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Da die regelmäßige Lesung der Heiligen Schrift zu den bedeutendsten Aufgaben des

Benediktiners gehört, bestand die Frage nach unterstützender Literatur in unserem


Noviziatsunterricht. Immer wieder stießen wir dabei auf den Verweis auf den unten angeführten
Text; leider aber nie mit dem Hinweis auf eine aktuelle und kritische Ausgabe des Textes Guigos.
Einzig der Hinweis auf die Übersetzung in Bianchis Buch war zu finden. Deshalb also hier eine
zweisprachige Ausgabe des Textes der „Scala Paradisi“, die einerseits eine Übertragung,
gleichzeitig aber auch den lateinischen Text berücksichtigt, soweit er im Moment zur Verfügung
steht.
In der Hauptsache wurde für den lateinischen Text die Überarbeitung auf der Website der Grande
Chartreuse verwendet. Nur wirklich deutliche Fehler wurden vermerkt und geändert. Hinweise
hierzu sind ebenfalls in den Anmerkungen zu finden. Außerdem wurden abweichende Zitate aus
der Schrift mit der Vulgata verglichen und in die Anmerkungen aufgenommen.
Ich darf mich bei allen Mitarbeitern (insbesondere meinem Mitnovizen Bruder Ambrosius) an
diesem Text mit einem „Vergelt´s Gott“ bedanken.
Weiterhin würde ich mich sehr freuen, wenn etwaige Leser dieses Textes sich mit Ihren
Anregungen und Ihrer Kritik an mich wenden würden.

Im Juni 2008, Bruder Urban Liedtke

Guigo II (+ 1193), Prior der Großen Kartause 1174-1180.

Scala Paradisi

Dilecto fratri suo Gervasio frater Guigo Bruder Guigo an seinen geliebten Bruder Gervasius.
delectari in Domino. Freue dich im Herrn!

Amare te ex debito teneor, quia prior Bruder, ich bin dir meine dankbare Liebe schuldig,
me amare incœpisti: et rescribere tibi denn du hast mich zuerst geliebt; und ich fühle mich
compellor, quia litteris tuis ad zu diesem Brief gedrängt, denn mit deinem Brief hast
scribendum me prius invitasti. Du mich zuvor zum Schreiben eingeladen.

Quædam ergo quæ de spirituali So habe ich mich entschlossen, dir einige Gedanken
exercitio Claustralium excogitaveram, über die geistlichen Übungen der Mönche mitzuteilen,
transmittere proposui: ut qui talia damit du meine Überlegungen beurteilen und
experiendo melius quam ego tractando, verbessern kannst, denn du kennst sie mehr aus der
didicisti, mearum judex sis Erfahrung als ich durch Nachdenken.
cogitationum et corrector.

Et merito hæc nostri laboris initia tibi Dir zuerst lege ich also mit gutem Recht die
primitus offero, ut novellæ plantationis Erstlingsfrüchte meiner Arbeit vor, so dass du die
primitivos fructus colligas: quoniam de ersten Früchte deiner jungen Pflanze einsammeln
servitute Pharaonis, me1 delicata kannst. Du hast mich ja mit lobenswerter List aus der

1 Migne XL, S. 998: „te“ statt „me“

1
solitudine laudabili furto surripiens, in Gewalt des Pharao und aus der geliebten Einsamkeit
ordinata castrorum acie collocasti; befreit und mich in das kampfbereite Schlachtheer
ramum de oleastro artificiose excisum eingereiht. Du hast mich, den Sproß des wilden
prudenter inserens in olivo. Ölbaums, kunstvoll ausgeschnitten und dem edlen
Ölbaum geschickt aufgepfropft.

Cum die quadam corporali manuum Als ich eines Tages bei der Handarbeit war, fing ich
labore occupatus, de spiritualis hominis an, über die geistlichen Übungen des Menschen
exercitio cogitare cœpissem, quatuor nachzudenken. Da kamen mir plötzlich vier geistliche
spirituales gradus animo cogitandi2 se Stufen in den Sinn: Lesung, Meditation, Gebet,
subito obtulerunt: scilicet, Lectio, Kontemplation. Das ist die Leiter, auf der die Mönche
Meditatio, Oratio, et Contemplatio. zum Himmel aufsteigen. Sie hat nur wenige Stufen,
Hæc est Scala Claustralium, qua de dennoch ist sie unermesslich und unglaublich hoch.
terra in cœlum sublevantur; gradibus
quidem distincta paucis, immensæ
tamen et incredibilis magnitudinis.

Cujus extrema pars terræ innixa est; Ihr Fuß steht auf der Erde, ihre Spitze aber dringt
superior vero nubes penetrat, et secreta durch die Wolken und erforscht die Geheimnisse des
cœlorum rimatur. Himmels.

Hi gradus sicut nominibus et numero3, Die Stufen unterscheiden sich nach Namen und Zahl
ita ordine et munere sunt distincti. sowie nach Zweck und Ordnung.

Quorum proprietates et officia quidem Wenn man sorgfältig erwägt, was jede einzelne für uns
singula, quid circa nos efficiant, bedeutet und wie sie voneinander verschieden und
quomodo inter se invicem differant et doch einander zugeordnet sind, wird man so viel
præemineant, si quis diligenter Nutzen und Freude darin finden, daß alle Mühe und
inspiciat, quiquid laboris aut studii Anstrengung, die man darauf verwendet, kurz und
impenderit in eis, breve reputabit et leicht erscheinen.
facile, præ utilitatis et dulcedinis
magnitudine.

Est autem Lectio sedula Scripturarum Die Lesung ist das eifrige Studium der Heiligen
cum animi intentione inspectio. Schrift mit wachsamem Geist.

Meditatio est studiosa mentis actio, Die Meditation ist eine geschäftige Verstandes-
occultæ veritatis notitiam ductu tätigkeit, um mit Hilfe der eigenen Vernunft eine
propriæ rationis investigans. verborgene Wahrheit zu erforschen.

Oratio est devota cordis intentio in Das Gebet ist eine andächtige Hinwendung des
Deum pro malis amovendis et bonis Herzens zu Gott, um von Übeln befreit zu werden und
adipiscendis. Gutes zu erlangen.

Contemplatio est mentis in Deum Die Kontemplation ist die Erhebung der von Gott
suspensæ4 elevatio, æternæ dulcedinis ergriffenen Seele, die die Süßigkeit der ewigen
2 Website: „cogitanti“
3 Migne XL, S. 998: Einfügung „sunt diversi“

2
gaudia degustans. Freuden verkostet.

II

Assignatis ergo quatuor graduum Nachdem wir die vier Stufen beschrieben haben,
descriptionibus, restat ut eorum officia bleibt noch deren Aufgaben zu betrachten.
videamus.

Beatæ igitur vitæ dulcedinem lectio Die unaussprechliche Seligkeit des ewigen Lebens
inquirit, meditatio invenit, oratio wird in der Lesung gesucht, in der Meditation
postulat, contemplatio degustat. gefunden, im Gebet erfleht und in der Kontemplation
verkostet.
Unde ipse Dominus dixit: Quærite, et Da der Herr selbst gesagt hat: Suchet, so werdet ihr
invenietis: pulsate et aperietur vobis. finden; klopft an, so wird euch aufgetan. (Mt 7,7)
(Mt 7.7).

Quærite legendo, et invenietis Suchet lesend und findet meditierend. Klopft betend
meditando: pulsate orando, et aperietur an und Euch wird in der Kontemplation aufgetan.
vobis contemplando.

Lectio quasi solium cibum ori apponit: Die Lesung führt die feste Speise gewissermaßen zum
meditatio masticat et frangit: oratio Mund, die Meditation zerkleinert und zerkaut sie, das
saporem acquirit: contemplatio est ipsa Gebet schmeckt sie, und die Kontemplation ist die
dulcedo quæ jucundat et reficit. Süßigkeit selbst, welche beglückt und belebt.

Lectio in cortice, meditatio in adipe, Die Lesung bleibt an der Schale, die Meditation dringt
oratio in desiderii postulatione, bis zum Kern vor, das Gebet drückt das Verlangen aus,
contemplatio in adeptæ dulcedinis die Kontemplation ist die Freude über den erlangten
delectatione. Genuß.

Quod ut expressius videri possit, unum Zum besseren Verständnis des Gesagten folgt ein
de multis supponam exemplum. Beispiel unter vielen anderen.

In lectione audio: Beati mundo corde, In der Lesung höre ich: "Selig, die ein reines Herz
quoniam ipsi Deum videbunt (Mt 5.8). haben, denn sie werden Gott schauen" (Mt 5, 8).

Ecce breve verbum, sed suavi et Dies ist ein kurzer Satz, der wohltuenden und
multiplici sensu refertum. vielfältigen Sinn in sich trägt.

Ad pastum animæ quasi uvam Der Seele wird gleichsam eine Traube zur Speise
ministravit, quam postquam anima gereicht, über welche sie, nachdem sie sie genau
diligenter inspexit5, dicit intra se: betrachtet hat, zu sich sagt: Dies kann etwas gutes
potest aliquid boni esse. sein.

