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John Rawls ist Professor für Philosophie an der Harvard University. Rawls beschränkt sich nicht - wie viele der deutschen Beiträge zur »Rehabilitierung der praktischen Philosophie« - auf zwar systema- tisch orientierte, letztlich aber doch nur philosophiehistorische Untersuchungen. Er wendet sich vielmehr substantiellen Fragen der zeitgenössischen Gesellschaften und ihrer politisch-sozialen Grund- ordnung zu und entwickelt im bewußten Gegensatz zu der im engli- schen Sprachraum vorherrschenden normativen Ethik, dem Utili- tarismus, eine sachliche Alternative. Unter Rückgriff auf die klas- sische Vertragstheorie von Locke, Rousseau, vor allem aber Kant und mit Hilfe eines in den modernen Wissenschaften zunehmend bedeut- samen Denk- und Sprachrahmens, dem der Entscheidungs- und Spieltheorie, entwickelt Rawls zwei Prinzipien der Gerechtigkeit und wendet sie dann auf die Grundinstitutionen moderner Gesell- schaften an. Dabei geht es (u. a. auch) um das politisch aktuelle Problem, ob und unter welchen Bedingungen man auch einer demo- kratisch gewählten Regierung Widerstand leisten dürfe. (0. Höffe)

John Rawls Eine Theorie der Gerechtigkeit

übersetzt von Hermann Vetter

Suhrkamp

Kapitel I

Gerechtigkeit als Fairneß

In diesem einleitenden Kapitel skizziere ich einige der Hauptgedan- ken der Theorie der Gerechtigkeit, die ich entwickeln möchte. Die Darstellung ist locker und soll der späteren ausführlicheren Argu- mentation den Weg bereiten. Gewisse Überschneidungen zwischen diesen und den späteren Darlegungen sind nicht zu vermeiden. Ich beginne mit der Beschreibung der Rolle der Gerechtigkeit im sozia- len Zusammenleben und mit einer kurzen Analyse des Hauptgegen- standes der Gerechtigkeit, der Grundstruktur der Gesellschaft. Dann bringe ich den Hauptgedanken: Gerechtigkeit als Fairneß, eine Gerechtigkeitstheorie, die die herkömmliche Vorstellung vom Gesellschaftsvertrag verallgemeinert und auf eine höhere Abstrak- tionsebene hebt. Das Geflecht der Gesellschaft wird ersetzt durch eine Anfangssituation mit gewissen Verfahrensbeschränkungen für die Argumentation, die zu einer anfänglichen Übereinstimmung be- züglich der Grundsätze der Gerechtigkeit führen sollen. Zur klären- den Gegenüberstellung gehe ich auch auf die klassischen utilitaristi- schen und intuitionistischen Vorstellungen von der Gerechtigkeit ein und betrachte einige Unterschiede zwischen ihnen und der Gerech- tigkeit als Fairneß. Leitgedanke ist die Entwicklung einer Gerech- tigkeitstheorie, die eine brauchbare Alternative zu jenen Anschau- ungen bildet, die die philosophische Tradition lange beherrscht haben.

I. Die Rolle der Gerechtigkeit

Die Gerechtigkeit ist die erste Tugend sozialer Institutionen, so wie die Wahrheit bei Gedankensystemen. Eine noch so elegante und mit sparsamen Mitteln arbeitende Theorie muß fallengelassen oder ab- geändert werden, wenn sie nicht wahr ist; ebenso müssen noch so gut funktionierende und wohlabgestimmte Gesetze und Institutionen abgeändert oder abgeschafft werden, wenn sie ungerecht sind. Jeder Mensch besitzt eine aus der Gerechtigkeit entspringende Unverletz- lichkeit, die auch im Namen des Wohles der ganzen Gesellschaft nicht aufgehoben werden kann. Daher läßt es die Gerechtigkeit

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nicht zu, daß der Verlust der Freiheit bei einigen durch ein größe- res Wohl für andere wettgemacht wird. Sie gestattet nicht, daß Opfer, die einigen wenigen auferlegt werden, durch den größeren Vorteil vieler anderer aufgewogen werden. Daher gelten in einer gerechten Gesellschaft gleiche Bürgerrechte für alle als ausge- macht; die auf der Gerechtigkeit beruhenden Rechte sind kein Ge- genstand politischer Verhandlungen oder sozialer Interessenab- wägungen. Mit einer falschen Theorie darf man sich nur dann zu- frieden geben, wenn es keine bessere gibt; ganz ähnlich ist eine Ungerechtigkeit nur tragbar, wenn sie zur Vermeidung einer noch größeren Ungerechtigkeit notwendig ist. Als Haupttugenden für das menschliche Handeln dulden Wahrheit und Gerechtigkeit keine Kompromisse. Diese Aussagen dürften unsere intuitive Überzeugung vom Vorrang der Gerechtigkeit ausdrücken. Zweifellos sind sie zu stark formu- liert. Jedenfalls möchte ich untersuchen, ob diese oder ähnliche Be- hauptungen vernünftig sind, und wenn ja, wie man sie begründen kann. Dazu ist die Entwicklung einer Gerechtigkeitstheorie notwen- dig, in deren Lichte man diese Behauptungen deuten und beurteilen kann. Ich beginne mit den Grundsätzen der Gerechtigkeit. Nehmen wir, um etwas Bestimmtes vor Augen zu haben, an, eine Gesell- schaft sei eine mehr oder weniger in sich abgeschlossene Vereinigung von Menschen, die für ihre gegenseitigen Beziehungen gewisse Ver- haltensregeln als bindend anerkennen und sich meist auch nach ihnen richten. Nehmen wir weiter an, diese Regeln beschrieben ein System der Zusammenarbeit, das dem Wohl seiner Teilnehmer dienen soll. Dann ist zwar die Gesellschaft ein Unternehmen zur Förderung des gegenseitigen Vorteils, aber charakteristischerweise nicht nur von Interessenharmonie, sondern auch von Konflikt geprägt. Eine Inter- esse~harmonie ergibt sich daraus, daß die gesellschaftliche Zusam- menarbeit allen ein besseres Leben ermöglicht, als wenn sie nur auf ihre eigenen Anstrengungen angewiesen wären. Ein Interessenkon- flikt ergibt sich daraus, daß es den Menschen nicht gleichgültig ist, ~ie die durch ihre Zusammenarbeit erzeugten Güter verteilt wer- den, denn jeder möchte lieber mehr als weniger haben. Es sind Grundsätze nötig, um zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Regelungen der Güterverteilung zu entscheiden und eine Einigung darüber zu erzielen. Das sind die Grundsätze der sozialen Gerech- tigkeit: sie ermöglichen die Zuweisung von Rechten und Pflichten in

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den grundlegenden Institutionen der Gesellschaft, und sie legen die richtige Verteilung der Früchte und der Lasten der gesellschaftlichen Zusammenarbeit fest. Wir wollen nun eine Gesellschaft wohlgeordnet nennen, wenn sie nicht nur auf das Wohl ihrer Mitglieder zugeschnitten ist, sondern auch von einer gemeinsamen Gerechtigkeitsvorstellung wirksam ge- steuert wird. Es handelt sich also um eine Gesellschaft, in der (1) jeder die gleichen Gerechtigkeitsgrundsätze anerkennt und weiß, daß das auch die anderen tun, und (2) die grundlegenden gesell- schaftlichen Institutionen bekanntermaßen diesen Grundsätzen ge- nügen. Die Menschen mögen dann übertriebene Ansprüche an an- dere stellen, aber sie erkennen doch einen gemeinsamen Maßstab an, nach dem ihre Ansprüche zu beurteilen sind. Der Eigennutz zwingt zwar die Menschen, voreinander auf der Hut zu sein, doch ihr ge- meinsamer Gerechtigkeitssinn ermöglicht es ihnen, sich in sicherer Form zusammenzutun. Zwischen Menschen mit verschiedene~-Zie- len schaff!: eine gemeinsame Gerechtigkeitsvorstellung den Bürger- frieden; das allgemeine Gerechtigkeitsstreben setzt der Verfolgung anderer Ziele Grenzen. Man kann sich eine gemeinsame Gerechtig- keitsvorstellung als das Grundgesetz einer wohlgeordneten mensch- lichen Gesellschaft vorstellen. Die wirklichen Gesellschaften sind freilich selten in diesem Sinne wohlgeordnet, denn was gerecht und ungerecht sei, ist gewöhnlich umstritten. Die Menschen sind sich über die Grundregeln ihres ge- sellschaftlichen Zusammenschlusses nicht einig. Trotzdem kann man jedem von ihnen eine Gerechtigkeitsvorstellung zuschreiben. Das heißt, sie sehen die Notwendigkeit bestimmter Grundsätze für die Festsetzung der Grundrechte und -pflichten und der als gerecht be- trachteten Verteilung der Früchte und Lasten der gesellschaftlichen Zusammenarbeit, und sie sind bereit, solche anzuerkennen. Man kann sich also natürlicherweise neben den verschiedenen Gerechtig- keitsvorstellungen einen Gerechtigkeitsbegriff denken, der aus der ihnen gemeinsamen Rolle besteht!. Menschen mit verschiedenen Ge- rechtigkeitsvorstellungen können sich also immer noch darin einig sein, daß Institutionen gerecht sind, wenn bei der Zuweisung von Grundrechten und -pflichten keine willkürlichen Unterschiede zwi- schen Menschen gemacht werden, und wenn die Regeln einen sinn-

1 Hier folge im H. L. A. Hart, The Concept 0/ Law (Oxford, The Clarendon Press, 1961), S. 155-159 (dt.: Der Begriff des Rechts, Frankfurt: Suhrkamp, 1973, S. 219-225).

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vollen Ausgleich zwischen konkurrierenden Ansprüchen zum Wohle des gesellschaftlichen Lebens herstellen. Auf diese Bestimmung der gerechten Institutionen kann man sich einigen, da die Begriffe des willkürlichen Unterschieds und des sinnvollen Ausgleichs, die im Gerechtigkeitsbegriff enthalten sind, von jedem gemäß seinen Ge- rechtigkeitsgrundsätzen gedeutet werden können. Diese bestimmen, welche Ahnlichkeiten und Unterschiede zwischen Menschen für ihre Rechte und Pflichten von Belang sind, und welche Güterverteilung richtig ist. Diese Unterscheidung zwischen dem Begriff der Gerech- tigkeit und den einzelnen Gerechtigkeitsvorstellungen löst natürlich keine wichtigen Probleme. Sie trägt nur zur Erke~mtnis der Rolle der Grundsätze sozialer Gerechtigkeit bei. Eine gewisse übereinstimmung der Gerechtigkeitsvorstellungen ist nun nicht die einzige Voraussetzung für eine funktions[ähige menschliche Gesellschaft. Es gibt weitere soziale Grundprobleme, besonders die der Koordination, der Effizienz und der Stabilität. Die Vorhaben der einzelnen Menschen müssen so aufeinander abge- stimmt werden, daß ihre Tätigkeiten zusammenpassen und alle zu- sammen ausgeführt werden können, ohne daß irgend jemandes berechtigte Erwartungen wesentlich enttäuscht werden. Darüber hinaus soll die Ausführung dieser Vorhaben zur Erreichung gesell- schaftlicher Ziele führen, und zwar mit hohem Wirkungsgrad und auf gerechte Weise. Schließlich muß das Schema der gesellschaft- lichen Zusammenarbeit stabil sein: es muß mehr oder weniger stetig befolgt werden, und seine Grundregeln müssen bereitwillig einge- halten werden; bei Verstößen muß es stabilisierende Kräfte geben, die weiteren Verstößen entgegenwirken und die Ordnung wieder- herzusteIlen suchen. Offensichtlich hängen nun diese drei Probleme mit dem der Gerechtigkeit zusammen. Ohne eine gewisse überein- stimmung darüber, was gerecht und ungerecht sei, ist es für die ein- zelnen Menschen offenbar schwieriger, ihre Vorhaben wirkungsvoll aufeinander abzustimmen und allseitig nützliche Verhältnisse auf- rechtzuerhalten. Mißtrauen und Ressentiment zerstören die gesell- schaftlichen Bande, Verdacht und Feindseligkeit verführen die Menschen zu Handlungen, derer sie sich sonst enthalten würden. Die besondere Funktion der Gerechtigkeitsvorstellungen ist also die Festlegung von Grundrechten und -pflichten sowie der richtigen Verteilung, und das hängt mit den Problemen der Effizienz, der Koordination und der Stabilität zusammen. Im allgemeinen läßt

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sich eine Gerechtigkeitsvorstellung nicht allein durch ihren Vertei- lungseffekt charakterisieren, so bedeutungsvoll er auch für den Be- griff der Gerechtigkeit sein mag. Man muß ihre weiteren Verzwei- gungen in Betracht ziehen; die Gerechtigkeit hat zwar einen gewis-

sie ist ja die wichtigste Tugend der Institutionen-,

sen Vorrang -

doch unter sonst gleichen Umständen ist eine Gerechtigkeitsvorstel- lung besser als eine andere, wenn ihre weitläufigeren Folgen besser sind.

2. Der Gegenstand der Gerechtigkeit

Vieles nennt man gerecht oder ungerecht: nicht nur Gesetze, Institu- tionen und Gesellschaftssysteme, sondern auch die verschiedensten Handlungen, z. B. Entscheidungen, Urteile und moralische Bewer- tungen. Auch Einstellungen und Verhaltensweisen von Menschen, wie auch diese selbst, nennt man gerecht oder ungerecht. Wir ha- ben es aber mit der sozialen Gerechtigkeit zu tun. Für uns ist der erste Gegenstand der Gerechtigkeit die Grundstruktur der Gesell- schaft, genauer: die Art, wie die wichtigsten gesellschaftlichen Insti- tutionen Grundrechte und -pflichten und die Früchte der gesell- schaftlichen Zusammenarbeit verteilen. Unter den wichtigsten Institutionen verstehe ich die Verfassung und die wichtigsten wirt- schaftlichen und sozialen Verhältnisse. Beispiele sind etwa die gesetzlichen Sicherungen der Gedanken- und Gewissensfreiheit, Märkte mit Konkurrenz, das Privateigentum an den Produktions- mitteln und die monogame Familie. Zusammengenommen legen die wichtigsten Institutionen die Rechte und Pflichten der Menschen fest und beeinflussen ihre Lebenschancen, was sie werden können und wie gut es ihnen gehen wird. Die Grundstruktur ist der Haupt- gegenstand der Gerechtigkeit, weil ihre Wirkungen so tiefgreifend und von Anfang an vorhanden sind. Intuitiv stellt man sich vor, daß sie verschiedene soziale Positionen enthält, und daß die Men- schen, die in sie hineingeboren werden, verschiedene Lebenschancen haben, die teilweise vom politischen System und von den wirtschaft- lichen und sozialen Verhältnissen abhängen. Die gesellschaftlichen Institutionen begünstigen also gewisse Ausgangspositionen. Dies sind besonders tiefgreifende Ungleichheiten. Nicht nur wirken sie sich überall aus, sie beeinflussen auch die anfänglichen Lebenschan- cen jedes Menschen; sie lassen sich aber keinesfalls aufgrund von Verdiensten rechtfertigen. Auf diese Ungleichheiten - die wahr-

