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Epidemische Ausbreitung von Kommunikation im WorldWide Web

Herleitung, technischer Hintergrund, strategische Ansätze

Christian Bahrendt

Die Creative-Commons-Lizenz gilt nur für die Verbreitung der digitalen Version. Für die gedruckte Fassung gilt:

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Für die gedruckte Fassung gilt:

Copyright © 2008 VDM Verlag Dr. Müller Aktiengesellschaft & Co. KG and licensors All rights reserved. Saarbrücken 2008.

Inhaltsverzeichnis

1 Epidemische Kommunikation

1

1.1 Definition „Kommunikation“

1

1.2 Definition Technische Übertragung

3

1.3 Epidemischer Ansatz

6

2 Erosion der Massenmedien

14

3 Inhaltliche Ausbreitung nach dem memetischen Ansatz

22

3.1 Definition „Mem“

24

3.2 Mem-Persistenz

25

3.3 Verbreitung – Mem-Replikation

26

3.4 Einschätzung

29

4 Netzwerk-Modell

31

4.1 Grundlagen Netzwerke

31

4.2 Soziale Netzwerke

33

5 World Wide Web

37

5.1 Definition „Online“

37

5.2 Netzwerkinteraktion

40

5.3 Inhaltsrepräsentationen

46

5.4 Verbindung der Inhaltsrepräsentation

57

5.5 Einschätzung

73

6 Strategische Ansätze

76

6.1 Strategische Ebene

76

6.2 Strategische Ansätzpunkte epidemischer Kommunikation

80

7 Abschlussbetrachtung

88

7.1

Zusammenfassung

88

V

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1.I: Auszug Berechnungswerte SIR-Modell Beispielrechnung

11

Tabelle 2.I: Entwicklung des Bevölkerungsanteils der Online-Nutzer in Deutschland

17

Tabelle 6.1: Lizenzmodule Creative Commons Deutschland

120

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1.I: Kommunikationsprozess nach Shannon

4

Abbildung 1.II: Einfacher Verlauf einer epidemischen Ausbreitung nach SIR-Modell

9

Abbildung 1.III: Grafischer Verlauf Berechnungswerte SIR-Modell Beispielrechnung

12

Abbildung 4.I: Netzwerkstruktur

32

Abbildung 4.II: Netzwerkstruktur Soziales Netzwerk

33

Abbildung 4.III: Netzwerkbrücken und ihre Alternativverbindungen

35

Abbildung 5.I: Schichtenmodell TCP/IP-Referenzmodell

42

Abbildung 5.II: Relation Internet – World Wide Web – Soziales Netzwerk

44

Abbildung 5.III: Screenshot Anzeige Suchergebnisse der Suchmaschine Google

67

Abbildung 5.IV: Screenshot del.icio.us

70

Anhangverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

V

Tabellenverzeichnis

VI

Abbildungsverzeichnis

VI

Anhangverzeichnis

VI

Abkürzungsverzeichnis

VII

Literaturverzeichnis

IX

Glossar

XXXIV

Anhang A: Zahlenreihe SIR Beispielrechnung

XXXVII

Anhang B: Beispiel Mem Makro- und Mikrostruktur

XLIII

Anhang C: Hypertext-Code Grundelemente

XLIV

VI

Abkürzungsverzeichnis

CSS

Cascading Style Sheets

FTP

File Transfer Protocol

HTML

Hypertext Markup Language

HTTP

Hypertext Transfer Protocol

IM

Instant Messager

IP

Internet Protocol

SMTP

Simple Mail Transfer Protocol

TKP

Tausender-Kontakt-Preis

TCP

Transmission Control Protocol

UDP

User Datagram Protocol

URI

Unique Resource Identifier

URL

Unique Resource Locator

XHTML

Extensible Hypertext Markup Language

XML

Extensible Markup Language

WLAN

Wireless Local Area Netzwork

VII

Vorbetrachtung

Kommunikation findet immer mehr in der Online-Sphäre statt. Unternehmen, die erfolgreich Kommunikationsaussagen verbreiten wollen, sind deshalb gezwungen sich für diese Online-Ver- breitung den Ausbreitungsmechanismen des World Wide Web zu unterwerfen.

Welche Mechanismen dies sind, soll in dieser Arbeit untersucht werden. Wie der Titel der Arbeit bereits suggeriert, wird diese Untersuchung zentral von der Ausbreitungscharakteristik der Epide- mie getragen. Diesen Begriff gilt es demnach zu entwickeln und dessen strukturelle Bedingungen auf die Online-Sphäre zu übertragen.

Dabei wird der Begriff des „Netzwerkes" eine tragende Rolle spielen, da sowohl die Ausbreitung von Infektionskrankheiten, als auch die Vernetzung der Inhalte im World Wide Web einer Netz- werksystematik folgt.

VIII

1 Epidemische Kommunikation

Bevor diese Arbeit die Bedeutung, Funktionsweise und Hintergründe von epidemischen Kom- munikationsstrategien in der Online-Kommunikation von Unternehmen untersuchen kann, muss zunächst einmal definiert werden, was sich hinter den zentralen Begriffen „Epidemie“ und „Online“ und „Kommunikation“ verbirgt. Diese Definitionen werden im ersten Kapitel erfolgen. Lediglich die Definition des Begriffes „Online“ folgt erst in Kapitel 5, da dieser aufgrund technischer Details spezifiziert werden muss, die auf der vorhergehenden Argumentation aufbaut. Bis heute gibt es keine ganzheitlich akzeptierte Definition für Kommunikation. Abhängig von den mit einbezogenen Aspekten ändert sich das Wesen der Kommunikation sehr deutlich. Kom- munikation kann beispielsweise allein anhand der an ihr beteiligten Instanzen definiert werden.

Dies ist beispielsweise bei der Definition nach Claude Shannon der Fall, worauf im nächsten Ab- schnitt näher eingegangen wird. Dennoch blendet diese Sichtweise die Fragen nach den Beteilig- ten und den Kommunikationszielen aus. Da diese Fragen jedoch wichtig sind, wie im zweiten Kapitel „Informationsausbreitung“ noch spezifiziert wird, muss diese Arbeit einen Definitionsan- satz verfolgen, der auch auf diesen Punkt Bezug nimmt. Das Wort „Online“ impliziert darüber hinaus eine technikorientierte Perspektive. Folglich ist es wichtig, beide Bezugssphären definito- risch zu erfassen.Um begriffliche Verzerrungen oder Unschärfen auszuschließen, ist es notwendig in dieser Definition beide Teile klar voneinander abzugrenzen. Aus diesem Grunde werden zwei Definitionen parallel verwendet, deren Bezugsobjekte klar verschieden voneinander sind.

1.1 Definition „Kommunikation“

Begonnen werden soll mit der Definition von Kommunikation nach Gerhard Maletzke. Gerhard Maletzke ist einer der bedeutendsten deutschen Kommunikationswissenschaftler, der mit seiner Untersuchung von Massenkommunikation wichtige theoretische Grundlagen für die Medienfor- schung gelegt hat. Er war einer der ersten Wissenschaftler im deutschsprachigen Raum, die im 20. Jahrhundert versucht haben, den Begriff „Kommunikation“ wissenschaftlich zu erfassen. Im Rahmen seiner Untersuchungen beschäftigte er sich vor allem mit den Auswirkungen von Kom- munikation auf Menschen und ihre sozialen Systeme. Da dieser soziale Aspekt, wie bereits erwähnt, für den Fortgang der Arbeit eine hohe Bedeutung besitzt, ist Maletzkes Definition, auch wegen ihrer Einfachheit, geeignet. Darüber hinaus hatte die wissenschaftliche Arbeit von Maletz- ke ihren Schwerpunkt in der Betrachtung der Massenmedien. Das deren schwindender Einfluss die Argumentation dieser Arbeit beeinflusst, ist ein weiteres Argument für Maletzkes Definition.

1

Maletzke definiert Kommunikation 1 als „Bedeutungsvermittlung zwischen Lebewesen“. Diese Aussage erscheint zunächst radikal einfach. Sie impliziert jedoch gleich zwei wichtige Feststel- lungen. Erstens findet Kommunikation nur zwischen Lebewesen statt. Die Definition schließt so- mit von vornherein jegliche Form der Informationsübertragung zwischen technischen Installationen aus. 2 Die zweite wichtige Feststellung ist, das Kommunikation die Vermittlung von Bedeutungen ist. Somit sieht Maletzke Kommunikation nicht sinnfrei als reinen Bewegungsvor- gang von Informationen von einem Ort zum anderen, sondern durch einen von Interpretation geprägten Weiterreichungsprozess. 3 Wird der Begriff „Bedeutung“ genauer abgegrenzt, offenbart sich jedoch eine Unschärfe. Den Wortursprung hat der Begriff im Wort „deuten“, welches als Synonym von auffassen und interpretieren zu verstehen ist. Bereits im 19. Jahrhundert beschreibt der Sprachphilosoph Gottlob Frege, der mit seinen Konzepten zur Logik wichtige Grundlagen für die spätere Informatik erstellte 4 , den Begriff „Bedeutung“:

Laut Frege liegt die Bedeutung einer Sache jenseits eines eindeutigen Zeichens und dem mit ihm verwobenen Sinn 5 . Eine Bedeutung ist also immer an das Weltbild und damit den Interpreta- tionsrahmen gebunden, in den ein Lebewesen einen Gegenstand und seine Betrachtung einfügt 67 .

Damit kann ein identischer Gegenstand trotz gleicher Kommunikation für zwei verschiedene In- dividuen unterschiedliche Bedeutungen besitzen. Kommunikation ist also nach Maletzke stets von Subjektivität und der Einordnung des vermittelten Inhaltes in das geistige Gesamtkonzept des Empfängers geprägt. Von Kommunikation ist demnach in dieser Arbeit dann die Rede, wenn Menschen versuchen untereinander Inhalte zu vermitteln, die deren subjektiver Interpretation unterliegen. Auch wenn Maletzke mit seiner Definition andere Lebewesen nicht ausdrücklich ausschließt, erscheint eine Einschränkung auf den Menschen sinnvoll. Es kann davon ausge- gangen werden, dass sich Tiere oder Pflanzen nicht der technischen Hilfsmittel bedienen werden, auf die diese Arbeit ihren Schwerpunkt legt. Aus diesem Grunde soll auch im folgenden der Be- griff Individuum anstelle des Begriffes Lebewesen weiterverwendet werden. So bleibt die Frage nach der Rolle der Kommunikation innerhalb einer Unternehmung.

1 vgl. Maletzke, 1963, S. 18

2 vgl. Lersch, 1965, S. 53

3 vgl. Burkart, 2002, S. 20

4 vgl. von Kutschera, 1989, S. 1-4

5 vgl. Frege, 1892, S. 28

6 vgl. Klima, 1975, S. 724f.

7 vgl. Burkart, 2002, S. 20

2

Public Relations

Wenn Unternehmen kommunizieren, kann diesem Umstand mit zwei Fragen begegnet werden, die im Grunde eine Fortführung der eingangs erläuterten Problematik darstellen. Wer kommuni- ziert innerhalb des komplexen Konstrukts Unternehmen und was wird kommuniziert? Wenn Unternehmen kommunizieren wird dies in der Regel von einer speziellen Abteilung, der Public Relations (PR) oder auch Öffentlichkeitsarbeit, koordiniert. Da jedoch Unternehmen in verschie- denen Größen, Komplexitätsgraden und zu verschiedenen Zwecken existieren, ist es schwierig eine einheitliche Struktur einer solchen Abteilung zu beschreiben. Barbara Baerns hat als eine der ersten Kommunikationswissenschaftlerinnen im deutschen Sprachraum den Einfluss von Öffent- lichkeitsarbeit auf die Inhalte publizistischer Veröffentlichungen untersucht. Ihre Definition von Public Relations verfolgt einen intentionalen Ansatz, den sie mit den Worten „Selbstdarstellung partikulärer Interessen durch Information“ 8 beschreibt. Die PR-Abteilung hat demnach die Auf- gabe die Interessen des Unternehmens nach außen hin zu vertreten. Sie muss die Meinung derer beeinflussen, die für den Erfolg des Unternehmens von zentraler Bedeutung sind und die dafür notwendigen kommunikativen Schritte konzipieren und umsetzen. 9 Es liegt also auch im Auf- gabenbereich dieser Abteilung über das Kommunikationsumfeld zu urteilen und die hierfür not- wendigen optimalen Maßnahmen zu konzipieren und umzusetzen. Sie ist, mit Bezug auf Maletzke, der Ort in der Unternehmung, an dem die Bedeutungsvermittlung aus der Perspektive des Unternehmens vorbereitet und anschließend auch umgesetzt wird. Diese Umsetzung wird je- doch erst dadurch ermöglicht, indem Kommunikationsinhalte über technische Systeme über- tragen werden. Damit auch dieser Teil des Kommunikationsprozesses für die Ausführungen dieser Arbeit greifbarer wird, wird er im nächsten Abschnitt definitorisch umrissen.

1.2 Definition Technische Übertragung

Wie eingangs erwähnt, gibt es eine Vielzahl von definitorischen Ansätzen bezüglich des Begriffes der Kommunikation. Um die Abgrenzung zwischen sozialer Sphäre, die als Bedeutungsvermitt- lung definiert wurde und technologischer Informationsübermittlung zu ermöglichen, soll eine zweite Definiton von Claude Shannon zum Begriff der Kommunikation, herangezogen werden. Diese widmet sich ausschließlich der Übertragung von Informationen innerhalb von technischen Systemen. Claude Shannon war Professor am M.I.T. 10 und hat mit seiner Arbeit „A Mathemati- cal Theory of Communication“ die technische Übertragung von Informationen als erster auf ein

8 Baerns, 1991, S. 16

9 Haywood, 2005, S. 22

10 Massachusetts Institute of Technology

3

mathematisches Modell gestellt. Mit dieser Definition gelang es technisch bedingten Über- tragungsverlusten von Informationen durch mathematische Optimierungen zu begegnen. 11 Da diese Verluste jedoch für die Ausführungen dieser Arbeit nicht von Belang sind, kann das mathe- matische Modell von Shannon an dieser Stelle vernachlässigt werden. Wichtiger ist die technische Strukturierung des Kommunikationsprozesses zu untersuchen. Durch diese gelingt es, einzelne Schritte der Kommunikation klarer gegeneinander abzugrenzen. Shannon strukturiert1 den Kommunikationsprozess wie folgt:

„The fundamental problem of communication is that of reproducing at one point either exactly or approximately a message selected at another point.“ 12

Zunächst erzeugt eine Informationsquelle eine zu übertragende Information. Diese wird dann durch einen Überträger für eine Übertragung vorbereitet und technisch in das dafür notwendige Format gebracht. Dies ist notwendig, da nur in dieser Form eine Weiterleitung über einen Über- tragungskanal überhaupt möglich ist. Nach der Übertragung wandelt ein technischer Empfänger die Informationen von ihrer Übertragungsform wieder in ihre Gebrauchsform zurück und liefert sie am Bestimmungsort aus.

zurück und liefert sie am Bestimmungsort aus. Abbildung 1.I : Kommunikationsprozess nach Shannon. 1 3

Abbildung 1.I: Kommunikationsprozess nach Shannon. 13

Wird diese Definition exemplarisch auf den in Kapitel 4 entwickelten Übertragungsprozess im World Wide Web angewandt, so lässt sich das Beispiel konstruieren, dass der Web-Server [Der

Web-Server ist im engeren Sinn nur für die Anwendungsschicht (http-Anfragen,

Die Übertragung wird durch das Betriebssystem gesteuert, welches auf einem Server läuft.] die In-

) zuständig.

11 vgl. Shannon, 1948, S. 2

12 Shannon, 1948, S. 1

13 Shannon, 1948, S. 2, Abbildung 1

4

halte der Web-Seite gemäß dem TCP 14 -Protokoll [Transmission Control Protocol-Protokoll] [TCP ist nur für Routing zuständig, also die tatsächliche Übertragung – Die Strukturierung der Informationen in Packete wird durch das Internet Protocol (IP) festgelegt.] strukturiert und dann über das technische Netzwerk des Internets (Kanal) zum Computer (Zielort) des Web-Nutzers überträgt. Anschließend sorgt der Web-Browser (Empfänger) für eine Rückwandlung der zur Übertragung strukturierten Informationen (Hypertext, siehe auch Kapitel 5) in eine für den Web-Nutzer, also ein Individuum, nutzbare Struktur von Inhalten.Wichtig ist in Shannons De- finition für die Argumentation dieser Arbeit, dass das gewählte Informationsziel, nicht notwen- digerweise ein Lebewesen sein muss. Er stellt fest, dass Informationen immer auch Teil eines physischen oder konzeptionalen Gebildes sind, in dem sie erst ihren Gebrauchswert erlangen. Diesen Aspekt misst er jedoch für seine Strukturierung keinerlei Bedeutung zu. So heißt es in sei- nem Werk:

„Frequently the messages have meaning; that is they refer to or are correlated ac- cording to some system with certain physical or conceptual entities. These semantic aspects of communication are irrelevant to the engineering problem.“ 15

In diesem Punkt stehen sich demnach die Kommunikationsdefinition von Shannon und Maletz- ke konträr gegenüber. Dies stellt die Argumentation vor ein bereits beschriebenes Problem. So sinnvoll beide für sich genommen erscheinen mögen, definieren sie doch ein und denselben Be- griff, schließen sich gleichzeitig jedoch auch aus. Da in diesem Zustand keine klare Argumentati- on geführt werden kann, wird in dieser Arbeit der Begriff Kommunikation der Definition Maletzkes folgen und der Begriff der technischen Übertragung der Definition von Shannon. Es lässt sich also zusammenfassend sagen, dass diese Arbeit die Vermittlung von Bedeutungen zwi- schen Lebewesen untersuchen wird. Die Bedeutungen breiten sich in Form von Inhalten online aus, was noch spezifiziert wird. Dabei wird der initiierende Kommunikator das Wirtschaftsunter- nehmen sein.

Das die Online-Ausbreitung von Inhalten nach epidemischen Muster erfolgt, wird dabei in Kapi- tel 4 Ausbreitung in Netzwerken strukturell hergeleitet und in Kapitel 5 auf das World Wide Web angewandt. Bevor dies erfolgen kann, muss demnach der Begriff der „Epidemie“ definiert werden.

14 Abkürzung für „Transmission Control Protocol“ welches die Datenstrukturierung für eine Übertragung in einem Computernetzwerk z. B. im Internet vorgibt. Es ist nicht die einzige Strukturierungsvorschrift, sie soll an dieser Stelle jedoch beispielhaft genannt werden.

15 Shannon, 1948, S. 1

5

1.3 Epidemischer Ansatz

Um nachvollziehbar zu machen, was der Begriff „epidemisch“ beschreibt, wird dieser zuerst anhand seines Wortursprungs skizziert und anschließend sein zentrales Element, die epidemische Ausbreitungscharakteristik, genauer untersucht.

