Sie sind auf Seite 1von 9

1.

Zum Ausschlu$S der Frauen aus der


Musikgeschichte
Eva Rieger: Frau, Musik und Männerherrschaft
(1981 /1988)

Einleitung

Eva Riegers Frau, Musik und Männerherrschaft erschien 33 Jahre nach Sophie
Drinkers Women in Music (1948) und gilt heute als das wichtigste Buch im
Entstehungsprozess der musikwissenschaftliehen Gender Studies im deutsch-
sprachigen Raum. »Dass ich bisher keine einzige Kompanistin gekannt hatte,
dass in Musikgeschichten wie im Musikleben Frauen nur am Rande vorka-
men, war mir bisher nicht einmal aufgefallen<<, so beschreibt Rebecca Grot-
jahn, heute Professorin für Musikwissenschaft und Gender Studies in Det-
mold, die damalige Situation, in welche Riegers Buch »wie ein Blitz aus
heiterem Himmel<< einschlug (Grotjahn 2010, 71). Tatsächlich war das Fehlen
von Frauen im musikwissenschaftliehen Diskurs erst in den späten siebziger
und frühen achtziger Jahren von weiteren Kreisen überhaupt bemerkt worden.
Viele jener Fragen, Methoden und Ziele, die sich seitdem in den Gender
Studies etabliert haben, wurden mit Riegers Buch angestoßen.
Die feministische Bewegung der 70er Jahre im Hintergrund, die »Betrof-
fenheit über die desolate Lage der Frau im gesamten kulturellen Umfeld<< und
das >>berufliche Interesse<<einer Musikpädagogin (Rieger 1988, 10) verbanden
sich für Rieger in der wissenschaftlichen Frage nach der musikalischen Aus-
bildung von Mädchen seit etwa 1750. Sie selbst beschreibt es als einen Do-
mino-Effekt, dass Fragen nach der >>Frau im musikpädagogischen Bereich<<
(so der Titel des 1. Kapitels) viele weitere Fragen nach sich zogen. Man könnte
es auch als ein Wespennest bezeichnen, in dem Rieger stocherte:

Allmählich dämmerte mir, daß ich mir eine riesige, kaum zu bewältigende Aufgabe
zugemutet hatte. Es ging längst nicht mehr darum, Lücken in der Musikgeschichte zu
fullen, sondern die Phänomene mußten neu bearbeitet werden. Die gesamte Sicht der
Dinge war ver-rückt: ich mußte schier alles in Frage stellen, was sich als >Wissenschaft<
ausgab, dennoch aber versuchen, einen wissenschaftlichen Standard beizubehalten.
(Rieger 1988, 5)

Das bedeutete, dass sie den Fragenkanon der etablierten Musikwissenschaft


verlassen und neue methodische Wege finden musste. Indem sie den Fragen-
komplex ausweitete und jenseits des Notentextes und ökonomischer Faktoren
22 Ausschluss der Frauen aus der Musikgeschichte Rieger: Frau, Musik und Männerherrschaft 23

nach den Ursachen für die weitgehende Abwesenheit von Frauen in der Buches mitzudenken, anderen sind darin bereits auch heute noch relevante
Musikgeschichte suchte, verfestigte sie zum einen ihre These, dass die >>Her- Fragestellungen formuliert. Rieger hat kulturelle Mechanismen und Strategien
absetzung der Frauen als ein umfassender kultureller Prozess<< verstanden wer- benannt, die zum Ausschluss der Frauen aus dem musikalischen Leben geführt
den musste (Rieger 2010, 64). Zum anderen bereitete sie den Boden für eine haben. Im Wissenschaftsdiskurs aktuelle Kategorien wie >Gender<, >ethnische
Musikwissenschaft, die Kanonbildung, Körperlichkeit, soziale Strukturen und Zugehörigkeit< und >Soziale Schicht< sind dort bereits angelegt, wo Rieger die
sich selbst reflektiert. >>häufige Verbindung von Rassismus mit Nationalismus und Sexismus, aber
Unter Einbeziehung eines großen Qyellenfundus aus Bibliotheken, Noten- auch mit Schichtendenken<< diskutiert (vgl. Rieger 1988, 119).
archiven, zeitgenössischen Nachschlagewerken und Lehrbüchern erzählt Rieger Eva Rieger hat neben ihrer Forschungs- und Lehrtätigkeit als Professorin
die Geschichte der europäischen Musikpädagogik und des Musiklebens vom aktiv als Mentorirr von Nachwuchswissenschaftlerinnen, durch Stiftungstätig-
Mittelalter bis in die Nachkriegszeit als die Geschichte des Ausschlusses und keit, Instituts- und Fachgruppengründungen die Etablierung der Gender-
der Unterdrückung von Frauen. Diesen Ausschluss beschreibt Rieger im zwei- Studies vorangetrieben und ist seit 2009 Ehrenmitglied der American
ten Kapitel auf einer diskursanalytischen Ebene. Sie untersucht und kontextua- Musicological Society.
lisiert zeitgenössische Texte über den Schaffensprozess von Kunst und zeigt, wie Katrin Losleben
sich geschlechtsspezifische Diskurse darin manifestiert haben. So sind Begriffe
wie Heldentum, Größe, Genius eindeutig männlich konnotiert; der Frau hinge-
gen wird die Rolle der Inspirierenden zu-, die der selbst künstlerisch Handeln- Textvorlage
den abgeschrieben (vgl. Rieger 1988, 105-124). Riegeruntersucht musikge- Eva Rieger: Musik als Trägerin geschlechtsspezifischer Ideologien. In: Frau, Musik und
schichtliche Abhandlungen zur Sonatenhauptsatzform oder zu Komponisten Männerherrschaft. Zum Ausschluß der Frau aus der deutschen Musikpädagogik,
und Epochen auf Geschlechterzuschreibungen. Fazit ist: >>Zweifellos tragen die Musikwissenschaft und Musikausübung. Frankfurt a.M. 1981. 2. Aufl. Kassel 1988
gängigen Interpretationen von Musik androzentrische Züge - stets auf den [Auszug 124-131, 146-150].
Mann bezogen<< (S. 129). Bis in die Musik hinein verfolgt Rieger geschlechts-
spezifische Diskurse. Damit befindet sie sich im Kern ihrer Forschungsarbeit bis Weitere Veröffentlichungen von Eva Rieger
heute. Rieger ist der Überzeugung, dass bestimmte musikalische Phänomene als
anthropologische Konstanten in der Musik stets wiederkehren: >>Wieso reißen Nannerl Mozart. Leben einer Künstlerin im 18. Jahrhundert. Frankfurt a.M., Leipzig
1992. 2., erweiterte Auflage ebd. 2005.
selbst Blinde die Arme hoch, wenn sie sich freuen, und wieso wird seit der Re-
Alfred Hitchcock und die Musik. Eine Untersuchung zum Verhältnis von Film, Musik und
naissance bis hin zur Filmmusik Positives mit aufwärts steigenden Floskeln, Geschlecht. Bielefeld 1996.
Negatives mit abwärts fallenden Themen oder Melodien beschrieben?<< (Rieger Leuchtende Liebe, lachender Tod. Richard Wagners Bild der Frau im Spiegel seiner Musik.
2010, 67). Bestimmte musikalische Mittel sind, so Rieger, eben auch geschlecht- Düsseldorf 2009.
lich konnotiert. Die Idee der absoluten Musik ist damit freilich in Frage gestellt. Frau, Musik und Männerherrschaft revisited. In: Annette Kreutziger-Herr u.a. (Hg.), Gen-
Zwölf Jahre später verfolgte auch Susan McClary diesen Ansatz. Die Debatte der Studies in der Musikwissenschaft - O!Io Vadis? Festschrift für Eva Rieger zum
über die Validität dieser Vorgehensweise hält bis heute an. 70. Geburtstag. Hildesheim u.a. 2010 (Jahrbuch Musik und Gender 3), 63-69.
Riegers Studie entstand vor dem Hintergrund einer kämpferischen Frauen-
bewegung,jedoch ohne dass bereits einschlägige Referenzwerke oder Netzwerke Weiterführende Literatur
in der Musikwissenschaft existiert hätten. Der zuweilen fast wütende Schreib-
Bowers,Jane,Judith Tick (Hg.): Women Making Music.The Western Art Tradition 1150-
duktus, die Stofffülle, die Themenfeld und Forschungsbedarf absteckt, ohne sie 1950. Urbana, Chicago 1986.
immer eingehend zu bearbeiten, eine in Teilen traditionelle Fragestellung, die Drinker, Sophie: Music and Women.The Story ofWomen in Their Relation to Music. New
auf Frauen angewendet wird - wie die Frage nach den >>großen Komponistin- York 1948.
nen<< Clara Schumann oder Fanny Hensel, die Fortschreibung dichotomer Ge- Grotjahn, Rebecca: Domino-Effekte. Überlegungen zu einer Geschlechtergeschichte der
gensätze (Frau/Mann, oben/unten usw.), die Stilisierung der Frau als Opfer, des Musik. In: Annette Kreutziger-Herr u.a. (Hg.), Gender Studies in der Musikwissen-
Mannes als >>Peiniger<<: Diese Aspekte ihres Ansatzes geben Anlass zu berech- schaft - O!Io Vadis? Festschrift für Eva Rieger zum 70. Geburtstag. Hildesheim u.a.
2010 (Jahrbuch Musik und Gender 3), 71-82.
tigter Kritik. Zum einen aber sind Zeit und Situation der Entstehung ihres
24 Ausschluss der Frauen aus der Musikgeschichte Rieger: Frau, Musik und Männerherrschaft 25

