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91. Jahrgang   Nr. 4 / 2018 Fr. 12.

Die Volkswirtschaft
Plattform für Wirtschaftspolitik

SOZIALE SICHERHEIT INTERVIEW ZWEITE SÄULE WHISTLEBLOWER


Fehlanreize hemmen die Ökonomieprofessorin Hohes Umverteilungsrisiko Mehrheit der Grossfirmen
Erwerbstätigkeit Monika Bütler lehnt generelle bei Pensionskassen hat eine Meldestelle
33 Frauenquoten ab 40 45
36

FOKUS
Sollen die Importe in die Schweiz
Wichtiger HINWEIS !
Innerhalb der Schutzzone (hellblauer Rahmen) darf
kein anderes Element platziert werden!
erleichtert werden?
Ebenso darf der Abstand zu Format- resp. Papierrand
die Schutzzone nicht verletzen!
Hellblauen Rahmen der Schutzzone nie drucken!
Siehe auch Handbuch
„Corporate Design der Schweizerischen Bundesverwaltung“
Kapitel „Grundlagen“, 1.5 / Schutzzone
www. cdbund.admin.ch
EFL_Frueh_2018_VW_200x280.qxp_Layout 1 23.02.18 08:20 Seite 1

30. April 2018


KKL Luzern

www.europaforum.ch

Thomas Elisabeth Andreas Markus


Kirchner Schneider- Schwab Somm
EU-Korrespondent Schneiter Mitglied Europäisches Chefredaktor und
Süddeutsche Zeitung, Parlament EVP Verleger
Alain Berset Brüssel Nationalrätin CVP Basler Zeitung

Bundespräsident 2018,
Vorsteher des EDI

Partner Medienpartner Netzwerkpartner

Die Volkswirtschaft Scienceindustries


moneycab Swissmem
Persönlich VSUD
UnternehmerZeitung Zuger Wirtschaftskammer
EDITORIAL

Importzölle senken?
Die Preise sind in der Schweiz deutlich höher als im Ausland. Für Gesichts­
cremes und Autos bezahlen wir deutlich mehr. Der Bundesrat will dagegen
vorgehen. Im Dezember hat er angekündigt, die Importzölle auf Industrie­
güter unilateral aufheben zu wollen. Ebenfalls sollen bei exotischen Agrar­
produkten wie Bananen die Zölle sinken. Entsprechende Vorlagen werden
nun ausgearbeitet.
Der Bundesrat erhofft sich Effizienz­ge­
winne in der Höhe von einer Milliarde
Franken. Studien im Auftrag des Staats­
sekretariats für Wirtschaft zeigen: Kon­
sumenten und Unternehmen profitieren,
indem sie weniger für Importgüter bzw.
industrielle Vorprodukte zahlen – der
Bundeskasse entgehen hingegen Zoll­ein­
nahmen in der Höhe von 490 Millionen
Franken. Lesen Sie dazu die Beiträge in
unserem Fokus.
Neue Wege braucht es auch in der Altersvorsorge: Die Ökonomieprofessorin
Monika Bütler sagt im Interview, Länder wie Holland seien diesbezüglich
besser aufgestellt als die Schweiz. Heute müssten die Leistungen für eine
längere Lebensdauer reichen, deshalb sei entweder über ein höheres Renten­
alter oder eine Senkung des Leistungsniveaus pro Jahr nachzudenken.
Und in eigener Sache: Ab sofort ist die «Volkswirtschaft» auf Twitter, Linked­
in und Facebook präsent. Damit wollen wir unsere Primeure, die aktuellen Bei­
träge und Hintergrundinformationen breiter streuen und einem jüngeren Ziel­
publikum zugänglich machen. Also: Folgen Sie uns.

Wir wünschen Ihnen eine aufschlussreiche Lektüre und freuen uns auf
den Austausch mit Ihnen.
Susanne Blank und Nicole Tesar
Chefredaktorinnen «Die Volkswirtschaft»
INHALT

Fokus

6 10 12
Handelshemmnisse stützen Industriezölle hemmen Unilateraler Zollabbau bringt
hohe Preise Wirtschaftswachstum administrative Entlastung
Larissa Müller André Müller, Sarina Steinmann Harald Meier, Miriam Frey
Staatssekretariat für Wirtschaft Ecoplan B,S,S. Volkswirtschaftliche Beratung

14 19 23
Freihandelsabkommen: Kanada, Norwegen und Zölle senken, ohne der
Verhandlungsposition nur Neuseeland machen positive Schweizer Landwirtschaft
leicht betroffen Erfahrungen zu schaden
Koen Berden, Anirudh Shingal Simon Schropp, Kornel Mahlstein Jacques Chavaz
World Trade Institute Sidley Austin LLP jch-consult
Charlotte Sieber-Gasser Martin Pidoux
Universität Luzern Hochschule für Agrar-, Forst- und
Lebensmittelwissenschaften

27 31
Der hohe Preis dafür, Auf dem Holzweg?
ein bisschen anders zu sein Die Deklarationspflicht
Stefan Meyer-Lanz, Manuel Langhart für Holzprodukte
Institut für Wirtschaftsstudien Basel
Peter Moser, Andreas Nicklisch
Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur
INHALT

Themen
b

33 40 43
SOZIALE SICHERHEIT ZWEITE SÄULE AUFGEGRIFFEN

Sozialwerke behindern Pensionskassen: Potenzial Künstliche Intelligenz:


Arbeitsanreize für ­Umverteilungen ist gross Viele Hürden sind zu nehmen
Christoph A. Schaltegger, Lukas A. Schmid, Yvonne Seiler Zimmermann Eric Scheidegger
Patrick Leisibach Hochschule Luzern Staatssekretariat für Wirtschaft
Universität Luzern
Heinz Zimmermann
Universität Basel

45 48 52
WHISTLEBLOWER ARBEITSLOSENVERSICHERUNG WACHSTUM

Unternehmen profitieren Mismatch auf dem Konjunktur Liechtensteins


von Whistleblowern Arbeitsmarkt weist der Schweiz die
Helene Blumer, Christian Hauser Helen Buchs, Marlis Buchmann Richtung
Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur Universität Zürich
Andreas Brunhart
Liechtenstein-­Institut

36
«Die Politik sollte
nicht die Stimmen Spots
der Bürger kaufen»

i
IMPRESSUM ZAHLEN INFOGRAFIK

Informationen Wirtschaftskennzahlen Schulbank anstatt


Im Gespräch mit zum Magazin Werkbank? Jugendliche
Monika Bütler, Arbeitslose in Europa
Professorin für 4 55 56
Volks­wirt­schafts­lehre
an der Universität
St. Gallen
i IMPRESSUM

Herausgeber
Eidgenössisches Departement für Wirtschaft, ­Bildung
und Forschung WBF,
Staatssekretariat für Wirtschaft SECO, Bern

Redaktion
Chefredaktion: Susanne Blank, Nicole Tesar
Redaktion: Matthias Hausherr, Jessica Kunkler, Christian Maillard,
Stefan Sonderegger

Redaktionsausschuss
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Eric Jakob, Evelyn Kobelt, Cesare Ravara, Markus Tanner,
Nicole Tesar

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(französisch: La Vie économique), 91. Jahrgang, mit Beilagen.

Druck
Jordi AG, Aemmenmattstrasse 22, 3123 Belp

Der Inhalt der Artikel widerspiegelt die Auffassung der Autorinnen


und Autoren und deckt sich nicht notwendigerweise mit der
Meinung der Redaktion.

Der Nachdruck von Artikeln ist, nach Bewilligung durch die


Redaktion, unter ­Quellenangabe gestattet; Belegexemplare
­erwünscht.

ISSN 1011-386X

App
Vogt-Schild Druck AG, Gutenbergstrasse 1, 4552 Derendingen
FOKUS

Sollen die Importe in die Schweiz


erleichtert werden?
Schafft ein Land seine Importzölle ab, profitieren die heimischen
Konsumenten und Unternehmen. Länder wie Norwegen,
Neuseeland und Singapur haben diesen Schritt bereits gemacht.
Nun will der Bundesrat ihrem Beispiel folgen und Importzölle auf
Industriegüter abschaffen sowie Zölle auf ausgewählte
ausländische Agrarprodukte senken. Entsprechende Vorlagen
werden derzeit vorbereitet. Eine Grundlage für den Entscheid
lieferten sieben Studien im Auftrag des Staatssekretariats
für Wirtschaft. Sie zeigen: Ein Zollabbau wirkt sich positiv auf
Wachstum und Wirtschaft der Schweiz aus. In diesem Fokus
stellen wir die Arbeiten in einer Kurzfassung vor.
IMPORTZÖLLE

Handelshemmnisse stützen hohe Preise


Der Bundesrat will Industriezölle unilateral abschaffen. Eine wichtige Entscheidungs­
grundlage lieferten mehrere Studien im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft
(Seco). Sie zeigen: Importerleichterungen stärken die Wirtschaft und führen zu tieferen
Preisen.  Larissa Müller

de bestehen. Güter sind grundsätzlich – je nach


Abstract  Das vergleichsweise hohe Preisniveau in der Schweiz und des-
sen verschiedene Ursachen beschäftigen die Politik seit Längerem. Als wir- Transport- und Lagerfähigkeit – einfach han­
kungsvoller Hebel wurde insbesondere der Abbau von Handelshemmnissen delbar. Das ökonomische Gesetz des einheitli­
identifiziert. Im Rahmen der Strukturberichterstattung des Staatssekreta- chen Preises («law of one price») folgert, dass auf
riats für Wirtschaft (Seco) haben sieben Studien das Potenzial unilateraler einem perfekten Markt ein identisches Produkt
Importerleichterungen untersucht. Damit bildeten sie die Entscheidungs- einen einheitlichen Preis aufweist. Denn solan­
grundlagen für den Bundesrat, welcher am 20. Dezember 2017 ein entspre- ge eine Ware mit Gewinn anderswo verkauft
chendes Massnahmenpaket verabschiedet hat. Kernstück ist die autonome
Aufhebung von Industriezöllen. Zusätzlich sollen Zölle nicht sensibler Ag-
werden kann, wird diese Gelegenheit genutzt,
rarprodukte gesenkt und das Cassis-de-Dijon-Prinzip gestärkt werden. bis sich die Preise an beiden Orten angeglichen
haben (abzüglich Transportkosten). Handels­
hemmnisse verhindern jedoch diese Preisan­

S  chweizer Haushalte bezahlen im europäi­


schen Vergleich durchschnittlich 30 Pro­
zent mehr für Konsumgüter.1 Dafür gibt es
gleichung oder «Arbitrage», indem sie den Aus­
tausch der Güter zusätzlich verteuern und den
Markt abschirmen. Sie bestehen beispielsweise
verschiedene Gründe: Insbesondere Handels­ in Form von Zöllen und Verzollungsprozessen,
hemmnisse, eine Preisdifferenzierung zulas­ unterschiedlichen technischen Anforderun­
ten der Schweiz sowie hohe Löhne und Mieten gen an die Produktionsweise, Deklarationsvor­
wirken preistreibend. Der vergleichsweise tiefe schriften sowie Zulassungsverfahren.
Mehrwertsteuersatz in der Schweiz dürfte hin­ Die durch Handelshemmnisse hervorgeru­
gegen grösstenteils einen umgekehrten Effekt fenen Kosten können sich insbesondere akku­
haben, und die Margen der Händler – ein weite­ mulieren, wenn einzelne Produktionsschritte
rer Kostenfaktor – variieren je nach Unterneh­ in verschiedenen Ländern stattfinden. Gera­
men.2 de für die Schweiz als kleine und offene Volks­
Die höheren Kosten für Löhne, Mieten und wirtschaft ist es jedoch zentral, Produkte zu
andere Vorleistungen, welche in den Produk­ importieren, welche sie selbst nicht herstellt
tionsprozess einfliessen, bieten wenig Hand­ oder welche als Vorleistungen in die Produktion
lungsspielraum. Das vergleichsweise hohe komplexerer Güter einfliessen.
Lohnniveau ist unter anderem auf eine hohe Die Abschirmung des Markts durch Handels­
Arbeitsproduktivität und den hohen Speziali­ hemmnisse hat darüber hinaus weitere negati­
sierungsgrad der Wirtschaft mit entsprechen­ ve Auswirkungen. So wird es sowohl für inlän­
der Nachfrage nach Fachkräften zurückzu­ dische wie ausländische Anbieter einfacher, im
führen. Auch die Attraktivität der Schweiz als abgeschotteten Markt höhere Preise zu verlan­
Wirtschafts- und Lebensstandort ist ein preis­ gen. Handelshemmnisse verteuern importierte
treibender Faktor, welcher kaum auf einen Güter, schützen etablierte Vertriebsstrukturen
1 Eurostat, Zahlen für
2016.
Handlungsbedarf hinweist. und erschweren oder verhindern günstigere Pa­
2 Simon Jäggi, Markus In Bezug auf Handelshemmnisse erklärt die rallelimporte. Teurere Importe sowie eine tie­
Langenegger (2016).
Mit freiem Handel ökonomische Theorie deren Wirkung: Gera­ fere Produktvielfalt auf dem Schweizer Markt
gegen hohe Preise, in:
Die Volkswirtschaft
de bei aus Nachbarstaaten direkt importierter schwächen schliesslich die Konkurrenz bzw.
4/2016. Ware dürften eigentlich kaum Preisunterschie­ den Wettbewerbsdruck. Entsprechend ist es in

6  Die Volkswirtschaft  4 / 2018
SECO
IMPORTZÖLLE

einem abgeschotteten Markt einfacher, Preise über 80 Prozent des Handelsvolumens mit Län­
zu differenzieren und – im Fall der Schweiz – die dern statt, mit denen die Schweiz ein Freihan­
vergleichsweise hohe Kaufkraft der Konsumen­ delsabkommen unterzeichnet hat. Dennoch
ten abzuschöpfen. könnte bei künftigen Verhandlungen mit poten­
ziellen Abkommenspartnern die Verhandlungs­
Bundesrat will Industriezölle position der Schweiz beeinträchtigt sein, weil
Industriezölle als Verhandlungspfand wegfal­
­aufheben
len. Eine Studie des World Trade Institute (Sei-
Der Bundesrat hat sich in den letzten Jahren te 14) kommt zum Schluss: Alternative Konzes­
wiederholt mit diesen Fragen beschäftigt. Am sionen sind möglich.
20. Dezember 2017 hat er ein Massnahmenpa­ Zudem ermöglichen Freihandelsabkommen,
ket gegen die «Hochpreisinsel» verabschiedet.3 dass die Nullzölle dem Vertragspartner explizit
Dieses enthält einen Vorschlag zur autonomen zugesichert werden. Dies zeigt das Beispiel von
Aufhebung der Industriezölle: Importzölle sol­ Kanada, welches nach autonomer Aufhebung
len bei allen Gütern, ausser bei Agrarprodukten, der Industriezölle weiterhin erfolgreich Frei­
Lebensmitteln und Futtermitteln, wegfallen. handelsabkommen abgeschlossen hat. Weite­
Darüber hinaus will der Bundesrat die techni­ re Fallbeispiele bestätigen die positiven volks­
schen Handelshemmnisse senken. Die entspre­ wirtschaftlichen Effekte eines Zollabbaus (siehe
chenden Vorlagen werden nun vorbereitet. dazu die Studie von Sidley Austin, Seite 19).
Dem Bundesrat dienten mehrere Studien,
welche das Staatssekretariat für Wirtschaft Massnahmen stärken
(Seco) in Auftrag gegeben hatte, als Entschei­
Cassis-de-Dijon-Prinzip
dungsgrundlage. Eine Studie des Forschungs-
und Beratungsunternehmens B,S,S. zeigt, dass Neben den Industriezöllen haben die Studien
Unternehmen bei einer unilateralen Zollauf­ weitere Handelshemmnisse wie Anforderun­
hebung administrativ entlastet würden (sie­ gen an die Produktionsweise oder die Eigen­
he Beitrag auf Seite 12). Dies liegt insbesondere schaften eines Produktes (beispielsweise Ener­
daran, dass für Importe unter einem Freihan­ gieeffizienzvorschriften bei Kaffeemaschinen)
delsabkommen die Einhaltung der sogenann­ sowie unterschiedliche Deklarationsvorschrif­
ten Ursprungsregeln entfällt. Die Unternehmen ten (beispielsweise Allergikerinformationen
profitieren also in jedem Fall: Sie müssen weder auf Lebensmittelverpackungen) und spezifi­
den Ursprung der Ware deklarieren noch Zölle sche Bewilligungs- oder Zulassungsverfahren
bezahlen. analysiert. Erstere können heute dazu führen,
Eine Aufhebung der Industriezölle führt zu dass gewisse Produkte nicht importiert wer­
einer Effizienzsteigerung beim Import sowie den, weil sie die entsprechenden Vorschriften
einer Produktivitätszunahme insgesamt. Dies nicht erfüllen. Dies reduziert die Produktviel­
wiederum stärkt die internationale Wettbe­ falt und schwächt den Wettbewerb. Vorschrif­
werbsfähigkeit und den Wettbewerb im Heim­ ten bezüglich zusätzlicher Deklarationen oder
markt. Damit resultieren neben tieferen Preisen Bewilligungen erhöht die Importkosten dieser
auch positive Impulse für die Volkswirtschaft, Produkte.
obwohl gleichzeitig die Zolleinnahmen des Gerade im Handel mit der EU wäre ein Ab­
Bundes zurückgehen. Eine Studie von Ecoplan bau dieser Hindernisse wirkungsvoll, da die
schätzt die gesamtwirtschaftlichen Effekte ge­ Schweiz rund 70 Prozent der Einfuhren aus
messen für das Jahr 2016 auf 860 Millionen der EU bezieht. Das von der Schweiz 2010 ein­
Franken (Seite 10). geführte Cassis-de-Dijon-Prinzip beabsichtigt,
Die bestehenden internationalen Verpflich­ technische Handelshemmnisse aufgrund von
tungen der Schweiz im Rahmen der Welt­ Unterschieden zwischen dem Schweizer Pro­
3 Bundesrat beschliesst
Massnahmen gegen handelsorganisation (WTO) und der Freihan­ duktrecht und jenem der EU gering zu halten.
Hochpreisinsel,
Medienmitteilung,
delsabkommen bleiben bei einem autonomen Für mehrere Produktkategorien bestehen je­
20. Dezember 2017. Zollabbau unverändert. Derzeit finden bereits doch Ausnahmen.

8  Die Volkswirtschaft  4 / 2018
FOKUS

Studien des Instituts für Wirtschaftsstu­ Gründe zurückzuführen ist. Eine Studie von
dien Basel (IWSB) (Seite 27) und der Hochschule jch-consult und der Hochschule für Agrar-,
für Technik und Wirtschaft Chur (Seite 31) zei­ Forst- und Lebensmittelwissenschaften (Sei-
gen anhand qualitativer und quantitativer Ana­ te 23) zeigt: Bei Landwirtschaftsgütern besteht
lysen, dass solche Handelshemmnisse durch Handlungsspielraum für Importerleichterun­
die Abschottung des Schweizer Marktes und gen, ohne dass dabei die agrarpolitischen Ziele
die damit verbundene Schwächung des Wett­ gefährdet würden.
bewerbs einen direkten Effekt auf die Preise in Abschliessend ist darauf hinzuweisen, dass
der Schweiz haben. In Bezug auf die Deklara­ auch die Preise für Dienstleistungen in der
tion von Holzprodukten und von alkoholischen Schweiz durchschnittlich 60 Prozent über dem
Süssgetränken sowie auf die Energieeffizienz­ europäischen Niveau liegen. Diese sind zwar im
vorschriften bei Haushaltsgeräten hat der Bun­ Vergleich zu Industriegütern weniger einfach
desrat beschlossen, die unterschiedlichen Re­ handelbar, und der Produktionsfaktor Arbeit
gulierungen über die Zeit anzupassen und die spielt eine grössere Rolle – trotzdem verdeut­
Ausnahmen abzuschaffen. Für Lebensmittel en­ licht der Services Trade Restrictiveness Index
dete kürzlich die Vernehmlassung zur Einfüh­ (STRI) der OECD, dass auch hier Potenzial zu
rung eines vereinfachten Meldeverfahrens an­ Handelserleichterungen besteht.
stelle des heutigen Bewilligungsverfahrens.

Hohe Preisdifferenz bei Lebens­


mitteln und Dienstleistungen
Handlungspotenzial in Bezug auf die hohen
Preise besteht wegen des hohen Grenzschutzes
auch in der Landwirtschaft. Bei den Lebens­
Larissa Müller
mitteln beträgt die Preisdifferenz zu den euro­ Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Ressort Wachstum und
päischen Vergleichsländern im Durchschnitt Wettbewerbspolitik, Staatssekretariat für Wirtschaft
(Seco), Bern
60 Prozent, was wiederum auf verschiedene

Die Volkswirtschaft  4 / 2018  9
IMPORTZÖLLE

Industriezölle hemmen
Wirtschaftswachstum
Eine komplette Abschaffung der Industriezölle in der Schweiz wirkt sich positiv auf
die Volkswirtschaft aus: Das jährliche Einkommen pro Kopf würde um 40 Franken zu­
nehmen.  André Müller, Sarina Steinmann

Abstract  Im Jahr 2016 haben die Zölle auf Industrieprodukten 480 Millio- lichen Zollbelastung von 0,32 Prozent auf dem
nen Franken betragen. Wenn die Schweiz diese Zölle unilateral abschaffen gesamten Importwert im Industriebereich. Be­
würde, profitierten die heimischen Unternehmen von tieferen Preisen für reits heute fallen nur noch auf rund 23 Prozent
ihre importierten Vorleistungen und die Konsumenten von einem tieferen der importierten Industriegüter Zölle an.
Preisniveau. Die günstigere Vorleistungsbeschaffung würde die internatio- Der autonome Abbau der Einfuhrzölle führt
nale Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Industrie verbessern. Hauptver- zu administrativen Einsparungen bei den Im­
antwortlich für die positiven volkswirtschaftlichen Auswirkungen eines
porteuren im Inland, der Zollverwaltung und
Abbaus der Industriezölle wäre aber nicht der Zollabbau an sich, sondern
die damit verbundenen administrativen Einsparungen, welche die Handels- den ausländischen Exporteuren. Administra­
beziehungen effizienter machen. Das Forschungs- und Beratungsunter- tive Einsparungen entstehen vor allem dann,
nehmen Ecoplan rechnet bei einem Abbau der Industriezölle mit einer Zu- wenn für eine Ware aufgrund des Zollabbaus
nahme des Bruttoinlandprodukts um 0,13 Prozent und mit einer Erhöhung der Ursprung nicht mehr mittels eines Nach­
des jährlichen Pro-Kopf-Einkommens um 40 Franken. weises belegt werden muss. Dies ist jeweils
für die Nutzung eines Freihandelsabkommens
notwendig. Betroffen ist rund ein Drittel der

D  er internationale Handel ist in den letzten


Jahrzehnten immer freier geworden. Die
Schweiz hat neue Freihandelsabkommen ab­
importierten Industriegüter. Diese Waren, wel­
che aufgrund des Ursprungsnachweises zoll­
frei importiert, in der Schweiz konsumiert
geschlossen, und die Zölle sowie andere nicht oder verarbeitet re-exportiert werden, belie­
tarifäre Handelshemmnisse wurden mas­ fen sich 2016 auf einen Wert von 52 Milliarden
siv abgebaut. Der Bundesrat hat sich nun mit Franken.
einer autonomen – also ohne Gegenleistung Bei einem vollständigen Industriezollabbau
der Handelspartner erfolgten – Aufhebung der sind gemäss dem Forschungs- und Beratungs­
noch bestehenden Importzölle für Industrie­ unternehmen B,S,S. administrative Einspa­
produkte befasst und einen entsprechenden rungen bei den Importeuren, externen Dienst­
Vorschlag in Auftrag gegeben.1 Als Grundlage leistern und der Zollverwaltung von insgesamt
diente die hier kurz umrissene Arbeit des Bera­ rund 105 Millionen Franken pro Jahr möglich.3
tungs- und Forschungsunternehmens Ecoplan, Dies entspricht rund 0,2 Prozent des von den
die im Auftrag des Staatssekretariats für Wirt­ Einsparungen betroffenen Importwerts. Nicht
schaft (Seco) die Folgen des Zollabbaus mithil­ enthalten sind darin die Einsparungen durch
1 Bundesrat beschliesst fe eines auf der neuesten Handelstheorie ba­ den teilweisen Wegfall der Ursprungsnachwei­
Massnahmen gegen
Hochpreisinsel,
sierenden Mehrländer-Gleichgewichtsmodells se bei den Exporteuren im Ausland. Aus älteren
Medienmitteilung vom simulierte.2 Studien und der internationalen Literatur las­
20.12.2017.
2 Ecoplan (2017). Volks- Die durchschnittliche Zollbelastung für In­ sen sich die Einsparungen bei den Exporteuren
wirtschaftliche Aus-
wirkungen unilateraler
dustrieimporte in die Schweiz ist bereits heute auf 0,3 Prozent des Warenwerts grob abschät­
Importerleichterungen tief und die Schutzfunktion entsprechend ge­ zen. Die gesamten administrativen Einsparun­
der Schweiz.
3 Siehe Beitrag von ring. Im Jahr 2016 beliefen sich die Import­zölle gen betragen somit 0,5 Prozent des betroffenen
Harald Meier und
­Miriam Frey (B,S,S.) auf
im Industriebereich auf rund 480 Millionen Importwerts, was jährlich 250 Millionen Fran­
Seite 12. Franken. Dies entspricht einer durchschnitt­ ken entspricht.

10  Die Volkswirtschaft  4 / 2018


KEYSTONE
Zölle auf ­Rohstoffe
und Halbfabrikate
Bei einem Abbau dieser Zölle fällt der Zollschutz aufheben? Mitarbeiter Industrie­zölle. Dasselbe gilt für den Abbau al­
weg, und günstigere Importe können teilweise der Firma Composites ler Zölle auf Rohstoffen und Halbfabrikaten.
die heimische Produktion verdrängen. Gleich­ Busch in Pruntrut Es spricht aus gesamtwirtschaftlicher
prüfen Hockey­
zeitig führt die Massnahme zu tieferen Im­ Sicht auch nichts dafür, den vollständigen In­
schläger aus Carbon.
portpreisen und höheren Importen. Die Expor­ dustriezollabbau schrittweise zu vollziehen.
te steigen einerseits aufgrund der günstigeren Soll der vollständige Industriezollabbau aus
Beschaffung bei den importierten Vorleistun­ anderen – beispielsweise fiskalischen – Grün­
gen, andererseits aber auch aufgrund der Zu­ den zeitlich gestaffelt erfolgen, so ist auf eine
nahme der Produktivität. Insgesamt nimmt der schrittweise Reduktion der einzelnen Zollsät­
Aussenhandel um knapp 0,5 Prozent zu. ze zu verzichten. Ein sinnvoller schrittweiser
Der autonome Abbau aller Zölle im Indust­ Zollabbau könnte so ausgestaltet werden, dass
riebereich führt zu leicht positiven volkswirt­ in einem ersten Schritt ein vollständiger Ab­
schaftlichen Auswirkungen: Das Bruttoinland­ bau der Rohstoff- und Halbfabrikatzölle vor­
produkt (BIP) steigt um 0,13 und das jährliche genommen wird, danach erfolgt der vollstän­
Pro-Kopf-Einkommen um rund 40 Franken. dige Abbau der tiefen Zölle, und im letzten
Hauptverantwortlich für die positiven volks­ Schritt werden alle noch bestehenden Zölle
wirtschaftlichen Auswirkungen ist dabei nicht abgeschafft.
die Abschaffung der Industriezölle an sich, son­
dern die damit verbundenen administrativen
Einsparungen und die entsprechende Effizienz­
steigerung in den Handelsbeziehungen.

