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Erich Ribolits

Die Arbeit hoch?


Berufspädagogische Streitschrift wider die
Totalverzweckung des Menschen im Post-Fordismus

Zweite, durchgesehene und


ergänzte Auflage

Profil
Anschrift des Autors:
Univ. Doz. Dr. Erich Ribolits
Institut für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung
der Universitäten Innsbruck, Klagenfurt und Wien
Westbahnstraße 40
A-1070 Wien

Anschriften der Reihenherausgeber:


Univ. Prof. Dr. Werner Lenz
Institut für Erziehungswissenschaften
der Universität Graz
Abteilung für Erwachsenenbildung
Merangasse 70/II
A-8010 Graz
Ass. Prof. Dr. Michael Schratz
Institut für Erziehungswissenschaften
der Universität Innsbruck
Innrain 52/V
A- 6010 Innsbruck

Die Deutschen Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme


Ribolits, Erich:
Die Arbeit hoch?: Berufspädagogische Streitschrift wider die Total-
verzweckung des Menschen im Post-Fordismus /Erich Ribolits. - 2.,
durchges. und erg. Aufl. - München; Wien: Profil, 1997.
(Bildung -Arbeit -Gesellschaft; Bd. 18)
Zugl.: Wien, Univ., Habil.-Schr., 1995
ISBN 3-89019-415-X

© 1997 Profil Verlag GmbH München Wien


Umschlaggestaltung: Gisela Scheubmayr, Wien
Druck nach Typoskript
Satz: Erich Ribolits, Wien

ISBN 3-89019-415-X
Die Arbeit hoch? 7

INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort zur zweiten Auflage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4


Einleitende Bemerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
1. Zum Zusammenhang von Arbeit, Bildung
und politisch-ökonomischem System . . . . . . . . . . . . . 18
2. Die Krise des Fordismus und das
endgültige „Zur Ware Werden“ der Bildung . . . . . . . . 57
3. Von der tayloristischen Modernisierung zur
heutigen „Postmodernisierung“ der Arbeitswelt . . . . . 90
4. Unternehmenskultur, Lean production,
Ganzheitlichkeit, Flexibilisierung … die
Unternehmensstrategien des Post-Taylorismus . . . . . . 119
5. Schlüsselqualifikationen – der zentrale
berufspädagogische Ideologiebegriff des Post-Fordismus
........................... 151
6. Entfremdung – das unveränderte Merkmal
der Arbeits- Freizeit-Gesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . 188
I. Die Arbeit hoch? Oder: Die erstaunliche Karriere
eines historisch schwer belasteten Begriffs . . . . . . . 188
II. Freizeit – Fluchtpunkt der Arbeitsgesellschaft? . . . . 210
7. Muße – die vergessene Chance . . . . . . . . . . . . . . . . . . 231
8. Ohne Muße keine (berufliche) Bildung . . . . . . . . . . . . 263
9. Anstatt einer Zusammenfassung:
Heinrich Böll:
Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral . . . . . . . . . . . 294
10. Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 299
VORWORT ZUR ZWEITEN AUFLAGE

Seit dem ersten Erscheinen dieses Buches sind knapp mehr als
zwei Jahre vergangen. Die Entwicklungen in dieser Zeit haben die
dem Buch zugrundeliegende Annahme einer gegenwärtigen, existen-
tiellen „Krise der Arbeitsgesellschaft“ leider vollinhaltlich bestätigt.
Viele der in diesem Zusammenhang angesprochenen Trends sind in
der Zwischenzeit sogar erst zur vollen Deutlichkeit gelangt. Kaum
mehr angezweifelt kann heute werden, daß der Arbeitsgesellschaft
zunehmend ihr namensgebendes Gut – die Lohnarbeit in ihrer „klassi-
schen“ Ausprägungsform – ausgeht. An ökonomische Verwertbarkeit
geknüpfte Arbeit wird unübersehbar auch in den Industrieländern zu
einem „Luxusartikel“, der für immer weniger Menschen zur Verfü-
gung steht.
Zugleich – und im engsten Zusammenhang damit – findet gegen-
wärtig auch eine deutliche Machtverschiebung im gesellschaftlichen
Kräftespiel von „Kapital“ und „Arbeit“ statt. Die in Europa allerorts
hohen und noch weiter steigenden Arbeitslosenzahlen, der anwach-
sende Zwang für viele Amerikaner, sogenannte „Mc-Jobs“ anzuneh-
men – Tätigkeiten gegen eine Entlohnung mit der sich nicht einmal
die grundsätzlichen Lebenshaltungskosten abdecken lassen – und der
sinkende Anteil der Löhne und Gehälter am Gesamteinkommen bei
steigenden Kapitalgewinnen sind insgesamt unübersehbare Indikato-
ren einer massiven „Entwertung“ des Faktors Arbeit. Durch die Glo-
balisierung der Wirtschaft, die Liberalisierung der Finanzmärkte und
die Möglichkeiten neuer Technologien hat sich das Kräfteverhältnis
von „Kapital und Arbeit“ in den letzten Jahren massiv zugunsten der
Kapitalbesitzer verschoben.
Vorwort zur zweiten Auflage 5

Die Folgen sind zum einen ein weltweiter Rückgang des Anteils
den die Lohnbezieher vom gesellschaftlichen Reichtum für sich ver-
buchen können und ein rapides Weniger-werden des Beitrags, den die
Vermögensbesitzer zur Finanzierung der staatlichen Ausgaben leisten,
was die bekannten Budgetprobleme in faktisch allen Industriestaaten
mitverursacht. Zum anderen bewirkt die Machtverschiebung zwischen
Kapital und Arbeit, daß Arbeitnehmer an der technologisch bedingten
erhöhten Produktivität in Form von Arbeitszeitverkürzungen nicht
bloß nicht partizipieren können, sondern sogar gezwungen sind, Ar-
beit immer häufiger auch unter Bedingungen anzunehmen, die weit
unter den Standards der letzten Jahre und Jahrzehnte liegen. Die Zahl
der Menschen, die anwachsende Phasen ihres Lebens ohne Lohnarbeit
auskommen müssen, wird zunehmend größer und zugleich ist die
kollektive Macht der verbleibenden „Träger der Ware Arbeitskraft“
einer massiven Erosion ausgesetzt.
Diese Entwicklung macht die im vorliegenden Buch aufgestellte
These von der drängenden Notwendigkeit, für das Leben einen ande-
ren Sinn zu finden als die Vernutzung in Arbeit und Konsum, nur
umso bedeutsamer. Denn bevor das unserer Gesellschaft immanente
Arbeitsethos nicht grundsätzlich relativiert wird, besteht überhaupt
keine Chance, die Situation des Weniger-werdens der Lohnarbeit
dafür zu nützen, um gesellschaftspolitische Alternativen jenseits der
Lohnarbeit zu entwickeln. Das verinnerlichte Arbeitsethos kettet die
Bewohner der industrialisierten Welt an die mit Ausbeutung, Zerstö-
rung und Ungleichheit verbundene Arbeitsgesellschaft und macht sie
zu „Mittätern“. Solange Arbeit zum Definitionsmerkmal der mensch-
lichen Existenz hochstilisiert und in der durch äußere Zwänge vorge-
gebenen Arbeit das wesentliche Strukturmerkmal humanen Lebens
gesehen wird, gibt es kein Entrinnen aus der Arbeitsideologie. Das
krampfhafte Festhalten am Arbeitsfetisch ist es, wodurch verhindert
wird, daß die Spaltung der Gesellschaft in Menschen, die sich um
Arbeitsplätze immer heftiger konkurrieren müssen, und in solche,
6 Die Arbeit hoch?

deren Profite genau dadurch anwachsen, nicht als „politisch-


ökonomischer Skandal“ wahrgenommen und entsprechend bekämpft
werden kann. In diesem Sinn werden heute zwar von allen Seiten
„neue Arbeitsplätze“ gefordert aber kaum je eine gerechtere Auftei-
lung des gesellschaftlichen Reichtums.
Das gegenwärtige Offensichtlich-werden der Tatsache, daß jene
„Voll-beschäftigung“, wie wir sie hierzulande einige Jahrzehnte ge-
kannt haben, nicht wiederherzustellen ist, birgt in sich aber auch die
Chance eines grundsätzlichen Infragestellens des allgemein anerkann-
ten Arbeitsethos. In jüngster Zeit lassen sich in verschiedenen Publi-
kationen und Veranstaltungen tatsächlich erste Ansätze einer diesbe-
züglichen Diskussion erkennen. Das vorliegende Buch konnte – wie
sich in einer Reihe von Veranstaltungen, zu denen der Verfasser in
den letzten beiden Jahren eingeladen war, gezeigt hat – ein klein we-
nig zur beginnenden Suche nach Lösungen jenseits der ideologischen
Vernebelung durch den Arbeitsfetisch beitragen. Die Hoffnung, die
diesbezügliche Diskussion noch weiter zu treiben, motivierte zur
nunmehr vorliegenden zweiten Auflage. Denn worum es heute geht,
ist nicht das Schaffen neuer Arbeit, sondern das Herstellen von gesell-
schaftlichen Bedingungen, die allen Menschen maximale kulturelle
Teilhabe bei einem Minimum an geforderter Arbeit ermöglichen.
Unter emanzipatorischen Gesichtspunkten kann – wie ein Rezensent
treffend formuliert hat – das Ziel nicht sein, daß die Menschen voll
beschäftigt sind, sondern daß sie weniger beschäftigt werden, damit
sie sich beschäftigen können, womit sie sich beschäftigen wollen.

Wien, Februar 1997 Erich Ribolits


EINLEITENDE BEMERKUNGEN

Wenn ich nicht im Grunde ein sehr arbeitsamer


Mensch wäre, wie wäre ich je auf die Idee ge-
kommen, Loblieder und Theorien des Müßiggangs
auszudenken. Die geborenen, die genialen Müßig-
gänger tun dergleichen niemals.
Hermann Hesse

Der bekannte österreichische Theologe und Religionsphilosoph


Adolf Holl meinte vor einiger Zeit in einem Interview, daß der Kapi-
talismus gewissermaßen als die erste tatsächliche „Weltreligion“ be-
zeichnet werden kann. Er stellt sich als ein weltumspannendes „Glau-
bensbekenntnis“ dar, dem heute mehr Menschen anhängen als jemals
in der Geschichte irgendeiner anderen Religion. Und daß alle derzei-
tigen Gegenbewegungen zum Kapitalismus unter einer im wesentli-
chen religiösen Motivation antreten – sich zum Beispiel als funda-
mentalistische, okkultistische oder ähnliche Bewegungen artikulieren
–, ist die logische Konsequenz dieses „religiösen Charakters“ des
Kapitalismus. Wenn man das provokante Bild von der „kapitalisti-
schen Religion“ weiterentwickelt, dann müßte die Verausgabung des
Menschen durch (ökonomisch verwertbare) Arbeit als der „Gottes-
dienst des Kapitalismus“ bezeichnet werden; und die Opfergaben, die
im Rahmen dieses Gottesdienstes dargebracht werden, wären dann
wir selbst – die Bewohner der kapitalistischen Gesellschaften – sowie
unsere natürlichen Lebensgrundlagen.
8 Die Arbeit hoch?

Wenngleich eine solche Gleichsetzung der politisch-ökonomischen


Formation Kapitalismus mit Religion vermutlich auf heftige Ableh-
nung bei den meisten gläubigen Menschen stößt und höchstwahr-
scheinlich auch nur von wenigen Kollegen des angesprochenen Reli-
gionsphilosophen geteilt wird, läßt sich doch ein wesentliches Ele-
ment der skizzierten Metapher nur schwer leugnen: Die menschliche
Arbeit ist in den industriewirtschaftlichen Gesellschaften – die zwi-
schenzeitlich ja allesamt konkurrenzlos von der kapitalistischen Öko-
nomie dominiert werden – heute mit einer geradezu kultischen Be-
wertung belegt. Sie nimmt eine zentrale Stelle im gesellschaftlichen
Normen- und Wertegefüge ein und kann ohne Übertreibung als der
Kristallisationspunkt allen gesellschaftlichen Geschehens bezeichnet
werden. Über alle weltanschaulichen Grenzen hinweg wird Arbeit
heute als die grundlegende Bestimmungsgröße des Menschen gese-
hen, ja sogar unsere gesamte Sozietät wird stolz als eine „Arbeitsge-
sellschaft“ definiert. Diese zentrale Stellung der Arbeit in den Indust-
riegesellschaften läßt leicht vergessen, daß die ethische Überhöhung
der Arbeit historisch gesehen eine nur sehr kurze Karriere hinter sich
hat. Erst das neuzeitlich-bürgerliche Postulat, daß die gesellschaftli-
che Positionsverteilung nicht durch geburtsständische Determinierun-
gen, sondern über die Fähigkeit und Bereitschaft zur Leistungsver-
ausgabung bestimmt sein soll, hat die menschliche Arbeit ja in einen
solchen überragenden gesellschaftlichen Rang befördert.
Zugleich mit der neuzeitlichen Karriere der Arbeit hat die Loslö-
sung des Menschen von der ständischen Gebundenheit auch einen
gewaltigen Bedeutungsgewinn für das gesellschaftliche Subsystem
Erziehung und (Aus-)Bildung ausgelöst. Nachdem die Arbeit ihren
Makel als „ein von Gott auferlegtes Übel“ abgeschüttelt hatte und zur
Lebensbestimmung des Menschen avanciert war – zum bestmögli-
chen Weg, um zu sich selbst zu finden –, galt es, zur Arbeitsverausga-
bung zu erziehen. Arbeit wurde zur primären Bezugsgröße für Erzie-
hung und die Vorbereitung der Heranwachsenden auf die Übernahme
Einleitende Bemerkungen 9

von Positionen in der Berufs- und Arbeitswelt durch Erziehung und


(Aus-)Bildung zu einer zentralen Aufgabe der Gesellschaft. Damit
war der Grundstein gelegt für ein Verständnis von Pädagogik, das auf
die Optimierung von Lernprozessen in Hinblick auf deren Relevanz
für ökonomisch verwertbare Arbeit abgestellt ist. Die Pädagogik war
damit nicht nur zur zentralen Agentur für die Vermittlung arbeitsrele-
vanter Einstellungen, Kenntnisse und Fähigkeiten geworden, die
strukturellen Bedingungen des Arbeitens unter bürgerlich-
kapitalistischen Bedingungen selbst hatten die Pädagogik eingeholt
und ihr in weiterer Folge zunehmend einen das Arbeitsverausga-
bungssystem stabilisierenden Charakter aufgedrängt.
Gegenwärtig befindet sich die Formation bürgerlich-kapitalistische
Gesellschaft in der Anfangsphase einer tiefgreifenden Krise. Gewalti-
ge technologische Innovationsschübe, die fortschreitende Internatio-
nalisierung des wirtschaftlichen Geschehens und die anwachsenden
ökologischen Probleme im Gefolge der Profitökonomie haben das in
den kapitalistischen Kernländern etwa ein halbes Jahrhundert lang
relativ gut funktionierende Zusammenspiel von Produktivität, Ar-
beitskräftebedarf und Konsum völlig aus dem Gleichgewicht gekippt.
Just in jenem historischen Moment, in dem mit dem Fall des Eisernen
Vorhangs und dem Ende der großen, einander feindlich gegenüber-
stehenden Machtblöcke der Traum eines Lebens in Freiheit und
Wohlstand für alle in greifbare Nähe gerückt schien, wurde unüber-
sehbar, daß auch der Kapitalismus – der „Sieger des historischen Sys-
temstreits“ – an einem krisenhaften Punkt seiner Adaptionsfähigkeit
angelangt ist. Der augenscheinlichste Indikator dieser Krise zeigt sich
in der abnehmenden Fähigkeit zur Vernutzung menschlicher Arbeits-
kraft im Rahmen der wirtschaftlichen Prozesse. In der gesamten in-
dustrialisierten Welt können heute hohe und – über längere Zeiträume
betrachtet – durchwegs steigende Arbeitslosenraten beobachtet wer-
den. Parallel zu diesem Ansteigen der statistisch ausgewiesenen Ar-
beitslosigkeit läßt sich auch ein rasantes Anwachsen der „Langzeitar-
10 Die Arbeit hoch?

beitslosen“ verzeichnen. Schließlich wächst auch noch die Zahl soge-


nannter „prekärer Arbeitsverhältnisse“ (Teilzeitjobs, befristete und
arbeitsrechtlich wenig abgesicherte Beschäftigungen, „Arbeit auf
Abruf“, Beschäftigungen mit Bezahlungsbedingungen an der Armuts-
grenze und ähnliches) rapid an.
Diese Entwicklung wurde über viele Jahre damit relativiert, daß
sich das kapitalistische Wirtschaftssystem offensichtlich in einer sei-
ner periodisch auftretenden Krisen befinde und die Dinge nach einiger
Zeit mehr oder weniger von selber wieder ins Lot geraten würden.
Zunehmend müssen wir jedoch zur Kenntnis nehmen, daß die derzei-
tige „Krise der Arbeitsgesellschaft“ keine vorübergehende, konjunk-
turbedingte Erscheinung darstellt. Auch bei Wachstumsdaten der
Wirtschaft – die bis jetzt immer von einem Anwachsen des Arbeits-
kräftebedarfs begleitet waren – wächst die Zahl der („mehr oder we-
niger“) Arbeitslosen derzeit weiter an. Zugleich werden Kompensati-
onseffekte, auf die man in der Vergangenheit zählen konnte, heute
immer unwahrscheinlicher. Da sich die technologische Entwicklun-
gen zunehmend auch im Dienstleistungssektor arbeitskräfteeinsparend
auswirken und der Ausbau eines „persönlichen Dienstleistungssek-
tors“ eine nicht vorhandene, ausreichend große Zahl von Personen
voraussetzen würde, die sich solche Dienstleistungen überhaupt leis-
ten können, kann heute auch nicht mehr erwartet werden, daß der
Dienstleistungssektor die freigesetzten Arbeitskräfte aus anderen
Wirtschaftssektoren in größerem Umfang aufnehmen wird. Der seit
der ersten industriellen Revolution andauernde Prozeß, daß der durch
die permanente Erhöhung der Produktivität ausgelöste relativ andau-
ernd sinkende Arbeitskräftebedarf durch einen anwachsenden Bedarf
an lebendiger Arbeit aufgrund der fortschreitenden Ausweitung der
Produktion und des Angebots an Dienstleistungen konterkariert oder
zumindest kompensiert wird, ist offensichtlich an seine „natürlichen“
Grenzen gestoßen. Heute ist kaum mehr zu übersehen, daß das immer
weitere Anwachsen der Masse der produzierten Güter eine Zerstörung
Einleitende Bemerkungen 11

der ökologischen Grundlagen der menschlichen Existenz nach sich


zieht. Neben die Produktivitätssteigerung, als den traditionellen Job-
killer der auf Profit programmierten kapitalistischen Ökonomie, tritt
damit heute zunehmend der „Jobkiller Überlebenschance der
Menschheit“. Damit impliziert die angedeutete Entwicklung jedoch
wesentlich mehr als „bloß“ dramatisch verschlechterte Lebensbedin-
gungen für die vielen bereits unmittelbar von Arbeitslosigkeit oder
verschlechterten sozial- und arbeitsrechtlichen Bedingungen betroffe-
nen Menschen. Sie bedeutet in letzter Konsequenz das Ende des My-
thos, daß es uns durch Arbeit gut geht und durch mehr Arbeit besser
geht.
Wenn heute darüber diskutiert wird, wie unter ökonomischen und
sozialen Gesichtspunkten dem Problem der anhaltend hohen Arbeits-
losigkeit in den Industriestaaten begegnet werden soll und ob durch
Arbeitszeitverkürzung wieder Arbeit für mehr Menschen geschaffen
werden kann, dann geht diese Diskussion am Kern des Problems
weitgehend vorbei. Der Mensch der spätkapitalistisch-bürgerlichen
Gesellschaft arbeitet ja keineswegs nur deshalb, um ökonomisch zu
überleben, er definiert sich über die Arbeit, sie ist das strukturierende
Merkmal seiner Existenz, und sie vermittelt ihm sein Selbstverständ-
nis als Mensch. Ohne gesellschaftlich honorierte Arbeit ist er nicht
„bloß“ in seinem materiellen Dasein gefährdet, ohne eine derartige
Arbeit verliert der heutige Bewohner der industrialisierten Länder
faktisch seine gesamte ideelle Existenzbasis. Wodurch unsere Sozietät
überhaupt erst zu dem geworden ist, was wir heute mit dem Begriff
Arbeitsgesellschaft zusammenfassen, ist die – mit jedem Generations-
schritt reibungsloser ablaufende – allgemeine Verinnerlichung eines
„aus sich selbst“ begründeten Werts des Arbeitens jenseits „bedürf-
nisorientierter Notwendigkeiten“. Die gegenwärtige Verringerung des
Gesamtausmaßes der zur Verfügung stehenden, gesellschaftlich hono-
rierten Arbeit ist – um noch einmal am anfangs erwähnten Bild vom
„Kapitalismus als Religion“ anzuschließen – somit mit dem Verbot
12 Die Arbeit hoch?

einer identitätsstiftenden Kulthandlung vergleichbar und kann dem-


entsprechend von den Gesellschaftsmitgliedern nur im Sinne einer
massiven psychischen Destabilisierung wahrgenommen werden.
Somit bleibt – selbst wenn es durch einen sozialen Umbau der Ge-
sellschaft möglich wäre, die materiellen Probleme, die mit der sukzes-
siven Verringerung der Arbeitsplätze verbunden sind, in den Griff zu
bekommen – die Tatsache bestehen, daß wir allesamt „verlernt“ ha-
ben, ohne Arbeit und in Muße zu leben. Denn auch das, was wir heute
als Frei-Zeit bezeichnen, unterliegt ja in jeder Hinsicht denselben
Strukturen wie die Arbeitserbringung im Rahmen der Profitökonomie.
Es handelt sich dabei keineswegs um eine unverzweckte Muße-Zeit,
die einem „inneren Bedürfnis“ folgend gelebt wird – Freizeit unter-
liegt im selben Maß wie die Arbeit den Bedingungen der Entfrem-
dung. In der Arbeitsgesellschaft ist die von entlohnter Arbeitsveraus-
gabung freigehaltene Zeit in hohem Maß gleichzusetzen mit Konsum,
stellt damit aber auch bloß die Kehrseite der Vernichtung der ökologi-
schen Lebensgrundlagen durch Arbeit dar. Es ist wohl unbestreitbar,
daß eine Ausweitung der extensiven Freizeitgewohnheiten von Euro-
päern und Amerikanern auf die restliche Menschheit genauso katast-
rophale ökologische Auswirkungen hätte wie die Verallgemeinerung
dessen, was wir Lebensstandard nennen. Auch im Hinblick auf ihre
„ökologische Unverträglichkeit“ können Freizeit und Arbeit als sia-
mesisches Zwillingspaar bezeichnet werden. Die Freizeit ist in jeder
Hinsicht bloß die präsentable Kehrseite der Arbeit, sie ist mit ihr un-
trennbar verbunden und bietet in ihrem heutigen Verständnis sicher
keinen Ansatzpunkt, das durch die Strukturen der Arbeitsgesellschaft
ansozialisierte Selbstverständnis des Menschen als „homo laborans“
zu relativieren.
Das was weiter vorne als Krise der bürgerlich-kapitalistischen Ge-
sellschaft angesprochen wurde, bedeutet also wesentlich mehr als eine
ökonomische Umbruchssituation, es handelt sich dabei um eine kaum
mehr kaschierbare Krise des gesellschaftlichen Systems selbst. Wenn
Einleitende Bemerkungen 13

der Arbeitsgesellschaft die Arbeit ausgeht, beziehungsweise ökologi-


sche Notwendigkeiten es dem Menschen verunmöglichen, „sein Heil“
weiter in der Arbeit zu suchen, dann wird damit das neuzeitliche
Weltbild vollständig aus den Angeln gehoben. Spätestens an diesem
Punkt muß ersichtlich werden, daß durch das Problem der Verringe-
rung des Gesamtvolumens der gesellschaftlich honorierten Arbeit
auch massiv die Pädagogik betroffen ist. Pädagogik beschäftigt sich
mit Erziehung und Bildung, ihr geht es um die Frage, „wie der
Mensch zum Menschen wird“, welche Begleitumstände es sind, die
ihm helfen, sein humanes Potential zur Entfaltung zu bringen. Eine
Pädagogik, die dabei von der Annahme ausgeht, daß Arbeit eine
„conditio sine qua non“ für den Menschen ist und zum menschlichen
Leben gehört wie „das Salz zur Suppe“ ist untrennbar mit der Ar-
beitsorientierung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft verbun-
den. Sie ist Agent des Arbeitsethos und nicht in der Lage, bei der
Suche nach Orientierungen für eine „Post-Arbeitsgesellschaft“ behilf-
lich zu sein – sie ist paralysiert angesichts der Tatsache, daß Arbeit in
Zukunft immer weniger der organisierende Lebensmittelpunkt der
Menschen wird sein können.
Noch herrscht heute weitgehend der Glaube vor, daß durch ein
besser, das heißt „arbeitsmarktgerechter“ qualifiziertes Humankapital,
durch mehr Engagement, Flexibilität und Mobilität der Arbeitskräfte,
durch neue Arbeitszeitmodelle und ähnliche Maßnahmen die Gefahr,
daß der Arbeitsgesellschaft die Arbeit – ihr bestimmendes Gut – aus-
geht, gebannt werden könne. Noch sind alle Lösungsmodelle für die
Krise der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft getragen vom Ar-
beitsethos und orientieren sich am Modell: „Mehr arbeiten bringt
Segen“. Noch wird ja auch überwiegend die Illusion aufrechterhalten,
daß die Arbeitslosigkeit nur ein temporäres und randständiges gesell-
schaftliches Problem sei und man den heute schon Arbeitslosen durch
geeignete Maßnahmen mittelfristig wieder Arbeit anbieten wird kön-
nen. Neben Schritten zur Ankurbelung des Wirtschaftswachstums
14 Die Arbeit hoch?

lauten wesentliche diesbezügliche Rezepte: Weiterbildung und Um-


schulung. Auf diese Art ist die Pädagogik in höchstem Maße in die
Krisenstrategien zur Aufrechterhaltung des Systems der Arbeitsver-
ausgabung eingebunden. Ihr wird heute geradezu die Schlüsselrolle
bei der Modernisierung des „Humankapitals“ zugewiesen – sie soll
leisten, was Politik längst schon nicht mehr zustandebringt: Indem sie
Handlungsanweisungen für Erziehung und (Aus-)Bildung liefert, die
gewährleisten, daß möglichst schnell (wieder) ein optimal brauchba-
res Arbeitskräftepotential zur Verfügung steht, soll sie den Bestand
des Systems und damit Wohlstand und wirtschaftliche Prosperität
absichern.
Aber wäre es nicht heute, angesichts der Tatsache, daß immer
schwerer an der Erkenntnis vorbeigegangen werden kann, daß die
derzeit heranwachsende Arbeitslosigkeit keine konjunkturellen son-
dern strukturelle Ursachen hat und daß ein Aufrechterhalten der Ar-
beitsverfallenheit der Menschen geradewegs in die ökologische Ka-
tastrophe führt, allerhöchste Zeit, daß die Pädagogik endlich das
Denkkorsett der Arbeitsgesellschaft verläßt? Wäre es nicht höchste
Zeit, daß die Pädagogik ihre eigene Arbeitsorientiertheit kritisch re-
flektiert und sich der Erkenntnis besinnt, daß der Mensch sich nicht
als arbeitender Konsument vom Tier unterscheidet, sondern als den-
kendes, reflexionsfähiges Wesen. Lange können sich die Menschen in
den Industrieländern wohl nicht mehr um die Erkenntnis drücken, daß
es heute nicht bloß um irgendwelche ökologische Teilkorrekturen des
ökonomischen Systems geht, sondern daß – wenn die Überlebens-
chancen auf diesem Planeten nicht endgültig verspielt werden sollen –
es mit dem Ende der Ära des energie- und ressourcenvergeudenden,
exzessiven Konsums auch notwenig wird, von der Arbeitsgesellschaft
endgültig Abschied zu nehmen. Für die Bewohner der Industriegesell-
schaften gilt es heute, eine Orientierung zu finden, die jenseits der
Verzweckung durch Arbeit und Konsum liegt. Die Pädagogik als jene
Disziplin, in deren Zentrum die Frage nach den Bedingungen der
Einleitende Bemerkungen 15

Möglichkeit von „Bildung“ steht – einer Größe, die zwar nie losgelöst
von gesellschaftlichen Bedingungen gefaßt werden kann, aber den-
noch nur Sinn gibt, wenn sie in ihrer konkreten Auswirkung über den
gesellschaftlichen Status quo hinausweist –, ist aufgerufen, ihren Bei-
trag zu dieser notwendigen Neuorientierung zu leisten. Dazu wird es
erforderlich sein, den pädagogischen Stellenwert des Arbeitens radi-
kal zu hinterfragen und sich im Gegenzug des pädagogischen Stel-
lenwerts der Muße (neu) zu besinnen. Für eine Pädagogik, die sich in
ihrer Aufgabe als Hebamme humaner Entwicklung ernst nimmt,
scheint es heute hoch an der Zeit, sich von der „Ideologie der Arbeit“
zu emanzipieren.
Allerdings darf dabei auch nicht so getan werden, als ob, unabhän-
gig vom ökonomisch vermittelten Arbeitszwang, der Mensch sein
Verhältnis zur Arbeit frei definieren könne. Ein heute anstehendes
Besinnen der Pädagogik auf den Wert der Muße für die Entwicklung
des autonomen Individuums muß dementsprechend verbunden sein
mit einer Reflexion der gesellschaftlich-ökonomischen, also der poli-
tischen Rahmenbedingungen, unter denen die Sozialisierung zum
„Arbeits- und Konsumtier“ erfolgt. Ein bloßes pädagogisches Neu-
entdecken der „Muße als bildende Kraft“ ist genauso scheinheilig wie
eine Pädagogik, die sich unkritisch in den Dienst der Requalifizierung
der Krisenopfer stellen läßt, ohne gemeinsam mit den Betroffenen
nach Antworten auf die zugrundeliegenden, systembegründeten Ursa-
chen der Krise zu suchen. Ein idealistisch-wertfreies pädagogisches
Besinnen auf die Muße bleibt zahnlos und heuchlerisch angesichts der
Tatsache, daß die (Über-) Lebensmöglichkeiten der Menschen in der
bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft auf das engste mit Lohnarbeit
verbunden sind. Das Denkkorsett der Arbeitsgesellschaft zu verlassen
bedeutet mehr als ein appellatorisches Einfordern einer Mußeorientie-
rung des Menschen, es bedeutet, die „politische Funktion“ der Ar-
beitsgesellschaft in den Focus einer, auch die eigene Disziplin selbst-
16 Die Arbeit hoch?

kritisch durchleuchtenden pädagogischen Reflexion zu nehmen und


die Arbeitsgesellschaft auf ihre Nutznießer zu hinterfragen.
Im vorliegenden Buch soll ein Ansatz in diese Richtung unter-
nommen werden. Es wird versucht, ein Hinterfragen der Arbeitsorien-
tiertheit der Pädagogik mit einer kritischen Reflexion der diese be-
stimmenden politisch-ökonomischen Verhältnisse zu verknüpfen.
Grundlage der Überlegungen ist die Annahme (die durchaus auch auf
die im gegenständlichen Buch vertretenen Gedanken anzuwenden ist),
daß die Entwicklung und Durchsetzung von pädagogischen Theorien
nicht allein aus dem Binnenraum der Pädagogik begriffen werden
kann, sondern daß zu ihrer Deutung immer auch die Mitberücksichti-
gung der je parallel auftretenden historisch-politischen Konstellatio-
nen erforderlich ist. Pädagogik und gesellschaftliche Verfaßtheit wer-
den zueinander in einer dialektisch vermittelten Beziehung wahrge-
nommen; eine Wechselbeziehung, die allerdings dann in politische
Verzweckung der Pädagogik umschlägt, wenn sich diese ihrer politi-
schen Bedeutung nicht bewußt ist und ihr Erkenntnisinteresse nicht
selbst unter politischen Gesichtspunkten reflektiert. In diesem Sinn
wird die Tatsache, daß gerade heute unter wohlklingenden Stichwör-
tern wie „Schlüsselqualifikationen“, „Handlungsorientierung“ oder
„Ganzheitlichkeit“ am (berufs-)pädagogischen Theoriegebäude weit-
gehende Um- und Neubauten vorgenommen werden, als Herausforde-
rung ersten Ranges zur Reflexion (berufs-)pädagogischer Begrün-
dungsprämissen gesehen. Dies insbesondere deshalb, als die neuen
pädagogischen Paradigmen nahezu ausschließlich unter dem Aspekt
des Reagierens auf politisch-ökonomische Veränderungsprozesse
legitimiert werden, was nichts anderes als ein verstecktes Bekenntnis
zur anwachsenden Verzweckung von Bildungsprozessen für die Auf-
rechterhaltung des ökonomisch-gesellschaftlichen Ist-Zustands und
somit einen (weiteren) Verlust an pädagogischer Legitimation signa-
lisiert.
Einleitende Bemerkungen 17

Nach dem vorher Gesagten braucht kaum mehr darauf hingewie-


sen werden, daß der vorliegende Text in Anerkenntnis einer „kriti-
schen Pädagogik“ verfaßt wurde und getragen ist von der Vision einer
radikalen Humanisierung und Demokratisierung der gesellschaftli-
chen Verhältnisse, die ohne ein gleichzeitiges Interesse an einer Ver-
änderung der ökonomischen Prämissen der Arbeitsgesellschaft bloße
Ideologie wäre. Er stellt einen Versuch dar, Ansätze für die Lösung
pädagogischer Grundfragen im gesellschaftlichen Kontext zu entwi-
ckeln. In diesem Sinn kann er auch als ein Beitrag dafür verstanden
werden, der Bildungsidee jene politische Brisanz wiederzugeben, die
sie beim letzten großen Umbau des politisch-ökonomischen Systems
– am Übergang zur bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft – innehat-
te.
1. ZUM ZUSAMMENHANG VON ARBEIT, BILDUNG
UND POLITISCH-ÖKONOMISCHEM SYSTEM

Es gibt kein Land und kein Volk, meine ich, das


dem Zeitalter der Muße und des Überflusses ohne
Furcht entgegensehen könnte. Denn wir sind zu
lange dazu erzogen worden, nach Leistung zu
streben; wir haben nicht gelernt, wie man das Da-
sein genießt.
John Maynard Keynes

Unbestreitbar stellen „Arbeit“ und „Arbeiten“ in den industriali-


sierten Gesellschaften heute zutiefst positiv besetzte Begriffe dar. Die
Bereitschaft zur Arbeitsverausgabung gilt als ein ganz wesentliches
Kennzeichen eines „achtenswerten“ Menschen, und für die Majorität
der Bewohner der Industriegesellschaften stellt Arbeit gewissermaßen
auch jenes selbstverständliche „Geländer“ dar, an dem entlang ihr
Leben organisiert ist. Unsere durch Arbeit artikulierte Tüchtigkeit
sowie die der Generationen vor uns erscheint uns gemeinhin als die
Basis des gesellschaftlichen Wohlstands und dient uns zugleich als
Abgrenzung gegenüber Kulturen, in denen Arbeit (noch) nicht jene
herausragende Bedeutung genießt wie bei uns. Insgesamt können wir
heute konstatieren, daß in unserer Gesellschaft eine Entwicklung ihre
Erfüllung gefunden hat, die in der frühen Neuzeit ihren Anfang ge-
nommen hatte, mit den bürgerlichen Revolutionen des achtzehnten
und neunzehnten Jahrhunderts ihre grundlegende gesellschaftliche
Legitimation erhalten hatte und schließlich um die Wende des neun-
zehnten zum zwanzigsten Jahrhundert unter tatkräftiger Unterstützung
Arbeit, Bildung und politisch-ökonomisches System 19

der Arbeiterbewegung endgültig zum Durchbruch gelangt war – der


Sieg des bürgerlichen Leistungsstrebens gegenüber der feudalen, pa-
rasitären Faulheit.
Die Wurzeln der heutigen Wertschätzung der Arbeit reichen bis in
die Renaissance zurück. Damals begann in den entwickelten Kulturen
Europas ein Prozeß, der sich als Emanzipation des Menschen von der
Vorstellung eines schicksalhaften Ausgeliefertseins an Natur und
Vorsehung bezeichnen läßt. Es kam zu einer Abkehr vom bis dahin
dominierenden augustinischen Menschenbild, wo wahre Tugend jen-
seits dessen angesiedelt war, was der Mensch aufgrund eigener Kraft
erreichen kann und tugendhaftes Verhalten demgemäß nicht als Effekt
eigenen Bemühens, sondern nur als Ausfluß göttlicher Gnade denkbar
erschien. Im Rückgriff auf antike Vorstellungen begann sich zuneh-
mend ein „Vertrauen in die Freiheit und Stärke der menschlichen
Natur“ durchzusetzen. Das Besondere am Menschen wurde nun im-
mer weniger in seiner unsterblichen Seele gesehen, sondern „in seiner
Fähigkeit, sein Schicksal durch Intelligenz und Willenskraft zu
bestimmen“1. Die damit implizierte Vorstellung von der Machbarkeit
menschlicher Geschichte – das wesentliche Kennzeichen der Moderne
– ist jener Hintergrund, auf dem eine zunehmende Verteufelung der
Faulheit und die Würdigung der Arbeit Platz greifen konnte. Aktivität,
im Sinne des Herstellens gewünschter Wirklichkeit, begann sich als
anstrebenswerte Seinsform zu etablieren. Zunehmend setzte sich das
Bewußtsein der Notwendigkeit durch, die – vordem als endgültig
angesehene – „Schöpfung“ nach menschlichem Willen umzugestalten
und zu verbessern. An die Stelle „der »Natürlichkeit« der Wahrheit
trat die Wahrheit als Ergebnis von »Arbeit«“2.

1 Vgl.: Bauer, L./Matis, H.: Geburt der Neuzeit. Vom Feudalsystem zur Marktge-
sellschaft. München 1988, S. 171f. und 174f.
2 Blumenberg, H. Zit. nach: Fischer, Der Mensch – animal laborans? Philosophi-
sche und pädagogische Rückfragen zur neuzeitlichen Karriere der „Arbeit“. In:
Fischer: Unterwegs zu einer skeptisch-transzendentalkritischen Pädagogik. Sankt
Augustin 1989, S. 183.
20 Die Arbeit hoch?

Als Folge davon, daß der Mensch die real vorfindbare Welt nun
nicht mehr als die – entsprechend unbegreiflich-göttlichem Ratschluß
– vollkommenste aller möglichen Welten interpretierte, hatte er sich
zwar befreit von der Unterworfenheit unter die Bedingungen der Vor-
sehung, war nun jedoch genötigt, durch vorausschauende Erkenntnis
und tätiges Tun in diese Schöpfung einzugreifen. Die Aufgabe des
Menschen stellte sich nicht mehr darin dar, das Joch der vorfindbaren
Bedingungen akzeptierend zu (er-)tragen, sondern darin, sich in der
Welt zu bewähren, indem er diese „nach seinem Willen“ gestaltet. Die
vorfindbare, von Gott dem Menschen zur „Vervollkommnung“ über-
lassene Welt galt es ab nun zu verbessern. Damit erschloß sich aber
für die vormals eher geschmähte Arbeit eine völlig neue Dimension.
Galt sie im Mittelalter als ein Aspekt der von Gott auferlegten, dies-
seitigen Existenz, als unausweichliche Notwendigkeit des Überlebens,
aber dem geistlichen Leben und der Frömmigkeit selbstverständlich
untergeordnet, tritt sie nun in das Zentrum der menschlichen Sinnsu-
che.
„Wenn die gegebene Welt nur ein zufälliger Ausschnitt aus dem
unendlichen Spielraum der Möglichkeiten ist, wenn die Sphäre der
natürlichen Fakten keine höhere Rechtfertigung und Sanktion mehr
ausstrahlt“ und es dementsprechend als Aufgabe erscheint, „nicht nur
das Wirkliche vom Möglichen her zu beurteilen und zu kritisieren,
sondern auch durch Realisierung des Möglichen […] das nur Fakti-
sche aufzufüllen“3, also ordnend in die gegebene Welt einzugreifen,
dann wird Arbeit zur Schlüsselgröße des Lebens. „Durch Arbeit recht-
fertigt sich das Leben als einbezogen in den Prozeß, das Vorfindliche
und Ereignishafte […] nicht länger letztlich hinzunehmen als Gewäh-
rung oder Heimsuchung, sondern […] rückhaltlos in den Griff zu
bekommen und aus oder mit ihm das zu machen, was dem Glück des
Menschen oder was auch immer als kollektives oder individuelles

3 Ebda., S. 186.
Arbeit, Bildung und politisch-ökonomisches System 21

Fortschrittsziel angepeilt wird, zustattenkommt.“4 Die Bestimmung


des Daseins erfüllt sich dann über Arbeit; durch sie – und letztendlich
nur durch sie – erhält das menschliche Leben dann Sinn, allerdings
„in der Paradoxie, daß Arbeit stets auf etwas bezogen ist, was ihr in
der Zukunft vorausliegt“5.
Mit dem Ziel des Herstellens gewünschter Wirklichkeit tritt so-
wohl der Begriff „Fortschritt“ als auch die „Erziehung“ im modernen
Sinn in die Welt. Indem die am Jenseits orientierte Teleologie an Be-
deutung verliert, wird der traditionelle Tugendbegriff seines ursprüng-
lichen Sinns entleert und erfährt eine radikale Veränderung im Hin-
blick auf die nunmehrige Orientierung an einer wünschenswerten
Welt. Er wandelt sich zu einer, den jeweiligen gesellschaftlichen
Zielvorstellungen geschuldeten, lehr- und lernbaren Moral. Die
Selbstbefreiung des Menschen aus der Begrenztheit durch die Vorse-
hung kann somit als die „Geburtsstunde von Erziehung und Erzie-
hungstheorie“6 bezeichnet werden. Sowohl unter quantitativen als
auch unter qualitativen Gesichtspunkten läßt sich „Erziehung“ dem-
entsprechend eindeutig als ein den Paradigmen der Neuzeit verhafte-
tes Phänomen charakterisieren, ihr Bedeutungsgewinn erfolgte paral-
lel zur „Entdeckung der Kindheit“ in der sich zunehmend herausbil-
denden bürgerlichen Gesellschaft 7. Nun erst wurde die Kernfrage der
Pädagogik, „wer der Mensch ist, wie er sein kann und sein soll“ zu
einer gesellschaftlichen Problemstellung, und nun wurde es auch
wichtig, daß Menschen lernen, ihr Verhalten im Sinne einer gesell-

4 Ebda,, S. 186.
5 Ebda., S. 186.
6 Vgl. Erich Weniger, der die „Geburtsstunde der pädagogischen Theorie“ sinn-
gemäß in der „Loslösung des Menschen aus der ständischen Gebundenheit“ or-
tet. Weniger, Zur Geistesgeschichte und Soziologie der Pädagogischen Fragestel-
lung. In: Röhrs (Hg.), Erziehungswissenschaft und Erziehungswirklichkeit,
19672, S. 358.
7 Vgl. Rutschky, Schwarze Pädagogik. Quellen zur Naturgeschichte der bürgerli-
chen Pädagogik. Frankfurt a.M./Berlin/Wien 1977, S. XXI.
22 Die Arbeit hoch?

schaftlich festgelegten Zielvorstellung von Fortschritt zu modifizie-


ren. Der moderne Begriff von Erziehung ist untrennbar mit der Idee
des durch aktives Eingreifen in die Geschichte vermittelten Fort-
schritts – und somit auch mit der neuzeitlichen Einstellung zur Arbeit
– verknüpft.
Die durch das Heraustreten aus der „Begrenzung durch Natur und
Vorsehung“ gewonnene Freiheit zwingt den Menschen, sich nun
selbst unter das Diktat von Arbeit und Leistung zu stellen sowie He-
ranwachsende durch „Erziehung“ zur Übernahme der jeweiligen ge-
sellschaftsrelevanten Werte, Normen und Verhaltensmuster zu brin-
gen. Erziehungstheorie stand dementsprechend auch – wie zum Bei-
spiel durch Katharina Rutschky nachgewiesen – von Anfang an unter
der Not, Rechtfertigungslehre für die den jeweiligen „Fortschrittsvor-
stellungen“ geschuldete Erziehungspraxis zu sein. Der Rekurs darauf,
„was die pädagogischen Begriffe von Anfang an versprochen haben:
daß Erziehung geschehe um des »Ausgangs des Menschen« »aus der
Vormundschaft der Natur in den Stand der Freiheit« (Kant) willens“8
kettet sie untrennbar an die je gültige Vorstellung des „befreiten“
Menschen und macht sie damit zum Agenten des „Über-Ichs“.
Rutschky führt in diesem Zusammenhang aus: „Noch ihre kritische
Kraft gegenüber gesellschaftlichen Forderungen und Mißständen, jene
Differenz von Erziehung und Gesellschaft, auf die sich fortschrittliche
Pädagogik immer wieder beruft – hat sie jeweils gewonnen aus der
lediglich avancierteren beziehungsweise rigideren Interpretation der
naturwüchsig von der Gesellschaft produzierten Normen, nicht aus
der Parteinahme für die von jenen Mißständen Betroffenen.“9
Die radikale Neuinterpretation der Bedeutung der Arbeit im Rah-
men der menschlichen Existenz schuf die Voraussetzung dafür, daß
Arbeit in den Rang der zentralen Bezugsgröße für Erziehung aufrük-
ken konnte. Wenn Arbeit nicht den Überlebensnotwendigkeiten ge-

8 Ebda., S. XXIII.
9 Ebda., S. XXIV.
Arbeit, Bildung und politisch-ökonomisches System 23

schuldetes Übel, sondern Bestimmungsmerkmal des Menschlichen


am Menschen ist, wenn – wie es Friedrich Engels später pointiert
ausgedrückt hat – es die Arbeit ist, die „den Affen zum Menschen“
macht, dann ist die logische Konsequenz, daß Arbeit und ihre Anfor-
derungen zum Bezugspunkt der Zielbestimmung von Erziehung be-
ziehungsweise Bildung10 werden. Dementsprechend war die Ge-
schichte des neuzeitlich-pädagogischen Denkens auch von Beginn an
untrennbar verbunden mit der sich seit Ende des Mittelalters heraus-
bildenden Veränderung des Stellenwerts der Arbeit im Bewußtsein
der Menschen.
Schon im siebzehnten Jahrhundert war Bildung durch Johann A-
mos Comenius in ein untrennbares Naheverhältnis zu „Arbeit“ und
„Zucht“ gesetzt worden. In seiner „Großen Didaktik“ forderte er
1657, daß Schulen „nichts anderes sein [sollen] als Werkstätten, in
denen tüchtig gearbeitet wird“ und man demgemäß „die Kinder zur
Arbeit und beständiger Beschäftigung anhalten [muß], damit sie Mü-
ßiggang nicht mehr ertragen können“.11 Er, dessen Denken durch die
von den Hussiten ausgelöste Emanzipationsbewegung beeinflußt war
und sich deutlich von der mittelalterlichen Vorstellung der „Prädesti-
nation“ des Menschen abhob, entwikkelte die Überzeugung, daß das

10 Der Bildungsbegriff wurde zwar verschiedentlich dafür verwendet, um – im


Gegensatz zur Unterordnung des Menschen unter die Arbeitszucht durch Erzie-
hung – die kritische Auseinandersetzung mit den Gegebenheiten von Welt und
Gesellschaft, die Emanzipation zu Freiheit und Eigengestaltung als primäres pä-
dagogisches Ziel herauszustellen. Diese begriffliche Unterscheidung zwischen
Erziehung und Bildung, die im wesentlichen auf den klassischen Bildungsbegriff
von Humboldt Bezug nimmt, kann jedoch durchaus nicht als pädagogisch-
begrifflicher Standard bezeichnet werden. Genauso wie die beiden Begriffe fall-
weise synonym verwendet wurden, gab es auch Phasen einer Betonung des einen
oder anderen Begriffs, wobei der Bildungsbegriff durchaus nicht immer von der
Orientierung am Arbeitsethos befreit war.
11 Comenius, J.A.: Große Didaktik (1657), zit. nach Nahrstedt, W.: Arbeit – Muße
– Mündigkeit. Perspektiven für eine „dualistische“ Anthropologie zur Überwin-
dung der „Krise“. In: Zeitschrift für Pädagogik, 19. Beiheft, Weinheim und Basel
1985, S. 115.
24 Die Arbeit hoch?