Ausgewählter Text halb des allgemeinen Wissenschaftsbetriebes durch eine besonders hartnäk-
kige patriarchale Struktur aus. Dies zeigt sich u.a. in der Vorherrschaft der
Abschnitt II. Musik als Trägerin geschlechtsspezifischer Ideologien Musikhistorie gegenüber systematischen Disziplinen, in der Kultivierung des
Kap. 2.3. Androzentrische Sprache in der Musikgeschichtsschreibung »Kunstwerks<< sowie im Festhalten an scheinbaren Ewigkeitswerten und Gei-
stigem in der Musik. »Nirgends wird am Überkommenen so zäh festgehalten
»Man versteht Musik genauer, wie in der Musikwissenschaft<<: 3 Das ist nicht zuletzt am Sprachgebrauch
wenn man die Mühe nicht scheut, abzulesen.
sich die Struktur der Sprache, in In einem Schulbuch von 1929 besteht die Sonatenform aus dem »Gegen-
der über sie geredet wird, bewußt satz aktiver, männlicher und weicher, labiler, weiblicher Elemente.<<4 Einige
zu machen. « Jahrzehnte später heißt es unverändert: »Im ersten (Thema) wird der männli-
(Carl Dahlhaus) che, vom Rhythmus bestimmte Charakter betont, im zweiten der weibliche,
der die entscheidenden Kräfte vom Gesanglichen her empf:ingt.<<5 Das größte
Eine androzentrische (d. h. auf den Mann bezogene) Sprachhandhabung ist deutschsprachige Nachschlagewerk zur Musik schreibt zur Sonatenform:
allgemeines Symptom für eine Kultur, in der alle öffentlichen Bereiche vom
Mann verwaltet werden. 1 Daher ist zu fragen, ob es überhaupt sinnvoll ist, in Zwei Grundprinzipe des Menschen sollen in den beiden Hauptthemen Gestalt wer-
einem Teilbereich wie der Musikliteratur sprachliche Absonderheiten hervor- den: das tätig nach außen drängende männliche 1. Thema und das still in sich beru-
zuheben. Demgegenüber ist bislang nur wenig reflektiert worden, in welch hende weibliche 2. Thema. Das 2. Thema ... soll vor allem ein Folgethema sein, ein
hohem Maße sprachliche Diktion vor allem unbewußt rezipiert wird. Denkt solches von geringer Selbstständigkeit, das erste abwandelnd und doch Ausdrucksge-
man an Wortschöpfungen wie »antiimperialistischer Schutzwall<< bzw. gensatz zu ihm.6
>>Schandmauer<<, die beide den gleichen Gegenstand beschreiben, wird offen-
bar, daß mit bestimmten Wortkreationen ein ideologischer Sachverhalt trans- Die stereotype Zuordnung von »weiblichen<< Eigenschaften mit passivem Ver-
portiert wird. So auch in der verbalen Beschreibung von Musik. halten kann sich aber auch auf einzelne Komponisten und zuweilen auf ganze
Helga de la Motte-Haber weist auf die Entstellungen und Verzerrungen Epochen übertragen. Für Liszt war Chopirr ein >>Weiblicher Erzengel<< 7 • Über-
hin, die verbale Äußerungen über Musik haben können. Schon um die Jahr- haupt stellt die Romantik in ihren negativen Erscheinungen das Weibliche
hundertwende haben Wissenschaftler determinierende Tendenzen ausge- par excellence dar, deren Vertreter weibische Züge tragen.
macht, die zu einem Vorurteil führen können und den Denkprozeß stark be-
einflussen. »Man kann nicht umhin ... zuzustimmen, daß schon die Wahl der Man ist von sich und seiner Sehnsucht erfullt, die Welt wird zum Traum. Der starke,
Worte Interpretationen hervorbringt, für die nichts einsteht als die subjektive ethisch bedingte Willensimpuls Beethovens ist nicht mehr da, man ist dem Sein
Überzeugung des Interpretierenden.<<2 gleichsam passiv ausgeliefert, man steht ihm sogar etwas fremd gegenüber. Anstelle von
Hier stellt sich die Sachlage insofern etwas anders [dar], als es sich nicht Beethovens Härte ist Weichheit und Zartheit getreten. H atte die Musik bei Haydn
nur um subjektive Äußerungen einzelner handelt, sondern um allgemeinge-
bräuchliche Begriffe innerhalb musikliterarischer Schriften. Die Verwendung
geschlechtsspezifischer Ausdrücke weist auf einen verallgemeinernden Sach- 3 Clytus Gottwald: »Deutsche Musikwissenschaft<<. In: Ulrich Dibelius (Hg.), Verwaltete Mu-
verhalt hin, der sich zweifach deuten läßt. Zum einen können sexistische sik. München 1971, 59.
Sachverhalte in der Musik selbst vorhanden sein (dies wird im anschließenden 4 Edgar Rabsch, H ans Burkhardt: Musik. Frankfurt 1929, Bd. 3, 236.
Abschnitt erläutert); zum anderen zeichnet sich die Musikwissenschaft inner- 5 Walter Georgii: Geschichte der Klaviermusik. Freiburg 1950,213.
6 D ie Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG1). Hg. von Friedrich Blume. 1. Aufi. Kas-
sel1949-1986. Bd. 4, 549, vgl. auch Heinz Lemmermann: Musikunterricht. Bad Heilbrunn
1 Vgl. Senta Trömel-Plötz: >>Li nguistik und Frauensprache<<. In: Linguistische Berichte 57, 1978. 1977, 132. Auch Klimowsky sieht in der Sonatenform weibliche und männliche Elemente
Lesenswert ist die Erwiderung von Luise Pusch auf die Kritik von H. Kalverkämper zu im Wechselspiel miteinander, vgl. Ernst W. Klimowsky: Geschlecht und Geschichte. Sexualität
diesem Aufsatz (s. die darauffolgenden Hefte). im Wandel von Kultur und Kunst. Teufen, St. Gallen 1956,94.
2 Helga de Ia Motte-Haber: Psychologische Musiktheorie. Frankfurt a.M. 1976,77. 7 Zit. bei Paula Rehberg: L iszt. Eine Biographie. München 1978, 48.
26 Ausschluss der Frauen aus der Musikgeschichte Rieger: Frau , Musik und Männerherrschaft 27