Redibo ad cor meum et tentabo si forte Ich will also in mein Herz zurückkehren und
intelligere invenire potero munditiam versuchen, vielleicht diese Reinheit zu verstehen und
hanc. zu finden.

4 Migne XL, S. 998: Einfügung „quaedam“


5 Migne XL, S. 998: „inspexerit“

3
Pretiosa enim et desiderabilis est res Diese ist nämlich ein kostbares und begehrenswertes
ista, cujus possessores beati dicuntur, Gut, deren Besitzer seliggepriesen werden und denen
quibus visio Dei, quæ est vita æterna, die Anschauung Gottes, welche das ewige Leben ist,
promittitur, quæ tot sacræ Scripturæ versprochen wird. Sie wird gänzlich von den
testimoniis collaudatur. Zeugnissen der Heiligen Schrift gelobt.

Hoc ergo sibi plenius explicari Man verlangt also danach, dieses vollkommen erklärt
desiderans, incipit hanc unam6 zu bekommen und beginnt diese ein Traube zu
masticare et frangere, namque quasi in zerkleinern und zu zerkauen und legt sie gleichsam in
torculari ponit: deinde excitat rationem die Kelter. Schließlich ermuntert man die Vernunft,
ad inquirendum quid sit, et quomodo um zu erforschen, was diese so kostbare und
haberi possit hæc adeo pretiosa et begehrenswerte Reinheit des Herzens ist und wie man
desiderabilis munditia. sie erhalten kann.

III

Accendens ergo sedula Meditatio, non So beginnt also die eifrige Meditation. Sie bleibt nicht
remanet extra, non hæret in superficie, beim Äußeren stehen und hält sich nicht an der
ulterius pedem figit7. Oberfläche auf, sondern geht darüber hinaus.

Interiora penetrat, singula rimatur: Sie dringt in das Innere ein und erwägt alle
attende considerat quod non dixit, Einzelheiten. Sie bemerkt sorgfältig, dass nicht gesagt
Beati mundo corpore, sed corde: quia worden ist: "Selig sind, die einen reinen Leib haben",
non sufficit manus habere innoxias a sondern "ein reines Herz", denn es genügt nicht,
malo opere, nisi8 a pravis unsere Hände von bösen Taten rein zu halten, wenn
cogitationibus mundemur in mente. nicht der Geist von schlechten Gedanken gereinigt ist.

Quod auctoritate Prophetæ confirmatur Der Prophet bestätigt es mit seiner Autorität: "Wer
dicentis: quis ascendet in montem darf hinaufziehen zum Berg des Herrn? Wer darf
Domini, aut9 quis stabit in loco sancto stehen an der heiligen Stätte? Der reine Hände hat und
ejus? Innocens manibus et mundo ein lauteres Herz" (Ps 24,3-4).
corde. (Ps 23).

Item considerat quantum hanc cordis Ferner bedenkt bedenkt man, wie inständig der
munditiam optabat idem Propheta, qui Prophet diese Herzensreinheit im Gebet erfleht hat
orans dicebat: Cor mundum, inquit, indem er sagte: "Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz"
crea in me10 Deus. (Ps 50). (Ps 51,12),

Item, Si aspexi iniquitatem in corde Und weiter: "Hätte ich Böses im Sinn gehabt, dann
meo11, non exaudiet Dominus12 (Ps 65). hätte der Herr mich nicht erhört" (Ps 66, 18).

Cogitat quam sollicitus erat in hac Man bedenkt, wie gewissenhaft der selige Ijob darauf
custodia beatus Job, qui dicebat: bedacht war, die Reinheit zu bewahren, denn er sagte:
Pepigi fœdus cum oculis meis, 13ne "Einen Bund schloss ich mit meinen Augen, nie eine
6 Falsch: Website: „uvam“
7 Migne XL, S. 999: „altius figit pedem, ...“
8 Migne, S. 999: Einfügung „...et...“
9 Vulgata: „et“
10 Vulgata: „mihi“ statt „in me“
11 Migne, S. 999: „Et iterum: Iniquitatem si aspexi in corde meo...“
12 Vulgata: „iniquitatem si vidi in corde meo non exaudiat Dominus“

4
cogitarem quidem de virgine (Job 3114). Jungfrau lüstern anzusehen" (Ijob 31,1).

Ecce quantum arctabat se vir sanctus, So sehr nahm dieser heilige Mann sich in Zucht, dass
qui claudebat oculos suos ne videret er die Augen schloss, um die Eitelkeit nicht zu sehen
vanitatem, ne forte incautus respiceret und um nicht vielleicht von einem Anblick überrascht
quod postea invitus desideraret. zu werden, der ihn gegen seinen Willen zu bösen
Begierden reizen könnte.
Postquam hæc et hujusmodi de cordis Nachdem man dieses auf diese Weise über die
munditia pertractavit, incipit cogitare Herzensreinheit erwogen hat, beginnt man damit,
de ejus præmio, quam gloriosum et darüber nachzudenken, welcher Lohn ihr verheißen
delectabile est videre faciem ist: wie herrlich und beseligend es ist, das ersehnte
desideratam Domini, speciosi forma Antlitz Gottes zu schauen, das schöner ist als alle
præ filiis hominum15; non esse jam Gesichter der Menschen. Der Herr ist nicht mehr
abjectum et vilem, non habentem verunstaltet und erbärmlich und hat nicht mehr das
speciem qua vestivit eum mater sua Äußere, in welches ihn seine Mutter, die Synagoge,
Synagoga: sed stola immortalitatis gekleidet hatte. Sondern mit dem Gewand der
indutum, et coronatum diademate, quo Unsterblichkeit bekleidet und mit dem Diadem
coronavit eum Pater suus in die gekrönt, mit dem sein Vater ihn am Tag seiner
resurrectionis et gloriæ, die quam fecit glorreichen Auferstehung gekrönt hat, an jenem "Tag,
Dominus. den der Herr gemacht hat" (Ps 118,24).

Cogitat quod in illa visione erit satietas Und man bedenkt, dass in dieser Schau jene Sättigung
illa, de qua dicit Propheta: Satiabor sein wird, von der der Prophet sagt: "Ich werde
cum apparuerit gloria tua16 (Ps 16). gesättigt werden, wenn deine Herrlichkeit erscheint."
(Ps 17,15).
Videsne quantum liquoris emanavit ex Siehst Du, wie viel Saft die kleine Traube
minima uva; quantus ignis ex hac hervorbringt? Welch ein Feuer aus diesem Funken
scintilla ortus est, quantum hæc modica auflodert, wie sich das kleine Metallstück "Selig, die
massa, Beati mundo corde, quoniam ein reines Herz haben, denn sie werden Gott schauen."
ipsi Deum videbunt, (Mt 5) in incude [Mt 5,8] auf dem Amboss der Meditation ausgedehnt
meditationis extensa est? hat?

Sed quantum adhuc posset extendi, si Und um wie viel mehr würde es sich noch ausdehnen,
accederet aliquis talia expertus! wenn jemandem daran ginge, der darin erfahren ist?

Sentio enim quod puteus altus est: sed Denn ich sehe, dass der Brunnen tief ist, aber da ich
ego adhuc rudis tiro, in quo pauca hæc bisher noch ein Unerfahrener bin, kann ich nur kaum
haurirem vix inveni.17 dieses Wenige daraus schöpfen.

His anima facibus inflamata, his Von diesen Fackeln entzündet und von diesem
incitata desideriis, fracto alabastro, Verlangen erfüllt, beginnt nun die Seele, nachdem das
suavitatem unguenti præsentire incipit, Alabastergefäß zerbrochen ist, dessen Wohlgeruch zu
necdum gustu; sed quasi narium spüren. Zwar noch nicht mit dem Gaumen, aber
odoratu. gleichsam den Duft mit der Nase.

13 Vulgata: „ut ne“


14 Falsch: Website „Job 32“
15 Migne, S. 999: „Psal. XLIV, 3“
16 Vulgata: „ego in iustitia videbo faciem tuam implebor cum evigilavero similitudine tua“
17 Migne, S. 999: „Sentio enim quod puteus altus est: sed ego ad haec rudis, vas in quo pauca haurirem, vix inveni.“

5
Et hoc colligit quam suave esset hujus Und darin ist enthalten, welche Wonne es ist, diese
munditiæ sentire experientiam, cujus Reinheit zu besitzen, da schon die Meditation dieser
meditationem novit adeo esse sie als so beglückend erfahren hat.
jucundam.

Sed quid faciet? Habendi desiderio Aber was soll sie tun? Sie brennt vor Sehnsucht nach
æstuat, sed non invenit apud se ihr, findet aber bei sich selbst nichts, um sie zu
quomodo habere possit18: et quanto erlangen. Je mehr sie danach sucht, desto stärker
plus inquirit, plus sitit. Dum apponit dürstet sie. Dann fügt sie mit der Meditation auch den
meditationem, apponit et dolorem: quia Schmerz hinzu. Denn sie dürstet nach der Beseligung,
sitit dulcedinem, quam in cordis die in der Herzensreinheit liegt. Diese wird ihr in der
munditia meditatio esse monstrat, sed Meditation gezeigt, hat aber nicht einmal einen
non prægustat. Vorgeschmack davon.

