsverschuldung, Wirtschaftswachstum und Zinsniveau veröffent- im Laufe der Zeit stark schwankt: 1910 be-
licht. Doch die Schweiz erscheint in diesen Studien mehrheitlich nicht, oder sie ist nur trugen die Bundesschulden noch 8,8 Pro-
unbefriedigend berücksichtigt – vor allem wegen fehlender Daten. Verlässliche Zah- zent, 1925 stiegen sie auf 40,5 Prozent und
len zur Gesamtverschuldung der öffentlichen Hand waren hierzulande bislang nur für 1950 bereits auf 61,5 Prozent. 1975 betru-
einen kurzen, nicht weit zurückliegenden Zeitraum verfügbar. Nun hat ein Artikel aus gen sie dann nur noch 27,3 Prozent, ehe sie
dem Jahr 2018 diesen Mangel behoben und hat eine Zeitreihe zur Staatsverschuldung in 2000 wieder auf 49,8 Prozent anstiegen.
der Schweiz von 1894 bis 2014 vorgelegt. Die Annahme, dass eine starke Verschuldung Die Verschuldung von Bund, Kantonen und
der öffentlichen Hand das Wachstum mindert und zu höheren Zinsen führt, trifft in der Gemeinden entwickelt sich somit weder im
Schweiz nicht zu. gleichen Rhythmus noch in die gleiche Rich-
tung (siehe Abbildung). Daher führt jede Stu-
die zur Schweiz, die ausschliesslich die Bun-

Z  um Zusammenhang zwischen Ver-


schuldung, Wachstum und Zinsniveau
in einem Land gibt es bereits viele Studien.
Schweiz müssen zur Verschuldung des Bun-
des auch die Schulden der zahlreichen Kan-
tone und Gemeinden hinzuaddiert werden.
desschulden berücksichtigt, zwangsläufig
zu stark verzerrten Schlussfolgerungen.

Noch intensiver behandelt wurde das Thema Doch in fast allen Studien, die sich mit der Die Theorie auf dem Prüfstand
insbesondere, nachdem die US-Wirtschafts- Schweiz befassen, werden nur die Schulden
wissenschaftler Carmen Reinhart und Ken- des Bundes berücksichtigt. Damit wird ein Dank der Zeitreihe können zwei Annahmen
neth Rogoff 2010 ihren bekannten Artikel wesentlicher Teil der öffentlichen Verschul- der vorherrschenden Wirtschaftstheorie
«Growth in a Time of Debt»1 veröffentlicht dung vernachlässigt, wodurch die Ergebnisse überprüft werden. Die erste Hypothese be-
hatten. Die Autoren plädierten darin für eine wenig aussagekräftig sind. sagt, dass sich die Staatsverschuldung negativ
drastische Senkung der Staatsschuldenquo- auf das Wirtschaftswachstum auswirkt. Laut
te, um das Wachstum anzukurbeln. Der Ar- Neue Zeitreihe zur Verschuldung der zweiten Hypothese hat eine Staatsver-
tikel hatte beträchtliche Auswirkungen und schuldung langfristig höhere Zinsen zur Folge.
führte dazu, dass weltweit verschiedene
der Schweiz Die erste dieser Hypothesen wird in der
staatliche Sparprogramme aufgegleist wur- Ein Artikel3, der letztes Jahr in der «Schweizeri- Regel überprüft, indem die Korrelation zwi-
den. Doch zahlreiche Nachfolgestudien ha- schen Zeitschrift für Volkswirtschaft und Sta- schen der Verschuldungsquote und der
ben die Schlussfolgerungen der Autoren be- tistik» veröffentlicht wurde, dürfte helfen, die- Wachstumsrate des Bruttoinlandprodukts
reits wieder relativiert. sen statistischen Mangel zu beheben. Denn er (BIP) eruiert wird. Die Verschuldungsquote
Die Schweiz mit ihrer hohen politischen enthält eine Zeitreihe zur Staatsverschuldung misst das Verhältnis zwischen dem gesamt-
Stabilität hätte grundsätzlich als gute Fallstu- in der Schweiz. Diese Zeitreihe hat drei Vortei- staatlichen Bruttoschuldenstand und dem
die dienen können, um die Auswirkungen der le: Erstens umfasst sie einen langen Zeitraum BIP. Der zeitliche Abstand zwischen diesen
Staatsverschuldung zu analysieren. Doch es von 1894 bis 2014. Zweitens umfasst sie in beiden Zeitreihen zeigt ausserdem, in welche
gibt nur wenige Studien zur Schweiz, und die grossem Umfang auch die sogenannte interne Richtung ein Kausalzusammenhang besteht.
sind oftmals mangelhaft. Bislang ist nur eine Verschuldung, d. h. die Verwaltungsschulden Die zweite Hypothese testet man, indem
empirische Studie verfügbar, die sich speziell von Bund, Kantonen und Gemeinden bei Ins- der gesamtstaatliche Bruttoschuldenstand
mit der Schweiz befasst, aber auch sie be- titutionen wie der Post, bei den Pensionskas- mit der durchschnittlichen jährlichen Ren-
zieht sich nur auf einen kurzen Zeitraum.2 Die- sen der Staatsangestellten und bei den Son- dite von Obligationen des Bundes oder der
se unbefriedigende Ausgangslage ist zu einem derfonds. Und drittens lässt sich mit der Ag- Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) ver-
­
grossen Teil auf ein typisch schweizerisches gregation der Schulden auf den Ebenen Bund, glichen wird. Die Obligationen der SBB gel-
Problem zurückzuführen. Denn hierzulande Kantone und Gemeinden die gesamte Brutto- ten üblicherweise als bester Indikator für die
ist es besonders schwierig, die Gesamtver- verschuldung der öffentlichen Gemeinwesen langfristigen Zinssätze in der Schweiz.
schuldung der öffentlichen Hand zu berech- in der Schweiz abschätzen. Die beiden Hypothesen wurden mit drei
nen: Wegen der föderalistischen Struktur der Hinsichtlich der Bruttoverschuldung statistischen Methoden überprüft (sie-
zeigt die Zeitreihe, dass der Anteil der Bun- he Tabelle), in aufsteigender Reihenfol-
1 Reinhart und Rogoff (2010).
ge der Komplexität und der Aussagekraft.
2 Schwab (1996). 3 Siehe Guex und Guex (2018). Zunächst untersuchten die Autoren die

46  Die Volkswirtschaft  6 / 2019


STUDIE

­orrelationskoeffizienten zwischen der Ver-


K
Bruttoschulden von Bund, Kantonen und Gemeinden in der Schweiz,
schuldungsquote und der Wachstumsrate so-
in Milliarden Franken (1894–2014)
wie zwischen der Verschuldungsquote und
den Zinssätzen. Dabei wurden die Zeitrei- 125    Milliarden Franken

hen unter sich über ein Zeitfenster von unge-


fähr fünf Jahren verschoben. Eine solche Me- 100
thode kann sicherlich kritisiert werden. Denn
das BIP wird für die Berechnung der Verschul-

GUEX UND GUEX (2018) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


75
dungsquote und der Wachstumsrate verwen-
det, sodass die Korrelationen möglicherweise 50
künstlich erhöht wurden. Doch diese Metho-
de ist nach wie vor sehr verbreitet und eignet 25
sich deshalb für den Vergleich mit anderen
Forschungsstudien zu diesem Thema.
0
Mit dem zweiten Ansatz wird diese Ver- 2000
1900 1920 1940 1960 1980
zerrung beseitigt: Die Residualwerte der
verschiedenen Variablen werden vergli-   Bundesschulden       Kantonsschulden       Gemeindeschulden
chen, nachdem alle Informationen bereinigt Die einzelnen Werte entsprechen jeweils der gesamten Bruttoverschuldung des Bundes, der Kantone und
sind, die sich mit univariaten Arima-Model- der Gemeinden, einschliesslich der internen Verschuldung. Doppelerfassungen wurden bis 1989 nicht
len erklären lassen (autoregressive gleiten- abgezogen. Die Werte wurden zu konstanten Preisen von 1990 berechnet.
de Durchschnittsmodelle). Bei dieser Metho-
de vergleicht man also die Abweichungen von
den Tendenzen, die zwischen der Verschul- Die Zusammenhänge zwischen öffentlicher Verschuldung, BIP und langfristigem
dung, dem BIP und den Zinsen bestehen. Ein Zinssatz
Beispiel: Will man etwa überprüfen, ob sich Zeitabstand Methode 1: Korrela- Methode 2: Korrela- Methode 1: Korrela- Methode 2: Korrela-
die Verschuldung negativ auf das BIP aus- (in Jahren) tion zwischen Ver- tion zwischen tion zwischen tion zwischen
wirkt, wird mit diesem Ansatz untersucht, schuldung und BIP ­Residualwerten der ­Verschuldung und ­Residualwerten der
(Hypothese 1) Verschuldung und Zinssatz (Hypo- Verschuldung und
ob ein Anstieg der Verschuldung über dem
Residualwerten des these 2) Residualwerten
üblichen Niveau im Durchschnitt zu einem BIP (Hypothese 1) des Zinssatzes
BIP-Wachstum führt, das unter den Progno- (Hypothese 2)
sen liegt.4 –5 –0,112 0,056 0,025 0,064
Die dritte Methode beruht auf dem Kau-
–4 –0,129 0,015 –0,003 0,027
salitätsbegriff des britischen Ökonomen
­Clive Granger.5 Sie ist für diese Art von Stu- –3 –0,118 –0,012 –0,028 –0,016
die der relevanteste Ansatz. Dabei werden li- –2 –0,105 0,125 –0,050 0,252*
neare autoregressive Modelle entwickelt mit
–1 –0,084 –0,461* –0,092 0,106
dem Ziel, den Wert einer Variable in einem
bestimmten Jahr mit den eigenen Vergangen- 0 –0,006 0,039 –0,146 –0,121
heitswerten und mit den Vergangenheits- 1 0,145 0,031 –0,203* –0,142
werten einer anderen Variable zu «erklären». 2 0,131 0,021 –0,241* –0,011
Mit der Granger-Kausalität misst man also,
3 0,123 0,050 –0,271* –0,108
wie relevant die Existenz einer zweiten Va-
riable im Modell ist. Mit dieser Methode wird 4 0,116 –0,077 –0,303* 0,100
beispielsweise untersucht, ob das BIP aus- 5 0,153 –0,097 –0,338* 0,041
schliesslich mit seinen früheren Werten «er- Methode 3: Kausalität Verschuldung → Methode 3: Kausalität Verschuldung →
GUEX UND GUEX (2018)

