Sie sind auf Seite 1von 39

Geschichte des Klassenbegriffes

1

Text erschien in: Gebhard, G./T. Heim/K.-S. Rehberg (Hrsg.):

„Realität“ der Klassengesellschaft – „Klassengesellschaft“ als Realität? Dresdner Beiträge zur Soziologie Bd. 2, Münster: Monsenstein und Vannerdat, S. 77-123.

Christoph Henning: Theoriegeschichte als Vademecum.

Kleine Geschichte des Klassenbegriffes in der Gesellschaftstheorie

„Die erste Aufgabe jeder begrifflichen Untersuchung ist daher, sich von der Umklammerung des Marxismus … zu befreien und die ursprüngliche, wesensgemäße, noch von keiner bestimmten Lösung abhängige Frage- stellung in unbefangener Reinheit wieder zu erlangen“. Otmar Spann (1923)

„Jedes Mittel, dessen List oder Gewalt sich bedienen kann, um sich die Früchte von anderer Leute Arbeit anzueignen und zu diesem Zweck die Masse der Menschheit in unwissende, stumpfsinnige Sklaven zu verwandeln, wird zur Sitte oder zum Gesetz erhoben“. William Thompson (1824)

Über die Klassentheorie als Fundamentaltheorie der Gesellschaft ist so viel geschrieben wor- den, dass es schwer ist, nicht nur Bekanntes zu wiederholen. Doch die Wirrnis auf diesem Ge- biet sowie die abnehmende Leselust gerade bei Soziologen erlaubt eine solche Wiederholung nicht nur, sie ruft nach ihr. Denn für die Frage, ob von Klassen heute „noch“ oder „wieder“ die Rede sein könne (schon das übrigens eine seltsame Art zu fragen, siehe Herkommer 2005), ist auch entscheidend, welchen Begriff von Klasse man zugrunde legt. Sicher ist jeden- falls, dass der Begriff zumindest in der deutschsprachigen Soziologie in vielen Fällen nicht so benutzt wird wie einst von Karl Marx (aber längst nicht nur von ihm), und deswegen oft vor- schnell ad acta gelegt wird. Dies verhält sich in anderen Sprachräumen und anderen Diszipli- nen anders. Ein bisschen mehr „Anschlussfähigkeit“ (um diesen soziologischen Diskursüber- wachungsterminus aufzugreifen) über die eigene Disziplin- und Ländergrenzen hinaus würde der deutschen Soziologie daher gewiss nicht schaden. Wie ideengeschichtlich zu zeigen ist, ist die Klassentheorie gehaltvoller als ihre Gegner ihr zugestehen; man arbeitet sich allzu oft an Popanzen ab. Die meisten – und meist gar nicht neuen – Argumente gegen sie können daher an dieser abschellen, wenn man sie nur etwas ernsthafter rezipierte. Das im Ansatz zu zeigen, ist das Anliegen dieses Aufsatzes. Man kann die Vorbehalte gegen die Klassentheorie auflisten wie folgt. Ihrer Anwendung auf gegenwär- tige Verhältnisse stünde entgegen: das Eingreifen des Staates in die Klassenkämpfe; der geho- bene Lebensstandard der unteren Klassen; die Auflösung traditioneller Milieus; die Individua-

Geschichte des Klassenbegriffes

2

lisierung der Lebensläufe; die gestiegene soziale Mobilisierung; der insgesamt gehobene Bil- dungsstandard; das Entstehen neuer Mittel- und Zwischenschichten; die „Entdeckung“ ande- rer Ungleichheits- und Exklusionsmechanismen neben der Wirtschaft (also der Vorwurf des „Ökonomismus“); die Autonomisierung der Kultur und des Lebensstils; die weitgehende Aus- differenzierung der Subsysteme sowie schließlich die Auflösung des Nationalstaates aufgrund der Internationalisierung der Wirtschaft. 1 So, wie sie einst formuliert war, kann die Klassen- theorie allen diesen Phänomenen gerecht werden, die in den meisten Fällen ja nicht völlig neu sind und sie etwas Gegenteiliges kaum je behauptet hat; sie kann ihrem Zusammenhang sogar besser gerecht werden als alternative Modelle, die meist nur einen beschreibenden und keinen erklärenden Anspruch mehr haben. Die „Widerlegungen“ der Klassentheorie in der deutschen Soziologie widerlegen – das ist der Witz – nicht die Klassentheorie, sondern das Bild, das sie sich von ihr gemacht haben. Eine „invention of tradition“ gibt es also auch in den Sozialwissenschaften, selbst wenn sie in diesem Falle dazu dient, diese konstruierte Tradition mit viel Effekt immer wieder neu zu widerlegen. Angesichts verknappter Aufmerksamkeit mag das eine verständliche Inszenie- rungsstrategie sein (Frank 2005), doch die Argumente werden dadurch nicht besser; im Ge- genteil. Warum nun gibt es einen so starken Drang, die Klassentheorie immer wieder neu zu bestreiten, auch angesichts immer augenscheinlicher werdender sozialer Ungleichheit? Wir können darüber nur mutmaßen. Für die Zeit, als es noch eine starke Arbeiterbewegung gab, liegt eine Antwort nahe: jedes Zugeständnis an die Klassentheorie wäre eine Annäherung an die Sozialdemokratie (oder gar an Schlimmeres) gewesen, was nicht nur aus politischen Grün- den, sondern schon aus Standes- und Traditionsbewusstsein der akademischen „Mandarine“ lange eine Unmöglichkeit war (vgl. Ringer 1969). Als der Marxismus schließlich Ende der 1920er Jahre und in einer seltsamen Reprise Ende der 1960er Jahre erneut auch die (west)deutsche akademische Welt eroberte, haftete ihm ein zu starker Geruch des Radikalis- mus an, als dass er in der kurzen Zeit seines Wirkens ernsthaft hätte diskutiert werden können – Diskussionen, die es gab, hatten eher Generationenkonflikte und politische Auseinanderset- zungen zum Inhalt als die Sache selbst. 2 Natürlich waren die kurzlebigen „Klassentheorien“

1 Schon diese Auflistung belegt eine Fragwürdigkeit: das Verschwinden des Staates wird nun ebenso reflexartig gegen die Klassentheorie ins Feld geführt wie einst sein Wirken, aber beides zugleich kann unmöglich zutreffen. 2 In welchem Ton diese Debatte geführt wurden, kann man an den Dokumentationen der Debatten um Karl Mannheim (Meja/Stehr) sowie der auf dem Soziologentag von 1968 (Adorno 1969) nachvollziehen. „Diese Son-

derentwicklung der Soziologie in Deutschland hat eine politische Geschichte: [

Weimarer Republik von einer Mehrheit der Soziologen abgelehnt, wurde im Dritten Reich aus dem Sprachge-

brauch verbannt“ (Diettrich 1999, 11) – und die meisten Marxisten wurden ins Exil gezwungen.

Klassentheorie, schon in der

]

Geschichte des Klassenbegriffes

3

der 1970er Jahre in der Tat etwas ad hoc formuliert. 3 Aber das trifft für heutige Ersatz-Theori- en oft ebenso zu. Als weiteres biographisches Motiv kommen in vielen Fällen auch biographische Abrechun- gen mit dem eigenen, radikaleren Jugendgewissen in Frage, doch hier driften Mutmaßungen ins Spekulative ab. Die Frage, woran dieser zwanghafte Drang zur Marxkritik in der deut- schen Sozialtheorie eigentlich hängt, ist schwer zu beantworten. Doch muss man keineswegs persönlichen Motive unterstellten – es lässt sich auch ohne biographische Mutmaßungen dis- kursarchäologisch nachweisen, dass sich diese lange vorherrschende Haltung in einige Grund- voraussetzungen deutschen Denkens regelrecht sedimentiert hat (etwa in die Aufteilung der Gegenstände auf die Disziplinen und die Definition von Schulen über Methoden). 4 Es genügt daher schon die hinreichende – und gerade bei noch ungefestigten Studenten oft anzufindende – Gläubigkeit gegenüber den in Lehrbüchern aufgestellten vereinfachenden und oft unzutref- fenden Behauptungen. Eine über ihre Geschichte aufgeklärte und an ihren Beständen interes- sierte Disziplin kann bei solchen Holzschnitten jedoch nicht bleiben. Ich will darum, nach einer Einholung der Vorgeschichte des Klassenbegriffes seit der Anti- ke (1), kurz die Verwendung des Klassenbegriffes in der in diesem Zusammenhang zentralen „politischen Ökonomie“ darstellen (2). Diese integrative und gehaltvolle Theorietradition hat in der heutigen Wissenschaftslandschaft seltsamerweise keinen Ort – weder in der Ökonomie, noch in der Soziologie oder Politikwissenschaft. Vielleicht, weil man die Polarisierung fürch- tet, die sich schon im Aufgreifen des ökonomischen Klassenbegriffes seitens der Historiker des 18. Jahrhunderts und der politischen Entwürfe des Frühsozialismus im 19. Jahrhunderts abzeichnete (3). All diese Momente gab es bereits vor der Systematisierung der Klassentheo- rie durch Marx und Engels, die im folgenden gegen ihre Kritiker verteidigt wird (4). Eine Kri- tik am nachfolgenden Verwischungsprozess des Klassenbegriffes in der deutschen Soziologie habe ich an anderer Stelle ausgeführt, 5 daher schließe ich hier knapper, mit einem Ausblick auf heutige Verwendungsmöglichkeiten des Begriffes (5).

3 Nach Kostede 1976 verfielen marxistische Klassentheorien der 1970er Jahre in einen „rigiden Schematismus“, indem sie die „kategorialen Ausgangspunkte der Marx’schen Klassentheorie unmittelbar den empirischen Klas- senverhältnissen der BRD aufpressen“ (126). Sie beschränkten sich auf eine kommentierte Wiedergabe „sozial- statistischer Aspekte“ (129), und so wurde „die historische Analyse zum Bestätigungsfeld der jeweiligen Marx- Interpretation“ (119). Immerhin war ein Anfang gemacht; einige neuere Werke stammen ja von Veteranen (vgl. Ritsert 1970, 1998; Bischoff 1976, Herkommer 1979 und die Bestandsaufnahme Bischoff/Herkommer 2002).

4 „Die Geschichte soziologischer Forschung kann zu einem Gutteil als Auseinandersetzung mit und als Zurück- weisung der Marx’schen Klassentheorie beschrieben werden. Manchmal scheint es sogar so, als verdankte die Soziologie ihre Daseinsberechtigung an den Universitäten der Widerlegung einer Theorie, die einmal die Stabili- tät der bürgerlichen Gesellschaft in Frage gestellt hat“ (Berger 1998, 29). „Antworten auf den marxistischen Klassenbegriff durchziehen die Entwicklung der Soziologie als sichere Nebenerwerbsquelle“ (Krysmanski 1989, 155; siehe bereits Schelsky 1961, 350). Das ist allerdings kein Garant einer hinreichenden Marxkenntnis.

5 Zur Kritik der Aussagen von Weber, Schelsky und Luhmann zur Klassentheorie sowie zu den tiefliegenden Marx-Vermeidungsphilosophemen deutschen Denkens siehe Henning (2005).

Geschichte des Klassenbegriffes

4

1. Die erste Verwendung des Klassenbegriffes Die früheste Verwendung des Klassenbegriffes ist nicht, wie man meinen könnte, seine klas- sifikatorische Verwendung im Zuge der Renaissance antiker Begrifflichkeiten seit dem 16. Jahrhundert. Damals wurde der Begriff aufgegriffen, um die sich neu formierenden Wissen- schaften der Neuzeit mit Ordnungsrastern zu versorgen. Diese neutrale und nominalistische Verwendung des Begriffes ist uns heute in Fleisch und Blut übergegangen (wir sprechen von Klassen von Zigarren, Zugabteilen, Champignons etc.). Sie scheint über das in ihr Bezeichne- te kaum etwas aussagen zu können, außer dass die ihr zugrunde liegende Realität diffus und mannigfaltig ist und seitens des Betrachters eines ordnenden Rasters bedarf. Doch die nomi- nalistische Lesart ist weder harmlos, noch ist sie selbstverständlich. Sie sagt nämlich sehr wohl etwas aus: erstens setzt sie eine Dequalifizierung („Entzaube- rung“) der Realität voraus, die im Marxismus gern mit der Verbreitung des Handels im 16. Jahrhundert parallelisiert wurde („Logik des Tauschwerts“). 6 Zweitens deutet die Anwendung einer solchen Gleichartigkeit voraussetzenden Begrifflichkeit auf das Soziale auf grundlegen- de soziale Wandlungen hin. Die unverrückbare Ordnung in gottgegebene „Stände“ muss schon einiges an Evidenz verloren haben, wenn ihr ein solch neutrales und den Wissenschaf- ten entstammendes Ordnungsmuster den Rang ablaufen kann. Eine früh nachgewiesene Verwendung des Klassenbegriffes in der Neuzeit um 1530 spricht von verschiedenen Klassen von Schiffen. 7 Das ist nur auf den ersten Blick belanglos. Schiffe waren damals nicht irgendwelche Gegenstände, sondern die maßgeblichen Mittel der Reich- tumsaneignung durch Kolonialismus, Seehandel sowie durch den Import von Gold und Silber aus den Kolonien. Und die Schiffe wurden deswegen in Klassen eingeteilt, um ihre Besteue- rungssätze festzulegen 8 – schon hier ist ein „Ökonomismus“ am Werk, was aber nur daran liegt, dass Wirtschaften im Wortsinne grundlegend ist und speziell in der Neuzeit immer wichtiger für die Gestalt der Gesellschaft wird; und das bis heute. Eine neutrale Rede von „Klassen“ von Gegenständen ist – etwa in der Logik – noch immer verbreitet, man spricht in dieser Weise ja noch von Schulklassen. Wäre diese Verwendungs- weise die Einzige, wäre das ein Punkt für das nominalistische Verständnis des sozialen Klas-

6 Diese Parallelisierung, die sich nach Carlyle und Marx etwa bei Adorno und Sohn-Rethel findet, ist plausibler als die Parallelisierung mit der „Mathematisierung der Natur“ durch die Naturwissenschaften bei Husserl und an- deren, da man letztere ihrerseits wieder auf die Verbreitung des Handels und seiner Bedürfnisse zurückführen könnte: „Science was the ally of the bourgeoisie, not only because the Royal Society was actively involved in trade and agricultural improvements, but also because certain findings seemed to endorse the dynamic nature of capitalism“ (Day 2001, 77; siehe bereits Borkenau 1934 und viele andere).

7 Nachgewiesen in Frankreich um 1530, nach Herrnstadt 1965, 105 f., der das für die erste Nennung hält.

8 So bemerkt Gary Day über die Anlässe des englischen Bürgerkriegs von 1648: „Of particular concern was Charles’ failure to consult MPs over the extension of the ship money tax“ (2001, 65).

Geschichte des Klassenbegriffes

5

senbegriffes, welches als „Klassen“ von Menschen alles das betrachtet, was als Gruppenbil- dungsmerkmal und deren Selbst- oder Fremdbeschreibung überhaupt herangezogen werden kann: sei es die Klasse der Deutschlehrer oder der Kaninchenzüchter (so Dahrendorf 1957). Den Klassenbegriff unterscheidet dann wenig von anderen Klassifizierungen wie etwa dem Begriff der „Gruppe“ (siehe Homans 1950 oder bereits die „Gruppwissenschaft“ von Stolten- berg 1937), der Schicht oder des Milieus. Doch diese Verwendungsweise des Klassenbegrif- fes ist nicht die einzige, sie ist nicht die nahe liegendste und sie war auch nicht die erste. Die erste bekannte Verwendungsweise des Klassenbegriffes verwandte ihn bereits in Bezug auf Menschenklassen, und zwar solchen, die hinsichtlich ihrer Wirtschaftskraft unterschieden werden. Das ist noch kein Argument gegen die nominalistische Verkürzung, jedoch ein denk- würdiges Detail. Es handelt sich dabei um die Unterscheidung von „classis“ als Gattungen im römischen Militär, wo die Waffengattungen nach unterschiedlichen Vermögensklassen unter- teilt wurden: Servius Tullius (578-534 v. Chr.) bereitete damit die stabile römische Grundun- terscheidung von Patriziern, Plebejern und Nichtbürgern vor – also eine heute noch plausible Unterteilung in primär besitzende, primär arbeitende und rechtlose Klassen von Menschen. 9 Die Diskussion darum, in welcher Hinsicht es sich in Griechenland und Rom bereits um Klassengesellschaften gehandelt hat, muss den Historikern überlassen bleiben. Politische Aus- einandersetzungen zwischen verschiedenen Gruppen mit unterschiedlichen wirtschaftlichen Hintergründen und deren rechtlicher Sanktionierung gab es jedenfalls schon damals zuhauf, auch der Terminus „Proletariat“ taucht ja bereits hier auf. Marx hat Aristoteles und die römi- sche Rechtsgeschichte jedenfalls gut gekannt. Das Studium von Griechenland und Rom ge- hörte im 19. Jahrhundert zum Bildungskanon, daher war die antike Begrifflichkeit (und das Schreckbild einer dumpfen, vergnügungssüchtigen Masse, die „Brot und Spiele“ verlangt) eine nahe liegende Projektionsfläche für Charakterisierungen zeitgenössischer Verhältnisse. Die Rückanwendung des modernen Klassenbegriffes auf die Antike ist somit eine komplexe Projektion. Die Anwendung auf vorkapitalistische Zeiten ist jedoch trotz dieser Vorgeschichte tendenziell „objektivistisch“, da sie weniger auf Selbstbeschreibungen als auf einer analyti- schen Unterscheidung ex post beruht. Doch damit ist sie noch nicht unplausibel. Die Plausibi- lität dieser Benennung hängt von der genaueren Bestimmung des Klassenbegriffes ab. Defi-

9 Jürgen Mittelstraß’ Enzyklopädie der Wissenschaftstheorie sagt: In der römischen Militärverfassung wurde nach dem Sturz der Könige auf der Grundlage von Vermögensschätzungen (census) Vollbewaffnete (classis) un- terschieden von Leichtbewaffneten (infra classem). „In der sogenannten Servianischen Reform [6. Jh. v. Chr., CH] Bezeichnung für politische Einheiten auf der Grundlage von Vermögensklassen, denen als Stimmkörper je eine Stimme zukam. Dabei bildeten die Proletarier als Vermögenslose, obwohl sie mehr als ein Drittel der Be- völkerung ausmachten, nur eine von 193 Zenturien und waren damit faktisch politisch stimmlos“ (405). Das Historische Wörterbuch der Philosophie nennt dafür als Quelle LIVIUS: Ab urbe condita I, 42 f.

Geschichte des Klassenbegriffes

6

niert man ihn wie Croix über eigentumsbedingte Ausbeutungslizenzen fremder Arbeit, 10 so ist eine solche Rückanwendung gar nicht so abwegig. Das Problem daran ist einzig, dass die heutige Ökonomie den Ausbeutungsbegriff nicht mehr kennt und dieses Verfahren daher ab- lehnt. Aber es geht hier nicht um die Berechtigung von Rückprojektionen, sondern um die Ge- schichte des Begriffes. In der Grammatik des Klassenbegriffes lassen sich die Menschen von Anbeginn keineswegs nur beliebig unterscheiden nach ihren Freizeitgewohnheiten oder ihrer Nasenlänge, in komplexeren Gesellschaften gibt es vielmehr – Nominalismus hin oder her – ein grundlegendes Unterscheidungsmerkmal zwischen ihnen, das durch ihre wirtschaftliche Lage bestimmt ist und auf das das Wollen des Einzelnen nur einen begrenzten Einfluss hat. 11 Dieser Unterschied in der wirtschaftlichen Lage wird von der Gesellschaft offenbar als so wichtig eingeschätzt, dass bereits damit – und nicht durch individuelle Tugenden oder Ab- stammung, wenngleich kulturell beides gemeinhin mit dem Vermögen verbunden wird – grundlegende Vorentscheidungen gefällt sind: 12 ob im Zugang zu vollen Waffen oder nur zu leichteren wie in der römischen Zenturienreform, ob im Wahlrecht wie schon in Athen und noch im Preußen des 20. Jahrhunderts, 13 oder ob in sprachlichen Kompetenzen, in Lebensstil, Wahl des Berufes und Aufstiegsmöglichkeiten wie in heutigen Gesellschaften. Der Klassen- begriff beruht hier auf Selbstbeschreibungen der Gesellschaft, die ökonomische Unterschiede betreffen, und er regelt das Zusammenleben der Menschen. Wenn ein proto-marxistischer Klassenbegriff schon seit der Antike greifbar ist, warum neigen Soziologen dann eher zu der anderen, nominalistisch-deskriptiven Lesart des Klassenbegriffs? Zunächst einmal deswegen, weil sich der ökonomietheoretische Unterbau verändert hat – Klassen kommen in der neoklassischen Ökonomie, die für die moderne Soziologie seit Sim- mel, Weber und Parsons „grundlegend“ geworden ist, schlicht nicht vor. Vielleicht aber auch

10 Class (essentially a relationship) is the collective social expression of the fact of exploitation, the way in which exploitation is embodied in a social structure. By exploitation I mean the appropriation of part of the product of the labour of others“ (Croix 1981, 43; vgl. Finley 1980 sowie Engels, MEW 22, 474-474; Kautsky

1908).