1.3.1 Etymologische Herleitung Epidemie

Der Begriff „Epidemie“ besteht aus dem altgriechischem Wort „demos“1, dem der Präfix „epi-“ 16 vorangestellt ist. „Demos“ 17 steht für den Begriff „Volk“, der im deutschen Sprachraum, oft mit dem Rechtsraum eines Staates gleichgesetzt wird 18 . Im historischen Zusammenhang betrachtet, ist diese Aussage jedoch nicht exakt. Der Begriff weist seiner ursprünglichen Bedeutung nach auf ein durch Individuen geprägtes Gefüge hin. So definiert Meyers Lexikon den Begriff „Volk“ als eine „durch gemeinsames kulturelles Erbe und historisches Schicksal gekennzeichnete Lebensgemein- schaft von Menschen“. 19

Der Präfix „epi-“ läßt sich hingegen nicht eindeutig übersetzen. Sinngemäß beschreibt er einen räumlichen oder zeitlichen Zusammenhang mit dem Wort auf das er sich bezieht. Im Falle von „Epi-demie“ also in etwa „am Volk“ oder „beim Volk“. Damit wird ersichtlich, worauf sich der Begriff Epidemie im Ganzen wiederum bezieht – auf einen Mechanismus, der unmittelbar mit einer Gruppe von Menschen verbunden ist, die in irgend einer Art und Weise in einem Zu- sammenhang miteinander stehen. 20 Epidemische Kommunikation muss sich demzufolge auf eine Struktur beziehen, die dieser durch das Wort „Volk“ beschriebenen Struktur nahekommt und Analogien zuläßt.

1.3.2 Definition „Epidemie“

Nachdem der etymologische Ursprung des Wortes vorgestellt wurde, soll eine wissenschaftliche Herleitung den Begriff eingrenzen helfen. Dabei gilt es vorab festzustellen, dass sich der Begriff „Epidemie“ nicht primär auf eine bestimmte Krankheit und deren Ausbreitung bezieht. Vielmehr ist es das Ausbreitungsmuster selbst mit seiner speziellen Charakteristik, welches im Mittelpunkt der Herleitung steht. 21 Aus diesem Grund ist eine definitorische Erfassung des Begriffes weniger

16 In griechischer Schreibweise: πί.

17 In griechischer Schreibweise: δήμος.

18 Zum Beispiel in der Präambel des deutschen Grundgesetzes. (vgl. GG, Präambel)

19 Zitat Eintrag „Volk“ aus Meyers Lexikon, 1996

20 vgl. Timmreck, 2002, S. 2-3

21 vgl. Timmreck, 2002, S. 3f.

6

im Bereich der klassischen Medizin zu suchen, sondern findet sich in der Seuchensoziologie wieder. Diese stellt in der Regel eine Beziehung zwischen Krankheiten und deren Verbreitung in gesellschaftlichen Segmenten her, um Präventionsstrategien wie Impfungen effektiv zu gestalten. Die allgemeine Definition von Epidemie aus dieser Perspektive lautet:

„Epidemie ist der Ausbruch oder das Auftreten einer bestimmten Krankheit von einer einzigen Quelle in einer Gruppe, Bevölkerungsteil, Community oder geografischem Gebiet in einem Übermaß des zu Erwartenden“ 22

Erstens einer bestimmten Krankheit, die sich ausbreitet oder vereinfacht das WAS, welches sich verbreitet. Zweitens dem Ort an dem die Epidemie auftritt oder dem WO der Verbreitung. Dabei ist es bemerkenswert, dass die wissenschaftliche Definition diesen Ort, analog der etymolo- gischen Herleitung, als geografisch oder sozial begrenzte Personengruppe kennzeichnet. Der dritte Punkt behandelt die Art und Weise, das WIE, der Ausbreitung.

Dieser Punkt ist dabei bemerkenswert, weil er nicht in einer neutralen Darstellung folgt, sondern einen subtil wertenden Charakter besitzt. „Übermaß des zu Erwartenden“ deutet nämlich nicht nur auf eine gewisse Massivität hin, sondern auch darauf, dass diese Massivität vorab objektiv schwer einzuschätzen ist. Werden diese drei Kriterien im Anbetracht ihrer Relevanz auf diese Arbeit betrachtet, lassen sich folgende Aussagen treffen:

Das WAS, die Krankheit, wird im Falle epidemischer Kommunikationsansätze mit den Inhalten der Kommunikation, substituiert. 23 Auf diese Substitution wird in Kapitel 5 in der Herleitung von Kommunikation als symbolischer Interaktionismus genauer Bezug genommen.Bleibt ab- schließend das WIE der Ausbreitung einzuordnen. Auch bei epidemischen Kommunikationsan- sätzen geht es folglich um Ausbreitungscharakteristiken, hier jedoch der von Kommunikationsinhalten, die wie noch hergeleitet wird, sowohl inhaltlichen, als auch technischen Gesetzmäßigkeiten unterliegt. 24 Das WO ist in diesem Fall die Online-Sphäre, die in Kapitel 5 auf den Begriff des „World Wide Web“ spezifiziert wird. Damit jedoch eine Analogie zwischen dem World Wide Web und dem Begriff der „Gruppe“ aus der krankheitsorientierten Definition möglich wird, wird letzterer Begriff in Kapitel 4 zunächst in eine netzwerktheoretische Perspektive gebracht. Bevor diese Argumentation schlüssig erfolgen kann, soll das Ausbreitungs- muster der Epidemie näher erläutert werden.

22 vgl. Timmreck, 2002, S. 4

23 vgl. Langner, 2005, S. 25f.

24 vgl. Langner, 2005, S. 35

7

1.3.2.1 SIR-Modell

Das SIR-Modell wurde 1927 von Kermack und McKendrick erstmals vorgestellt und ist eines der grundlegenden mathematischen Modelle, welches die Ausbruchscharakteristik von Epidemien zu erfassen versucht. Wie bereits durch die historisch orientierte Betrachtung des Begriffes Epidemie hergeleitet wurde, ist das Ausbreitungsobjekt klassischer epidemischer Modelle, das von Infek- tionskrankheiten. 25 Das SIR-Modell geht von drei Grundzuständen aus, die ein möglicher Über- träger einer Infektion dieser gegenüber einnehmen kann. Es operiert mit diesen als mathematischen Variablen innerhalb einer vorher definierten Anzahl von Individuen. Das Modell kann dabei in seiner Komplexität ausgehend von den drei Grundvariablen S, I und R beliebig gesteigert werden, je nachdem welche Umweltfaktoren zusätzlich in die Beispielreich- nung einfließen. 26 In einfachen Berechnungen wie im folgenden Beispiel, werden externe Fakto- ren völlig ausgeblendet. Dies erfolgt beispielsweise in dem die Geburten- und die Sterberate nominal übereinstimmen. Auch findet eine Änderung dieser Werte im Laufe der Zeit nicht statt. Dadurch gibt es weder ein Zuwachs noch eine Abnahme in der Gesamtzahl der untersuchten Per- sonengruppe, was die mathematische Modellierung zusätzlich vereinfacht. Die Variablen selbst richten sich wie eingangs erwähnt nach dem Zustand, den ein Individuum bezüglich einer mögli- chen Infektion einnehmen kann und werden gegenüber der zeitlichen Veränderung untersucht.

Der erste Zustand (Variable) eines Individuums ist es, empfänglich für eine Infektion zu sein. Dieser Zustand wird in der englischen Sprache als susceptible bezeichnet, weshalb die dazugehö- rige Variable S(t) bezeichnet wird. Das t deutet darauf hin, dass dieser Zustand zu verschiedenen Zeitpunkten verschiedene Werte einnehmen kann. Der zweite Zustand und damit die zweite Va- riable ist der Zustand infected, also infiziert, weshalb er I(t) benannt wird. Wichtig ist es anzu- merken, dass ein infiziertes Individuum ansteckend auf andere Individuen wirkt und damit das Ausbreitungsobjekt repliziert. Der dritte Zustand ist geheilt, englisch recovered, und damit R(t) 27 . Alle drei Variablen sind wie bereits erwähnt von der Zeit abhängig, die hier üblicherweise in Tagen angegeben wird. Es ergeben sich somit drei Variablen, um den Zustand einer Epidemie zu einem beliebigen Zeitpunkt zu beschreiben.

S = S(t)

absolute Anzahl der empfänglichen Individuen

I = I(t)

absolute Anzahl der infizierten Individuen

R = R(t)

absolute Anzahl der geheilten Individuen

25 vgl. Kermack, McKendrick, 1927

26 vgl. Smith, Moore, 2001

27 R kann auch für „removed“ stehen. (vgl. Pätzold; Hubski, 2004, S. 4)

8

Abbildung 1.II : Einfacher Verlauf einer epide mischen Ausbreitung nach SIR-Modell. (Zu Beginn 1 Infizierten,

Abbildung 1.II: Einfacher Verlauf einer epidemischen Ausbreitung nach SIR-Modell. (Zu Beginn 1 Infizierten, 19 Empfänglichen, Heilung vernachlässigt.)

Um die Variablen in ein Verhältnis setzten zu können, wird die gesamte Menge potentiell infi- zierbarer Menschen (Gesamtbevölkerung) N benötigt. N ist konstant, da weder Menschen wie be- reits vorausgesetzt „wegsterben“ oder hinzu geboren werden. Es sind nur Zustandsveränderungen möglich, wenn zum Beispiel ein Empfänglicher sich infiziert oder ein Infizierter geheilt wird.

Es ist bei dieser einfachen Modellierung offensichtlich, dass die Komplexität des Modells steigerbar wäre, wenn beispielsweise Empfängliche immunisiert würden. Es ergeben sich somit die Variablen s(t), i(t) und r(t) in einem Differentialgleichungssystem:

9

s(t) = S(t)/N

Anteil der empfänglichen Individuen an der Gesamtbevölkerung

i(t) = I(t)/N

Anteil der infizierten Individuen an der Gesamtbevölkerung

r(t) = R(t)/N

Anteil der geheilten Individuen an der Gesamtbevölkerung

Zur Vereinfachung sind zwei weitere Annahmen nötig. Die Veränderung der Anzahl der Emp- fänglichen – S(t) – hängt von drei Dingen ab. Erstens von der Anzahl der bereits Empfänglichen, zweitens von der Anzahl der Infizierten und drittens von der Menge der Kontakte zwischen Emp- fänglichen und Infizierten.

Die erste Annahme geht davon aus, dass jeder Infizierte eine feste Anzahl an Kontakten pro Tag – b – hat. Wenn desweiteren eine homogene Zusammensetzung der Bevölkerung vor- ausgesetzt wird, ist der Teil dieser Kontakte, der mit Empfänglichen stattfindet, genau s(t).

Damit ergibt sich die Aussage, dass jeder Infizierte b s(t) neue Infizierte pro Tag generiert. Die zweite Annahme geht davon aus, dass eine fester Anteil – k – der Infizierten pro Tag geheilt wird. Damit verliert dieser Teil auch wieder seine ansteckende Wirkung. Daraus folgt mathematisch (das d steht hier für das Differential):

ds/dt = -b*s(t)*i(t)

dr/dt = k*i(t)

di/dt = b*s(t)*i(t) – k*i(t)

Berechnung der Empfänglichen

Berechnung der Geheilten

Berechnung der Infizierten

Es folgt eine Beispielrechnung. Die Werte sind dabei völlig willkürlich gewählt und sollen nur das grundlegende Verhalten der Funktionen gegeneinander zeigen. Begonnen wird mit der Annahme, dass eine Menschengruppe von 8 Millionen Menschen untersucht werden soll. In dieser beginnen zehn Infizierte die anderen anzustecken.

Die Ansteckungszahl liegt bei 2 Neuansteckungen pro Infiziertem. Die Dauer der Infektion be- trägt 3 Tage und jeder Infizierte macht aller 2 Tage einen infizierenden Kontakt. Zu Beginn gibt es logischerweise keine Geheilten.

10

Daraus ergeben sich folgende Werte:

s(0) = 1

es sind potentiell 100% der Bevölkerung empfänglich 28

i(0) = 0,00000125

jeder 800.000 ist zu Beginn infiziert

r(0) = 0

der geheilte Bevölkerungsanteil ist zu Beginn 0

k = 1/3

1 Heilung pro 3 Tagen

b = 1/2

1 Ansteckung pro 2 Tagen

t in Tagen

S(t)*

R(t)*

I(t)*

0.0

100,0

00,00

0,00

30

97,45

01,71

0,83

40

91,43

05,95

2,61

50

83,85

11,70

4,43

60

73,48

20,48

6,03

65

67,96

25,66

6,37

66,5

66,35

27,26

6,38

70

62,74

30,97

6,28

80

54,23

40,65

5,11

90

48,65

47,87

3,47

100

45,37

52,52

2,10

110

43,54

55,25

1,19

140

41,75

58,05

0,18

Tabelle 1.I: Auszug Berechnungswerte SIR-Modell Beispielrechnung. 29

28 Der Wert wurde aufgerundet.

29 Vollständige Berechnungswerte siehe Anhang A; * Prozent der Gesamtpopulation, Maximalwerte gefettet.

11

Abbildung 1.III : Grafischer Verlauf Bere chnungswerte SIR-Modell Beispielrechnung 3 0 . Wird der graphische

Abbildung 1.III: Grafischer Verlauf Berechnungswerte SIR-Modell Beispielrechnung 30 .

Wird der graphische Verlauf der einzelnen Funktionen betrachtet, können folgende Aussagen ge- troffen werden, die für die weitere Argumentation dieser Arbeit von Bedeutung sind. So erschließt sich, dass von der Epidemie fast 60% der Bevölkerung betroffen waren [da sie geheilt sind – r(t)]. Mehr als die Hälfte wird zwischenzeitlich infiziert und wechselt somit den Zustand von empfänglich auf geheilt. Diese Zahl steht in einem scheinbaren Missverhältnis zu dem Um- stand, dass selbst zum Zeitpunkt der maximalen infektiösen Ausbreitung nur rund 6% der Be- völkerung gleichzeitig infiziert waren. Es zeigt sich also, das der anteilige Unterschied zwischen den Infizierten und den von der Infektion Gefährdeten sehr groß ist. Dieses subjektive Ungleich- gewicht unterstützt damit die diskutierte Formulierung „Übermaß des zu Erwartenden“. 31 Eben- so wichtig ist der Zeitpunkt des stärksten Infektionsausbruches. Dieser liegt etwa bei 66 Tagen.

Es scheint also einen kritischen Punkt zu geben, an dem die Zahl der Infizierten wesentlich stär- ker zunimmt, als dies bis dahin der Fall war. Aussagen über diesen Punkt zu treffen, wären jedoch aufgrund der Einfachheit des Berechnungsbeispieles willkürlich. 32 Einerseits, weil die Werte belie-

30 Vollständige Berechnungswerte siehe Anhang A.

31 vgl. S. 10

32 vgl. Castillo-Chavez, 2003, S. 2877

12

big gewählt worden sind und andererseits weil jede Form von komplexitätssteigernden Einflüssen, wie beispielsweise externen Umweltfaktore, vernachlässigt wurden, die bei einer Berücksichtung in der Berechnung diese in der Komplexität erheblich steigern würden. Vereinfacht lässt sich trotzdem sagen, dass die Epidemie umso später ausbricht, je näher die Zahl der Ansteckungen und der Heilungen beieinander liegen. Besteht ein starkes Ungleichgewicht zwischen beiden (sprich b ist deutlich größer als k), erfährt die Epidemie bereits direkt nach der ersten Infektion einen rasanten Ausbreitungszuwachs und damit verbunden auch eine schnellere Ausbreitung. Ist k jedoch deutlich größer als g, kommt es zu gar keiner Epidemie. Vereinfacht lässt sich sagen, dass in diesem Fall die Zahl der Individuen, die vom Heilungsprozess erfasst werden und dadurch für eine Infektion potentiell nicht weiter zur Verfügung stünden, durch die subtraktive Wirkung des Heilungsprozesses bereits im Vorfeld extrem minimiert oder gar auf 0 reduziert würden.

1.3.2.2 Einschätzung

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Anzahl an Kontakten pro Tag zwischen Infizierbaren und Infizierten entscheidend bei einer epidemischen Ausbreitung ist. 33 Je höher diese Anzahl ist, desto schneller nimmt die Zahl der infizierten Individuen zu und desto schneller findet eine Aus- breitung im Bezugssystem der Epidemie statt. Es gilt also in dieser Arbeit zu hinterfragen, welche inhaltlichen und technischen Bestandteile der Kommunikation geeignet sind durch einen anste- ckenden Charakter repliziert zu werden. Dies gilt es vor dem Hintergrund zu fragen, welche Strukturen im Bezugssystem des World Wide Web wiederum in Frage kommen, als mögliche Träger dieser zu replizierenden Informationseinheiten zu fungieren. Als Vorgriff auf das Kapitel 5 sei an dieser Stelle angemerkt, das diese Arbeit auf eine mathematische Modellierung verzichten wird. Dies liegt einerseits in der Nichterfassbarkeit des Gesamtsystems des World Wide Web be- gründet und dessen hoher funktioneller und struktureller Unbeständigkeit im Zeitablauf. 34

Ein mathematisches Modell besäße demnach eine hohe Komplexität und wäre trotzdem nicht in der Lage exakte Ergebnisse zu liefern, da dessen Variablen eine unzureichende Beschreibung des IST-Zustandes wären. Da beides ein solches Modell somit nicht praktikabel macht, steht der Auf- wand in keinem Verhältnis zu einem erreichbaren Nutzen.Dennoch sollte der Kommunikator, der online im World Wide Web Inhalte platzieren möchte, mit den Grundlagen der Ausbreitung in einem solchen System vertraut sein. Wie im nächsten Kapitel ausgeführt wird, wird die Rolle des World Wide Web aus einer strategischen Perspektive für die Unternehmen zunehmen, da so- wohl die Massenmedien im Niedergang begriffen sind, als auch jüngere Generationen stärker mit dem World Wide Web sozialisiert werden, was sich bereits heute in den Nutzungszahlen nie- derschlägt.

