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Leviathan oder Lucifer: Reinhart Kosellecks 'Kritik und Krise' revisited

Author(s): MICHAEL SCHWARTZ


Source: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte , 1993, Vol. 45, No. 1 (1993), pp.
33-57
Published by: Brill

Stable URL: http://www.jstor.com/stable/23899192

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MICHAEL SCHWARTZ

Leviathan oder Lucifer


Reinhart Kosellecks 'Kritik und Krise' revisited.

Das sind die Folgen der Revolution /


und ihrer fatalen Doktrine; /
An allen ist schuld Jean-Jacques Rousseau, /
Voltaire und die Guillotine.
Heinrich Heine

I. Der Kontext: Selbst-Aufklärung und Gegen-Aufklärung


In der erstmals 1947 in Amsterdam publizierten Studie, die den
prägnanten Titel 'Dialektik der Aufklärung' erhielt, unternahmen Max
Horkheimer und Theodor W. Adorno in unmittelbarer Nähe zum Ende
des Zweiten Weltkriegs und seinen knapp 60 Millionen Toten eine als
überfällig erachtete Neubewertung des Phänomens der 'Aufklärung'.
Die auch als geistige Katastrophe empfundene verhängnisvolle Ent
wicklung des 20. Jahrhunderts mußte erklärt werden. Dabei wurde der
durch die Aufklärung seit dem 18. Jahrhundert erreichte mannigfaltige
Fortschritt nicht etwa in Abrede gestellt. Für die beiden Autoren waren
Verdienste und Versäumnisse der Aufklärung nicht zu trennen, sondern
zutiefst aufeinander bezogen, so daß die Aufklärung gleichzeitig „in
ihrem äußersten Fortschritt die tiefste Verfehlung" erreichte. Der größte
Fehler aber war die Selbsttäuschung, denn bisher hatte die Aufklärung
diese „ihre eigene Rückläufigkeit [...] nicht in ihre nur prätendierte
universale Reflexion aufgenommen".1 Nach den Katastrophen des Welt
krieges und Völkermords aber war diese 'Aufklärung über Aufklärung'
(H. Schnädelbach) in den Augen vieler endlich an der Zeit. Sie mußte mit
der Erkenntnis der spezifischen Dialektik der Aufklärung enden.
In dieser Hinsicht stets „eindeutige Grenzen zwischen der Aufklärung
über die Aufklärung und der Gegenaufklärung zu ziehen", ist in der Tat
schwierig.2 Schon frühzeitig wurde darauf hingewiesen, daß die hier in
denBlickzunehmende,mittlerweile 'klassische' ArbeitReinhartKosellecks3
dem aufklärungskritischen Ansatz der 'Frankfurter Schule' einiges ver

1 Vgl. Peter Pütz, Die deutsche Aufklärung, Darmstadt 21979, S. 160.


2 Vgl. Herbert Schnädelbach, Vernunft und Geschichte. Vorträge und Abhandlun
gen, Frankfurt/M. 1987, S. 25.
3 Vgl. Reinhart Koselleck, Kritik und Krise. Eine Studie zur Pathogenese der bür
gerlichen Welt; die Erstausgabe dieses Buches erfolgte 1959, 1973 lag es schon in der
3. Auflage sowie als Taschenbuch vor; es ist mittlerweile in zahlreiche Fremdsprachen
übersetzt worden und erlebte 1989 aus Anlaß des Bicentennaire der Französischen
Revolution eine deutsche Neuauflage.

ZRGG 45, 1 (1993)

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34 Michael Schwartz

danke.4 Dies gilt freilich eher in for


Interpretation der Aufklärung als e
letztlich in das Gegenteil des von ih
richtig ist auch der auf sie anzuwend
ansatz in beiden Fällen ein dialektischer. Und beide Ansätze treffen sich
im Befund: „Aufklärung ist totalitär."5 Doch über diese grundlegenden,
im Geist der Zeit begründeten Parallelen gehen die Gemeinsamkeiten
nicht hinaus. Die Aufklärungskritik Kosellecks ist keine aufklärerische
'Selbst'-Kritik wie bei Horkheimer/Adorno, sondern ein (weiterer)
neokonservativer Frontalangriff von außen. „Eine zweifellos problema
tische, aber brillant begründete These", urteilte R. Vierhaus unlängst, die
zudem - im europäischen Wendejahr 1989/90 - „neue Aktualität gewon
nen" habe.6 Kosellecks These zielte dabei jedoch nicht auf die Selbst
besinnung der Aufklärung, sondern auf ihre Entlarvung als politik
unfähige und damit hochgefährliche Hypokrisie. Wenn die Neuauflage
seines Buches ein Indiz für die neue Aktualität seiner Thesen sein sollte,
wird die Frage umso dringlicher: Inwiefern trägt Kosellecks Ge
schichtsphilosophie?

II. Der Ansatz: Das Kriterium des 'Politischen'

Mit seinem aufklärungskritischen Ansatz befand sich Koselleck im


Ersterscheinungsjahr 1959 also auf der Höhe der Zeit, die sich eben
„nicht nur historischen Aufschluß, sondern auch aktuellen Rat" von
ihren Historikern erhoffte.7 Im Unterschied aber zu Horkheimer/Adorno
galt der 'aktuelle Rat' Kosellecks schon nicht mehr dem Phänomen des
Nationalsozialismus, des Weltkriegs und des Holocaust, sondern bereits
jenem des 'Kalten Krieges' und der totalitären Drohung aus dem Osten.
Nicht zuletzt dieses völlig unterschiedliche Erkenntnisinteresse präjudiziell
die bereits erwähnten inhaltlichen Divergenzen.
Kosellecks Politik-Begriff gründet auf einer immer noch aktuellen,
wesentlich durch Carl Schmitt geprägten Hobbes-Rezeption mit dezidiert
antiaufklärerischer und antirevolutionärer Stoßrichtung. Ganz im Sinne
Schmitts werden dabei „alle die legitimistischen und normativistischen
Illusionen" fallengelassen, „mit denen sich die Menschen in Zeiten
ungetrübter Sekurität über politische Wirklichkeiten gern hinwegtäuschen".
Dieser auf die Spitze getriebene 'realistische' Werterelativismus „kann
[...] auch in dem Vorwurf der Immoralität und des Zynismus immer

4 Vgl. Helmut Kuhn, Rez. zu Koselleck, Kritik und Krise, in: HZ 192, 1961, S. 666
668, hier S. 668.
5 Vgl. Rolf Wiggershaus, Die Frankfurter Schule. Geschichte - Theoretische Ent
wicklung - Politische Bedeutung, Frankfurt/M. 1988, S. 367.
6 Vgl. Rudolf Vierhaus, „Laudatio auf Reinhart Koselleck", in: HZ 251, 1990, S.
529-538, insb. S. 532f.
7 Vgl. Hans Tietgens, „Der Ursprung der Soziologie", in: NPL 5,1960, S. 418-424,
insb. S. 418.

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Reinhart Kosellecks 'Kritik und Krise' revisited 35

wieder nur ein politisches Mittel konkret kämpfender Menschen er


nen" und läßt keine normative Beurteilung der als spezifisch polit
definierten Freund-Feind-Gruppierung mehr zu: „Die schlimmste
wirrung" nämlich wäre nach Schmitt die Folge, „wenn Begriffe
Recht und Frieden in solcher Weise politisch benutzt werden, um klare
politisches Denken zu verhindern, die eigenen politischen Bestrebun
zu legitimieren und den Gegner zu disqualifizieren oder zu demoralisiere
Demnach ist jegliche normative, womöglich gar moralisierende Kr
des Politischen unzulässig.9
Dem Geist Carl Schmitts also, der tatsächlich „in jedem Kapitel diese
Studie gegenwärtig" ist10, verdankt sich die das ganze Werk dur
ziehende, immer schon im Voraus bejahte Axiomatik des Politisch
von deren Warte aus Koselleck mittels der dialektischen Methode die
aufklärerische Kritik an der Politik politisch zu kritisieren und schließ
lich auch moralisch zu diskreditieren sucht. Dabei geht Kosellecks
'Gegen-Aufklärung' allerdings über die im Rahmen der konservativen
Hobbes-Renaissance häufig eher en passant geübte Aufklärungskritik
weit hinaus, indem sie eine dialektisch konstruierte Geschichtsphilosophie
als umfassende politische Kulturkritik der Moderne präsentiert. Es wird
historisch, zuweilen sozialhistorisch argumentiert11, doch verbleibt die
Historie letztlich stets im Dienste einer kulturpessimistischen Philoso
phie. Koselleck analysiert die aufgeklärte 'Kritik' am absolutistischen
Staat und dessen daraus folgende 'Krise' und sucht zu zeigen, wie in der
vermeintlichen Katharsis der Revolution der absolutistische ' Leviathan'
sich lediglich in einen totalitären 'Lucifer'12 verwandelte. Die Aufklä
rung hat sich in dieser Sicht angemaßt, die Autonomie des Politischen
mittels utopischer Konstruktionen zu negieren, und damit das Funda
ment für den modernen ideologisch-utopischen Totalitarismus gelegt.
Dies ist die politische Funktion, die das „bürgerliche Denken und

■ Vgl. Carl Schmitt, Der Begriff des Politischen, Berlin 1932, ND 1963, S. 53, S.
65ff.
' In neuester Zeit ist es etwa Bernhard Willms, der jene harte, wirklichkeitsgerechte
„Wahrheit der faktisch realisierten Ordnung", wie sie im „Reich des Leviathan" sich
realisiere, gegen die nach wie vorals pseudo-politisch definierte Kritik aus der 'Gesellschaft'
verteidigt; vgl. Bernhard Willms, Thomas Hobbes. Das Reich des Leviathan, München
1987; dazu auch die kritische Rezension von Wolfgang Huber in: Merkur 42, 1988, S.
320-324.
10 Vgl. Helmut Kuhn, Rez. zu Koselleck (wie Anm. 4), S. 668.
11 Bezeichnenderweise ordnet Peter Pütz, Die deutsche Aufklärung (wie Anm. 1), S.
166, Kosellecks Studie als sozialgeschichtlichen Beitrag zur Geschichte der Aufklärung
ein, was die grundlegend geschichtsphilosophisch-kulturpessimistische Dimension die
ser Arbeit zwar verfehlt, gleichzeitig jedoch verdeutlicht, als wie bahnbrechend gerade
die sozialhistorischen Komponenten der Studie Kosellecks im Sinne einer 'Sozial
geschichte der Ideen' gewertet wurden.
12 Vgl. Konrad Engelbert Oelsner, Lucifer oder Gereinigte Beiträge zur Geschichte
der Französischen Revolution, 1797-1799; der Girondist Oelsner hat mit der Bezeich
nung der Revolution als 'Lucifer' treffend den Doppelcharakter der Erleuchtung und des
Terrors skizziert.