Reich Gottes nicht „ad hoc, als Spontanvorgang“ erreicht werden


kann, sondern „über Mühe und Arbeit erworben werden [muß], die
der Lernprozeß widerspiegelt“.12 Comenius kann damit als ein erster
Wegbereiter kapitalistisch-bürgerlichen Leistungsdenkens bezeichnet
werden, wenngleich in anderen Teilen seines Werkes nur allzu deut-
lich erkennbar ist, daß seine Utopie wesentlich weiter ging und „im
Untergrund einer Erwartung“ bleibt, „die den Konkurrenzkapitalis-
mus hinter sich läßt“.13
In der Epoche der Aufklärung rückt Arbeit in den Rang einer zent-
ralen anthropologischen Größe auf. Die Fähigkeit des Menschen zu
arbeiten, also „etwas Nützliches mit Einsicht und Vorsatz zu tun“14,
wurde als emanzipatorische Möglichkeit erkannt – die Verknüpfung
von Arbeit und Bildung war die logische Folge. Für das Bürgertum,
das nur über den Abbau der Vorstellung von der vorherbestimmten
gesellschaftlichen Positionsverteilung an die politische Macht gelan-
gen konnte, wurde Bildung im Sinne eines Beförderns des „Vernunft-
prinzips“ zum wesentlichen Motor seiner Emanzipationsbestrebun-
gen. „Der Bildungsbegriff […] war die Fortsetzung des politischen
Kampfes des Bürgertums mit pädagogischen Mitteln.“15 Eine dem an
die Macht drängenden Bürgertum „vernünftig“ geltende Gesell-
schaftsordnung war eine solche, in der die Arbeitsleistung, die der
einzelne für das Gemeinwohl zu erbringen bereit ist, über die erreich-
bare gesellschaftliche Position bestimmt und nicht die durch Geburt
determinierte Standeszugehörigkeit. „Vernünftig“ wurde damit zum
Synonym für Quantifizierbares, Meß- und Zählbares und eine Bil-
dung, in deren Mittelpunkt ein derart „ökonomisiertes“ Vernunftprin-

12 Koneffke G./Heydorn H.J.: Pädagogik der Aufklärung. München 1973, S. 22.


13 Ebda., S. 25.
14 Villaume, Peter: Geschichte des Menschen. Leipzig 1788. Zit. nach: Heydorn,
H.J.: Über den Widerspruch von Bildung und Herrschaft, Bildungstheoretische
Schriften Bd. 2, Frankfurt a.M. 1979.
15 Gamm, H.J.: Einführung in das Studium der Erziehungswissenschaft. München
1974, S. 149.
Arbeit, Bildung und politisch-ökonomisches System 25

zip steht, tendenziell zu einer Bildung, bei der es um die Vermittlung


von Qualifikationen und Verhaltensweisen geht, die in Arbeitsprozes-
sen „verwertbar“ sind. Das ist gemeint, wenn Herwig Blankertz fest-
stellte, daß die Aufklärungspädagogik „eo ipso Berufserziehung“ war
– nicht in bezug auf die Installierung von Berufsausbildung in unse-
rem heutigen Verständnis, sondern im Hinblick darauf, „daß Fragen
der ökonomischen Nützlichkeit, verbunden mit Fragen der staatsbür-
gerlichen Verläßlichkeit, hier erstmals eine größere pädagogische
Relevanz erhielten“16. Bildung mutierte zur Förderung der Bereit-
schaft zur Arbeitsverausgabung.
Ganz in diesem Sinne postulierten die „Aufklärungspädagogen“
des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts, daß menschliche Voll-
kommenheit durch Erziehung zu industriöser Tüchtigkeit, zu Brauch-
barkeit und Nützlichkeit zu erreichen sei. Die Integration des Men-
schen unter die Bedingungen der frühen Industrie wurde von ihnen
damit – ohne jede Relativierung im Hinblick auf Art und Ziel des
Arbeitens in diesem System – zur Zielsetzung pädagogischen Bemü-
hens hochstilisiert.17 Damit war endgültig der Grundstein für eine
pädagogische Denktradition gesetzt, die mit der Vorstellung von der
„Bildung durch Arbeit“ das griechische „scholé“ – das Wort für Muße
(das, trotz einer zwischenzeitlichen Realität, die dem Begriff hohn
spricht, in unserem Begriff „Schule“ fortlebt) – radikal in sein Gegen-
teil wendete. In den populärpädagogischen Schriften der damaligen
Zeit wurde das neue Erziehungsziel dann entsprechend deutlich unters
Volk gebracht. So hieß es beispielsweise im „Erziehungsratgeber“
Robinson der Jüngere von Joachim Heinrich Campe: „Eltern, wenn
ihr eure Kinder liebt, so gewöhnt sie ja frühzeitig zu einem frommen,

16 Gruber, E.: Bildung zur Brauchbarkeit? Berufliche Bildung zwischen Anpassung


und Emanzipation. München/Wien 1995, S. 122.
17 Vgl. insbesonders: Blankertz, H.: Die Geschichte der Pädagogik. Von der Auf-
klärung bis zur Gegenwart. Wetzlar 1982, S. 56ff., sowie Gruber, a.a.O., S.
161ff.
26 Die Arbeit hoch?

mäßigen, arbeitsamen Leben!“ und weiter: „Kinder […] hütet euch –


o hütet euch – vor Müßiggang, aus welchem nichts als Böses
kommt!“18; Jean-Jacques Rousseau formulierte in seinem Erziehungs-
roman Emile: „Arm oder reich, mächtig oder schwach, jeder müßige
Bürger ist ein Schmarotzer“; und die beiden ersten der 1849 formu-
lierten „Zehn Gebote“ der „Arbeiterverbrüderung“ lauteten strikt: „Du
sollst arbeiten“ und „Du sollst keinen Müßiggang neben dir dulden“19.
Bis etwa zur Wende des achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert
war die Arbeit in die Position der zentralen gesellschaftlichen Be-
zugsgröße aufgestiegen. „Fleiß war nun nicht mehr allein eine Tugend
der kleinen Leute, auch die Oberschichten hatten, wenngleich auf
andere Weise, zu arbeiten. Es begann jener merkwürdige Wettlauf um
die Visitenkarte des Arbeitenden. Auch Tätigkeiten, die bisher kein
Mensch als Arbeit angesehen hatte – künstlerische Produktion, wis-
senschaftliche Forschung, Liebesgeschäfte, artistische und sportliche
Leistungen –, rückten in den Kreis der »Arbeit« ein.“ Die geistige
Arbeit – „verbunden mit der Übertragung des Arbeitsrhythmus und
Arbeitsstils der industriellen Handarbeit auf die Tätigkeiten des Arz-
tes, Pfarrers, höheren Beamten, Kaufmanns und selbstverständlich
auch des Unternehmers“20 – war entdeckt. Wesentlichen Anteil an der
gesellschaftlichen Verankerung des bürgerlichen „Emanzipationsbeg-
riffs“ Arbeit hatte Bildung, die in diesem Sinn von Hans-Jochen
Gamm auch als „Kampfparole“21 des an die Macht drängenden Bür-
gertums bezeichnet wird .

18 Campe, J.H.: Robinson der Jüngere. Ein Lesebuch für Kinder, 1. und 2. Teil,
Dortmund 1978 (1860), S. 202.
19 Zit. nach Asholt, W./Fähnders, W. (Hg.): Arbeit und Müßiggang 1789-1914.
Dokumente und Analysen. Frankfurt a.M. 1991, S. 10.
20 Wilhelm, Th.: Das Arbeitsethos der Gegenwart im Lichte der deutschen Bil-
dungsüberlieferung. In: Straatmann/Bartel (Hg.): Berufspädagogik. Ansätze zu
ihrer Grundlegung und Differenzierung. Köln 1975, S. 97.
21 Gamm 1974, a.a.O., S. 145.
Arbeit, Bildung und politisch-ökonomisches System 27

Parallel und in Abgrenzung zur „Theorie der Bildung durch Ar-


beit“ entstand jedoch auch der konträre Ansatz – die Vorstellung, daß
die (frühzeitige) Verzweckung des Menschen unter die Notwendig-
keiten der Arbeit seiner Bildung hinderlich und seine Entfaltung nur
„durch Muße in Freiheit“ möglich sei. Der „klassische Bildungsbeg-
riff“ Wilhelm Humboldts ist wesentlicher Ausdruck und Grundlage
dieser pädagogischen Denktradition. Durch ihn und andere Exponen-
ten des Neuhumanismus wurde der in der Aufklärungspädagogik ver-
tretene Anspruch einer Einheit von Arbeit und Bildung entschieden
zurückgewiesen. In Orientierung am Ideal des klassisch-griechischen
Menschentums, von dem postuliert wurde, daß es durch allseitige
Entfaltung seiner Anlagen und Kräfte zu seiner vollkommenen Gestalt
gelangt sei, wurde eine Erziehung zur menschlichen Vollkommenheit,
die eben nur in Freiheit von den Ansprüchen der Welt, der Zwecke
und der Nützlichkeit zu erreichen sei, proklamiert.
Kritische Auseinandersetzung, nicht bloße Anpassung an Welt und
Gesellschaft, Emanzipation zu persönlicher Freiheit und Mündigkeit
war das deklarierte Ziel der neuhumanistischen Pädagogik – mit äs-
thetischer und literarischer (Allgemein-)Bildung sollte der Weg dort-
hin geebnet werden. Allgemeinbildung wurde zur Bildung schlechthin
erklärt und eine Orientierung an der Welt der Arbeit dementsprechend
rigoros abgelehnt.22 Statt dessen wurde für jeden Menschen eine an-
fängliche allgemeine Bildung gefordert, die Voraussetzung und

22 Nicht ohne Sarkasmus weist Dikau (unter Bezugnahme auf Blankertz) allerdings
darauf hin, daß die Ablehnung des Neuhumanismus gegenüber der aufklärungs-
pädagogischen Zielsetzung, einer „Erziehung zu Brauchbarkeit und Nützlich-
keit“, ihren pointiertesten Exponenten, Wilhelm von Humboldt, allerdings nicht
hinderte im „Litauischen Schulplan“ zu formulieren, „daß »jede Beschäftigung«
(also beispielsweise auch das Tischemachen) »den Menschen zu adeln« vermö-
ge: »Nur auf die Art, wie sie betrieben wird, kommt es an«, und auf die Mög-
lichkeit, damit humane Vollendung zu bewirken.“ Dickau, J.: Zum Verhältnis
von Arbeit und Bildung in historischer Perspektive. Referat auf dem 9. Kongreß
der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft am 27. März 1984 in
Kiel, Vortragsmanuskript, S. 14.
28 Die Arbeit hoch?

Grundlage sowohl für die spätere berufliche Ausbildung als auch für
die verantwortliche Mitgestaltung an der Welt durch mündige Indivi-
duen sein sollte. Mit dieser kritischen Qualität des Bildungsbegriffs
einerseits, verbunden mit der Abschottung von Bildung gegenüber
berufsrelevanten Inhalten andererseits, war der Weg geebnet für die
begriffliche Trennung von Bildung und Ausbildung; Bildung verstan-
den als Befähigung zu freiem Urteil und zu Kritik – Voraussetzung
für Emanzipation und Personalisation, Ausbildung als Anpassung an
vorgegebene Lebensverhältnisse – Grundlage für Entfremdung und
Ausbeutung. Die Distanz des Neuhumanismus zu gesellschaftlichen
Herrschaftsansprüchen und das idealistisch-humanistische Postulat
der Abschirmung der Bildung von gesellschaftlicher Verzweckung
hatte den der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft innewohnenden
„Widerspruch zwischen Bildung und Herrschaft“23 freigelegt.
Noch heute wird das Bildungsideal des Neuhumanismus in der
gymnasialen Allgemeinbildung tradiert, und die humanistischen Bil-
dungsvorstellungen sind bis in die Gegenwart Orientierung und Aus-
gangspunkt unzähliger pädagogisch-theoretischer Erörterungen. Den-
noch kann festgestellt werden, daß nicht die Idee von der Entfaltung
des Menschen durch die zweckfreie Beschäftigung mit dem Wahren,
Guten und Schönen die gesellschaftliche Realität der Bevölkerungs-
mehrheit in den letzten beiden Jahrhunderten geprägt hat, sondern die
Vorstellung, daß es die Arbeit ist, die den Menschen zum Menschen
macht und daß demgemäß auch die Zielsetzungen für Erziehung und
Bildung aus den gesellschaftlichen Arbeitsanforderungen herzuleiten
seien.
Wie schon skizziert, war die Überhöhung der Arbeit zum Garanten
für Fortschritt, Vernunft und Aufklärung, für gesellschaftliches und
individuelles Glück24 die grundlegende ideologische Basis der sich im
achtzehnten Jahrhundert herausbildenden bürgerlichen Gesellschaft

23 Heydorn, a.a.O.
24 Vgl. Asholt/Fähnders, a.a.O., S. 9f.
Arbeit, Bildung und politisch-ökonomisches System 29

und ein wesentlicher Aspekt ihrer Abgrenzung vom „Ancien règime“.


Müßiggang wurde als Lebensform der feudalen Klasse gebrandmarkt,
Arbeit zu „des Bürgers Zierde“25 hochgelobt und Fleiß und Leistung
zu den Grundwerten des durch Arbeitszucht konstituierten „homo
faber“ idealisiert. Zum gesellschaftlichen Leitbild wurde der arbeit-
same Mensch, der danach trachtet, aus innerem Antrieb jede Gele-
genheit zur unnützen Muße zu vermeiden. Allerdings wurde im Ge-
folge des wirtschaftlichen Erstarkens des Bürgertums im neunzehnten
Jahrhundert die Idealisierung und die Orientierung an der Arbeit bald
wieder relativiert. Die Muße, vordem Privileg des bekämpften Adels,
wurde als das Statussymbol der politisch Mächtigen nun auch vom
Bürgertum entdeckt und – weitgehend jedoch reduziert zur prestige-
trächtigen Dekoration – für sich beansprucht. Aufbauend auf dem
Gedankengut des Neuhumanismus zeigten sich deutliche Tendenzen
einer Renaissance der positiven Bewertung von Muße und Müßiggang
– Texte von Thorsten Veblen, Heinrich Mann oder „Wilhelm Meisters
Lehrjahre“ von Johann Wolfgang Goethe geben dafür Beispiele ab.
„Mußeerziehung wurde zum Privileg der bürgerlichen Eliten im aka-
demischen Bildungswesen, die Gestaltung von »Muße« in »Freiheit«
wurde Herrschaftswissen, Herrschaftsfähigkeit und Herrschaftsgrund-
lage“26.
Die bürgerliche Gesellschaft brachte, nachdem sie unter emanzipa-
torischen Losungen wie „Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit“ er-
kämpft worden war und das „unvernünftig-ungerechte“ (selbstver-
ständlich nur unter „aufgeklärt-bürgerlichen“ Bewertungsmaßstäben!)
Feudalsystem beseitigt war, aus sich sehr rasch eine neue privilegierte
Klasse hervor. Und genauso wie unter dem Begriff „Aufklärung“ das
Gedankengut zusammengefaßt werden kann, das die Herausbildung
der bürgerlichen Gesellschaft legitimiert hatte, gab die neuhumanisti-
sche Erweiterung des Aufklärungsdenkens jene Ideologie ab, mit der

25 Friedrich Schiller: „Das Lied von der Glocke“


26 Nahrstedt, a.a.O., S. 115.
30 Die Arbeit hoch?

die in ihrer Position nun gefestigte bürgerliche Klasse die Privilegien


ihrer Macht sicherte. Dem emanzipatorischen Instrument für die
Durchsetzung der bürgerlichen Gesellschaft, der „Freisetzung der
Vernunft durch Bildung“ – was ja nichts anderes bedeutet als die Be-
fähigung zum Hinausdenken über die Fesseln des Status quo der
durch die jeweiligen gesellschaftlichen Strukturen eingeforderten
Werte, Normen und Verhaltensweisen –, war genau durch die Befrei-
ung von utilitaristischer Verzweckung und der daraus folgenden Re-
duzierung von Bildung zu einer „wertfreien“ Allgemeinbildung die
politische Sprengkraft genommen worden. Bildung – Waffe im
Kampf gegen feudalistisches Unrecht und Leitstern im Streben um
eine Gesellschaft von Freien und Gleichen – war mutiert zur Legiti-
mation bürgerlicher Vormachtstellung.
Der ehemals revolutionäre Charakter von Bildung war damit in
Ketten gelegt – entstanden als Instrument des Widerstands gegen
gesellschaftliche Unvernunft, war Bildung nun selbst zur systemstabi-
lisierenden Kraft geworden. Die von allen Bezügen auf die realen
politisch-gesellschaftlichen, ökonomischen und technologischen Ver-
hältnisse freigehaltene „Allgemein-Bildung“ war zur Agentur einer
zahnlosen Kritikfähigkeit verkommen; „die Auseinandersetzung mit
der Welt [nahm] nunmehr den Charakter von ritterlichen Kampfspie-
len an, von »Turnieren des Geistes« allerdings“27. Während die so-
zioökonomischen Strukturen der Gesellschaft – und damit ganz spe-
ziell auch die Organisationsform von Arbeit sowie Fragen nach der
Zielsetzung und den Nutznießern des Arbeitens in der heranwachsen-
den bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft – der „vernünftigen“
Reflexion durch Bildung entzogen wurden und Bildung in den wert-
freien Raum der Beschäftigung mit dem „Wahren, Guten und Schö-
nen“ entrückt wurde, konnten die gegebenen Strukturen der Arbeits-
welt um so sicherer als nicht hinterfragbarer Sachzwang für die Aus-

27 Stütz, G.: Berufspädagogik unter ideologiekritischem Aspekt, Frankfurt a.M.


1970, S. 26.
Arbeit, Bildung und politisch-ökonomisches System 31

bildung gelten. Die politische Kritik von gesellschaftsstützender Ideo-


logie und technologischer Entwicklung – den wesentlichen Instru-
menten gesellschaftlicher Herrschaft, zu der Bildung auch in der bür-
gerlichen Gesellschaft führen müßte, sofern ihr Vernunftbegriff an
einer Bedürfnistheorie des Menschen angekoppelt und nicht auf öko-
nomische Verwertbarkeit verkürzt ist – wurde damit sowohl für (All-
gemein-)Bildung als auch für die (Berufs-)Ausbildung exekutiert.
Diese Entwicklung stellte den Hintergrund dar für die kritische
Bewertung des Neuhumanismus durch die „Berufsbildungstheoreti-
ker“ des frühen zwanzigsten Jahrhunderts.28 Nur zu deutlich erkenn-
bar war die herrschaftsstabilisierende Doppelzüngigkeit der bürger-
lich-humanistischen Anthropologie, die zwar auf Muße zielte, dabei
jedoch weitestgehend die Tatsache ignorierte, daß diese nur einer
privilegierten Minderheit – genau auf dem von Arbeit gekrümmten
Rücken der Bevölkerungsmehrheit – möglich war. Der Bildungsan-
spruch des Neuhumanismus war zur bürgerlichen Ideologie, im Sinne
einer bloßen gesellschaftlichen Rechtfertigungslehre einer Kaste von
„Gebildeten“, verkommen, die sich ihre überhebliche Distanz gegen-
über der Arbeitswelt nur deshalb leisten konnte, weil ihre gesell-
schaftlich privilegierte Stellung durch die „Arbeitszucht“ der Mehr-
heit ökonomisch immer wieder aufs neue abgesichert wurde. Deshalb
kann, „wo Humboldt mit Bildung die höchstmögliche Humanität je-
des einzelnen Menschen gemeint hatte (Königsberger und Littaui-
scher Schulplan 1809: »Das neue Schulwesen bekümmert sich daher
um keine Kaste« und zielt »ziemliche Gleichheit« an), Nietzsche [ein
wenig mehr als ein Jahrhundert später] nur noch ihre Entartung im
»Bildungsphilister« seiner Zeit sehen, dem er die »übergehängte mo-

28 Insbesondere sind hier zu nennen G. Kerschensteiner, E. Spranger und A. Fi-


scher. Nur Kerschensteiner nimmt allerdings die „radikale“ Position ein, daß be-
rufliche Arbeit „Voraussetzung und Einstieg“ für Menschenbildung sei, Spranger
sieht in der Berufsbildung eine notwendige „Durchgangsstufe“, und Fischer
strebt eine „Synthese von Fachbildung und Allgemeinbildung“ an. Vgl. Dickau,
a.a.O., S. 35.
32 Die Arbeit hoch?

derne Bildungshaut abziehen« möchte, da »die allergemeinste Bil-


dung eben die Barbarei« sei.“29
Genau die Vertreter der Berufsbildungstheorie waren es allerdings,
die den Stachel, der auch der neuhumanistischen Variante des Bil-
dungsbegriff im Kern noch immer anhaftete, dann endgültig ent-
schärften. Indem sie zwar das humanistische Postulat menschlicher
Selbstverwirklichung aufnahmen, es allerdings reduziert um die kriti-
sche Distanz des ursprünglichen neuhumanistischen Bildungsansatzes
gegenüber allem Vorfindbaren verwendeten, verfestigten sie das in
der Zwischenzeit um sich greifende integrative Bildungsverständnis.
Zwar vollzogen sie eine pädagogische Rehabilitation der Berufsaus-
bildung und stilisierten diese zur „Pforte der Menschenbildung“ (Ker-
schensteiner) hoch, machten jedoch genau damit die Integration in die
bürgerlich-kapitalistisch strukturierte Arbeitswelt zum Ziel von Bil-
dung und entzogen diese damit zugleich endgültig der kritischen Re-
flexion durch Bildung. Nicht um Bildung aus Anlaß des Berufs – also
um die Freisetzung der Vernunft zum Zwecke des kritischen Durch-
dringens der Bedingungen des Arbeitens im (Früh-)Kapitalismus –
ging es ihnen, sondern um Bildung durch den Beruf. Dem Erwerb
berufsrelevanter Fähigkeiten und Kenntnisse wurde per se bildender
Charakter zugesprochen. Wohl selbst die „bloß“ idealistisch ausge-
richtete humanistische Bildung hätte unter den frühindustriellen Be-
dingungen des neunzehnten Jahrhunderts noch einiges an Sprengkraft
besessen; eine „Bildung durch den Beruf“ dagegen – die Anbindung
der Bildung an den durch Leistungs- und Konkurrenzprinzip untrenn-
bar mit der bürgerlichen Gesellschaft verbundenen Arbeitsbegriff also
– mußte zwangsläufig integrierend wirken.
Wie schon in der Aufklärungspädagogik ging es auch den Vertre-
tern der Berufsbildungstheorie gar nicht so sehr um den Inhalt der

29 Zit. nach Wehnes, Franz-Josef: Theorien der Bildung – Bildung als historisches
und aktuelles Problem. In: Roth (Hg.): Pädagogik. Handbuch für Studium und
Praxis. München 1991, S. 263/264.
Arbeit, Bildung und politisch-ökonomisches System 33

Arbeit, für die „gebildet“ wird, sondern um den Arbeitsakt, um die


Verinnerlichung der Selbstverständlichkeit regelmäßigen Arbeitens
unabhängig von konkret-sinnlichen Bedürfnissen, um Arbeitsfleiß
und gehorsames Verhalten. Dementsprechend orientiert sich die von
ihnen propagierte Berufs-„Bildung“ auch nicht an den realen berufli-
chen und arbeitsorganisatorischen Voraussetzungen ihrer Zeit, son-
dern an einer organisatorischen Strukturierung des Arbeitslebens im
Sinne einer in der Zwischenzeit weitgehend anachronistisch geworde-
nen Berufsordnung, die an handwerklich-kleinbetrieblichen Leitbil-
dern der vorindustriellen Ständeordnung ausgerichtet ist. Nicht zuletzt
aus diesem Grund war das (berufs-)schulische Ausbildungssystem,
das ja auf dem dergestalt orientierten Berufsbildungsbegriff aufbaut
und ein entsprechend statisch-reaktionäres Gesellschaftsverständnis
transportiert, auch immer wieder als besonders ausgeprägtes rück-
schrittliches Relikt obrigkeitsstaatlichen Denkens kritisiert worden.30
War die Arbeit im Zeitalter der Reformation aus der „Unschuld“
des menschlichen Unterworfenseins unter die Notwendigkeiten der
Natur befreit und zum Beruf als offizium, einer von Gott gestellten
Aufgabe, umgewandelt worden, wurde sie von den Vertretern der
Berufsbildungstheorie am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts säku-
larisiert und zur staatsbürgerlichen Pflicht umgemünzt. Nun galt es
nicht mehr zum Wohlgefallen Gottes zu arbeiten, sondern zum Nut-
zen des vorgeblichen „Gemeinwohls“. Die Leistung der Berufsbil-
dungstheoretiker bestand darin, die pädagogische Verfemung der
Berufsausbildung und den Odem des Utilitarismus, der ihr seit der
Aufklärung anhaftete31, aufzulösen und Beruf und Arbeit in einer
neuen Form zu „heiligen“. Die nunmehrige Botschaft lautete: Indem

30 Vgl. insbesonders: Blankertz, H.: Der Begriff des Berufs in unserer Zeit. In:
Arbeitslehre in der Hauptschule; hg. v. H. Blankertz. Essen 1967, S 75 ff., sowie
Stütz, a.a.O.
31 Blankertz, H.: Bildung im Zeitalter der großen Industrie. Pädagogik, Schule und
Berufsbildung im 19. Jahrhundert, Hannover 1969, S. 139.
34 Die Arbeit hoch?

der einzelne durch seinen unermüdlichen Arbeitseinsatz der Gemein-


schaft dient, gewinnt er sich selbst als Mensch im emphatischen Sinn,
nämlich als Persönlichkeit.32 Genau dieser Versuch, den klassischen
Persönlichkeitsbegriff in die Berufsbildungstheorie hinüberzuretten –
also die Entfaltung der individuell-menschlichen Möglichkeiten als
Bildungsziel aufrechtzuerhalten –, verunmöglichte allerdings die Aus-
richtung des Berufs-Bildungsbegriffes an den gegebenen Arbeitsbe-
dingungen der industriellen Arbeitswelt und zwang zu einer Orientie-
rung an der (angeblich) nicht entfremdeten Arbeitssituation des vorin-
dustriellen Handwerkers. Im Sinne einer unkritischen Idealisierung
überholter Arbeits- und Lebensformen postulierten die Vertreter der
Berufsbildungstheorie, daß „die unmittelbare Beziehung des Hand-
werkers zu dem von ihm hergestellten Gegenstand, seinem Werk, und
das patriarchalische Verhältnis des Meisters zu seinem Lehrling […]
die Entfaltung individueller Möglichkeiten, die Bildung der Per-
son“33, zulassen.
Damit war Berufsausbildung zwar einerseits in einem idealisti-
schen Sinn als „Bildung“ rehabilitiert; Bildung aber andererseits end-
gültig ihrer gesellschaftskritischen Potenz beraubt und – in utilitaristi-
scher Anbindung an den Status quo – vollständig zur Agentur des
Arbeitsethos, der zentralen Größe der bürgerlich-kapitalistischen Ge-
sellschaft, reduziert. In seiner berühmten Preisschrift für die Königli-
che Akademie zu Erfurt hat der Gründungsvater der Berufsbildungs-
theorie, Georg Kerschensteiner, die von ihm propagierte berufsbezo-
gene „Fortbildungsschule“ (die spätere Berufsschule) auch dement-
sprechend deutlich mit den Aspekten des bürgerlichen Arbeitsethos:
„Fleiß, Sorgfalt, Gewissenhaftigkeit, Beharrlichkeit, Aufmerksamkeit,
Ehrlichkeit, Geduld, Selbstbeherrschung, Hingabe an ein festes, außer

32 Stütz, a.a.O., S. 31.


33 Ebda., S. 32.
Arbeit, Bildung und politisch-ökonomisches System 35

uns liegendes Ziel“34 verknüpft – Zielsetzungen, die er als die „wich-


tigsten staatsbürgerlichen Tugenden“ (im bürgerlichen Staat!) charak-
terisierte. Die im Frühjahr 1890 von der Akademie gestellte Preisfrage
hatte gelautet: „Wie ist unsere männliche Jugend von der Entlassung
aus der Volksschule bis zum Eintritt in den Heeresdienst am zweck-
mäßigsten für die staatsbürgerliche Gesellschaft zu erziehen?“35 Und
Kerschensteiner hat den ausgeschriebenen Preis wohl dadurch ge-
wonnen, daß es ihm gelungen war, die utilitäre Verzweckung des
einzelnen im Sinne der bürgerlichen Leistungsideologie zum Königs-
weg der Persönlichkeitsbildung umzudeuten. Einerseits hatte er in der
systematischen Berufsausbildung den „zweckmäßigsten“ Weg zur
Herstellung von Massenloyalität gegenüber der bürgerlichen Gesell-
schaft im Hinblick auf deren grundlegendes Ideologieelement, der
Selbstzwecksetzung der menschlichen Arbeit, erkannt. Zugleich war es
ihm aber gelungen, die Unterordnung unter das bürgerliche Arbeits-
ethos als den Weg zum entfalteten Menschentum hochzustilisieren, zu
einer, wie er sich ausdrückt, „ethischen Verschmelzung des Ego-
zentrismus mit dem Altruismus auf Grund der Veredlung der beiden
Grundtriebe der Seele“36.
Dabei ging Kerschensteiner vom Gedanken aus, daß bei der „Aus-
beutung der Arbeit als Erziehungsfaktor“ an den privaten Interessen
der Heranwachsenden anzuknüpfen sei, und erkannte, daß deren Inte-
ressen „gar nicht in der Richtung der allgemeinen Bildung liegen“
(einer im „wertfreien Raum“ schwebenden Allgemeinbildung, deren
inhaltliche und strukturelle Ausrichtung ja tatsächlich total an der
Lebensrealität der heranwachsenden Arbeiter-Jugendlichen vorbei-
ging), sondern praktisch-beruflicher Natur seien, motiviert durch die
ökonomisch-produktive Arbeit, die sie zu leisten hätten. Diese priva-

34 Kerschensteiner, G.: Staatsbürgerliche Erziehung der deutschen Jugend. Erfurt


193110, S. 36.
35 Hervorhebung E.R.
36 Ebda., S. 34.
36 Die Arbeit hoch?

ten Interessen gelte es auszunützen, um das vorgebliche „Gemein-


wohl“ durch „die steigende Einsicht in den Wert guter Arbeit, die
Stärkung des Bewußtseins der Arbeitspflicht und vor allem die Zu-
rückdämmung des Strebens nach übertriebenem arbeitsfeindlichem
Genuß durch die erwachende Arbeitsfreudigkeit“37 zu fördern. Die
Notwendigkeit einer Berufsausbildung für die zum Überleben auf den
„Verkauf ihrer Arbeitskraft“ Angewiesenen wurde damit quasi zur
„List“, um deren eventuelle Relativierung des Werts einer Arbeit jen-
seits konkret-sinnlicher Bedürfnisse hintanzuhalten und sie dazu zu
bringen, ihre Arbeitsverausgabung als Dienst an der Gemeinschaft zu
empfinden.
Genau in dieser Anbindung der beruflichen Erziehung am „Primat
der Gemeinnützigkeit“ liegt – wie schon Blankertz aufgezeigt hat –
der utilitaristische und somit der Entfaltung der Persönlichkeit zuwi-
derlaufende Charakter der Berufsbildungstheorie. „Die schicksalhafte
Verknechtung des Menschen in den Forderungen der täglichen Arbeit
wird begründet mit der […] übergreifenden Interessenverknüpfung“.
Nachdem sich aber „Wohl und Wehe des einzelnen Menschen in un-
mittelbarer Weise als abhängig vom Gemeinwohl manifestiert, bedarf
es in der utilitaristischen Berufserziehung nicht einmal der ausdrück-
lichen Vergegenwärtigung dieser Beziehung. […] Die berufliche
Leistung, belohnt nach dem Grad ihrer Gemeinnützigkeit, ist das Inte-
resse des einzelnen selbst, so daß das Gemeinwohl im Appell an den
Egoismus gemeint sein darf.“ Eine solche Berufserziehung nimmt
sich – so führt Blankertz weiter aus –, „indem sie die Notwendigkeit
der beruflichen Leistungsfähigkeit des einzelnen um des Gemeinwohl
willens befördert […] das Recht, den Blick des Zöglings streng auf
das im jeweiligen Fall »Nützliche« zu beschränken, und sei es um den
Preis möglicher menschlicher Entwicklung und Vervollkommnung.
Das Opfer, welches der Mensch der ihn bedingenden Gemeinschaft

37 Ebda., S. 39 und 40. Hervorhebung E.R.


Arbeit, Bildung und politisch-ökonomisches System 37

unter Umständen zu bringen hat, wird […] überlagert durch die im


Vordergrund wirkende These, eben diese Erziehung sei für den Zög-
ling selbst so ungemein »nützlich«. Damit aber, daß die Erziehung
hier in stellvertretender Verantwortung für den Zögling das Opfer der
Person vorwegnimmt, entschwindet die wie auch immer behauptete
Begründung. Denn nicht die Person opfert in der Einsicht ihrer Ver-
pflichtung, sondern die Personwerdung wird auf der Schlachtbank des
gemeinsamen Wohls geopfert.“38
Die in der Berufsbildungstheorie vorgenommene Adaptierung des
liberalökonomischen Glaubensbekenntnisses von Adam Smith (das ja
auch die Grundlage der Marktwirtschaft, die auf dem freien Spiel der
Kräfte aufgebaute liberal-kapitalistische Wirtschaftsordnung, dar-
stellt), daß das Gemeinwohl besser aufgehoben ist, wenn jeder einzel-
ne seinem eigenen Vorteil nachgeht, als wenn das Gemeinwohl selbst
zur Maxime des Handelns erhoben wird, bedeutete somit den Ab-
schied vom Bildungsziel der mündigen Person. Wenn das Verfolgen
egoistischer Einzelinteressen zur idealen Basis eines wie auch immer
definierten „Gemeinwohls“ erklärt wird, mutiert eine am Gemeinwohl
orientierte Bildung – trotz aller eventuellen gegenteiligen Beteuerun-
gen – zur Beförderung des Egoismus. Der „kategorische Imperativ“
ist damit außer Kraft gesetzt und Bildung auf ihren qualifikatorischen
Aspekt reduziert; sie wird zum Hilfsmittel dafür, die Chancen im
allumfassenden Konkurrenzkampf um günstige gesellschaftliche Posi-
tionen (und um Arbeitsplätze) zu verbessern. Damit ist der Grundstein
gelegt für eine Sichtweise von (beruflicher) Bildung, in deren Fokus
jenes Individuum steht, das sich mittels permanenter, marktgerechter
(Weiter-) Qualifizierung selbst um seine erfolgreiche Vermarktung im
Prozeß der Arbeitskraftvernutzung bemüht, ohne jemals die Frage
nach dem Sinn eines Arbeits- und Wirtschaftssystems zu stellen, wel-
ches ihm solches abverlangt. Der nächste Schritt war nur noch eine

38 Blankertz, H.: Berufsbildung und Utilitarismus. Problemgeschichtliche Untersu-


chungen. Weinheim und München 1985, S. 114/115.
38 Die Arbeit hoch?