11 Warum das wiederum so ist, ist Gegenstand weiterer Erörterungen und in verschiedenen Gesellschaften unter- schiedlich: an dieser Stelle spielen Faktoren wie Religion und Recht eine große Rolle, die die soziökonomischen Unterschiede allerdings nicht ex ante „begründen“, sondern eher verstetigen und ex post „legitimieren“.

12 Das ähnelt Martin Heideggers „immer schon“ vor-ausgelegter „Geworfenheit“, die von Heidegger-Marxisten wie Marcuse oder Sartre insofern konsequent in einen Marxismus überführt werden konnte, als bereits Heideg- ger viel von Marx übernommen hatte, dabei allerdings die sozialphilosophische Brisanz neutralisiert hat (Hen- ning 2005, 302 ff.). Individualisierung und Klassengesellschaftlichkeit schließen sich keineswegs aus. Die Klas- senlage hat einen großen Einfluss darauf, inwieweit man individuelle Vorlieben entwickeln und kultivieren kann. 13 Das Wahlrecht war meist an Grundbesitz gekoppelt. Um die politische Übersetzung ökonomischer Strukturen stritten schon Hobbes, Locke, Montesquieu, Rousseau und Smith (Fenske 1997, 334: „wie müssen Steuergesetze aussehen, die eine Demokratie stabilisieren sollen?“). Arbeitnehmer werden noch heute steuerlich mehr belastet als Kapitalgesellschaften (cf. Shaikh 2003). Man befürchtet, durch Besteuerung Kapitalflucht zu induzieren. Als „Klassenkampf“ werden medial allerdings nur Versuche angeprangert, diese Praxis von unten zu hinterfragen.

Geschichte des Klassenbegriffes

7

deswegen, weil man ihn so leicht „widerlegen“ kann. Ein deskriptivistischer Klassifizierungs- begriff, der sich nur nach sichtbaren Merkmalen einer Gruppe von Gegenständen oder Perso- nen richtet, muss zugrunde gelegt werden, wenn man den Klassenbegriff verabschieden will. Wenn „Arbeiterklasse“ definiert wird als eine Gruppe von Menschen, die Hunger haben, schwitzen, blaue Kittel tragen, in großen, dunklen, schmutzigen Hallen zwölf Stunden und mehr arbeiten und in Großfamilien in kleinen Zimmern hausen – wenn man den Klassenbe- griff also historistisch liest, ist es ein Leichtes zu zeigen, dass es eine solche Arbeiterklasse heute kaum noch gibt; zumindest (und das ist nur der erste Pferdefuss an dieser voreiligen Verabschiedung) nicht bei uns, in den „westlichen Gesellschaften“; oder zumindest glauben wir das nicht – in Asylbewerberheimen oder ethnisch homogenen Milieus wie den „China- towns“ findet man solche Verhältnisse sehr wohl. Die Grenze der „westlichen Gesellschaft“ dürfte dabei schon an der Elbe liegen, jenseits derer viele Menschen sich gerade deswegen ausgeschlossen fühlen, weil es Fabrikjobs dort kaum noch gibt. Individualisierung auf Hartz 4, das wäre noch vorzuführen. 14 Es gibt also nach wie vor eine Menge Menschen, die auf diese Art und Weise ihr Brot ver- dienen müssen oder froh wären, wenn sie es wenigstens auf diese Weise könnten. Daran än- dert auch der Wandel der Arbeitsformen im Westen nur wenig; auch die Verdienste westli- cher Angestellter sind momentan im freien Fall nach unten begriffen. Der typische Hoch- schulabsolvent verdient sogar erst einmal gar nichts, sondern arbeitet oft für lau (siehe ww- w.fairwork-verein.de). Der begriffliche Witz daran ist nun, dass dieses nominalistische Ver- ständnis des Klassenbegriffes zwar historisieren will, selbst aber unhistorisch ist. Es ist weder der Klassenbegriff, wie er von Marx systematisiert wurde (der international war und daher vom „Ende des Nationalstaats“ kaum betroffen wird), noch ist es sein erster nachweisbarer Gebrauch. Es ist eine mögliche und von deutschen Lehrbüchern arg strapazierte Verwen- dungsweise, aber soziologisch sicher nicht die sinnvollste. Es ist lediglich die Verwendungs- weise, die sich am einfachsten „widerlegen“ lässt. Das allerdings ist wider das hermeneuti- sche „principle of charity“ (Donald Davidson): nimmt man sich einen Gegner argumentativ vor, sollte man ihn so stark wie möglich machen und nicht auf absurde Schwundstufen redu- zieren. Auch unsere Gesellschaft ist als Klassengesellschaft verstehbar, wenn man von dem gehaltvolleren und authentischeren Klassenbegriff ausgeht, der nun aufzuzeigen ist.

14 Vorgeführt wird „Hartz 4“ übrigens im Dresdner Schauspielhaus, während in Düsseldorf bald das „Kapital“ gezeigt wird. Wolfgang Engler (2004) hat die Ostdeutschen als Avantgarde der Postarbeitsgesellschaft bezeich- net – er muss dabei die gut weggekommenen Rentner im Auge gehabt haben und nicht die Jüngeren, die der Ar- beit hinterher gezogen sind wie schon vor der Maueröffnung – in die „westliche Gesellschaft“. Verfechter des Grundeinkommens gehen davon aus, man könne sich mit einem niedrigen arbeitsunabhängigen Einkommen ein schönes individualisiertes Leben machen. Das setzt allerdings Kulturen und Netzwerke voraus, die in deindus- trialisierten Regionen erst noch zu schaffen wären. Auch kann die Industrie kein Interesse daran haben, da dies nicht nur steuerfinanziert wäre, sondern automatisch die Löhne erhöhen würde – es bedürfte höherer Anreize.

Geschichte des Klassenbegriffes

8

2. Die Sozialtheorie der politischen Ökonomie Für die klassische politische Ökonomie seit John Locke waren die Gesellschaftsklassen in der Sache zentrale Bezugspunkte, auch wo sie sich noch anderer Begriffe bediente. Gestritten wurde über den Beitrag der Klassen zum Wohlstand der Nationen. Bereits darin liegt gegen- über traditionalen Gesellschaften und ihrer Selbstbeschreibung eine Verschiebung des Blick- winkels auf soziale Unterschiede, der im Englischen als Unterschied von „ascription“ und „achievement“ gefasst wird, als externe Zuschreibung versus eigene Leistung. In der politi- schen Ökonomie wird die Stellung eines Mitglieds der Gesellschaft in der Gesellschaft nicht durch Geburt und Stand bestimmt, sondern nach seiner „Leistung“, also seiner Produktivität für die Gesellschaft. Wie diese allerdings zu bemessen ist, das wurde selbst zum Gegenstand der Wissenschaft und ist keineswegs selbstevident. Dass jemand ein hohes Gehalt oder ein an- derweitig hohes Einkommen hat, ist von dieser Fragerichtung aus keineswegs ein Beleg dafür, dass er für die Gesellschaft auch produktiv ist. Diese Frage ist nach wie vor aktuell, denkt man an den Ausspruch von Josef Ackermann, Deutschland sei „das einzige Land, das diejeni- gen vor Gericht bringt, die Werte schaffen“ (nach Bruhn 2005, 61). Welche Werte hat er ge- schaffen? Womit „verdient“ er, was er verdient – nämlich 10 Millionen Euro im Jahr? Die Fragerichtung der politischen Ökonomie ist also keineswegs veraltet; sie ist lediglich aus der regulären Wirtschaftswissenschaft verschwunden und dem Feuilleton überlassen wor- den: Der grundbesitzende Adel konnte hohe Grundrenten einnehmen, ohne dafür etwas zu tun – außer zu repräsentieren (Max Weber nannte das „leistungsloses Einkommen“, 1894, 274). Das war über ganze Epochen unhinterfragt so; das Stellen der Frage setzt also einen sozialen Wandel bereits voraus – das Entstehen eines Bürgertums, das wirtschaftlich erfolgreich ist und darum auch hoch besteuert wird, aber über wenig politische Mitsprache verfügt („no ta- xation without representation“). Ein Verwundern darüber, wie so etwas möglich ist, und ein Bemühen, das zu ändern, spricht noch aus der Parabel von Henri de Saint-Simon (1819), in der gesellschaftlich produktive und unproduktive Klassen einander schroff gegenübergesetzt werden und suggestiv nach dem „Nutzen“ der repräsentativen Klassen gefragt wird. 15 Die

15 „Setzen wir den Fall: Frankreich verliere plötzlich seine fünfzig ersten Physiker, Chemiker, Physiologen, Ma-

– im

ganzen: die dreitausend ersten Gelehrten, Künstler und Arbeiter Frankreichs. / Diese Männer sind die tätigsten unter den Franzosen, stellen die wichtigsten Erzeugnisse her, leiten die nützlichsten Arbeiten, machen die Nation

schöpferisch in der Wissenschaft, in der Kunst und im Handwerk (

Verlöre die Nation diese Männer, so wür-

thematiker, Dichter, Maler, Bildhauer, Musiker, Literaten, Mechaniker, Zivil- und Militär-Ingenieure

).

de sie ein Körper ohne Seele, geriete schnell in einen Zustand der Minderwertigkeit gegenüber den Nationen, de-

ren Wettbewerberin sie heute ist. (

des Königs, den Herzog von Angouleme

verlöre zu gleicher Zeit alle Großwürdenträger, alle Staatsminister mit oder ohne Portefeuille, alle Staatsräte, Be-

richterstatter, Marschälle, Kardinäle,

doch würde der Verlust

und vor allem die zehntausend vornehmsten unter den Besitzern des Lan-

und Fräulein von Condé zu verlieren. / Nehmen wir weiter an, es

/ Angenommen, Frankreich habe „das Unglück, an einem Tage den Bruder

)

des. / Ein solches Ereignis würde gewiss die Franzosen als gute Menschen betrüben,

Geschichte des Klassenbegriffes

9

klassische politische Ökonomie, von der Saint Simon hier zehrt, fragte also nicht nach der Höhe des Einkommens oder des Gehaltes, das ja ohnehin meist offen zu Tage liegt (außer wenn es, wie im Falle deutscher Topgehälter, aufgrund seiner dreisten Höhe geheim gehalten wird, was indes gegen ein Grundprinzip der Moderne, das Kantische Publizitätsprinzip ver- stößt). Sie fragte vielmehr, wie dieses Gehalt zustande kommt und welcher gesellschaftliche Wert – wenn überhaupt – im Gegenzug geschaffen werde. Genau hierin liegt das Unterscheidungsmerkmal der Klassen. Die Trennung von Werttheo- rie und Preistheorie liegt darum am Herzen dieser gesellschaftstheoretischen Fragerichtung, was in den ökonomischen und soziologischen Entwicklungen der Zeit nach Marx jedoch kaum mehr gesehen wurde – vielleicht gerade wegen ihrer Ausdifferenzierung, die gemeinsa- me Fragen zunehmend ausklammerte und so unbearbeitet ließ. 16 Seit Max Weber wird die Klasse lediglich noch an den Markt gebunden (und damit an den Konsum, wo sich soziale Unterschiede nicht immer eindeutig manifestieren); dort also, wo vieles schon geschehen ist. Der Verlust der klassentheoretischen Perspektive in der Sozialtheorie hat also auch mit der Umstellung der ökonomischen Theorie nach Marx zu tun (siehe dazu Henning 2005, 130 ff.). Heute scheint ein hohes Gehalt erneut, wie schon vor der klassischen politischen Ökonomie, selbst schon Ausweis einer hohen Leistungskraft zu sein – ein Anlass mehr, von einer „Refeu- dalisierung“ zu sprechen, 17 denn das ist auch als „unverdientes Einkommen“ möglich. Die Frage ist, wie es dazu kommt. Eben hier setzte die klassische Theorie „Kämpfe“ zwischen den Klassen um Eigentum und Einkommen an, deren Betrachtung durch die Gleichsetzung von Verdienst und „Verdienst“ schlicht fortabstrahiert wird. Der stetige Kampf um Ressourcen und Lebensweisen – der heute so deutlich ist – wird auf diese Weise theoretisch invisibili- siert. Zwar könnte man argumentieren, die Stabilität einer Gesellschaft erfordere das Vorhanden- sein einer repräsentierenden Kaste (Oberhäupter, Schauspieler, Medienstars etc.). Doch die Frage bleibt, warum die vergleichsweise niedrigen Einkommen aus Arbeit auf so ausgefeilte Weise an ihrer „Leistung“ bemessen werden (und allein für diese Techniken ganze Heerscha- ren von Professoren bezahlt werden), während in diesem Bereich eine Nachprüfbarkeit nicht einmal ansatzweise gegeben ist. Hier kommen mystische Instanzen wie der „Marktwert“ zum Zuge, hinter denen sich allerdings oft – wenn man nur einmal auf diese Weise zu fragen be- ginnt – handgreifliche Selbstbedienungsmechanismen nachweisen lassen (Rügemer 2004, Zel-

von 30 000 der vornehmsten Männer des Staates nur einen Schmerz rein sentimentaler Art bereiten, entstünde ja daraus nicht das geringste politische Unglück für den Staat“ (Saint-Simon 1819, in Vester 1970 I, 160 f.). Saint- Simon fasst Arbeit und Kapital noch unter einer Kategorie, was an dieser Stelle unwichtig ist.

16 „Um des lieben Friedens willen“, wie Ganßmann (1996, 209) in anderem Zusammenhang pointiert.

17 Dies taten etwa Karl Georg Zinn, Negt 2001 und davor Hirsch 1990, 106, der übrigens den auch hier vertrete- nen Anti-Historismus gut auf den Punkt gebracht hat (historisch, aber nicht historistisch).

Geschichte des Klassenbegriffes

10

ler 2004, Bruhns 2005, Resch 2005), neben denen die medial skandalisierten Diätenerhöhun- gen von Abgeordneten für Abgeordnete sich lächerlich gering ausnehmen; „Peanuts“ sozusa- gen. Aber auch davon ist medial wenig zu hören – ein Blick auf die Akteurs- und Eigentumss- trukturen auf diesem Sektore ist daher höchst instruktiv (Speth 2004, Prokop 2005). Doch sol- che Dinge beschreiben ist eines, sie mit theoretischen Mitteln herleiten das andere. Und hier greift der Witz der Marxschen Klassentheorie, dass mit einer privilegierten wirtschaftlichen Situation eben auch eine höhere Deutungsmacht in theoreticis einhergeht. Die Frage der klassischen politischen Ökonomie nach dem sozialen Gegenwert eines Gehal- tes, Einkommens oder Vermögens lässt sich mit heutigen theoretischen Mitteln – die, wie im Falle der „Prinzipal-Agenten-Theorie“, den Shareholder-Interessen geradezu auf den Leib ge- schneidert ist – nur schlecht stellen. Sie erscheint daher schnell als eine moralische und wird als solche aus dem theoretischen Diskurs aussortiert, oder in Ausnahmefällen, wie eben bei Ackermann oder Enron, vor Gericht verhandelt. In der Sache bleibt die Frage aber relevant; denn inwiefern sind Lottogewinner oder Bankräuber „produktiv“? Sie sind dies höchstens im übertragenen Sinne, indem sie Geld unter die Leute bringen; doch das hätten auch die ur- sprünglichen Besitzer der Gelder tun können. Produktiv im Sinne der Vermehrung des Wohl- stands sind sie nicht – aber warum sind es dann Aktionäre? Welche Leistung steht hinter Auf- sichtsrats- und Beraterhonoraren? Welche hinter Aktienoptionen und Zulagen? Die politische Ökonomie erachtete die Frage als wichtig: wie viel vom Sozialprodukt geht auf die verschiedenen Wirtschaftsklassen zurück, und wieviel politischer Einfluss gebührt da- her jedem? Diese Unterscheidungen entstammen der basalen Logik des Wirtschaftens, sie tre- ten jedoch nicht unmittelbar sichtbar nach außen. Klassen sind so gewissermaßen immer ver- deckt. Der Klassenbegriff ist zunächst ein ökonomischer, und zwar ein irreduzibler, weil kon- stitutiv in der jeweiligen Wirtschaftsstruktur verankerter. Erst darüber vermittelt wird er poli- tisch. Was wäre also der soziale Beitrag von Unternehmensberatern und Börsenanalysten, von Vorstandsmitgliedern und Beiräten mit hohen Gehältern? Geben sie Wirtschaft und Gesell- schaft etwas – und wenn ja, was? –, oder nehmen sie vielmehr, indem sie sich selbst hohe Ge- hälter ansetzen, dafür Arbeitsplätze vernichten und öffentliches Eigentum verscherbeln (Rü- gemer 2006)? Haben sie darüber hinaus nicht einen überaus hohen Einfluss auf politische Ent- scheidungen, deren sozial riskante Folgen sie allerdings gar nicht tragen müssen? Und gingen dem nicht lange Kämpfe voraus? Wer sollte solche Entscheidungen eigentlich fällen? Damit ist die Fragerichtung etabliert, die für das Verständnis des Klassenbegriffes und sei- ner hohen Aktualität notwendig ist. Antworten darauf hat es im Laufe der Geschichte aller- dings verschiedene gegeben – Theorie ist ja selbst eine Waffe im sozialen Kampf. Als „Erfin-

Geschichte des Klassenbegriffes

11

der“ die Klassentheorie werden oft fälschlich Karl Marx und Friedrich Engels gehandelt. Marx hat die Klassentheorie indes als selbstverständlich vorausgesetzt und ihr wohl deswegen keine systematische Darstellung gewidmet. 18 In einer berühmten Briefstelle dazu gibt er an,

„weder die Existenz der Klassen in der modernen Gesellschaft noch ihren Kampf unter sich entdeckt zu haben. Bürgerliche Geschichtsschreiber hatten längst vor mir die historische Ent- wicklung dieses Kampfes der Klassen, und bürgerliche Ökonomen die ökonomische Anatomie derselben dargestellt“ (MEW 28, 507).

Wer waren diese Ökonomen, die vor Marx selbstverständlich von sozialen Klassen ausgingen, wie haben sie Gesellschaft als „Klassengesellschaft“ (MEW 20, 88; MEW 21, 97) konzipiert? Der soziale Klassenbegriff verbreitet sich im 18. Jahrhundert. Eine frühe Nennung findet sich 1728 bei Daniel Defoe, der bereits „‚classes of people’ in terms of occupation and inco- me“ unterscheidet (Foster 1987, vgl. die Partien in Robinson Crusoe von 1719, die Day 2001, 95 anführt). Systematisch wird diese Redeweise dann nach 1750, nach meiner Auffassung dem Beginn der Gesellschaftstheorie. Unter die sozialtheoretisch grundlegenden Werke, die damals geschrieben wurden, 19 fällt auch eines mit dem Titel Tableau économique, veröffent- lich 1758/59 vom französischen Arzt Francois Quesnay. Für die Ökonomie von Marx war es von großer Wichtigkeit, obgleich dieser die physiokratische Grundannahmen nicht teilte. Für Marx wichtig war vor allem die Geschlossenheit von Quesnays ökonomischem System, die hier erstmals begegnet. Beschränkten sich vorherige Werke weitgehend auf Mutmaßungen und gute Ratschläge für die Regierenden, so wurde das Wirtschaftsleben einer Nation hier erstmals zusammenhängend erklärt, nach dem Vorbild des Blutkreislaufes, welcher zwangs- läufig geschlossen sein muss, will man nicht verbluten. 20 Der Erklärende muss von jeder an- genommenen Einheit angeben können, wo sie herkommt und wo sie hingeht, und wenn es eine stete Zufuhr oder Abnahme von Energie oder anderen Einheiten gibt, muss auch dies ir- gendwie erklärt werden. 21 Noch gegenüber der heutigen Lehrbuchökonomie, die ihre Größen weitgehend als gegeben annimmt und selten fragt, woher diese kommen oder wie sie zusam- menhängen, muss diese systematische Leistung beeindrucken. Marx sah sich veranlasst, seine ganz anders fundierte Theorie zu einem ebenso geschlossenen Kreislaufsystem auszubauen (siehe MEW 24) – „Leistungen“ behaupten kann schließlich jeder, doch etwas anders ist es,

18 Das Klassen-Kapitel im dritten Band des Kapitals bricht ab (MEW 25, 892 f.).

19 Zu nennen sind etwa Montesquieu 1748, Smith 1759 und Rousseau 1762. Die Datierung, der ich hier folge, stammt ursprünglich von Friedrich Jonas (1968 I, 15; siehe dazu näher in Henning 2005, 190 ff.).