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Trachten im absolutistischen Staat


bedingt die Genese der Aufklärung
der Französischen Revolution." [5]
Sowohl Ideen- als auch Sozialgesc
tion auf das Politisch-Funktionale
beiden Bereichen von Anfang an
[3f.]. Die „methodisch entscheiden
selbst 1973 retrospektiv formulierte
durch den historischen Quellenbef
[IX]. Dies gilt zuallererst für seine
entsprechende methodische Prämi
scher Erkenntnisse über das 18. Ja
mit den „Leiden" des 20. Jahrhund
wand der unverwechselbaren Indiv
Hinweis zu umschiffen versucht,
wohl aber die aus ihnen ableitbaren
enthaltene „Momente der Dauer" s
Vergleiches. Es sollen also „langfr
werden, Strukturen einer Epoche
Frühen Neuzeit bis zur Französisc
letztlich die „Problematik der mo
folgenden Emanzipation" [X] aufz
und um solche geht es dem Verfas
unmittelbar aus der Historie abzule
möglicher Geschichten [zu] vermitte
„Niveau der Abstraktion" [IX]. Die
Theorie noch empirischen Boden u
das andere" in isolierter Form, so
„ist für die Forschung umsonst".14 G
'epochalen Strukturen' ausgerechn
schen 1750 und 1950, die wir (nicht
als eine Zeit rapiden Strukturwan
überhaupt die von Koselleck präte
zulassen, wäre erst einmal zu untersuchen und nicht als Prämisse der
Analyse zugrundezulegen.15

13 Im folgenden werden die sich auf 'Kritik und Krise' beziehenden Nachweise der
Übersichtlichkeit halber dem Text in eckigen Klammem beigefügt; zitiert wird nach der
Frankfurter Taschenbuchausgabe von 1973, die 1989 neu aufgelegt wurde.
14 Vgl. Reinhard Koselleck, „Standortbindung und Zeitlichkeit. Ein Beitrag zur
historiographischen Erschließung der geschichtlichen Welt", in: ders., Vergangene
Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt/M. 41985, S. 176-207, hier S.
207.

15 Koselleck ist von der Tragfähigkeit dieser Methode, der eine recht eigenwillige
Adaption der Französischen Strukturgeschichte zugrunde liegt, allerdings nach wie vor
überzeugt; vgl. etwa: ders., „Wie neu ist die Neuzeit?", in: HZ 251, 1990, S. 539-553,
insb. S. 550ff.

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Reinhart Kosellecks 'Kritik und Krise' revisited 37

III. Die dialektische 'These' : Absolutismus als rationalisierte Politik


(Hobbes)
In Kosellecks Konzeption fungierte der Absolutismus als die ideale
Vorbedingung der durch die Kritik provozierten Krise. Dabei gerieten
die historischen Konturen des Absolutismus jedoch nicht selten allzu
schematisch. So war Kosellecks Absolutismus etwa sozial durch die
Festigung der traditionellen feudalen Ständegesellschaft, politisch hin
gegen durch die Brechung ihrer Sonderprivilegien zugunsten einer
hinsichtlich ihres politischen Handlungsspielraumes souveränen Staats
spitze charakterisiert [12]. Dieser Schematismus wird jedoch der realen
Situation der absolutistisch regierten Gesellschaft nicht gerecht. Man
kann im Absolutismus vielmehr „eine Art von 'historischem Kompro
miß'" zwischen den sozioökonomischen Interessen der Aristokratie und
des aufstrebenden Bürgertums erblicken. Entsprechend verschob sich
die soziale Komposition der Aristokratie: Der alte Schwertadel wurde,
durch Neu-Nobilitierungen heterogenisiert, immer stärker „ein mit den
Insignien des Adels ausgestattetes Elitenkonglomerat". Auf der anderen
Seite gelang es dem französischen Absolutismus nicht, die intermediären
Gewalten der Stände völlig zu beseitigen, so daß man von ihm als einer
in extremer Kompliziertheit zusammengesetzten Monarchie sprechen
muß.16
Wichtiger als der sozialhistorische ist Koselleck jedoch ohnehin der
ideengeschichtliche Standort des Absolutismus. In dieser Hinsicht wird
der Absolutismus - ganz im Sinne Carl Schmitts - als Antwort auf das
Chaos des religiösen Bürgerkriegs verstanden. Dieser Bürgerkrieg aber
ist die Folge von Pluralismus - in diesem Falle der durch die Reformation
erfolgten „Pluralisierung der Ecclesia Sancta" -, entstanden durch die
ungehemmte Individualisierung des religiösen Gewissens. Da diese
Entwicklung nicht rückgängig zu machen war, bedingte die Einhegung
des Bürgerkriegs zuallererst eine Ausgrenzung (wenn schon nicht Aus
schaltung) des Gewissens-Individualismus. Bereits mit den Grundsätzen
des Augsburger Religionsfriedens, so Koselleck, hätten sich in einer
ersten Reaktion die deutschen Fürsten zu Gebietern über die religiösen
Gewissen jeweils ihrer Untertanen gemacht (übrigens eine klare
Fehldeutung17); die vielfache Erfahrung, daß der Primat des religiösen

16 Vgl. Leonhard Bauer/Herbert Matis, Geburt der Neuzeit. Vom Feudalsystem zur
Marktgesellschaft, München 21989, S. 199, S. 206; Emst Hinrichs, „Die Voraussetzun
gen gesellschaftlicher Stabilität im Absolutismus", in: ders., Ancien Regime und
Revolution. Studien zur Verfassungsgeschichte Frankreichs zwischen 1589 und 1789,
Frankfurt/M. 1989, S. 63-80, insb. S. 78f.; Perry Anderson, Die Entstehung des
absolutistischen Staates, Frankfurt/M. 1979, S. 122.
17 Die Fürsten verhinderten eher die politischen Auswirkungen dieser freien Gewissens
entscheidung für ihren Staat; eine abweichende Gewissensentscheidung blieb weiterhin
mögl ich, nur konnte man dann nicht mehr Untertan des betreffenden Fürsten bleiben und
halte dessen Machtbereich zu verlassen.

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38 Michael Schwartz

Gewissens nur im gegenseitigen G


Bereitschaft vieler bestärkt, dem Fürsten das alleinige politische
Entscheidungsrecht zuzugestehen, wenn dieser sich nur - übrigens ganz
in mittelalterlicher Aufgabenstellung - als pacifiais bewährte [14f.].
Auch diese allzu abstrakte Interpretation des Absolutismus als Friedens
stifter geht an den soziopolitischen Realitäten der Zeit weitgehend
vorbei. Der Absolutismus konnte sich im Grunde „nirgendwo [...] auf
einer freiwilligen, ungezwungenen Vertragsbasis etablieren", sondern
war die langfristige Folge heftiger innenpolitischer Auseinandersetzun
gen und fürstlicher Rechtsbrüche.18
Ferner ignoriert die Koselleck'sche Definition, daß ein Kausal
zusammenhang zwischen Konfessions-Bürgerkrieg und werdendem
Absolutismus in der europäischen Realität häufig gar nicht gegeben war:
Weder dem preußischen noch dem dänischen oder dem schwedischen
Absolutismus ging ein solcher innerer 'religiöser Bürgerkrieg' voraus;
und es waren gerade die skandinavischen Staaten (nicht Frankreich!), in
denen der Absolutismus in Reinkultur etabliert wurde. Doch „selbst
Frankreich und England lassen sich nicht ohne erhebliche Einschränkun
gen in dieses Schema einfügen, das sich zu sehr an einem besonderen
Hobbes-Bild orientiert und zu wenig an den wirklichen Verhältnissen".19
Kosellecks Sicht läßt hier insbesondere außer acht, daß der europäische
Absolutismus sich weniger in der Ausnahmesituation des 'Bürgerkriegs '
bis 1648 als gerade nach Kriegsende etablierte. Die während des Krieges
mit Zustimmung der Stände aufgestellten, nun aber gegen deren Willen
weiterhin 'stehenden Heere' wurden nicht selten zum fürstlichen Macht
instrument, um die ursprüngliche Beherrschung des kriegerischen 'Aus
nahmezustandes' in einen absolutistischen Ausnahmezustand in Permanenz
zu verwandeln.20
In Kosellecks Darstellung gerät Hobbes zum exemplarischen Ideolo
gen des Absolutismus, obwohl er eher als eine rationalistische Ausnah
me unter den dominierenden Gottesgnadentum-Theoretikern anzuspre
chen wäre.21 Hobbes' wesentliche Leistung war für Koselleck, zunächst
die verschiedenen religiösen Gewissenspositionen als ideologische Größen
entlarvt zu haben [19], um auf diese Weise die diversen Parteien
standpunkte zu relativieren und auf die gemeinsam wünschbare Grund
lage des Friedens zu zwingen. Dieser Entschärfungsversuch sei jedoch
insofern unzulänglich geblieben, als er die für den Bürgerkrieg verant

" Vgl. Günter Barudio, Das Zeitalter des Absolutismus und der Aufklärung 1648
1779, Frankfurt/M. 1981, S. 386.
19 Vgl. ebd., S. 385, unter direkter Bezugnahme auf Koselleck.
20 Vgl. ebd., S. 205ff.; einen Gesamtüberblick für Deutschland bietet: Hans-Ulrich
Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 1: 1700-1815, München 21989, S. 218
230.
21 Vgl. etwa: Horst Günther, Freiheit, Herrschaft und Geschichte. Semantik der
historisch-politischen Welt, Frankfurt/M. 1979, S. 144; Hobbes' 'Leviathan' wurde in
den Niederlanden des Oranier-Absolutismus gar verboten: vgl. Günter Barudio, Das
Zeitalter des Absolutismus und der Aufklärung 1648-1779 (wie Anm. 18), S. 347f.