klärt» werden kann oder ob die Prognosen BIP (Hypothese 1): 1,031 Zinssatz (Hypothese 2): 1.194
zuverlässiger werden, wenn man zusätzlich
Methode 3: Kausalität BIP → Methode 3: Kausalität Zinssatz →
Vergangenheitswerte der Staatsverschul- Verschuldung (Hypothese 1): 16,241* Verschuldung (Hypothese 2): 3,928*
dung hinzufügt.
Der Zeitabstand zeigt die Dauer zwischen dem Erhebungszeitpunkt des BIP oder des Zinssatzes und dem
Zeitpunkt der Verschuldung.
Wachstum beeinflusst
* Signifikante Ergebnisse (5-Prozent-Signifikanzniveau)
­Verschuldung
Was die erste Hypothese – den Zusammen-
hang zwischen Staatsverschuldung und ­ nalysen zu ähnlichen Schlussfolgerungen:
A Rückgang der Verschuldung. Umgekehrt hat
BIP – betrifft, führen die Ergebnisse aller drei Das BIP wirkt sich auf die Verschuldung aus eine Abnahme des BIP tendenziell einen An-
und nicht umgekehrt. Zudem besteht zwi- stieg der Verschuldung zur Folge.
4 Bei dieser und der nächsten Methode werden die schen den beiden Variablen ein negativer Die Ergebnisse zur zweiten Hypothese
­Logarithmen der Verschuldung und des BIP untersucht.
Damit lassen sich ihre Tendenzen linearisieren.
Zusammenhang. Mit anderen Worten: Ein sind hingegen nicht schlüssig. Besteht ein
5 Granger (1969). Anstieg des BIP führt tendenziell zu einem Zusammenhang zwischen der öffentlichen

Die Volkswirtschaft  6 / 2019  47
STUDIE

KEYSTONE
Ein Kunstwerk in der Athener Börse: Der Zusammen­
hang zwischen Staatsverschuldung, W ­ achstum und
Zinsen ist nicht immer ganz klar. Doppelter Beitrag gebnis sollte uns veranlassen, die in der Wirt-
schaftstheorie vorherrschende Auffassung,
Der Artikel in der «Schweizerischen Zeit- dass eine Sparpolitik der Verschuldung vor-
Verschuldung und dem langfristigen Zins- schrift für Volkswirtschaft und Statistik» leis- zuziehen ist, infrage zu stellen. In verschiede-
satz? Die mit der ersten Methode durchge- tet zwei wesentliche Beiträge: Erstens legt er nen Ländern hat diese Auffassung zur Einfüh-
führte Analyse zeigt zwar eine starke Korre- eine neue Zeitreihe zur öffentlichen Verschul- rung einer Schuldenbremse geführt.
lation, aber der Zusammenhang ist negativ. dung in der Schweiz vor, die viel zuverlässiger
Das heisst: Eine hohe Verschuldungsquote ist als die bisherigen Zeitreihen und einen lan- Guillaume Guex
hat tendenziell tiefere Zinsen zur Folge. Die- gen Zeitraum von 1894 bis 2014 abdeckt. Spezialist für Informationsmethoden und
ser Zusammenhang steht im Widerspruch zur Zweitens verdeutlicht er, dass angesichts -systeme, Statistique Vaud, Kanton Waadt,
Lausanne
Hypothese. Auch die Analysen mit den ande- der sozioökonomischen und politischen Aus-
ren beiden Methoden widersprechen der vor- wirkungen der Thematik mit höchster me-
Sébastien Guex
herrschenden Theorie: Gemäss ihnen beein- thodischer Stringenz vorgegangen werden Professor für Zeitgeschichte an der
flusst das Zinsniveau tendenziell die Höhe der muss: und zwar in Bezug auf die Länge des ­Universität Lausanne
Staatsverschuldung – und nicht umgekehrt. gewählten Zeitraums, den Umfang der be-
Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die rücksichtigten Verschuldung sowie die Viel-
Zusammenhänge zwischen Staatsverschul- falt und die Robustheit der verwendeten sta- Schweizerische
aus der «Schweizerischen Zeit-
Gesellschaft
Aktuelle wissenschaftliche Studien

dung und Zinsniveau komplex sind und dass tistischen Tests. Ausserdem zeigt der Artikel, Société suisse und
schrift für Volkswirtschaft d’économie
Sta-
tistik» mit einem starken Bezug zur
et
alle übermässig vereinfachten Hypothesen dass sich die Staatsverschuldung nicht nega-
zu diesem Thema mit Vorsicht zu geniessen tiv auf das Wirtschaftswachstum auswirkt – Società svizzera di economia
schweizerischen Wirtschaftspoli-
tik erscheinen in einer Kurzfassung
sind. zumindest in der Schweiz nicht. Dieses Er- Swiss Society of Economics a
in der «Volkswirtschaft».

Literatur
Granger C. W. J. (1969). Investigating Cau- Guex G. und Guex S. (2018). Debt, Econo- Reinhart C. M. und Rogoff K. S. (2010). Schwab B. (1996). Ökonomische Aspekte
sal Relations by Econometric Models and mic Growth and Interest Rates. An Empi- Growth in a Time of Debt, in: American der Staatsdefizite und Staatsverschul-
Cross-spectral Methods, in: Econome- rical Study of the Swiss Case, Presenting Economic Review, 100(2): 573–578. dung in der Schweiz. Bern: Haupt.
trica: Journal of the Econometric Society, a New Long-term Dataset: 1894–2014, in:
37(3): 424–438. Swiss Journal of Economics and Statis-
tics, Band 154, Nr. 16:1-13.

48  Die Volkswirtschaft  6 / 2019


KLEINBANKEN

Vorbildliche Kleinbanken sollen


belohnt werden
Die Finma will Kleinbanken, die deutlich überdurchschnittlich kapitalisiert sind und eine hohe
Liquidität aufweisen, im Gegenzug von administrativen Pflichten befreien.  Martin Bösiger

Abstract    Die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht (Finma) verfolgt mit dem Klein- wenn ein Verfahren gegen ein Institut wegen
bankenregime das Ziel, die Effizienz der Regulierung und der Aufsicht für kleine, be- möglicher Geldwäschereiverfehlungen läuft.
sonders solide Institute weiter zu erhöhen. Diese ist bereits heute proportional aus- Ein Ausschluss kann auch bei hohen Zins­
gestaltet: Kleine Banken werden weniger reguliert als grosse Institute. Kleinbanken änderungsrisiken angezeigt sein, weil solche
sollen nun von bestimmten aufsichtsrechtlichen Vorgaben weiter entlastet werden, nicht durch die Minimumkapitalvorschriften
ohne dass ihre Stabilität und ihre Sicherheit gefährdet werden. Teilnehmende ­Institute des Basler Rahmenwerks abgedeckt sind.
müssen dafür deutlich überdurchschnittlich kapitalisiert und mit hoher L­ iquidität aus-
gestattet sein. Dafür erhalten sie ein Regulierungsregime mit einer stark reduzierten Institute sparen dank
Komplexität.
­administrativen Erleichterungen
Der im Juli 2018 gestartete Pilotbetrieb für