Kompletter Abbau bringt am meisten


Alternativen zum vollständigen Industrie­
zollabbau machen aus volkswirtschaftlicher
André Müller Sarina Steinmann
Sicht wenig Sinn: Weder der Abbau der tiefsten Partner des Beratungs- Consultant des Beratungs-
noch die Reduktion der höchsten Zölle bringen und Forschungsunterneh- und Forschungsunterneh-
mens Ecoplan, Bern mens Ecoplan, Bern
mehr Nutzen als der vollständige Abbau der

Die Volkswirtschaft  4 / 2018  11
IMPORTZÖLLE

Unilateraler Zollabbau bringt


administrative Entlastung
Eine Abschaffung der Importzölle auf Industriegüter reduziert den administrativen Auf­
wand für Unternehmen um ein Fünftel. Jährlich könnten dadurch 100 Millionen Franken
eingespart werden.  Harald Meier, Miriam Frey

Abstract  Zollformalitäten verursachen Schweizer Importeuren von Indus- Schätzungsweise verursacht der Import von
triegütern einen administrativen Aufwand von rund einer halben Milliarde Industriegütern den Unternehmen einen admi­
Franken pro Jahr. Rechnet man die Zölle und Gebühren hinzu, liegt die fi- nistrativen Aufwand von 515 Millionen Fran­
nanzielle Belastung für Unternehmen bei insgesamt einer Milliarde Fran- ken pro Jahr. Diesen sogenannten Personal- und
ken. Eine Studie des Basler Beratungsunternehmens B,S,S. im Auftrag des Sachaufwand schätzten wir auf der Basis von
Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) zeigt: Bei einem unilateralen Zoll- rund 13 Millionen Einfuhrzollanmeldungen, die
abbau auf Industrieprodukte könnten die Firmen administrative Kosten im
im Jahr 2016 verarbeitet wurden. Berücksichtigt
Umfang von rund 100 Millionen Franken sowie Zölle und Gebühren im Um-
fang von rund 500 Millionen Franken sparen. Die verbleibenden 400 Mil- man zusätzlich den finanziellen Aufwand – die
lionen Franken sind auf weiterhin notwendige Zollveranlagungen zurück- Zölle und Gebühren – von 480 Millionen Fran­
zuführen. ken, liegt die Belastung der Unternehmen bei
insgesamt rund 1 Milliarde Franken pro Jahr.
Vergleichsweise stark schlagen beim admi­

D  ie Erleichterung der Importe, der Abbau


von Handelsschranken sowie die admi­
nistrative Entlastung sind zentrale Handlungs­
nistrativen Aufwand – das heisst beim Perso­
nal- und Sachaufwand – der Unternehmen die
sogenannten Präferenzabfertigungen zu Bu­
felder der Wachstumspolitik des Bundesrates.1 che, für die ein Ursprungsnachweis erbracht
Der Bundesrat schlägt deshalb vor, die Import­ werden muss. Mit einer Präferenzabfertigung
zölle von Industriegütern unilateral aufzu­ wird bestätigt, dass eine Ware die in einem Frei­
heben.2 Welche Entlastung dies mit sich brin­ handelsabkommen festgelegten Ursprungskri­
gen würde, hat das Basler Forschungs- und terien erfüllt, aufgrund derer sie zollfrei (oder
1 Bundesrat (2016).
Neue Wachstums­
Beratungsunternehmen B,S,S. im Auftrag des zu einem reduzierten Zollansatz) importiert
politik 2016–2019, Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) ana­ werden kann.
22. Juni 2016.
2 Bundesrat beschliesst lysiert (siehe Kasten). Inwieweit sich die Nut­ Durch einen unilateralen Zollabbau auf In­
Massnahmen gegen zen und Kosten eines autonomen Zollabbaus dustriegüter resultieren für die Unternehmen
Hochpreisinsel,
Medienmitteilung vom indirekt (beispielsweise höhere Flexibilität der finanzielle Entlastungen. Dem Bund entgehen
20.12.2017.
3 Siehe dazu Beitrag Unternehmen) respektive in einem gesamt­ dadurch Einnahmen in derselben Höhe. Damit
von André Müller und
Sarina Steinmann (Eco-
wirtschaftlichen Kontext auszahlen, war nicht sich ein autonomer Zollabbau aus volkswirt­
plan) auf Seite 10. Fokus unserer Studie.3 schaftlicher Sicht lohnt, müssen gleichzeitig
Wohlfahrtsgewinne auftreten und/oder admi­
nistrative Entlastungen resultieren.
Zollprozesse methodisch untersucht
Die Studie «Administrative Entlastung bei diert. Insgesamt wurden sechs Zollprozes-
einem unilateralen Zollabbau für Indus- se analysiert: Einfuhrzollanmeldung mit Einsparungen von rund
triegüter» lehnt methodisch an die vom Präferenzveranlagung (1), Verfahren pro- 100 Millionen Franken pro Jahr
Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) ent- visorisch wegen fehlender/ungültiger Ur-
wickelten Methoden der Regulierungskos- sprungsnachweise (2), Verfahren des akti- Die Studie kommt zum Ergebnis, dass bei einem
tenmessung und -folgenabschätzung an. ven Veredelungsverkehrs (3), Verfahren der
Die Schätzergebnisse externer Fachper- Zollbegünstigung (4), Verfahren der vorü-
autonomen Zollabbau von einer administrati­
sonen wurden von Unternehmen auf ihre bergehenden Verwendung (5) sowie Zahlen ven Entlastung von 98 Millionen Franken pro
Plausibilität und Nachvollziehbarkeit vali- der Zollschuld (6). Jahr ausgegangen werden kann. Diese resultiert

12  Die Volkswirtschaft  4 / 2018


FOKUS

KEYSTONE
Ein Zollabbau
vereinfacht den grenz­
primär aus Vereinfachungen in Zusammen­ überschreitenden Nebst der Entlastung auf Unternehmens­
hang mit der Präferenzabfertigung und ent­ Handel. ebene ist auch mit einer administrativen Ent­
spricht etwa einem Fünftel des aktuellen admi­ lastung aufseiten des Bundes zu rechnen,
nistrativen Aufwands. beispielsweise durch Erleichterungen der for­
Die relativ geringe Zahl dieser direkten Nut­ mellen und materiellen Kontrolle anlässlich
zen und Kosten eines autonomen Zollabbaus im der Wareneinfuhr oder der nachträglichen
Vergleich zu den wegfallenden Zöllen mag auf Kontrolle der Ursprungszeugnisse. Gemäss
den ersten Blick überraschen, erklärt sich bei Schätzungen der Eidgenössischen Zollverwal­
näherer Betrachtung aber vor allem aus zwei tung würden insgesamt Entlastungen im Um­
Gründen: Einerseits bleibt die Notwendigkeit fang von 7 Millionen Franken pro Jahr resul­
zur Zollveranlagung auch bei einem unilatera­ tieren.
len Zollabbau bestehen – es fällt also nur der
Mehraufwand für spezifische Verfahren der
Zollveranlagung weg. Andererseits ist das Er­
gebnis auf den Umstand zurückzuführen, dass
bei importierten Gütern, die verarbeitet oder un­
verarbeitet als Ware ohne Schweizer Ursprung
wieder exportiert werden, der Ursprungsnach­
weis weiterhin benötigt wird. Dies ist in schät­
Harald Meier Miriam Frey
zungsweise einem Viertel aller Wareneinfuhren
Jurist, Senior Projektleiter Ökonomin, Senior Projekt-
der Fall. Da die Präferenzabfertigung nicht nur bei B,S,S. Volkswirtschaft- leiterin bei B,S,S. Volks-
vergleichsweise teuer ist, sondern auch häufig liche Beratung, Basel wirtschaftliche Beratung,
Basel
vorkommt, fällt dies entsprechend ins Gewicht.

Die Volkswirtschaft  4 / 2018  13
IMPORTZÖLLE

Freihandelsabkommen: Verhandlungs-
position nur leicht betroffen
Eine einseitige Zollaufhebung für Industriegüter kann die Position der Schweiz in künf­
tigen Verhandlungen über Freihandelsabkommen schwächen. Da die Schweiz bereits
über ein grosses Netz an Freihandelsabkommen verfügt und sich alternative Verhand­
lungstaktiken anbieten, ist der Effekt jedoch gering.    Koen Berden, Anirudh Shingal,
Charlotte Sieber-Gasser

Abstract  Eine Studie des World Trade Institute der Universität Bern hat im
den, um in Verhandlungen andere Zugeständ­
Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) untersucht, wie sich nisse einzufordern, weist eine neuere Studie
ein unilateraler Abbau der Importzölle für Industriegüter der Schweiz auf über den schrittweisen Abbau der Importzöl­
die Verhandlung zukünftiger Freihandelsabkommen auswirken würde. Ak- le für Industriegüter in Kanada (ab 2009) auf
tuell finden 84 Prozent des Schweizer Güterhandels mit Staaten statt, mit einen anderen Aspekt hin:2 Neue Freihandels­
welchen bereits ein FHA besteht, und die Industriezölle sind bereits sehr abkommen erlauben es Kanada, den Partnern
tief. Aufgrund der derzeit hohen Textil- und Bekleidungszölle sowie der
die Nullzölle vertraglich zuzusichern. Zusam­
wenigen Spitzenzölle im Luxussegment könnte die Verhandlungsposition
der Schweiz mit Staaten wie Indien, Brasilien und Russland geschwächt men mit potenziellen Konzessionen in der
werden. Gleichzeitig dürften andere Bereiche als alternative Zugeständ- Landwirtschaft und in zusätzlichen Handels­
nisse an Bedeutung gewinnen. bereichen ermöglicht dies Kanada weiterhin,
attraktive Abkommen abzuschliessen.

I  n den vergangenen Jahren haben zahlrei­


che Länder weltweit autonom Industriezölle
abgeschafft. Dabei wurden vor allem die wirt­
Potenzielle Handelspartner
­unterscheiden sich stark
schaftlichen Argumente diskutiert. In die­ In unserer Untersuchung haben wir insge­
sem Artikel beleuchten wir eine Frage, die in samt die verbleibenden potenziellen Freihan­
der Literatur weniger Aufmerksamkeit erhal­ delspartner der Schweiz betrachtet (siehe Ab-
ten hat: die potenziellen Auswirkungen eines bildung  1). Für die Wirtschaftsstruktur dieser
einseitigen Zollabbaus für Industriegüter auf Länder, mit denen die Schweiz bisher noch kein
die künftige Verhandlungsmacht der Schweiz Freihandelsabkommen abgeschlossen hat, re­
bei Gesprächen über Freihandelsabkom­ sultiert ein vielfältiges Bild: Bei Ländern wie Pa­
men (FHA). Bei einem autonomen Abbau von kistan und Myanmar dominiert die Landwirt­
Importzöllen können diese in Verhandlun­ schaft, bei anderen die verarbeitende Industrie
gen über künftige FHA nicht mehr als direk­ (Algerien) oder der Dienstleistungssektor (USA).
tes Verhandlungspfand eingesetzt werden. In Auch bei der Marktgrösse ist das Spekt­
einer Studie im Auftrag des Staatssekretariats rum breit: Es reicht vom kleinen Inselstaat
für Wirtschaft (Seco) haben wir deshalb die
Auswirkungen eines Zollabbaus auf die künf­
Verwendete Daten
1 B erden et al. (2017). tige Verhandlungsposition der Schweiz unter­
2 Keohane (1986), Da- Die Studie basiert auf Statistiken über Handelspartner und
vis (2004) und Limão sucht (siehe Kasten).1 Handelsabkommen sowie auf Daten zur Tiefe der einzelnen
(2007) sowie Ciuriak Die vorhandene Literatur zu den Auswir­
und Xiao (2014). Freihandelsabkommen (FHA) und zu bestehenden tarifären
3 Zölle gelten nicht für kungen eines einseitigen Zollabbaus auf die und nicht tarifären Massnahmen. Zusätzlich führten die Auto-
die am wenigsten ent- ren ausführliche Gespräche mit politischen Verantwortlichen
wickelten Länder. Siehe Verhandlungsposition zeichnet kein einheitli­
und anderen wirtschaftspolitischen Akteuren (z. B. Branchen-
«Entwicklungsländer ches Bild. Während einige Studien aufzeigen, verbänden) in der Schweiz, in der EU, in Norwegen, Island,
APS/GSP» unter ­
Ezv.admin.ch. dass Zollsenkungen spezifisch eingesetzt wer­ Hongkong und Singapur.

14  Die Volkswirtschaft  4 / 2018


FOKUS

­ auritius bis zu den riesigen Volkswirtschaf­


M Pakistan, Iran und Moldawien gehören die­
ten Brasilien und USA. Welche Produkte ge­ se Produkte zu den Kerninteressen. Drittens
handelt werden, ist je nach Handelspartner zeigt sich, dass es zusätzlich Spitzenzölle für
ebenfalls unterschiedlich. Dasselbe gilt für die wenige Produkte im Industriebereich gibt wie
Handelshemmnisse gegenüber Schweizer Wa­ beispielsweise bei verkehrstechnischen Aus­
ren: Der durchschnittlich angewendete Zoll rüstungen oder einzelnen nicht elektrischen
variiert zwischen 1,6 Prozent (Mauritius) und Geräten. Diese sind manchmal sehr hoch; die
fast 19 Prozent in Algerien. Stark unterschei­ Importe dieser spezifischen Produkte in die
den sich schliesslich auch die Anzahl der be­ Schweiz machen aber einen sehr geringen An­
stehenden FHA der Handelspartner sowie das teil aus.
Ausmass der dabei eingegangenen Verpflich­ Die noch bestehenden hohen Zölle für die­
tungen. se wenigen Produkte lassen darauf schliessen,
Neben den verbleibenden potenziellen dass Zölle auf Industriegüter in zukünftigen
Freihandelspartnern fokussierte die Studie Verhandlungen – trotz weniger verbleibender
auf Gütergruppen, bei welchen ein autonomer Verhandlungspartner und des insgesamt tie­
Zollabbau die Verhandlungssituation beein­ fen Zollniveaus – weiterhin eine relevante Ver­
flussen könnte. Die Analyse führt zu drei Er­ handlungsmasse darstellen. So können hohe
kenntnissen: Erstens sind die Schweizer Zöl­ Zölle auf einzelnen Produkten weiter reichen­
le auf Industriegüter bereits sehr niedrig oder de Auswirkungen auf die Produktionskette und
sogar null. Zweitens bildet der Textil- und Be­ die Preise für Endprodukte haben, wenn Zwi­
Bei Textilimporten in
kleidungssektor die wesentlichste Ausnah­ schenprodukte der globalen Wertschöpfungs­ die Schweiz sind die
me.3 Für mehrere potenzielle FHA-Partner wie ketten betroffen sind. Für eine kleine Zahl von Zölle hoch. Kleider­
fabrik in Vietnam.

KEYSTONE

Die Volkswirtschaft  4 / 2018  15
IMPORTZÖLLE

­ xportfirmen der potenziellen Partnerstaaten


E der Exportindustrie sichern und mit dieser Al­
sind sie möglicherweise sogar das grösste Hin­ lianz den Widerstand der Branchen brechen,
dernis beim Marktzugang. Aus wirtschaftspoli­ die sich einem verstärkten Wettbewerb durch
tischer Sicht ist zudem zu bedenken: Um bei (Schweizer) Importprodukte gegenübersehen.
FHA-Verhandlungen den Rückhalt im eigenen
Land zu erhöhen, heben ausländische Regierun­ Alternative Verhandlungstrümpfe
gen zu Hause gerne Verhandlungserfolge her­
vor. Damit können sie sich die Unterstützung Potenzielle negative Auswirkungen auf die
Verhandlungssituation der Schweiz aufgrund
eines autonomen Zollabbaus für Industriegü­
Abb. 1: Potenzielle FHA-Partner der Schweiz und deren eingegangene ter können möglicherweise durch andere Ver­
Verpflichtungen in aktuellen FHA handlungstrümpfe kompensiert werden. Im
Algerien Folgenden nehmen wir vier Elemente unter
die Lupe:
Ecuador –– Gebundene Zollsätze: Bei einem autono­
Grossbritannien men Zollabbau werden die angewendeten
Zollsätze auf null gesetzt, während die bei
Indien der WTO eingegangenen Verpflichtungen
Indonesien
bezüglich Maximalzölle (diese liegen oft
über den angewendeten Zollsätzen) unver­
Iran ändert bleiben. Wenn die WTO-Zollsätze
Malaysia
höher sind als die wirklich angewendeten
Zollsätze, kann das Land letztere jeder­
Mauritius zeit wieder erhöhen, ohne internationale
Mercosur
Verpflichtungen zu verletzen. Heute liegen
die WTO-Zollsätze der Schweiz insgesamt
Moldawien leicht über den angewendeten Zöllen. Die­
se Differenz würde im Fall eines Zollabbaus
Mongolei
bedeutend grösser und stellt somit ein al­
Myanmar ternatives Verhandlungselement dar. FHA
Ostafrikanische würden somit den Handelspartnern der
­Gemeinschaft (EAC)
Schweiz vertraglich zusichern, dass die an­
Pakistan gewendeten Nullzölle dem FHA-Partner
Russland, Weissruss- gegenüber nicht mehr angehoben werden
land und Kasachstan
können.
Sri Lanka –– Portfolio an Zugeständnissen: Bereits heu­
DATENBANK DESTA / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

te regeln FHA neben den Zöllen für Indus­


Thailand
trieprodukte eine Reihe weiterer Bereiche
USA wie Landwirtschaftszölle, die regulatori­
sche Zusammenarbeit, technische Han­
Vietnam
delshemmnisse, gesundheitspolizeiliche
Westafrikanische Wirtschafts­
gemeinschaft (Ecowas) und pflanzenschutzrechtliche Massnah­
0 0,2 0,4 0,6 0,8 men, Investitionen, Dienstleistungen, Stan­
Tiefe der Verpflichtungen dards und die Wettbewerbspolitik. Zuge­
   Tiefe insgesamt        Dienstleistungen        Geistiges Eigentum        Investitionen     ständnisse in diesen Bereichen könnten
    Öffentliche Beschaffungen        Standards        Wettbewerbspolitik die wegfallende Verhandlungsmasse bei
den Industriezöllen kompensieren. Ein sol­
Dargestellt ist die Tiefe der Verpflichtungen pro Partner in den von ihnen abge-
schlossenen FHA mit anderen Staaten. Diese variiert je nach Partner und Bereich
ches Portfolio wäre ein nützliches Verhand­
(0 = Bereich nicht oder kaum abgedeckt in FHA; 1 = weitgehende Verpflichtungen lungsmittel, weil die nicht tarifären Han­
bezüglich Marktzugang). delshemmnisse – beispielsweise technische

16  Die Volkswirtschaft  4 / 2018


FOKUS

KEYSTONE
Bei einigen poten-
ziellen Freihandels-
Vorschriften und Sicherheits­ standards partnern der Schweiz –– Efta-Plattform: Die Schweiz verhandelt den
–  für Produkte immer noch hoch sind und dominiert die Land- Grossteil ihrer FHA im Rahmen der Efta. Das
auch nach einem autonomen Zollabbau wirtschaft. Reisanbau Gewicht der Efta-Länder insgesamt könnte
in Myanmar.
den Marktzugang noch erheblich erschwe­ theoretisch in den Verhandlungen zukünf­
ren oder de facto sogar behindern kön­ tiger FHA die wegfallende Verhandlungs­
nen. Auch Zugeständnisse beim Zugang für masse aufgrund der abgeschafften Indus­
Dienstleistungen und Investitionen bilden triezölle kompensieren. Allerdings konnten
attraktive Verhandlungselemente. wir keine Hinweise auf gegenseitige Zuge­
–– Ursprungsregeln: Ursprungsregeln sind fes­ ständnisse zwischen Efta-Mitgliedsstaaten
ter Bestandteil von FHA. Sie legen für jede bei Verhandlungen finden, womit auch die­
Warengruppe fest, ab wann diese als Ur­ ses Element keinen alternativen Verhand­
sprungsware eines bestimmten Landes de­ lungstrumpf darstellt.
klariert werden kann. Die Forschung zeigt,
dass Ursprungsregeln im Zusammenhang Textilzölle für einige Länder
mit präferenziellen Zöllen ein bedeuten­
relevant
des Handelshemmnis darstellen. Bei einer
einseitigen Zollaufhebung werden die Ur­ Insgesamt zeigt die Studie, dass eine Abschaf­
sprungsregeln für den Import in die Schweiz fung der verbleibenden Industriezölle die Posi­
weniger wichtig, und die damit verbundenen tion der Schweiz nur in geringem oder sogar
regulatorischen Anforderungen für Unter­ vernachlässigbarem Ausmass schwächen wür­
nehmen entfallen teilweise oder ganz. Ur­ de.  84 Prozent des Güterhandels finden mit
sprungsregeln sind somit kein alternatives Staaten statt, mit welchen die Schweiz b
­ ereits
Verhandlungselement. über ein FHA verfügt (siehe Abbildung 2), und

Die Volkswirtschaft  4 / 2018  17
IMPORTZÖLLE

Abb. 2: Gesamthandelsvolumen der Schweiz im Industriebereich nach Partnern

Europäische Union -28 China (inkl. Hongkong) USA

Japan übrige
Staaten

EZV (2016), BERECHNUNGEN WTI (2017) / SECO / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


Singapur Kanada

Südkorea Mexiko

Malaysia Vietnam
Brasilien
Vereinigte Ara-
bische Emirate

Türkei Katar Indien


Eurasische

übrige
Wirt-
schafts-
Efta union

   Anteilsmässiges Handelsvolumen mit FHA-Partnern der Schweiz     


  Anteilsmässiges Handelsvolumen mit potenziellen zukünftigen Verhandlungspartnern    
  Anteilsmässiges Handelsvolumen mit Staaten, für welche bei einer autonomen Zollaufhebung alternative Verhandlungselemente nötig sein könnten,
d. h., wo ein einseitiger Abbau die Position der Schweiz schwächen würde

die Industriezölle sind bereits sehr tief. Rele­ der gebundenen Zölle und das gesamte Port­
vant wäre ein autonomer Zollabbau hingegen folio an Zugeständnissen können für die
für Verhandlungen mit Ländern, deren Haupt­ Schweiz eine nützliche alternative Verhand­
interesse auf dem Textil- und Bekleidungs­ lungsmasse darstellen.
sektor oder den einzelnen Spitzenzöllen liegt
– insbesondere aus wirtschaftspolitischer
Sicht und unter Berücksichtigung der globalen
Wertschöpfungsketten.
Potenzielle zukünftige Handelspartner
mit mittlerer bis hoher Sensitivität gegenüber
einem einseitigen Zollabbau der Schweiz sind
Indien, Brasilien, Malaysia, Vietnam, die Eu­
Koen Berden Anirudh Shingal Charlotte Sieber-Gasser
rasische Wirtschaftsunion (EAWU) mit Russ­ PhD in Economics, PhD in Economics, PhD in Law, Senior Research
land als grösstem Staat und eine kleine Rest­ Director of Outreach, Senior Research Fellow, Fellow und Dozentin,
gruppe (u. a. mit der Mongolei, Pakistan, dem World Trade Institute, World Trade Institute, Universität Luzern und
Universität Bern Bern Universität St. Gallen
Iran, Moldawien und Indonesien). Die ­Rolle

Literatur
Berden, K., et al. (2017). Significance of Ciuriak, D., und Xiao, J. (2014). Should Cana- Davis, C. L. (2004). International Institutions Limão, N. (2007). Are Preferential Trade
Autonomous Tariff Dismantling for Future da Unilaterally Adopt Global Free Trade? and Issue Linkage: Building Support for Agreements with Non-trade Objectives a
Negotiations of Free Trade Agreements, Commissioned Study, Canadian Council of Agricultural Trade Liberalization, in: Ameri- Stumbling Block for Multilateral Liberali-
Studie im Auftrag des Seco. Chief Executives. can Political Science Review, 98(1), 153–169. zation?, in: The Review of Economic Stu-
Keohane, R. O. (1986). Reciprocity in Interna- dies, 74(3), 821–855.
tional Relations, in: International Organi-
zation,40(1), 1–27.

