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TB8 Reproduktion, Entwicklung und Alterung; Bereich Medizinische

Soziologie; Sommersemester 2020

Reproduktion und Entwicklung


von Gesellschaften, Gruppen und
Individuen: Prinzipien und
gesundheitliche Folgen

Screencast: Soziale Beziehungen


und Gesundheit
Terminologie: psychosoziale Faktoren
Sozial, weil der Auslöser der Es gibt sehr verschiedene
Belastung in der sozialen Welt liegt. Formen von psychosozialen
Psychisch, weil der Auslöser subjektiv Faktoren. Hier werden
verarbeitet wird und eine Reaktion beispielhaft soziale
nach entsprechender Filterung Beziehungen und im Seminar
einsetzt. Stressoren behandelt.

Psychosozialer Psychosoziale
Risikofaktor = Ressource =
Einfluss der Einfluss der
sozialen Umwelt, sozialen Umwelt,
der eine potentiell der die physische
krankheitswertige und psychische
psycho-physiologische Gesundheit stärkt und
Reaktion oder ein die Widerstandskraft
gesundheitsschädigendes insgesamt erhöht
Verhalten provozieren kann.
Thema 2: Agenda

1. Die Gruppe: die Evolution des


Menschen als soziales Wesen

2. Soziale Beziehungen und Gesundheit:


Grundlegende Gedanken, Konzepte,
Befunde und Mechanismen
Der Mensch
ist ein „Zoon
Politikon“

Condicio Humana:
Das Leben in der
Gruppe ist ein
zentrales Merkmal
der menschlicher
Existenz
Bildquelle (ops): https://www.schriever.af.mil/News/Article-Display/Article/2120409/combat-covid-19-stress/
Gruppe
• Gruppen bilden den sozialen „Nahraum“ von
Menschen (zentrale soziale Beziehungen)
• Gruppen sind Personen, die häufig
interagieren und i.d.R. ein gemeinsames Ziel
oder Wertvorstellungen haben
• Primärgruppe (Familie), formelle Gruppen
(festgelegte Regeln, z.B. Verein, Kollegen),
informelle Gruppen (Freunde, Bekannte)
• Bindungskraft durch: Gruppennormen, Rollen,
Kultur, Werte(systeme), Zwang
Funktion von sozialen Gruppen
(insbesondere Primärgruppen)

• Reproduktion
• Erziehung, Sozialisation
• Überlieferung von Kultur, Werten und Lebensstilen
• Effizienz und Arbeitsteilung
• Soziale Bindungen, Rückhalt und Fürsorge
• Schutzraum für Intimität und Emotionalität
• Tradierung von Eigentum und sozialem Status

= evolutionärer Überlebensvorteil
Grundbedürfnisse nach A. Maslow

Ursprünglich eine Theorie der


Motivation. Werden Bedürfnisse nicht
erfüllt, drohen aber zahlreiche
gesundheitliche Konsequenzen.
Viele Bedürfnisse sind nur in sozialen
Beziehungen‘ zu erfüllen!

Selbstverwirklichung: sinnvolle
Ziele, Verwirklichung von Potentialen

Wertschätzung: Anerkennung,
Freiheit, Respekt

Bindung: Intimität, Liebe, Bindung,


Zugehörigkeit

Schutz: Kontrolle, Gewaltfreiheit,


Ordnung, Angstfreiheit

Biologisch: Nahrung, Wasser, Sauerstoff, unterste Hierarchieebene


Erholung, Sexualität
Bedürfnisse nach Maslow 1970 nach Gerrig und Zimbardo (2008), 18. Aufl., S. 421ff
Infographik: wikimedia commons
Bindung, Wertschätzung, Selbstverwirklichung

(Gelingende) soziale
Beziehungen sind
elementar für eine positive
psycho-emotionale,
körperliche und soziale
Entwicklung des
Menschen

Siehe Vorlesung Med.


Psych!

Harlows Bindungs-Experiment
http://www1.appstate.edu/~kms/classes/psy3214/images/Harlow1.jpg
Soziale Beziehungen
Auch nach der Kindheit werden ein Großteil der
Bedürfnisse mit Hilfe von sozialen Gruppen erfüllt
(bzw. benötigen soziale Interaktion zur Erfüllung).