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scheinlich in der Grundstruktur jeder Gesellschaft unvermeidlich sind - müssen sich die Grundsätze der sozialen Gerechtigkeit in erster Linie beziehen. Sie bestimmen dann die politische Verfassung und die Hauptzüge des wirtschaftlichen und sozialen Systems. Die Gerechtigkeit eines Gesellschaftsmodells hängt wesentlich davon ab, wie die Grundrechte und -pflichten und die wirtschaftlichen Mög- lichkeiten und sozialen Verhältnisse in den verschiedenen Bereichen der Gesellschaft bestimmt werden. Unsere Untersuchung ist in zweierlei Hinsicht beschränkt. Zunächst einmal beschäftige ich mich mit einem Spezialfall des Gerechtig- keitsproblems. Ich betrachte nicht die Gerechtigkeit von Institutio- nen und gesellschaftlichen Verfahrensweisen im allgemeinen, und nur am Rande (in Abschnitt 58) die Gerechtigkeit des Völkerrechts und der Beziehungen zwisChen Staaten. Bezieht man also den Ge- rechtigkeitsbegriff auf jegliche Verteilung von vernünftigerweise als solchen betrachteten Vor- und Nachteilen, so interessieren wir uns nur für einen bestimmten Anwendungsfall. Zunächst gibt es keinen Grund, daß die für die Grundstruktur richtigen Grundsätze auch für alle Einzelfälle gelten sollten. Sie sind vielleicht für private Ver- einigungen oder für weniger umfassende gesellschaftliche Gruppen nicht brauchbar. Sie sind vielleicht für die informellen Konventio- nen und Sitten des täglichen Lebens ohne Belang; sie besagen viel- leicht nichts über die Gerechtigkeit, oder vielleicht besser Fairneß, freiwilliger Zusammenschlüsse oder Regeln für Vertragsabschlüsse. Vielleicht sind für das Völkerrecht andere Grundsätze gemäß etwas anderen Erwägungen notwendig. Ich bin zufrieden, wenn es gelingt, einen vernünftigen Gerechtigkeitsbegriff für die Grundstruktur der Gesellschaft zu formulieren, wobei wir uns die Gesellschaft vorerst als geschlossenes System vorstellen, das keine Verbindung mit anderen Gesellschaften hat. Dieser Spezialfall ist ganz offenbar von hinreichender Bedeutung. Die Vermutung liegt nahe, daß eine brauchbare Theorie für diesen Fall auch die Behandlung der übrigen Gerechtigkeitsprobleme erleichtern wird. Mit entsprechenden Ab- änderungen dürfte eine solche Theorie den Schlüssel für manche dieser anderen Probleme bilden. Die andere Beschränkung unserer Erörterung besteht darin, dafS ich mich zumeist mit den Gerechtigkeitsgrundsätzen einer wohl- geordneten Gesellschaft befasse. Es wird angenommen, daß jeder gerecht handelt und seinen Teil zur Erhaltung der gerechten Insti-

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tutionen beiträgt. Die Gerechtigkeit ist vielleicht, wie Hume be- merkte, die vorsichtige, eifersüchtige Tugend, doch man kann im- mer noch fragen, wie eine vollkommen gerechte Gesellschaft aus- sehen würde. 2 Ich betrachte also in erster Linie das, was ich voll- ständige Konformität nenne, im Gegensatz zur Theorie der un- vollständigen Konformität (Abschnitte 25, 39). Diese beschäftigt sich mit den Grundsätzen für die Behandlung von Ungerechtig- keiten. Zu ihr gehört etwa die Theorie der Strafe, des gerechten Krieges, der Rechtfertigung des Widerstands verschiedener Art gegen ungerechte Herrschaft, der vom zivilen Ungehorsam und der Kriegsdienstverweigerung bis zu aktivem Widerstand und Revo- lution reicht. Ebenso gehören dorthin Fragen der ausgleichenden Gerechtigkeit und der Abwägung einer Form institutioneller Un- gerechtigkeit gegen eine andere. Offenbar sind die Probleme der Theorie der unvollständigen Konformität die dringlichen. Ihnen stehen wir im täglichen Leben gegenüber. Wenn ich mit der idealen Theorie anfange, so deshalb, weil sie nach meiner Auffassung die einzige Grundlage für eine systematische Behandlung dieser drin- genderen Probleme abgibt. Beispielsweise beruht auf ihr die Dis- kussion des zivilen Ungehorsams (Abschnitte 55-59). Zumindest scheint mir ein tieferes Verständnis auf keine andere Weise mög- lich; ich halte die vollkommen gerechte Gesellschaft für den Grundbestandteil der Theorie der Gerechtigkeit. Nun ist zugegebenermaßen der Begriff der Grundstruktur etwas unbestimmt. Nicht immer ist klar, welche Institutionen oder Funk- tionen dazugehören. Doch es wäre verfrüht, sich jetzt darüber Gedanken zu machen. Ich werde zunächst Grundsätze besprechen, die sich jedenfalls auf Gegenstände anwenden lassen, die sicherlich nach unserer Intuition zur Grundstruktur gehören; dann versuche ich, die Anwendung dieser Grundsätze so zu erweitern, daß die Hauptbestandteile dieser Struktur erfaßt werden dürften. Viel- leicht werden sich diese Grundsätze als völlig allgemein heraus- stellen, doch das ist unwahrscheinlich. Es genügt, wenn sie sich auf die wichtigsten Fälle der sozialen Gerechtigkeit beziehen. Man sollte nicht vergessen, daß ein Gerechtigkeitsbegriff für die Grundstruktur an sich selbst wertvoll ist. Man sollte nicht auf ihn verzichten, wenn seine Grundsätze nicht überall brauchbar sind.

2 An Enquiry Concerning the Principles 0/ Morals, sec. 3, part 1, par. 3, Hrsg. L. A. Selbr-Bigge, 2. Aufl. (Oxford 1902), S. 184.

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Ein Begriff der sozialen Gerechtigkeit liefert also in erster Linie einen Maßstab zur Beurteilung der Verteilungseigenschaften der gesellschaftlichen Grundstruktur. Dieser ist nicht zu verwechseln mit den Grundsätzen zur Bestimmung der anderen Tugenden; die Grundstruktur und die sozialen Verhältnisse im allgemeinen können ja mit hohem oder niedrigem Wirkungsgrad arbeiten, freiheitlich oder unfreiheitlich sein und viele andere Eigenschaften neben der Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit haben. Eine umfas- sende Vorstellung von den Grundsätzen für alle Tugenden der Grundstruktur, zusammen mit ihrer Gewichtung für den Kon- fliktfall, ist mehr als ein Gerechtigkeitsbegriff ; es ist ein Gesell- schaftsideal. Die Grundsätze der Gerechtigkeit sind nur ein Teil davon, wenn auch vielleicht der wichtigste. Ein Gesellschaftsideal wiederum hängt mit einer Gesellschaftsvorstellung zusammen, einer Vision von den Zielen der gesellschaftlichen Zusammen- arbeit. Die verschiedenen Gerechtigkeitsvorstellungen sind der Ausfluß verschiedener Vorstellungen von der Gesellschaft auf dem Hintergrund verschiedener Vorstellungen von den natürlichen Notwendigkeiten und Möglichkeiten des menschlichen Lebens. Will man eine Gerechtigkeitsvorstellung völlig verstehen, so muß man die ihr zugrundeliegende Vorstellung von der gesellschaftlichen Zusammenarbeit herausarbeiten. Doch dabei sollte man nicht die besondere Rolle der Gerechtigkeitsgrundsätze und ihres Haupt- gegenstandes aus den Augen verlieren. In diesen einleitenden Bemerkungen habe ich unterschieden zwi- schen dem Begriff der Gerechtigkeit als eines angemessenen Aus- gleichs zwischen konkurrierenden Ansprüchen und einer Gerechtig- keitsvorsteIlung als einer Menge zusammenhängender Grundsätze zur Festlegung der Gesichtspunkte für die Bestimmung dieses Aus- gleichs. Ferner habe ich die Gerechtigkeit als Teil eines Gesell- schaftsideals bestimmt, wobei die von mir vertretene Theorie zweifellos die Alltagsbedeutung von »Gerechtigkeit« bereits erwei- tert. Diese Theorie soll keine Alltagsbedeutungen beschreiben, son- dern bestimmte Verteilungsgrundsätze für die gesellschaftliche Grundstruktur. Ich gehe davon aus, daß jede einigermaßen voll- ständige ethische Theorie Grundsätze zur Lösung dieses Grundpro- blems enthalten muß, die, wie sie auch immer beschaffen sein mö- gen, ihre Gerechtigkeitslehre bilden. Der Gerechtigkeitsbegriff ist also für mich definiert durch seine Grundsätze für die Zuweisung

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von Rechten und Pflichten und die richtige Verteilung gesell- schaftlicher Güter. Eine Gerechtigkeitsvorstellung ist eine Ausdeu-

tung dieser Funktion. Es könnte nun so scheinen, als stimmte dieser Ansatz nicht mit der Tradition überein. Ich bin nicht dieser Auffassung. Aristoteles gibt der Gerechtigkeit den genaueren Sinn - von dem sich die bekann- testen Formulierungen herleiten - des Verzichts auf pleonexia,

d. h. auf da~ An-sich-Reißen eines Vorteils durch Wegnahme von

etwas, das einem anderen gehört, z. B. seines Eigentums, seines Verdienstes, seines Amtes, oder durch Vorenthalten von etwas, das ihm zukommt: Nichterfüllung eines Versprechens, Nichtbe- zahlung einer Schuld, Verweigerung der schuldigen Achtung, usw. 3

Offensichtlich ist diese Definition auf Handlungen gemünzt, und Menschen gelten insofern als gerecht, als sie als bleibende Cha- raktereigenschaft den beständigen und wirksamen Wunsch haben, gerecht zu handeln. Die Definition des AristoteIes setzt jedoch offenbar eine Analyse dessen voraus, was einem Menschen gerechterweise gehört und worauf er Anspruch hat. Mir scheint nun, daß sich derartige Ansprüche sehr oft aus sozialen Institu- tionen und den berechtigten Erwartungen herleiten, zu denen sie Anlaß geben. Es gibt keinen Grund für die Vermutung, daß Ari- stoteles damit nicht einverstanden wäre, und gewiß verfügt er über eine Vorstellung von der sozialen Gerechtigkeit, die solche Ansprüche begründen kann. Meine Definition soll sich unmittelbar auf den wichtigsten Fall beziehen: die Gerechtigkeit der Grund- struktur. Sie steht nicht im Gegensatz zur Tradition.

3. Der Hauptgedanke der Theorie der Gerechtigkeit

Ich möchte eme Gerechtigkeitsvorstellung darlegen, die die bekannte Theorie des Gesellschaftsvertrages etwa von Locke, Rousseau und Kant 4 verallgemeinert und auf eine höhere Ab-

3 Nikomachische Ethik, 1129 b - 1130 b 5. Ich folge der Interpretation von Gregory

A Collection 0/ Criti-

cal Essays, Hrsg. G. Vlastos (Garden City, N.Y., Doubleday & Co., 1971), Bd. 2,

VIastos,

»Justicc

and

Happincss

in

~Thc Rcpublic{«, in

Plato:

S. 70 f. über Aristotclcs und die Gerechtigkeit siehe W.

F.

R.

Hardic, Aristotle's Ethi-

cal Theory (Oxford, The Clarendon Press, 1968), Kap. 10.

4 Ich betrachte also Lockes Secand Treatise 0/ Go'Uernment, Rousseaus Contrat social und

Schriften von der Grundlegung der Metaphysik der Sitten an als maß ge-

Kants ethische

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straktionsebene hebt. Dazu darf man sich den ursprünglichen Vertrag nicht so vorstellen, als ob er in eine bestimmte Gesell- schaft eingeführt würde oder eine bestimmte Regierungsform er- richtete. Der Leitgedanke ist vielmehr, daß sich die ursprüngliche Übereinkunft auf die Gerechtigkeitsgrundsätze für die gesell- schaftliche Grundstruktur bezieht. Es sind diejenigen Grundsätze, die freie und vernünftige Menschen in ihrem eigenen Interesse in einer anfänglichen Situation der Gleichheit zur Bestimmung der Grundverhältnisse ihrer Verbindung annehmen würden. Ihnen haben sich alle weiteren Vereinbarungen anzupassen; sie bestim- men die möglichen Arten der gesellschaftlichen Zusammenarbeit und der Regierung. Diese Betrachtungsweise der Gerechtigkeits- grundsätze nenne ich Theorie der Gerechtigkeit als Fairneß. Wir wollen uns also vorstellen, daß diejenigen, die sich zu gesell- schaftlicher Zusammenarbeit vereinigen wollen, in einem gemein- samen Akt die Grundsätze wählen, nach denen Grundrechte und -pflichten und die Verteilung der gesellschaftlichen Güter bestimmt werden. Die Menschen sollen im voraus entscheiden, wie sie ihre Ansprüche gegeneinander regeln wollen und wie die Gründungs- urkunde ihrer Gesellschaft aussehen soll. Ganz wie jeder Mensch durch vernünftige Überlegung entscheiden muß, was für ihn das Gute ist, d. h. das System der Ziele, die zu verfolgen für ihn vernünftig ist, so muß eine Gruppe von Menschen ein für alle- mal entscheiden, was ihnen als gerecht und ungerecht gelten soll. Die Entscheidung, die vernünftige Menschen in dieser theoretischen Situation der Freiheit und Gleichheit treffen würden, bestimmt die Grundsätze der Gerechtigkeit. (Wir nehmen für den Augenblick an, daß dieses Entscheidungsproblem eine Lösung hat.) In der Theorie der Gerechtigkeit als Fairneß spielt die ursprüng- liche Situation der Gleichheit dieselbe Rolle wie der Naturzustand in der herkömmlichen Theorie des Gesellschaftsvertrags. Dieser Urzustand wird natürlich nicht als ein wirklicher geschichtlicher Zu-

bend für die Lehre vom Gesellsmaftsvertrag. Bei alt seiner Bedeutung wirft Hobbes' Leviathan besondere Probleme auf. Einen allgemeinen geschichtlimen überblick gibt J. W. Gough, rhe Sorial Contrart, 2. Auf!. (Oxford, The Clarendon Press, 1957), und Ouo Gierkc, Die Staats- und Korporationslehre der Neuzeit, Bd. 4 von Das deutsche Genossenschafisrecht, Berlin 1868-1881, 1913. Eine Darstellung der Gesellsmaftsvertrags-

lehre als ethischer Theorie findet sidt bei G. R. Griee, Thc Grounds 0/ Moral Judgment (Cambridge, Thc University Press, 1967). Siehe auch Abschnitt 19, Anm. 30 des vorliegen-

den Buches.

Gerechtigkeit als Fairneß

stand vorgestellt, noch weniger als primitives Stadium der Kultur. Er wird als rein theoretische Situation aufgefaßt, die so beschaffen ist, daß sie zu einer bestimmten Gerechtigkeitsvorstellung führt. 5 Zu den wesentlichen Eigenschaften dieser Situation gehört, daß niemand seine Stellung in der Gesellschaft kennt, seine Klasse oder seinen Status, ebensowenig sein Los bei der Verteilung natür- licher Gaben wie Intelligenz oder Körperkraft. Ich nehme sogar an, daß die Beteiligten ihre Vorstellung vom Guten und ihre besonderen psychologischen Neigungen nicht kennen. Die Grund- sätze der Gerechtigkeit werden hinter einem Schleier des Nicht- wissens festgelegt. Dies gewährleistet, daß dabei niemand durch die Zufälligkeiten der Natur oder der gesellschaftlichen Umstände bevorzugt oder benachteiligt wird. Da sich alle in der gleichen Lage befinden und niemand Grundsätze ausdenken kann, die ihn aufgrund seiner besonderen Verhältnisse bevorzugen, sind die Grundsätze der Gerechtigkeit das Ergebnis einer fairen Überein- kunft oder Verhandlung. Denn in Anbetracht der Symmetrie aller zwischenmenschlichen Beziehungen ist dieser Urzustand fair gegenüber den moralischen Subjekten, d. h. den vernünftigen Wesen mit eigenen Zielen und - das nehme ich an - der Fähig- keit zu einem Gerechtigkeitsgefühl. Den Urzustand könnte man den angemessenen Ausgangszustand nennen, und damit sind die in ihm getroffenen Grundvereinbarungen fair. Das rechtfertigt die Bezeichnung »Gerechtigkeit als Fairneß«: Sie drückt den Ge- danken aus, daß die Grundsätze der Gerechtigkeit in einer fairen Ausgangssituation festgelegt werden. Sie will nicht besagen, die Begriffe der Gerechtigkeit und der Fairneß seien ein und dasselbe, ebensowenig wie der Ausdruck »Dichtung als Metapher« sagen will, Dichtung und Metapher seien dasselbe. Die Gerechtigkeit als Fairneß beginnt, so sagte ich, mit der all- gemeinsten Entscheidung, die Menschen überhaupt zusammen treffen können, nämlich mit der Wahl der ersten Grundsätze einer

5 Kant läßt keinen Zweifel dann, daß die ursprünglimc Vereinbarung fiktiv ist. Siehe

Metaphysik der Sitten, Teil 1 (»Rechtslehre«), insbes. § 47, § 52; sowie den 2. Teil des Aufsatzes »Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber

nid1t für die Praxi~« (Werke, herausgegeben von der Preußischen Akademie der ~Tis_ senschaften, Berlin, Bd. 8, 1912). Siehe Georges Vlachos, La pensee politique de Kant

(Paris, Presses universitaircs de France, 1962), S. 326-335, sowie 1. G. Murphy, Kant:

rhe Philosophy 0/ Right (London, Macmillan, 1970), S. 109-112, 133-136, wo sich eine eingehendere Erörterung findet.