18  Die Volkswirtschaft  4 / 2018


FOKUS

Kanada, Norwegen und Neuseeland


machen positive Erfahrungen
Für das Exportland Schweiz könnte sich ein einseitiger Zollabbau lohnen. Dies lässt
sich aus einer Untersuchung für Kanada, Norwegen und Neuseeland ableiten – die
drei Länder haben bereits mit Erfolg unilateral Importzölle abgebaut.    Simon Schropp,
Kornel Mahlstein

hat.2 Aufgrund der enormen Wichtigkeit des Ex­


Abstract    Neuseeland, Kanada und Norwegen verfügen bereits über Er-
portsektors für die Schweizer Wirtschaft kon­
fahrung mit autonomen Importerleichterungen, aus deren Aufberei-
tung die Schweiz nützliche Lehren ziehen kann. Dieser Beitrag legt erst- zentrierten wir uns für diesen Beitrag auf die
mals eine quantitative Analyse der Effekte des autonomen Zollabbaus auf Auswirkungen des autonomen Zollabbaus auf
die Exportstärke dieser drei Länder vor. Neuseeland baute Importzölle ab die Exportstärke dieser drei Länder.
den späten Achtzigerjahren ab, Norwegen folgte 2006 und Kanada nach Ein unilateraler Zollabbau führt aus volks­
der Weltwirtschaftskrise ab 2008. Eine Studie der Wirtschaftskanzlei Sid- wirtschaftstheoretischer Sicht nicht nur zu
ley Austin LLP zeigt, dass das Exportwachstum dank dieser Massnahmen
steigenden Import-, sondern auch zu steigenden
deutlich höher lag als in einer Modellprognose ohne Zollabbau. Dies weist
darauf hin, dass sich auch für das Exportland Schweiz ein unilateraler Zoll- Exportraten. Der Grund: Niedrige Zölle reduzie­
abbau lohnen könnte. ren die Preise und erhöhen Auswahl und Qua­
lität von wichtigen Vorleistungsgütern, die zur
Herstellung von hochwertigen Exportartikeln

D  ie Bedeutung von offenen Märkten für die


Schweizer Volkswirtschaft ist immens.
Angesichts der ungewissen Zukunft der multi­
verwendet werden.3 Eine weiter gehende Inte­
gration in globale Wertschöpfungsketten trägt
dazu bei, dass Exporteure konkurrenzfähig
lateralen Verhandlungen im Rahmen der Welt­ bleiben und teilweise vor den Wirkungen einer
handelsorganisation bieten sich autonome Aufwertung der einheimischen Währung abge­
Importerleichterungen für wichtige Industrie­ schirmt werden. Generell ermöglichen niedrige­
güter – bis hin zum kompletten Zollabbau – an. re Zölle eine Ressourcen-Reallokation zuguns­
In diesem Kontext prüft nun auch die Schweiz ten der Exporteure.
die Möglichkeit einer solchen unilateralen Die Ausgangslage für den einseitigen Zollab­
Massnahme.1 bau unterscheidet sich in den drei Staaten und
Mehrere Länder – darunter die offenen ist durch den jeweiligen wirtschaftspolitischen
und entwickelten Volkswirtschaften Singapur, Kontext geprägt. So waren einseitige Importer­
Hongkong, Neuseeland, Australien, Chile, Ka­ leichterungen in Neuseeland nur ein kleiner Teil
nada und Norwegen – verfügen bereits über eines gross angelegten Wirtschaftsreformpa­
Erfahrungen mit dem autonomen Zollabbau. kets Ende der Achtzigerjahre, welches das Land
Bisher liegen jedoch noch keine belastbaren vor dem finanziellen Kollaps bewahren sollte.
1 Bundesrat beschliesst quantitativen Analysen der volkswirtschaft­ In einer ersten Phase, die von 1988 bis 1992 dau­
Massnahmen gegen
Hochpreisinsel, Me-
lichen Effekte solcher Massnahmen vor, die erte, setzte die Regierung den radikalen Abbau
dienmitteilung vom Schweizer Entscheidungsträgern an die Hand von nicht tarifären Handelshemmnissen so­
20.12.2017.
2 Sidley Austin (2017). zu geben wären. Deshalb hat die Wirtschafts­ wie von Importzöllen in allen Sektoren – Agrar­
Empirical Analysis of kanzlei Sidley Austin LLP im Auftrag des Staats­ güter, Konsumgüter und Rohstoffe  – durch.
the Potentials and Eco-
nomic Impact of the sekretariats für Wirtschaft (Seco) untersucht, Zudem trieb Neuseeland eine rigorose Konver­
Unilateral Easing of
Import Restrictions wie sich ein unilateraler Zollabbau auf Export­ tierung von Mengen- und Mischzöllen zu reinen
3 Siehe auch Beitrag von
Larissa Müller (Seco)
wachstum, Produktivität und Beschäftigung in Wertzöllen voran. In einer zweiten Phase wur­
auf Seite 6. Neuseeland, Kanada und Norwegen ausgewirkt den zwischen 1993 und 1996 weitere I­ mportzölle

Die Volkswirtschaft  4 / 2018  19
IMPORTZÖLLE

verringert. Insgesamt senkte Neuseeland seine Tatsächliches und geschätztes Exportwachstum


Wertzölle von durchschnittlich 16 Prozent auf
Neuseeland
6 Prozent, was dem damaligen OECD-Durch­
0,15    Exportwachstum (im Vergleich zum Vorjahresquartal), in %
schnitt entsprach.
Beginn der Zollabbaumassnahmen
In Kanada wiederum war der einseitige Zoll­
abbau ein wichtiger Teil von Wirtschaftsrefor­ 0,1
men, welche nach der Weltwirtschaftskrise von
2008 die Bürokratie und den Verwaltungsauf­
0,05
wand abbauen sollten. Nach intensiven Konsul­
tationen der Industrie liberalisierte die kana­
dische Regierung zwischen 2009 und 2015 die 0

Zölle von mehr als 1900 Gütern über drei Phasen


hinweg. Der Zollabbau beschränkte sich weitge­ –0,05
hend auf Kapital- und Investitionsgüter. Zölle auf
91

92

93

97
94

95

96
Agrar- und Konsumgüter blieben hingegen un­
19

19

19
19

19
19

19
angetastet. Da viele Zolltarife bereits vor der Re­
form niedrig waren, war die Regierung bestrebt,
vor allem sogenannte Nuisance Tariffs zu elimi­ Kanada
nieren. Damit sind tiefe Zollsätze gemeint, deren 0,2    Exportwachstum (im Vergleich zum Vorjahresquartal), in %
Administration mehr kostet, als die Zölle ein­ Beginn der Beginn der Schätzperiode
Zollabbau-
bringen. Ende 2016 waren 74 Prozent aller ent­ massnahmen
0,1
sprechenden Zolltarife gänzlich eliminiert, und
lediglich knapp 7 Prozent der Zölle – vornehm­

OECD; BERECHNUNGEN SIDLEY AUSTIN LLP BASIEREND AUF EINER AUTOREGRESSIVE DISTRIBUTED LAG (ARDL) EVENTANALYSE / DIE VOLKSWIRTSCHAFT
lich auf Textilien und Schuhwaren – verblieben 0

über der 10-Prozent-Schwelle.


Norwegen verfolgte die Strategie des kom­ –0,1
pletten Abbaus von Nuisance Tariffs auf In­
dustriegüter. Dies geschah ohne äusserlichen
–0,2
wirtschaftlichen Druck. Ausschlaggebend wa­
ren vielmehr die steigende Bedeutung des asia­
07

10

11

12

13
0

20

20

20
20

20
20

20

tischen Marktes, das Streben nach der Produk­


tion höherwertiger Exportgüter und der Abbau
von bürokratischen Hürden. Quasi über Nacht
Norwegen
senkte Norwegen im Jahr 2006 den Durch­
0,2    Exportwachstum (im Vergleich zum Vorjahresquartal), in %
schnittszoll auf Nichtagrargüter von 2,29 auf Beginn der Beginn der Schätzperiode
0,54 Prozent – womit im Industriegütersektor Zollabbau-
massnahmen
derzeit lediglich 144 Zollpositionen im Textil- 0,1

und Luxussegment nicht zollbefreit sind.


0

Messbarer Effekt in allen


drei Ländern –0,1

Um die Effekte des unilateralen Zollabbaus zu


–0,2
quantifizieren, verwendeten wir eine sogenann­
te Event-Analyse. Basierend auf historischen
4

10
07

9
0
0

20
20
20

20

20

20

20

Daten, verglichen wir darin das tatsächliche Ex­


portverhalten (mit Zollabbau) mit einer Schät­   Tatsächliche Entwicklung der Exporte            Prognostizierte Entwicklung ohne Zollabbau
zung des Exportaufkommens ohne Zollabbau. Wenn sich die tatsächlichen Exportraten (grüne Linie) oberhalb der vorhergesag-
Die Differenz zwischen den beiden Szenarien ten (blaue Linie) befindet, haben die einseitigen Zollabbaumassnahmen eine Erhö-
gibt einen Hinweis auf den Effekt des «Events», hung der Exporte des jeweiligen Landes bewirkt.

20  Die Volkswirtschaft  4 / 2018


FOKUS

Neuseeland hat die Importzölle


seit Ende der Achtzigerjahre
massiv gesenkt. Port Chalmers auf
der Südinsel.

ALAMY

Die Volkswirtschaft  4 / 2018  21
IMPORTZÖLLE

d. h. des Zollabbaus. Den Zeitpunkt des «Events» leistungsprodukte schlicht kontraproduktiv.


wählten wir jeweils so, dass der Zollabbau mög­ Importzölle schwächen die Konkurrenzfähig­
lichst isoliert von anderen durchgeführten Re­ keit des Exportsektors: Sie reduzieren Auswahl
formmassnahmen betrachtet werden kann. und Qualität von Zwischengütern und machen
Die Auswertung zeigt: Bei Neuseeland setzte die exportorientierten Firmen gegenüber einer
der Effekt der autonomen Zollabbaumassnah­ Währungsaufwertung verwundbarer.
men nach der zweiten Reformphase von 1993 bis Für das Exportland Schweiz mit seinem im­
1996 ein (siehe Abbildung). Das tatsächlich er­ portsensiblen Landwirtschaftssektor sind die
wirtschaftete Exportwachstum lag in den fünf Erfahrungen dieser drei Länder von primärer
Jahren nach der zweiten Reformphase – im ers­ Bedeutung. Aufgrund der direkten Demokratie
ten Quartal 1993 – durchwegs über der Prog­ in der Schweiz scheint das kanadische Modell
nose: Im Vergleich zur Schätzung ohne Zollab­ besonders relevant für das Schweizer Vorha­
bau stiegen die Exporte zusätzlich jährlich um ben: Mit einem À-la-carte-Ansatz zum Zoll­
2,4 Prozent. abbau (Liberalisierung von speziellen Indus­
Für Kanada registrieren wir kleinere Effek­ trie-, Investitions- und Vorleistungsgütern),
te, was auf die geringere Anzahl liberalisier­ einem schrittweisen und geordneten Abbau
ter Zolltarife und auf die «Überschaubarkeit» von Zollpositionen, einer zielorientieren Ver­
der Zollsenkungen zurückzuführen ist. In der nehmlassung und einer ergebnisoffenen und
Schätzung berücksichtigen wir einen mögli­ integrativen Kommunikationspolitik hat Ka­
chen Aufholeffekt nach der Weltwirtschafts­ nada beispielhafte Arbeit geleistet. Dies hat
krise. Dabei resultiert mit Zollabbau ein um 0,75 sich nicht nur in höheren Ausfuhrvolumina
Prozent höheres jährliches Wachstum der Ex­ bezahlt gemacht hat, sondern auch die kana­
porte in den fünf Jahren nach dem «Event». dische Privatwirtschaft vom Nutzen des unila­
Auch im Fall von Norwegen verzeichnen wir teralen Zollabbaus überzeugt. Letztere fordert
Effekte, selbst wenn wir Erdöl- und Grossindus­ nun sogar von sich aus weiter gehende Import­
trieexporte wie Schiffbau und Ölbohrinseln aus erleichterungen auf Konsumgüter und Nah­
den Exporten herausnehmen. Die Ergebnisse rungsmittel.
weisen darauf hin, dass das Exportwachstum
dank der Zollabbaumassnahmen mindestens
1,2 Prozent höher ausgefallen ist als in einer Si­
tuation ohne Zollabbau.4

Kanadisches Modell für die Schweiz


interessant
4 Statistisch knapp in- Die Ergebnisse unserer Studie machen deut­ Simon Schropp Kornel Mahlstein
signifikant (18% Signi-
fikanzniveau). Bei einer lich, dass der einheimische Exportsektor vom Dr. oec. (HSG) und PhD in PhD in International
kürzeren Schätzperiode International Economics Economics (IHEID Genf),
ohne vollen Konjunk- einseitigen Zollabbau profitiert. In Zeiten glo­ (IHEID Genf), Managing Ökonom, Sidley Austin
turzyklus sind die Effek- bal integrierter Wertschöpfungsketten sind Economist, Sidley Austin LLP, Genf
te grösser und statis- LLP, Washington, D.C.
tisch signifikant. Einfuhrzölle auf wichtige Industrie- und Vor­

22  Die Volkswirtschaft  4 / 2018


FOKUS

Zölle senken, ohne der Schweizer


Landwirtschaft zu schaden
Um gegen die hohen Lebensmittelpreise in der Schweiz vorzugehen, könnten einzelne
Zölle unilateral gesenkt werden. Die einheimische Agrarproduktion wäre davon nicht
betroffen.  Jacques Chavaz, Martin Pidoux

schluss von Freihandelsabkommen erforderlich


Abstract  Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Zölle im Lebensmittel­sektor
abzubauen, ohne die landwirtschaftliche Produktion zu beeinträchtigen sind.
oder die Schweizer Agrarpolitik infrage zu stellen. Eine Studie des For- In der Schweiz belaufen sich die auf den Im­
schungsunternehmens jch-consult und der Hochschule für Agrar-, Forst- port von Agrarprodukten erhobenen Zölle ge­
und Lebensmittelwissenschaften (Hafl) hält fest, dass für einige Produkte mäss der Welthandelsorganisation (WTO) auf
im Lebensmittelsektor der Zollschutz punktuell unnötig oder unnötig hoch durchschnittlich 36,1  Prozent. Damit liegen sie
ist. Dies gilt insbesondere für Zölle auf exotischen Produkten bzw. auf Er- um ein Vielfaches höher als die geltenden Zöl­
zeugnissen, die für die Schweizer Landwirtschaft unerheblich sind, für be-
le für industrielle Erzeugnisse (1,8%). Zum Ver­
stimmte überhöhte Zölle im Rahmen von Kontingentsystemen sowie für
den expliziten und impliziten Industrieschutz. Der letztere macht in eini- gleich: In der EU betragen die Zölle bei den
gen Fällen jeweils einen beträchtlichen Teil der Zollsätze aus. Ein gewisser Agrarimporten 10,7  Prozent und bei Industrie­
Spielraum besteht auch bei als sensibel geltenden Agrarprodukten. Da die gütern 4,2 Prozent.
identifizierten Massnahmen die Ziele der Agrarpolitik nicht antasten sol- Das hohe Schutzniveau im Agrarbereich in
len, würden sie entsprechend beschränkte Auswirkungen auf die volks- der Schweiz geht mit den hohen Produzenten­
wirtschaftliche Wohlfahrt haben. preisen einher, die in vielen Fällen mehr als dop­
pelt so hoch sind wie in Deutschland, Österreich
oder Frankreich. Bei den Detailhandelsprei­

I m Rahmen der Diskussion über die «Hoch­


preisinsel Schweiz» beschäftigte sich der
Bundesrat auch mit Agrargütern und Lebens­
sen bestehen in etwa die gleichen Unterschie­
de.3 Gemäss der Organisation für wirtschaftli­
che Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD)
mitteln. Im Dezember 2017 beschloss er unter hängt die geringe Wettbewerbsfähigkeit der
anderem, die Importzölle für Landwirtschafts­ Schweizer Lebensmittelindustrie – mit Ausnah­
produkte zu reduzieren, die in der Schweiz nicht me von Getränken, Kaffee und Schokolade – mit
angebaut werden.1 Das sind beispielsweise Ba­ dem Protektionismus im Landwirtschaftssek­
nanen und andere exotische Früchte. Eine ent­ tor zusammen.4
sprechende Vorlage wird durch das Bundesamt Bei der Analyse von autonomen, punktuellen
für Landwirtschaft (BLW) vorbereitet. Massnahmen stellen sich verschiedene Schwie­
Eine Studie des Forschungsunternehmens rigkeiten. Zur hohen Komplexität tragen bei­
1 Bundesrat beschliesst jch-consult und der Hochschule für Agrar-, spielsweise der Zollschutz mit über 2400 Zollta­
Massnahmen gegen Forst- und Lebensmittelwissenschaften (Hafl) rifpositionen und das Importkontingentsystem
Hochpreisinsel, Me-
dienmittteilung vom im Auftrag des Staatssekretariats für Wirt­ mit zahlreichen administrativen Vorschrif­
20. Dezember 2017.
2 Chavaz J., Pidoux M.,
schaft (Seco) hat in diesem Zusammenhang den ten bei. Die Beurteilung wird auch dadurch er­
Wunderlich A., Kohler Handlungsspielraum für einen unilateralen Ab­ schwert, dass zum Markt nicht ebenso detail­
A. und Egger U. (2017).
Réductions tarifaires bau des Grenzschutzes von Agrargütern und Le­ lierte Daten vorliegen wie zur Zollbelastung.
autonomes dans le do-
maine agroalimentaire.
bensmitteln untersucht. Eine Vorgabe war, dass Um zu klären, ob das Schutzniveau für ge­
3 Siehe insbe­sondere die Ziele der Schweizerischen Agrarpolitik nicht wisse Produkte verringert werden könnte, wur­
BLW, Agrarbericht,
2016. beeinträchtigt werden.2 Gleichzeitig soll ein ge­ den in der Studie mehrere ergänzende Metho­
4 OECD (2015). OECD- wisser Spielraum für Zugeständnisse beibehal­ den verwendet. Die Zolltarifpositionen wurden
Studie zur Agrarpolitik:
Schweiz 2015, Paris. ten werden, die im Zusammenhang mit dem Ab­ entsprechend den einzelnen zu analysierenden

Die Volkswirtschaft  4 / 2018  23
IMPORTZÖLLE

Importzölle für
Bananen abschaffen?

KEYSTONE
Verteilzentrum der
Migros in Dierikon LU.

­ ategorien gefiltert. Beim Industrieschutz ka­


K überwälzt werden, bedeutet dies für die Konsu­
men mehrere Indikatoren zum Zuge. Um die all­ menten eine unnötige Belastung von 3,8 Millio­
gemeine Sensitivität der Agrarzölle und deren nen Franken. Das Entlastungspotenzial ist je­
Auswirkungen auf die Wertschöpfungskette zu doch zu relativieren, da bezüglich zahlreicher
erfassen, wurden mithilfe des Agrarsektormo­ exotischer Produkte bereits Zollpräferenzen für
dells Capri verschiedene Zollsenkungsszenarien die ärmsten Länder bestehen; zudem sind wei­
geschätzt.5 Schliesslich ermöglichten Fallstu­ tere Ausnahmen im Rahmen von bilateralen
dien, die Sensitivitätsschwellen und die Effekte Freihandelsabkommen geregelt.
auf die Preistransmission besser abzuschätzen.
Zollspitzen und Kontingente
Produkte ohne Bezug zur Schweizer
Im Agrar- und Lebensmittelbereich gibt es di­
Landwirtschaft
verse Zollspitzen, was die sehr ungleichmässi­
Bei über 300 Zolltarifpositionen zu tropischen ge Ausgestaltung des Zollsystems verdeutlicht.
oder exotischen Produkten kann die Aufhe­ Unter anderem trägt der Schutz sensibler Berei­
bung der Zölle in Betracht gezogen werden. Im che durch Einfuhrkontingente dazu bei.
Jahr 2015 entsprachen die betreffenden Impor­ Zwischen 2012 und 2015 betrug der einfache
te einem Volumen von 2,7 Milliarden Franken – Durchschnitt des Wertzolläquivalents bei über
5 Simulationen durch
Anne Wunderlich
wertmässig ist das ein Viertel der gesamten Ag­ 1800 Tarifpositionen mit Einheitssätzen 13 Pro­
und Andreas Kohler, rareinfuhren. zent; bei Produkten, die im Rahmen von Kontin­
Agroscope Tänikon.
6 Zollbelastung, aus- Der Zollschutz dieser Produkte belief sich genten eingeführt wurden, waren es 11 Prozent.
gedrückt in Prozent auf durchschnittlich 6,1  Prozent. Beispielswei­ Demgegenüber belief sich das Wertzolläquiva­
des Stückwerts bei der
Einfuhr, während die se wird bei Bananen ein Zoll von 14 Franken pro lent bei den ausserhalb von Kontingenten reali­
Schweiz im Agrar- und
Lebensmittelbereich 100 Kilogramm erhoben, was einem sogenann­ sierten Importen auf knapp 115 Prozent. Zudem
ausschliesslich spezi-
fische Zölle (Fr./100 kg)
ten Wertzolläquivalent6 (AVE) von 11,7  Prozent wiesen 124 Zolltarifpositionen eine Zollbelas­
anwendet. entspricht. Da diese Zollgebühren auf die Preise tung von über 100 Prozent auf – bei diesen wird

24  Die Volkswirtschaft  4 / 2018


FOKUS

der Produktpreis bei der Zollabfertigung min­ lässt sich kaum mit den Prinzipien vereinbaren,
destens verdoppelt. Da sich insbesondere bei die unserer Wirtschaftspolitik zugrunde liegen.
Milch, Fleisch, Ölen und Fetten sowie Gemüse Ausserdem schränkt er den Marktzugang von
zahlreiche Zollspitzen finden, wurden diese Be­ Entwicklungsländern ein.
reiche genauer analysiert. In bestimmten Fällen sieht das schweizeri­
Die Kontingente wurden anhand mehre­ sche Recht den Industrieschutz explizit vor –
rer Kriterien überprüft. Wie sich zeigt, besteht beispielsweise bei Müllereierzeugnissen: Beim
ein Vereinfachungspotenzial bei jenen Kontin­ Mehl beträgt dieser Schutz 20 Franken pro
genten, die nicht bewirtschaftet sind (z. B. eini­ 100 Kilogramm. Auch bei Nahrungsmitteln
ge Milchprodukte, Eiprodukte, Traubensaft und der zweiten Verarbeitungsstufe7 wie Speiseeis,
Hartweizen). Nicht ausgeschöpft sind die Kon­ Schokolade, Kleingebäck, Konfitüren und Rös­
tingente bei Zuchtschweinen, bei Obst zu Most- ti etc. reicht er bis zu 120 Franken pro 100 Ki­
und Brennzwecken sowie beim Wein. Hier ist logramm: Hier könnte der Schutz angesichts
es grundsätzlich möglich, den Zollschutz abzu­ der Zugeständnisse, die im Protokoll Nr. 2 des 7 Die zweite Verarbei-
tungsstufe wird in
bauen. Freihandelsabkommens von 1972 zwischen der ­Abgrenzung zur ers-
ten Verarbeitungsstu-
Die meisten Kontingente sind ausgeschöpft Schweiz und der EU und in anderen Handelsab­ fe definiert, welche die
und müssen entsprechend differenziert analy­ kommen eingeräumt wurden, systematisch auf­ Erstverarbeitung von
­Agrarrohstoffen um-
siert werden. In diesen Fällen beeinflussen das gehoben werden, ohne dass sich dies negativ auf fasst, z. B. die Herstel-
lung von Butter, Käse,
Kontingentsvolumen und der Kontingentszoll­ die landwirtschaftliche Produktion auswirken Mehl, Öl, entbeintem
ansatz die Preisbildung im Schweizer Markt – würde. Fleisch.
8 Der Zollsatz für land-
und weniger der Ausserkontingentszollansatz. Zusätzlich zum expliziten Industrieschutz wirtschaftliche Ver-
arbeitungsprodukte
Das Analyseraster zeigt sogar in sensiblen Be­ weist die Zollstruktur auch einen weiter ver­ setzt sich aus einem
reichen wie beispielsweise Rindfleisch, Geflügel breiteten impliziten Industrieschutz auf. Die­ beweglichen Teilbe-
trag (=Agrarschutz-
und Kartoffeln, dass eine Reduktion von Zöllen ser wurde mithilfe von Indikatoren ermittelt. element), der von den
Beispielsweise beträgt der implizite Industrie­ Preisunterschieden der
ohne negative Auswirkungen auf die inländi­ Grundstoffe zwischen
sche Produktion möglich ist. schutzanteil bei Butter 53 Prozent am beweg­ der Schweiz und der EU
bzw. der übrigen Welt
Aus der Analyse der speziellen saisonalen lichen Teilbetrag des Zollsatzes für Verarbei­ abhängt, und einem
Regelung für Früchte und Gemüse geht hervor, tungsprodukte8, die Butter enthalten (siehe fixen, expliziten In-
dustrieschutzelement
dass die Kontingentszollansätze (einschliesslich Tabelle). ­zusammen.
während der nicht bewirtschafteten Periode)
ohne Auswirkungen auf die Produktion in der
Einseitige oder gegenseitige Massnahmen?
Schweiz aufgehoben werden könnten. Dies wür­
Ein einseitiger Abbau von Zöllen kann auch schutzes für verarbeitete Agrarprodukte
de die Arbeit der Marktteilnehmer erleichtern, Auswirkungen auf die Verhandlung von ein substanzieller Spielraum beim Abbau
hätte aber nur einen geringen Effekt auf die De­ künftigen Freihandelsabkommen (FHA) der der beweglichen Teilbeträge, insbesondere
tailhandelspreise. Zudem besteht bei Früchten Schweiz haben, da mögliche Zugeständnis- bezüglich Butter und Milchpulver, aber auch
se als Verhandlungspfand wegfallen. Dies- bei Getreide. Drittens werden in diesem Bei-
und Gemüse ein gewisser Spielraum, die prohi­
bezüglich sind jedoch drei Bemerkungen trag vielfältige Stossrichtungen zur Frage
bitivsten Ausserkontingentszollansätze zu sen­ anzubringen: Erstens würde eine selbst- aufgezeigt, die sich sowohl als selbststän-
ken. Mit einer weiter gehenden Reduktion des ständige «Bereinigung» gewisser Mängel dige Massnahmen als auch als bilaterale Zu-
Grenzschutzes könnte die Einfuhrregelung ver­ oder veralteter Elemente der Zolltarife die geständnisse ohne negative Auswirkungen
Position der Schweiz bei der Aushandlung auf die Schweizer Agrarproduktion realisie-
einfacht und die Vorhersehbarkeit verbessert eines FHA nicht schwächen. Zweitens be- ren lassen.
werden. Gleichzeitig könnte man in qualitati­ steht bei einer Aufhebung des Industrie-
ver Hinsicht besser auf die sich differenzierende
Nachfrage eingehen.
Impliziter Industrieschutz bei Vollmilchpulver und Butter in
Verarbeitungs­produkten
Komplexer Industrieschutz
EZV, BLW, SECO; SCHÄTZUNG DER
AUTOREN / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Wertzoll (AVE) Industrieschutzquote Industrieschutzanteil


(ISQ) am beweglichen
Als Industrieschutz gilt jener Teil der Zollsät­ Teilbetrag (ISQ/AVE)
ze, mit dem nicht die Agrarrohstoffe geschützt Vollmilchpulver 109% 42% 39%
werden, sondern die mit ihrer Verarbeitung ver­ Butter 190% 101% 53%
bundene Wertschöpfung. Ein solcher Schutz

Die Volkswirtschaft  4 / 2018  25
IMPORTZÖLLE

Die beweglichen Teilbeträge könnten im Prin­ unterstreicht, dass auch bei als empfindlich gel­
zip ohne Auswirkungen auf den Milchpreis um tenden Landwirtschaftsprodukten wie Milch,
40 bis 50 Prozent gesenkt werden. Dadurch wür­ Rindfleisch und Geflügel, Kartoffeln, Gemü­
den die Vorleistungskosten der Branchen, die se sowie Wein ein gewisser Spielraum für Zoll­
diese Produkte verwenden, und die Preise von senkungen besteht. Getreide, Ölsaaten und der
Milchschokolade und Speiseeis für die Konsu­ Obstanbau würden dagegen rascher auf einen
menten signifikant sinken. Insgesamt könnte der Abbau des Zollschutzes reagieren.
Industrieschutz bei rund 600 Zolltarifpositionen Auf der ersten Verarbeitungsstufe sind die
vermindert werden. Das tatsächliche Potenzial im internationalen Vergleich hohen Bruttomar­
ist womöglich noch grösser, da die verfügbaren gen bei der Verarbeitung sowohl auf den Indus­
Daten keine umfassende Analyse ermöglichen. trieschutz als auch auf den mangelnden Wett­
bewerb zurückzuführen. Dies gilt insbesondere
Konsumenten profitieren für Ölwerke und die Butter- und Milchpulverher­
stellung. In diesen Sektoren hätte ein Abbau des
Die Modellierung von einseitigen, linearen Re­ Industrieschutzes wahrscheinlich strukturel­
duktionen von Zöllen mithilfe des Agrarsektor­ le Auswirkungen, wobei sich zumindest mit der
modells Capri zeigt grosse Sensitivitätsunter­ Zeit ihre Wettbewerbsfähigkeit verbessern wür­
schiede zwischen den landwirtschaftlichen de. Profitieren würden hingegen die Unterneh­
Teilbereichen. Nach   ersten Tests mit linearen men der zweiten Verarbeitungsstufe, da sie die
Zollreduktionen konnten zwei unterschiedliche Grundstoffe zu günstigeren Preisen beschaffen
Szenarien definiert werden: Bei einer Senkung könnten.
der Zollbelastung auf Kartoffeln, Rindfleisch, Angesichts der Einschränkung der zu ana­
Geflügel, Rohmilch und Butter um 25  Prozent lysierenden Massnahmen ist klar: Insgesamt
sowie bei einer Senkung der Zölle auf Tomaten, sind keine spektakulären Auswirkungen für die
Wein, Frischmilchprodukten, Rahm und Milch­ Konsumenten und den gesamten Wohlstand zu
pulver um 50  Prozent zeigt das Modell kleine erwarten. Dennoch können ein Abbau des In­
Auswirkungen. Die Effekte liegen bei den Prei­ dustrieschutzes und die Aufhebung des Schut­
sen zwischen 0 und –2 Prozent sowie zwischen zes von Produkten, bei denen kein Bezug zur
0 und –1 Prozent bei den Produktionsvolumen. Schweizer Landwirtschaft besteht, positive
Das zweite Szenario, bei dem die Zölle auf Auswirkungen haben. In Anbetracht der Prob­
bestimmten Produkten um 75 bis 100  Prozent leme, die durch den komplexen und uneinheitli­
gesenkt werden, führt – abgesehen von Ölsaa­ chen Zollschutz im Agrar- und Lebensmittelbe­
ten und Mais (–5 und –7%) – ebenfalls nicht zu reich verursacht werden, könnte mit mehreren
einem deutlichen Rückgang der Agrarproduk­ kleinen Schritten getestet werden, wie das kom­
tion. Die Wohlstandsanalyse zeigt je nach Sze­ plizierte und vielfach eher intransparente Inst­
nario, dass sich die Konsumentenrente um 80 rumentarium zu vereinfachen wäre.
und 325 Millionen Franken erhöht. Demgegen­
über sinken die Gewinne der Landwirtschaft
um 23 und 81 Millionen Franken.

