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Projekt INSIGMA

und weitere Forschungsprojekte im Rahmen von INDECT

In einer auf der offiziellen INDECT Webseite veröffentlichten Meldung erfuhr man vor einer Weile von
einem Projekt mit der Bezeichnung INSIGMA, welches anscheinend ebenfalls in Zusammenhang mit
Projekt INDECT initiiert worden ist. Doch abgesehen von dessen Namen und ein paar nicht sonderlich
informativen Details wurde nichts genaueres zu dem Projekt bekannt gegeben.
„INSIGMA ist ein Projekt das koordiniert wird von den Mitgliedern des INDECT Konsortiums, Department
für Telekommunikation der AGH University of Science and Technology.“1 hieß es in der Meldung. Und eines
der Hauptziele des Projektes bestünde darin, Methoden zur Erkennung von Bedrohungen und gefährlichen
Situationen zu entwickeln, durch die Analyse dynamischer Karten und der verfolgten Objekte. Des weiteren
wurde erklärt: „Im Gegensatz zum Forschungsfeld von INDECT, beschäftigt sich INSIGMA mit dem
Erkennen verschiedener Arten von Bedrohungen, wie z.B. Verkehrssituationen, das Tragen gefährlicher
Materialien in Städten, Verkehrsstau usw.“
Das waren die gesamten, doch recht vagen Informationen welche auf der INDECT Webseite dazu
veröffentlicht wurden. Es wurde nur noch erwähnt, dass sowohl INDECT also auch INSIGMA Mitglieder
auf der MCSS Conference am 6. und 7. Mai 2010 teilgenommen hätten und das diese INDECT International
Conference on Multimedia Communications, Services & Security vom Department of Telecommunications
veranstaltet wurde. Dabei handelte es sich angeblich um ein akademisches Forum auf dem die Forschungs-
und Entwicklungsarbeiten in Bezug auf Multimedia-Kommunikation und Sicherheitssysteme präsentiert
worden sind. Dazu weiter unten noch mehr.
In zwei INDECT Deliverables2 wird INSIGMA dem Namen nach auch an ein paar Stellen genannt und in
einem Telepolis Artikel3 wurde erwähnt, dass der Projektleiter von INSIGMA Professor Andrzej Dziech
wäre, also die selbe Person die auch INDECT leitet. Ein, zwei Mitarbeiter von INDECT haben das Projekt
auch bereits kurz öffentlich erwähnt4, doch ansonsten herrschte Stille um INSIGMA. Selbst umfassende
Internet-Recherchen brachten bis vor kurzem keine weiteren wirklich konkreten Daten zu diesem Projekt ans
Licht.
Nun hat die polnische Privatuniversität für Computer Engineering and Telecommunication (WSTKT)5 ein
paar weitere Details zu INSIGMA veröffentlicht. Eine offizielle Projekt-Webseite 6 existiert ebenfalls bereits,
allerdings nur auf Polnisch. Auf der WSTKT Seite7 werden zwei Projekte erwähnt, an denen sich die
Universität momentan beteiligt, und dort findet man auch ein einige weitere Informationen zu INSIGMA.
Hier wird nun auch geklärt, für was das Akronym INSIGMA eigentlich steht: „Intelligent Information
System for Global Monitoring, Detection and Identification of Risks.“ (Intelligentes Informationssystem zur
Globalen Überwachung, Erkennung und Identifikation von Risiken). Offensichtlich wollte man damit,
jedenfalls der Namensgebung nach, dem Total Information Awareness Programm der USA Konkurrenz
machen.

1 http://www.indect-project.eu/events/global/insigma-project
2 Deliverable D0.5 oder Deliverable D9.47 p.20
3 Telepolis: Wer nichts getan hat, muss auch nichts befürchten, Matthias Monroy 08.09.2010
4 Siehe dazu z.B.: Interview with Mikołaj Leszczuk on Radiofonia
5 http://www.wstkt.pl/wstkt/en/index.html
6 http://insigma.kt.agh.edu.pl/
7 http://www.wstkt.pl/wstkt/en/projects.html