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Gerechtigkeitsvorstellung, die für alle spätere Kritik und Verände- rung von Institutionen maßgebend sein soll. Nachdem sie nun eine Gerechtigkeitsvorstellung festgelegt haben, können wir uns vor- stellen, daß sie eine Verfassung, ein Gesetzgebungsverfahren und anderes wählen müssen, alles gemäß den anfänglich vereinbarten Gerechtigkeitsgrundsätzen. Unsere gesellschaftlichen Verhältnisse sind gerecht, wenn das ihnen zugrundeliegende allgemeine Regel- system durch diese Abfolge fiktiver Vereinbarungen erzeugt worden ist. Nimmt man an, daß der Urzustand tatsächlich ein System von Grundsätzen bestimmt (daß also eine bestimmte Ge- rechtigkeitsvorstellung gewählt würde), dann gilt des weiteren:

Wer in gesellschaftliche Institutionen eingebunden ist, die diesen Grundsätzen entsprechen, kann einem anderen Mitglied gegenüber behaupten, beide arbeiteten nach Regeln zusammen, auf die sie sich einigen würden, wenn sie freie und gleiche Menschen wären und in fairen Beziehungen zueinander stünden. Alle könnten von ihren Verhältnissen behaupten, sie erfüllten die Bedingungen, die man in einem Urzustand aufstellen würde, der weithin an- erkannte und vernünftige Einschränkungen für die Wahl der Grundsätze enthält. Die allgemeine Anerkennung dieser Tatsache wäre die Grundlage für die allgemeine Anerkennung der entspre- chenden Gerechtigkeitsgrundsätze. Natürlich kann keine Gesell- schaft ein Plan der Zusammenarbeit sein, dem die Menschen im buchstäblichen Sinne freiwillig beitreten; jedermann findet sich bei seiner Geburt in einer bestimmten Position in einer bestimmten Gesellschaft, die seine Lebenschancen entscheidend beeinflußt. Doch eine Gesellschaft, die den Grundsätzen der Gerechtigkeit als Fairneß entspricht, kommt einem freiwilligen System noch am nächsten, denn sie entspricht den Grundsätzen, denen freie und gleiche Menschen unter fairen Bedingungen zustimmen würden. In diesem Sinne sind ihre Mitglieder autonom und die von ihnen an- erkannten Pflichten selbstauferlegt. Zur Gerechtigkeit als Fairneß gehört die Vorstellung, daß die Menschen im Urzustand vernünftig sind und keine aufeinander gerichteten Interessen haben. Das bedeutet nicht, daß sie Egoisten wären, die also nur ganz bestimmte Interessen hätten, etwa an Reichtum, Ansehen oder Macht. Sie werden aber so vorgestellt, daß sie kein Interesse an den Interessen anderer nehmen. Sie halten selbst ihre geistigen Ziele für möglicherweise entgegen-

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gesetzt wie etwa die Ziele der Angehörigen verschiedener Religio- nen. Ferner muß der Begriff der Vernünftigkeit im engstmögli- chen Sinne verstanden werden, wie es in der Wirtschafts theorie üblich ist: daß zu gegebenen Zielen die wirksamsten Mittel ein- gesetzt werden. Später (Abschnitt 25) werde ich diesen Begriff et- was abändern, doch man sollte in ihn nach Möglichkeit keine strittigen ethischen Eigenschaften hineinlegen. Der Urzustand muß auf weithin anerkannte Weise charakterisiert werden. Bei der Erarbeitung des Begriffs der Gerechtigkeit als Fairneß be- steht eine Hauptaufgabe offenbar in der Bestimmung der Ge- rechtigkeitsgrundsätze, die im Urzustand gewählt würden. Dazu müssen wir diesen Zustand ausführlicher beschreiben und das vor- liegende Entscheidungsproblem sorgfältig formulieren. Ich werde mich damit in den unmittelbar folgenden Kapiteln beschäftigen. Übrigens ist es eine offene Frage, ob bei einer Einigung auf die Grundsätze der Gerechtigkeit in einer Situation der Gleichheit das Nutzenprinzip':' anerkannt würde. Auf den ersten Blick erscheint es kaum als naheliegend, daß Menschen, die sich als Gleiche sehen und ihre Ansprüche gegeneinander geltend machen können, sich auf einen Grundsatz einigen sollten, der einigen geringere Lebens- chancen auferlegt, nur weil die Summe der Vorteile für die anderen größer ist. Da jeder seine Interessen - die Möglichkeit, seiner Vorstellung vom Guten nachzugehen - schützen möchte, gibt es für niemanden einen Grund, sich selbst mit einem dauernden Verlust zufrieden zu geben, um insgesamt mehr Befriedigung her- vorzubringen. Ohne starke und beständige altruistische Motive würde kein vernünftiger Mensch eine Grundstruktur akzeptieren, nur weil sie die Summe der Annehmlichkeiten für alle zusammen- genommen erhöht - ohne Rücksicht auf ihre dauernden Wirkun- gen auf seine eigenen Grundrechte und Interessen. Das Nutzen- prinzip scheint also unvereinbar zu sein mit der Vorstellung gesell- schaftlicher Zusammenarbeit zwischen Gleichen zum gegenseitigen Vorteil, mit dem Gedanken der Gegenseitigkeit, der im Begriff einer wohlgeordneten Gesellschaft enthalten ist. Diese Auffassung werde ich jedenfalls vertreten. Ich behaupte, daß die Menschen im Urzustand zwei ganz andere Grundsätze wählen würden: einmal die Gleichheit der Grund-

>- »Principle of utility.c. Gemeint ist das Prinzip der Maximierung der Summe oder des Durchschnittswerts des Nutzens. (Anm. d. Obers.)

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rechte und -pflichten; zum anderen den Grundsatz, daß soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten, etwa verschiedener Reichtum oder verschiedene Macht, nur dann gerecht sind, wenn sich aus ihnen Vorteile für jedermann ergeben, insbesondere für die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft. Nach diesen Grundsätzen kann man Institutionen nicht damit rechtfertigen, daß den Un- bilden einiger ein größerer Gesamtnutzen gegenüberstehe. Es ist vielleicht zweckmäßig, aber nicht gerecht, daß einige weniger haben, damit es anderen besser geht. Es ist aber nichts Ungerech- tes an den größeren Vorteilen weniger, falls es dadurch auch den nicht so Begünstigten besser geht. Die intuitive Vorstellung ist die, daß jedermanns Wohlergehen von der Zusammenarbeit abhängt, ohne die niemand ein befriedigendes Leben hätte, und daß daher die Verteilung der Güter jeden, auch den weniger Begünstigten, geneigt machen sollte, bereitwillig mitzuarbeiten. Die beiden so- eben erwähnten Grundsätze dürften eine faire Grundlage dafür sein, daß die Begabteren oder sozial besser Gestellten - was bei- des nicht als Verdienst angesehen werden kann - auf die bereit- willige Mitarbeit anderer rechnen können, sofern eine funktionie- rende Regelung eine notwendige Bedingung für das Wohlergehen aller ist. 6 Sobald man sich für eine Gerechtigkeitsvorstellung ent- schieden hat, die die Zufälligkeiten der natürlichen Begabung und der gesellschaftlichen Verhältnisse nicht zu politischen und wirt- schaftlichen Vorteilen führen läßt, gelangt man zu diesen Grund- sätzen. Sie lassen jene Seiten der sozialen Welt aus dem Spiel, die als moralisch willkürlich erscheinen. Das Problem der Wahl von Grundsätzen ist aber äußerst schwie- rig. Ich erwarte nicht, daß meine Lösung jeden überzeugen wird. Wir wollen deshalb von Anfang an festhalten, daß die Gerechtig- keit als Fairneß, ebenso wie andere Gesellschaftsvertragstheorien, aus zwei Teilen besteht: (I) einer Konkretisierung des Urzustands und des in ihm vorliegenden Entscheidungsproblems, und (2) einem System von Grundsätzen, die, so behauptet man, anerkannt wür- den. Man kann jeden der beiden Teile (oder eine Abwandlung davon) ohne den anderen akzeptieren. Es könnte die Vorstellung einer ursprünglichen Vertragssituation 3Js vernünftig erscheinen, nicht aber die und die Grundsätze, die aus ihr abgeleitet werden. Auf jeden Fall möchte ich behaupten, daß die vernünftigste Vor-

6 Die Formulierung dieses intuitiven Gedankens verdanke im Allan Gibbard.

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stellung von dieser Situation zu Gerechtigkeitsgrundsätzen führt, die dem Utilitarismus und dem Perfektionismus entgegengesetzt sind, daß also die Gesellschaftsvertragstheorie eine Alternative zu diesen Theorien ist. Doch auch gegen diese Behauptung kann man noch etwas haben, selbst wenn man zugibt, daß die Vertrags- theorie für die Analyse ethischer Theorien und die Herausarbei- tung der ihnen zugrundeliegenden Annahmen von Nutzen sei. Die Gerechtigkeit als Fairneß ist ein Beispiel für das, was ich Gesell- schaftsvertragstheorie nenne. Man könnte nun gegen den Ausdruck »Vertrag« oder ähnliche Ausdrücke Einwände erheben, doch ich halte ihn für ganz brauchbar. Viele Wörter haben irreführende Nebenbedeutungen, die zunächst Verwirrung stiften können. Die Ausdrücke "Nutzen« und »Utilitarismus« machen gewiß keine Ausnahme. Auch sie wecken unpassende Assoziationen, die sich böswillige Kritiker zunutze gemacht haben; doch wer sich mit der utilitaristi$chen Lehre beschäftigen möchte, für den sind sie eindeu- tig. Gleiches dürfte für den Ausdruck »Vertrag« in Theorien der Moral gelten. Wenn man ihn richtig verstehen will, muß man sich, wie ich schon sagte, vor Augen halten, daß er mit einer gewissen Abstraktion verbunden ist. Insbesondere soll ja die entsprechende Vereinbarung nicht in eine bestehende Gesellschaft eingebracht werden oder auf die Einführung einer bestimmten Regierungsform hinauslaufen, sondern auf die Festlegung bestimmter moralischer Grundsätze. Darüber hinaus sind die Vorgänge, von denen die Rede ist, rein theoretisch: die Vertragstheorie behauptet, daß be- stimmte Grundsätze in einer wohldefinierten Ausgangssituation akzeptiert würden. Die Rede vom Vertrag hat den Vorzug, daran zu erinnern, daß man Gerechtigkeitsgrundsätze als Grundsätze auffassen kann, die von vernünftigen Menschen gewählt würden, wodurch sich Gerechtigkeitsvorstellungen erklären und rechtfertigen lassen. Die Theorie der Gerecht:gkeit ist - vielleicht der wichtigste - Teil der Theorie der rationalen Entscheidung. Weiterhin beziehen sich Gerechtigkeitsgrundsätze auf konkurrierende Ansprüche auf die Früchte der gesellschaftlichen Zusammenarbeit; sie haben mit den Beziehungen zwischen mehreren Menschen oder Gruppen zu tun. Das Wort» Vertrag« weist auf diese Vielheit hin, ebenso auf die Bedingung, daß die Verteilung der Güter nach Grundsätzen erfolgen muß, die für alle Beteiligten annehmbar sind. Die Rede

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Theorie

vom Vertrag deutet auch auf die Bedingung hin, daß die Gerech- tigkeitsgrundsätze allgemein bekannt sein sollen. Erwachsen diese also aus einer Übereinkunft, so kennen die Bürger die Grundsätze, denen die anderen folgen. Gerade die Vertragstheorien betonen die öffentlichkeit der politischen Grundsätze. Und schließlich: die Ver- tragstheorie hat eine lange Tradition. Betont man die Verbindung zu dieser Denkrichtung, so fördert das die Bestimmtheit der Gedan- ken und entspricht einer natürlichen Pietät. Die Verwendung des Ausdrucks »Vertrag« hat also verschiedene Vorteile. Bei entspre- chender Umsicht sollte er nicht irreführen. Eine letzte Bemerkung. Die Gerechtigkeit als Fairneß ist keine vollständige Vertragstheorie. Denn der Vertragsgedanke läßt sich offenbar auf die Wahl eines mehr oder weniger vollständigen ethischen Systems überhaupt anwenden, das also nicht nur Grundsätze für die Gerechtigkeit, sondern für sämtliche Tugenden enthält. Nun werde ich meist nur Grundsätze der Gerechtigkeit und andere mit ihnen eng zusammenhängende betrachten; ich versuche nicht, die Tugenden systematisch zu behandeln. Wenn nun die Theorie der Gerechtigkeit als Fairneß einigermaßen er- folgreich ist, dann wäre ein naheliegender nächster Schritt die Un- tersuchung der allgemeineren Auffassung, die man »das Rechte als Fairneß« nennen könnte. Doch auch diese erweiterte Theorie umfaßt nicht alle moralischen Beziehungen, denn sie befaßt sich ja wohl nur mit unseren Beziehungen zu anderen Menschen, nicht aber zu Tieren und zur übrigen Natur. Ich behaupte nicht, daß die Vertragstheorie diese Probleme löst, die sicherlich von größter Bedeutung sind; ich werde sie beiseite lassen müssen. Man darf den beschränkten Anwendungsbereich der Gerechtigkeit als Fair- neß und des allgemeinen Ansatzes, für den sie ein Beispiel ist, nicht verkennen. Man kann nicht im voraus entscheiden, wie weit sie nach einer Analyse dieser anderen Probleme abgeändert werden müßte.

4. Der Urzustand und die Rechtfertigung

Ich nannte den Urzustand den angemessenen Ausgangszustand, der gewährleistet, daß die in ihm erzielten Grundvereinbarungen fair sind. Daraus ergibt sich der Name »Gerechtigkeit als Fair-

Gerechtigkeit als Fairneß

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neß«. Damit ist klar, was ich behaupten möchte: eine Gerechtig- keitsvorsteIlung ist vernünftiger oder eher zu rechtfertigen als eine andere, falls vernünftige Menschen im Urzustand die einen Grundsätze anstelle der anderen als gerecht akzeptieren würden. Gerechtigkeitsvorstellungen sind danach zu beurteilen, wie an- nehmbar sie Menschen unter solchen Bedingungen sind. In diesem Sinne wird die Frage der Rechtfertigung durch Ausführung eines Gedankenexperiments entschieden: man muß feststellen, welche Grundsätze vernünftigerweise in der Vertragssituation zu akzep- tieren wären. Dadurch hängt die Theorie der Gerechtigkeit mit der Theorie der vernünftigen Entscheidung zusammen. Soll diese Auffassung des Rechtfertigungsproblems Früchte tragen, so müssen wir natürlich das Entscheidungsproblem genauer be- schreiben. Für ein Problem der vernünftigen Entscheidung gibt es eine eindeutige Lösung nur dann, wenn die Ansichten und Inter- essen der Parteien und ihre Beziehungen untereinander bekannt sind, die Möglichkeiten, zwischen denen sie wählen können, die Verfahren, nach denen sie entscheiden, und so weiter. Werden die Verhältnisse verschieden dargestellt, so werden verschiedene Grundsätze akzeptiert. Der Begriff des Urzustands, wie ich ihn verwende, ist die philosophisch bevorzugte Auffassung dieser an- fänglichen Entscheidungssituation für die Zwecke einer Theorie der Gerechtigkeit. Doch wie sollen wir entscheiden, welches die bevorzugte Auffas- sung ist? Ich gehe einmal davon aus, daß weithin Übereinstim- mung darüber herrscht, daß Gerechtigkeitsgrundsätze unter be- stimmten Bedingungen festgelegt werden sollten. Zur Rechtferti- gung einer bestimmten Konkretisierung dieser Ausgangssituation zeigt man, daß sie diese allgemein akzeptierten Bedingungen er- füllt. Von weithin akzeptierten, aber schwachen Voraussetzungen kommt man zu spezifischeren Folgerungen. Jede Bedingung sollte, für sich genommen, natürlich und einleuchtend sein; manche er- scheinen vielleicht als harmlos, ja trivial. Der Vertrags-Ansatz zielt darauf ab, zu zeigen, daß sie zusammengenommen wesent- liche Einschränkungen für die annehmbaren Gerechtigkeitsgrund- sätze liefern. Das ideale Ergebnis wäre, daß die Bedingungen ein- deutig ein System von Grundsätzen bestimmen; doch ich bin zu- frieden, wenn sie zu einer Rangordnung für die wichtigsten her- kömmlichen Vorstellungen von der sozialen Gerechtigkeit führen.

