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VERANSTALTUNGEN

2020
Inhaltsverzeichnis
Ratschen und Tuten in der Synagoge –
Purim (März) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4

Jom ha Shoah (April) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10

Sommekonzert in der Coronazeit


auf den Stufen der Synagoge (August) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .14

Europäischer Tag der Jüdischen


Kultur (Septembe) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18

150. Jahrestag der Einweihung der Alten


Synagoge Freiburg (September) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22

Gedenken anlässlich des 80. Jahrestags


der Deportation nach Gurs (Oktober) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28

Sukkot im Corona-Krisen-Modus (Oktober). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38

Volkstrauertag Totengedenken für


die gefallenenen jüdischen Soldaten
im Ersten Weltkrieg (November). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42

Chanukka 2020 (Dezember) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46


Ratschen
und Tuten
in der Synagoge –
Purim
Text und Fotos: Roswitha Strüber

Mit Tanz, Theateraufführungen Fest- Zu Beginn am Sonntagnachmittag


mahl, G´ttesdiensten und Verlesen der vergegenwärtigte die Theaterspiel-
Megilla Ester feierte die Israelitische gruppe „Lomir ale“ der Israelitischen
Gemeinde Freiburg am 8. und 10. März Gemeinde in ihrem Purim-Spiel die in
das diesjährige Purim-Fest. Freude und der Bibel überlieferte Geschichte von
Frohsinn standen dabei im Mittelpunkt, dem bösartigen Haman, von der Königin
denn erinnert wurde an die Errettung Ester und ihrem Oheim Mordechai. Der
des Volkes Israel durch Ester, der jüdi- farbenprächtigen und humorvollen
schen Frau des Perserkönigs Xerxes I. Bibelinterpretation auf der Bühne zollte
das Publikum viel Beifall.

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Entsprechend der rabbinischen Vor-
gabe für das Begehen des Purim-Festes
las Kantor Moshe Hayoun anschließend
im Betsaal aus dem Text der biblischen
Schrift und erklärte gemeinsam mit der
Vorstandsvorsitzenden Irina Katz den
religiösen Hintergrund des Festes, seine
Aussagekraft für die Gegenwart sowie
dessen Tradition und Brauchtum.

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Ein Festmahl und Tanz zur Live-Musik ließen den Tag ausklingen.
Der Dienstagnachmittag war zunächst die aus verschiedenen Freiburger Ein-
vor allem den Kindern gewidmet. Im richtungen in die Synagoge gekommen
Betsaal las Kantor Moshe Hayoun Text- waren, betätigten ihre Rasseln mit
passagen aus dem Buch Ester vor. großer Begeisterung. Vor dem anschlie-
Dabei folgten alle Anwesenden dem ßenden kleinen Buffett mit Live-Musik
alten Brauch, bei Nennung des Namens bedankte sich Raban Kluger, Vorsit-
„Haman“ mit ihren Ratschen, Tuten zender des Gesamtelternbeirates der
und anderen Lärminstrumenten Krach Freiburger Kindergärten und –tages-
zu machen, damit der Name des Böse- stätten herzlich für die Einladung.
wichtes ausgelöscht werde. Die Kinder,

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Zur besonderen Freude der Kinder
und auch der Erwachsenen waren die
„bubales“ angereist, ein jüdisches Pup-
pentheater aus Berlin, das mit seinen
Stoffpuppen jüdische Feiertage und
Traditionen lebendig werden lässt. An
Purim lag es nahe, dass Theaterleiterin
Shlomit Tulgan mit ihren Puppen die
Geschichte von der „Schlauen Ester“
erzählte.
Ein Konzert des Epstein Klezmer Tov
Trio, bei dem auch die Jazz-Sängerin
Ellada Sumanshii auftrat, u nd ein Fest-
mahl ließen das diesjährige Purim-Fest
ausklingen.

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Jom ha Shoah

Text und Fotos: Roswitha Strüber

Jedes Jahr erinnern sich die jüdi- In diesem Jahr jedoch zwang die
schen Menschen weltweit an „Jom ha schreckliche Welle der Corona-Erkran-
Shoa“ an den millionenfachen Mord kungen auf ein öffentliches Erinnern zu
der Nationalsozialisten an der jüdi- verzichten. Den behördlichen Auflagen
schen Bevölkerung. Auch die Frei- zur Eindämmung der Epidemie folgte
burger jüdische Gemeinde hat sich in die jüdische Gemeinde uneingeschränkt
den vergangenen Jahren mit Gedenk- und mit großem Verständnis und wählte
veranstaltungen in der Synagoge und den Weg der Online-Botschaft, um
letztens auf dem neu gebauten Platz auf das verbrecherische Geschehen
der Alten Synagoge inmitten Freiburgs vor mehr als 75 Jahren aufmerksam zu
daran beteiligt. machen.

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In Ihrer Begrüßungsrede ging die Zahlreiche jüdische Gemeinden auf
Vorstandsvorsitzende Irina Katz auf den der ganzen Welt bekunden an diesem
Tag ein. „Jom ha Shoah ist der Tag des Tag mit unterschiedlichen Gedenkver-
Erinnerns an die jüdischen Opfer des anstaltungen ihre Solidarität, so auch
Holocaust. Er ist seit 1959 ein israeli- wir. Gleichzeitig denkt unsere Gemeinde
scher Nationalfeiertag und wird mit dabei auch insbesondere an die Frei-
Respekt und großer Ehrerbietung vor burger jüdischen Mitbürgerinnen und
den ermordeten und gequälten Opfern Mitbürger, die in der Schreckenszeit ihr
des Hitler-Regimes begangen. Nachdem Leben lassen mussten.“ Weiter mahnte
am Vorabend sechs Fackeln symbo- die Vorsitzende „wie wichtig und unver-
lisch für die sechs Millionen getöteter zichtbar es gerade in der heutigen Zeit
Juden entzündet werden, heulen am ist, an die Verbrechen der Nazizeit zu
folgenden Vormittag um 10 Uhr in ganz erinnern, zeigen die sich häufenden
Israel für zwei Minuten die Sirenen, der antisemitischen Aktionen und Gewalt-
Verkehr ruht und die Passanten auf der taten, mit denen wir zunehmend kon-
Straße verharren schweigend in stillem frontiert werden. Presse und andere
Gedenken. Kommunikationsmittel berichten immer
wieder darüber. Gerade jetzt in der Zeit