20 „William Harvey’s discovery of the circulation of blood (1628, published 1653) quickly began to inform de- scriptions of trade. [William] Petty, for example, described merchants as ‚veines and arteries, to distribute back and forth the blood and nutritive juices of the Body politic’” (Day 2001, 77).

21 „In der Tat aber ist das physiokratische System die erste systematische Fassung der kapitalistischen Produkti- on. Der Repräsentant des industriellen Kapitals – die Pächterklasse – leitet die ganze ökonomische Bewegung. Der Ackerbau wird kapitalistisch betrieben, d.h. als Unternehmung des kapitalistischen Pächters auf großer Stu- fenleiter; der unmittelbare Bebauer des Bodens ist Lohnarbeiter“ (MEW 24, 360).

Geschichte des Klassenbegriffes

12

dies systematisch herzuleiten und damit zu belegen, dass die Rede von „Wertschöpfung“ nicht beliebig oder ideologisch ist. In unserem Zusammenhang ist Quesnay deswegen wichtig, weil er seine systematische Ge- sellschaftstheorie in Klassenbegriffen formuliert hat. Die Physiokraten gingen davon aus (und diese Annahme teilten noch David Ricardo und Franz Oppenheimer), dass das, was eine Ge- sellschaft ernährt, das sprichwörtliche tägliche Brot ist; also die Bearbeitung des Bodens. 22 Für agrarische Gesellschaften wäre das selbstverständlich gewesen, gerade darum haben sie auch keine Theorie darüber gebraucht. In dem Moment, wo Quesnay diese formulierte, war es bereits umstritten, es gab Verteidigungskämpfe der alten, sich modernisierenden Elite gegen das immer dominanter werdende Bürgertum. Quesnay unterschied eine „classe productive”, die den Boden bearbeitet – damit gemeint sind die Pächter, die wiederum Lohnarbeiter ein- stellen, und diese selbst –, von den anderen Klassen:

„Die produktive Klasse ist diejenige, die durch die Bebauung des Bodens den jährlichen Reichtum erneuert, das Betriebskapital vorschießt und jährlich den Grundeigentümern Reve- nuen zahlt“ (Quesnay 1758, 58; nach Herrnstadt 1965, 118).

Die „classe des propriétaires“, die den Boden besitzt und von der Pacht lebt, sind (mit Veblen) die verbrauchenden Klassen. 23 Es geht nicht nur darum, dass Gruppen von Menschen durch ihre „Stellung im Produktionsprozess“ voneinander geschieden sind und darum auch anders denken. Es gibt zwischen ihnen vielmehr eine zweifache Abhängigkeit: ist die erste Klasse politisch von der zweiten abhängig, so verhält es sich ökonomisch genau umgekehrt. Mit der Formel, die der junge Habermas von Marx und Saint-Simon aufgegriffen hat, könnte man auch sagen: eine „verkehrte Welt“. 24 Diese Sicht auf die Dinge stellt nun keineswegs ein mo- ralisches oder politisches Werturteil dar. Sie hat vielmehr explanatorischen Wert, denn sie vermag reale Spannungen und Konflikte zu verorten. Die Erklärungskraft speist sich daraus, dass die beiden Sphären Politik und Ökonomie zwar unterschieden, aber nicht als unverbun- dene Subsysteme behandelt werden, sodass ihre Interferenzen, auf die es in der Gesellschafts- theorie ja ankommt, in den Blick kommen – von vornherein, nicht erst per Zusatzannahme. 25 Doch es gibt neben diesen beiden Hauptklassen noch weitere Klassen – auch das ist für die spätere Klassentheorie wichtig, denn mitnichten beinhaltet die Fokussierung auf zwei zentrale

22 „Die Erde wird hier noch als von Menschen unabhängiges Naturdasein anerkannt, noch nicht als Kapital, d.h. als ein Moment der Arbeit selbst. Vielmehr erscheint die Arbeit als ihr Moment“ (Marx, MEW 40, 532).

23 „Die Klasse der Grundeigentümer umfasst den König, die Bodenbesitzer und die Zehntherren (den Klerus)“. Sie „lebt vom Nettoprodukt (produit net) der Landwirtschaft, das ihr die produktive Klasse zahlt“ (Quesnay 1758, 58; nach Herrnstadt 1965, 118, a.a.O).

24 Saint-Simon 1819, 162; Marx, MEW 1, 15 und 378; MEW 40, 566; MEW 3, 505; MEW 25, 835; siehe Hel- mich 1980, Keulartz 1995.

25 Diese Theorie wurde nach Quesnay von weiteren Autoren ausgebaut, die sich allesamt des Klassenbegriffs be- dienten, etwa von Cantillon 1755, Turgot 1766 (der bereits von „Kapital und Arbeit“ spricht), Steuart 1767 und Necker 1784. Marx behandelte diese Tradition vor allem in seinen Theorien des Mehrwerts (MEW 26).

Geschichte des Klassenbegriffes

13

Klassen die Leugnung weiterer Klassen. Deren Betrachtung ist für die grundlegende gesell- schaftliche Spannung nur von geringerer Tragweite – eben darum werden sie „classe stérile“ genannt. 26 De facto können natürlich auch sie gesellschaftlich und politisch einen großen Ein- fluss haben, nur liegt dieser nicht schon in der Grundlogik des Modells, sondern geht auf wei- tere zu erfassende Variablen zurück. Es ist es daher wenig überraschend, dass die marxisti- sche Tradition – soweit sie sich der Anerkenntnis realer Wandlungen verweigerte 27 – die größten Probleme mit den „Mittelklassen“ hatte (kleine Händler, Angestellte, Ingeneure etc.), da diese zunächst nur eine Residualkategorie darstellen, über deren Verhalten auf Grundlage des Modells noch nicht viel ausgesagt werden kann. 28 Dabei ist die Rede von Neutralität kei- neswegs gleichzusetzen mit einer Nichtbeachtung. Über das Verhalten und die politische Ori- entierung dieser Klassen lässt sich allerdings nur auf Grundlage empirischer Betrachtungen etwas aussagen – deswegen widmete Marx sich im 18. Brumaire (MEW 8, 115-207) diesen „Zwischenklassen“ ausführlich. Ihr Verhalten ist kontingent. Sie können leicht zum politi- schen Spielball werden, der in verschiedene Richtungen gehen kann. Wohl darum wurde mit ihnen schließlich das Unvorhergesehene, der Faschismus, zu erklären versucht. 29 Die Klassentheorie der politischen Ökonomie verknüpft so zwei Frageebenen: auf der einen Seite steht der phänomenale und sich stets wandelnde Reichtum des politischen und sozialen Geschehens, der Interessengruppen, Fraktionierungen und Bündnisse; auf der anderen Seite die ökonomische Einsicht, dass es einen geschlossenen Wirtschaftskreislauf gibt, der sich ir- gendwie auf die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen verteilen muss. Sicher ist, dass beide Ebenen sich beeinflussen. Die Frage ist, zu welchen systematischen, aus der Logik des Prozesses selbst resultierenden Ungleichverteilungen es in der Wirtschaft kommt und wie die- se Ungleichheiten bei den verschiedenen Gruppen verschiedene Verhaltensdispositionen prä- gen – politische Kämpfe werden ja häufig um Verteilung geführt (heute etwa bei der Besteue- rung und der Frage, ob eher an Sozialausgaben oder an Subventionen gespart wird); eine Rückwirkung der Politik auf die Ökonomie –, und wie sich diese Dispositionen und Mächt- eungleichgewichte schließlich zu dauerhaften Strukturen kristallisieren. Diese Dispositionen

26 „Die sterile Klasse besteht aus allen Bürgern, die mit anderen Dingen und andren Arbeiten als denen der Agri- kultur beschäftigt sind“ (Quesnay 1758, 58; nach Herrnstadt 1965, 118, a.a.O.).

27 Eine solche Verweigerung gab es nicht nur in der leninistischen Klassendogmatik (dazu Seppmann 2006), son- dern auch im „Westlichen Marxismus“ etwa der Kritischen Theorie – nach den Erinnerungen von Adolph Loewe waren die Mitglieder des Instituts für Sozialforschung zumindest vor ihrer Emigration so „primär-marxistisch …, dass sie sozusagen auf die konkreten Dinge gar nicht mehr eingehen zu müssen glaubten“ (in: Greffrath 1973; siehe auch die Gesprächsaufzeichnungen im Kreis um Tillich in dessen Gesamtausgabe). 28 Als Untersuchungen dazu siehe Kracauer 1929, Grünberg 1932, Croner 1954, Mauke 1970, Bell 1975, Laclau 1977, Speier 1977 und Haupt 1998. Heute ist eher der Begriff „Dienstleistung“ gebräuchlich (vgl. Bender 2004). Es trifft nicht zu, dass die Marxsche Theorie dazu nichts zu sagen hätte (siehe etwa MEW 25, 311 f.).

29 Ein Ansatz, der nicht zufällig auf den 18. Brumaire zurückging, siehe Thalheimer 1930 und Laclau 1977.

Geschichte des Klassenbegriffes

14

können dann als Hypothesen über die empirischen Mannigfaltigkeit gehalten werden, um zu möglichen Erklärungen zu kommen. Dieses Vorgehen steht in keiner irgendwie „metaphysischen“ Tradition, sondern in der Tra- dition der wissenschaftlichen Revolutionen der Neuzeit, in denen stets eine zwar induktiv ge- wonnene, aber gleichwohl systematische und daher zunächst „unsichtbare“ Hypothese den phänomenalen Reichtum gliedern und prozessuale Abläufe erstmals erklären konnte – ob in der Astronomie, der Physik oder der Medizin. Von Bedeutung ist nicht, wie einleuchtend die Hypothese selbst ist, sondern wie gut sie die Phänomene erklären kann. Niemand würde ver- suchen, einen Physiker zu „widerlegen“, weil man die Fliehkraft nicht „sehen“ kann. Doch der Klassentheorie ist genau dies oft geschehen und geschieht dies noch heute. 30 Die Charakterisierung der einzelnen Klassen fällt bei einzelnen Vertretern der politischen Ökonomie jeweils etwas anders aus. Dem Physikalismus der Physiokraten, die nur Korn als Wert und darum nur agrarische Arbeit als wertbildend akzeptierten („weil man Geld nicht es- sen kann“), stand der Merkantilismus entgegen, der sich nur Edelmetalle als Reichtum vor- stellen konnte und deren Beschaffung durch Handel daher positiver bewertete. Die Arbeits- werttheorie der Physiokraten hingegen – mit der entscheidenden Zusatzannahme von John Locke, dass die Früchte der Arbeit des Knechtes dem Herrn zukommen –, vererbte sich über den Merkantilismus hinweg bis auf Adam Smith (1776). Dieser konnte mit dem Klassenbe- griff zwar nicht viel anfangen und bediente sich eher ständischer Begriffe wie „rank“ und „or- der (Foster 1987). Doch bei David Ricardo wurde die Klassenbegrifflichkeit wieder explizit – nur zwei Jahre vor der Parabel von Saint-Simon (Fn. 15). Die Klassen sind bei Ricardo sogar zum Hauptinhalt der Ökonomie geworden, die darum politische Ökonomie heißt:

„The product of the earth – all that is derived from its surface by the united application of la- bour, machinery and capital, is divided among these classes of the community … In different stages of society, the proportions of the whole product of the earth which will be allotted to each of these, under the name of rent, profit and wages, will be essentially different … To de- termine the laws which regulate this distribution is the principal problem in political eco- nomy” (Ricardo 1817, 5; Hervorhebung von mir, CH).

Die Fragestellung ist so einleuchtend wie simpel, wenn auch ihre Beantwortung schwierig ist:

da es sich in der Wirtschaft um geschlossene Kreisläufe handelt (was weder bedeutet, dass sie national geschlossen, noch dass sie statisch sein müssen), und da wirtschaftliche Macht Rück- wirkungen auf die politische Macht hat, muss es möglich sein, die Verteilung des Sozialpro- duktes auf die verschiedenen Klassen nachzuverfolgen und dabei Hypothesen zu formulieren. Auf dieser Grundlage sollte man dann wichtige Elemente des politischen Geschehens erklären

30 Nicht ihre Ergebnisse werden auf ihre Sinnigkeit überprüft, sondern ihre Hypothesen. Das ist wissenschafts- theoretisch zwar fragwürdig, passt allerdings gut zur Verdächtigung des Anspruchs auf Wissenschaftlichkeit als „Szientismus“ – als sei Wissenschaft selbst schon metaphysisch. Wird ein Anspruch nicht eingelöst, besteht er zu Unrecht, dafür gibt es Kriterien. Doch der Anspruch allein kann noch kein Anlass für eine Ablehnung sein.

Geschichte des Klassenbegriffes

15

können (dessen empirische Beschreibung dazu nur die Voraussetzung ist). Es ist kein sinnvol- ler Grund denkbar, warum nicht auch heute so gefragt werden könnte. Allerdings ist eine sol- che Untersuchung schon ökonomisch recht aufwendig: Bereits Marx warf seinem Vorgänger Ricardo das Hinweggehen über die Mittelklassen vor – solchen also, die in einem vereinfach- ten ökonomischen Modell noch nicht enthalten sind. 31 Die einfacher zu formulierenden Hypo- thesen über das Verhalten der ökonomischen Hauptklassen ließen sich in zeitgenössischen Beobachtungen oft bestätigten; über die die mittleren Klassen hingegen, die historisch sogar als erste so genannt wurden; 32 gab es eine Enthaltsamkeit. Diese war theoretisch sogar berech- tigt, denn ihr Verhalten ist kontingenter als das der anderen Klassen, an deren Interessen sich Angehörige der Mittelklassen zudem in vielen Fällen ausgerichtet haben. Bereits bei Adam Smith deutete sich so die Beobachtung eines zentralen gesellschaftlichen Konfliktes an, nämlich dem zwischen Kapital und Arbeit. 33 Diese Polarisierung in der Theo- rie, die Konzentration auf zwei Hauptklassen und deren Konflikt miteinander, hat sich bei den englischen Ricardoschülern des 19. Jahrhunderts und den französischen Frühsozialisten wei- ter verstärkt. Dieser Prozess war nicht nur theorieimmanent (oder davon abhängig, dass man plötzlich nicht mehr bis drei zählen konnte, wie Luhmanns dürre Kritik insinuierte), sondern reagierte auch darauf, dass der reale Konflikt immer unübersehbarer wurde und sich die Be- teiligten nun auch von unten zu artikulieren begannen. Es entwickelte sich eine „proletarische Öffentlichkeit“ (Negt/Kluge 1972) und eine eigene Theorie – eine „subjektive Soziologie“ im Sinne René Königs –, in der die Arbeitenden ihre Situation selbst zu reflektieren begannen; zunächst in Frankreich, dann vor allem in England und später auch in Deutschland. 34 Das war vielleicht die größte Kränkung für die bisherigen bürgerlichen „Experten“ in solchen Fragen, die es bislang für selbstverständlich hielten, vom Staat für entsprechende Diagnosen bezahlt und ansonsten in Ruhe gelassen zu werden. Plötzlich gab es jedoch eine Gegenexpertise.

31 „Was er vergisst hervorzuheben, ist die beständige Vermehrung der zwischen Arbeitern auf der einen Seite, Kapitalisten und Grundeigentümern auf der andern Seite, in der Mitte stehenden, großenteils von der Revenue direkt erhaltenen Mittelklassen“ (MEW 26 II, 576).

32 „Raimond Williams has suggested that the appearance of the word ‘class’ coincides with the rise of the ‘middle sort’ since it ‘relates to the increasing consciousness that social position is made rather than merely in- herited” (Day 2001, 95; nach Williams 1988, 61 f.).

33 Dabei sieht Adam Smith sowohl politische als auch ökonomische Faktoren am Werk: „The masters, being fewer in numbers, can combine much more easily, and the law, besides, authorises, or at least does not prohibit their combinations, while it prohibits those of the workmen. (…) Masters are always and everywhere in a sort of tacit, but constant and uniform combination, not to raise the wages of labour above their actual rate“ (1776, 169).

34 Aus dieser Perspektive erwuchs eine reflexive Aufmerksamkeit darauf, wer eigentlich eine Theorie formuliert und von welchem gesellschaftlichen Standort aus – die Ideologietheorie gehört also zur Klassentheorie hinzu; ihr Verschwinden ging mit dem Verschwinden der Klassentheorie einher, sodass die Gegenentwürfe lange nicht ideologiekritisch hinterfragt wurden. Dies ändert sich erst in letzter Zeit wieder (Kaindl 2005).

Geschichte des Klassenbegriffes

16

3. Verschärfung der Klassentheorie zur Theorie des Klassenkampfes Doch nicht erst die proletarischen Klassentheorien waren polarisierend artikuliert, obgleich diese viel Anlass dafür hatten. Das war schon in bürgerlichen Vorformen der Fall. Wer waren diese „bürgerlichen Geschichtsschreiber“ (cf. MEW 28, 507), die sich des Klassenbegriffes so selbstverständlich bedienten? Bereits beim Philosophen Helvetius (1758) finden sich solche Andeutungen. 35 Der erste Historiker ist dann Adam Ferguson, der mit Adam Smith gut be- kannt war. Ferguson spricht in seinem Essay on the History of Civil Society von 1767 bereits mehr von Klassen als von Ständen. Dieser Übergang in der Semantik zeigt hinsichtlich der Gesellschaftsstruktur an, dass apriori gegebene „Stände“ in modernen Gesellschaften an Be- deutung verlieren. Es gibt keine Instanz mehr, die von außen oder oben den Menschen ihren Rang ein für alle mal zuschreiben kann, sondern diese müssen ihren Rang im alltäglichen Verkehr stets erneut aushandeln und festlegen – die Gesellschaft wird „mobil“. Aber, und das ist das Verstörende daran, das bedeutet keineswegs das Ende der Ungleichheit. Genau diese Ungleichheiten trotz des Verschwindens starrer, quasi-naturhafter sozialer Unterschiede sind es, die die Klassentheorie in den Begriff bekommen wollte. Das haben nach Marx auch ande- re gesehen. Hören wir zu diesem Punkt den umstrittenen Historiker Heinrich Treitschke (1899, 300) mit einer erstaunlich hellsichtigen Einlassung:

„Aus diesen rechtlich getrennten Ständen entwickelt sich dann eine freiere Bildung von Klas- sen, die rechtlich nicht mehr geschieden sind, wo dem Einzelnen durch Glück und Begabung ein Aufstieg möglich ist. Rechtlich sind diese Unterschiede nicht mehr definierbar und Halb- denker kommen dann zu der Meinung, dass es überhaupt keine Klassen mehr gibt“.