I  n der Schweiz gibt es zurzeit rund 300


Banken und Effektenhändler. Davon sind
rund 85 Prozent Klein- und Kleinstbanken in
te Arbeitsgruppe aus Vertretern von Banken
und Effektenhändlern mehrmals mit Vertre-
tern der Finma sowie des Eidgenössischen
das Kleinbankenregime erfreut sich grossen
Interesses: 68 Institute der Aufsichtskatego-
rien 4 und 5 nehmen daran teil. Die Rückmel-
den Aufsichtskategorien 4 und 5. Ihre Bilanz- Finanz­
departements und der Schweizeri- dungen zum Pilotbetrieb und zu den geplan-
summe beträgt höchstens 15 Milliarden Fran- schen Nationalbank getroffen. Im Juli 2018 ten Erleichterungen fallen weitgehend posi-
ken, und sie verwalten Vermögen von maxi- hat dann der Pilotbetrieb des Kleinbanken­ tiv aus. Die Pilotinstitute profitieren bereits
mal 20 Milliarden Franken.1 Die Bilanzsumme regimes begonnen. von verschiedenen administrativen Befreiun-
aller dieser Kleinbanken zusammen macht je- gen und Erleichterungen. Dazu gehört, dass
doch nur knapp 10 Prozent der gesamten Bi- Eigenkapitalquote von 8 die Finma die aufsichtsrechtlichen Basisprü-
lanzsumme aller Banken und Effektenhändler fungen für die Jahre 2018 und 2019 verein-
in der Schweiz aus. Wie soll die Eidgenös-
statt 3 Prozent facht hat. Die aufsichtsrechtlichen Prüfge-
sische Finanzmarktaufsicht (Finma) diese Ein wichtiges Ergebnis des Dialogs war die ge- sellschaften, die diese Prüfungen bei den In-
Klein- und Kleinstbanken regulieren und be- meinsame Erarbeitung von verbindlichen Kri- stituten ausführen, müssen namentlich keine
aufsichtigen? terien für die Teilnahme am Pilot des Kleinban- Prüfungen bei den Eigenmittelanforderun-
Die Finma möchte die Regulierung und kenregimes sowie der effektiven Befreiungen gen durchführen. Weiter müssen die Institute
die Aufsicht dieser Kleinbanken noch effizi- und Erleichterungen. So konnte als erstes und der Schweizerischen Nationalbank kein vier-
enter machen. Konkret: Die Stabilität des Fi- einfach zu berechnendes Teilnahmekriterium teljährliches Reporting zur sogenannten Fi-
nanzsystems soll erhalten bleiben bei gleich- eine ungewichtete Eigenkapitalquote – die nanzierungsquote (Net Stable Funding Ratio)
zeitig weniger administrativem Aufwand für sogenannte Leverage Ratio – von mindestens mehr einreichen. Ausserdem waren die Pilot­
die Kleinbanken. Im Oktober 2017 hat die Fin- 8 Prozent festgelegt werden. Die sonst übli- teilnehmer für das Jahr 2018 mit Ausnahme
ma anlässlich eines Kleinbankensymposiums chen Minimalanforderungen gemäss der inter- weniger Schlüsselkennzahlen von weiteren
erstmals Überlegungen dazu präsentiert. nationalen Basel-III-Regulierung liegen bei Offenlegungsvorschriften befreit. Alle die-
Seither führte sie einen konstruktiven und 3 Prozent. Mit der deutlich höheren Kapitalan- se Erleichterungen sollen auch im definitiven
intensiven Dialog mit zahlreichen Branchen- forderung wird sichergestellt, dass die teilneh- Kleinbankenregime bestehen bleiben.
vertretern. So ist im Nachgang zum Kleinban- menden Institute solide kapitalisiert sind und Zusätzlich ist geplant, dass die Institute
kensymposium das Expertenpanel «Klein- über erhebliche Kapitalpuffer verfügen. auch von quantitativen Erleichterungen pro-
banken» ins Leben gerufen worden, das Als zweites Kriterium müssen die Institu- fitieren können: So sollen sie keine risikoge-
mehrmals pro Jahr tagt. Dieses Panel besteht te eine höhere Liquidität als üblich vorwei- wichteten Aktiven mehr berechnen, die Re-
aus insgesamt zehn Entscheidungsträgern sen: nämlich eine kurzfristige Liquiditäts- gulierung zur Finanzierungsquote nicht an-
von Kleinbanken, der Schweizerischen Ban- quote (Liquidity Coverage Ratio) von mindes- wenden und nur eine vereinfachte Leverage
kiervereinigung sowie der Finma. Im ersten tens 120 Prozent im Durchschnitt der letzten Ratio einhalten und ausweisen müssen. Ohne
Quartal 2018 sind anschliessend die Arbei- zwölf Monate. Ausserdem muss der Refinan- Berechnung der risikogewichteten Aktiven
ten zur konkreten Umsetzung des Kleinban- zierungsgrad immer über 100 Prozent liegen. müssen künftig auch keine Regulierungs-
kenregimes gestartet worden. Dazu hat sich Drittens kann die Finma Institute von der Teil- anpassungen in diesem Bereich mehr um-
eine von der Bankiervereinigung gebilde- nahme am Kleinbankenregime ausschlies- gesetzt werden. So sparen die Institute län-
sen, wenn besonders hohe Verhaltensrisi- gerfristig Kosten – beispielsweise für Soft-
1 Die privilegierten Einlagen betragen maximal
0,5 Milliarden und die Mindesteigenmittel maximal
ken – sogenannte Conduct Risks – vorliegen. ware und Systeme – und steigern ihre interne
0,25 Milliarden Franken. Dies kann zum Beispiel dann notwendig sein, ­Effizienz.

Die Volkswirtschaft  6 / 2019  49
KLEINBANKEN

KEYSTONE
Zuckerbrot statt Peitsche: Mark Branson, Direktor
der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht, will
sich gut kapitalisierten Kleinbanken gegenüber mittelverordnung des Bundesrates ange- Finma neuerdings, dass die Prüfungen we-
erkenntlich zeigen. passt werden. Die Federführung für die niger flächendeckend, dafür risikoorientier-
entsprechenden Regulierungsarbeiten liegt ter durchgeführt werden und sich stärker
Weitere qualitative Erleichterungen sind beim Eidgenössischen Finanzdepartement, auf die Ergebnisse der internen Revision ab-
vorgesehen. So hat die Finma im Dialog mit das zu dieser Revision eine Vernehmlas- stützen können. Dies sollte zu einer höhe-
den Branchenvertretern auch Vorschläge er- sung bis zum 12. Juli 2019 durchführt. Auch ren Aussagekraft der Prüfungen und gleich-
arbeitet, wie sie die Anwendung der Regeln die Finma muss für die erwähnten qualita- zeitig zu tieferen Kosten im grundsätzlich
zum Outsourcing, zu den operationellen Risi- tiven Erleichterungen einige ihrer Rund- bewährten Schweizer System des aufsichts-
ken und zur Corporate Governance erleichtern schreiben anpassen. Mit ihren Rundschrei- rechtlichen Prüfwesens führen.
möchte. Denn die Arbeitsgruppe schätzt, dass ben führt die Finma aus, wie sie die Finanz-
sich gerade in diesem Bereich mittels differen- marktgesetzgebung in der Aufsichtspraxis
zierter Anforderungen nochmals Aufwand re- anwendet. Dazu läuft ebenfalls eine öffent-
duzieren lässt. Zudem sollen in den Risikover- liche Anhörung der Interessierten. Die revi-
teilungsvorschriften einfachere Berechnungs- dierte Eigenmittelverordnung und die an-
methoden erlaubt sein und die von der Finma gepassten Finma-Rundschreiben sollen am
vorgegebenen aufsichtsrechtlichen Prüfpunk- 1. Januar 2020 in Kraft treten. Der Pilotbe-
te auf mögliche Vereinfachungen hin analy- trieb wird bis Ende 2019 weitergeführt, um
siert und revidiert werden. einen nahtlosen Übergang zum permanen-
ten Kleinbankenregime zu ermöglichen.
Definitives Kleinbankenregime Parallel zum Aufbau des Kleinbanken- Martin Bösiger
regimes überarbeitete die Finma das auf- Projektleiter Kleinbankenregime und L­ eiter
per 2020 sichtsrechtliche Prüfwesen. Ziel ist, diese der Aufsicht über inländische system­
Damit das Kleinbankenregime dauerhaft re- Prüfung noch stärker auf wesentliche As- relevante Banken, Eidgenössische Finanz-
marktaufsicht (Finma), Bern
gulatorisch verankert ist, muss die Eigen­ pekte zu fokussieren: So ermöglicht es die

50  Die Volkswirtschaft  6 / 2019


CHINA-SCHWEIZ

Schweizer Stärken sind bei Chinas


­Unternehmern kaum bekannt
Uhren und Banken – das kommt den meisten chinesischen Führungskräften beim Stichwort
Schweiz in den Sinn. Die viel gerühmte Innovationskraft bringt die Mehrheit nicht mit der
Schweiz in Verbindung. Muss die Schweiz ihre Wettbewerbsvorteile besser kommunizieren? 
Juan Wu, Martin Schnauss

Abstract  Wie werden die Vorteile im internationalen Wettbewerb der Schweiz von die  «The Awareness of Chinese Executives
chinesischen Geschäftsleuten wahrgenommen? Welches sind deren Vorurteile über about Switzerland as Business Location» aus
die Schweiz? Eine Umfrage über das populärste chinesische Social-Networking-Tool dem Jahr 2018 relativiert diese Aussage des
Wechat bei 818 chinesischen Führungskräften und Firmeneigentürmern bringt Ant- «Economist». Die Studie besteht aus einer
worten. Die Umfrage zeigt, dass viele chinesische Geschäftsleute unklare Vorstellun- Umfrage und Stichprobeinterviews. 818 chi-
gen hinsichtlich der Positionierung der Schweiz im internationalen Wettbewerb ha- nesische Führungskräfte aus 24 Industrie-
ben, und auch, dass sie die Rolle der Schweiz in der globalen Weltschöpfungskette nur sektoren2 haben die Umfrage vollständig
ungenügend kennen. Dieses Resultat wurde zusätzlich durch nachgelagerte Inter- ausgefüllt. Per Zufallsprinzip haben wir 20
views hinterfragt und erhärtet. von diesen 818 Befragten für die Folgeinter-
views ausgewählt. Durch die Studie haben
2 Unter anderen: Informationstechnologie & Kommu-

B  erichte über chinesische Investitio-


nen schaffen es häufig in die Schwei-
zer Medien. Doch ist die Schweiz wirklich
Umfrage bei 110 international tätigen chi-
nesischen Unternehmen ist kein anderes
Land in Europa für chinesische Investitio-
nikation, Medien, Internet, Finanzen, Maschinenbau,
Elektronik, Robotertechnologie, Chemie & Pharmazie,
neue Energien, Logistik, Nahrungsmittel- und Konsum-
industrie.
ein attraktiver Investitionsort für Chinesen? nen attraktiver als die Schweiz.1 Unsere Stu-
Die Antwort des britischen Wirtschaftsma- Schweizer Unternehmen mit langer Tradition und
gazins «The Economist» ist: ja. Laut dessen 1 Siehe «Economist» (2018). bekannter Marke gelten aus chinesischer Sicht als
wertvoll.