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der Corona-Krise werden antisemitische Auch der Antisemitismusbeauftragte
Hetz - und Hassbotschaften gehäuft der Bundesregierung Felix Klein sieht mit
verbreitet. In den sozialen Netzwerken großer Sorge die zunehmenden Hetz-
werden Verschwörungstheorien plat- kampagnen gegen Juden in der Corona-
ziert, die die Juden für den Ausbruch Krise. Krudeste Verschwörungstheorien
der Corona-Pandemie verantwortlich und rechte Hetze werden in bösartiger
machen. So beklagte unlängst der hes- Absicht publiziert. „Die Rede ist da von
sische Antisemitismusbeauftragte Uwe einer jüdischen Übernahme der Welt-
Becker in Wiesbaden die wachsende wirtschaft, jüdischen Gewinnen aus
Anzahl von Anschuldigungen, dass einem möglichen Impfstoff, von Israel
die Juden und der Staat Israel neben entwickelten Biowaffen, oder einem
anderem auch aus wirtschaftlichen Versuch, die Weltbevölkerung zu redu-
Gründen für die Verbreitung des Virus zieren“ so Klein in seiner Analyse. Damit
verantwortlich zu machen sind. aus Worten keine Taten werden, sei
geschlossener öffentlicher Widerstand
gegen Hass- und Hetzreden notwendig.“

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Der Organisator des „Marsch des nern, versöhnen und ein Zeichen setzen
Lebens Freiburg“ und Vertreter der für Israel und gegen den modernen
„Aktion Schalom Freiburg“ Ralf Klinger, Antisemitismus.“
mahnte in seiner anschließenden Rede Zum Gedenken an die sechs Millionen
an, daß es nicht genug ist „Nie wieder“ ermorderter Jüdinnen und Juden zün-
zum Holocaust zu sagen, wenn ver- deten die beiden Kinder von Ralf Klinger
hindert werden soll, „dass Judenhass symbolhaft sechs Kerzen an. Der Kantor
in Gewalt übergeht und antisemitische der Gemeinde Moshe Hayoun trug per
Diffamierungen sich weiter ausbreiten. Videoübertragung aus Straßburg das „El
Wir können in der heutigen Zeit wieder Male Rachamim“ vor, Vladislav Belinskiy
Mitläufer sein und wie unsere Vorfahren intonierte zwei weitere Lieder.
durch unser Schweigen schuldig werden.
Wir können aber auch aufstehen, erin-

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Sommerkonzert
in der Corona-Zeit
auf den Stufen
der Synagoge

Seit dem Monat März unterliegen Text und Fotos: Roswitha Strüber

auf Verordnung der Bundes- und der


Länderregierungen religiöse und kul-
turelle Veranstaltungen deutlichen
Beschränkungen oder sie müssen sogar
ganz unterbleiben. Die Gefährdung der
Menschen durch das sich ausweitende
Corona-Virus ist in der Einschätzung von
Politikern und Virologen höchst besorg-
niserregend, so dass Publikumsansamm-
lungen nicht geboten erscheinen. Der
Verzicht auf G-ttesdienste, Theater, Kon-
zerte, Kino und Sportveranstaltungen
trifft alle hart, Besucher wie Veranstalter.
Vor allem aber leiden die Kulturschaf-
fenden schmerzlich darunter, dass ihnen
in diesen Monaten das Publikum fehlt.

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Zur Überbrückung dieser kulturarmen
Zeit lud die Israelitische Gemeinde Frei-
burg am 6. August 2020 die Bürgerinnen
und Bürger zu einem Konzert auf den
Stufen ihrer Synagoge ein. Ein breit
gefächertes Programm, angefangen von
einem kurzen Violinkonzert über jiddi-
sche Lieder und Psalmen, vorgetragen
von Kantor Moshe Hayoun, bis hin zu
allseits bekannten Schlagerhits, kam zur
Aufführung.

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Das zahlreich erschienene Publikum
sowie viele vorbeikommende Passanten
nahmen dankbar die Gelegenheit wahr,
sich von den Musik- und Gesangsdar-
bietungen für einige Zeit aus dem Alltag
entführen zu lassen. Zuvor hatte die Vor-
standsvorsitzende Irina Katz eindringlich
darauf hingewiesen, die notwendigen
Hygieneauflagen – ausreichender
Abstand zum Nebenmann und Gesichts-
maske – zu beachten.

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Europäische Tag
der Jüdischen
Kultur

Text und Fotos: Roswitha Strüber

Über viele Jahre hinweg bereicherte So rief die „Europäische Vereini-


das jüdische Leben mit seinen viel- gung für die Bewahrung und Förderung
fältigen künstlerischen und religiösen von Kultur und Erbe des Judentums“
Erscheinungsformen das kulturelle 1999 einen Aktionstag ins Leben, um
Geschehen in Europa. Die Macht- das europäische Judentum, seine
haber des Nationalsozialismus löschten Geschichte, Traditionen und Bräuche in
jedoch innerhalb kürzester Zeit mit die öffentliche Wahrnehmung zu rücken.
ihrem planmäßig durchgeführten mil- Mittlerweile wird diese jährliche Unter-
lionenfachen Mord an der jüdischen nehmung, die jeweils am ersten Sep-
Bevölkerung jegliches jüdische Kul- tember-Wochenende stattfindet, von
turleben radikal aus. Es dauerte Jahr- zahlreichen Institutionen, Einrichtungen
zehnte, bis sich nach Ende des Zweiten und Gemeinden in fast dreißig Ländern
Weltkriegs wieder jüdische Gemeinden mitgetragen. Auch für die Israelitische
gründeten und Gemeindezentren und Gemeinde Freiburg ist es gute Tradi-
Synagogen gebaut wurden. Jüdische tion, sich zu beteiligen und den Tag mit
Menschen fassten nur schwer Fuß in einem abwechslungsreichen Programm
den Nachkriegsgesellschaften. zu gestalten.