und Mozart etwas Kindliches, bei Beethoven etwas Männliches, so hat sie jetzt etwas beglückend ist; weil alles steht, was Beethoven überwunden hat. Die Sonate
Weibliches. 8 op. 110 ist ein weibliches Stück, in alle Schönheit gekleidet, wenn op. 111 ein männli-
ches genannt wirdY
Warum die Romantik als weiblich gilt, wird an den heutigen Musiklexika
deutlich. Ihnen zufolge ist die romantische Harmonik durch den »reichlichen Für den Musikwissenschaftler Sehering trägt die Musik des Barock >>entschei-
Gebrauch üppiger Alterationen« gekennzeichnet, die ihr den Charakter des dende Züge der Männlichkeit.<< Sie ist »herb und hart, femininen Regungen
»weichen Gleitens<< geben. Konturen >>verschleiern<<, verschiedene musikali- fast unzugänglich.<< 18 Sehnte er sich danach zurück? Wenig später spricht er
sche Mittel werden zu »reinen Reizmitteln, die das logische Gerüst ... zerset- vom >>glücklichen Stand der Barockmusik.<<19
zen.<< Vieles »degeneriert<< zur farbliehen Wirkung. 9 Die romantische Musik Die Vertreter dieser Epoche werden ebenfalls mit dem männlichen Etikett
>>zwingt den Hörer die Dämonie ihrer Reizkräfte auf.<< 10 Alle diese Eigen- behaftet. Robert Schumann verrät hierbei unbewußt seine Sicht der Frau:
schaften werden sonst der Frau zugeordnet: Sie ist irrational, sinnlich, reizvoll,
in ihrer negativen Form ist sie zersetzend und morbid. Wenn es also in einem Die Fuge habe ich der Reihe nach bis in ihre feinsten Zweige zergliedert; der Nutzen
Lexikon von der Klassik heißt, daß sie »frei von allen Schlacken der sinnlichen davon ist groß und wie von einer moralisch-stärkenden Wirkung auf den ganzen Men-
Welt<< ist und daß sie den Menschen über sich selbst hinaushebt >>in die schen, denn Bach war ein Mann - durch und durch; bei ihm gibt's nichts Halbes,
Region des reinen Geistes<<, 11 wird damit unverbrämt dem männlichen Prinzip Krankes, ist alles wie fur ewige Zeiten geschrieben.20
gehuldigt. Hierzu paßt auch, wie es ein Musikschriftsteller 1914 ausdrückte,
daß der romantische Geist ein >>Herabsinken der Tatkraft<< herbeigefuhrt hät- Die sogenannte >>weibliche Endung<< wird meist pejorativ verwandt. >>Zu
te.12 Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß das Überhandnehmen Anfang beherrschen wieder weibliche Endungen das Bild, durch die das
romantischer Eigenschaften die männliche Tatkraft (Potenz) gefährdete. Thema an melodischer Spannkraft einbüßt ... << 21 >>Zu dem männlichen Wesen
Beethoven stellt dagegen den Inbegriff des Männlichen dar. Ein Beetho- seiner Musik trägt bei, daß er schon in den frühen Sonaten die in jener emp-
vensches Thema kann sich zu >>mannhaftem Entschluß<< steigern; 13 in der findsamen Zeit übertriebene Pflege des Vorhalts, der >weiblichen Endung<,
9. Sinfonie >>hebt faustisches Ringen an<<; 14 eine >>köstliche, männlich selbstbe- nicht mitmacht.<< 22
wußte Daseinsfreude lacht<< 15 aus seiner Klaviersonate op. 22. Zu Schuberts Dem Mann wird in erster Linie das Kraftvolle zugeordnet:
Klaviersonaten ist im Vorwort zur Urtextausgabe zu erfahren: >>Noch ist zwar (Über die Entfaltung der Sonatenform:) >>Hier mußte die neu errungene
allerorten Beethovens Geist zu spüren, aber er wird weiblich umschmeichelt Freiheit unfruchtbar bleiben, wenn es nicht gelang, ihr Samen aus dem Schoße
und immer wieder gebannt.<< 16 Schlägt Beethoven weichere Töne an, fehlt das der männlich kraftvollen hochbarocken Kompositionstechnik zuzufuhren<<23
weibliche Etikett auch hier nicht: ... (Über Beethoven und Neefe:) »Die Sonaten des kindlichen Schülers sind
moderner und- seltsam genug - männlicher, kraftvoller als die des Lehrers.<<24
Beethoven notiert sich fur dieses Stück (op. 110) >immer simpler<und tatsächlich ist es >>Frohe Energie durchpulst das ganze Stück, gesundes Kraftbewußtsein,
von einer Einfachheit, einer Kindlichkeit im Liedmäßigen der Hauptthemen, die das sich nicht bei schwerwiegenden Rätseln aufhält .. . eine so köstliche, männ-
lich selbstbewußte Daseinsfreude lacht selten aus Beethovens Werken.<<25
8 Jacques Handschin: M usikgeschichte im Überblick. Luzern, Stuttgart 1964, 356.
9 MGG 1 (wie Anm. 6), Artikel Romantik.
10 Ebd. [Bei Rieger steht: »a. a. 0 .<<(am angefuhrten Ort), was hier und im Folgenden durch 17 Edwin Fischer: Ludwig v. Beethov ens Klaviersonaten. Wiesbaden 1958, 131.
das heute üblichere, auch sonst im vorliegenden Band verwendete »ebd.<< (ebenda) ersetzt 18 Arnold Schering: Von großen Meistern der Musik. Leipzig 1940, 18.
wird.] 19 Ebd.,206.
11 MGG1 (wie Anm. 6), Artikel Klassik. 20 Zit. bei Armin Gebhardt: Robert Schumann als Symphoniker. Regensburg 1968, 107.
12 AdolfWeissmann: »Musik und Krieg<<. In: Die Musik 14,1914,103. 21 Wolfgang Boetticher: R obert Schumann. Berlin 1941,541.
13 Gustav Ernest: Beethov en. Berlin 1920, 462. 22 Georgii: Geschichte der Klav iermusik (wie Anm. 5), 185.
14 Hans Renner: R eclams Konzertfiihrer. Stuttgart 1959,172. 23 Ebd., 189.
15 Paul Bekker: Beethoven. Frankfurt 1912, 136. 24 Ebd., 206.
16 Peters Verlag, o.]. 25 Bekker: Beethoven (wie Anm. 15), 136.
28 Ausschluss der Frauen aus der Musikgeschichte Rieger: Frau, Musik und Männerherrschaft 29