KEYSTONE

Die Volkswirtschaft  6 / 2019  51
CHINA-SCHWEIZ

wir untersucht, wie chinesische Unterneh- Das Klischee bestätigt sich: Die Schweiz (56%), das Bankensystem (48%) und die prä-
mer die Schweiz wahrnehmen, was sie über ist das Land der Uhren. 67 Prozent der Befrag- zise Schweizer Industrieproduktion (46%)
die Schweizer Wettbewerbsvorteile und ten bringen das Image der Schweiz mit Uhren kommen den chinesischen Führungskräften
-nachteile wissen, wie sie sich darüber in- in Verbindung. Laut unseren Folgeinterviews bei der Frage nach dem Image der Schweiz
formieren und was die Hindernisse und Vor- hängt das gute Image der Uhrenindustrie in den Sinn. Obwohl das Bankgeheimnis für
teile von Investitionen in der Schweiz sind. nach Meinung der Befragten ausserdem mit ausländische Bürger bereits seit 2014 abge-
Die Folgeinterviews helfen uns, zu erfahren, der Schweizer Präzision zusammen. Auch die schafft ist. Die Innovationskraft, welche die
warum die Befragten bestimmte Antworten Umwelt (64%), die politische Stabilität und Schweiz als wichtigsten Wettbewerbsvorteil
gewählt haben. Neutralität (63%) sowie das Bankgeheimnis vermarktet, verbinden nur 18 Prozent der Be-
fragten tatsächlich mit der Schweiz. Auch das
effiziente Schweizer Steuersystem ist nur we-
Abb. 1: Schweizer Wettbewerbsvorteile aus Sicht chinesischer Führungskräfte nigen bekannt (13%).
Neutralität und Stabilität

Effizentes Bank- und Finanzsystem


Schweizer Pharma nur
Zahlreiche Firmen mit bekannten
wenig bekannt
Marken und langen Traditionen
Hochqualifizierte Arbeitskräfte mit
Die Antworten auf die Frage nach den be-
sehr guten Sprachkenntnissen kannten Schweizer Branchen bestätigen die-
Zentrale Lage in Europa ses Ergebnis: 79 Prozent der Befragten nen-
nen die Schweizer Uhrenindustrie, 46 Pro-
High-Tech
zent die Präzisionsinstrumentenbranche. Nur
Freier Güter- und Kapitalmarkt selten genannt werden andere weltweit füh-
Innovationskraft rende Branchen der Schweiz wie die Medi-

UNIVERSITÄT FREIBURG / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


Chinesisch-Schweizerisches zintechnik (8%), die Pharmazie und Chemie
­Freihandelsabkommen (12%) sowie der Maschinenbau (3%).
Exzellentes duales Bildungssystem Die Mehrheit der chinesischen Unterneh-
Exzellente Infrastruktur mer (59%) ist der Meinung, dass die Schweiz
Tiefe Steuern, Effizientes
über das effektivste Bankensystem verfügt.
­Steuersystem Dieses geniesst in China einen sehr guten
Anderes Ruf – einen deutlich besseren als die Ban-
0 10 20 30 40 50 60 70 80 kensysteme der USA (29%) und von Singa-
Anteil Unternehmer, die den jeweiligen Wettbewerbsvorteil genannt haben, in %. pur (9%). Bei den anschliessenden Interviews
stellte sich jedoch heraus, dass die Befragten
Umfrage bei 818 chinesischen Führungskräften in 24 Branchen, Juli 2018.
insbesondere das Schweizer Private Banking
meinten.
Abb. 2: Schweizer Wettbewerbsnachteile aus Sicht chinesischer Führungskräfte
Die neutrale Position der Schweiz in der
Schweizer Markt ist zu klein Weltpolitik, ihre politische Stabilität sowie
ihr Finanz- und Bankensystem sind bei den
Kulturunterschiede zu gross
chinesischen Unternehmern und Managern
Zu wenige Chinesen in der Schweiz mit hoch angesehen (siehe Abbildung 1). Zudem
entsprechenden Kultur- und Sprach-
kenntnissen werden auch Unternehmen mit langer Tradi-
Lebenskosten sind sehr hoch tion und bekannter Marke geschätzt und als
Schwierig, Investmentinformationen wertvoll erachtet. Hier zeigte sich erneut, wie
über die Schweiz zu erhalten
wichtig die Reputation der Schweiz ist. Denn
Zu wenige Kooperationsprojekte oftmals wurde ein Zusammenhang zu den
mit China
traditionsreichen Schweizer Uhren herge-
Komplizierte und unflexible Projekt-
antrags- und Bewilligungsprozesse stellt, die beliebte und bekannte Luxusartikel
Kontrolle und Regulierungen sind für chinesische Konsumenten sind.
streng
Andere Wettbewerbsvorteile der Schweiz
Aufwendige Finanzierung von wie die Hochtechnologie, die freie Markt-
UNIVERSITÄT FREIBURG / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

­Investitionsprojekten in der Schweiz


Mangel an Unterstützung durch die
wirtschaft, die Innovationskraft, das aus-
Schweizer Regierung gezeichnete Bildungssystem, die erstklas-
Zu wenig international konkurrenz- sige Infrastruktur und das flexible Steuer-
fähige Industrien
system zeigten wiederum enttäuschende
Schwierig, Unterstützung durch die
Schweizer Banken zu erhalten Ergebnisse. Überraschend war, dass nur 14
Prozent der Teilnehmer das schweizerisch-­
Anderes
chinesische Freihandelsabkommen als einen
0 10 20 30 40 50 60 70 80 Investitionsvorteil betrachteten. Überra-
Anteil Unternehmer, die den jeweiligen Wettbewerbsnachteil genannt haben, in %.
schend ist dies insbesondere auch des-
Umfrage bei 818 chinesischen Führungskräften in 24 Branchen, Juli 2018. halb, weil ein Freihandelsabkommen davon

52  Die Volkswirtschaft  6 / 2019


CHINA-SCHWEIZ

lebt, dass es von den Unternehmen effek- Informationen zur Schweiz bereitstellen. Zu- positioniert. Viele von ihnen kennen zudem
tiv genutzt wird. Diese Einschätzung bestä- dem misstrauen chinesische Manager – oft- die Rolle der Schweiz in der globalen Wert-
tigt auch eine Evaluierung des Freihandels- mals historisch bedingt – den Informationen schöpfungskette nur ungenügend. Sollte es
abkommens: Sie zeigt, dass nur 42 Prozent von Regierungsorganisationen. durch zweckgerichtete Massnahmen gelin-
der Schweizer Importe aus China und nur 44 gen, diese Wissenslücken zu schliessen, ergä-
Prozent der chinesischen Importe aus der Investitionsinteressen ben sich für die Schweiz Chancen in der Zu-
Schweiz das Freihandelsabkommen im Jahr sammenarbeit mit China.
2017 in Anspruch nahmen.3 In den Interviews
­chinesischer Unternehmer Chinesische Firmen und chinesische In-
begründeten dies viele chinesische Unter- Was sind die Hindernisse, die chinesi- vestoren tätigen Investitionen in Industrie-
nehmen mit Zeitmangel. sche Unternehmer davon abhalten, in die ländern, weil sie nach strategischen Assets
Einen gravierenden Nachteil sehen 70 Schweiz zu investieren? Die Hälfte der Be- und Märkten suchen, um so ihre eigene Kon-
Prozent der befragten chinesischen Unter- fragten (52%) gab an, dass fehlende rele- kurrenzfähigkeit zu stärken. Die Schweiz ist
nehmer in der geringen Grösse des Schwei- vante Projekte und Investitionsmöglichkei- durch ihre zentrale Lage, die gute Infrastruk-
zer Markts (siehe Abbildung 2). In den Inter- ten dafür verantwortlich seien. Ein anderer tur, das liberale Marktsystem sowie zahl-
views bemerkten wir allerdings Wissensde- häufiger Grund ist, dass sie die Schweiz der- reiche hoch entwickelte Industrie­ cluster
fizite hinsichtlich der Stellung der Schweiz zeit noch nicht in die strategischen Anlage- ein idealer Standort für international tätige
in der globalen Wertschöpfungskette. Dies regionen ihrer Unternehmen aufgenommen Unternehmen – und somit auch für chinesi-
reflektiert die Tatsache, dass chinesische haben (32%). Zudem existiert bei den chine- sche Firmen. Schweizer Unternehmergeist
Unternehmen im internationalen Geschäft sischen Führungskräften teilweise ein man- mit chinesischer Flexibilität und Kunden-
relativ unerfahren sind und die Schweiz bei gelndes Verständnis des Schweizer Inves- orientierung zu kombinieren, könnte beiden
der Kommunikation ihrer Stärken eher de- titionsumfelds und der industriellen Merk- Volkswirtschaften neue Chancen eröffnen.
zent, wenig konkret, teilweise über falsche male der Schweiz (31%). Auch hier zeigt sich Angesichts der aktuell angespannten Lage in
Kanäle und mittels wenig relevanter Inhalte wieder: Das Wissensdefizit der Befragten ist der EU und im Euroraum könnte eine Zusam-
agiert. So sind auch die engen Verbindungen ein wichtiges Hindernis für Investitionen in menarbeit mit China die Schweiz resistenter
der Schweiz zur EU und der erleichterte Zu- der Schweiz. gegenüber Rezessionen in Europa machen.
gang zum EU-Markt über die Schweiz vielen Es gibt aber auch positive Rückmeldun- Dabei darf man allerdings eines nicht aus den
chinesischen Managern nur wenig bekannt. gen: So argumentieren 60 Prozent der Teil- Augen verlieren: den Schutz von intellektuel-
nehmer, dass geeignete gute Projekte ihre lem Eigentum.
Information der Schweizer Unternehmen durchaus motivieren könnten,
mögliche Investitionen in der Schweiz ge-
­Botschaft kaum genutzt nauer ins Auge zu fassen. Ein Drittel der Be-
Da viele der befragten Unternehmer nur be- fragten interessiert sich für Schlüsseltechno-
grenztes Wissen über die Schweizer Stand- logie in der Schweiz (33%) oder könnte sich
ortfaktoren besitzen, stellt sich die Frage, wie Investitionen in der Schweiz vorstellen, um
sie sich die relevanten Informationen beschaf- von hier aus in den europäischen Markt vor-
fen. Dabei zeigt sich, dass das Internet die he- zudringen (32%). Die gut ausgebildeten Fach-
rausragende Informationsquelle für chinesi- kräfte (32%), die Marke Schweiz (29%) so-
sche Manager bei der Informationssuche zur wie gute Bedingungen für die Produktion von Juan Wu
Unternehmensberaterin und wissen-
Schweiz ist. 81 Prozent der Befragten infor- High-End-Produkten (15%) sind Gründe, wel- schaftliche Mitarbeiterin, Abteilung für
mieren sich so. Freunde, Geschäftspartner und che die Befragten dazu bewegen könnten, in ­Banking, Finance und Insurance, ZHAW
persönliche Netzwerke sind ebenfalls wichtige der Schweiz zu investieren. Doch die Antei- School of ­Management and Law, Zürich und
­Doktorandin, Universität Freiburg
Quellen (56%). Andere Quellen werden kaum le der Befragten, die diese Gründe vorbrin-
genutzt. Insbesondere Schweizer Regierungs- gen, sind bescheiden. Auch hier zeigt sich in
organisationen und -verbände, wie beispiels- den Interviews, dass viele Unternehmer nicht
weise Switzerland Global Enterprises, Great konkret wissen, welche Wettbewerbsvorteile
Zurich Area usw. (6%), die Botschaft (5%) oder die Schweiz hat.
die chinesisch-schweizerische Wirtschafts-
kammer (5%), spielen kaum eine Rolle. Zu die- Schweizer Unternehmergeist
sem Schluss sind auch frühere Studien ge-
kommen.4 Offenbar kennen also viele Mana-
mit chinesischer Flexibilität
ger die verschiedenen Institutionen nicht, die Die vorliegende Umfrage belegt, dass die Martin Schnauss
meisten chinesischen Geschäftsleute kein Dr.-Ing., Senior Projektleiter und Dozent
ganzheitliches Bild davon haben, wie sich für Asset- und Wealth-Management, ZHAW
3 SSCC (2018). School of Management and Law, Zürich
4 Siehe Kessler, Prandini, Wu (2014). die Schweiz im internationalen Wettbewerb