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Nach der Begrüßung und Einführung
in das Veranstaltungsprogramm durch
die Vorstandsvorsitzende Irina Katz, die
zugleich auch deutlich auf die notwen-
digen Hygiene-Vorschriften angesichts
der Ansteckungsgefahr durch das Corona-
Virus hinwies, lud Kantor Moshe Hayoun
zu einer Führung durch die Synagoge ein.
Dabei gab er den Anwesenden ausrei-
chend Gelegenheit, Fragen zur Geschichte
des Judentums, zu religiösen Ritualen und
Vorschriften und zum jüdischen Brauchtum
allgemein zu stellen. Die Kinder interes-
sierte vor allem die Tora-Nische, in die
der Kantor sie auch einen Blick hinein-
werfen ließ.
Am Nachmittag waren mehr als ein-
hundert Personen zum alten jüdischen
Friedhof an der Elsässer Straße gekommen,
um an einem Gang mit Felix Rottberger
über die nun einhundertfünfzig Jahre alte,
geschichtsträchtige Begräbnisstätte teilzu-
nehmen. Zahlreiche bedeutende Freiburger
Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft
und Kultur fanden hier ihre letzte Ruhe-
stätte. Mit Charme und Humor berichtete
der langjährige Kustos des Friedhofs an
einigen ausgewählten Gräbern interessante
und außergewöhnliche Details aus dem
Leben der dort Bestatteten.

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Ein Vortrag „40 Jahre Wüstenwande-
rung, 40 Jahre Isolation – Bildung des
jüdischen Volkes in Quarantäne“ folgte
am späteren Nachmittag in der Syna-
goge. Der Referent Igor Itkin, Studie-
render am Rabbinerseminar in Berlin,
setzte sich im besonderen mit dem
vierzigjährigen Aufenthalt und Umher-
irren des Volkes Israel in der Wüste aus-
einander. Das 20. Kapitel des Buches
Ezechiel berichtet ausführlich über diese
Strafe, die G´tt über sein auserwähltes
Volk verhängt hat. Nichtbeachtung
der göttlichen Rechtsvorschriften und
Gesetze sowie Bruch des Shabbat-
Gebotes der Israeliten waren voraus-
gegangen. Die Frage, inwieweit die
göttliche Strafe des langjährigen und
beschwerlichen Wüstenaufenthalts
des israelitischen Volkes mit dem heu-
tigen Leben in der Pandemie verglichen
werden kann, wurde zwar in der Dis-
kussion angesprochen, aber letztendlich
nicht weiter verfolgt.

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Ein abendliches Konzert „Jüdische und
jiddische Lieder für die Seele“ beschloss
den Ausflug in die jüdische Kultur.
Kantor Michael Kaner aus Graz und seine
Tochter Yael (Gesang) wurden begleitet
von Lili Holetschek (Violine) und Assaf
Picov (Klavier) und erfreuten mit vielen
schönen und bekannten Liedern wie
Avinu Malkenu, Shalom Alechem oder
Jerushalajim shel zahav. Jüdische Anek-
doten, Witze und Geschichten, die
Michael Kaner immer wieder zwischen
den einzelnen Musikstücken platzierte,
ergänzten das Programm. Bevor sich die
Vorsitzende Irina Katz bei den Künstlern
bedankte und zum koscheren Buffet bat,
trugen die beiden Kantoren abschlie-
ßend gemeinsam die israelische Natio-
nalhymne haTikwa vor.

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150. der Einweihung
der Alten Synagoge
Jahrestag
Freiburg

Text und Fotos: Roswitha Strüber

„Jüdisches Leben ist in Freiburg Israelitische Gemeinde am Mittwoch,


wieder präsent und in der Öffentlich- den 23. September 2020 abends zu
keit wahrnehmbar“. Dieses Fazit zogen einer Feierstunde auf den Platz der Alten
alle Redner anlässlich der Gedenkver- Synagoge eingeladen.
anstaltung zum 150. Jahrestag der Ein- Erster Bürgermeister Ulrich von Kirch-
weihung der Freiburger Alten Synagoge bach zeigte sich in seiner Begrüßung
im Jahre 1870, die vor einer spektaku- zufrieden darüber, dass die Jüdische
lären Laserinstallation mit Bildern der Gemeinde wieder einen festen Platz in
Alten Synagoge auf einer Wassernebel- der Freiburger Stadtgesellschaft ein-
wand, in Szene gesetzt von der Frei- nimmt und mit ihrem religiösen und
burger Firma „Impulswerk“, stattfand. kulturellen Leben die städtische Kul-
Gemeinsam hatten die Stadt und die turlandschaft bereichert. Gleichzeitig

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mahnte der Bürgermeister jedoch die nahm, antijüdische Ressentiments an
Bereitschaft der Bürgerschaft an, ent- der Universität zu unterbinden, und der
schlossen und unmissverständlich 1934 den Wahlaufruf „Deutsche Wis-
jeglichen antisemitischen Erscheinungs- senschaftler hinter Adolf Hitler“ unter-
formen entgegenzutreten, die in letzter zeichnete. Freiburg ist aber auch die
Zeit vermehrt festzustellen sind. Stadt Gertrud Luckners, der mutigen
Vehement wandte sich auch Dr. Caritasmitarbeiterin und katholischen
Michael Blume, Antisemitismusbeauf- Widerstandskämpferin, die selbstlos und
tragter der Landesregierung in Stuttgart, engagiert ein weites Netz von Flucht-
gegen die verstärkt wahrzunehmenden helfern aufbaute, um jüdische Menschen
Anfeindungen jüdischer Mitbürgerinnen beim Verlassen von Nazi-Deutschland in
und Mitbürger in der Bundesrepublik. jeder denkbaren Weise zu unterstützen.
Freiburg bezeichnete er als einen unter Heute ist es angesichts der gegen-
mehreren Hotspots hetzerischer Vor- wärtigen judenfeindlichen Tendenzen
fälle in der NS-Zeit. Sie ist die Stadt wieder geboten, ganz im Geiste Gertrud
Heideggers, der zur Zeit seines Uni- Luckners Partei zu ergreifen und dem
versitätsrektorates 1933 nichts unter- Rassismus keinen Raum zu lassen .