Frage der Zeit: das Ident-Werden dessen, was weiterhin als Bildung
etikettiert wird, und der Arbeit; bald schon sollte die zur Qualifikation
degenerierte Bildung nicht mehr bloß Vorbereitung für die lebenslan-
ge Arbeitsverausgabung jenseits konkret-sinnlicher Bedürfnisse sein,
sondern selbst den Stellenwert sinnloser lebenslanger Arbeit bekom-
men.
Doch noch war es nicht soweit, noch galt es jenen seit Beginn der
Industrialisierung in Gang befindlichen, gewaltigen Prozeß der sozia-
len Disziplinierung zu Ende zu bringen und aus dem „naturwüchsigen
Knecht vom Lande“ und den „durch das Handwerk bereits vordres-
sierten Gesellen“39 den „neuen Menschen“ zu formen, der den Ar-
beitsanforderungen des Industriekapitalismus entsprach. Es galt bei
den Angehörigen des parallel zur Herausbildung des Kapitalismus
entstandenen Proletariats durch „Arbeitserziehung“ in den Volksschu-
len, den Industrieschulen und den nun neu hinzugekommenen „Be-
rufsschulen“ die Ideologie zu verankern, daß die ihnen abverlangte
Arbeitsleistung heilige Pflicht an der Gemeinschaft ist, daß also die
Bereitschaft zur Arbeitsverausgabung schon einen Wert an sich ver-
körpert, unabhängig vom Grad der Entfremdung, unter dem die Arbeit
zu leisten ist. Neben dem Denkkorsett eines von jeder Frage nach
Sinn und Nutznießern befreiten Arbeitsethos mußte dazu noch eine
weitere Ideologie in den Köpfen der Benachteiligten verankert wer-
den: nämlich jene, daß für höhere berufliche Positionen eine geringere
und vor allem auch spätere Koppelung zwischen Bildung und Arbeit
notwendig ist. Das zweigeteilte Bildungswesen, in dem sich die An-
nahme widerspiegelt, daß – je nach angeblicher Begabung – der Weg
zu der als Bildungsmythos aufrechterhaltenen „entfalteten Persönlich-
keit“ sowohl über berufliche Verzweckung als auch über eine wert-
freie Beschäftigung mit dem „Wahren, Guten und Schönen“ möglich
sei, mußte zur allgemein akzeptierten Ideologie werden. Nur so konn-

39 Nahrstedt, a.a.O., S. 115.


Arbeit, Bildung und politisch-ökonomisches System 39

te Allgemeinbildung zur beruflichen Bildung für die Herrschenden


und Berufsbildung zur allgemeinen Bildung für die Beherrschten (F.
Engels) werden.
Im Sinne einer Stabilisierung der bürgerlich-kapitalistischen Ge-
sellschaft war es am Anfang des neunzehnten Jahrhunderts vor allen
Dingen aber auch noch notwendig, gegen das Infragestellen der struk-
turellen Rahmenbedingungen des Arbeitens anzukämpfen. Kein ge-
sellschaftliches System kann ja auf Dauer nur mit Gewalt aufrechter-
halten werden, für eine bleibende Verankerung ist die Loyalität von
zumindest der Mehrheit der Gesellschaftsmitglieder notwendig. Dem-
entsprechend wichtig war es, die am Marxistischen Gedankengut
orientierte Kritik der frühen Arbeiterbewegung an den Entfremdungs-
bedingungen der Arbeit im Kapitalismus zu brechen. Zwar hatte ja
auch Marx die Arbeit zum entscheidenden Medium humaner Selbst-
verwirklichung erklärt, aber anders als in der Berufsbildungstheorie
nicht im Rückgriff auf eine bestimmte historische Erscheinungsform,
sondern im Hinblick auf ihren politisch-ökonomischen Bezug. Er hat
den Ansatz Hegels, der den Menschen als Resultat seiner eigenen
Arbeit definiert hatte, aufgegriffen und ihn um eine politische Dimen-
sion erweitert.
Das Postulat von Hegel hatte gelautet, daß der Mensch sich nur
dadurch, daß er arbeitet, also die Natur gestaltet und sie so in mensch-
liche Kultur verwandelt, über die Natur erhebt; daß er sich dadurch
seiner selbst, als Nicht-Natur, als Geistwesen, bewußt werden kann,
indem er sich in seinem geschaffenen Werk selbst erkennen und damit
den grundsätzlichen Aspekt der Menschlichkeit, die Möglichkeit,
Selbst-Bewußtsein zu entwickeln, entfalten kann.40 Marx hat diesen
Gedankengang mit der Kritik an den realen Strukturbedingungen des
Arbeitens im Kapitalismus verknüpft. Zwar konstituiert sich für ihn
der Mensch ebenfalls über Arbeit, er definiert sie als „eine von allen

40 Vgl.: Wehnes, a.a.O., S. 262.


40 Die Arbeit hoch?

Gesellschaftsbedingungen unabhängige Existenzbedingung des Men-


schen“41; unter den Bedingungen entfremdeter Lohnarbeit im Kapita-
lismus kann sie jedoch, so sein Postulat, nur im Kontext eines politi-
schen Kampfes um die Befreiung der Arbeiterklasse Ansatzpunkt und
Möglichkeit von Menschenbildung sein. Berufsbildung kann – als
Konsequenz dieses dialektischen Ansatzes für den Arbeitsbegriff –
damit nur als politische Bildung gefaßt werden, die primär auf Aufhe-
bung der entfremdenden Arbeitsbedingungen ausgerichtet ist. Arbeit
wird begriffen als Anlaß für eine Bildung, die auf politisches Bewußt-
sein zielt.
Marx stellt sich damit gewissermaßen in die Tradition der Aufklä-
rung, er gibt dem in die Richtung der unverbindlichen Zielsetzung
einer „entfalteten Persönlichkeit“ entrückten Bildungsbegriff wieder
seinen gesellschaftlichen Bezug zurück. Bildung soll Motor sein für
gesellschaftliche Entwicklung, ihr kritisches Potential soll sie aus der
vernünftigen Reflexion der vorfindbaren (Arbeits-)Bedingungen
schöpfen. Eine so verstandene (Berufs-)Bildung hat allerdings mit der
Ideologie des wertfreien Arbeitsbegriffs gebrochen, bestreitet, daß
Arbeiten, unabhängig von den politisch-ökonomischen Bedingungen,
unter denen die Arbeitsleistung zu erbringen ist, das Menschliche am
Menschen zur Entfaltung bringt, und stellt damit die ideologische
Grundlage der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft radikal in Fra-
ge. Für die wissenschaftliche Pädagogik, die – wie skizziert – gegen-
über dieser Gesellschaft in der Zwischenzeit ja einen immanent sys-
temstabilisierenden Charakter angenommen hatte, konnte eine solche
Wendung des Bildungsbegriffs (noch dazu aus dem „außerpädagogi-
schen“ Raum kommend) nur außerhalb ihres Horizonts bleiben. Die
pädagogische Dimension der Marxschen Theorie wurde dementspre-
chend auch jahrzehntelang völlig ignoriert und erst in den sechziger

41 Marx, K.: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Marx/Engels: Gesam-
melte Werke, Bd. 23. Berlin (Ost) 198817, S. 57.
Arbeit, Bildung und politisch-ökonomisches System 41

Jahren dieses Jahrhunderts einer Reflexion durch die wissenschaftli-


che Pädagogik unterzogen.42
Zwar läßt sich für die Pädagogik insgesamt somit nur feststellen,
daß die pädagogische Relevanz der Theorie der Arbeiterbewegung
lange Zeit nicht erkannt wurde, für die Anhänger der „Theorie der
Bildung durch den Beruf“ muß allerdings durchaus mehr als eine
bloße „Beschäftigungsabstinenz“ gegenüber dem sozialistischen The-
oriegebäude postuliert werden. Die Vorstellung, daß berufliche Aus-
bildung ein gangbarer – beziehungsweise sogar der optimale – Weg
zur Bildung ist, steht in einem spezifischen gesellschaftlichen Kon-
text, sie wurde „im historischen Gleichschritt mit gesellschaftlichen
Interessensgegensätzen“43 entwickelt und kann sicher nicht ohne Be-
rücksichtigung ihrer politischen Funktion gesehen werden. Mit der
Vorstellung vom „Beruf als Ordnungsmacht“ spielten die Berufspä-
dagogen der ersten Stunde – ob bewußt oder unbewußt – jedenfalls
massiv den Unternehmerinteressen in die Hände. Unübersehbar ist,
daß die Vermittlung fachlicher Qualifikationen immer nur eine Seite
der beruflichen Bildung war, von Anfang an intendierte sie auch poli-
tische Erziehung, jedoch nicht im Marxschen aufklärerischen Sinne,
sondern eine solche, „mit der Arbeitende dazu gebracht werden soll-
ten, allgemeine Ordnungsgebote zu respektieren und im Betrieb mög-
lichst selbstlos zu dienen.“44
Dementsprechend finden sich in der schon erwähnten Preisschrift
von Kerschensteiner nicht zufällig neben Textstellen, wo er die „Be-
deutung des Werts wahrhafter Arbeit für die staatsbürgerliche Erzie-
hung der großen Massen des Volkes herausstreicht, auch mehrere

42 Vgl. dazu insbesondere: Groth, G.: Die pädagogische Dimension im Werk von
Karl Marx. Neuwied/Darmstadt 1978, S. 5ff.
43 Seubert, R: Berufserziehung und Politik, Ein Beitrag zur Geschichte eines aktu-
ellen Konflikts. In: Lisop/Markert/Seubert: Berufs- und Wirtschaftspädagogik.
Eine problemorientierte Einführung. Kronberg/Ts 1976, S. 69.
44 Ebda., S. 65.
42 Die Arbeit hoch?

Passagen, in denen er gegen die „Irrlehren der Sozialdemokratie“ 45


wettert und eine in seinem Sinne verstandene Berufsbildung als einen
Weg propagiert, um die Arbeiterjugend von diesen „Irrlehren“ fern-
zuhalten. Er beweist mit solchen Aussagen seine Linientreue gegen-
über dem zu diesem Zeitpunkt noch vollständig von bürgerlichen
Kräften gesteuerten Staat. Nur allzu deutlich hatte ja auch hinter der
von der königlichen Akademie gestellten Aufgabe die Frage durchge-
schimmert, wie Schule und Unterricht in den Kampf gegen die Sozi-
aldemokratie einzubinden seien. Etwa im Sinn des 1889 durch Kaiser
Wilhelm II. in Deutschland herausgegebenen Erlasses, wonach die
Schule bestrebt zu sein habe, „schon der Jugend die Überzeugung zu
verschaffen, daß die Lehren der Sozialdemokraten nicht nur den gött-
lichen Geboten und der christlichen Sittenlehre widersprechen, son-
dern in Wirklichkeit unausführbar sind“.46
Es ist aber wahrscheinlich auch nicht nur mit opportunistischen
Gründen erklärbar, daß Kerschensteiner diese Passagen bei den späte-
ren Neuauflagen seiner Schrift nach 1909 wieder ausgemerzt hat. Die
polemische Abgrenzung war offenbar kaum mehr notwendig, die
Arbeiterbewegung hatte schon begonnen, die Ideologie der von poli-
tisch-ökonomischen Bedingungen losgelösten Idealisierung der Arbeit
zu integrieren. Das geknechtete Proletariat war daran gegangen, seine
Not zu einer Tugend umzufunktionieren und damit der bürgerlichen
Arbeitsideologie zum endgültigen Durchbruch zu verhelfen. Sie hat –
in einer beispiellosen Überhöhung der Ideologie ihrer Unterdrücker –
den geknechteten und unterdrückten Arbeiter zum Heroen der Ge-
schichte und die entfremdete Arbeit zum Hohelied des Industriezeital-
ters umgedeutet. Die geradezu kultische Überhöhung der Arbeit zeigt
sich wohl am deutlichsten an den Plakaten und Motivbildern und in
den Schriften der damaligen Gewerkschaftsbewegung und der sozial-

45 Blankertz 1969, a.a.O., S. 208.


46 Zit. nach Lisop I.: Die Berufs- und Wirtschaftspädagogik in Wissenschaft und
Praxis. In: Lisop/Markert/Seubert. a.a.O., S. 14.
Arbeit, Bildung und politisch-ökonomisches System 43

demokratischen Parteien, die eine geradezu frappante Ähnlichkeit mit


Heiligenbildern aufweisen. Sie können nur als Kultbilder zur „Vereh-
rung“ der Arbeit interpretiert werden und sollten offensichtlich dazu
dienen, tief verwurzelte Erlösungswünsche der Menschen auf die
Arbeit zu projizieren. Ganz in diesem Sinn konnte es schon vorkom-
men, daß in einschlägigen Texten die „Arbeit“ tatsächlich zum „Hei-
land der neuen Zeit“ hochstilisiert wurde und erwartet wurde, daß sie
„vollbringen kann, was kein Erlöser vollbracht hat“47.
Wieweit die Mystifikation der Arbeit – trotz der Kritik an den Be-
dingungen der „Klassengesellschaft, in der den Arbeitern das Produkt
ihrer Arbeitsverausgabung durch die Besitzer der Produktionsmittel
vorenthalten wird“ – in den Schriften der damaligen Arbeiterbewe-
gung ging, soll ein Textbeispiel aus einem diesbezüglichen, 1905
erschienenen Buch zeigen. Das Werk, das von einer der großen und
bedeutenden sozialdemokratischen Teilorganisationen Deutschlands,
dem „Zentralverband der Maurer Deutschlands“, herausgegeben wur-
de, sollte, wie es im Vorwort heißt, „die Belehrung und Aufklärung
der Verbandsmitglieder“ fördern und gegen eine „den Geist verder-
benden, das selbständige, freie Denken verhindernde Dressur im Inte-
resse der privilegierten Selbstsucht“ zu Felde ziehen. Unter der Über-
schrift „Arbeit und Ethik“ wird ausgeführt: „Die Arbeit adelt den
Menschen, wie sie die unversiegbare Quelle des Menschtums, der
Humanität im besten und reinsten Sinne des Wortes überhaupt ist. Der
Menschheit Würde und Menschheit Los ist bei ihr, offenbart und ges-
taltet sich nur durch sie. Schon auf den untersten primitivsten Stufen
tritt ihr veredelnder Einfluß hervor, sie entwickelt alle natürlichen
Anlagen des Menschen, stählt und diszipliniert seine körperlichen und
geistigen Fähigkeiten, weist dem Denken bestimmte Richtungen an
und weckt und fördert bestimmte Begriffe, die man als »sittliche« und

47 Dietzgen, J.: Das Wesen der menschlichen Kopfarbeit (1869) Zit. nach
Klopfleisch, R.: Die Pflicht zur Faulheit. Düsseldorf/Wien/New York 1991, S.
29.
44 Die Arbeit hoch?

»ethische« bezeichnet und als Norm des menschlichen Handelns er-


klärt.“ Und auf dieser euphorische Bewertung der Arbeit aufbauend
wird gefordert: „Es muß mit den wirtschaftlichen Einrichtungen dem
Selbstzweck der Arbeit, nämlich der Erhaltung, Veredelung und Ver-
schönerung des menschlichen Daseins, Genüge geleistet werden; es
muß praktische Geltung haben die unanfechtbare Wahrheit, daß Ar-
beit des Menschen höchste und heiligste Pflicht, eine vernünftiger-
weise und gerechtermaßen unabweisbare Selbst- und Nächstenpflicht
ist […]. Die Arbeit soll geachtet sein, als Quelle aller Kultur, als die
Mutter der Humanität, als die Seele des Staats- und Gesellschaftskör-
pers, als Inbegriff der natürlichen Bestimmung des Menschen und als
schönster Ausdruck seiner Würde.“48
Die Arbeiterbewegung übernahm zunehmend die von Max Weber
als begründende Ideologie der bürgerlichen Moderne charakterisierte
„Auffassung der Arbeit als Selbstzweck, als »Beruf«, wie sie der Ka-
pitalismus fordert“.49 Die von Marx am Begriff der Entfremdung ge-
brochene Bewertung der Arbeit rückte zunehmend in den Hinter-
grund; der befreiende Wert der Arbeit „aus sich selbst“ erhielt dage-
gen immer mehr an Bedeutung. Im Gothaer Programm der zur „So-
zialistischen Arbeiterpartei Deutschlands“ verschmolzenen großen
deutschen politischen Arbeitervereinigungen wurde schon 1875 die
Arbeit euphorisch nicht nur zur „Quelle allen Reichtums“, sondern
auch gleich zur „Quelle aller Kultur“ erklärt – eine Formulierung, die
sich ja auch im oben zitierten Text wiederfindet. Und wenn sich auch
Marx selbst in seiner „Kritik des Gothaer Programms“ von den an die
Arbeit geknüpften Heilserwartungen deutlich absetzt, so geht die Vor-
stellung von der „Erlösung der Menschheit durch Arbeit“ doch im

48 Frohme. K.: Arbeit und Kultur. Eine Kombination naturwissenschaftlicher,


kulturgeschichtlicher, volkswirtschaftlicher und sozialpolitischer Studien. Ham-
burg 1905, S. 81/82.
49 Weber, M.: Die protestantische Ethik I. Eine Aufsatzsammlung. Hrsg. von Jo-
hannes Winckelmann. Gütersloh 19847.
Arbeit, Bildung und politisch-ökonomisches System 45

wesentlichen auf ihn zurück. Sein paradoxes Postulat lautete ja: Be-
freiung von der Arbeit durch Arbeit. Im Gegensatz zur bisherigen
Geschichte der Menschheit, wo die Freiheit von Wenigen immer nur
durch die Arbeit von Vielen möglich gewesen war, vermeinte er in
der Industrialisierung jene historische Situation zu erkennen, wo die
Möglichkeit besteht, durch die endgültige Entfesselung der Arbeit –
dadurch, daß sie zur vollen Höhe ihrer Möglichkeiten getrieben wird,
sie also quasi „totalisiert“ wird – die Arbeitsnotwendigkeit des Men-
schengeschlechts insgesamt ein für allemal aufzuheben. Marx siedelt
wahre „ Freiheit“ damit zwar jenseits der Arbeitsnotwendigkeit an,
sieht allerdings im Weg der Arbeit den einzigen gangbaren Weg zum
„Reich der Freiheit“.
Auf dem Hintergrund dieser Vorstellung war es möglich, auch die
unter entwürdigendsten Umständen zu erbringende Arbeit in der in-
dustriellen Frühphase im Sinne einer für die Menschheit insgesamt
positiven Entwicklung zu interpretieren. Damit ergab sich für die
Arbeiterbewegung zwar das politische Ziel, die ungerechtfertigten
Nutznießer der Arbeitsverausgabung der Massen, die Eigentümer der
Produktionsmittel, zu entmachten und der Arbeiterschaft den gerech-
ten Anteil ihrer Arbeitsleistung zukommen zu lassen, aber nicht, die
Verzweckung des Menschen unter die Arbeit anzuzweifeln. Denn die
Befreiung des Menschen von der Notwendigkeit des Arbeitens stellt
sich in diesem Sinn nicht primär als eine politische Aufgabe, sondern
ist als Effekt der historischen Entwicklung zu erwarten. Die zuneh-
mende Verwissenschaftlichung von Produktion und Arbeit – möglich
durch die Verbreiterung des gesellschaftlich verfügbaren Wissens –
sowie die damit mögliche endgültige Entwicklung des Maschinensys-
tems wurden als der Schlüssel angesehen für eine unermeßliche Stei-
gerung der Produktivität der menschlichen Arbeitskraft und eine da-
mit mögliche sukzessive Entlastung des Menschen von der Arbeit.
Nicht die Arbeit als historisches Faktum gilt es zu relativieren, son-
dern die Tatsache, daß den Arbeitern ein Teil des von ihnen erarbeite-
46 Die Arbeit hoch?

ten Mehrwerts von den Unternehmern vorenthalten wird. Dement-


sprechend wenig unterschieden sich in der positiven Bewertung der
Arbeit auch die (ja erst vor kurzem weitgehend von der politischen
Landschaft verschwundenen) „realsozialistischen“ Gesellschaftsfor-
mationen von denen des kapitalistischen Westens.50 Die Notwendig-
keit des Kampfes um Arbeitszeitverkürzungen erklärt sich im Gefolge
der Vorstellung eines „Arbeitens um der Überwindung der Arbeit
willen“ bloß daraus, daß die sich aus dem Produktivitätsfortschritt
ergebende Erhöhung des erarbeiteten Mehrwerts sonst zur Gänze vom
Kapital (also den Unternehmern) beansprucht werden würde.
Was durch diese Idee jedoch legitimiert wurde, war die Entfesse-
lung der Produktivkräfte, also die radikale Beförderung des technolo-
gischen Fortschritts. Die technische Entwicklungsdynamik avancierte
im allgemeinen Bewußtsein zunehmend zur Voraussetzung für die
Entfaltungsmöglichkeiten der Individuen.51 Der Begriff „Fortschritt“
mutiert in diesem Sinn im „sozialdemokratischen Jahrhundert“ zur
aktuellen Vermittlungsgröße des Arbeitsethos. Damit verbunden war
aber auch ein gewaltiger Bedeutungszuwachs der technisch-

50 Robert Kurz, ein radikaler „Kritiker der letzten Stunde“ am warenproduzieren-


den System der Moderne, faßt diesbezüglich zusammen: „Wenn Alexej Stacha-
now, jener Mensch, der in der Nacht zum 31. August 1935 im Donezbecken
während einer Schicht von fünf Stunden und 45 Minuten 102 Tonnen Kohle ge-
fördert haben soll, zum sowjetischen Vorbild und Arbeitsmythos geworden ist,
so verkörpert er damit gerade das kapitalistische Prinzip abstrakter Arbeitskraft-
verausgabung, in dessen Bann Arbeit als tautologischer Selbstzweck gesetzt
wird.“ […] „Daran ändert nichts, daß die Motivation der Menschen unter die Ar-
beitsmaschine von den Individuen auf den Staat und dessen nationalökonomi-
sche Metaziele übertragen wurde; die Abstraktion erscheint darin nur umso roher
und rigider, weil noch nicht einmal mit dem bloßen Schein individueller Zweck-
setzung versehen.“ Kurz, R.: Der Kollaps der Modernisierung. Vom Zusammen-
bruch des Kasernensozialismus zur Krise der Weltökonomie. Frankfurt a.M.
1991, S. 12 und 14.
51 Auch Marx hatte einen entwicklungsautomatischen Zusammenhang zwischen
technischer Fortschrittsdynamik und individueller Selbstentfaltung schon in den
„Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie“ postuliert. Berlin (Ost) 1953,
S. 592ff.
Arbeit, Bildung und politisch-ökonomisches System 47

ökonomischen Rationalität – die Frage nach einem transzendenten


Sinn gesellschaftlichen Handelns tritt weit in den Hintergrund, als
sinnvoll gilt, was dem (technologischen) Fortschritt dient und die
Leistungsfähigkeit der industriellen Megamaschine steigert. Diesem
Fortschritt hat sich auch Bildung unterzuordnen, das durch Bildung
vermittelte Arbeitsethos zielt auf Leistungssteigerung, gefragt ist die
an technisch-ökonomischem Wachstum orientierte Intelligenz. Nicht
mehr die bloße Verwertung des Leistungspotentials der vorhandenen
menschlichen Arbeitskräfte gilt als die wesentliche Grundlage des
gesamtgesellschaftlichen Reichtums, sondern die gezielte Verbreite-
rung des gesellschaftlich verfügbaren Wissens, die Aktivierung der
„Produktivkraft“ Mensch zur maximalen Steigerung der Produktivität.
Die unter dem Namen „wissenschaftliche Betriebsführung“ und
„Wirtschaftspädagogik“ ab den zwanziger und dreißiger Jahren dieses
Jahrhunderts auftretenden neuen industriepädagogischen Strömungen
konnten neben ihrer Anbindung an die „Berufsbildungstheorie“ auf
dieser positiven Wendung in der Bewertung des industriellen Fort-
schritts aufbauen. Sie waren eindeutig an technisch-ökonomischem
Denken und Handeln orientiert, und ihre Vorschläge bezüglich einer
Humanisierung der Arbeitsplätze und einer Neugestaltung der Ar-
beitsorganisation lassen sich klar dem Ziel einer Steigerung der Leis-
tungsbereitschaft der Industriearbeiter zuordnen. „Die Festigung der
»Betriebsgemeinschaft« wird für sie zur entscheidenden Vorausset-
zung einer Stabilisierung des Produktionssystems – durchaus eine
neofeudalistische Variante der kleinbetrieblich-ständischen Meister-
lehre –, die sich nicht nur auf die stärkere Verinnerlichung des
Leistungsbewußtseins und des verbreiteten Fortschrittsglaubens stüt-
zen kann, sondern auch auf die Forderung nach absoluter Loyalität
der Beschäftigten gegenüber einer Betriebsleitung, die sich – mit wel-
chem Recht auch immer – vor allem als sachverständig und primär
48 Die Arbeit hoch?

dem Gemeinwohl verpflichtet darzustellen versucht.“52 Arbeit und


Bildung sind in diesem Gedankengebäude denselben betriebswirt-
schaftlichen Kalkülen untergeordnet – der Imperialismus der fort-
schrittsorientierten Wirtschaftsordnung fungiert als Legitimation der
Gleichsetzung von Arbeitserziehung und Menschenbildung.
Dem gesellschaftlichen Konsens der Idealisierung des „Fort-
schritts“ entsprechend, erreichte „Arbeit“ im Verlauf der ersten Hälfte
dieses Jahrhunderts dann schließlich ihre heutige, umfassende und
von allen gesellschaftlichen Gruppierungen mitgetragene Wertschät-
zung. Diese arbeitsgesellschaftliche Grundlage wurde zum Kriterium,
um in den Kreis jener Gesellschaften aufzurücken, die sich gegensei-
tig das Etikett „zivilisiert“ verleihen. Der Mythos „Fortschritt“ stellt
auch heute noch die Legitimationsgrundlage für eine, entsprechend
den jeweiligen Verwertungsbedingungen zwar modifizierte, aber
grundsätzlich immer weiter voranschreitende, Verausgabung von
Arbeitskraft, losgelöst von konkreten subjektiv-sinnlichen Bedürfnis-
sen, dar. Die Perspektive eines sich über die Arbeit verwirklichenden
Fortschreitens in die Richtung einer zukünftigen arbeitsfreien Gesell-
schaft gilt allerdings längst als obsolet und ist heute abgelöst vom
„Zwang zum wirtschaftlichen Wachstum“. „Fortschritt“ – zunehmend
nur mehr verstanden als die Verbesserung der Lebensbedingungen der
Menschen eines Wirtschaftsraumes – entpuppte sich unter den öko-
nomischen Sachgesetzlichkeiten des Kapitalismus als untrennbar ver-
knüpft mit permanentem Wirtschaftswachstum – eine Tatsache, die
den ideologischen Rechtfertigungszwang bezüglich der Arbeitsnot-
wendigkeit schließlich gänzlich zum Verschwinden brachte. Kein
Glaube an eine von Gott gestellte Aufgabe, nicht der Wunsch, der
Gemeinschaft dienen zu wollen, und auch nicht die Vision eines
„Reichs der Freiheit jenseits der Arbeitsnotwendigkeit“ sind heute
erforderlich, um die Menschen zur Arbeitsverausgabung zu motivie-

52 Dickau, a.a.O., S. 16.


Arbeit, Bildung und politisch-ökonomisches System 49

ren. Die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes und damit auch der
Partizipationsmöglichkeit am gesellschaftlichen Reichtum ist Trieb-
kraft genug – gearbeitet wird heute, um morgen überhaupt noch einen
Arbeitsplatz zu haben.
Denn die wachstumsabhängige kapitalistische Wirtschaft stößt zu-
nehmend an ihre Grenzen; allenthalben wird heute eine „Krise der
Arbeitsgesellschaft“ konstatiert. Und es handelt sich dabei nicht nur
um eine der auch schon bisher periodisch aufgetretenen ökonomi-
schen Krisen als Folge von Konjunkturschwankungen – die kapitalis-
tische Produktionsweise selbst in ihrer Struktur und ihren grundsätzli-
chen Zusammenhängen scheint heute in Frage gestellt. Gemeint ist
damit, daß jenes etwa vier Jahrzehnte lang relativ gut funktionierende
Zusammenspiel von Massenproduktion, Massenbeschäftigung, wach-
sendem Massenwohlstand und permanent steigenden Profitraten zu-
nehmend außer Tritt gerät und es dadurch zu einem zwar periodisch
immer wieder unterbrochenen, aber insgesamt kontinuierlichem An-
steigen der Arbeitslosigkeit in allen Industriestaaten kommt. Das völ-
lig Neue dabei ist, daß das bisherige Generalrezept für kapitalistische
Krisen – das Ankurbeln der Wachstumsspirale – nur mehr vorüberge-
hend und nur in Teilbereichen des wirtschaftlichen Geschehens
greift53 sowie, daß heute kaum mehr darüber hinweg gesehen werden
kann, daß dieses Lösungsmuster nur eine noch viel ausweglosere,
global-ökologische Krise beschleunigt.

53 Galt es bisher als ehernes Wirtschaftsgesetz, daß auf rezessionsbedingte Entlas-


sungswellen im Zuge des nächsten Wirtschaftsaufschwungs stets auch wieder ei-
ne Erholung des Arbeitsmarkts folgt, tritt neuerdings in allen industrialisierten
Ländern das Phänomen auf, daß auch gute Wirtschaftsdaten nicht in der entspre-
chenden Form auf den Arbeitsmarkt durchschlagen. Der derzeit stattfindende
dramatische Strukturwandel beruht genau darauf, die Anzahl der Arbeitsplätze
der durch den Technologieschub dramatisch gestiegenen und noch deutlich wei-
ter steigerbaren Produktivität anzupassen. Selbst dort, wo neue Produktionen
entstehen, wirken sich die Investitionen kaum im Sinne einer Vermehrung der
Arbeitsplätze aus. Vgl.: „Wirtschaftswoche“ Nr. 41/8. Okt. 1992.
50 Die Arbeit hoch?

Die wachstumsfixierte Faszination gegenüber dem „Fortschritt“,


mit immer weniger menschlicher Arbeitskraft ein Immer-mehr an
Waren produzieren zu können, hatte nämlich dazu geführt, daß etwas
ganz Wesentliches übersehen worden war: Der Produktivitätsgewinn
bezogen auf die Anzahl der Arbeitskräfte beruht nicht auf einer „un-
schuldigen“, immer weiter fortschreitenden „wissenschaftlichen
Durchdringung der Arbeitsprozesse“, sondern ist vom Handwerker bis
zum Arbeiter der Automatisierungsgeneration nur möglich gewesen
durch einen zunehmenden Raubbau an der Natur und das Unterlaufen
ökologischer Gleichgewichte. Der Einsatz künstlich erzeugter Ener-
gie, der weit über der Recyclingrate der Natur liegende Verbrauch
von Rohstoffen und die Überlastung der Natur mit Zivilisationsabfall
waren es, womit der einer ökonomischen Rationalität verpflichtete
wissenschaftliche Geist die sprunghafte Produktivitätssteigerung der
Industriegesellschaft vorangetrieben hatte. Bei den fortschrittsorien-
tierten Arbeitstheorien war der Zerstörungsfaktor von Arbeit, im Sin-
ne eines schlichten „Aufbrauchens von Umwelt“, völlig ausgeblendet
worden. Walter Benjamin bemerkte diesbezüglich in seinen ge-
schichtsphilosophischen Thesen pointiert: „Zu den korrumpierten
Begriffen der Arbeit gehört als sein Komplement die Natur, welche
[…] »gratis da ist«“54.
Trotzdem wir, geblendet vor Stolz, kaum erkennen wollen, daß der
uns umgebende (bei weitem nicht einmal gleichmäßig verteilte!)
Wohlstand keineswegs nur unserem Arbeitsfleiß geschuldet ist, bleibt
es uns heute nicht erspart, ängstlich auf die Rechnung für „durch Ar-
beit“ von uns selbst weitgehend zerstörten natürlichen Lebensgrund-
lagen zu warten. Und selbst wenn in einer „Heut’-ist-heut’-
Mentalität“ versucht wird, die Erkenntnis der ökologischen Folgen
der Arbeitsgesellschaft zur Seite zu schieben, bleiben die sozialen

54 Benjamin, W.: Einbahnstraße (1928). Zit. nach Guggenberger, B.: Wenn uns die
Arbeit ausgeht. Die aktuelle Diskussion um Arbeitszeitverkürzung, Einkommen
und die Grenzen des Sozialstaats. München/Wien 1988, S. 41.
Arbeit, Bildung und politisch-ökonomisches System 51

Folgen einer Gesellschaft unübersehbar, in der das gesellschaftsadä-


quate Überleben des einzelnen an einen Lohn-Arbeitsplatz gekoppelt
ist. Daß das traditionelle, auch von der Arbeiterbewegung idealisierte
Rezept, durch Wirtschaftswachstum die Sicherheit von Arbeitsplätzen
zu garantieren, längst nicht mehr greift, zeigt heute ja bereits ein ein-
facher Vergleich der Wirtschaftswachstumstrends mit der Entwick-
lung der Arbeitslosenzahlen. Unübersehbar ist der zweifache Druck,
unter dem die auf der Arbeitsideologie aufgebaute bürgerlich-
kapitalistische Gesellschaft heute steht. Dennoch wird erstaunlicher-
weise bei nahezu allen Versuchen, die gegenwärtige „Strukturkrise“
auch nur theoretisch in den Griff zu bekommen, kaum über den Anteil
der geradezu mythologischen Überhöhung von Arbeit und Leistung
am gesellschaftlichen Status quo nachgedacht. Eine tiefe Angst
scheint die Menschen daran zu hindern, die Wurzeln der gegenwärti-
gen Krise endlich genau auf jener Ebene zu suchen, auf der alle bishe-
rigen Gesellschaftssysteme der Moderne angesiedelt waren – in der
Selbstzwecksetzung der menschlichen Arbeit.
Wie dargestellt, war die Pädagogik mehr als nur am Rande an der
Installierung der arbeitsethischen Grundlagen der bürgerlich-
kapitalistischen Gesellschaft beteiligt. Ihre Geschichte stellt sich über
weite Strecken als ident mit der sukzessiven Durchdringung der Ge-
sellschaft mit dem Geist der Arbeit dar, einer Arbeit, die uns heute
schon allein „durch ihre überragende Nützlichkeit und die Sinnfällig-
keit ihrer Funktionalität“55 rechtfertigungsfähig erscheint. Nur über
den Zwischenschritt einer pädagogischen Anthropologie, die mit der
Behauptung, daß der Mensch sich über Arbeit verwirklicht, die Frage
nach einer übergeordneten Begründung menschlichen Tuns weitge-
hend exekutiert hatte, war es möglich, daß die Arbeit eine so zentrale
Stellung in der menschlichen Existenz einnehmen konnte. Wenn aber
das gängige pädagogische Menschenbild Arbeit schlechthin als jene

55 Guggenberger, ebda.
52 Die Arbeit hoch?

Größe definiert, durch die verwirklicht wird, worauf das pädagogische


Geschäft – die Bildung – abzielt, dann kann die Pädagogik ohne Ü-
bertreibung als der klammheimliche Förderer des gesellschaftlichen
Arbeitsethos bezeichnet werden; Arbeit und Bildung sind dann nur
mehr zwei Erscheinungsformen desselben gesellschaftlichen Phäno-
mens. Ganz in diesem Sinn stellt sich Arbeit und Bildung in der heu-
tigen gesellschaftlichen Situation auch weitgehend ident dar. Einer-
seits erscheint die zur Qualifikation reduzierte Bildung als die Vor-
aussetzung, um in Arbeitsprozesse eingebunden zu werden, und ande-
rerseits wird de facto allgemein davon ausgegangen, daß sich der
Mensch primär über Arbeit bestimmt und daß Arbeit damit den Weg
zu seiner Selbstentfaltung – dem pädagogischen Ziel der „entfalteten
Persönlichkeit“ – darstellt56.
Heute, wo Arbeitslosigkeit in den Industriestaaten immer mehr zu
einem bestimmenden Phänomen der Gesellschaft wird und die Ideen
für das Schaffen neuer Arbeitsplätze zunehmend an strukturellen

56 Überlegungen zu Erziehung Schule und Ausbildung sind in diesem Sinn – wie es


der amerikanische Erfolgsautor Neil Postman in seinem jüngst erschienenen
Buch ausdrückt – gegenwärtig auch nahezu ausschließlich beherrscht vom „Gott
der ökonomischen Nützlichkeit“, eines Gottes – wie er ausführt – nach dessen
Regeln die Arbeit den Menschen definiert, man also ist, was man tut. (Postman,
N.: Keine Götter mehr. Das Ende der Erziehung. Berlin 1995) Weitgehend un-
hinterfragt gilt die unter den Prämissen von Wirtschaftswachstum, ökonomi-
schem Konkurrenzkampf und quantitativ definiertem Fortschritt vorgenommene
Orientierung pädagogischer Maßnahmen an der Bereitschaft zur Aneignung ar-
beitsmarktorientierter Qualifikationen als sakrosankter Wert. Der Verführung er-
legen, Schlüsselfunktion für das Funktionieren der Arbeitsgesellschaft zu besit-
zen, ist die Pädagogik auf diese Art allerdings zu einem ohnmächtigen Anhäng-
sel wirtschaftlichen Geschehens geworden. Zugleich damit wird die gegenwärtig
kaum mehr kaschierbare „Krise der Arbeitsgesellschaft“ auch zu einer Krise der
Pädagogik. Sie soll leisten, was Politik längst nicht mehr zustandebringt. Indem
sie sich eilfertig darum bemüht, Rezepte für eine zukunftsträchtige Heranbildung
von Arbeitskräften zu liefern – von denen heute allerdings niemand weiß, ob sie
morgen überhaupt noch gebraucht werden – wirkt sie mit am Aufrechterhalten
des rational längst unhaltbaren Mythos, daß es uns durch Arbeit gut geht und
durch mehr Arbeit noch besser geht.
Arbeit, Bildung und politisch-ökonomisches System 53

Grenzen scheitern, könnte sich – als logischer gesellschaftlicher Sta-


bilisierungseffekt – bald das Phänomen ergeben, daß Arbeit – in dem
über die letzten zweihundert Jahre gewachsenen Verständnis von
„Lohn-Arbeit“ – wieder eine ideologische Relativierung erfährt. Ein
zunehmendes Infragestellen der parallel mit dem Heranwachsen der
bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft installierten Wertorientierung
an der Arbeit könnte die Folge sein. Wolfgang Müller hat in einem
Referat am 9. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Erziehungs-
wissenschaft darauf hingewiesen, daß es bei zunehmender Arbeitslo-
sigkeit schnell darum geht, die Bedeutung des Arbeitsplatzverlustes
für diejenigen herunterzuspielen, die ihren Arbeitsplatz schon verlo-
ren haben oder diesbezüglich gefährdet sind. Für ihn zeigt sich diese
Entwicklung derzeit schon am vermehrten Auftauchen der „beruhi-
genden Rede“, daß Menschen ja auch ohne dauerhafte und gesicherte
Berufsarbeit leben könnten und „vielleicht sogar besser als ihre be-
rufstätigen Leidgenossen, die durch abhängige Arbeit, Lohnarbeit,
entfremdete Arbeit an der Ausbildung ihrer genuin menschlichen
Kapazitäten ohnedies gehindert würden“57 sowie daß es für jene, die
keinen Lohnarbeitsplatz bekommen, ja sowieso im sozialen Sektor
genügend sinnvolles zu „arbeiten“58 gebe.

57 Müller, C. W.: Von meiner eigenen Verlegenheit. In: Zeitschrift für Pädagogik,
19. Beiheft, Weinheim und Basel 1985, S. 99.
58 Diese Argumentation taucht häufig im Zusammenhang mit den sogenannten
„Reproduktionsarbeiten“ auf, die ja bis jetzt überwiegend von Frauen (Müttern,
Ehefrauen, Töchtern, Schwiegertöchtern) – vielfach neben einem Lohnarbeits-
verhältnis – unbezahlt erledigt werden. Bei einer solchen Ausweitung des Ar-
beitsbegriffs wird allerdings das zentrale Definitionsmerkmal von Arbeit im
Rahmen unserer Gesellschaft, nämlich der Entfremdungscharakter, negiert. Da
es einen Arbeitsbegriff „an sich“ jedoch nicht gibt, sondern der Arbeitsbegriff
nur einen Reflex auf die gegebene Gesellschaftsordnung darstellt, geht auf diese
Art der Arbeitsbegriff schließlich überhaupt verloren, „die Grenzen zwischen
Arbeit und Nichtarbeit, zwischen Arbeit, Tätigkeit und sogar Leben zerfließen,
[der Arbeitsbegriff] und arbeitsbezogene Bildung gerät in den Sog postmoderner
Beliebigkeit“. Vgl. Drechsel, R.: Einwände gegen eine Erweiterung des Arbeits-
54 Die Arbeit hoch?

Solange eine solche „Erkenntnis“ nicht begleitet ist von einer


grundsätzlichen kritischen Auseinandersetzung mit den strukturellen
Bedingungen der gegenwärtigen gesellschaftlichen Ordnung, kann sie
nur als zynisch bezeichnet werden. Die Selbstzwecksetzung der Ar-
beit ist im Rahmen unserer Gesellschaft weder ein marginales noch
ein temporäres Phänomen, sondern das begründende Faktum und
untrennbar mit dem (Weiter-)Bestand der bürgerlich-kapitalistischen
Gesellschaft verbunden. Den Wert der Arbeit als Medium menschli-
cher Sinnstiftung herunterzuspielen und davon zu schwärmen, daß ein
„erfülltes Leben“ auch jenseits von (Lohn-)Arbeit möglich ist, ohne
gleichzeitig die Tatsache zu thematisieren, daß Arbeit gegen Entgelt
für nahezu alle Gesellschaftsmitglieder derzeit die einzige Möglich-
keit ist, um überhaupt adäquat über-leben zu können, spiegelt den
Versuch wider, das gegenwärtige System, möglichst unangetastet von
Sockelarbeitslosigkeit und sozialstaatlichem Abbau, in die Zukunft zu
retten. Bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft und Arbeitsgesellschaft
sind Synonyme für denselben gesellschaftlichen Status quo, und das
bürgerliche Individuum hat nicht die Möglichkeit, auf die Vorteile
einer Mitgliedschaft in dieser Gesellschaft zu rekurrieren und sich
dennoch für oder gegen seine Selbstdefinition über Arbeit zu ent-
scheiden.
Pädagogik im allgemeinen und die Berufspädagogik im besonde-
ren ist, wie in den weiteren Kapiteln der gegenständlichen Arbeit
dargestellt wird, in höchstem Maße in die derzeitigen Krisenstrategien
der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft eingebunden. Eine fortge-
setzte und immer herrischer sich gebärdende Verberuflichung aller
Bildung, sogenannte „neue Methoden“ der (beruflichen) Bildung, die
ein besseres Funktionieren der Ausgebildeten unter den um sich grei-
fenden neuen arbeitsorganisatorischen Strukturen versprechen, wie
beispielsweise „Projektausbildung“, „Lernstatt“ oder „Leittextmetho-

begriffs aus bildungstheoretischer Sicht. In: Abschied von der Lohnarbeit. Dis-
kussionsbeiträge zu einem erweiterten Arbeitsbegriff. Bremen 1990, S. 195f.
Arbeit, Bildung und politisch-ökonomisches System 55

de“, die Ausrichtung des pädagogischen Handelns an berufsübergrei-


fenden „Schlüsselqualifikationen“ oder einer arbeitsbezogenen
„Handlungsorientierung“ sind dementsprechende Indikatoren. Im
Zusammenhang mit den angesprochenen Maßnahmen wird heute
faktisch durchwegs auf eine Begründung anhand eigenständiger, bil-
dungsimmanenter Ziele verzichtet; die neuen Ausbildungskonzepte
werden in der Regel nur aus der Notwendigkeit hergeleitet, (zukünfti-
gen) ArbeitnehmerInnen neue, sich aus den veränderten Bedingungen
der Berufs- und Arbeitswelt ergebende – also im Sinne ihrer ökono-
mischen Verwertung notwendige – Qualifikationen vermitteln zu
müssen. Die Legitimation für neue Ausbildungsmaßnahmen wird
eindimensional aus dem von der Wirtschaft formulierten Bedarf nach
„verwertbarem Humankapital“ sowie dem „Verwertungszwang“ der
Auszubildenden abgeleitet.
Pädagogen, die sich eine kritische Distanz gegenüber der Tatsache
bewahrt haben, daß Bildung heute immer offenkundiger zur Qualifi-
kation reduziert wird, versuchen oft in verzweifeltem Trotz, den auf
Muße gegründeten neuhumanistischen Bildungsbegriff zu reanimie-
ren. Das ist jedoch sicher zu wenig, um der die heutige pädagogische
Theorie immanent prägenden Vorstellung von der „Bildung durch
Arbeit“ wirklich etwas entgegenzustellen. Im Sinne des Vorhergesag-
ten erscheint das nur Hand in Hand mit der Bereitschaft möglich, auch
die in der Selbstzwecksetzung der Arbeit fundierte bürgerlich-
kapitalistische Gesellschaft in die kritische Analyse miteinzubeziehen.
Ansonsten kommt die Pädagogik sehr schnell in das Fahrwasser, bloß
die Rechtfertigungsideologie dafür zu liefern, daß die Arbeitsgesell-
schaft – nach einer nicht einmal ein halbes Jahrhundert dauernden
Periode ihres diesbezüglich leidlichen Funktionierens – aufs neue
zunehmend nicht in der Lage ist, das durch einen Lohnarbeitsplatz
abgesicherte Überleben aller Gesellschaftsmitglieder zu gewährleis-
ten. Um sich dergestalt von der bürgerlich-kapitalistischen Gesell-
schaft zu emanzipieren, wäre es für die Pädagogik allerdings auch
56 Die Arbeit hoch?

erforderlich, die enge Nähe von Bildungsbegriff und bürgerlichem


Arbeitsethos zu reflektieren. Damit ist nicht bloß die de facto Durch-
setzung der arbeitszentrierten gegenüber der mußezentrierten pädago-
gischen Anthropologie gemeint, sondern insbesonders auch die Tatsa-
che der gemeinsamen Wurzeln von Bildungsbegriff und bürgerlichem
Arbeitsethos.
Erst eine Pädagogik, die sich dieser Nähe zum bürgerlichen Ar-
beitsethos bewußt ist, kann sich von ihrer „geburtsständischen Anbin-
dung“ und ihren „familiären Verpflichtungen“ gegenüber einer gesell-
schaftlichen Ordnung emanzipieren, die auf der Selbstzwecksetzung
der Arbeit aufbaut. Nur durch ein solches selbstreflexives Quellenstu-
dium läßt sich der „Zusammenhang zwischen Ökonomie und Bil-
dungsideologie“59 aufdecken, und es kann möglich werden, daß sich
mehr als bloß eine kritische Haltung gegenüber der Vorstellung, daß
Arbeit bildet, entwickelt, sondern daß auch die Strukturen und die
Folgen der arbeitszentrierten Gesellschaft selbst in den kritischen
Fokus pädagogischer Theorie gelangen.