Literatur
Economist (2018). China Going Global Investment Index Kessler, E.; M. Prandini und J. Wu (2014). Chinese Com- SSCC (2018). Sino-Swiss Free Trade Agreement – 2018
2017. Report by The Economist Intelligence Unit. panies in Switzerland. In: Central European Business Academic Evaluation Report.
Review 3(3).

Die Volkswirtschaft  6 / 2019  53
ARBEITSMARKT

RAV-Beratungen unter der Lupe


Die Mitarbeitenden der öffentlichen Arbeitsvermittlung bewegen sich in einem Spannungs-
feld zwischen Beratung und Kontrolle. Gleichzeitig werden die Zielgruppen immer hetero­
gener.  Katharina Degen, Angelo Wetli

Abstract  Die Beratung nimmt unter den verschiedenen Leistungen der Regionalen RAV-Mitarbeitenden eine sogenannte Sach-
Arbeitsvermittlungszentren (RAV) eine Schlüsselfunktion bei der raschen und nach- verhaltsmeldung auslösen. Diese kann je nach
haltigen Reintegration von Stellensuchenden ein. Die Beratungspraxis unterliegt Schweregrad der Pflichtverletzungen Sanktio-
wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und weist zeitlich und regional hohe Dynami- nen in Form von Taggeldkürzungen zur Folge
ken auf. Personalberater bewegen sich dabei in einem Spannungsfeld zwischen indi- haben.
vidueller Beratung und Kontrolle. Beratung in einem komplexen Arbeitsmarkt stellt
höchste Ansprüche an die RAV. Dabei zeigt sich, dass Personalberatende je nach Ziel- Alle 45 Tage ein Gespräch
gruppe unterschiedlichen Herausforderungen gerecht werden müssen.
Die Beratungspraxis entwickelt sich laufend
weiter. Zum einen wird sie durch Vorgaben

D  er Arbeitsmarkt wird immer komplexer:


Die beruflichen Werdegänge und die
Ausbildungsbiografien der Stellensuchenden
schen und nachhaltigen Reintegration ver-
einbart wird.
Neben der eigentlichen Beratung prüfen
des Bundes beeinflusst. So müssen RAV-Per-
sonalberatende beispielsweise seit der Revi-
sion des Arbeitslosenversicherungsgesetzes
verlaufen nicht mehr geradlinig. Dies stellt die RAV-Mitarbeitenden in diesen Gesprächen im Jahr 2011 nicht mehr einmal pro Monat,
hohe Anforderungen an die Personalberater den Einsatz von «arbeitsmarktlichen Mass- sondern nur noch alle zwei Monate ein Bera-
der öffentlichen Arbeitsvermittlung. In einer nahmen», um die Arbeitsmarktfähigkeit der tungsgespräch durchführen. Darüber hinaus
Studie hat sich die Arbeitsmarktbeobach- Stellensuchenden zu verbessern. Diese Mass- spielt das wirtschaftliche Umfeld eine Rolle.
tungsstelle Amosa mit der Frage beschäftigt, nahmen, die unter anderem Standortbestim- So kann die Arbeitsbelastung von Personal-
wie Stellensuchende durch professionelle Be- mungen, Bewerbungstrainings, Kurse sowie beratenden in wirtschaftlich turbulenten Zei-
ratung in ihrer Reintegration in den Arbeits- Beschäftigungsprogramme umfassen, zie- ten temporär ansteigen, bis die RAV ihre per-
markt optimal unterstützt werden können.1 len darauf ab, die Stellensuchenden fit für den sonellen Ressourcen den steigenden Stellen-
Dabei stützte sie sich auf Daten der Kanto- Arbeitsmarkt zu machen. Mittels Stellenzuwei- suchendenzahlen anpassen können.
ne Aargau, Appenzell Innerrhoden, Appenzell sung können die Personalberater die Stellen- In allen zehn untersuchten Kantonen hat
Ausserrhoden, Glarus, Graubünden, Schaff- suchenden dazu verpflichten, sich auf eine of- die Beratungskadenz zwischen 2010 und 2016
hausen, St. Gallen, Thurgau, Zug und Zürich fene Stelle zu bewerben. Letztlich nehmen sie abgenommen: Während die Gespräche im Jahr
aus den Jahren 2010 bis 2016 sowie eine Be- auch verschiedene Kontrollfunktionen wahr. 2010 durchschnittlich alle 30 Tage stattfanden,
fragung von Personalberatern der Regiona- Erscheinen Stellensuchende beispielswei- lagen 2016 eineinhalb Monate zwischen zwei
len Arbeitsvermittlungszentren (RAV) im Jahr se nicht wie vereinbart an einem Beratungs­ Beratungsgesprächen. Dies entspricht einem
2018. Amosa ist eine gemeinsame Initiative termin oder erfüllen die geforderten Arbeits- mittleren jährlichen Anstieg von 8,1 Prozent
dieser zehn Kantone und verfolgt das Ziel, bemühungen nicht genügend, können die (siehe Abbildung). Ausschlaggebend dürften
praxisbezogene Fragestellungen aus dem
Arbeitsmarkt wissenschaftlich zu untersu-
chen und basierend auf den Ergebnissen ge- Zeitabstand zwischen zwei RAV-Beratungen (2010 und 2016)
meinsam mit den Kantonen massgeschnei- 60    Kalendertage
derte Massnahmenideen zu entwickeln.
Eine Kernaufgabe der RAV sind Be- 50
ratungsgespräche. In diesen regelmäs-
sig stattfindenden Gesprächen findet die 40
BESTANDDATEN AVAM (SECO), AMOSA-GEBIET /

3,4% 6,5%
7,8% 8,1% 9,4% 11,1% 13,8%
hauptsächliche Interaktion zwischen stel- 0,2% 4,5% 5,2%
30
lensuchender Person und Personalberater
statt. Das Ziel ist es, die Stellensuchenden 20
DIE VOLKSWIRTSCHAFT

zu motivieren, ihre Bewerbungskompetenz


zu stärken und sie bei der Stellensuche zu 10

unterstützen. Zu Beginn einer Beratung fin- 0


det häufig eine Standortbestimmung statt, GL AI/AR TG SH SG ZH Ø AG GR ZG
auf Basis derer gemeinsam eine zielführen-
de Wiedereingliederungsstrategie zur ra-   2010       2016       Veränderung in Prozent

Dargestellt ist die mittlere Dauer in Kalendertagen zwischen zwei Beratungsgesprächen in den Jahren
1 Amosa (2019). Beratungspraxis der RAV – Strategien 2010 und 2016. Die Kantone sind geordnet nach der mittleren jährlichen Veränderungsrate zwischen 2010
und Herausforderungen. und 2016.