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Die Vorstandsvorsitzende der Jüdi- immer wieder zu einer Auseinanderset-
schen Gemeinde Irina Katz blickte in zung mit dem dunkelsten Kapitel deut-
ihrem Redebeitrag zunächst auf die scher Vergangenheit heraus. Es ist ein
wechselvolle Geschichte der Freiburger Stück Erinnerungsarbeit, die die vergan-
Juden und ihre Bethäuser zurück und genen Verbrechen nicht in Vergessen-
dankte der Stadt Freiburg dafür, dass heit geraten lässt, und gleichzeitig auch
mit ihrer großzügigen Unterstützung Mahnung, die nicht überhört werden
der Bau der Neuen Synagoge möglich darf. Wünschenswert wäre es, wenn
und so eine neue, attraktive Heimstätte diese Gedenkstätte auch die ihr gebüh-
für die jüdischen Mitbürgerinnen und rende Wertschätzung bei allen Teilen der
Mitbürger geschaffen wurde. Darüber Bevölkerung und auch bei Besuchern
darf jedoch nicht die schmerzliche Ver- und Touristen der Stadt finden würde.“
gangenheit vergessen werden. Wört- Für eine ehrliche und angemes-
lich sagte Irina Katz: „ Mit der Eröffnung sene Würdigung jüdischen religiösen
des neugestalteten Platzes der Alten und kulturellen Brauchtums setzte sich
Synagoge mit Gedenkbrunnen am 2. Volker Beck in einer engagierten Rede
August 2017 wurde die verbrecherische ein. „Respekt. Ganz praktisch“ war der
Mord- und Zerstörungswut der Natio- Titel seines Vortrages. Beck, Lehrbe-
nalsozialisten eindringlich und unüber- auftragter am Centrum für Religions-
sehbar in das öffentliche Bewusstsein wissenschaftliche Studien (CERES) der
gerückt. Die Erinnerungsstätte an einer Ruhr_Universität Bochum, erinnerte an
zentralen Stelle in der Stadt fordert die mangelnde Rücksichtnahme privater

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und staatlicher Einrichtungen auf
die traditionsgebundenen Lebensweisen
jüdischer Menschen in Deutschland
und forderte ihre respektvolle Anerken-
nung ein. Beck endete mit den Worten
:„Freude über jüdisches Leben darf keine
Floskel für Jubiläen und Gedenkreden
sein! Sie muss sich im Alltag beweisen,
im Respekt, ganz praktisch.“
Musikalisch gerahmt wurde die
Gedenkstunde von Dana Bostedt (Vio-
line) und Theresa Heidler (Klavier),
zwei mehrfach ausgezeichnete hoch-
begabte junge Künstlerinnen, die
Mitglieder der Internationalen Musik-
akademie Nigun sind.

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Zuvor am Spätnachmittag stellte
im Rahmen einer Gedenkstunde im
Gertrud-Luckner-Saal des Jüdischen
Gemeindezentrums eine gemeinsame
Arbeitsgruppe von Freiburger Stu-
denten unter der Regie von Dr. Heinrich
Schwendemann und von Mitgliedern
der Berliner Forschungsgemeinschaft
past[at]present das Projekt „Schalom
Freiburg“ vor. Es handelt sich dabei um
einen Audiowalk, mitbetreut von der
Israelitischen Gemeinde und von Julia
Wolrab, der designierten Leiterin des
neuen Dokumentationszentrums Natio-
nalsozialismus der Stadt Freiburg. Er
nimmt die Zuhörer mit auf einen Spa-
ziergang quer durch die Stadt entlang
den Spuren jüdischen Lebens. Achtund-
zwanzig Hörstationen und sechs Inter-
views berichten über jüdische Orte und
Menschen der Stadt, die im normalen
Alltag wenig Beachtung finden. Geför-
dert wurde das Projekt von der Stadt
Freiburg im Rahmen des Jubiläums-
jahres „Freiburg 2020 – 900 Jahre jung“.

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In einem Impulsvortrag zeichnete Dr.
Heinrich Schwendemann, Akademischer
Oberrat am Historischen Seminar der
Universität Freiburg, den weiten Bogen
jüdischen Lebens in der Breisgaumetro-
pole von den dokumentierten Anfängen
gegen Ende des 13. Jahrhunderts bis hin
in die Gegenwart und sah die heutige
israelitische Gemeinde gut eingebettet
in der aktuellen städtischen Gemein-
schaft.

Mit einem herzlichen Dank an alle


Mitarbeiter der Projektgruppe „Schalom
Freiburg“, an Larissa Schober vom Infor-
mationszentrum Dritte Welt (iz3W),
die als gewandte Moderatorin die
Gedenkstunde strukturierte, und an
die jungen Künstlerinnen Dana Bostedt
und Theresa Heidler für ihre musikali-
schen Beiträge beendete Irina Katz die
Gedenkstunde.

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anlässlich des
Gedenken 80. Jahrestags
der Deportation
nach Gurs

Text und Fotos: Roswitha Strüber

Auf dem Platz der Alten Synagoge zusammengetrieben und wie Vieh in
in Freiburg steht ein gelbes Hinweis- Güterwaggons in das südfranzösische
schild mit der Entfernungsangabe Camp de Gurs verfrachtet, unter ihnen
„GURS 1027 Km“, ein ungewöhnliches auch 350 Freiburger jüdische Mitbür-
Mahnmal, das an ein unfassbares und gerinnen und Mitbürger. Der Trans-
unmenschliches Verbrechen des natio- port quer durch Frankreich bis an den
nalsozialistischen Terror-Regime erin- Fuß der Pyrenäen dauerte drei Tage
nern soll. In einer groß angelegten und vier Nächte, nicht wenige fanden
und akribisch durchgeplanten Verhaf- infolge der Strapazen den Tod.
tungsaktion wurden am 22. Oktober
1940 rund 6500 jüdische Menschen in
Baden, im Saarland und in der Pfalz