Non enim est legentis atque meditantis Weder die Lesung noch die Meditation können diese
hanc sentire dulcedinem, nisi data Wonne verkosten lassen, wenn sie nicht von oben
fuerit desuper. gegeben ist.

Legere enim et meditari tam bonis, Das Lesen und Meditieren nämlich ist sowohl den
quam malis commune est. Guten als auch den Bösen gemeinsam.

Et ipsi philosophi gentium in quo Und selbst die heidnischen Philosophen haben unter
summa veri boni consisteret, ductu der Führung der Vernunft erkannt, worin das höchste
rationis invenerunt: sed quia cum Gut besteht. Aber weil sie, obwohl sie Gott nicht als
Deum cognovissent, non sicut Deum Gott erkannten, diesen nicht als Gott verehren wollten
glorificaverunt, et suis viribus und in ihrem Stolz sagten: "Durch unsere Zunge sind
præsumentes dicebant: Linguam wir mächtig, unsere Lippen sind unsere Stärke. Wer ist
nostram magnificabimus, labia nostra uns überlegen?" (Ps 12,5), verdienten sie nicht zu
a nobis sunt: [...19] Quis noster empfangen, was sie sehen konnten.
Dominus est?20 [...21]non meruerunt
percipere quod potuerunt videre.

Evanuerunt in cogitationibus suis[Rm „Sie verfielen in ihrem Denken der Nichtigkeit“ (Röm
1,21], et omnis eorum sapientia 1, 21) „und waren am Ende mit all ihrer Weisheit“ (Ps
devorata est22; quam eis contulerat 107, 27), denn sie schöpften aus den menschlichen
humanæ studium disciplinæ, non Wissenschaften und nicht aus dem Geist der Weisheit.
spiritus sapientiæ, qui solus dat veram Er allein kann die wahre Weisheit schenken, jenes
sapientiam, sapidam scilicet scientiam: Verkosten des Wissens, das die Seele erfreut und stärkt
quæ animam cui inhæsit inæstimabili und sie mit unaussprechlicher Wonne erfüllt.
sapore jucundat et reficit.

Et de illa dictum est: Sapientia non Von dieser Weisheit steht geschrieben: "In eine Seele,
intrabit in malevolam animam (Sap 1). die auf Böses sinnt, kehrt die Weisheit nicht ein"
(Weish 1,4).
Hæc autem a solo Deo est. Sie geht allein von Gott aus.

18 Migne, S. 999: Hinzufügung „Joh 4,11“


19 Falsch: Website „Rm 1“
20 Vulgata: „linguam nostram roboremus labia nostra nobiscum sunt quis dominus noster est“ Ps 11,5
21 Falsch: Website „Ps 2“
22 Vulgata: „et universa sapientia eorum absorta est“ Ps 106,27

6
Officium enim baptizandi Dominus Der Herr hat vielen das Amt verliehen zu taufen, aber
concessit multis: potestatem vero et sich selber die Vollmacht und Autorität vorbehalten,
auctoritatem in baptismo remittendi durch die Taufe die Sünden zu vergeben.
peccata, sibi soli retinuit.

Unde Johannes autonomastice et Darum sagt Johannes von sich selbst aus und maßvoll
discretive de eo dixit: Hic est qui von Ihm: "Er ist es, der ... tauft" (Joh 1,33).
baptizat (Jn 1).

Sic de eo possumus dicere: Hic est qui Ebenso kann man sagen: Er allein gibt die köstliche
sapientiæ saporem dat, et sapidam Weisheit und macht die Seele fähig, sie zu genießen.
animam23 facit.

Sermo siquidem datur multis, sed Das Wort Gottes wird vielen angeboten, aber nur
sapientia paucis: (Cato in distycc.) wenige empfangen die Weisheit. Der Herr schenkt sie,
quam distribuit Dominus cui vult, et wem er will und wie er will.
quomodo vult.

IV

Videns autem anima quod ad Die Seele begreift also, dass sie den ersehnten Genuss
desideratam cognitionis24 et der Erkenntnis und der Erfahrung nicht aus eigener
experientiæ dulcedinem per se non Kraft erlangen kann. Je höher sie sich erhebt, um so
possit attingere, et quanto magis ad cor ferner erscheint ihr der Herr. Dann demütigt sie sich,
altum accedit, tanto magis exaltatur nimmt ihre Zuflucht zum Gebet und ruft: Herr, nur die
Deus, humiliat se, et confugit ad können dich schauen, die ein reines Herz haben. Ich
orationem, dicens: Domine qui non suchte in der Lesung und in der Meditation, was die
videris nisi a mundis cordibus, wahre Herzensreinheit ist und wie man sie erlangen
investigavi legendo, meditando, kann, damit ich dich wenigstens ein bisschen besser
quæsivi quomodo haberi possit vera erkenne.
cordis munditia, ut ea mediante, vel ex
modica parte possem te cognoscere.

Quærebam vultum tuum Domine, Ich suchte dein Angesicht, Herr, dein Angesicht habe
vultum tuum requirebam25. 26 ich gesucht. (Ps 27,8)

Diu meditata sum in corde meo, et in Lange habe ich im Herzen meditiert, und in meiner
meditatione mea exarsit ignis ac27 Meditation hat sich ein gewaltiges Feuer entzündet,
desiderium amplius cognoscendi te.28 die Sehnsucht, dich immer mehr zu erkennen.

Dum panem Sacræ Scripturæ mihi Wenn du mir das Brot der Heiligen Schrift brichst, ist
frangis, in fractione panis magna in diesem Brotbrechen große Erkenntnis (vgl. Lk
cognitio est29: et quanto plus te 24,35). Und je mehr ich dich kenne, desto mehr
23 Migne, S. 999: „..et sapidam animae scientiam.“
24 Fehler: Website: „ congitionis“
25 Migne, S. 999: „...quaerebam.“
26 Parallel Vulgata Ps 26,8: „quaesivit vultus meus faciem tuam Domine et requiram“
27 Migne, S. 999: „et“
28 Migne, S. 999: Hinzufügung „Psal. XXXVIII, 4“
29 Vgl. Vulgata Lk 24,35: „et quomodo cognoverunt eum in fractione panis“

7
cognosco, plus te cognoscere desidero, möchte ich dich erkennen, nicht nur unter der äußeren
non jam in cortice litteræ, sed in sensu Hülle des Buchstabens, sondern im Sinne der
experientiæ. Erfahrung.

Nec hoc peto, Domine, propter merita Nicht wegen meiner Verdienste erbitte ich diese Gabe,
mea, sed pro tua misericordia. Fateor sondern aufgrund deiner Barmherzigkeit. Ich bekenne
enim quia indigna et peccatrix sum: nämlich, dass ich sündig und unwürdig bin, "aber
sed et catelli edunt de micis quæ selbst die Hündchen essen von den Brotresten, die
cadunt de mensa dominorum suorum. vom Tisch ihrer Herren fallen" (Mt 15,27).
[Mt 15,27]

Da mihi, Domine, arrham hereditatis Gib mir, Herr, das Unterpfand des künftigen Erbes,
futuræ, saltem guttam cœlestis pluviæ, gib mir wenigstens einen Tropfen des himmlischen
qua refrigerem sitim meam quia amore Taus, um meinen Durst zu stillen, denn ich brenne vor
ardeo. Liebe.

His et hujusmodi ignitis eloquiis suum Durch solch glühende Worte entbrennt die Seele
inflammat desiderium: sic ostendit immer mehr im Verlangen, tut ihre Liebe kund und
suum affectum.

His incantationibus advocat sponsum30. ruft in beständigem Flehen ihren Bräutigam herbei.

Dominus autem, cujus oculi super Der Herr aber, dessen "Augen auf die Gerechten
justos, et aures ejus non solum ad blicken und dessen Ohren ihr Schreien hören" (Ps
preces31, sed ipsas preces eorum non 34,16), wartet nicht einmal, bis sie ihre Bitten
expectat donec sermonem finierint, sed ausgesprochen haben. Er unterbricht ihr Gebet und eilt
medium orationis cursum der Seele, die ihn ersehnt, plötzlich entgegen. Er ist
interrumpens, festinus ingerit se, et vom Tau himmlischer Süßigkeit benetzt und mit
animæ desideranti festinus occurrit köstlichem Öl gesalbt. So erquickt er sie, stillt ihren
cœlestis rore dulcedinis circumfusus, Hunger und Durst und lässt sie das Irdische vergessen.
unguentis optimis delibutus; animam Der Gedanke an ihn stärkt sie wunderbar, belebt sie
fatigatam recreat, esurientem reficit, und macht sie trunken und nüchtern zugleich.
aridam impinguat, et facit eam
terrenorum oblivisci, memoria sui eam
mirabiliter fortificando, vivificando, et
inebriando, ac sobriam reddendo.