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Aber einmal ernsthaft: Wer überlegt sich für ein aus öffentlicher Hand finanziertes Projekt denn einen
solchen Namen? Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass das Projekt bis vor kurzem völlig abseits der
Öffentlichkeit im geheimen lief. Welcher Steuerzahler würde schon freiwillig ein Projekt der EU
mitfinanzieren das solch einen Namen trägt – noch dazu, wenn man weiß, dass die Hauptbeteiligen daran
militärische Institutionen sind? Doch das weiß natürlich fast niemand, denn auch jetzt, nachdem einige
Informationen zu INSIGMA öffentlich gemacht wurden, ist einiges an Nachforschung nötig, um an all diese
Informationen zu gelangen.
Auf der Seite der Privatuniversität für Computer Engineering and Telecommunication heißt es weiter,
INSIGMA wäre ein großes Forschungs- und Entwicklungsprojekt des Polish Ministry of Science and Higher
Education, in Kooperation mit der AGH University of Science and Technology, dem Military Communication
Institute in Zegrze und der Military University of Technology in Warschau. Das Projekt läuft seit 2010 bis
2015, verfügt über ein Budget von €4.4 Millionen und ist, wie INDECT, an der Krakauer Universität
angesiedelt. Man erfährt dort auch die Hauptziele des Projektes:
– die Entwicklung von automatischen Methoden zur Überwachung und Registrierung von Parametern
von sich bewegenden Objekten, Verfahren zur Übertragung und Archivierung der registrierten Daten
und Techniken zur Identifikation von Personen innerhalb verfolgter Objekte.
– Erkennung von Risiken und Analyse verschiedener Verkehrsparameter auf dem Hintergrund
dynamischer Karten.
– Identifizierung von Menschen und Detektion von Risiken mit Hilfe von mobilen Geräten durch
intelligente Überwachung und Suche von Menschen.

Auf der Webseite der Intelligent Information Systems Group (IISG)8, welche Teil des AGH Computer
Science Department ist, wird bestätigt, dass Andrzej Dziech das INSIGMA Projekt leitet. Zu den Zielen des
Projektes wird dort erklärt: „Ziel des Projektes ist die Erschaffung und Verwendung komplexer
Informationssysteme zur Detektion, Bedrohungsidentifikation und Überwachung sich bewegender Objekte.“
Auch wer das Projekt finanziert erfährt man hier: die Europäische Union, das Innovative Economy
Programme und der European Fund for Regional Development.
Und auf der offiziellen polnischen INSIGMA Webseite9 die es, wie bereits erwähnt, nur auf Polnisch gibt
(was die Nachforschungen nicht sonderlich erleichtert), findet man noch mehr Details zum Projekt. So sollen
urbane Umgebungen von Kameras mittels Analyse verschiedener Faktoren, die auf eine größere Gefahr für
die Sicherheit der Bevölkerung hindeuten, überwacht werden. Das System soll potenzielle Gefahren und
Bedrohungen frühzeitig erkennen und eine Echtzeit-Visualisation der überwachten Umgebung liefern. Die
Datenanalyse erfolgt durch ein Sensoren-Netzwerk das imstande ist, Veränderungen der Position von
Objekten zu erkennen sowie plötzliche Veränderungen von Temperatur, Druck und der Konzentration
gefährlicher Stoffe.
Des weiteren heißt es auf der Seite: „Um einen hohen Grad an Sicherheit zu gewährleisten wird auch die
RFID (Radio Frequency Identification) Technologie angewendet um aus der Entfernung Objekte zu
identifizieren.“ Informationen zur Lokalisierung werden mittels GSM, UMTS und GPS übertragen. Die
durch ein Netzwerk von Kameras und Sensoren erhaltenen Daten werden automatisch kontextbezogen
analysiert und etwa nach spezifischen Gesichtern, menschlichen Profilen, Formen von Fahrzeugen und
anderen Objekten und deren Bewegungsmustern durchsucht. Dadurch soll das INSIGMA System dazu fähig
sein, frühzeitig Risiken und Gefahren erkennen und auch vorhersagen zu können. Aus einem Papier zum
Thema Transmission von Video Überwachung10 geht hervor, dass man im Rahmen von INSIGMA auch
daran arbeitet, Videos in HD Qualität über HSDPA-Wireless-Internetverbindungen in Echtzeit streamen zu
können.
Das Wort „Straßenverkehr“ taucht recht häufig in den veröffentlichten Informationen zu INSIGMA auf, was
darauf hindeutet, dass das Projekt vorrangig darauf ausgerichtet zu sein scheint. Es geht aber auch klar
hervor, dass mit dem System auch Menschen verfolgt und identifiziert werden können. Ob sich das
8 http://www.iisg.agh.edu.pl/grants.html
9 http://insigma.kt.agh.edu.pl/index.php
10 Andrzej Głowacz, Tomasz Pawlicki, Jehoszafat Zimnowoda: Video Surveillance Transmission over Polish HSPA, AGH University of Science
and Technology