»Daß Schumann das Empfindungsleben der Frau mehr und mehr in den Zum Schluß ein Zitat des sich revolutionär gebenden Komponisten Hans
Vordergrund rückte ... hat das dramatische Leben dieser Werke nicht beför- Werner Henze zur Gattung der Oper: >>Objektiv sind in dieser Kunstform
dert, aber den kraftvoll tätigen Charakter mehr und mehr entzogen.«26 Reichtümer enthalten, die zu den schönsten Erfindungen des menschlichen
Auch das Attribut der Reife wird gern dem Mann zugesprochen: Geistes gehören. Sie gehören allen Menschen, sind nicht fur die Herrschen-
>>Innerhalb dieser Grenzen liegen die Werke der reifen Manneszeit.<< 27 den geschrieben worden, sondern brüderlich fur die Brüder.<< 32
»Der Zug freudig ernster Männlichkeit, der das Ganze durchweht, verbie- Ein >>lapsus linguae<< oder bewußte Überzeugung? Henze befindet sich je-
tet es, hier in herabsetzendem Sinn von einer Jugendarbeit zu sprechen.<< 28 denfalls in bewährter Tradition, wenn er die Kategorie der Objektivität mit
>>Den Grundzug der übrigen Sätze bestimmt die edle Verbindung von dem Männlichen gleichsetzt. Zweifellos tragen die gängigen Interpretationen
Milde und Männlichkeit, durch die Haydn besonders verehrungswürdig ist.<<29 von Musik androzentrische Züge stets auf den Mann bezogen. Vom Mann
Das Attribut >>Weiblich<< kann fehlen, weiß man doch, was gemeint ist: >>Freu- stammt die Musik, von ihm handelt sie: die verbalen Interpretationen sind
dige Vollgriffigkeit im hellsten C-Dur beherrscht die zweite Skizze; ein Mittel- darauf gerichtet, den Mann als handelndes Subjekt, die Frau als angehängtes
satz strömt mit seinen Kantilenen weichere Regungen in das männliche Stück.<<3o Objekt zu begreifen.
>>Denn durch den Gegensatz des männlich herausfordernden Anfangs und Im nächsten Kapitel wird untersucht, ob diese sprachlichen Beschreibun-
der zart bittenden Gesangsmelodie erhält das Werk einen unverkennbar he- gen mit der Musik im ursächlichen Zusammenhang stehen, d.h., ob sich die
roisch elegischen Charakter, der indessen erst am Schluß des Werkes deutlich Geschlechterpolarität in der Musik selbst nachweisen läßt.
erkennbar wird.<< 31
In der folgenden Tabelle sind die jeweiligen Attribute aufgelistet, die sich
auffinden ließen: 2.4. Sexistische Strukturen in der Musik
Männlich Weiblich
Spannung Gesanglichkei t >>Die Kunst ist fur die Geschichte
Kraft fehlende Spannkraft der menschlichen Gemeinschaften das,
Lebhaftigkeit Selbstaufopferung was der Traum fur den Psychiater bedeutet.«
Aktivität Leiden (Rene Huyghe, 1939)
Gesundheit Gefuhlsüberschwang
D aseinsfreude Zartheit, zartes Bitten
Der Gedanke, daß sich außermusikalische Tatbestände in der Musik vermit-
Reife Verklärtheit
Stärke
teln lassen und daß sie als kommunikative Grundmuster unseres musikali-
Selbstlosigkeit
Dramatik Innigkeit schen Kulturkreises auch entsprechend rezipiert werden, ist nicht neu. Einer
Drang nach außen Einschmeichelei der bekanntesten Versuche, aufzuzeigen, daß Musik bestimmte Gefühle und
Heroenturn Weichheit Bilder vermittelt, stammt von Albert Schweitzer. In seiner Studie über Bach
Herausforderung Einfachheit wies er nach, daß dessen Musik nicht eine reine Kunst ist, die sich in abs-
Selbstbewußtsein Kindlichkeit trakten Tonlinien erschöpft, sondern daß sich darüber hinaus in symboli-
Härte Schönheit schen Kategorien durch den Klang hindurch eine tiefere Ebene offenbart.
Herbheit
Schweitzer war überzeugt, daß Bach bestimmte Gefühle und Bilder vermit-
Ernst
Ewigkeit
telte.33
Das illustrative Prinzip ist seit Jahrhunderten ein Grundstock musikali-
scher Ausdrucksformen gewesen. In den Opern und Oratorien von Matthe-
26 Martin Ninck: Schumann und die R omantik in der Musik. Heidelberg 1929, 87. son, Keiser und Telemann sind eine Fülle musikalischer Illustrationen auffind-
27 Bekker: Beethoven (wie Anm. 15), 147.
bar. Bach trug dazu bei, auch die geistliche Musik illustrativ auszuschmücken.
28 Ebd., über die 1. Sinfonie Beethovens.
29 Georgii: Geschichte der Klaviermusik (wie Anm. 5), 185.
30 Walter Dahms: Schumann. Berlin 1922, 265. 32 Zeitschrift Bühnengenossenschaft, zit. in D ie Zeit vom 13.1.1978.
31 Bekker: Beethoven (wie Anm. 15), 127. 33 Albert Schweitzer:J S. Bach. Leipzig 1908.
30 Ausschluss der Frauen aus der Musikgeschichte Rieger: Frau, Musik und Männerherrschaft 31