Keine spektakulären Auswirkungen


Die Studie zeigt: Der Zollschutz für Landwirt­
schaftsprodukte könnte in mehreren Bereichen
einseitig abgebaut werden, ohne dass die inlän­ Jacques Chavaz Martin Pidoux
dische Agrarproduktion beeinträchtigt würde. Partner und Projektleiter, Dozent für Agrarpolitik
jch-consult, Villars-sur- und -märkte, Hochschule
Das genaue Ausmass dieser Reduktionen müss­ Glâne für Agrar-, Forst- und
te jedoch noch quantifiziert werden. Der ag­ Lebensmittelwissenschaf-
ten (Hafl), Zollikofen
gregierte Ansatz durch die Modellsimulation

26  Die Volkswirtschaft  4 / 2018


FOKUS

Der hohe Preis dafür,


ein bisschen anders zu sein
Für Lebensmittel- und Haushaltsgeräteimporte aus der EU gilt das Cassis-de-Dijon-Prin­
zip nur bedingt. Diese Ausnahmeregelungen tragen zur Hochpreisinsel Schweiz bei und
schränken die Produktvielfalt ein.  Stefan Meyer-Lanz, Manuel Langhart

Abstract    Mit der unilateralen Übernahme des Cassis-de-Dijon-Prinzips ten mit sich. Teilweise fallen fixe Kosten durch
waren grosse Hoffnungen für Wettbewerb und Preisniveau in der Schweiz spezifische Investitionen an, indem etwa eine
verbunden. In vielen Produktbereichen existieren heute allerdings vom Kühlschrank-Sonderserie mit höherer Energie­
Bundesrat festgelegte Ausnahmen, welche im Verdacht stehen, diese Ef- effizienz entwickelt werden muss. Zudem ent­
fekte zu bremsen. Für die Branchen der Lebensmittel und Haushaltswaren stehen auch wiederkehrende Kosten wie etwa
hat das Institut für Wirtschaftsstudien Basel (IWSB) zusammen mit dem St.
die zusätzliche Etikettierung bei Lebensmitteln.
Galler Wirtschaftsprofessor Reto Föllmi und dem Industrieökonomen Mar-
kus Saurer in einer Studie untersucht, welche Auswirkungen eine Aufhe-
Diese Regelungen beeinflussen die Marktsi­
bung der branchenspezifischen Ausnahmen brächte. Mittels quantitativer tuation in der Schweiz. Denn: Wird ein Produkt
Analysen und Experteninterviews zeigen die Autoren, dass die Fixkosten vom Cassis-de-Dijon-Prinzip ausgenommen,
für die Entwicklung einer Schweiz-spezifischen Lösung sowie die erhöhten stellt sich für einen EU-Hersteller die Frage, ob
laufenden Aufwendungen für die Etikettierung substanziell sind und die er überhaupt noch in die Schweiz exportieren
Produktvielfalt sowie den Wettbewerb negativ beeinträchtigen. Hingegen und den strengeren Vorschriften nachkommen
bringen die Ausnahmen vom Cassis-de-Dijon-Prinzip für den Konsumen-
will. Nur wenn der Markt genug Ertragspoten­
tenschutz oder die Umwelt wenig, weil die Angleichung der Rechtssysteme
der Schweiz und der EU bereits weit fortgeschritten ist. zial verspricht, wird er dies tun. Kann er die Zu­
satzkosten auf Vertriebspartner und Endver­
braucher abwälzen, manifestiert sich dies direkt

1 Genaue Definition siehe


I  m Jahr 2010 hat die Schweiz unilateral das
Cassis-de-Dijon-Prinzip eingeführt: Produk­
te, die den technischen Vorschriften der EU ent­
in steigenden Preisen. Verzichtet er hingegen
auf den Export in die Schweiz, sinkt die Pro­
duktvielfalt. Beides tangiert den Wettbewerb in
Art. 16a THG.
2 Der Bundesrat hat am sprechen und dort rechtmässig in Verkehr sind, der Schweiz direkt.
20. Dezember 2017 be-
schlossen, die Abwei- dürfen seither auch in der Schweiz ohne vorgän­ Das Institut für Wirtschaftsstudien Ba­
chungen der Schweizer
Regelungen bezüglich gige Kontrollen frei zirkulieren.1 Ausnahmen sel (IWSB) hat in Zusammenarbeit mit dem St.
Energieeffizienz von sind möglich, wenn ein überwiegendes öffent­ Galler Wirtschaftsprofessor Reto Föllmi so­
Haushaltsgeräten, alko-
holischer Süssgeträn- liches Interesse vorliegt – Beispiele für Sonder­ wie Markus Saurer von Markus Saurer Indust­
ke und zur Deklaration
von Holz und Holzpro- regelungen sind Lebensmittel, energieintensive rieökonomie erstmals Preis- und Mengeneffek­
dukten zu beseitigen. Haushaltsgeräte, aber auch Holzprodukte wie te sowie die Auswirkungen auf Produktvielfalt
Zudem wurde eine Ver-
einfachung des Bewil- Möbel.2 und Wettbewerbsintensität dieser Ausnahmen
ligungssystems für Le-
bensmittel, die gemäss
Indem hier die inländische Gesetzgebung untersucht.3 Auftraggeber ist das Staatssekre­
dem Cassis-de-Dijon- der EU-Gesetzgebung übergeordnet ist, sol­ tariat für Wirtschaft (Seco). In der Studie wur­
Prinzip in der Schweiz in
Verkehr gebracht wer- len schädliche Informationsasymmetrien den unter anderem Lebensmittel sowie Haus­
den, in die Vernehmlas-
sung geschickt, welche
entschärft – etwa bezüglich Sicherheit oder haltsgeräte untersucht.4 Im Produktbereich
bis am 23. März 2018 Qualität  – oder negative externe Effekte wie «Lebensmittel» musste gegenüber dem Bereich
dauerte.
3 IWSB – Institut für beispielsweise CO2-Emissionen und Luftver­ «Haushaltsgeräte» aufgrund der hohen Regu­
Wirtschaftsstudien schmutzung reduziert werden. lierungsdichte und der daraus resultierenden
Basel (2017), Volkswirt-
schaftliche Kosten aus- Die abweichenden Vorschriften in der Komplexität auf eine quantitative Schätzung
gewählter Ausnahmen
des Cassis-de-Dijon- Schweiz, auf deren Basis die Ausnahmen vom der Preis- und Wettbewerbseffekte verzichtet
Prinzips, Studie im Auf-
trag des Staatssekreta-
Cassis-de-Dijon-Prinzip beschlossen werden, werden. Stattdessen wurden in zusätzlichen
riats für Wirtschaft. bringen aber auch volkswirtschaftliche Kos­ Interviews Branchenvertreter befragt.

Die Volkswirtschaft  4 / 2018  27
IMPORTZÖLLE

Bewilligungspflicht für Lebensmittel doch keine weiteren Stoffe enthalten darf, wur­
de die Einfuhr bewilligungspflichtig, obwohl der
Bei den Nahrungsmitteln existieren einerseits ex­ Käse bereits rechtmässig in Deutschland in Ver­
plizite Ausnahmen. So müssen beispielsweise in kehr war. Das Bundesamt für Lebensmittelsicher­
der Schweiz alkoholische Süssgetränke nebst der heit und Veterinärwesen (BLV) bewilligte den ge­
Angabe des Alkoholgehalts in Volumenprozent riebenen Mozzarella schliesslich nach deutschem
zusätzlich mit «Alkoholhaltiges Süssgetränk» ge­ Recht – trotz den abweichenden Schweizer Vor­
kennzeichnet sein, während in der EU eine An­ schriften.
gabe des Alkoholgehalts ausreicht. Auch bei der
unbeabsichtigten Vermischung von Allergenen Importe erschwert
wird in der Schweiz ein entsprechender Hinweis
wie zum Beispiel «Kann Spuren von Nüssen ent­ Die Bewilligungspflicht und die Pflicht zur Anga­
halten» verlangt, während in der EU nur die ab­ be des Herstellungslands sowie zur Produktbe­
sichtlich zugesetzten Allergene einer Deklara­ schreibung in einer Landessprache verhindern
tionspflicht unterstehen. Anderseits besteht eine eine starke Importkonkurrenz. Ein dämpfender
allgemeine Bewilligungspflicht für sämtliche EU- Effekt auf die Preise, welcher aufgrund eines in­
Lebensmittel, welche die Schweizer Vorschriften tensiveren Wettbewerbs ausgelöst wird, kann so­
nicht vollständig erfüllen und hier in Verkehr ge­ mit kaum entstehen.
bracht werden. Nachdem das Bewilligungsverfahren zu Be­
Ein Beispiel für die allgemeine Bewilligungs­ ginn rege genutzt worden ist, beurteilt das BLV
pflicht ist geriebener Mozzarella aus Deutschland: seit 2014 jährlich lediglich noch rund zehn Gesu­
Damit dieser nicht zusammenklebt, wird dem che (siehe Abbildung 1). Diese bescheidene Nut­
Mozzarella (maximal 3 Prozent) Kartoffel- oder zung könnte das Resultat eines geringen Bedarfs
Maisstärke zugeführt. Da Käse in der Schweiz je­ für neue Produkte sein oder auch in der Tatsache

Die Energievor-
schriften sind in der
Schweiz teilweise
strenger als in der
EU. Etikett auf einem
Tiefkühlschrank.

KEYSTONE

28  Die Volkswirtschaft  4 / 2018


FOKUS

begründet liegen, dass viele neue Produkte aus Abb. 1 Bewilligungsverfahren bei Lebensmitteln (2010 bis 2016)
der EU die nationalen Normen für die Inverkehr­ 80    Anzahl Entscheide
bringung in der Schweiz bereits erfüllen.
Die Interviews mit Branchenvertretern haben
zudem gezeigt, dass die direkten und indirekten 60

Kosten des Bewilligungsprozesses markant und


ein wichtiger Entscheidungsfaktor sind. Neuarti­
40
ge Nahrungsmittel werden von den Detailhänd­
lern oft zuerst in Pilotmärkten getestet. Wenn

BLV / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


dafür zusätzliche Bewilligungen nötig sind, wird 20
auf solche Tests verzichtet. Damit entgeht den
Schweizer Konsumenten eventuell die Möglich­
0
keit, den Nutzen neuer Produkte zu entdecken. 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016

  Allgemeinverfügung erteilt       Abgewiesen       Nicht eingetreten       Zurückgezogen


Haushaltsgeräte: Teure Ausnahmen
Bei vielen Haushaltsgeräten sind die schweize­ Abb. 2 Summarische Wirkungseinschätzung der Cassis-de-Dijon-
rischen Anforderungen an die Energieeffizienz Ausnahmeregelung bei Lebensmitteln und Haushaltsgeräten
stark
weitgehend deckungsgleich mit den EU-Normen.
So können beispielsweise Geschirrspüler oder
Fernseher aus Deutschland problemlos in der
Schweiz verkauft werden. Die Schweiz hat jedoch Wäschetrockner
strengere Energieeffizienzvorschriften sowohl Kaffeemaschinen
bei einigen energieintensiven Haushaltsgeräten
Einfluss auf Produktevielfalt

Lebensmittel Untersuchte Haushaltsgeräte total


wie Elektrobacköfen, den sogenannten Weisswa­
ren wie Kühlschränke, Tiefkühler oder Wäsche­
Kühlgeräte
trockner als auch bei der Heimelektronik in Form
von Set-Top-Boxen. Zudem benötigen hierzulan­ Elektrobacköfen
de auch Kaffeemaschinen eine Energieetikette. Set-Top-Boxen
Dies ist in der EU derzeit (noch) nicht der Fall.

IWSB / DIE VOLKSWIRTSCHAFT
Den kleinen Abweichungen stehen hohe Kos­
ten gegenüber. Laut Experten beeinflussen die
Ausnahmen die Produktvielfalt indirekt. Dem­ Marktgrösse
nach bringen Weisswarenhersteller mitunter Pro­ schwach
duktinnovationen auf den EU-Markt, welche die schwach Einfluss auf Menge/Preis stark

strengeren Schweizer Effizienzvorschriften nicht


unbedingt erfüllen. Somit müssen sie sich ent­
scheiden, Sonderserien für die Schweiz zu pro­ die in der EU immer noch gefragt sind, wie etwa
duzieren oder aber den Markt nicht zu beliefern. die deutlich preiswerteren Kondensationstrock­
In welche Richtung der Entscheid fällt, hängt, ner. Zudem werden Innovationen verhindert, wel­
wie eingangs erwähnt, von den erwarteten Zu­ che für den Konsumenten zwar grosse qualitative
satzkosten und vom Zusatzertragspotenzial ab. Fortschritte bedeuten, jedoch etwas mehr Energie
Angesichts des kleinen Schweizer Marktes dürf­ verbrauchen. Branchenexperten bezweifeln denn
te dieses Erfolgskalkül oft zuungunsten unseres auch, ob den Cassis-de-Dijon-Ausnahmen über­
Landes ausfallen. Tendenziell stützen Auswer­ haupt ein positiver Effekt zugesprochen werden
tungen von Zolldaten die These, dass die Produkt­ kann, da die zusätzlich erzielten Energieeinspa­
vielfalt und damit auch der Wettbewerb unter den rungen ohnehin marginal sein dürften. 4 Ebenfalls untersucht
wurden Holzproduk-
Ausnahmen leiden. Eine quantitative Schätzung des Effekts te; siehe dazu auch den
Die starre Fokussierung auf die Energieeffi­ der Ausnahmeregelung zeigt: Im Vergleich Beitrag von Peter Moser
und Andreas Nicklisch,
zienz verdrängt auch bestehende Technologien, zu ähnlichen Geräten, welche gemäss dem HTW Chur, auf Seite 31.

Die Volkswirtschaft  4 / 2018  29
IMPORTZÖLLE

­Cassis-­­de­-Dijon-Prinzip in die Schweiz gebracht Schweiz gebracht. Vielmehr entstehen dadurch


werden dürfen, sind die untersuchten Weisswa­ substanzielle Kosten (siehe Abbildung 2).
ren im Durchschnitt 13,5 Prozent teurer. Bei den Der Nutzen ist darum gering, weil die Anglei­
Set-Top-Boxen lässt sich dieser Effekt allerdings chung der Rechtssysteme zwischen der Schweiz
nicht nachweisen, was teilweise auf den kurzen und der EU weit fortgeschritten ist und der «Swiss
Beobachtungszeitraum und das Untersuchungs­ Finish» beispielsweise den Konsumenten kaum
design zurückzuführen ist. besser, sondern einfach etwas anders schützt.
Aufgrund der Tatsache, dass die Harmonisierung
Konsumenten bezahlen Aufpreis ungehindert fortschreitet, werden die Ausnah­
men ohnehin eines Tages obsolet werden. Den
Selbstverständlich sind die qualitativen und Preis für die Abweichungen bezahlt bis dahin vor­
quantitativen Analysen mit Unsicherheiten ver­ nehmlich der Schweizer Konsument.
bunden. Zudem stellen die erwähnten Ausnah­
men vom Cassis-de-Dijon-Prinzip nur einen re­
lativ kleinen Baustein der Handelsschranken dar,
der vor allem im Lebensmittelbereich von mas­
siven tarifären Hürden überschattet wird. Auf­
grund dessen darf man nicht der Illusion unter­
liegen, dass ein Verzicht auf die Ausnahmen die
Hochpreisinsel Schweiz ausmerzen würde.
Dennoch lässt sich festhalten: Die Ausnah­ Stefan Meyer-Lanz Manuel Langhart
men vom Cassis-de-Dijon-Prinzip haben wohl we­ Dr. rer. pol., Projektleiter, Wissenschaftlicher Mit-
der bei den Lebensmitteln noch bei den Weisswa­ Institut für Wirtschafts- arbeiter, Institut für Wirt-
studien Basel (IWSB) schaftsstudien Basel (IWSB)
ren einen volkswirtschaftlichen Nutzen für die

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FOKUS

Auf dem Holzweg? Die Deklarations-


pflicht für Holzprodukte
Eine gut gemeinte Regulierung kommt Schweizer Konsumenten teuer zu stehen: In
der Schweiz müssen Möbelverkäufer deklarieren, woher das Holz eines Möbelstücks
stammt. In der EU hingegen besteht eine Sorgfaltspflicht bezüglich Holz aus illegalem
Holzschlag.  Peter Moser, Andreas Nicklisch

Abstract    Die Schweizer Verordnung über die Deklaration von Holz und Pflicht zur Herkunftsdeklaration gegenüber dem
Holzprodukten unterscheidet sich von der entsprechenden EU-Verord- Konsumenten besteht nicht.2
nung. Der Unterschied führt zu deutlichen Mehrkosten bei Importmö- Dieser konzeptionelle Unterschied klingt
beln. Gemäss einer Analyse von identischen Möbeln in der Schweiz und in gering, entfaltet möglicherweise aber erheb­
Deutschland liegt der Preisaufschlag bei deklarierten Möbeln 14 Prozent- liche Handelshemmnisse. Um dies zu prüfen,
punkte über demjenigen von nicht deklarationspflichtigen oder ungenau haben wir eine Zufallsauswahl von Preisen
deklarierten Möbeln. Die Kosten entstehen möglicherweise dadurch, dass
für von der Deklarationspflicht betroffene und
die Schweizer Regelung einen Wechsel von Vorproduktlieferanten syste-
matisch erschwert. nicht betroffene Holzprodukte in der Schweiz
und in Deutschland verglichen (für Holzpel­
lets siehe Kasten).3 Wir erfassten nur Import­

W  er in der Schweiz ein Holzprodukt kauft,


muss über die Holzart und das Herkunfts­
land informiert werden. Dies schreibt die Verord­
ware, für die es sowohl ein Schweizer als auch
ein deutsches Angebot gibt. Hierdurch konn­
ten wir die Preise für identische Produkte ver­
nung über die Deklaration von Holz und Holzpro­ gleichen.
dukten vor.1 Sie hat zum Ziel, dem Konsumenten Bei der Analyse konzentrierten wir uns auf
zu helfen, bewusste Kaufentscheidungen zu tref­ Möbel und definierten einen relativen Schwei­
fen. In der EU hingegen besteht eine Sorgfalts­ zer Preisaufschlag.4 Dabei verglichen wir die
pflicht: Der Erstimporteur muss auf Anfrage Preisaufschläge für genau deklarierte Möbel mit
nachweisen können, dass das Holz nicht aus ille­ solchen für nicht deklarationspflichtige Möbel:
galem Holzschlag stammt. Alle weiteren Händler Während zum Beispiel ein Stuhl mit Buchen­
können auf den Erstimporteur verweisen. Eine holzbeinen der Deklarationspflicht unterliegt,

Möbel: Mittlerer relativer Preisaufschlag in der Schweiz im Vergleich zu Deutschland


40       % des deutschen Preises
p=0,18
p=0,02
30
MOSER-NICKLISCH (2017) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

1 Eidgenössisches Büro
für Konsumentenfragen
BFK: Holzdeklaration.
2 EU-Kommission (2013). 20
Europäische Holzver-
ordnung.
3 Moser und Nicklisch
(2017). Holzmärkte: 10
Ökonomische Kosten
der Ausnahmen vom
Cassis-de-Dijon-Prin- 0
zip, Studie im Auftrag
des Staatssekretariats kein Vollholz ungenau deklariert genau deklariert
für Wirtschaft (Seco). Grundgesamtheit sind 58 Preisdifferenzen für Möbel. «p» bezeichnet die Wahrscheinlichkeit, dass die durchschnittlichen
4 Preisaufschlag =
(PreisCH – PreisD) / Preisaufschläge sich nicht voneinander unterscheiden (berechnet anhand eines einseitigen Wilcoxon-Mann-Whitney-
PreisD. Tests). Je kleiner der p-Wert, desto höher die Signifikanz.

Die Volkswirtschaft  4 / 2018  31
IMPORTZÖLLE

KEYSTONE
Woher stammt das
Holz dieses Stuhls?
ist ein Spanplattentisch nicht deklarations­ Konsumenten in der er in der Schweiz 28 Franken teurer – wovon
pflichtig, da er nicht aus «Vollholz» besteht. Zu­ Schweiz müssen über knapp die Hälfte statistisch der Deklarations­
sätzlich sind einige Möbel ungenau deklariert. die Holzart und das pflicht geschuldet ist.
Herkunftsland infor-
Dies ist etwa der Fall, wenn bei der Herkunft Was also mit guten Absichten startete,
miert werden.
beispielsweise lediglich «Asien» steht und das kommt die Konsumenten teuer zu stehen: De­
genaue Land fehlt. klarierte Möbel sind teurer, vermutlich, da für
sie weniger «Freiheitsgrade» in der Produktion
Signifikanter Preisaufschlag existieren. So können Wechsel bei Holzliefe­
ranten für den Schweizer Markt eine Änderung
Unsere Analyse deutet auf einen signifikan­ der Deklaration nach sich ziehen, wenn sich das
ten und systematischen Mehrpreis hin: Der Herkunftsland ändert, während für den EU-
relative Schweizer Preisaufschlag ist bei de­ Markt keine Anpassungen notwendig sind. Es
klarierten Möbeln 14 Prozentpunkte höher scheint also an der Zeit, eine Anpassung der hie­
als bei nicht deklarierten und bei ungenau 5 Zurzeit sind diesbezüg- sigen Norm zu bedenken.5
deklarierten Möbeln (siehe Abbildung). Blei­ lich zwei Motionen im
Ständerat und im Na-
ben wir beim Buchenholzstuhl: Kostet dieser tionalrat hängig (17.3843
Flückiger-Bäni und
in Deutschland umgerechnet 100 Franken, ist 17.3855 Föhn, Gleich lan-
ge Spiesse für Schweizer
Holzexporteure gegen-
über ihrer europäischen
Holzpellets in der Schweiz teurer Konkurrenz). Sie fordern
die Übernahme der Re-
Neben der Holzdeklarationspflicht untersuchten wir mögli- gelung in der EU, welche
che Importrestriktionen für naturbelassene Holzpellets. Die- die Inverkehrsetzung
se meist stäbchenförmigen Sägenebenprodukte werden als von illegal geerntetem Peter Moser Andreas Nicklisch
Holz verhindern soll.
Brennstoff genutzt. Hier liegen die Schweizer Preise 30 Prozent Der Bundesrat hat am Professor für Volkswirt- Professor für Volkswirt-
über denen der Nachbarstaaten, obwohl man europaweit aus- 20. Dezember 2017 ent- schaftslehre und Statistik, schaftslehre und Statistik,
schliesslich Pellets handelt, die keiner Restriktion unterliegen. schieden, bei Annahme Zentrum für wirtschafts- Zentrum für wirtschafts-
Hinweise legen nahe, dass der Mehrwertsteuerausgleich und eines solchen Vorstos- politische Forschung, politische Forschung,
ses die heutige Dekla- Hochschule für Technik Hochschule für Technik
Grenzformalitäten stärkere Importe und eine Angleichung an rationsvorschrift aufzu-
und Wirtschaft Chur und Wirtschaft Chur
das internationale Niveau erschweren. heben.

32  Die Volkswirtschaft  4 / 2018


SOZIALE SICHERHEIT

Sozialwerke behindern Arbeitsanreize


Soll man noch bis zur Pensionierung arbeiten oder sich frühpensionieren lassen? Und
schrumpft das verfügbare Einkommen, wenn man sich einen Zusatzverdienst sucht? Viele
Sozialversicherungen bieten kaum Anreize, länger oder mehr zu arbeiten. Eine Studie zeigt,
was sich dagegen tun liesse.   Christoph A. Schaltegger, Lukas A. Schmid, Patrick Leisibach

Abstract    Eine Studie der Universität Luzern untersuchte im Auftrag des Staats­ Wie reagiert das Arbeitsangebot?
sekretariats für Wirtschaft zwölf bestehende Sozialwerke hinsichtlich ihrer Auswir-
Fehlende Arbeitsanreize sind typischerweise
kungen auf das Arbeitsangebot. Für verschiedene Einkommensgruppen sowie Ju-
in tieferen Einkommensklassen ein Problem.
gendliche, Zweitverdiener und Familien wird aufgezeigt, wo die Arbeitsanreize im
Denn der Staat garantiert mit unterschied-
Zusammenspiel der unterschiedlichen Sozialwerke beeinträchtigt werden und wie
lichen Sozialtransfers wie Sozialhilfe oder
Korrekturmassnahmen aussehen könnten. Dabei zeigt sich, dass bei verschiedenen
Arbeitslosenentschädigung in jeder Lebens-
Sozialwerken Fehlanreize bestehen: So begünstigt die Altersvorsorge beispielswei-
situation ein Existenzminimum. Dadurch er-
se Frühpensionierungen und erschwert die Erwerbstätigkeit nach der Pensionierung.
höht sich der sogenannte Reservationslohn
Einer Flexibilisierung des Rentenalters zur Erhöhung des effektiven Renteneintritts-
– d. h. die minimale Lohnschwelle, unter der
alters stehen die Autoren allerdings kritisch gegenüber. Zudem sind in der IV die fi-
nanziellen Anreize für eine berufliche Wiedereingliederung gering. Denn zusätzlich eine Person nicht bereit ist, eine Beschäfti-
besteht oftmals Anspruch auf Leistungen anderer Sozialversicherungen. Um die dorti- gung aufzunehmen. Ebenso kann die indivi-
gen Arbeitsanreize zu verbessern, sollten deshalb weitere Reformen geprüft werden. duelle Wahl des Arbeitsangebots durch hö-
here Lohnbeiträge negativ beeinflusst wer-
den, da diese zu tieferen Nettolöhnen führen.