59 Gamm 1974, a.a.O., S. 146.


2. DIE KRISE DES FORDISMUS UND
DAS ENDGÜLTIGE „ZUR WARE WERDEN“ DER
BILDUNG

Wenn ein Hungernder stiehlt, brauche ich keine


Psychologie. Ich benötige Psychologie, schließ-
lich auch Massenpsychologie, um zu erklären,
warum ein Hungernder nicht stiehlt, warum die
Menschen an der unmittelbaren Wahrnehmung
ihrer Interessen von unsichtbaren inneren Bar-
rieren gehindert werden.
Wilhelm Reich

In den sozialwissenschaftlichen Analysen herrscht heute weitge-


hend Einigkeit darüber, daß sich jene – in der neueren diesbezügli-
chen Literatur pointiert als „Fordismus“ bezeichnete1 – „ökonomisch-
gesellschaftliche Formation“, die sich in den USA im Gefolge der
Weltwirtschaftskrise ab den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts und
in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg herausgebildet hat, in der
Anfangsphase einer tiefgreifenden und grundsätzlichen Veränderung
befindet. Dieser Veränderungsprozeß wirft zwar schon seit den sieb-
ziger Jahren deutliche Schatten voraus, aber erst seit Mitte der neun-
ziger Jahre sind die Indikatoren des Wandels unübersehbar. Die ge-
genwärtigen Veränderungen politischer, ökonomischer und techni-
scher Natur sind so umfassend, daß für die meisten Menschen der

1 Vgl. Hirsch, J./Roth, R.: Das neue Gesicht des Kapitalismus. Vom Fordismus
zum Post-Fordismus. Hamburg 1986.
58 Die Arbeit hoch?

Sinn für Tempo, Ausmaß und vor allem Zusammenhang der verschie-
denen Aspekte des Wandels kaum mehr herstellbar sind. Die fordisti-
sche Ausprägungsform der kapitalistischen Gesellschaft, die seit mehr
als einem halben Jahrhundert das Leben und die Arbeitsbedingungen
der Menschen in der industrialisierten Welt geprägt hat, scheint insge-
samt am Ende ihrer geschichtlichen Epoche angelangt zu sein. Ihre
tragenden Säulen, tayloristische Arbeitsorganisation, permanente
Steigerung der Arbeitsproduktivität, Massenproduktion von Konsum-
gütern und immer rascherer Warenumlauf durch die Ankurbelung des
Massenkonsums, beginnen heute rasant brüchig zu werden.
Der Begriff „Fordismus“, der sich in der sozialwissenschaftlichen
Literatur erst in den letzten Jahren als Bezeichnung für die von etwa
1920 bis 1980 dauernde Phase der modernen Warenproduktion einge-
bürgert hat, knüpft an historische Wurzeln an. Er verweist auf die
zentrale Symbolfigur der modernen Industrieproduktion, den Auto-
mobilbauer Henry Ford. In der kurzen Spanne zwischen 1903 und
1926 war es diesem gelungen – auf der Basis eines für damalige Ver-
hältnisse revolutionären Fertigungs- und Vermarktungskonzepts –,
seinen vormals unbedeutenden Betrieb mit acht Beschäftigten zu ei-
nem Konzern, bestehend aus 88 Fabriken mit 600 000 Beschäftigten
und einem Produktionsvolumen von zwei Millionen Automobilen pro
Jahr, auszubauen. Nicht nur dieser wirtschaftliche Erfolg, auch die
vergleichsweise hohen Löhne und der Achtstundentag in den Ford-
schen Fabriken sowie die „Demokratisierung“ des Automobils durch
den Verbilligungseffekt der Serienfertigung führten in der Folge so-
wohl bei Befürwortern als auch bei Kritikern der kapitalistischen
Wirtschafts- und Gesellschaftsformation zu geradezu euphorischen
Auseinandersetzungen mit dem „Fordismus“2.

2 So schätzte der ehemalige Chef und Vordenker der Kommunistischen Partei


Italiens, Antonio Gramsci den „Fordismus“ als ein Fortschrittskonzept ein, von
dem auch die Arbeiterbewegung profitieren könne, Bert Brecht meinte bewun-
dernd, Fords Fabriken könnten auch dem Sozialismus entstammen, und Kurt Tu-
Die Krise des Fordismus und das „Zur Ware Werden“ der Bildung 59

Die gegenwärtige Neuaufnahme des Begriffs „Fordismus“ trägt


der Tatsache Rechnung, „daß das in den Fordschen Fabriken realisier-
te produktionsorganisatorische Konzept mit dem sozialen und öko-
nomischen Umfeld, das es erforderte, im Kern die Struktur der For-
mation enthielt, die der Kapitalismus in den Jahrzehnten um die Mitte
des zwanzigsten Jahrhunderts weltweit ausgeprägt hatte“3. Weit über
den Automobilbau hinaus wurde mit dem fordistischen Konzept das
Modell der laufenden Produktionserhöhung durch eine permanente
Ankurbelung des Massenverbrauchs auch in Bereichen möglich, die
bis dahin dem betriebswirtschaftlichen Verwertungskalkül kaum zu-
gänglich waren. Die neuen Massenindustrien schufen damit die
Grundlage für eine in der bisherigen Geschichte des Kapitalismus
beispiellose Kapitalakkumulation sowie für ein neues „Gesellschafts-
modell“, das sich in tiefgreifenden Veränderungen der Lebensweise
der Bevölkerungsmehrheit zum einen, im Sinne einer „Totalisierung
der abstrakten Arbeit“, und zum anderen einem Massenwohlstand, in
Form einer „kompensatorischen, standardisierten »Freizeitkultur«“4
artikulierte. Insgesamt dient der Begriff „Fordismus“ somit als Syn-
onym für die, auf dem Prinzip der Produktion von immer mehr Gütern
durch die Vernutzung immer größerer Arbeitskraftmengen beruhende
und etwa seit Beginn der achtziger Jahre zu Ende gehende Prosperi-
tätsphase des Kapitalismus.
Derzeit stellen stagnierende Wachstumsraten sowie anhaltend hohe
und vielfach noch steigende Arbeitslosenzahlen in fast allen OECD-
Ländern die augenfälligsten Signale der Wirtschaftsentwicklung dar.
Der fordistische Kapitalismus scheint just in der Epoche seines histo-
rischen „Sieges“ über die „realsozialistische Konkurrenz“ an seine

cholsky drückte seine Bewunderung für das Fordsche Konzept damit aus, daß er
„Fortschritt“ gelegentlich als „Fordschritt“ schrieb. Alle Zitate nach Hirsch/Roth,
a.a.O.
3 Ebda, S. 45.
4 Kurz, a.a.O., S. 277.
60 Die Arbeit hoch?

immanenten Grenzen gestoßen zu sein. Zunehmend müssen wir heute


zur Kenntnis nehmen, daß sich die ökonomisch-gesellschaftliche
Formation der industrialisierten Welt in einer so tiefen und existen-
tiellen Krise befindet, daß eine wachsende Anzahl kritischer Analyti-
ker dieses Systems sogar überzeugt ist, daß wir uns derzeit in der An-
fangsphase eines totalen Systemkollaps befinden.5 Die Krise des For-
dismus hat ihre Wurzeln primär in einem weltweiten, völligem Aus-
dem-Gleichgewicht-Geraten von Produktivität, Arbeitskräftebedarf
und Konsum und hängt zum Teil auch damit zusammen, daß die bis-
herige hemmungslose Ausbeutung der Natur und ihre Zerstörung als
Nebeneffekt der industriellen Produktion nun langsam beginnt, wirt-
schaftlich kontraproduktiv zu wirken. Die Kombination von Markt-
kräften und staatlicher Regulierung, die in der Nachkriegszeit – mehr
oder weniger ausgeprägt – in allen Industrieländern etabliert worden
war und zu einer einzigartigen Aufschwungsphase, begleitet von einer
permanent steigenden Massennachfrage nach Waren und Dienstleis-
tungen, geführt hat, stößt in dieser Situation zunehmend an ihre Gren-
zen. Verstärkt wurde die krisenhafte Entwicklung in den letzten Jah-
ren – zumindest für Europa – noch durch einen gewaltigen Struktur-
bruch, bedingt durch das „In-den-Markt-Treten“ der ehemaligen Ost-
blockländer6.

5 Vgl. dazu insbesondere Kurz, a.a.O. sowie Rieseberg, H.J.: Arbeit bis zum Un-
tergang. Die Geschichte der Naturzerstörung durch Arbeit. München 1992.
6 Daß es derzeit, aufgrund des niedrigeren Lohnniveaus (und teilweise auch wegen
der geringeren Umweltauflagen), in verschiedenen Industriebereichen zu einem
massiven Arbeitsplätzetransfer von Westeuropa in ehemalige Ostblockländer
kommt, ist evident. Vgl. für die diesbezügliche österreichische Situation insbes.
„Wirtschaftswoche“ 33/ 12. August 1993. Auch daß die dadurch billiger produ-
zierten Produkte eine Konkurrenz für westeuropäische Firmen darstellen, leuch-
tet ein. Ob der Arbeitsplatztransfereffekt nicht zumindest zum Teil wieder kom-
pensiert wird durch das Entstehen neuer Arbeitsplätze im Westen gerade durch
die „Ostöffnung“, darüber gehen die Meinungen der Fachleute auseinander. Fest
steht, daß der Hinweis auf die geringeren Lohn- und Sozialkosten in Osteuropa
(aber beispielsweise auch in den USA) heute sehr häufig dafür verwendet wird,
um die sich laufend verschlechternde Situation am westeuropäischen Arbeits-
Die Krise des Fordismus und das „Zur Ware Werden“ der Bildung 61

Trotz des vor wenigen Jahren euphorisch proklamierten Sieges der


(sozialstaatlich gezähmten) Marktwirtschaft ist derzeit nicht einmal
mehr sicher, daß die Ausweitung dieses Systems auf den ehemaligen
„Ostblock“ für die Betroffenen jemals die erhofften Vorteile zu brin-
gen imstande sein wird.7 Daß für die „Nicht-Industrieländer“8 ir-
gendwann ein „euro-amerikanischer Lebensstandard“9 möglich wer-
den könne, glaubt heute sowieso kaum jemand mehr. Die Vorstellung
von der Angleichung des Lebensstandards der „unterentwickelten“
Länder an den der industrialisierten Welt hat sich als absurd herausge-
stellt – der Traum vom „universellen Warenparadies“ ist ausgeträumt.
Heute, wo über Satellit und fast eine Milliarde Fernsehschirme nahezu
alle Menschen dieser Erde – bis ins kleinste asiatische und afrikani-
sche Dorf – permanent mit der Vorstellung vom Glück durch mate-

markt zu legitimieren beziehungsweise um Sozialleistungen (und zum Teil auch


Umweltstandards) hierzulande in Frage zu stellen. Vgl. „Kurier“, 13. 4. 93, S. 7.
7 Dementsprechend erscheint es auch irreführend, heute zu erklären, daß der Ost-
West-Konflikt durch den Nord-Süd-Konflikt abgelöst worden sei. Denn noch ist
überhaupt nicht klar, auf welcher Seite des „neuen“ Gegensatzes die ehemaligen
„Ostblockländer“ landen werden.
8 Die in den letzten Jahrzehnten häufig übliche Einteilung der Länder der Welt, in
industrialisierte, marktwirtschaftlich orientierte Länder einer sogenannten „Ers-
ten Welt“, in die planwirtschaftlich agierenden Länder der „Zweiten Welt“ und
in industriell wenig entwickelte Länder der „Dritten Welt“ stellt heute aus ver-
schiedenen Gründen nur mehr ein wenig sinnvolles Unterscheidungsmerkmal
dar. Zum einen haben mit dem Zusammenbruch der osteuropäischen Wirt-
schafts- und Gesellschaftssysteme ein Großteil der Planwirtschaften zu existieren
aufgehört, und zum anderen ist der Begriff „Dritte Welt“ auf Grund der Vielzahl
unterschiedlicher wirtschaftlicher Verhältnisse und Wirtschaftspotentiale, die un-
ter ihn subsumiert werden, heute fast bedeutungslos geworden.
9 Gegenwärtig wird es allerdings sowieso immer absurder, sich auf einen solchen
„euro-amerikanischen Lebensstandard“ zu beziehen. Immer deutlicher etabliert
sich in den Industrieländern ein Nebeneinander von dramatisch unterschiedlichen
Lebensrealitäten. Die sogenannte „Zwei-Drittel-Gesellschaft“ ist längst gesell-
schaftliche Tatsache – innerhalb der sogenannten „reichen Länder“ trennt eine
unsichtbare, von der Seite der Ausgegrenzten allerdings immer unüberwindliche-
re Grenze die Gewinner im allumfassenden Konkurrenzkampf von den an den
Rand Gedrängten.
62 Die Arbeit hoch?

riellen Wohlstand genährt werden, ist diese Verheißung längst an ihre


Grenzen gestoßen.10 Die diesbezüglichen Versprechungen des seiner-
zeitigen amerikanischen Präsidenten Harry Truman, der noch vor
wenig mehr als vierzig Jahren von einer „wesentlichen Verbesserung
des Lebensstandards“ in den „unterentwickelten Ländern“ durch die
„Hebung der Industrieproduktion“11 – also durch eine Entwicklung
für alle nach westlichem Vorbild – sprach, erweisen sich als völlig
uneinlösbar. Heute wird der Alltag der benachteiligten drei Fünftel
der Menschheit ganz sicher nicht durch Aufstieg und Wohlstand, son-
dern immer mehr von Elend, Hunger, ökologischer Zerstörung und
kultureller Degeneration bestimmt.
Aber auch die Menschen der „fordistischen Kernländer“ in West-
europa, Nordamerika und Japan werden derzeit recht unsanft aus dem
Traum vom gesicherten Leben in ständig steigendem Wohlstand ge-
rissen. Der rasche Verfall ganzer Regionen zu „Industriefriedhöfen“,
regelmäßige Meldungen über Industriezusammenbrüche und Massen-
entlassungen, relativ hohe Arbeitslosenraten, ungünstige Konjunktur-
werte sowie häufige Hinweise auf die Wahrscheinlichkeit einer weite-
ren Verschärfung dieser Situation signalisieren einen Bruch in der
wirtschaftlichen Entwicklung der Nachkriegszeit, der verschiedentlich
Erinnerungen an die Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre auf-
kommen läßt. Wenn nicht alle Zeichen trügen, scheint jene Zeit, in
der man sich auf den bisherigen, „kalkulierbaren“ Zyklus von Kon-
junktur und Rezession einstellen und nach vorübergehenden mageren

10 Die Tatsache, daß den Bewohnern der „Dritten Welt“ zwar einerseits permanent
durch Fernsehen und Touristen der Lebensstandard der Industriestaaten vor Au-
gen geführt wird, ihre realen Chancen, einen solchen Lebensstandard in ihren
Ländern jemals zu erreichen, für sie heute jedoch ständig sinken, läßt in nächster
Zukunft ein Völkerwanderungs-Szenario erwarten, demgegenüber die bisherige
Migration aus den ehemaligen Ostblockländern vergleichsweise harmlos anmu-
tet. „Millionen werden kommen“, prophezeit der Generalsekretär des Club of
Rome, Bertrand Schneider, um die zynisch-resignative Frage anzuschließen:
„Wer wird den Schießbefehl geben?“ „Spiegel“ Nr. 2/1993, .S. 103.
11 Zit. nach „Spiegel“ a.a.O.
Die Krise des Fordismus und das „Zur Ware Werden“ der Bildung 63

wieder mit fetten Jahren des Wachstums und der Vollbeschäftigung


rechnen konnte, bis auf weiteres vorbei zu sein. Manche Wirtschafts-
forscher sprechen heute auch tatsächlich recht unverblümt von einer
„Wiederholung der dreißiger Jahre“ und davon, daß in den Industrie-
staaten in den nächsten Jahren mit anhaltend hohen Dauerarbeitslo-
senraten gerechnet werden muß, sich die Bewohner dieser Länder mit
einem „Wohlstandsabbau“ abfinden müßten und von den Arbeitneh-
mern „künftig mehr Leistung zu gleichen Löhnen“ gefordert werden
würde.12 Die ökonomisch-gesellschaftliche Formation Kapitalismus
hat offensichtlich jene Fähigkeit verloren, die ihr in der fordistischen
Variante zu einer zunehmenden allgemeinen Akzeptanz und zugleich
auch zur Attraktivität bei jenen Menschen verholfen hatte, die im
seinerzeitigen „Konkurrenzsystem“, in den Ländern des sogenannten
„realen Sozialismus“, leben mußten: Die erfolgreiche Koppelung der
Unterordnung der Bevölkerungsmehrheit unter das Lohnarbeitsdiktat
mit der Möglichkeit des „Konsums für alle“.
Während in den vorkapitalistischen Gesellschaftsformationen ja
noch kein allgemeines Motiv existiert hatte, das imstande gewesen
wäre, eine kontinuierliche Produktivkraftentwicklung zu bewirken,
setzte der Kapitalismus, durch die Freisetzung der Konkurrenz als
gesellschaftliches Grundprinzip, eine diesbezüglich unbändige Trieb-
kraft frei. Die sukzessive Durchdringung der Gesellschaft durch das
Konkurrenzprinzip stellte die grundlegende Voraussetzung für jenen
technologischen und arbeitsorganisatorischen Entwicklungsschub dar,
der – nach dem Ende der Phase der „Großen Depression“, etwa ab der
Wende zum zwanzigsten Jahrhundert – zu einem rasant wachsenden
Arbeitskräftebedarf in der industriellen Produktion führte und schließ-
lich die Grundlage für Massenbeschäftigung und zunehmenden Mas-
senwohlstand in der Spätphase des Kapitalismus – dem Fordismus –

12 So zum Beispiel der renommierte Wirtschaftswissenschafter Fredmund Malik


von der Hochschule für Wirtschaftswissenschaften in St. Gallen bei einem Sym-
posium in Wien. Vgl. „Standard“, 13. 5. 1993.
64 Die Arbeit hoch?

lieferte. Diese historische Leistung des fordistischen Kapitalismus,


verbunden mit der Steigerung der Produktivität, einen gewaltigen
Bedarf an lebendiger Arbeitskraft in Gang zu setzen, kehrt sich heute
allerdings in ihr Gegenteil um. Denn etwa ein halbes Jahrhundert nach
der „Erfindung des Fließbands“ brachte der nächste große Technolo-
gieschub in der konkurrenzgepeitschten Produktivkraftentwicklung
die Möglichkeit, lebendige Arbeitskraft in immer größeren Bereichen
der Produktion durch elektronisch-mechanische Aggregate zu erset-
zen. Die Massenproduktion funktioniert nun zunehmend auch ohne
den Massenarbeiter – der Kapitalismus büßt immer mehr seiner
„Ausbeutungsfähigkeit“ ein.
Für den radikalen Kritiker und „Untergangsvisionär“ des Kapita-
lismus, Karl Marx, lag genau in der gesellschaftlichen Freisetzung der
Konkurrenz das positive, fortschrittliche Moment und die „zivilisato-
rische Mission des Kapitals“. Im Gegensatz zur damals in der Arbei-
terbewegung verbreiteten moralischen Kritik an der Konkurrenz ist
sie für Marx historisch unumgänglich, um den Prozeß menschlicher
Emanzipation von den bloßen Naturgrundlagen und von der Arbeit als
Leid „im Schweiße des Angesichts“ einleiten zu können.13 Im gesell-
schaftlichen Mechanismus der Konkurrenz als „stummer Zwang“ des
warenproduzierenden Systems – entstanden und wirkend „hinter dem
Rücken“ der Subjekte – identifizierte er jene Triebkraft, die in der
Lage ist, die Entwicklung der Produktivkräfte explosionsartig voran-
zutreiben14. Rückblickend kann heute festgestellt werden, daß das

13 Siehe dazu insbesondere: Marx 198817, a.a.O.


14 Die grundsätzliche Triebkraft wirtschaftlichen Geschehens unter kapitalistischen
Bedingungen ist die Vermehrung von investiertem Kapital; die Herstellung kon-
kreter Güter oder das Anbieten von Dienstleistungen stellt in diesem Prozeß bloß
das Mittel zum Zweck der „Produktion von Mehrwert“ dar, für den es am Markt
aber erst einen (möglichst hohen) Preis zu erzielen gilt. Denn, im Gegensatz zur
zünftisch organisierten Wirtschaft, wo bei weitgehend starr vorgegebenen Pro-
duktionsmethoden auch die Preise der verschiedenen Waren fixiert und garan-
tiert waren, müssen die einzelnen betriebswirtschaftlichen Einheiten nun einen
Konkurrenzkampf um den (finanziellen) Gegenwert des produziertem Mehrwerts
Die Krise des Fordismus und das „Zur Ware Werden“ der Bildung 65

gesellschaftliche Konkurrenzprinzip, im vergleichsweise winzigen


historischen Zeitraum von knapp zweihundert Jahren, tatsächlich eine
wahrscheinlich größere Steigerung der Produktivität bewirkt hat, als
die gesamte vorherige Geschichte den Menschen gebracht hatte. Die
Grundlage für eine umfassende Befriedigung der Bedürfnisse bei
gleichzeitiger tendenzieller Befreiung der Menschheit vom „Joch der
Arbeit“ wurde damit gelegt. Allerdings verhindert genau das kapita-
listische Konkurrenzprinzip als die wesentliche Dimension der gesell-
schaftlichen Regulierung zugleich auch wieder, daß der Erfolg dieser
gewaltigen Produktivitätssteigerung sich automatisch und problemlos
als eine Verringerung der Arbeitsbelastung für alle auswirkt.
Das konkurrenzgesteuerte warenproduzierende System bewegt
sich – indem es „bloß“ seinen immanenten Gesetzmäßigkeiten folgt –
unaufhaltsam auf die Zerstörung seiner wesentlichen Grundlage, der

antreten. Sie können nicht mehr einen definierten Mehrwert in Gestalt von
Gebrauchsgütern gegen die entsprechende Menge Geld „eintauschen“, wie der
zünftige Schuster gegen Brot und Fleisch, sondern sie müssen sich einen Anteil
an der Geldgestalt des gesamtgesellschaftlichen Mehrwerts in der Zirkulation
(herrührend aus vergangenen abstrakten Vernutzungsprozessen lebendiger Ar-
beit) erst „erkämpfen“ durch den Verkauf ihrer Produkte auf dem – in der Reali-
tät zwar niemals völlig, aber von seiner prinzipellen Konzeption dennoch weit-
gehend – freien Markt.
Wie groß der Anteil an der geldförmigen Gestalt des gesamtgesellschaftlichen
Mehrwerts ist, den sich eine einzelne betriebswirtschaftliche Einheit aneignen
kann, hängt von ihrem relativen Erfolg oder Mißerfolg am Markt ab. Die hier
herrschende Logik der Preisregulierung durch Angebot und Nachfrage wird zwar
permanent durch eine Vielzahl von Mechanismen unterlaufen (z.B. durch Preis-
absprachen oder Marktmonopole), allerdings können diese „Störeinflüsse“ nie
die Basislogik völlig außer Kraft setzen, daß diejenige betriebswirtschaftliche
Einheit am Markt den größten relativen Erfolg hat, die am billigsten anbieten
kann. Diese Fähigkeit wiederum hängt aufs engste mit der höheren oder geringe-
ren Produktivität des Unternehmens zusammen, also damit, mit einem möglichst
geringen Mitteleinsatz eine möglichst große und qualitativ „konkurrenzfähige“
Produktmenge herstellen zu können. Die kapitalistische Konkurrenz um die An-
eignung des Mehrwerts läßt sich damit als jene Triebkraft identifizieren, die die
Unternehmen um den Preis ihres Untergangs – der in der Regel erfolgt, wenn die
Profitrate für das eingesetzte Kapital unter einen kritischen Wert fällt – zur per-
manenten Steigerung der Produktivität zwingt. Vgl. Kurz, a.a.O, S. 81-89.
66 Die Arbeit hoch?

Lohnarbeit (und damit gleichzeitig des im Fordismus erreichten fragi-


len Gleichgewichts von Massenproduktion und Massenkonsum, bzw.
des relativ funktionierenden Zusammenspiels von Lohn, Preis und
Profit), hin.15 Der durch den Konkurrenzdruck erzeugte, unerbittliche
Zwang zu immer neuen Produktivitäts- und Verwissenschaftlichungs-
schüben, macht menschliche Arbeitskraft zunehmend ersetzbar. Al-
lerdings tritt die sukzessive „Abschaffung der Arbeit“ unter den Be-
dingungen des warenproduzierenden Systems in keiner Weise als
glückhafte Erscheinung zutage, sondern immer nur in ihrer negativen
Form, als Krise (als Ansteigen der Arbeitslosigkeit, Sinken der Kauf-
kraft und damit Absatzschwierigkeiten). Solange noch Wirtschafts-
wachstum – „Mehrwertproduktion“ in einem anderen Wirtschaftsbe-
reich – möglich ist, kann der „Verlust“ an Lohnarbeitsplätzen durch
das „Schaffen“ neuer, bezahlter Arbeit oder durch Arbeitszeitverkür-
zungen kompensiert werden, die Krise bleibt temporär. Da Wachstum
aber naturgemäß irgendwann an Grenzen stoßen muß, bewegt sich die
kapitalistische Weltgesellschaft immer schon auf ihre Existenzkrise
zu, auf jenen Punkt ihrer Entwicklung, an den sie selbst sich die ar-
beitsgesellschaftliche Basis ihres Funktionierens entzieht.
Die „elektronische Revolution“, verbunden mit den damit möglich
gewordenen tiefgreifenden Veränderungen der Arbeitsorganisation,
stellt offensichtlich einen wesentlichen Schritt in der skizzierten Ent-
wicklung dar. Das erst am Beginn seiner Umsetzung stehende Pro-
duktivitätspotential der Informations- und Kommunikationstechnolo-
gien macht die Herstellung wachsender Warenmengen sowie die Be-
wältigung immer größerer Anteile der verwalterischen Tätigkeiten mit

15 Genauso wenig wie die Produktion von Waren und Dienstleistungen das grund-
sätzliche Ziel der kapitalistischen Wirtschaft darstellt, ist auch die Beschäftigung
von Menschen bloß Nebenprodukt der letztlich angestrebten „Mehrwertproduk-
tion“. Die Industrieproduktion war demgemäß auch – von Anfang an – auf eine
menschenlose Produktion ausgerichtet. Die menschliche Arbeitskraft spielt in
diesem Produktionssystem im Grunde genommen nur eine Aushilfsrolle auf Zeit.
Die Krise des Fordismus und das „Zur Ware Werden“ der Bildung 67

zunehmend weniger menschlicher Arbeitskraft möglich16. Zugleich


erlaubt der wirtschaftliche Konkurrenzkampf, der sich längst nicht
mehr nur innerhalb von regionalen und nationalen Grenzen abspielt,
allerdings immer weniger, die Substitutionseffekte moderner Produk-
tions- und Verwaltungstechnologien durch – national erkämpfte –
Arbeitszeitverkürzungen abzufangen. Ganz im Gegenteil, heute wer-
den, bei der Suche nach Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Wett-
bewerbsfähigkeit der heimischen Wirtschaft, sogar immer häufiger
soziale Errungenschaften und ArbeitnehmerInnenrechte – einschließ-
lich der „zu arbeitnehmerfreundlichen“ Arbeitszeitregelungen – zur
Disposition gestellt. Selbst in den industriellen Kernländern wird da-
mit genau das immer schwerer möglich, was den seinerzeitigen
Durchbruch des fordistischen Kapitalismus in diesen Ländern bewirkt
hat; nämlich die gleichzeitige Eingliederung nahezu aller Arbeitswil-
ligen in die Arbeitsprozesse und die Möglichkeit, diese durch einen
entsprechend hohen Lohn – wieder ermöglicht durch die fortlaufende
Steigerung der Produktivität und das Wecken ständig neuer Bedürf-
nisse (die permanente „Ausweitung der inneren Märkte“) – auch zu
Konsumenten der von ihnen produzierten Artikel zu machen.
Das dadurch ausgelöste Anwachsen der Arbeitslosigkeit in fak-
tisch allen Industriestaaten sowie das Einfrieren und die teilweise
Rücknahme sozialer Errungenschaften wirken sich allerdings durch-
aus nicht als eine für alle Gesellschaftsmitglieder in gleichem Maß
gegebene Verschlechterung des Lebensstandards aus. Ganz im Ge-
genteil verteilen sich die Lasten der „Fordismuskrise“ äußerst un-

16 Allein in der österreichischen Industrie stieg durch die Modernisierung des Pro-
duktionsapparates und die Rationalisierung des Produktionsablaufes die Produk-
tivität je geleisteter Arbeitsstunde zwischen 1979 und 1992 um 87,4 Prozent. Die
gesamte Industrieproduktion hat im gleichen Zeitraum jedoch „nur“ um 40,8
Prozent zugenommen. Die Folge dieses unterschiedlichen Wachstums von
„Stundenproduktivität“ und allgemeiner Produktion ist ein zunehmend geringe-
rer Bedarf an Arbeitskräften in der industriellen Produktion, die Zahl der Indust-
riearbeiter ist demgemäß im angesprochenen Zeitraum auch um 26,6 Prozent zu-
rückgegangen. „Standard“ 16. August 1993, S. 20.
68 Die Arbeit hoch?

gleich, und es läßt sich derzeit eine daraus folgende, deutliche Ver-
schärfung des Gegensatzes von Arm und Reich in den verschiedenen
Ländern beobachten. Auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens
kommt es zu einer Vertiefung der sozialen Unterschiede.17 Diese Po-
larisierung ergibt sich jedoch nicht nur aus der Aufspaltung in Ar-
beitsplatzbesitzer und Arbeitslose, auch bei den Einkommen und bei
der Qualität und Sicherheit der Arbeitsplätze läßt sich ein zunehmen-
des Auseinanderdriften der sozialen Gruppen feststellen. Die Gruppe
jener Menschen, die schlecht bezahlte Jobs annehmen müssen und
permanent in Gefahr sind, in die Arbeitslosigkeit abgedrängt zu wer-
den, wächst derzeit genauso an wie die Zahl derjenigen, die bereits
unmittelbar von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Die Folge ist ein im-
mer hektischerer Wettlauf darum, nicht zu den Verlierern im allge-

17 Bezeichnet man – entsprechend einer EU-gängigen Definition – jemanden als


arm, wenn er monatlich bloß einen Betrag in der Höhe der Hälfte eines Durch-
schnittseinkommens zur Verfügung hat, mußten beispielsweise 1993 in Öster-
reich, trotz ständig steigendem Bruttosozialprodukt, bereits 771.000 Menschen
als arm eingestuft werden („Von Ausgrenzung bedroht“ – Studie zur sozialen Si-
tuation in Österreich. Nach „Kurier“, 29. August 1993, S. 2). In der Bundesrepu-
blik Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt, in dem der fordistische
Produktions- und Reproduktionszusammenhang noch relativ gut funktioniert,
fristeten Anfang 1993 bereits 4 Millionen Menschen ihr Leben mit der Sozialhil-
fe, weitere 2 bis 4 Millionen lebten in versteckter Armut, etwa 1 Million hausten
in Notunterkünften oder unter freiem Himmel. Und während etwa 10 Prozent der
deutschen Bevölkerung unter der Armutsgrenze vegetieren sowie weitere 15
Prozent mit ihrem Lebensstandard nur knapp darüber liegen und ständig in Ge-
fahr sind, in die Armut „abzurutschen“, verfügen die oberen zehn Prozent über
die Hälfte des Volksvermögens („Stern“ 29/15. Juli 1993). Aber auch in anderen
Industrieländern läßt sich feststellen, daß der Lebensstandard der armen Bevöl-
kerungsgruppen in den letzten Jahren zunehmend gesunken ist. Zum Beispiel ist
in manchen Teilen New Yorks, der klassischen Symbolmetropole westlicher
Konkurrenzwirtschaft, der Lebensstandard und die Lebenserwartung der Bewoh-
ner bereits unter das Niveau des Elendssynonyms, Bangladesh, gesunken. Aber
auch in anderen „Vorzeigeländern“ der Konkurrenzökonomie, wie beispielswei-
se in Kanada, Großbritannien oder Frankreich, sind heute anwachsende Bevölke-
rungsteile von Armut in einer Form betroffen, die sich nur wenig von der Situa-
tion in den sogenannten unterentwickelten Ländern unterscheidet.
Die Krise des Fordismus und das „Zur Ware Werden“ der Bildung 69

meinen Konkurrenzkampf um die attraktiven gesellschaftlichen Posi-


tionen zu gehören, verbunden mit deutlich anwachsenden Entsolidari-
sierungseffekten. Obwohl die „Zwei-Drittel-Gesellschaft“ in den
meisten Industrieländern längst statistisch nachweisbare Realität ist,
wird fast nirgends über Schritte zur Veränderung dieses untragbaren
Zustands diskutiert, sondern primär darüber, wieweit die Deprivierten
an ihrer Situation denn nicht selber schuld und ob die sozialen Netze
nicht zu eng geknüpft seine und dadurch zur mißbräuchlichen Inan-
spruchnahme verführten.
Aber nicht nur die Tatsache, daß der Kapitalismus, durch den ihm
innewohnenden Antrieb zur fortschreitenden Produktivkraftentwick-
lung, sich selbst seines ursprünglich unersättlichen Vermögens zur
Vernutzung immer größerer Arbeitskraftmengen beraubt hat, scheint
den Fordismus in die Nähe seines „Verfallsdatums“ geführt zu haben.
Ein Aufrechterhalten der fordistischen Gesellschaftsformation oder
gar eine Ausweitung dieses Systems auf die bisher nicht industriali-
sierten Länder wird auch deshalb unmöglich, da das mit permanentem
Wachstum untrennbar verbundene Prinzip der hemmungslosen Aus-
beutung aller Ressourcen immer unbewältigbarere ökologische Prob-
leme nach sich zieht. Eine der entscheidenden Grundlagen der for-
distischen Prosperität war die leichte Verfügbarkeit über billige Roh-
stoffe und Energien sowie die nahezu uneingeschränkte Möglichkeit,
die Naturgrundlagen der Produktion quasi als „Gratisproduktivkraft“
auszubeuten. Heute ist der daraus resultierende Prozeß der tendentiel-
len Zerstörung der Natur, den Karl Marx, am Beispiel der Industriali-
sierung der Vereinigten Staaten, bereits Ende des neunzehnten Jahr-
hunderts aufgezeigt und – neben der hemmungslosen Ausbeutung
lebendiger Arbeitskraft – als ein grundsätzliches Phänomen der kapi-
talistischen Produktion beschrieben hat18, für jedermann bereits un-
mittelbar erkennbare Realität geworden. Es läßt sich kaum mehr über-

18 Marx 198817,a.a.O., S. 529f.


70 Die Arbeit hoch?

sehen, daß der Kapitalismus – ganz besonders in seiner auf Massen-


produktion und Massenkonsum aufbauenden fordistischen Variante –
die Tendenz hat, fortschreitend wachsende Rohstoff- und Energie-
probleme sowie ökologische Zerstörungen auf progressiver Stufenlei-
ter zu produzieren.
Immer offensichtlicher wird, daß die gewaltigen Produktivitätszu-
wächse der letzten Jahrzehnte nur auf der Basis des schrankenlosen
Raubbaus und der systematischen Zerstörung der Naturgrundlagen
unserer Existenz erzielbar waren. Die brutale Ausbeutung der Arbei-
tenden, die den Frühkapitalismus gekennzeichnet hatte, war in weite-
rer Folge bloß abgelöst worden von einer ebensolchen Ausbeutung
und Verstümmelung der Natur. Mit jenen heute aus ökologischen
Notwendigkeiten eingeforderten „Grenzen des Wachstums“ (Dennis
Meadows) sind damit aber auch die Grenzen des, auf permanente
Ausweitung von Warenkonsum, Warenumlauf, sowie der ununterbro-
chenen Steigerung der Produktivität programmierten fordistischen
Kapitalismusmodells erreicht. Denn die Natur- und Umweltzerstörung
hat inzwischen Dimensionen angenommen, die immer häufiger regu-
lierende staatliche Eingriffe in Produktion und Konsum zwingend
erforderlich machen. Dadurch wird aber eine – von André Gorz als
„destruktives Wachstum“ bezeichnete19 – systemparalysierende öko-
nomische Dynamik in Gang gesetzt. Ein zunehmendes Quantum des
Sozialprodukts kann nicht in den Prozeß der permanenten Bedürfnis-
weckung und -befriedigung einfließen, sondern muß zum Zweck der
Kompensation von Zerstörungen abgezweigt werden. Die Kosten des
quantitativen Wachstums beginnen heute deutlich seinen Nutzen zu
schmälern 20. Daraus folgen die zunehmende Notwendigkeit einer

19 Vgl. Gorz, A.: Ökologie und Politik. Reinbek 1977.


20 In seinem schon weiter vorne zitierten Buch „Die Pflicht zur Faulheit“ belegt der
Autor Reinhard Klopfleisch diese Aussage mit einer Untersuchung von Cristian
Leipert aus dem Wissenschaftszentrum in Berlin, der berechnet hat, daß die
„heimlichen Kosten des Fortschritts“ im Zeitraum zwischen 1970 und 1988 von
knapp 7 auf 11,6 Prozent des Bruttosozialprodukts angestiegen sind. Dabei rech-
Die Krise des Fordismus und das „Zur Ware Werden“ der Bildung 71

Veränderung der Produktions- und Konsumstandards sowie neue


gesellschaftliche Verteilungskämpfe und Konflikte.
Heute ist das Gleichgewicht des Ökosystems Erde bereits so fun-
damental gestört, daß die Folgen sowie die Möglichkeiten der Scha-
densbegrenzung längst schon nicht mehr abschätzbar sind. Treibhaus-
effekt und Klimaveränderung, die Gefährdung der stratosphärischen
Ozonschicht, die Übersäuerung von Boden- und Wasserressourcen,
das Waldsterben und die Bodenverschlechterung sowie schließlich
eine allgemeine Verschmutzung und Vergiftung der Umwelt durch
Chemikalien sind die Stichwörter für jene ökologischen Probleme, die
in der Zwischenzeit zu Elementen der Alltagsdiskussion geworden
sind. Im selben Maß, in dem offensichtlich wird, daß die derzeitige
Form der Ressourcenvergeudung und der Umweltzerstörung in den
industrialisierten Ländern, die ja nichts anderes als die Kehrseite des-
sen darstellt, was wir gemeinhin unter einem anstrebenswerten, ange-
nehmen Leben verstehen, nur um den Preis des allgemeinen Unter-
gangs fortzuführen wäre, beginnen sich auch die Konturen eines neu-
en gesellschaftlichen Verteilungskampfes abzuzeichnen. Wer und wie
viele Menschen dürfen weiterhin „angenehm“ auf Kosten ihrer Mit-
welt leben? Zunehmend läßt sich abschätzen, daß mit dem fast welt-
weiten „Sieg des Kapitalismus“ nicht ein harmonisches, konfliktfreies
Leben für alle, im Sinne jenes vom nordamerikanischen Philosophen
Francis Fukuyama 1989 euphorisch proklamierten „Ende der Ge-
schichte“ angebrochen ist, sondern für die unmittelbare Zukunft eher
ein brutaler Kampf um die Vorteile des energievergeudenden und
umweltzerstörerischen „Wohlstands“ zu erwarten ist.

net der Wirtschaftswissenschaftler zu den Kosten, die durch das Wachstum der
Wirtschaft entstehen, nicht nur Umweltschäden, sondern auch Kosten des Ge-
sundheitssystems, des Verkehrs, der Zersiedlung der Landschaft, der Kriminali-
tät und der Arbeitsunfälle. Klopfleisch weist allerdingsauch auf Experten hin, die
sogar die in dieser Höhe angesetzten Kosten des Wachstums noch als wesentlich
zu niedrig ansehen. Klopfleisch, a.a.O, S. 202/203.
72 Die Arbeit hoch?

Zusammenfassend können die Ursachen für die Existenzkrise und


tendenzielle Auflösung der fordistischen Gesellschaftsformation also
darin gesehen werden, daß die ihr zugrunde liegende Struktur der
Mehrwertproduktion – tayloristische Massenproduktion auf der Basis
einer Ausdehnung des „inneren Marktes“ sowie einer schrankenlosen
Ausbeutung der Naturressourcen – zunehmend nicht mehr geeignet
ist, Quelle stabiler oder sogar steigender Profitraten zu sein. Die „For-
dismuskrise“, als das Aus-dem-Tritt-Geraten des fast ein halbes Jahr-
hundert lang profitabel funktionierenden Zusammenspiels von Mas-
senproduktion, Massenbeschäftigung und Massenkonsum, bedeutet
eine dramatische Zäsur in der Geschichte des Kapitalismus und wird
dementsprechend auch begleitet von tiefgreifenden gesellschaftlichen
Brüchen. Oskar Negt spricht in diesem Zusammenhang von „einer die
Gesamtgesellschaft erfassenden und bis in ihre Poren eindringenden
Entmischung des vorher selbstverständlich Zusammengehörigen“21.
Die von ihm als „Erosionskrise“ bezeichnete aktuelle Erschütterung
des gesellschaftlichen Gefüges von Arbeit und Leben führt dazu, daß
über lange Zeit tradierte und gesellschaftsstabilisierende Einstellun-
gen, Wertsysteme, Erziehungsmuster, politische Regulationsmecha-
nismen und Organisationsformen von Interessen heute massiv in Fra-
ge gestellt werden.
Die Tatsache, daß – ganz der Logik der kapitalistischen Krisenbe-
wältigung folgend – Konkurrenz heute auf allen Ebenen des wirt-
schaftlichen und gesellschaftlichen Geschehens verstärkt in den Vor-
dergrund tritt, läßt auch wieder ganz massiv das sozialdarwinistische
Leistungsverständnis der vor-fordistischen Ära des Kapitalismus auf-
leben. Ganz in diesem Sinn kann zum Beispiel in allen industrialisier-
ten Ländern heute festgestellt werden, daß die in den letzten Jahrzehn-
ten überwiegend und zunehmend akzeptierten „egalitären politischen
Entwürfe“ derzeit mehr und mehr in Verruf geraten und dagegen in-

21 Negt, O.: Lebendige Arbeit, enteignete Zeit. Politische und kulturelle Dimensio-
nen des Kampfes um die Arbeitszeit. Frankfurt a.M./New York 19873, S. 55.
Die Krise des Fordismus und das „Zur Ware Werden“ der Bildung 73

dividuelle „Leistung“ sowie robustes „soziales Durchsetzungsvermö-


gen“ wieder zu allgemein akzeptierten gesellschaftlichen Leitbildern
werden. Auch der „politische Keynesianismus sozialdemokratischer
Prägung“ hat weithin liberalen Marktideologien Platz gemacht, und
allenthalben wird heute laut über die Reduzierung sozialer Errungen-
schaften nachgedacht. Generell haben zentrale Wertmuster und Ge-
sellschaftsbilder der sechziger, siebziger und zum Teil auch noch der
achtziger Jahre – die auf materielles Wachstum gestützte, durch poli-
tische Maßnahmen initiierte Emanzipation gesellschaftlich Benachtei-
ligter, der Glaube an den gesellschaftlichen Fortschritt, überhaupt die
Vorstellung von der politischen Machbarkeit der Lebensverhältnisse –
in letzter Zeit rasch an Bedeutung verloren. Die Faszination des büro-
kratisch verwalteten, durch technischen Fortschritt ermöglichten und
korporativ regulierten Marschs in eine Zukunft, in der es allen besser
geht, ist heute weitgehend passé22 – statt dessen etabliert sich zuneh-
mend der „Sachzwang Markt“ im allgemeinen Bewußtsein als geeig-
netes Regulativ auch für außerökonomische Probleme und Aufgaben.
Der allgemeine Glaube an die wirtschaftliche Prosperität als Prob-
lemlöser läßt unter den Begleitumständen von Krise und Arbeitslosig-
keit die in den vorigen Jahrzehnten etablierten korporativen Konflikt-
lösungsmechanismen zunehmend stumpf erscheinen. Zugleich be-
wirkt diese Situation auch einen sukzessiven Vertrauensverlust in die
traditionellen Arbeitnehmerorganisationen, Gewerkschaften und tradi-
tionellen sozialdemokratischen Parteien, die ja schon längst keine
systemkritischen Vorstellungen mehr propagieren, sondern eine Bes-
serstellung ihres Klientels im Rahmen und unter Ausnützung des ge-
gebenen wirtschaftlich-gesellschaftlichen Systems anstreben. Die
Verunsicherung großer Bevölkerungsgruppen, daß die fast ein halbes
Jahrhundert gut funktionierenden Muster des wirtschaftlichen und
gesellschaftlichen Fortschritts nun nicht mehr so recht greifen wollen,

22 Vgl. Hirsch/Roth, a.a.O., S. 11f.


74 Die Arbeit hoch?

verschafft rechtspopulistischen Lösungsansätzen massiven Auftrieb.