33 vgl. Castillo-Chavez, 2003, S. 2877

34 vgl. Barabási et al., 2000, S. 70

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2 Erosion der Massenmedien

Bevor der Niedergang der Massenmedien skizziert wird, soll zunächst geklärt werden, was unter dem Begriff Massenmedien bzw. Massenkommunikation eigentlich zu verstehen ist. Der Zeit- punkt des erstmaligen Auftretens von „Massenmedien“ kann dabei nicht punktuell benannt werden. Für den Druckbereich könnten beispielsweise schon mittelalterliche Druckerzeugnisse als Massenmedien gelten, da bereits hier erstmalig Publikationen entstanden, die inhaltlich von Ein- zelnen geschrieben, sich wiederum an eine deutlich größere Zahl von Rezipienten richteten. Ge- nauso kann das Argument geltend gemacht werden, dass erst mit der elektronischen Übertragung, also den ersten Radioübertragungen in den 1920er Jahren in den USA und Europa das massen- mediale Zeitalter anbrach. Hierfür spricht die veränderte Kostenstruktur der Informationsüber- tragung. Bei der Printpublikation gab es beispielsweise ein Zweiteilung in fixe Vorlaufkosten für die Druckvorlagen und Kosten je zusätzlich gedrucktem Medium für Papier, Farbe und Distribu- tion. Auch wenn mit zunehmender Auflage diese Kosten pro zusätzlichem Medium sanken, war eine höhere Anzahl an Rezipienten immer auch mit höheren Kosten verbunden. Mit der elektronischen Übertragung änderte sich dies grundlegend.Durch die Radioübertragung wurde es möglich, statt einem auch tausend Menschen mit demselben Programm zu erreichen, ohne das zusätzliche Kosten je Zuhörer entstanden.

Es ist jedoch egal, ob nun die Printpublikation oder die elektronische Übertragung als identitätss- tiftendes Merkmal für Massenmedien betrachtet wird. Dem nach Shannons Kommunikations- modell skizziertem technischem Übertragungsweg folgen die Massenmedien ebenso. Eine Sonderstellung nehmen diese nur in der Hinsicht ein, dass eine geringe Zahl an Informations- quellen eine extrem hohe Zahl an Zielorten mit Informationen versorgen. 35 Trotzdem verfügt der Begriff „Massenkommunikation“ bis heute über keine breite wissenschaftlich akzeptierte Definiti- on. 36 Schon der Wortursprung kann vom Betrachter als irreführend empfunden werden.

Laut Burkhart ist der Begriff ein Lehnwort aus dem Englischen und stammt vom Begriff „Mass Media“ ab. Dies ist bemerkenswert, da das englische Wort „Mass“ hier nicht die Bedeutung des deutschen Begriffes „Masse“, den beispielsweise Massenpsychologen wie Le Bon oder Hofstätter skizzieren, besitzt. 37 Auch wenn sich deren Kriterien der „Masse“ bezüglich der Anzahl der Indivi- duen unterscheiden, die sich in ihr bewegen – Hofstätter sieht die Masse eher als gruppendyna- misch geprägten Prozess 38 , Le Bon eher als amorphe Interaktion vieler Individuen in einem handelnden Konstrukt 39 – so eint sie doch ein Verständnisansatz. Der Mensch legt in der

35 vgl. Burkart, 2002, S. 171

36 vgl. Burkart, 2002, S. 172

37 vgl. Burkart, 2002, S. 167f.

38 vgl. Hofstätter, 1971, S. 21ff.

39 vgl. Le Bon, 1895

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Anwesenheit anderer ein verändertes Verhalten an den Tag. Dieses funktionelle Verständnis einer Masse gilt bei den Massenmedien jedoch ausdrücklich nicht. 40 Bei Massenkommunikation ist die Masse nicht eine einzige ortsidentische Masse, in der das Individuum mehr oder weniger im Kollektiv aufgeht. Beim Begriff Massenmedium definiert das Wort Masse eine große Anzahl Re- zipienten für die kommunizierten Inhalte. 41 Über die Umstände wie diese Rezipienten in einem Massenkommunikationsprozess zueinander stehen, offenbart dieser Begriff nichts.

2.1.1 Massenmediales Kommunikationsmodell nach Maletzke

Wie festgestellt wurde, ist der Begriff Massenmedium selbst schwer zu definieren. Unabhängig davon hat Maletzke den Begriff des massenmedialen Publikums entworfen, der auf dessen Inter- aktionmuster Bezug nimmt. Gerade weil Maletzke im massenmedialen Publikum keine Masse sieht, gibt es für ihn keinerlei für eine Masse typischen Erscheinungen. So kennzeichnet Maletz- ke 42 , dass es keinerlei soziale Beziehung zwischen Sender und Empfänger einer Botschaft in einem massenmedialen Kommunikationsprozess gibt. Der Kommunikator kann schon technisch be- gründet nicht direkt mit dem Empfänger kommunizieren. Gleichzeitig ist der Rezipient dem Kommunikator persönlich unbekannt 43 . Diese Umstände wurden von Maletzke in seiner Defini- tion des massenmedialen Publikums im Begriff dispers 44 verdichtet. Das disperse Publikum ist laut Maletzke ein Publikum, welches aus Individuen und kleinen Gruppen besteht, die sich gleichzeitig einer massenmedialen Aussage zuwenden. Dabei ist besonders hervorzuheben, dass Maletzke dieses Publikum ausdrücklich als nicht überdauerndes soziales Gebilde ausmacht. 45

40 vgl. Burkart, 2002, S. 168

41 vgl. Silbermann, 1969, S. 673

42 vgl. Wright, 1963, S. 11 ff.

43 vgl. Müller, 1970, S. 2.

44 vgl. Maletzke, 1963, S. 28f.

45 vgl. Maletzke, 1963, S. 28

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Er schließt sämtliche Strukturierungsprozesse, wie zum Beispiel soziale Interaktion in Communi- ties, aus. So gibt es keinerlei Rollenspezialisierungen der Einzelpersonen, keine Entwicklung von Konventionen und Traditionen die übergreifend bei Mitgliedern des sozialen Gebildes bestehen würden, keine Entwicklung von Riten und Verhaltensregeln und keine Entstehung von Institu- tionen 46 . Das bedeutendste Phänomen dieser Struktur war und ist das sogenannte Blockbuster- Paradigma 47 , welches einen selbstverstärkenden Effekt der medialen Aufmerksamkeit bezeichnet. Populäre Produkte erhalten zusätzliche verstärkte Aufmerksamkeit, was wiederum in einer Sog- wirkung dazu führt, dass sehr wenige, extrem populäre Medienobjekte entstehen, während gleichzeitig eine große Masse an Nischeninhalten unter Ausschluss der öffentlichen Wahrneh- mung existiert. Als Beispiel läßt sich die Zahl der Veröffentlichungen von Filmen pro Jahr anfüh- ren und der geringe prozentuale Anteil dieser, die es aufgrund ihrer kommerziellen Perspektive schaffen in Kinos vorgeführt zu werden. 48

2.1.2 Demografischer Faktor

Der 11. September 2001 gilt aufgrund der Terroranschläge in New York (USA) symbolisch als Tag des Zusammenbruchs der New Economy und mit ihm verbunden der Beginn einer großen Medien- und Werbekrise 49 . Die Statistiken stützen solche Behauptungen jedoch nicht. In den USA gab es seit Beginn der 1990er Jahre starke Rückgänge in der Nutzung von Radio, Fernsehen und Printangeboten. Gleichzeitig legte der Online-Sektor im selben Zeitraum stark zu. So sank der Anteil derer, die angaben 50 , ihre Nachrichten primär aus den Massenmedien zu beziehen zwi- schen 1993 und 2007 kontinuierlich um 15 und 20 Prozent. Währendessen konnten Zuwächse in der gleichen Größenordung für den Online-Sektor verbucht werden. Langzeitstudien wie TimeBudget 51 oder die IBM Medienstudie 52 bestätigen dieses Bild für Deutschland in ähnlichen Dimensionen. So nahm gemäß einer TNS-Infratest-Studie die Online-Nutzung in der Gesamt- bevölkerung von Deutschland in den letzten 6 Jahren im arithmetischen Mittel um 4% zu.

46 vgl. Hillary, 1955, S. 115ff.

47 vgl. Anderson, 2006

48 vgl. Public Broadcasting Service, 2005

49 vgl. Langenstein, 2002

50 Zahlen zitiert aus Studie Pew Research Center Biennial News Consumption Survey, 2006

51 Studie SevenOneMedia: TimeBudget 12

52 IBM Medienstudie 2005

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Jahr

Online-Nutzer 53

Änderung Vorjahr

2001

37%

2002

42%

+ 5%

2003

50%

+ 8%

2004

53%

+ 3%

2005

55%

+ 2%

2006

58%

+ 3%

Tabelle 2.I: Entwicklung des Bevölkerungsanteils der Online-Nutzer in Deutschland.

Gleichzeitig gibt es eine starke Konzentration der Nutzung in demografischen Merkmalsklassen wie akademischer Bildung und Altersgruppen unter 35 Jahren. So waren 97,3% der 14-19 jäh- rigen Gesamtbevölkerung im Jahr 2006 online aktiv. In der Altersgruppe der 20-29 jährigen waren es 87,3% der Bevölkerung. Gleichzeitig nutzten im selben Jahr bereits 83,6% aller Akade- miker Online-Angebote im Vergleich zu 37,4% aller Haupt- und Volksschüler diese aufgriffen. 54 Bei der Betrachtung der Nutzungszahlen der jungen Bevölkerungsanteile gemessen an der Ge- samtbevölkerung, offenbart sich, dass die nachwachsenden Generationen das Online-Medium zentral nutzen und nutzen werden. Die Frage, ob die Online-Sphäre dabei die massenmediale vollständig substituieren wird, kann noch nicht abschließend beantwortet werden. Allerdings hat bereits eine massive Wirkung durch sie auf die öffentliche Wahrnehmung stattgefunden, auf die im nächsten Abschnitt eingegangen wird. Abschließend sei als kritische Abgrenzung angemerkt, dass generell alle referenzierten Studien den von ihnen verfolgten Begriff „Online“ nicht auf die ausschließliche Nutzung des World Wide Web beziehen, wie der Ansatz dieser Arbeit gemäß der definitorischen Abgrenzung in Kapitel 5.

53 Anteil der Gesamtbevölkerung in Deutschland. Daten aus TNS Infratest, 2006, S. 10. Diese Studie wird vom Bundestministerium für Wirtschaft und Technologie gefördert und jährlich seit 2001 erhoben. Diese Zahlen werden von der ARD/ZDF-Online-Studie (vgl. Gerhards; Mende, 2006, S. 417) bestätigt, die ebenfalls jährlich erhoben wird.

54 Daten zitiert aus Gerhards; Mende, 2006, S. 417.

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2.1.3 Niedergang der massenmedialen Struktur am Beispiel der Musikindustrie

Mit dem Nutzungsrückgang der Massenmedien ist eine Veränderung der Kommunikations- wirkung auf die Breite der Rezipienten zu verzeichnen. Dies läßt sich besonders gut an Ge- schäftsmodellen beobachten, deren Erfolg fundamental an die kommunikative Wirkung der Massenmedien gebunden ist. So zeigt das Beispiel des Niedergangs des klassischen Musikge- schäfts 55 , dass diese in dieser Arbeit skizzierte Veränderung der Kommunikationlandschaft teil- weise bereits statt gefunden hat. Es darf spekuliert werden, dass der Grund für diese Ausprägungsdifferenzen in verschiedenen Gesellschafts- und Geschäftsbereichen in der existenten Verzahnung mit der Kommunikationstruktur der Massenmedien begründet liegt. Trotzdem stellt sich im Detail die Frage, warum es besonders die Musikindustrie war, die als erste vom Verlust des Kommunikationsmonopols durch die Online-Sphäre betroffen war? Das klassische Geschäfts- modell der Musikindustrie besteht im Aufbau und der Bewerbung von Stars in den Massenmedi- en und der monetären Abschöpfung dieser Popularität durch den Verkauf von Musik im Einzelhandel.

Im Zeitalter, in denen die Massenmedien noch nicht in Konkurrenz mit anderen technischen Kommunikationstrukturen standen, waren im Musikgeschäft große Konzerne die einzigen In- stanzen innerhalb der Musikindustrie, die genug finanzielle Ressourcen besaßen, um die notwen- digen Maßnahmen zur Erreichung eines bestimmten Popularitätslevels einzukaufen und die Produktionskosten zu tragen. 56 Der Niedergang dieser Industrie erreichte seinen Höhepunkt fast zeitgleich mit der ersten Verbreitungswelle des World Wide Web um die Jahrtausendwende und hatte zwei zentrale Treiber. Der erste optimierte die technische Übertragbarkeit der Musik. Durch die Erfindung des Mp3-Standards wurde es möglich, Musik-CDs, die rund 650 MB an digitalen Daten bereithalten, auf einen Speicherbedarf von rund 60-70 MB herunter zu rech- nen 57 . Damit sank die Dauer für eine Übertragung selbst bei Modemverbindungen 58 vom 40fa- chen der eigentlichen Spieldauer auf das rund 2-3fache. Einfach ausgedrückt gelang es durch das Mp3-Verfahren ohne jegliche Änderungen der technischen Infrastruktur, die Übertragung von Musik über das Internet um den Faktor 10 zu beschleunigen. Doch das ausgerechnet Musik hier die Vorreiterrolle übernahm, hat noch eine andere Ursache, die der Song-Album-Struktur von Musik.

55 vgl. Anderson, 2006

56 So betrugt beispielsweise der Preis eines einmal bespielbaren CD-R Rohlings zu Beginn der 1990er Jahre etwa 85 US-Dollar und der dazu notwendige Recorder 40.000 US-Dollar. Zahlen zitiert aus Nichols, 2003.

57 Die endgültige Größe hängt von den Feineinstellungen und dem tolerierten Verzicht auf Klangqualität zusammen.

58 Die in der Regel Daten mit 5,5 KB pro Sekunde übertragen.

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Laut Yochai Benkler, Rechtsprofessor an der Yale Universität und einer der führenden Theore- tiker zum Thema Partizipation und Netzwerke, wird das Maß der Partizipationsmöglichkeiten über ein technisches Netzwerk von zwei Faktoren bestimmt – Modularität und Granularität der Inhalte auf die ein gemeinschaftlicher Zugriff erfolgt. 59 Modularität bedeutet dabei, dass sich Dinge sinnvoll in einzelne Teile untergliedern lassen, die am Ende wieder nahtlos das Ganze ergeben. Granularität gibt an, wie groß diese Stücke jeweils sind und wie groß dadurch der kogni- tive Aufwand für den Einzelnen ist, sich mit ihnen auseinander zu setzen. Unwissentlich hatte die Musikindustrie mit der Erfindung des Musikalbums und dem einzelnen Pop-Song im 20. Jahr- hundert die gesellschaftlichen Hörgewohnheiten bereits auf eine modulare Hörweise kon- ditioniert. Statt klassischer Sinfonien, die sich in der Regel über mehrere Stunden erstrecken, sind klassische Popmusikalben durch die bereits erwähnte Datenbegrenzung der CD auf 74, später 80 Minuten zeitlich begrenzt. Zu dieser zeitlichen Modularisierung, folgte zusätzlich die Eigenschaft, das die einzelnen Lieder eines Albums, um sie im Radio sendefähig zu machen, wiederum auf 3-4 Minuten begrenzt wurden und jeder für sich eine vollständige Sinneinheit ergibt, was ihn im Vorgriff auf Kapitel 3 als Mem replikationsfähig macht.

Damit ist der einzelne Song bereits attraktiv für eine Rezeption und in diesem stark modula- risierten Gesamtrahmen für eine Verteilung über ein technisches Netzwerk mit einer großen Zahl von Beteiligten prädestiniert. Es verwundert deshalb auch nicht, dass zur Jahrtausendwende Peer- To-Peer-Börsen wie Napster oder Audiogalaxy eine große Popularität erlangten, bis sie von den Inhabern der Urheberrechte, den Musikkonzernen, erfolgreich verboten werden konnten. Trotz- dem war die Folge, dass das traditionelle Marketing und Verkaufsmodell der Musik nicht länger funktionierte. Die Musikkonzerne hatten ihr Geschäftsmodell bisher auf wenige große Stars aus- gerichtet und die Peer-To-Peer-Börsen förderten nicht nur illegale Downloads, sondern veränderten auch die Kommunikationskultur der Musik selbst 60 . Plötzlich war es jedem Inter- essierten binnen Sekunden möglich, jede Art von Musik zu hören. Eine passive Rezeption der Vorauswahl weniger Radio- und Fernsehprogramme erfolgte nicht mehr. Die User wurden zunehmend zu aktiv selbstauswählenden Mediennutzern 61 . In der Folge hörte das klassische Mu- sikfernsehen der 80er und 90er Jahre auf zu existieren 62 63 , das Geschäftsmodell der Maxi-CD er- reichte das Ende seines Produktlebenszyklusses und auch der Markt mit Alben schrumpfte. 64 Gleichzeitig entwickelte sich der Download von Songs zur akzeptierten Kulturtechnik und über-

59 vgl. Benkler, 2006, S. 100ff.

60 vgl. Mansfield, 2004

61 vgl. Shirky, 2000

62 im Sinne einer reinen Clipabspielstation.

63 vgl. Anderson, 2006

64 So schrumpfte der Weltweite Albenumsatz sukzessiv seit 1999 pro Jahr in den Westlichen Industrienationen (USA, Japan, Westeuropa) um je 5 – 15% und konnte sich erst wieder ab dem Jahre 2004 stabilisieren; Zahlen laut offizieller Jahresreports 2000 – 2005 der IFPI, dem internationalen Verband der Musikindustrie.

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trug sich inzwischen sogar auf den kommerziellen Bereich 65 . Technologisch ist mit dem Internet also das Distributionsmonopol der Musikindustrie und dem Einzelhandel weggebrochen. Inzwi- schen kann jeder Künstler legal heutzutage im World Wide Web seine Musik selbst verbreiten. Plattformen wie MySpace 66 und iTunes 67 hebeln den klassischen Produktions- und Distributions- weg des 20. Jahrhunderts inzwischen aus. Dazu sind bisher völlig branchenfremde Unternehmen in starke Marktpositionen vorgedrungen, weil sie aufgrund der fehlenden „Altlasten“ wie exis- tierender Geschäftsmodelle bereit waren, die neuen Wege anzunehmen und kommerziell zu erkunden. Als Vorreiter kann hier beispielsweise die Firma Apple gelten, die mit ihrem ersten iPod im Jahre 2001 damals das noch umstrittene Mp3-Format bereits unterstützte. Mp3 wurde zu dieser Zeit von der Musikindustrie als Raubkopierer-Format 68 betrachtet, da es von jedermann erstellt und kopiert werden konnte (und heute noch kann). Apple jedoch, deren eigener Musik- vertrieb im Jahre 2001 fast noch nicht existent war 69 , war damals einzig und allein am Verkauf seiner Hardwareplattform interessiert. Die Fähigkeit Mp3-Daten abzuspielen, war in dieser Zeit zwar kein Alleinstellungsmerkmal mehr, jedoch bot der stets massive Speicherplatz eine sehr kom- fortable Aufbewahrungsmöglichkeit für sehr umfangreiche Musiksammlungen. Ließ sich 2001 mit dem ersten 5GB-Modell von Apples iPod und der eventuellen Größe einer eigenen CD- Sammlung noch ein aus Marketingsicht rechnerisch glaubwürdiger Zusammenhang herstellen, so wurde dieses Beipiel mit dem technologischen Voranschreiten des Produktes iPod zunehmend ad absurdum geführt. So würde es im Jahre 2007 beispielsweise rund 20.000 US-Dollar kosten 70 , einen iPod der 5. Generation mit 80 GB-Festplatte komplett mit legal erworbener Musik zube- füllen. Apple konnte diesen Schritt auf fremdes Terrain damals nur wagen, weil es keinerlei Vor- teile aus der bisherigen massenmedialen Kommunikationsstruktur gezogen hatte. Es bleibt abschließend festzuhalten, dass eine Veränderung der Kommunikationlandschaft bedingt auf dem Erscheinen der Online-Sphäre teilweie bereits erfolgt ist, wie das Beispiel der Musikindustrie be- weist. Das Beispiel zeigt auch, das bisher branchenfremde Unternehmen diese Entwicklung zu ih-

65 Gleichzeitig steigen die Zahlen im legalen Downloadbereich seit 2006 um über 30%, Zahlen ebenfalls laut IFPI,

2007.