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Reinhart Kosellecks 'Kritik und Krise' revisited 39

wortliche Spannung zwischen religiöser Moral und Politik nicht etw


aufzuheben, sondern lediglich zu verlagern und damit aufzuschieb
vermocht habe. Das Gewissen habe sich schließlich - nunmehr unter
außertheologischer Flagge - neuerlich emanzipiert, sich der Politik
wiederum entgegengestellt und diese dann sukzessive subordiniert [20].
Um das für Hobbes ursprüngliche Naturrecht des Menschen auf
Frieden (i.e. auf Leben) zu realisieren, durften weder die privaten Ge
sinnungen die Gesetze binden noch diese den Souverän [23]. Innerhalb
der Schmitt'schen Deutungstradition der Hobbes'schen Philosophie
sind laut Koselleck die innerstaatlichen Gesetze nur noch formal, nicht
aber material zu klassifizieren [25], denn „nicht die Gesinnung oder ein
rechtes Maß, sondern der politische Grund macht die Tugend zur Tu
gend" [29]. Die Gesetze sind schon deshalb gültig, weil der absolute, von
allen mit der Wahrung ihrer Interessen beauftragte Fürst sie erläßt. Sie
sind solange auch moralisch legitimiert, wie sie der dem Fürsten über
tragenen Verantwortung entsprechen, „Ordnung zu stiften und Ordnung
zu halten" [26]. Solange der absolutistische Staat dieses vermag, hat er
das Recht, ja beinahe die Pflicht, den Gehorsam aller Bürger zu erzwin
gen [25] und damit den Bürger in einen formal gehorsamen Untertan und
einen in seinen privaten Gesinnungen ungebundenen freien Menschen
aufzuspalten. Der Untertan braucht sich mit den vom Fürsten erlassenen
Gesetzen nicht gesinnungsmäßig zu identifizieren, aber er hat sie formal
zu befolgen, weil selbst ein eventuell vom Fürsten begangenes morali
sches Unrecht für Hobbes im Vergleich zum Bürgerkrieg immer noch
das geringere Übel darstellt [28].
Für Koselleck liegt nun die Dialektik (und damit die Tragik) der
Entfaltung des absolutistischen Staates darin, daß er, je mehr und je
länger er seiner (in dieser Sicht: realisierten) Pflicht der Friedens
sicherung nachgekommen sei, immer bessere Entstehungsbedingungen
für eine bürgerliche Gesellschaft schaffen mußte, die den Absolutismus
nicht mehr aus seinen Ursachen heraus zu würdigen imstande gewesen
sei [12] und sich daher zunehmend gegen ihn gestellt habe. Der absolutisti
sche Staat sei folglich das „Opfer seiner geschichtlichen Evidenz" [55]
geworden: je besser er seine Aufgabe erfüllte, so die These, desto mehr
untergrub er sich selbst. Das klingt bestechend - doch erfüllte der
Absolutismus seine 'Aufgabe' tatsächlich immer bessert Trug er nicht
selbst durch Erstarrung, Reformunfähigkeit und zuletzt sogar Handlungs
unfähigkeit zumindest in Frankreich, dem Mutterland der Revolution,
entscheidend zu seinem Untergang bei? Der absolutismus-kritische
„intellektuelle Diskurs" vermochte schließlich erst dann „zu einer poli
tischen Kraft" zu werden, als der französische Absolutismus selbst
„immer weniger in der Lage" war, die drängende Finanz- und Steuer
krise zu bewältigen.22 Schon ab 1787 kann man deshalb vom Königreich
72 Vgl. Hans-Ulrich Thamer, „Die Republik der Gebildeten. Aufklärungsgesellschaften
in Deutschland und Frankreich im 18. Jahrhundert", in: Westfälische Zeitschrift 139,
1989, S. 123-139

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Frankreich als von einer „Gesellscha


Revolution ging die offene Kapitulati
mus voraus: „Es gäbe keine Französisc
sich 'nicht aufgegeben' hätte, indem e
Koselleck hebt in seiner Deutung jed
probleme' des Absolutismus ab. Der 'F
demnach nicht in seinem Versagen in d
sondern darin, daß er bereits von Anfang
doch einen beträchtlichen Spielraum p
habe, der erst später durch den (von d
Totalitarismus beseitigt worden se
säkularistische, durch den Absolutism
Gewissens und dessen Enttheologisieru
eigenen späteren Zusammenbruch begü
dieser Grundlage nämlich habe „die bür
der theologischen Geistlichkeit" antret
Form die Suprematansprüche des Gewi
Das Moralische, „das danach trachtete
erneut politisch zu werden, sollte d
Jahrhunderts" werden [31]. Demnach w
tionsfehler des Absolutismus seine allz
Grunde sein Mangel an Totalitarismus.
müßte man wiederum folgern, daß der A
an sich selbst, nämlich an seiner genu
gescheitert wäre. Damit wird Kosell
Fundamentalkritik des Absolutismus: N
dern bereits ein gravierender Konstrukti
eigenen Zusammenbruch bewirkt.

IV.Die dialektische 'Antihese' : Die 'Kritik


rationaler Politik

Schuld an dieser Katastrophe ist jedoch für Koselleck nicht der, der
diese Lücke in der absolutistischen 'Mauer' ließ, sondern jener, der
durch diese Bresche geschlüpft sei: „Die Aufklärung nimmt ihren Siegeszug
im gleichen Maße, als sie den privaten Innenraum zur Öffentlichkeit
ausweitet. Ohne sich ihres privaten Charakters zu begeben, wird die
Öffentlichkeit zum Forum der Gesellschaft, die den gesamten Staat
durchsetzt." [41] Weniger der damit einsetzende Prozeß einer

23 Vgl. François Furet, 1789-Vom Ereignis zum Gegenstand derGeschichtswissenschaft,


Frankfurt a.M./Berlin/Wien 1980, S. 35.
24 Vgl. Georges Lefebvre, 1789. Das Jahr der Revolution, Paris 1939, ND München
1989, S. 12.
23 Kongenial im Sinne Kosellecks: Horst Günther, Freiheit, Herrschaft und Ge
schichte (wie Anm. 21), S. 153.

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Reinhart Kosellecks 'Kritik und Krise' revisited 41

„Rationalisierung von Herrschaft", wie er noch Kant und Hege


Augen stand26, interessiert Koselleck an dieser Stelle; er würde ihn
bestreiten und vielmehr als Irrationalisierung des Politischen b
nen. Was hatten Untertanen wie Kant und Hegel mit Politik zu scha
Stattdessen ist ihm der Charakter jener aufgeklärten Öffentlich
bürgerliche Antithese zum absolutistischen Staat wesentlich. Ber
entstehende bürgerliche Gesellschaft hatte demnach die Grenze
schen Moral und Politik, die der Absolutismus errichtet hatte, durc
Folgen ihrer nur scheinbar unpolitischen Urteilstätigkeit tangiert.

1. Das 'Gesetz der öffentlichen Meinung' (Locke)


Philosophischer Wortführer dieses signifikanten Umschwungs ist
Koselleck John Locke, dessen Denken die Legitimation der dur
'Glorious Revolution' geschaffenen Machtbalance zwischen briti
Monarchen und frühbürgerlicher Gesellschaft intendiert habe [4
Koselleck bestand die wesentliche Leistung Lockes als 'Dolmets
und Sprachführer' (Marx) der frühbürgerlichen Elite in der ' Veröf
lichung' der Privatmoral, indem er neben das göttliche Sittengesetz
das staatliche Gesetz als drittes das mit den Mitteln der Empirie
wiesene „Gesetz der öffentlichen Meinung" gesetzt habe. Damit
Privatmoral und göttliches Recht, die bei Hobbes noch ineinsg
wurden, auseinanderdividiert worden. Gleichzeitig sei der 'Gesin
charakter' jener Privatmoral zum 'Gesetzescharakter' aufgewert
vormalige Gesinnung der Privatmoral zum Gesetz der Sozia
umgeformt worden. Mit der hierdurch bedingten Ablösung des
duums als Träger der Moral durch die Gesellschaft [42f.] habe
eine wesentliche Vorbedingung für die künftige Frontstellung v
ralischem und politischem Gesetz geschaffen - beider emanzip
Nebeneinander.
Dabei ist auffällig, daß dieser Bereich der nunmehr vergesellschafteten
Moral auf dieselbe Art und Weise konstituiert wird wie jener des
Politischen bei Hobbes: durch die Ausklammerung religiöser Inhalte
und den Rückzug auf das formale Zustandekommen seiner selbst. Denn
Lockes „Law of private Censure" wird Gesetz nicht kraft irgendeines
moralischen Inhalts, sondern aufgrund seiner gemeinsamen Setzung im
Konsens der Bürger [44]. „Tugend ist überall das, was [...] die 'Billigung
der Öffentlichkeit findet'".27 Damit wird die bürgerliche Gesellschaft
zum kollektiven Souverän des moralischen Innenraumes, Zensur und
Kritik dessen exekutive Handhabe. Der expansive Machtanspruch dieser
Gesellschaft läßt sich schon bei Locke daran ablesen, daß sowohl

26 Vgl. Jürgen Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu


einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft, Darmstadt/Neuwied "1986, S. 144.
27 Vgl. Walter Euchner, Naturrecht und Politik bei John Locke, Frankfurt/M. 1979,
S. 126.