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Mit einer Reihe von Veranstaltungen den 20. Oktober von der Geschichte
erinnerten verschiedene Freiburger seiner jüdischen Verwandtschaft. Aus
Institutionen und Einrichtungen an den Spanien stammend – der Name Spronz
80. Jahrestag der Deportation jüdischer = Esperanza verweist auf die Familien-
Menschen nach Gurs. Auch die Israe- wurzeln – flüchtete die Familie im Mittel-
litische Gemeinde Freiburg lud durch alter aufgrund der Judenverfolgungen
ihre Vorsitzende Irina Katz zum gemein- infolge des Alhambra-Ediktes von 1492
samen Erinnern ein. nach Italien und später weiter nach
In einem multimedialen Vortrag mit Ungarn. Im Dritten Reich geriet sie dort
Filmausschnitten, Fotos, Originaldoku- in die Vernichtungsmaschinerie der Nati-
menten und Musikstücken berichtete onalsozialisten. Nur wenige entkamen
Gaby Spronz, Sohn von Überlebenden den Verhaftungen und den KZ-Lagern.
des Holocaust, am Dienstagabend,

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Die Eltern von Gaby Spronz hatten der jüdischen Bürger behilflich waren. Er
das Glück und flüchteten nach Israel. erwähnte aber auch verschiedene Per-
Dort halfen sie mit, den Staat Israel zu sonen, die bedrohten Juden geholfen
gründen. Zum Abschluss seines Vor- hatten und deren Namen in der Gedenk-
trages benannte der Referent eine Reihe stätte Yad Vashem ehrend als „Gerechte
von Institutionen und Firmen, die den unter den Völkern“ aufgeführt sind.
Nationalsozialisten bei der Ausrottung

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Zuvor am Nachmittag hatte Felix
Rottberger bei einer Führung über den
150 Jahre alten jüdischen Friedhof an
der Elsässer Straße anhand verschie-
dener Grabsteine über jüdische Famili-
engeschichten berichtet, die eng mit der
Stadt Freiburg verwoben sind.

Im Zuge der Arisierung, auch Entju-


dung genannt, die im Deutschen Reich
systematisch ab der Machtergreifung im
Jahr 1933 von den Nationalsozialisten
betrieben wurde, verloren auch in Frei-
burg zahlreiche jüdische Geschäftsleute
ihre Existenzgrundlage. Bernd Serger,
ehemals als Redakteur bei der Badi-
schen Zeitung tätig und bestens vertraut
mit diesem dunklen Kapitel Freiburger
Stadtgeschichte, referierte am Donners-
tagnachmittag, den 22. 10. 2020 auf
einem Gang zu verschiedenen ehema-
ligen Geschäftshäuser jüdischer Unter-
nehmer über deren ausweglosen Weg in
den Ruin infolge der staatlichen Enteig-
nungsmaßnahmen.

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Die Führung endete am Mahnmal
„Vergessener Mantel“ auf der Wiwili-
Brücke am Hauptbahnhof. Nur wenige
Meter entfernt befand sich seiner-
zeit der zentrale Sammelplatz, von
dem aus die Bahntransporte ins süd-
französische Camp de Gurs ihren
Anfang nahmen. An dem Gedenkort,
geschmückt mit Blumengebinden der
Freiburger Stadtverwaltung und der
Israelitischen Gemeinde, sprach der
Kantor der Gemeinde Moshe Hayoun
ein Totengebet, nachdem zuvor Gab-
riele Schlesiger einen Brief von Maria
Jost vorgelesen hatte, der die Vorgänge
der Verhaftung und des Abtransportes
der jüdischen Menschen detailliert
beschreibt.

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Die zentrale Gedenkfeier zum 80. Jah-
restag der Deportation der Freiburger
Jüdinnen und Juden nach Gurs fand
wenig später auf dem Platz der Alten
Synagoge vor dem mit mehr als tausend
Rosen geschmückten Brunnen statt. Ver-
anstalter waren neben weiteren Partnern
das Kulturamt der Stadt Freiburg und die
Israelitische Gemeinde Freiburg. In Ver- von einigen Politikern versucht wird, die
tretung von Oberbürgermeister Martin Verfolgung und Ermordung jüdischer
Hornbegrüßte Bürgermeister Ulrich von Menschen verleugnen kann. Angesichts
Kirchbach die rund 300 Anwesenden des aktuell wieder auflebenden Antise-
und betonte die Notwendigkeit, immer mitismus ist jeder einzelne wie auch die
wieder an die verbrecherischen Taten Gesamtgesellschaft gefordert, sich den
der Nationalsozialisten zu erinnern, geschichtlichen Fakten zu stellen.
damit niemand, wie verschiedentlich

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Irina Katz, Vorstandsvorsitzende der
Israelitischen Gemeinde, stellte Kurt
Maier aus Kippenheim in den Mittel-
punkt ihrer Rede. Als zehnjähriger Bub
wurde Maier zusammen mit seinen
Eltern am Morgen des 22. Oktober 1940
verhaftet und nach Gurs deportiert.
In einem bewegenden Text schildert
er die Erlebnisse, denen er ausgesetzt
war, auf dem Bahntransport nach Gurs
und im Lager selber. Kurt Maier über-
lebte die Lagerinhaftierung und gibt
als Zeitzeuge seine Erlebnisse weiter. „
Wir sind“, so Irina Katz wörtlich, „Kurt
Maier außerordentlich dankbar für sein
unermüdliches Engagement, über die
grausamen Erlebnisse zu berichten,
trotz seiner persönlichen Betroffen-
heit und der damit verbundenen psy-
chischen Belastung. Seine Bereitschaft
und auch die Bereitschaft der anderen
Überlebenden, Zeugnis abzulegen über
die dunkelste Epoche in der deutschen

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Geschichte, vor allem auch vor jungen
Menschen, ist ein unverzichtbarer Schritt
auf dem Weg zum notwendigen allge-
meinen Konsens, dass sich dieses ver-
brecherische Tun niemals wiederholen
darf. Die Erinnerung an diese Zeit und
die leidvolle Geschichte der Opfer darf
sowie Anordnungen der Behörden, aus-
nicht ausgelöscht werden. Es muss eine
gewählt und zusammengestellt von
Gedenkkultur etabliert werden, die in
Andreas Meckel, vorgetragen von der
unserer Gesellschaft und im öffentli-
Schauspielerin Natalia Herrera und dem
chen Leben fest verankert ist.“ Cornelia
Sprecher Achim Barrenstein, geben dem
Haberlandt-Krüger von der Egalitären
damaligen schrecklichen Geschehen ein
Jüdischen Gemeinde mahnte in ihrem
reales Gesicht. Mit dem Gebet für die
Redebeitrag, jüdische Menschen nicht
Opfer des Holocaust „El Male Rachamim
als Opfer zu sehen, sondern als Bürge-
– G´tt voller Erbarmen“, das Kantor
rinnen und Bürger, die in jeder Bezie-
Hayoun anstimmte, fand die Gedenk-
hung ein Teil unserer Gesellschaft sind.
feier ihren Abschluss.
Berichte und Briefe von Gefangenen