Die starre Trennung in horizontale und homogene soziale Lager, die viele in die Klassentheo- rie hineinlasen, gab es nur bei ihrer Vorgängerin, dem Legitimationsnarrativ der ständischen Gesellschaft. Solche sakralisierten und rechtlich sanktionieren Unterschiede gibt es in der Klassengesellschaft immer weniger, jedenfalls macht sie das nicht aus. Doch glaubt man den klassischen Ökonomen, gibt es nach wie vor starke Kräfte, die auf die Gestalt der Gesellschaft einwirken; nun sogar viel ungehemmter. Dass die Individuen darauf mit einer „Individualisie- rung“ reagieren können – oder müssen –, ist keineswegs ein Argument gegen die Klassenge- sellschaft, sondern vielmehr deren Ausdruck: so muss man der Arbeit hinterher wandern, wenn es keine mehr gibt, man muss sich losreißen und versuchen, allein auf eigenen Füßen zu stehen, was unter anderem zu Migrationsbewegungen und Verstädterung führt. Auch die Familienbande lösen sich auf, 36 es kommt zu kulturellen Neuformierungen

35 Calvert (1982, 58) gibt ihn so wieder: „if the distribution of wealth were to unequal, the situation would be ex- acerbated as riches were gathered into a smaller number of hands, and the time would be reached when the nati- on would be divided into two classes …, of which ‚one was abounding in excess and the other lacked necessi- ties“ (nach Helvetius 1758, 233). 36 „Wird die Familie der jetzigen Gesellschaft aufgelöst, so zeigt sich eben in dieser Auflösung, daß im Grunde nicht die Familienliebe, sondern das in der verkehrten Gütergemeinschaft notwendig konservierte Privatinteresse

Geschichte des Klassenbegriffes

17

(Thompson 1968). Die klassenbewusste Arbeiterschaft des 19. Jahrhunderts war folglich kein „traditionalistisches“ Milieu (Beck 1994, 50), das nur an überkommenen Riten festhielt, son- dern eine kulturelle Neuformation, die sich in jahrzehntelangen Konstitutionsprozessen mit vielen Rückschlägen erst bildete und sich immer neu bildet. Klassentheorie ist mehr Prozess- als Strukturtheorie. 37 Vieles von dem, was später gegen die Klassentheorie gehalten wurde, ist also deren eigenster Bestandteil – nur dass man diese gar nicht mehr zu Wort kommen lässt. Diese Kongruenz lässt sich an folgendem älteren Lexikonartikel noch deutlich erkennen:

„Das Klassensystem ist demnach ein Produkt des Industrialismus und der Gesellschaft, die ihn … hervorbrachte. Es entstand, weil die industrielle Gesellschaft die folgenden grundlegenden Voraussetzungen schuf: 1. eine weitgehende Arbeitsteilung; 2 eine verstärkte soziale Mobilität zwischen den Klassen und genügend Möglichkeiten für eine solche Bewegung; 3. eine Höher- bewertung von individueller Leistung und persönlicher Begabung gegenüber Zuweisung und Erblichkeit als Kriterien der Klassenlage; 4. eine Verlagerung des Schwerpunks von traditio- nalen auf rationale soziale Organisationsformen“ (Reissmann 1969, 541).

Man könnte im zeitgenössischen Jargon auch formulieren: die Rede von Klassen setzt voraus:

1. funktionale Differenzierung, 2. die Möglichkeit sozialen Aufstiegs („Fahrstuhleffekte“), 3. Individualisierung, 4. Flexibilisierung. Wenn dies Voraussetzungen der Klassengesellschaft sind, können es nicht zugleich deren Widerlegungen sein und sind es auch nicht. Historiker interessiert an dieser Doppeltendenz – einerseits die Aufhebung fester sozialer Grenzen, andererseits das ungehinderte Wirken zentrifugaler Kräfte auf die Gesellschaft –, wie sich diese Tendenz über die Zeit auf die Gesellschaft auswirkt. Bereits John Millar, der sich über die Origin and Distinction of Ranks (1783) Gedanken machte, sah die Gefahr einer Teilung der Nation in zwei feindliche Klassen, also in die später von Benjamin Disraeli be- schworenen „zwei Nationen“ (siehe Milliband 1991 und Brock 1994, 66). In Bezug auf Mil- lars Werk A Historical View of English Government (1787) analysiert Jon Foster:

Millar “described the Dark Ages as marked by the ‘separation of a whole people into two great classes’, and argued that in a commercial nation the division of labor and the unequal distribu- tion of wealth held the danger of ‘the class of mechanics and labourers’ being ‘debarred from extensive information’ and ‘becoming the dupes of their superiors’” (Foster 1987, 79).

Gerade das, was Marx oft als Gnostizismus vorgehalten wurde (etwa von Ernst Topitsch und Konrad Löw): der Kampf zwischen zwei sozialökonomisch getrennten Gruppen von Men- schen, war also keine Erfindung von Marx, sondern eine bereits lange vorher etablierte Sicht. Dass diese damals höchst offensichtliche Trennung bedrohliche Formen anzunehmen drohte, kann man an Werken wie Hanway 1772 und Frégier 1840 ablesen – Klassentheorien von oben, die darin eine Bedrohung der Stabilität des Staates erblicken –; sowie an späteren Fan-

das haltende Band der Familie war“ (Engels, MEW 2, 371). 37 „Der kapitalistische Produktionsprozeß … produziert und reproduziert das Kapitalverhältnis selbst, auf der einen Seite den Kapitalisten, auf der andren den Lohnarbeiter“ (MEW 23, 604). „Es ist die Zwickmühle des Pro- zesses selbst, die den einen stets als Verkäufer seiner Arbeitskraft auf den Warenmarkt zurückschleudert und sein eignes Produkt stets in das Kaufmittel des andren verwandelt“ (MEW 23, 603).

Geschichte des Klassenbegriffes

18

tasien wie Time Machine (1899) oder Brave New World (erstmals 1932), in der sich die sozia- le Segregation auf erschreckende Weise in die Natur eingeschrieben hat. 38 Neben Ökonomen und Historikern haben auch Politiker bereits im 18. Jahrhundert mit großer Selbstverständlichkeit nicht nur von Klassen, sondern auch von Klassengegensätzen gesprochen. 39 Klassen können ökonomische Ungleichheiten in soziale Positionierungen und politisches Handeln überführen. Polarisierungen in der Sozialtheorie hängen darum einerseits mit den jeweiligen Grundkonflikten einer Gesellschaftsformation zusammen; wie diese Posi- tionierung genauer ausfällt, ist anderseits eine Frage der zugrunde liegenden ökonomischen Theorie. Die Charakterisierung der Klassen hängt theoretisch davon ab, welche Art von Ar- beit – denn Arbeitsteilung ist der treibende Mechanismus der Ausdifferenzierung – als pro- duktiv, als „wertschöpfend“ begriffen wird, welche als konsumtiv oder als neutral. Erst in der Sozialtheorie des 20. Jahrhunderts, die sich weitgehend auf die neoklassische Theorie stützt, spielten weder Arbeit noch Klassen eine Rolle, weil diese zwischenzeitlich aus der ökonomi- schen Theorie verschwunden waren – wohlgemerkt aus der Theorie, nicht aus der Welt. Es ist ein idealistischer Fehlschluss, aus einer harmonisierenden Theorie auf die Realität zu schlie- ßen – weil die neuere Theorie keine Konflikte mehr sehen will, gäbe es diese nicht mehr –; und mit dieser konstruierten Realität dann die Theorie des Konfliktes zu „widerlegen“. Ange- messener wäre es vielmehr, beide Theorien probeweise an die Realität zu legen und zu sehen, welche von beiden den gegenwärtigen Geschehnissen eher gerecht wird. Gegen Ende des 18 Jahrhunderts wurde in Frankreich deutlich, dass die Selbstbefreiung des dritten Standes noch keineswegs Freiheit und Gleichheit gebracht hatte. Einer der frühesten Fürsprecher des arbeitenden Volkes gegen die ausschließlich „bürgerliche“ Gesellschaft war Graccus Babeuf (1760-1797), der sich für eine „république toute populaire et démocratique“ einsetzte, gegen die „république bourgeoise et aristocratique“, die er nach 1793 entstehen sah. Anders als die Nationalversammlung setzte er sich für die Verstaatlichung des Bodens als Ga- rant einer tatsächlichen Gleichheit ein und wurde dadurch in die Illegalität gedrängt (Hof- mann 1979, 41 f.). In diesem Zusammenhang wichtig ist die Verknüpfung von Ungleichheit und Eigentum an Produktionsmitteln, die es im Prinzip schon bei Rousseau gab, die aber von markzentrierten Klassentheorien (etwa bei Max Weber) meist verdrängt wird.

38 Es ist hochinteressant, dass der Adel erst indem Moment auf das „Blut“ (die Abstammung) als Unterschei- dungsmerkmal setzte, als seine äußere Erscheinungsform „reproduzierbar“ geworden war (Day 2001, 52). Bei Graf Gobineau (1853) führte diese Blutfixierung gleich zur theoretischen Grundlegung des Rassismus. 39 A. Hamilton verteidigt in den Federalist Papers (1787) die Vorrechte der „so genannten Klasse“ der Reichen (Nr. 35 und Nr. 60); J. Madison hingegen sagt, die Gewaltenteilung solle eine Balance zwischen Parteien und Klassen herstellen (Nr. 10). Abbe Sieyes (Qu’est-ce que le tiers état? 1789) unterscheidet vier „nützliche Klas- sen“ (Bauern, Handwerker, Handel, Dienstleistung), vier politische, wovon nur eine – die Beamten – sein Wohl- gefallen finden; der Rest – Schwertadel, Amtsadel und Klerus – sind unnütz (classes inutiles).

Geschichte des Klassenbegriffes

19

Der französische Liberalismus benutzt den Klassenbegriff lange primär in Bezug auf Bo- denverhältnisse (so noch Guizot, der Marx später aus Paris ausgewiesen hat). 40 Der französi- sche Frühsozialismus etwa Fouriers oder Saint Simons hielt sich indes mehr mit dem Ausma- len künftiger als mit der Analyse gegenwärtiger Zustände auf. Marx griff diese Zukunftsvisio- nen auf, die sich schon im Saint-Simonismus als „klassenlose“ darstellten. 41 Für die Geschich- te des analytischen Klassenbegriffes im 19. Jahrhundert sind jedoch insbesondere die engli- schen Schriften interessant. Hier waren es nicht mehr primär adlige oder bürgerliche Gelehrte, die den Klassenbegriff verwandten, sondern die arbeitende Bevölkerung und deren Fürspre- cher selbst, die sich nach dem klassenbewussten Bürgertum („middle class“, Day 2001, 95) nun ebenfalls zunehmend als Klasse verstand, wie bei Hodgskin 1825 schon im Titel ersicht- lich ist (Labour defended against the claims of Capital, by a Labourer). Es war die radikale Lesart der Arbeitswerttheorie im Rahmen des Linksricardianismus, die es erlaubte, im Namen der Arbeit Forderungen nach einer Emanzipation der noch immer be- nachteiligten Klassen zu stellen. Diese Werke nehmen als zentralen Klassenkonflikt den Kon- flikt zwischen Kapital und Arbeit. 42 Diese kämpferisch-dualistische Lesart der Klassentheorie wird in den 1820er Jahren dann populär. Alles das vor Marx, der die Klassentheorie dieser Werke, die er häufig zustimmend zitiert, vermutlich für unverfänglich hielt. Er machte sich stattdessen an die Ausarbeitung der unvollständig gebliebenen ökonomischen Theorien (vgl. Heinrich 2001, 58 ff.). Gerade darum ist es instruktiv, sich die Konzeptualisierung der Klas- sen in diesen frühen Werken genauer anzusehen (vgl. Vester 1970a). Hieran wird deutlich, dass weitere Dimensionen, die gewöhnlich gegen die Klassentheorie gehalten werden – hier die von „Kultur“ und „Wissen“ –, bereits von klassengesellschaftlichen Theoremen erfasst wurden. Es ist auch hier wenig sinnvoll, diese Posten gegen sie halten zu wollen.

40 „Das moderne Europa wurde im Kampf der verschiedenen Gesellschaftsklassen geboren … Der Kampf zwi- schen ihnen [wurde] nicht zum Ausgangspunkt von Stagnation, sondern zu einer Ursache für den Forschritt. Die Beziehungen der verschiedenen Klassen untereinander, die Notwendigkeit für sie … einander zu bekämpfen …, die Verschiedenheit ihrer Interessen … – das Bündel dieser Umstände ist vielleicht das energischste und frucht- barste Entwicklungsprinzip der europäischen Zivilisation“ (Guizot 1828, 29; nach Herrnstadt 1965, 361).

41 Oft wurde die Verwandtschaft von Partien des Kommunistischen Manifest mit früheren Schriften wie dieser bemerkt: „Die Ausbeutung der Menschen durch den Menschen, das ist der Stand der menschlichen Beziehungen in der Vergangenheit: die Ausbeutung der Natur durch den mit dem Menschen assoziierten Menschen, das ist das Bild, das die Zukunft zeigt. (…) Die Menschen sind also nun aufgeteilt in zwei Klassen, die Ausbeuter und die Ausgebeuteten (…) Das Menschengeschlecht wird schließlich alle Ketten brechen, mit denen der Antagonis- mus es fesselt“ (Exposition de la doctrine saint-simonienne, Paris 1831, 162 f.; nach Labica 1986 IV, 628 f.).

42 „Die bestehende Ordnung der Dinge hinsichtlich des Reichtums geht dahin, einige Wenige auf Kosten der großen Masse der Produzenten zu bereichern, die Armut der Armen noch hoffnungsloser zu machen, die Mittel- klassen in die Armut herabzuziehen, damit einige wenige imstande sind, das wirklich vorhandene Nationalkapi- tal … nicht nur für sich allein zu verderblicher Größe aufzuhäufen, sondern auch, vermittels dieser Aufhäufun- gen, über die Produkte der jährlichen Arbeit des Gemeinwesens zu verfügen“ (Thompson 1824 I, 18; nach Ves- ter 1970 I, 92). Und der vormarxistische Engels schreibt: „Das Verhältnis des Fabrikanten zum Arbeiter ist kein menschliches, sondern ein rein ökonomisches. Der Fabrikant ist das ‚Kapital’, der Arbeiter ist die „Arbeit’“ – das ganze waren also bereits vor Marx deskriptive Kategorien (Engels, MEW 2, 487). Engels’ Lage der arbei- tenden Klassen in England dürfte übrigens auf Max Webers Kapitalismustheorie stark eingewirkt haben.

Geschichte des Klassenbegriffes

20

Robert Owen etwa schreibt in einer Adresse an die arbeitenden Klassen (1819), die er in Zeitungen abdrucken ließ: „Ihr müsst euch selbst erkennen lernen“ (nach Vester 1970 I, 60; das erinnert an das platonische „Erkenne dich selbst“). Mit diesem wohlmeinenden Appell einher ging die Erkenntnis, dass es gerade im Bereich des Wissens schwerwiegende Defizite gab, was die die Lage der arbeitenden Klassen betraf:

„Die Armen, die große Mehrheit der produktiven Klassen, besitzen nur selten Bildung“ (Thompson 1824 I, 367; nach Vester 1970 I, 99). „Wie sollen die im Elend schmachtenden Armen tugendhaft sein? … Ausgeschlossen von allem, was zu einem anständigen, bequemen Leben gehört … werden sie durch die Not wild und grausam. Wenn sie sich umschauen, so finden sie viele in derselben Lage und von demselben Gefühl der Abneigung gegen die Glück- lichen erfüllt. So bilden sie ein besonderes Publikum, ein Publikum des Leidens, der Unzufrie- denheit und der Unwissenheit. Sie machen sich eine eigene öffentliche Meinung zurecht, im Gegensatz zu der der Reichen, die von ihnen, ebenso wie ihre Gesetze, als Ausgeburten der nackten Gewalt betrachtet werden“ (Thompson 1824 I, 459; in Vester 1970 I, 101).

In dieser kleinen Partie erscheinen Adam Smiths Theorie der Empathie, Nietzsches Theorie des Ressentiments und das kulturwissenschaftliche Konzept der „Gegenöffentlichkeit“ gleich- sam komprimiert. Daneben ist es das Vorhaben dieser Einlassung, diese Lage nicht nur zu in- terpretieren, sondern zu verändern, indem eine kritische Sozialwissenschaft (!) gegründet und über Volksbildung verbreitet wird, die die Arbeitenden über ihre Lage in Kenntnis setzt. Was es bislang an Wissen gibt, wird als ideologisch gekennzeichnet: 43 es führe zur „Klas- sengesetzgebung“, zur politischen Verstetigung der wirtschaftlichen Macht durch deren recht- liche Verewigung. 44 Es ist also das Bestreben dieser Schriften, das Proletariat zu „bilden“ – im ursprünglichen Doppelsinne: Wissen über Wirkmächte zu erlangen, und sich dadurch als Pro- letariat zu konstituieren (Thompson 1965). Es geht darum, eine neue Kultur und ein neues Wissen auszubilden (wie Gramsci später forderte), nicht die vorgefertigten bürgerlichen Scha- blonen zu übernehmen oder lediglich momentane Phänomene zu beschreiben. Doch dieses Wissen allein kann nicht aus den Klassenschranken befreien – und das spricht gegen die heu- tigen Apologien des Kapitalismus als einer „Wissensgesellschaft“, in der Klassen vorgeblich keine oder keine große Rolle mehr spielten –, denn:

43 „Weitere Hindernisse ergeben sich für die Verbreitung moralischer Kenntnisse aus dem Umstand, dass – an- ders als in der Naturwissenschaft – jeder Teil dieses Gebiets bereits von einer Klasse von Menschen besetzt (!) ist, die auf Grund der Anschauung, die sie über diese Dinge hegen und verbreiten, Macht und Reichtum erwor- ben haben und Unfehlbarkeit beanspruchen“ (Thompson 1824 II, 81; nach Vester 1970 I, 103). Das macht zu- gleich die Attraktivität der Naturwissenschaften als Vorbild der neuen kritischen Sozialwissenschaft klar (s.u., Fn. 74), denn in diese sind Klassenvorurteile wesentlich schwieriger einzuschleusen.

44 „Da die übermäßig Reichen mit der großen Mehrheit des Gemeinwesens am wenigsten durch Sympathie und gleiche Interessen verbunden sind, so sind sie auch am allerwenigsten dazu geeignet, Regeln für alle aufzustel- len, selbst wenn es ihnen an der nötigen Bildung nicht fehlen sollte: Ihre Kenntnisse werden durch ihr Klassenin- teresse auf Abwege geleitet, und je unterrichteter sie sind, desto besser werden sie es verstehen, eine Klassenge- setzgebung zu schaffen“ (Thompson 1824 I, 373; nach Vester 1970 I, 99). „Der Arme kennt nicht die Quelle sei- ner Leiden. Die Unwissenheit, die Tochter der Unterjochung, macht aus ihm ein gelehriges Werkzeug der Be- vorrechtigten“ (Blanqui um 1834, nach Vester 1970 I, 157).

Geschichte des Klassenbegriffes

21

„Die weite Verbreitung der Ausbildung unter den Arbeitern unseres Landes vermindert täglich den Wert der Arbeit und der Geschicklichkeit fast aller Meister und Arbeitgeber durch Ver- mehrung der Zahl derjenigen Personen, welche ihre speziellen Kenntnisse besitzen“ (Hodg- skin 1825, 232; nach Vester 1970 I, 86).

Das Wissen entwertet sich nicht nur selbst ständig, es wirft auch seine Träger in einen ver- schärften Wettbewerb, von denen die heutigen prekarisierten Arbeitsverhältnisse der „Wis- sensarbeiter“ nur die jüngste Form sind (Brede 2004, vgl. die Beiträge „Call Center“ und „In- formationsgesellschaft“ in Henning 2006). „Wissen“ steht also nicht mit Arbeit und Kapital auf einer Stufe (Stehr 1994), sondern ist in beiden immer schon enthalten. Es kann ihnen da- her schlecht gegenübergestellt werden. 45 Die jüngsten Pisaergebnisse haben belegt, dass Klas- senhintergründe sich auch in der Bildungssituation noch spiegeln. 46 Selbst wo bewusst gegen- gesteuert wurde wie in der Hochschulreform der 1970er Jahre, die auch Arbeiterkindern ein Studium ermöglicht hat, setzen sich die Kräfte der Klassengesellschaft nach einiger Zeit durch diese neuen Phänomene einfach hindurch. Das ist die klassentheoretische Pointe der Untersu- chung von Hartmann (2002), die nur bestätigt, dass die Rede von „Klassen“ keine statischen Milieus meint, sondern ein dynamisches Kraftfeld, das Klassen immer neu reproduziert. Dieser Klassenbegriff ist also nicht nur dynamisch, er ist auch kultur- und wissenssensitiv, ohne sich jedoch Illusionen über eine mögliche Beseitigung der Klassentrennung durch Kultur und Bildung hinzugeben. Der Konflikt zwischen den Klassen wird dadurch nicht aufgehoben, sondern höchstens zeitweilig gemindert, jedenfalls solange wir uns im Kraftfeld des Kapitalis- mus bewegen. Diese Einsicht hat man Marx übel genommen, obzwar er sie bereits bei seinen Vorgängern vorgefunden hat. Damit wollen wir nun uns der genaueren Fassung des kapitalis- tischen Klassenbegriffes bei Marx zuwenden, von der implizit schon öfter die Rede war.