54  Die Volkswirtschaft  6 / 2019


ARBEITSMARKT

wohl die oben angesprochene Gesetzesrevi- samt 387 Personalberater in den zehn Amo- losigkeit und mit jeder stellensuchenden Per-
sion sowie die steigenden Stellensuchenden- sa-Kantonen befragt. Die empirischen Ana- son neu auseinandersetzen.
zahlen in diesem Zeitraum sein. lysen zeigen, dass sich die Beratung von Ein besonderes Augenmerk legt die Studie
Innerhalb der gesetzlichen Vorgaben ist stellensuchenden Personen in einem Span- auf verschiedene Zielgruppen von Stellensu-
der Gestaltungsspielraum der Kantone je- nungsfeld zwischen arbeitslosigkeitsbezoge- chenden: Bei höher qualifizierten Personen
doch erheblich. Blieb im Jahr 2016 die Bera- nen Komponenten und Komponenten klassi- sind die Herausforderungen vergleichsweise
tungskadenz in den Kantonen Schaffhausen, scher Beratungskonzepte bewegt. häufiger im zwischenmenschlichen Bereich.
Thurgau und Glarus mit unter 40 Tagen rela- Die klassischen Beratungskonzepte ba- Zielführend scheint es, sich auf die positi-
tiv hoch, so verstrichen in St. Gallen, Grau- sieren auf etablierten Ansätzen der ange- ven Eigenschaften der Stellensuchenden zu
bünden oder Zug im Mittel rund 50 Tage zwi- wandten und klinischen Psychologie. Dabei fokussieren und berufsbezogene Potenziale
schen zwei Gesprächen. Darin widerspiegeln geht es beispielsweise um eine hohe Selbst- rasch herauszuarbeiten und zu nutzen. Hin-
sich unterschiedliche kantonale Strategien, wirksamkeitserwartung, um Klarheit über zu kommt, dass die Arbeitsmarktbehörden
aber auch unterschiedliche Rahmenbedin- die eigene Beraterrolle oder einen optimalen gerade bei dieser Zielgruppe über vergleichs-
gungen und Arbeitsmarktstrukturen. So Umgang mit Belastungen – allesamt wich- weise wenige spezifische Massnahmen ver-
dürfte die relativ hohe Terminspanne im Kan- tige Voraussetzungen für eine zielführen- fügen.
ton Graubünden beispielsweise auch teilwei- de, fachliche Beratung. Gemäss der Befra- Bei gering qualifizierten Stellensuchen-
se auf die saisonale Struktur der Stellensu- gung ist es wichtig, dass die Ziele zwischen den hingegen stehen vielfach fehlende Aus-
chenden zurückzuführen sein. Stellensuchenden und Beratern überein- bildungsmöglichkeiten und fehlende offene
stimmen und gemeinsam getragen werden. Stellen im Arbeitsmarkt im Fokus. Häufig sind
Beratung oder Kontrolle? Dazu ist die gegenseitige Akzeptanz ent- aber auch eine geringe Motivation und ein ge-
scheidend. Gelingt es dem Berater, eine pro- ringes Selbstvertrauen wesentliche Heraus-
Auch bei den arbeitsmarktlichen Massnah- fessionelle Arbeitsbeziehung herzustellen, forderungen in der Beratungspraxis. Generell
men gibt es kantonale Unterschiede. Die Stu- sind die Chancen für eine erfolgreiche und lässt sich festhalten: Die Beratung in diesem
die zeigt: In grösseren Kantonen wie Zürich, nachhaltige Reintegration am besten. komplexen Umfeld stellt höchste Anforderun-
Aargau und St. Gallen werden häufiger kol- Auf der anderen Seite des Spannungsfel- gen an die RAV und übersteigt in immer mehr
lektive Kurse eingesetzt als in kleineren Kan- des befinden sich die arbeitslosigkeitsbe- Fällen den eigentlichen Kernauftrag.
tonen. In vielen Fällen handelt es sich um Be- zogenen Komponenten, die im Umfeld der
werbungs- und Sprachkurse. Demgegenüber Arbeitslosenversicherung anzusiedeln sind
finden in kleineren Kantonen wie in Glarus oder die sich auf das Verständnis der Arbeits-
oder Zug öfter individuelle Kurse statt. losigkeit beziehen. Konkret geht es um die
Bei den Stellenzuweisungen unterschei- Sanktionierungstendenz, die geforderte Ab-
den sich Zürich und der Aargau von den üb- grenzung gegenüber Stellensuchenden und
rigen acht Kantonen: Während Erstere ver- adäquate Annahmen über die Selbstverschul-
stärkt Stellenzuweisungen genutzt haben, dung von Arbeitslosigkeit. Diese Komponen-
hat sich deren Bedeutung in den anderen ten setzen Anreize für eine möglichst rasche
Kantonen zwischen 2010 und 2016 tenden- Reintegration von Stellensuchenden und Katharina Degen
PhD in Volkswirtschaftslehre, Co-Leiterin
ziell verringert. Nicht in den Daten ersichtlich stellen sicher, dass Stellensuchende zielfüh-
Amosa (Arbeitsmarktbeobachtung Ost-
sind die Auswirkungen der 2018 eingeführten rend motiviert werden können. schweiz, Aargau, Zug und Zürich), Zürich
Stellenmeldepflicht: Stellenzuweisungen ha-
ben dadurch in sämtlichen Kantonen an Be- Fokus auf Zielgruppen
deutung gewonnen.
Relativ ähnlich verhalten sich die Kanto- Vertiefende Analysen zeigen, dass die Bera-
ne im Hinblick auf die Sanktionierungspra- tung von stellensuchenden Personen von der
xis. Dies lässt sich wohl darauf zurückführen, Wechselwirkung zwischen individueller Be-
dass der rechtliche Rahmen bei der Überprü- ratung und Kontrolle geprägt ist. Die Berater
fung der Kontrollpflichten und der Sanktio- sind in ihrem Alltag laufend mit Herausforde-
nierung den Kantonen engere Grenzen setzt. rungen in beiden Bereichen konfrontiert. Sie
Bei einer Beratung spielen zwischen- müssen beide Seiten zielführend integrieren Angelo Wetli
menschliche Aspekte eine wichtige Rolle. Um und ein Optimum für alle Beteiligten heraus- Co-Leiter Amosa (Arbeitsmarktbeobach-
diese Mikroebene der Interaktion genauer zu arbeiten. Mit diesem Spannungsfeld müssen tung Ostschweiz, Aargau, Zug und Zürich),
Zürich
untersuchen, haben wir im Jahr 2018 insge- sie sich im individuellen Verlauf einer Arbeits-

Die Volkswirtschaft  6 / 2019  55
HÖHERE FACHSCHULEN

Höhere Fachschule Südostschweiz


gibt wirtschaftliche Impulse
Welchen Nutzen bringt die IBW Höhere Fachschule Südostschweiz der regionalen Wirt-
schaft? Das Fazit einer Studie der HTW Chur fällt positiv aus: Die Produktivität der Firmen
steigt.  Franz Kronthaler, Peter Tromm

Abstract  Bei höheren Fachschulen steht die Vertiefung des Fachwissens im Zentrum. nen Franken fallen bei den regionalen Unter-
Indem die Studierenden berufliche Kompetenzen erlangen, steigt die Konkurrenzfä- nehmen über Vorleistungsverflechtungen an.
higkeit der Unternehmen. Eine Studie hat am Beispiel der IBW Höhere Fachschule Süd- Über Konsumausgaben entsteht zudem eine
ostschweiz untersucht, welche regionalwirtschaftlichen Effekte von der beruflichen induzierte regionale Wertschöpfung in Höhe
Weiterbildung ausgehen. Die Ergebnisse zeigen, dass die IBW ein wichtiger regiona- von 2,5 Millionen Franken.
ler Arbeitgeber ist. Zudem gehen von der IBW bedeutende produktivitätssteigernde Bei einer Weiterbildungsinstitution wie
Wirkungen aus, und die Innovationskraft der regionalen Unternehmen wird erhöht. der IBW sind solche Nachfrageeffekte aus
Sowohl Unternehmen als auch die Arbeitskräfte profitieren stark von der Möglichkeit, regionalwirtschaftlicher Sicht zwar «nice to
sich regional weiterzubilden. have». Von deutlich grösserer Bedeutung
sind aber Angebotseffekte, die zu einer Stei-
gerung der Wettbewerbsfähigkeit der regio-

L  ebenslanges Lernen nimmt in der


Arbeitswelt eine immer grössere Be-
deutung ein. Der technologische Fortschritt
nehmende einen Kurs. Das Jahresbudget be-
trug 20 Millionen Franken.
Welche regionalen Beschäftigungs- und
nalen Unternehmen und zu regionalem wirt-
schaftlichem Wachstum führen. Erreicht die
Weiterbildung ihr Ziel, so sind die regiona-
sowie sich ändernde Rahmenbedingungen Wertschöpfungseffekte gehen von der IBW len Arbeitskräfte produktiver und innovati-
zwingen Unternehmen und Arbeitnehmer, aus? Diese Nachfrageeffekte versuchten wir ver. Dadurch werden auch die Unternehmen
sich permanent den Neuerungen anzupas- in einer Studie zu ermitteln, wobei wir ein re- wettbewerbsfähiger.
sen, um langfristig wettbewerbsfähig zu blei- gionalwirtschaftliches Multiplikatormodell
ben. Höhere Fachschulen nehmen dabei eine verwendeten.1 Die Sicht der Alumni
zentrale Rolle ein. Im Berufsbildungssystem Bei der Beschäftigung und der Wert-
der Schweiz sind sie für die höhere Berufsbil- schöpfung muss zwischen direkten, indirek- Um den Wirkungen auf Produktivität und
dung zuständig (siehe Abbildung auf S. 58). ten und induzierten Effekten unterschieden Wettbewerbsfähigkeit auf die Spur zu
Sie richten sich in erster Linie an Personen mit werden. Erstere entstehen direkt an der IBW.
dem Fachmittelschulausweis und dem Eidge- Indirekte Effekte treten aufgrund von Inves-
nössischen Fähigkeitsausweis. Ziel der Aus- titionen und Vorleistungsverflechtungen auf. Tätigkeitsbereiche vor und nach dem
bildung ist es, Fachkenntnisse zu vermitteln: Induzierte Effekte schliesslich werden auf- IBW-Lehrgang (Alumni-Befragung
Absolventen sollen praktische, fachliche und grund von Konsumausgaben der IBW-Mitar- von Juni 2018)
führungsbezogene Aufgaben wahrnehmen beitenden und der Studierenden geschaffen.
können, und sie sollen in der Lage sein, Pro- Die Untersuchung zeigt: Die IBW trägt   Vorher Nachher
dukte und Dienstleistungen zu gestalten und massgeblich zur Beschäftigung in ihrem Wir- Sachbearbeitung 38% 19%
KRONTHALER, F. & TROMM, P. (2019): DIE REGIONALWIRTSCHAFTLICHE BEDEUTUNG DER IBW HÖHEREN

zu entwickeln. kungsraum bei. So werden an der IBW direkt Fachspezialist 30% 28%
119 Vollzeitäquivalente2 beschäftigt. Über in-
Projektleitung 10% 20%
Das Bildungssystem direkte und induzierte Effekte addiert sich
der Beschäftigungseffekt zu insgesamt 177 Teamleitung 8% 14%
in der Schweiz Vollzeitäquivalenten. Die Wertschöpfung Leitung mehrere Füh- 3% 7%
Die Höhere Fachschule Südostschweiz (IBW) steigert die IBW im Wirkungsraum um ins- rungsebenen
bietet in den Kantonen Graubünden, St. Gal- gesamt 20,1 Millionen Franken. Die direk- Mitglied Geschäftslei- 3% 4%
len und Glarus an den vier Hauptstandorten te Wertschöpfung in Höhe von 14,6 Millio- tung
­FACHSCHULE SÜDOSTSCHWEIZ, HTW CHUR: CHUR.