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Zur Erinnerung an die Freiburger Musikstücke Berliner jüdischer Kom-
jüdischen Männer, Frauen und Kinder, ponisten und Komponistinnen aus der
die nach Gurs deportiert und von dort Zeit vor der Machtergreifung 1933 und
weiter in andere Konzentrationslager gegenwärtige Werke. Ermöglicht wurde
transportiert worden waren, hatte der das Konzert mit der Unterstützung durch
Vorstand der Israelitischen Gemeinde den Zentralrat der Juden in Deutschland
am Donnerstagabend zu einem Kon- mit Sitz in Berlin.
zert in den Gertrud-Luckner-Saal des
Gemeindezentrums eingeladen. Zu Gast
als Interpreten waren Itay Dvor (Kla-
vier), Detlef Bensmann, Lilly Paddags
(beide Saxophon) und Jardena Flückiger
(Gesang). Auf dem Programm standen

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Sukkot
im Corona-Krisen-

Modus

Text und Fotos: Roswitha Strüber

Nicht gänzlich verzichten wollte die erte die Jüdische Gemeinde am Spät-
Vorstandsvorsitzende der Israelitischen nachmittag des 7. Oktobers 2020 unter
Gemeinde Freiburg Irina Katz ange- aufmerksamer Beachtung der Hygiene-
sichts der Corona-Gefahr auf das Feiern vorschriften mit einigen Gästen ihr tradi-
des Laubhüttenfestes, eines der großen tionsreiches „Fest des Einsammelns“, das
Feste im Judentum. In reduzierter Form als Erntedankfest üblicherweise fröh-
und vor einer kleinen auf dem Vorplatz lich und mit einem gemeinsamen Essen
der Synagoge aufgestellten Sukka fei- begangen wird.

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In ihren Begrüßungsworten erinnerte
Irina Katz an den biblischen Ursprung
des Festes und an die entbehrungs-
reiche Zeit der Israeliten während ihrer
langjährigen Wüstenwanderung nach
der Sklavenzeit in Ägypten. Gleichzeitig
gedachte sie der 350 Freiburger Juden,
die im Oktober 1940 von den Nazis in
das französische Lager Gurs abtranspor-
tiert wurden und dort oder später nach
dem Weitertransport nach Auschwitz
umkamen. 350 Kieselsteine, von Frei-
burger Schülerinnen und Schülern mit
den Namen der Deportierten beschriftet,
waren auf dem Boden zu einem Davids-
stern zusammengelegt und mit einem
Blumenbukett geschmückt.

Mit seinem kurzen Grußwort erinnerte


auch Ralf Klinger von der evangelikal-
freikirchlichen Christengemeinde an das
grausame Schicksal der Freiburger jüdi-
schen Mitbürger und bedankte sich für
die Einladung.

39
Bevor das improvisierte Fest symbol- genheit, mit der Vorstandsvorsitzenden
haft mit einem kleinen Imbiss in der einen Gang durch das Gemeindezen-
Sukka fröhlich zu Ende ging, sprach trum zu machen und mit Kantor Hayoun
Moshe Hayoun, Kantor der Freiburger im Synagogenraum zu verschiedenen
Gemeinde, den Segensspruch über den Themen des Judentums ins Gespräch zu
Lulav, den Sukkot-Strauß, mit den „Vier kommen.
Arten“, den Zweigen von Palme, Myrte
und Weide und einer Zitrone. Interes-
sierten Gästen bot sich später die Gele-

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Totengedenken
für die gefallenen
jüdischen Soldaten
im Ersten Weltkrieg

Text und Fotos: Roswitha Strüber

In ihrer Begrüßung zeigte sich die


Vorstandsvorsitzende der Israelitischen
Mit dem Volkstrauertag wurde Gemeinde Irina Katz zufrieden darüber,
in Deutschland ein Gedenktag ein- dass seit wenigen Jahren bei der jährli-
gerichtet, der der Erinnerung an die chen offiziellen Gedenkveranstaltung der
gefallenen Soldaten und aller Kriegs- Stadt Freiburg auf dem Hauptfriedhof
opfer im Ersten Weltkrieg gewidmet nun explizit auch die gefallenen jüdi-
ist. Die Israelitische Gemeinde Freiburg schen Soldaten erwähnt und mit in das
hatte deshalb am Sonntagmittag d. 15. Gedenken einbezogen werden. Als Ver-
November 2020 auf den Alten Jüdi- treter der Stadt Freiburg wollte Stadtrat
schen Friedhof an der Elsässerstraße Bernhard Schätzle in seinem Grußwort
eingeladen, um vor dem Denkmal für das Gedenken nicht nur auf den Tod der
kriegsgefallene jüdische Soldaten an für ihr Vaterland gestorbenen jüdischen
die Kriegsopfer zu erinnern. Soldaten beschränkt wissen, sondern
vielmehr ausweiten und auch den Blick
auf die staatsbürgerschaftlichen, wissen-
schaftlichen und kulturellen Verdienste

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jüdischer Mitbürger während der Kai-
serzeit richten. Die jüdischen Mitbürger
hätten nicht nur als Soldaten dem Vater-
land gedient und ihr Leben geopfert,
sondern zuvor auch als Staatsbürger das
gesellschaftliche Leben in hohem Maße
mitentwickelt. Johannes Reiner, ehema-
liger Oberstleutnant der Bundeswehr,
richtete in seiner Ansprache ebenfalls
das Augenmerk auf die Bereitschaft der
jüdischen Menschen im Kaiserreich, sich
in die Staatsgesellschaft einzubringen
und sich zu engagieren, bis zur letzten
Konsequenz. Reiner wörtlich: „Diese
Bereitschaft hatte ihren Grund in der
Gleichstellung jüdischer Bürger1862 mit
dem Emanzipationsgesetz von Baden.
Nach hunderten von Jahren des Auf und
Ab jüdischen Lebens in Deutschland war
endlich ein kontinuierliches Aufblühen
der jüdischen Kultur in Deutschland
möglich. Am Erstarken des wirtschaftli-
chen wie ganz besonders des kulturellen
Lebens in Deutschland hatten Men-
schen jüdischen Glaubens Kraft ihres
Könnens, ihrer frei gewordenen Energie
und ihres kreativen Wirkens einen nicht
unerheblichen Anteil am zunehmenden
Wohlstand des deutschen Kaiserreiches.