Theorie

Man darf sich also durch die etwas ungewöhnlichen Bedingungen, die den Urzustand kennzeichnen, nicht irreführen lassen. Der Gedanke ist einfach der, uns die Einschränkungen lebhaft vor Augen zu führen, die für die Argumentation über Gerechtigkeits- grundsätze und damit für diese selbst als vernünftig erscheinen. So erscheint es als vernünftig und allgemein akzeptabel, daß durch die Wahl der Grundsätze niemand aufgrund natürlicher oder gesellschaftlicher Gegebenheiten bevorzugt oder benachteiligt werden sollte. Ebenso scheint man sich weithin darüber einig zu sein, daß niemand die Grundsätze auf seine eigenen Verhältnisse zuschneiden können soll. Ferner sollte dafür gesorgt sein, daß be- stimmte Neigungen, Strebungen und Vorstellungen vom eigenen Wohl keinen Einfluß auf die Wahl der Grundsätze haben. Ziel ist, Grundsätze auszuschließen, die man vernünftigerweise nur dann - mit wie wenig Erfolgsaussicht auch immer - vorschla- gen kann, wenn man bestimmte für die Frage der Gerechtigkeit unerhebliche Tatsachen kennt. Wenn zum Beispiel jemand weiß, daß er reich ist, könnte er es vernünftig finden, für den Grund- satz einzutreten, daß gewisse Steuern, die Wohlfahrtsmaßnah- men dienen sollen, als ungerecht zu betrachten seien; weiß er, daß er arm ist, so würde er höchstwahrscheinlich für den ent- gegengesetzten Grundsatz eintreten. Zur Darstellung der ge- wünschten Einschränkungen stellt man sich eine Situation vor, in der niemand solche Kenntnisse besitzt. Man schließt die Kenntnis solcher Umstände aus, die Unterschiede zwischen den Menschen bilden und diese ihren Vorurteilen ausliefern. So gelangt man auf natürliche Weise zum Schleier des Nichtwissens. Dieser Begriff sollte keine Schwierigkeiten aufwerfen, wenn man sich die Ein- schränkungen für die Argumentation vor Augen hält, die er ver- körpern soll. Man kann gewissermaßen jederzeit einfach dadurch in den Urzustand eintreten, daß man ein bestimmtes Verfahren anwendet, also für Gerechtigkeitsgrundsätze im Rahmen dieser Einschränkungen argumentiert. Vernünftig erscheint die Annahme, daß die Menschen im Ur- zustand gleich seien. Das heißt, sie haben bei der Wahl der Grundsätze alle die gleichen Rechte; jeder kann Vorschläge ma- chen, Gründe für sie vorbringen usw. Diese Bedingungen sollen offenbar die Gleichheit zwischen Menschen als moralischen Sub- jekten darstellen, als Wesen mit einer Vorstellung von ihrem Wohl

Gerechtigkeit als Fairneß

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und einem Gerechtigkeitssinn. Die Grundlage der Gleichheit soll in diesen beiden Punkten bestehen. Systeme von Zielen werden nicht bewertet; und bei jedem Menschen wird die Fähigkeit voraus- gesetzt, die jeweils festgelegten Grundsätze zu verstehen und nach ihnen zu handeln. Zusammen mit dem Schleier des Nichtwissens definieren diese Bedingungen die Grundsätze der Gerechtigkeit als diejenigen, auf die sich vernünftige Menschen, die ihre Interes- sen verfolgen, als Gleiche einigen würden, wenn von keinem be- kannt ist, daß er durch natürliche oder gesellschaftliche Umstände bevorzugt oder benachteiligt ist. Die Rechtfertigung einer bestimmten Konkretisierung des Ur- zustands hat aber noch eine andere Seite. Man muß prüfen, ob die Grundsätze, die gewählt würden, unseren wohlüberlegten Ge- rechtigkeitsvorstellungen entsprechen oder sie auf annehmbare Weise erweitern. Man kann ja feststellen, ob die Anwendung die- ser Grundsätze uns zu denselben Urteilen über die Grundstruktur der Gesellschaft führen würde, die wir jetzt intuitiv und mit größ- ter überzeugung fällen; oder ob in solchen Fällen, in denen wir jetzt mit Zweifel und Zögern urteilen, diese Grundsätze eine Lö- sung liefern, der wir uns nach überlegung anschließen können. Es gibt ja Fragen, bei denen wir das bestimmte Gefühl haben, die Antwort müsse so und so lauten. Beispielsweise sind wir sicher, daß religiöse Unduldsamkeit und rassische Benachteiligung un- gerecht sind. Wir glauben diese Fragen sorgfältig untersucht zu haben und zu einem unparteiischen Urteil gelangt zu sein, das wohl kaum durch ungebührliche Berücksichtigung unserer eigenen Interessen verfälscht sein dürfte. Diese überzeugungen sind für uns vorläufige Fixpunkte, denen jede Gerechtigkeitsvorstellung entsprechen muß. Doch wir sind viel weniger sicher, was die rich- tige Verteilung von Reichtum und Macht ist. Hier suchen wir viel- leicht nach einer Methode, die unsere Zweifel auflöst. Wir können also eine Konkretisierung des Urzustands daran prüfen, wie weit sich ihre Grundsätze mit unseren festesten überzeugungen vertra- gen und wie weit sie uns da, wo es nötig ist, Anleitung geben. Bei der Suche nach der bevorzugten Konkretisieruno- dieser Situa- tlOn gehen wir von beiden Enden her vor. Zunächst beschreiben wir sie s?, daß sie allgemein akzeptierten und möglichst schwa- chen Bedmgungen genügt. Dann prüfen wir, ob diese Bedingungen so stark sind, daß aus ihnen ein nicht-trivales System von Grund-

.

b

Theorie

sätzen folgt. Wenn nicht, suchen wIr weitere, ebenso vernünftige Voraussetzungen. Wenn das gelingt und die sich ergebenden Grundsätze unseren wohlüberlegten Gerechtigkeitsvorstellungen entsprechen, ist es gut. Doch wahrscheinlich wird es Abweichungen geben. Dann können wir zweierlei tun. Wir können entweder die Konkretisierung des Urzustands oder unsere gegenwärtigen Ur- teile abändern, denn auch unsere vorläufigen Fixpunkte können ja revidiert werden. Wir gehen hin und her, einmal ändern wir die Bedingungen für die Vertragssituation, ein andermal geben wir unsere Urteile auf und passen sie den Grundsätzen an; so, glaube ich, gelangen wir schließlich zu einer Konkretisierung des Ur- zustandes, die sowohl vernünftigen Bedingungen genügt als auch zu Grundsätzen führt, die mit unseren - gebührend berei- nigten - wohlüberlegten Urteilen übereinstimmen. Diesen Zu- stand nenne ich überlegungs-Gleichgewicht.7 Es ist ein Gleich- gewicht, weil schließlich unsere Grundsätze und unsere Urteile übereinstimmen; und es ist ein Gleichgewicht der überlegung, weil wir wissen, welchen Grundsätzen unsere Urteile entsprechen, und aus welchen Voraussetzungen diese abgeleitet sind. Für den Au- genblick ist alles in Ordnung. Doch das Gleichgewicht ist nicht notwendig stabil. Neue Erwägungen bezüglich der Bedingungen für die Vertragssituation können es umstürzen, ebenso Einzelfälle, die uns zur Anderung unserer Urteile veranlassen. Doch vorläu- fig haben wir getan, was wir können, um unsere Vorstellungen von der sozialen Gerechtigkeit zu vereinheitlichen und zu rechtferti- gen. Wir sind zu einer Konkretisierung des Urzustands gelangt. Natürlich werde ich diese ganze Prozedur nicht wirklich durchlau- fen. Doch man kann sich die Konkretisierung des Urzustands, die ich angeben werde, als das Ergebnis eines solchen überlegungs- ganges vorstellen. Sie ist der Versuch, sowohl vernünftige philoso- phische Bedingungen für die Grundsätze als auch unsere wohl- überlegten Gerechtigkeitsurteile in ein einziges Schema zu bringen. Auf dem Weg zu der bevorzugten Konkretisierung der Ausgangs- situation berufe ich mich an keinem Punkt auf die Evidenz - im

7 Die wechselseitige Anpassung von Grundsätzen und überlegten Urteilen ist nicht auf die Moralphilosophie beschränkt. Siehe Nelson Goodman, Fact, Fiction, and Forecast Cambridgc, Mass., Harvard University Press, 1955 [clt. Ausgabe Herbst 1975 im Suhr- kamp VerlagJ, S. 65-68, wo sich entspremende Bemerkungen über die Rechtfertigung der

Grundsätze des deduktiven und induktiven Schließens finden.

Gerechtigkeit als Fairneß

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herkömmlichen Sinne - allgemeiner Vorstellungen oder spezieller überzeugungen. Von den vorgeschlagenen Gerechtigkeitsgrundsät- zen behaupte ich nicht, sie seien notwendige Wahrheiten oder aus solchen ableitbar. Eine Gerechtigkeitsvorstellung läßt sich nicht aus evis!(!llten Voraussetzungen oder Bedingungen für die Gr-u~~ sätze ableiten; vielmehr ergibt sich ihre Rechtfertigung aus der ge- genseitigen Stützung vieler Erwägungen, daraus, daß sich alles zu einer einheitlichen Theorie zusammenfügt. Eine letzte Bemerkung. Wir wollen sagen, bestimmte Gerechtig- keitsgrundsätze seien gerechtfertigt, weil man sich in einem an- fänglichen Zustand der Gleichheit auf sie einigen würde. Ich habe den rein hypothetischen Charakter dieses Urzustands betont. So liegt die Frage nahe, warum, wenn diese Vereinbarung nie wirk- lich getroffen wird, diese moralischen oder sonstigen Grundsätze von irgendwelchem Interesse sein sollen. Die Antwort ist, daß wir die der Beschreibung des Urzustands zugrundeliegenden Bedingun- gen tatsächlich akzeptieren. Und wenn nicht, dann kann uns viel- leicht philosophische überlegung dazu bringen. Für jede Seite der Vertragssituation lassen sich Gründe anführen. Was wir tun wer- den, läuft also darauf hinaus, daß eine Anzahl von Bedingungen für die Grundsätze, die wir nach reiflicher überlegung als ver- nünftig anzuerkennen bereit sind, in einer einzigen Vorstellung zusammengefaßt werden. Diese Bedingungen spiegeln das wider, was wir als Einschränkungen für faire Regelungen der gesell- schaftlichen Zusammenarbeit anzusehen bereit sind. In einer mög- lichen Betrachtungsweise ist also der Gedanke des Urzustands ein Darstellungsmittel, das die Bedeutung dieser Bedingungen zusam- menfaßt und uns beim Ziehen der Folgerungen behilflich ist. An- dererseits handelt es sich auch um eine intuitive Vorstellung, die ihre eigene Präzisierung nahelegt und uns zu einer deutlicheren Bestim- mung des Standpunktes drängt, von dem aus wir moralische Be- ziehungen am besten verstehen können. Wir brauchen eine Vor- stellung, die uns unser Ziel aus der Ferne sehen läßt; das soll für uns die intuitive Vorstellung vom Urzustand leisten. 8

8 Henri Poincare bemerkt: »Il naus faut une faculte qui fiaus fasse voir le but de loin,

1909),

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27.

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80

Theorie

gegen ist es eine noch größere Ungerechtigkeit, wenn die bereits Benachteiligten im Einzelfall noch willkürlich behandelt werden, während die Regeln ihnen eine gewisse Sicherheit geben würden. Andererseits könnte es noch besser sein, in bestimmten Fällen das Los derer zu erleichtern, die durch Abweichungen von den vorhan- denen Normen unfair behandelt worden sind. Wie weit das gerechtfertigt wäre, besonders wenn auf gutem Glauben beru- hende Erwartungen gegenüber den bestehenden Institutionen ver- letzt werden, ist eine der verwickelten Fragen der politischen Ge- rechtigkeit. Allgemein kann man nur sagen, daß das Gewicht der Ansprüche der formalen Gerechtigkeit, des Gehorsams gegenüber dem System, offenbar von der inhaltlichen Gerechtigkeit der In- stitutionen und den Möglichkeiten ihrer Reform abhängt. Manche sind der Auffassung, faktisch gingen inhaltliche und for- male Gerechtigkeit oft derart Hand in Hand, daß jedenfalls grob ungerechte Institutionen nie, oder doch nur selten, unpartei- isch und konsequent praktiziert würden. 6 Man sagt, wer Unge- rechtigkeiten aufrechterhalte und von ihnen Vorteile habe, und wer die Rechte und Freiheiten anderer verachte, der lasse seine In- teressen im Einzelfall kaum durch Bedenken hinsichtlich der Ge- setzmäßigkeit einschränken. Die unvermeidliche Unschärfe von Gesetzen im allgemeinen und ihr weiter Interpretationsspielraum begünstigten eine Willkür bei den Entscheidungen, die nur eine Orientierung an der Gerechtigkeit beheben könne. Es wird also behauptet, wo sich formale Gerechtigkeit finde, die Herrschaft des Gesetzes und die Erfüllung berechtigter Erwartungen, da finde sich wahrscheinlich auch inhaltliche Gerechtigkeit. Der Wunsch, Regeln unparteiisch und konsequent anzuwenden, gleiche Fälle gleich zu behandeln und die Folgen der Anwendung öffent- licher Normen hinzunehmen, sei eng verbunden mit dem Wunsch oder doch der Bereitschaft, die Rechte und Freiheiten anderer an- zuerkennen und einen gebührenden Anteil an den Früchten und Lasten der gesellschaftlichen Zusammenarbeit zu übernehmen. Der eine Wunsch sei oft mit dem anderen verbunden. Diese Be- hauptung ist gewiß einleuchtend, doch ich werde sie hier nicht un- tersuchen. Denn man kann sie nicht richtig beurteilen, ehe man die vernünftigsten Grundsätze der inhaltlichen Gerechtigkeit kennt

6 Siehe Lon

Fuller,

The

Morality

0/ Law (Ncw

Haven,

Yale Univcrsity Press,

1964),

Kap. 4.

Die Grundsätze der Gerechtigkeit

8r

und weiß, unter welchen Bedingungen die Menschen ihnen zustim- men und nach ihnen leben. Kennen wir einmal den Inhalt dieser Grundsätze und ihre Grundlage in der Vernunft und den mensch- lichen Einstellungen, so können wir vielleicht entscheiden, ob in- haltliche und formale Gerechtigkeit Hand in Hand gehen.