Aus dem deskriptiven Realismus wurde ein Stück musikalischer Materie; die Die vorliegenden Hypothesen sind dementsprechend bruchstückartig und als
musikalischen Affekte konnten schließlich auch ohne Text verstanden werden. Anstöße für weitere Untersuchungen zu verstehen.
Viele von ihnen haben sich bis heute gehalten und werden innerhalb der Wer- Der bekannten Aussage des DDR-Musikwissenschaftlers Brockhaus, daß
bung, in Filmmusiken34 usw. verwendet mit dem Ziel, bestimmte Empfindun- es weder eine kapitalistische noch eine sozialistische Terz gibt, ist hinzuzufü-
gen beim Hörer auszulösen. gen, daß es weder eine weibliche noch eine männliche Terz geben kann. In
Im folgenden werden jedoch nicht nur illustrative Mittel, die die Ge- seiner Untersuchung, inwieweit Richard Wagners Musikdeutschnationale
schlechterpolarität betreffen, hervorgehoben, sondern es wird gezeigt, daß die und antisemitische Elemente enthält, stellt Leon Stein fest, daß Musik weder
Kunstmusik von ihrer gedanklichen und empfindungsmäßigen Konzeption Tatsachen noch allgemeingültige Wahrheiten wiedergeben kann. Sie kann
her auf männlichem Selbstverständnis beruht. Zunächst ist aber zu fragen, ob aber dazu beitragen, ein Bewußtsein zu schaffen, in das sich bestimmte Dinge
und inwiefern sich ideologische Tatbestände musikalisch transportieren las- verankern lassen. Als Beispiel führt er den ethischen Gehalt Beethovenscher
sen. Im musiksoziologischen Sektor waren es vor allem marxistisch orientierte Musik an. Wir fühlen uns, so Stein, von ihr veredelt und erhöht; dieser Zu-
Musikwissenschaftler, die untersuchten, inwieweit sich in der Musik gesell- stand wird jedoch nicht durch philosophische Aussagen erreicht.
schaftliche Realität widerspiegelt. (Freilich konnte es hierbei zu Überspitzun-
gen kommen, z.B., daß die Fuge mit dem Feudalismus gleichgesetzt wurde In diesem Sinn können musikalische Abläufe oder Musikstücke in sich niemals impe-
oder das Finale der Mazartsehen Jupiter-Sinfonie als Klassenversöhnung ge- rialistisch, aggressiv oder tyrannisch sein, aber sie können zur Schaffung eines Bewußt-
deutet wurde. 35 ) Erschwert wurde dieser Untersuchungsaspekt von der tradi- seins beitragen, das - in die entsprechenden Kanäle gelenkt - zu imperialistischem,
tionellen Musikwissenschaft, die nach wie vor einer veralteten Vorstellung von aggressivem oder tyrannischem Verhalten führen kann Y
Ästhetik anhängt. Deren zentrale Methode stellt die musikalische Analyse
dar, die sich vornehmlich mit der Formorganisation befaßt und weniger mit Diese Frage der Bewußtseinsbildung berührt auch Otto Brusatti in seiner
dem begrifflichen Verstehen von Musik. Das Aufspüren einer Aussage ist da- Studie über nationalistische und ideologische Inhalte der Musik. Musik stellt
her noch weitgehend von subjektiven Faktoren geprägt und kann den An- für ihn keine außer- oder überzeitliche künstlerische Disziplin dar, sondern sie
spruch der Wissenschaftlichkeit nicht für sich beanspruchen. Immerhin ist erfüllt stets bestimmte Funktionen für ihre Gesellschaft. Demnach spiegelt sie
hie und da das Bemühen sichtbar, sich differenziert mit dem Komplex ausein- nicht nur die Geisteshaltung einer Epoche wider, sondern sie ist in dieser
anderzusetzen: Spiegelung bereits wieder in das dialektische Spannungsverhältnis ihrer Zeit
eingebettet. Das bedeutet konkret, daß sie mit anderen Künsten dazu beiträgt,
.. . intuitiv, verschlüsselt und oft ohne oder sogar gegen die bewußte Konzeption des das Lebensgefühl einer Epoche aktiv mitzugestalten .
Kunstwerkes kann es (das Kunstwerk) andere Elemente enthalten, die auf dem Wege Im folgenden wird versucht, anhand der gesellschaftlichen Verfestigung
der Einstimmung, der Konnotation, der affektiven Erweiterung des Bedeutungsfeldes der Geschlechterrollen im 18. Jahrhundert die musikalische Entsprechung,
der musikalischen Zeichenwelt Erkenntnisse enthalten, die die wissenschaftlich philo- die diese Rollenpolarität nicht nur nachgestaltete, sondern zu formen half,
sophische Wahrheit erweitern. Dies ist freilich ein noch weniger erforschtes, aber, wie aufzuzeigen.
ich meine, keineswegs unerforschbares Gebiet. 36 [ ... ]
Um 1800 entstand in der deutsch-romantischen Musikästhetik der Begriff
der »absoluten Musik<<, einer Musik also, die von Texten, Funktionen und von
empirisch faßbaren Affekten losgelöst ist. Im Sinne dieses Prinzips wurde die
34 Vgl. Hans-Christian Schmidt: »Musik im Fernsehen- musikalische Titel von Fernsehseri- >>reine<< Instrumentalmusik zum Inbegriff der Musik überhaupt: sie löste die
enfilmen<<. In: Musik und Bildung 1/ 1977. Schmidt weist auf den Signal- und Aussagecha- Vorherrschaft der Vokalmusik ab.
rakter von Fernsehtitelstücken hin, der sich (nicht nur, aber auch) aus dem Charakter der
Musik selbst begründen läßt.
35 Vgl. Hans Emons: >>Musiksoziologie und Unterricht<<. In: Forschung in der Musikerziehung.
Mainz 1978, 156.
36 Georg Knepler: »Gustav Mahlers Musik - Versuch einer Wertung<<. In: Otto Kolleritsch 37 Leon Stein: The Racial Thinking of Richard Wtlgner. New York 1950, 221 (Übersetzung der
(Hg.), Gustav Mahler. Sinfonie und Wirklichkeit. Graz 1977, 13. Verf.).
32 Ausschluss der Frauen aus der Musikgeschichte Rieger: Frau , Musik und Männerherrschaft 33