I  n der Schweiz gewährleistet ein engma-


schiges soziales Sicherheitsnetz in jeder
Lebenslage den Lebensunterhalt der Bevölke-
Steuern üben Anreizwirkungen aus. Denn
sie beeinflussen das verfügbare Einkommen
der Haushalte wesentlich. Beispielsweise
Untersucht man, wie das individuelle Verhal-
ten auf solche Anreize reagiert, wird grund-
sätzlich zwischen dem intensiven und dem
rung. Beitragsfinanzierte Pflichtversicherun- können öffentliche Hilfeleistungen die Emp- extensiven Arbeitsangebot unterschieden.
gen wie die Alters- und Hinterlassenenversi- fänger davon abhalten, ihr Pensum zu erhö- Das intensive Angebot bezeichnet die Ver-
cherung (AHV) sichern soziale Risiken wie Alter, hen oder überhaupt eine Erwerbstätigkeit änderung der Arbeitsstunden (Arbeitsinten-
Invalidität oder Krankheit ab. Ausserdem rich- aufzunehmen. Von einer möglichst anreiz- sität). Um diese Anreizwirkung zu quantifi-
ten durch allgemeine Steuermittel finanzierte kompatiblen Ausgestaltung der Sozialversi- zieren, berechnet man in der empirischen
sozialstaatliche Einrichtungen wie die Ergän- cherungen profitieren daher sowohl die be- Forschungsliteratur den effektiven Grenz-
zungsleistungen zur AHV und zur Invalidenver- troffene Person als auch die Gesellschaft. steuersatz (siehe Glossar). Hohe effekti-
sicherung bedarfsabhängige Leistungen aus. Letztere profitiert gleich doppelt: Denn ve Grenzsteuersätze sind ein Indiz für soge-
Der Ausbau der Sozialwerke hat massgebend einerseits steigt durch den Abbau von Fehl- nannte Armutsfallen, in denen es für die Be-
dazu beigetragen, die Lebensverhältnisse um- anreizen die Erwerbsbeteiligung von Leis-
fassender Teile der Bevölkerung bedeutend zu tungsbeziehenden, sodass der Staat weni-
Kasten 1: Die Studie
verbessern. Doch die wachsenden Ausgaben ger Transferleistungen ausbezahlen muss.
stellen Politik und Gesellschaft immer öfter vor Andererseits kann der Staat zugleich mit hö- Die Studie bietet erstmals eine Gesamtsicht
zur sozialen Sicherheit aus der Optik des
Herausforderungen. heren Steuererträgen und Sozialversiche- Arbeitsmarkts. Dabei steht insbesondere das
Eine Grundlagenstudie im Auftrag des rungsbeiträgen rechnen. Arbeitsangebot im Fokus. Insgesamt wur-
Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) hat Durch die demografische Entwicklung den zwölf Sozialwerke analysiert: die Alters-
deshalb untersucht, inwiefern sich die Sozial- und das immer zuwanderungskritischere Um- und Hinterlassenenversicherung (AHV), die
Invalidenversicherung (IV), die Ergänzungs-
werke negativ auf das Arbeitsangebot aus- feld gilt es ausserdem das Potenzial der inlän- leistungen zur AHV und zur IV (EL), die be-
wirken. Ausserdem wurden Lösungsansätze dischen Arbeitskräfte stärker auszuschöpfen. rufliche Vorsorge (BV), die Krankenversiche-
diskutiert, wie sich die Arbeitsanreize verbes- Dabei müssen die Zielkonflikte berücksich- rung (KV), die Unfallversicherung (UV), die
sern liessen.1 tigt werden, die mit der Stärkung der Arbeits- Arbeitslosenversicherung (ALV), die Erwerbs-
ersatzordnung (EO) und die Mutterschafts-
anreize verbunden sein können. Denn in der entschädigung, die Familienzulagen (FZ), die
Erwerbsanreize im gesellschaft- Sozialpolitik stehen die Entscheidungsträger Militärversicherung (MV) sowie die kantona-
oft vor einem Trilemma: Das Niveau der so- len Bedarfsleistungen Sozialhilfe und indivi-
lichen Interesse zialen Sicherung soll erhalten bleiben, die Fi- duelle Prämienverbilligung (IPV). Die Autoren
haben anhand einer detaillierten Aufarbeitung
Sowohl die Sozialsysteme als auch die zu nanzierbarkeit muss gewährleistet sein, und der wissenschaftlichen Literatur untersucht, in
ihrer Finanzierung benötigten Abgaben und gleichzeitig braucht es wirksame Arbeitsan- welchen Sozialwerken Arbeitsanreize zur Auf-
reize. Je nach Gewichtung der einzelnen Ziel- nahme und Erhöhung einer Erwerbstätigkeit
1 Siehe Leisibach et al. (2018). Die Anreizwirkungen auf die beeinträchtigt werden. Zudem wurden aktuel-
Arbeitsnachfrage sind nicht Gegenstand der Studie. In der setzungen sind Abstriche bei den Arbeitsan- le Reformen der Sozialwerke hinsichtlich ihrer
Analyse wird folglich implizit davon ausgegangen, dass eine reizen oder dem Niveau der sozialen Siche-
passende Arbeitsnachfrage vorhanden ist. Ferner werden Arbeitsanreize beurteilt sowie Korrekturmass-
nicht pekuniäre Arbeitsanreize nur am Rande behandelt. rung unausweichlich. nahmen und Handlungsbedarf aufgezeigt.

Die Volkswirtschaft  4 / 2018  33
SOZIALE SICHERHEIT

troffenen immer schwieriger wird, aus der Auch nach Erreichen des ordentlichen Pen- dank grosszügigen überobligatorischen Vor-
Armut herauszukommen. Das extensive sionsalters bestehen negative Arbeitsanrei- sorgelösungen von hohen Ersatzraten, wel-
Arbeitsangebot beschreibt eine Veränderung ze: Dann erschweren hohe Grenzsteuersätze che das extensive Arbeitsangebot einschrän-
der Arbeitsmarktpartizipation. Hier geht es (u. a. aufgrund der AHV-Beitragspflicht) eine ken. Angebracht wäre hier die Reduktion der
darum, herauszufinden, inwiefern die Sozial- Verbesserung des verfügbaren Einkommens IV-Kinderrenten. Denn das Vorrenteneinkom-
werke die Entscheidung zur Aufnahme oder durch Erwerbsarbeit. Die in der Revision der men kann insbesondere in Haushalten mit
vollständigen Aufgabe einer Erwerbstätigkeit Altersvorsorge unter dem Stichwort Flexi- Kindern übertroffen werden.
beeinflussen. Sogenannte Arbeitslosigkeits- bilisierung beworbenen finanziellen Anreize
fallen sind oft auf hohe Partizipationssteuer- Einkommensschwache Personen
sätze zurückzuführen. Für die Beurteilung der Vor dem Erreichen des ordentlichen Ren-
Arbeitsanreize in den Sozialversicherungen tenalters werden die Erwerbsanreize ein-
ist letztendlich der Gesamteffekt auf das in-
Bestrebungen zur kommensschwacher Personen, die einen
tensive und extensive Arbeitsangebot ent- Flexibilisierung des Anspruch auf Ergänzungsleistungen zu AHV
scheidend. Rentenalters sind aus und IV (EL) haben, gemindert. Die Kom-
Arbeitsanreize lassen sich überdies ge- pensationsfunktion der EL setzt Anreize
mäss ihrer Ausprägung kategorisieren: Posi- Anreizsicht kritisch zum Rentenvorbezug und zum Kapitalbe-
tive Arbeitsanreize bestehen, wenn sich zu betrachten. zug aus der beruflichen Vorsorge. Dies lies-
zusätzliche Erwerbstätigkeit positiv im se sich unterbinden, wenn der Bezug von EL
Nettoeinkommen niederschlägt. Der Partizi- zur AHV an das ordentliche Rentenalter ge-
pationssteuersatz bzw. der effektive Grenz- (Rentenzu- und -abschläge bei Abweichung knüpft würde. Für den Pensionierungsent-
steuersatz liegt dann unter 100 Prozent. Liegt vom ordentlichen Rentenalter) wirken des- scheid von Personen mit tiefen Einkommen
er über 100 Prozent, spricht man von nega- halb nur eingeschränkt. Einen grösseren Ein- ist vornehmlich das ordentliche Rentenalter
tiven Arbeitsanreizen. Positive Arbeitsanrei- fluss auf die Ruhestandsentscheidung geht massgeblich. Es wirkt ein sogenannter De-
ze alleine reichen jedoch nicht in jedem Fall, indes vom ordentlichen und vom frühest- fault-Effekt. Das bedeutet, dass die Rente
um eine Arbeitsaufnahme oder eine Erhö- möglichen Rentenalter aus. 3 oft exakt beim Erreichen des Rentenalters
hung des Arbeitsangebots attraktiv zu ma- Die Arbeitsanreize während des Erwerbs- bezogen wird, ohne innerhalb der vorhan-
chen. Grund dafür sind unter anderem mit lebens sind für einkommensstarke Perso- denen Möglichkeiten gemäss den eigenen
der Arbeit verbundene zusätzliche Kosten, nen etwa durch den partiellen Steuercharak- Präferenzen zu optimieren.4 Eine Erhöhung
wie die Ausgaben für die Kinderbetreuung ter der Beiträge für die erste und die zweite des effektiven Rentenalters dürfte folglich
oder für den Arbeitsweg. Zwar positive, aber Säule beeinträchtigt. In der beruflichen Vor- eher durch eine Anhebung des ordentlichen
geringe Arbeitsanreize können deshalb eben- sorge sollten dieser und die damit verbunde- Rentenalters zu erreichen sein. Bestrebun-
falls Hürden darstellen. ne Umverteilung von Jung zu Alt eliminiert gen zur Flexibilisierung sind aus Anreizsicht
werden. Dazu sollte der Mindestumwand- kritisch zu betrachten. Von den rentenbil-
Eine zielgruppenspezifische Sicht lungssatz wenigstens gesenkt und im Ideal- denden AHV-Beiträgen bei Erwerbsarbeit
fall entpolitisiert werden. Einkommensstar- im Rentenalter wäre ein zusätzlicher, posi-
Um die Arbeitsanreize zu analysieren und den ke Bezüger einer IV-Rente profitieren ferner tiver Einfluss auf das Arbeitsangebot zu er-
Optimierungsbedarf zu identifizieren, haben warten.
wir uns für eine zielgruppenspezifische Sicht 3 Z. B. Coile (2015) für eine Übersicht zur internationalen
entschieden. Denn bei der Vielfalt an Anrei- Literatur und Lalive et al. (2017) zur Schweiz. 4 Siehe Lalive et al. (2017).
zen ist eine Gesamtaussage für alle auf dem
Arbeitsmarkt tätigen Personen weder mög-
lich noch relevant. Im Fokus stehen fünf Ziel- Kasten 2: Glossar
gruppen, die in unterschiedlichem Ausmass Die Ersatzrate entspricht dem verfügbaren bestehen, wenn eine geringe Erhöhung des
und in unterschiedlichen Lebensphasen ­– im Renteneinkommen in Prozent des letzten ver- Arbeitseinkommens zu einem überpropor-
Erwerbsleben sowie kurz vor und nach der fügbaren Erwerbseinkommens. tional hohen Rückgang des verfügbaren Ein-
Pensionierung – von den Anreizwirkungen Der effektive Grenzsteuersatz ermittelt den An- kommens führt (der effektive Grenzsteuersatz
teil des zusätzlichen Erwerbseinkommens, der liegt dann weit über 100%). Schwelleneffekte
der zwölf untersuchten Sozialwerke betrof- nach Erhöhung des Arbeitspensums durch Steu- entstehen etwa, wenn eine Anspruchsberech-
fen sind (siehe Kasten 1). ern, Lohnabgaben und niedrigere Transferleis- tigung auf Bedarfsleistungen (z. B. Sozialhilfe)
tungen verloren geht. Ein effektiver Grenzsteuer- endet oder Transferleistungen stufenweise re-
Einkommensstarke Personen satz von 100 Prozent bedeutet, dass das erhöhte duziert werden (z. B. Invalidenversicherung).
Arbeitspensum zu keinem Anstieg des verfügba- Von (partiellem) Steuercharakter der Sozial-
Einkommensstarke Personen sind insbeson- ren Einkommens führt. versicherungsbeiträge spricht man, wenn Bei-
dere bei ihrer Ruhestandsentscheidung mit Der Partizipationssteuersatz misst den Anteil trag und Leistung nicht oder (teilweise) ver-
beeinträchtigten Erwerbsanreizen konfron- des Erwerbseinkommens, der nach Aufnahme knüpft sind. So sind Einkommen oberhalb von
einer Erwerbstätigkeit durch Steuern, Lohnab- 84 600 Franken in der AHV nicht mehr renten-
tiert. Hohe Ersatzraten – akzentuiert durch
gaben und niedrigere Transferleistungen ver- bildend, das heisst, die AHV-Rente erhöht sich
das tiefe Mindestrücktrittsalter in der zwei- loren geht. Ein Partizipationssteuersatz von mit zunehmendem Einkommen nicht mehr.
ten Säule von 58 Jahren – erhöhen die At- 100 Prozent bedeutet demnach, dass eine bis- Dennoch besteht eine Beitragspflicht. Der
traktivität von (Teil-)Pensionierungen vor her nicht erwerbstätige Person nach Arbeits- Steuercharakter kann wie in der ersten Säule
aufnahme das gleiche verfügbare Einkommen gewollt oder wie in der zweiten Säule – auf-
Erreichen des ordentlichen Rentenalters.2 wie ohne Arbeitseinsatz aufweist. grund des überhöhten Mindestumwandlungs-
Schwelleneffekte stellen besonders gra- satzes – systembedingt sein.
2 Bütler et al. (2004). Dorn und Sousa-Poza (2005). vierende negative Arbeitsanreize dar: Sie

34  Die Volkswirtschaft  4 / 2018


SOZIALE SICHERHEIT

Im Erwerbsalter existieren für einkom- nig attraktiv macht. Zusätzlich zu den Kinder-
mensschwache Personen Fehlanreize bei der renten der IV und der beruflichen Vorsor-
Kombination von IV-Rente mit EL. Die EL er- ge richten auch die EL bei Bedarf steuerfreie
möglichen die Fortführung des bisherigen Kinder- und Zusatzleistungen aus. Bei den
Lebensstandards weitgehend ohne Abstri- Transferleistungen für Kinder besteht in die-
che. Das mindert den Anreiz zur Wiederein- sen Sozialwerken Spielraum für Leistungsan-
gliederung. Hinzu kommt ein Schwellenef- passungen. Um die Erwerbsanreize beim So-
fekt beim Ausstieg. Ausserdem bewirken zialhilfebezug zu stärken, müssen die wenig
auch die Rentenstufen innerhalb der IV Fehl- übersichtlichen, situationsbedingten Leis- Christoph A. Schaltegger
Professor für Politische Ökonomie an der
anreize. Hier bedarf es einer Reihe von Kor- tungen für Familien überprüft werden. Die Universität Luzern und Direktor des Insti-
rekturen: Solange die Höhe des EL-Grundbe- Besserstellung von kinderreichen Familien tuts für Finanzwissenschaft und Finanz-
darfs nicht diskutiert, keine höheren Einkom- mit Sozialhilfeunterstützung gegenüber an- recht der Universität St. Gallen
mensfreibeiträge gewährt werden und sich deren Haushalten in bescheidenen Verhält-
die Einführung eines stufenlosen IV-Systems nissen gilt es zu korrigieren.
weiter verzögert, wird sich die Erhöhung der
Erwerbsarbeit für viele IV-Rentenbezüger Zweitverdiener
kaum lohnen. Die stark eingeschränkten Erwerbsanrei-
ze für Zweitverdiener, meist Mütter, durch
Jugendliche und junge Erwachsene die Steuerprogression sind hinlänglich be-
Aus Anreizsicht sind Transferleistungen für kannt.5 Ausserdem bestehen ungünsti-
junge Erwachsene in zweierlei Hinsicht pro- ge Anreizwirkungen auch in der AHV: So
blematisch: Erstens schaffen sie frühzeitige sind nicht erwerbstätige Ehegatten von der
Lukas A. Schmid
Abhängigkeiten, an die sich die Hilfebezie- Beitragspflicht befreit, das Einkommens-
Wissenschaftlicher Assistent,
henden gewöhnen. Leistungen der IV, unter splitting setzt die für Ehepaare erreichbare Universität Luzern
Umständen in Kombination mit EL, stel- AHV-Rente auf höchstens 150 Prozent der
len eine bedeutende Einkommensalterna- Maximalrente fest, und die Erziehungsgut-
tive dar. Zweitens hat die Abhängigkeit von schriften werden unabhängig von der Kin-
Transferleistungen negative Auswirkungen derzahl ausbezahlt. Eine zukünftige AHV-
auf ihre Erwerbskarrieren, da sich die Wie- Reform könnte deshalb das Splitting auf
dereingliederung in den Arbeitsmarkt auf- Paare mit Kindern beschränken und die Er-
grund von IV-Rentenstufen und Schwel- ziehungsgutschriften gemäss Kinderzahl
leneffekten beim Austritt nicht lohnt. Dies- abstufen. Ebenso denkbar wären in der län-
bezüglich ist die Idee weiterzuverfolgen, geren Frist die Einführung einer zivilstands-
IV-Renten für unter 30-Jährige durch ver- unabhängigen AHV sowie eine grundlegen-
stärkte Betreuungs- und Eingliederungs- de Reform des Kinder- und Familiensubven- Patrick Leisibach
massnahmen zu ersetzen. tionssystems zur besseren Vereinbarkeit von Wissenschaftlicher Assistent,
Universität Luzern
Bei den EL und in geringerem Ausmass Beruf und Familie.
auch in der Sozialhilfe müsste zur Stärkung Berechtigterweise würde heute kaum je-
der Erwerbsanreize eine Senkung des Grund- mand die geschaffenen Sozialwerke infra-
Literatur
bedarfs ins Auge gefasst werden. Ausserdem ge stellen. Es gilt jedoch, die damit verbun- Bütler, M. (2007). Arbeiten lohnt sich nicht – ein
sollte man ein nach Bezugstyp differenziertes denen Anreizwirkungen im Auge zu behal- zweites Kind noch weniger. Zu den Auswirkungen
einkommensabhängiger Tarife auf das (Arbeitsmarkt-)
Sozialhilfesystem diskutieren, bei dem der ten. Bestehende Anreize, die vom Eintritt in Verhalten der Frauen, in: Perspektiven der Wirtschafts-
Grundbedarf für kinderlose junge Erwachse- den Arbeitsmarkt oder von Zusatzverdiens- politik 8(1): 1–19.
ne geringer ist als der von älteren Leistungs- ten abhalten, sind idealerweise zu korrigie- Bütler, M., Huguenin, O. und Teppa, F. (2004). What
Triggers Early Retirement? Results from Swiss Pension
beziehenden. Im Gegenzug könnten höhe- ren. Wie unsere Übersichtsstudie zeigt, gibt Funds. Working Paper. University of Lausanne.
re Integrationszulagen für erfolgreiche An- es diesbezüglich durchaus Potenzial. Doch Coile, C. C. (2015). Economic Determinants of Workers’
Retirement Decisions, in: Journal of Economic Surveys
strengungen zur beruflichen Integration die Realisierung bewegt sich oft in einem so- 29(4): 830–853.
ausgerichtet werden. zialpolitischen Trilemma: Will man mit ver- Dorn, D. und Sousa-Poza, A. (2005). The Determinants
of Early Retirement in Switzerland, in: Swiss Journal of
tretbarem Mitteleinsatz sowohl Arbeitsanrei- Economics and Statistics 141(2): 247–283.
Einkommensschwache Familien ze schaffen als auch Schwelleneffekte min- Lalive, R., Magesan, A. und Staubli, S. (2017). Raising
the Full Retirement Age: Defaults vs. Incentives.
Einkommensschwachen Familien wird beim dern, führt meist kein Weg an einem tieferen Working Paper.
IV-Bezug eines Elternteils eine umfangrei- Niveau der sozialen Sicherheit vorbei. Leisibach, P., Schaltegger, C.A. und Schmid, L. A.
(2018). Arbeitsanreize in der sozialen Sicherheit.
che finanzielle Absicherung gewährleistet, Überblicksstudie im Auftrag des Staatssekretariats
die eine Rückkehr in die Erwerbstätigkeit we- 5 Z. B. Bütler (2007). für Wirtschaft SECO.

Die Volkswirtschaft  4 / 2018  35
«Im politischen Prozess bin ich durchaus
für Frauenquoten.» Monika Bütler vor ihrem
Büro an der Uni St. Gallen.

MARLEN VON WEISSENFLUH / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


SOZIALPOLITIK

«Die Politik sollte nicht die Stimmen


der Bürger kaufen»
Die Sankt Galler Ökonomieprofessorin Monika Bütler erklärt im Interview, was aus ihrer
Sicht in der Altersvorsorge schiefläuft und weshalb sie eine Zückerchenpolitik bei Abstim-
mungen für falsch hält. Ausserdem erklärt sie, wo sie Frauenquoten für sinnvoll hält und wo
nicht.   Susanne Blank

Frau Bütler, in welchem Alter hören Sie mit Die Finanzierung der längeren Lebensdauer Man will das Rentenalter zwischen 62 und
der Erwerbstätigkeit auf? ist damit allerdings noch immer nicht gelöst. 70 Jahren flexibilisieren. Kann das unser
(lacht) Ich werde wahrscheinlich nie ganz Wir haben nach wie vor eine Umverteilung Arbeitsmarkt überhaupt aufnehmen?
aufhören. Vielleicht werde ich später nichts zuungunsten der Jungen. Bisher profitierten Alle bisherigen Untersuchungen haben ge-
mehr verdienen, aber ich bin gerne aktiv. Al- immer nur die Alten von höheren Renditen. zeigt, dass der Arbeitsmarkt eine Erhöhung
lerdings habe ich bereits ein bisschen redu- Es wäre besser, die Umwandlungssätze her- des Rentenalters absorbieren kann. Das hat
ziert und bin nur noch zu 50 Prozent an der abzusetzen und dafür Mechanismen einzu- auch für die Schweiz gegolten, als sie 1997
HSG. Ich habe gemerkt, dass es nicht gesund führen, damit Jung und Alt von guten finan- das Rentenalter der Frauen von 62 auf 64 er-
ist, mit Mitte fünfzig jede Woche 70 Stunden ziellen Verhältnissen der Kasse profitieren. höht hat. Je mehr Erwerbsjahre verbleiben,
zu arbeiten. desto einfacher ist es, eine Stelle zu finden.

Die Altersvorsorge 2020 wurde im Auch für ältere Erwerbslose?


September abgelehnt. Auch Sie waren da- «Es macht keinen Wir hatten das Problem der Altersarbeitslosig-
gegen. Warum? Sinn, eine 58-Jährige keit schon immer und werden es auch weiter-
Mir hat das ursprüngliche Paket von Alain hin haben. Wir müssen bessere Lösungen fin-
Berset eigentlich sehr gut gefallen. Dann ka-
zu zwingen, ihr den, diese Leute wieder zu integrieren oder für
men diese zusätzlichen 70 Franken AHV-Ren- ganzes Vermögen auf­ den Verlust ihres Arbeitsplatzes zu entschädi-
te dazu. Ich fand das ein schlechtes Signal an gen. Heute machen wir das schlecht.
die Jungen. Meine Generation zwischen 50
zubrauchen.»
und 65 Jahren, der es in der Geschichte der Was machen wir schlecht?
Schweiz wirtschaftlich ohnehin schon am Bundesrat Berset bekräftigt, er wolle das Wer aus der Arbeitslosenkasse fällt, ist auf
besten ging, wäre dadurch noch besserge- Leistungsniveau erhalten. Schätzen Sie das Sozialhilfe angewiesen. Das ist einfach nicht
stellt worden. In einem Reformpaket ist das als realistisch ein? akzeptabel für eine 58-Jährige.
nicht akzeptabel. Zudem finde ich auch die- Was heisst Leistungsniveau? Wer heute in
se Zückerchenpolitik sehr schlecht. Die Poli- Rente geht, bekommt übers Leben gesehen Wie könnte man es besser machen?
tik sollte nicht die Stimmen der Bürger kau- insgesamt mehr Gelder als jemand, der vor Eine ältere Person sollte eine bessere Form
fen. Sie muss ihnen erklären, weshalb Mass- 20 Jahren in Rente ging. Ganz einfach, weil er der Absicherung haben als jemand, der mit
nahmen sinnvoll sind. oder sie länger lebt. Wenn die Leistungen für 20 Jahren keine Stelle hat. Es macht keinen
eine längere Lebensdauer reichen müssen, Sinn, eine 58-Jährige zu zwingen, ihr ganzes
Vor Weihnachten hat der Bundesrat das dann müssen wir entweder über ein höheres Vermögen aufzubrauchen. Später braucht sie
weitere Vorgehen skizziert. Er will die Rentenalter oder auch eine Senkung des Leis- dann erst recht Ergänzungsleistungen.
AHV und die berufliche Vorsorge separat tungsniveaus pro Jahr nachdenken.
sanieren. Die AHV hat Vorrang. Wie Andere Länder haben in den vergangenen
schätzen Sie das ein? Die Leistungen aus erster und zweiter Säule Jahren das Rentenalter stark erhöht. Wie
Das ist ein gangbarer Weg. Die AHV betrifft sollen gemäss Bundesverfassung 60 Pro- wurde das durchgesetzt?
uns alle und ist deshalb näher bei den Leu- zent des Erwerbseinkommens ausmachen.
ten. Allerdings haben nun Pensionskassen, Wird das noch möglich sein?
die fast nur das Obligatorium der beruflichen Diese 60 Prozent nach Steuern erreichen im- Monika Bütler
Vorsorge versichern, wirklich ein Problem mit mer noch sehr viele – selbst mit gesenkten Die 56-jährige Monika Bütler ist Professorin
für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule
dem überhöhten Umwandlungssatz. Leistungen. Aber es waren eben in der Ver-
St. Gallen. Ihre Forschungsschwerpunkte sind
gangenheit meist deutlich mehr als 60 Pro- Sozialversicherungen, Arbeitsmarkt, Wirt-
Die Pensionskassen haben im letzten Jahr zent. In den letzten 30 Jahren hat sich die schaftspolitik und Informationsökonomik. Sie ist
hohe Renditen erwirtschaftet. Ist das Vorstellung eingebürgert, dass das Lebens- Verwaltungsrätin bei den Technologieunterneh-
men Schindler sowie Huber + Suhner. Bütler kam
finanzielle Problem damit bereits entschärft? haltungsniveau nach der Pensionierung fast
erst später zur Ökonomik. Ursprünglich studierte
Nein. Erst wenn die Zinsen deutlich höher gleich hoch bleibt – auch ohne private Er- sie Mathematik und Physik an der Universität Zü-
liegen als heute, entspannt sich das Problem. sparnisse. rich. Sie ist verheiratet und Mutter zweier Söhne.