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frühzeitige Erkennen von Gefahren und Bedrohungen nun nur auf den Straßenverkehr beschränkt, wird aus
den veröffentlichten Informationen nicht ersichtlich. Auf der INSIGMA Webseite heißt es, dass das fertige
System zur verbesserten Sicherheit in großen urbanen Gebieten als auch für einzelne Objekte eingesetzt
werden könne und INSIGMA dem Schutz der Bürger und deren Gemeinwohl dienen würde. Wenn das
zutreffen sollte, könnte man jedenfalls darüber spekulieren, weshalb dann das Militär an dem Projekt
beteiligt ist und nicht Polizeibehörden und andere Sicherheitsdienste welche eigentlich für den Schutz der
Bürger und des Gemeinwohls zuständig sind.
Laut der Webseite fand bereits Anfang Mai 2010 die erste von Projekt INSIGMA organisierte internationale
Konferenz11 - mit 80 Teilnehmern – statt, welche von Firmenrepräsentanten, der Presse und Wissen-
schaftlern verschiedener Universitäten und militärischer Einrichtungen besucht worden ist. Dabei handelt es
sich um dieselbe bereits anfangs erwähnte MCSS Conference bei der die bisherigen Resultate in den
Bereichen Multimediasysteme, Dienstleistungen, Kommunikation und Sicherheitssysteme präsentiert
worden sind. Auf der Seite heißt es allerdings auch, dass das Ziel der Veranstaltung darin bestand, INSIGMA
möglichen Interessenten vorzustellen, und von einem „akademischen Forum“, wie in der Meldung auf der
INDECT Webseite, ist hier nirgendwo die Rede. Es wird zwar auch erwähnt, dass die Konferenz eine
Gelegenheit gewesen sei, ethische Fragen betreffend der Privatsphäre der Bürger in Bezug auf
sicherheitsbezogene Forschungen anzusprechen, inwieweit diese "Gelegenheit" jedoch auch von den
Teilnehmern wahrgenommen worden ist, bleibt allerdings offen. Die erwähnte Presse, die ebenfalls auf
dieser Konferenz anwesend gewesen sein soll, hat jedenfalls anscheinend nie etwas dazu veröffentlicht. Man
kann davon ausgehen, dass es sich bei diesem „akademischen Forum“ eigentlich um eine
Marketingveranstaltung gehandelt hat, da sogar konkrete Branchen genannt werden, mit denen man sich eine
Zusammenarbeit vorstellen könnte. Firmen und Institutionen aus dem Landtransportwesen etwa, oder
Aktivitäten im Bereich Film oder schnurlose Kommunikationsübertragung.
In einem Buch12 das 2010 u.a. von Andrzej Czyzewski von der Gdańsk University of Technology, einem der
Leiter von Projekt INDECT, herausgegeben wurde, wird INSIGMA auch im Zusammenhang mit einem
Projekt zur "Erkennung gefährlicher Klänge" erwähnt. Dort wird an Audio-Überwachungstechnologien
geforscht mit denen man gefährliche Situationen wie etwa Gewehrschüsse, Explosionen oder zerbrechendes
Glas anhand ihrer akustischen Repräsentation erkennen will. Zu diesem Projekt heißt es: „[Die]
Forschungen werden innerhalb des Projektes POIG.01.01.02-00-062/09 INSIGMA (Intelligent Information
System for Detection and Recognition of Audio…) finanziert.“13 Wenn das zutreffend ist, stellt sich nur die
Frage, weshalb die Projektmitarbeiter bzw. die Autoren nicht in der Lage sind, die korrekte Bezeichnung für
INSIGMA in ihrem Buch zu veröffentlichen. Jedenfalls ist die dort nachzulesende Bezeichnung von
INSIGMA wesentlich harmloser als die korrekte Variante: „Intelligent Information System for Global
Monitoring, Detection and Identification of Risks.“
In dem Buch erfährt man auch, das Andrzej Czyzewski noch an einem weiteren Projekt mit der Bezeichnung
"Superresolution Algorithm to Video Surveillance System" beteiligt ist, welches ebenfalls recht interessant zu
sein scheint, vor allem in Bezug auf Projekte wie INDECT oder INSIGMA. Die Grundidee des Systems
besteht in einem Superresolution14-Algorithmus der dazu dient, die Auflösung und Qualität von Bildern
niedriger Auflösung zu verbessern. Superresolution wurde ursprünglich für Spionagesatelliten, das Militär
und Geheimdienste entwickelt und wird heute u.a. in der medizinischen Diagnostik und auch in der
Videoindustrie verwendet. In diesem Projekt wird an einem Superresolution-Algorithmus geforscht, mit
dessen Hilfe man aus vielen Bild-Frames (z.B. von Überwachungskameras) mit niedriger Auflösung ein
einzelnes hochauflösendes Bild erzeugen kann. So sollen dann beispielsweise Gesichter oder
Autokennzeichen von Überwachungskamera-Aufnahmen mit niedriger Bildauflösung trotz deren schlechter
Bildqualität identifizierbar gemacht werden.
Ein weiteres Projekt an dem ebenfalls die AGH University of Science and Technology und die University of
Computer Engineering and Telecommunication beteiligt sind trägt den Namen INTOM15 - “Integrated,