66 www.myspace.com – Seite zur individuellen Selbstpräsentation und zur Vernetzung mit anderen

67 iTunes ist eine Software, die automatisch mit dem Downloadshop der Firma Apple verbunden. Damit ist Apple nicht nur in das klassische Geschäftsmodell der Musikindustrie eingebrochen. iTunes bietet auch jedem Künstler oder Label an, nach einem Akkreditierungsprozess die Musik des Künstlers/Labels auf der Plattform selbst

anzubieten.

68 vgl. Krigel, 1999

69 iTunes startete zwar bereits im Jahre 2001, war aber bis zum Jahre 2003 nur für Apple Macintosh Betriebssysteme verfügbar, welches zu diesem Zeitraum auf einen Marktanteil von 5% kam (Zahlen laut Robin, 2001), was mit dem damaligen Popularitätslevel von Online-Musik-Distribution als nicht existent gewertet werden kann.

70 Diese Kalkulation beruht auf den Richtwerten von 4MB Datengröße und 99 ct. Verkaufspreis je Song. Einschränkend muss jedoch erwähnt werden, dass inzwischen auch viel Material im Mp3-Format gratis verfügbar ist und iTunes diesen iPod auch mit Videos beliefern kann, die naturgemäß größere Datenmengen als Tondateien bei vergleichbarer Laufzeit verbrauchen. Siehe dazu auch Kapitel 5.

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rem Vorteil voran getrieben haben und damit massiv in die bis dato existente Industriekonstellati- on eingegriffen haben. Es ist also nur wahrscheinlich, dass sich diese Entwicklung auch in anderen Industriebereichen zeigen wird, die bisher von der Kommunikationswirkung der Massenmedien abhängig waren und durch die Kommunikationswirkung des World Wide Web oder der technischen Infrastruktur des Internets in Zukunft Konkurrenz bekommen.

2.1.4 Abgrenzung epidemisches Kommunikationsmodell und massenmediales Kommunikationsmodell

Um eine kurze Einordnung des epidemischen Kommunikationsansatzes im Bezug zum massen- medialen Kommunikationsmodell geben zu können, ist es sinnvoll beide anhand einzelner Pa- rameter gegenüber zu stellen. Es fällt zunächst auf, dass obwohl sich beide Modelle in vielen ihrer Eigenschaften diametral gegenüber stehen, sie doch einen zentralen Punkt gemeinsam haben – Selbstverstärkung. Bei einer epidemischen Ausbreitung tritt diese Selbstverstärkung ab einem be- stimmten Infektionslevel auf, ab dem diese dann dazu führt, dass diese Ausbreitung ein subjek- tives „Übermaß des zu Erwartenden“ erfährt. Analog führt der Blogbustereffekt bei den Massenmedien dazu, dass ohnehin medial fokussierte Inhalte eine gesteigerte Aufmerksamkeit erfahren. Beide Modelle führen also bei erfolgreichem Verlauf der Selbstverstärkungseffekte zu einer Konzentration der Aufmerksamkeit des Publikums auf einzelne Inhalte, während andere Themen eine deutlich geringere Beachtung erfahren. 71

Ab diesem Punkt driften beide Modelle wieder auseinander. Wie dargestellt, wendet sich das massenmediale Publikum gleichzeitig ein und derselben Kommunikationaussage zu. Damit ist es für andere Inhalte nicht mehr verfügbar, weil diese in zeitlicher Konkurrenz mit den rezipierten Inhalten stehen. Anders bei dem epidemischen Ausbreitungsmodell. Wie am SIR-Rechenbeispiel illustriert, braucht sich nur eine Minderheit der Gesamtheit dem Infektionsgegenstand (also dem Kommunikationsinhalt) widmen. Trotzdem wird ein großer Teil dieser Gesamtheit früher oder später mit dem Kommunikationsinhalt in Kontakt gekommen sein. Aus diesem Grund müssen im Gegensatz zum massenmedialen Publikum nicht alle Individuen zeitgleich auf eine Quelle fo- kussiert und empfangsbereit sein. Der Faktor Zeit verliert somit seinen linearen Bezugszeitraum. Es lässt sich aufgrund der Komplexität der Ausbreitungsfaktoren nicht genau bestimmen, ob und wann eine epidemische Ausbreitung ihre massive Schubkraft entwickelt.

71 vgl. Anderson, 2004

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3 Inhaltliche Ausbreitung nach dem memetischen Ansatz

Nachdem das epidemische Modell erste Aussagen über Ausbreitungscharakteristiken erlaubt hat, gilt es nun zu hinterfragen, was sich überhaupt ausbreiten soll. Werden die beiden Definitionen zur Kommunikation aus Kapitel 1 referenziert, ergibt sich die Aussage, dass es sich um Kom- munikationsinhalte handelt, die Bedeutungen enthalten und technisch übertragen werden. Was diese Inhalte jedoch genau konstituiert und eventuell einen Einfluss auf eine mögliche Wei- tergabe hat, soll ebenfalls Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit sein. Auf die inhaltliche Komponenten wird das folgende Kapitel das Modell des memetischen Ansatzes beziehen. Die technische Komponente wiederum wird in Kapitel 5 betrachtet und anhand des Hypertext-Kon- zeptes mit dieser inhaltlichen Komponente verküpft.

Der memetische Ansatz ist ein Modell, welches die Ausbreitung von Inhalten systematisiert. Der Begriff der "Memetik" wurde 1999 von der britischen Psychologin Susan Blackmore entwickelt 72 , die hierzu jedoch bereits Enwürfe für ein memetisches Rahmenkonzept wie das von Gatherer 73 und Gabora 74 aufgriff. Sie systematisierte die Ausbreitungsprinzipien von Memen basierend auf der Evolutionstheorie nach Charles Darwin 75 . Zentrale Analogien sind die drei Teilaspekte der genetischen Evolution: Selektion, Variation und Replikation. 76 Es würde mit Sicherheit eine eigene Arbeit rechtfertigen, die Übereinstimmungen und Differenzen beider Theorien zu unter- suchen. Aus Umfangsgründen sei darauf verwiesen, dass es sich um eine Analogie und nicht um eine exakte Anwendung des Darwinschen Modells handelt. 77 Dennoch setzt die Argumentation voraus, dass der Leser mit den Grundzügen der Evolutionstheorie Darwins vertraut ist. Die grundsätzliche Gemeinsamkeit beider Theorien besteht darin, dass beide die Verbreitung, Variati- on und Konzentration von Information betrachten. Während jedoch in Darwins Theorie In- formation stets in Form von Genen an die formale Struktur der DNA und dem Speicher- und Übertragungsmedium des Organismusses gekoppelt ist 78 , betrachtet der memetische Ansatz In- formation in Form von sogenannten Memen als losgelöst von Form und Struktur. 7980

72 vgl. Blackmore, 2000, S. 3f.

73 vgl. Gatherer, 1976,

74 vgl. Gabora, 1997

75 vgl. Darwin, 1998 S. 36f.

76 vgl. Blackmore, 2000, S. 10f.

77 vgl. Gabora, 1997

78 Was Darwin historisch begründet nicht bekannt war. Er arbeitete streng phänomenisch.

79 vgl. Gabora, 1997

80 vgl. Blackmore, 2000, S. 37f.

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Der Begriff des Mems ist älter als der Begriff der Memetik selbst und geht auf den Evolutionsfor- scher Richards Dawkins zurück, der ihn erstmals 1976, damals noch losgelöst von einer eigenen theoretischen Konzeption, im Zusammenhang mit dem evolutionären Prinzip der Imitation brachte, aus der sich auch der Begriff selbst terminologisch ableitet. Beide Theorien eint der An- satz, dass sich nur die besten Gene und Meme durchsetzen können. Sie sind stärker als andere Gene und Meme in der Lage, ihren Trägern Vorteile gegenüber Nichtträgern zu verschaffen. 81

Was Gene und Meme jedoch unterscheidet ist ihre Zweckgebundenheit. Die genetische Auslese nach Darwin findet losgelöst von jeder Entwicklungsabsicht statt. Die hochkomplexen Lebens- strukturen, wie sie heute auf unserem Planeten existieren, sind nur die Folge millionenjahrelanger Auslese und Selektionsprozesse. 82 Dieser erfolgte wiederum nach ökonomischen Kritierien extrem verschwenderisch, da nur ein mikroskopisch kleiner Anteil an Arten letzten Endes in der Lage war, sich im Pool der Variationen durchzusetzen und weiterzuentwickeln. Der Memetische An- satz wiederum ist ein strategischer, zielgerichteter Ansatz 83 , bei dem eine erfolgreiche Fort- pflanzung der Information in Form von Memen 84 möglichst ohne große Zahl an erfolglosen Versuchen erfolgen soll.

Warum ist der memetische Ansatz besonders für Online-Kommunikation relevant? Gerade im World Wide Web trifft eine extrem hohe Anzahl von Informationen an faktisch selber Stelle auf- einander. 85 Zudem ermöglicht es das Hypertext- und Hyperlink-Konzept ohne Aufwand and Zeit und anderen Ressourcen, neue Inhalte unmittelbar nachzuvollziehen 86 . Aus diesem Grund gilt es hier Information so aufzubereiten, dass sie möglichst resistent gegen die Konkurrenz der anderen sind. Um diese Eigenschaften jedoch skizzieren zu können, muss zunächst einmal umrissen werden, was einen Inhalt im Eigentlichen überhaupt umfasst.

81 vgl. Blackmore, 2000, S. 27

82 vgl. Gabora, 1997

83 vgl. Gabora, 1997

84 Ausbreitung von Memen in netzwerktheoretischer Hinsicht.

85 vgl. Barabási et al., 2000, S. 70

86 vgl. S. 70

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3.1 Definition „Mem“

Ein Mem ist, analog einem Gen, die zentrale Einheit, in der das notwendige Minimum an In- formation steckt, die notwendig sind, um einen Bedeutungszusammenhang zu erfassen. Diese Einheit ist als abstraktes Konstrukt zu verstehen, da sie keiner formalen Form folgt. Eine einfache Definition des Mem lautet „any kind, amount, and configuration of information in culture that shows both variation and coherent transmission“. 87

Es ist also die kleinste Sinneinheit, in der eine zusammenhängende Übertragung gewährleistet ist und die als solche auch zu erkennen ist. Um was für eine Art der Sinneinheit es sich dabei im Speziellen handelt, ist zweitrangig. Ein Mem kann eine Tonfolge, ein Bild, ein Geruch oder jede sonstige Form sein, die in der Lage ist, in ihrer Struktur eindeutig wieder erkannt zu werden. 88 Dieses Mem steht dabei nicht für sich allein, sondern ist mit anderen Memen in verschiedenen Strukturierungsgraden zusammengefasst. Einzelne Meme bilden einen Mem-Plex, innerhalb dessen sie auch aufeinander Bezug nehmen. Dieser Mem-Plex ist wiederum nehmen auf höherer Ebene in einen Mem-Pool zusammengefasst. 89 Als signifikante Beispiele lassen sich hier Reli- gionen und Wissenschaftsgattungen benennen, die die Rolle von Mem-Pools übernehmen. 90 Doch ein Mem ist nicht nur in eine solche Makrostruktur eingebettet. Es enthält gleichzeitig eine Mikrostruktur. Ein Mem besteht selbst nämlich wiederum aus Unterkomponenten, sogenannten Features, die zwischen verschiedenen, thematisch verwandten Memen überlappen können. Diese Features lassen sich drei Klassen zuordnen: 91

Core Features tragen semantische Inhalte und damit die Bedeutung.

Enabler-Features tragen syntaktische Informationen, die das Mem strukturell in den Mem-Plex einbetten.

Hitchhiker-Features tragen keine eigentlichen Informationen, sondern existieren, da sie wiederum mit Core- oder Enabler-Features anderer Meme verbunden sind.

87 vgl. Castelfranchi, 2001

88 vgl. Blackmore, 2000, S. 53

89 vgl. Gatherer, 1997

90 vgl. Gatherer, 1997

91 vgl. Gabora, 1997.

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Als Beispiel soll die Urban Legend der „Iss Popcon/Trink-Cola“-Studie 92 dienen. Diese besagt, dass der amerikanische Marktforscher James Vicary angeblich im Jahre 1957 in einer Filmvorfüh- rung sublime Werbebotschaften versteckt haben soll. Angeblich sind damals wiederholt für Se- kundenbruchteile Einzelbilder eingeblendet worden, auf denen entweder „Iss Popcorn!“ oder „Trink Coca-Cola!“ stand und in Folge dessen der Absatz von Popcorn und Coca-Cola deutlich angestiegen ist. Obwohl der Autor dieser Urban Legend bereits in den 60er Jahren zugegeben hat, dass die Geschichte frei erfunden war, hält sich die Hypothese von der Wirksamkeit sublimer Werbebotschaften bis heute. 93 Es hat bis heute keine wissenschaftliche Studie eine Wirksamkeit dieser Werbemethode nachweisen können. 94

Wie sich ableiten läßt, trägt die Information, dass es sich bei der Cola um Coca-Cola handelt, nichts zur eigentlichen Bedeutung der Geschichte bei. Diese Information könnte mühelos ent- fernt werden, ohne die inhaltliche Aussage zu verzerren oder die strukturelle Einordnung zu erschweren. 95

3.2 Mem-Persistenz

Der Umstand, dass es sich bei dem Beispiel eindeutig um eine erfundene Geschichte handelt, die jedoch von vielen Menschen als wahr empfunden wird, läßt nun die Frage stellen, ob der Wahr- heitsgehalt eines Mems Auswirkung auf dessen Überlebensfähigkeit hat. Das vorliegenden Bei- spiel beweist zumindest die Möglichkeit, dass auch unwahre Meme fortbestehen können. Die Hypothese, dass ein Mem seinem Träger einen Vorteil verschaffen muss, läßt zunächst darauf schließen, dass sich nur rational begründbare Meme durchsetzen können. Es gilt deshalb zu fragen, warum irrationale Informationen oder ganze Meme dies trotzdem können. In empirischen Versuchen hat sich gezeigt, dass irrationale Meme nur eine Chance auf Fortexistenz haben, wenn sich das Individuum freiwillig für den Mem-Pool entschieden hat, aus dem dieses Mem kommt. 96 Unser Beispiel könnte also je nach Perspektive des Betrachters in verschiedene Mem-Poole einge- bettet werden. Einerseits in den der Kommunikationswissenschaft und mit ihm verbunden dem Mem-Plex der sublimen Werbung. Diese Sicht wäre für all jene nachzuvollziehen, die nicht wissen, dass dieses Experiment nie statt gefunden hat und auch jeder sachlichen Grundlage ent- behrt. Aus dieser Sicht wäre es auch nicht irrational und seine Fortbestehen somit erklärbar.

92 vgl. Schneider, 2001

93 vgl. Brown et al., 1996, S. 9

94 vgl. Moore, 1992

95 siehe Anhang

96 vgl. Gatherer, 2002

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Die zweite mögliche Sicht, ist die Sicht eines Kommunikationswissenschaftlers. Er würde das Bei- spiel zwar eventuell auch noch im Mem-Pool der Kommunikationswissenschaft sehen, jedoch es sicherlich einem anderen Mem-Plex zueweisen, wie beispielsweise dem der Urban Legends. Da- mit würde die Geschichte immanent nichts von ihrem irrationalen Charakter verlieren, wäre aber äußerlich in einem rationalen Zusammenhang eingegliedert.Liegt nun die Wahrheit sprichwört- lich im Auge des Betrachters?

Die Frage, ob Meme sich durch gezielte Einbettung in bestimmte Kontexte manipulativ 97 nutzen lassen, kann hier nicht abschließend beantwortet werden. Ein Sender kann einen Empfänger übli- cherweise jedoch nicht durch seine Botschaften in dem Maße beeinflussen, dass dieser die vom Sender favorisierte Handlungen oder Einstellungen vollständig oder aber unreflektiert über- nimmt. Der wirksamste Filter für die Akzeptanz und anschließende Verbreitung von Memen und Mem-Plexen ist die Psyche des Individuums. 98 Es gibt auch andere Gründe, die einer solchen Nutzung zuwider laufen. Empirische Befunde haben ergeben, dass das Überleben von Mem-Ple- xen umso wahrscheinlicher ist, je größer und je weiter verbreitet diese sind. 99 Beides hat zur Folge, dass die Vernetzung des Mems mit anderen Memen innerhalb des Mem-Pools ansteigt und somit mögliche Inkombatibilitäten offensichtlicher werden. Doch welche Faktoren be- einflussen die Verbreitung von Memen? Um diese Frage beantworten zu können, sollen im nächsten Abschnitt die Übertragungskriterien von Memen untersucht werden.

3.3 Verbreitung – Mem-Replikation

Wie bereits ausgeführt enthält ein Mem, im Gegensatz zu dem referenzierten Modell der Gene- tik, keine Informationen darüber, wie es am besten zu replizieren ist. Es gibt jedoch theoretische Konzepte, wie die Übertragung ein Mems erfolgt. 100 Diese folgt grundsätzlich zwei Übertragungs- konstellationen. Einerseits ist eine direkte Übertragung von einem Individuum, dem Memträger, auf ein anderes möglich. Die zweite Konstellation besteht im Rückgriff durch das Individuum auf einen gemeinsamen Pool von Memen. Dabei erhält das Individuums das Mem nur indirekt von einem anderen Mem-Träger.

97 Der Begriff Manipulation läßt sich nicht eindeutig definieren. Die lateinische Herleitung bezieht sich allein auf die Bedeutung des „Handhabens“, die umgangssprachliche jedoch auf das Verdecken der wahren Handlungsmotivation. Ich verwende das Wort hier in seiner zweiten Bedeutung.