Die Volkswirtschaft  4 / 2018  37
SOZIALPOLITIK

Ohne direkte Demokratie ist es natürlich viel Die Kosten sind in den letzten 15 Jahren ex- Wer ist es dann?
einfacher, ein höheres Rentenalter durchzu- plodiert. Was lief schief? Teuer sind diejenigen in der Mitte, die sich
setzen. Gute Beispiele sind die nordischen Die Ergänzungsleistungen sind faktisch zu eigentlich selber finanzieren könnten, es aber
Länder. Politischen Druck gibt es allerdings einer Pflegeversicherung mutiert. Das ist eine nicht tun. Wer Gelder aus der zweiten Säu-
immer. So ist Deutschland wieder einen Möglichkeit, um die Pflege zu finanzieren – le bezogen hat, sollte daher die ganzen Er-
Schritt zurückgegangen. Das effektive Ren- und vielleicht nicht einmal die allerdümm- sparnisse aufbrauchen müssen, bevor er Er-
tenalter ist in den meisten Ländern wegen ste. Zudem werden immer mehr Leute pen- gänzungsleistungen beziehen kann. Gemäss
der stark reduzierten Leistungen für Früh- sioniert, die Unterbrüche in ihrer Karriere unseren Berechnungen würde diese Mass-
pensionierungen gestiegen. In vielen euro- hatten, später in die Schweiz gekommen sind nahme die Kosten für diese Art von Ergän-
päischen Ländern wie Italien oder Deutsch- oder längere Zeit im Ausland waren. Letztlich zungsleistungen bereits halbieren.
land stieg durch die Reformen auch die Al- bin ich mit Herrn Berset bis zu einem gewis-
tersarmut. In der Schweiz existiert ein relativ sen Grad einverstanden, dass die Anreize in Der sogenannte Pension Gender Gap –
starker Konsens, dass wir Altersarmut in Zu- der zweiten Säule, das Kapital zu beziehen, zu der geschlechterspezifische Unterschied
kunft vermeiden möchten. mehr Ergänzungsleistungen führen. zwischen den Altersrenten – ist in der
Schweiz sehr hoch. Warum hält sich das
Wie stehen andere Länder bezüglich der klassische Rollenmodell in der Schweiz so
Altersvorsorge da? hartnäckig?
Einige Länder sind inzwischen besser auf- «Eine generelle Quote Beim Gender Gap muss man unterscheiden:
gestellt als die Schweiz. In Holland hat man lehne ich ab.» Frauen aus dem Mittelstand, die ihr ganzes
sogar die laufenden Renten in der berufli- Leben verheiratet waren, geht es im Ruhe-
chen Vorsorge gesenkt. Es gibt dort einen stand besser als allen anderen – selbst wenn
ganz klaren Anpassungsmechanismus: Diese Möglichkeit muss also eingeschränkt sie keine Kinder hatten und nicht gearbei-
Wenn der Deckungsgrad unter eine be- werden? tet haben. Sie haben die höchste AHV-Rente
stimmte Grenze fällt, dann werden die Bei- Je mehr ich darüber forsche, desto weniger und erhalten ab dem Alter von 45 Jahren und
träge erhöht und die Leistungen gekürzt. befürworte ich eine Einschränkung. Denn nach mindestens 5 Ehejahren eine volle Ren-
Es gilt dort Opfersymmetrie, das heisst, es sie trifft die Ärmsten am meisten: Es trifft die te aus beiden Säulen, ohne noch arbeiten zu
müssen beide Seiten zur Sanierung beitra- Kranken mit einer kürzeren Lebenserwartung müssen. Auf der anderen Seite fahren allein-
gen. und Leute, die nur 100 000 oder 200 000 erziehende oder geschiedene Frauen, die er-
Franken Pensionskassenkapital haben und werbstätig waren, oft schlechter. Teilweise
Das eidgenössische Parlament wird die sich zum ersten Mal etwas leisten könnten. gilt das auch für alleinstehende Männer. Das
Revision der Ergänzungsleistungen beraten. Die sind nicht die teuersten. hängt mit dem Familienmodell zusammen:

38  Die Volkswirtschaft  4 / 2018


SOZIALPOLITIK

Wir versichern heute in den Sozialversiche- zwischen Frauen- und Männerlöhnen be- stehen Quoten von 30 Prozent im Ver-
rungen Ehe statt Betreuungsarbeit und Er- trägt laut Bundesamt für Statistik 7,4 Pro- waltungsrat und 20 Prozent für die Ge-
werbstätigkeit. Das muss sich ändern. zent. Der Bundesrat schlägt vor, dass Unter- schäftsleitung. Diese Regelung soll befristet
nehmen mit 50 oder mehr Angestellten alle werden. Was sind die Erfolgsaussichten?
Wie soll das geschehen? vier Jahre die Lohngleichheit prüfen und die Quoten, die sich ein Unternehmen selbst
Beispielsweise sollte man den Koordinations- Resultate der Belegschaft bekannt machen setzt: unbedingt! Das gilt natürlich auch für
abzug proportional zur Arbeitstätigkeit aus- müssen. Was halten Sie davon? die Bundesverwaltung. Eine generelle Quote
gestalten oder sogar ganz streichen. Die spä- Ich bin da skeptisch. Bereits ein Teil der er- lehne ich ab, weil dadurch die Vertragsfreiheit
teren Renten sollten an die Betreuungsarbeit klärbaren Lohnunterschiede geht auf unter- verletzt wird.
und die Erwerbstätigkeit geknüpft werden schiedliche Chancen zurück. Zum Beispiel:
und nicht an den Ehestand. Wenn eine Frau in einem Betrieb keine Wei- Es wird argumentiert, dass Frauen die
terbildung erhält, hat sie nachher weniger Kultur in Entscheidungsgremien verändern.
Lohn als ein gleich qualifizierter Mann, der in Das sehe ich auch so. Allerdings bedeuten
«Wir versichern heute der Weiterbildung war. Das gilt dann als er- Quoten alleine noch keine steigende Diver-
klärbare Differenz. Lohnkontrollen führen sität. Frauen, die durch Quoten in die Gre-
Ehe statt Betreuungs­ zwar dazu, dass man bei den unerklärbaren mien kommen, unterscheiden sich in ihren
arbeit und Erwerbs­ Differenzen etwas hellhöriger wird. Gleich- Wesensmerkmalen oft stärker von den Frau-
tätigkeit.» zeitig sind aber damit die aus meiner Sicht en in der Bevölkerung als von den Männern in
ebenso wichtigen, aber «erklärbaren» Lohn- den Gremien. Quoten sind zudem ein Feigen-
unterschiede vom Tisch. blatt: Eine Firma mit zwei bis drei Frauen in
Hält sich das traditionelle Familienmodell unwichtigen Positionen in der Geschäftslei-
auch deshalb, weil die Kinderbetreuungs- Das tangiert die Chancengleichheit? tung steht formal besser da als eine, die sich
möglichkeiten nicht genügen? Genau. Dennoch: Transparenz bei den Löh- wirklich um die Gleichstellung kümmert, die
Ich denke, die heutigen Kinderbetreuungs- nen führt dazu, dass die Personalverant- Quote aber noch nicht erreicht hat.
möglichkeiten sind nicht Ursache, sondern wortlichen tatsächlich etwas besser hin-
Spiegel unseres Familienmodells. Schliesslich schauen. Das habe ich selber erlebt. Durch Es geht sehr langsam vorwärts.
entscheiden sich auch Leute für das traditio- die Lohnkontrollen entsteht allerdings zu- Diskussionen bringen am meisten. Im poli-
nelle Modell, die keine Mühe hätten, die Krip- sätzliche Bürokratie. Wenn das Lohnrepor- tischen Prozess bin ich durchaus für Quo-
penkosten zu bezahlen. ting einfach durchführbar und somit auch ten. Denn die Politik sollte die Bevölkerung
für die Firmen hilfreich ist, könnte ich da- abbilden. Und hier sind die Erfahrungen mit
Typische Frauenberufe werden immer noch mit leben. Quoten gut. Es gibt Studien aus Italien und
schlechter entlohnt als typische Männer- Schweden, wo die Parteien gezwungen wa-
berufe. Warum wählen Mädchen solche Viele Länder haben eine Frauenquote ein- ren, jedem Geschlecht mindestens 40 Pro-
Berufe? geführt. Was sind die Erkenntnisse daraus? zent der Listenplätze zu gewähren. Da-
Die Präferenzen sind tatsächlich unterschied- Sie sind ernüchternd. In Norwegen hat die durch ist nicht nur die Anzahl der Frauen
lich. Das bisherige Frauen- und Familienbild Frauenquote zwar mehr Frauen in Verwal- gestiegen, sondern auch die durchschnittli-
führt dazu, dass Entlohnung und Aufstiegs- tungsräte gebracht, aber nicht mehr Lohn- che Qualifikation der gewählten Personen –
möglichkeiten bei der Berufswahl der Mäd- gleichheit, keine besseren Beförderungs- Männer und Frauen.
chen tendenziell die kleinere Rolle spielen als möglichkeiten und keine Chancengleichheit.
bei den Buben. Vielleicht weil sie sich eher als
Zweitverdienerinnen sehen. Das Parlament debattiert in diesem Jahr
auch über eine Quote für börsenkotierte
Die Lohngleichheit steht seit 1981 in der Gesellschaften mit mehr als 250 Mit- Interview: Susanne Blank,
Verfassung. Die nicht erklärbare Differenz arbeitenden in der Schweiz. Zur Diskussion Co-Chefredaktorin «Die Volkswirtschaft»

Die Volkswirtschaft  4 / 2018  39
ZWEITE SÄULE

Pensionskassen: Potenzial für


­Umverteilungen ist gross
Angesichts des zu hohen Umwandlungssatzes ist es für Pensionskassen verlockend, die ob-
ligatorische Altersvorsorge mit den Beiträgen aus den überobligatorischen Geldern zu finan-
zieren. Bisher können jedoch noch keine Umverteilungseffekte beobachtet werden, wie eine
Studie zeigt.   Yvonne Seiler Zimmermann, Heinz Zimmermann

Abstract  Die sozialdemografischen Perspektiven sowie die Zinssituation an den Ka- sorgeeinrichtungen aufgrund der derzeitigen
pitalmärkten erschweren es den Vorsorgeeinrichtungen seit Jahren, ihre Leistun- Zinssituation und des demografischen Um-
gen im obligatorischen Teil zu finanzieren. Dieser Teil, der durch das Bundesgesetz felds nicht längerfristig gewähren können. Die
über die Berufliche Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge (BVG) definiert ist, am 24. September 2017 von den Stimmbür-
enthält verschiedene regulatorische Auflagen, die mit der Realität nicht mehr über- gern abgelehnte Altersreform 2020 wollte die-
einstimmen. Mit der Ablehnung der Altersreform 2020 konnte das Problem nicht sem Umstand entgegenwirken: Was sind die
entschärft werden. Daher besteht ein mögliches Umverteilungsrisiko vom nicht re- Konsequenzen für die zukünftigen Renten?
gulierten Teil der Vorsorge zugunsten der BVG-Renten. Eine Datenauswertung des Es kann vermutet werden, dass die Aus-
Schweizer Haushalt-Panels (SHP) zeigt erstmals, dass in der Vergangenheit keine Um- wirkungen nicht für alle Versicherten gleich
verteilungseffekte stattgefunden haben. Das Potenzial dazu ist allerdings hoch. Die gross sind. Ein Grund dafür liegt darin, dass
Ergebnisse zeigen ferner, dass das sozialpolitisch angestrebte Renteneinkommen das BVG nur einen Teilbereich der Erwerbs-
(AHV plus berufliche Vorsorge) von 60 Prozent des letzten Lohns in der Vergangen- einkommen der Arbeitnehmenden abdeckt.
heit ziemlich gut erfüllt war. Viele Unternehmen bieten freiwillige Vorsor-
gelösungen an, die über das BVG-Minimum
hinausgehen. In diesem Bereich sind sie an

D  ie berufliche Vorsorge soll zusammen


mit der AHV die Fortführung des ge-
wohnten Lebensstandards in angemessener
Lebensstandards mit einem Renteneinkom-
men (AHV plus berufliche Vorsorge) von 60
Prozent des letzten Lohns möglich ist.
keine gesetzlichen Vorschriften gebunden.
Daher liegt die Vermutung nahe, dass Leis-
tungen im freiwilligen Bereich – also im Über-
Weise ermöglichen. Dies verlangt das 1985 in Das BVG enthält Vorschriften, welche zu obligatorium – abgebaut werden, um den
Kraft getretene Bundesgesetz über die Beruf- Rentenversprechungen führen, die die Vor- Verpflichtungen im BVG nachhaltig nach-
liche Alters-, Hinterlassenen- und Invaliden- kommen zu können.
vorsorge (BVG). Generell wird davon ausge- Damit der Lebensstandard gewahrt werden
gangen, dass die Fortführung des gewohnten kann, sind laut dem Bundesamt für Sozialver- Einkommensobergrenze im BVG
sicherungen 60 Prozent des letzten Lohns nötig.
Das BVG verlangt, dass sämtliche Unterneh-
mungen für ihre Arbeitnehmenden eine Vor-
sorgelösung bereitstellen. Es regelt unter
anderem, wer beitragspflichtig ist, welcher
Lohn versichert werden muss und welche
prozentualen Beiträge von Arbeitgebenden
und -nehmenden zusammen zu leisten sind.
Beitragspflichtig sind volljährige Arbeitneh-
mende, die mindestens einen Jahreslohn von
21 500 Franken verdienen.1 Arbeitgebende
sind dabei verpflichtet, jenen Teil des Jahres-
lohnes ihrer Arbeitnehmenden zu versichern,
der zwischen 24 675 und 84 600 Franken
liegt.2 Der gemäss BVG maximal zu versi-
chernde Lohn beträgt somit 59 925.3

1 Dieser Mindestlohn gilt seit 2015.


2 Vom maximalen Lohn, der ins BVG-Obligatorium fällt,
wird der sogenannte Koordinationsabzug von 24 675
Franken abgezogen. Dieser entspricht sieben Achteln
der einfachen Maximalrente der AHV.
3 Die im BVG vorgeschriebenen Beiträge von Arbeitge-
KEYSTONE

benden und -nehmenden beziehen sich auf diesen


«koordinierten Lohn».

40  Die Volkswirtschaft  4 / 2018


ZWEITE SÄULE

Es ist den Unternehmen freigestellt, über


Abb. 1: Anteil versicherte Erwerbseinkommen nach Versicherungsart (2002–2015;
die Vorschriften des BVG hinaus Vorsorgelö-
aggregiert)
sungen anzubieten. So können beispielswei-
2002 se auch höhere Löhne versichert werden oder
2003
höhere Beiträge geleistet werden. Das BVG
schreibt somit die obligatorische Untergren-
2004
ze der Vorsorge vor.
2005
2006
Leistungsabbau im Über-

SHP 2002–2015, BERECHNUNGEN DER AUTOREN / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


2007
obligatorium
2008
Nebst den oben beschriebenen Vorschriften
2009
regelt das BVG insbesondere auch den Min-
2010 destzins- und den Umwandlungssatz. In der
2011 obligatorischen beruflichen Vorsorge beträgt
2012 der Mindestzinssatz derzeit 1 Prozent; der
Mindestumwandlungssatz beläuft sich auf
2013
6,8 Prozent. Beide Grössen beeinflussen die
2014 Höhe der Rente und damit die zukünftigen
2015 Verpflichtungen einer Vorsorgeeinrichtung.
0    In % 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 Der Mindestzinssatz legt fest, zu welchem
Zinssatz das Vorsorgekapital jährlich zu ver-
  BVG       Überobligatorium
zinsen ist. Je höher er ausfällt, desto höher
wird das angesparte Vorsorgekapital bei Ren-
Abb. 2: Anteil Arbeitnehmende nach Versicherungsart (2002–2015; aggregiert) teneintritt sein. Liegt dieser Zinssatz über
2002 demjenigen, welcher am Kapitalmarkt ver-
2003 dient werden kann, können die Leistungsver-
2004
pflichtungen nur noch durch zusätzliche Risi-
ken oder auf Kosten des Deckungsgrades er-
2005
füllt werden.
2006 Der Umwandlungssatz ist der Prozent-
SHP 2002–2015, BERECHNUNGEN DER AUTOREN / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

2007 satz, mit welchem das Vorsorgekapital bei


2008 Renteneintritt multipliziert werden muss,
2009
um die lebenslange Rente zu berechnen.
Liegt dieser unter Berücksichtigung des
2010
Zinssatzes am Kapitalmarkt und der Lang-
2011 lebigkeit zu hoch, können die Renten nicht
2012 durch das angesparte Vorsorgekapital finan-
2013 ziert werden.
2014
Sowohl der Mindestzinssatz wie auch der
Umwandlungssatz sind im BVG seit Jahren
2015
zu hoch angesetzt. Vorsorgeeinrichtungen,
0    In % 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100
welche ausser dem BVG auch Leistungen im
  Nicht versichert       Obligatorium       Überobligatorium Überobligatorium versichern, könnten daher
versucht sein, eine Umverteilung ins BVG vor-
zunehmen. Beispielsweise könnten die Vor-
Verhältnis der Rente zum letzten Lohn vor der Pensionierung (2002–2015) sorgeeinrichtungen die Beiträge konstant
  AHV und berufliche Vorsorge Berufliche Vorsorge
tief halten und den Umwandlungssatz oder
die Verzinsung heruntersetzen. Dies hätte
SHP 2002–2015, BERECHNUNGEN DER

  BVG-Obligatorium Überobligatorium BVG-Obligatorium Überobligatorium zur Folge, dass jemand mit einem Lohn über
Mittelwert 80% 77% 70% 56% 84 600 Franken eine Rente erhalten würde,
Median 56% 37% 26% 29% welche in Relation zu seinem letzten Einkom-
men tiefer liegt als die Rente von jemandem
AUTOREN

Anzahl 135 222 135 222


unter dieser Einkommensschwelle.
Eine Umverteilung vom Überobligato-
Lesebeispiel: Die Hälfte der Personen (Median), die ihr Einkommen ausschliesslich im BVG-Obligatorium rium zum BVG ist jedoch nur für jene Kas-
versichert haben, erhält eine Rente (AHV und berufliche Vorsorge), welche 56 Prozent des letzten Lohnes
sen möglich, deren überobligatorischer An-
entspricht.
Die Stichprobe besteht aus 135 Personen, deren Einkommen ausschliesslich im BVG-Obligatorium, sowie teil genügend gross ist und die daher über
aus 222 Personen, deren Einkommen sowohl im BVG-Obligatorium als auch im Überobligatorium versichert genügend Spielraum verfügen, um die Finan-
sind. zierung der Rentenverpflichtungen im BVG

Die Volkswirtschaft  4 / 2018  41
ZWEITE SÄULE

s­ icherzustellen.4 Die Auswirkungen einer sol- Noch keine Umverteilungs­ Die Analyse führt zur Schlussfolgerung,
chen Umverteilung würden sich darin äus- effekte sichtbar dass die Vorsorgeeinrichtungen bisher noch
sern, dass BVG-Versicherte eine höhere Rente keine Umverteilung vom Überobligatorium
im Verhältnis zu ihrem letzten Lohn aufwei- Wie die Analyse zeigt, finden sich rund ins BVG vorgenommen haben. Ein möglicher
sen als solche im Überobligatorium. 70 Prozent aller Gelder im Überobligatorium Grund könnten das Abwarten der Abstim-
und 30 Prozent im BVG (siehe Abbildung 1). mung zur Altersreform 2020 sein oder die pa-
Analyse mit Haushalt-Panel Im Durchschnitt der Jahre 2002 bis 2015 blieb ritätische Vertretung von Arbeitnehmenden
dieses Verhältnis ziemlich konstant. Das und -gebenden im verantwortlichen Gre-
Um schätzen zu können, wie hoch das Risiko Potenzial für mögliche Umverteilungen ist mium der Vorsorgeeinrichtung.
einer Umverteilung vom Überobligatorium ins somit enorm. Da die Zahl der Arbeitnehmen- Da aus politischer Sicht in näherer Zu-
BVG ausfällt, muss der Anteil der Erwerbsein- den im BVG und im Überobligatorium etwa kunft eine drastische Senkung von Umwand-
kommen im BVG respektive im Überobligato- gleich gross ist, wäre etwa die Hälfte aller lungs- und Mindestzinssatz wohl kein Thema
rium bekannt sein. Zudem muss man den An- Versicherten von möglichen Umverteilungs- mehr sein wird, könnten die Vorsorgeeinrich-
teil der Arbeitnehmenden kennen, die ihre effekten negativ tangiert (siehe Abbildung 2). tungen versucht sein, solche Umverteilun-
Löhne ausschliesslich im BVG bzw. zusätzlich Wie hoch ist die Rente im Vergleich zum gen in Betracht zu ziehen. Wie gezeigt, ist das
im überobligatorischen Bereich verdienen. Da- Lohn vor der Pensionierung? Die Verteilung Potenzial dafür hoch.
raus kann man ableiten, welcher Anteil an Er- der Rentenhöhe zum letzten Lohn vor der
werbseinkommen direkt von politischen Ent- Pensionierung haben wir für die Jahre 2002
scheidungen abhängig ist. Leider liefern die bis 2015 zunächst unter Einbezug der AHV-
Pensionskassenstatistik und andere öffentlich Rente berechnet.6 Dabei zeigt sich: Im Me-
verfügbare Quellen dazu keine Informationen. dian beträgt das Verhältnis 56 Prozent, so-
Ebenfalls unbekannt ist, wie hoch das mit konnten die sozialpolitisch angestrebten
Renteneinkommen im Verhältnis zum letzten 60 Prozent des BVG beinahe erreicht werden
Erwerbslohn ausfällt und wie gross die Unter- (siehe Tabelle). Hingegen kommen Personen,
schiede zwischen jenen Personen sind, deren die mit ihren Löhnen im Überobligatorium
Löhne im Überobligatorium respektive im liegen, generell weniger gut weg als die BVG- Yvonne Seiler Zimmermann
BVG liegen. Eine Datenanalyse des Schweizer Versicherten. Dies bestätigt sich auch sta- Professorin für Banking und Finance,
Haushalt-Panels (SHP) liefert erstmals Ant- tistisch anhand des sogenannten Wilcoxon- Institut für Finanzdienstleistungen IFZ,
Hochschule Luzern
worten auf diese Fragen.5 Das Panel beruht Mann-Whitney-Tests.
auf einer zufallsgezogenen Stichprobe von Betrachtet man nur das Verhältnis zwi-
Haushalten in der Schweiz, welche jährlich schen Renten aus der beruflichen Vorsor-
über ihre Einkommenssituation und andere ge mit dem letzten Lohn – also ohne AHV –,
soziale Faktoren befragt werden. Die Unter- so findet sich kein signifikanter Unterschied
suchung beschränkt sich auf die Jahre 2002 zwischen den Verteilungen. Somit ist das
bis 2015, wobei nur Arbeitnehmende berück- Renten-Lohn-Verhältnis jener Personen, die
sichtigt wurden. Pro Jahr liegen durchschnitt- einen Lohn im Überobligatorium verdienen,
lich rund 3000 Beobachtungen vor. etwa gleich hoch wie bei denjenigen Perso-
nen, deren Lohn tiefer oder beim BVG-Maxi-
mum liegt. Heinz Zimmermann
4 Bei einer Unterdeckung ist gemäss BVG eine Sanierung Professor für Finanzmarkttheorie,
unausweichlich. 6 Hier sind nur diejenigen Arbeitnehmenden einbezogen, Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät
5 Die Daten werden vom Schweizer Kompetenzzentrum welche in einem Folgejahr in Rente gingen (357 Perso- (WWZ), Universität Basel
Sozialwissenschaften (Fors) veröffentlicht. nen).

42  Die Volkswirtschaft  4 / 2018


AUFGEGRIFFEN

Künstliche Intelligenz:
Viele Hürden sind zu nehmen
Gesichtserkennung, maschinelle Übersetzung, fahrerlose Fahrzeuge, musizierende
Roboter, lernfähige und fühlende Androiden: Medienberichte zur künstlichen
Intelligenz (KI) suggerieren oft, bei vielen Anwendungen stehe ein Durchbruch
kurz bevor. Kein Wunder, wird es manchen Menschen angst und bange angesichts
von Meldungen wie «Fortschritt in noch nie gekanntem Tempo» und «Globale Um­
wälzungen».
Es ist unbestritten: KI hat das Potenzial einer sogenannten Basisinnovation.
Darunter versteht man bahnbrechende Entwicklungen, welche ganze
Branchen und Volkswirtschaften durchdringen und die gesamtwirtschaft­
liche Produktivität wesentlich beeinflussen. Typische Beispiele sind die
Dampfmaschine, die Elektrifizierung, Computer und Informations- und Tele­
kommunikationstechnologien (ICT). Trotzdem dürften breitenwirksame
Durchbrüche bei der künstlichen Intelligenz noch in weiter Zukunft liegen.
Denn eine technische Möglichkeit zur Automatisierung von Arbeitsschritten
bedeutet nicht, dass der Arbeitsprozess tatsächlich automatisiert wird. Schon
immer setzten gesellschaftliche, betriebswirtschaftliche und rechtliche Über­
legungen dem technisch Machbaren Grenzen.
Hinter vielversprechenden Umbrüchen steht zunächst knochenharte Grund­
lagenforschung. Dabei birgt das Prinzip von «Versuch und Irrtum» immer
auch das Risiko des Scheiterns. Damit eine auf Grundlagenforschung fussende
Technologie Verbreitung findet, ist ergänzend angewandte Forschung und
damit die Entwicklung von kommerzialisierbaren Anwendungslösungen er­
forderlich. Diese Prozesse setzen unternehmerische Risikobereitschaft voraus
und sind zeitaufwendig. Es gibt Experten, die beispielsweise davon ausgehen,

Die Volkswirtschaft  4 / 2018  43
dass bis zum flächendeckenden Durchbruch von selbstfahrenden Fahrzeugen
noch Jahrzehnte verstreichen werden.
Dies kann nicht erstaunen. Die Adaptierung und der Einsatz von neuen Techno­
logien setzen einen erheblichen Kapitaleinsatz in physische Infrastruktur wie
Produktionsanlagen, Geräte und Laboratorien voraus. Zudem muss auch in
Humankapital (Forschung, Engineering, Ausbildung) und in immaterielle Be­
reiche wie Organisationsentwicklung und Marketing investiert werden. Des­
halb hängt die Entscheidung, ob ein Betrieb eine neue Technologie einführt,
stets auch von deren Anschaffungs- und Unterhaltskosten im Vergleich zum
Abschreibungsbedarf bestehender Anlagen ab. Ein Unternehmen wird sich
nur für die neue Technologie entscheiden, wenn sich die Investition betriebs­
wirtschaftlich rechnet. Dies ist von Firma zu Firma, von Branche zu Branche
und von Land zu Land sehr unterschiedlich – je nach aktueller technologischer
Ausstattung und regulativem Umfeld.
Ein weiterer Faktor, der die Breitenwirkung von neuen Technologien beein­
flusst, sind gesellschaftliche Werte und rechtliche Hürden. Dabei geht es nicht
nur um Sicherheits- und Haftungsfragen, sondern auch um Datenschutz,
die Fachkräftesituation, soziale und ethische Normen sowie individuelle
Präferenzen. So sind beispielsweise Pflegeroboter in japanischen Spitälern
willkommen, während man bei uns darüber noch die Nase rümpft.