D er Literaturhistoriker G ervinus nannte die Vokalmusik ein »mütterliches meint: Beethoven schrieb sein Streichquartett op. 95 explizit für einen kleinen
Urprinzip«, 38 aus dem heraus sich die Instrumentalmusik, die Beethoven so Kreis von >> Kennern<< verbat sich eine öffentliche Aufführung. 40 W as
vorzüglich vertrat und weiterentwickelte, ablösen mußte. Verbirgt sich hinter Schurnano in der Theorie vorschwebte, setzte Brahms in die Praxis um. An-
solchen Etikettierungen mehr als man ahnt? Absolute Musik bedeutet meh- läßlich eines Tonkünstlerfestes 1887 in Köln verlangte er, die Frauen auszu-
reres: zum einen das Ahnen des Absoluten, also M etaphysischen; zum ande- schließen. >>Da wurden denn alle Damen ausgeladen, dann auf Frau Kwasts
ren das Hinüberwechseln aus der Sphäre des Gefühls in die der >>reinen« Idee. ernste Anfrage erlaubte er sie wieder, und nun wurden die D amen alle wieder
Beides enthält abgrenzende Elemente der Frau gegenüber. Der Komponist, eingeladen (die Frauen der Künstler), es blieben aber doch einige begreifli-
der >>Metaphysisches« in seiner Musik zu vermitteln vermochte, konnte nur cherweise fort<< , beschreibt Clara Schurnano den peinlichen Vorfall, 41 der sich
männlichen Geschlechts sein, da er als Sonderfall der Schöpfung, als mensch- ideologisch gesehen in die Abgrenzungsbestrebungen einreiht.
liche Inkarnation des >>Absoluten« gefeiert wurde (wobei das Bürgertum in In der Identifizierung der absoluten Musik mit dem Unsinnlich-Ideellen
dieser Außerordentlichkeit und Größe zugleich die eigene - männliche - und Geistigen steckt eine negative Polarisierung zum Sinnlich-Materiell-
Leistung verehrte). Dies bildete den Grundstein für den Geniekult. Indem Körperlich-Unreinen und damit zur Frau, der diese Eigenschaften angeheftet
man in einem Zustand der Kontemplation etwas scheinbar Vollendetes be- wurden.
trachtete, war man von der Suche nach dem Realitätsgehalt der Musik ent- Bemerkenswerterweise ist eine spezifische Rangordnung bei der bildenden
bunden und wurde durch die Vereinigung mit dem >>Edlen<< und >>Erhabenen<< Kunst ebenfalls vorhanden. Wenn 1905 gesagt wird: >>Der bunte Stein wird
selber edel und erhaben. (Hermann Glaser hat in einer Untersuchung über besser das Leben der Instinkte, die Seele eines Weibes oder eines Kindes aus-
soziopsychische Charakterzüge des deutschen Kleinbürgers aufgezeigt, wie drücken als irgendein anderes Material, als Bronze oder weißer Marmor<< ,42 so
die >>erhaben edlen<< Gedanken sich in metaphysischer Verbrämung verfingen spiegelt das die gleiche Haltung wider. Der weiße Marmor h at in seiner rei-
und zum hohlen Pathos degenerierten. Sie verloren ihren ursprünglich huma- nen, von aller Sinnlichkeit entschlackten Konsistenz Ähnlichkeit mit dem
nen Gehalt und wurden schließlich mit Ressentiments gefüllt.) geistigen Kunstwerk. In beruflicher Hinsicht wurde Frauen Zugang zum
Absolute Musik bedeutete aber auch durch die Kultivierung der >>reinen Kunstgewerbe gewährt, die Bildhauerwerkstätten blieben ihnen bis in dieses
Geistigkeit<< eine Verabsolutierung männlicher Eigenschaften, da seit alters Jahrhundert hinein verwehrt.
her die Körperhaftigkeit und Sinnlichkeit in der männlichen Imagination als
weibliches Merkmal fungiert. Wie wirkte sich dies konkret für die Frau aus? KUNST M USIK
In der Musikwissenschaft wird von dem Begriffspaar >>Kenner- Liebhaber<< Bildhauerei Frauen ausgeschlossen Messe, Sinfonie
ausgegangen. Diese Unterscheidung scheint ungenügend. Es gibt Hinweise, Malerei Frauen bedingt zugelassen Kammermusik
daß Frauen, die man zu den Liebhabern der Musik zählte, da ihnen eine be- Kunstgewerbe Frauen zugelassen Charakterstück/Lied
rufliche Ausbildung verwehrt war, einen besonders negativen Status innehat-
ten. Robert Schurnano verdeutlicht dies, wenn er von einem Stück seines Es erstaunt nicht, daß Novalis Tanz- und Liedermusik als Abart der >>wahren<<
Zeitgenossen Carl Reißiger meint, es wäre >>ein bei hellem Kerzen- Musik bezeichnete. Die >>eigentliche<< Musik bestand aus Sonaten, Sinfonien,
glanz unter schönen Frauen anzuhören ... während wirkliche Beethovener die Fugen und Variationen. 43 Daß Frauen diese Normenunbewußt akzeptieren,
Tür verschließen und in jedem einzelnen Takt schwelgen und saugen. << 39 Der zeigen die Werkverzeichnisse von Komponistinnen. Bislang glaubte man, sie
ästhetische Reiz der Frau läßt sich angemessen bei Kerzenlicht und seichter hätten sich auf Lieder und Charakterstücke spezialisiert, weil es kaum Auf-
Salonmusik genießen, während die >>innerste Wesenheit der Kunst<< , das Ei-
gentliche also, dort sichtbar wird, wo man sich vor der vulgären Öffentlichkeit 40 Vgl. Erich Reimer: >>Kritik und Apologie des Oratoriums im 19.Jahrhundert«. In: Walter
bzw. vor der Frau verschließt. Die Verbindung von vulgärer Öffentlichkeit und Wiora u. a. (Hg.), R eligiöse M usik in nichtliturgischen werken von B eethoven bis R eger. Regens-
Frau könnte auch dort mitschwingen, wo man das eine nennt und das andere burg 1978 (Studien zur Musikgeschichte des 19.Jahrhunderts 51), 136.
41 Zit. b. Berthold Litzmann: Clara Schumann. Ein K ünstler/eben. Nach Tagebüchern und Brie-
fen. Leipzig 1918, Bd. 3, 490f.
38 Zit. bei Arnold Schering: Ausgewählte Atifsätze. H g. von Kar! M . Komma. Stuttgart 1974, 42 RudolfKassner: D ie Moral der M usik. München 1905, 193.
279. 43 Zit. bei Walter Wiora: >>Die Musik im Weltbild der deutschen Romantik<<. In: Walter Wiora
39 Zit. bei Carl Dahlhaus: D ie Idee der absoluten Musik. Kassel1978, 20. u.a. (H g.), R eligiöse Musik in nichtliturgischen werken (wie Anm. 40), 30.
34 Ausschluss der Frauen aus der Musikgeschichte Rieger: Frau , Musik und Männerherrschaft 35