Dabei beherrschen primär die zwei Vorstellungen die Szene, das
Konkurrenzprinzip am Arbeitsmarkt durch das Ausgrenzen ausländi-
scher Arbeitnehmer abzuschwächen sowie mit mehr Härte gegen an-
geblich zu wenig leistungswillige Gesellschaftsmitglieder vorzuge-
hen. Nicht zufällig wird von extremen Verfechtern solcher „Lösun-
gen“ meist auch gleich die bürgerliche Demokratie, die ihre unbestrit-
tene Bedeutung ja erst unter den Bedingungen des fordistischen Kapi-
talismus erlangt hat in Frage gestellt.
Gewinn und Wachstum galten seit Jahrzehnten als Wege zu einem
Glück, von dem heute eine wachsende Zahl von Menschen ernüchtert
feststellen muß, daß es in immer weitere Ferne rückt. Die unüberseh-
bar voranschreitende Zerstörung der Umwelt und die wachsende Be-
drohung, arbeitslos zu werden, läßt die Ängste in der Gesellschaft
massiv wuchern. Diese Ängste stellen den idealen Nährboden für
Populismus, Nationalismus, Rechtsextremismus und Gewalt dar. Ver-
unsicherung und Angst sind heute auch zunehmend häufig das Motiv,
fallweise laut über die Lösungskapazität der Demokratie nachzuden-
ken. Relativ oft werden derzeit auch von Personen, denen eine ver-
stärkte Berücksichtigung ökologischer Prämissen ein Anliegen ist,
Zweifel daran geäußert, daß die Demokratie in ihrer gegebenen Form
geeignet ist, die diesbezüglich drängenden Zeitprobleme zu lösen. So
glauben beispielsweise die Autoren des Berichts des Club of Rome
1991, trotz eines an anderen Stellen herausgestrichenen grundsätzli-
chen Bekenntnisses zur Demokratie, in ihrer Publikation nicht ohne
die Bemerkung auskommen zu können, daß die Demokratie „kein
Patentrezept“ ist, und „in ihrer heute praktizierten Form für die vor
uns liegenden Probleme nicht mehr besonders gut geeignet“ scheint 23.
Die Krise der fordistisch-kapitalistischen Gesellschaftsformation for-
ciert offenbar, sowohl unter ihrem ökonomischen als auch unter dem

23 King A./Schneider B.: Die globale Revolution. Bericht des Club of Rome 1991.
„Spiegel Spezial“ 2/1991, S. 69.
Die Krise des Fordismus und das „Zur Ware Werden“ der Bildung 75

ökologischen Aspekt, radikale, demokratisch nicht legitimierbare


Lösungsmuster.
Jedoch nicht nur die Politik, auch die Alltagskultur hat sich grund-
legend geändert – pointiert kann derzeit von der Rückkehr eines poli-
tisch-gesellschaftlichen Biedermeier gesprochen werden. Zukunfts-
ängste und die zunehmende Erosion politischer Visionen führen dazu,
daß sicherheitsvermittelnde Klischees verstärkt idealisiert werden. Ein
neuer Nationalismus und Regionalismus, der Rückzug ins Private, die
Renaissance von Familien-, Gemeinschafts- und Heimatmythen kön-
nen durchaus als die Kehrseite der Ängste vor Auflösung der Gren-
zen, Flüchtlingsflut, wachsender Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit
und ökologischen Bedrohungen interpretiert werden 24. Besonders das
Ideal der harmonischen Familie, deren Mitglieder sich gegenseitig
stützen, scheint als „affektiver Strohhalm“ gegen den sich zunehmend
verschärfenden und vielfach als Bedrohung erlebten, in alle gesell-
schaftlichen Bereiche verstärkt durchschlagenden Konkurrenzkampf
zu fungieren. Nicht zufällig taucht sowohl in der Produktwerbung als
auch in Wahlkämpfen in den letzten Jahren immer häufiger „die Idyl-
le“ – in Form der harmonischen Familie25, des traditionell werkelnden

24 Auch im Biedermeier des 19. Jahrhunderts, als die „Identifikationsfigur Familie“


entstand, war die Idealisierung des privaten Glücks zumeist bloß Flucht vor der
weitaus weniger romantischen Realität. Nur eine schmale Gesellschaftsschicht –
das ökonomisch potente, aber politisch einflußlose Bürgertum – konnte auf den
Spitzelstaat Metternichs mit Rückzug in die Privatheit der eigenen Wohnung re-
agieren und dort schöngeistige Lebensart kultivieren. Der Großteil der Bevölke-
rung war gar nicht verheiratet – entweder weil sie kein Recht dazu hatten, wie
Knechte, Mägde, Vagabunden, oder sie sich eine eigene Familie nicht leisten
konnten, weil sie keinen Anspruch auf das väterliche Erbe hatten –, litt unter
Wohnungsnot, erbärmlichen Wohn- und katastrophalen Arbeitsbedingungen.
25 Im amerikanischen Präsidentenwahlkampf 1992 war beispielsweise von kaum
mehr etwas anderem die Rede als von „family values“. Der „Schutz der Famili-
enwerte“ ging dabei so weit, daß der damalige Vizepräsident Dan Quale es für
notwendig – oder opportun – hielt, sich öffentlich darüber zu empören, daß in ei-
ner beliebten Fernsehserie die Hauptfigur als ledige Frau ein Kind bekommt und
es ohne Vater großziehen will. Vgl. „Psychologie heute“ 20 (1993) 3, S. 23.
76 Die Arbeit hoch?

Handwerkers oder der „unberührten Natur“ – auf. Dazu paßt dann


auch, daß nach einer 1991 durchgeführten internationalen Wertestudie
sechsundachzig Prozent der Österreicher ihr Glück in der „kleinen
Lebenswelt“ zu finden glauben, nur sieben Prozent dagegen durch
Politik26. Zusätzlich treten Katastrophenängste und Endzeitstimmun-
gen, häufig gepaart mit diffusen Heilserwartungen, auf. Ganz in die-
sem Sinn haben heute Esoterik, Magie, Versatzstücke verschiedenster
okkulter Heilslehren und diverse Naturmythen – ähnlich wie in den
dreißiger Jahren27 – Hochkonjunktur und dringen in immer größere
Bereiche des Alltags ein.
Selbstverständlich war auch die bisherige Geschichte des Fordis-
mus begleitet von Brüchen, Krisen und wirtschaftlichen Rezessionen.
Was sich jedoch grundsätzlich geändert hat, ist das Ausmaß der Mög-
lichkeit, auf die krisenhafte Wirtschaftsentwicklung mittels einzel-
staatlich-politischer Steuermaßnahmen zu reagieren. Heute existiert
ein Weltwirtschaftssystem, in dem die nationalstaatlichen Ökonomien
immer weniger als Volkswirtschaften, sondern eher als Bestandteile
eines integrierten Weltmarkts mit exportorientierten Konzernen be-
zeichnet werden können.
Zum einen wird das wirtschaftliche Geschehen heute zu einem
großen Teil von transnationalen Unternehmungen bestimmt, deren
wirtschaftliches Agieren durch nationale Maßnahmen sowieso kaum
beschränkt werden kann. Produziert wird dort, wo die höchste Rendite
für das eingesetzte Kapital erwartet werden kann; geringere Investiti-
onskosten, eine relativ kleine steuerliche Belastung, niedrige Löhne
und Sozialleistungen28 oder eine erwartete höhere Produktivität durch

26 Zuhlehner/Denz/Beham/Friesl (Hg.): Vom Untertan zum Freiheitskünstler. Wien


1991. Hier zit. nach „Profil“ 24 (1993) 10, S. 66.
27 Vgl. Gugenberger, E./Schweidlenka, R.: Mutter Erde, Magie und Politik. Zwi-
schen Faschismus und neuer Gesellschaft. Wien 1987.
28 So hat das Lohnkostenmotiv dazu geführt, daß die Bekleidungsindustrie in den
letzten Jahren durch eine Reihe asiatischer Länder, jeweils dorthin gewandert ist,
wo die Lohnkosten gerade am niedrigsten waren. Begonnen hat es in Hongkong,
Die Krise des Fordismus und das „Zur Ware Werden“ der Bildung 77

entsprechend qualifizierte Arbeitskräfte können einen diesbezüglichen


Anreiz bieten. Zum anderen zwingt die internationale wirtschaftliche
Verflochtenheit und gegenseitige Abhängigkeit die einzelnen Staaten
heute immer mehr, sich transnationalen Abkommen zu unterwerfen,
durch die Möglichkeiten protektionistischer Wirtschaftspolitik und
der Aufbau antiliberalistischer Wirtschaftsbarrieren gegenüber ande-
ren (Industrie-)Ländern weitgehend verhindert werden. In diesen Ge-
gebenheiten sind zwar die Hauptgründe dafür zu sehen, daß – im Ge-
gensatz zur Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre – der Welthandel
derzeit keinerlei Zusammenbruchstendenzen zeigt, gleichzeitig aber
stellt sich damit der Effekt ein, daß bei den – weiterhin einzelstaatlich
verhandelten und festgelegten – Löhnen, Sozialleistungen und Unter-
nehmenssteuern ein unaufhörlicher Druck in die Richtung des „kleins-
ten gemeinsamen Nenners“ stattfindet.
Staatliche Wirtschaftspolitik gerät im Zuge dieser Entwicklung in
ein eigentümliches Dilemma: Sie steht zwar einerseits unter dem im-
mer stärkeren Zwang zur Erhaltung und Verbesserung der Konkur-
renzfähigkeit des jeweiligen nationalen Standorts, aber andererseits
grenzen die Imperative des Weltmarkts die politischen Handlungs-
möglichkeiten immer mehr ein. „Internationale Kapitalverflechtung
und die politisch nur sehr beschränkt beeinflußbare Dynamik des
Weltmarkts sind nationalstaatlichen Aktivitäten immer schon vorge-
lagert und zwingen die Regierungen weitgehend zu einer Anpas-

dann folgte Macao, nach Macao ging es nach Südkorea, Taiwan, Indonesien und
schließlich nach Thailand. Und der nächste Schritt ist schon vorbereitet, der
Lohnkostenlogik folgend, folgt als nächstes Vietnam. Ein anders diesbezügliches
Beispiel stellen die berühmten Seiko-Uhren dar, deren Produktion seinerzeit von
Japan nach Hongkong verlagert wurde, von dort nach Taiwan, von Taiwan nach
China und schließlich wieder zurück nach Japan. Der Grund für den Weg zurück
in das Ursprungsland war, daß man die Uhr in der Zwischenzeit vollautomatisch
produzieren kann und die Lohnkosten keine Rolle mehr spielen. Die Beispiele
stammen aus: Bauer, H.J.: Die Internationalisierung der wirtschaftlichen Bezie-
hungen. In: BMUK/ÖIIP: Die neuen globalen Herausforderungen – Die UNO an
der Schwelle zum nächsten Jahrtausend. Wien 1992, S. 53.
78 Die Arbeit hoch?

sungsstrategie. […] Der Staat wurde mit wachsender Internationalisie-


rung des Kapitals immer unvermittelter zum bestenfalls politisch mo-
difizierten Exekutor des sich auf Weltmarktebene um so ungehinder-
ter durchsetzenden kapitalistischen Wertgesetzes“29.
Die Notwendigkeit, Strukturanpassungen und Modernisierungs-
prozesse im Sinne einer laufenden Verbesserung der Konkurrenzfä-
higkeit durch staatliche Maßnahmen zu fördern, bei gleichzeitig
wachsender Außendeterminierung der diesbezüglichen Handlungsal-
ternativen, führt somit zum widersprüchlichen Effekt, daß der Staat
zwar immer mehr als Akteur im Zusammenhang mit ökonomischen
und gesellschaftlichen Krisen erscheint, die Spielräume nationaler
Politik real jedoch zunehmend abnehmen. Im Gegensatz zum populä-
ren Slogan „Mehr Privat und weniger Staat“ kann es sich der Staat –
trotzdem sein Regulierungsspielraum zunehmend eingeengt und seine
Regulierungsmaßnahmen immer stärker vorgegeben erscheinen –
heute immer weniger leisten, in das ökonomische Geschehen nicht
einzugreifen. Die Aussage, daß heute „der Kapitalismus den nationa-
len Staat [überholt], nachdem er ihn durch die internationale Ausdiffe-
renzierung des warenproduzierenden Systems unregierbar gemacht
hat“30, stellt eine gelungene Zusammenfassung der derzeitigen Situa-
tion dar.

29 Hirsch/Roth, a.a.O., S. 65.


30 Diese Aussage stammt aus einer Besprechung von Konrad Paul Liessmans Buch
„Karl Marx. Man stirbt nur zweimal“. Der Autor führt die zitierte Aussage weiter
mit einer sarkastischen Kritk an der Vorstellung, durch nationalstaatliche Zu-
sammenschlüsse wie der „Europäischen Gemeinschaft“ die Bedeutung des Staa-
tes reaktivieren zu können. „Die EG ist der immer lächerlicher werdende Ver-
such, diesen Nationalstaat zu retten durch die Konstruktion eines Megastaates,
der den Megastrukturen des modernen Kapitalismus (Handel, Verkehr, Industrie)
gewachsen ist. Eines der Mißverständnisse der modernen Politik: eine Riesen-
struktur könne anstehende Probleme besser lösen. In Wirklichkeit wachsen aber
die Probleme mit den wachsenden Wirtschaftsräumen. Außerdem ist ein ökono-
misch geeintes Teil-Europa angesichts der beiden Weltprobleme Umwelt und
Welthunger gar nicht das Thema, sondern ein um ein Marxsches Vokabel zu
Die Krise des Fordismus und das „Zur Ware Werden“ der Bildung 79

Der Staat wird immer mehr auf die Funktion einer Wirtschaftsför-
derungsagentur reduziert. Steuerbefreiungen und Zinsenzuschüsse für
Unternehmen, Stützungsaktionen für marode Betriebe, Ausfallshaf-
tungen für Großprojekte31 im Verkehr mit anderen Ländern und Ähn-
liches binden damit jedoch immer stärker die zur Verfügung stehen-
den Ressourcen. Für Sozialmaßnahmen bleibt – trotz der objektiv
immer größeren Notwendigkeit diesbezüglicher Politik – immer we-
niger Spielraum. Politik wird damit weitgehend reduziert zu einer
„Fortsetzung der Ökonomie mit anderen Mitteln“. Die Aufgabe des
Staates fokussiert sich in erster Linie darin, förderliche Rahmenbe-
dingungen für das wirtschaftliche Geschehen und das ökonomische
Wachstum zu schaffen. Ausgaben in der volkswirtschaftlichen Ge-
samtrechnung, die nicht mit dem Wirtschaftsförderungsetikett verse-
hen werden können, sind immer schwerer argumentierbar. Diskussion
um die (angeblich zu) hohen Kosten für die staatliche Verwaltung, die
große Zahl von Beamten oder darüber, wieweit „wir“ uns die öffentli-
che Bezuschussung von Kranken- und Pensionsversicherungen leisten
können, sind Indikatoren dieser Entwicklung. Aber auch die Tatsache,
daß ökologisch sinnvolle Begrenzungen wirtschaftlichen Handelns
und das Einhalten diesbezüglicher umweltschonender Standards fak-
tisch nur über den Weg massiver staatlicher Unterstützungen erreicht
werden können (da der heimischen Wirtschaft ja sonst ein Wettbe-
werbsnachteil im internationalen Konkurrenzkampf erwachsen wür-
de), zeigt deutlich die Dimensionen heutiger einzelstaatlich-politi-
scher Handlungsmöglichkeiten auf.
Durch das skizzierte Dilemma des Staates, immer stärker in die
Rolle einer Wirtschaftswachstumsförderungsagentur gedrängt zu sein

verwenden: abgeschmackter Anachronismus.“ Dallamaßl, W.: Sag niemals Nie.


In: „Akzente“ 3/1993, S. 36.
31 Mit Ende 1993 haftete der österreichische Staat schon für einen Betrag von
insgesamt fast einer Billion Schilling, eine Summe, die etwa gleich groß ist wie
die offizielle Staatsverschuldung. Vgl. „Der Standard“ 18./19. Dezember 1993,
S. 5.
80 Die Arbeit hoch?

und damit weniger Spielraum beim Einsatz der Budgetmittel zu ha-


ben, gerät auch das Bildungs- und Ausbildungswesen heute zuneh-
mend unter Druck. Einerseits stellen Schule, Universität und die öf-
fentlich finanzierten Teile der Aus- und Weiterbildung einen durchaus
nicht unwesentlichen Ausgabenposten in der volkswirtschaftlichen
Gesamtrechnung dar und kommen im Sinne der dargestellten Ent-
wicklung logischerweise unter Legitimationszwang. Andererseits
kommt dem Qualifikationsprofil der erwerbsfähigen Bevölkerung
heute unzweifelhaft eine große Bedeutung für die Wettbewerbsfähig-
keit der heimischen Wirtschaft im grenzüberschreitenden Konkur-
renzkampf zu. Allgemein wird sogar angenommen, daß – neben den
drei klassischen Wirtschaftsfaktoren Grund und Boden, Finanzkapital
und Arbeit – die Bedeutung des sogenannten „Humankapitals“ als
Produktionsfaktor in Zukunft sogar noch weiter anwachsen wird.
Maßnahmen zur Erhöhung und systematischen Steuerung des Quali-
fikationsprofils der arbeitsfähigen Bevölkerung werden damit – als
ein wesentlicher Impuls zum Erhalt und zur Steigerung der nationalen
Wettbewerbsfähigkeit – immer wichtiger. Zugleich erhöht sich – im
Sinne der angesprochenen Logik – aber auch der Druck, die Mittel für
Aus- und Weiterbildung nach ökonomisch sinnvollen Kriterien einzu-
setzen, das heißt, sie immer mehr unter dem Gesichtspunkt ihrer
Zweckgerichtetheit im Hinblick auf den gegebenen und prognostizier-
ten Qualifikationsbedarf als Funktion wirtschaftlicher Prosperität zu
kanalisieren.
Die zunehmende wirtschaftliche Bedeutung des Qualifikationspo-
tentials der Erwerbstätigen läßt „Lernen“ aber auch immer mehr zu
jener zentralen gesellschaftlichen Größe werden, bei der sich die spe-
zifischen Interessen der Lohnabhängigen scheinbar mit den „nationa-
len Wirtschaftsinteressen“ decken. Im Besitz genau jener Qualifikati-
onen zu sein, nach denen am Arbeitsmarkt Nachfrage besteht, ver-
spricht dem Einzelnen den Erfolg im Konkurrenzkampf um Arbeits-
plätze. Zugleich macht die Summe der Bemühungen um arbeits-
Die Krise des Fordismus und das „Zur Ware Werden“ der Bildung 81

marktkonforme Qualifikationen, den jeweiligen nationalen Standort


für Kapitalinvestitionen attraktiv, da das dergestalt entsprechend a-
daptierte Humankapital eine hohe Wettbewerbsfähigkeit der dortigen
Wirtschaft verspricht. Dementsprechend sind sich heute auch alle –
Gewerkschaften, Unternehmer, Parteien, Regierungen, … – in der
Betonung der Wichtigkeit von Bildung und insbesondere der von
Weiterbildung einig. Der vordergründige Interessenskonsens kulmi-
niert in der wohlklingenden, bei jeder Gelegenheit wiederholten Phra-
se von der „lebenslangen Bildung“, die sich bei näherem Hinsehen
allerdings bloß als die Notwendigkeit zu einer in immer rascherer
Folge zu vollziehenden „Anpassungsleistung“ herausstellt. Nicht um
„Bildung“ geht es dabei, nicht um die Subjektentwicklung von Indivi-
duen, sondern um „Anpassung von Humankapital“ an die sich immer
schneller verändernden Bedingungen in Lebenswelt und Beschäfti-
gungssystem. Nicht die Reflexionsleistung freier Individuen wird mit
der Parole von der „lebenslangen Bildung“ angesprochen, sondern ein
unerbittlicher Zwang zur lebenslänglichen (Nach-)Qualifizierung
unter Androhung des sonstigen Untergangs im allgesellschaftlichen
Konkurrenzkampf.
Jeder wird – so lautet heute die permanent wiederholte, aber nur
selten auf ihre Konsequenzen hinterfragte Botschaft – im Laufe seines
Lebens mehrmals umlernen müssen. Die nötige Untermauerung be-
kommt diese Prognose durch die ebenfalls immer wieder vorgebrach-
ten Hinweise auf die laufenden Prozesse der Strukturveränderung, die
Mechanismen von Wirtschaftswachstum und Wettbewerbsfähigkeit
sowie die Notwendigkeit des überwiegenden Teils der Bevölkerung,
auch morgen noch einen Käufer für ihre Arbeitskraft zu finden. Wei-
terbildung wird somit zu einem Zwang, dem zu entziehen sich kaum
jemand leisten kann. Nicht die Möglichkeit, als Erwachsener Rück-
schau zu halten und eigene Erfahrung im Lichte neuer Theorien zu
reflektieren, bleibt als Motiv für Weiterbildung, sondern der gesell-
schaftliche Auftrag und die als unabdingbare Notwendigkeit auftre-
82 Die Arbeit hoch?

tenden Bedingungen des wirtschaftlichen Geschehens. Aus dem in


den siebziger Jahren geforderten Recht auf (Weiter-)Bildung, im Sin-
ne eines der Chancengerechtigkeit verpflichteten Bildungsauftrags
und der antizipierten Möglichkeit derart beförderbarer Persönlich-
keitsentwicklung, ist der Zwang zur laufenden Adaption von Wissen
und Können an die Erfordernisse der Wirtschaft geworden. Das schö-
ne Bild vom lebenslangen Lernen ist zur Drohung „lebenslänglichen
Lernens“ (Karlheinz A. Geißler) mutiert.32
Was im Post-Fordismus tatsächlich und endgültig „lebenslang“
geworden ist, ist in erster Linie die zunehmende Gefahr, irgendwann
die laufend geforderte Qualifikationsanpassung nicht zu schaffen,
dadurch im Beschäftigungssystem nicht mehr brauchbar zu sein, den
Arbeitsplatz zu verlieren und aus der bisher aufgebauten sozialen
Position geworfen zu werden. Das Versprechen der „Moderne“, daß
nicht „Vorrechte der Geburt“, sondern Faktoren wie „Leistungsfähig-
keit“ und „Leistungswilligkeit“ ausschlaggebend für das Erreichen
bestimmter sozialer Positionen sein sollen, offenbart – obzwar noch
niemals wirklich eingelöst – seine brutale Kehrseite. Waren in der
vorkapitalistisch-ständischen Gesellschaft von Geburt an die Weichen
für die jeweiligen gesellschaftlichen Möglichkeiten gestellt, verspra-
chen die begründenden Werte der bürgerliche Gesellschaft – Freiheit,
Gleichheit, Brüderlichkeit – diese Determinierung radikal aufzubre-
chen. Nur die Eignung und Neigung für das Ausüben bestimmter

32 Interessant ist in diesem Zusammenhang ein von Karlheinz A. Geißler vertrete-


ner Gedanke. Er argumentiert, daß das „lebenslange Lernkonzept“ in seinem
Kern eigentlich ein „Todesverdrängungskonzept“ darstellt, ein Konzept, das die
Fortschrittsillusion aufrechterhält und die Fiktion, ewig produktiv und ewig ent-
wicklungsfähig zu sein. Lebenslanges Lernen – so resümiert er – ist gegen die
Endlichkeitsdemut gerichtet. In diesem Sinn fügt sich die Idealisierung des le-
benslangen Hinterherhetzens hinter den jeweils neu geforderten Qualifikations-
anforderungen der Arbeitswelt gut zu der – im Kapitel 7 besprochenen – „Ver-
leugnung des Todes“ der Menschen in der industrialisierten Welt. Vgl. Geißler
K. A.: Die zunehmende Verparadoxierung der Erwachsenenbildung. Vortrag am
23. November 1992 im Verband Wiener Volksbildung.
Die Krise des Fordismus und das „Zur Ware Werden“ der Bildung 83

Funktionen – nachgewiesen durch den entsprechenden Bildung-


sabschluß – sollte das neue gesellschaftliche Auslesekriterium darstel-
len. Schule, Ausbildung und Universität mutierten dementsprechend
zu den Schlüsselbereichen der „Verteilung von Lebenschancen“.
„Bildungspatente“ (Max Weber) wurden anstelle der ehemaligen A-
delsprädikate zu den Berechtigungsscheinen der Gesellschaft – die
Parallelität zur Installierung der Konkurrenzökonomie ist unüberseh-
bar, und ohne Zweifel stellte die so erfolgte „Freigabe der gesell-
schaftlichen Positionierung“ auch einen sinngemäßen gesellschaftli-
chen Fortschritt dar.
Allerdings, trotz der heutigen, relativ gerechten Zugangsbedingun-
gen zu den nunmehrigen Verteilungsinstanzen sozialer Chancen (die
jedoch auch erst in den letzten Jahrzehnten, nach einem mehr als ein
Jahrhundert dauernden Kampf erreicht worden waren), läßt sich un-
schwer feststellen, daß auch das Erreichen des neuen Auslesekriteri-
ums „Eignung“ nur allzu deutlich durch die soziale Herkunft determi-
niert wird. So sind die alten Privilegien zwar nicht ausgeschaltet, aber
neue Legitimationsmuster entstanden. Denn, wenngleich als generel-
ler Trend durchaus nicht nachweisbar, so läßt sich mit vielen Einzel-
schicksalen belegen, daß ein durch Leistung und Anstrengung erreich-
ter „höherer Bildungsabschluß“ den sozialen Aufstieg für einzelne
ermöglichen kann. Die verschärften Konkurrenzbedingungen der
postfordistischen Gesellschaft stellen nun – in positiver Wendung –
quasi die Neuauflage des Versprechens auf gleiche und gerechte Zu-
gangschancen zu den sozialen Positionen dar. Denn der nun zuneh-
mend „lebenslang“ geforderte Kampf um das Erreichen, Sichern und
Erweitern beruflicher und sozialer Positionen durch „lebenslange
Bildung“ suggeriert im Umkehrschluß auch die Hoffnung, daß „die
Karten immer wieder neu gemischt“ würden und man es ja auch spä-
ter noch „schaffen“ kann. Die „offizielle“ Verteilungsmacht für sozia-
le Positionen verschiebt sich derzeit von Schule und Erstausbildung
zur Weiterbildung, damit verbunden werden aber auch jene Mecha-
84 Die Arbeit hoch?

nismen wieder unklarer, die dafür verantwortlich sind, daß die Mög-
lichkeiten, über die Legitimation „Bildung“ attraktive gesellschaftli-
che Positionen zu erreichen, äußerst ungleich verteilt sind.
Zusätzlich sollte nicht vergessen werden, daß der derzeitige Zu-
gangsmechanismus zur Weiterbildung nicht einmal dem formaldemo-
kratischen Kriterium der gleichen Zugangschancen gerecht wird. Das
was im Schul- und Erstausbildungssystem heute gilt, daß jeder – zu-
mindest formal – (im Rahmen der bildungshierarchischen Berechti-
gungen) die gleichen Chancen der Teilnahme hat und daß die mate-
riellen Barrieren für das Durchlaufen einer Bildungskarriere heute nur
mehr als relativ klein bezeichnet werden können 33, trifft überhaupt
nicht auf den Weiterbildungsbereich zu. Es gibt derzeit – obwohl von
Arbeitnehmerseite seit Jahren urgiert – kein Recht auf „Bildungsfrei-
stellung“ und nicht einmal Ansätze eines „Rechtes auf Weiterbil-
dung“. Ein großer Teil der außerbetrieblichen Weiterbildung wird
durch private Anbieter organisiert und ist absolut nicht für jedermann
erschwinglich. Zum überwiegenden Teil findet Weiterbildung jedoch
sowieso im Rahmen der Unternehmen und im Zusammenhang mit
Arbeitsverhältnissen statt; zu dieser betrieblichen oder betriebsbeauf-
tragten Weiterbildung wird man „entsandt“ oder bestenfalls durch die
entsprechende Unternehmensinstanz „zugelassen“. Die Möglichkeit,
eine Weiterbildungsveranstaltung gleichen Inhalts bei einem anderen
Anbieter besuchen zu können und ebenfalls vergütet zu bekommen
oder gar überhaupt einen anderen – nicht den aktuellen Unterneh-
mensinteressen entsprechenden – Kurs auf Firmenkosten zu besu-
chen, besteht nahezu nie. Zugleich gibt es nur in wenigen Bereichen

33 Eingeschränkt muß diesbezüglich auf jeden Fall werden, daß die materiellen
Barrieren für das Besuchen des derzeit expandierenden Privatschulwesens – das
ja seinen „guten Ruf“ oftmals der Tatsache verdankt, daß die Absolventen mit
besseren beruflichen Startchancen rechnen können – durchaus sehr hoch sind.
So können beispielsweise in Österreich die – im internationalen Vergleich eher
niedrigen – jährlichen Kosten für einen Privatschulbesuch bis zu 105.000.- ö.S.
betragen. „Gewinn“ 7/8/1993.
Die Krise des Fordismus und das „Zur Ware Werden“ der Bildung 85

ein allgemein geregeltes System der Anerkennung von Weiterbil-


dungskursen und den dabei erworbenen Zertifikaten.
Wenn – so wie es alle Indikatoren anzeigen – Schul- und Erstaus-
bildungsabschlüsse in Zukunft immer stärker nur mehr die „Startvor-
aussetzungen“ für den über die „lebenslange (Weiter-) Bildung“ aus-
getragenen Konkurrenzkampf um attraktive berufliche und soziale
Positionen darstellen werden 34, dann resultieren aus den beschriebe-
nen Tatsachen unmittelbar zwei demokratiepolitisch äußerst bedenkli-
che Folgen: Zum einen kann die – politisch beeinflußbare – staatliche
Bildungspolitik damit immer weniger zur demokratischen Zielsetzung
einer sozialen oder geschlechtsspezifischen Chancengerechtigkeit
beitragen, und es entstehen neue Ungleichgewichte zwischen der
Durchsetzungsmöglichkeit von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerinte-
ressen; Weiterbildung wird zu einem Instrument unternehmerischer
Personal(steuerungs)politik und damit zu einem neuen Machtmittel
der Unternehmerseite. Zum anderen arbeitet die, im Rahmen und bei
Kostenübernahme durch die Unternehmen, organisierte Weiterbildung
immanent dem zu demokratischen Verhalten fähigen, mündigen Indi-
viduum entgegen, da sie sich – logischerweise – ausschließlich an
(einzel-)betrieblichen Verwertungsinteressen orientiert.
Damit bleibt aber auf jeden Fall das wesentliche Element einer
Bildung, die zu „beruflicher Mündigkeit“ und nicht bloß zu berufli-
cher Brauchbarkeit führt, ausgeklammert, nämlich die Reflexion der
außerberuflichen Folgen des beruflichen Handelns! So wird bei-
spielsweise das grundsätzliche In-Frage-Stellen eines nur zum Zweck
der „Mehrwertproduktion“, betriebenen Herstellens, „sinn“loser, viel-
leicht sogar umweltschädigender oder ressourcenvergeudender Pro-
dukte im eigenen Unternehmen wohl kaum Thema eines betrieblich
organisierten und bezahlten Weiterbildungsseminars sein. Betriebli-

34 Vgl. dazu insbesonders Geißler A.: Auf dem Weg in die Weiterbildungsgesell-
schaft. In: Wittwer, W. (Hg.): Annäherung an die Zukunft. Zur Entwicklung von
Arbeit, Beruf und Bildung. Basel 1990, S. 161-188.
86 Die Arbeit hoch?

che Weiterbildung orientiert sich selbstverständlich nur am grundsätz-


lichen Unternehmenszweck, der Erhöhung der Dividende des inves-
tierten Kapitals, ethische oder moralische Implikationen können – im
Falle des Nicht-Kollidierens mit diesem primären Zweck – bestenfalls
„Nebenprodukt“ betrieblicher Bildungsarbeit sein. Es geht darum, die
Teilnehmer so zu qualifizieren, daß sie in der Lage sind, besser zum
Unternehmensziel beizutragen, sicher nicht um ihre Befähigung, die
gegebenen Arbeits- und Berufsbedingungen auf Zweck und Nutznie-
ßer zu hinterfragen, zu ihnen Stellung zu nehmen und sie selbst nach
ihren Bedürfnissen und Interessen beeinflussen zu können.
Einerseits durch die ökonomische Bedeutung des Qualifikations-
potentials der Erwerbstätigen bedingt sowie andererseits durch die
Tatsache, daß nur wer verwertbare Qualifikationen nachweisen kann,
auch Chancen auf einen Arbeitsplatz hat, steht allerdings auch das
gesamte öffentlich organisierte Schul- und Ausbildungssystem heute
zweifach unter dem „Druck von Verwertungsinteressen“. Von der
Seite ihres Klientels und von der Seite der „Abnehmer“ erfolgt immer
deutlicher und immer massiver die Forderung nach „Praxisrelevanz“
und „Brauchbarkeit“ des Gebotenen. Gemeint ist damit nichts anderes
als die Ausrichtung von Bildungszielen, Bildungsinhalten sowie den
strukturellen Bedingungen der Bildungsarbeit am Qualifikationsbe-
darf der Wirtschaft. Der Markt und dessen Notwendigkeiten werden
zum geeigneten Maßstab pädagogischen Bemühens hochstilisiert.
Bildung wird damit, auch in ihrer staatlich organisierten Form, redu-
ziert zur bloßen Qualifikation, zur Anpassung an die aus ökonomi-
schen Gegebenheiten abgeleiteten Erfordernisse. Alles was über den
Bereich des ökonomisch Zweckmäßigen hinausgeht, die „klassisch-
humanistische Orientierung“ am zweckfreien „Wahren, Guten und
Schönen“, wird zum unnötigen Ballast veranstalteten Bildungsbemü-
hens und zunehmend aus dem Bereich der gesellschaftlichen Verant-
wortung verwiesen. Damit ergibt sich der paradoxe Effekt, daß der
Besuch von Schulen und Einrichtungen der Aus- und insbesondere
Die Krise des Fordismus und das „Zur Ware Werden“ der Bildung 87

Weiterbildung mit dem Voranschreiten des Kapitalismus zwar immer


wichtiger wird, die angesprochenen Institutionen zugleich jedoch
immer mehr ihren „Bildungscharakter“ verlieren.
Das was zwar weiterhin unter Bildung firmiert – und scheinbar
den Interessen aller Beteiligten entgegenkommt –, stellt nur mehr
blinde Anpassung an die vorgefundene Gesellschaft mit ihren vorge-
gebenen Rollen und Funktionen dar. Bildung hingegen, als die Ent-
wicklung der Fähigkeit, den Status quo und seine Triebkräfte grund-
sätzlich in Frage zu stellen – im Lichte der immer wieder neu gestell-
ten Frage, was die Menschen sind und was sie sollen, die Welt sozial
verantwortlich (mit-)zuschaffen 35 – verliert völlig ihren gesellschaftli-
chen Wert. Bildung, die Grundlage humaner, kultureller Entwicklung,
wird ersetzt durch Qualifikation, den Motor ökonomischen Wachs-
tums, und damit schlichtweg aufgelöst.
Der sich zunehmend verschärfende wirtschaftliche Konkurrenz-
kampf zwischen Wirtschaftsblöcken, Staaten und Regionen sowie die
Tatsache, daß die Anzahl der Gewinner immer kleiner, die Folgen für
die Verlierer immer massiver und die Gefahr, aus der Gewinnerposi-
tion in die Situation eines Verlierers abzusteigen 36, immer größer
wird, zwingt alle, bis hin zum sprichwörtlichen „kleinsten Arbeiter“,
unerbittlich unter die Dynamik wirtschaftlichen Wachstums – Fragen
nach dem Wofür und Wozu werden irrelevant, weil jede Verhaltensal-
ternative mit dem Preis des wirtschaftlichen Untergangs beziehungs-
weise der Deklassierung bezahlt werden müßte. Das Stellen der Sinn-
frage – immanentes Ziel jedweder Bildungsbemühung, die diesen
Namen wirklich verdient – wird unter solchen Begleitumständen zum
Privileg jener wenigen, die sich auf Kosten der Mehrheit (noch) in
einer abgesicherten Position befinden und sich dem alles umfassenden
Konkurrenzkampf zumindest in Teilbereichen entziehen können.

35 Ebda.
36 Siehe dazu auch die Fußnote 17 in diesem Kapitel.
88 Die Arbeit hoch?

Sowohl für den einzelnen als auch für die Gesellschaft leitet sich
Sinn und Zweck von Bildung heute im wesentlichen nur mehr aus
einer Abwägung von Kosten und quantifizierbarem Nutzen ab. Bil-
dung wurde „instrumentalisiert“, sie wurde endgültig degradiert zum
Einsatz beim gesamtgesellschaftlichen Verdrängungswettkampf und
damit auch in den Dienst des allgemeinen Wachstumsideals genom-
men. Fast niemand kann es sich noch „leisten“, Bildung unter der
Zielsetzung wahrzunehmen, sich selbst und die ihn umgebende Welt
zu verstehen sowie zu reflektiertem Handeln fähig zu werden; sie
wird heute fast ausschließlich als der Erwerb von Kenntnissen, Fähig-
keiten und Fertigkeiten gesehen, die sich durch Brauchbarkeit – im
Sinne der verkürzten Maßstäbe individueller und gesellschaftlicher
Effizienz – auszeichnen. Bildung erscheint unter den Bedingungen
der fortgeschrittenenen Konkurrenzökonomie faktisch ausschließlich
unter dem Aspekt der utilitaristischen Reduzierung auf abnehmeradä-
quate Qualifizierung. Damit ist die Beschränkung auf die Herausbil-
dung jener Arbeitsfähigkeiten gemeint, die „vermarktbar“ sind, das
heißt anderen wirtschaftliche Vorteile versprechen, indem damit ein
profitabel verkaufbares Gut oder eine entsprechende Dienstleistung
bereitgestellt werden kann. Mit anderen Worten: Bildung unter dem
konkurrenzökonomischen Aspekt der Reduzierung auf Qualifizierung
ist eindimensional auf die Förderung jener Fähigkeiten und Talente
ausgerichtet, die einen aktuellen ökonomischen Nutzen versprechen.
Der alle Poren der Gesellschaft durchdringende Konkurrenzkampf
im fortgeschrittenen Kapitalismus und die daraus folgende Unterord-
nung allen Strebens unter das ökonomische Kosten-Nutzen-Kalkül
läßt schließlich alles den Charakter einer Ware annehmen und zum
Einsatz beim großen Verdrängungswettkampf werden. Auch Bildung
wird in diesem System auf ihren Warencharakter reduziert, ihre effek-
tive Herstellung und ihr profitabler Einsatz, entsprechend ökonomi-
scher Kriterien, werden kalkulierbar und müssen in letzter Konse-
quenz auch kalkuliert werden, um nicht im alles bestimmenden Kon-
Die Krise des Fordismus und das „Zur Ware Werden“ der Bildung 89

kurrenzkampf zu unterliegen. In einer Gesellschaft, die vom Geist


ökonomischen Denkens durchdrungen ist, wird auch der Luxus einer
nicht in den Dienst wirtschaftlichen Wachstums genommenen Bil-
dung immer weniger möglich; sowohl aus gesellschaftlicher als auch
aus individueller Sichtweise wird Bildung schließlich ebenfalls zur
Ware, in Form ihres Zerrbildes – der Qualifizierung – muß sie sich
dem Prinzip Wachsen oder weichen unterordnen. Dementsprechend
werden auch Schule und die Institutionen der Aus- und Weiterbildung
heute faktisch nur mehr daran gemessen, wie sehr sie dem Produkti-
onsprozeß, der „Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft“ und verbesser-
ten Einkommens- und Aufstiegschancen ihrer Besucher dienlich sind,
ihre Qualität bestimmt sich nicht am Wachstum der Subjekte, sondern
am Wachstum der Wirtschaft.
3. VON DER TAYLORISTISCHEN MODERNISIERUNG
ZUR HEUTIGEN „POSTMODERNISIERUNG“ DER
ARBEITSWELT

… zutreffend ist allerdings, daß wir in einigen Jahren deutlich


weniger Arbeitsplätze haben werden. Doch das wird nicht nur
Opel betreffen, sondern weltweit in der Industrie zu beobach-
ten sein. […] Wenn wir […] wettbewerbsfähig bleiben wollen,
dann brauchen wir dazu weniger Menschen.