Et sicut in quibusdam carnalibus Und wie die Seele von sinnlicher Lust und Begierde
officiis anima adeo vincitur carnali so sehr gefesselt werden kann, dass sie den Gebrauch
concupiscentia, quod omnem usum ihrer Vernunft verliert, so dass der Mensch
rationis amittit, et fit homo quasi totus gewissermaßen ganz fleischlich wird, so werden
carnalis; ita merito in hac superna dagegen in der Kontemplation seine sinnlichen
contemplatione ita consumuntur et Begierden so sehr überwunden und verzehrt, dass das
absorbentur32 carnales motus ab anima, Fleisch dem Geist nicht mehr widerstreitet und der
ut in nullo caro spiritui contradicta33, et Mensch gewissermaßen durch und durch vergeistlicht

30 Website: „sponsus“
31 Vgl. Vulgata Ps 33,16: „oculi Domini ad iustos et aures eius ad clamorem eorum“
32 Migne, Sp. 1000: „absorbuntur“

8
fait homo quasi totus spirualis. wird.

VI

Sed, o Domino, quomodo Aber wie sollen wir erkennen, oh Herr, wann du
comperiemus quando hæc facis, et solches in uns wirkst? Und welches ist das Zeichen
quod signum adventus tui? deiner Ankunft?

Numquid hujus consolationis et lætitiæ Sind nicht Seufzer und Tränen die Vorboten und
testes et nuntii sunt suspiria et Zeugen dieses Trostes und dieser Freude?
lacrymæ?

Si ita est, nova est antiphrasis ista, et Wenn das so ist, dann ist es ein seltsamer
significatio inusitata. Widerspruch, ein ungewöhnliches Anzeichen.

Quæ enim conventio consolationis ad Denn welche Beziehung besteht zwischen Trost und
suspiria, lætitiæ ad lacrymas? Seufzen, zwischen Freude und Tränen?

Si tamen ista dicendæ sunt lacrymæ et Aber soll man überhaupt von Tränen sprechen und
non potius roris interioris desuper nicht vielmehr von dem Überfluss des inneren Taus,
infusi superfluens abundantia, et ad der von oben eingegossen wurde und sich nun
interioris ablutionis indicium exterioris verströmt? Ist es nicht die Abwaschung des äußeren
hominis purgamentum: ut sicut in Menschen als Zeichen der inneren Reinigung? Bei der
baptismo puerorum per exteriorem Kindertaufe wird die Reinigung des inneren Menschen
ablutionem significatur et figuratur durch die äußere Abwaschung dargestellt und ver-
interior animæ ablutio; ita hic e contra sinnbildlicht. Hier dagegen geht die innere Reinigung
exteriorem ablutionem interior der äußeren voraus.
præcedat purgatio.

O felices lacrymæ, per quas maculæ O glückselige Tränen, welche die inneren Makel
interiores purgantur, per quas abwaschen und die Brände löschen, die unsere Sünden
peccatorum incendia exstinguuntur; entfacht haben! "Selig, die ihr jetzt weint, denn ihr
Beati qui sic lugetis, quia ridebitis34. 35 werdet lachen!" (Lk 6,21)

In his lacrymis agnosce, o anima, O Seele, erkenne an diesen Tränen deinen Bräutigam,
sponsum tuum, amplectere umarme den Geliebten,
desideratum.

Nunc te torrente voluptatis inebria36, berausche dich am Strom seiner Wonnen, trinke dich
suge ab ubere consolationis ejus37 lac et satt an der tröstenden Brust und labe dich an ihrem
mel. Reichtum (vgl. Jes 66,11).

Hæc sunt miranda munuscula et solatia Diese Seufzer und Tränen nämlich sind die
quæ dedit tibi sponsus tuus, gemitus wunderbaren kleinen Geschenke und Tröstungen, die

33 Migne, Sp. 1000: „contradicat“


34 Migne XL, Sp. 1000: Hinzufügung „Id. v, 5“
35 Vgl. Vulgata Lk 6, 21: „beati qui nunc fletis quia ridebitis“
36 Migne XL, Sp. 1000: Hinzufügung „Psal. XXXV, 9
37 Vgl. Vulgata Jes 66,11: „Sugatis...ab ubere consolationis eius“

9
scilicet et lacrymæ. dein Bräutigam dir gegeben hat.

Adducit tibi potum in his lacrymis in In diesen Tränen reicht er dir den maßvollen Trank.
mensura.

Hæc lacrymæ sunt tibi panes die ac Diese Tränen sind dir die Brote, welche bei Tag und
nocte38; panes utique confirmantes cor Nacht das Herz des Menschen stärken und süßer sind
hominis39, et dulciores super mel et als Honig.
favum.

O Domine Jesu, si adeo sunt dulces O Herr Jesus! Wenn die Tränen, die der Gedanke an
istæ lacrymæ, quæ ex memoria et dich und die Sehnsucht nach dir hervorbringen, schon
desiderio tui excitantur, quam dulce so beglückend sind, wie selig wird dann erst die
erit gaudium quod ex manifesta tui Freude sein von der man durch die klare Schau deines
visione capietur40! Wesens ergriffen wird?

Si adeo dulce est flere pro te, quam Wenn es schon so süß ist, um dich zu weinen, wie süß
dulce erit gaudere de te! wird es dann sein sich an Dir zu freuen!

Sed quid hujusmodi secreta colloquia Doch wozu geben wir auf diese Weise diese innersten
proferimus in publicum? Geheimnisse in aller Öffentlichkeit preis?

Cur ineffabiles et inenarrabiles affectus Warum versuchen wir, mit gewöhnlichen Worten
verbis communibus conamur unaussprechliche und unausschöpfliche Em-
exprimere? pfindungen wiederzugeben?

Inexperti talia non intelligunt, nisi ea Wer sie nicht erfahren hat, wird sie nicht verstehen.
expressius legant in libro experientiæ, Man muss sie im Buch der Erfahrungen lesen, wo sie
quos ipsa doceat unctio. viel besser beschrieben sind, und muss von der
göttlichen Salbung belehrt werden.
Aliter autem littera exterior non Sonst wird der äußere Buchstabe dem Leser keinen
prodest quicquam legenti. Nutzen bringen.

Modicum sapida est lectio exterioris Eine bloße Lesung dieses Briefes wäre zu fade, wenn
litteræ, nisi glossam et interiorem sie keine Erklärung fände und keinen inneren Sinn,
sensum sumat ex corde. den sie aus dem Herzen schöpfen kann.

VII

O Anima, diu protraximus41 sermonem. Oh Seele, wir haben uns nun schon lange bei dieser
Rede aufgehalten.
Bonum enim erat nos hic esse, cum Denn es war gut, mit Petrus und Johannes hier oben
Petro et Johanne contemplari gloriam zu sein, die Herrlichkeit des Bräutigams zu schauen,
sponsi et diu manere cum illo, si vellet bei ihm zu verweilen und, wenn er es gewollt hätte,
hic fieri, non duo, non tria nicht zwei oder drei, sondern eine einzige Hütte zu
tabernacula42, sed unum, in quo bauen, um dort beisammen zu sein und dieselbe

38 Migne XL, Sp. 1000: Hinzufügung „Psal. XLI, 4“


39 Migne XL, Sp. 1000: Hinzufügung „Psal. CIII, 15“
40 Migne XL, Sp. 1001: „sapietur“ statt „capietur“
41 Migne XL, Sp. 1001: „portraximus“

10
essemus simul, et simul delectaremur. Freude zu genießen (vgl. Mt 17,4).

Sed jam dicit Sponsus: Dimitte me, (Gn Doch schon ruft der Bräutigam aus: "Lass mich gehen,
3) jam enim ascendit aurora; jam denn die Morgenröte bricht an! Du hast jetzt das Licht
lumen gratiæ et visitationem quam der Gnade und den ersehnten Besuch erhalten."
desiderabas accepisti.

Data ergo benedictione, mortificato Er segnet dich, er lähmt dir das Hüftgelenk, er ändert
nervo femoris, et mutato nomine de deinen Namen Jakob in Israel um (vgl. Gen 32,25-29).
Jacob in Israël, paulisper secedit Dann zieht sich der Bräutigam, so lang ersehnt und so
Sponsus diu desideratus, cito43 elapsus. schnell entschwunden, eine Zeit lang zurück.

Subtrahit se tam a prædicta visione, Er verbirgt sich, entzieht uns seinen Anblick und
quam44 a dulcedine contemplationis: zugleich die Wonnen der Kontemplation, doch bleibt
manet tamen præsens quantum ad er mit seiner Führung und seiner Gnade gegenwärtig.
gubernationem.

VIII

Sed ne timeas, o sponsa, ne desperes, Fürchte aber nichts, o Braut, verzweifle nicht, glaube
ne existimes te contemni, si paulisper nicht, du seist verschmäht, wenn der Bräutigam sein
tibi subtrahit Sponsus faciem suam. Antlitz für kurze Zeit vor dir verbirgt.

Omnia ista cooperantur tibi in bonum, All das ist zu deinem Besten: sein Kommen und
et te accessu et recessu lucrum Gehen sind ein Gewinn für dich.
acquiris.