4. Der Klassenbegriff bei Karl Marx

„Capitalism … is intrinsically a class society.“ Anthony Giddens

Der Grundgedanke, der Marx von der folgenden Soziologie unterscheidet, ist einfach: ausge- hend von der Grundeinsicht, dass die Menschen von irgendetwas leben müssen, 47 ergibt sich eine zentrale Gliederung menschlichen Zusammenlebens aus der jeweiligen und historisch

45 In die heute fast unverändert reüssierenden Ingenieursträume einer Auflösung sozialer Spannungen durch eine „Wissensökonomie“ aus der Jahrhundertmitte (Fourastié 1949; Drucker 1969; der Gedanke geht auf Saint Simon zurück) geht der Begriff des „Wissens“ weitgehend unanalysiert ein und kann so einen ganzen Komplex von Hoffnungen einschmuggeln, der sich auflöst, sobald man die ökonomische Einbettung des Wissens und die reale Lage der Wissensarbeiter in Betracht zieht (Bödecker 2005, Kübler 2005, Resch 2005).

46 Dieser Befund ist schon länger bekannt: „Bei einem insgesamt gestiegenen Bildungsniveau sind die Unter- schiede zwischen den sozialen Schichten konstant geblieben“ (Klocke 1998, 213). 47 „Man kann die Menschen durch das Bewusstsein, durch die Religion, durch was man sonst will, von den Tie- ren unterscheiden. Sie selbst fangen an, sich von den Tieren zu unterscheiden, sobald sie anfangen, ihre Lebens- mittel zu produzieren“ (MEW 3, 21; cf. MEW 13, 8 f., MEW 23, 96).

Geschichte des Klassenbegriffes

22

spezifischen wirtschaftlichen Arbeitsteilung. Auf dieser Grundlage bilden sich dann weitere kulturelle Merkmale aus: Milieus, Stile, Rezeptionsweisen usw., die alle eine Eigendynamik haben, aber dennoch auf einer bestimmten materialen Grundlage beruhen. Diese muss den In- dividuen keineswegs bewusst sein, doch der Wissenschaft sind sie und ihre Auswirkungen zu- gänglich – denn Wissenschaft wäre überflüssig, „wenn die Erscheinungsform und das Wesen der Dinge unmittelbar zusammenfielen“ (MEW 25, 825; vgl. MEW 31, 312). Schon hieran wird klar, dass Klassentheorien nicht durch Umfrageforschungen zu „widerlegen“ sind. Im Kapitalismus, der die materielle Reproduktion aus ihren kulturellen Verankerungen ge- löst hat und nun selbstzweckhaft betreibt (Polanyi 1944), überlagern die funktionalisierten Formen kapitalistischer Arbeitsteilung die älteren, noch „buntscheckig“ überformten Varian- ten (MEW 4, 465). Darum wäre zu erwarten, dass die Arbeitsteilung nun deutlich in einer Klassengliederung hervortritt. Sofern sich entlang dieser Front Gewerkschaften und Arbeitge- berverbände sowie Volksparteien bilden, tut sie das auch. Allerdings gibt es in den jeweils be- obachtbaren Sozialstrukturen noch andere Unterscheidungsmerkmale, welche etwa auf loka- len Identitäten, Hobbys oder Religion und Hautfarbe beruhen können. Selbst die wirtschaftli- chen Unterschiede zwischen Menschen sind vielfältig: Fabrikarbeiter haben mit Bankange- stellten so wenig gemeinsam wie mit kellnernden Studenten oder Hotelbediensteten. Es ist eine Frage der lokalen Kultur, wie mit solchen Unterschieden umgegangen wird. Sie können kulturell ausgefeilt, eingeübt und symbolisch ausgelebt werden wie in Frankreich (Bourdieu 1982), in Synergie mit ethnischen Unterschieden eine Gesellschaft auseinander rei- ßen wie in Brasilien oder geschäftig überspielt werden wie im Nachkriegsdeutschland, wo man über Geld nicht sprach (Huster 1993; Neumann 1999; Vester 2004). Im Normalfall zeigt sich die soziale Wirtschaftsstruktur darum erst in der Theorie, und dies auch nur vor dem Fra- gehorizont der politischen Ökonomie. An die auch für Demoskopen sichtbare Oberfläche tritt diese „Anatomie“ nur in Krisen- und Umbruchszeiten. 48 Dennoch ist die Gemeinsamkeit nach Marx sehr basal: sie bezieht sich auf die Art der „Re- venue“, des Einkommens. In der Logik der ökonomischen Sphäre des Kapitalismus gibt es dafür nur vier typologische Möglichkeiten: ich kann entweder von meiner Grundrente als Vermögensbesitzer (Miete, Zins, Dividende, Kursgewinne etc.), von meinem Gewinn als Un- ternehmer oder Händler, von meinem Lohn als Arbeiter und Angestellter oder von Umvertei-

48 Wie schon die Worte „Anatomie“ (MEW 13, 8) oder „Physiologie“ (MEW 26 II, 162) sagen: das Knochenge- rüst eines Menschen ist nur schemenhaft zu sehen, die Innereien gar nicht – außer bei einer „Krise“, also einer Verletzung. Erst eine Störung des normalen Ablaufs, etwa ein Knochenbruch, lässt die „Anatomie“ ins Bewusst- sein treten. Der US-Soziologe Richard Hofstadter vermutete, dass Klassenfragen eher in Krisenzeiten, Statusfra- gen in Phasen der Prosperität hervortreten (nach Bottomore 1967, 112). Dieser Blick nach innen ist nicht selbst- verständlich. Foucault datierte den Übergang von sichtbaren Ähnlichkeiten zu begrifflichen Zusammenhängen auf das 17. Jahrhundert; man denke auch an den anhaltenden Trend von der Morphologie zur Genetik.

Geschichte des Klassenbegriffes

23

lungen leben. Aus ökonomischer Sicht gibt es nichts anderes, auch die Anti-Klassentheorien haben bislang keine alternative ökonomische Theorie angeboten. Wer nicht Produktionsmittel oder sonstige Vermögen (Land, Immobilien, Aktien etc.) besitzt, ist irgendwann gezwungen, seine Arbeitskraft zu verkaufen. Aus diesen drei Revenuen bestreiten die gesellschaftlichen Hauptklassen ihr Einkommen (Profit, Rente, Arbeitslohn; MEW 25, 822 ff.). Was nicht selbst die Form eines solchen Einkommens hat, stellt zumindest eine Umverteilung desselben dar:

Staatsbeamte etwa (Lehrer, Polizisten, Professoren etc.) werden aus Steuern bezahlt, die aus den drei Einkommen abgeschöpft werden; „nichtproduktive“ Kapitale und Arbeiter (Banken, Dienstleister, Künstler, Demoskopen etc.) werden aus dem Mehrwert bezahlt, den die produk- tiven Sektoren einfahren und insofern von diesem abhängig. 49 Das ändern auch Lebensstile und Milieus nicht; auch wenn es Interessen geben mag, darüber nicht zu reden. Damit sind die Typen von Einkunftsquellen, die den Klassen zugrunde liegen, bereits grob erfasst. Doch damit ist die Theorie noch nicht erschöpft. Zunächst lässt sie sich das Schema, wenn man eine Abstraktionsebene tiefer ansetzt, empirisch anreichern, sobald man sich eine bestimmte Gesellschaft genauer ansieht. Dies hat manche Marxleser verwirrt: Es finden sich in der Marxschen Ausführungen über die Klassen Äußerungen verschiedener Abstraktionsstu- fen, die auf den ersten Blick nicht zueinander passen. Deutlich ist der Kontrast des dualen Schemas der Kampfschriften 50 mit den historischen Schriften, die bis zu acht Klassen ken- nen. 51 Aber das kann ebenso gut als Beleg gelesen werden, dass diese Theorie sehr wohl an soziologisch und soziohistorisch ausgefeiltere Beschreibungen anschlussfähig ist; nur geht sie in ihnen nicht auf. Das dynamische Erklärungsmodell kann auch den Wandel beschreiben. Was soll „dynamisch“ hier heißen? Zunächst meint es die Tatsache, dass diese Begrifflich- keit formal ist – was die jeweiligen Produktionsmittel sind, ist offen gehalten: es mögen Bo- den und Landarbeiter, metallverarbeitende Großbetriebe und Facharbeiter oder Softwarepa-

49 „Unproduktiv“ heißt nicht, dass nichts geleistet wird, sondern dass kein Mehrwert geschaffen, sondern aufge- braucht wird. Das Argument ist einfach: Verfügt etwa Person A über ein hohes Einkommen, kann sie eine Reini- gungskraft (B) einstellen. B erarbeitet sich zwar individuell ein Einkommen, fügt aber gesellschaftlich nichts hinzu, da sie von einem Teil des Einkommens von A lebt. Ähnlich verhält es sich mit der Rüstung. Für eine „Dienstleistungsökonomie“ muss man daher Wachstum erwarten immer schon voraussetzen. 50 „Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei große feindliche Lager, in zwei große, einander direkt gegenüberstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat“ (MEW 4, 463). „Die bisherigen kleinen Mittel-

stände, die kleinen Industriellen, Kaufleute und Rentiers, die Handwerker und Bauern

hinab“ (469). Forschungen mit weiterem Fokus bestätigen diesen Trend (Sassen 1988, 136; Sassen 1996, 135 ff.). Heute geben viele kleine Geschäfte auf, Menschen werden in Massen arbeitslos, und das Gros der Bevölke- rung ist lohnabhängig beschäftigt (oder eben nicht beschäftigt) – eine (Re-)proletarisierung großen Ausmaßes. 51 Marx reicherte für den deskriptiven Zweck der historischen „Frankreichschriften“ sein Instrumentarium an: Er unterscheidet Großgrundbesitzer und Bauernklasse, Finanz-, industrielle und kleine Bourgeoisie, Proletariat und Lumpenproletariat sowie Intellektuelle (MEW 7, 12 ff.; MEW 8, 115 ff.; MEW 17, 3 ff.). Diese beziehen in poli- tischen Kämpfen bestimmte „idealtypische“ Positionen; dazu kommen Machtgruppen wie die jeweilige Staats- verwaltung, Armee und Klerus. Noch Bader lässt sich von der „Unübersichtlichkeit“ verwirren (1998, Vorrede). Doch gerade das zeigt nur, dass „Unübersichtlichkeit“ (Habermas) keineswegs ein Kennzeichen erst des 20. Jahrhunderts ist, welches Klassenbetrachtungen künftig erübrigen würde (vgl. Day 2001, 99).

fallen ins Proletariat

Geschichte des Klassenbegriffes

24

tente und Programmierer sein; überall lässt sich dennoch fixes und variables Kapital; Produk- tivvermögen und geleistete Arbeit unterscheiden. Dies gilt auch für die Formen von Arbeit und Organisation: Auch moderne „Symbolanalytiker“ (Reich 1996) mit ihren noch so flachen Hierarchien und ihrer höheren Selbstverantwortung sind, solange sie über ihre Arbeitsmittel nicht selbst verfügen, nach wie vor der arbeitenden Klasse zuzurechnen. 52 „Dynamik“ hat darüber hinaus eine inhaltliche Bedeutung, die mit der ökonomischen Theo- rie zusammenhängt. Die kapitalistischen Klassen sind in besonderer Weise auf einander ver- wiesen – was in gewisser Weise erneut „verdeckt“ wird dadurch, dass sie sich auf dem „Markt“ als Freie und Gleiche gegenübertreten. Die Arbeiter brauchen jemanden, der sie an- stellt; die Besitzer von Produktionsmitteln benötigen Arbeitende, die ihre Geschäftsidee und ihr Kapital in Bewegung setzen. Von der Mehrarbeit dieser Arbeitenden leben sie. Das Klas- senverhältnis ist nach Marx somit ein Ausbeutungszusammenhang und schon damit konflikt- trächtig. Es bedarf daher besonderer institutioneller Einbettungen. Diese Institutionen können natürlich verschiedene sein (Hall 2001), aber die zugrunde liegende kapitalistische Logik war bislang noch meist dieselbe. Es lässt sich nicht besser sagen als mit Burawoy und Wright:

„By virtue of their exploitative character, class structures are inherently unstable forms of so- cial relations and require active institutional arrangements for their reproduction. Where class relations exist, therefore, it is predicted that various forms of political and ideological institu- tions will develop to defend and reproduce them” (Burawoy 2000, 22).

Es handelt sich bei diesen zeitweiligen institutionellen Arrangements um „stabilisierte Span- nungen“ (Rehberg), und keineswegs um eine Auflösung der Klassenkonflikte etwa durch den Staat, auch wenn dies zwischenzeitlich so aussehen mag (der Staat selbst ist alles andere als „überökonomisch“). Darüber hinaus wälzen sich – aufgrund spezifisch kapitalistischer Zwän- ge, etwa dem Fall der Profitrate (Henning 2006a) – Arbeitsmittel und Arbeitsorganisation lau- fend um, was stetig zu weiteren Krisen führt, auch institutionellen. 53 Dynamik heißt also nicht, dass sich die Logik des Vergesellschaftungsprozesses ständig verändert, ständig auf neue Fundamente umschaltet, sodass die Gesellschaftstheorie diesem Gesamtprozess nur fas- sungslos staunend gegenüberstehen kann. Es heißt vielmehr, dass dieser Prozess selbst einer

52 Das wäre im Prinzip durchaus denkbar, da die Investitionen in einen Computer recht gering sind – von dieser Möglichkeit zehren die utopischen Suggestionen des digitalen Kapitalismus (bei Toni Negri u.a.). Doch die Wirklichkeit, die ist nicht so – der Kapitalismus gebiert nicht nur Produktivkräfte, sondern auch Produktionsver- hältnisse, die eine solche Freisetzung von Potential machtvoll behindern können, wenn es mächtigen Profitinter- essen entgegensteht (siehe den Beitrag „Wissensgesellschaft“ in Henning 2006 sowie Bödecker u.a. 2005). 53 Noch einmal mit Burawoy: „The institutional solutions to the problems of social reproduction of capitalist class relations at any point in time have a systematic tendency to erode and become less functional over time. This is so for two principle reasons: First, capitalist development generates changes in technology, the labor pro- cess, class structure, markets and other aspects of capitalist relations, and these changes continually pose new problems of social reproduction. In general, earlier institutional solutions will cease to be optimal under such changed conditions. Second, class actors adapt their strategies in order to take advantages of weaknesses in exist- ing institutional arrangements. Over time, these adaptive strategies tend to erode the ability of institutions of so- cial reproduction to effectively regulate and contain class struggles“ (Burawoy 2000, 23).

Geschichte des Klassenbegriffes

25

dynamischen Logik folgt („Bewegungsgesetze“), die sich durchaus erfassen lässt – auch wenn sich daraus das genaue Verhalten dieses Systems nicht für jeden Moment „ableiten“ lässt. Zu den Kämpfen, die dabei ausgetragen werden, gehört auch der um die symbolische Form, in der er ausgetragen wird; es kommt zum Kampf um Deutungsmacht (Schulz 2006). Ob über „Klassen“ gesprochen wird oder nicht, ist nach Marx somit selbst ein Moment des Klassen- kampfes. Es macht die gegenwärtige Stärke der unternehmerischen Seite aus, dass sie nicht nur sachlich einen Sieg nach dem andern davon trägt – die Arbeitszeiten werden immer län- ger, die Löhne und Rechte der Arbeitnehmer hingegen immer geringer, dafür aber deren Steu- erlasten immer höher (im Gegensatz zu der der Unternehmen, die sich trotz Rekordgewinnen einer Beteiligung an Solidarstrukturen immer weiter entziehen) –, sondern dass darüber auch in einer Sprache verhandelt wird, die den so offen zutage liegenden Konflikt zwischen Arbeit und Kapital nicht mehr in Klassentermini ausbuchstabiert; es sieht vielmehr so aus, als liege eine höhere Notwendigkeit zugrunde (Frank 2000), als gäbe es keine Alternative – aber welch Koinzidenz: genau diese Sicht liegt im Interesse des Kapitals, wie unschwer zu ersehen ist. Weit von einer funktionalen Ausdifferenzierung entfernt, hat das Gros der Sozialwissen- schaft seit den 1980er Jahren diesen Umschwung gespürt und nicht etwa analysiert, sondern mitgemacht (Wood 1986, Milner 2000). Die Reputationsmechanismen der einstmals kriti- schen Sozialwissenschaften haben dieses Thema regelrecht exkludiert. 54 Da es sich jedoch kaum abweisen lässt, wird es nun von den Medien aufgegriffen (Keller 2005, Henning 2006). Aber genau diese Lage, diese Verdeckung lässt sich selbst noch in Klassenbegriffen aus- buchstabieren. Denn zur These von der Klassengesellschaft gehört weder die Behauptung ei- nes „Klassenbewusstseins“ im leninistischen Sinne, 55 noch die eines offenen Kampfes zwi- schen homogenen Gruppen. Auch das Vorhandensein von Mittelständen, Zwischenschichten und Fraktionierungen innerhalb der Klassen, die Überlagerung durch andere Unterscheidun- gen wie Nationalität oder Geschlecht sowie die grundsätzliche Offenheit der politischen Aus- wirkungen der Klassengliederung sind damit sehr wohl zu verbinden. 56 In prosperitären, ruhi-

54 Vgl. Ritsert 1998, 88 ff. („Die fünffache Abschaffung der Klassen durch die deutsche Soziologie der Nach- kriegszeit“) und Diettrich 1999, 21 ff. („Vom Verschwinden der Klassen- und Schichtanalyse in der deutschen Soziologie“). Anders die Angelsachsen, vgl. Calvert 1982, Edgell 1993, Gubbay 1997, Milner 1999, Day 2001. 55 Für Marx ist dieses problematisch: „Von Zeit zu Zeit siegen die Arbeiter, aber nur vorübergehend. Das eigent-

liche Resultat ihrer Kämpfe ist nicht der unmittelbare Erfolg, sondern die immer weiter um sich greifende Verei-

Diese Organisation der Proletarier zur Klasse, und damit zur politischen Partei, wird je-

nigung der Arbeiter. (

den Augenblick wieder gesprengt durch die Konkurrenz unter den Arbeitern selbst“ (MEW 4, 471). 56 So sah Marx neben den alten Mittelständen („der kleine Industrielle, der kleine Kaufmann, der Handwerker, der Bauer“, MEW 4, 472) eine „neue Kleinbürgerschaft“ (484) und das Lumpenproletariat („diese passive Ver-

faulung der untersten Schichten der alten Gesellschaft“, 472). Dies ist keine Residualkategorie, vielmehr wird oft gerade diese Schicht als ‚Mob’ wirkmächtig: man denke an die „Mobilgarden“ von 1848 (MEW 7, 26), die Frei- korps um 1919 oder die Skinheads: es waren in stets Umbruchswirren heimatlos gewordene Schichten. Zur Ge-

schlechtsfrage: „Der Bourgeois sieht in seiner Frau ein bloßes Produktionsinstrument. (

sich eben darum handelt, die Stellung der Weiber als bloßer Produktionsinstrumente aufzuheben“ (MEW 4, 478

Er ahnt nicht, dass es

)

)

Geschichte des Klassenbegriffes

26

gen Zeiten mögen sich Klassen untereinander befreunden oder befehden, sich abspalten oder neue Gruppierungen bilden, das sind Fragen der Kultur. Dennoch können sie in Krisenzeiten, die aufgrund des zyklischen Wachstums mit hoher Wahrscheinlichkeit kommen, schnell auf sich zurückgeworfen werden, wenn ihre materielle Reproduktion in Frage steht. 57 Doch selbst in Krisen kann sich der Reproduktionsprozess für die Beteiligten verkehrt dar- stellen; „Klassenbewusstsein“ stellt sich auch hier keineswegs notwendig ein. Die Klassen- gliederung wird gleichsam doppelt verdeckt: Schon die Struktur der „reinen“ Einkommens- quellen („Revenuen“, MEW 25, 822 ff.) ist nicht beim bloßen Hinsehen durchschaubar: Die Klassengliederung ist durch verschiedene kapitalistische „Fetische“ überdeckt. 58 Wie soll da die endgültige „empirische“ Verteilung des Sozialproduktes zu durchblicken sein, die sich durch vielfache Transfers und Verästelungen hindurchbewegt und zudem meist in einer Theo- riesprache aufbereitet wird, die keine soziale Einbettung des Wirtschaften kennt? 59 Eine Klas- sentheorie kann ihre Belege schwerlich aus den üblichen Statistiken herauslesen; was nicht heißt, dass dies unmöglich ist, sondern dass dies mehr voraussetzt als „Beobachtung“. Zu den Basisverdeckungen kommen ideologischen Überbauverdeckungen hinzu: die profi- tierende Klasse kann nach Marx kein Interesse an einer allzu klaren Analyse dieser Zustände haben und wird sie daher auf ihre Weise anders ausdrücken – keineswegs immer intendiert, sondern vielfach „naturwüchsig“. Diese partikulare Sicht wird sie aber als Allgemeinaussage und einzig denkbare Methode präsentieren. 60 Eine solche ideologische Allgemeinaussage lässt sich etwa noch in Phänomenen des Massenkonsums und der populären Medien entziffern; ja gerade hier – Werbung und Marketing, die Meister der Suggestion, der Platzierung von Son- derinteressen in Allgemeinaussagen, nehmen nicht umsonst einen so großen Raum ein. Die ökonomische Basis ist also stets in einem bestimmten kulturellen Überbau gegeben, der die ohnehin schon hochkomplexen und undurchsichtigen ökonomischen Strukturen zwar nicht umwirft, doch ihre manifeste Erscheinungsweise gestaltet. Die für die „Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft“ (MEW 13, 8) zentralen ökonomischen Klassen gehören nach alle-

f.; cf. MEW 2, 207; MEW 40, 534). „Die nationalen Absonderungen und Gegensätze der Völker verschwinden mehr und mehr schon mit der Entwicklung der Bourgeoisie, mit der Handelsfreiheit, dem Weltmarkt, der Gleich- förmigkeit der industriellen Produktion und der ihr entsprechenden Lebensverhältnisse“ (479).