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42 Michael Schwartz

göttliches als auch natürliches Rech


einbüßen, erlangen doch auch sie lau
mung der bürgerlichen Gesellschaft
des ius divinum zur bürgerlichen Fu
Jene des politischen Bereiches war
Zeit.
Ihre spezifische Radikalisierung erfuhr Lockes Philosophie nach
Koselleck freilich nicht in Großbritannien, sondern gerade in ihrer
Adaption auf dem Kontinent. Während Locke selbst aufgrund seines
spezifischen britischen Kontexts die inhärente Spannung zwischen Po
litik und Moral gar nicht empfunden habe, sollte sein 'Philosophical
Law' auf dem Kontinent, wo Friktionen zwischen Absolutismus und
Bürgertum dominiert hätten, in neuartiger Form dazu genutzt werden,
die absolutistische raison d'etre der kalkulierten Trennung von Politik
und Moral in eine spezifisch bürgerliche „Antwort" zu transformieren:
nämlich in eine dezidierte Polarisierung, die zum „Symptom und Instigator
der heraufziehenden politischen Krise" gleichermaßen geraten sei. Die
se Polarisierung zeichne sich dadurch aus, daß sie erstens nicht offen
betrieben worden sei und zweitens moralisch immer schon zugunsten
des Trägers der positivistisch gesetzten Moral, also zugunsten des
Bürgertums, entschieden gewesen sei [46ff.].

2. Spiel-Räume der Kritik: Das 'Geheimnis' der Freimaurerlogen


Hier wandte sich Koselleck nunmehr in einem bahnbrechenden Anflug
von 'Sozialgeschichte der Ideen' den für ihn wesentlichen beiden gesell
schaftlichen Formationen zu, die seines Erachtens dem moralischen
Innenraum wichtige soziale Spiel-Räume boten: die Freimaurerlogen
und die Institutionen der 'Gelehrtenrepublik' [49]. Während die moder
ne Sozialgeschichte der Aufklärung ganz bewußt mit einer „deterministi
schen Geschichtsbetrachtung" bricht und vielmehr das grundlegend
„ambivalente Verhältnis von Aufklärung und Revolution" betont28, ist
der pionierhafte sozialgeschichtliche Ausflug Kosellecks gerade diesem
Determinismus von Aufklärung und Revolution noch gänzlich verhaftet.
Die spezifischen Formen der Genese bürgerlicher Öffentlichkeit waren
laut Koselleck durch den Ausschluß der Gesellschaft von der Politik und
den „erbitterten Kampf des absolutistischen Fürsten „gegen die letzten
Reste der ständischen Vertretung" als einer Institution zur politischen
Partizipation der sozialen Elite bestimmt worden [52], Mag Koselleck
hier auch die Beharrungskraft der feudalen Strukturen dem Absolutis
mus gegenüber unterschätzt haben, so bleibt doch zutreffend, daß gerade
die grundsätzliche „Schwäche bzw. Uneinigkeit der Stände"29 die weit

a Vgl. Daniel Roche, „Sozialgeschichte der Aufklärung in Frankreich", in: Deutsch


land und Frankreich im Zeitalter der Französischen Revolution, hrsg. ν. H. Berding u.a.,
Frankfurt/M. 1989, S. 391-406, insb. S. 402.
29 Vgl. Ernst Hinrichs, „Die Voraussetzungen gesellschaftlicher Stabilität im Abso

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Reinhart Kosellecks 'Kritik und Krise' revisited 43

gehende Entmachtung der intermediären Gewalten durch den Fürst


ermöglichte. „Im ganzen ausgeschaltet von der Politik, fanden sich d
Männer der Gesellschaft an völlig 'unpolitischen' Orten zusammen [.
Es kam zu einer Institutionalisierung im Hintergrund, deren politisc
Kraft sich nicht offen [...] entfalten konnte", weshalb letztlich alle
gesellschaftlichen Institutionen zumindest einen „potentiell politisch
Charakter" gewonnen hätten, der sie „zu indirekten politischen Gew
ten" habe werden lassen [53]. Dieser Beschreibung ist wenig später au
J. Habermas gefolgt: Über die in literarischen Zirkeln erfolgende „Selbs
aufklärung der Privatleute" hätten sich schließlich die schon von Koselle
beschriebenen Institutionen gebildet, in denen freilich „Öffentlichk
noch weitgehend unter Ausschluß der Öffentlichkeit antizipiert" worden
sei, „noch bevor die Öffentlichkeit der öffentlichen Gewalt durch d
politische Räsonnement der Privatleute streitig gemacht und am En
ganz entzogen" wurde.30 J. Habermas war jedoch im Unterschied z
Koselleck bewußt, daß dieser - insbesondere in Frankreich gültige
Typus der indirekten Öffentlichkeit nicht ohne weiteres verallgemeiner
werden dürfte.
Die Freimaurerei galt Koselleck als „typisches Beispiel einer indi
rekten Gewalt im absolutistischen Staat", indem sie idealtypisch die
konsequente Umgehung von dessen politischen Monopolanspruch durch
das Geheimnis vollzog [55]. Neben der Realisierung des Prinzips der
sozialen Egalität [57] sah Koselleck die Funktion der Freimaurerlogen
primär in der sozialen Realisierung des moralischen Gesetzes als alle
Glaubensgegensätze der Logenbrüder überbrückende Vernunftreligion
[59]. Die damit zur aufklärerischen Gegenreligion hypostasierte Vernunft
moral impliziere nunmehr - auf den Dualismus von Moral und Politik
bezogen - ein eindeutiges „moralisches Verdikt über die herrschende
Politik". Aus der Erfahrung heraus, daß sich in den Logen das zukünftig
erstrebte Reich der Moral schon gegenwärtig leben ließ [197], sei
schließlich eine Siegesgewißheit erwachsen, die den absoluten Souverän
mit der Moral als seinem präsumptiven Nachfolger konfrontiert habe
[67f.]. Für Koselleck waren die Logen daher sowohl ideell als auch
sozial „zum stärksten Sozialinstitut der moralischen Welt im 18. Jahr
hundert" geworden [64],
Doch wie politisiert und, falls politisiert, wie revolutionär waren die
Logen? Koselleck beschreibt sie selbst korrekt als höchstens indirekt
politische Institutionen, als besonderer Ausdruck der Nischen-Gesell
schaft des Absolutismus, und man muß sehen, „daß sich die Freimaurer
von öffentlichen Angelegenheiten vollständig fernhielten".31 Auch be

lutismus", in: ders.. Ancien Regime und Revolution. Studien zur Verfassungsgeschichte
Frankreichs zwischen 1589 und 1789, Frankfurt/M. 1989, S. 63-80, hier S. 65.
30 Vgl. Jürgen Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit (wie Anm. 26), S. 44,
S. 51, unter direktem Rückgriff auf Thesen C. Schmitts und R. Kosellecks.
31 Vgl. Richard van Dülmen, Die Gesellschaft der Aufklärer. Zur bürgerlichen
Emanzipation und aufklärerischen Kultur in Deutschland, Frankfurt/M. 1986, S. 182.

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44 Michael Schwartz

deutete das Geheimnis der Logen ke


Behörden" gefürchtet hätten; sie s
'private') Gesellschaften häufig unt
dings bot dieser private Freiraum d
heit und Diskursivität als Interaktio
die relativ große „Durchsetzungskr
doch eher „auf wachsende Bedürfni
hungen"33 als auf hochgradige Poli
dessen wenig konsequent, wenn Kos
schen Perspektive, für die Entspreche
einem plötzlichen Sprung nach Deu
konsequente Fortentwicklung der L
um 1785 in Deutschland für Aufsehen
einem konspirativ-aufklärerischen
nen' des Absolutismus ansetzte, sym
lich erfolgte Wendung der Logen
Geheimnisses zum Angriff auf den
Sprung „von der Bildung einer indirekten Gewalt zur indirekten
Gewaltnahme", die im Rahmen desselben Geheimnisses und mit dem
selben Gestus un-politischer, weil moralischer Unschuld inszeniert worden
sei [75].
Diese Stilisierung eines klaren Sonderfalls3" zur allgemeinen höheren
Entwicklungsstufe ist fragwürdig genug. Sie bringt die Logen insgesamt
in die unverdiente Nähe jener traditionellen Konspirationsthese, die
beinahe gleichzeitig mit der Revolution ihr Bicentenaire begehen konn
te. Doch selbst der Illuminatenorden hat den politischen „Übergang von
einer diffusen zu einer spezifischen Zielbestimmung" strukturell nicht
zu überleben vermocht; seine früheren Mitglieder fanden sich hernach
ebenso in reaktionären wie in radikalen Kreisen wieder.35 Auf der
anderen Seite unterstellt Koselleck dem Gros der Logen keine platte
revolutionäre Intentionalität; die Konspiration der Logen gegen den
Absolutismus sei eigentlich ungewußt und ungewollt erfolgt, denn nicht
den Sturz des Systems habe man subjektiv intendiert, sondern allein den
Sieg der Moral [79], Die ursprüngliche Tarnung des politischen Geheim
nisses der Aufklärung als unpolitisch sei damit umgeschlagen in eine
Verdeckung der politischen Intentionen vor sich selbst [68.79], wobei
der als moralisch mißverstandene Dualismus zwischen Bürgertum und
Staat sich umso mehr verschärft habe, je länger und gründlicher dies
Mißverständnis gedauert habe [80].

32 Vgl. Klaus Eder, Geschichte als Lernprozeß? Zur Pathogenese politischer Modernität
in Deutschland, Frankfurt/M. 1991, S. 156.
33 Vgl. Hans-Ulrich Thamer, „Die Republik der Gebildeten" (wie Anm. 22), S. 129.
34 Vgl. Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte (wie Anm. 20), S.
324.
35 Vgl. Klaus Eder, Geschichte als Lernprozeß? (wie Anm. 32), S. 165.