Tibi venit, tibi et recedit. Für dich ist er gekommen, für dich zieht er sich
zurück.
Venit ad consolationem, recedit ad Zu deinem Trost ist er gekommen, aus Klugheit hat er
cautelam, ne magnitudo consolationis sich zurückgezogen, "damit du dich wegen der
extollat te45; ne, si semper apud te sit einzigartigen Gnade nicht überhebst" (vgl. 2 Kor 12,7)
Sponsus, incipias contemnere sodales, und damit du nicht versucht wirst, deine Gefährten
et hanc continuam visitationem non gering zu achten und seine beständige Nähe nicht der
jam gratiæ attribuas, sed naturæ. Gnade, sondern der Natur zuzuschreiben.

Hanc autem gratiam cui vult, et quando Doch es ist eine Gnade, die der Bräutigam gewährt
vult Sponsus tribuit; non quasi jure wem er will und wann er will und auf die man keinen
hereditario possidetur. Erbanspruch hat.

Vulgare proverbium est, quod nimia Ein bekanntes Sprichwort sagt: "Allzu große
familiaritas parti contemptum. Vertrautheit führt zu Verachtung."

Recedit ergo, ne forte nimis assiduus Der Bräutigam hat sich also zurückgezogen, um nicht
contemnatur, et absens magis verachtet zu werden, wenn er zu lange verweilt, und
desideretur, desideratus avidius damit seine Abwesenheit um so größeres Verlangen

42 Vgl. Vulgata Mt 17,4: „faciamus hic tria tabernacula tibi unum et Mosi unum et Heliae unum“
43 Website: „cite“
44 Migne XL, Sp. 1001: „quem“
45 Vulgata 2 Kor 12,7: „ne magnitudo revelationum extollat me“

11
quæratur, diu quæsitus tandem gratius nach ihm weckt. Dieses Verlangen soll zu eifrigerer
inveniatur. Suche anspornen, und die Gnade ist um so größer,
wenn man ihn gefunden hat.
Præterea si numquam deesset hic Außerdem, wenn uns dieser Trost niemals fehlte -
consolatio (quæ respectu futuræ gloriæ, welcher im Vergleich mit der künftigen Herrlichkeit,
que revelabitur in nobis, ænigmatica die an uns offenbar wird, gleichnishaft und
est et ex parte46) putaremus forte hic unvollkommen ist - so würden wir vielleicht glauben,
habere civitatem manentem et minus wir hätten hienieden eine bleibende Stätte und würden
inquireremus futuram47. die künftige weniger suchen (vgl. Hebr 13,14).

Ne ergo exsilium deputemus pro patria, Damit wir also die Verbannung nicht für die Heimat
arrham pro pretii summa, venit und das Unterpfand nicht für den vollen Besitz halten,
Sponsus et recedit vicissim; nunc kommt und geht der Bräutigam und bringt bald Trost,
consolationem afferens, nunc bald verwandelt er unser Ruhebett in ein
universum stratum nostrum in Krankenlager.
infirmitate48 commutans.

Paulisper nos permittit gustare quam Ein wenig erlaubt er uns seine Süßigkeit verkosten
suavis est, et antequam plene und entzieht sich, ehe wir völlig geschaut haben. Und
sentiamus, se subtrahit: et ita quasi alis so scheint er über uns mit ausgebreiteten Flügeln zu
expansis supra nos volitans, provocat fliegen und uns aufzufordern, selbst zu fliegen. Es ist,
nos ad volandum, quasi dicat: Ecce als ob er sagte: "Ihr habt nun ein wenig von meiner
parum gustati49 quam suavis sum et Süßigkeit verkostet. Aber wenn ihr vollkommen
dulcis, sed si vultis plene saturari hac gesättigt werden wollt, eilt mir nach, folgt dem Duft
dulcedine, currite post me in odore50 meines Wohlgeruchs, erhebt eure Herzen dorthin, wo
unguentorum meorum, habentes ich bin: zur Rechten meines Vaters.
sursum corda, ubi ego sum in dextera
Dei Patris.

Ibi videbitis me, non per speculum in Dort werdet ihr mich sehen, nicht mehr im Spiegel
ænigmate, sed facie ad faciem51: plene und Gleichnis, sondern von Angesicht zu Angesicht.
gaudebit cor vestrum, et gaudium Und euer Herz wird sich vollkommen freuen, und eure
vestrum nemo tollet a vobis52. Freude wird euch niemand nehmen" (vgl. 1 Kor 13,12
und Joh 16,22).

IX

Sed cave tibi, o sponsa: quando Aber nimm dich in acht, O Braut: Wenn dein
absentat se Sponsus, non longe abibit: Bräutigam sich auch entfernt, so geht er nicht weit
et si non vides eum, ipse tamen videt te weg; und wenn du ihn nicht mehr siehst, so schaut er
semper, plenus oculis ante et53 retro54. doch immerfort auf dich. Er ist "innen und außen
voller Augen" (Offb 4,8).

46 Migne XL, Sp. 1001: Hinzufügung „ 1 Cor. XIII, 12“


47 Vgl. Vulgata Hebr 13,14: „non enim habemus hic manentem civitatem sed futuram inquirimus“
48 Website: „...in infirmitatem“
49 Migne XL, Sp. 1001: „gustatis“
50 Migne XL, Sp. 1001: „odorem“
51 Vgl. Vulgata 1 Kor13,12: „videmus nunc per speculum in enigmate tunc autem facie ad faciem“
52 Vgl. Vulgata Joh 16,22: „et gaudebit cor vestrum et gaudium vestrum nemo tollit a vobis“
53 Falsch: Website: „te“
54 Vgl. Vulgata Offb 4,8: „circuitu et intus plena sunt oculis“

12
Nunquam potes eum latere. Du kannst dich vor ihm niemals verbergen.

Habet etiam circa te nuntios suos Er umgibt dich auch mit seinen Boten, den
spiritus, quasi sagacissimos Geistern, die sehr kluge Beobachter sind, um zu
exploratores, ut videant quomodo sehen, wie du dich während der Abwesenheit des
absente Sponso converseris, et Bräutigams verhältst. Sie klagen dich an, wenn sie
accusent te coram ipso55, si aliqua irgendwelche Zeichen von Leichtfertigkeit oder
signa lasciviæ et scurrilitatis in te Zerstreuung an dir bemerkten.
deprehenderint.

Zelotypus est Sponsus iste. Er ist ein "eifersüchtiger Bräutigam":

Si forte alium amatorem receperis56, si wenn du eine andere Liebe zulässt, wenn du einem
aliis magis placere studueris, statim anderen mehr zu gefallen suchst, verlässt er dich
discedet a te, et aliis adhærebit sofort und schenkt anderen neuen Bräuten seine Liebe.
adolescentulis.

Delicatus est Sponsus iste, nobilis et Er ist anmutig, edel, reich, der Schönste aller
dives est, speciosus forma præ filiis Menschenkinder; darum will er eine ebenso schöne
hominum57, et ideo non nisi speciosam Braut haben.
dignatur habere sponsam.

Si viderit in te maculam sive rugam, Wenn er einen Makel oder eine Runzel an dir sieht,
statim avertit58 oculos. wendet er seinen Blick sogleich ab,

Nullam enim immunditiam potest denn er kann nichts Unreines ertragen.


sustinere.

Esto ergo casta, esto verecunda et Sei also keusch, wahrhaftig und demütig, damit du
humilis, ut sic a Sponso tuo merearis verdienst, häufig von deinem Bräutigam besucht zu
frequenter visitari. werden.

Timeo ne diutius detinuerit nos sermo Ich fürchte, uns durch dieses Gespräch zu lange
iste: sed ad hæc compulit me materia aufgehalten zu haben. Aber das Thema war so süß und
fertilis pariter et dulcis, quam ego non gleichermaßen fruchtbar, so dass ich zwar nicht
protrahebam spontaneus, sed nescio plötzlich hinreißen ließ, aber von seiner Süßigkeit
qua ejus59 dulcedine trahebar invitus. ungewollt angezogen wurde.

Ut ergo quæ diffusius dicta sunt, simul Damit also das, was verstreut gesagt wurde in
juncta60 melius videantur, prædictorum verbundener Weise deutlicher erscheint, fassen wir das
summam recapitulando colligamus. vorher Gesagte zur Wiederholung zusammen.

55 Migne XL, Sp. 1001: „ et accusant te eoram ipso...“


56 Migne XL, Sp. 1001: „acceperis“
57 Migne XL, Sp. 1001: Hinzufügung „Psal. XLIV, 3
58 Migne XL, Sp. 1002: „avertet“
59 Migne Xlm Sp. 1002: „ejus“ ausgelassen
60 Migne XL, Sp. 1002: Hinzufügung „vel unita“

13
Sicut in prædictis exemplis Wie in den vorher angeführten Beispiele gesagt
prænotatum est, videri potest quomodo worden ist, kann man sehen, wie die erwähnten Stufen
prædicti gradus cohæreant, et sicut Leiter miteinander zusammenhängen sollen und so
temporaliter, ita et causaliter se wie sie zeitlich aufeinander folgen, so sollen sie dies
præcedant. auch aufgrund ihrer Wirkursache.