Chur, Maienfeld, Sargans und Ziegelbrücke nen Franken resultiert dabei aus den Einkom- Geschäftsleiter 3% 5%
Aus- und Weiterbildungen an. Die IBW wur- menszahlungen der IBW, die zu 86 Prozent in
Selbstständiger Unter- 1% 1%
de 1990 als «Institut für berufliche Weiterbil- der Region verbleiben, sowie den Konsum- nehmer
dung Graubünden» gegründet. Heute um- ausgaben der Studierenden. Weitere 3 Millio-
fasst die Fachschule 25 Abteilungen. Ausbil- Andere Funktion 3% 2%
dungsschwerpunkte sind Wirtschaft, Technik 1 Baur, P.; Voll, F.; Hediger, W.; Ketterer, L.; Siegrist, D. Nicht beschäftigt 1% 1%
(2015). Projektbericht «Prototyp Graubünden» – Mei-
und Informatik, Sprachen, Didaktik und Life- lenstein im Rahmen des Gesamtprojektes «Value_Nat_ Keine Angabe 3% 1%
style, Bau, Architektur und Gestaltung sowie Cult_Schweiz, Chur und Rapperswil: HTW Chur und
HSR Rapperswil.
Wald und Holz. Im Jahr 2017 besuchten rund 2 Ein Vollzeitäquivalent entspricht einer Beschäftigung N=198, Wilcoxon-Vorzeichen-Rang-Test auf
1300 Personen einen Lehrgang und 4300 Teil- von einer Person zu 100 Prozent. ­Erhöhung; p-Wert = 0,00000657, V=259).

56  Die Volkswirtschaft  6 / 2019


HÖHERE FACHSCHULEN

KEYSTONE
Dank der Höheren Fachschule Südostschweiz
steigt die Innovationskraft in der Region: Blick
k­ommen, haben wir im Juni 2018 bei den ber hinaus steigert sie den Wert der Fachkräf- auf Chur.
Lehrgangsteilnehmern der Abschlussjah- te auf dem Arbeitsmarkt und befähigt diese
re 2015 bis 2018 eine Umfrage zum Nutzen zu höherwertigen Aufgaben.
der Weiterbildung durchgeführt. Insgesamt Rückschlüsse auf den Nutzen der Wei- 9 Prozent.3 Geht man davon aus, dass das Ein-
wurden 1269 Ehemalige per E-Mail ange- terbildung lassen sich auch anhand der Stel- kommen die Produktivität der Beschäftigten
schrieben. Mit 198 ausgefüllten Fragebögen lenprofile ziehen: Welche Funktion haben widerspiegelt, so deutet das Ergebnis deut-
betrug die Rücklaufquote 16,5 Prozent. die Lehrgangsteilnehmer vor und nach dem lich auf eine Steigerung der Produktivität der
Bei der Umfrage wurde zwischen dem durchgeführten Lehrgang wahrgenommen? Lehrgangsabsolventen hin.
persönlichen Nutzen und dem Nutzen für Hier zeigt sich deutlich eine Veränderung in Insgesamt äussern sich die Lehrgangsteil-
das Unternehmen unterschieden. Während Richtung höherwertige Aufgaben (siehe Ta- nehmer zufrieden mit der Möglichkeit der re-
im ersten Fall das Fachwissen, die Kompe- belle). Während beispielsweise vor dem Lehr- gionalen Weiterbildung: 87 Prozent empfeh-
tenzen und der Wert auf dem Arbeitsmarkt gang 38 Prozent der Befragten in der Sachbe- len die Weiterbildung an der IBW weiter.
verbessert werden, nützt die Weiterbildung arbeitung tätig gewesen waren, arbeiteten
den Unternehmen, indem sich zum Beispiel danach nur noch 19 Prozent in diesem Be- Vorteile für Unternehmen
die Produktivität erhöht oder indem die Mit- reich.
arbeitenden die Aufgaben besser erfüllen so- Gleichzeitig dazu hat die Anzahl der Per-
­überwiegen
wie neue Ideen einbringen. sonen in Führungsfunktionen signifikant zu- Zusätzlich zu den Absolventen befragten
Die grosse Mehrheit der befragten Alum- genommen. Bei Projektleitern verdoppel- wir im Mai 2018 die Unternehmen, bei wel-
ni gibt an, die Weiterbildung habe das be- te sich der Anteil von 10 auf 20 Prozent, und chen die Studierenden in den Jahren 2015 bis
rufliche Wissen und die Fachkompetenz er- bei Teamleitern stieg der Anteil von 8 auf 14 2018 angestellt waren. Insgesamt schrieben
höht. Sie trage dazu bei, berufliche Aufgaben Prozent. Bei Vorgesetzten mit einer Leitungs- wir 668 Betriebe an. Zielgruppe der Befra-
besser zu erfüllen. Zudem sagt eine gros- funktion über mehrere Führungsebenen stei- gung waren Unternehmenseigentümer, Ge-
se Anzahl der Alumni aus, der Lehrgang hel- gerte er sich von 3 auf 7 Prozent. schäftsführer und Personalverantwortliche.
fe, Ideen ins Unternehmen einzubringen und Befragt nach der Einkommensverän- Dabei erhielten wir 115 ausgefüllte Fragebö-
bestehende Prozesse und Unternehmens- derung, geben 7 von 10 Personen an, der gen zurück, was einem Rücklauf von 17,2 Pro-
strukturen zu verbessern. Insgesamt erhöht Lehrgang habe zu einer Erhöhung des fi- zent entspricht.
die Weiterbildung somit die Wettbewerbsfä- xen Jahreseinkommens geführt. Die durch- 3 Statistisch signifikant. Einstichproben-t-Test auf eine
higkeit der regionalen Unternehmen. Darü- schnittliche Einkommenszunahme liegt bei Einkommensveränderung.

Die Volkswirtschaft  6 / 2019  57
HÖHERE FACHSCHULEN

Das Berufsbildungssystem in der Schweiz

Höhere Berufsbildung Hochschulen


PhD/Doktorat
Eidg. Diplom Diplom HF Master Master Master
Eidg. Fachausweis Bachelor Bachelor Bachelor

Tertiärstufe
Berufs- und höhere Universitäten
Fachprüfungen Höhere Fachschulen Fachhochschulen Pädagogische Hochschulen ETH
Berufsorientierte Weiterbildung

Berufsorientierte Weiterbildung
Berufsmaturität Fachmaturität Gymnasiale Maturität

Eidg. Fähigkeitszeugnis FMS-Ausweis


Eidg. Berufsa‰est

Sekundarstufe II
SBFI (2017) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT
Betriebe, Berufsfachschulen, Betriebe, Berufsfachschulen,
überbetriebliche Kurse überbetriebliche Kurse Fachmi‰elschulen Gymnasien

Berufliche Grundbildung Allgemeinbildende Schulen

Brückenangebote

Obligatorische Schule

  üblicher Weg          möglicher Weg Weg


Üblicher Möglicher Weg

Bei dieser Befragung stand der Nutzen, den zent bezeichnen sie als «weniger wichtig»; könnten Themenfelder wie Digitalisierung,
die Unternehmen aus der Weiterbildung der kein Unternehmen wählte «nicht wichtig». Sozial- und Kommunikationskompetenzen
Mitarbeiter ziehen, im Zentrum. Gemäss einer und Nachhaltigkeit.
Mehrheit der Unternehmen hilft die Weiterbil- Unterstützungsbedarf bei Firmen
dung, das Berufswissen der Mitarbeiter aktuell
zu halten und neue Ideen in das Unternehmen Befragt man die Unternehmen, in welchen
einzubringen. Knapp 60 Prozent der Unter- Bereichen sie gegebenenfalls Unterstützung
nehmen gaben an, die Weiterbildung helfe, die benötigen, gibt mehr als die Hälfte an, die
Produktivität und die Konkurrenzfähigkeit des Vereinbarkeit mit den beruflichen Tätigkei-
Unternehmens zu erhöhen. Die Unternehmen ten könnte verbessert werden. Interessant
sehen aber nicht nur Vorteile in der Weiterbil- ist, dass 35 Prozent der Unternehmen sagen,
dung ihrer Mitarbeiter: Für 30 Prozent der Be- bei der Auswahl der richtigen Weiterbildung
fragten stehen die Mitarbeiter aufgrund der Unterstützung vonseiten der IBW zu benöti- Franz Kronthaler
Professor für Statistik und Volkswirt-
Ausbildung stärker unter Zeitdruck, und Be- gen. Hier besteht deshalb eine Möglichkeit, schaftslehre, Zentrum für wirtschafts­
arbeitungsaufträge werden zeitlich verzögert. die Weiterbildung noch effizienter und pro- politische Forschung, HTW Chur
Insgesamt scheinen die Vorteile der Wei- duktiver für die Unternehmen zu gestalten.
terbildung aber deutlich zu überwiegen. Über Zusammenfassend lässt sich sagen: Die
90 Prozent der Unternehmen geben an, dass IBW hat einen hohen Bekanntheitsgrad in der
sie die Mitarbeitenden ermutigen, sich wei- Region, und fast alle nachgefragten Weiter-
terzubilden. Fast 90 Prozent beteiligen sich bildungen werden angeboten. Potenzial sei-
dabei an den Weiterbildungskosten, und über tens der IBW besteht darin, auf die Betriebe
60 Prozent stellen für die Ausbildung Arbeits- zuzugehen und direkt vor Ort den Bedarf der
zeit zur Verfügung. 55 Prozent der befragten Betriebe abzuklären.
Firmen stellen eine Beförderung in Aussicht. Die IBW hat eine Antennenfunktion, in-
Insgesamt sagen 55 Prozent der Befragten, die dem sie überregionales und regionales Wis- Peter Tromm
Möglichkeit der regionalen Weiterbildung sei sen sammelt, verstärkt und weitergibt, einer- Professor für Nachhaltigkeit und Wirt-
«sehr wichtig» für ihr Unternehmen; 38 Pro- seits über Lehrgänge, andererseits über Be- schaft, Zentrum für wirtschaftspolitische
Forschung, HTW Chur
zent schätzen sie als «wichtig» ein. Nur 7 Pro- ratungsdienstleistungen. Ausgebaut werden