57 Als die Ersparnisse des Mittelstandes, der oft gegen die Klassentheorie aufgeboten wird, 1929 plötzlich zer- rannen, setzte eine politische Radikalisierung dieser Schichten ein; ihre „Konstitution als Klasse“ vollzog sich faschistisch. Die Kritische Theorie hat das damals fälschlich als Argument gegen die Klassentheorie gewertet.

58 Sennett 1972. Der Waren- und Geldfetischismus (MEW 23, 85 ff.; MEW 25, 405) bewirkt, dass sich „in den Köpfen“ eine andere Wahrnehmung findet als in der Theorie (MEW 3, 358; MEW 25, 324; MEW 26 II, 162). Soziale Verhältnisse erscheinen als Eigenschaften von Dingen – es scheint die „natürliche“ Eigenschaft des Gel- des zu sein, mehr Geld abzuwerfen; und die Dinge (etwa der Aktienmarkt) werden personalisiert.

59 Zu einer Analyse solcher Werttransfers vgl. Shaikh 1996 und 2003.

, die sich an die Stelle einer vor ihr herrschenden setzt, ist genötigt,

darzustellen, d.h. ideell ausgedrückt: ihren Gedanken die Form der Allge-

meinheit zu geben, sie als die einzig vernünftigen, allgemein gültigen darzustellen“ (MEW 3, 47; Speth 2004).

gemeinschaftliche Interesse aller

60 „Jede neue Klasse

ihr Interesse als das

Geschichte des Klassenbegriffes

27

dem nicht oder nicht notwendigerweise zur unmittelbaren „Erscheinungsform“ einer Gesell- schaft, also den möglichen „Beobachtungen“ einer sich deskriptiv verstehenden Soziologie. Es handelt sich vielmehr zunächst um eine analytische Kategorie. Marx’ Theorie liefert ein Grundgerüst, um politische Umbruchsphänomene in einer Krisenzeit erklären zu können. Sie wollte keine Momentanbeschreibung einer gegebenen Gesellschaft formulieren – das nenne ich das „historische Missverständnis“. Beschreibungen besonderer kultureller Ausformungen der Klassen (Milieus, Individualisierungstendenzen) können daher schlecht gegen die Klas- sentheorie in Stellung gebracht werden, jedenfalls solange, wie sie keine eigene Gesellschafts- theorie formulieren. Genau das versuchen aber manche Strömungen; die Frage ist daher, ob diese eine Klassentheorie erübrigen können. Wir kommen so abschließend zur Kritik gegen- wärtiger „klassenneutraler“ Versuche in der Gesellschaftstheorie.

5. Und heute? Wider die soziologischen Scheuklappen

„An Beiträgen zu einer solchen in der materialistischen Methode fundierten Gesellschaftstheorie, die anders aussehen als die sogenannten methodologischen Übungen, in deren Geringschätzung ich mich mit Ihnen einig weiß, haben wir in Deutschland keinen Überfluss gehabt, und wir haben ihn auch heute nicht.“ Walter Benjamin an Norbert Elias, Paris, 12.6.1938

Je spekulativer eine Soziologie ist, desto wertbezogener ist sie. Die normative Implikation der positivistischen Soziologie etwa, die im Rahmen der politischen Wirren in Frankreich ent- stand, war maßgeschneidert auf das Ideal eines technokratischen und quietiven Korporatismus – „Wissensgesellschaft“ als Diktatur der Ingenieure. 61 Das Schwergewicht lag hier wie bei Hegel, Schmoller und noch bei Thomas Marshall (1949) auf dem Staat, der damit aber weni- ger analysiert als vielmehr zum Adressaten politischer Wunschbilder wurde. Anders als diese etatistische Sozialphilosophie mit ihrem unanalysierten deus ex machina wollte Marx zeigen, dass der Staat in dem Spiel der Kräfte keineswegs automatisch die Oberhand hat, sondern selbst eine Beute für die verschiedenen Parteien darstellt. 62 Es ging ihm daher nicht um „nor- mative Sozialphilosophie“ mit einer Beamtengeist atmenden und bereits vor jeder Analyse be- frieden wollenden Tendenz, sondern zunächst um das Verständnis der zugrunde liegenden In- teressen und Zwänge der Akteure. Insofern war Marx „werturteilsfreier“ als Comte. Marxens Erkenntnisinteresse war dabei zweifellos, den arbeitenden Klassen zu einem besse- ren Verständnis ihrer Lage zu verhelfen, um in künftigen Krisen politisch eine bessere Figur

61 „Die eigentliche Parallele zu Comte ist Fichte mit seinen totalitären Neigungen“ (Jonas 1968 I, 267).

62 Gegenüber Hegel versuchte Marx dies philosophisch (MEW 1, 203 ff., 378 ff.). In den Frankreichschriften zeigte er historiographisch, dass der Staat in diesen Kämpfen keineswegs über den Parteien stand, wie es Be-

griffsphilosophie und Positivismus wollten (MEW 7, 9 ff; MEW 8, 111 ff., MEW 16, 1 ff.). Zum autoritären Korporatismus des Positivismus Jonas 1968 I, 264 ff., II, 31 ff.; zur „materialistischen Staatstheorie“ Hirsch

2005.

Geschichte des Klassenbegriffes

28

zu machen als noch 1848. Solange Theorie und Praxis unterschieden werden (woran es im deutschen Denken bis heute oft hapert, vgl. Henning 2005), vermag dieses Interesse den Wert einer Erkenntnis nicht zu schmälern. Eine frühe Marxvermeidungsfigur – die von Max Weber geforderte „Werturteilsfreiheit“ – hat das fälschlich als theoretischen Voluntarismus gedeutet. Das war allerdings keine „Widerlegung“ der Klassentheorie, sondern hat nur zu deren häufi- gem Ignorieren seitens „bürgerlicher“ Theoretiker geführt. 63 Das war nun erst recht ein Wert- urteil. Die Ablehnung respektive Ignoranz der Klassentheorie war anfangs oft getragen von dem Verlangen, die sozialen Kämpfe in einem Machtfrieden stillzustellen und eine unhinter- fragbare „Gliederung“ der Gesellschaft zu re-etablieren. Heute ist es eher das Bedürfnis, das harmonistische Bild einer klassenlosen Mittelstands-, Dienstleistungs-, Konsum-, Erlebnis- oder Wissensgesellschaft zu malen („mittellose Klassenstandsgesellschaft“ wäre passender); wobei das einzige, was diese Imaginative verbindet, eben die behauptete Klassenlosigkeit ist. Diese alternativen Gesellschaftsbilder sind nicht immer empirisch fundierte soziologische Ergebnisse, sondern oft essayistisch vorgetragene politische Wünsche („Forschungsprogram- me“), die allerdings begeisterte Abnehmer finden. Zu denken geben muss allerdings schon die ungeheure Fülle konkurrierender „Gegenwartsdiagnosen“. Sie können nicht alle zugleich wahr sein. Zudem haben sie eine recht kurze Halbwertszeit – Diagnosen, wie sie noch in den frühen 1990er Jahren aufgestellt wurden – dass die Wirtschaft aufgrund sinkender Arbeitszei- ten und steigender Löhne für die Schichtung weniger relevant geworden sei (Geißler 1992) – sind schon zehn Jahre später passé, denn heute sinken die Löhne und die Arbeitszeiten stei- gen; an Anti-Klassentheorien früherer Dekaden muss man schon gar nicht mehr erinnern. Das heißt nun nicht, dass diese Diagnosen falsch waren, sondern nur, dass sie fälschlich als „Wi- derlegung“ der Klassentheorie gehandelt wurden. Eine solche haben sie nie hergegeben. Trotz Max Webers Invektive haben gerade in Fragen der Kategorisierung sozialer Schich- tung Werturteile also weithin einen großen Einfluss. Das manifestiert sich in stark wunschge- triebenen Bildern von der Gesellschaft als einer „Multioptions-“, „Erlebnis-“ oder „Wissens- gesellschaft“ (in der durch eine gute Ausbildung und „Selbstmanagement“ dem sozialen Auf- stieg keine Grenzen mehr gesetzt seien), also einer Anreicherung der vorfindlichen Daten mit einer „normativen Sozialphilosophie“ anstelle einer ökonomisch fundierten Analyse. Der Witz an der Klassentheorie ist nun, dass sie sogar darüber noch Aussagen treffen kann; sie ist also – um den Jargon zu benutzen – „selbstreflexiv“: zu ihren Gegenständen gehört auch die

63 Der Sammelband Klassenbildung und Sozialschichtung etwa (Seidel/Jenkner 1968) hat außer Eduard Bern- stein keinen einzigen Beitrag von Marx oder einem Marxisten aufgenommen (der einzig ernsthafte Marxbezug dort stammt von Robert Michels). Eine Theorie kann von Werturteilen motiviert (das ist auch die Soziologie Max Webers) und dennoch analytisch klar sein. Sie muss allerdings, will sie überzeugend sein, das Werturteil aus der Sache herleiten und nicht die Sache nach der Vormeinung malen. Zu einer Freilegung von theoretisch tiefliegenden Marxvermeidungstendenzen in der Sozialphilosophie sie näher Henning 2005.

Geschichte des Klassenbegriffes

29

Rede über sie, so dass es keineswegs schon eine „Widerlegung“ der Theorie ist, wenn einzel- ne Autoren sie leugnen. Denn die klassenbedingte Ablehnung einer allzu offenen Darlegung von Klassenverhältnissen ist selbst noch Thema der Klassentheorie, wenn auch nicht ihr einzi- ges. Klassentheoretiker können nur bedingt erwarten, dass ihnen ihr bürgerliches Gegenüber irgendwann einmal, auf Basis von Fakten, recht geben könnte – denn es geht nicht nur um Fakten, sondern zugleich um Weltbilder, und die wiederum sind gerade in der Sicht der Klas- sentheorie von der sozialen Lage abhängig, die zugleich Objekt (oder „Subjekt-Objekt“) der Analyse ist. 64 Gegen den Strich gelesen kann das immer neue Verkünden des Endes der Klas- sentheorie daher als Erweis ihrer Relevanz entziffert werden: zunächst, weil sie sich trotz pe- riodischen Widerlegens immer wieder aufdrängt und ihre Widerlegungen sehr viel schneller veralten als sie selbst – sie muss folglich irgendein fundamentum in re haben; sodann aber, weil sie die einzige Theorie sozialer Schichtung ist, die die theoretischen Debatten darüber mit thematisiert hat und die Motive für ihre Ablehnung selbst noch zu erklären versucht (Luh- mann hat diesen Gestus mit seiner „Beobachtung zweiter Stufe“ zu kopieren versucht, wenn auch wenig überzeugend). So einfach ist ihre „Widerlegung“ also keineswegs: solange die Klassentheorie bestimmte Phänomene besser erklären kann als ihre Substitute, ist es mit blo- ßen Bestreitungen derselben nicht getan. Mit dieser Selbstreflexivität ist die Klassentheorie aber keineswegs „paradox“, wie der hart- näckige logische Fehlschluss in der Gefolge Niklas Luhmanns es nahe legt. Es ist lediglich of- fen, ob hinsichtlich dieser Frage eine konsensorientierte Klärungswilligkeit überhaupt unter- stellt werden kann. Wissenschaftssoziologisch würde jeder zugeben, dass eine Theorie, die in der Fachschaft und der finanzstarken Öffentlichkeit unpopulär ist, es im Vergleich zu populä- reren Thesen schwerer haben wird, Anhänger zu finden. Allerdings würde wohl niemand die- sem Effekt auch einen Einfluss auf die Inhalte der Theorien zugestehen – es wäre in der Tat peinlich, wenn sich Soziologen nur noch als Lieferanten politisch erwünschter und medial verwertbarer Ad-hoc-Thesen verstehen würden. Aber eben dies ist die gerade für Soziologen unangenehme Botschaft der Klassentheorie: Theorien der sozialen Schichtung sind keines- wegs per se neutral, sie können vielmehr selbst zum Instrument des Klassenkampfes werden. Das mag ein Grund mehr sein, diese unangenehme Theorie nicht zu mögen. Nun haben sich mit der Industrialisierung (die keineswegs durch eine „Wissensbasierung“ abgelöst, sondern im Gegenteil von dieser verfeinert und weiter vorangetrieben wird) die poli-

64 „Die Individuen, welche die herrschende Klasse ausmachen, haben unter Anderm auch Bewußtsein und den- ken daher; insofern sie also als Klasse herrschen und den ganzen Umfang einer Geschichtsepoche bestimmen, versteht es sich von selbst, daß sie dies in ihrer ganzen Ausdehnung tun, also unter Andern auch als Denkende, als Produzenten von Gedanken herrschen, die Produktion und Distribution der Gedanken ihrer Zeit regeln; daß also ihre Gedanken die herrschenden Gedanken der Epoche sind“ (MEW 3, 46; vgl. MEW 8, 139; MEW 17,

272).

Geschichte des Klassenbegriffes

30

tischen und sozialen Formen der Wirtschaftsgesellschaft ständig und rasant verändert, und sie tun das noch immer. Doch gerade weil die moderne Gesellschaft sich selbst organisiert, ist die politische Gestaltung und die Verteilung des Sozialprodukts umstrittener denn je. 65 Aufgabe der Sozialtheorie im klassischen Verständnis ist es daher, den gegenwärtigen Zustand der Ge- sellschaft (der zunächst angemessen zu beschreiben ist; nur darf es dabei nicht bleiben) aus den grundlegenden allgemeinen Kräften der Vergesellschaftung und den spezifischen Bedin- gungen der Situation zu erklären. Zu den allgemeinen Merkmalen des Kapitalismus gehören Klassenlagen, was daran ersichtlich ist, dass man sie nicht jederzeit sieht – genauso, wie kein Physiker irgendeine Kraft „sehen“ kann (das ist in beiden Fällen keine metaphysische „Immu- nisierung“, sondern eine konventionelle Festsetzung, die sich an der Güte der Erklärungen ausweisen muss und nicht an ihrer Wünschbarkeit). Es ist also nicht die Frage, ob es im Kapi- talismus Klassen gibt oder nicht; sondern vielmehr, wie diese gegeben sind, auf welcher Ab- straktionsebene die Rede von ihnen sich jeweils befindet und in welchen kulturellen Kristalli- sationen man klassengesellschaftliche Prozesse wie nachweisen kann. Leicht kann man auf Phänomene verweisen, an denen eine Klassensemantik sich geradezu aufdrängt. Auffällig sind etwa die Manifestationen des „Finanzmarktkapitalismus“ mit seinen neuen Ungleichheiten, die wiederum auf Besitz von Produktivvermögen bzw. deren finanziel- len Derivaten verweisen und Ungleichheiten verschärfen (siehe dazu in Henning 2006). Es ist in einer sich selbst als „Leistungsgesellschaft“ verstehenden sozialen Welt wieder möglich, allein durch Besitz ein hohes Einkommen zu erzielen, ohne noch viel dafür tun zu müssen 66 – eine „Refeudalisierung“ trotz (oder wegen) gleichzeitiger Vorgabe meritokratischer Leitwerte. Dieses Muster findet sich auch in der Aneignung von Ressourcen wie Wasser, Genen, Unter- nehmensanteilen etc., die zuvor gar keine Warenform hatten, zu Vermietungszecken (Rifkin 2000). Es weist Parallelen zur „ursprünglichen Akkumulation“ auf und wird darum treffend als „Enteignungskapitalismus“ bezeichnet (Zeller 2004, siehe ders. in Henning 2006). Es gibt hier eine deutliche Parallele zum älteren Muster des „Rentnerparasitismus“ (Bucharin 1926).

65 Schon dieser Terminus weckt Zweifel daran, dass Manager den Börsenwert eines Unternehmens „schaffen“. Die Konzeptualisierung dessen, was da gemessen wird, enthält ein Stück sozialer Auseinandersetzung, was Erich Gumbel noch klar war (Klassenkampf und Statistik, 1928), in der heutigen BWL aber selten sichtbar wird. 66 Der Casinokapitalismus wird zum „reinsten und kolossalsten Spiel- und Schwindelsystem“ (MEW 25, 457), in dem nur einige „Glücksritter“ (456) absahnen. Der Finanzmarktkapitalismus entwickelt sich „zum reinsten und kolossalsten Spiel- und Schwindelsystem“, um „die Zahl der den gesellschaftlichen Reichtum ausbeutenden We- nigen immer mehr zu beschränken“ (457). „Was der spekulierende Großhändler riskiert, ist gesellschaftliches, nicht sein Eigentum“ (MEW 25, 455). Das sich dabei auch neue bürgerliche Klassenlagen bilden, betrachten ne- ben den zitierten Schriften von Rügemer 2004, Zeller 2004, Bruhns 2005 und Resch 2005 auch Hartmann 1999 und Sklair 2001. „Alle gesellschaftlichen Funktionen des Kapitalisten werden jetzt von besoldeten Angestellten versehn. Der Kapitalist hat keine gesellschaftliche Tätigkeit mehr, außer Revenuen-Einstreichen, Kupon-Ab- schneiden und Spielen an der Börse, wo die verschiednen Kapitalisten untereinander sich ihr Kapital abnehmen“ (Engels, MEW 20, 259).

Geschichte des Klassenbegriffes

31

Das ist besonders skurril angesichts der Kampagnen, die umgekehrt aus Arbeitnehmern par- tout Unternehmer im Geiste machen wollen (Bröckling 2002), obgleich die Quote der Selbst- ständigen in Deutschland denkbar gering ist. Auch hier ist ein Klassenindex nur zu deutlich erkennbar: die Verlagerung der Ausbeutung ins Selbst spart Managementkosten – denn letzt- lich sind auch Manager Angestellte, selbst wenn sie über Aktienoptionen an die Unterneh- mensinteressen gebunden werden können. Intrinsisch motivierte und unternehmerisierte Ar- beitnehmer werden zudem weniger versucht sein, sich als Arbeitnehmer zu begreifen und die klassischen Arbeitnehmervertretungen in Anspruch zu nehmen. Was soll man in der anhalten- den Untergrabung von Mitbestimmungsrechten und Tarifautonomie anderes sehen als eine „attack on labour“, einen Klassenkampf von oben um die Erhöhung der Mehrwertrate (mehr Arbeit für weniger Geld)? Umso praktischer, wenn diejenigen, die dafür „zahlen“ müssen, sich nicht mehr widerständig organisieren – oder organisieren dürfen (wie bei Lidl und Aldi). Dazu bedarf es allerdings ideologischer Intervention beträchtlichen Ausmaßes („Du bist Deutschland“, vgl. Speth 2004). Ironischerweise sind solche Kampagnen weit metaphysischer als die alte Klassentheorie, der oft „Essentialismus“ vorgehalten wurde. Denn sie sehen die Ungleichheit nicht mehr als profanes Ergebnis sozialer Kräfte an, sondern als Ausdruck eines „tieferliegenden“ Schicksals derer, die da ungleich sind: es erscheint als deren eigene Schuld. Da keine Verantwortung mehr erkennbar ist, schwinden auch die solidarischen Kompensatio- nen, obwohl arm und reich immer weiter auseinander klaffen. Auch die Unterstellung, das Er- zielen leistungslosen Einkommens sei per se schon eine „Leistung“, bedarf beträchtlicher me- taphysischer Überzeugungsarbeit: es ist scheinbar das Geld selbst, das für seine Träger arbei- tet – eine Rückkehr des Geldfetischismus in Reinform (siehe MEW 25, 405). Um Klassenkampf zu beobachten, muss man also nicht ins Ausland gehen. Doch tut man dies, wird das Bild umso schärfer. Denn was sich uns als „Wissensgesellschaft“ darbietet, die Konzentration der großen Konzerne auf Planungs- und Leitungsaufgaben in den Heimatlän- dern, das zeigt sich in Ländern, in die die Produktion verlagert wird, als schmutzigster Man- chesterkapitalismus. Was manche dort als „Exklusion“ bezeichnen und für eine neue Erschei- nung halten, ähnelt dem, was mit den europäischen Arbeitern im 19. Jahrhundert geschah (Day 2001, 114) und nur durch lange Kämpfe gemildert werden konnte. Die Vorteile vieler Länder sind ja nicht nur die niedrigen Löhne, sondern auch die „funktionierenden“ politischen Systeme, die Widerstand der Arbeiterschaft gar nicht erst aufkommen lassen oder publik ma- chen (wie sich in Nigeria, aber zunehmend auch in China zeigte). Dass sich der Kapitalismus internationalisiert hat (Reich 1996), ist kein Grund gegen, sondern eher für klassengesell- schaftliche Analysen, die schon immer auf Internationalität gesetzt haben (Silver 2005).