Lectio enim quasi fundamentum primo Zuerst kommt die Lesung als Fundament und diese
occurrit, et data materia mittit nos ad gibt den Stoff und führt uns zur Meditation.
meditationem.

Meditatio vero quid appetendum sit Die Meditation erwägt sorgfältig, was zu erstreben sei
diligentius inquirit, et quasi effodiens, und sie gräbt, stößt auf den Schatz und zeigt ihn uns.
thesaurum invenit et ostendit.

Sed cum per se obtinere non valeat, Aber da er nicht für sich allein (d.h. aus eigenen
mittit nos ad orationem. Kräften) zu erlangen ist, bringt er uns zum Gebet.

Oratio se totis viribus erigens ad Das Gebet erhebt sich mit allen Kräften zum Herrn
Dominum, impetrat thesaurum und erfleht den ersehnten Schatz, die Wonne der
desiderabilem, contemplationis Kontemplation.
suavitatem.

Hæc autem adveniens, prædictorum Wenn diese aber kommt, belohnt sie die Mühe der
trium laborem remunerat, dum cœlestis vorher beschriebenen dreifachen Arbeit, wobei sie die
rore dulcedinis animam sitientem dürstende Seele mit dem Tau himmlischer Seligkeit
inebriat. berauscht.

Lectio ergo est secundum exterius Die Lesung entspricht also einer äußeren Übung, die
exercitium: Meditatio secundum Meditation einem inneren Erkenntnisvorgang, das
interiorem intellectum: Oratio Gebet ist einem Verlangen, die Kontemplation aber ist
secundum desiderium: Contemplatio über allen Sinnen.
super omnem sensum.

Primus gradus est incipientium, Die erste Stufe ist die der Anfänger, die zweite die der
secundus est proficientium, tertius est Fortschreitenden, die dritte die der Hingabevollen , die
devotorum, quartus beatorum. vierte die der Seligen.

XI

Hi autem gradus ita concatenati sunt, et Diese Stufen sind insofern miteinander verkettet und
vicaria ope sibi invicem deserviunt, dienen sich einander gegenseitig ergänzend so, dass
quod præcedentes sine subsequentibus die ersten wenig oder gar nichts nützen ohne die
aut parum, aut nihil prosunt61: nachfolgenden, und so, dass die nachfolgenden
sequentes vero sine præcedentibus, aut entweder selten oder nie ohne die vorhergehenden
raro, aut numquam haberi possunt62. erreicht werden.

Quid enim prodest lectione continua Was hilft es nämlich, die Zeit mit langen Lesungen
tempus occupare, sanctorum gesta et zuzubringen, das Leben und die Schriften der Heiligen
61 Migne XL, Sp. 1002: „ prosint“
62 Migne XL, Sp. 1002: „possint“

14
scripta legendo transcurrere, nisi ea durchzublättern, ohne dass wir diesen auch durch
etiam masticando et ruminando Kauen und Wiederkäuen den Saft herauspressen und
succum eliciamus, et transglutiendo dann bis auf den Herzensgrund dringen lassen, so dass
usque ad cordis intima transmittamus, wir daraus gründlich unseren Zustand erkennen und
ut ex his diligenter consideremus uns bemühen, die Werke jener zu tun, deren Taten wir
statum nostrum, et studeamus eorum aufmerksam zu lesen begehren?
opera agere, quorum facta cupimus
lectitare?

Sed quomodo hæc cogitabimus, aut Aber wie werden wir darüber nachdenken können
quomodo cavere poterimus, ne falsa oder wie können wir vermeiden, durch falsches und
aut inania quædam meditando, limites unnützes Meditieren die Grenzen zu überschreiten, die
a sanctis Patribus constitutos uns von den heiligen Vätern gesetzt worden sind,
transeamus, nisi prius circa hujusmodi wenn wir nicht zuvor durch Lesung oder Belehrung
ante ex lectione aut ex auditu fuerimus ermahnt wurden?
instructi?

Auditus enim quodammodo pertinent Denn das Hören gehört ebenso zur Lesung.
ad lectionem63.

Unde solemus dicere, non solum libros Daher pflegen wir zu sagen, nicht nur die Bücher
ipso nos legisse quos nobis ipsi vel selbst zu lesen, die wir von uns aus oder (auf
aliis legimus, sed illos etiam quos a Empfehlung) anderer lesen, sonder auch jene, von
magistris audivimus. welchen wir von den Meistern gehört haben.

Item quid prodest homini si per Ebenso, was nützt es dem Menschen, durch die
meditationem quæ agenda sunt videat, Meditation zu erkennen, was zu tun ist, wenn wir
nisi orationis auxilio, et Dei gratia ad nicht im Gebet die Hilfe und die Gnade Gottes
ea obtinenda convalescat? erflehen, um in der Lage zu sein (eben) dies tun zu
können?

Omne siquidem datum optimum, et "Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk
omne donum perfectum desursum est, kommt von oben, vom Vater der Gestirne" (Jak 1,17),
descendens a Patre luminum, (Jacob 1) ohne den wir nichts vollbringen können. Er ist es ja,
sine quo nihil possumus facere: sed der in uns wirkt, freilich nicht ganz ohne unser Zutun,
ipse in nobis facit opera, non tamen denn "wir sind Gottes Mitarbeiter" (1 Kor 3,9), wie
omnino sine nobis, cooperatores enim der Apostel sagt.
Dei sumus (1 Cor.364) sicut dicit
Apostolus.

Vult siquidem Deus ut eum Gott will, dass wir ihm helfen und dass wir ihm, der
adjuvemus65, et ut ei advenienti et ankommt und an der Tür wartet ihm den Schoß
præstolanti ad ostium, aperiamus unseres Willens öffnen und ihm Einlass gewähren.
sinum voluntatis nostræ, et ei
consentiamus.

Hunc consensum exigebat a Diese Zustimmung verlangte der Herr von der

63 Falsch: Website: „lectione“


64 Vgl. Vulgata 1 Kor 3,9: „enim sumus adiutores Dei“
65 Migne XL, Sp. 1002: „oremus“

15
Samaritana, quando dicebat: Voca Samariterin (vgl. Joh 4,7 ff), als er ihr sagte: "Geh, ruf
virum tuum66, (Jn 4) quasi diceret: deinen Mann", als ob er sagen würde: "Ich will meine
Volo67 tibi infundere gratiam, tu applica Gnade in dich ergießen, du aber gib deinen freien
liberum arbitrium. Willen hinzu."

Orationem exigebat ab68 ea, cum Er verlangte von ihr das Gebet als er sagte: "Wenn du
dicebat: Tu si scires donum Dei, et quis wüßtest, worin die Gabe Gottes besteht und wer es ist,
est qui dicit tibi: Da mihi bibere, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, dann hättest du
forsitan petiisses ab eo aquam vivam. ihn gebeten, und er hätte dir lebendiges Wasser
gegeben."
Hoc audito, quasi ex lectione mulier Als die Frau das gehört hatte, war sie wie durch eine
instructa, meditata est in corde suo Lesung belehrt und meditierte darauf im Herzen, wie
bonum sibi fore et utile habere hanc gut und nützlich es wäre, dieses Wasser zu bekommen.
aquam.

Accensa ergo habendi desiderio, Da entbrannte in ihr der Wunsch dieses zu besitzen
convertit se ad orationem, dicens: und kehrte sich zum Gebet hin, indem sie sagte: "Herr,
Domine da mihi hanc69 aquam, ut non gib mir dieses Wasser, damit ich keinen Durst mehr
sitiam amplius, neque veniam huc habe und nicht mehr hierher kommen muss um Wasser
haurire aquam (Jn 4)70. zu schöpfen!"

Ecce auditus verbi Domini, et sequens So hat sie also das göttliche Wort gehört, und die
super eo meditation incitaverunt eam Meditation über dieses Wort entflammte sie zum
ad orandum. Beten.

Quomodo namque esset sollicita ad Hätte sie sich gedrängt gefühlt zu beten, wenn die
postulandum, nisi prius eam Meditation sie nicht zuerst entflammt hätte?
accendisset meditatio?

Aut quid ei præcedens meditatio Und was hätte ihr die Meditation genützt, wenn sie
contulisset, nisi quæ appetenda ihr nicht gezeigt hätte, was zu verlangen sei, um es im
monstrabat, sequens oratio folgenden Gebet zu erbitten.
impetrasset?

Ad hoc ergo ut fructuosa sit meditatio, Damit also die Meditation fruchtbar sei, muss dieser
oportet ut sequatur orationis devotio, die Hingabe im Gebet folgen, deren beinahe
cujus quasi effectus est contemplationis konsequentes Ergebnis die Wonne der Kontemplation
dulcedo. ist.