11 http://insigma.kt.agh.edu.pl/article.php?story=20100510154424469
12 Ngoc Thanh Nguyen, Aleksander Zgrzywa, Andrzej Czyzewski (Eds.): Advances in Multimedia and Network Information System Technologies,
Springer, 2010, p. 49-57 bzw. 105-112 siehe Google books
13 Andrzej Głowacz, Tomasz Pawlicki, Jehoszafat Zimnowoda: Video Surveillance Transmission over Polish HSPA, AGH University of Science
and Technology, p. 56: „Acknowledgments“
14 Siehe dazu z.B.: Super-resolution auf Wikipedia
15 http://www.wstkt.pl/wstkt/en/projects.html

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intelligent monitoring system for detection and identification of movable objects for security purposes”
(Integriertes Intelligentes Überwachungssystem zur Detektion und Identifikation beweglicher Objekte zu
Sicherheitszwecken). Das Grundkonzept des INTOM Systems basiert den veröffentlichten Informationen
zufolge auf einer Multilayer-Struktur: Der erste Layer besteht aus mobilem Equipment und fixen Video- und
Audio-Überwachungssystemen, und der zweite Layer aus Servern die in der Lage sind, Objekte zu
lokalisieren und ihre Fortbewegungsgeschwindigkeit oder Aufenthaltsdauer an einem Ort zu ermitteln und
automatisch zu analysieren. Das System wird via Internet oder anderen Netzwerken ferngesteuert und lokale
Server können in einem großen Rahmen zusammengeschlossen werden um so einen Datenaustausch
zwischen verschiedenen Ländern zu ermöglichen. Soviel zu den technischen Details des Projektes, zu
finanziellen Details findet man wieder einmal keine Informationen. Auch nicht dazu, ob es sich bei ITOM
um ein autonomes Projekt handelt, oder ob es, wie INSIGMA, im Rahmen von INDECT gestartet worden
ist.
Auf der Webseite der Europäischen Kommission zu ihren aktuell im Rahmen des 7th Framework
Programme laufenden Projekte sind jedenfalls weder zu INTOM noch zu INSIGMA irgendwelche
Informationen zu finden. Über Projekt INSIGMA existieren mittlerweile zumindest öffentlich zugängliche
Informationen über das Budget und zur Finanzierung: €4.4 Millionen, von der EU, dem Innovative Economy
Programme und dem European Regional Development Fund finanziert. Beides sind Programme der EU zur
Stimulierung der Wirtschaft.
Das Innovative Economy Programme etwa wird zwischen 2007 und 2013 mit €8.25 Milliarden von der
Europäischen Union finanziert16 und wurde explizit zur Verbesserung der polnischen Wirtschaft und zur
Förderung innovativer polnischer Unternehmen initiiert. Der European Regional Development Fund
(ERDF)17 dient dem Zweck, den wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalt in der EU durch die
Korrekturen von regionalen Ungleichgewichten zu fördern. INSIGMA wird also offensichtlich
ausschließlich von der EU bzw. von Steuergeldern bezahlt, und das, obwohl das Militär der größte
Interessent an diesem Projekt mit dem vielsagenden Namen „Intelligentes Informationssystem zur Globalen
Überwachung, Erkennung und Identifikation von Risiken“ zu sein scheint. In Anbetracht der Finanzierung
erweckt INSIGMA aber auch den Eindruck, es wäre vor allem zur Ankurbelung der Wirtschaft ins Leben
gerufen worden.
Mit viel Unterstützung der EU wird jedenfalls in verschiedenen Institutionen, wie der AGH University of
Science and Technology, offensichtlich recht intensiv an Forschungen im Bereich Überwachungs-
technologien gearbeitet. Was davon alles aus Steuergeldern der EU finanziert wird, ist derzeit nicht ganz klar,
und ein endgültiges Gesamtziel all dieser Forschungen ebenso nicht.

- Domingo Conte (05. Februar 2011)

16 European Funds Protal: Programme Innovative Economy 2007-2013


17 http://ec.europa.eu/regional_policy/funds/feder/index_en.htm