98 vgl. Castelfranchi, 2001

99 vgl. Gatherer, 2002

100 vgl. Castelfranchi, 2001

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Nimmt ein Individuum nun ein Mem an, so ordnet es dies in seinem intrapsychischen Einstel- lungssystem ein und reagiert entsprechend seiner Interpretation des neu konstruierten Zu- sammenhanges. 101 Um genau zu klären, wie eine Replikation des Mems aktiv forciert werden kann, gilt es vorweg zwei Replikationsmerkmale zu benennen: 102

Absichtslose Replikation: auch wenn ein Verhalten oder eine Information absichtlich an ein anderes Individuum herangetragen wird, so ist die Erwiderung dieses Verhal- tens nicht notwendigerweise beabsichtigt.

Kontextfremde Replikation: Genausowenig muss das Weitertragen der Informa- tionen bewusst im gleichen Kontext erfolgen, wie der Empfang. Es ist sehr wahr- scheinlich, dass gewisse Meme in Kontexten reproduziert werden, die der ursprüngli- che Sender nicht verausgesehen hat oder gar konnte.

Dies fügt sich in die Definition von Kommunikation nach Maletzke 103 aus Kapitel 1 ein, dass Kommunikation die „Bedeutungsvermittlung zwischen Lebewesen“ ist. Wie dort ausgeführt wurde, ist die interpersonale Kommunikation stark von einer subjektiven Interpretation abhän- gig, die somit auch mit einem möglichen Kontextwechsels der Information erklärt werden kann. Punktuell betrachtet stellt somit die Replikation eines Mems den zentralen Mechanismus bei der epidemischen Ausbreitung von Information dar, da dies exakt der Moment ist, in dem ein Bedeu- tungszusammenhang von einem Individuum auf ein anderes übertritt. 104 Maletzkes Definition impliziert jedoch außerdem, dass es bei einer solchen Bedeutungsvermittlung stes zwei Parteien gibt, nämlich die des Senders und des Empfänger. Aus diesem Grunde soll die Mem-Replikation anhand dieser beiden Perspektiven beleuchtet werden. Die Replikation läßt sich diesem Ansatz folgend in Mem-Abgabe (Sender) und Mem-Annahme (Empfänger) aufgliedern.

3.3.1 Mem-Abgabe

Der Vorgang der Mem-Abgabe ist im Vergleich zur Mem-Annahme wesentlich einfacher struktu- riert. Das Individuum kann sich bewusst dafür entscheiden, ein Mem weiter zu tragen oder be- wusst dagegen entscheiden. Eine dritte, die nicht-intentionale Möglichkeit, ist die unbewusste

101 vgl. Krech et al., 1992, Band 7, S. 34 ff

102 vgl. Blackmore, 1999

103 vgl. Maletzke, 1963, S. 18

104 vgl. Castelfranchi, 2001

27

Weitergabe 105 . Beim Weitergeben von Memen kommt es zu Variationen von Memen, da Meme Bedeutungen enthalten und diese wiederum nicht exakt von einem Individuum zum anderen übergeben werden können. Durch diese unscharfe Übertragung kommt es dabei zu Kombinati- on, Umformung, Neuorganisation oder Übertragungsfehlern 106 der übertragenen Meme. Erfolgt die Übertragung unbewusst, verstärken sich diese Fehlerquellen, weil der Empfänger ohne Vor- wissen eine Einbettung des Mems in den eigenen Mem-Pool übernehmen muss.

3.3.2 Mem-Annahme

Die Mem-Annahme erfolgt primär weil sich der Träger bewusst oder unbewusst Vorteile von dieser Annahme verspricht. Diese Vorteile sind jedoch nicht immer klar ersichtlich. So lassen sich Vorteile kategorisch einteilen in: 107

Konstruktive Annahmen: die Annahme des Mems erfolgt, weil das Individuum das Mem im Vergleich mit anderen aus seinem bisherigen Mem-Pool für die Lösung eines Problems als vorteilhaft erkennt. Die Annahme verspricht somit zusätzlichen Nutzen. Sei es durch weniger Aufwand für das gleiche Ergebnis oder ein besseres Ergebnis bei gleichem Aufwand.

Normative Annahmen: das Individuum nimmt ein bestimmtes Mem an, weil dieses Mem Teil des Normen- und Wertekosmos einer Kultur oder Subkultur ist. Bei Nichtbeachtung hat es mit Sanktionen zu rechnen.

Sozial motivierte Annahmen: das Individuum empfindet das Mem bewusst als Teil seiner sozialen Identität. Es nimmt das Mem und den verbundenen Mem-Plex an und erhöht so auch auf andere Individuen den sozialen Druck.

105 vgl. Castelfranchi, 2001

106 vgl. Gabora, 1997

107 vgl. Castelfranchi, 2001

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So kann beispiesweise ein Arzt, der glaubt nur als solcher wahrgenommen zu werden, wenn er einen weißen Kittel trägt, dies verstärkt tun und durch dieses Verhalten wiederum andere Ärzte motivieren es ihm gleich zu tun. Im extremsten Fall sozialer Anpassung adaptiert das Individuum ein Mem, weil es sich von deren Annahme eine distinktive Wirkung 108 erhofft und sich damit be- wusst und unbewusst von anderen Teilen der Gesellschaft abgrenzen kann.

3.4 Einschätzung

Die Argumentation dieser Arbeit ist an einen Punkt gelangt, wo die quantitative Perspektive der epidemischen Ausbreitungscharakteristik von Inhalten, um eine punktuelle, qualitative erweitert werden kann. Wie in Kapitel 1 anhand der mathematischen Modellierung der Infizierten im SIR- Modells gezeigt wurde 109 , ist die Frage zu stellen, welche Bestandteiles eines Kommunikations- inhaltes technisch und inhaltlich in der Lage sind, eine „Ansteckung“, also eine Replikation zu in- itiieren. In diesem Kapitel ist zur inhaltlichen Ebene herausgearbeit wurden, dass eine Weitergabe nur erfolgen kann, wenn eine Annahme vorher statt gefunden hat. Diese folgt dabei entweder so- zial motivierten oder aber nutzenorientierten Gesichtspunkten. Ein Kommunikationsinhalt, der demnach angenommen werden soll, muss eine dieser beiden Anforderungen erfüllen. Das bedeu- tet für die Informationen selbst, dass sie für eine erfolgreiche Annahme nutzbringend oder sozial eindeutig referenzierend formatiert sein müssen, um die Einbettung in existente Mem-Pool zu erleichtern. Sollen dabei Informationen mit transportiert werden, die nicht in den eigentlichen Bedeutungszusammenhang des Mems passen, gilt es das Hitchhiker Feature aufzugreifen, und diese nichteigentliche Information mit den zentralen Bestandteilen anderer Meme zu verknüpfen.

Dabei sollte dieser Rucksack jedoch nicht als unterbewusste Programmierung missverstanden werden, wie dies schon beim Trugschluss des „Iss-Popcorn-Experiments“ befürchtet worden war. Es handelt sich bei der Rezeption eher um eine bewusst wahrgenommene Toleranz und Duldung der eigentlich nicht notwendigen Informationsbestandteile. 110 Als klassisches Beispiel kann hier das Sponsoring von Sportveranstaltungen dienen, bei denen Produkthersteller ihre Logos und Produktnamen im Veranstaltungsrahmen zur Schau stellen. Für den Zuschauer eines Fußball- spiels scheint es auf den ersten Blick völlig nebensächlich, ob die Spieler auf dem Feld Schuhe von Puma oder Adidas tragen. Da solche Informationen hier jedoch huckepack mit der eigentlichen Information – dem Verlauf des Fußballspiels – transportiert werden, akzeptiert der Rezipient diese. Wird jedoch die semantische Differenz des gesamten Mems und seinem Hitchhiker-Fea- ture zu groß, erschwert dies die Einbettung des Mems in existierende Mem-Plexe. Die Folge ist

108 Bordieu, 1991, S. 20ff

109 vgl. S 19

110 vgl. Gabora, 1997

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ein Nutzenverlust des Mems für den Empfänger, was die Wahrscheinlichkeit einer Annahme wieder senkt. 111 Wird der Inhalt anschließend repliziert, so kann dies bewusst oder unbewusst ge- schehen. Geschieht dies unbewusst, ist mit verstärkten Übertragungsfehlern zu rechnen, da eine Annahme ohne die Einbettung des Mems in den passenden Mem-Plex erfolgt. Aus der Perspek- tive einer zielgerichteten Kommunikators, wie es für die Kommunikation einer PR der Fall ist, bedeutet dies also, dass eine aktive Replikation, also Weiterverbreitung zu fördern ist. Der Logik der Annahme folgend, sollte der Inhalt klar für eine Weiterverbreitung prädestiniert erscheinen und diese selbst auch einen Nutzen für den Verbreiter offenbaren. Dieser kann dabei konstruk- tiver oder sozialer Natur sein. Dabei gilt es auch in diese Betrachtung die Problematik des Hitchhiker-Features miteinfließen zu lassen. Da die Information zur Weiterverbreitung auch einen nichteigentlichen semantischen Teil des Mems darstellt, kann bei einer zu dominanten For- cierung die eigentliche Bedeutung des Mems verwässert werden und dieses damit bereits für eine Annahme ungeeignet erscheinen.

111 vgl. Burkart, 2002, S. 222

30

4 Netzwerk-Modell

Nachdem geklärt wurde, was in einer epidemischen Ausbreitung übertragen werden soll, stellt sich nun die Frage wie diese Ausbreitungsobjekte im Bezugssystem der Ausbreitung manifestiert sind. Damit jedoch dieses Bezugssystem, welches im nächsten Kapitel auf das World Wide Web konkretisiert wird, in seinen Mechanismen transparent wird, gilt es zunächst den Begriff des Netzwerkes zu entwickeln. Er ist in der Lage das epidemischen Ausbreitungsmuster aus Kapitel 1, welches im Zusammenhang mit der Übertragung von Infektionskrankheiten vorgestellt wurde, mit dem von Inhalten innerhalb des World Wide Web in einen Zusammenhang zu bringen.

4.1 Grundlagen Netzwerke

Im Grunde ist das Netzwerkmodell ein sehr einfaches Modell. Ein Netzwerk betrachtet die Objekte eines Systems als Knoten, die über ihre Beziehungen zueinander, sogenannten Kanten, verbunden sind 112 . Welche Art von Objekten und Beziehungen dies sind, spielt in der grundsätz- lichen Betrachtung erst einmal keine Rolle. Je nach Bezugssystem, können diese als Repräsentati- on für unterschiedlichste Arten von Dingen verwendet werden. So ist beispielsweise die im vorigen Kapitel vorgestellte Verknüpfung von Memen in einem Mem-Plex ebenso als Netzwerk vorstellbar, wie die soziale Struktur, die in Kapitel 1 für die epidemische Ausbreitung einer Infek- tionskrankheit recht ungreifbar mit dem Begriff „Gruppe, Bevölkerungsteil, Community“ de- finiert wurde.

112 vgl. Ball, 2004, S. 452

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Abbildung 4.I: Netzwerkstruktur. Um das Bezugssystem einer epidemischen Ausb reitung von Kommunikationsinhalten

Abbildung 4.I: Netzwerkstruktur.

Um das Bezugssystem einer epidemischen Ausbreitung von Kommunikationsinhalten greifbarer zu machen, wird diese Arbeit diese innerhalb eines Netzwerkmodelles untersuchen. Bevor dies je- doch explizit auf das Online-Medium angewandt wird, gilt es zunächst den für eine Ausbreitung in einem Netzwerk sehr wichtigen Begriff der Netzwerkbrücke zu entwickeln. Aus diesem Grunde wird der folgende Abschnitt sich dem Beispiel der eben angesprochenen Netzwerkanalo- gie, dem sozialen Netzwerk widmen, da der Begriff der Netzwerkbrücke in ihm entwickelt wurde.

32

4.2 Soziale Netzwerke

Ein soziales Netzwerk untersucht die Beziehungen eines Individuums zu anderen Individuen. Es handelt sich bei den Individuen dabei um die Knoten des Netzwerkes und bei den Beziehungen um die Kanten, über die die einzelnen Knoten miteinander in Beziehung stehen. 113

einzelnen Knoten miteinander in Beziehung stehen. 1 1 3 Abbildung 4.II : Netzwerkstruktur Soziales Netzwerk.

Abbildung 4.II: Netzwerkstruktur Soziales Netzwerk.

Folglich handelt es sich bei einem sozialen Netzwerk um ein Geflecht von sozialen Beziehungen, die in ihrer Gesamtheit auch auf den Einzelnen zurückwirken. Es ist wichtig festzuhalten, dass ein soziales Netzwerk nicht identisch mit einer sozialen Gruppe ist. Es gibt keinen fest begrenzten Kreis von Individuen und in diesem Netzwerk in einer ganzheitlichen Perspektive auch keine Rollenverteilung zwischen diesen. 114 Watts und Strogatz 115 wiesen dabei nach, dass in sozialen Netzwerken, die Dynamik ausdrücklich eine Funktion der Struktur ist und damit beide direkt voneinander abhängen.

113 vgl. Waibel, 2004, S. 8

114 vgl. Schäfers, Kopp, 2006, S. 207ff.

115 vgl. Watts, Strogatz, 1998, S. 441.

33

Weiterhin wurde in sozialen Netzwerken erstmals die Hypothese des Small-World-Charakteristik nachgewiesen. Es besagt, dass jeder zufällig gewählte Knoten, hier also eine Person, durch ma- ximal sechs andere Knoten 116 mit jedem anderen zufällig gewählten Knoten verbunden werden kann. Den experimentellen Nachweis für diese Behauptung erbrachte Ende der 1960er Jahre der Soziologe Stanley Milgram 117 . Als Vorgriff auf Kapitel 5 sei an dieser Stelle angemerkt, dass eben- so nachgewiesen wurde, dass auch das World Wide Web einer solchen Small-World-Charakteris- tik folgt. 118 Die Vernetzung der Inhalte, auf die in Kapitel 5 ebenfalls eingegangen wird, folgt damit dem gleichen Effekt. Dieser besagt, dass über eine extrem geringe Anzahl von Ver- bindungen eine extrem hohe Zahl von unterschiedlichen Knoten miteinander verbunden werden kann. Ein Grund für dieses Phänomen sind sogenannte Netzwerkbrücken, die im folgenden Ab- schnitt genauer betrachtet werden.

4.2.1 Netzwerkbrücke

Ein einfaches Modell zur Bewertung der Beziehungen, also der Kanten in einem sozialen Netz- werk, hat 1973 Mark Granovetter mit seinem Modell der „Schwachen sozialen Bindungen“ 119 vorgestellt. Zentrales Ziels dieses Modells ist es, die bis dato getrennt untersuchten Sphären der interpersonalen Interaktion aus der Sozialpsychologie mit gesamtgesellschaftlichen Mustern in einen Zusammenhang setzen zu können.Granovetter definiert die Qualität einer sozialen Bindung aus dem Aufwand an Zeit, der emotionaler Intensität und der Intimität die von den beiden Knoten, also Individuen, in diese Beziehung investiert wird 120 . Er leitet anhand dieser Charakteristiken ab, dass innerhalb eines sozialen Netzwerkes die Anzahl der schwachen Bindungen, die Gesamtdurchdringung des Netzwerkes maßgeblich beeinflusst. Den Grund sieht er hierfür in deren Fähigkeit einzelne eng vernetzte Bereiche, die durch starke soziale Bindungen geprägt sind, wie beispielsweise Freundeskreise, auch untereinander interagieren zu lassen 121 . In dem Fall, wo dies tatsächlich geschieht, spricht Granovetter von einer sogenannten Netzwerk- brücke.

116 Das Experiment ergab einen Durchschnittswert von 5,5; der jedoch ganzzahlig aufgerundet wurde, um ihn praktikabel zu machen.

117 vgl. Milgram, 1967.

118 vgl. Barabási et al, 2000, S. 75-76.

119 vgl. Granovetter, 1973

120 vgl. Granovetter, 1973, S. 1361

121 vgl. Granovetter, 1973, S. 1366

34

Aus netzwerktheoretischer Sicht schließt eine Brücke eine Verbindung zwischen zwei Knoten- punkten in einem Netzwerk, die sonst in keiner Weise herzustellen wäre 122 . Da in sozialen Netz- werken maximal sechs Individuen zwischen allen anderen zur Überbrückung ausreichend sind, kann es folglich in diesen keine echten Brücken geben. Deshalb erweitert Granovetter das Brückenkonzept um den Grad einer Netzwerkbrücke, um es praktikabler zu machen. Dieser Grad gibt an, wie viele Knotenpunkte alternativ überbrückt werden müssten, falls die Brücke nicht vorhanden wäre. Eine Brücke 4. Grades ermöglicht es somit zwei Knoten direkt mitein- ander zu verbinden, die ansonsten nur über vier andere Knotenpunkte zu verbinden wären.

nur über vier andere Knotenpunkte zu verbinden wären. Abbildung 4.III: Netzwerkbrücken und ihre

Abbildung 4.III: Netzwerkbrücken und ihre Alternativverbindungen. Das Beispiel zeigt im Falle von Beispiel 1 eine Brücke 9. Grades; für Beispiel 2 eine Brücke 4. Grades und für Beispiel 3 eine absolute Brücke n-ten Grades. 123

122 vgl. Harary, Norman, Cartwright, 1965, S. 198.

123 vgl. Granovetter, 1973, S. 1365

35

Eine echte Brücke, wäre damit eine Brücke n-ten Grades 124 . Doch das Brückenkonzept als solches ist ein streng abstraktes Konzept. Wichtiger ist es zu hinterfragen, ob und welche Funktionen sol- che Brücken in echten sozialen Netzwerken haben. Vor allem unter dem Gesichtspunkt, dass in sozialen Netzwerken Brücken von Individuen repräsentiert werden. Granovetter schlussfolgert 125 :

da Brücken geeignet sind, Bereiche von sozialen Netzwerken (effektiver) zu verbinden, die an- sonsten nicht (oder schlecht) miteinander verbunden wären, sind diese folglich eine der wichtigs- ten Ansatzpunkte, um die Gesamtdurchdringung eines sozialen Netzwerkes zu erreichen.