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Viele Schlüsselpositionen im deutschen
Reich wurden von Juden ausgeübt.
Juden wurden deutsche Patrioten, die
dunklen Seiten der jüdischen Geschichte
davor war fast vergessen. Deutschland
war ihnen zur verteidigungswürdigen
Heimat geworden.“ Reiner schloss mit
den Worten: „In tiefer Trauer und mit
Respekt verneige ich mich vor den gefal-
lenen Kameraden und Nachkommen,
verbunden mit der Hoffnung, dass sich
diese Ereignisse nie wiederholen. Wir
haben es in der Hand.“
Nach weiteren kurzen Wortbei-
trägen von Veronika Hoffmann von der
Schalom-Bewegung und Felix Rott-
berger verlas die Vorsitzende Irina Katz
die Namen der 25 gefallenen Soldaten,
die auf dem Mahnmal verewigt sind.
Zum Schluss betete Kantor Moshe
Hayoun die Gebete Kaddisch und El
male rachamim, nicht ohne ausdrücklich
auch die Opfer des Zweiten Weltkriegs
miteinzubeziehen.

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Chanukka
Lichterfest im
Ausnahmezustand

Text: Roswitha Strüber

Wie die Vorstandsvorsitzende der


Es sollte eigentlich der fröhliche und Israelitischen Gemeinde Irina Katz in
unbeschwerte Auftakt zum 8-tägigen ihren Begrüßungsworten erklärte, erin-
Chanukka-Fest werden, als am Abend nern sich die jüdischen Menschen auf
des 10. Dezember die erste Kerze an der ganzen Welt am Chanukkafest an
der neuen über fünf Meter hohen die Wiedereinweihung des Tempels in
Chanukkia auf dem Platz der Alten Jerusalem vor mehr als 2000 Jahren. Mit
Synagoge entzündet wurde. Doch die der Einnahme Jerusalems durch den
Beschränkungen durch die staatlichen griechischen König Antiochus IV. wurde
Auflagen angesichts der Corona-Pan- das Heiligtum in einen heidnischen
demie und die Furcht vor einer Anste- Zeus-Kultort umgewandelt. Nach dem
ckung liessen sich nicht ignorieren und Sieg des jüdischen Heerführers Judas
waren auch an den Folgetagen gegen- Makkabäus über die fremden Herrscher
wärtig. im Jahre 164 vor der Zeit musste der
geschändete Tempel wieder gereinigt
und neu eingeweiht werden. Chanukka

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ist aber auch ein Lichterfest, das an das denen während des achttägigen Cha-
wunderbare Wirken G`ttes bei der Tem- nukkafestes an jedem Tag eine weitere
peleinweihung erinnert. Für die Menora, Kerze entzündet wird.
den siebenarmigen Leuchter, der ständig Das Entzünden der ersten Kerze hatte
in einem jüdischen Tempel oder G`ttes- Boris Gschwandtner, Dekanatsreferent
haus leuchten muss, war damals nur im Erzbistum Freiburg, auf Bitten von
noch wenig koscheres Öl vorhanden. Irina Katz übernommen. Es sei schon
Die Bereitung von neuem Öl dauerte seit Jahren eine gute Tradition, so
aber acht Tage. Mit G`ttes Hilfe brannte Gschwandtner, dass Vertreter der christ-
der geringe Rest Öl in der Menora aber lichen Religionen regelmäßig die schöne
solange, bis ausreichend koscheres Öl Aufgabe übernehmen, an Chanukka eine
wieder gerichtet war. Im Gedenken an Kerze zu entzünden. Gebete und Cha-
die Güte G`ttes und seine Wundertat nukka-Lieder, im folgenden vorgetragen
wurde ein Chanukka-Leuchter, eine Cha- von Kantor Moshe Hayoun, sowie das
nukkia, geschaffen mit acht Kerzen, von Verteilen von Sufganiyot an die Anwe-
senden gehören zum lang gepflegten
Brauchtum.

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In einer Grußbotschaft hatte zuvor Zum Anzünden der zweiten Kerze
Weihbischof Peter Birkhofer, Bischofs- am 11. Dezember hatte sich Erster Bür-
vikar für den religiösen Dialog in der germeister Ulrich von Kirchbach bereit
Erzdiözese Freiburg, den jüdischen erklärt. Als besonderen Gruß der Stadt
Gemeinden in Baden zum Beginn des Freiburg übergab von Kirchbach zudem
Weihefestes Chanukka gratuliert. Wört- ein bronzenes Modell der Alten Syna-
lich schreibt der Bischof: „Mittlerweile goge, die an diesem Ort 1938 von den
sind öffentliche Chanukka-Feiern zu Nazis in Schutt und Asche gelegt wurde.
einer Selbstverständlichkeit geworden. Die Stadt hatte die Plastik bei dem Frei-
Das ist ein gutes Zeichen für die Aner- burger Künstler Tobias Eder in Auftrag
kennung jüdischen Lebens in Deutsch- gegeben, um den viel diskutierten Erin-
land. Dass die Corona-Pandemie nerungsort „Gedenkbrunnen“ ergänzend
Einschränkungen vor allem familiärer zu charakterisieren. Mit einem kurzen
Feiern auferlegt, diesen Schmerz teilen Grußwort von Dr. Fabian Freiseis, Beauf-
wir mit unseren jüdischen Schwestern tragter der Erzdiözese Freiburg für den
und Brüdern - ist Chanukka doch vor interreligiösen und interkulturellen
allem ein Fest der Familie, ganz ähnlich Dialog, und mit Chanukka-Musik von
wie das christliche Weihnachtsfest.“