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Reinhart Kosellecks 'Kritik und Krise' revisited 45

Sofern sie denn überhaupt politisiert gewesen sein sollten, dürften in


der großen Mehrzahl der Logen „gleichermaßen Ideen der Reform w
der Revolution gehandelt worden" sein.36 Und selbst wenn man statt der
politischen Intention nurmehr die politische Funktion thematisiert,
damit eine Einbahnstraße Richtung Revolution noch längst nicht aus
wiesen: Man muß selbst die Illuminaten als „Teil des aufgeklärt
Reformabsolutismus" begreifen.37 Dann jedenfalls wird die scheinba
moralische Selbstverschleierung erklärbar und keineswegs mehr al
fundamental systemfeindlich erscheinen. Im übrigen muß darauf v
wiesen werden, daß das 'Geheimnis' als Strukturprinzip der Logen au
im anti-aufklärerischen Sinne angewandt wurde, also nicht einseit
krisenverschärfend wirkte.38

3. Kritik als politische Waffe: Die Expansion der 'Gelehrtenrepubli


Lieferte die Loge der Antithese zum Absolutismus die Nische de
Geheimnisses, so bot ihr die 'Gelehrtenrepublik' in den Augen Kosellecks
den verborgenen Dolch der Kritik. Auch hier sucht der Autor, freilich mi
größerer Berechtigung, eine wachsende Tendenz zur Politisierung au
zuweisen. Die Gelehrtenrepublik gründete Koselleck zufolge auf de
erstmals 1695 von Pierre Bayle formulierten universalen Geltung de
kritischen Methode [89], Diese sei im frühen 17. Jahrhundert zunäch
nur als philologische Methode insbesondere auf die antiken Klassiker
Anwendung gebracht, dann aber rasch auf die Bibel ausgedehnt word
und habe gerade in der Auseinandersetzung mit den konfessionelle
Vertretern der christlichen Offenbarungsreligion eine spezifisch po
mische Konnotation gewonnen [88], Bayle habe die Kritik schließli
„zur eigentlichen Tätigkeit der Vernunft" gemacht. Da sich dieser jedoch
in ihrem kritischen Selbstvollzug ständig neue Probleme stellten,
„das Denken in eine rastlose Flucht der Bewegung geraten". Vernun
werde nur noch als im Fortschritt des kritischen Prozesses sukzessive
vollendungsfähig begreifbar, der Fortschritt sei damit zum „modus
vivendi der Kritik" geworden [89ff.]. Bayles idealer Kritiker hatte daher
nur noch die Pflicht, dieser in Zukunft vollständig zu entdeckenden
Wahrheit zu dienen [90]. Er wurde damit als kritisches Subjekt der
Verpflichtung zur 'Kri sis', zur verantwortlichen Entscheidung, enthoben.
Im gleichen Maße, wie „die selbstgeschaffene Bindung an die Zukunft
den Vernunftrichter zur Kritik am Heute" befreie, enthebe sie ihn im
Heute jeglicher Verantwortung und Schuld [91]. Aufklärung ist dem
nach letztlich durch Verantwortungs-losigkeit charakterisiert; auch für

36 Vgl. hierzu: ebd., S. 506, Anm. 46.


37 Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte (wie Anm. 20), S. 325.
31 Vgl. Klaus Eder, Geschichte als Lernprozeß? (wie Anm. 32), S. 17lf. zur „reak
tionären Geheimgesellschaft" der Rosenkreuzer.

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46 Michael Schwartz

die große Krise der Revolution, die


niemand mehr verantwortlich füh
Krise unbegriffen, da moralisch „v
Koselleck unterscheidet verschied
der Bayle'schen Gelehrtenrepublik
Während Bayle selbst eine solche E
den daraus womöglich entstehende
und die kritische Methode dement
chen Wissens begrenzt habe, wo s
dem Staat gegenüber besitzen soll
ziehung nurmehr zur bequemen T
genutzt. An Voltaire wird daher f
Kritik" manifest, die, obzwar schein
heit nichts als politisch gewesen se
bisherigen Objekte der Kritik, Kunst
einer politischen Kritik" umgesch
gen des Für und Wider im kritischen
Staat das Objekt der Kritik gewor
Krise", die die politische Entscheidun
Doch Voltaire und seine Epigonen
'verhaftet man nicht'.
Schlimmer noch ist für Koselleck d
Was bei Voltaire noch bewußte Tak
sen sei, habe die nachfolgende Au
genommen - die Überzeugung näm
l'univers". Die Kritik sei damit zur
Selbstüberschätzung; sie habe „bei w
als „Motor der Selbstgerechtigkeit
[98f.]. Alle dualistischen Setzungen
sierenden Kritiker einzig dazu, den „
alle Unterschiede aufzuheben", und d
den Preis eines Unrechts ins Recht
aber habe letztlich darin bestanden,
der Eigengehalt des Entlarvten" a
hypokritischen Aufklärer immer
ihm ein guter Monarch noch schl
verhinderte er doch gerade durch
als Tyrann [99].
Für solche Argumentation muß
Tradition des 'aufgeklärten Absolu
im echten Sinne 'guten Monarchen
schematische Polarisierung ein, so
sondern der Kritiker" der „eigentl
betrug eben in dem Glauben bestehe,
[100]. Ja, „der König in seinem Go
nachfühlenden Historiker geradezu

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Reinhart Kosellecks 'Kritik und Krise' revisited 47

der Humanität, der an seine Stelle tritt, dem Kritiker, der wie Gott
Jüngsten Tage das Universum seinen Richtsprüchen unterwer
können glaubt" [98]. Die anmaßende Hypokrisie habe erst dann ei
gefunden, als nicht nur der König, sondern auch der hypokri
Kritiker der Guillotine unterworfen worden sei [101]. Ein
klammheimliche Freude über die Revolution, die endlich auch ihre
Kinder fraß, muß sich artikulieren.
Doch soll hier nicht erneut Kosellecks offenkundige Parteinahme für
die in seinen Augen einzig 'politische' Seite jenes Dualismus zur
Sprache kommen, deren höchsteigene 'Usurpationsgeschichte' der Bre
chung des 'alten Rechts' von vornherein gerechtfertigt erscheint. Viel
mehr muß auf eine bemerkenswerte logische Inkonsequenz hingewiesen
werden: Immer wieder trifft man bei Koselleck auf eine spezifisch
moralische Ab-Qualifizierung der Aufklärung. Doch aufgrund welcher
Kriterien wird der Angriff auf den absoluten Monarchen als Schuld,
Selbstgerechtigkeit, Hypokrisie, Unrecht oder Usurpation gewertet?
Hobbes kann hierfür jedenfalls nicht herangezogen werden, denn für den
Fall, daß ein Staat „durch innere Empörung zerstört" würde, sind in
seinen Augen nicht die Empörer, sondern klar die Lenker des Staates
selbst schuldig (Leviathan, XXIX). Und wenn Kosellecks These zuträfe,
daß die Aufklärung unbewußt, der 'Heterogonie der Zwecke' unterlie
gend, ihre eigene politische Rolle auch vor sich selbst verbergend die
Revolution herbeigeführt hätte - welchen Sinn und welche Berechtigung
macht dann auf der anderen Seite ihre Beurteilung in moralischen
Kategorien von Unrecht und Schuld? Die Ironie ist unverkennbar:
gerade der Apologet der Autonomie des Politischen gegenüber dem
Totalitätsanspruch des Moralischen vermag seinen Schützling nur noch
dadurch zu verteidigen, daß er seinerseits mit den gleichen Mitteln zur
Gegenoffensive schreitet und die Aufklärung moralisch zu diskreditieren
sucht. Zu keinem Zeitpunkt wird die Frage reflektiert, ob dadurch der
bekämpfte, aber implizit bestätigte Anspruch des Moralischen nicht an
Einsichtigkeit gewinne. Auch verkennt der beredte Ankläger der
hypokritischen Grenzüberschreitung der Aufklärung das eigene
hypokritische Unrecht, das er mit der schematisierenden Verzerrung der
Aufklärung zum Zwecke ihrer 'Entlarvung' begeht.

V. Die dialektische 'Synthese': Die 'Krise' der Revolution und der


moralisch-politische Totalitarismus
Das Bewußtsein der Krise, die auf einen entscheidenden Machtkampf
zwischen Absolutismus und bürgerlicher Gesellschaft hinauslaufen soll
te, ist nach Koselleck in Deutschland erstmals mit der 'Sturm und
Drang'-Zeit aufgekommen, um in der Debatte über das 1785 erfolgte
Verbot des erwähnten Illuminaten-Ordens ihren Höhepunkt zu erreichen
[105f.]. Koselleck, der deutschen Aufklärung eine staatsfeindliche Grund
tendenz unterstellend, die sie aufgrund ihrer sozialen und politischen

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48 Michael Schwartz

Besonderheiten niemals besaß39, beto


ideellen Konfrontation zum sozialen G
in keinerlei Verhältnis gestanden ha
durch die Geschichtsphilosophie über
Theologie" im Sinne K. Löwiths ersch
zum Fortschrittsdenken säkularisier
dem Dualismus von Politik und Moral in
Elementen, aus antiken Zyklentheor
entdeckter naturwissenschaftlicher Ges
Bereits die Verfassungsakte der brit
chen Heilsplan aus der Kirchengeschic
internationale" (!) verlegt [108]. Durch die in Deutschland bei den
Illuminaten kulminierende Identifikation von Geschichte mit ihrer
Machbarkeit durch rationale Planung sei schließlich „die Möglichkeit
der Revolution verdeckt, die Revolution selbst aber heraufbeschworen"
worden [111].

1. Das Scheitern eines 'moralischen' Absolutismus: Turgot


Was Deutschland aber bei aller vorgeblichen geheimen Bereitschaft
zur Revolution fehlte, war deren Vollzug. Mit der Begründung, in
Frankreich sei das Bewußtsein der Krise noch sehr viel stärker entwickelt
gewesen als in Deutschland [113ff.], richtet Koselleck daher in seinem
methodisch fragwürdigen Mosaik seinen Blick wieder auf Frankreich.
Hier unternimmt er dann nichts Geringeres, als mit dem Scheitern der
Turgot'schenReformen den gesamteuropäischen aufgeklärten Absolutismus
als empirische Variante fallenzulassen.
In Frankreich hatte mit dem Minister Turgot ein typischer Vertreter
der aufgeklärten neuen Elite - für Koselleck somit „ein moralischer
Zensor" - das Feld politsichen Handelns betreten. Turgot, in Kosellecks
schmittianischer Terminologie geradezu der „Präkonisator der Fortschritts
philosophie", habe aufgrund seiner politischen Tätigkeit den drohenden
Bürgerkrieg wahrzunehmen vermocht und sich entschlossen, durch den
„Entwurf einer cäsarischen Monarchie, die den liberalen Bürgern einen
ihren Forderungen angemessenen Spielraum gewährleisten und sichern
sollte", „Frankreich gleichsam das Jahrzehnt von 1789 bis 1799 zu
ersparen" [116f.]. So habe Turgot dem Absolutismus, zu dessen Gunsten
er die Stände als Minister heftig bekämpft habe, zugleich gedient und ihn

39 Vgl. schon die Kritik bei Heinz Gollwitzer, Politische Ideengeschichte und
Historiographie, in: GWU 11, 1960, S. 303-310, insb. S. 304; auch Horst Möller,
Vernunft und Kritik. Deutsche Aufklärung im 17. und 18. Jahrhundert, Frankfurt/M.
1986, S. 306, betont, daß die deutsche Aufklärung „Reform, nicht aber Revolution"
wollte; dabei wurde die partielle Kooperation mit aufgeklärten Despoten häufig zum
grundlegenden Charakteristikum, wie auch Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschafts
geschichte (wie Anm. 20), S. 329ff. aufzeigt; zur sozialen Grundlage dieser Mäßigung:
Hans-Ulrich Thamer, „Die Republik der Gebildeten" (wie Anm. 22), S. 139.