führungsmöglichkeiten für weibliche Kompositionen in größerer Besetzung Diese beiden Zitate offenbaren das Dilemma einer Musikwissenschaft, die der
gab. Sicherlich spielte die ungeschriebene Wertung der Genres ebenfalls eine Musik bescheinigt, sowohl einen Inhalt aufzuweisen als auch keinen zu besit-
Rolle, und sie wird die Institutionen, Dirigenten usw. in ihren Entscheidun- zen. Arthur Schopenhauer fand einen bemerkenswerten Ausweg aus dieser
gen, Werke von Frauen zur Aufführung anzunehmen, beeinflußt haben. Situation. Nach seiner Ansicht sind die Gefühlsregungen, die sich in der
In der >>Reinheit<< der Sinfonie und des weißen Marmors vermengt sich Musik ausdrücken, gegenstands- und motivlos, aber trotzdem intensiv vor-
Sexualfeindlichkeit mit Frauenabwehr, ebenso wie die Bekämpfung des Ma- handen und interpretierbar.
teriellen als Absicherung gegenüber der sich formierenden Arbeiterklasse zu
verstehen ist. Es ist denkbar, daß die absolute Musik deswegen einen solchen Aus diesem innigen Verhältnis, welches die Musik zum wahren Wesen aller Dinge hat,
Siegeszug erlebte, weil mit der Übertragung der Geschlechterpolarität auf die ist auch dies zu erklären, daß wenn zu irgendeiner Szene, Handlung, Vorgang, Umge-
Musik das männliche Bürgertum nun eine Identifikationsmöglichkeit besaß, bung eine passende Musik ertönt, diese uns den geheimsten Sinn derselben aufzu-
die einer weiteren Erläuterung durch Programm, Text oder ähnliches nicht schließen scheint und als der richtigste und deutlichste Kommentar dazu auftritt;
bedurfte. In der metaphysischen Verbrämung ließ sich die »Natürlichkeit<< der imgleichen, daß es dem, der sich dem Eindruck einer Symphonie ganz hingibt, ist, als
Geschlechterbestimmung eher »beweisen<<. Mit dem Attribut des Erhabenen sähe er alle möglichen Vorgänge des Lebens und der Welt an sich vorüberziehen: den-
ausgestattet, konnte sich der männliche Bürger von niedrigeren Schichten so- noch kann er, wenn er sich besinnt, keine Ähnlichkeit angeben zwischen jenem Ton-
wie von derjenigen Frau absetzen, die ihn bedrohte: der sexuell Unersättlichen spiel und den Dingen, die ihm vorschwebten. 46
und der Emanzipierten. Einzig die reine, sich für den Mann aufopfernde Frau
blieb idealisierungswürdig. Schopenhauer bestätigt somit, daß die Musik zwar etwas aussagt, es jedoch
In einer 1876 erschienenen Studie behauptete Otto Gumprecht, daß die nicht angeht, diesen Inhalt zu definieren. Abgesehen davon, daß sich das
Musik von der Liebe zwischen Mann und Frau lebt. Dieser Liebesdrang spielt Kunstgenre Musik vorzüglich dazu eignet, Aussagen verschleiert zu vermit-
nach Gumprecht auch dort eine Rolle, wo es sich oberflächlich gesehen um teln (Ustvedt spricht davon, daß die Musik kein unzweideutiges Symbol für
andere Dinge handelt. Er glaubt, in den langsamen Sätzen sowie in den bestimmte Gefühle sein kann und daher keine Symbolfunktion besitzt, dafür
Scherzi der Sonaten und Sinfonien eine überwiegende weibliche Empfin- aber »eine rätselhafte Funktion unseres Zentralnervensystems in enger Ver-
dungsweise zu erkennen, ebenso wie in den zweiten Themen der Hauptsätze. 44 knüpfung mit dem Gefühlsleben, dem Intellekt und der Motorik, und als
Es gibt aber auch Stimmen, die den »absoluten<< Charakter der Musik unter- solche eine selbständige Funktion mit eigenen Gesetzen und Verhältnissen
streichen: repräsentiert<< 47 ), läßt die Sichtweise Schopenhauers auf Angst schließen, der
man durch eine geschickte Verdrehung zu begegnen weiß. Eine ursprünglich
Es ist eine Verkennung der Musik der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die so deutliche Aussage wird verbrämt und in den Bereich des Unaussprechlichen
vollkommen unliterarisch, so rein Musik, so nichts als Musik war, wie Musik überhaupt lanciert. Nachdem die Aussage unaussprechlich geworden ist, kann man sie
nur sein kann, wenn in die Sonate dieser Zeit irgendwie Dramatik mit personifizierten - wie es Schopenhauer tut - getrost wieder verbalisieren; die Gefahr ist nun
Themen hineingeheimnißt wird. Schon die Tatsache, daß keiner der Musikästhetiker gebannt. Diese Vorgehensweise weist Parallelen zu den gleichzeitig stattfin-
der damaligen Zeit etwas dergleichen verlauten läßt, sollte beachtet werden.45 denden gesellschaftlichen Verfestigungen auf. Nachdem man der Frau als
Reaktion auf die aufkeimenden emanzipatorischen Bestrebungen den Platz
als Untergebene zuwies, ging man daran, diesen Platz moralisch zu verfesti-
gen. Mit ihrer metaphysischen »Erhabenheit<< und herausgestellten »Geistig-
44 Otto Gumprecht: Neue musikalische Charakterbilder. Leipzig 1876, 45f. Nett! zufolge gibt es keit<< sowie mit der Bildung geschlechtsspezifischer Assoziationen hat die
Musikwissenschaftler, die die primitive Musik in zwei Gruppen teilen: in jene, wo das Va- Musik selbst einen großen Teil dazu beigetragen, die sich ab 1750 formieren-
terrecht, und jene, wo das Mutterrecht vorherrscht. Bei den männlich betonten Völkern soll
die Musik aufgeregt und wild sein, mit weiten Intervallsprüngen, bei den weiblichen Völkern 46 Arthur Schopenhauer: Sämtliche U&rke. H g. von Max Köhler. Berlin o.J., Bd. 2, 259f. Zit. bei
sanft mit engen Tonstufen (Paul Nett!: >>Frauen in der Musik<<. In: Musik im Unterricht 51, Dahlhaus: D ie Idee der absoluten Musik (wie Anm. 39), 130.
1960, 42). Er präzisiert dies jedoch namentlich nicht. 47 H[ans] J[acob] Ustvedt: Über die Untersuchung der musikalischen Funktionen bei Patienten mit
45 Leo Balet, Eberhard Gerhard: Die Verbürgerlichung der deutschen Kunst, L iteratur und Musik Gehirn/eiden, insbesondere bei Patienten mit Aphasie. H elsingfors 1937 (Acta Medica Scandi-
im 18. Jahrhundert. Frankfurt a.M. 1972, 480. navia). Zit. b. Alex Pontvik: H eilen durch Musik. Zürich 1955, 63 .
36 Ausschluss der Frauen aus der Musikgeschichte