Geschichte des Klassenbegriffes

32

In der Zwischenzeit haben sich klassengesellschaftliche Analysen von der akademischen Welt auf die Populärkultur verlagert. Es ist bezeichnend, mit welcher Selbstverständlichkeit in neueren Filmen, selbst in Hollywood, von Klassengegensätzen ausgegangen wird, trotz allen Mythologemen im weiteren Laufe der Handlung. 67 Das sollte auch die Soziologie wieder tun. Sie kann dies, ohne sich vor Reduktionismus oder Ökonomismus fürchten zu müssen. Denn eine Frage ist es, wie sich Ungleichheiten ausdrücken, und eine andere, was sich in ihnen aus- drückt. Es kömmt darauf an, diese beiden Fragen wieder miteinander zu verbinden. Wir sind damit wieder bei der Frage angekommen, warum dies eigentlich nicht viel stärker geschieht. Dass die soziale Ungleichheit, die nie verschwunden war, seit den 1970er Jahren wieder zu- nimmt (Brock 1991) und in den letzten Jahren drastische Formen angenommen hat (Noll/Weick 2005), dürfte – außer bei Hardlinern – kaum strittig sein, denn davon gehen auch die Gegner der Klassentheorie aus (etwa Hradil 1992, 82). Auch dass dies allem voran auf wirtschaftliche Ungleichheiten zurückzuführen ist, die sich dann auf unterschiedliche Dimen- sionen wie den sozialen Habitus, Bildungs- oder auf Aufstiegschancen auswirken (Hartmann 2002), dürfte kaum mehr zu bezweifeln sein – wenn es dies je war. 68 Die kürzliche Attacke mancher Philosophen auf die „Gleichheit“ (Krebs 2000) bezog sich eher auf die normativ- rechtliche Gleichbehandlung als auf die faktische Gleichheit der Ausgangsbedingungen, von der ohnehin nicht die Rede sein kann (um so schlimmer, wenn schon die „Basisfiktionen“ der Aufklärung wanken). Sogar die große Rolle, die die Faktoren Kapital und Arbeit für die hor- renden Ungleichheiten spielen, wird zugegeben. 69 Genau dies wollte die Klassentheorie fass- lich machen, und man dürfte unter normalen Umständen darauf rechnen, dass ein solches „Theorieangebot“ dankbar aufgegriffen würde. Warum also der große Widerstand dagegen?

67 Jüngere Beispiele dafür sind die animierten Filme über Roboter (Robots) oder Monster (Monster Corporation), in denen das große Kapital den kleinen Menschen (bzw. Robotern und Monstern) das Leben schwermacht. An- spruchsvollere Filme auch aus Frankreich oder England thematisieren Klassengegensätze subtiler, meist auch tragischer (so I will dance oder Biester). Der Film hat den Roman als das Medium abgelöst, in dem sich moder- ne Gesellschaften selbst ein Bild von sich machen (siehe etwa Ross 1998).

68 In einer Sichtung der Klassen-Literatur hat Sebastian Herkommer spitz, aber hellsichtig bemerkt, dass nach den roaring Nineties „plötzlich“ auch Hradil (2001, 280) von einer „Re-Ökonomisierung“ spreche (in:

Bischoff/Herkommer/Hünig 2002, 156; vgl. Herkommer 2005). So plötzlich war das nicht, sie ist lediglich der- maßen aufdringlich geworden, dass sie sich beim besten Willen nicht mehr vertuschen lässt.

69 „Und man muss kein Marxist sein, um zu sehen, dass der Antagonismus von Kapital und Arbeit in unserer Ge- sellschaft nach wie vor zu den zentralen Konflikten gehört“ (Beate Krais in Hradil 2003, 103). Auch Reinhard Kreckel vertritt die These, „dass eine soziologische Analyse des makrosozialen Kraftfeldes, das die Aufrechter- haltung von struktureller Ungleichheit und Unterdrückung in marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaften gewährleistet, keineswegs ohne Rückgriff auf das Konzept des abstrakten Klassenverhältnisses von Kapital und Arbeit gelingen kann“ (Kreckel 1990, 51; vgl. 2004, 165 ff.; W. Müller 1997, 16). Er lehnt die Klassentheorie ab, weil er nicht zwischen Augenblicksdeskription und ökonomischem Erklärungsmodell unterscheidet – was in- des der theoretische Kern der Klassentheorie ist (Bischoff 2002, 33 f.). Darum kommt er zum paradoxen Fazit eines „Klassenverhältnis ohne Klassen“ (Kreckel 2004, 141 ff.). Inhaltlich könnte er sich die obligate Polemik gegen die Klassentheorie indes sparen, wenn er ihr nicht Absurditäten unterschieben würde wie diese hier: „Für Marx ist das Klasseninteresse aus der ökonomischen Situation einer Klasse eindeutig ableitbar“ (59).

Geschichte des Klassenbegriffes

33

In Zeiten des kalten Krieges wurde die Nähe zum ideologischen Gegner oft gemieden; das bedarf kaum einer Erklärung. Gesucht wurde diese Nähe zumeist nur von Provokateuren; zu- mindest muss das das Odeur gewesen sein, dass dem Klassenbegriff lange angehaftet hat. Doch muss man diese politisch verständliche, doch als Erklärung für eine Diskursverweige- rung nicht ausreichende Distanz zu einer besetzten Theoriesprache ex post zu einem Argu- ment stilisieren? Ist nicht das Gespenst des politischen Marxismus und unbotmäßiger Studen- ten, das viele gestandene liberale Theoretiker vom Marxismus trotz anfänglicher Sympathien hat Abstand nehmen lassen, längst vom Tisch? Es gibt, wie erwähnt, kompliziertere Gründe, die in der Theorie selbst liegen: Das Paradigma ist mit anderen Basisannahmen unverträglich. Es gibt eine ganze Reihe von inhaltlichen Merkmalen, die die Rezeption des Klassenbegrif- fes erschweren, obwohl sie gerade seine konzeptuelle Stärke ausmachen. Da ist zunächst der Umstand, dass der Klassenbegriff ein Systembegriff ist, in anderem Sinne als in der „Sys- temtheorie“. Er benennt eine Realität, die nicht „bloß“ ökonomisch, oder „bloß“ politisch oder kulturell ist. Der Klassenbegriff wird aus einem Denken heraus artikuliert, das Wirtschaft, Kultur und Politik als zusammengehöriges Systemganzes begreift. Daher unterminiert er die vorschnell ontologisierte Analytik gänzlich auseinander fallender Funktionslogiken, wie sie sich eine Soziologieströmung des späten 20 Jahrhunderts zurechtgelegt hatte, die sich selbst fälschlich Systemtheorie nannte. Aus der Optik des anonymen, unzusammenhängenden und sinnfreien Prozessierens einer spiritualistisch-körperlosen „Kommunikation“ muss jede theo- retische Verbindung von Wirtschaft, Kultur und Politik als objektivistisch, als essentialistisch oder als Determinismus erscheinen – einfach deswegen, weil sich eine solche Verbindung aus dieser selbstverschuldet unsystemischen Optik (die sich statt Systemtheorie besser „Schubla- dentheorie“ – compartmentalism – genannt hätte) nur schwer denken lässt. Denken lässt sie sich nur noch unter der Hilfsannahme einer höchst aufwenden Operation namens „strukturelle Kopplung“, die das Einfache kompliziert macht und zudem die fundamentale Ausgangsüber- legung der Systemtheorie, die funktionale Differenzierung, wie nebenher einfach außer Kraft setzt, wenn sie zu Problemen führt. Das ist aus wissenschaftstheoretischen Gesichtspunkten recht fragwürdig. 70 Gerade diese Einsicht wird aber umgangen, wenn die neuere „Entdifferen- zierungsthese“ behauptet, ein solcher Zusammenhang sei nicht etwa von der Theorie lange übersehen worden, sondern sei etwas unvorhersehbar Neues in der realen Welt. Dies ist ein idealistischer Fehlschluss von der Theoriegeschichte auf die Realität.

70 Vermutlich ist die Attraktivität dieser Kompliziertheiten ein ungewolltes Erbe des Positivismusstreites: zwar ließ sich keine soziologische Dialektik formulieren, aber der Charme des kompliziert Klingenden ist von Adorno auf Luhmann übergegangen. Die oft beraunte Verwandtschaft von Marxismus und Systemtheorie hat weniger mit den Inhalten als vielmehr mit der Aura des vermeintlichen geheimnisumwitterten „Tiefgangs“ zu tun.

Geschichte des Klassenbegriffes

34

Das zweite Merkmal des Klassenbegriffes, der seine Rezeption erschwert, ist seine Dyna- mik. Er ist weniger Struktur- als vielmehr Prozessbegriff; er beinhaltet also Strukturen und Handlungen (sowie deren Zusammenhang) gleichermaßen – eine Einsicht, die oft Giddens’ (1984) „Strukturierungsthese“ zugeschrieben wird, obwohl sie im Grunde von Marx kommt. Die meisten Kritiken des Klassenbegriffes hielten ihm dessen ungeachtet vor, er habe eine be- stimmte historische Konstellation recht passabel „beschrieben“, sei aber „heute nicht mehr“ valent. 71 Das geht nun am Kern dieser Begrifflichkeit vorbei, die eingebettet ist in eine Kapi- talismustheorie. In ihrer Mehrdimensionalität will diese zunächst nicht nur beschreiben, son- dern das Beschriebene auch erklären. 72 Erklären will sie die Explosivität und den steten Wan- del innerhalb des Kapitalismus, dessen ungeheure Dynamik seit über 200 Jahren moderne Ge- sellschaften fortlaufend revolutioniert. Dazu bedarf es in der Tat der Beschreibungen, aller- dings solcher, die das Identische im Verschiedenen aufdecken können. Eine dynamische Rea- lität kann nur in einer Theorie verstanden werden, die diese Dynamik selbst zum Gegenstand der Analyse macht – und es ihr nicht einfach mimetisch gleichtut, indem sie ihre eigenen, rein phänomenalen Begriffe alle zwei Jahre auswechselt („heute nicht mehr“) und so den Wandel gerade nicht mehr erklären, sondern nur noch occasionalistisch bestaunen kann. Eine Klasse – also eine Gruppe von Menschen im modernen Kapitalismus mit ähnlichen Ausgangsvoraussetzungen – kann sich ihrer gemeinsamen Lage bewusst werden oder nicht, kann sich intern wandeln, kann als ganze aufsteigen, sich aufsplittern, sich dynamisieren oder verhärten, den Kontakt zu politischen Parteien verlieren usw.; sie kann aber nach wie vor als Klasse beschrieben werden, selbst wenn sie nicht „klassenbewusst“ handelt. Gerade um diese Wandlungen erklären zu können, braucht man diesen (in gewisser Weise mode-resistenten) Begriff. Er ist daher als Deskription eines einzigen Momentanzustandes gründlich missver- standen – was nicht heißt, dass man ihn dazu nicht auch benutzen kann.

71 Zu dieser überaus beliebten Wendung (etwa bei Kreckel 2004, 126), die ihre Wurzeln in der Geschichtsphilo- sophie hat, näher in Henning 2005 (die Logik dieser historischen Verabschiedung entfaltet sich subtil über die Marxrezeptionen von Eduard Bernstein, Lenin, Hans Freyer und Jürgen Habermas). 72 Diese Differenz scheint auch in der Polemik von Peter Imbusch auf: „ Methodisch verifizieren klassentheoreti- sche Analysen allerdings die herrschende Klasse nicht empirisch, sondern deduzieren sie strukturgenetisch aus historisch-materialistisch unterlegten Entwicklungsgesetzten der Geschichte“ (in: Hradil 2003, 19). Anders als bei Kreckel wird die explanative Ebene hier gesehen, allerdings wird sie a) als geschichtsmetaphysische fehlbe- stimmt, statt sie in einer sozialtheoretisch gehaltvollen ökonomischen Theorie zu verorten (siehe aber deren Kennzeichnung als „ökonomistisch“, a.a. O. – warum nicht einfach: ökonomisch?); und es wird b) dem klassi- schen Erklärungsmodell zuwiderlaufend (Hempel 1948) mit einer solchen Erklärung die vorangehende Erfas- sung der Empirie als überflüssig hingestellt. Anders als spätere leninistische Traditionen haben Marx und Engels um diese Empirieverwiesenheit der Klassentheorie gewusst: „Dies hindert nicht, dass dieselbe ökonomische Ba- sis – dieselbe den Hauptbedingungen nach – durch zahllos verschiedne empirische Umstände, Naturbedingun- gen, Racenverhältnisse, von außen wirkende geschichtliche Einflüsse usw., unendliche Variationen … in der Er- scheinung zeigen kann, die nur durch Analyse dieser empirisch gegebnen Umstände zu begreifen sind“ (MEW 25, 799 f.; Hvg. CH). Eine solche Beschreibung haben sie für einige Situationen erstellt (Engels für England, Marx für das Frankreich der 1840er Jahre; MEW 2, 225-506; MEW 7, 9-108; MEW 8, 115-207).

Geschichte des Klassenbegriffes

35

Was sollte auch an seine Stelle treten? Eine Sichtweise, in der hohe Einkommen per se als Maß der Leistung gelten, kann soziale Ungleichheit nicht erklären; sie „rechtfertigt“ sie ledig- lich, ohne an Informationsgehalt etwas hinzuzufügen und schweigt sich über das Zustande- kommen dieser Unterschiede geflissentlich aus. Sie ist schlicht unterkomplex. Auch die Legi- timationsnarrative vom Konsumverzicht und den Risiken, die die Kapitalgeber eingehen wür- den, sind hinfällig: bei Millioneneinkommen kann von Konsumverzicht keine Rede mehr sein, und Risikoträger sind primär die Arbeitnehmer. Gegen den recht verstandenen Klassen- begriff kann man folglich nur etwas einwenden wollen, wenn man den Kapitalismus, deren Ausdruck die Klassen sind, insgesamt fortabstrahiert (so jüngst Honneth 2005). Leben wir heute wirklich in einer „ganz anderen“ Welt als noch im 19 und 20. Jahrhundert? Diese waren ja weitgehend von klassengesellschaftlichen Auseinandersetzungen und ideolo- gischem Lagerdenken geprägt – doch „bürgerliche“ Abgeordnete sprechen noch heute nicht mit Kollegen aus der Linkspartei, mindestens hier ist der Klassenkampf hochlebendig. Bei solchen Prämissen vermag keine Diskursethik der Welt einen sozialen Konsens zu erschaffen (außer vielleicht in der Theorie – die darum auf dankbare Abnehmer rechnen kann, wenn Sie einen solchen Konsens behauptet, und sei er auch nur durch ähnliches Konsumverhalten be- gründet). Ein solcher „Konsens“ verlangt eher nach Ausgrenzung des Andersdenkenden aus der Debatte; wie postmoderne Denker, wenn auch meist ohne Bezug auf konkrete Inhalte, oft argwöhnten. Und das ist nun gerade nicht neu. Wie also sind historische „Epochen“ gegeneinander abzugrenzen? Sind wir wirklich gehal- ten, stets neue phänotypische Merkmale auszumachen und immer neue modische und medial verwertbare Kategorisierungen und „Systemlogiken“ zu konstruieren, 73 oder können wir nicht – wie etwa die biologischen Wissenschaften seit langem – mit weitgehend ähnlichen Klassifi- kationen, die in der Sache selbst liegen, Wandel und Reichtum innerhalb einer Epoche be- schreiben? Nimmt man den Klassenbegriff ernst, taugt er dazu gut; 74 allerdings erübrigt das empirische Untersuchungen in keiner Weise. Es geht vielmehr um die Frage, in welchem theoretischen Rahmen mögliche Daten angemessen zu deuten sind.

73 Die Epochenwechsel (Fordismus, Postfordismus; Arbeitsgesellschaft, Dienstleistungsgesellschaft, Wissensge- sellschaft etc.) fallen Schlag auf Schlag, alle zehn Jahre ändert sich scheinbar die zugrunde liegende Logik des Systems. Das wäre eine überaus merkwürdige Annahme; sinnvollerweise kann man also nur annehmen, dass sich die Theorienmoden sehr viel schneller abwechseln als die sozialen Grundkräfte. 74 Wal Buchenberg meinte daher: „Karl Marx unterschied die gesellschaftlichen Klassen nicht wie ein Meinungs- forscher, sondern wie ein Biologe, der seine aus der Analyse gewonnenen Unterscheidungskriterien auf Lebewe- sen und Pflanzen anwendet, ohne zu fragen, ob ihnen die Zugehörigkeit zu einer Spezies passt“ (in: Marxistische Blätter 2/2002, 65). Das übersieht allerdings, dass die Klassenbegrifflichkeit gerade keine primär phänotypische ist wie die klassische biologische, sondern eher nach „verborgenen“, aber daher umso wirkmächtigeren Zusam- menhängen sucht (der Vergleich zur Genetik läge daher näher; s.u., Fn. 43 damit ist allerdings in keiner Weise irgendein Biologismus verbunden, es geht um Parallelen in der Methode, nicht im Inhalt).