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Kantor Moshe Hayoun und Elik Roitstein, die Hoffnung, dass die augenblicklichen
Familienreferent der IRG Baden, endete Beschränkungen durch die Pandemie,
die Chanukka-Feier. die die Menschen in ihrem privaten und
Mit Weihbischof Christian Würtz beruflichen Leben derzeit in hohem
übernahm am 12. Dezember, dem Maße belasten, im kommenden Jahr
dritten Chanukka-Tag, ein weiterer Ver- überwunden werden können. Kantor
treter der Katholischen Kirche die ehren- Moshe Hayoun und das Trio Scho aus
volle Aufgabe, eine weitere Kerze an der Berlin sorgten für den musikalischen
Chanukkia auf dem Platz der Alten Syna- Rahmen.
goge zu entzünden. Der Bischof betonte, Für den fünften und sechsten Cha-
dass gerade in der gegenwärtigen Zeit, nukka-Tag hatte die Vorstandsvorsit-
die die Menschen mit Sorge und Angst zende weitere Vertreter des öffentlichen
um Gesundheit und Zukunft belastet, Lebens zum Anzünden der Kerzen an
ein Licht der Zuversicht wichtig ist. Cha- der Chanukkia eingeladen. So folgten
nukka steht für diese Hoffnung und gibt u.a. am 14. Dezember der Leiter des
eine Orientierung in der Dunkelheit. Polizeireviers Freiburg-Nord und einen
Der vierte Tag der Chanukka-Feier, Tag später Dr. Gantert vom Vorstand des
der 13. Dezember, führte gleich drei Caritasverbandes Freiburg-Stadt der Ein-
Persönlichkeiten an der Chanukkia auf ladung von Irina Katz.
dem Platz der Alten Synagoge und Mit Zufriedenheit stellte Baubürger-
später im Synagogenraum an der Engel- meister Martin Haag fest, dass sich die
strasse zusammen. Landesbischof anfänglichen kontrovers geführten Dis-
Jochen Cornelius-Bundschuh, Weih- kussionen bezüglich der Neugestaltung
bischof Peter Birkhofer und Bürger- des Platzes der Alten Synagoge mit der
meister Stefan Breiter übernahmen mit Einbindung des Gedenkbrunnens beru-
sichtbarer Freude das Anzünden der higt haben und dem Erinnerungsort
vierten Kerze an beiden Orten. In einer nun im Großen und Ganzen der ange-
kleinen Feierstunde im Betraum des messene Respekt entgegengebracht
Gemeindezentrums der Israelitischen wird. Deshalb sei er, so Haag in seinem
Gemeinde äußerte jeder der drei Redner Grußwort, auch gerne der Einladung

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gefolgt, an diesem denkwürdigen Ort die vom griechischen König Antiochus
an der Chanukkia die siebte Kerze zu unterworfenen Juden von der Herr-
entzünden. Als Symbol für die Verbun- schaft , obwohl es unmöglich erschien,
denheit zwischen unterschiedlichen Reli- und vor 2200 Jahren weihten sie ihr
gionen sah Grünen-Stadtrat Karim Saleh geschändetes Heiligtum, den Tempel,
die an ihn herangetragene Bitte, am 16. wieder neu ein, obwohl für die Zere-
Dezember das siebte Chanukka-Licht monie nicht genügend rituelles Öl vor-
anzuzünden. Denn gerade persönliche handen war. So wie zur damaligen Zeit
Kontakte sind wichtig in der gegen- Wunder möglich waren, sind sie es
wärtigen Zeit, betonte der Stadtrat. auch heute. Ist es doch ein Wunder, so
Katja Niethammer, Leiterin des Amtes der Rabbiner weiter, dass sich nach der
für Migration und Integration der Stadt verbrecherischen Naziherrschaft heute
Freiburg, unterstrich den Gedanken der wieder jüdisches Leben in Deutschland
Hoffnung, der im Licht der Chanukka- entfalten kann, und ist es nicht eben-
Kerze liegt; es ist ein starkes Zeichen in falls ein Wunder, dass auf dem Platz
der augenblicklichen Zeit der Ungewiss- der zerstörten Synagoge mitten in der
heit. Gemeinsam mit jungen Leuten ver- Innenstadt von Freiburg ein jüdischer
schiedener Nationalitäten entfachte die Gedenkort errichtet wurde. Wunder und
Amtsleiterin das siebte Licht. Träume können wahr werden, man muss
Bevor am 17. Dezember, dem achten sie nur wollen, endete Flomenman.
Chanukka-Abend, die Chanukkia mit all Grußworte, verbunden mit dem Dank
ihren Kerzen in vollem Licht erstrahlte, für die Einladung zum Kerzenanzünden
verdeutlichte Landesrabbiner Moshe sprachen u.a. auch Dompfarrer und
Flomenman mit kraftvollen Worten den Dekan Christoph Neubrand, Polizei-
eigentlichen Kerngedanken, der dem präsident Franz Semling, CDU-Stadtrat
Chanukka-Fest innewohnt. Es ist die Klaus Schüle und Matthias Pliefke vom
Hoffnung darauf, so der Landesrabbiner, städtischen Garten- und Tiefbauamt.
dass das Unmögliche wahr werden kann. Mit fröhlichen Liedern, intoniert von
Vor rund 2200 Jahren befreiten sich der Roman Kuperschmidt Klezmer

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Band aus Frankfurt, und dem Austeilen der Namen aller Gäste, die der Einla-
süßer Sufganiyot an die anwesenden dung zum Mitfeiern gefolgt waren, und
Kinder klang der achte und letzte Tag wünschte ein herzliches Schalom.
des Chanukkafestes 2020 aus. Die Vor-
standsvorsitzende Irina Katz bedankte
sich abschließend mit dem Verlesen

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Kontakt:

Israelitische Gemeinde Freiburg K. d. ö. R.


Nussmannstraße 14
79098 Freiburg

Zentrale: (+49) 0761 / 556 52 96 0


Vorstand: (+49) 0761 / 556 52 96 10
Sozialreferat: (+49) 0761 / 556 52 96 30
Rabbinat: (+49) 0761 / 429 680 21
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