4.2.2 Einschätzung

Als wichtigste Aussage gilt es festzuhalten, das schwache soziale Bindungen, die in ihrer Zahl wesentlich häufiger im Gesamtnetzwerk sind, als starke Bindungen, die wichtigste strukturelle Einheit in einem sozialen Netzwerk darstellen 126 . Laut Granovetter gilt es sie für kommunikative Ansätze primär zu addressieren. Durch ihre mögliche Brückenfunktion werden Bereiche eines so- zialen Netzwerkes zugänglich, der von starken Bindungen nicht erschlossen wird, da sie keine Netzwerkbrücken sein können 127 . Wird diese Aussage auf die Vernetzung der Inhalte im World Wide Web übertragen, lässt sich sagen, das deren Repräsentationen, auf die im nächsten Kapitel genauer eingangen wird, umso erfolgreicher das Gesamtnetzwerk durchdringen können, je höher die Anzahl ihrer Verbindungen zu anderen Inhalten ist. Dies liegt in der Tatsache begründet, dass mit zunehmender Verbindungszahl die Wahrscheinlichkeit steigt, dass sich Netzwerkbrücken un- ter diesen befinden werden. Diese Aussage lässt sich auch der rein inhaltlichen Perspektive auf Meme nachvollziehbar übertragen, bei denen herausgearbeitet wurde, dass sie umso überlebens- fähiger sind, je stärker sie mit anderen vernetzt sind. 128 Nachdem diese Arbeit die drei theore- tischen Grundkomponenten, die epidemische Ausbreitungscharakteristik, die der Ausbreitungsobjekte in Form von Bedeutungszusammenhängen und die des Bezugssystems, in Form eines Netzwerkes, entwickelt hat, gilt es nun die Erkenntnisse aus diesen Betrachtungen auf die Online-Sphäre anzuwenden.

124 vgl. Granovetter, 1973, S. 1364f.

125 vgl. Granovetter, 1973, S. 1366

126 vgl. Granovetter, 1973, S. 1360

127 vgl. Granovetter, 1973, S. 1364

128 vgl. Gatherer, 2002

36

5 World Wide Web

Wie bereits beim Begriff der „Kommunikation“, gilt es sich vor detaillierteren Betrachtungen und Ableitungen auch hier dem zentralen Begriff „Online“ zunächst definitorisch zu nähern, um not- wendige Abgrenzungen zu ermöglichen, die für eine strukturierte Betrachtung notwendig sind.

5.1 Definition „Online“

Auch wenn der Begriff „Online“ inzwischen in die Alltagssprache übergegangen ist, hat er doch eine sehr schwammige Bedeutung. Viele Begriffe, die sich auf Online beziehen, verwenden ihn in einem Zusammenhang, der auf die Dienste des World Wide Web verweist. Willkürliche Beispiele wären Worte wie Online Shop, Spiegel Online, Online Marketing oder Online Fahrkarte. Erschwerend kommt hinzu, dass der Begriff „World Wide Web“ wiederum oft synonym mit dem Begriff „Internet“ verwendet wird, was technisch jedoch nicht korrekt ist und dadurch als zusätz- liche begriffliche Verwässerung betrachtet werden muss. Grundsätzlich bezeichnet Online einen Zustand der technischen Vernetzung. So definiert der technische US-Standard Federal Standard 1037C den Begriff erstmalig als

Zustand einer einzelnen Einheit eines Gesamtsystems, welche unter der unmittelba- ren Kontrolle dieses Gesamtsystems steht. Für die Ausübung der Kontrolle ist kein menschlicher Eingriff notwendig. Die Einheiten, welche sich im Betrieb befinden und mit diesem Gesamtsystem verbunden sind, müssen dabei nicht notwendiger- weise unabhängig voneinander agieren. 129

Wird dieser Begriff in Zusammenhang mit dem Begriff Kommunikation gesetzt, wird ersichtlich, dass Online-Kommunikation sich eines Systems bedient, welches aus vielen einzelnen Einheiten besteht, die Teil eines Gesamtsystems sind. Wird zusätzlich Shannons Definition zur technischen Übertragung herbeigezogen, offenbart sich, dass dieses System somit das System zur technischen Übertragung sein muss. Dabei bleibt jedoch offen, wo hier Informationsquelle und wo der Zielort dieser Übertragung liegen.

129 vgl. Federal Standard 1037C, imOriginal Englisch

37

Um zu diesen wichtigen Elementen eine Aussage treffen zu können, muss dieses Übertragungssys- tem genauer beleuchtet werden. Aus diesem Grunde wird das im Begriff „Online“ beschriebene System im folgenden Kapitel auf die Begriffe „Internet“ und „World Wide Web“ präzisiert.

5.1.1 Internet

Tim Berners-Lee, der Schöpfer des World Wide Web bezeichnet das Internet als ein

„Globales Netzwerk der Netzwerke, über das Computer von Informationen in Form von Paketen kommunizieren können. Jedes Netzwerk besteht aus Computern, die

über

Verbindungen miteinander verbunden sind.“ 130

Aus dieser Definition ergibt sich auf den ersten Blick, dass der Begriff „Internet“ lediglich das technische Verbundkonzept von informationsverarbeitenden Maschinen bezeichnet und somit nicht Gegenstand unserer Untersuchungen sein kann. Wie in Kapitel 1 definiert, ist der zentrale Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit die Bedeutungsvermittlung von Individuen. Aus diesem Grund ist es wichtig, den sozialen Interaktionsraum zu bestimmen, der durch dieses technische Verbundnetzwerk ermöglicht wird. Aus diesem Grunde soll der Begriff Online um eine weitere Begrifflichkeit erweitert werden.

5.1.2 World Wide Web

Wie zuvor hergeleitet, basiert das World Wide Web unter anderem auf der Initiative von Tim Berners-Lee am CERN 131 . In seinem Vorschlagpapier 132 wollte er 1990 den Zugriff auf Doku- mente erleichtern, die sich dezentral über Institute in der ganzen Welt verteilen, jedoch technisch über das Internet verbunden waren. Aus diesem Grunde ersann er ein System von Dokumenten- verbindungen, sogenannten Hyperlinks, welches diese technische Infrastruktur nutzen sollte. Der Text dieser Dokumente würde damit um eine Beziehungsinformation aufgewertet, weshalb ihn Berners-Lee als Hypertext bezeichnet. So formuliert er in seinem Vorschlagpapier:

130 Berners-Lee, 1999, S. 316

131 Europäische Organisation für Kernforschung, die vor einer Namensänderung im Französischen den Namen „Conseil Européen pour la Recherche Nucléaire“ trug, woraus sich das Akronym CERN ableitet.

132 vgl. Berners-Lee, Cailliau; 1990

38

„HyperText is a way to link and access information of various kinds as a web of

nodes in which the user can browse at will. It provides a single user-interface to large classes of information (reports, notes, data-bases, computer documentation and on-

line help)“ (

)

133

Als Werkzeug für diese Funktionalität soll eine Schnittstelle dienen, die das „Browsen“, also das Durchstöbern dieser Dokumente ermöglicht. Allein aus dieser Wortwahl wird bereits ersichtlich, dass das World Wide Web als Bindeglied zwischen zwei verschieden funktionellen Sphären dienen muss. Was sich hinter dieser Bindegliedproblematik verbirgt, wird im nächsten Abschnitt Schnittstellen genauer ausgeführt. An dieser Stelle ist es notwendig darauf hinzuweisen, dass das Anwendungszenario des World Wide Web nicht auf die alleinige Verfügbarmachung von vorher verfassten Dokumenten begrenzt geblieben ist. Mit seiner Reife und Weiterentwicklung ent- standen immer mehr Dienste und Kommunikationsanwendungen, so dass eine solche stringent technisch orientierte Definition nicht mehr zeitgemäß erscheint. Einen großen Teil seines Möglichkeitenpotentials besteht inwischen aufgrund der Art und Weise, wie seine Nutzer in ihm verfahren, was nicht zuletzt auch im Begriff Web 2.0 manifestiert wurde 134 .

Und so verwundert es nicht, dass beipielsweise Yoshai Benkler, das World Wide Web rund 16 Jahre nach dem ersten Vorschlag von Berners-Lee als eine Plattform für Werkzeuge umschreibt, mit denen Individuen innerhalb der vernetzten öffentlichen Sphäre kommunizieren können 135 . Diese Neuformulierung erfasst dabei auch Dienste, die grundsätzlich zu seiner Nutzungsbreite des World Wide Web beitragen, die technisch betrachtet jedoch keine eigentlichen Bestandteile des Hypertextsystems sind, aus Nutzungsperspektive jedoch zunehmend mit ihm verschmelzen, allen voran E-Mail oder Instant Messaging. Zusammenfassend läßt sich sagen, dass das World Wide Web ein netzwerkartig strukturierter Verbund von Web-Seiten ist, die Bedeutungszu- sammenhänge in ihren Inhalten tragen und dem Web-Nutzer wiederum ermöglichen mit und durch diese in Interaktion mit anderen Inhalten oder Web-Nutzern zu treten.

133 Berners-Lee, Cailliau; 1990

134 vgl. O'Reilly, 2005, S. 2

135 vgl. Benkler, 2006, S. 216

39

5.2 Netzwerkinteraktion

Wie hergeleitet wurde, bedient Online-Kommunikation sich eines technischen Systems „welches aus vielen einzelnen Einheiten besteht, die Teil eines Gesamtsystems sind“ 136 . Um welches System es sich dabei explizit handelt, wird dabei nicht benannt. Nehmen wir die Definition des World Wide Web nach Benkler hinzu, indem „Individuen innerhalb der vernetzten öffentlichen Sphäre kommunizieren können“ 137 , offenbart sich dass im World Wide Web die in Kapitel 1 definito- risch erfasste Grenze zwischen technischer Übertragung und Kommunikation zusammenläuft. Das globale Computer-Netzwerk nach Berners-Lee und das soziale Netzwerk der Individuen trifft damit im Netzwerk von Hypertextdokumenten aufeinander. Da hierdurch eine Untersuchung durch einen Komplexitätszuwachs wiederum erschwert wird, gilt es sich einer Methode zu be- dienen, die in der Lage ist, die Komplexität von Betrachtungen zu reduzieren. Aus diesem Grund werden die folgenden Darstellungen die Problematik der Netzwerkschnittstellen befassen und versuchen zu klären wo diese zwischen den drei Einzelnetzwerken liegen.

5.2.1 Netzwerkschnittstellen

Schnittstellen sind Übergänge zwischen verschiedenen Elementen, an denen sich beide Seiten auf ein Format des Ausstausches geeinigt haben. Hierdurch erst kann eine Kommunikation zwischen diesen verschiedenen Elementen stattfinden. Der Federal Standard 1037C definiert eine Schnitt- stelle als „A point of communication between two or more processes, persons, or other physical entities.“ 138 Welche Art von Kommunikation dabei statt findet, ist zunächst unerheblich und richtet sich nach den Kommunikationsinstanzen selbst. Um diese genauer bestimmen zu können, ist es notwendig das Gesamtsystem, in unserem Falle das komplexe System aus Internet, World Wide Web und sozialem Netzwerk, in seine Einzelteile zu zergliedern und diese Elemente jeweils zu bestimmen. Um komplexe Systeme zu vereinfachen, hat die Informatik sogenannte Schichten- modelle entwickelt. Sie helfen die Komplexität eines Gesamtssystems zu reduzieren, indem das Gesamtkonstrukt in funktionelle Ebenen untergliedert wird, die jeweils nur über diese Schnitt- stellen interagieren 139 . Aus diesem Grunde erscheint das Konzept des Schichtenmodells für diese Problematik geeignet.

136 vgl. S. 53

137 vgl. Benkler, 2006, S. 216

138 vgl. Federal Standard 1037C

139 vgl. Bienert, 1998, S. 11

40

5.2.1.1 Schichtenmodell

Wie eben bemerkt, verringern Schichtenmodelle die Komplexität eines Systems, indem sie es in ein hierarchisch aufeinander aufbauendes Konstrukt von Schichten aus Anforderungseinheiten herunterbrechen, die nur mittels definierter Schnittstellen verbunden sind. Dadurch wird es ermöglicht, diese Schichten jeweils isoliert zu betrachten. Die Schnittstellen einer Schicht ver- binden diese jeweils mit der Schicht über und unter ihr. Daraus ergibt sich, dass eine Schicht stets die von der ihr unterliegenden Schicht bereitgestellten Dienste nutzt und wiederum der ihr über- liegenden Schicht selbst ein Spektrum an Diensten zur Verfügung stellt. Ein direkter Austausch zwischen zwei nicht benachbarten Schichten ist somit nicht möglich, da für diese keine Schnitt- stellen definiert sind. 140 Als Anschauungsbeispiel soll das TCP/IP-Schichtenmodell dienen, wel- ches die Bereitstellung der funktionellen Dienste im Internet betrachtet, die für einen Aufbau einer Web-Seite notwendig sind. Der Vorteil dieses Referenzmodells ist, dass sämtliche Betrach- tunge von TCP/IP die Hardware selbst nicht mit einschließen, sondern den reinen Datenfluss be- rücksichtig. Aus diesem Grunde funktioniert es plattformübergreifend über ein großes Spektrum von verschiedenen Geräten 141 .

Netzzugangsschicht: sie regelt den hardwareseitigen Zugang zum Internet. Exempla- risch wäre hier der Ethernet-Standard zu nennen, auf den zum Beispiel zurück gegrif- fen wird, wenn der Zugang über ein Standard-Kabel-Netzwerk erfolgt.

Internetschicht: sie regelt die Adressierung der Daten innerhalb des Internets. So

identifiziert sich beispielsweise jeder Computer über eine eineindeutige IP 142 -Adresse

im Internet und kann damit gezielt angesprochen werden.

Transportschicht: ist die Verbindung zwischen zwei Computern erfolgt, regelt diese Schicht die Art und Weise in der diese Daten übertragen werden. Als Analogie kann hier dienen, dass sich zwei mehrsprachige Individuen einigen, in welcher Sprache, sie sich unterhalten wollen. Im Internet wird hier auf das TCP zurück gegriffen.

140 vgl. Zimmermann, 1980, S. 425 – S. 431

141 vgl. Hunt, 2002, 1.3ff

142 Abkürzung für Internet Protocol.

41

Anwendungsschicht: sie stellt nachdem die Internetverbindung erfolgreich hergestellt ist und ein Datenaustausch erfolgt, verschiedene Dienste zur Verfügung, die von Anwendungen, also Software auf dem Computer genutzt werden können. Exempla- risch wäre hier zu nennen HTTP 143 für den Aufbau von HTML-Dokumenten, also einfacher Web-Seiten oder SMTP für die Bereitstellung von E-Mails.

Web-Seiten oder SMTP für die Bereitstellung von E-Mails. Abbildung 5.I : Schichtenmodell TCP/IP-Referenzmodell.

Abbildung 5.I: Schichtenmodell TCP/IP-Referenzmodell.

Werden diese Schichten im Zusammenspiel betrachtet, zeigt sich, dass wie in der Definiton hergeleitet, jede Schicht sich in das Funktionenspektrum der ihr unterliegenden Schicht einfügt und in diesem Rahmen wiederum eigene Dienste aufbauen kann. Für die Ausführungen ist dabei nur die Anwendungsschicht interessant, da das World Wide Web ausschließlich auf diese Schicht zurückgreift und alle in ihm existenten Dienste nur durch die Dienste dieser Schicht für den Web-Nutzer funktionieren.

143HTTP steht für Hypertext Transfer Protocol

42

Wichtig ist in diesem Zusammenhang jedoch ebenso der definitorische Aspekt des World Wide Web. Aus der Perspektive der Definition 144 des Vorschlag-Papiers von Berners-Lee und Cailliau aus dem Jahre 1990 145 , wäre nur der Dienst HTTP in dieser Anwendungsschicht für das World Wide Web relevant, da es sich bei diesem ausschließlich um einen Verbund von Hypertext handelt. Wird jedoch eine neuere Definition hinzubezogen, die bereits praktische Nutzungsmus- ter miteinbezieht, zeigen sich Unterschiede. Einer Definition folgend, die zum Beispiel durch Benkler vertreten wird, sind sämtliche Dienste, die das Internet in der Anwendungsschicht bereit- stellt, als World Wide Web zu betrachen, was damit auch E-Mail einschließen würde oder im Zeitalter von Voice-over-IP-Internettelefonie sogar Sprachdienste wie Skype. Da dieser Ansatz so- wohl zeitgemäßer erscheint, als auch die Ausführungen dieser Arbeit durch diese gesamtheitliche Sichtweise vereinfacht, wird in den weiteren Ausführungen das World Wide Web als das gesamte Spektrum der Dienste betrachtet, die auf der Anwendungsebene dem Nutzer zur Verfügung ge- stellt werden.

5.2.1.1.1 Analogie und Erweiterung

Nachdem das TCP/IP-Schichtenmodell nur die rein technische Sphäre abdeckt, läßt sich daraus ableiten, dass das World Wide Web als funktionell geschlossenes Konstrukt oberhalb dieser Schichten angesiedelt sein muss. Wie in der Betrachtung des TCP/IP-Schichtenmodells gezeigt wurde, greift es dazu auf Dienste wie HTTP zurück. Wird zusätzlich das soziale Netzwerk der In- dividuen in die Betrachtung mit einbezogen, so ist dieses der Schichtlogik folgend oberhalb des World Wide Web anzusiedeln.

144 vgl. S. 55

145 vgl. Berners-Lee, Cailliau; 1990

43

Abbildung 5.II : Relation Internet – World Wide Web – Soziales Netzwerk Dem theoretischen Rahmen

Abbildung 5.II: Relation Internet – World Wide Web – Soziales Netzwerk

Dem theoretischen Rahmen eines Schichtenmodells streng foldend, dürften die Web-Nutzer, also die Individuen des sozialen Netzwerkes, nicht mit den Diensten der Internetschicht in Berührung kommen. Da jedoch beispielsweise Web-Seiten mittels Direkteingabe der Domain auf das HTTP-Protokoll direkt zugreifen, zeigt sich bereits, dass diese Darstellung nur ein Hilfsmodell sein kann. Dennoch hilft diese Darstellung die zentrale Perspektive für den Blick auf das Bezugs- system des World Wide Web herauszuarbeiten. Wie sich aus dieser Darstellung nämlich ableiten lässt, treffen das World Wide Web und der Web-Nutzer, also das Lebewesen,das Bedeutungsver- mittlung betreibt, ein einem Punkt aufeinander – dem der Nutzerschnittstelle.

5.2.2 Nutzerschnittstelle Browser

Die Interaktion zwischen Mensch und Maschine, ist ein interdisziplinarischer Forschungsansatz, der sich dem Design, der Bewertung und der Umsetzung von interaktiven Computersystemen für Menschen widmet. 146 Die Anzahl der tangierten Einzeldisziplinen ist dabei extrem hoch. Er reicht von der Betrachtung des Kontextes der Computernutzung bis zu Gestaltungsfragen von gra- fischen Oberflächen nach kognitiven Gesichtspunkten.