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Reinhart Kosellecks 'Kritik und Krise' revisited 49

unterminiert, indem dieser starke Staat nunmehr der Bourgeoisie dienst


bar werden solle, „die vom Staate die Sicherung ihres geheiligt
Privateigentums forderte und die im Schutze dieses Staates ihren freien
Handel treiben wollte" [117ff.]. Bei aller formalen Anerkennung d
Absolutismus hätte dies eine völlige Umwälzung seiner sozialen Stru
tur bedeutet, so daß Turgots Entlassung für Koselleck nur die konse
quente Reaktion des Ancien Régime auf diese Subversion darstellt.
Doch die Konsequenz des Scheiterns dieses evolutionären Versuchs
die Verschärfung der Krise gewesen [129].
Mag Koselleck diese Charakteristik Turgots noch so „klug pointier
haben, sie geht dennoch am Kern des aufgeklärten Absolutismus völ
vorbei. Dieser wird mißverstanden, wenn man ihn primär - was n
aposteriorisch möglich ist - „als System der Bürgerkriegsprophylax
begreift. Vielmehr handelte es sich dabei um eine logische Weiter
entwicklung des dem absolutistischen System von Anbeginn an inhärent
Verwaltungs-Rationalismus. Ein System wie der Absolutismus, das si
wesentlich rationalistischer Raison verdankte und einer rationalen Bü
rokratie bedurfte, vermochte den globalen Vernunftdiskurs der Aufklä
rung nicht einfach zu ignorieren. Andererseits führte der 'aufgeklärte
Absolutismus' Turgots und anderer keineswegs zur Herrschaft der Ge
sellschaft oder auch nur des Bürgertums über den „alten Gewaltstaat,
dem der König als Amtmann Gottes vorstand"; entscheidend war viel
mehr eine schmale, aufgeklärte bürokratische Elite - „nach unten Stim
me der Vernunft, nach oben unentbehrliche Maschine" - die sich als
Träger der Staatsraison vom Monarchen emanzipierte und diesem mit
dem Wort Hegels nichts weiter zugestand, „als 'das Tüpfelchen auf das
I' zu setzen". Diese „Idee des Beamtenstaates", die bis 1848 entschei
dend die weitere europäische Entwicklung bestimmte, war keineswegs
ideologisch-irrationalistischer Staatsfeindlichkeit verfallen, sondern
vielmehr ein elitäres „Modell rationaler Politik, abgesichert gegen die
Willkür monarchischer Entschlüsse, abgesichert auch gegen die Dikta
tur unaufgeklärter Mehrheiten".40 Kosellecks starrer Dualismus von
Macht und Moral, absolutistischem Staat und bürgerlich-aufgeklärter
Gesellschaft und insbesondere die idee fixe des Bürgerkriegs-Menetekels
wird dem europäischen Phänomen des aufgeklärten Absolutismus vor
und nach 1789 in keiner Weise gerecht.

2. Prophétie der Krise: Rousseau


„Die erste Krise der Moderne trat im Denken Jean-Jacques Rousseaus
ein."41 Auch für Koselleck ist Rousseau derjenige, der - als Außenseiter
der französischen Gesellschaft - nicht nur (wie üblich) den Staat scharfer

40 Vgl. Michael Stürmer, „Die Suche nach dem Glück. Staatsvernunft und Utopie",
in: ders., Dissonanzen des Fortschritts. Essays über Geschichte und Politik in Deutsch
land, München/Zürich 1986, S. 21-50, insb. S. 24f„ S. 30f„ S. 37.
41 Vgl. Leo Strauss, Naturrecht und Geschichte, Frankfurt/M. 1977, S. 263.

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Kritik unterzog, sondern gleichze


der ihn angreifenden und sich ih
bürgerlichen Eliten. Rousseau sah d
'siecle des révolutions' erst nach d
beginnen. Dieser nämlich werde a
Gesellschaft nicht ahne, ein Umst
Rousseau nicht als ein sieghafter, glä
sondern als vom unmoralischen S
rumpiert [141f.]. Ein solch ausgep
mochten Koselleck zufolge selbst scha
Fortschrittsphilosophie wie d'Arg
keln, sondern allein Anhänger der
feinde Diderot und Rousseau, welch
hätten denken können [134], Insof
Antike gleichzeitig ein Fortschritt d
die Revolution gefürchtet und den s
mus als Fiktion durchschaut" habe
Aufklärung" zutiefst verstrickt g
Prozeß der Entlarvung sich ihren
denn Rousseau habe wie kein zweiter der kommenden Revolution den
Weg geebnet [135], In der Tat mußte „der König" 1793 „sterben im
Namen des 'Contrat social'."43
Der notwendige politische Tod des Königs hat Rousseau laut Koselleck
„die Unterwerfung aller unter jeden und eines jeden unter alle" konzipie
ren und damit - „in seiner Einfalt" - die auf der sozial egalisierenden
Kritik basierende Gelehrtenrepublik den Staat okkupieren lassen - nicht
ahnend, daß er damit „die permanente Revolution auf der Suche nach
dem wahren Staat" entfesseln sollte. „Seitdem beginnt die Gesellschaft
gegen sich selbst zu prozessieren auf der Jagd nach einem unerfüllbaren
Soll." [ 135f.]. Rousseaus wesentliche Leistung bestand Koselleck zufol
ge darin, zwar den souveränen Monarchen entthront, aber die Souveränität
als Prinzip des Staates beibehalten und auf eine anonyme Gesellschaft
übertragen zu haben [136] - ein Gedanke, den bereits Carl Schmitt
geäußert hat44 und der an die analoge Kontinuität des expandierenden
Verwaltungsstaats bei Tocqueville gemahnt.45 In der revolutionären
Synthese verbindet sich nach Koselleck die absolutistische Staatsstruktur
mit dem moralisch-utopischen Universalanspruch, dem Erbe der
aufklärerischen Kritik, um damit in die moderne Krise des politisch
moralischen Totalitarismus zu münden.

42 Vgl. ebd.; ähnlich argumentierte Koselleck jüngst noch hinsichtlich des Krisen
bewußtseins Diderots; Reinhart Koselleck, „Wie neu ist die Neuzeit?" (wie Anm. 15),
S. 545ff.
43 Vgl. Albert Camus, Der Mensch in der Revolte. Philosophische Essays, Reinbek
bei Hamburg 1983, S. 93.
44 Vgl. Carl Schmitt, Verfassungslehre, Berlin 31957, S. 51.
45 Vgl. zu Tocqueville: François Furet, 1789 - Vom Ereignis zum Gegenstand der
Geschichtswissenschaft (wie Anm. 23), S. 148ff.

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Reinhart Kosellecks 'Kritik und Krise' revisited 51

Der Totalitarismus folgte also aus der Anonymität des Absolutismu


nach dem Verschwinden des Königs. Während das logische Paradox
des Hobbes'schen Systems, den Staat einerseits als Schöpfung eines
Gesellschaftsvertrages zu betrachten, ihn jedoch andererseits, sobald
existiere, als autonome Größe zu behandeln, immerhin politisch-pra
matisch durch den absoluten Fürsten noch „vollziehbar" gewesen s
erscheint das System Rousseaus eben nicht länger als politisch realisi
bar. Hier werde dem Staatsvolk nicht nur ein Gesamtwille zugeschri
ben, durch dessen Existenz es sich andererseits erst als Staatsvolk
konstituiere; noch schwerer wiege, daß die 'volonté générale' „gar
keinen Vollstrecker" besitze, damit aber vage und letztlich von Anfang
an „ein Mysterium" bleibe. Wo der reine Wille als solcher zum neuen
Souverän werde, sei aber „das Ergebnis [...] der totale Staat" [136]. Die
Rousseau'sehe Souveränität der volonté générale des Volkes mutet
darum Koselleck - wiederum in der geistigen Nachfolge Carl Schmitts
- als „permanente Diktatur" an, denn „die rationale Totalität des Kollek
tivs und ihrer Volonté générale" erzwinge geradezu „eine ständige
Korrektur der Wirklichkeit" in Form der ständigen „Gleichschaltung"
der vom ideologischen Leitbild abweichenden Individuen. Während der
absolutistische Staat „an dem unbewältigten Rest, der aus dem religiösen
Bürgerkrieg in ihn hineinragte", zugrundegegangen sei, unterscheide
sich die neue Diktatur vom Absolutismus gerade dadurch, daß auch und
gerade „der private Innenraum, den Hobbes aus dem Staat noch ausge
spart hatte, erfaßt werden" solle. Um das Volk zur moralisch-politischen
Selbstverwirklichung anzuleiten, bedürfe es eben - „ganz im Sinne der
Logen - mehr als absolutistischer Herrschaft, die nur das Äußere erfaßt".
Die erforderliche „Einheit von Innen und Außen" - oder zumindest ihre
Fiktion - wird notfalls mit Terror erzwungen [137f.].
Hier wäre allerdings zu fragen, ob der theoretische Unterschied
zwischen Absolutismus und Totalitarismus wirklich so grundlegend
gedacht werden kann. Auch der Totalitarismus hatte, wie sein gegenwär
tig zu besichtigender Zusammenbruch belegt, seine 'unbewältigten
Reste'. Dem Zeithistoriker jedenfalls sind Begriffe wie 'Nonkonformität'
oder 'Resistenz' höchst geläufig; neuerdings tritt die 'Nischengesellschaft'
hinzu. Der 'real existierende Totalitarismus' gestattet daher die Frage,
welche größere Freiheit denn der angeblich nicht angetastete moralische
Innenraum im Absolutismus hatte, wenn auch dort aus Denken nicht das
geringste politische Handeln entspringen durfte? Liegt Barudio völlig
falsch, wenn er auf die beiden Systemen gemeinsamen Tendenzen
verweist, „alle Macht in einer Hand zu konzentrieren, ein zentralistisches
Behördenwesen zu schaffen, den 'blinden Gehorsam' zu fordern und das
Politische in extremer Weise zu personalisieren bis hin zu einem hypertro
phen Personenkult"?46