David J. Herman, Vorstandsvorsitzender der Adam Opel AG 1

Einen der wesentlichen Gründe für die fordistische „Todeskrise“


stellt die aus der technologischen Entwicklung der letzten Jahrzehnte
resultierende Möglichkeit dar, menschliche Arbeitskraft in Produktion
und Verwaltung heute in hohem Maß durch datenverarbeitende Ma-
schinen zu ersetzen. Die Folgen, die sich daraus für den Arbeitsmarkt
und die Beschäftigungssituation ergeben, wurden im vorigen Kapitel
skizziert. Gleichzeitig wurden durch die neuen Technologien aber
auch tiefgreifende und in ihrer Tragweite noch gar nicht in vollem
Umfang abschätzbare Veränderungen in der bisherigen Arbeitsorgani-
sation und Arbeitsgestaltung ermöglicht und ausgelöst. Verschiedent-
lich wird in diesem Zusammenhang sogar von einer dritten industriel-
len Revolution2 gesprochen und damit angedeutet, daß die derzeitigen

1 Interview in „Top-Business“, Report IV, Oktober 1992, S. 35.


2 Über die Einteilung und die Datierung der industriellen Entwicklungsschübe sind
sich die Wirtschafts- und Sozialhistoriker nur zum Teil einig. Weitestgehend un-
bestritten ist bloß die „erste industrielle Revolution“. Ihr Beginn wird zwischen
„Postmodernisierung“ der Arbeitswelt 91

Veränderungen in ihrer Dramatik und ihren Konsequenzen durchaus


mit den technologischen Fortschritten und den umwälzenden arbeits-
organisatorischen Neuerungen in den ersten beiden Jahrzehnten dieses
Jahrhunderts zu vergleichen sind. Mit den damaligen – heute vielfach
als zweite industrielle Revolution bezeichneten – Entwicklungen war
die Grundlage für die endgültige Durchsetzung der Industriegesell-
schaft und den Fordismus gelegt worden, jener prosperierenden, etwa
fünfzig Jahre andauernden Phase des Kapitalismus, in der – auf Kos-
ten einer massiven Ausbeutung und Zerstörung der Natur – eine profi-
tabel funktionierende Verkoppelung von Massenproduktion, Massen-
beschäftigung und Massenkonsum erreicht worden war.
Die damaligen industriellen Umwälzungen waren in hohem Maß
durch technische Innovationen, wie die Entwicklung härterer Werk-
zeugstähle oder die Starkstromtechnik, und einem damit möglich
gewordenen umfassenden Mechanisierungsschub ausgelöst worden,
ihre durchschlagende Dynamik ergab sich allerdings erst aus einer
völligen Neuorganisation des Fabriksystems. Galt noch bis um die
Jahrhundertwende die Herstellung technischer Waren in Form hand-
werklich organisierter Produktionsabläufe als selbstverständlich, so
erfolgte in den folgenden Jahrzehnten eine systematische Neustruktu-
rierung der industriellen Arbeitsprozesse im Sinne einer konsequenten
Rationalisierung der menschlichen Arbeitsleistungen. Ausgehend von
der Autoindustrie errreichte das kapitalistische Industriesystem da-

1760 und 1780, ihr Ende zwischen 1830 und 1850 angesetzt, und sie wird allge-
mein als die Zeit des „Übergangs zum Fabriksystem“ angesehen. Von einer
„zweiten industriellen Revolution“ sprechen viele Autoren im Zusammenhang
mit dem „Übergang zur großindustriellen Massenproduktion“ in den letzten De-
kaden des 19. und den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts. Eine „dritte revolu-
tionäre Umwälzung der industriellen Fertigung“ wird schließlich verschiedent-
lich in der Einführung und Anwendung von Computertechnologien in Produkti-
on und Verwaltung seit Anfang der siebziger Jahre gesehen. Vgl.: Müller-
Jentsch/Stahlmann: Management und Arbeitspolitik im Prozeß fortschreitender
Industrialisierung. In: Österreichische Zeitschrift für Soziologie, 13 (1988). Heft
2, S. 6/7.
92 Die Arbeit hoch?

mals eine völlig neue Stufe in seiner Entwicklung – das mit Massen-
und Fließbandproduktion verknüpfte industriewirtschaftliche Produk-
tionsprinzip wurde eingeführt. Bis dahin war ja sogar das Auto, das
uns heute als das Symbol des Industriezeitalters schlechthin erscheint,
noch weitgehend nach den Prinzipien handwerklicher Produktionsra-
tionalität hergestellt worden – erst mit dem ab 1908 bei Ford in Ame-
rika gefertigten „Modell T“ war zum ersten Mal ein für das Fließ-
bandsystem entwickeltes Auto konzipiert und damit gleichzeitig ein
revolutionärer fertigungstechnischer Fortschritt in die Wege geleitet
worden.
Der Ursprung der hocharbeitsteiligen, durch einen mechanischen
Ablauftakt gesteuerten Arbeitsorganisation – und der damit verbun-
denen Degradierung der in der Produktion und teilweise auch der in
Büros tätigen Menschen zu „Handlangern der Maschine“ – ist wahr-
scheinlich in den Schlachthöfen Chicagos zu suchen, wo erstmalig ab
1905 die Arbeit entlang einem „Fließband“ organisiert wurde. Eine
wissenschaftliche Legitimation für das Organisationsprinzip, Men-
schen und Maschinen wie ein Uhrwerk miteinander zu verzahnen,
wurde 1911 vom ehemaligen Stahlarbeiter aus Philadelphia und späte-
ren Hochschullehrer an der Harvard-Universität, Frederik Winslow
Taylor, mit seinem Werk „The Principles of Scientific Management“
geliefert. Er legte die Grundlagen für Arbeits- und Zeitstudien und
wurde zum Vorkämpfer für die strikte Trennung der betrieblichen
Arbeitsbereiche, Planung und Ausführung. Die von Taylor entwickel-
ten Methoden waren schließlich bahnbrechend für eine in den nächs-
ten Jahren und Jahrzehnten vorangetriebene Umgestaltung der indus-
triellen Fertigung. Richtungsweisend war dabei die noch junge Auto-
industrie, wo die „Prinzipien der wissenschaftlichen Betriebsführung“
als erstes umgesetzt wurden.
Die Bezeichnung „Taylorismus“ gilt heute als das Synonym für
eine Arbeitsorganisation, die den Menschen zum Anhängsel einer
nach ökonomisch-rationalen Kriterien organisierten industriellen Me-
„Postmodernisierung“ der Arbeitswelt 93

gamaschine degradiert. Doch Taylor war nur der exponierteste Vertre-


ter einer großen Zahl von Forschern, die sich damals mit der Rationa-
lisierung des Fabriksystems beschäftigten. Sowohl in den USA als
bald auch in Europa wurden zahlreiche, teilweise sehr ähnliche Kon-
zeptionen entwickelt, die alle das grundsätzliche Ziel hatten, das bis-
her zum großen Teil bei den Arbeitern konzentrierte Produktionswis-
sen sowie deren Gestaltungskompetenz über den Arbeitsablauf so
vollständig wie nur möglich der Fabrikleitung zu übertragen. Diese
Verlagerung der Entscheidungsmacht sollte die Fertigung durch zent-
rale Planung und Koordinierung effizienter und damit vor allem profi-
tabler zu machen. Die Rationalisierungsprojekte waren dementspre-
chend im wesentlichen alle dadurch kennzeichnet, daß man daran-
ging, aufbauend auf eine im Hinblick auf Bewegungs- und Zeitauf-
wand der Arbeiter durchgeführte Analyse der Produktionsprozesse,
diese nach Kriterien der Bewegungs- und Zeitökonomie neu zu struk-
turieren. Indem zugleich das Tätigkeitsprofil der einzelnen Arbeits-
plätze möglichst eng gehalten wurde, konnte den neu geschaffenen
arbeitsteilig-repetiven Tätigkeitsbereichen nahezu jede Qualifikati-
onsanforderung abgesprochen werden. Hatte der qualifizierte Monteur
der Handwerksproduktion noch alle benötigten Teile herangeschafft,
sich die Werkzeuge selbst geholt, sie bei Bedarf repariert und kom-
plexe Montagetätigkeiten ausgeführt, war der Arbeiter der nunmehri-
gen arbeitsteiligen Produktion nur für einen simple Bearbeitungs-
schritt zuständig, für den er oft nur wenige Minuten ausgebildet wer-
den mußte. Zulieferung, Koordination und Wartung wurden an ande-
re, ebenfalls nur für scharf abgegrenzte Aufgabenbereiche zuständige
„Spezialisten“ übertragen.
Das gewaltige Veränderungspotential der industriewirtschaftlichen
Produktionsrationalität lag also zum einen darin begründet, daß es
gelang, durch „wissenschaftliche“ Zerlegung der Arbeitsprozesse in
immer kleinere Teilstücke und einer Ablaufsteuerung nach ökono-
misch-rationalen Kriterien das Arbeitstempo und die Effizienz der
94 Die Arbeit hoch?

Arbeit massiv zu steigern. Das andere, mindestens ebenso wichtige


Element der damaligen Rationalisierung und Standardisierung der
Arbeitsvorgänge bestand in der „Normierung“. Erst die Normierung –
worunter im wesentlichen die Verwendung eines einheitlichen Meß-
systems und verbindlicher technischer Qualitätsstandards verstanden
wird – schuf die unabdingbare Voraussetzung für jedwede Massen-
produktion, nämlich die paßgenaue Austauschbarkeit der einzelnen
Bauelemente technischer Produkte. Erst damit war die Möglichkeit
geschaffen, die verschiedenen Bauteile unabhängig voneinander tat-
sächlich „fertig“-zustellen und sie nicht erst – wie bei der bisherigen
handwerklichen Fertigung – mühselig im Rahmen des Zusammenbaus
aneinander anzupassen. Eine grundlegende Voraussetzung der indus-
triellen Betriebsorganisation lag genau in dieser Ausrichtung an der
Norm und im Abgehen von der bisherigen Orientierung am jeweils
spezifischen Produktions-Fall.
Die Normierung sowie die damit verbundene Möglichkeit der Se-
rienfertigung – einer Fertigung, in der die hergestellten Produkte ein-
ander (abgesehen von Abweichungen in einem minimalen Toleranz-
bereich) hundertprozentig gleichen – und der Massenproduktion war,
gemeinsam mit der Segmentierung der Arbeitsabläufe, die Vorausset-
zung dafür, nun nicht mehr auf handwerklich umfassend ausgebildete
Facharbeitskräfte angewiesen zu sein. Mußten in der bisherigen
handwerklichen Produktion die Arbeiter in der Lage sein, die meist
von verschiedenen Zulieferern mit teilweise stark differierenden Meß-
lehren hergestellten Einzelteile Stück für Stück nachzuarbeiten und,
den jeweiligen Gegebenheiten entsprechend, aneinander anzupassen –
was durchaus hohes handwerkliches Geschick und fachliche Ent-
scheidungskompetenz voraussetzte –, war es nun auch für angelernte
Kräfte problemlos möglich, die paßgenau gefertigten Teile zusam-
menzusetzen. Außerdem waren bisher in der handwerklichen Ferti-
gung im wesentlichen Allzweck-Werkzeugmaschinen zum Einsatz
gekommen, deren Einsatz bei den unterschiedlichen Bearbeitungsauf-
„Postmodernisierung“ der Arbeitswelt 95

gaben hohes handwerkliches Wissen und Können voraussetzte. Die


Großserienfertigung machte nun aber den Einsatz von Spezial-
Werkzeugmaschinen – jeweils für die Herstellung und den Zusam-
menbau ganz bestimmter Bauteile – möglich, womit sich spezifisches
Fachwissen über Werkstoffverhalten und den jeweils entsprechenden
Werkzeugeinsatz zunehmend erübrigte.
Damit wurde nicht nur die Normierung und die „Austauschbarkeit
der Teile“ ein Bestimmungsmerkmal der Fließband- und Serienpro-
duktion, sondern auch die „Austauschbarkeit der Arbeiter“. Bei der
Arbeit, in den nach industriewirtschaftlicher Produktionslogik organi-
sierten Fabrikshallen war nur mehr eine kleine Zahl fachlich ausge-
bildeter „Handwerker“ nötig. Der Handwerker, als das Synonym für
den kompetenten und nach individuellen fachlichen Eigenarten ge-
messenen Experten, war damit weitgehend passé; die Orientierung der
Produktion an der Norm forderte sozusagen auch den normierten,
austauschbaren und angepaßten Arbeiter – der „tayloristische Mas-
senarbeiter“ (Harry Braverman) war entstanden. Von ihm wurde kei-
ne kreative handwerkliche Leistung mehr erwartet, sondern „paßge-
naue“ Ein- und Unterordnung in das riesige Räderwerk der industriel-
len Megamaschine.
Damit ist gleichzeitig auch das letzte wichtige Merkmal industriel-
ler Arbeitsorganisation angesprochen – die vertikale, von „oben nach
unten“ ausgeübte Kontrolle des Arbeitsverhaltens, verbunden mit
hoher Vorbestimmtheit der Arbeitsvollzüge, minimalen Dispositions-
spielräumen der Arbeitenden und einem permanenten Druck zur Er-
höhung der Arbeitsintensität. Neben dem damals entstehenden System
von Vorarbeitern, Meistern und anderen Gliederungen der hierarchi-
schen Fabriksstruktur war die Fließbandarbeit ein ganz wesentliches
Mittel zur Arbeitsdisziplinierung – die Unterordnung unter den Band-
takt ließ nämlich sofort jedes Nachlassen eines Arbeiters offensicht-
lich werden. Die Akzeptanz der produktivitätssteigernden Unterord-
nung der Arbeitenden unter die Bedingungen der solcherart organi-
96 Die Arbeit hoch?

sierten Produktion wurde hauptsächlich durch ausgeklügelte


Leistungs- und Prämienlohnsysteme erreicht.
Insgesamt kann die industriewirtschaftliche Rationalität des Taylo-
rismus damit charakterisiert werden, daß das Erreichen des primären
Unternehmenszwecks – das Erzielen eines möglichst hoher Gewinns,
im Sinne einer hohe Rendite für das eingesetzte Kapital, durch opti-
malen Einsatz der Ressourcen, inklusive der menschlichen Arbeits-
kraft – „von oben“ durch ein hierarchisches System von Anweisung,
Überwachung und Kontrolle sowie die Reduzierung der Produktions-
arbeiter auf das rationelle Funktionieren in dem ihnen zugewiesenen
schmalen Arbeitssegment gewährleistet wird. Das dafür erforderliche
Management stellt somit genauso eine Folgeerscheinung des nach
industriewirtschaftlicher Logik organisierten Fabriksystems dar wie
das parallel entstandene Industrieproletariat. Die Notwendigkeit einer
Organisations- und Kontrollhierarchie lag im wesentlichen in einer
Entwicklung begründet, die sich schon vor der endgültigen Durchset-
zung der industriellen Produktion abgezeichnet hatte und einen grund-
sätzlichen Unterschied zum (protoindustriellen) Verlagssystem dar-
stellt: Die nunmehrigen „Unternehmer-Kapitalisten“ kauften im Ge-
gensatz zu den „Verleger-Kapitalisten“ der vorindustriellen Epoche
nicht mehr fertige Arbeitsprodukte ein, sondern Arbeitskraft, die erst
noch in Arbeit zu transformieren war. Die effiziente Nutzung der für
Tage und Stunden gemieteten Arbeitskraft machte – in Verbindung
mit der nunmehrigen, immer weitergehenden Abkehr vom handwerk-
lichen Produktionsprinzip – ein planendes Management sowie perma-
nente Aufsicht und Kontrolle der Arbeitsverausgabung erforderlich.3
Mit dem Taylorismus war die arbeitsorganisatorische und techno-
logische Basis für die Massenproduktion von Konsumgütern gegeben,
und gleichzeitig ermöglichte die Steigerung der Arbeitsproduktivität
auf längere Sicht auch eine fühlbare Erhöhung des Lohnniveaus der in

3 Vgl. ebda., S. 5
„Postmodernisierung“ der Arbeitswelt 97

der Industrie Beschäftigten. Große Teile der Arbeiterschaft konnten


damit zu Konsumenten industriell erzeugter Massenprodukte werden.
Das bedeutete, daß ihre traditionellen, auf „nacktes Überleben“ orien-
tierten Reproduktionsformen sukzessive von einem „Konsummodell“
überlagert und schließlich weitgehend ersetzt wurden. Industriell er-
zeugte – zwar nicht überlebensnotwendige, das Leben aber bequemer
und angenehmer machende – Konsumartikel, wie Autos, Kühlschrän-
ke oder Rundfunkgeräte, rückten für immer größere Bevölkerungs-
gruppen mehr und mehr in den Bereich des Denkbaren und wurden in
weiterer Folge schließlich zu selbstverständlichen Artikeln des
Massengebrauchs. Die bis in das zwanzigste Jahrhundert hinein (trotz
Kapitalismus) relativ unberührt gebliebenen traditionellen Formen der
Arbeitskräftereproduktion – die überwiegend agrarisch geprägten
Sozialbeziehungen, Konsumgewohnheiten und Lebensformen – er-
fuhren nun erst, im Zusammenhang mit industriewirtschaftlicher Ar-
beitsorganisation und der Massenproduktion von Konsumgütern, ihre
grundlegende Veränderung. Die arbeitende Bevölkerung begann da-
mit immer mehr auch in Form der „Reproduktion ihrer Arbeitskraft“
zu Wirtschaftswachstum und Kapitalakkumulation beizutragen.
Wenngleich der Taylorismus sich in seiner reinen Form längst
nicht in allen Bereichen der Wirtschaft (vollständig) durchgesetzt hat,
formten seine arbeitsorganisatorischen Prinzipien mehr und mehr die
Schlüsselsektoren der Produktion und wurden in den nächsten Jahr-
zehnten zur Basis der neuen dominierenden (Konsumgü-
ter-)Industrien. Ein überproportionales Ansteigen der Angestellten mit
Planungs-, Kontroll- und Administrationsaufgaben auf der einen Seite
und der An- und Ungelernten mit repetiven Teilaufgaben auf der an-
deren Seite waren typische Folgeeffekte. Die Arbeitsdisziplin wurde
insgesamt rigider, und Arbeitstempo sowie Arbeitsintensität nahmen
gewaltig zu. Die Segmentierung der Arbeit und die Unterordnung der
Arbeiter unter die „objektiven“ Notwendigkeiten von Arbeitsablauf
und Maschinennutzung ermöglichten außerdem – trotz zunehmender
98 Die Arbeit hoch?

gewerkschaftlicher Organisiertheit – eine wesentlich straffere Diszip-


linierung der Belegschaft. Gleichzeitig ermöglichte die ökonomisch-
rationale Arbeitsorganisation aber auch, daß die Arbeiter über höhere
Löhne und kürzere Arbeitszeiten an ihrer eigenen intensivierten Aus-
beutung mitpartizipierten. Von Anfang an konnte sich die Arbeiter-
bewegung dementsprechend auch der Faszination des Modells eines
„gezähmten Kapitalismus“ nie vollständig entziehen. Ihre diesbezüg-
lich anfänglich jedoch durchaus noch ambivalente Haltung, wich in
den nächsten Jahrzehnten zunehmend der Vorstellung eines auf
Wachstum und Technokratie gegründeten funktionierenden kapitalis-
tischen Weges in eine durch „Wohlstand für alle“ gekennzeichnete
bessere Zukunft.
Der Taylorismus bedeutete eine völlig neue Entwicklungsstufe in
der gesellschaftlichen Organisation von Arbeit, „ihre Überführung aus
lebensweltlichen, unmittelbar einsichtigen Zusammenhängen unter
das abstrakte »Zeit-ist-Geld«-Diktat einer kalt berechnenden Markt-
ökonomie“.4 Dabei darf jedoch nicht übersehen werden, daß die Un-
terordnung unter die sich neu herausbildenden Bedingungen gesell-
schaftlich organisierter Arbeit für die Arbeitenden durchaus nicht nur
negative Aspekte hatte. Zum einen erfolgte mit dem Überwechseln –
meist von der Landwirtschaft – in die Fabrik für sie vielfach zugleich
„eine Befreiung aus oftmals entwürdigenden persönlichen Abhängig-
keitsverhältnissen und traditionellen Zwängen“.5 Und zum anderen
wurde den Arbeitern die Intensivierung und verstärkte Entfremdung
der Arbeit mit sukzessiven Verkürzungen der Wochenarbeitszeit und
höheren Verdienstchancen durch Akkord- und „Leistungsentlohnung“
schmackhaft gemacht. Edward P. Thompson resümiert diesbezüglich:
„Der ersten Generation Fabrikarbeiter wurde die Bedeutung der Zeit

4 Meißl, G.: Von der Modernisierung zur Postmodernisierung der Arbeitswelt. In:
Tálos, E,/Riedlsperger, A. (Hg.): Zeit-Gerecht. 100 Jahre katholische Sozialleh-
re. Steyr 1991, S. 146.
5 Ebda.
„Postmodernisierung“ der Arbeitswelt 99

von ihren Vorgesetzten eingebleut, die zweite Generation kämpfte in


den Komitees der Zehn-Stunden-Bewegung für eine kürzere Arbeits-
zeit, die dritte schließlich für einen Überstundenzuschlag. Sie hatten
die Kategorien ihrer Arbeitgeber akzeptiert und gelernt, innerhalb
dieser Kategorien zurückzuschlagen. Sie hatten ihre Lektion – Zeit ist
Geld – nur zu gut begriffen.“6
Die sich auf zwei Ebenen manifestierende Veränderung der kapita-
listischen Arbeits- und Lebensformen – die Entwicklung der Arbeits-
organisation in Richtung „Taylorismus“ und die parallel stattfindende
Entwicklung zu einer Gesellschaft des Massenkonsums – wird (wie
im zweiten Kapitel ausgeführt) zusammengenommen heute vielfach
mit dem Begriff „Fordismus“ charakterisiert. Mit ihren spezifischen
Produktions- und Reproduktionsstrukturen stellte die fordistische
Gesellschaftsformation die erfolgreiche Grundlage zur Überwindung
der für die Masse der Bevölkerung elenden Bedingungen des Frühka-
pitalismus dar. Sie schuf, mit einem in der Arbeitswelt bisher nicht
gekannten Grad an Disziplinierung und Ausbeutung, sowie einer
Lohnpolitik, die die Arbeiterschaft allmählich in die Lage versetzte,
Konsumenten ihrer eigenen Produkte zu werden, die Basis für ein
insgesamt lang andauerndes Wirtschaftswachstum und einen zuneh-
menden Massenwohlstand in den industrialisierten Ländern. Der For-
dismus signalisierte für die Arbeiterschaft, die sich im Frühkapitalis-
mus als „Klasse“ formiert hatte, wieder den „Abschied vom Proletari-
at“. Wenngleich die Durchsetzung des fordistischen Akkumulations-
modells nicht kontinuierlich verlief, sondern von heftigen sozialen
und politischen Auseinandersetzungen begleitet war und durchaus
auch Brüche und Rückschläge zu verzeichnen hatte, wurde das „for-
distische Modell“ schließlich zu jener tragfähige Basis, auf der sich
die bis heute wirksame, faktisch durchgängige Akzeptanz des kapita-
listischen Wirtschafts- und Gesellschaftsystems herausbilden konnte.

6 Zit. nach: Klopfleisch, a.a.O, S. 36.


100 Die Arbeit hoch?

Parallel dazu, daß das fordistische Kapitalismusmodell gegen Ende


des zweiten Drittels des zwanzigsten Jahrhunderts jedoch immer mehr
an seine Grenzen zu stoßen begann, wurden auch Taylorismus und
industriewirtschaftliche Arbeitsorganisation stärker auf ihre aktuelle
Brauchbarkeit hinterfragt. Zunehmend wurde offensichtlich, daß es
mit dem Paradigma der industriewirtschaftlichen Rationalität – das in
der Zwischenzeit nicht bloß zur weitgehend akzeptierten und im all-
gemeinen Verständnis auch vernünftigsten Prämisse gesellschaftlicher
Arbeit geworden war, sondern auch die Sozialbeziehungen, Konsum-
gewohnheiten und Lebensformen tiefgreifend verändert und geprägt
hatte – unmöglich war, brauchbare Lösungen für eine Reihe neu auf-
tauchender Probleme in der Arbeitswelt zu entwickeln. Gleichzeitig
wurde, durch die parallel stattfindenden technischen Entwicklungen,
ein Paradigmenwechsel in den Prinzipien gesellschaftlicher Arbeits-
organisation auch möglich und sinnvoll. Ganz in diesem Sinn lassen
sich seit dieser Zeit zunehmend Entwicklungen beobachten, die eine
neuerliche tiefgreifende Veränderungen des Gesamtsystems der Pro-
duktivkräfte, verbunden mit weitreichenden Veränderungen in der
Stellung und Funktion des Menschen im Arbeitsprozeß sowie im ge-
sellschaftlichen Verständnis von Arbeit insgesamt, darstellen.
Die in den letzten beiden Jahrzehnten immer offensichtlicher wer-
dende Notwendigkeit von Alternativen zur industriewirtschaftlichen
Produktionslogik sowie die gleichzeitig durch technische Innovatio-
nen entstehende Möglichkeit einer grundsätzlichen Veränderung der
tayloristischen Arbeitsorganisation läßt sich an einer Reihe von Grün-
den aufzeigen:
• Zum einen wurde in den letzten beiden Jahrzehnten zunehmend
offensichtlich, daß weitere Möglichkeiten der Produktivitätssteige-
rung in der industriellen Fertigung durch „tayloristische Maßnahmen“
nur mehr in wenigen Teilbereichen der Produktion möglich bezie-
hungsweise wirtschaftlich sinnvoll sind. Die traditionelle Rationalisie-
rungsstrategie im Rahmen tayloristischer Arbeitsorganisation – durch
„Postmodernisierung“ der Arbeitswelt 101

einen immer ökonomischeren Einsatz menschlicher Arbeitskraft in


Form repetiver Teilarbeiten und dem Ausbau finanzieller Anreizsys-
teme, wie der Akkordentlohnung, die Unternehmensgewinne zu erhö-
hen – sind heute weitgehend ausgeschöpft. Im gleichen Maß wie diese
Produktivitätsreserven der tayloristischen Arbeitsorganisation sich als
ausgereizt erwiesen, entwickelte sich durch die technischen Innovati-
onen jedoch die Möglichkeit, standardisierte und normierbare Ar-
beitsaufgaben nun zunehmend überhaupt unter weitgehender Aus-
schaltung untergeordneter menschlicher Arbeit durch informations-
verarbeitende technische Systeme zu bewältigen.
• Weiters wurden in vielen Bereichen der industriellen Produkti-
on in jüngster Zeit mehr und mehr die Grenzen des Mengenwachs-
tums erreicht, was aber zugleich heißt, daß eine wesentliche Stärke
des tayloristischen Produktionssystems, die Produktkosten durch
Massenfertigung zu senken, ebenfalls weitgehend ausgeschöpft ist.
Verstärkt wird diese „Krise der Massenproduktion“ noch dadurch,
daß der Konkurrenzkampf heute für viele Industrieprodukte eine im-
mer häufigere Veränderung von Design oder technischer Ausführung
erzwingt. In Form der neuerdings zur Verfügung stehenden techni-
schen Systeme ergab sich zugleich wieder die Möglichkeit, eine ratio-
nelle Fertigung auch unter Abgehen von der Massenproduktion auf-
rechtzuerhalten. Durch das Flexibilisierungspotential der Informati-
ons- und Kommunikationstechnologien wurde es möglich – im Ge-
gensatz zur klassischen Automatisierung –, auch die Produktion sehr
unterschiedlicher Mengen und Produktvarianten zu automatisieren.
Die sogenannte flexible Automation macht heute oft auch kleinste
Losgrößen, und damit eine starke Ausrichtung an Kundenwünschen,
wirtschaftlich sinnvoll.7
• Die zunehmende Sättigung der potentiellen Märkte und die
damit verbundenen Schwierigkeiten bei der Erschließung neuer Ab-

7 Vgl. Rürup, B.: Die Zukunft der Arbeit. Sozioökonomische Konsequenzen des
technologischen Wandels. Referat in Wien (Sommer) 1988 (hekt.).
102 Die Arbeit hoch?

satzmöglichkeiten führten zu einer generellen Verschärfung des Kon-


kurrenzkampfes auf dem Industrieproduktesektor. Damit wurden in
den letzten Jahren besonders die international sehr unterschiedlichen
Kosten der lebendigen Arbeitskraft zu einem immer bedeutenderen
Wettbewerbsfaktor. Die sich daraus tendenziell entwickelnde interna-
tionale Arbeitsteilung zwischen Europa, den USA, Japan und insbe-
sonders den Ländern des pazifischen Beckens, wie Korea, Taiwan,
Hongkong oder Singapur, veranlaßte die traditionellen Industrieländer
zum einen, die Möglichkeiten der Informations- und Kommunikati-
onstechnologien in Hinblick auf die damit gegebenen Substitutions-
möglichkeiten von „Allerweltsarbeitskraft“ massiv voranzutreiben,
und zum anderen, sich stärker auf jene Produktionsbereiche und Pro-
duktionsformen zurückzuziehen, die ein qualitativ gut ausgebildetes
Fachpersonal voraussetzen. Dazu gehören beispielsweise komplexe,
kundenorientierte Qualitätsprodukte, Industrieprodukte mit an-
spruchsvollem Wartungs- und Instandhaltungsaufwand sowie Produk-
tionen, die hohe Flexibilität und termingetreue Lieferung erfordern.
• Die entfremdeten, monotonen Arbeitsbedingungen der taylo-
ristischen Arbeitsorganisation hatten zunehmend Erscheinungen „in-
nerer Kündigung“, verbunden mit unorganisierten, individualistischen
Formen der „Arbeitsverweigerung“ (Absentismus, Schlamperei und
dergleichen) bei den fordistischen „Massenarbeitern“ entstehen las-
sen. Ein Grund für diesen „schleichenden Bummelstreik“ kann auch
in einer ganz grundsätzlichen Legitimationskrise der industriellen
Arbeitsgesellschaft gesehen werden, die in den siebziger Jahren mit
der zunehmenden Organisierung der „Grünbewegungen“ einen relati-
ven Höhepunkt erreichte. Die damals offensichtlich noch zum Teil ins
Bewußtsein tretenden Widersprüche zwischen der fordismusimma-
nenten „Forderung“ nach hedonistischer Konsummentalität und dis-
zipliniertem Arbeitsverhalten sowie die erstmalig öffentlich geführte
Diskussion um die Bedrohung unserer gesamten Ökosphäre durch die
fordistischen Produktions- und Reproduktionsformen verschafften
„Postmodernisierung“ der Arbeitswelt 103

kurze Zeit jenen Gehör, die zu einem Ausstieg aus dieser Wirtschafts-
und Lebensweise aufforderten.
• Schließlich begannen sich die demotivierenden Arbeitsbedin-
gungen der nach traditioneller industriewirtschaftlicher Logik organi-
sierten tayloristischen Arbeitsorganisation, vor dem Hintergrund der
in den sechziger und siebziger Jahren relativ gut ausgebauten Macht
der Arbeitnehmervertretungen, zunehmend zu einer allgemeinen
„Motivationskrise der Arbeit“8 zu verdichten. Die durch gesetzliche
und kollektivvertragliche Regelungen verhältnismäßig gut abgesicher-
te Position der Arbeitnehmer begann immer stärker das traditionelle
Arbeitsanreizsystem des Taylorismus zu unterlaufen, womit dieses
einen Teil seine Regulationskraft verlor und damit aber auch gleich-
zeitig die Tatsache der unbefriedigenden Arbeitsbedingungen stärker
ins allgemeine Bewußtsein treten konnte. Ein interessantes Indiz stellt
in diesem Zusammenhang beispielsweise die Tatsache dar, daß in den
achtziger Jahren für die europäischen Arbeiter in einigen Fällen bei
Tarifverhandlungen eine weitere Reduzierung der Arbeitszeit sogar
Priorität gegenüber Lohnforderungen erhielt.9
Zusammenfassend kann festgestellt werden, daß, unter den heute
vorfindbaren ökonomisch-technischen Bedingungen, sich die taylo-
ristische Arbeitsorganisation einerseits aus verschiedenen Gründen
immer deutlicher als wirtschaftlich kontraproduktiv herausstellt, aber
andererseits, angesichts der zunehmend zur Verfügung stehenden
„neuen Technologien“, ihre Aufrechterhaltung auch gar nicht mehr
notwendig ist. Der massiv verschärfte internationale Konkurrenz-
kampf erzwingt immer mehr eine „variantenreiche Serienproduktion“
sowie ein rasches und flexibles Reagieren auf sich verändernde
Marktbedingungen – Vorgaben, die im Rahmen traditionell-

8 Müller-Jentsch/Stahlmann, a.a.O, S. 6.
9 Vgl. Womack, J.P./Jones, D.T./Roos, D.: „Die zweite Revolution in der Auto-
mobilindustrie“. Konsequenzen aus der weltweiten Studie des Massachusetts In-
stitute of Technology. Frankfurt a.M./New York 1991, S. 52.
104 Die Arbeit hoch?

tayloristisch organisierter Fertigungen sowieso kaum erreicht werden


können.
Der dementsprechend heute tendenziell stattfindende Wandel von
einer starren zu einer flexiblen – an den in immer wieder neuen Vari-
anten animierten Kundenwünschen orientierten – Produktion wurde
zwar, so wie seinerzeit bei der „Einführung des Taylorismus“, durch
die entsprechenden Technologien ermöglicht, gleichzeitig erfordert er
aber auch wieder einen neuen – nunmehr besonders „flexiblen“ –
Arbeitnehmertypus. Denn um die Flexibilitätspotentiale der neuen
Technik optimal auszunutzen, ist der „normierte“ und austauschbare
„tayloristisch-disziplinierte Massenarbeiter“, der sich problemlos in
die industrielle Megamaschine einfügt und auf Anweisung „brav“ sein
Tätigkeitssegment im Produktionsablauf erfüllt, weitgehend ungeeig-
net. Dazu bedarf es spezifisch qualifizierter, flexibler und – im Sinne
des Unternehmensziels – auch besonders engagierter Arbeitskräfte.
Durch die Rationalisierungs- und Flexibilisierungspotentiale der
Mikroelektronik können heute traditionelle Automatisierungsbarrieren
überwunden werden und die Produktion – bei weiterhin steigender
Produktivität – an variierende Losgrößen und eine Palette von Pro-
duktvarianten angepaßt werden; die Kombination des Kostenvorteils
der Massenfertigung, mit dem Marktvorteil einer raschen Anpassung
an Nachfrageveränderungen, wird möglich. Damit ist der „tayloristi-
sche Massenarbeiter“ zunehmend aber nicht bloß nicht mehr erforder-
lich, seine rasche „Eliminierung“ wird sogar zur Grundsatzfrage im
Hinblick auf die Durchsetzungsmöglichkeit einer in verschiedenen
Wirtschaftszweigen ökonomisch überlebensnotwendig gewordenen
post-tayloristischen Produktion. Seine traditionellen Tätigkeiten –
jene formalisierbaren Arbeiten, die genau beschreibbar und festlegbar
sind, sich dementsprechend auf der Grundlage einer zweiwertigen
Logik abbilden und in die „Sprache“ eines Computers übersetzen
lassen – können in wachsendem Maß durch informationsverarbeiten-
de technische Systeme übernommen werden.
„Postmodernisierung“ der Arbeitswelt 105

Damit wird die Basis der industriewirtschaftlichen Produktionslo-


gik, die Unterordnung der menschlichen Arbeitskraft unter die Bedin-
gungen der normierten Massenproduktion, zunehmend obsolet. Über-
all dort, wo normierbare Arbeitsabläufe oder Varianten von solchen
auftreten, können heute oder in naher Zukunft Maschinen an die Stel-
le des Menschen treten. Da, durch die zunehmende universelle Adap-
tierbarkeit der Informationsverarbeitungseinheiten, die Verwendung
solcher Maschinen in immer größeren Bereichen der Produktion auch
billiger als die menschliche Arbeitskraft kommt, ist es – in der, dem
Ziel einer maximalen Kapitalrendite geschuldeten Logik des kapitalis-
tischen Konkurrenzkampfes – unmöglich, die traditionell-tayloristisch
organisierte Produktion auf Dauer aufrechtzuerhalten.
Dementsprechend läßt sich derzeit, insbesondere in jenen Produk-
tionsbereichen, die einem starken (internationalen) Konkurrenzdruck
ausgesetzt sind, ein Rückgang von einfachen Routinearbeiten ver-
zeichnen, während planende und verwaltende Arbeiten, Steuerung
und Überwachung von Arbeitsvorgängen, Bedienung von Informati-
onssystemen und Beratungsaufgaben relativ wichtiger werden. Diese
Entwicklung trifft nicht nur einzelne Berufe, sondern läßt sich – mehr
oder weniger deutlich – quer durch alle Berufe in den entsprechenden
Produktionsbereichen beobachten. Es findet eine tiefgreifende Verän-
derung in der Tätigkeitsstruktur und den Qualifikationsanforderungen
statt. Durch den voranschreitenden Einsatz von Computertechnologie
und Mikroelektronik bleiben tendenziell nur mehr die nicht-
standardisierbaren Tätigkeitsbereiche – also jene, die sich keiner ein-
deutigen Ziel-Mittel-Schematisierung unterwerfen lassen – der „Ar-
beitskraft Mensch“ vorbehalten. Es kann davon ausgegangen werden,
daß viele, heute noch nicht von informationsverarbeitenden Maschi-
nen „übernommene“, aber prinzipiell formalisierbare Arbeiten eben-
falls nur mehr zeitlich begrenzt ausgeübt werden, nämlich bis zu dem
Zeitpunkt, bei dem sie ebenfalls von der Maschinisierungsspirale
erfaßt werden beziehungsweise die entsprechenden Technologien so
106 Die Arbeit hoch?

billig werden, daß sich das Ersetzen der menschlichen Arbeitskräfte


betriebswirtschaftlich rentiert.
Diese Entwicklung läßt aber gleichzeitig auch die auf extreme Hie-
rarchie und Arbeitsteilung beruhende industriewirtschaftliche Produk-
tionslogik zunehmend ungeeignet werden. Denn betriebliche Abläufe,
bei denen das optimale Ergebnis von Handlungen nicht durch eine
klar definierte Ziel-Mittel-Vorgabe eingrenzbar ist, lassen sich logi-
scherweise auch nicht mittels hierarchischer Kontrolle steuern. Das
bedeutet, daß es unter den Bedingungen des Post-Taylorismus immer
notwendiger wird, daß die Arbeitnehmer mit Eigenmotivation tätig
sind, sich an einer verinnerlichten Arbeitsethik orientieren und auf
Grund einer starken Identifikation mit dem Unternehmensziel ein
hohes Maß an Selbstkontrolle entwickeln. Zugleich signalisiert diese
Entwicklung auch eine neue Etappe im Kampf der Arbeitgeber um die
Intensivierung der Arbeitsleistung ihrer Arbeitnehmer. Mit Hilfe neu-
er arbeitsorganisatorischer Maßnahmen sollen die Motivation und die
Kooperationsbereitschaft der Beschäftigten gefördert werden und
damit jene Leistungspotentiale der menschlichen Arbeitskräfte er-
schlossen werden, die von den Intensivierungsmethoden der taylo-
ristischen Rationalisierungsmuster nicht aktiviert werden können.
Wer sich mit dem Unternehmensinteresse identifiziert, wehrt sich
nicht gegen den Arbeitsstreß.10
Mißt man diese neuen „post-tayloristischen Arbeitstugenden“ an
einer von Claus Offe vorgenommenen Charakterisierung von „Pro-
duktionsarbeit“ und „Dienstleistungsarbeit“, bedeutet dies nichts an-
deres, als daß damit auch die Arbeit in den Produktionsbereichen der
Wirtschaft tendenziell „Dienstleistungscharakter“ annimmt.11 Dienst-

10 Vgl. Klopfleisch, a.a.O., S. 157.


11 Ohne auf die Argumentationen Offes bezüglich der generellen Problematik des
Definierens von „Dienstleistung“ und „Dienstleistungstätigkeit“ Rücksicht zu
nehmen, wird hier nur auf seine Argumentation Bezug genommen, daß die „im-
manente Rationalität von Dienstleistungen“ ganz bestimmte Rahmenbedingun-
gen für ihr Erbringen erforderlich macht. Er führt diesbezüglich aus: Während
„Postmodernisierung“ der Arbeitswelt 107

leistungsarbeit muß – im Gegensatz zur klassischen Produktionsar-


beit, die vornehmlich eine technisch und zeitökonomisch normierte
Tätigkeit darstellt, bei der die notwendigen Arbeitsabläufe definiert
und dementsprechend „durch Dritte“ gelenkt und überwacht werden
können – über „reflexive Rationalität“ der Arbeitsdurchführenden
selbst gesteuert werden. Die eigentümlichen, komplexen Denkstruktu-
ren des Menschen bei der Befassung mit einem „besonderen“, eben
nicht vollkommen in ein Normschema integrierbaren „Fall“ lassen
sich nicht in ein Ziel-Mittel-Schema pressen und schon gar nicht zeit-
und bewegungsökonomisch optimieren. Somit zeichnen sich aber –
dadurch, daß formalisierte und formalisierbare Arbeitsabläufe heute
zunehmend durch Maschinen übernommen werden, es zu einer suk-
zessiven Verdrängung des Menschen aus der eigentlichen Produktion
kommt und für menschliche Arbeitskräfte nur mehr die vorbereiten-
den, beratenden und (maschinen-)überwachenden Funktionen erhalten
bleiben – die für die „Arbeitskraft Mensch“ verbleibenden Tätigkeiten
durch ihren spezifischen „Dienstleistungscharakter“ aus. Die für die
neuen Marktbedingungen und den verschärften Konkurrenzkampf des
Post-Fordismus notwendige betriebliche Leistungsoptimierung muß
mehr durch innere Antriebskräfte der Mitarbeiter und weniger durch

„kontraktionelle Erwerbsarbeit umso rationeller organisiert [werden kann], je


eindeutiger ihre Resultate festgelegt sind, je weniger Variationsspielräume bei
der Verwendung der sachlichen Betriebsmittel und der Arbeitszeit bestehen, je
größer die Kontrollierbarkeit des Arbeitshandelns ist und je geringer die Disposi-
tionsspielräume sind, innerhalb deren sich die konfligierenden Motive der Arbei-
tenden zur Geltung bringen können, […] liegen die Dinge [für das Erbringen]
von Dienstleistungen ganz anders. Hier wird das gedachte Ergebnis des Hand-
lungsablaufs umso besser erreicht, je weniger schematisch Ziele und Mittel vor-
geschrieben sind, je größer Dispositions- und Interpretationsspielräume offen-
gehalten werden, je weniger die Eigenmotivation des Dienstleistenden unter äu-
ßere Kontrolle gestellt wird und je größer daher die Möglichkeit ist, auf die Be-
sonderheiten eines prinzipiell nicht völlig (d.h. dann nur mit widersinnigen Fol-
gen) standardisierbaren Umweltausschnittes ad hoc einzugehen.“ Offe, C.: »Ar-
beitsgesellschaft«: Strukturprobleme und Zukunftsperspektiven. Frankfurt
a.M./New York 1984, S. 296/297.
108 Die Arbeit hoch?

den Druck „von oben“ erreicht werden. Im Gegensatz zur industrie-


wirtschftlichen Arbeitsorganisation, die zur Bemächtigung der Ar-
beitskraft nicht unbedingt die Loyalität ihrer Eigentümer braucht,
benötigt die dienstleistungsförmige Arbeitsorganisation den „ganzen
Menschen“. Notwendig werden Arbeitskräfte, die sich – im Gegen-
satz zu den Galeerensklaven unseliger Vergangenheit – die Fesseln
selbst anlegen.
Die derzeit beginnenden Umwälzungen der Arbeitsgesellschaft,
die ja auch häufig unter dem Titel „Übergang zur Dienstleistungsge-
sellschaft“ zusammengefaßt werden, implizieren also wesentlich mehr
als ein bloßes Anwachsen des Dienstleistungssektors der Wirtschaft,
und es läßt sich die Entwicklung auch nicht ausreichend mit einer
generellen Ausweitung der Dienstleistungstätigkeiten – auch im
Rahmen der anderen Wirtschaftssektoren – charakterisieren. Denn
über das quantitativ feststellbare Anwachsen des Dienstleistungssek-
tors hinaus läßt sich – wie ansatzweise skizziert – derzeit eine viel
weitergehende Entwicklung beobachten, die sich als ein grundsätzli-
cher Paradigmenwechsel in der Organisation der Produktionsarbeit
und der Beziehung der betroffenen Menschen zu ihrer Arbeit begrei-
fen läßt. Zum einen ist dies an der beschriebenen Tendenz feststellbar,
daß auch Produktionsarbeit Charakteristika annimmt, die bisher nur
bei Dienstleistungstätigkeiten zu finden waren. Zum anderen – und
darüber wird meines Erachtens viel zu wenig systematisch reflektiert
– sind, in Verbindung damit, heute auch Ansätze subtiler, aber tief-
greifender Veränderungen von Arbeit und Beruf, der Arbeitsmarkt-
strukturen sowie der Lebensverhältnisse der abhängig Beschäftigten
im Sinne eines zunehmenden Durchdringens dieser Bereiche mit der
immanenten Logik der Dienstleistungsrationalität beobachtbar.
Zwar beginnen sich die neuen post-tayloristischen Arbeitsanforde-
rungen vorerst unmittelbar nur für kleinere Gruppen von Arbeitneh-
mern – primär in den besonders stark der internationalen Konkurrenz
ausgesetzten Kernsektoren der Industrie, wie in der Autoindustrie, der
„Postmodernisierung“ der Arbeitswelt 109