11. Die beiden Grundsätze der Gerechtigkeit

Ich werde jetzt in einer vorläufigen Form die beiden Gerechtig- keitsgrundsätze angeben, auf die man sich nach meiner Auffas- sung im Urzustand einigen würde. Die erste Formulierung dieser Grundsätze ist eine vorläufige. Im folgenden werde ich zu mehre- ren weiteren Formulierungen kommen, die sich schrittweise der später anzugebenden endgültigen nähern. Mir scheint, daß damit die Darstellung einen natürlichen Weg geht. Die erste Formulierung der beiden Grundsätze lautet folgender- maßen:

I. Jedermann soll gleiches Recht auf das umfangreichste Sy- stem gleicher Grundfreiheiten haben, das mit dem gleichen Sy- stem für alle anderen verträglich ist. 2. Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten sind so zu gestal- ten, daß (a) vernünftigerweise zu erwarten ist, daß sie zu je- dermanns Vorteil dienen, und (b) sie mit Positionen und Am- tern verbunden sind, die jedem offen stehen. Im zweiten Grundsatz gibt es zwei mehrdeutige Ausdrücke, näm- lich »jedermanns Vorteil« und »jedem offen«. Die genauere Be- stimmung ihres Sinnes wird zur zweiten Formulierung des Grund- satzes in Abschnitt 13 führen. Die endgültige Fassung der bei den Grundsätze wird in Abschnitt 46 angegeben; Abschnitt 39 be- schäftigt sich mit dem ersten Grundsatz. Diese Grundsätze beziehen sich hauptsächlich, wie ich schon sagte, auf die Grundstruktur der Gesellschaft und bestimmen die Zuwei- sung von Rechten und Pflichten und die Verteilung gesellschaftli- cher und wirtschaftlicher Güter. Ihre Formulierung setzt voraus, daß für die Zwecke einer Theorie der Gerechtigkeit die Sozial- struktur als aus zwei mehr oder weniger abgegrenzten Teilen be- stehend angesehen werden kann, wobei sich die beiden Grundsätze jeweils auf einen von diesen beziehen. Wir unterscheiden also zwi-

Theorie

schen den Seiten des Gesellschaftssystems, die die gleichen Grund- freiheiten festlegen und sichern, und denen, die gesellschaftliche und wirtschaftliche Ungleichheiten bestimmen und einführen. Es ist nun von Bedeutung, daß die Grundfreiheiten durch eine Liste derartiger Freiheiten festgelegt sind. Wichtig unter ihnen sind die politische Freiheit (das Recht, zu wählen und öffentliche Amter zu bekleiden) und die Rede- und Versammlungsfreiheit; die Gewis- sens- und Gedankenfreiheit; die persönliche Freiheit, zu der der Schutz vor psychologischer Unterdrückung und körperlicher Miß- handlung und Verstümmelung gehört (Unverletzlichkeit der Per- son); das Recht auf persönliches Eigentum und der Schutz vor willkürlicher Festnahme und Haft, wie es durch den Begriff der Gesetzesherrschaft festgelegt ist. Diese Freiheiten sollen nach dem ersten Grundsatz für jeden gleich sein. Der zweite Grundsatz bezieht sich in erster Näherung auf die Verteilung von Einkommen und Vermögen und die Beschaffen- heit von Organisationen, in denen es unterschiedliche Macht und Verantwortung gibt. Die Verteilung des Einkommens und Vermö- gens muß nicht gleichmäßig sein, aber zu jedermanns Vorteil, und gleichzeitig müssen mit Macht und Verantwortung ausgestattete Positionen jedermann zugänglich sein. Der zweite Grundsatz kommt dadurch zum Tragen, daß die Positionen offen gehalten werden und dann unter dieser Einschränkung die sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheiten zu jedermanns Nutzen gestaltet werden. Diese Grundsätze sollen in lexikalischer Ordnung stehen, derart, daß der erste dem zweiten vorausgeht. Diese Ordnung bedeutet, daß Verletzungen der vom ersten Grundsatz geschützten gleichen Grundfreiheiten nicht durch größere gesellschaftliche oder wirt- schaftliche Vorteile gerechtfertigt oder ausgeglichen werden kön- nen. Diese Freiheiten haben einen Kern-Anwendungsbereich, in- nerhalb dessen sie nur beschränkt werden können, wenn sie mit anderen Grundfreiheiten in Konflikt geraten. Deshalb ist zwar keine von ihnen absolut; doch welches System auch aus ihnen gebildet wird, es muß für alle Menschen dasselbe sein. Es ist schwierig, ja vielleicht unmöglich, diese Freiheiten unabhängig von den besonderen sozialen, wirtschaftlichen und technischen Bedingun- gen einer gegebenen Gesellschaft vollständig anzugeben. Doch unsere Hypothese ist, daß sich die allgemeine Form einer solchen

Die Grundsätze der Gerechtigkeit

Liste so gen au angeben läßt, daß diese Gerechtigkeitsvorstellung darauf aufgebaut werden kann. Freiheiten, die nicht in der Liste enthalten sind - etwa das Recht auf bestimmte Arten des Eigen- tums (z. B. an Produktionsmitteln) oder die Vertragsfreiheit im Sinne der Theorie des laissez-faire -, sind eben keine Grundfrei- heiten und genießen nicht den Schutz, den der Vorrang des ersten Grundsatzes gewährt. Was schließlich den zweiten Grundsatz an- belangt, so müssen die Vermögens- und Einkommensverteilung und die mit Macht und Verantwortung ausgestatteten Positionen sowohl mit den Grundfreiheiten als auch mit der Chancengleich- heit im Einklang stehen. Die beiden Grundsätze sind recht speziellen Inhalts, und ihre An- erkennung hängt von gewissen Voraussetzungen ab, die ich letzten Endes versuchen muß zu erklären und zu rechtfertigen. Für den Augenblick ist zu vermerken, daß diese Grundsätze ein Spezial- fall einer allgemeineren Gerechtigkeitsvorstellung sind, die man folgendermaßen formulieren kann:

Alle sozialen Werte Freiheit, Chancen, Einkommen, Vermögen und die sozialen Grundlagen der Selbstachtung - sind gleichmäßig zu verteilen, soweit nicht eine ungleiche Vertei- lung jedermann zum Vorteil gereicht. Ungerechtigkeit besteht demnach einfach in Ungleichheiten, die nicht jedermann Nutzen bringen. Das ist natürlich sehr unscharf und bedarf der Konkretisierung. Als ersten Schritt wollen wir annehmen, die Grundstruktur der Gesellschaft verteile gewisse Grundgüter, d. h. Dinge, von denen man annehmen kann, daß sie jeder vernünftige Mensch haben will. Diese Güter sind gewöhnlich brauchbar, gleichgültig, was je- mand für einen vernünftigen Lebensplan hat. Der Einfachheit halber wollen wir annehmen, die hauptsächlichen Grundgüter der Gesellschaft seien Rechte, Freiheiten und Chancen sowie Ein- kommen und Vermögen. (Später, im dritten Teil, nimmt das Grundgut der Selbstachtung einen wichtigen Platz ein.) Das also seien die gesellschaftlichen Grundgüter. Andere Grundgüter wie Ge- sundheit und Lebenskraft, Intelligenz und Phantasie sind natürliche Güter; sie werden von der Grundstruktur nur mittelbar beein- flußt. Denken wir uns also alle gesellschaftlichen Grundgüter gleichmäßig verteilt: Jeder hat gleiche Rechte und Pflichten, glei- ches Einkommen und Vermögen. Dieser Zustand ist ein Ausgangs-

Theorie

punkt für die Beurteilung von Verbesserungen. Falls bestimmte Ungleichheiten des Reichtums und der Macht jeden besser stellen als in dem angenommenen Ausgangszustand, stimmen sie mit der allgemeinen Gerechtigkeitsvorstellung überein. Nun ist es mindestens theoretisch möglich, daß die Menschen durch Aufgabe einiger ihrer Grundfreiheiten ausreichend entschädigende soziale und wirtschaftliche Vorteile erlangen. Die allgemeine Ge- rechtigkeitsvorstellung enthält keine Einschränkungen dafür, welche Ungleichheiten zulässig sind; sie verlangt nur, daß jeder besser dasteht. Man braucht nicht an etwas so Einschneidendes wie die Sklaverei zu denken, sondern nur daran, daß die Menschen auf bestimmte politische Rechte verzichten könnten, wenn das wirtschaftlich etwas Wesentliches einbringt. Einen solchen Aus- tausch schließen nun die beiden Grundsätze aus. Sie stehen ja in lexikalischer Ordnung und gestatten keinen Austausch zwischen Grundfreiheiten und sozialen und wirtschaftlichen Vorteilen, außer unter besonderen Umständen (s. Abschnitte 26, 39). Ich werde zumeist die allgemeine Gerechtigkeitsvorstellung beiseite lassen und stattdessen die beiden Grundsätze in ihrer lexikalischen Ordnung untersuchen. Dieses Vorgehen hat den Vorteil, daß die Vorrangfrage von Anfang an erkannt wird und Grundsätze zu ihrer Lösung gesucht werden. Man wird veranlaßt, sich ständig mit den Bedingungen auseinanderzusetzen, unter denen ein abso- lutes Gewicht der Freiheit gegenüber sozialen und wirtschaftlichen Vorteilen, wie es die lexikalische Ordnung der bei den Grundsätze festlegt, vernünftig wäre. Zunächst erscheint diese Ordnung als ex- trem und als zu speziell, als daß sie viel Interesse verdiente; doch sie läßt sich nach meiner Auffassung rechtfertigen (Abschnitt 82). Des weiteren weist die Unterscheidung zwischen Grundrechten und Grundfreiheiten einerseits und wirtschaftlichen und sozialen Vor- teilen andererseits auf eine wichtige Einteilung des Gesellschafts- systems hin. Natürlich sind diese Unterscheidungen und die vor- geschlagene Ordnung bestenfalls Näherungen. Es gibt sicher Um- stände, unter denen sie sich nicht bewähren. Doch es ist wesentlich, die Hauptlinien einer vernünftigen Gerechtigkeitsvorstellung klar aufzuzeigen; und unter vielen Bedingungen sind ja wohl die bei- den Grundsätze in lexikalischer Ordnung durchaus brauchbar. Daß sich die beiden Grundsätze auf Institutionen beziehen, hat gewisse Folgen. Zunächst einmal sind die in diesen Grundsätzen

Die Grundsätze der Gerechtigkeit

erwähnten Rechte und Grundfreiheiten diejenigen, die von den öf- fentlichen Regeln der Grundstruktur festgelegt werden. Ob die Menschen frei sind, hängt von den Rechten und Pflichten ab, die die wichtigsten gesellschaftlichen Institutionen festlegen. Die Frei- heit ist eine bestimmte Struktur sozialer Formen. Der erste Grund- satz fordert einfach, daß bestimmte Regeln, diejenigen nämlich, die die Grundfreiheiten festlegen, auf jedermann in gleicher Weise anzuwenden sind, und daß sie die weitestgehende Freiheit gewäh- ren, die für alle möglich ist. Der einzige Grund für eine Einschrän- kung der Grundfreiheiten wäre, daß sie sonst miteinander unver- träglich wären. Des weiteren meinen die Grundsätze, sofern sie Menschen erwäh- nen oder fordern, daß jeder von einer Ungleichheit Vorteil habe, repräsentative Personen, die verschiedene soziale Positionen oder Amter innehaben, die im Rahmen der Grundstruktur errichtet sind. Für die Anwendung des zweiten Grundsatzes nehme ich also an, daß man repräsentativen Personen, die diese Positionen inne- haben, eine Aussicht bezüglich ihres Wohlergehens zuschreiben kann. Diese gibt ihre Lebenschancen unter dem Gesichtspunkt ih- rer gesellschaftlichen Stellung an. Ganz allgemein hängen die Aussichten der repräsentativen Personen von der Verteilung der Rechte und Pflichten in der Grundstruktur ab. Die Aussichten sind miteinander verknüpft: Steigen die Aussichten der repräsenta- tiven Personen in einer Position, so steigen oder fallen vermutlich die Aussichten repräsentativer Personen in anderen Positionen. Da sich der zweite Grundsatz auf institutionelle Formen bezieht, bezieht er (oder sein erster Teil) sich nicht auf die Verteilung be- stimmter Güter unter bestimmte Menschen. Nun verlangt der zweite Grundsatz, daß von zulässigen Un- gleichheiten in der Grundstruktur jedermann Vorteile haben muß. Das bedeutet: Für alle durch diese Struktur definierten betroffe- nen repräsentativen Personen muß es, dynamisch betrachtet, ver- nünftig sein, die Aussichten unter der Ungleichheit denen ohne sie vorzuziehen. Unterschiede des Einkommens oder der Macht und Verantwortung dürfen nicht dadurch gerechtfertigt werden, daß die Nachteile derer in einer bestimmten Position durch die größe- ren Vorteile derer in einer anderen aufgewogen würden. Noch viel weniger lassen sich Freiheitsbeschränkungen auf diese Weise aus- gleichen. Offensichtlich gibt es aber unendlich viele Möglichkeiten,

86

Theorie

wie jedermann gegenüber der anfänglichen Vergleichssituation der Gleichheit besser dastehen kann. Wie soll man nun zwischen die- sen Möglichkeiten wählen? Die Grundsätze müssen so ge faßt wer- den, daß sie eine eindeutige Lösung liefern. Diesem Problem wende ich mich jetzt zu.

12. Deutungen des zweiten Grundsatzes

Ich erwähnte schon, daß wegen der mangelnden Eindeutigkeit der Ausdrücke »jedermanns Vorteil« und »jedem offenstehend« beide Teile des zweiten Grundsatzes zwei natürliche Deutungen zulas- sen. Da diese unabhängig voneinander sind, hat der Grundsatz vier mögliche Bedeutungen. Setzt man für den ersten Grundsatz, den der gleichen Freiheit für alle, durchweg denselben Sinn voraus, dann gibt es für die bei den Grundsätze vier Deutungen. Sie sind in der folgenden Tabelle aufgeführt:

» Jedermanns Vorteil«

.Jedem offen«

Optimalitätsprinzip

Unterschiedsprinzip

Dem Fähigen stehen die Laufbahnen offen

System der natür- lichen Freiheit

Natürliche

Aristokratie

Gleiche Chancen

Liberale Gleichheit

Demokratische

 

Gleichheit

Ich werde nacheinander das System der natürlichen Freiheit, die liberale Gleichheit und die demokratische Gleichheit beschreiben. In mancher Hinsicht ist diese Abfolge die intuitiveinleuchtendere, doch die über die natürliche Aristokratie laufende ist nicht ohne Interesse, und ich werde kurz etwas über sie sagen. Bei der Ent- wicklung der Gerechtigkeit als Fairneß muß man entscheiden, welche Deutung vorzuziehen ist. Ich werde mir die der demokrati- schen Gleichheit zu eigen machen und sie im nächsten Abschnitt er- klären. Die Begründung dafür, daß sie im Urzustand gewählt würde, folgt erst im nächsten Kapitel. Die erste Deutung (in beiden Abfolgen) nenne ich das System der natürlichen Freiheit. In dieser Deutung wird der erste Teil des

Die Grundsätze der Gerechtigkeit

zweiten Grundsatzes als das Optimalitätsprinzip verstanden, an- gewandt auf Institutionen oder in diesem Falle auf die Grund- struktur der Gesellschaft; der zweite Teil wird verstanden als offenes Gesellschaftssystem, in dem die Laufbahnen den Fähigen offenstehen. In allen Deutungen nehme ich an, daß der erste Grundsatz, der der gleichen Freiheit für alle, erfüllt ist, und daß die Wirtschaft im großen und ganzen ein System des freien Mark- tes ist, wobei die Produktionsmittel nicht in Privatbesitz zu sein brauchen. Das System der natürlichen Freiheit läuft also darauf hinaus, daß eine solche Grundstruktur zu einer gerechten Vertei- lung führt, die dem Optimalitätsprinzip genügt, und deren Posi- tionen denen offenstehen, die fähig und willens sind, sich um sie zu bewerben. Eine derartige Zuweisung von Rechten und Pflich- ten soll also zu einer fairen Verteilung von Besitz und Einkommen Macht und Verantwortung führen, wie auch immer sie des weite- ren aussehen mag. Diese Lehre enthält ein wichtiges Element der reinen Verfahrensgerechtigkeit, das auf die anderen Deutungen übertragen wird. An diesem Punkt ist eine kurze Abschweifung nötig: die Erklärung des Optimalitätsprinzips. Es handelt sich einfach um das der Pa- reto-Optimalität (wie es bei den Wirtschaftswissenschaftlern heißt), bezogen auf die Grundstruktur.7 Der Ausdruck »Optimali- tät« läßt den Begriff als weiter erscheinen, als er ist. 8 Im übri- gen sollte sich das Prinzip ursprünglich nicht auf Institutionen beziehen, sondern auf bestimmte Zustände des Wirtschaftssystems, zum Beispiel auf Produktionsweisen oder auf Güterverteilungen bei den Verbrauchern. Das Prinzip erklärt einen Zustand für op-

7 Dieses Prinzip wird fa:.! in jedem Werk

dargestellt, sehr übersichtlich z. B. bei T. C. Koopmans, Three Essays on the State 0/

Economic Seienee (Ncw York, McGraw-Hill, 1957), S. 41-66. Siehe auch A. K. Sen, Collecth'c Choice and Social Welfare (San Francisco, Holden-Day, Inc., 1970), S. 21 f. Diese Werke enthalten alles (und mehr), was für unsere Zwecke nötig ist; das zweite behandelt auch die einschlägigen philosophischen Fragen. Das Optimalitätsprinzip wurde von Vilfredo Pareto im Manuel d'economie politique (Paris 1909) eingeführt: Kap. 6, § S3 und Anhang, § 89. Eine englische übersetzung der entsprechenden Passagen findet sich bei A. N. Page, Utility Theory: A Book 0/ Readings (New York, John Wilcy, 1968), S. 38 f. Der damit zusammenhängende Begriff der Indifferenzkurve geht zurück auf F. Y. Edgeworth, Mathcmatical Psychics (London 1888), S. 20-29; s. auch Page, ebenda, s. 160-167. 8 Siehe dazu Koopmans, Three Essays on the Stau 0/ Economic Science (vgl. Anm. 7

zu diesem Kapitel), S. 49. Koopmans bemerkt, ein Ausdruck wie »Effizienz der Mittel- verwendung« wäre treffender gewesen.