den gesellschaftlichen Verhältnisse ideologisch abzusichern. Von Hegels Vor- 2. Alte Gegenstände - neue Fragen
stellung der Musik als eines Wesens >>gegenstandsloser Innerlichkeit« bis hin Susan McCiary: Feminine Endings. Musik, Geschlecht
zu der in gebräuchlichen Schulbüchern vertretenen Auffassung, daß Musik in
sich kreist, ohne die Dinge der realen Welt darzustellen, geht ein geradliniger
und Sexualität (1991 /2002)
Entwicklungsstrang. In der Panzerung der absoluten Musik und der verzwei-
felten Betonung ihres metaphysischen Charakters steckt die Abwehr. Es wäre
eine lohnende Aufgabe künftiger Frauenforschung, die vielen Schichten die- Einleitung
ser Absieherungen abzutragen und bloßzulegen.
Wie kaum eine andere Musikwissenschaftlerirr hat Susan McClary, Professo-
rin fur Musikwissenschaft und Vize-Kanzlerirr des International Institute der
U niversity of California, Los Angeles, mit ihren Schriften Empörung auch in
den eigenen feministischen Reihen ausgelöst und kann gleichzeitig auf eine so
weite Verbreitung und Rezeption blicken. Jede grundlegende Einfuhrung in
musikwissenschaftliche Genderstudien arbeitet mit den Texten McClarys und
arbeitet sich daran ab. Wie die Autorin im Vorwort zur zweiten Auflage ihrer
Aufsatzsammlung Feminine Endings. Music, Gender, and Sexuafity (1991/2002)
kommentiert, sind die Arbeiten im Kontext des fernirrist criticism entstanden,
der in Literatur- und Filmwissenschaften bereits gängig, in der Musikwissen-
schaft dagegen noch ganz am Anfang stand.
Susan McClary untersucht in Feminine Endings Musik von Claudio
Monteverdi, Georges Bizet, Pjotr Tschaikowsky, Gaetano Donizetti, Dia-
manda Galas, Laurie Anderson und Madonna. Sie spannt den Bogen von
Alter Musik über das klassische Repertoire und Popmusik bis hin zu experi-
menteller Performance- Kunst und zur Musiktheorie bei Arnold Schönberg.
Als Mitbegründerirr der sogenannten New Musicology lehnt McClary eine
Selektion der zu untersuchenden Musik aufgrund ästhetischer Auswahlkri-
terien und Hierarchisierungen ab. Musik in ihrer ganzen Vielseitigkeit ist fur
sie ein öffentliches Forum, in dem soziale Aspekte verhandelt, bestätigt und
abgelehnt werden. Disziplinäre Grenzen zwischen >U<- und >E<-Musik sind
fur sie nicht existent. Ihre Fragen nach der Darstellung von Sexualität, Sub-
jektivität, Körper und Gender stellt sie schrankenlos an sämtliche Musiken,
also auch an fest im Kanon westlicher Musik verankerte Werke (McClary
2002, xii). Hier sind es Ludwig van Beethovens Neunte Sinfonie, Montever-
dis dramatische Werke, in einem weiteren Aufsatz ist es Johannes Brahms'
Dritte Sinfonie. Indem sie die Fragen nach der Repräsentation von Männ-
lichkeit und Weiblichkeit auf der (Opern-)Bühne, in genderspezifischer Me-
taphorik im Denken, Schreiben und Sprechen über Musik und zur Konst-
ruktion von Begehren und Geschlecht in der Musik richtet, macht sie
deutlich, wie sehr Musik und Gesellschaft diskursiv miteinander verwoben
sind. Diese Diskurse enthüllt McClary durch Fragen wie: Welche Geschlech-
terdiskurse sind in der Musik verborgen? Was ist das Weibliche in der Mu-