Bücher verschwinden nicht so schnell


Selbstverständlich können wir uns alle beim Blick in die Zukunft täuschen.
Gerade die Kombination von ICT, Smartphones und Tablets hat in den letzten
zehn Jahren gezeigt, dass Wirtschaftszweige wie die Musikindustrie, die
Medien oder der Detailhandel gemessen an der Branchengeschichte in relativ
kurzer Zeit stark unter Anpassungsdruck geraten sind. Allerdings verlieren
selbst diese Erfolgsgeschichten je nach Betrachtungswinkel an Glanz: Der An­
teil von E-Büchern liegt beispielsweise in Deutschland mit rund 6 Prozent
immer noch auf bescheidenem Niveau. Im Schweizer Musikmarkt teilen sich
das Digitalgeschäft (Downloads, Streaming) und die physischen Tonträger
(CD, Vinyl) den Gesamtumsatz in etwa zu gleichen Hälften.
Alles in allem sollten die Zukunftsperspektiven der technischen Möglichkeiten
mit einer sprichwörtlichen Gelassenheit beurteilt werden: Erstens kommt es
anders und zweitens, als man denkt.

Eric Scheidegger
Dr. rer. pol., Leiter der Direktion für Wirtschaftspolitik,
Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern
eric.scheidegger@seco.admin.ch

44  Die Volkswirtschaft  4 / 2018


WHISTLEBLOWER

Unternehmen profitieren von


Whistleblowern
Bei vielen Grossunternehmen in der Schweiz gehören Meldestellen für Whistleblower
mittler­weile zum Standard. Das Instrument leistet einen effektiven Beitrag zur Missstands­
bekämpfung, wie ein Faktencheck zeigt.   Helene Blumer, Christian Hauser

fen.2 Bei den kleinen und mittleren Unter-


Abstract    Während in einigen Ländern für gewisse Unternehmen eine gesetzliche
nehmen (KMU; bis 249 Mitarbeitende) be-
Pflicht besteht, interne Meldestellen anzubieten, ist das Gesetzgebungsverfahren in
trug der Anteil 5 Prozent.
der Schweiz seit Jahren hängig. Jedes zehnte Schweizer Unternehmen verfügt über
eine Meldestelle, wobei das Instrument bei Grossunternehmen (70 Prozent) bereits
zum Standard gehört. Mit einem Anteil von 51 Prozent gehaltvoller Meldungen, die auf Vier Aussagen im Faktencheck
einen Compliance-relevanten Missstand hinweisen, und nur 3 Prozent missbräuchli-
cher Meldungen erweisen sich Meldestellen als effektives Instrument zur Prävention Basierend auf den Umfrageresultaten, wur-
und Aufdeckung von Fehlverhalten in Unternehmen. Damit Meldestellen noch besser den die folgenden vier häufig vorgebrachten
bei Wirtschaftskriminalität greifen können, ist die Politik gefordert, gesetzliche Rah- Aussagen bezüglich Meldestellen auf ihren
menbedingungen zu schaffen, die sowohl für die Unternehmen als auch die Whistle- Wahrheitsgehalt hin überprüft:
blower Rechtssicherheit bewirken.
Aussage 1: «Meldestellen sind bei
Schweizer Unternehmen eine Selten-
heit»

H  inweise von Mitarbeitenden und Kun-


den spielen eine zentrale Rolle bei der
Prävention und Bekämpfung von Fehlver-
Abb. 1: Meldungseingang nach Unter-
nehmensgrösse
Diese Aussage stimmt zwar grundsätzlich:
Insgesamt haben 11 Prozent der befragten
Unternehmen eine interne und/oder eine
halten in Unternehmen.1 Weltweit richten 5% externe Meldestelle implementiert. Aller-
immer mehr Firmen interne Meldestellen für dings gibt es deutliche Unterschiede zwi-
Whistleblower ein. Damit wollen sie Miss- schen grossen und kleinen Firmen: Während
stände und wirtschaftskriminelle Handlun- Alle 70 Prozent der Grossunternehmen über eine
gen wie Veruntreuung, Internetkriminalität, Unternehmen Meldestelle verfügen, ist dies nur bei jedem
Verletzung geistigen Eigentums, Korrup- zehnten KMU der Fall. Vertiefende Analysen
tion, Geldwäscherei und wettbewerbswid- deuten überdies darauf hin, dass internatio-
95%
rige Absprachen frühzeitig aufdecken. Nicht nal tätige und wachstumsorientierte Unter-
zuletzt soll so verhindert werden, dass Mel- nehmen überdurchschnittlich häufig über
dungen an die Öffentlichkeit gelangen und 3,9% eine Meldestelle verfügen.3
Imageschäden anrichten. Im Gegensatz zu
Firmen in Ländern wie Frankreich oder den Aussage 2: «Meldestellen werden mit
USA sind Unternehmen in der Schweiz nicht Meldungen überflutet»
KMU
verpflichtet, ein internes Meldeverfahren Die Studienresultate entkräften diese Be-
einzurichten (siehe Kasten). fürchtung: 95 Prozent der Unternehmen, die
Im Rahmen eines von der Schweizeri- über eine Meldestelle verfügen, haben im
schen Agentur für Innovationsförderung 96,1% vergangenen Jahr keine Meldung erhalten
Innosuisse (ehemals KTI) geförderten Pro- (siehe Abbildung 1). Auch hier spielt die Zahl
jektes hat die Hochschule für Technik und der Mitarbeitenden eine entscheidende
BLUMER ET AL. (2017) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Wirtschaft (HTW) Chur in Zusammenarbeit Rolle: Knapp 70 Prozent der Grossunterneh-


29,2%
mit dem Zürcher Anbieter von Whistleblo- men mit Meldestellen haben Meldungen er-
wer-Systemen Integrity Line eine Studie Gross­ halten (durchschnittlich 54 pro Betrieb). Bei
70,8% unternehmen
durchgeführt, an der sich 364 Unterneh- den KMU sind lediglich bei 4 Prozent Mel-
men aus der deutsch- und französischspra- dungen eingegangen. Im Durchschnitt geht
chigen Schweiz beteiligt haben. Die Ergeb- bei KMU-Meldestellen ungefähr alle drei
nisse der repräsentativen Umfrage zeigen: Jahre eine Meldung ein.
2016 war ein Drittel der Grossunternehmen
(250 und mehr Mitarbeitende) von illega-   0 Meldungen        > 0 Meldungen
2 Blumer et al. (2017).
lem oder unethischem Verhalten betrof- Basis sind die Unternehmen mit Meldestelle
3 Als wachstumsorientiert werden Unternehmen
definiert, die, gemessen an ihrer Umsatzentwicklung,
(hochgerechnet: 59 186). Die Angaben beziehen in den letzten zwei Jahren gewachsen sind und auch für
1 ACFE (2016) und PWC (2017). sich auf das Jahr 2016. die kommenden zwölf Monate Wachstum erwarten.

Die Volkswirtschaft  4 / 2018  45
WHISTLEBLOWER

Unternehmen müssten sich somit viel-


mehr fragen, was sie tun können, um mehr
Meldungen zu erhalten. Sinnvoll ist es, die
Meldestelle möglichst vielen Anspruchs-
gruppen zugänglich zu machen – also nicht
nur den Mitarbeitenden, sondern auch Kun-
den, Aktionären und Eigentümern, Liefe-
ranten, Konkurrenten und der breiten Öf-
fentlichkeit. Diese Gruppen sollen dabei die
Meldungen über verschiedene Kanäle ein-
reichen können. Beispiele dafür sind der per-
sönliche Besuch auf der Meldestelle, die
Kontaktaufnahme über E-Mail, Telefon, Brief
und Fax, Internetplattformen, Hotlines, so-
ziale Medien und spezialisierte Smartphone-
Apps.

Aussage 3: «Meldestellen sind ein


wirksames Instrument, um Missstände
aufzudecken»
Die Literatur preist Meldestellen als effek-
tive Massnahme zur Prävention und Aufde-
ckung von Fehlverhalten in Unternehmen.
Ein oft geäusserter Einwand aus der Praxis
ist jedoch, die überwiegende Mehrheit der
Meldungen bestehe aus Nichtigkeiten; es
lohne sich daher nicht, in eine Meldestelle
zu investieren.
Die Studienergebnisse zeigen, dass 51

BARRY CALLEBAUT
Prozent der eingehenden Meldungen rele-
vant und gehaltvoll sind. Mit anderen Wor-
ten: Über die Hälfte der Meldungen spricht
einen Compliance-relevanten Missstand
Schweizer Grossunternehmen verfügen mehr-
oder ein Fehlverhalten an (siehe Abbildung heitlich über eine Meldestelle für Whistle-
2). Demgegenüber erweisen sich 46 Prozent dungen erweisen sich für den Betrieb der blower. Mitarbeiter des Schokladenherstellers
der Meldungen als nicht relevant. Darunter Meldestelle in der Regel als unproblematisch Barry Callebaut mit Sitz in Zürich.
fallen all diejenigen Hinweise, die zwar ohne und können mit begrenztem Aufwand an die
missbräuchliche Absicht abgegeben wer- zuständige Kontaktstelle (beispielsweise an
den, aber von ihrer Thematik bei der Melde- die Personalabteilung oder den technischen ist – breiter Adressatenkreis, viele Melde-
stelle an der falschen Adresse sind. Beispiele Unterhalt) weitergeleitet werden. kanäle –, desto höher ist der Anteil rele-
dafür sind Beschwerden bezüglich des Füh- Wie können Unternehmen die Zahl der vanter Meldungen. Darüber hinaus können
rungsstils eines Vorgesetzten oder Hinwei- relevanten Meldungen erhöhen? Die ver- Unternehmen den Anteil an relevanten In-
se auf technische Betriebsprobleme. Solche tiefenden Analysen zeigen auch hier: Je nie- formationen steigern, indem sie offen und
aus Compliance-Sicht nicht relevanten Mel- derschwelliger eine Meldestelle konzipiert breit über die Meldestelle kommunizieren.

Abb. 2: Relevante und missbräuchliche Schutz bei Meldung von Missständen am Arbeitsplatz
Meldungen In einigen Staaten sind ge- schützt Whistleblower vor Dis- Regulierung ab. Vorgesehen ist
wisse Unternehmen gesetz- kriminierung und Kündigung und ein dreistufiges Kaskadenprinzip,
3,2% lich dazu verpflichtet, interne unterstützt durch eine Stufen- wonach Arbeitnehmende ver-
Meldestellen anzubieten – so regelung insbesondere internes pflichtet sind, Unregelmässig-
BLUMER ET AL. (2017) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

zum Beispiel in Frankreich Melden. keiten am Arbeitsplatz zuerst


durch das Anti-Korruptions- In der Schweiz besteht der- intern zu melden. Nur wenn keine
50,6% Gesetz Loi Sapin II oder in den zeit weder auf gesetzlicher noch unabhängige Meldestelle und
46,2%
USA durch den Sarbanes Oxley auf selbstregulatorischer Basis keine internen Richtlinien vor-
Act. Grossbritannien kennt eine explizite Pflicht zur Er- handen sind, dürfen sie sich an die
zwar keine gesetzliche Pflicht richtung eines internen Melde- Behörde wenden. Eine Meldung
zur Einführung einer Melde- verfahrens. Mit der Teilrevision an die Öffentlichkeit ist nur mög-
stelle in Unternehmen, nimmt des Obligationenrechts (Schutz lich, wenn die Behörde den Hin-
jedoch beim Schutz von Hin- bei Meldung von Missständen weisgeber nicht innerhalb von 14
weisgebenden eine Vorreiter- am Arbeitsplatz, Art. 321a OR) Tagen über das weitere Vorgehen
  Relevant        Nicht relevant        Missbräuchlich
rolle ein. Der Public Interest zeichnet sich jedoch eine klare informiert (siehe Schweizer Parla-
Basis: n=4485 Meldungen. Disclosure Act aus dem Jahr 1998 Tendenz in Richtung stärkerer ment, 2013).

46  Die Volkswirtschaft  4 / 2018


WHISTLEBLOWER

Es empfiehlt sich, auch über die öffentliche gegen der weitverbreiteten Befürchtung zeitnah abgeschlossen würden. Dies wür-
Firmenwebsite auf die Meldestelle aufmerk- führt die Zusicherung von Anonymität zu de sowohl für die Unternehmen als auch die
sam zu machen. keinem Anstieg an missbräuchlichen Mel- potenziellen Whistleblower die Rechtssi-
dungen: Mehr als die Hälfte der Grossunter- cherheit erhöhen. Wichtig ist hierbei, dass
Aussage 4: «Meldestellen werden für nehmen bietet ihren Hinweisgebenden die eine Lösung gefunden wird, die auch für
gezieltes Anschwärzen missbraucht» Möglichkeit, ihre Meldungen anonym ein- KMU umsetzbar ist.
Der wohl am häufigsten geäusserte Vor- zureichen; bei den KMU ist dies bei gut
behalt gegenüber Meldestellen ist die Be- einem Drittel der Fall.
fürchtung, Whistleblower könnten das Ins-
trument missbräuchlich verwenden – etwa Firmen sind der Politik voraus
für falsche oder verleumderische Meldun-
gen, die einzelnen Mitarbeitenden oder Während in der Schweiz weiterhin um ein
dem Unternehmen gezielt schaden sollen. Whistleblowing-Gesetz gerungen wird,
Die Ergebnisse der Befragung zeigen je- haben die Unternehmen in den vergange-
doch: Nur 3 Prozent der Meldungen können nen Jahren bereits konkrete Schritte unter-
als missbräuchlich eingestuft werden. So- nommen. Mit über der Hälfte relevanter Helene Blumer
mit fördert die Einrichtung einer Meldestel- Meldungen und nur einem geringen An- Wissenschaftliche Mitarbeiterin,
Schweizerisches Institut für Entrepreneur-
le keine «Kultur des Denunzierens». teil missbräuchlicher Meldungen erweisen ship, Hochschule für Technik und Wirt-
Wie können Unternehmen die Zahl der sich Meldestellen für Unternehmen als ein schaft Chur
missbräuchlichen Meldungen verringern? effektives Instrument zur Aufdeckung und
Die statistischen Auswertungen zeigen, Prävention von Missständen. Darüber hi-
dass die Meldestelle weniger häufig miss- naus werden viele der gegen Meldestellen
braucht wird, wenn Unternehmen deutlich geäusserten Bedenken in der unternehme-
kommunizieren, dass und auf welche Wei- rischen Praxis nicht bestätigt.
se die Whistleblower vor Repressalien ge- Damit das Instrument seine Wirksamkeit
schützt werden. Es ist zu vermuten, dass noch besser entfalten kann, wäre es wün-
dieser Schutz vor Repressalien als Quali- schenswert, dass die seit nunmehr 15 Jahren
tätsmerkmal einer Meldestelle wirkt. Ent- laufenden gesetzgeberischen Bemühungen
Christian Hauser
Literatur Professor für Allgemeine Betriebs-
ACFE (2016). 2016 Global Fraud Study. PWC (2017). Global Economic Crime Survey 2016. wirtschaftslehre und Internationales
Blumer, H., Dahinden, U., Francolino, V., Hauser, C. Schweizer Parlament (2013). Entwurf zur Änderung Management am Schweizerischen Institut
und Nieffer, R. (2017). Whistleblowing Report 2018, des Art. 321a OR. Schutz bei Meldung von für Entrepreneurship der Hochschule für
Meldestellen in Schweizer Unternehmen, Chur. Unrechtmässigkeiten am Arbeitsplatz, Nr. 13.094, Technik und Wirtschaft Chur
20.November 2013.

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Die Volkswirtschaft  4 / 2018  47
ARBEITSLOSENVERSICHERUNG

Mismatch auf dem Arbeitsmarkt


Auf dem Arbeitsmarkt herrscht kein Missverhältnis zwischen den beruflichen Qualifikation
der Arbeitslosen und den Anforderungen der Firmen. Dies zeigt eine Untersuchung für die
Schweiz. Trotzdem ist nach der Wirtschaftskrise sowohl die Zahl der offenen Stellen als auch
diejenige der Arbeitslosen angestiegen.   Helen Buchs, Marlis Buchmann

berechnen. Wie sich zeigt, schwankt der re-


Abstract    Seit 2009 gibt es in der Schweiz gleichzeitig immer mehr offene Stellen
und Arbeitslose. Dies könnte auf eine mangelnde Übereinstimmung zwischen der gionale Mismatch im Zeitraum von 2006 bis
Zusammensetzung von Vakanzen und derjenigen von Arbeitslosen hinweisen. Mit 2014 zwischen 7 und 10 Prozent (siehe Ab-
den Daten des Stellenmarkt-Monitors Schweiz (SMM) konnten das Niveau und der bildung 1). Das Niveau des beruflichen Mis-
Trend des regionalen und des beruflichen Mismatch zwischen 2006 und 2014 erst- match ist mit Schwankungen zwischen 8
mals zuverlässig gemessen werden. Die Resultate zeigen, dass das Mismatch-Niveau und 12 Prozent etwas höher. Im interna-
im untersuchten Zeitraum nicht angestiegen ist. Im internationalen Vergleich ist das tionalen Vergleich ist der arbeitsmarktli-
Niveau in der Schweiz zudem tief. Arbeitslose Personen mit einer beruflichen Grund- che Mismatch insgesamt aber gering. In
bildung oder einer höheren Berufsbildung sind am schwächsten vom regionalen und Deutschland ist er beispielsweise rund drei-
beruflichen Mismatch betroffen. Ihre beruflichen Qualifikationen passen gut zu den mal so hoch.3 Dabei muss beachtet werden,
auf dem Arbeitsmarkt nachgefragten. Demgegenüber ist der Mismatch bei Personen dass internationale Vergleiche schwierig
ohne überobligatorische Ausbildung und bei Hochqualifizierten etwas höher. sind, da sich die Zahl der Teilarbeitsmärkte
von Land zu Land unterscheidet.
Entgegen unseren Erwartungen hat der

A  rbeitslose und offene Stellen finden in


der Schweiz immer weniger zueinander:
Seit 2009 stieg sowohl die Zahl der Vakanzen
Regionale Teilarbeitsmärkte sind am bes-
ten anhand der 16 Arbeitsmarktregionen
des Bundesamts für Statistik (BFS) und mit
Mismatch in der Schweiz zwischen 2006 und
2014 nicht zugenommen. Es lässt sich also
kein längerfristiger Trend ausmachen: Weder
als auch diejenige der arbeitslosen Personen. Durchlässigkeiten zwischen den Regionen ein regionaler noch ein beruflicher Mismatch
Im Auftrag des Ausgleichsfonds der Arbeits- definiert. Der geografische Suchradius von ist dafür verantwortlich, dass Arbeitslose und
losenversicherung haben wir untersucht, Arbeitslosen in der Schweiz ist somit rela- Vakanzen in der Schweiz im gegebenen Zeit-
ob es Anzeichen für einen zunehmenden tiv gross. Ein Pendeln zwischen Wohn- und raum weniger zueinandergefunden haben.
arbeitsmarktlichen «Mismatch» gibt.1 Den Arbeitsort oder ein Wohnortswechsel zu- Das Niveau des regionalen Mismatch dürf-
Mismatch betrachten wir bezüglich zweier gunsten einer neuen Arbeitsstelle über die- te dabei nicht zuletzt dank der gut ausgebau-
Kategorien: Wenn das Missverhältnis daher se Arbeitsmarktregionen hinaus scheinen 3 Bauer und Gartner (2014).
stammt, dass die beruflichen Qualifikationen verbreitet zu sein.
der Arbeitssuchenden nicht zu den gesuch- Berufliche Teilarbeitsmärkte sind am bes-
ten Stellenprofilen passen, besteht ein beruf- ten durch die sogenannten Zweisteller-Be-
licher Mismatch. Wenn hingen die Stellensu- rufe der BFS-Kategorien unter Berücksich- Definition der Teilarbeitsmärkte
chenden nicht in jenen Regionen wohnen, in tigung von Durchlässigkeiten zwischen den Damit wir den Mismatch nicht unter- oder über-
denen es offene Stellen hat, und die räumli- Berufsgruppen definiert. Zweisteller-Beru- schätzen, haben wir möglichst angemessene Teil-
arbeitsmärkte definiert. Dafür braucht es erstens
che Distanz nicht überwunden werden kann, fe sind relativ breite Berufsfelder.2 Zudem geeignete Daten mit detaillierten Angaben zu
tritt ein regionaler Mismatch auf. scheint ein Wechsel über die Berufsgrenzen den Eigenschaften der verfügbaren Vakanzen und
Konkret analysierten wir, ob das Niveau hinaus möglich zu sein: Stellensuchende fin- den Merkmalen der Arbeitslosen. Zweitens muss
der beiden Mismatch-Typen zwischen 2006 den manchmal in einem Berufsfeld eine Stel- beruhend auf diesen Daten die geeignete Grösse
von beruflichen und regionalen Teilarbeitsmärk-
und 2014 gestiegen ist. Dabei interessierte, le, das verschieden ist von jenem, in dem sie ten definiert und drittens die Durchlässigkeit
ob gewisse Gruppen von Arbeitslosen einem vor ihrer Arbeitslosigkeit tätig waren. zwischen diesen Teilarbeitsmärkten angemessen
grösseren Mismatch gegenüberstehen als berücksichtigt werden. Gut verfügbar sind nor-
andere. Die Resultate leisten einen wichti- malerweise Mikrodaten aufseiten der arbeits-
Beruflicher Mismatch leicht losen Personen, wie sie in der Schweiz mit den
gen Beitrag zum Verständnis darüber, inwie-
fern eine mangelnde Übereinstimmung zwi-
höher Daten der Arbeitsvermittlung und Arbeitsmarkt-
statistik (Avam) vorliegen. Weit problematischer
schen Vakanzen und Arbeitslosen im Schwei- Die validierten Spezifikationen von regio- für die Berechnung des arbeitsmarktlichen Mis-
match war bisher jedoch die Datenlage seitens
zer Arbeitsmarkt problematisch sein könnte. nalen und beruflichen Teilarbeitsmärk-
der offenen Stellen, weil Daten mit detaillierten
Um den Mismatch valide zu messen, ten lieferten die Grundlage, erstmals für Angaben zu den Vakanzen auf Mikroebene fehl-
haben wir möglichst angemessene Teil- die Schweiz das Niveau und den Trend des ten. Der Stellenmarkt-Monitor Schweiz (SMM)
arbeitsmärkte spezifiziert (siehe Kasten): arbeitsmarktlichen Mismatch zuverlässig zu erhebt genau solche Daten, womit auf Basis der
SMM- und Avam-Daten erstmals möglichst ange-
1 Wir danken Debra Hevenstone für ihre wertvollen messene Spezifizierungen von Teilarbeitsmärk-
Beiträge zur Konzeption dieser Studie und den hier prä- 2 Sogenannte Zweisteller-Berufe der Schweizerischen ten eruiert und somit der Mismatch valide ge-
sentierten Analysen. Berufsnomenklatur 2000. messen werden kann.

48  Die Volkswirtschaft  4 / 2018


Eine berufliche Grundbildung verbessert
die Chancen auf dem Arbeitsmarkt.
Schuhmacher-Lernende in Zürich.
KEYSTONE
ARBEITSLOSENVERSICHERUNG

ten Verkehrsinfrastruktur in der Schweiz tief


Abb. 1: Regionaler und beruflicher Mismatch in der Schweiz (2006–2014)
geblieben sein. Dass der berufliche Mismatch
0,14    Mismatch (Jackman-Index)*
ebenfalls nicht angestiegen ist, bedeutet,
dass die Arbeitskräfte ihre beruflichen Qua-
lifikationen der sich wandelnden Nachfra- 0,12

AVAM, SMM, SAKE; SIEHE BUCHS UND BUCHMANN (2017) /


ge auf dem Arbeitsmarkt anpassen konnten.
Dies ist für die Schweiz, wo das berufliche 0,1
Bildungssystem eine starke Rolle spielt, ein
wichtiger und erfreulicher Befund. 0,08

DIE VOLKSWIRTSCHAFT
Jobs für Hochqualifizierte 0,06

sind in der Stadt


0,04
Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt
2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014
haben sich bezüglich Ausbildungsniveau in
den vergangenen Jahren gewandelt. Insbe-   Regionaler Mismatch        Beruflicher Mismatch
sondere stieg auf beiden Seiten die Bedeutung
eines höheren Ausbildungsabschlusses. So-
mit könnten einzelne Bildungsgruppen zuneh-
mend von einem regionalen und vor allem be- Abb. 2: Regionaler Mismatch nach Bildungsgruppen (2006–2014)
ruflichen Mismatch betroffen sein.
0,125    Mismatch (Jackman-Index)*
Den geringsten regionalen Mismatch wei-
sen interessanterweise Personen mit einer
beruflichen Grundbildung und solche mit

AVAM, SMM, SAKE; SIEHE BUCHS UND BUCHMANN (2017) /


0,1
einer höheren Berufsbildung auf (siehe Abbil-
dung 2). Leicht erhöht ist der regionale Mis-
match hingegen bei Personen, die keine über- 0,075

obligatorische Ausbildung abgeschlossen ha-


ben. Diese Bildungsgruppe ist am stärksten

DIE VOLKSWIRTSCHAFT
0,05
von konjunkturellen Schwankungen betrof-
fen: Bei einer regionalen Wirtschaftsflaute
werden Personen ohne Ausbildung häufig zu- 0,025
erst entlassen. Falls dann Unternehmen in an- 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014
deren Regionen gleichzeitig neue Stellen für
  Keine überobligatorische Ausbildung        Berufliche Grundbildung        Höhere Berufsbildung        Hochschule
diese Gruppe schaffen, steigt der regionale
Mismatch.
Am stärksten vom regionalen Mismatch
sind Hochschulabsolventen betroffen. Dies
hat mit einem geografischen Faktor bei An- Abb. 3: Beruflicher Mismatch nach Bildungsgruppen (2006–2014)
gebot und Nachfrage tun: Während sich die
0,25    Mismatch (Jackman-Index)*
Nachfrage nach hoch qualifizierten Arbeits-
kräften auf die wirtschaftlichen und adminis-
trativen Zentren konzentriert, sind arbeits-
AVAM, SMM, SAKE; SIEHE BUCHS UND BUCHMANN (2017) /

0,2
lose Personen aus dieser Gruppe gleichmäs-
siger über die Regionen verteilt. Allerdings
dürften Hochqualifizierte aufgrund der ho- 0,15
hen Ausbildungsinvestitionen mehr als an-
dere Bildungsgruppen bereit sein, einen lan-
DIE VOLKSWIRTSCHAFT

gen Arbeitsweg in Kauf zu nehmen. Insofern 0,1

überschätzen unsere Analysen womöglich


den regionalen Mismatch bei dieser Gruppe
0,05
leicht.
2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014

Berufsbildungssystem   Keine überobligatorische Ausbildung        Berufliche Grundbildung        Höhere Berufsbildung        Hochschule

funktioniert
Wie beim regionalen Mismatch ist auch der * Der verwendete Mismatch-Index (Jackman und Roper, 1987) misst den auf einen Mismatch zurück-
zuführenden Anteil der Arbeitslosen. Er zeigt, wie stark die Verteilung von Arbeitslosen von jener der
berufliche Mismatch am geringsten bei Per- Vakanzen abweicht. Bei einem totalen Mismatch (Indexwert = 1) sind alle Arbeitslosen anderen Teilarbeits-
sonen mit einer beruflichen Grundbildung märkten zugeordnet als die Vakanzen. Stimmen die Eigenschaften von Arbeitslosen und Vakanzen genau
und einer höheren Berufsbildung (siehe Ab- überein, gibt es keinen Mismatch (0).