146 vgl. Hewett et. al, 1996, S. 13

44

Da der Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit auf die Verbreitung von Kommunikationsinhal- ten innerhalb des World Wide Web begrenzt ist, soll das breite Spektrum dieses interdiszipli- nären Ansatzes aus Komplexitätsgründen auf die Nutzerschnittstelle reduziert bleiben und diese nur in Form des Web-Browsers kurz vorgestellt werden. Dieser muss, der bisherigen Argumenta- tion dieser Arbeit folgend, somit der Ort sein, an dem Informationen nach der technischen Über- tragung wieder in die für den Empfänger nutzbare Form von Inhalten gebracht werden, diese im Hypertextsystem weiterverfolgbar sind und dadurch eine Annahme und Weitergabe dieser erst ermöglicht wird.

5.2.2.1 Web-Browser

Der Web-Browser ist die Softwareanwendung 147 , die der Nutzer auf seinem Computer ausführt, um die Inhalte des World Wide Web anzuzeigen und im Falle von dynamischen Inhalten seine Eingaben wiederum zurück an diesen zu senden. Da Inhalte in Form von Hypertext vom Web- Server des Inhalteanbieters übertragen werden, muss eine Trennung zwischen technischen Steuer- daten und dem eigentlichen Inhalt erfolgen. Diese Aufgabe übernimmt der Web-Browser. Er stellt die Inhalte dem Nutzer so strukturiert dar, wie dies der Steuerzeichenanteil im Hypertext vorsieht. Gibt der Nutzer wiederum Befehle oder Informationen in diese Web-Inhalte ein, sorgt der Web-Browser im Umkehrschluss für eine Verknüpfung von inhaltlichen Informationen und Steuerdaten und sendet diese an den Web-Server des Inhalteanbieters zurück. Damit läßt sich die Aussage ableiten, dass sämtliche Kommunikationsinhalte, die solche Bedeutungszusammenhänge tragen, beim Übergang von der Sphäre des sozialen Netzwerkes in die Sphäre des World Wide Web und zurück jeweils bei der Annahmen und der Replikation durch den Engpass der Nutzerschnittstelle in Form des Web-Browsers müssen. Es gilt also zu hinterfragen, in wie fern dieser Engpass Auswirkung auf die Kommunikationsinhalte hat. Um diese Fragen beantworten zu können, müssen wir jedoch zunächst klären, welche Arten der Repräsentation solche Kom- munikationsinhalte im World Wide Web haben können.

5.2.2.2 Client – Server Architektur

Da der Web-Nutzer durch den Web-Browser mit dem World Wide Web interagiert und dadurch indirekt auch auf die Dienste der diesem zu Grunde liegende Internetsschicht zugreift, soll diese für dieses Szenario kurz beleuchtet werden, um diese Interaktion im Ganzen transparenter zu ma-

147 Die derzeit weltweit am häufigsten verbreiteten Web-Browser sind der Internet Explorer und Mozilla Firefox. Beide kommen zusammen fast auf 100% Marktanteil, jedoch schwankt das Verhältnis je nach Land zwischen beiden beträchtlich. (vgl. OneStat.com, 2007) Da beide in ihrer Grundfunktionalität identisch sind, spielt eine detaillierte Betrachtung beider für diese Arbeit keine Rolle.

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chen. Technisch betrachtet interagiert der Nutzer nämlich nicht direkt mit der Web-Seite, son- dern der Computer des Nutzers, der sogenannte Client, interagiert mit dem Web-Server, der die Web-Seite wiederum im Internet bereitstellt und auch die Ausführung von dynamischen Diens- ten auf ihr übernimmt. Aus den englischen Begriffen „Client“ für deutsch Kunde oder Mandant und „Server“ für Anbieter wird das Abhängigkeitsverhältnis beider bereits greifbar. Der Web- Nutzer nimmt als Mandant, die technischen Dienste in Anspruch, die ihm der Web-Server an- bietet. Ein solches Inanspruchnehmen von Diensten erfolgt wie gesagt stets dann, wenn der Web- Nutzer eine Interaktion mit dem World Wide Web vornimmt. Dies kann die Direkteingabe der Domain einer Web-Seite in die Adresszeile des Browsers sein, das Klicken auf einen Hyperlink oder aber auch das Nutzen von Datenbankabfragen wie der Aufruf einer Suchmaschine sein. In einem solchen Falle interpretiert der Web-Server die Eingabe des Web-Nutzers, führt die durch diese initialisierten Dienste und Berechnungen aus und sendet abschließend die Daten an den Client-Computer des Web-Nutzers zurück. Bei diesem baut sich dann im Web-Browser bei- spielsweise eine Web-Seite auf, oder diese füllt sich mit speziellen Daten, die einer Eingabe des Nutzers entsprechen, wie die Ergebnisse einer Suchmaschine zu einem bestimmten Suchbegriff. 148

5.3 Inhaltsrepräsentationen

Bevor solche Inhaltsrepräsentationen im World Wide Web jedoch genauer betrachtet werden können, ist es notwendig zur theorischen Einbettung dieses Konzepts den Kommunikationbe- griff, der in Kapitel 1 entwickelt wurde, zu erweitern. Dort wurde zwischen zwei verschiedenen Ansätzen unterschieden. Einerseits wurde Kommunikation in einer sozialen Orientierung nach Maletzke als die Bedeutungsvermittlung zwischen Lebewesen umrissen 149 und andererseits aus einer technischen Perspektive nach Shannon 150 als die technische Übertragung von Informationen von der Quelle über einen Sender mittels eines Übertragungskanal zu einem Empfänger an einem Zielort dargestellt. Da beide Konzepte im Medium des World Wide Web wie gezeigt inein- anderlaufen, stellt sich jetzt die Frage nach der Art und Weise, wie beide Sphären hier ineinander greifen. Es gilt sich also zu fragen, welcher technischen Systematik die Vernetzung der inhaltli- chen Dokumente folgt. Denn es ist, greifen wir wieder die Schichtmodell-Analogie auf, diese technische Vernetzung, die die inhaltliche, und damit die für den Nutzer wiederum greifbare Vernetzung zentral beeinflusst. Da somit eine Überlappung von Kommunikationsinhalten und

148 vgl. Laurie, Laurie, 2003, S. 1-2

149 vgl. Maletzke, 1963, S. 18

150 vgl. Shannon, 1948, S. 2

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technischen Übertragungsinformationen erfolgt, die bisher streng abgegrenzt verwendet worden sind, muss der Kommunikationsbegriff nun um einen diesen Umstand reflektierenden Aspekt erweitert werden.

5.3.1 Kommunikation als symbolischer Interaktionismus

Die Theorie des symbolischer Interaktionismus geht auf den Sozialpsychologen George Mead zu- rück. Er entwickelte diese Form der Kommunikationsbetrachtung innerhalb seiner So- zialisierungsthese, in der sich der Mensch erst durch Kommunikation zum sozialen Wesen entwickelt. Diese Kommunikation findet dabei laut Mead "typischerweise“ mittels signifikante Symbole statt. Ein signifikantes Symbol ist dabei ein Zeichen, welches einen dahinter stehenden Vorstellungsinhalt in sich trägt und beim Empfänger der Kommunikation auf die gleiche Bedeu- tungsassoziation trifft. 151 Wenn die Frage nach Inhaltsrepräsentationen im World Wide Web ge- stellt wird, läßt sich somit sagen, dass die dort vorhandenen Inhalte aus der Sichtweise Meads signifikante Symbole darstellen, bei denen der Sender davon gewährleisten muss, dass sie beim Empfänger die gleichen Inhaltsassoziationen wie beim Sender auslösen können.

Wird diese symbolische Systematik mit einer möglichen technischen Vernetzungssystematik der Inhalte im World Wide Web gegenübergestellt, geht auch aus dem Konzeptvorschlag von Ber- ners-Lee und Cailliau indirekt mit den Worten „which the user can browse at will“ 152 hervor, dass die Inhalte 153 des World Wide Web einer technischschen Verbindung folgen müssen, die einer solchen assoziativen, symbolischen Verbindung folgen. Es ist somit der Nutzer, der aus der verfügbaren Anzahl an erhältlichen technischen Verknüpfungen jene wählt, die ihm im Rückgriff bereits erfolgreich vermittelte Bedeutungszusammenhänge 154 als Erweiterung dieser sinnvoll er- scheinen. Wird Shannons Kommunikationsbegriff der technischen Übertragung und Maletzkes Kommunikationsbegriffs der erfolgreichen Bedeutungsvermittlung 155 also hier in einen Zu- sammenhang gesetzt, ergibt sich eine Schlussfolgerung.

Von einem bedeutungsbezogenen Kommunikationserfolg kann dann gesprochen werden, wenn aus einer potentiell verfügbaren technischen Verbindung eine tatsächlich nachvollzogene wird. Dies geschieht, weil der Nutzer auf der inhaltlichen Ebene nachvollzieht, was auf der technischen potentiell zur Verfügung steht.

151 vgl. Burkart, 2002, S. 55ff

152 vgl. S. 55

153 Von ihnen damals aufgrund des technischen Entwicklungsstandes noch in der auschließlichen Repräsentation

von Schrift in Textform ersonnen.

154 Die aus der Perspektive des memetischen Ansatzes als Meme klassifiziert wurden. (vgl. S. 35)

155 Selbst rein maschinenaggregierte Daten folgen in ihrer ursprünglichen Logik der Intention des Programmierers. Im Hinblick auf mögliche Entwicklungserfolge im Bereich der künstlichen Intelligenz müsste diese Definition jedoch um auch um einen Bewusstseinsaspekt von Nichtlebewesens erweitert werden.

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Damit ergeben sich gleichzeitig die qualitativen Beschreibungen des auf die Kommunikation übertragenen infektiösen Vorganges 156 , der im Zusammenhang mit einer epidemischen Aus- breitung im Kapitel 1 als deren grundlegendes Element herausgearbeitet wurde.

Einerseits muss die technische Verbindung eines Inhaltes potentiell zur Verfügung stehen.

Andererseits muss diese Verbindung durch den Nutzer nachvollzogen werden.

Aus diesen lässt sich nun die Aussage ableiten, dass eine Optimierungsstrategie für eine epide- mische Ausbreitung im World Wide Web einerseits die möglichst große Verfügbarkeit von Ver- bindungen zu ihren Kommunikationsinhalten beabsichtigen muss, und dass diese Verbindungen jedoch andererseits auch in der Lage sein müssen, Web-Nutzer zum Nachvollziehen dieser zu be- wegen. Es muss somit beleuchtet werden, wie Inhaltsrepräsentationen im World Wide Web mit- einander in Verbindung gesetzt sind und wie ihre potentielle Verfügbarkeit in eine möglichst aktiv nachvollzogene gewandelt werden kann.

5.3.2 Repräsentationsformen

Repräsentationen haben nach dem Philosophen und Logiker Charles Peirce, der als einer der Be- gründer des pragmatistischen Ansatzes in der Philosophie gilt, vier grundlegenden Eigenschaften:

Interpreten: Eine Repräsentation ist immer von einer interpretierenden Instanz abhängig. Sie kann ihre inhaltlich vermittelnde Funktion nur erfüllen, wenn diese In- stanz sie in dieser Funktion auch anerkennt. Als Phänomen dieses Interpretation wurde im vorigen Abschnitt heraus gearbeitet, dass der Nutzer einer Web-Seite eine potentiell verfügbare Verbindung von Inhalten aufgrund assoziativer Prozesse tat- sächlich nachvollzieht und somit eine interpretierende Funktion übernimmt.

156 vgl. S. 19

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Inhalt: Eine Repräsentation hat stets eine inhaltliche Ebene oder präsentiert ein oder mehrere Objekte. Diese inhaltliche Ebene wurde in Kapitel 3 unter dem Aspekt des memetischen Ansatzes beleuchtet. Diesem Ansatz folgend, ist der Inhalt einer Re- präsentation somit Teil des Core Features eines Bedeutungszusammenhanges oder das komplette Core Feature und damit der Bedeutungszusammenhang selbst. 157

Begründung: Die inhaltliche Ebene muss durch Verbindungen zu anderen Objekten oder Repräsentationen begründet werden. Wird der memetische Ansatz diesem Prinzip gegenüber gestellt, offenbaren sich somit Parallelen zum syntaktischen Feature eines Mems.

Träger: eine Repräsentation benötigt einen Träger auf dem sie ihren Inhalt reflektieren kann. 158

Nachdem die ersten zwei Punkte argumentativ abgedeckt wurden, gilt es sich den letzten beiden zu widmen.

5.3.2.1 Träger der Inhaltsrepräsentationen

Nachdem der Fokus dieser Arbeit auf Online-Kommunikation gerichtet ist, gilt es somit zu fragen, welche Träger Repräsentationen im World Wide Web haben, in welchen Formen sie dort vorkommen und wie diese miteinander verbunden sind. Um diese Fragen sinnvoll beantworten zu können, soll das Konzept des Hypertextes analysiert werden und seine Umsetzungsform im World Wide Web XHTML als praktische Erweiterung dieser theoretischen Analyse dienen.

5.3.2.1.1 Hypertext

Im Grunde ist die Grundfunktionalität von Hypertext, das Weiterführen des Inhalts in anderen Quellen, ein seit Jahrhunderten aus der wissenschaftlichen Literatur bekanntes Prinzip. Eine neue Dynamik erfährt Hypertext erst dadurch, dass er auf Quellen verweist, die sich auf der selben technischen Plattform befinden und ohne Zeitverlust nachvollzogen werden können.

157 vgl. Gabora, 1997.

158 vgl. Wilson, Keil; 1999, S. 527

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Dies geschieht, indem der Leser des Hypertextes einen sogenannten Hyperlink, also eine Ver- bindung im Hypertext, aktiviert, wozu im Regelfall nur ein Klick notwendig ist. Auch wenn die „Hypertextualität“ des World Wide Web auf das Vorschlagspapier aus dem Jahre 1990 von Ber- ners-Lee und Cailliau 159 zurückgeht, so entstand der Begriff selbst bereits in den 1960er Jahren. Damals versuchte der US-Soziologe Ted Nelson, in seinem Xanadu genannten Projekt, eine elektronische Bibliothek zu erschaffen, in welcher der Leser dem Text nicht mehr linear folgen muss, sondern anhand von Verweisen selbst bestimmen kann, welchem inhaltlichen Pfad er folgt. Die Intention Nelsons war es, ein „Spielzeug für Denker“ zu kreieren. Er wollte es mit Xanadu ermöglichen, dass trotz einem gezielten Arbeiten an einem Thema die Motivation diesem gegen- über nicht verloren geht. 160

5.3.2.1.2 XHTML

Nachdem das Hypertextkonzept auf einer theoretischen Basis beleuchtet ist, stellt sich die Frage, wie dies im World Wide Web praktisch umgesetzt worden ist. Das zentrale Konzept für die Um- setzung des Hypertextes im World Wide Web ist HTML und sein Nachfolger XHMTL. HTML ist die Abkürzung für Hyper Text Markup Language 161 und hat den Ansatz sowohl den Textinhalt, als auch die technischen Informationen auf ein und der selben Ebene zu beinhalten. Diese technischen Informationen sind Steuerzeichen, die Layoutbefehle für den Seitenaufbau, die Schriftgröße oder auch sogenannte Hyperlinks enthalten können. 162

Dieses Konzept beinhaltet aus Sicht der Nutzer des World Wide Web einen deutlichen Nach- aber auch einen großen Vorteil. Der Nachteil besteht darin, dass zum zweckmäßigen Lesen oder Betrachten von Hypertext in HTML eine zusätzliche Software-Anwendung von Nöten ist. Der sogenannte Browser arbeitet die im HTML-Code enthaltenen Informationen wieder so auf, dass sie in einer für die Rezeption optimierten Form dargestellt werden, ohne das der Nutzer mit den für den Inhalt irrelevanten Steuerbefehlen in Berührung kommt. Dieser Nachteil kann inwischen jedoch als quasi nicht mehr existent betrachtet werden. Einerseits weil auch elektronischer Stan- dard-Text 163 in Betriebssystemem mit grafischen Oberflächen 164 inzwischen in speziellen Pro- grammen angezeigt werden muss und gleichzeitig jedes kommerziell vertriebene Betriebssystem mit einem HTML-fähigen Web-Browser standardmäßig ausgeliefert wird. 165

159 Berners-Lee, Cailliau, 1990

160 vgl. Mihai, 1998, S. 588

161 Das Wort Sprache deutet darauf hin, dass HTML eine fest definierte, sogenannte Interpreter-Sprache ist, die einen fest definierten Syntax aufweist.

162 siehe Anhang

163 Sogenannter Klartext oder Plain-Text, der ausschließlich die inhaltlichen Textinformationen enthält.

164 Betriebssysteme wie alle je erschienenen Versionen von Microsoft Windows oder Mac OS von Apple.

165 Beispielsweise enthält Microsoft Windows Vista den Browser Internet Explorer, Apple Mac OS X den Browser Safari und die meisten Linux-Distributionen den Browser Konqueror.

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Wichtig ist es in diesem Zusammenhang zu bemerken, dass der gesamte Inhalt von HTML und XHTML wiederum in Klartext übertragen wird und damit der textliche Inhalt, als auch der Steuerzeichen die gleichen Verwendungsmöglichkeiten hat, wie sie es normaler Text innerhalb von Textverarbeitungen bietet. Das bedeutet, dass der Code technisch beliebig kopiert und in anderen Anwendungen eingefügt werden kann. Es muss jedoch angemerkt werden, dass HTML nur in seiner ersten Version vom 3. November 1992 auschließließlich zwischen Text und diesen Steuerzeichen unterschied. Seitdem wurde die Sprache mit jeder neuen Version für andere Elemente wie Bilder oder interaktive Java-Scripte geöffnet, so dass dieser Code inzwischen eher als Sammelbehälter für all diese einzelnen funktionellen und inhaltlichen Teile zu verstehen ist.

Zusätzlich wurde durch die Etablierung von CSS 166 versucht, die Trennung zwischen dem eigent- lichen Inhalt und den Steuerbefehlen wieder stärker zu forcieren. 167 Zusätzlich beschloss die oberste Überwachungsinstanz über HTML, das World Wide Web Consortium, die Sprache nach der Version 4.01 im Jahre 2000 selbst nicht weiter zu entwickeln, sondern in XHTML 168 überge- hen zu lassen. Der Unterschied zwischen beiden Sprachen ist jedoch rein technischer Natur und treibt im Grunde die Trennung zwischen dem textlichen Inhalt und technischen Steuerungszei- chen weiter voran, weil es beispielsweise seit der Version 2 auf die Verwendung von externen CSS-Dateien 169 setzt. Diese befinden sich somit selbst nicht mehr innerhalb des eigentlichen XHTML-Codes, sondern werden durch einen Verweis aus diesem funktionell eingebettet.