über Preistheorie oder soziale Entscheidung

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Theorie

timal, wenn man ihn nicht so abändern kann, daß mindestens ein Mensch besser dasteht, ohne daß irgend jemand schlechter dasteht. So ist eine Verteilung einer Gütermenge auf bestimmte Menschen Pareto-optimal, wenn es keine Um verteilung gibt, nach der min- destens ein Beteiligter besser und keiner schlechter dasteht. Die Or- ganisation der Produktion ist optimal, wenn man nicht von min- destens einem Gut mehr produzieren kann, ohne von irgendeinem weniger zu produzieren. Denn wäre das der Fall, dann könnte man ja mit den zusätzlich produzierten Gütern jemanden besser stellen, ohne jemanden schlechter zu stellen. Diese Anwendungen des Prinzips zeigen, daß es eigentlich ein Effizienzprinzip ist. Eine Güterverteilung oder Produktionsweise ist ineffizient, wenn man mindestens einen Menschen besser stellen kann, ohne irgend je- manden schlechter zu stellen. Ich gehe davon aus, daß die Betei- ligten im Urzustand nach diesem Prinzip die Effizienz wirt- schaftlicher und gesellschaftlicher Verhältnisse beurteilen. (Siehe die folgende Diskussion des Pareto-Prinzips.)

Das Prinzip der Pareto-Optimalität

Gegeben sei eine feste Gütermenge, die zwischen zwei Personen Xl und X 2 aufzuteilen sei. Die Linie AB sei die Menge der Punkte derart, daß es bei gegebenem Nutzen von Xl keine Verteilung gibt, nach der X 2 besser daran wäre, als er es gemäß dem Punkt ist. Betrachten wir den Punkt D = (a, b). Soll Xl den Nutzen a haben, so kann X 2 nicht mehr als den Nutzen b bekommen. In Abb. 3 stellt 0, der Nullpunkt, die Verhältnisse vor der Verteilung irgend welcher Güter dar. Die Punkte auf der Linie AB sind die Pareto-optimalen Punkte: Für jeden gilt, daß es keine Umvertei- lung gibt, die den einen besser stellt, ohne den anderen schlechter zu stellen. Das ergibt sich daraus, daß die Kurve AB nach rechts abfällt. Da die Gütermenge fest ist, wird angenommen, daß die eine Person verliert, wenn die andere gewinnt. (Diese Annahme wird natürlich im Falle der Grundstruktur fallen gelassen; diese ist ja ein Plan der Zusammenarbeit, der allen Vorteile bringt.) Gewöhnlich wird die Menge OAB als konvex angenommen. Das heißt: mit zwei Punkten sind auch alle Punkte auf ihrer Verbin- dungsgeraden in der Menge. Kreise, Ellipsen, Quadrate, Dreiecke usw. sind konvexe Mengen.

Die Grundsätze der Gerechtigkeit

usw. sind konvexe Mengen. Die Grundsätze der Gerechtigkeit Abb·3 Offenbar gibt es viele optimale Punkte, nämlich

Abb·3

Offenbar gibt es viele optimale Punkte, nämlich alle auf der Li- nie AB. Nach dem Pareto-Prinzip ist nicht eine bestimmte Güter- verteilung optimal. Dazu ist ein weiteres Prinzip nötig, etwa ein Gerechtigkeitsprinzip. Liegt ein Punkt nordöstlich von einem anderen, so ist er nach dem Pareto-Prinzip besser als dieser. Nordwestlich oder südöstlich von- einander liegende Punkte sind unvergleichbar. Das Pareto-Prin- zip liefert nur eine partielle Ordnung. So ist in Abb. 4 C besser als E und D besser als F, doch die Punkte auf der Linie AB unter- scheiden sich nicht voneinander. Die optimalen Punkte lassen sich in keine Rangordnung mehr bringen. Selbst die Extrempunkte A

o
o

Abb·4

Theorie

und B, an denen jeweils der eine alles hat, sind optimal, so wie je- der andere Punkt auf AB. Man beachte, daß man nicht jeden Punkt auf der Linie AB als besser als jeden Punkt innerhalb von OAB ansehen kann. Jeder Punkt auf AB ist besser als die südwestlich von ihm liegenden Punkte. So ist D besser als alle Punkte in dem von D sich nach links und unten erstreckenden Rechteck. D ist aber nicht besser als E. Diese beiden Punkte lassen sich nicht ordnen. C ist besser als E, desgleichen alle übrigen Punkte in dem dreieckigen Gebiet ober- halb und rechts von E. Nimmt man andererseits die Winkelhalbierende zwischen den Achsen als Ort der Gleichverteilungen (das setzt eine interperso- nelle kardinale Deutung der Achsen* voraus, die wir bisher nicht eingeführt haben), und nimmt man diese als weitere Entscheidungs- regel, dann könnte D besser als C und E sein, weil es der Winkel- halbierenden näher ist. Man könnte sogar einen inneren Punkt wie F als besser ansehen als C, obwohl C optimal ist. In der Theo- rie der Gerechtigkeit als Fairneß gehen ja die Gerechtigkeits- grundsätze den Effizienzgesichtspunkten vor, und man wird, grob gesprochen, innere Punkte, die gerechten Verteilungen entsprechen, optimalen Punkten vorziehen, denen ungerechte Verteilungen ent- sprechen. Abb. 4 stellt natürlich eine sehr einfache Situation dar und läßt sich nicht auf die Grundstruktur anwenden.

Nun läßt sich das Pareto-Prinzip dadurch auf die Grundstruktur anwenden, daß man die Aussichten repräsentativer Personen be- trachtet 9 Man kann also eine Zuweisung von Rechten und Pflichten in der Grundstruktur genau dann optimal nennen, wenn es nicht möglich ist, die Regeln so zu ändern, das Schema der Rechte und Pflichten so umzubauen, daß sich die Aussichten min- destens einer repräsentativen Person verbessern, ohne daß sich die

* D. h. daß der Nutzen bei der Personen in der gleichen Einheit gemessen werden kann.

(Anm. d. Obers.)

9 über die Anwendung des Pareto-Prinzips auf Systeme öffentlicher Regeln siehe J. M. Buchanan, )j. Thc Relevance of Pareto-Optimality«, Journal 0/ Conflict Resolu- tion, 6 (1962), sowie ders. und Gardon Tullock, The Calculus 0/ Consent (Ann Arbar, Thc Univer~ity of Michigan Press, 1962). Bei der Anwendung dieses und anderer Grund- sätze auf Institutionen folge ich einem der Gesichtspunkte von »Two Concepts of Rules fI , Philosophical Review, 64 (1955). Das hat unter anderem den Vorteil, daß die Verwendung von Grundsätzen durch Offentlichkeitswirkung eingeschränkt wird. Siehe

Absdmitt 23, Anm. 8.

Die Grundsätze der Gerechtigkeit

irgendeiner anderen verschlechtern. Diese Knderungen müssen na- türlich die anderen Grundsätze erfüllen. Das heißt, bei der Verän- derung der Grundstruktur darf der Grundsatz der gleichen Frei- heit für alle oder der der offenen Pos'itionen nicht verletzt wer- den. Kndern läßt sich die Einkommens- und Vermögensverteilung und die Art, wie die Zusammenarbeit durch die Träger von Macht und Verantwortung geregelt werden kann. Diese Grundgüter kön- nen unter Berücksichtigung der Freiheits- und Offenheitsbedin- gungen anders verteilt werden, wodurch sich die Aussichten der re- präsentativen Personen ändern. Eine Grundstruktur ist optimal, wenn diese Verteilung nicht so geändert werden kann, daß sich die Aussichten einiger verbessern, ohne daß sich die anderer ver- schlechtern. Ich gehe davon aus, daß es viele optimale Gestaltungen der Grundstruktur gibt; jeder entspricht eine Verteilung der Früchte der gesellschaftlichen Zusammenarbeit. Unter ihnen muß man nun auswählen; man möchte eine Gerechtigkeitsvorstellung finden, die eine dieser optimalen Verteilungen als gerecht aus- zeichnet. Gelingt das, so sind wir über die bloße Effizienz hinaus- gekommen, ohne sie zu verletzen. Nun liegt es nahe, den Gedan- ken auszuprobieren, solange das Gesellschaftssystem Pareto-opti- mal sei, gebe es keinen Grund, sich mit Verteilungsfragen zu be- fassen, und alle optimalen Zustände seien als gleich gerecht zu be- trachten. Das wäre natürlich abwegig für die Verteilung bestimm- ter Güter an bestimmte Menschen. Niemand würde es für die Ge- rechtigkeit für unerheblich halten, ob einer aus einer Gruppe von Menschen alles hat. Doch ebenso unvernünftig dürfte der Ge- danke für die Grundstruktur sein. Unter bestimmten Umständen könnte es ja sein, daß die Sklaverei nicht wesentlich erschüttert werden kann, ohne die Aussichten einer repräsentativen Person, etwa des Landbesitzers, zu verschlechtern, und damit wäre die Sklaverei Pareto-optimal. Doch unter den gleichen Bedingungen könnte es auch so sein, daß ein System der freien Arbeit nicht ver- ändert werden kann, ohne daß die Aussichten einer anderen re- präsentativen Person, etwa des freien Arbeiters, verschlechtert werden; dann wäre dieses System ebenfalls Pareto-optimal. All- gemeiner: Nehmen wir an, man könne in jeder wesentlich in Klas- sen geteilten Gesellschaft bezüglich jeder ihrer repräsentativen Personen einzeln maximieren. Diesen Maxima entsprechen minde-

Theorie

stens ebensoviele optimale Zustände, denn von keinem kann man abweichen und die Aussichten einer repräsentativen Person verbes- sern, ohne die einer anderen zu verschlechtern, nämlich gerade der- jenigen, bezüglich derer das Maximum definiert ist. Jedes dieser E~treme ist also optimal, doch gewiß können sie nicht alle gerecht sem. Nun zeigen diese überlegungen nur, was wir die ganze Zeit schon wußten, nämlich daß das Pareto-Prinzip allein keine Gerechtig- keitsvorstellung abgibt. lo Es muß also irgendwie ergänzt werden. Im System der natürlichen Freiheit geschieht das durch bestimmte allgemeine Institutionen; jede optimale Verteilung, die diese Be- dingungen erfüllt, gilt als gerecht. Eine solche optimale Verteilung wird etwa folgendermaßen gefunden. Angenommen, aus der Wirtschaftstheorie ergebe sich, daß unter den üblichen Bedingun- gen eines Marktes mit Konkurrenz die Einkommens- und Vermö- gensverteilung optimal ist, und daß sie jeweils durch die anfäng- liche Verteilung der Vermögenswerte sowie der natürlichen Fähig- keiten bestimmt ist. Aus jeder solchen ergibt sich ein bestimmter optimaler Zustand. Soll dieser also auch noch gerecht sein, so muß man die Grundlage anerkennen, der gemäß jeweils die Anfangs- verteilung bestimmt wird. Im System der natürlichen Freiheit bestimmt sich die Anfangsver- teilung nach der (oben definierten) Vorstellung der den Fähigen offenstehenden Laufbahnen. Diese setzt gleiche Freiheiten (gemäß dem ersten Grundsatz) und eine Wirtschaft des freien Marktes voraus. Sie fordert formale Chancengleichheit in dem Sinne, daß jeder wenigstens die gleichen gesetzlichen Rechte auf vorteilhafte soziale Positionen hat. Eine Gleichheit der sozialen Verhältnisse wird jedoch nur insoweit angestrebt, als es zur Erhaltung der nöti- gen allgemeinen Institutionen nötig ist; daher wird die Anfangs- verteilung der Aktiva jederzeit stark von natürlichen und gesell- schaftlichen Zufälligkeiten beeinflußt. Die bestehende Einkom- mens- und Vermögensverteilung zum Beispiel ist die summierte

10 Das wird

sage,

in

der Wohlfahrtsökonomie allgemein

anerkannt,

etwa

in

form

der Aus-

Siehe etwa

die Pareto-Optimalität müsse gegen

die Glcid1heit abgewogen werden.

Tibor Scitovsky. Welfare

S.

and

Competition

A

Critique

insbes.

6,

(London,

George Allen

Economics,

Sens

Siehe

2.

and Unwin,

Aufl.

1952),

(Oxford.

60-69,

sowie

1.

M. D.

Press,

1957),

Little,

Kap.

0/ Wel/are

112-116.

S.

Thc

die Grenzen des Pareto-Prinzips in Col/ectivc Choice and

zu diesem Kapitel), S. 22, 24-26, 83-86.

Clarendon

Bemerkungen

über

7

(vgl. Anm.

Social Wel/are

Die Grundsätze der Gerechtigkeit

93

Wirkung früherer Verteilungen natürlicher Fähigkeiten, entwickel- ter und unentwickelter, deren Gebrauch 'im Laufe der Zeit von ge- sellschaftlichen Verhältnissen und glücklichen und unglücklichen Zufällen begünstigt oder behindert wurde. Intuitiv erscheint es als die krasseste Ungerechtigkeit des Systems der natürlichen Freiheit, daß die Verteilung ungebührlich von diesen Faktoren beeinflußt werden darf, die unter moralischen Gesichtspunkten so willkürlich sind. Die liberale Auffassung, wie ich sie nenne, versucht das dadurch auszugleichen, daß sie zu der Forderung der Offenheit der Lauf- bahnen die der fairen Chancengleichheit hinzunimmt. Der Ge- danke ist hier der, daß Positionen nicht nur in einem formalen Sinne offen sein sollen, sondern daß jeder auch eine faire Chance haben soll, sie zu erlangen. Was das bedeuten soll, ist nicht ohne weiteres klar, doch man könnte es so verstehen: Menschen mit ähnlichen Fähigkeiten sollten ähnliche Lebenschancen haben. Ge- nauer: Man geht von einer Verteilung der natürlichen Fähigkeiten aus und verlangt, daß Menschen mit gleichen Fähigkeiten und gleicher Bereitschaft, sie einzusetzen, gleiche Erfolgsaussichten ha- ben sollen, unabhängig von ihrer anfänglichen gesellschaftlichen Stellung. In allen Teilen der Gesellschaft sollte es für ähnlich Be- gabte und Motivierte auch einigermaßen ähnliche kulturelle Mög- lichkeiten und Aufstiegschancen geben. Die Aussichten von Men- schen mit gleichen Fähigkeiten und Motiven dürfen nicht von ihrer sozialen Schicht abhängen. 11 Die liberale Auffassung der beiden Grundsätze versucht also den Einfluß gesellschaftlicher und natürlicher Zufälligkeiten auf die Verteilung zu mildern. Dazu müssen dem Gesellschaftssystem wei- tere grundlegende strukturelle Bedingungen auferlegt werden. Die freien Märkte müssen in politische und juristische Institutionen ein- gebettet werden, die den wirtschaftlichen Gesamtablauf regeln und die gesellschaftlichen Verhältnisse aufrechterhalten, die für die faire Chancengleichheit notwendig sind. Die Grundbestand- teile dieses Systems sind wohlbekannt, doch vielleicht ist es nicht überflüssig, auf die Bedeutung der Verhinderung übermäßiger

Diese Definition

11

zu

Allen

folgt

Sidgwid<s Vorschlag in

The

Methods o[ Ethics (vgl. Anm. 4

(London,

"The

George

Idea

of

diesem Kapitel), S. 285 Anm.

and

Unwin,

1931), Kap.