Maschinen- oder der Elektronikindustrie, wo auch der Einsatz der


neuen Technologien schon besonders weit fortgeschritten ist – auszu-
wirken. Dort kommt es heute, relativ deutlich erkennbar, teilweise zu
einer „Reprofessionalisierung der Industriearbeit“, in dem Sinn, daß
die (verbliebenen) Arbeitsplätze nun ein erweitertes und anspruchs-
volleres Aufgabenspektrum umfassen und die Arbeiter beispielsweise
statt der bloßen Maschinensteuerung auch Instandhaltungsaufgaben
oder selbständige Programmieroperationen durchzuführen haben. 12
Zudem wird in diesen Industriebereichen verschiedentlich versucht,
die Motivationsdefizite der Massenproduktion durch Konzepte teilau-
tonomer Gruppenarbeit – wie zum Beispiel im Rahmen der weiter
hinten beschriebenen „lean-production“-Organisationsmodelle –
abzubauen. Insgesamt ist jedoch nicht mit einem abrupten Ende des
Taylorismus und einer entsprechenden generellen Veränderung der
Arbeitsanforderungen zu rechnen; im gesellschaftlichen Durchschnitt
ist (zumindest für die nächste Zeit) eher eine Mischung von tayloristi-
schen und nicht-tayloristischen Arbeitsformen zu erwarten.
Allerdings darf nicht vergessen werden, daß sich ja auch der Tay-
lorismus in keiner Phase seiner Entwicklung wirklich vollständig
durchgesetzt hat. Dennoch haben seine arbeitsorganisatorischen Prin-

12 Nachgewiesen wurde ein diesbezüglicher Trend schon Anfang der achtziger


Jahre durch Horst Kern und Michael Schumann in ihrer prospektiven Studie
„Das Ende der Arbeitsteilung“. Nach einer Untersuchung der vorherrschenden
Rationalisierungsformen in der Automobilindustrie, dem Werkzeugmaschinen-
bau und der chemischen Großindustrie kamen sie damals zu dem Schluß, daß die
Nutzung der fachlichen Kompetenzen der Arbeitnehmer angesichts der fortge-
schrittenen Produktionstechniken effizienter ist als die tayloristische Zerstücke-
lung der Arbeit in Einzelverrichtungen. Daraus leiteten sie ab, daß zunehmed
Arbeiter mit beruflichen Qualifikationen notwendig werden, durch die garantiert
ist, daß angesichts der teuren Anlagen und der vom Markt erwarteten Produkt-
flexibilität möglichst wenig Unterbrechungen im Produktionsablauf entstehen.
Dies ist nur dann möglich, wenn die Arbeiter über ein umfassendes Produkti-
onswissen und über ein Mehr an Verantwortung verfügen. Kern, H./Schumann,
M.: Das Ende der Arbeitsteilung. Rationalisierung in der industriellen Produkti-
on. München 19852.
110 Die Arbeit hoch?

zipien äußerst tiefgreifend und umfassend die Bedingungen in der


Arbeitswelt insgesamt geprägt. In einem ähnlichen Sinn kann heute
davon gesprochen werden, daß das heraufdämmernde Ende des Tay-
lorismus bereits überdeutliche Schatten seiner Auswirkungen voraus-
wirft, die sich mit den zwei Aspekten, „Tendenz zur
„(Re-)Qualifizierung“ und „massiv steigende Arbeitsmarktrisiken“
umschreiben lassen.13 Die derzeitige Auflockerung tayloristischer
Produktionskonzepte ist einerseits – wie im nächsten Kapitel darge-
stellt – verbunden mit völlig neuen Qualifikations- und Partizipations-
angeboten des Managements an die Kernbelegschaften und den dem-
entsprechenden Tendenzen zu einer „Selbstkontrolle“ der Arbeitskräf-
te; andererseits wird damit aber auch eine Ausweitung der in der Ge-
sellschaft ohnehin angelegten Spaltungen – und dabei nicht nur der
zwischen Beschäftigten und Erwerbslosen – provoziert. Am heutigen
„Übergang von der tayloristischen Modernisierung zur postmodernen
Arbeitsorganisation“ werden die Arbeitsbedingungen deutlich unein-
heitlicher, und es kommt insgesamt zu einer wachsenden Polarisie-
rung der Gesellschaftsmitglieder in Hinblick auf die jeweiligen – po-
sitiven oder negativen – Auswirkungen der neuen Produktionskonzep-
te.
Der Bedarf an Arbeitskräften in der Industrie sinkt im Zusammen-
hang mit den post-tayloristischen Rationalisierungskonzepten sehr
rasch.14 Besonders Arbeitskräfte mit niedrigen oder nicht mehr ge-

13 Mit tragischer Deutlichkeit zeigt sich dieses Doppelgesicht des Post-Taylorismus


derzeit in der europäischen Autoindustrie. In diesem Wirtschaftzweig, der be-
sonders stark dem internationalen Konkurrenzkampf ausgeliefert ist und seit An-
fang der neunziger Jahre mit massiven Absatzrückgängen konfrontiert ist, wird
derzeit versucht, einerseits durch tiefgreifende Umorganisationen in Richtung
„Lean production“, die Produktivkraft „Humankapital“ zu aktivieren und ande-
rerseits werden seit 1991 radikal Arbeitsplätze abgebaut, sodaß bis Mitte des
Jahrzehnts voraussichtlich nur mehr ungefähr zwei Drittel des ursprünglich Per-
sonals beschäftigt sein wird. Vgl. „Kurier“ 13. August 1993, S. 21.
14 Insgesamt ist der Anteil der in der Industrie beschäftigten Erwerbstätigen im
westlichen Europa seit 20 Jahren um mehr als 20 Prozent gesunken, und ein wei-
„Postmodernisierung“ der Arbeitswelt 111

fragten Qualifikationen sind damit massiv von Teilzeitarbeit, Arbeits-


losigkeit und Ausgrenzung bedroht. Die Möglichkeiten, durch Umler-
nen und Nachqualifizierung eine neue Beschäftigung, eventuell in
einem anderen Wirtschaftsbereich zu finden, und damit den bisheri-
gen Lebensstandard aufrechtzuerhalten, sind bei weitem nicht so
großartig, wie das manchmal dargestellt wird. Nicht nur der für seine
radikalen Analysen der gegenwärtigen Entwicklungen auf den Ar-
beitsmärkten der Industriestaaten bekannte André Gorz zeigt immer
wieder auf, daß der größte Teil der im Zuge der heutigen „Struktur-
veränderungen“ neu entstehenden Beschäftigungsmöglichkeiten im
Niedriglohnbereich angesiedelt ist.15 Ganz im Sinne seiner Analysen
und Prognosen wird auch in einer Studie zur Beschäftigungsentwick-
lung in den USA darauf hingewiesen, daß die voraussichtlich bis zum
Jahr 2005 entstehenden neuen Arbeitsmöglichkeiten sich überwiegend
auf unqualifiziertem Niveau und dementsprechend schlechter Bezah-
lung bewegen werden. Damit wird nur ein Trend fortgeschrieben, der
sich schon über die letzten zwanzig Jahre nachweisen läßt: Obwohl in
diesem Zeitraum in den USA etwa dreißig Millionen neuer Jobs ge-
schaffen wurden, haben sich die durchschnittlichen Familieneinkom-
men kaum erhöht, weil viele der neuen Beschäftigungsmöglichkeiten
im Niedrigstlohnbereich angesiedelt sind.16 Insbesondere im Dienst-

teres Abnehmen von 20 bis 30 Prozent wird für die nächsten zehn Jahre prognos-
tiziert. In Österreich fand zum Beispiel noch 1970 jeder zweite Beschäftigte sei-
ne Arbeit in einem Industriebetrieb, 1993 ist es nur mehr jeder dritte. Und diese
Entwicklung setzt sich – wie in allen Industriestaaten – noch weiter fort. „Wirt-
schaftswoche“ 31/29. Juli 1993, S. 14.
15 Vgl. insbesonders Gorz, A.: Und jetzt wohin? Berlin 1991.
16 Auch eine Untersuchung der Wirtschaftsprofessoren Barry Bluestone und Ben-
nett Harrison brachte ein ähnliches Ergebnis: Fast die Hälfte – 44 Prozent – der
zwischen 1979 bis 1985 in den Vereinigten Staaten neu entstandenen Arbeits-
plätzen erbrachten eine Entlohnung an der Armutsgrenze. Damit hat sich die
Quote der neu entstandenen Niedriglohnarbeitsplätze gegenüber den sechziger
und siebziger Jahren mehr als verdoppelt. Zit. nach: Kami, M.J.: Zehn Prozent
besser als die Konkurrenz. Worauf es heute ankommt, Schlüsselstrategien für
den Wettbewerb. Frankfurt a.M./New York 1990, S. 23.
112 Die Arbeit hoch?

leistungssektor, von dem ja vielfach angenommen wird, daß dort die


Arbeitsplätze heranwachsen, die im Produktionssektor verlorengehen,
entstehen wesentlich mehr schlecht bezahlte Tätigkeiten – wie zum
Beispiel Fahrradbote, Pizzaausträger oder Hundeausführer – als hoch-
dotierte Jobs – wie solche eines Investmentberaters oder Computer-
programmierers.17
Ganz unabhängig von diesbezüglichen empirischen Untersuchun-
gen18 steckt ja genaugenommen schon im Argument, daß es gegen-
wärtig zu einer „Tertiarisierung der Ökonomie“ kommt und damit in
Zukunft eine wachsende Anzahl von Menschen im Dienstleistungs-
sektor tätig sein wird, eine Bestätigung der Tendenz zur fortschreiten-
den Spaltung der Gesellschaft in gutverdienende Vollbeschäftigte auf
der einen Seite, die es sich leisten können, die Marginalisierten „der
anderen Seite“ zu ihren persönlichen Diensten heranzuziehen, weil sie
selbst in der dazu notwendigen Zeit mehr verdienen können, als sie
dafür zahlen müssen. Denn berücksichtigt man jene relativ vielen
Dienstleistungen, die bisher von den Industriebetrieben selbst erbracht
wurden – vom Transport über Lohnverrechnung bis zu Forschung und
Entwicklung –, aber jetzt aus Kostengründen häufig in eigene Unter-
nehmungen ausgelagert werden und somit zwar die Statistik der
Dienstleistungstätigkeiten entsprechend aufbessern, aber real keinen
Arbeitsplatzzuwachs bedeuten 19, beruht die tatsächlich stattfindende

17 Nach „Newsweek“ vom 14. Juni 1993, S. 14.


18 Vgl. dazu beispielsweise: Blossfeld H.-P./Mayer K.U.: Berufsstruktureller Wan-
del und soziale Ungleichheit. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozial-
psychologie, 43 (1991), 4, S. 671-696.
19 Diese „statistische Verwandlung“ ehemaliger dem Industriesektor zugerechneter
Arbeitsplätze in Tätigkeiten des Dienstleistungssektors macht es insgesamt sehr
schwer zu überprüfen, wieweit das Argument von der zunehmenden „Tertiarisie-
rung der Wirtschaft“ überhaupt stimmt. Während die echten Produktionsabtei-
lungen in der Industrie ständig schrumpfen, gewinnen zum Beispiel Marketing,
Service, Forschung oder Weiterbildung immer mehr an Gewicht, scheinen aber
erst wenn sie in eigene (Sub-)Unternehmen ausgelagert werden – was derzeit aus
„Postmodernisierung“ der Arbeitswelt 113

diesbezügliche Ausweitung des Beschäftigungsangebots sehr stark auf


neu entstehenden Arbeitsplätzen in den Bereichen der „persönlichen
Dienstleistungen“. Diese Tätigkeiten gehören aber, entsprechend einer
von André Gorz unter Berufung auf Adam Smith dargestellten und
recht leicht nachvollziehbaren Logik20, nicht zufällig faktisch durch-
wegs dem Niedriglohnbereich an.
Gorz führt aus, daß das Wirtschaftswachstum in der Vergangenheit
überwiegend auf der sogenannten „produktiven Substitution“ beruhte.
Da Industrie und Dienstleistungsunternehmungen eine zunehmende
Anzahl von Aufgaben, die vorher in der häuslichen Sphäre besorgt
worden waren – wie beispielsweise Spinnen, Weben, Brot backen –,
auf Grund von leistungsfähigen Maschinen, einem entsprechenden
Energieeinsatz und rationalisierten Arbeitsverfahren mit weniger Ar-
beitszeit und häufig auch qualitativ besser erledigen konnten, waren
diese Aufgaben zunehmend an sie übergegangen. Die Folge dieser
Entwicklung war, daß die Menschen der industrialisierten Welt heute
gemeinhin in einer Arbeitsstunde wesentlich mehr verdienen, als die
Waren und Dienstleistungen kosten, die sie durch Eigenarbeit in die-
ser Stunde selbst herstellen könnten. Das Abgehen von der Selbstver-
sorgung und die Industrialisierung hat auf der gesamtgesellschaftli-
chen Skala somit Arbeitszeit erspart, wodurch Mußezeiten oder das
Produzieren zusätzlicher Reichtümer möglich wurden.
Ganz anders verhält sich die Sache im Bereich der persönlichen
Dienstleistungen. Die Arbeitenden tun hier ja nichts, was jene Perso-
nen, die die Dienstleistung in Anspruch nehmen, nicht – in durch-
schnittlich derselben Zeit und der gleichen Qualität – genausogut
selber tun könnten. Es handelt sich hier um eine „äquivalente Substi-
tution“, die nur von jenen Menschen in Anspruch genommen werden

Kostengründen eben recht häufig passiert – im „Dienstleistungssektor der Wirt-


schaft“ auf. Vgl. „Wochenpresse“ 31/29. Juli 1993.
20 Die folgende Argumentation folgt im wesentlichen der Darstellung von André
Gorz 1991, a.a. O., S. 72-76.
114 Die Arbeit hoch?

kann, die um so viel mehr verdienen, als sie zu ihrer gesellschaftsadä-


quaten Bedürfnisbefriedigung brauchen, daß sie sich von lästiger,
langweiliger und unbeliebter Arbeit freikaufen können. Das heißt
aber, daß die Summe derjenigen Menschen, die auf Grund des sin-
kenden Arbeitskräftebedarfs in der Industrie keine Beschäftigung
mehr finden und gezwungen sind, persönliche Dienstleistungen zu
verrichten, immer nur gerade soviel verdienen kann, als die Gruppe
derer zu „entbehren“ bereit ist, die trotz (oder dank) des Einsatzes der
neuen Technologien einen gut bezahlten, sicheren Arbeitsplatz hat.21
Stellt man nun die Tendenz in Rechnung, daß die Anzahl der Beschäf-
tigten in den produktiven Sektoren der Wirtschaft rückgängig ist und
die Arbeitsplätze im Bereich der persönlichen Dienstleistungen zu-
nehmen, ergibt sich aus dem Dargestellten in logischer Folge eine
immer größer werdende soziale Kluft zwischen diesen beiden Bevöl-
kerungsgruppen.
Die post-tayloristische Tendenz zur Dienstleistungsgesellschaft
impliziert somit eine fortschreitende gesellschaftliche Spaltung, die
mit dem traditionell-marxistischen Erklärungsmuster der „Klassenzu-
gehörigkeit“ nur unzureichend in den Griff zu bekommen ist. Im
Grunde genommen handelt es sich um eine Transformation des „Ko-
lonialmodells“ (Gorz) in die Industriegesellschaften. Die heutige Zu-
nahme der Arbeitsplätze im Bereich der persönlichen Dienstleistun-
gen stellt demgemäß keineswegs bloß eine wertfrei interpretierbare
Umschichtung der gesellschaftlich zur Verfügung stehenden Arbeits-

21 Dieser Mechanismus greift im übertragenen Sinn auch dann, wenn die angespro-
chenen persönlichen Dienste nicht auf einem „freien Markt“ gehandelt werden,
sondern – wie zum Beispiel verschiedene Tätigkeiten in der Altenbetreuung –
durch Länder, Gemeinden oder öffentliche Körperschaften organisiert werden.
Denn auch dann kann eine Bezahlung in der Höhe eines adäquaten Standards nur
erfolgen, wenn öffentlicher Konsens darüber herrscht, daß das über Steuern und
Abgaben erworbene öffentliche Budget entsprechend belastet werden soll. Heute
läßt sich jedoch eher der Trend beobachten, die Steuerbelastung der Gutverdie-
nenden – und damit den finanziellen Spielraum des Staates einschließlich aller
seinen Gliederungen – zu verringern.
„Postmodernisierung“ der Arbeitswelt 115

plätze dar, sondern muß als die unmittelbare Folge der Verarmung
eines größer werdenden Bevölkerungsanteils begriffen werden. Gorz
faßt die heutige Entwicklung folgendermaßen zusammen: „Die sozia-
le und ökonomische Ungleichheit zwischen denen, die persönliche
Dienste leisten, und denen, die sie kaufen, ist zur Triebkraft der Schaf-
fung von Arbeitsplätzen geworden. ![…] Die Schaffung von Arbeits-
plätzen hat nicht mehr die Funktion, auf der gesamtgesellschaftlichen
Skala Arbeitszeit zu sparen, sondern Arbeitszeit zu verschwenden;
[…] ihr Zweck ist es vielmehr, die Produktivität zu vermindern, um
die Verausgabung von Arbeit durch die Entwicklung eines Dienstleis-
tungssektors ohne soziale Nützlichkeit zu erhöhen.“22
Fasziniert von den gegenwärtigen Anzeichen eines Abgehens von
der tayloristischen Produktionsform verengt sich der Betrachtungsfo-
kus häufig auf das damit vorstellbar gewordene Ende der monotonen
und zerstückelten Industriearbeit sowie die Vision einer interessanten,
verantwortungsvollen und abwechslungsreichen Tätigkeit in der in-
dustriellen Produktion, wo statt auf reagierende Funktionen reduzierte
Arbeiter, nun selbständige und mündige Menschen gefordert sind, die
kommunikativ und lernfähig sind und eine Vielzahl manueller und
intellektueller Fähigkeiten beherrschen. Gerne wird in diesem Zu-
sammenhang die Perspektive von souveränen und autonomen Mitar-
beitern entwickelt, die sich ihre Tätigkeit im Team selbst organisieren
und – von „flachen Hierarchien“ kaum eingeengt – eigenverantwort-
lich die Optimierung der Produktion vorantreiben. Diese Entwick-
lung, die weiter vorne als der Einzug der „Dienstleistungslogik“ in
die industrielle Produktion charakterisiert wurde, stellt jedoch nur die
eine Hälfte jenes „Übergangs zur Dienstleistungsgesellschaft“ dar, an
dessen Schwelle sich die industrialisierten Länder heute befinden. Die
weitaus weniger glänzende zweite Hälfte dieser Perspektive besteht
darin, daß es – wenn den gegenwärtigen Trends nicht entgegengesteu-

22 Gorz 1991, a.a.O., S. 76; Hervorhebung E.R.


116 Die Arbeit hoch?

ert wird – zu einem zunehmenden Auseinanderdriften der sozialen


Bedingungen von Gewinnern und Verlierern des Konkurrenzkampfes
um attraktive Arbeitsplätze kommt.
Die kurzschlüssige Euphorie des postmodernen „anything goes“
mit ihren schillernden Schlagwörtern „Pluralisierung, Differenzierung
und Individualisierung“ verstellt heute weitgehend den Blick darauf,
daß die angebliche Mannigfaltigkeit der Möglichkeiten der post-
fordistischen Gesellschaft jedermann gnadenlos unter das Diktat tota-
ler Leistungsverausgabung und Konkurrenz zwingt. Die „Sportifizie-
rung der Gesellschaft“ fordert permanent, sich und die anderen zu
bezwingen, weil nur wer hart und konsequent genug ist, sich durchzu-
setzen, an den attraktiven neuen Arbeits- und Lebensstilangeboten
teilhaben kann. Das heute übliche einseitige Herausstreichen der
Möglichkeit, daß ja (angeblich) jeder – nicht zuletzt durch „Weiter-
bildung“, im Sinne einer laufenden Nachjustierung seines Qualifikati-
onsprofils – zu einem der Gewinner werden kann, und das damit ver-
bundene weitgehende Verdrängen der Tatsache, daß ein Konkurrenz-
system – auch dann, wenn sich alle maximal anstrengen und ihr Bes-
tes geben – immer auch Verlierer produziert, leistet gegenwärtig auch
einer rasch fortschreitenden Deregulierung in der Arbeitswelt Vor-
schub.
Wesentliche Ansprüche, die im Rahmen der „tayloristischen Mo-
dernisierung“ der Arbeit entwickelt und durchgesetzt worden waren,
wie Stabilität der Beschäftigung und ausreichende soziale Sicherung
für alle Arbeitenden, sind derzeit einer raschen Erosion ausgesetzt. In
diesem Sinn kann heute ein relativer Rückgang der traditionellen
Lohnarbeitsverhältnisse, die in Form eines „Verkaufs von Arbeitskraft
über eine bestimmte Zeit“ organisiert sind, einschließlich der damit
verbundenen, in der Regel kollektiv ausgehandelten sozialen Sicher-
heitsmechanismen und der weitgehend üblichen Zeitentlohnung, beo-
bachtet werden. Statt dessen steigt der Anteil solcher Arbeitsleistun-
gen tendenziell an, die unter den Bedingungen von Liefer- oder
„Postmodernisierung“ der Arbeitswelt 117

Werkverträgen erbracht werden. Arbeitnehmer werden dadurch zu


formell selbständigen, quasi freien Subunternehmern, die keinen Zeit-
lohn, sondern ein „Entgelt für eine Leistung unter Bedingungen der
Ungewißheit“23 erhalten. Damit wird auch das Modell der durch ei-
nen Arbeitsvertrag abgesicherten, kontinuierlichen und relativ gleich-
bleibenden Bezahlung nach und nach durchlöchert und beginnt sein
bisheriges Selbstverständnis einzubüßen – es kommt zu einer „Flexi-
bilisierung“ der Arbeitsverhältnisse und der Entlohnungsformen.
Aber auch im Rahmen (derzeit noch) traditionell organisierter
Lohnarbeit zeigt sich der Trend zur „Risikogesellschaft“ (Ullrich
Beck) im immer häufigeren Unterlaufen des sogenannten „Normalar-
beitsverhältnisses“. Insbesondere die Zahl der „Teilzeitbeschäftigten
wider Willen“, die ja durchaus auch als „Teilzeitarbeitslose“24 be-
zeichnet werden können, ist seit den siebziger Jahren permanent im
Steigen begriffen.25 Im Zunehmen begriffen sind in allen Industrie-

23 Herbert Giersch, Direktor des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, in „Wirt-


schaftswoche“ 10/1985, S. 38.
24 Die Tatsache, daß die Anzahl der Vollzeitbeschäftigungen relativ abnimmt und
die Teilzeitbeschäftigungen ansteigen, hängt ja damit zusammen, daß in den letz-
ten Jahren die Produktivität stärker gestiegen ist, als eine Ausweitung des Kon-
sums möglich war. Um in dieser Situation die verbleibende Arbeit zu „strecken“,
besteht zum einen die Möglichkeit, die Arbeitszeit allgemein zu reduzieren. Die
Alternative zu dieser Entwicklung ist, daß – wie es derzeit geschieht – zuneh-
mend mehr Menschen in die „Vollzeit-“ oder „Teilzeitarbeitslosigkeit“ abge-
drängt werden.
25 Die OECD weist in ihrer jüngsten „Perspektive der Beschäftigung“ darauf hin,
daß neben der statistisch sichtbaren Arbeitslosigkeit in den Mitgliedsländern
auch die „versteckte Arbeitslosigkeit“ in Form von unfreiwilliger Teilzeitarbeit
derzeit rasch zunimmt. So leisten im Jahre 1992 schon 13 Millionen Menschen
zeitlich befristete Arbeit, obschon sie lieber einen Vollzeitarbeitsplatz hätten.
„ÖGB-Nachrichtendienst“ 2703/29. Juli 1993. Auch in Österreich läßt sich in
den letzten Jahren ein sprunghaftes Ansteigen der Teilzeitarbeitsplätze und der
sogenannten geringfügig Beschäftigten verzeichnen. In den vergangenen zehn
Jahren ist die Zahl der Teilzeitbeschäftigten hierzulande um etwa 100.000 auf
500.000 angestiegen, wobei sich diese Zunahme seit Ende der achtziger Jahre
noch beschleunigt. Dabei konzentriert sich Teilzeitarbeit ganz besonders in den
Wirtschaftsklassen am unteren Ende der Verdiensthierarchie. Insbesondere die
118 Die Arbeit hoch?

staaten auch zeitlich befristete Arbeitsverträge, Gelegenheitsarbeiten


und atypische Beschäftigungsverhältnisse wie legale und illegale
Leiharbeit.26 Diese Arbeitsformen bedeuten für die Betroffenen
durchwegs vermehrte Risiken, wie geringeres Einkommen, einen
schlechteren oder gar keinen Pensions- und Krankenversicherungs-
schutz sowie eine verringerte Absicherung im Falle von Arbeitslosig-
keit. Eine weitere Aushöhlung sozialer und arbeitsrechtlicher Stan-
dards impliziert die heute weitverbreitete illegale Beschäftigung von
Arbeitskräften.
Die damit verbundene Heterogenisierung der Lebensbedingungen
von Arbeitnehmern zerstört die letzten Reste einer traditionellen „So-
lidargemeinschaft“ der vom „Verkauf ihrer Arbeitskraft“ Lebenden.
Bei den tayloristischen Massenarbeitern konnte sich zumindest ein
diffuses Bewußtsein gleicher Interessenslage von „Lohnabhängigen“,
verbunden mit dem Wissen um die Bedeutung kollektiver Formen der
Interessenswahrnehmung und einer ideologisch legitimierten Abgren-
zung gegenüber der Interessensgruppe der Arbeitgeber, herausbilden.
Unter den heutigen Bedingungen hingegen erscheint die gesellschaft-
liche Bruchlinie Arbeitgeber-Arbeitnehmer im Bewußtsein der meis-
ten Gesellschaftsmitglieder schlichtweg unwichtig. Traditionellen
Formen kollektiver Interessenswahrnehmung wird dementsprechend
zunehmend weniger Bedeutung zuerkannt, und statt dessen etabliert
sich ein partikularer Korporatismus einander befehdender und von-
einander abgrenzender Statusgruppen. Ganz im Sinne der Renaissance

weiblichen Teilzeitbeschäftigungen konzentrieren sich in einfachen Büro- und


Verwaltungshilfsberufen, im Verkauf und im Handel, im Bereich der Gebäude-
reinigung sowie in Gesundheitsberufen. Drei Viertel der teilzeitbeschäftigten
Frauen haben nur Pflichtschulabschluß mit oder ohne Lehrausbildung, mehr als
die Hälfte sind Arbeitnehmerinnen mit Hilfs- oder angelernten Tätigkeiten. – Es
kann angenommen werden, daß nicht alle solcherart Beschäftigten freiwillig kei-
nen Vollzeitarbeitsplatz einnehmen. „Der Standard“, 27. 9. 1993, und 20. 12.
1993, sowie Klaus Firley, Arbeits- und Sozialrechtler an der Universität Salz-
burg, in der ORF-Sendung „Arbeit ohne soziales Netz“, am 16. 10. 1992.
26 Vgl.: Gorz 1991, a.a.O., S. 71.
„Postmodernisierung“ der Arbeitswelt 119

der Behauptung, daß dem Tüchtigen die Welt gehöre und jeder seines
Glückes Schmied sei, verliert die in der traditionellen Wertehierarchie
der Arbeiterbewegung äußerst hoch besetzte „Solidarität“ heute rasch
an Wert 27, was sich nicht zuletzt an der minimalen Beachtung zeigt,
die – sogar von potentiell stark Betroffenen – den steigenden Arbeits-
losenraten oder der Tendenz eines immer deutlicher gespaltenen Ar-
beitsmarktes entgegengebracht wird.

27 Deutliche diesbezügliche empirische Hinweise finden sich in dem 1991 veröf-


fentlichten Österreichteil der Europäischen Wertestudie „Religion im Leben der
Österreicher 1970-1990“, wo eine deutliche Entwicklung in Richtung „postsoli-
darischer Gesellschaft“ konstatiert wird.
4. UNTERNEHMENSKULTUR, LEAN PRODUCTION,
GANZHEITLICHKEIT, FLEXIBILISIERUNG, …
– DIE UNTERNEHMENSSTRATEGIEN DES
POST-TAYLORISMUS.

Die Aufgabe heißt: Tag für Tag mobilisieren – die Män-


ner und die Frauen im Unternehmen, ihre Intelligenz, ih-
ren Einfallsreichtum, ihr Herz und ihren kritischen
Verstand, ihre Freude am Spiel, am Träumen, an Quali-
tät, ihre schöpferischen Fähigkeiten, ihre Kommunikati-
onsfreudigkeit, ihre Beobachtungsgabe, in einem Wort:
ihre reiche Vielfalt […] Der industrielle Konkurrenz-
kampf wird immer unerbittlicher, und nur diese Mobili-
sierung wird es erlauben, sich siegreich zu behaupten.

H. Servieyx/G. Archier, Unternehmen der dritten Art1

Wie schon angedeutet wird heute – im Zusammenhang mit den im


vorigen Kapitel beschriebenen neuen post-tayloristischen Arbeitsan-
forderungen, die in den stark der internationalen Konkurrenz ausge-
setzten Kernsektoren der Wirtschaft derzeit rasch an Bedeutung ge-
winnen – zunehmend das klassische hierarchisch-autoritäre Führungs-
schema, das auf der zentralen Steuerung betrieblicher Abläufe und der
Motivation der Arbeitenden primär durch finanzielle Anreize beruht,
in Frage gestellt. Die wachsende Komplexität der Probleme in der
hochautomatisierten Produktion, die zunehmende Vernetzung der
verschiedenen Produktionsbereiche sowie die Notwendigkeit, im Sin-

1 Zit. nach Hahn, G.: Spurensicherung. Über die Notwendigkeit gewerkschaftli-


cher Theoriebildung, Wien 1990, S. 151.
120 Die Arbeit hoch?

ne einer ökonomischen Nutzung der extrem kostenintensiven Techno-


logien, rascher auf Schwierigkeiten, Ausfälle und Probleme zu reagie-
ren, legt immer mehr eine Arbeitsteilung auch auf der Ebene der be-
trieblichen Entscheidungen nahe. Im Hinblick auf einen effektiven
Produktionsablauf wird es immer wichtiger, daß bei Problemen nicht
erst ein umständlicher innerbetrieblicher „Instanzenzug“ durchlaufen
wird, sondern daß notwendige Entscheidungen rasch vor Ort gefällt
werden.
Auch für die heutige Situation auf den Absatzmärkten stellt die
Möglichkeit der Unternehmen, rasch und flexibel im Sinne der
Marktveränderungen agieren und reagieren zu können, einen wesent-
lichen Erfolgsfaktor dar. Die zeitraubenden Abstimmungs- und Um-
stellungsprozesse im Rahmen hierarchischer und stark arbeitsteiliger,
formalistischer Organisationsstrukturen werden in diesem Zusam-
menhang zunehmend als kontraproduktiv identifiziert und aus diesem
Grund neuerdings häufig sogenannte „Selbstorganisationsstrukturen“
als Lösung idealisiert.2 Zugleich lassen sich aufgrund der schon wei-
ter vorne beschriebenen Tendenz, daß den menschlichen Arbeitskräf-
ten unter den neuen Produktionsbedingungen zunehmend nur die
nicht-standardisierbaren Tätigkeitsbereiche vorbehalten bleiben, die
Leistungen der Arbeitenden in den betroffenen Bereichen sowieso
wesentlich weniger als früher über Kontrolle und Vorgabezeiten in
enggegliederten Arbeitsvollzügen steuern. Diese Erkenntnisse moti-
vieren Unternehmer und Kapitaleigentümer heute zunehmend dazu,
auf extrafunktionale Elemente freiwilliger Kooperation bei den Be-
schäftigten und auf Anreize zur „Selbstregulierung“ der Arbeitsgrup-
pen – wie zum Beispiel auf ergebnisbezogene, arbeitszeitunabhängige
Entlohnungsformen – zu setzen. Darin ist die wesentliche Ursache für

2 Vgl. Bechtler, Th. W.: Selbstorganisation als Unternehmensvision – Der Markt


als Mittel innerbetrieblicher Organisation. In: Königswieser/Lutz (Hg.): Das sys-
temisch evolutionäre Management: Der neue Horizont für Unternehmer. Wien
19922, S. 10-17.
Die Unternehmensstrategien des Post-Taylorismus 121

die derzeitige Konjunktur neuer Personalführungskonzepte zu suchen,


– Konzepte, die von Unternehmensberatern und auch von Organisati-
onssoziologen gerne mit hochgreifenden Schlagworten wie „Unter-
nehmenskultur“ oder „konsensuelles Management“ belegt werden.
Der verschärfte Konkurrenzkampf des Post-Fordismus fordert heu-
te außerdem neue Formen der unternehmerischen Imagepflege. Weder
nach außen noch nach innen können große internationale Unterneh-
men zunehmend auf Public Relations verzichten. Nach außen ist, da
die Produkte verschiedener Firmen in Preis, Qualität und Gestalt oft
kaum mehr unterscheidbar sind, verstärkt ein „Corporate Design“
gefordert, das Einzigartigkeit suggeriert und Seriosität und Vertrauen
vermittelt.3 Auch noch so aufwendig gestaltete Firmenlogos reichen
dafür heute kaum mehr aus, zunehmend läuft die Imagepflege über
ein mit Firmennamen und -produkten geschickt verknüpftes „Werte-
system“ – Sportsponsoring,4 Kunstausstellungen oder Kinderspiel-
plätze sind dafür genauso geeignet, wie werbewirksam präsentierte
vorgebliche Aktionen für den Umweltschutz.5 Aber das Unterneh-
mensimage soll auch „nach innen“ wirksam werden, auch die Be-
triebsangehörigen müssen vom „sichtbar gelebten Wertesystem“6,

3 Vgl. dazu beispielsweise: Karmasin, H.: Produkte als Botschaften: Was macht
Produkte einzigartig und unverwechselbar? Wien 1993.
4 In der Opel-Konzernzeitung „Top-Business“ (Report IV/Oktober 1992) heißt es
dazu: „… und wenn der Fremdwörter-Duden das englische Wort »Sponsor« mit
»Gönner, Förderer, Geldgeber« übersetzt, so hat er nur rein sprachlich recht. In
Wirklichkeit bekommt der Sponsor etwas zurück, profitiert vom Imagetransfer,
bei dem positive Attribute des Sports wie Dynamik und Jugendlichkeit auf Un-
ternehmen und Produkte übergehen sollen.“
5 So sorgt sich McDonalds neuerdings in Anzeigenserien um den tropischen Re-
genwald, die Firma Citroen hilft den Österreichern beim „Freikaufen“ des Hain-
burger Auwaldes, und Mercedes-Benz mahnt neben einem Weltraumfoto der
Erdkugel – in ganzseitigen Hochglanzanzeigen auf schwer giftigem Tiefdruck (!)
– zu ökologischer Vernunft: „Für diesen Stern gibt es kein Ersatzteil“.
6 Vgl. insbesonders Peters, Th. J./Waterman, R. H.: Auf der Suche nach Spitzen-
leistungen. Was man von den bestgeführten US-Unternehmen lernen kann.
Landsberg am Lech 1982, S. 321-334.
122 Die Arbeit hoch?

vom „Unternehmensprofil“, oder, wie es derzeit gerne auch heißt, von


der „Philosophie“ der Firma restlos durchdrungen sein 7. Als „Corpo-
rate Identity“ soll das Firmenimage bei der Belegschaft die Arbeits-
motivation verstärken, Engagement und Leistungsreserven freisetzen
und eine produktivitätsfördernde Identifikation der, im Management-
jargon neuerdings zu „Mitarbeitern“ mutierten, ehemaligen „Unterge-
benen“ mit dem Unternehmen bewirken 8.
Die betriebliche Sozialatmosphäre, die Kommunikationskultur und
das Betriebsklima rücken heute, aufgrund der verstärkten Bedeutung
der Motivierung und produktionsorientierten Selbstdisziplinierung –
zumindest der Facharbeiter-Stammbelegschaften – zunehmend in den
Fokus der Unternehmensgestaltung. Neue Formen von Gruppen- und
Teamarbeit werden allenthalben installiert, „ideelle Sozialleistungen“,
wie künstlerisch gestaltete Arbeits- und Pausenräume, die betriebsin-

7 Unter dem Titel „Unternehmenskultur als Erfolgsfaktor“ schreibt eine erfolgrei-


che Unternehmensberaterin diesbezüglich: „Die »Äußerlichkeiten« des corporate
designs werden in ihrer Bedeutung für das Unternehmensprofil leicht unter-
schätzt. Zu ihnen gehört das Erscheinungsbild der Bauten, die Gestaltung von
Büros und Dokumenten ebenso wie die Wiedererkennungs-Signale, die das Un-
ternehmen in der Werbung aussendet. Slogans und Redestil, Rituale und Zere-
moniell bilden zusammen mit Mythen, Anekdoten und Legenden die äußere Hül-
le der »Kultur«, die alle Mitglieder des Unternehmens trägt und zu Mitwirkenden
macht.“ Höhler, G. in: Königswieser/Lutz, a.a.O., S. 341.
8 Ganz im Sinne des weiter vorne schon angesprochenen „Zur Ware Werdens der
Bildung“ wird neuerdings „Corporate Identity“ auch als Rezept für die Rekrutie-
rungsprobleme im Schul- und Weiterbildungsbereich kolportiert. Im Kampf um
„Bildungs-Marktanteile“ wird heute empfohlen – beziehungsweise bleibt Schu-
len und den Einrichtungen der Erwachsenenbildung, wenn sie der Schrumpfung
oder Schließung entgehen wollen, gar nichts anderes übrig –, sich der Marketing-
Strategien und Unternehmenskulturkonzepte der Wirtschaft zu bedienen. Da sich
beim Verkauf von Gütern die Verpackung und die Präsentation als immer ent-
scheidender herausstellt, soll sich Entsprechendes auch im pädagogischen Be-
reich bewähren. Bildungs„messen“, „Tage der offenen Tür“ und T-Shirts mit
Schullogos waren diesbezüglich schon eine gute Vorübung, nun gilt es noch, das
Ganze in ein durchgestyltes „Corporate-Identity“-Konzept einzubinden, dann
wird die „Ware Bildung“ endlich genauso konsequent vermarktet wie alle ande-
ren Nebenprodukte der kapitalistischen Mehrwertproduktion.
Die Unternehmensstrategien des Post-Taylorismus 123

tere Anrede mit dem kollegialen „Du“ ohne Nennung irgendwelcher


Titel oder die Betriebskantine, in der der Generaldirektor „Tisch an
Tisch“ mit den Lehrlingen sitzt, sollen die Gleichwertigkeit aller Be-
teiligten des Betriebsgeschehens suggerieren9, und „Qualitätszirkel“,
„Projektteams“ oder „Innovationsrunden“ sollen schließlich den Be-
dürfnissen nach sozialen Kontakten, sowie nach Meinungs- und Er-
fahrungsaustausch abdecken. Als schon kaum mehr extra zu erwäh-
nende Maßnahmen zur Motivationsförderung gelten Beschwerde-
briefkästen, regelmäßig stattfindende gesellige Treffen oder T-Shirts
und Freizeitanzüge mit dem Firmenlogo. Ziel dieser unternehmens-
kulturellen „Mobilmachung“ ist eine „Orientierung der Mitarbeiter in
Zeit und Raum, [geprägt] vom Geist des Unternehmens“10, verbunden
mit dem Herausbilden eines betriebsinternen „Wir“-Gefühls zu dem
Zweck, die Arbeitenden dazu zu bringen, ihre Energie rückhaltlos für
das Unternehmen einsetzen.
Im Grunde genommen geht es bei den all den neuen Manage-
ment„techniken“ gar nicht um die „Motiviertheit“ der Arbeitenden
sondern um ihre „Motivierung“. Es geht – so wie bei fremdbestimm-
ter Arbeit immer – darum, sie zu „entfremden“, indem man sie dazu
bringt, etwas zu tun, was andere wollen, aber sie gleichzeitig glauben
zu machen, daß sie es selbst tun wollen. Wenn in Managementhand-
büchern heute permanent die „Motivation der Mitarbeiter“ beschwo-
ren wird, dann wird damit nur eine neue Stufe der Manipulation ange-
sprochen. Die Strategien, Menschen zu gängeln und zu lenken, rei-
chen bekannterweise vom „Bedrohen und Bestrafen“ über das „Beste-
chen“ bis hin zum „Belohnen und Belobigen“. Die heute aufgrund
psychologischer Erkenntnisse und technologisch-arbeitsorganisatori–

9 Der Geschäftsführer des neuen Opel-Werkes in Eisenach/BRD, Jürgen Gebhardt,


kommentiert die Tatsache, daß dort vom Chef bis zum Arbeiter alle mit grauen
Hosen und weißen Hemden eingekleidet sind, mit den Worten: „Hier muß ein-
fach jedem klar werden, daß wir alle in einem Boot sitzen“. Zit. nach „Stern“
42/1992, S. 32.
10 Höhler, a.a.O., S. 342.
124 Die Arbeit hoch?

scher Möglichkeiten präferierten Verfahren des Belohnens und Belo-


bigens werden in der Regel zwar als wesentlich angenehmer erlebt als
die „traditionellen“ Druckmethoden, sie sind aber – in der Absicht
angewendet, jemanden dazu zu bringen, etwas zu tun, was er aus sich
heraus nicht tun will – trotzdem nichts anderes als ganz gewöhnliche
Manipulationstricks!
Die Generalmobilmachung in Sachen Mitarbeitermotivierung er-
fordert auch ein neues Selbstverständnis und neue Verhaltensweisen
der Manager. Der patriarchalische „Führer“, der seine Privilegien
deutlich zur Schau stellt, im Meisterbüro beziehungsweise der Chef-
etage „residiert“ und seine Untergebenen herumkommandiert, gilt als
entsprechend überholt. Der Manager von heute muß Abschied neh-
men von herkömmlich-autoritärer Personalführung, angesagt ist statt
dessen die „partizipative Führung“. Propagiert werden neuerdings
„flache Netzwerke als Unternehmensstrukturen und Führungskräfte,
die ihre Mitarbeiter coachen und kultivieren, mitreißen und zur
Selbstorganisation motivieren“.11 Die mit hierarchischer Autorität
operierende Führerpersönlichkeit hat ausgedient, heute geht es um ein
subtiles, „strategisches Management des Humanpotentials“.12 Tradi-
tionelle Führungsformen und Begriffe wie „Vorgesetzte“ und „Unter-
gebene“ sind nur störend für ein Managementkonzept, bei dem die
Arbeitenden eine gefühlsmäßige Bindung an „ihr“ Unternehmen und
eine innengelenkte Arbeitsethik ausbilden sollen, um „in Profitdimen-
sionen zu denken“ und selbst Strategien der Produktivitätssteigerung
zu entwickeln. Betriebswirtschaftliches Wissen und ein technokrati-
sches Aufgabenverständnis reichen für Führungskräfte derzeit dem-

11 ,Aus einem Bericht über ein Symposium des Wirtschaftsforums für Führungs-
kräfte (WdF) zum Thema „Holistic Management“, „Industrie“, 24. Juni 1992, S.
31.
12 Bleicher, K.: Paradigmenwechsel im Management? In: Königswieser/Lutz,
a.a.O., S. 125.
Die Unternehmensstrategien des Post-Taylorismus 125

entsprechend nur mehr selten aus, um mit den neuen Anforderungen


fertig zu werden.
Noch in einer weiteren sehr existentiellen Form stehen unterneh-
merische Führungskräfte heute vor neuen Arbeitsbedingungen. Unter
den Begleitumständen der – im vorigen Kapitel beschriebenen – post-
tayloristischen Bedingungen der Arbeitswelt ist insbesondere das
untere und das mittlere Management einer radikalen Dezimierung
ausgesetzt. Während die extrem hierarchisch organisierte tayloristi-
sche Arbeitsorganisation ein Heer von planenden, koordinierenden
und kontrollierenden Angestellten erfordert hatte, lassen die nunmehr
angestrebten flachen Hierarchien, selbstorganisierte Arbeitsgruppen
sowie die Reduzierung von Koordinations- und Evidenzhaltungsauf-
gaben durch informationsverarbeitende technische Systeme große
Teile des Managements unwichtig werden. Dementsprechend werden
in allen großen, dem internationalen Konkurrenzdruck ausgesetzten
Unternehmen derzeit (ganz besonders auch) im Bereich des mittleren
Managements massiv Arbeitskräfte abgebaut. Wenn die Arbeiter
selbst verstärkt Verantwortung für das Unternehmensziel überneh-
men, ist es immer weniger notwendig, daß – so wie im Taylorismus –
die ursprünglich vom Eigentümer paternalistisch wahrgenommenen
Unternehmerfunktionen an eigens zu diesem Zweck installierte und
mit besonderen Privilegien ausgestattete Personen übertragen wird.
Eine der Zauberformeln, die verunsicherten Managern heute zu ei-
nem neuen „post-tayloristischen“ Führungsverständnis verhelfen soll,
ist die in der einschlägigen Literatur und in Aus- und Weiterbildungen
neuerdings permanent beschworene „Ganzheitlichkeit“. Unter diesem
Schlagwort finden gegenwärtig die abstrusesten pseudo-spirituellen
Techniken und Versatzstücke diverser Heilslehren Zugang zu den
Führungsetagen großer Konzerne. Kraft für ihr neues Aufgabenver-
ständnis wird den Führungskräften aus Entspannungs- und Energie-
126 Die Arbeit hoch?