Was geschieht, wenn zentrale soziale Bedürfnisse nicht erfüllt


werden? Klinisch bedeutsame Beispiele sind soziale Isolation
und dysfunktionale soziale Beziehungen, die als etablierte
Risiko- und Prognosefaktoren für verschiedene Erkrankungen
gelten. Vice Versa kann eine chronische Erkrankung auch das
Risiko der sozialen Isolation erhöhen, was Probleme weiter
verschärft.
Messung: Soziale Beziehungen
Strukturell: soziale Integration, verstanden als Größe und
Dichte des sozialen Netzwerks. Häufig operationalisiert als Zahl
der regelmäßigen Kontakte oder durch Indikatoren wie
Partnerschaft, Familienstand oder Haushaltsgröße.

Funktionell: Verfügbarkeit und/oder die Angemessenheit


von gewährter sozialer Unterstützung. Messung mit
standardisierten Fragebögen. Unterstützungsdimensionen:

• Emotional (z.B. Trost, Zuspruch, Anerkennung)


• Informativ (z.B. Empfehlung von Ärzten)
• Instrumentell (z.B. Versorgung bei Krankheit, Begleitung,
praktische Unterstützung von Kollegen)
Nach: House 1981; Berkman L 2000
Soziale Beziehungen und Mortalität
Mittlere Effektstärke (OR für
Überlebenswahrscheinlichkeit)

Isolation = kein Partner,


keine Vereinsmitgliedschaft,
weniger als 2 nahestehende
Freunde

Interpretation, Beispiel:
nicht isolierte Menschen
Metaanalyse mit insgesamt 148 Studien zu haben eine ca. 40%
Zusammenhängen zwischen verschiedenen geringere Sterblichkeit im
Aspekten von sozialen Beziehungen und Mortalität. Vergleich zu isolierten
K=Zahl der gepoolten Studienergebnisse. Menschen

Aus: Holt-Lunstad J, Smith TB, Layton JB (2010) Social Relationships and Mortality Risk: A Meta-analytic Review. PLoS Med 7(7): e1000316. doi:10.1371/journal.pmed.1000316
Soziale Beziehungen und Mortalität

Effektstärken im
Vergleich zu anderen
Protektivfaktoren

Aus: Holt-Lunstad J, Smith TB, Layton JB (2010) Social Relationships and Mortality Risk: A Meta-analytic Review. PLoS Med 7(7): e1000316. doi:10.1371/journal.pmed.1000316
Prognose: sozialer Rückhalt und
Verlauf bei kardiologischen Patienten
Epidemiologic Study of the Elderly (EPESE)
Untersuchungszeitraum 1982 –1992, N=292 Patienten nach
Herzversagen
3.5
Jahres nach Herzversagen erneut
Relatives Risiko, innerhalb eines

Krankheitsereignis zu erleiden
ein kardiovaskulär bedingtes

2.5

1.5

0.5
verfügbar nicht verfügbar

Statistisch kontrolliert für Alter, Geschlecht, ethnische Zuge-hörigkeit, klinischer Schweregrad


des Herzversagens, weitere chronische Erkrankungen, Funktionsstatus, soziales Netzwerk
Soziale Beziehungen > Gesundheit

Graphik: Fonds Gesundes Österreich nach Dahlgren & Whitehead 1991, 2007
Mechanismen: z.B. Effekte von Isolation
Verhalten
• Häufigerer Substanzkonsum (z.B. Tabak, Alkohol)
• Weniger körperliche Aktivität
• Weniger Inanspruchnahme von Vorsorge und Therapie
• Geringere Compliance

Psychische Belastung
• Negative Emotionen
• Depressivität und Angst

Stressreaktion
• Chronische Aktivierung des Stresssystems: z.B. negative
Auswirkungen auf das Immunsystem, erhöhter Blutdruck
Lebensformen in Deutschland

Gemeint ist hier die Lebensform der


einzelnen Person (81 Mio. = 100%)

Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (2014). http://www.bib-demografie.de/DE/ZahlenundFakten/12/Abbildungen/a_12_04b_bev_lebensform_w_ab1996.html?nn=3413586


Fazit
• Zentrale gesundheitsbezogene Bedürfnisse werden
in sozialen Gruppen erfüllt
• Soziale Bedürfnisse sind mit der Gesundheit ebenso
assoziiert wie biologische- und Schutzbedürfnisse
• Psychosoziale Faktoren sind typische
‚Konstellationen‘ oder Ereignisse im sozialen Leben,
die gesundheitliche Belastungen auslösen können.
Sie sind definitorisch abgrenzbar und messbar.
• Beispiele für verbreitete psychosoziale
Risikofaktoren sind Isolation, soziale Ausgrenzung
oder arbeitsbedingte Belastungen (Seminar 3)
Psychosozial:
Ihr Patient / Ihre
Patientin ist
auch ein
soziales Wesen

Bildquellen: open source