Geschichte des Klassenbegriffes

36

Literatur

Adorno, Th. (Hg.): Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft? Verhandlungen des 16. Deutschen Soziologen- tages in Frankfurt am Main 1968, Stuttgart 1969 Beck, Ulrich: Risikogesellschaft, Frankfurt/Main (fortan kurz Fr/M) 1986 Beck, Ulrich/Beck-Gernsheim, Elisabeth (Hg.): Riskante Freiheiten, Fr/M 1994 Bell, Daniel: Die nachindustrielle Gesellschaft, Fr/M 1975 Bender, Christiane/Graßl, Hans: Arbeiten und Leben in der Dienstleistungsgesellschaft, Konstanz 2004 Berger, Johannes: „Was behauptet die Marxsche Klassentheorie – und was ist davon haltbar?”, in: H.J. Giegel (Hg.): Konflikt in modernen Gesellschaften, Fr/M 1998, 29-60 Bischoff, Joachim (Hg.): Die Klassenstruktur der Bundesrepublik Deutschland. Ein Handbuch zum sozialen Sys- tem der BRD, Berlin 1976/Hamburg 1980 Bischoff, Joachim u.a.: Jenseits der Klassen? Gesellschaft und Staat im Spätkapitalismus, Hamburg 1982 Bischoff, Joachim/Herkommer, Sebastian/Hüning, Hasko: Unsere Klassengesellschaft. Verdeckte und offene Strukturen sozialer Ungleichheit, Hamburg 2002 Bödecker, S./Moldenhauer, O./Rubbel, B.: Wissensallmende. Gegen die Privatisierung des Wissens der Welt durch ‚geistige Eigentumsrechte’, Hamburg 2005 Borkenau, Franz: Der Übergang vom feudalen zum bürgerlichen Weltbild. Studien zur Geschichte der Philoso- phie der Manufakturperiode, Paris 1934 Bottomore, T.B.: Die sozialen Klassen in der modernen Gesellschaft, München 1967 Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede: Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft (1982), Fr/M 7 1994 Brede, Karola: „Das Problem der Verfügung über die Individualität der Angestellten. Macht, Unterordnung, Ag- gression“, in: Joachim Beerhorst/Alex Demirovic/Michael Guggemos (Hg.): Kritische Theorie im Gesell- schaftlichen Strukturwandel, Frankfurt/Main 2004, S. 243-265 Brock, Ditmar: Der schwierige Weg in die Moderne. Umwälzungen in der Lebensführung der deutschen Arbei- ter zwischen 1850 und 1980, Frankfurt/Main, New York 1991 Brock, Ditmar: „Rückkehr der Klassengesellschaft? Die neuen sozialen Gräben in einer materiellen Kultur“, in:

Beck 1994, 43-60 Bröckling, Ulrich: „Jeder könnte, aber nicht alle können. Konturen des unternehmerischen Selbst“, in: Mittelweg 36, 11.4 (August/September 2002), S. 6-26 Bruhn, Jürgen: Raubzug der Manager oder Die Zerstörung des Sozialstaats, Hamburg 2005 Bucharin, Nikolai: Die politische Ökonomie des Rentners, Wien/Berlin 1926a Burawoy, Michael/Wright, Erik Olin: „Sociological Marxism“, Draft, March 2000, online unter: http://sociolo- gy.berkeley.edu/faculty/BURAWOY/burawoy_pdf/sociological.pdf (Zugriff am 15.02.2006) Calvert, P: The Concept of Class, London 1982 Cantillon, R.: Essai sur la nature du commerce en générale (1755), London 1931 Croix, G.E.M. de Ste.: The Class Struggle in the Ancient World, Ithaca 1981 Croner, F.: Die Angestellten in der modernen Gesellschaft, Wien 1954 Dahrendorf, Ralf: Soziale Klassen und Klassenkonflikt, Stuttgart 1957 Day, Gary: Class, London/New York 2001 Defoe, Daniel: „Extracts from the Plan of British Commerce“ (1728), in J. McCulloch (Hg.): A Select Collection of Scarce and Valuable Tracts on Commerce, London 1859 Diettrich, Ben: Klassenfragmentierung im Postfordismus. Geschlecht, Arbeit, Rassismus, Marginalisierung, Münster 1999 Dimock, W./Gilmore, M. (Hg.): Rethinking Class. Literary Studies and Social Formations, New York 1994 Drucker, Peter: The age of Discontinuity. Guidelines to our changing society, New York 1969 Edgell, Stephen: Class, London 1993 (Reihe: Key Ideas) Engler, Wolfgang: Die Ostdeutschen als Avantgarde, Berlin 2004 Engler, Wolfgang: Bürger, ohne Arbeit. Für eine radikale Neugestaltung der Gesellschaft, Berlin 2005 Fenske, Hans (Hg.): Geschichte der politischen Ideen: Von der Antike bis zur Gegenwart, Fr/M 1997 Foster, John: „ Class”, in: J. Eatwell (Hg.): The New Palgrave: Marxian Economics, New York 1987, 79-84 Fourastié, Jean: Die große Hoffnung des 20. Jahrhunderts (1949), Köln 1954 Frank, Georg: Mentaler Kapitalismus. Eine politische Ökonomie des Geistes, München 2005 Frank, Thomas: One Market under God. Extreme Capitalism, Market Populism, and the End of Economic De- mocracy, New York 2000 Frégier, Honoré Antoine: Über die gefährlichen Klassen der Bevölkerung in den großen Städten und die Mittel, sie zu bessern, Coblenz 1840

Geschichte des Klassenbegriffes

37

Ganßmann, Heiner: „Die Arbeitsteilung zwischen Ökonomie und Soziologie bei Franz Oppenheimer, Karl Mannheim und Adolph Lowe“, in: Caspari, Volker/Schefold, Bertram (Hg.): Franz Oppenheimer und Adolph Lowe. Zwei Wirtschaftswissenschaftler der Frankfurter Universität, Marburg (Metropolis) 1996, S. 187-224 Geiger, Theodor: Die Klassengesellschaft im Schmelztiegel, Köln 1949 Geißler, Rainer: Die Sozialstruktur Deutschlands, Wiesbaden 1992 Geißler, Rainer: „Kein Abschied von Klasse und Schicht. Ideologische Gefahren in der deutschen Sozialstruktur- analyse“, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 48 (1996), 319 ff. Giddens, Anthony: Die Klassenstruktur fortgeschrittener Gesellschaften, Fr/M 1979 Giddens, Anthony: The Constitution of Society, Cambridge 1984 Gobineau, Arthur de: Essai sur l’inégalité des races humaine, 5 Bde., Paris 1853-1855 Grünberg, Emil: Der Mittelstand in der kapitalistischen Gesellschaft, Leipzig 1932 Gubbay, Jon: „A Marxist Critique of Weberian Class Analysis“, in: Sociology 31 (1997), 73-89 Guizot, Francois P.G.: Cours d’histoire moderne, histoire générale de la civilisation en Europe, Paris 1828 Gumbel, Emil Julius: Klassenkampf und Statistik. Eine programmatische Untersuchung, Amsterdam 1928 Hall, Peter/Soskice, David (Hg.): Varieties of Capitalism. The institutional Foundations of comparative Advant- age, Oxford 2001 Hamilton, Alexander u.a.: Die Federalist papers” (1787), Darmstadt 1993 Hanway, John: Observations on the Causes of the Dissoluteness which reigns among the Lower Classes of People, London 1772 Hartmann, Michael: „Auf dem Weg zur transnationalen Bourgeoisie? Die Internationalisierung der Wirtschaft und die Internationalität der Spitzenmanager Deutschlands, Frankreichs, Großbritanniens und der USA“, in:

Leviathan 27.1 (1999), S. 113-141 Hartmann, Michael: Der Mythos von der Leistungselite, Fr/M 2002 Haupt, Heinz-Gerhard/Crossick, Geoffrey: Die Kleinbürger. Eine europäische Sozialgeschichte des 19. Jahr- hunderts, München 1998 Hegner, F.: „Klassen, soziale“, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Basel, Spalte 848-853 Heinrich, Michael: Die Wissenschaft vom Wert. Die Marxsche Kritik der politische Ökonomie zwischen wissen- schaftlicher Revolution und klassischer Tradition, Münster 2 2001 (zuerst 1991) Helmich, Hans-Joachim: ‚Verkehrte Welt’ als Grundgedanke des Marxschen Werkes. Ein Beitrag zum Problem des Zusammenhanges des Marxschen Denkens, Fr/M 1980 Helvétius, Claude Adrien: De l’esprit (1758), Paris 1909 Hempel, Carl G./Oppenheim, Paul: „The Logic of Explanation“, in: Philosophy of Science 15 (1948), 135-175 Henning, Christoph (Hg.): Marxglossar, Berlin 2006 Henning, Christoph: „Übersetzungsprobleme. Eine wissenschaftstheoretische Plausibilisierung des Marxschen Gesetzes vom tendenziellen Fall der Profitrate“, erscheint im Marx-Engels-Jahrbuch 2005, Berlin 2006 (a) Henning, Christoph: Philosophie nach Marx. 100 Jahre Marxkritik und die normative Sozialphilosophie der Ge- genwart in der Kritik, Bielefeld 2005 Herkommer, S./Bierbaum, H.: Industriesoziologie. Bestandsaufnahme, Kritik, Weiterentwicklung, Stuttgart 1979 Herkommer, Sebastian: „Zur Aktualität marxistischer Klassentheorie“, in: Kaindl 2005, S. 85-106 Herrnstadt, R.: Die Entdeckung der Klassen. Die Geschichte des Begriffes Klasse von den Anfängen bis zum Vorabend der Julirevolution 1830, Berlin 1965 Hirsch, Joachim: Kapitalismus ohne Alternative? Hamburg 1990 Hirsch, Joachim: Materialistische Staatstheorie. Transformationsprozesse des kapitalistischen Staatensystems, Hamburg 2005 Hodgskin, Thomas: Labour defended against the Claims of Capital, or the Unproductiveness of Capital proved with Reference to the Present Combinations amongst Journeymen, by a Labourer, London 1825 Homans, George C.: The Human Group, New York 1950 Honneth, Axel: Verdinglichung Eine anerkennungstheoretische Studie, Frankfurt/Main 2006 Hradil, Stefan/Imbusch, Peter (Hg.): Oberschichten – Eliten – Herrschende Klassen, Opladen 2003 Hradil, Stefan: „Eine Alternative? Anmerkungen zu Thomas Meyer“, in: Soziale Welt 3/2001 Hradil, Stefan: „Sozialstruktur und gesellschaftlicher Wandel“, in O.W. Gabriel: Die EG-Staaten im Vergleich, Opladen 1992 Hradil, Stefan: Soziale Ungleichheit in Deutschland, Stuttgart 8 2001 (zuerst 1992a) Hradil, Stefan: Sozialstrukturanalyse in einer fortgeschrittenen Gesellschaft, Opladen 1987 Huster, Ernst-Ulrich (Hg.): Reichtum in Deutschland: Der diskrete Charme der sozialen Distanz, Fr/M und New York 1993 Jonas, Friedrich: Geschichte der Soziologie (1968), 2 Bde., Reinbek 1976 Kaindl, Christina (Hg.): Kritische Wissenschaften im Neoliberalismus, Marburg 2005

Geschichte des Klassenbegriffes

38

Kautsky, Karl: Der Ursprung des Christentums, Stuttgart 1908 Keller, Bill (Hg.): Class Matters, New York 2005 (Berichte von Korrespondenten der New York Times) Keulartz, Jozef: Die verkehrte Welt des Jürgen Habermas, Hamburg 1995 Klocke, A.: „Reproduktion sozialer Ungleichheit in der Generationenabfolge“, in: Peter A. Berger/Michael Ves- ter (Hg.): Alte Ungleichheiten, neue Spaltungen, Opladen 1998 Koch, Max: Vom Strukturwandel einer Klassengesellschaft. Theoretische Diskussion und empirische Analyse, Münster 1994 Kracauer, Siegried: Die Angestellten (1929), Fr/M 1971

Krais, Beate: „Begriffliche und theoretische Zugänge zu den ‚oberen Rängen’ der Gesellschaft“, in Hradil 2003,

S. 35-54

Krebs, Angelika (Hg.): Gleichheit oder Gerechtigkeit. Texte der neuen Egalitarismuskritik, Fr/M 2000 Kreckel, Reinhardt: „Klassentheorie am Ende der Klassengesellschaft“, in J. Berger/M. Vester (Hg.): Alte Un- gleichheiten – Neue Spaltungen, Opladen 1998, S. 31-47 Krysmanski, Hans Jürgen: „Entwicklung und Stand der klassentheoretischen Diskussion“, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 41 (1989), 149-167 Labica, Georges/Bensusan, Gérard (Hg.): Kritisches Wörterbuch des Marxismus, Bd. 4, Berlin 1986, Artikel „Klassen“ und „Klassenkampf“ (von E.B.), S. 615-636 Laclau, Ernesto: Politics and Ideology in Marxist Theory. Capitalism - Fascism - Populism (1977), London 1979 Marshall, Thomas H.: Staatsbürgerrechte und soziale Klassen, Fr/M 1992 (als Vorlesung 1949) Marx, Karl/Engels, Friedrich: Werke, 42 Bände, Berlin 1956 ff.; abgekürzt als MEW mit Band und Seitenzahl Marxistische Blätter: „‚Klasse’ und Klassentheorie heute“, Themenheft 2/2002, S. 36-97 Mauke, Michael: Die Klassentheorie von Marx und Engels, Frankfurt/Main, Köln 1970 Meja, Volker/Stehr, Nico (Hg.): Der Streit um die Wissenssoziologie, 2 Bde., Frankfurt/Main 1982 Milliband, Ralph: Divided Societies. Class Struggles in Contemporary Capitalism, Oxford 1991 Milner, Andrew: Class, London 1999 Müller, Walter: „Klassenstruktur und Parteiensystem. Zum Wandel der Klassenspaltung im Wahlverhalten“, in:

Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 50 (1998), S. 3-46 Müller, Walter: „Ungleichheitsstrukturen im vereinigten Deutschland“, in ders. (Hg.): Soziale Ungleicheit. Neue Befunde zu Strukturen, Bewusstsein und Politik, Opladen 1997, S. 13-42 Necker, J.: De l’administration des finances de la France (1784), Oeuvres II, Paris/Lausanne 1789 Negt, Oskar/Kluge, Alexander: Öffentlichkeit und Erfahrung. Zur Organisationsanalyse von bürgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit, Frankfurt/Main 1972 Negt, Oskar: Arbeit und menschliche Würde, Göttingen 2001 Neumann, Udo: Struktur und Dynamik von Armut. Eine empirische Untersuchung für die Bundesrepublik Deutschland, Freiburg 1999 Noll, Karl/Weick, Stefan: „Relative Armut und Konzentration der Einkommen deutlich gestiegen. Indikatoren und Analysen zur Entwicklung der Ungleichheit von Einkommen und Ausgaben“, in: ISI (Informationsdienst Soziale Indikatoren) 33, Januar 2005, S. 1-6

Offe, Claus: „Politische Herrschaft und Klassenstruktur. Zur Analyse spätkapitalistischer Gesellschaftssysteme“, in: Kress, Gisela/Senghaas, Dieter (Hg.): Politikwissenschaft. Eine Einführung in ihre Probleme, Fr/M 1972,

S. 135-164

Owen, Robert: „An Adress to the Working Classes“ (1819), in: G.D.H.Cole (Hg.): Robert Owen: A New View of Society and other Writings, London 1927, S. 148-155 Polanyi, Karl: The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirt- schaftssystemen (1944), Fr/M 1978 Prokop, Dieter: Der kulturindustrielle Machtkomplex. Neue kritische Kommunikationsforschung über Medien, Werbung und Politik, Köln 2005 Quesnay, Francois: Tableau économique. Remarques sur les variations de la distribution des revenus annuels dúne nation, Versailles 1758 Reich, Robert B.: Die neue Weltwirtschaft. Das Ende der nationalen Ökonomie, Frankfurt/Main 1996 Reissmann, Leonard.: „Klasse“, in: Wilhelm Bernsdorf (Hg.): Wörterbuch der Soziologie, Stuttgart 1969, S.

540-546

Resch, Christiane: Beraterkapitalismus oder Wissensgesellschaft? Zur Kritik der neoliberalen Produktionsweise, Münster 2005 Ricardo, David: The Principles of Political Economy and Taxation (1817), London 1992 Rifkin, Jeremy: Access: Das Verschwinden des Eigentums. Warum wir weniger besitzen und mehr ausgeben werden, Fr/M und New York 2000 Ringer, Fritz K.: Die Gelehrten. Der Niedergang der deutschen Mandarine, 1890-1933 (1969), München 1987

Geschichte des Klassenbegriffes

39

Ritsert, Jürgen/Rolshausen, Claus: „Zur Sozialstruktur der Bundesrepublik Deutschland“ (1970), in: Meschkat, Klaus/Negt, Oskar (Hg.): Gesellschaftsstrukturen, Fr/M 1973, S. 13-40 Ritsert, Jürgen: Der Kampf um das Surplusprodukt. Einführung in den klassischen Klassenbegriff, Fr/M 1988 Ritsert, Jürgen: Soziale Klassen, Münster 1998 (Reihe: Einstiege) Ross, Steven J.: Working-Class Hollywood: Silent Film and the Shaping of Class in America, Princeton 1998 Rügemer, Werner (Hg.): Die Berater. Ihr Wirken in Staat und Gesellschaft, Bielefeld 2004 Rügemer, Werner: Privatisierung in Deutschland. Eine Bilanz, Münster 2006 Saint-Simon, Henri de: „Le Parabole” (1819), aus: Saint-Simon und der Sozialismus, hg. von Gottfried Salomon, Berlin 1919, S. 41-44 Sassen, Saskia: The mobility of labour and capital, Cambridge 1988 Sassen, Saskia: Metropolen des Weltmarkts. Die neue Rolle der Global Cities, Fr/M 1996 Sennett, Richard: The Hidden Injuries of Class, Cambridge 1972 Schelsky, Helmut: „Die Bedeutung des Klassenbegriffs für die Analyse unserer Gesellschaft“ (1961), in ders.:

Auf der Suche nach Wirklichkeit. Gesammelte Aufsätze, Düsseldorf/Köln 1965 Schulz, Daniel: „Theorien der Deutungsmacht. Ein Konzeptualisierungsversuch im Kontext des Rechts“, in:

Hans Vorländer (Hg.): Deutungsmacht der Verfassungsgerichtsbarkeit, Wiesbaden 2006, S. 67-94 Seppmann, Werner: „Die Renaissance der Klassentheorie“, in: Junge Welt, 7.2. 2006 Shaikh, Anwar/Tonak, E.A.: Measuring the Wealth of Nations. The Political Economy of National Accounts, Cambridge 1996 Shaikh, Anwar: „Capital as a social relation”, in: J. Eatwell (ed.): The New Palgrave: Marxian Economics, New York 1987, 72-78 Shaikh, Anwar: „Who pays for the ‘welfare’ in the welfare state?”, in: Social Research 70.2 (2003), 531-550 Silver, Beverly J.: Forces of Labor. Arbeiterbewegung und Globalisierung seit 1870, Berlin 2005

Sklair, Leslie: The Transnational Capitalist Class, Oxford 2001 Smith, Adam: An Inquiry into the Nature and the Cause of the Wealth of Nations, London 1776, als Taschen- buch: Harmondsworth 1979 Spann, Othmar: „Klasse und Stand”, in: Handwörterbuch der Staatswissenschaften, hrg. von Adolf Weber u.a., Jena 4 1923, 693-705 Speier, Hans: Die Angestellten vor dem Nationalsozialismus. Soziologie der Angestellten in der Weimarer Repu- blik, Göttingen 1977 Speth, Rudolf: Die politischen Strategien der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, August 2004, Schriftenrei- he der Hans Böckler Stiftung, online unter www.boeckler.de/pdf/fof_insm_studie_09_2004.pdf (14.2.06) Stehr, N.: Arbeit, Eigentum und Wissen. Zur Theorie von Wissensgesellschaften, Fr/M 1994 Stein, Lorenz von: Geschichte der sozialen Bewegung in Frankreich, Band 1: Der Begriff der Gesellschaft und die soziale Geschichte der Revolution bis zum Jahre 1830, Leipzig 1850, Neudruck München 1921 Steuart, James: Inquiry into the Principles of Political Economy (1767), Neudruck Chicago 1966 Stoltenberg, Hans Lorenz: Geschichte der deutschen Gruppwissenschaft (Soziologie) mit besonderer Beachtung ihres Wortschatzes, Leipzig 1937 Thalheimer, August: „Über den Faschismus“ (1930), gekürzt in: Kühnl, Reinhard (Hg.): Texte zur Faschismus- diskussion 1: Positionen und Kontroversen, Reinbek 1974, S. 14-29 Thompson, E.P.: The Making of the English Working Class, Harmondsworth/Middlesex 1968 Thompson, William: An Inquiry into the Principles of the Distribution of Wealth most conductive to Human Happiness, applied to the newly proposed System of voluntary Equality of Wealth, 2 Bände, London 1824 Treitschke, Heinrich: Politik, Leipzig 1899 Turgot, A.: Reflexiones sur la formation et la distribution des richesses (1766), englische Ausgabe, hg. von R. Meek, Cambridge 1973 Vester, Michael (Hg.): Die Frühsozialisten, 2 Bde., Reinbek 1970 Vester, Michael u.a.: Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel, Frankfurt/Main 2001 Vester, Michael: „Soziale Ungleichheit, Klasse und Kultur“, in: Friedrich Jaeger/Jörn Rüsen (Hg.): Handbuch der Kulturwissenschaften, Bd. 3, Stuttgart 2004, S. 318-340 Vester, Michael: Die Entstehung des Proletariats als Lernprozess. Zur Soziologie der Arbeiterbewegung, Fr/M

1970

Weber, Max: „Die Börse“ (1894), in: Gesammelte Aufsätze zur Soziologie und Sozialpolitik, Tübingen 1988

Williams, Raymond: Keywords. A Vocabulary of Culture and Society, London 1988 Wright, Eric Olin (ed.): The Debate on Classes, London 1989 Wood, Ellen Meiksins: The Retreat from Class. A new ‚true’ Socialism, London 1986 Zeller, Christian (Hg.): Die globale Enteignungsökonomie, Münster 2004