58  Die Volkswirtschaft  6 / 2019


ZAHLEN

Wirtschaftskennzahlen
Auf einen Blick finden Sie hier die Kennzahlen Bruttoinlandprodukt, Erwerbslosenquote und Inflation von acht Ländern, der EU und
der OECD. Zahlenreihen zu diesen Wirtschaftszahlen sind auf Dievolkswirtschaft.ch aufgeschaltet.

Bruttoinlandprodukt: Bruttoinlandprodukt:
Reale Veränderung in % gegenüber dem Reale Veränderung in % gegenüber dem Vorquartal1
Vorjahr
2018 4/2018 3/2018 2/2018 1/2018
Schweiz 2,5 Schweiz 0,2 –0,2 0,7 0,6
Deutschland 1,4 Deutschland 0,0 –0,2 0,5 0,3
Frankreich 1,6 Frankreich 0,3 0,4 0,2 0,2
Italien 0,9 Italien –0,1 0,0 0,2 0,3
Grossbritannien 1,4 Grossbritannien 0,2 0,6 0,4 0,1
EU 1,9 EU 0,3 0,3 0,4 0,4
USA 2,7 USA 0,5 0,9 1,0 0,5
Japan 0,8 Japan 0,5 –0,3 0,7 –0,2
China 6,6 China 1,5 1,6 1,8 1,4
OECD 2,3 OECD 0,3 0,5 0,7 0,5

Bruttoinlandprodukt: Erwerbslosenquote:3 Erwerbslosenquote:3


In Dollar pro Einwohner 2017 (PPP2) in % der Erwerbspersonen, Jahreswert in % der Erwerbspersonen, Quartalswert
2018 2018 4/2018
Schweiz 68 972 Schweiz 4,7 Schweiz 4,6
Deutschland 54 355 Deutschland 3,4 Deutschland 3,3
Frankreich 45 804 Frankreich 9,1 Frankreich 8,9
Italien 42 076 Italien 10,6 Italien 10,6
Grossbritannien 46 256 Grossbritannien 4,0 Grossbritannien 3,9
EU 44 134 EU 6,8 EU 6,6
USA 62 480 USA 3,9 USA 3,8
Japan 43 379 Japan 2,4 Japan 2,4
China – China – China –
OECD 46 027 OECD 5,3 OECD 5,3

Inflation: Inflation:
Veränderung in % gegenüber dem Veränderung in % gegenüber dem
Vorjahr ­Vorjahresmonat
2018 März 2019
Schweiz 0,9 Schweiz 0,7
Deutschland 1,7 Deutschland 1,3
Frankreich 1,9 Frankreich 1,1
Italien 1,1 Italien 1,0
Grossbritannien 2,3 Grossbritannien 1,8
EU 1,9 EU 1,6
SECO, BFS, OECD

USA 2,4 USA 1,9


Japan 1,0 Japan 0,5
China – China –
Weitere Zahlenreihen
OECD 2,6 OECD 2,3
1 Saisonbereinigt und arbeitstäglich bereinigte Daten.
www.dievolkswirtschaft.ch d Zahlen
2 Kaufkraftbereinigt.
3 Gemäss Internationaler Arbeitsorganisation (ILO).

Die Volkswirtschaft  6 / 2019  59
Schweizer Flugverkehr hebt ab
Die Zahl der Flugpassagiere aus der Schweiz hat sich zwischen 2008 und 2018 verdoppelt. Am
stärksten legten die asiatischen Destinationen zu (+135%). Mit Abstand am meisten Passagiere
flogen vergangenes Jahr nach Europa – allein 1,3 Millionen landeten in London Heathrow. Bei der
Luftfracht betrug das Wachstum durchschnittlich 44 Prozent, wobei
die Gütertransporte nach Afrika rückläufig waren.

Nordamerika
London Heathrow
1,3 Mio.
Asien und Ozeanien
New York JFK
0,3 Mio.
Europa
Tel Aviv
Marrakesch 0,4 Mio.
0,1 Mio.

Afrika
Zentral- und
­Südamerika São Paulo
0,1 Mio.
HT
 FR AC

HT
1 Mio. 8964 t
 FR AC

–43%

BFS, 2008 UND 2018: LINIEN- UND CHARTERVERKEHR, C1-D2 / SIMPLYMAPS.DE / SHUTTERSTOCK / DIE VOLKSWIRTSCHAFT
2 Mio. 62 524 t +20%

3 Mio. HT
+106% +79%  FR AC
HT
 FR AC

0,5 Mio. 9374 t 117 086 t

+82% +72%  FR AC


HT
+135% +67%
23,5 Mio.
55 185 t
+94% +11%

Bei den Passagieren wurde jeweils das Flugverkehr


Reiseziel gezählt. Das heisst, wenn jemand 2018 Zunahme
beispielsweise in Hongkong umstieg, um seit 2008
Welt total
nach Sydney zu fliegen, ist Sydney das Reise­
ziel. Demgegenüber ist bei der Fracht nur der  FR AC
HT

Direktflug bis zum ersten Zwischen­stopp 30 Mio. 253 133 t


erfasst.

  Topdestination pro Weltregion (2018)


+94% +44%
VORSCHAU

IM NÄCHSTEN FOKUS

Was kommt nach dem Ausgabe


Die nächste 5. Juni
erscheint a
m2

­Bankgeheimnis?
Das Schweizer Bankgeheimnis gehört für ausländische Bankkunden der Vergangenheit
an. Vor zehn Jahren lieferte die Grossbank UBS den US-Behörden Kontoinformationen
von amerikanischen Kunden. Wenige Monate später beschloss der Bundesrat auf inter-
nationalen Druck hin, den OECD-Standard bei der Amtshilfe in Steuersachen zu über-
nehmen. Dieser Standard ist inzwischen ausgebaut worden, und die Schweiz macht seit
2017 auch beim Automatischen Informationsaustausch (AIA) mit. Seither sammelten
Schweizer Finanzinstitute Daten von Kunden, die in einem AIA-Partnerstaat steuer-
pflichtig sind. Der erste Datenaustausch erfolgte vergangenen Herbst. Was bedeutet das
für die kantonalen Steuerbehörden? Lesen Sie mehr dazu in der nächsten Ausgabe.

Der Automatische Informationsaustausch (AIA) Wie der Kanton Freiburg die 26 000 Steuerdaten
hat sich als globaler Standard etabliert von der ESTV verarbeitet
Pascal Saint-Amans, OECD Christoph Perler, Kantonale Steuerverwaltung Freiburg

Das Ende des Bankgeheimnisses und die Bussen Macht die Einführung von Trusts den Finanzplatz
Yvan Lengwiler, Universität Basel Schweiz attraktiver?
Nicole Willimann, KPMG
Vertrauen ist gut, prüfen ist besser
Frank Wettstein, SIF

Wie läuft die Übergabe der Bankkundendaten


in der Praxis ab?
Joel Weibel, ESTV

IMPRESSUM
Herausgeber Abonnementpreise Druck
Eidgenössisches Departement für Wirtschaft, Inland Fr. 100.–, Ausland Fr. 120.– Jordi AG, Aemmenmattstrasse 22, 3123 Belp
­Bildung und Forschung WBF, Staatssekretariat für Für Studierende kostenlos
App
Wirtschaft SECO, Bern
Layout Vogt-Schild Druck AG, Gutenbergstrasse 1,
Redaktion Patricia Steiner, Marlen von Weissenfluh 4552 Derendingen
Chefredaktion: Susanne Blank, Nicole Tesar
Illustrationen
Redaktion: Jessica Alvarez, Matthias Hausherr,
Thomas Nussbaum, Stefan Sonderegger Cover: Claudine Etter, atelier-c.ch Erscheint 10x jährlich in deutscher und franzö­
Aufgegriffen: Alina Günter, www.alinaguenter.ch sischer Sprache (französisch: La Vie économique),
Redaktionsausschuss 92. Jahrgang, mit Beilagen.
Eric Scheidegger (Leitung), Antje Baertschi, Kontakt
­Susanne Blank, Eric Jakob, Evelyn Kobelt, Holzikofenweg 36, 3003 Bern Der Inhalt der Artikel widerspiegelt die Auffassung
Cesare Ravara, Markus Tanner, Nicole Tesar Telefon +41 (0)58 462 29 39 der Autorinnen und Autoren und deckt sich
Fax +41 (0)58 462 27 40 nicht notwendigerweise mit der Meinung der
Leiter Ressort Publikationen
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Markus Tanner E-Mail: dievolkswirtschaft@seco.admin.ch
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