XII

Ex his71 possumus colligere, quod Daraus können wir schließen, dass die Lesung ohne
lectio sine meditatione arida est, Meditation dürr ist, die Meditation ohne Lesung in die
meditatio sine lectione erronea, oratio Irre geht, das Gebet ohne Meditation lau und die

66 Vgl. Vulgata Joh 4,16


67 Migne XL, Sp. 1002: „Vola“
68 Falsch: Website: „an“
69 Falsch: Website: „han“
70 Vgl. Vulgata Joh 4,15: „Domine da mihi hanc aquam ut non sitiam neque veniam huc haurire“
71 Migne XL, Sp. 1003: „hic“

16
sine meditatione est tepida, meditatio Meditation ohne Gebet unfruchtbar ist. Das
sine oratione infructuosa: oratio cum hingabevolle Gebet ist fähig die Kontemplation zu
devotione contemplationis acquisitiva; erlangen, das erlangen der Kontemplation aber ohne
contemplationis adeptio sine oratione, das Gebet ist selten oder ein Wunder.
aut rara aut miraculosa.

Deus, cujus potentia non est numerus Der Herr, dessen Macht unermesslich und unbegrenzt
vel terminus, et cujus misericordia ist und dessen Barmherzigkeit über all seinen Werken
super omnia opera ejus, quandoque ex ist und der dann aus Steinen Kinder Abrahams
lapidibus suscitat filios Abrahæ, dum erweckt, wenn er harte und widerwillige Herzen dahin
duros et nolentes acquiescere cogit ut bewegt, dass sie ihm einwilligen und so gleichsam auf
velint: et ita quasi prodigus, ut vulgo verschwenderische Weise "den Stier bei den Hörnern
dici solet, bovem cornu trahit, quando packt", wie man im Volksmund sagt, und sich eingießt
non vocatus se infundit. ohne gerufen worden zu sein.

Quod etsi quandoque aliquibus legimus Und wenn wir lesen, dass dies einigen wie Paulus oder
contigisse, ut Paulo et quibusdam aliis; anderen zugestoßen ist so dürfen wir deshalb doch
non tamen ideo debemus nos, quasi nicht auf vermessene Weise solche Gnaden erwarten,
Deum tentando divina præsumere, sed gerade so, als ob wir Gott versuchten. Sondern wir
facere quod ad nos pertinet: legere müssen vielmehr das tun, was uns zukommt, nämlich
scilicet et meditari in lege Dei, orare im Gesetz des Herrn meditieren und ihn bitten, er
ipsum ut adjuvet infirmitatem nostram, selber möge unserer Schwachheit zu Hilfe kommen
et videat imperfectum nostrum; quod und unsere Unvollkommenheit ansehen. Das hat uns
ipse docet nos facere, dicens: Petite et selber zu tun gelehrt, als er sagte: "Bittet, dann wird
accipietis; quærite, et invenietis; euch gegeben; sucht, dann werdet ihr finden, klopft
pulsate et aperietur vobis (Mt 7,772). an, dann wird euch geöffnet" (Mt 7,7).

Nunc enim regnum cœlorum vim Jetzt nämlich "wird dem Himmelreich Gewalt
patitur, et violenti rapiunt illud (Mt angetan, und die Gewalttätigen reißen es an sich" (Mt
11). 11,12).

Ecce ex præsignatis distinctionibus Aus den vorausgezeichneten Unterscheidungen


perspici possunt prædictorum graduum können die Eigenschaften der vorher erwähnten
proprietates, quomodo sibi cohæreant, Stufen, nämlich wie sie untereinander
et quid singuli in nobis efficiant. zusammenhängen und was sie in uns bewirken,
durchschaut werden.

Beatus homo, cujus animus a ceteris Glückselig, wer frei von jeder anderen Sorge, ständig
negotiis vacuus, in his quatuor ersehnt, diese vier Stufen zu ersteigen. Glückselig,
gradibus versari semper desiderat, qui wer alles was er hat verkauft, um den Acker zu
venditis universis quæ habuit, emit erwerben, in dem der begehrenswerte Schatz
agrum illum, in quo latet thesaurus verborgen liegt: nämlich frei zu sein und zu sehen,
desiderabilis, scilicet vacare et videre "wie gut der Herr ist". Wohlgeübt auf der ersten Stufe,
quam suavis est Dominus: qui in primo umsichtig auf der zweiten, hingabevoll auf der dritten,
gradu exercitatus, in secundo über sich selbst erhoben auf der vierten, steigt er in
circumspectus, in tertio devotus, in seinem Herzen von Kraft zu Kraft auf Wegen empor,
quarto supra se levatus, per has die er in seinem Herzen bereitet hat, bis er den Gott
ascensiones, quas in corde suo der Götter "auf dem Zion schauen wird" (Ps 84,8).
disposuit, ascendet73 de virtute in
72 Falsch: Website: „Jn 16“ vgl. Vulgata: „petite et accipietis ut gaudium vestrum sit plenum“

17
virtutem, donec videat Deum deorum
in Sion!74

Beatus cui in hoc supremo gradu vel Glückselig, dem es vergönnt ist, auf dieser höchsten
modico tempore conceditur manere, Stufe, wenn auch nur für kurze Zeit, zu verweilen und
qui vere potest dicere: ecce sentio in Wahrheit sprechen zu können: "Siehe, ich spüre die
gratiam Domini; ecce cum Petro et Gnade des Herrn; ich schaue mit Petrus und Johannes
Johanne gloriam ejus in monte zusammen auf dem Berg seine Herrlichkeit; siehe, ich
contemplor; ecce cum Jacob erfahre etwas von der Freude Jakobs in den
plerumque Rachelis amplexibus Umarmungen der schönen Rachel."
delector!

Sed caveat sibi iste, ne post Wer aber in der Kontemplation so bis zum Himmel
contemplationem istam qua elevatus erhoben wurde, gebe acht, nicht durch einen Fehltritt
fuerit usque ad cœlos, inordinato casu plötzlich in den Abgrund zu stürzen und nach einem
corruat usque ad abyssos, nec post Dei so wunderbaren Erlebnis nicht wieder zu weltlichem
visionem ad lascivos mundi actus et Treiben und zu den Begierden des Fleisches
carnis illecebras convertatur. zurückzukehren.

Cum vero mentis humanæ acies Da jedoch der menschliche Geist in seiner Schwäche
infirma veri luminis illustrationem den Glanz des göttlichen Lichtes nicht lange ertragen
diutius sustinere non poterit, ad kann, muss er sacht und ordnungsgemäß auf eine der
aliquem trium graduum, per quos drei anderen Stufen hinabsteigen, auf denen er
ascenderat, leviter et ordinate emporgestiegen war. Dabei verweilt er gemäß der
descendat; et alternatim modo in uno, freien Vernunft bald auf der einen, bald auf der
modo in altero, secundum modum anderen, je nach Ort und Zeit. Er wird Gott immer um
liberi arbitrii, pro ratione loci et so näher sein, je weiter er von der ersten Stufe entfernt
temporis demoretur, tanto jam Deo ist.
vicinior, quanto a primo gradu
remotior.

Sed heu fragilis et miserabilis humana Aber wie gebrechlich und armselig ist doch die
conditio! menschliche Natur!

Ecce ductu rationis et scripturarum Unter der Führung unserer Vernunft und durch das
testimoniis aperte75 videmus in his Zeugnis der Heiligen Schrift wird uns offensichtlich,
quatuor gradibus bonæ vitæ dass in diesen vier Stufen die Vollkommenheit eines
perfectionem contineri, et in eis76 guten Lebens enthalten ist und dass ein geistlicher
spiritualis hominis exercitium debere Mensch sich beständig üben muss, um sie zu
versari. ersteigen.

Sed quis est qui hunc vivendi tramitem Aber wer geht diesen Weg des Lebens?
teneat?

Quis est hic, et laudabimus eum? Wo ist er, auf dass wir ihn preisen?

73 Migne XL, Sp. 1003: „ascendit“


74 Vgl. Vulgata Ps 83,8: „fortitudine in fortitudinem parebunt apud Deum in Sion“
75 Migne XL, Sp. 1003: „operte“
76 Migne XL, Sp. 1003: „his“

18
Velle multis adjacet, sed perficere Das Wollen liegt vielen nahe, wenigen aber das
paucis. Vollbringen.

Et utinam de istis paucis essemus. Oh, dass wir doch zu dieser kleinen Schar gehörten.

XIII

Sunt autem quatuor causæ, quæ Es gibt aber vier Gründe, die uns am auch völlig von
retrahunt nos plerumque ab istis diesen Stufen zurückhalten. Nämlich: eine
gradibus, scilicet inevitabilis unvermeidliche Notwendigkeit, der Nutzen einer
necessitas, honestæ actionis utilitas, ehrenvollen Tat, die menschliche Schwäche und die
humana infirmitas, mundialis vanitas. weltliche Eitelkeit.

Prima est excusabilis, secunda Der erste Grund ist entschuldbar, der zweite kann
tolerabilis, tertia miserabilis, quarta geduldet werden, der dritte erbärmlich, der vierte
culpabilis. 77 schuldhaft.