44 Vgl. Günter Barudio, Das Zeitalter des Absolutismus und der Aufklärung 1648
1779 (wie Anm. 18), S. 388.

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52 Michael Schwartz

Koselleck hingegen beharrt darauf


staatsbürgerliches Schweigen gebote
när-totalitären Diktatur gerade ihr
„Die moralische Zensur hat sich bei
liche Zensor wird zum Chefideolog
Rousseau somit der erste Vollstrecker
jene spezifische „Methode der fort
Geforderte als die wahre Realität an
verschwindet, politisch ernst genom
Prinzip erhoben". Auf diese Weise se
politischen Wirklichkeit erhärtet"
„dieser verschleierte Betrug entgan
seines perfekten Staates" habe er die k
sie vielmehr „nur als kritischer Ric
der näherliegenden revolutionären A
MitdieserlnterpretationRousseausna
Kritik J.L. Talmons an Rousseau als
Demokratie, eines „Leviathan [...], der s
bereits vorweg.47 Im Ansatz wird jedo
Deutungen gerichtete These I. Fetsc
Rousseau kein totalitärer Denker, so
Moralist' gewesen sei, welcher der
Krisenzeit lediglich unfreiwillig Stic
Linie, die Koselleck von Rousseau zu
zog, würde Fetscher kaum gelten lassen
'Législateur' als Vermittler von Gesolltem und Seiendem eher auf
„machtlose Überzeugungskraft" beschränkt und daher mit dem Tugend
Terroristen Robespierre nicht vergleichbar.48 Tatsächlich ist Rousseau
„in keiner Weise für die Französische Revolution 'verantwortlich'":
Wohl mag man ihm im Gefolge Fetschers anlasten, er habe „unwissent
lich die kulturellen Bausteine für das revolutionäre Bewußtsein und die
revolutionäre Praxis geliefert". Doch wesentlich bleibt die historische
Ironie, „daß die Revolution in dem Augenblick, als sie glaubte, die Ideen
Rousseaus zu verwirklichen, im Gegenteil die Wahrheit seines Pessimis
mus bewies", was „die Unmöglichkeit einer Vermählung der demokra
tischen Praxis mit der Theorie der Demokratie" anging.49

47 Vgl. J.L. Talmon, Die Ursprünge der totalitären Demokratie, Köln/Opladen 1961,
S. 42; Ernst Fraenkel, Deutschland und die westlichen Demokratien, Stuttgart 61974;
ferner auch Carl Schmitts Deutung des sowjetischen Totalitarismus als Vollendung der
modernen Geschichte Europas; vgl. Carl Schmitt, Der Begriff des Politischen (wie Anm.
8), S. 80.
44 Vgl. Iring Fetscher, Rousseaus politische Philosophie, Neuwied 1960, S. 259f.
49 Vgl François Furet, 1789 - Vom Ereignis zum Gegenstand der Geschichtswissen
schaft (wie Anm. 23), S. 43.

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Reinhart Kosellecks 'Kritik und Krise' revisited 53

VI. Schluß: Die Krise der Kritik der Krise


Trotz der enthusiasmierten Reaktion Carl Schmitts, der Kosellecks
Studie als „eine Aufklärung potenzierten Grades" (eben als zeitgemäße
'Aufklärung über Aufklärung') empfand und seinem Epigonen gar den
konkreten „Vollzug der geschichtlichen Einsicht" attestierte, „daß jede
Zeit in den Fragen und Antworten ihrer eigenen Situation ihren eigenen
Begriff des Politischen" realisiere und „erst mit dessen Verständnis
begriffen und bewältigt" sei50, formulierten bereits die übrigen Rezen
senten der Ersterscheinung mehrheitlich Zweifel daran, ob just dieses
adäquate Verständnis der Epoche des 18. Jahrhunderts durch die
Subordinierung unter eine geschichtsphilosophische Dialektik und ein
erklärtermaßen aktuelles Erkenntnisinteresse tatsächlich geleistet wor
den sei. Insbesondere durch die isolierte Analyse zeitgenössischer Quel
len ohne Berücksichtigung ihres Entstehungshintergrundes, der „sie
voraussetzenden 'Lagen'", widerfahre der jeweils behandelten Position
und Entwicklungsphase keine historische Gerechtigkeit; die in sich auf
brillante Weise logische Interpretation werde vielmehr „zur nachträgli
chen Besserwisserei".51 Dies Urteil läßt sich noch zuspitzen: Kosellecks
Studie ist letztlich nicht mehr und nicht weniger als ein typisches
geschichtsphilosophisches Verdikt über einen unliebsamen historischen
Prozeß. Sie beschränkt sich keineswegs darauf, die zeitbedingten Wand
lungen des Politikbegriffs zu rekonstruieren, sondern nimmt normativ
eindeutig Partei: Solange die Moral die Eigengesetzlichkeit des Politi
schen nicht respektiere, sondern durch utopische Konstruktion zu
subordinieren trachte, sei die auf dieser Selbstüberhebung gründende
Krise der Gegenwart nicht zu überwinden [9]. Durch diese zutiefst
einseitige Parteinahme für den absolutistischen Politikbegriff wird „der
Begriff des Politischen im späteren 18. Jahrhundert" jedoch im Grunde
„verfehlt", da allein „die gesetzlich ermöglichte oder vom König tole
rierte Beteiligung der Bürger an den öffentlichen Angelegenheiten als
konstituierendes Kriterium" gelten soll. Dann aber würde „nahezu aus
schließlich das Regierungshandeln der Fürsten Politik" genannt werden
können. Die „Spezifik des Politischen in dieser Zeit" macht aber, wie
Horst Möller betont hat, in der Tat erforderlich, die soziopolitischen
Veränderungsvorstellungen der aufgeklärten Teile des Adels und des
Bürgertums miteinzubeziehen, die auf ein „neues Staats- und Gesellschafts
verständnis" abzielten.52 Doch auch das durch den Absolutismus zwar
zurückgedrängte, doch nie völlig sistierte politische „Verfassungsdenken

50 Vgl. Carl Schmitt, Rez. zu Koselleck, in: HPB 7, 1959, S. 301-302.


51 Vgl. Hans Tietgens, „Der Ursprung der Soziologie" (wie Anm. 7), S. 418-424,
insb. S. 420.
"Vgl. Horst Möller, Vernunft und Kritik. Deutsche Aufklärung im 17. und 18.
Jahrhundert, Frankfurt/M. 1986, S. 301 f.

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54 Michael Schwartz

der Stände", das somit leichthin „als rü


Berücksichtigung finden, selbst wenn e
die Rückkehr zum 'alten Recht' intendiert haben sollte.
In Kosellecks Sicht führte jedoch jener pathetische Versuch der
Aufklärung, eine Remoralisierung der Politik einzuleiten, zwangsläufig
zu ihrer ideologischen Demoralisierung: Der „geschichtsphilosophische
Ausgang der Menschen aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit"
endete in der „Schlüsselgewalt ihrer selbstverschuldeten Vormünder".54
Für Koselleck hat die Utopie mit dieser ihrer nichtintendierten Konse
quenz den „Prozeß der Neuzeit" eröffnet, dessen Ausgangssituation
zwar längst vergangen sei, der aber immer noch „das Erbe der Aufklä
rung [...] omnipräsent" in sich trage. Dies gelte sowohl für den durch die
Aufklärung entfesselten, mittlerweile universalisierten 'Bürgerkrieg'
moralisierender Politiken bzw. politisierenderund moralisierender Ideo
logien als auch für die diesem zugrunde liegende spannungsvolle Dialek
tik aufklärerischer Kritik und daraus folgender Welt-Krise [156] - einer
'Zeit der Ideologien' (Bracher) und des daraus folgenden 'europäischen
Bürgerkriegs' (Nolte).
Historiographisch ist jedoch die zentrale Teleologie 'Aufklärung
contra Absolutismus = Revolution und Totalitarismus, durch nichts
begründet. Aufklärung und Absolutismus gerieten keineswegs zwangs
läufig in eine destruktive Konfrontation; die vielgestaltige Bewegung
der Aufklärung mündete alles andere als zwangsläufig in eine Revolu
tion; stattdessen eröffnete sie stets „beide Wege in die Moderne, den der
Reform und den der Revolution".55 Sie hat in Europa auch beide beschritten,
auch wenn Koselleck das Phänomen des aufgeklärten Absolutismus
zielstrebig herunterzuspielen oder zu verdrängen sucht. Darüber hinaus
würde, selbst wenn man Kosellecks unzulässige Beschränkung auf die
revolutionäre Variante akzeptieren wollte, auch dort eine wirklich sozial
historische Analyse allzu glatte ideengeschichtliche Artefakte gar nicht
erst gestatten. Die Französische Revolution war beileibe nicht nur eine
Revolution des Bürgertums oder gar der Intellektuellen (auch wenn es
gerade heute wieder modisch wird, alle modernen Revolutionen den
'Verirrungen' von Intellektuellen anzulasten, mit denen selbstverständ
lich nur die politisch andersdenkenden Intellektuellen gemeint sind).
Zurecht wird heute bezüglich 1789 gefragt: „War es eine Revolution
oder waren es drei?"54 Neben den verschiedenen sozialen Bewegungen,
die 1789 mit- und aufeinander wirkten, ist hier ebenso zu diskutieren,
inwiefern es berechtigt ist, die Robespierre'sehe Ära der terreur zum

53 Vgl. Günter Barudio, Das Zeitalter des Absolutismus und der Aufklärung 1648
1779 (wie Anm. 18), S. 383.
54 Vgl. Odo Marquard, Schwierigkeiten mit der Geschichtsphilosophie, Frankfurt/
M. 1973, S. 19.
33 Vgl. Horst Möller, Vernunft und Kritik (wie Anm. 52), S. 306.
33 Michael Vovelle, Die Französische Revolution. Soziale Bewegung und Umbruch
der Mentalitäten, Frankfurt/M. 1985, S. 19.