Siehe auch R. H. Tawney, Equality

2,

Abschn.

2,

sowie B.

A.

O.

Williams,

Equality""

in:

Philosophy,

Polities, and Society, Hrsg. Peter La!'Iett und W. G.

man (Oxford, Basil Blad<well, 1962), S. 125 f.

Runei-

94

Theorie

Vermögenskonzentrationen und der Aufrechterhaltung gleicher Bil- dungschancen für alle hinzuweisen. Die Möglichkeit, sich das Wissen und Können seiner Kultur anzueignen, sollte nicht von der Klassen- lage abhängen, und das Schulsystem, ob öffentlich oder privat, sollte auf den Abbau von Klassenschranken ausgerichtet sein. Die liberale Auffassung scheint zwar dem System der natürli- chen Freiheit eindeutig vorzuziehen zu sein, doch sie erscheint intui- tiv immer noch als mangelhaft. Einmal gestattet sie, selbst wenn sie den Einfluß gesellschaftlicher Zufälligkeiten vollkommen aus- schalten könnte, immer noch, daß die Einkommens- und Vermö- gensverteilung von der Verteilung der natürlichen Fähigkeiten ab- hängt. Innerhalb der durch die allgemeinen Bedingungen gezoge- nen Grenzen ist die Verteilung das Ergebnis der Lotterie der Na- tur, und das ist unter moralischen Gesichtspunkten willkürlich. Für den Einfluß natürlicher Fähigkeiten auf die Einkommens- und Vermögensverteilung gibt es keine besseren Gründe als für den geschichtlicher und gesellschaftlicher Zufälle. Außerdem läßt sich der Grundsatz der fairen Chancen nur unvollkommen durch- führen, mindestens solange es die Familie in irgendeiner Form gibt. Der Grad der Entwicklung und Betätigung natürlicher Fä- higkeiten hängt von allen möglichen gesellschaftlichen Verhältnis- sen und klassengebundenen Einstellungen ab. Selbst die Bereit- schaft zum Einsatz, zur Bemühung, die im üblichen Sinne ver- dienstvoll ist, hängt noch von günstigen Familienumständen und gesellschaftlichen Verhältnissen ab. In der Praxis ist es unmöglich, den gleich Begabten gleiche kulturelle Möglichkeiten und Auf- stiegschancen zu verschaffen; daher könnte man an einen Grundsatz denken, der das anerkennt und die willkürlichen Wir- kungen der natürlichen Lotterie mildert. Daß die liberale Auffas- sung das nicht leistet, fordert zur Suche nach einer anderen Deu- tung der beiden Gerechtigkeitsgrundsätze auf. Ehe ich mich der Auffassung der demokratischen Gleichheit zu- wende, möchte ich kurz auf die der natürlichen Aristokratie einge~ hen. Nach ihr versucht man die gesellschaftlichen Zufälligkeiten nur so weit auszugleichen, wie es die formale Chancengleichheit verlangt, doch die Vorteile der von Natur Begabteren werden auf solche beschränkt, die dem Wohl der ärmeren Gesellschaftsschich- ten dienen. Das aristokratische Ideal wird auf ein - jedenfalls im juristischen Sinne - offenes System angewandt, und Vergün-

Die Grundsätze der Gerechtigkeit

95

stigungen werden nur als gerecht angesehen, wenn es sonst auch den sozial Tieferstehenden schlechter ginge. 12 So wird der Gedanke des »noblesse oblige« auf den Begriff der natürlichen Aristokratie übertragen. Nun ist sowohl die liberale Auffassung als auch die der natürli- chen Aristokratie instabil. Denn wenn man einmal mit dem Ein- fluß entweder gesellschaftlicher oder natürlicher Zufälle auf die Verteilung unzufrieden ist, dann wird man durch Nachdenken dazu geführt, mit beidem unzufrieden zu sein. Vom moralischen Gesichtspunkt aus erscheint beides als gleich willkürlich. In wel- cher Richtung man sich auch vom System der natürlichen Freiheit wegbewegt, man kann sich erst mit der demokratischen Auffas- sung zufrieden geben. Diese muß ich noch erklären. Ich habe auch für sie noch keine Argumente vorgebracht, denn in einer Vertrags- theorie können sich diese, genau genommen, nur darauf beziehen, was im Urzustand vernünftig wäre. Hier ging es mir darum, der bevorzugten Deutung der beiden Grundsätze den Weg zu bereiten, damit diese, besonders der zweite, dem Leser nicht als zu weitgehend erscheinen mögen. Die demokratische Auffassung ist die beste der vier möglichen, wenn man jedermann als moralisches Subjekt gleich behandeln will und die Anteile der Menschen an den Früch- ten und Lasten der gesellschaftlichen Zusammenarbeit nicht durch gesellschaftliche oder natürliche Zufälligkeiten bestimmen lassen möchte. Nach diesen Vorbemerkungen wende ich mich jetzt dieser Auffassung zu.

13. Die demokratische Gleichheit und das Unterschiedsprinzip

Nach der Tabelle ergibt sich die demokratische Deutung aus dem Prinzip der fairen Chancengleichheit zusammen mit dem Unter- schiedsprinzip. Dieses beseitigt die Unbestimmtheit des Pareto-

12 Diese Formulierung des aristokratischen Ideals leitet sich ab von Santayanas Analyse

der Aristokratie in Kap. 4 von Reason and Society (New York, Charles Scribncr, 1905), S. 109 f. Er sagt beispielsweise: »Ein aristokratisches System läßt sich nur recht- fertigen, wenn es allen Vorteil bringt. wenn bewiesen wird, daß, wenn die Oberen weniger bekämen, aum die Unteren weniger hätten.~ Ich danke Robert Rodes für den Hinweis, daß die natürliche Aristokratie eine mögliche Deutung der heiden Gerechtig-

keitsgrundsätze ist, und daß ein ideales Feudalsystem auch um die Erfüllung des Unter- schiedsprinzips bemüht sein kann.

Theorie

Prinzips, indem es eine bestimmte Position auszeichnet, von der aus die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ungleichheiten der Grundstruktur zu beurteilen sind. Geht man von den Institutionen aus, wie sie von der gleichen Freiheit für alle und der fairen Chancengleichheit gefordert werden, so sind die besseren Aussich- ten der Begünstigten genau dann gerecht, wenn sie zur Verbesse- rung der Aussichten der am wenigsten begünstigten Mitglieder der Gesellschaft beitragen. Der intuitive Gedanke ist der, daß die Ge- sellschaftsordnung nur dann günstigere Aussichten für Bevorzugte einrichten und sichern darf, wenn das den weniger Begünstigten zum Vorteil gereicht. (Siehe die folgende Erörterung des Unter- schiedsprinzips.)

Das Unterschiedsprinzip

Wir stellen jetzt mit Indifferenzkurven Zustände dar, die als gleich gerecht beurteilt werden. Dann ist das Unterschiedsprinzip in dem Sinne eine stark egalitäre Auffassung, daß es eine gleiche Verteilung vorzieht, falls es keinen Zustand gibt, in dem beide Be- teiligten besser daran sind. (Wir beschränken uns der Einfachheit halber auf den Fall zweier Personen.) Die Indifferenzkurven ha- ben die in Abb. dargestellte Form. Sie bestehen aus senkrechten

45°

45°

o

x,

X2 ~ , ::::::: -+-p 0 o X,
X2
~
,
:::::::
-+-p
0
o
X,

Abb.5 u. 6

und waagerechten Geraden, die sich auf der Winkelhalbierenden treffen (wobei wieder eine interpersonelle kardinale Bedeutung der Achsen* vorausgesetzt wird). Wie sehr sich auch die Verhält-

".

Vgl. Anm. des übers. im Zusammenhang mit Abb. 4, Abschnitt 12.

Die Grundsätze der Gerechtigkeit

97

nisse des einen verbessern, nach dem Unterschiedsprinzip ist das

nur dann besser, wenn sich auch der andere verbessert. Sei Xl die am besten gestellte repräsentative Person in der Grund- struktur. Verbessern sich ihre Aussichten, so auch die des am we-

nigsten Begünstigten, X 2 Die Kurve

hältnisse darstellen. Der Nullpunkt 0 stellt den Zustand dar, in dem alle gesellschaftlichen Grundgüter gleich verteilt sind. Die Kurve OP verläuft ganz unterhalb der Winkelhalbierenden, denn Xl ist ja stets besser daran. Daher sind auch nur die Stücke der Indifferenzkurven interessant, die unterhalb der Winkelhalbie- renden liegen; die anderen wurden in Abb. 6 weggelassen. Offenbar ist das Unterschiedsprinzip nur dort vollkommen er- füllt, wo die Kurve OP die höchste Indifferenzkurve berührt. Das ist im Punkt a in Abb. 6 der Fall. Man beachte, daß die Kurve OP nach rechts ansteigt, weil an- genommen wird, daß die gesellschaftliche Zusammenarbeit im Rahmen der Grundstruktur für beide Partner vorteilhaft ist. Es geht nicht mehr um die Umverteilung einer festen Gütermenge. Es schadet auch nichts, wenn kein genauer interpersoneller Nutzen- vergleich möglich ist. Es genügt, wenn man die am wenigsten be- günstigte Person herausfinden und ihre vernünftigen Bedürfnisse

feststellen kann.

Weniger

auf

den ersten Blick einleuchtender ist eines mit Gerechtigkeits-In- differenzkurven für die Verteilung (oder für alle Gesichtspunkte), die wie in Abb. 7 glatt und gegen den Nullpunkt konvex verlau- fen. Die Indifferenzkurven für soziale Wohlfahrtsfunktionen ha-

OP in Abb. 6 soll diese Ver-

egalitär

als

das

Unterschiedsprinzip

und

vielleicht

ha- OP in Abb. 6 soll diese Ver- egalitär als das Unterschiedsprinzip und vielleicht o b
ha- OP in Abb. 6 soll diese Ver- egalitär als das Unterschiedsprinzip und vielleicht o b

o

b

0

Abb. 7 u. 8

p

X,

Theorie

ben oft diese Form. Sie drückt aus, daß mit größerem Unterschied zwischen den Personen weitere Gewinne des Begünstigten sozial

immer weniger wertvoll werden. Einem klassischen Utilitaristen dagegen ist es gleichgültig, wie eine feste Nutzensumme verteilt ist. Die Gleichheit ist für ihn nur von Belang, um bei gleicher Nutzensumme noch Unterschiede zu ma- chen.' Wenn es nur zwei Personen gibt und man eine interperso- nelle kardinale Bedeutung der Achsen voraussetzt, sind die utili- taristischen Indifferenzkurven für Verteilungen Geraden, die auf der Winkelhalbierenden senkrecht stehen. Da jedoch Xl und X 2 repräsentative Personen sind, sind sie mit der Anzahl der Men-

schen zu gewichten, die

sie repräsentieren. Da vermutlich X 2 mehr

Menschen repräsentiert als Xl' werden die Indifferenzkurven fla- cher (siehe Abb. 8). Das Zahlenverhältnis der begünstigten zu den benachteiligten Personen legt die Steigung der Geraden fest. Trägt man die gleiche Kurve OP wie in Abb. 6 ein, so erkennt man, daß

die utilitaristisch beste Verteilung an einem anderen Punkt er- reicht wird als dem [hier] mit b bezeichneten Maximum, das nach dem Unterschiedsprinizip gewählt wird. Da es stets links von a liegt, läßt also der Utilitarismus unter sonst gleichen Umständen größere Ungleichheiten zu.

Zur Veranschaulichung des Unterschiedsprinzips betrachte man die Einkommensverteilung zwischen gesellschaftlichen Klassen, de- nen repräsentative Personen entsprechen mögen, deren Aussichten eine Beurteilung der Verteilung ermöglichen. Nun hat jemand, der etwa in einer Demokratie mit Privateigentum als Mitglied der Unternehmerklasse anfängt, bessere Aussichten als jemand, der als ungelernter Arbeiter anfängt. Das dürfte auch dann noch gel- ten, wenn die heutigen sozialen Ungcrechtigkeiten beseitigt wären. Wie ließe sich nun eine solche anfängliche Ungleichheit der Lebens- chancen überhaupt rechtfertigen? Nach dem Unterschiedsprinzip ist sie nur gerechtfertigt, wenn der Unterschied in den Aussichten zum Vorteil der schlechter gestellten repräsentativen Person - hier des ungelernten Arbeiters - ausschlägt. Die Ungleichheit der Aussichten ist nur dann zulässig, wenn ihre Verringerung die Ar-

". Diese heiden Sätze widersprechen siffi. Der erste sollte etwa lauten: Für den klassischen Utilitaristen ist die Nutzensumme entscheidend. Dann fügt sich der zweite sinnvoll an.

(Anm. d. übers.)

Die Grundsätze der Gerechtigkeit

99

beiterklasse noch schlechter stellen würde. Vermutlich werden die Unternehmer angesichts der Bedingung bezüglich der Offenheit der Positionen im zweiten Grundsatz und des Freiheitsgrundsatzes im allgemeinen durch die ihnen gewährten größeren Aussichten zu Handlungen veranlaßt, die die Aussichten der Arbeiterklasse ver- bessern. Ihre besseren Aussichten wirken als Anreize zur Verbesse- rung der Wirtschaft, Neuerungen werden rascher eingeführt, und so weiter. Ich möchte mich nicht mit der Frage beschäftigen, wie weit das richtig ist. Es kommt mir darauf an, daß derartige Ar- gumente vorgebracht werden müssen, wenn die Ungleichheiten dem Unterschiedsprinzip genügen sollen. Über dieses Prinzip möchte ich jetzt ein paar Bemerkungen machen. Zunächst einmal sollte man bei seiner Anwendung zwei Fälle unterscheiden. Erstens den, daß die Aussichten des am we- nigsten Begünstigten tatsächlich maximiert werden (natürlich un- ter den erwähnten Einschränkungen), daß keine Veränderung der Aussichten der Bevorzugten die Lage der am schlechtesten Gestell- ten verbessern kann. Es liegt der beste Zustand vor; ich nenne ihn vollkommen gerecht. Der zweite Fall ist der, daß die Aussichten aller Bevorzugten wenigstellS zum Wohl der Benachteiligten bei- tragen, daß sich diese also mit jenen verschlechtern würden, daß aber nicht ihr Maximum vorliegt. Noch bessere Aussichten der Be- vorzugten würden die der am stärksten Benachteiligten noch wei- ter verbessern. Solche Verhältnisse betrachte ich als durchweg ge- recht, jedoch nicht als die beste gerechte Möglichkeit. Ungerechtig- keit liegt vor, wenn die besseren Aussichten unangemessen sind, wenn ihre Venchlechterung das Los der am stärksten Benachtei- ligten verbessern würde. Wie ungerecht ein Zustand ist, hängt da- von ab, wie unangemessen die besseren Aussichten sind und in welchem Grade sie auf der Verletzung anderer Gerechtigkeits- grundsätze beruhen, etwa der fairen Chancengleichheit; ich möchte aber nicht versuchen, Grade der Ungerechtigkeit zu messen. Wichtig ist hier, daß das Unterschiedsprinzip zwar, genau genommen, ein Maximierungsprinzip ist, daß sich aber die Fälle, die es nicht erfüllen, wesentlich unterscheiden. Eine Gesellschaft sollte Verhältnisse zu vermeiden suchen, in denen die marginalen Beiträge der besser Gestellten negativ sind,' denn unter sonst glei-

". D. h. wo (vgl. Kurve OP in Abb. 6) mit steigendem Nutzen der besser Gestellten (x,) der Nutzen der smlemter Gestellten (x,) sinkt. (Anm. der übers.)