5.3.2.1.3 Web-Seiten

Web-Seiten sind unter einer Domain erreichbare Verbunde einzelner XHTML-Dokumente. Diese dienen als Container für Inhaltrepräsentationen, auf die in einem der nächsten Abschnitte noch näher eingangen wird. In einer technischen Betrachung des World Wide Web aus einer netzwerkorientierten Perspektive sind Web-Seiten die Knoten des Netzwerkes. 170

166 Abkürzung für Cascading Style Sheet.

167 vgl. Lie; Bos, 1999

168 Abkürzung für Extensible Hypertext Markup Language.

169 Diese sind wie HTML- und XHTML-Dateien ebenfalls Klartextdateien und somit mit jeder Textverarbeitung

zu öffnen. Sie enthalten jedoch ausschließlich Informationen, die für das Text- und das Seitenlayout innerhalb

eines Web-Browsers relevant sind.

170 vgl. Barabási et al., 2000, S. 70

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Wie im Hypertextkonzept fokussiert 171 , ist eine inhaltliche Weiterführung von Inhalten auf anderen Web-Seiten eine Wesensmerkmal des World Wide Web. Aus diesem Grund kann eine inhaltliche Betrachtung des World Wide Web als ein Netzwerk von Web-Seiten nicht ausrei- chend sein, sondern muss dieses vielmehr als Verbindungskonstrukt von Inhalten begreifen, in dem die Wahrnehmbarkeit von der Anzahl der Verbindungen zu ihnen abhängt. 172

5.3.2.1.4 E-Mail und Instant Messaging

E-Mail und Instant Messaging 173 sind interpersonale Kommunikationskanäle, die parallel zum World Wide Web auf der technischen Plattform des Internets basieren. Wie im Definitionsansatz des World Wide Web gezeigt, können diese je nach definitorischem Ansatz des World Wide Web diesem hinzugerechnet werden oder nicht. Der Hauptuntschied zur Kommunikation durch In- haltsrepräsentationen im World Wide Web besteht jedoch bei beiden durch die mögliche syn- chrone Kommunikation zwischen Sender und Empfänger. Eine Kommunikation über diese knüpft somit direkt an die sozialen Interaktionsprozesse zwischen zwei Individuen an, weshalb diese in den Ausführungen dieser Arbeit nicht vordergründig betrachtet werden.

Beide Formen sind als Substitutionen der physischen Postsendung und des Telefongepräches zu verstehen, deren deutlich divergierende Zeitsynchronitäten zwischen Sender und Empfänger auf- grund der Einbettung beider Dienste auf ein und derselben technischen Plattform jedoch hier fließend ineinander übergehen. Da beide jedoch auch zeitasynchron rezipiert werden können, nä- hern sich beide dann im Rezeptionsmuster als Container von Inhalten Web-Seiten an. Grund- sätzlich läßt sich sagen, dass beide analog Web-Seiten, als Träger von Inhaltsrepräsentationen geeignet sind und die Verbreitung von Hyperlinks und einem Teil der Web verbreiteten Inhalts- repräsentationen wie Grafiken ermöglichen.

Hypothetisch bestünde bei beiden die Möglichkeit einer technischen Adressierung einzelner Nachrichten an eine große Zahl von Empfängern, was eine Erhöhung der potentiel nachvollzieh- baren Verbindungen würde und somit epidemische Inhaltsausbreitung fördern würde. Quantita- tiv ist dies aufgrund von SPAM-Filter-Mechanismen im Gegensatz zu den Anfangstagen des Internets jedoch inwzischen nicht mehr möglich und wird auch durch gesetzliche Regelungen eindeutig strafrechtlich sanktioniert 174 .

171 vgl. Berners-Lee; Cailliau, 1990.

172 vgl. Economist Survey, 2006B.

173 Instant Messager ermöglichen eine Kommunikation analog eines Telefonates zwischen zwei Personen auf einer

textlichen Ebene. Im Netz weit verbreitete Dienste hierfür sind ICQ, MSN Messager oder AIM (AOL Instant Messager). Inzwischen bietet der Internettelefoniedienst Skype funktionell zu Sprachfunktion ebenso eine Instant Messaging-Funktion an.

174 vgl. LG Köln, 2006

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5.3.3 Formen der Inhaltsrepräsentation

Nachdem der Grundaufbau des World Wide Web erörtert wurde, wird im folgenden Abschnitt auf die Formen eingegangen, in der Inhalte im World Wide Web wiedergegeben werden können. Fliesst in diese Betrachtung der memetische Ansatz mit ein, dass Meme aus Bedeutungszu- sammenhängen bestehen, läßt sich daraus schließen, dass die vorhin eingeführte Sichtweise auf das World Wide Web, mit Web-Seiten als Knoten und Verbindungen als Kanten nicht eindeutig gegeben ist 175 und auch durch das Hypertextsystem nicht intendiert 176 , ergibt sich nun die mögli- che Interpretation, dass das World Wide Web aus Inhaltsrepräsentationen und deren Ver- bindungen zueinander besteht.

5.3.3.1 Schrift

Schrift ist ein Codierungsverfahren, von Lautzeichen, das sich einem festen Bestand an Symbolen eines vereinbarten, festgelegten Zeichensystems bedient. Dieser feste Zeichenbestand wird auch als Alphabet bezeichnet. 177 Diese Schrift bildet inhaltlichen Module in Form von Texten, die wiederum die Grundlage für das Hypertextkonzept sind und somit auch ein zentraler Bestandteil von XHTML. Da Schrift auf Web-Seiten standardmäßig im Klartext-Format vorliegt, ist sie einfach zu kopieren und in eine beliebige andere Form zu bringen. Dies kann beispielsweise die Einbindung in eigene Web-Inhalte sein oder gar die Reproduktion wissenschaftlicher Facharbei- ten. Diese flexible Form der Schriftnutzung hat inzwischen dazu geführt, dass die meisten Hoch- schulen spezielle Programme zum Auffinden von solchen Plagiatsarbeiten verwenden 178 .

5.3.3.2 Bilder

Bilder werden im World Wide Web in komprimierten Pixel-Formaten 179 abgespeichert und sind bereits seit 1993 Bestandteil des HTML-Standards. Durch das pixelbasierende Prinzip gilt für Bilder im World Wide Web, dass der Speicherbedarf pro Bild steigt 180 , je größer die Anzahl der Pixel in horizontaler und vertikaler Dimension ist.

175 vgl. Barabási et al., 2000, S. 70

176 vgl. Berners-Lee, Cailliau, 1990

177 vgl. Wilson, Keil; 1999, S.895

178 vgl. Cough, 2000, S. 1f

179 Pixel sind quadratische Bildpunkte, die in einer bestimmten Menge horizontal und vertikal das Bild definieren. Die im Web gebräuchlichen Speicherformate für Pixelbilder sind jpg, gif und png.

180 Zusätzlich steigt der Speicherbedarf auch noch mit dem Umfang der verwendeten Farben. Da diese Frage jedoch inzwischen technisch überholt ist, spielt sie für die Argumentation keine Rolle mehr.

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Weil Bilder fester Bestandteil des XHTML-Formates sind, sind auch die Quellen aus denen der Web-Browser sie lädt, frei im Code zugänglich. Dies ermöglicht es, sie einerseits lokal auf dem eigenen Computer abzuspeichern und weiter zu bearbeiten oder sie per E-Mail oder Instant Messanger weiter zu versenden. Gleichzeitig lassen sie sich aber auch direkt von der fremden Quelle, ohne einen nach außen erfassbaren Unterschied, in den eigenen XHTML-Code in- tegrieren und von dieser externen Quelle laden. Dies hat für den Betreiber den Nachteil, dass bei einer solchen Nutzung sein Web-Traffic 181 ansteigt, ohne dass die originale Inhaltskomposition abgerufen wird. Andererseits behält er dadurch die zentrale Hoheit über dieses Inhaltsfragment, da er durch einen zentralen Eingriff, dem Löschen oder Umbenennen der Bild-Datei, deren Ver- breitung sofort beenden kann. Dies greift wiederum den Schichtmodell-Ansatz 182 auf und zeigt, dass die Verteilungsstruktur innerhalb des World Wide Web nicht mit der Verteilungsstruktur innerhalb der Internetschichten übereinstimmen muss.

5.3.3.3 Audio

Das Medium Ton nimmt eine Sonderrolle im Bezug zum Internet und dem World Wide Web ein. Einerseits fällt die Etablierung des Mp3-Formates und die des Internets und World Wide Web in den selben Zeitraum. Wie in Kapitel 2 gezeigt wurde, substituierte das Internet durch diese technologische Parallelinnovation innerhalb kürzester Zeit einen großen Teil der technischen Vertriebskapazität der Musikindustrie. Ohne jedoch das diese gleichzeitig die Möglichkeiten nutzte, Geschäftsmodelle auf dieser Grundlage zu entwickeln. Auch das Entstehen von Internetradiostationen, die über das Internet-Streams 183 anbieten, ist im Grunde nur eine Substitution des technischen Verbreitungsweges im Vergleich zur elektromagnetischen Aus- breitung in staatlich lizensierten Frequenzbändern. Lediglich die Einstiegshürde zur Produktion eines eigenen Radioprogrammes wurde damit gesenkt, was jedoch nicht Gegenstand der Betrach- tungen dieser Arbeit ist. Es stellt sich die Frage, welche Rolle Audioanteile am klassischen Web- Seitenkonzept haben. Prinzipiell ist das Hypertextkonzept vom visuellen Medium des Textes abgeleitet. Auch wenn bis heute nicht alle psychischen Wahrnehmungs- und sprachlichen Erfassungsprozesse vollständig erklärbar sind, so gibt es doch Modellierungsansätze für das visu- elle und akustische Wordveständnis.

181 Die Menge der Daten, die in festgelegten Zeiteinheiten übertragen wird und für den Betreiber des Web-Servers Kosten verursacht.

182 vgl. S. 58f.

183 Streams sind von der Nutzungsdynamik vergleichbar mit klassischem Rundfunkprogramm. Auch wenn sie in digitaler Form übertragen werden, kommen sie nicht in modularen Einheiten wie Dateien. Sie sind im Grunde zeitlich unbegrenzt und der Hörer (oder Zuschauer bei Video-Streams) kann sich zu einem beliebigen Zeitpunkt zu und wegschalten. Ein Abspeichern dieser Daten ist aus diesem Grunde in der Regel auch nur mit Zusatzsoftware möglich.

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So vertritt beispielsweise die konnektionistische 184 Schule in der Wahrnehmungsforschung die Auffassung, dass sowohl die visuelle als auch die akustische Wortaufnahme jeweils auf die gleiche intrapsychische, phonologische 185 Referenz verweisen, womit beide sensorischen Kanäle in Kon- kurrenz um die gleiche psychische Ressource stehen. Deshalb wird von dieser die textliche Form der Wortaufnahme als die effizientere betrachtet, da hier aus der Schreibweise des Wortes direkt auf diese Referenz geschlossen werden kann. In der akustischen Wahrnehmung hingegen muss erst auf die visuelle Wortform verwiesen werden, um dann im dritten Schritt die Bedeutung aus der phonologischen Referenz zu ziehen. Damit gestaltet sich der Verständnisprozess über den vi- suellen Kanal nach konnektionistischer Auffassung einfacher 186 .

Auch wenn dieses Modell nicht in der Lage ist, alle Wahrnehmungsphänomene zu erklären, so kann es doch zumindest begreifbar machen, warum nie der Bedarf bestand, sprachliche Elemente tragend in Web-Seiten zu integrieren. So verwundert es auch nicht, dass es bis heute keine native Integration für Audioformate in den XHTML-Standard gibt. Eine Innovation im audio- akustischen Bereich, die das World Wide Web hervorgebracht hat, sind sogenannte Podcast 187 . In ihnen werden in periodischen Abschnitten automatisch Hörbeiträge im Mp3-Format auf den tragbaren Mp3-Player des Nutzers übertragen, sobald dieser mit dem Internet verbunden ist. Doch auch diese Form der Rezeption findet nicht im medialen Konstrukt des World Wide Web statt. Vielmehr nutzt ein Podcast lediglich die technische Infrastruktur des Internets und des World Wide Web, indem er die Beiträge auf dem Web-Server und dem Mp3-Player durch einen Feed synchronisiert.

5.3.3.4 Video

Videos sind eine Aneinanderreihung von Einzelbildern, die durch die Trägheit des Auges, die Ilu- sion einer Bewegung erzeugen. Diese Trägheit wird als Nachbildwirkung bezeichnet und tritt dann auf, wenn das Auge ein geringeres zeitliches Auflösungsvermögen hat, als die abgespielte Bildsequenz. 188 Gleichzeitig sorgt eine Tonspur für die akustische Untermalung dieser Bewe- gungssequenz. Damit erschließt sich, dass Videodaten eine Kombination von Bild- und Tondaten sind, die dadurch im Vergleich mit diesen beiden Formaten zwangsweise ein höheres Datenauf-

184 In der konnektionistischen Auffassung besteht der menschliche Wahrnehmungsapparat aus einer großen

Zahl von Wechselwirkungen vieler vernetzter Einheiten und folgt damit einem kybernetischen Ansatz. (vgl. Wilson, Keil; 1999, S. 186ff.)

185 Es handelt sich dabei um Lauteinheiten.

186 vgl. Wilson, Keil; 1999, S.875.

187 Kunstwort aus dem englischen Begriff für Rundfunk Broadcast und dem Wort iPod, dem Mp3-Player der Firma

Apple. Die zweite Referenz wurde gewählt, da die Podcast-Funktionaliät erstmals in Apples Musiksoftware iTunes integriert wurde, welche wiederum die direkte Schnittstelle zum iPod auf dem Computer des Nutzers ist. (siehe auch Fußnote 67)

188 vgl. Parent, 2002, S. 2

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kommen produzieren, vergleicht man sie in den jeweiligen Bezugsdimensionen wie Auflösung für Bilder und Abspielzeit für Ton. Video-Dateien sind wie Audio-Dateien kein integraler Bestand- teil von XHTML. Es ist also nicht möglich Video-Dateien analog den Bild-Dateien einfach in das Code-Gerüst einer XHTML-Datei zu integrieren und sie automatisch interpretieren zu lassen. Vielmehr benötigt der Browser eine zusätzliche Erweiterung, ein sogenanntes Plugin 189 , um Videoformate abspielen zu können. Dennoch gelang es dem Medium Video sich in den letz- ten Jahren rasant im Netz auszubreiten, was hauptsächlich in der breiten Verfügbarkeit 190 von schnellen Internet-Zugängen begründet liegt. Die Verbreitung von Videostandards im World Wide Web folgt zwei dabei gegensätzlichen Tendenzen. Auf der einen Seite versuchen die Her- steller der Betriebssysteme für Computer, hier speziell PCs, Apple und Microsoft, jeweils ihre Formate 191 ins Web zu bringen und bieten in ihren Abspielprogrammen funktionelle Erweite- rungen für die Web-Browser an. Andererseits gelang es Adobe quasi allein durch die Präsenz des Online-Video-Hosters YouTube 192 ein eigenes auf dem Flash-Format 193 basierendes Video- Format 194 zu etablieren, welches zwar nicht von Adobe selbst programmiert, jedoch erst durch die Verwendung der im World Wide Web vorhandenen technologischen Infrastruktur von Flash 195 ermöglicht wurde. Dabei gilt es besonders vorzuheben, dass YouTube sein schnelles Wachstum 196 der Erfindung eines replikativen Mechanismusses verdankt, auf den im Kapitel 6 noch näher ein- gegangen wird.

189 Englisch für Einsteck-Modul. Plugins sind programmspezifisch und erweitern Programme um Funktionaliäten.

190 So stieg die Zahl der in Deutschland verfügbaren Breitbandanschlüsse von 1,87 Millionen auf 14,17 Millionen im Zeitraum von 2001 bis 2006. (Zahlen gemäß Koerdt, Rentmeister, 2007, S. 5, Abb. 1)

191 Microsoft forciert das WMV (Windows Media Video) und Apple das Quicktime-Format.

192 www.youtube.com

193 Ursprünglich wurde Flash im World Wide Web nur als Animationstechnologie für interaktive Oberflächen

verwendet. Inzwischen wurde es jedoch vom Hersteller Adobe technologisch dahingehend entwickelt, dass es als

technologische Laufzeit-Umgebung (innerhalb der Umgebung der Web-Seite; siehe auch Schichtenmodell- Ansatz) für internetzentrische Anwendungen einsetzbar ist, die es erlauben komplexe Programme innerhalb des Web-Browsers auszuführen, ohne dass sie der Nutzer auf dem heimischen Computer installieren muss.

194 Dieses Video-Format ist nicht mit dem ihm zu Grunde liegenden Berechnungsalgorithmus, dem sogenannten

Codec, für Bild und Ton gleich zu setzen. So ist es beispielsweise möglich, dass verschiedene Dateiformate trotzdem auf dem gleichen Codec basieren. (vgl. Parent, 2002, S. 501). Man spricht in einem solchen Falle von

Container-Formaten.

195 Laut einer Eigenanalyse durch den Hersteller und Entwickler des Flash-Formates Adobe können 98% aller internetfähigen Computer das Flash-Format verarbeiten. (vgl. Adobe, 2007)

196 vgl. Cloud, 2006

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5.4 Verbindung der Inhaltsrepräsentation

Nachdem die verschiedenen Formen der Inhaltsrepräsentationen im World Wide Web betrachtet wurden, werden deren Verbindungen zueinander der Untersuchungsgegenstand sein. Damit je- doch Fragen nach diesen Verbindungen befriedigend beantwortet werden können, müssen auch Fragen nach den Lokalitäten folgen, die sie verbinden. Da in dieser Arbeit die Schnittstelle zwi- schen sozialem Netzwerk und World Wide Web untersucht wird, liegt der Hauptaugenmerk auf Inhalten und ihren Repräsentationsformen an der Nutzersschnittstelle. Dies wurde ermöglicht, weil das Hypertextkonzept parallel Informationen zur maschinellen Verarbeitung und jene zur Rezeption für den Nutzer in sich trägt. Um die Definition von Kommunikation und technischer Übertragung aus dem ersten Kapitel noch einmal aufzugreifen, enthält Hypertext selbst jeweils Informationen, die für die technische Übertragung relevant sind und welche, die für die inhaltli- che Bedeutungsvermittlung eine Rolle spielen. Auf diesen Dualismus wurde im Abschnitt XHTML näher eingegangen.

Obwohl es durch das Hypertextkonzept möglich ist, Informationsrepräsentationen selbst mit Verbindungsinformationen 197 zu versehen und letztere somit vor dem Nutzer zu verstecken, greift dieser Mechanismus für die angezielten Repräsentationen wiederum nicht. Dazu würde es soge- nannter Indentifikatoren 198 bedürfen, die es bisher jedoch nur auf der technischen Ebene des In- ternets 199 und nicht auf der inhaltlichen des World Wide Web gibt. Einzelne Web-Seiten wie zum Beispiel Wikipedia 200