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Reinhart Kosellecks 'Kritik und Krise' revisited 55

Kulminationspunkt der gesamten Französischen Revolution und dies


damit zum Nukleus aller künftigen Totalitarismen zu stilisieren. W
verhält sich diese Sicht zu dem jüngsten Diktum Furets, 1989 habe 17
über 1917 gesiegt? Daß darüber hinaus der Totalitarismus des 20.
Jahrhunderts nicht nur 'revolutionäre' Wurzeln hatte, bedarf keines
Nachweises. Nicht nur Rousseau, sondern auch Hobbes ließ sich halt
„nachmals trefflich ideologisieren".57 Übrigens lasteten die Totalitaristen
von 'rechts' der Französischen Revolution gerade deren 'individuali
stische' Folgen an.
Kosellecks diesbezügliches Prokrustesbett entstand nicht zufällig,
sondern auf dem Reißbrett eines klar formulierten und realisierten
Erkenntnisinteresses: „Es werden Gedankenbewegungen nachvollzogen,
aber nur soweit, um ihren politischen Akzent sichtbar werden zu lassen;
und es werden die Situationen geklärt, in denen die Gedanken konzipiert
wurden und auf die sie zurückgewirkt haben, aber nur so weit, um die
politische Sinnfälligkeit der Ideen herauszupräparieren." [4] Das Ziel
der auf dieser Basis konstruierten Geschichtsphilosophie ist bei alledem
schwer auszumachen. Wieder aktuell, wie Vierhaus meint, ist es gewiß
nicht. Am ehesten noch findet man es in der wissenschaftlichen Legitimie
rung der von Carl Schmitt vorgelebten und von Koselleck überzeugend
nachempfundenen Sympathie für den absolutistischen, genauer:
Hobbes'schen Ordnungsstaat, dessen vorgebliche Friedenslösung der
'Einhegung des Krieges' und das ihr korrespondierende rational-prag
matische, von den Wässerchen der Moral ungetrübte Politikverständnis.
Hierzu bedarf es freilich einer höchst eigenwilligen Hobbes-Interpreta
tion58, die den absolutistischen Staat gerade durch eine völlige Trennung
von Politik und Moral und durch das Abdrängen der letzteren in einen
staatsfreien 'moralischen Innenraum' definiert. Hiermit wird eine deut
liche Unterscheidung von Absolutismus und Totalitarismus bezweckt,
denn allein im letzteren Fall wird bei Koselleck auch die Moral in den
Herrschaftsbereich des Staates einbezogen. Diese Definition unter
schlägt jedoch, daß sich der absolutistische Leviathan „auch auf das
Innenleben der Menschen" erstreckte;59 in der Auffassung, „daß alle
Handlungen, Meinungen, Gegenstände der Einzelnen für die Gesamtheit
wichtig" seien, wie sie dann insbesondere in der Konstruktion einer
'religion civile' zum Ausdruck kam, konnte sich Rousseau sogar aus
drücklich auf Hobbes berufen.60 Welche 'Autonomie' besitzt dann aber
noch der vorgeblich freie 'moralische Innenraum'? Wie groß wären die
faktischen Unterschiede zwischen Absolutismus und Totalitarismus in

57 Vgl. Karl-Dietrich Bracher, Zeit der Ideologien. Bine Geschichte politischen


Denkens im 20. Jahrhundert, München 1985, S. 34.
51 Vgl. schon Hans Tietgens, „Der Ursprung der Soziologie" (wie Anm. 7), S. 420.
39 Vgl. Michael Stürmer, „Jede Nationalgeschichte verläuft anders: Welche ist
Sonderweg?", in: ders., Dissonanzen des Fortschritts (wie Anm. 40), S. 259-264, insb.
S. 262.
60 Vgl. Ulrich Steinvorth, Stationen der politischen Theorie, Stuttgart 21983, S. 133.

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56 Michael Schwartz

der politischen Praxis, wenn dieselbe allein durch solche geistes


geschichtlichen Distinktionen bestimmt würde? Und anders herum: Was
unterscheidet einen so dürftigen 'Innenraum' noch vom letzten, erfah
rungsgemäß immer vorhandenen individuellen Restbestand unter totali
tärer Herrschaft? Ist der philosophische Entwurf des Absolutismus vom
real existierenden Totalitarismus wirklich noch allzu weit entfernt?61 Hat
nicht primär die faktische Begrenzung des effektiv „sehr schwachen
Staatfes]" des Ancien Régime62 den Unterschied bewirkt? Was die
Theorie anbelangt, so kann nicht erst bei Rousseau, sondern „schon bei
Hobbes" ein „Grundmangel" der betreffenden politischen Philosophie in
der mangelhaft ,,institutionalisierte[n] Sicherstellung der Freiheit" auf
gewiesen werden. So wie Rousseau nur auf die hinreichende Moralität
seiner citoyens hoffen konnte, mußte auch Hobbes auf die moralisch
begründete Achtung seiner „bloß naturrechtlich-moralischen Normierung"
durch den Souverän vertrauen.63 Von der Gefahr eines philosophischen
„Beinahe-Totalitarismus"64 zumindest wird die Rede sein dürfen, und
zahlreiche Hobbes-Interpreten haben - ganz anders als die neokonservative
Tradition bis Koselleck und Willms - in den Totalitarismen des 20.
Jahrhunderts die konsequente „Fortbildung der absoluten Souveränität
zum totalen Staat" erblickt.65 Allen voran gilt dies für Carl Schmitt, der
in den 30er Jahren noch wie selbstverständlich das hobbesianische
Prinzip des Absolutismus in die modernen Umständen angemessene
totalitäre Staatsidee transzendierte. Zwischen dem Schmitt'schen und
dem Koselleck'sehen 'Leviathan' jedoch liegen die NS-Verbrechen;
nach dem Scheitern des 'rechten' Totalitarismus muß folglich konse
quent zwischen autoritärem und totalitärem Staat unterschieden werden.
Das Ziel: Der ordnungsstaatliche Leviathan muß vom diskreditierten,
nunmehr allein der Aufklärung und nicht auch ihren späten (faschisti
schen) Gegnern angelasteten 'Lucifer' des Totalitarismus sauber ge
schieden werden, um nicht mit ihm zu fallen. Wenn Kosellecks eher
kulturpessimistische Konstruktion überhaupt eine Antwort auf die Krise
der Gegenwart zu geben fähig war, so war es dieser zeitspezifische
Rettungsversuch machtstaatlicher Gesinnung in „ihrem gespenstischen
Kampf gegen die intellektuellen Verursacher eines 'europäischen Bür
gerkriegs'".66 Doch dieser erschöpft sich trotz aller Detailkunst und

61 Vgl. zu dieser theoretischen Differenz und ihrer praktischen Irrelevanz: Kurt


Sontheimer, Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik, München M983, S.
201-209, insb. S. 206.
62 Vgl. Jose Ortega y Gasset, Der Aufstand der Massen, Hamburg 71981, S. 87.
63 Vgl. Peter Baumanns, „Hobbes und die praktische Philosophie der Neuzeit", in:
E. Heintel (Hrsg.), Philosophische Elemente der Tradition des politischen Denkens, FS
J. Derbolav, Wien 1979, S. 67-118, insb. S. 93.
64 Ebd., S. 78
63 Vgl. etwa: Dolf Sternberger, „Politie und Leviathan. Ein Streit um den antiken und
den modernen Staat", in: ders., Herrschaft und Vereinbarung, Frankfurt/M. 1986, S.
178-229, insb. S. 184, der hier auf Hannah Ahrendt verweist.
66 Vgl. das Zitat bei: Jürgen Habermas, „Volkssouveränität als Verfahren. Ein

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Reinhart Kosellecks 'Kritik und Krise' revisited 57

Dialektik letztlich in einer resignierten, „leeren Gebärde der Ver


nung", und aller „positiver Gehalt ist nur - eine Antiquität".67 D
Lähmung resultiert daraus, daß ja auch der präkonisierte Absolutis
ein Produkt der Moderne ist; der ihn bejahende Neokonservatismus
folglich zwischen Bejahung und Verdammung der Moderne hin u
hergerissen. Während ökonomische und bürokratisch-staatliche E
wicklungen der Moderne bejaht und nicht hinterfragt werden, tritt an
Stelle dieser „wirklichen Krisenherde der Gesellschaft" höchst einse
„das Gespenst einer subversiv überbordenden Kultur" ins Blickfeld
Das hieraus resultierende konstitutive Schwanken Kosellecks zwischen
anti-aufklärerischem Moralismus und geschichtsphilosophischem
Fatalismus kulminiert in der Attitüde des moralisierend-kritisierenden
Apologeten einer 'Politik', die doch gerade frei von aller Moral und
Kritik agieren soll. Auf diese Weise fällt Koselleck selbst der von ihm
angeprangerten 'Dialektik der Aufklärung' zum Opfer und bleibt als ihr
ungewollter geschichtsphilosophischer Epigone stets „der Gefangene
der Vorstellungen", „die er zu entlarven glaubt".69 Diese 'Kritik der
Krise' entrinnt der Krise nicht.

normativer Begriff der Öffentlichkeit", in: ders., Die Moderne - ein unvollendetes
Projekt. Philosophisch-politische Aufsätze 1977-1990, Leipzig 1990, S. 180-212, hier
S. 200.
67 Vgl. das Zitat bei Jose Ortega y Gasset, Der Aufstand der Massen (wie Anm. 62),
S. 69.
68 Vgl. Jürgen Habermas, „Die Kulturkritik der Neokonservativen in den USA und
in der Bundesrepublik", in: ders.. Die Moderne (wie Anm. 66), S. 75-104, hier S. 102.
69 Vgl. Hans Tietgens, „Der Ursprung der Soziologie (wie Anm. 7), S. 421.

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