100

Theorie

chen Umständen dürfte das ein größerer Fehler sein, als wenn der beste Zustand nicht erreicht wird, aber diese Beiträge positiv sind. Der noch größere Unterschied zwischen den Schichten verletzt den Grundsatz des gegenseitigen Vorteils ebenso wie die demokratische Gleichheit (Abschnitt 17). Ein weiterer Gesichtspunkt. Wir sahen, daß das System der na- türlichen Freiheit und die liberale Auffassung über das Pareto- Prinzip hinausgehen, indem sie bestimmte allgemeine Institutionen einführen und das übrige der reinen Verfahrensgerechtigkeit über- lassen. Nach der demokratischen Auffassung kann man sich zwar in gewissem Umfang auf die reine Verfahrensgerechtigkeit beru- fen, doch die beiden anderen Auffassungen überlassen dabei immer noch zuviel dem gesellschaftlichen und natürlichen Zufall. Es ist aber festzuhalten, daß das Unterschiedsprinzip mit dem Pareto-Prinzip verträglich ist, denn wenn es völlig erfüllt ist, dann kann man ja keine repräsentative Person besser stellen, ohne eine andere schlechter zu stellen, nämlich die am wenigsten begünstigte repräsentative Person, deren Aussichten ja maximiert sind. Die Gerechtigkeit ist also so definiert, daß sie mit der Pa- reto-Optimalität verträglich ist, jedenfalls wenn beide Grundsätze vollkommen erfüllt sind. Ist freilich die Grundstruktur ungerecht, so gestatten diese Grundsätze Anderungen, die die Aussichten eini- ger Bevorzugter verschlechtern können; daher ist die demokra- tische Auffassung nicht mit der Pareto-Optimalität vereinbar, die ja Veränderungen nur gestattet, wenn niemand schlechter gestellt wird. Die Gerechtigkeit geht der Pareto-Optimalität vor und ver- langt gewisse nicht Pareto-optimale Veränderungen. Erst ein voll- kommen gerechter Zustand ist auch Pareto-optimal. Als nächstes betrachten wir eine bestimmte Schwierigkeit im Zu- sammenhang mit der Bedeutung des Unterschiedsprinzips. Man hat geglaubt, daß seine Erfüllung jedermann Vorteil bringe. Das ist offenbar jedenfalls in dem Sinne richtig, daß sich jeder gegen- über der anfänglichen Gleichheitssituation verbessert. Doch es be- steht kein Zweifel, daß dieser Anfangszustand überhaupt nicht angegeben zu werden braucht, denn wie gut es den Menschen in ihm geht, spielt für die Anwendung des Unterschiedsprinzips keine Rolle. Man maximiert einfach die Aussichten der ungünstigsten Position unter den geforderten Einschränkungen. Solange das je- dem etwas bringt, wie ich bis jetzt annehme, sind die Veränderun-

Die Grundsätze der Gerechtigkeit

lor

gen gegenüber der theoretischen Situation der Gleichheit ohne Be- deutung und wahrscheinlich kaum angebbar. Es gibt aber wohl noch einen zweiten Sinn, in dem jeder von der Erfüllung des Un- terschiedsprinzips Vorteil hat, jedenfalls unter gewissen Voraus- setzungen. Nehmen wir an, die Ungleichheiten der Aussichten seien »verkettet«: Wenn eine Bevorzugung zur Verbesserung der Aussichten der niedrigsten Position führt, dann wirkt sie ebenso auf alle Positionen dazwischen. Wenn etwa die besseren Aussich- ten der Unternehmer dem ungelernten Arbeiter Vorteile bringen, so auch dem angelernten. Für den Fall, daß die am wenigsten Be- günstigten nichts gewinnen, sagt die Verkettung nichts aus; sie be- deutet also nicht, daß sich alles gleichsinnig bewegt. Des weiteren nehmen wir an, die Aussichten seien »gekoppelt«: mit der Ande- rung der Aussichten irgendeiner repräsentativen Person ändert sich [in der einen oder anderen Richtung] notwendig auch die jeder anderen, insbesondere auch die der am schlechtesten gestellten. Es gibt sozusagen keine frei beweglichen Gelenke, die Aussichten hän- gen fest zusammen. Unter diesen Voraussetzungen gibt es nun einen Sinn, in dem jeder von der Erfüllung des Unterschiedsprin- zips Vorteil hat. Denn bei jedem Zweiervergleich gilt: Wenn die besser gestellte repräsentative Person gewinnt, so auch die schlech- ter gestellte. Natürlich brauchen die Voraussetzungen nicht immer erfüllt zu sein. Doch dann sollten die besser Gestellten kein Recht haben, Verbesserungen für die am wenigsten Bevorzugten zu ver- hindern. Wir folgen ja immer noch dem Grundsatz, die Aussichten der am stärksten Benachteiligten zu maximieren. (Siehe die fol- gende Erörterung der Verkettung.)

Die Verkettung Zur Vereinfachung betrachten wir drei repräsentative Personen. Sei X r die am besten, X a die am schlechtesten gestellte. Die Aus- sichten von X r seien auf der waagerechten, die von X 2 und X a auf der senkrechten Achse abgetragen. Die Kurven, die den Beitrag von X r zum Nutzen der anderen zeigen, beginnen im Nullpunkt als dem theoretischen Zustand der Gleichheit. Ferner gibt es eine Höchstgrenze für den Nutzen von Xr, da wir annehmen, daß es sonst, auch wenn es das Unterschiedsprinzip gestatten würde, un- gerechte Wirkungen etwa auf das politische System gäbe, die dem Vorrang der Freiheit widtrsprechen würden.

102

Theorie

Das Unterschiedsprinzip wählt den Punkt aus, an dem die Kurve für X3 ihr Maximum hat, etwa Punkt a in Abb. 9.

die Kurve für X3 ihr Maximum hat, etwa Punkt a in Abb. 9. ~ - -

~-----~--Xl

hat, etwa Punkt a in Abb. 9. ~ - - - - - ~ - -

-=-----,b---X 1

Abb. 9 u. 10

Die Verkettung besagt, daß überall, wo die x 3 -Kurve nach rechts ansteigt, dasselbe für die x 2 -Kurve gilt; das ist links von den Punkten a und b in den Abbildungen 9 bzw. 10 der Fall. Die Ver- kettung sagt nichts aus für den Fall, daß die xa-Kurve nach rechts abfällt, wie es rechts vom Punkt a in Abb. 9 der Fall ist:

die x 2 -Kurve kann steigen oder fallen (letzteres ist als gestrichelte Linie x/ eingetragen). Keine Verkettung liegt rechts von b in Abb. 10 vor. Wo sowohl die x 2 - als auch die x 3 -Kurve steigt, da liegen positive Nebenwirkungen vOr: Befindet man sich weiter rechts, so ist die durchschnittliche Aussicht (der durschnittliehe Nutzen, wenn dieser durch Aussichten gemessen wird) höher, und die Veränderung ge- nügt dem Pareto-Prinzip; jeder ist besser dran. In Abb. 9 kann die durchschnittliche Aussicht rechts von a noch steigen, obwohl die Aussichten des am schlechtesten Gestellten sin- ken. (Es kommt auf das Zahlenverhältnis der verschiedenen Gruppen an.) Das widerspricht dem Unterschiedsprinzip; dieses wählt den Punkt a aus. Kopplung bedeutet, daß es keine waagerechten Abschnitte in den Kurven für X 2 und X 3 gibt; in jedem Punkt':- steigen oder fallen sie. Alle dargestellten Kurven haben diese Eigenschaft.

Ich beschäftige mich nicht mit der Frage, wie wahrscheinlich Ver- kettung und Kopplung sind, da das Unterschiedsprinzip nicht von ihrem Vorliegen abhängt. Immerhin erscheint es naheliegend, daß,

".

Richtig muß es heißen: in jedem Intervall, das nid1t nur aus einem Punkt besteht. (Anm.

d. übers.)

Die Grundsätze der Gerechtigkeit

1°3

wenn sich die Nebenwirkungen von den bevorzugten Positionen auf die ganze Gesellschaft verbreiten und nicht auf bestimmte ih- rer Teile beschränkt sind, mit den am schlechtesten Gestellten auch die Dazwischenliegenden Vorteile haben. Im übrigen wird eine weite Verbreitung der Vorteile durch zwei Eigenschaften der Insti- tutionen begünstigt, die beide in der Grundstruktur erfüllt sind:

Einmal sollen sie bestimmten Grundinteressen dienen, die jeder hat, und zweitens sind die Kmter und Positionen offen. Es liegt also nahe, daß, wenn die Machtbefugnisse etwa der Gesetzgeber und Richter die Lage der weniger Begünstigten verbessern, sie die Lage aller Bürger verbessern. Verkettung kann oft vorliegen, falls die anderen Gerechtigkeitsgrundsätze erfüllt sind. Dann gilt: In dem Gebiet, in dem die Vorteile der Begünstigten auch die Aus- sichten der schlechter Gestellten verbessern, erhöht jede Annähe- rung an den vollkommen gerechten Zustand jedermanns Aussich- ten. Unter diesen Bedingungen hat das Unterschiedsprinzip ähn- liche praktische Auswirkungen wie die Grundsätze der Pareto-Op- timalität und des Durchschnittsnutzens (wenn der Nutzen anhand der Grundgüter gemessen wird). Wenn freilich Verkettung selten gegeben ist, ist diese Khnlichkeit bedeutungslos. Doch unter gerech- ten gesellschaftlichen Verhältnissen dürfte oft eine allgemeine Aus- breitung der Vorteile stattfinden. Es gibt noch eine Schwierigkeit. Kopplung wird vorausgesetzt, um das Unterschiedsprinzip einfacher formulieren zu können. Nun ist es ohne Zweifel denkbar, ob dies nun in der Praxis wahrscheinlich und bedeutungsvoll ist oder nicht, daß gewisse Knderungen der Aussichten der Bevorzugten in keiner Weise die der am wenigsten Begünstigten, wohl aber die anderer beeinflussen; in diesem Falle liegt keine Kopplung vOr. Um diese Situation mit zu erfas- sen, können wir folgenden allgemeineren Grundsatz aussprechen:

In einer Grundstruktur mit n wesentlichen repräsentativen Perso- nen maximiere man zuerst das Wohl der am schlechtesten gestell- ten; dann, mit diesem festgehalten, das der am zweitschlechtesten gestellten; und so weiter, bis zur bestgestellten repräsentativen Person, deren Wohl unter Festhaltung des bereits maximierten Wohls aller übrigen zu maximieren ist. Man könnte dies das lexi- kalische Unterschiedsprinzip nennen.B Mir scheint aber, daß dieses

13 Darüber siehe Sen, Collectivc Choice and Social Welfare (vgl. Anm. Kapitel), S. 138 Anm.

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zu

diesem

1°4

Theorie

Prinzip in der Praxis kaum von Bedeutung sein wird, denn wenn die möglichen Vorteile der bereits Bevorzugten erheblich sind, wird es sicher eine Möglichkeit geben, auch die Lage der weniger Begün- stigten zu verbessern. Die allgemeinen Gesetze für die Institutionen der Grundstruktur gewährleisten, daß keine Fälle vorkommen, die das lexikalische Prinzip erfordern. Ich werde also das Unterschieds- prinzip stets in der einfacheren Form verwenden, und als Ergebnis der letzten Abschnitte lautet der zweite Grundsatz folgendermaßen:

Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten sind so zu regeln, daß sie sowohl (a) den am wenigsten Begünstigten die bestmöglichen Aussichten bringen als auch (b) mit Amtern und Positionen ver- bunden sind, die allen gemäß der fairen Chancengleichheit offen stehen. Zuletzt eine Bemerkung zur Terminologie. Wirtschaftswissenschaft- ler würden das Unterschiedsprinzip vielleicht die Maximin-Regel nennen, doch ich habe diesen Namen aus mehreren Gründen sorg- fältig vermieden. Unter der Maximin-Regel versteht man gewöhn- lich eine Regel für Entscheidungen unter großer Unsicherheit (Ab- schnitt 26), während das Unterschiedsprinzip ein Gerechtigkeits- grundsatz ist. Für zwei so verschiedene Dinge sollte man nicht den- selben Namen verwenden. Das Unterschiedsprinzip ist etwas sehr Spezielles: es bezieht sich in erster Linie auf die Grundstruktur der Gesellschaft, und zwar vermittelt durch repräsentative Personen, deren Aussichten mittels eines Maßes der Grundgüter abzuschätzen sind (Abschnitt I 5). Außerdem würde der Name »Maximin-Regel« für das Unterschiedsprinzip den falschen Eindruck erwecken, das Hauptargument für dieses Prinzip unter dem Blickwinkel des Ur- zustands stütze sich auf die Voraussetzung sehr großer Risikoscheu. Zwar gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Unterschiedsprin- zip und einer solchen Voraussetzung, doch es werden keine extre- men Einstellungen zum Risiko vorausgesetzt (Abschnitt 28); und jedenfalls gibt es viele Gesichtspunkte zugunsten des Unterschieds- prinzips, für die Risikoscheu keine Rolle spielt. Es ist also das Beste, den Namen »Maximin-Regel« nur für die Entscheidungsregel unter Unsicherheit zu verwenden.

Die Grundsätze der Gerechtigkeit

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I 4.

Faire Chancengleichheit und reine Ver/ahrensgerechtigkeit

Ich möchte jetzt über den zweiten Teil des zweiten Grundsatzes sprechen, unter dem wir von jetzt an den liberalen Grundsatz der fairen Chancengleichheit verstehen wollen. Er ist also nicht zu verwechseln mit der Vorstellung von den Laufbahnen, die dem Fähigen offen stehen; man darf auch nicht vergessen, daß er we- gen seiner Verbindung mit dem Unterschiedsprinzip zu ganz an- deren Folgerungen führt als die liberale Auffassung der beiden Grundsätze zusammen. Insbesondere werde ich später (Abschnitt I7) zu zeigen versuchen, daß dieser Grundsatz nicht dem Einwand ausgesetzt ist, er führe zu einer meritokratischen Gesellschaft. Hier möchte ich ein paar andere Fragen behandeln, besonders sein Ver- hältnis zum Gedanken der reinen Verfahrensgerechtigkeit. Trotzdem möchte ich zunächst anmerken, daß offene Positionen nicht allein oder auch nur in erster Linie aus Gründen der Pareto- Optimalität gefordert werden. Ich habe nicht behauptet, Amter müßten jedem offenstehen, wenn jedermann Vorteil haben soll, denn das könnte auch möglich sein, wenn man bestimmte Macht- befugnisse und Vorteile mit bestimmten Positionen verbindet, die bestimmten Gruppen verschlossen sind, trotzdem aber Fähige an- zuziehen und zu guten Leistungen anzuspornen vermögen. Das aber widerspricht dem Grundsatz der Offenheit der Positionen. Dieser drückt die Überzeugung aus, wenn einige Positionen nicht in einer für alle fairen Weise offen seien, dann könnten sich die Ausgeschlossenen mit Recht ungerecht behandelt fühlen, auch wenn sie Vorteile von den größeren Anstrengungen derer haben, die die Positionen besetzen dürfen. Sie hätten ein Recht, unzu- frieden zu sein, weil sie nicht nur von gewissen äußeren Vortei- len des Amtes ausgeschlossen sind, sondern auch von der Selbst- verwirklichung in Form der Erfüllung gesellschaftlicher Pflichten mit Können und Hingabe, einer der Hauptformen des menschlichen Wohles. Nun sagte ich, die Grundstruktur sei der Hauptgegenstand der Gerechtigkeit. Natürlich erkennt jede ethische Theorie die Bedeu- tung der Grundstruktur als Gegenstand der Gerechtigkeit an, doch nicht jede in gleicher Weise. Die Theorie der Gerechtigkeit als Fairneß sieht die Gesellschaft als ein Unternehmen der Zusam- menarbeit zum gegenseitigen Vorteil. Die Grundstruktur ist ein