50  Die Volkswirtschaft  4 / 2018


ARBEITSLOSENVERSICHERUNG

bildung 3). Ihre beruflichen Qualifikationen Berufsprofile dieser Gruppe noch über- che an neues Personal. Um diese und andere
passen am besten zu den nachgefragten Be- durchschnittlich stark von den am Arbeits- mögliche Ursachen zu eruieren, braucht es
rufsprofilen. Mit anderen Worten: Das be- markt nachgefragten Qualifikationen ab. weitere Forschung.
rufliche Bildungssystem ist weitgehend in Acht Jahre später ist der berufliche Mis-
der Lage, jene Qualifikationen bereitzustel- match wesentlich tiefer. Diese Entwicklung
len, die auf dem Arbeitsmarkt benötigt wer- könnte mit dem Aufkommen von im Ver-
den. Zudem können die vermittelten Quali- gleich zu Universitäten meist stärker auf
fikationen anscheinend auch zwischen den die Bedürfnisse des Arbeitsmarkts ausge-
Berufen transferiert werden, oder sie erlau- richteten Fachhochschulen zusammenhän-
ben es den Stellensuchenden zumindest, gen. Auch Verschiebungen von Angebot
sich der wandelnden beruflichen Nachfrage und Nachfrage in Richtung Tertiärbildung
anzupassen. dürften zu diesem Ergebnis beigetragen Helen Buchs
Relativ gross ist der berufliche Mismatch haben. Wissenschaftliche Mitarbeiterin
bei Stellensuchenden ohne überobligatori- Insgesamt zeigt die Studie, dass sich das Stellenmarkt-Monitor Schweiz,
sche Ausbildung, und dieser ist auch stär- Ausmass des arbeitsmarktlichen Mismatch Soziologisches Institut, Universität Zürich
ker von wirtschaftlichen Schwankungen ge- nach Bildungsgruppen unterscheidet. Ins-
prägt als bei Personen mit einer beruflichen gesamt ist der regionale und berufliche Mis-
Ausbildung. Vermutlich werden in einer Re- match aber nicht für die gleichzeitige Zu-
zession viele Stellen dieser Bildungsgruppe nahme von Arbeitslosenzahlen und offenen
abgebaut. Die bei einem Aufschwung neu Stellen verantwortlich. Die Ursachen lie-
geschaffenen Stellen dürften aber aufgrund gen somit anderswo. Beispielsweise könn-
struktureller Veränderungen häufig in ande- te ein Missverhältnis zwischen Angebot und
ren Berufsfeldern angesiedelt sein als die ab- Nachfrage deshalb entstanden sein, weil Fir-
gebauten. men vermehrt Personen mit einer IT-Qualifi-
Bemerkenswert ist die Entwicklung bei kation suchen oder weil immer mehr Arbeit- Marlis Buchmann
den Hochschulabsolventen: Zu Beginn der nehmende Teilzeit arbeiten wollen. Oder die Professorin für Soziologie, Leiterin Stellen-
markt-Monitor Schweiz, Universität Zürich
Analyseperiode im Jahr 2006 wichen die Unternehmen haben immer höhere Ansprü-

Literatur
Bauer, A. und Gartner, H. (2014). Buchs, H. und Buchmann, M. (2017). Duration. Studie im Auftrag der Auf- Jackman, R. und Roper, S. (1987). Structural
Mismatch-Arbeitslosigkeit. Wie Arbeits- Job Vacancies and Unemployment in sichtskommission für den Ausgleichs- Unemployment. Oxford Bulletin of
lose und offene Stellen zusammen- Switzerland 2006–2014: Labor Market fonds der Arbeitslosenversicherung. Economics and Statistics, 49(1): 9–36.
passen. IAB-Kurzbericht 5/2014. Mismatch and the Significance of Labor Zürich: Stellenmarkt-Monitor Schweiz.
Market Tightness for Unemployment

Die Volkswirtschaft  4 / 2018  51
WACHSTUM

Konjunktur Liechtensteins weist der


Schweiz die Richtung
Die liechtensteinische Volkswirtschaft reagiert schnell auf ausländische Impulse. Sie ist da-
mit ein Indikator für den Konjunkturverlauf in der Schweiz.   Andreas Brunhart

Abstract    Bis anhin wurde meist davon ausgegangen, dass kleine Länder eher Kon- weise auf einen systematischen Lead oder
junkturnehmer sind und entsprechend nachgelagert auf Konjunkturimpulse grösserer Lag der im internationalen Vergleich eben-
Staaten reagieren. Eine ökonometrische Studie des Liechtenstein-Instituts fand nun falls kleinen Schweiz gegenüber anderen
einen statistisch signifikanten Konjunkturvorlauf der Kleinstvolkswirtschaft Liech- Staaten. Bisher wurde aber Liechtenstein
tenstein gegenüber ihrem grösseren Nachbarn Schweiz, mit dem der Kleinststaat nicht im Sample berücksichtigt. Die hier vor-
wirtschaftlich und politisch eng verbunden ist. Der liechtensteinische Vorlauf ist pro- gestellte Studie betrachtet in einem ersten
duktionsseitig bestimmt und wird von der internationalen Nachfrage getrieben – vor Schritt Liechtensteins jährliches reales Brut-
allem aus den USA. Die Ergebnisse liefern den konjunkturanalytischen Hinweis, dass toinlandprodukt (BIP) seit 1972 und jenes der
sehr kleine Staaten nicht nur stärker auf Konjunktureinflüsse reagieren, sondern mög- beiden Nachbarstaaten Schweiz und Öster-
licherweise auch früher. Darüber hinaus weisen sie auf eine Nützlichkeit der liechten- reich sowie des etwa 40 Kilometer entfernten
steinischen Daten für Schweizer Konjunkturprognosen hin. Deutschland.
Die grafische Analyse zeigt, dass die liech-
tensteinische Konjunktur – verglichen mit der

D  as Fürstentum Liechtenstein ist ein


volkswirtschaftlicher Sonderfall: Im
Kleinststaat leben und arbeiten je rund
tische Interventionsinstrumente, eine hohe
Aussenhandelsorientierung und eine kaum
vorhandene Pufferfunktion der Binnenwirt-
schweizerischen – häufig Vorzeichenwechsel
der realen BIP-Wachstumsrate und Wende-
punkte der Produktionslücke vorwegnimmt
38 000 Personen – damit ist der Anteil der im schaft bei internationalen Schocks. (siehe Abbildungen). Dieser Eindruck kann
Inland Beschäftigten bemerkenswert hoch. Wenn dem so ist, könnte man sich aber durch sogenannte Kreuzkorrelationen, Gran-
Seit den Sechzigerjahren ist die kleine und fragen, ob Kleinstaaten nicht nur sensibler, ger-Tests und multivariate Vektorautoregres-
offene Volkswirtschaft stark gewachsen. Sie sondern auch früher auf solche exogenen sionen bestätigt werden.4
weist heute einen hohen Anteil an Finanz- Konjunktureinflüsse ansprechen. Und eben Das Hauptresultat der Studie scheint kon-
dienstleistungen (16% der Beschäftigung) nicht später, wie allgemein postuliert. Dies traintuitiv, wenn man der üblichen theorie-
auf und verfügt gleichzeitig über einen In- könnte zum Beispiel einen potenziellen Kon- basierten Auffassung ist, dass kleine Staaten
dustriesektor (inklusive warenproduzieren- junkturvorlauf Liechtensteins gegenüber der den Konjunkturzyklus eher «importieren».
den Gewerbes), der ungefähr 40 Prozent der Schweiz implizieren, mit der das Fürstentum Der klare Vorlauf Liechtensteins gegenüber
nationalen Bruttowertschöpfung und Be- enge wirtschaftliche und politische Verknüp- der Schweiz liefert nun aber einen deutli-
schäftigung abdeckt. Zum Vergleich: In der fungen aufweist.2 Wie eine zeitreihenanalyti- chen Hinweis gegen diese Auffassung, wenn
Schweiz beträgt der Wertschöpfungsanteil sche Untersuchung des Autors zeigt, scheint auch nur für den Kleinststaat Liechtenstein
dieses Sektors etwa 24 Prozent. es tatsächlich einen statistisch signifikanten gegenüber seinem im internationalen Ver-
In einer winzigen Nation wie Liechtenstein und sehr robusten Vorlauf der liechtenstei- gleich zwar ebenfalls kleinen, aber trotzdem
kommt dem internationalen Handel naturge- nischen Konjunktur gegenüber der Schweiz deutlich grösseren «Partnerstaat» Schweiz.
mäss eine viel stärkere Bedeutung zu als der zu geben.3 Die Analyse liefert damit erst- Der konjunkturelle Vorlauf Liechtensteins ist
Binnenwirtschaft. Man würde a priori eher mals einen Hinweis auf ein neues Verständnis umso überraschender, wenn man bedenkt,
nicht erwarten, dass ein Kleinststaat einen der konjunkturellen Verflechtung zwischen dass es sich bei der Analyse um jährliche und
konjunkturellen Vorlauf gegenüber grösseren Kleinststaaten und deren grösseren «Pa- nicht unterjährige BIP-Zahlen handelt.5
Nachbarstaaten aufweist, und könnte sich tronstaaten» über die bis anhin herrschende Während die Vorstellung des Konjunk-
auf den Standpunkt stellen, dass sehr kleine Ansicht von kleineren Nationen als Konjunk- turimports kleiner Staaten auf der Postulie-
Staaten eher dazu neigen, den internationa- turnehmern hinaus. rung kausaler Zusammenhänge fusst (Gross-
len Konjunkturverlauf zu «importieren». Dies staat als Nachfrager von Exporten des Klein-
wurde in der ökonomischen Betrachtung von Regressionen bestätigen staats), kann sicherlich nicht argumentiert
Kleinstaaten bis anhin auch meist getan. werden, dass die Konjunktur des Kleinst-
Allgemein bekannt ist, dass Kleinstaaten
Konjunkturvorlauf
tendenziell volkswirtschaftlich volatiler sind Bisherige Studien zum schweizerischen Kon- 4 Zu Regressionsergebnissen, Methodik und Robust-
heitstests siehe Brunhart (2017).
und in der Folge stärker auf konjunkturelle junkturtiming fanden keine eindeutigen Hin- 5 Es existieren keine unterjährigen BIP-Zahlen für Liech-
Fluktuationen reagieren.1 Gründe dafür sind tenstein, aber jährliche ab 1972 (das aktuellste verfüg-
2 Zwischen den beiden Ländern existieren ein Zollver- bare Jahr ist 2015). Liechtensteins Volkswirtschaftliche
eine geringere volkswirtschaftliche Diver- trag, ein Währungsvertrag sowie unzählige weitere Gesamtrechnung wurde kürzlich von ESVG 1995 auf
sifizierung, mangelnde geld- und fiskalpoli- wirtschaftliche und politische Kooperationsabkom- ESVG 2010 umgestellt, Zahlen nach ESVG 2010 aber nur
men. bis 2013 zurück publiziert. Deshalb beziehen sich die
3 Brunhart (2017), erstmals erschienen im «Journal of hier verwendeten BIP-Zahlen auf ESVG 1995 und enden
1 Vgl. Easterly und Kraay (2000). Business Cycle Research». für Liechtenstein damit 2014.

52  Die Volkswirtschaft  4 / 2018


WACHSTUM

staats Liechtenstein einen direkten Einfluss zeitreihenanalytische Untersuchungen erste über der Schweiz sichtbar – was mit den
auf die Schweiz ausübt. Vielmehr scheint es Hinweise auf die Determinanten von Liech- engen wirtschaftlichen Beziehungen der
plausibel, dass Liechtenstein im Vergleich zur tensteins Konjunkturvorlauf. So zeigt sich beiden Länder zu tun hat. Ab Mitte der
Schweiz internationale Konjunktureinflüsse, nicht nur für das jährliche BIP ein signifikanter Neunzigerjahre zeichnet sich der konjunk-
welche auf beide Nationen ähnlich wirken, Lead Liechtensteins gegenüber der Schweiz turelle Lead Liechtensteins auch gegenüber
einfach früher aufnimmt. (Vorlauf von einem Jahr), sondern auch für Österreich und Deutschland ab. Ein Grund
Kleine Staaten reagieren also nicht nur die vierteljährlichen, saisonbereinigten rea- dafür könnte im EWR-Beitritt des Fürsten-
stärker, sondern möglicherweise auch früher len Wachstumsraten der Güterexporte (Vor- tums im Jahr 1995 und der sich intensivie-
auf Konjunkturimpulse. Gründe dafür könn- lauf von drei bis vier Quartalen) und auch für renden wirtschaftlichen Integration Europas
ten die erwähnte hohe internationale Ver- die jährliche Wertschöpfung im Wirtschafts- liegen. Hinzu kommt, dass sich internatio-
netzung von kleinen Staaten (übergeordnete bereich Industrie und warenproduzierendes nale Konjunkturzyklen generell zunehmend
Bedeutung internationalen Handels gegen- Gewerbe (Vorlauf von einem Jahr). synchronisieren.
über Binnenwirtschaft) oder je nach Nischen- Es handelt sich somit um einen langen
spezialisierung die Art der produzierten Gü- und von der internationalen Nachfrage ge- Vorlaufindikator für Schweizer
ter sein. Im Falle Liechtensteins haben Bau- triebenen Produktionsvorlauf (Güterexpor-
und Investitionsgüter einen hohen Anteil an te und Wertschöpfung Industrie), während
Prognosen
der Güterproduktion. Um diese Argumenta- sich von der Finanzdienstleistungs- (Wert- Aus dem statistischen Vorlauf Liechtensteins
tionslinie zu untersuchen, werden in der Stu- schöpfung Finanzdienstleistungssektor), Im- zur Schweiz ergeben sich nicht nur konjunk-
die neben dem BIP weitere Zeitreihen unter- port- (Güterimporte) und Einkommenssei- turanalytische Einsichten, sondern auch
sucht. te (Volkseinkommen) her kein statistischer Möglichkeiten zur Prognose der schweizeri-
Vorlauf abzeichnet. Hierbei spielt die «Kon- schen Konjunktur. Leider verhindert die Pu-
US-Impulse wirken früher junkturlokomotive» USA eine wichtige Rol- blikationsverzögerung der Zahlen der jährli-
le, denn Liechtenstein nimmt konjunkturelle chen liechtensteinischen Volkswirtschaftli-
Obwohl die Verfügbarkeit von Daten zu Nachfrageimpulse aus den USA früher auf als chen Gesamtrechnung von 23 Monaten die
Liechtensteins Volkswirtschaft erheblichen die Schweiz. Darauf deuten jene Regressio- Verwendung des liechtensteinischen BIP als
Einschränkungen unterliegt, geben weitere nen hin, welche speziell auf die Länder Liech- Vorlaufindikator für die Schweiz.
tenstein, Schweiz und USA fokussieren. Während die amtliche Schnellschätzung
Das Fürstentum Liechtenstein verfügt über
Bis Mitte der Neunzigerjahre sind Liech- des liechtensteinischen BIP immer noch eine
einen ausgeprägten Industriesektor. Produktions- tensteins Vorlaufeigenschaften nur gegen- Publikationsverzögerung von 14 ­ Monaten
gebäude des Oerlikon-Konzerns in Balzers.

KEYSTONE

Die Volkswirtschaft  4 / 2018  53
WACHSTUM

aufweist, liegen die Güterexportzahlen der


Abb. 1: Reale BIP-Wachstumsraten für Liechtenstein und die Schweiz seit 1973
Eidgenössischen Zollverwaltung für alle
15    In % Kantone – und wegen des Zollvertrags auch
für Liechtenstein – auf Monatsbasis vor und

FÜR DATENQUELLEN SIEHE BRUNHART (2017), S. 45–49 / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


10 sind schon nach weniger als einem Monat
zugänglich. Für diese Exportzahlen kann,
5 wie bereits erläutert, ebenfalls ein liechten-
steinischer Vorlauf von drei bis vier Quarta-
len nachgewiesen werden.
0
Die Prüfung der Prognoseeigenschaften
liechtensteinischer Vorlaufindikatoren für die
–5
Schweiz könnte also Gegenstand lohnen-
der zukünftiger Forschung sein, ebenso wie
–10
weitere Analysen für ein tieferes Verständ-
nis der Einflussfaktoren des liechtensteini-
–15 schen Konjunkturvorlaufs und die Beantwor-
tung der Frage, ob auch für andere Kleinst-
73

75

77

79
81

83
85

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91

93

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20
19

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20
19

20
staaten gegenüber ihren engen Nachbarn ein
  Schweiz        Liechtenstein
Konjunkturvorlauf vorliegt. So könnte man
Vorzeichenwechsel bei der realen BIP-Wachstumsrate vollzogen sich in Liechtenstein in den Jahren
1976, 1981, 1990, 2001 und 2008 bereits ein Jahr vor der Schweiz, häufig wurden auch die Extrema der
beispielsweise untersuchen, ob sich ähnliche
Wachstumsraten vorweggenommen. Liechtenstein ohne 2015 (vgl. Fussnote 5). Zusammenhänge auch zwischen Luxemburg
und den Niederlanden/Belgien sowie zwi-
schen Andorra und Frankreich/Spanien sowie
Abb. 2: Produktionslücken von Liechtenstein und der Schweiz seit 1972
zwischen Monaco und Frankreich zeigen.
(BIP-Trendabweichung in %)
15    In %
FÜR DATENQUELLEN SIEHE BRUNHART (2017), S. 45–49 / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

10

Andreas Brunhart
PhD in Economics, Forschungsbeauftrag-
–5 ter, Fachbereich Wirtschaft, Liechtenstein-­
Institut, Bendern, Fürstentum Liechtenstein

–10
78
72

74
76

80

82
84
86

88
90

92
94
96

98

02
00

04
06

08

10

12
14
20
20
19

20

Literatur
19
19

19

19

19
19

19
19

19
19
19

20
19

20
20
19

20
20

  Schweiz        Liechtenstein Brunhart. A. (2017). Are Microstates Necessarily Led by


Their Bigger Neighbors’ Business Cycle? The Case of
Die oberen und unteren Wendepunkte der schweizerischen Produktionslücke wurden von der liechten- Liechtenstein and Switzerland, in: Journal of Business
Cycle Research, 13 (1): 29–55.
steinischen Konjunktur oft ein Jahr früher angezeigt, nämlich 1975, 1980, 1989, 1995, 1999, 2007, 2010, Easterly, W. und A. Kraay (2000). Small States, Small
2011 und 2013. Produktionslücke als BIP-Trendabweichung in Prozent, Trendschätzung anhand Hodrick- Problems? Income, Growth, and Volatility in Small
Prescott-Filter. Liechtenstein ohne 2015 (vgl. Fussnote 5). States, in: World Development, 28 (11): 2013–2027.

54  Die Volkswirtschaft  4 / 2018


ZAHLEN

Wirtschaftskennzahlen
Auf einen Blick finden Sie hier die Kennzahlen Bruttoinlandprodukt, Erwerbslosenquote und Inflation von acht Ländern, der EU und
der OECD. Zahlenreihen zu diesen Wirtschaftszahlen sind auf Dievolkswirtschaft.ch aufgeschaltet.

Bruttoinlandprodukt: Bruttoinlandprodukt:
Reale Veränderung in % gegenüber dem Reale Veränderung in % gegenüber dem Vorquartal1
Vorjahr
2017 4/2017 3/2017 2/2017 1/2017
Schweiz 1,0 Schweiz 0,6 0,6 0,3 0,3
Deutschland 2,2 Deutschland 0,6 0,8 0,6 0,7
Frankreich 1,8 Frankreich 0,6 0,5 0,5 0,5
Italien 1,5 Italien 0,3 0,5 0,4 0,4
Grossbritannien 1,7 Grossbritannien 0,4 0,4 0,3 0,2
EU – EU 0,6 0,6 0,6 0,5
USA 2,3 USA 0,6 0,8 0,8 0,3
Japan 1,6 Japan 0,1 0,3 1,0 0,4
China 6,8 China 1,6 1,7 1,7 1,3
OECD 2,5 OECD 0,6 0,6 0,7 0,5

Bruttoinlandprodukt: Erwerbslosenquote:3 Erwerbslosenquote:3


In Dollar pro Einwohner 2016 (PPP2) in % der Erwerbspersonen, Jahreswert in % der Erwerbspersonen, Quartalswert
2016 2017 4/2017
Schweiz 63 616 Schweiz 4,8 Schweiz 4,5
Deutschland 49 077 Deutschland 3,8 Deutschland 3,6
Frankreich 41 945 Frankreich 9,4 Frankreich 9,1
Italien 37 964 Italien 11,2 Italien 11,0
Grossbritannien 42 898 Grossbritannien – Grossbritannien –
EU 38 918 EU 7,6 EU 7,3
USA 57 325 USA 4,4 USA 4,1
Japan 41 694 Japan 2,8 Japan 2,7
China – China – China –
OECD 42 096 OECD 5,8 OECD 5,6

Inflation: Inflation:
Veränderung in % gegenüber dem Vor- Veränderung in % gegenüber dem
jahr ­Vorjahresmonat
2017 Januar 2018
Schweiz 0,5 Schweiz 0,7
Deutschland 1,7 Deutschland 1,6
Frankreich 1,0 Frankreich 1,3
Italien 1,2 Italien 0,9
Grossbritannien 2,7 Grossbritannien 3,0
EU 1,7 EU 1,6
SECO, BFS, OECD

USA 2,1 USA 2,1


Japan 0,5 Japan 1,4
China 1,6 China –
Weitere Zahlenreihen
OECD 2,3 OECD 2,2
1 Saisonbereinigt und arbeitstäglich bereinigte Daten.
www.dievolkswirtschaft.ch d Zahlen
2 Kaufkraftbereinigt.
3 Gemäss ILO (Internationale Arbeitsorganisation).

Die Volkswirtschaf  4 / 2018  55
Schulbank anstatt Werkbank? Jugendliche Arbeitslose in Europa
Die Wirtscha­fts- und Eurokrise hat die Staaten Südeuropas hart getroffen. Laut einer These des US-Ökonomen Gary
Becker gehen bei schlechter Wirtschaftslage mehr Jugendliche den schulischen Weg weiter. In der Hoffnung, bei besserer
Arbeitsmarktlage bessere Anstellungschancen zu haben. Eine Analyse der Konjunkturforschungsstelle KOF hat diesen
positiven Zusammenhang zwischen Bildungsrate und Jugendarbeitslosenrate für die meisten Länder nachgewiesen.
Allerdings: Wenn der Anstieg in der Bildungsrate den Anstieg in der Arbeitslosigkeit nicht vollständig kompensiert, dann
steigt der Anteil inaktiver Jugendlicher, die weder beschäftigt noch in Ausbildung sind. Die Studie zeigt, dass auch dieser
Anteil hinzugezogen werden muss, um die Situation der Jugendlichen umfassend einzuschätzen.

IS

SE
Jugendarbeitslosenraten FI
(nach ILO, 2015)
 0–10%        10–20%       20–30%       30–40%       40–50%       >70% NO

Zusammenhang zwischen Bildungsrate EE


und Jugendarbeitslosenrate (2009–2015)
+  positiver Zusammenhang LV

PUSTERLA FILIPPO (2017). HOW ACTIVE ARE YOUTH? THE INTERPLAY BETWEEN EDUCATION, YOUTH, UNEMPLOYMENT, AND INACTIVITY. KOF STUDIES, NO. 97. / KOF JUGENDARBEITSMARKTINDEX / DIE VOLKSWIRTSCHAFT
=  kein oder unklarer Zusammenhang
–  negativer Zusammenhang
*  keine Auswertung DK LT
IE
BY
GB NL
PL
BE DE

LU CZ Schweiz
In der Schweiz ist infolge der
SK Wirtschaftskrise die Jugend-
arbeitslosenrate leicht
FR CH AT HU angestiegen. Auch wenn die
Bildungsrate sich etwas erholt
SI HR hat, ist der Anteil inaktiver
RS Jugendlicher leicht gestiegen.

IT BA RO
PT MNE BG
SP
MK
AL
GR
Spanien und Portugal Mögliche Gründe für
In Spanien hat während der negativen ­Zusammenhang
Wirtschaftskrise die Jugend- • Schülerdemografie: Ab- CY
arbeitslosenrate zugenommen. nehmende Kohortengrösse
Da aber auch die Bildungsrate verbessert die Arbeitsmarkt-
stark gestiegen ist, ist der Anteil chancen der Jugendlichen.
inaktiver Jugendlicher praktisch • In Ländern mit hoher Staats-
konstant geblieben. Ähnlich ist verschuldung kann sich das Italien und Griechenland:
es in Portugal. Seit 2013 nimmt Bildungsangebot nur langsam In beiden Ländern hat die Jugend-
die Jugendarbeitslosenquote in erholen. arbeitslosenrate infolge der Wirt-
beiden Ländern ab. • Zeitliche Verzögerungen bei schaftskrise stark zugenommen.
der Wirkung politischer Mass- Die Bildungsraten sind hingegen
nahmen konstant geblieben. Folglich ist
• Arbeitsmarktregulierungen, der Anteil inaktiver Jugendlicher
die das Alter des Eintritts in den stark gestiegen.
Arbeitsmarkt oder in gewisse
berufliche Tätigkeiten be-
56  Die Volkswirtschaft  4 /2018 schränken.
VORSCHAU

FOKUS

Staatsbetriebe im Wettbewerb
mit Privaten
Staatsnahe Unternehmen sind vermehrt in Märkten tätig, die nicht zur politisch definierten Grund­
versorgung gehören. Deshalb stehen staatsnahe und private Betriebe in immer mehr Märkten im Wett­
bewerb. Der Bericht des Bundesrates zu «Staat und Wettbewerb» bildet den Ausgangspunkt für diesen
Fokus. Mit welchen Massnahmen stellt der Staat sicher, dass der Wettbewerb nicht verfälscht wird?
Mehr zum Thema lesen Sie in der nächsten Ausgabe.

Spannungsfeld zwischen Staat und Markt


Professor Andreas Lienhard, Universität Bern

Welchen Einfluss haben staatsnahe Betriebe auf die Wettbewerbsmärkte?


Simon Jäggi, Staatssekretariat für Wirtschaft

Wettbewerbliche Aspekte bei kantonalen und kommunalen Unternehmen


Stephan Vaterlaus, Patrick Zenhäusern, Polynomics

So steuert der Bund die bundesnahen Betriebe


Jonas Vetter, Jacqueline Cortesi-Künzi, Eidgenössische Finanzverwaltung

Staatsgarantie bei Banken: Wie lange noch?


Professor Peter V. Kunz, Universität Bern

Staatsbetriebe als globale Wettbewerber – Gefahr oder Chance?


Sara Sultan Balbuena, OECD

Fehlende Disziplinierung bei Gewährung staatlicher Beihilfen in der Schweiz


Professor Matthias Oesch, Nina Burghartz, Universität Zürich

Mehrheitsbeteiligung des Bundes an der Swisscom: Vor- und Nachteile


Interview mit Urs Schaeppi, Swisscom-Chef