Illis enim quos hujusmodi novissima Denn für den, der aus diesem letzteren Grund von
causa a sancto proposito retrahit, seinem heiligen Vorsatz abweicht, wäre es besser, die
melius erat gloriam Dei non Herrlichkeit Gottes nie kennengelernt zu haben, als
cognoscere, quam post agnitam retro sich von der Erkannten wieder zurückzuziehen.
ire.

Quam utique excusationem habebit iste Was für eine Ausrede hat so einer für seine Schuld?
de peccato?

Nonne et juste potest dicere Dominus: Kann der Herr ihm nicht mit Recht sagen: „Was
Quid debui tibi facere, et non feci? (Is konnte ich noch für dich tun, was ich nicht für dich
5)78 tat?“ (vgl. Jes 5,4)

Non eras, et creavi te: peccati, et Du existiertest nicht, und ich habe dich erschaffen, du
diaboli servum te feceras, et redemi te: hattest dich zum Sklaven des Teufels und der Sünde
in mundi circuitu cum impiis currebas, gemacht und ich habe dich erlöst; du irrtest mit
et elegi te. Frevlern in der Welt umher und ich habe dich erwählt.

Dederam tibi gratiam in conspectu Ich habe dir Gnade vor meinem Angesicht gewährt
meo, et volebam facere apud te und wollte bei dir Wohnung nehmen. Du aber hast
mansionem: tu vero despexisti me, et mich verschmäht und du hast nicht nur meine Worte,
non solum sermones meos, sed sondern mich selbst zurückgestoßen, um deinen
meipsum projecisti retrorsum, et Begierden nachzulaufen.
ambulasti post concupiscentias tuas.

Sed, o Deus bone, suavis et mitis, Aber, oh guter Gott, milder und sanfter Gott, du
amicus dulcis, consiliarius prudens, geliebter Freund, kluger Ratgeber und starker Helfer,
adjutor fortis, quam inhumanus, quam wie unmenschlich, wie leichtfertig ist der, der Dich
temerarius est qui te abjicit! zurückstößt!

Qui tam humilem, tam mansuetum Der einen so demütigen und gütigen Gast aus seinem
77 Migne XL, Sp. 1004: Hinzufügung „Cur culpabilis?“ [Warum schuldhaft?]
78 Vgl. Vulgata Jes 5,4: „quid est quod debui ultra facere vineae meae et non feci“

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hospitem a suo corde repellit! Herzen vertreibt!

O quam infelix et damnosa Oh, welch unseliger und verhängnisvoller Tausch!


commutatio!

Creatorem suum abjicere, et pravas Seinen Schöpfer zu verwerfen und böse und
noxiasque cogitationes recipere! schädliche Gedanken zu empfangen!

Illum etiam secretum cubile Spiritus Jenes geheime Brautgemach des Heiligen Geistes, das
Sancti, secretum cordis, quod paulo Innere des Herzens, das kurz zuvor die himmlischen
ante cœlestibus gaudiis intendebat, tam Wonnen vernahm, so mit Füßen zu treten, indem man
subito immundis cogitationibus et sich auf der Stelle unreinen Gedanken und Sünden
peccatis tradere conculcandum! hingibt!

Adhuc in corde calent sponsi vestigia, In dieses Herz, das noch die die Spuren der Wärme
et jam intromittuntur adulterina des Bräutigams trägt, sogleich ehebrecherische
desideria! Begierden einzuführen!

Male conveniens et indecorum est Es gereicht zum Schlechten und es ist schändlich, die
aures quæ modo audierunt verba quæ Ohren, die soeben Worte vernommen haben, von
non licet homini loqui79, tam cito denen dem Menschen nicht erlaubt ist zu reden,
inclinari ad fabulas et detractiones neigen sich so schnell zu Ablenkungen und
audiendas: oculos, qui sacris lacrymis Geschwätz. Die Augen, die gerade gleichsam getauft
modo baptizati erant, repente converti wurden durch heilige Tränen, wenden sich plötzlich
ad videndas vanitates: linguam, quæ dahin Eitelkeiten zu sehen. Die Zunge, die kurz zuvor
modo dulce epithalamium ein süßes Brautlied sang und durch ihre feurigen und
decantaverat, quæ ignitis, et verführerischen Reden als Braut sich mit dem
persuasoriis eloquiis suis cum Sponso Bräutigam tröstete und der seinerseits diese "in seinen
reconciliaverat sponsa, et introduxerat Weinkeller führte" (Hld 2,4), kehrt nun wiederum zu
eam in cellam vinariam80,81, iterum leichtfertigen Reden, ungehörigen Scherzen, zu
convertit ad vana eloquia, ad Possen, zum Suchen von Schmerzen und zu
scurrilitates, ad concinnandum dolos, Ablenkungen zurück!
ad detractiones.

Absit a nobis, Domine. Dies sei uns ferne, Herr!

Sed si forte ex humana infirmitate ad Wenn wir aber aus menschlicher Schwachheit in
talia dilabimur, non ideo desperemus, solche Fehler geraten, dürfen wir nicht verzweifeln.
sed iterum recurramus ad clementem Sondern wir wenden uns wiederum an den gütigen
Medicum, qui suscitat de terra inopem, Arzt, "der den Schwachen aus dem Staub emporhebt
et erigit de stercore pauperem (Ps und den Armen erhöht, der im Schmutz liegt" (Ps
112)82, et qui non vult mortem 113,7), und der nicht den Tod des Sünders will. Er
peccatoris83; iterum curabit et sanabit wird uns wiederum pflegen und heilen.
nos.

79 Migne XL, Sp. 1004: Hinzufügung „ II Cor. XII, 4“


80 Migne XL, Sp. 1004: Hinzufügung „Cant. II, 4“
81 Vgl. Vulgata Hld 2,4: „introduxit me in cellam vinariam“
82 Vgl. Vulgata Ps 112,7: „suscitans de terra inopem et de stercore elevat pauperem“
83 Migne XL, Sp. 1004: Hinzufügung „Ezech. XXXIII,11“

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Jam tempus est ut epistolæ finem Nun ist es Zeit dem Brief ein Ende zu setzen.
imponamus.

Oremus ergo Deum ut impedimenta Bitten wir also den Herrn, in der Gegenwart die
quæ nos ab ejus contemplatione Hindernisse zu vermindern, die uns von seiner
retrahunt, in præsenti nobis mitiget, in Kontemplation zurückhalten, und in der Zukunft diese
futuro nobis penitus84 auferat: qui per ganz zu beseitigen. Er führe uns auf den besagten
prædictos gradus de virtute in virtutem Stufen von Kraft zu Kraft, bis wir "den Gott der
nos perducat, donec videamus Deum Götter schauen auf dem Zion" (Ps 84,8). Dort
deorum in Sion85: ubi electi non verkosten die Auserwählten die selige Anschauung
guttatim, non interpolatim percipient Gottes nicht mehr Tropfen für Tropfen und nicht mehr
divinæ contemplationis dulcedinem, nur von Zeit zu Zeit empfangen sie die Seligkeit der
sed torrente voluptatis indesinenter göttlichen Kontemplation, sondern sie werden ohne
repleti, habebunt gaudium quod nemo Ende mit dem Strom der Wonnen getränkt. Sie werden
tollet ab eis, et pacem die Freude besitzen, die ihnen niemand nehmen kann,
incommutabilem, pacem in Idipsum. den unwandelbaren Frieden, den Frieden in ihm.

Tu ergo, frater mi Gervasi, si quando Du aber, mein Bruder Gervasius, wenn es einmal von
datum tibi fuerit desuper prædictorum oben gegeben wird, über die besagten Stufen den
graduum celsitudinem conscendere, Himmel zu ersteigen, dann gedenke meiner und bete
memento mei, et ora pro me, cum bene für mich in deiner Glückseligkeit. So ziehe einer den
fuerit tibi, et qui audit, dicat: Veni.86 anderen nach, und wer es hört, der sage: Komm! (Offb
22,17)
Zitiert nach Website

Verwendete Literatur:

Bianchi, Enzo: Dich finden in deinem Wort, Freiburg 1998. In den Anmerkungen als „Bianchi“.
Guigo II. Cartusianus, Scala Paradisi, http://www.chartreux.org/textes/latin/scala.html vom 22.02.2008. In
den Anmerkungen als „Website“.
Guigo II. Cartusianus, Scala Paradisi, in: Migne, J.-P., Patrologiae Series Latina Tomus XL, Paris 1887. In
den Anmerkungen als „Migne XL“.
Weber, Robert u.a. [Hrsg.], Biblio sacra vulgata. Editio quinta, Stuttgart 2007. Nach:
http://www.bibelwissenschaft.de/online-bibeln/biblia-sacra-vulgata/lesen-im-bibeltext/ . In den An-
merkungen als „Vulgata“

84 Migne XL, Sp. 1004: Abweichung „poenitus“


85 Migne XL, Sp. 1004: Hinzufügung „Psal. LXXXIII, 8“ vgl. Vulgata Ps 83,8: „de fortitudine in fortitudinem
parebunt apud Deum in Sion“
86 Vgl Vulgata Apc 22,17: „et qui audit dicat veni“

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