übungen, Rebirthing13, schamanistischen Reinigungsritualen oder


fernöstlichen Methoden der Persönlichkeitsentwicklung versprochen.
Entkleidet von allen dahinterstehenden Werthaltungen sollen diese
zur bloßen Technik herabgewürdigten „Methoden“ ein „Training der
Harmonie von Körper, Geist und Seele“14 bewirken und die Manager
befähigen, sich selbst und ihren „Mitarbeitern“ den „Kick“ für den
ultimativen Einsatz im Unternehmen zu verschaffen. Als Vorbild
gelten die erfolgreichen japanische Führungskräfte, die sich (wie in
den diversen Seminaren mahnend erzählt wird) ebenfalls „nach tradi-
tionsreichen Riten in Zen-Klöstern auf den rauhen Wirtschaftsalltag
vorbereiten“15.
Am neuen „ganzheitlichen“ Seminarmarkt für Manager geht es
häufig schon zu wie auf einer „New-Age-Messe“. Da ist von „Be-
triebsfühlung“ die Rede, von „Multimind“, vom „schöpferischen
Kraftfeld“ im Betrieb sowie vom „Management by love“16. Und Ma-
nagementseminare, in denen die Teilnehmer unter dem Gesichtspunkt
eines „ganzheitlichen“ Aufgabenverständnisses – nicht bloß im über-
tragenen Sinn – über glühende Kohlen geschickt werden oder ge-
meinsam im Schlauchboot einen reißenden Gebirgsfluß herunterrasen

13 Eine Atemtechnik, mit der Geburterlebnisse und diesbezügliche Traumata aufge-


arbeitet werden sollen.
14 „Industrie“, 24. Juni 1992, S. 32.
15 Ebda.
16 Dazu der deutsche Unternehmensberater und Wirtschaftsguru Gerd Gerken in
einen ORF-Interview: „Wir haben ja so unendlich viel Angst, das Wort Liebe
mit Management zusammenzubringen. Warum eigentlich? Liebe ist die einzige
Energie, die aus sich selbst heraus weitere Energien erwecken kann. Da wir ein
energetisches Management mit mehr Produktivität brauchen – was ist so
schlimm daran, daß wir Liebe ins Unternehmen bringen? Liebe zu einer Vision,
Liebe zur Arbeit, Liebe zum Team, Liebe zur eigenen Dynamik, Liebe zum Boß,
Liebe zu den Mitarbeitern, Liebe zur Sekretärin … Warum so viele Probleme mit
der Liebe?“ „Österreich 1 extra“ 6. Juli 1991, 22.00 Uhr.
Die Unternehmensstrategien des Post-Taylorismus 127

müssen17, erwecken derzeit bereits kaum mehr Erstaunen. – Die Ma-


nager von heute müssen eben lernen, daß „alle im gleichen Boot“
sitzen und daß sie ihre „Mitarbeiter“ umso eher zum Totaleinsatz
beim Bemühen, das Konkurrenzunternehmen niederzuringen, bewe-
gen können, wenn sie unter Führung nicht „Fremd-Willensdurch-
setzung“, sondern, wie es in modernen Managementhandbüchern
heißt, die „Durchsetzung von Herrschaft auf den Weg der Motivie-
rung“ (Stöber/Bindig/Deosceka) verstehen.
Neben den Maßnahmen des motivationssteigernden „Sozialengi-
neering“ werden heute aber – wie schon erwähnt – verschiedentlich
auch durchaus umfassende Schritte zur Neuorganisation betrieblicher
Arbeitsabläufe in dem Sinn vorgenommen, daß die weiterhin von
menschlichen Arbeitskräften durchzuführenden Tätigkeiten an-
spruchsvoller, komplexer und damit auch interessanter werden. Den
größten Bekanntheitsgrad haben die diesbezüglichen arbeitsorganisa-
torischen Veränderungen in der Automobilindustrie – dem noch im-
mer größten Industriezweig der Welt – erlangt. Dort sind, unter Titeln
wie „lean production“ und „lean management“, derzeit Entwicklun-
gen im Gang, die in ihrer Dramatik durchaus mit dem Übergang von
der handwerklichen Fertigung zur tayloristischen Massenproduktion
verglichen werden können.18

17 Selbst in so traditionellen Unternehmen wie der Voest-Alpine MCE (Machinery,


Construction & Engineering) gehört für die Manager der Marsch über glühende
Kohlen oder das gemeinsame Rafting-Abenteuer bereits zur jährlichen Pflicht-
übung im Wir-Gefühl. Vgl. „Wochenpresse“ 37/9. September 1993, S. 46/67.
18 Die Managementansätze der „lean production“ und das sogenannte „lean mana-
gement“ werden heute am intensivsten in der Autoindustrie diskutiert und haben
von dort aus großen Bekanntheitsgrad erreicht. In der Zwischenzeit sind diese
Produktionskonzepte jedoch durchaus nicht mehr nur auf die Arbeitsorganisation
im Automobilbau beschränkt. Eine Reihe von Unternehmen wurden in den letz-
ten Jahren in allen industrialisierten Ländern auf dieses Konzept umgestellt.
Auch in Österreich haben beispielsweise der niederösterreichische Büromöbel-
hersteller „Bene“ und der Kranhersteller „Pallfinger“ aus dem Salzburger Len-
gau ihre Produktion ebenfalls völlig in der entsprechenden Form umorganisiert.
Vgl. „Wirtschaftswoche“ 36/2. September 1993, S. 36/37.
128 Die Arbeit hoch?

Die Autoindustrie, als der Prototyp eines international agierenden


Wirtschaftsbereiches, steht heute unter dem massiven Druck, die tay-
loristische Arbeitsorganisation, die im ersten Drittel dieses Jahrhun-
derts genau von diesem Industriezweig ihren Ausgang genommen hat,
abzubauen und auf ein neues System der Arbeitsorganisation umzu-
stellen. Denn der traditionelle Ansatz, bloß durch eine weitere Erhö-
hung des Anteils der automatisierten Montageschritte die Konkur-
renzfähigkeit zu erhöhen, zeitigt heute nur mehr einen unzureichen-
den Effekt.19 Durch entsprechende Studien wurde nachgewiesen, daß
das Vorantreiben des Automatisierungsgrades die Effektivität der
Fertigung nur mehr in einem sinkenden Ausmaß verbessern kann
sowie daß, auch bei etwa gleichem Automatisierungsniveau, der Effi-
zienzunterschied der Fabriken – international gesehen – enorm ist.20
Den entscheidenden Unterschied macht zunehmend die Produktions-
organisation. Japanische Automobilhersteller, die am frühesten die
entsprechenden Umstellungen vorgenommen haben, schaffen es heu-
te, auch bei bloß durchschnittlichem Automatisierungsgrad, für die
Herstellung eines Fahrzeuges mit einem wesentlich geringeren Auf-
wand an Arbeitsstunden auszukommen als europäische oder amerika-
nische Werke.
Das neue – post-tayloristische – Organisationssystem der Produk-
tion, das der japanischen Autoindustrie in den letzten Jahrzehnten
einen gewaltigen Produktivitätsvorsprung verschaffte, hat seinen Ur-
sprung in einem nach dem Zweiten Weltkrieg bei der Toyota Motor
Company in Japan von Eiji Toyoda und Taiichi Ohno entwickelten
Konzept. Die heute dafür gebräuchliche Bezeichnung, lean producti-
on (meist mit „schlanker Produktion“ oder auch „Magerproduktion“

19 So versuchte beispielsweise General Motors in den achtziger Jahren, ganz in der


Tradition tayloristischer Massenproduktion, durch einen Automatisierungsschub
seine Konkurrenzfähigkeit wiederherzustellen, und erlitt dabei völligen Schiff-
bruch.
20 Vgl: Womack/Jones/Roos, a.a.O.
Die Unternehmensstrategien des Post-Taylorismus 129

übersetzt), wurde zwar erst in den achtziger Jahren von John Krafcik,
einem Mitarbeiter des Forschungsprojekts IMVP – „International
Motor Vehicle Program“ – am Massachusetts Institute of Technology
geprägt21, gibt aber den entscheidenden Hinweis auf die attraktive
Besonderheit dieser Betriebsorganisation: Sie benötigt weniger Per-
sonal, kleinere Produktionsflächen, geringere Investitionskosten, kür-
zere Produktionszeiten und geringere Lagerbestände.
Damit ist auch schon das grundsätzliche Ziel der lean production
umschrieben, die Steigerung der Produktivität durch ein besseres
Ausnützen der zur Verfügung stehenden Ressourcen an Menschen,
Maschinen und Raumkapazität.22 Die somit angestrebte Effizienzstei-
gerung der Produktion und der Versuch, billiger, schneller und besser
zu produzieren, ist allerdings immanentes Ziel jedweder Rationalisie-
rungsstrategie unter kapitalistischen Wirtschaftsbedingungen und
hätte demgemäß, für sich allein genommen, auch noch keine so
durchschlagende Neuigkeit dargestellt. Das tatsächlich Neue der lean
production ist jedoch der Versuch, dieses Ziel durch die konsequente
Umsetzung einer einfachen und eigentlich auch schon lange bekann-
ten lernpsychologischen Erkenntnis zu erreichen, nämlich der Tatsa-
che, daß zufriedene und intrinsisch motivierte Arbeiter nicht nur mehr
leisten als solche, die am Produktionsablauf desinteressiert sind, son-
dern daß sie außerdem auch noch bereit sind, an einer laufenden Op-
timierung des Produktionsablaufs mitzuarbeiten und damit – bei der
entsprechenden Verlagerung der Verantwortung – auch selbst aktiv

21 Ebda.
22 So werden in dem, nach Prinzipien der lean production organsierten, neuen
Opel-Autowerk in Eisenach/BRD 2.000 Beschäftigte jährlich rund 150.000 Au-
tos herstellen, in der vergleichbaren Fertigung des Werkes Bochum, ebenfalls
BRD, sind für die Fertigung der doppelten Anzahl von Fahrzeugen dagegen
7.000 Mitarbeiter notwendig. Der kulminierte Zeitaufwand für die Herstellung
eines Autos wird in Eisenach nur mehr weniger als 20 Stunden – in anderen eu-
ropäischen Werken dagegen bis zu 36 Stunden – betragen. „Top-Business“ Re-
port IV, Oktober 1992.
130 Die Arbeit hoch?

werden, um jede Verschwendung von Ressourcen, Zeit, Material,


Werkzeug und selbstverständlich auch Arbeitskraft, zu verhindern.
Selbstverständlich beruht die Effizienzsteigerung der lean produc-
tion nicht nur auf der verändernden Form der Einbindung der Arbeit-
nehmer in die Produktion. Neben der Aktivierung der Belegschaft
durch neue Beteiligungskonzepte baut sie im wesentlichen auf zwei
weiteren grundsätzlichen unternehmensorganisatorischen Neuerungen
auf. Zum einen handelt es sich dabei um die schon erwähnte flexible
Automatisierung sowie die ganzheitliche Planung und Steuerung von
Produktionsabläufen durch die Einführung rechnergestützter Informa-
tions- und Fertigungssysteme, verbunden mit einer damit möglich
gewordenen optimalen Nutzung der betrieblichen Anlagen. Zum an-
deren arbeitet die lean production mit völlig neuen, ganzheitlichen,
vor allem aber betriebsübergreifenden Logistikkonzepten. Man be-
schränkt sich nicht mehr nur auf die Optimierung und Neuorganisati-
on der Produktion und Verwaltung im Betrieb, sondern versucht
durch die Einbeziehung der Zulieferer in die Produktionsabläufe des
Unternehmens permanent, auch die Kosten für Anlieferung, Um-
schlag und Lagerhaltung zu senken. Für die schlanke Produktion sind
die Zulieferer – obwohl „selbständige Unternehmen“ mit allen damit
verbundenen Risken – quasi ein integraler Bestandteil der Produktion.
Sie werden schon im Planungsstadium für ein neues Produkt und vor
allem in die Kostenanalyse miteinbezogen.23 Insgesamt wird durch

23 In der traditionellen Massenproduktion war das Verhältnis zwischen Zulieferin-


dustrie und Produzenten nach einfachen Preis-Kosten-Kriterien gestaltet. Lang-
fristig mögliche Produktions- und Produktverbesserungseffekte, die aus einer in-
novativen Zusammenarbeit zwischen Hersteller und Zulieferer resultieren kön-
nen, waren nicht vorgesehen. Die heute angestrebte innovations- und verbesse-
rungsorientierte Einbindung der Zulieferer in die Gesamtlogistik der Produktion
erfolgt unter dem Gesichtspunkt einer Reduzierung der Kosten für die zugeliefer-
ten Teile, den Transport und die (auf ein Minimum abgespeckte) Lagerhaltung
und führt gleichzeitig zum widersprüchlichen Effekt des „unfreien
(Sub-)Unternehmers“. Der Kalkulationsspielraum sowie die Möglichkeit durch
Produktivitätssteigerungen und Kostensenkungen einen höheren Gewinn für sich
Die Unternehmensstrategien des Post-Taylorismus 131

alle diese Maßnahmen ein beschleunigter Umschlag des eingesetzten


Kapitals durch eine Gesamtoptimierung der logischen Kette Einkauf,
Produktion und Verkauf angestrebt.
Bedingt durch die rasante Dynamik des konkurrenzverursachten
Wandels in der Produktion und die zunehmende Notwendigkeit eines
immer rascheren und flexibleren Reagierens auf neu auftauchende
Probleme kommt jedoch den Arbeitnehmern und ihrer Bereitschaft,
selbständig im Sinne einer Produktivitätserhöhung aktiv zu werden,
die Schlüsselstellung bei der Ausschöpfung der sich aus den techno-
logischen und logistischen Neuerungen ergebenden Möglichkeiten zu.
Dementsprechend versucht man heute, das, was man in der industriel-
len Produktion bisher – meist nicht mit optimalem Erfolg – durch
Außensteuerung, finanzielle Anreize sowie eine straffe und hierar-
chisch organisierte Kontrolle des Produktionsablaufes zu erreichen
versuchte, nämlich die möglichst weitgehende Bereitschaft der Arbei-
tenden, sich für das Unternehmensziel zu verausgaben, über den Weg
der intrinsischen Motivation zu schaffen. Neben der ganzheitlichen
Planung der Produktionsabläufe sowie der Steuerung der Produktion
unter Einbeziehung der Zulieferer und Abnehmer durch sogenannte
ganzheitliche Logistikkonzepte arbeitet die lean production sozusagen
auch mit dem Konzept einer ganzheitlichen Optimierung der Arbeit-
nehmerleistungen. Damit wird es auch möglich, die Unternehmens-
hierarchie quasi zu „verflachen“. Der organisatorische Unterneh-
mensaufbau kann auf wenige Hierarchieebenen reduziert werden, da
die bisher notwendige äußere Kontrolle einer durch Arbeitsmotivation
und -zufriedenheit aufgebauten Selbstkontrolle und Selbstdisziplinie-
rung der Arbeiter weicht, die im Endeffekt im Ziel kulminiert, daß
sich diese auch den Kopf darüber zerbrechen, wie sie sich selbst weg-
rationalisieren können.

selbst zu erwirtschaften, nimmt für die Zulieferer ab, gleichzeitig bleibt ihr Un-
ternehmensrisiko jedoch vollständig erhalten.
132 Die Arbeit hoch?

Im lean-production-Organisationskonzept wird – wie in allen


„modernen“ Managementkonzepten – versucht, die für die Selbstdis-
ziplinierung der Arbeitenden notwendige intrinsische Motivation
durch das Ausnützen der motivationspsychologischen Erkenntnis zu
erreichen, daß nur „menschengerecht“ geführte Mitarbeiter mit vol-
lem Einsatz bei der Sache und nur produktive Menschen mit ihrer
Arbeit auch zufrieden sind. Damit scheint wahrlich die „Quadratur
des Kreises“ in der Organisation fremdbestimmter Arbeit gefunden zu
sein: einerseits den betrieblichen Ablauf dadurch effizienter zu ma-
chen, daß die Beschäftigten zu einem Höchstmaß an Arbeitsleistung
gebracht werden, und andererseits gleichzeitig den Arbeitenden diese
Steigerung ihrer Verausgabung nicht nur nicht als unangenehme Be-
lastung erleben zu lassen, sondern sie damit sogar noch zufriedener zu
machen.
Die Schlüsselfunktion von Anerkennung, Lob und die Betonung
der Wichtigkeit der Arbeitenden für ihre Motivation und die Bereit-
schaft des Erbringens einer hohe Arbeitsleistung war allerdings auch
schon im Zusammenhang mit der tayloristisch organisierten Massen-
produktion erkannt worden und begann bereits ab den zwanziger Jah-
ren zu einem Thema der sogenannten Arbeitswissenschaft zu werden.
Insbesondere von seiten der unternehmernahen diesbezüglichen For-
schung war schon sehr früh darauf hingewiesen worden, daß sich das
Fördern von Arbeitsfreude, Loyalität und Verbundenheit der Arbeiter
mit dem Betrieb – als entscheidende Faktoren für deren Arbeitsleis-
tung – durchaus lohnt.
So wurden vom „Deutschen Institut für technische Arbeitsschu-
lung“ (DINTA) schon in der Zwischenkriegszeit entsprechende Me-
thoden einer „neuen Arbeitspolitik“ entwickelt, mit dem deklarierten
Ziel der „Befriedigung und Befriedung des Arbeiters im jetzigen
Wirtschaftssystem, um in ihm Disziplin, Bindungen an das Werk und
Abneigung gegen die vergiftende Lehre des Marxismus zu entwik-
Die Unternehmensstrategien des Post-Taylorismus 133

keln“24. Die später unter dem nationalsozialistischen Regime ge-


schickt eingesetzte Idee der sogenannten „Werksgemeinschaft“ wurde
ebenfalls schon damals intensiv diskutiert. Ein US-amerikanischer
Pendant stellte diesbezüglich die von Frederick W. Taylor propagierte
„Leistungsgemeinschaft“ dar, bei der sich im Ziel der „Erhöhung der
Produktion“ die Interessen von Unternehmer und Belegschaft angeb-
lich treffen sollten. Um die Loyalität der Arbeiterschaft zu gewinnen
und über ihre Motivation die Arbeitsleistung zu steigern, waren auch
schon im Rahmen der Taylorschen „Wissenschaftlichen Betriebsfüh-
rung“ in den USA betriebliche Wohlfahrtsprogramme entwickelt
worden, die neben Rationalisierungseffekten durch geringere Fluktua-
tionsraten vor allem der Bindung der Arbeiter an die Betriebe dienen
sollten.25
Auch eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema „Arbeits-
zufriedenheit“, die interessanterweise schon viele Elemente der späte-
ren „Untersuchungen zum Autoritären Charakter“ (Th. Adorno et al.)
vorweggenommen hatte, wurde schon in den Frühzeiten der indus-
triellen Arbeitsorganisation, im Jahre 1927, vom deutschen Sozialde-
mokraten Hendrik de Man unter dem Titel „Der Kampf um die Ar-
beitsfreude“ publiziert. De Man thematisierte dabei das Phänomen des
Auseinanderklaffens des intellektuell-ideologischen – das Unterwor-
fensein unter die Bedingungen der Arbeit unter kapitalistischen Be-
dingungen äußerst kritisch reflektierenden – Weltbildes der Arbeiter-
bewegung und den über Generationen geformten, zutiefst an Arbeit
und deren ethischer Überhöhung ausgerichteten innerpsychischen
Strukturen ihrer Angehörigen. Kritisch bemerkt er über die von ihm

24 Osthold, Paul: Der Kampf um die Seele unseres Arbeiters. Düsseldorf 1926. Hier
zitiert nach: Witt, K.: Froh zu sein bedarf es wenig …? In: Ar-
beit/Mensch/Maschine. Der Weg in die Industriegesellschaft. Katalog zur ober-
österreichischen Landesaustellung 1987. Linz 1987. S. 148.
25 Vgl.: Moser, J.: Arbeit adelt – die Pflicht ruft. In: Arbeit/Mensch/Maschine. Der
Weg in die Industriegesellschaft. Katalog zur oberösterreichischen Landesaustel-
lung 1987. Linz 1987. S.121
134 Die Arbeit hoch?

befragten Hörerinnen und Hörer der Akademie der Arbeit in Frankfurt


– meist Delegierte der damals noch äußerst klassenkämpferischen und
kapitalismuskritischen Gewerkschaftsverbände:
„Leute, die die kapitalistische Weltordnung in Bausch und Bogen
verdammen, denen dennoch die geringste Unterbrechung der Ar-
beitsmonotonie, die dürftigste Verschönerung der Arbeitsumgebung,
die gelindeste Milderung des betriebshierarchischen Drukkes, die
leiseste Andeutung eines menschlicheren, freieren Vertrauensverhält-
nisses von seiten ihrer Vorgesetzten genügt, damit dieser schwache
Sonnenstrahl ihr ganzes inneres Leben mit den Farben des Glücks
erleuchtet! Fanatiker des allproletarischen Klassenbewußtseins, bei
denen man zwischen den Zeilen nur gehemmte Neigung zum Berufs-
stolz herauslesen kann, die sich an die winzigsten Möglichkeiten
klammern, ihren Beruf im Vergleich zu den anderen nicht zu minder-
wertig und unqualifiziert erscheinen zu lassen! Unversöhnliche Klas-
senkämpfer, die sich nur danach sehnen, sich tüchtigen und gerechten
Vorgesetzten unterordnen zu dürfen! Orthodoxe Anhänger des histo-
rischen Materialismus, die vor lauter Glück aus dem Häuschen gera-
ten, wenn ein freundliches Wort vom Unternehmer sie fühlen läßt,
daß sie für ihn auch Menschen sind.“26
Was von De Man hier kritisch registriert wird – der verinnerlichte
Stolz auf das Arbeitsvermögen und die Arbeitsleistung sowie die
Sehnsucht nach Anerkennung –, wurde also schon sehr früh aufgegrif-
fen, um mit den Methoden „psychotechnischer Manipulation“ Arbei-
ter zu einer höheren Arbeitsleistung zu motivieren. Es ging bei den
diversen Maßnahmen zur Erhöhung der Arbeitszufriedenheit ja kaum
um echte Veränderungen der Arbeitsbedingungen und der Arbeitsbe-
ziehungen als solche, sondern primär um eine Bewußtseinsverände-
rung der Arbeiter im Sinne des Verinnerlichen eines „Arbeitsethos“.

26 De Man, H.: Der Kampf um die Arbeitsfreude. Eine Untersuchung auf


Grund der Aussagen von 78 Industriearbeitern und Angestellten. Jena 1927, S.
287/288.
Die Unternehmensstrategien des Post-Taylorismus 135

Eine Hochblüte erreichten die manipulativen Maßnahmen zur Erhö-


hung der Arbeitszufriedenheit in der Zeit des Nationalsozialismus, wo
durch eine vordergründige Idealisierung und Heroisierung von Arbeit
und Arbeitenden versucht wurde, den einzelnen dazu zu bewegen,
seine Arbeitskraft rückhaltlos dem vorgeblichen „Gemeinwohl“ zur
Verfügung zu stellen. Den Gipfel der zynisch-ideologischen Überhö-
hung der Arbeit stellte dabei wohl der über den Eingangstoren der
nationalsozialistischen Konzentrationslager angebrachte Spruch „Ar-
beit macht frei“ dar, aber auch der „normale“ Alltag war damals
durchzogen von Parolen zur „Ehre“ der Arbeit und schönfärberischen
Aussagen zur Wichtigkeit des Arbeiters.
In den Reden führender Nationalsozialisten, in der Presse und im
Rundfunk, überall wurde immer wieder verkündet, daß erst der Nati-
onalsozialismus dem Arbeiter seinen wahren Stellenwert eingeräumt
hätte. In der Zeit vor der Machtübernahme – so wurde argumentiert –
„war der Mensch nichts anderes als Bedienungsmann gewesen“, als
logische Folge hatte sich die Hinwendung der Arbeiterschaft zu Mar-
xismus und Klassenkampf ergeben. Das sollte nun nicht mehr not-
wendig sein. Versprochen wurde statt dessen der Aufbau eines „wah-
ren“ Sozialismus, eines „Sozialismus der Tat“, in dem Arbeitgeber
und Arbeitnehmer harmonisch zusammenarbeiten sollten, mit dem
gemeinsamen Ziel der Erbringung von Höchstleistungen für den Sieg
des „Deutschtums“ gegen „Judentum und Bolschewismus“.27 Die
Motivierung der Arbeiter sollte damals nicht bloß ökonomischen Zie-
len dienen, es galt, den „schaffenden Menschen“ das Gefühl zu geben
„wesentlicher Teil der Betriebe“ zu sein, damit sie das „[…] Auge
vom Ich und den kleinen Betriebsgrenzen auf ein Höheres [hinzulen-
ken bereit waren], wofür es sich lohnte, einmal nicht nur die Stunden
zu messen und in die Lohntüte zu gucken, sondern anzupakken, weil

27 Vgl.: Moser, a.a.O., S. 121.


136 Die Arbeit hoch?

gesiegt werden muß“.28 Der Interessensgegensatz von Kapital und


Arbeit wurde dem propagierten gemeinsamen Sieg untergeordnet und
aufgelöst durch das ideologische Konstrukt einer Werks- und Volks-
gemeinschaft.
Sowohl dem „DINTA“ der Vorkriegszeit als auch dem „Arbeits-
wissenschaftlichen Institut“ der Deutschen Arbeitsfront ging es pri-
mär um die „psychologische Vereinnahmung“ der Arbeitenden, um
ihre „Befriedung“ für Zwecke der Ökonomie und des Staates durch
eine ideologische Umdeutung ihrer realen gesellschaftlichen Situati-
on. Echte Veränderungen der Arbeitsbedingungen in bezug auf Ar-
beitszeitgestaltung, Arbeitsdruck, Arbeitsteilung oder Arbeitsbelas-
tungen durch Lärm, Gefahren oder Monotonie wurden hingegen kaum
thematisiert. Managementansätze, in denen versucht wurde, die Ar-
beitszufriedenheit der Arbeitenden durch tatsächliche Änderungen in
der demotivierenden, durch Arbeitsteilung, Hierarchie und Fremdbe-
stimmung gekennzeichneten Arbeitsorganisation zu steigern und sie
dadurch zu höherer Arbeitsleistung zu motivieren, tauchten erst viel
später – insbesonders nach Ende des wirtschaftlichen Nachkriegs-
booms in den sechziger und siebziger Jahren – auf.
Nachdem die Erkenntnisse der von Wissenschaftlern der Harvard-
Universität unter der Leitung von Elton Mayo in den Hawthorne-
Werken der Western Electric Company bei Chicago schon in den
dreißiger Jahren durchgeführten Untersuchungen 29 allgemein bekannt
geworden waren und auch die Forschungen zu den Auswirkungen

28 Arnold, K.: Betriebs- und Arbeitsführung in der Front der deutschen Arbeit,
Leipzig 1936, S. 4. Hier zitiert nach Moser, a.a.O., S. 120.
29 Die Forscher hatten sich zur Aufgabe gemacht, die Effekte von Variablen, wie
beispielsweise Entlohnungssystem, Pausenregelung, Beleuchtung, Temperatur,
Farben im Arbeitsraum und ähnliches, auf das Arbeitsverhalten zu untersuchen.
Dabei stellten sie fest, daß, weitgehend unabhängig von objektiv vorgenomme-
nen Veränderungen, schon allein durch ihre Anwesenheit und ihr bloßes Interes-
se für die (Tätigkeit der) Beschäftigten – also die den Arbeitern gezollte soziale
Aufmerksamkeit – die Arbeitsmotivation und Leistung der Arbeitenden gestei-
gert worden war.
Die Unternehmensstrategien des Post-Taylorismus 137

verschiedener Führungsstile von Kurt Levin sowie die Forschungsar-


beiten von Abraham Maslow verstärkt die Bedeutung der Arbeitszu-
friedenheit auf die Produktivität aufgezeigt hatten, fanden in den dar-
auf folgenden Jahrzehnten eine Reihe von Versuchen mit sozialpsy-
chologisch begründeten neuen betrieblichen Organisations- und Füh-
rungsstrukturen statt. Unter den Bezeichnungen Job rotation30, Job
enlargement 31 und Job enrichment 32 wurde versucht, den Problemen
der zu geringen Arbeitsmotivation und Arbeitseffektivität zu begeg-
nen. Auch mit dem System autonomer Arbeitsgruppen, die eine Reihe
verschiedener Arbeitsverrichtungen im Team durchführen, war ver-
einzelt – zum Beispiel im Volvo-Werk in Kalmar/Schweden schon
seit den siebziger Jahren – experimentiert worden.
Neben der schon erwähnten Harvard-Universität leisteten vor al-
lem zwei weitere Institutionen bahnbrechende Forschungen im Zu-
sammenhang mit der Entwicklung neuer sozialpsychologischer Theo-
rien zur Arbeitsmotivation, die „National Trainings Laboratories“
(NTL) in Bethel im US-Bundesstaat Maine und das „Tavistock Insti-
tute of Human Relations“ in London. Im NTL wurden durch Kurt
Levin und Leland Bradford die grundlegenden sozialen Phänomene in
Kleingruppen erforscht, und Mitarbeiter des Tavistock-Institute liefer-
ten in den fünfziger Jahren eine wesentliche Begründung für die
„Gruppenorganisation“, indem sie in Waliser Kohlebergwerken
nachwiesen, daß „Integratet Task Teams“ (teilautonome Arbeitsgrup-
pen) anderen Arbeitsorganisationsformen – insbesondere in bezug auf
die Arbeitsproduktivität – weit überlegen sind. Bei ihren Forschungen

30 Systematisch-zyklischer Arbeitsplatzwechsel von Fabrikarbeitern, um die Mono-


tonie aufgrund der sich rasch wiederholenden, ständig gleichen Arbeitstätigkeit
zu durchbrechen.
31 Rekombination von repetitiven und auf verschiedene Arbeitende aufgeteilten
Teilarbeiten zu komplexeren Arbeitsaufgabe.
32 Anreicherung der Arbeiten in der Produktion durch Aufgaben, die in der taylo-
ristischen Arbeitsorganisation üblicherweise durch Vorarbeiter und Meister
wahrgenommen werden.
138 Die Arbeit hoch?

zeigte sich, daß die Produktivität von Arbeitsgruppen, die sich die von
ihnen durchzuführende Arbeit selbst einteilen und zu Ende führen
konnten, um etwa ein Drittel höher war als bei traditionellen Arbeits-
organisationsformen, wobei gleichzeitig auch die Arbeitszufriedenheit
der Betroffenen anstieg.33
Lagen den Forschungen auf dem Gebiet der Arbeitsmotivation und
-zufriedenheit ursprünglich auch ausschließlich ökonomische Motive
zugrunde, stellten ihre Erkenntnisse dennoch in den sechziger und
siebziger Jahren die Grundlage für die – von arbeitnehmernahen Krei-
sen getragene – politisch argumentierte Bewegung zur „Humanisie-
rung der Arbeitswelt“ dar. Ausgehend von den politischen Ansichten
im Umfeld der sogenannten Studentenbewegung und dem dabei stark
in den Vordergrund gerückten Ideal der „Selbstbestimmung“ gerieten
damals verstärkt die Machtverhältnisse in den Betrieben und der Ge-
sellschaft ins Blickfeld. Die Veränderung der Machtverteilung zwi-
schen Arbeitgeber und Arbeitnehmer wurde massiv eingefordert, eine
„Erweiterung der Handlungs- und Entscheidungsspielräume“ der Ar-
beitenden sowie „Mitbestimmung“ statt der durch die Fremdbe-
stimmtheit in der Arbeit gegebenen „Entfremdung“. Veränderungen
der Arbeitsorganisation wurden mit einem Mal unter ideologisch-
politischen Zielsetzungen gefordert – der Effekt, damit auch die Pro-
duktivität steigern zu können, wurde im Zusammenhang mit den da-
mals aufgestellten emanzipatorischen Forderungen kaum thematisiert.
Die Tatsache, daß heute tatsächlich von einem Trend im Hinblick
auf neue Strukturen betrieblicher Arbeitsorganisation und einer damit
verbundenen tendenzionellen Verlagerung von Entscheidungen über
den Arbeitsablauf an hierarchisch niedrigere betriebliche Organisati-
onsebenen gesprochen werden kann, hat allerdings gar nichts mit der
Durchsetzung von emanzipatorisch-politischen Zielen zu tun. Für die
heutigen im Managementansatz der lean production kulminierenden

33 Vgl.: Gottschall, D.: Lean production – schneller, besser, billiger? In: „Psycho-
logie heute“, 19 (1992), 10, S. 62.
Die Unternehmensstrategien des Post-Taylorismus 139

Versuche, die Arbeitszufriedenheit zu steigern und die Arbeitenden


durch veränderte Organisationsstrukturen zu mehr Identifikation mit
dem Unternehmensziel und einer höheren Arbeitsleistung anzuspor-
nen, steht keine ideologisch motivierte Veränderung der Machtver-
hältnisse Pate. So effektvolle Aussagen wie „der Mitarbeiter als Räd-
chen im Getriebe gehört der Vergangenheit an“ sind weder von hu-
manitären noch von politischen Zielen, sondern schlicht und einfach
von ökonomischen Motiven, im konkreten Fall von der Hoffnung auf
„einen Kosteneffekt von fünf bis fünfzehn Prozent“, getragen. Und
wenn neuerdings davon gesprochen wird, daß „Fremdbestimmung
reduziert werden muß“ und der „mündige Mitarbeiter“34 idealisiert
wird, dann einzig deshalb, weil die verschärften internationalen Kon-
kurrenzbedingungen und die daraus folgende Notwendigkeit neuer
Rationalisierungsstrategien eine Kerngruppe von Arbeitnehmern er-
forderlich machen, die „selbstbestimmt“ zu etwas bereit ist, zu dem
man sie durch Vorgabezeiten und Kontrolle eben nicht bewegen kann,
zu ihrem Totaleinsatz für das Unternehmen.
Die Ursache dafür, daß Managementansätze, in denen die Sehn-
sucht der Menschen nach autonomen Handlungsmöglichkeiten und
nach Anerkennung berücksichtigen werden und die eine Demokrati-
sierung der betrieblichen Entscheidungsstrukturen suggerieren, erst
seit wenigen Jahren auf breiter Basis diskutiert und in mehr oder we-
niger ausgeprägter Form auch eingeführt werden, ist wohl darin zu
suchen, daß im Grunde genommen erst seit den achtziger Jahren die
grundlegenden Voraussetzungen dafür gegeben sind, die vorherigen
Versuche mit solchen Führungsformen auch tatsächlich auf breiter
Basis umzusetzen. Denn auch wenn bei den seinerzeitigen Versuchen
zum Teil durchaus beachtliche Erfolge erzielt werden konnten, so
scheiterte eine um sich greifende und tiefgreifende Veränderung der

34 Alle zitierten Aussagen aus einem Interview des Mercedes-Personalvorstands


Heiner Tropitzsch, zit. nach Gottschall, a.a.O., S. 59.
140 Die Arbeit hoch?

Arbeitsorganisation in der Industrie bis in das zweite Drittel dieses


Jahrhunderts im wesentlichen an zwei Faktoren:
• Zum ersten erlaubte der bisherige Stand der technischen Mög-
lichkeiten für den Großteil der Arbeitsplätze noch keine echte Befrei-
ung von den Fesseln des Maschinentakts und der Funktion des „Zuar-
beitens“ für die mechanischen Aggregate. Der Großteil der industriel-
len Arbeiter waren quasi „Roboter“ der Maschinen und verrichteten
formalisierte, im mechanischen Produktionsablauf zahnrädchenhaft
eingebundene Tätigkeiten, bei denen Selbständigkeit, Kreativität oder
Kooperation im Team kaum notwendig und auch gar nicht besonders
vorteilhaft waren. Außerdem waren die durch Lohn und Arbeitszeit
bewirkten Kostenfaktoren im Verhältnis zu den Gesamtinvestitions-
kosten noch wesentlich höher als heute, wo jene Investitionsmengen,
die für die technischen Aggregate erforderlich sind, rapide ansteigen,
die relativen Kosten der „lebendigen Arbeit“ an den betrieblichen
Gesamtausgaben dagegen laufend zurückgehen.
• Der zweite wesentliche Faktor dafür, daß eine grundsätzliche
Veränderung der traditionellen Industriebetriebsorganisation, trotz
dementsprechender Erkenntnisse, noch in den fünfziger oder sechzi-
ger Jahren kaum möglich gewesen wäre, ist, daß damals – und das ist
der wohl entscheidende Unterschied zu heute – das Prinzip des
„Wachsens oder Weichens“ noch nicht ausreichend in die Köpfe der
Menschen implantiert gewesen war. Denn erst wenn das Prinzip der
Marktallokation – und das bedeutet heute vor allem das Akzeptieren
der Aussage, daß im Bestreben, das Konkurrenzunternehmen nieder-
zuringen, Arbeitgeber und Arbeitnehmer „im gleichen Boot sitzen“
und quasi um den Preis des gemeinsamen Unterganges aneinander
gekettet sind – grundsätzlich akzeptiert ist, kann das Management auf
eine direkte Beherrschung der Arbeitsprozesse verzichten und braucht
den kontraproduktiven Effekt einer „teamartigen Kooperation“, wie
zum Beispiel das „Bremsen“, nicht mehr zu fürchten.
Die Unternehmensstrategien des Post-Taylorismus 141

Bisher konnte offensichtlich nicht im ausreichenden Maß mit einer


solchen „Normierung der Köpfe“ aller Mitarbeiter kalkuliert werden.
Besonders bei Arbeitnehmern in den unteren Hierarchiebereichen war
nicht sichergestellt, daß sie bereit wären, ihre eigenen und unmittelba-
ren Bedürfnisse dem primären Unternehmenszweck – der Kapital-
vermehrung – jederzeit unterzuordnen. Erst über das „Ausleseverfah-
ren Aufstieg“ wurden diejenigen Arbeitnehmer gekürt – und durch
besondere Gratifikationen zur weiteren Loyalität motiviert –, die die
Profitmaximierungslogik in so hohem Maß verinnerlicht hatten, daß
es möglich erschien, sie stellvertretend, als Vorgesetzte, die Interessen
des „Kapitals“ wahrnehmen zu lassen.
Dezentralisierung von Entscheidungen auf hierarchisch niedereren
Ebenen bzw. eine generelle Verflachung der Entscheidungshierarchie
setzt ja etwas ganz Wesentliches voraus. Es muß (in hohem Maß)
sichergestellt sein, daß die dezentral gefällten Entscheidungen sich
derselben Logik unterordnen, das heißt das gleiche übergeordnete Ziel
anpeilen, wie wenn die Entscheidungen durch eine zentrale Stabsstel-
le getroffen worden wären. Alle von irgendwelchen Teilgliederungen
des Unternehmens vorgenommenen Schritte müssen sich in letzter
Konsequenz, wie die Elemente eines Puzzles, zu einer gemeinsamen
Strategie verdichten, deren Zweck die Sicherung des Unternehmens-
gewinns ist. Der Slogan lautet: getrennt kämpfen – gemeinsam siegen.
Somit reicht es auch nicht mehr, wenn die Arbeitenden als Unterge-
bene auf Anweisung funktionieren, auch ihr „individueller“ Wille
muß dem Unternehmensziel untergeordnet werden, sie müssen zu
Mit-Arbeitern werden und sich so verhalten, als ob es um ihren eige-
nen Profit ginge. Erst dann wird es möglich, daß betriebliche Teilbe-
reiche und einzelne Mitarbeiter zwar „autonom“ und scheinbar „sou-
verän“ operieren, das heißt auf auftauchende Probleme reagieren,
ohne auf eine Anweisung aus einer „oberen“ Entscheidungsebene zu
warten, in ihren Entscheidungen jedoch trotzdem der Unternehmens-
logik folgen! Notwendig ist sozusagen die „Funktionalisierung des
142 Die Arbeit hoch?

ganzen Menschen“, einschließlich seines – noch immer so genannten


– „freien“ Willens.
Was angestrebt wird, ist somit nicht weniger als die „Totalverzwe-
ckung des Menschen“. Die letzten noch ungenutzten Winkel der Ar-
beitenden sollen mobilisiert werden. Wenn der deutsche Unterneh-
mensberater und Wirtschaftsguru Gerd Gerken sagt, daß es heute um
„minddesign“ gehe, also um die systematische „Anpassung des Be-
wußtseins an neue Herausforderungen“35, bringt er die Sache auf den
Punkt: Der unerbittliche, in globalen Dimensionen stattfindende Kon-
kurrenzkampf erfordert die Totalmobilmachung, bloße Verhaltens-
steuerung traditioneller Art reicht da nicht mehr aus, die ganzheitliche
Beeinflussung der inneren Haltung der „Mitarbeiter“ ist angesagt,
damit sie ihr Leben und ihr Handeln auch unkontrolliert – frei-(und
trotzdem)-willig – dem Ziel der Produktivitätssteigerung unterordnen.
Im Gegensatz zur „visible hand“ der industriewirtschaftlichen Pro-
duktion, einem Begriff der von Alfred Chandler von der Harvard Bu-
siness School noch in den siebziger Jahren verwendet wurde36, um die
planende, kontrollierende, steuernde und verwaltende Funktion des
Managements zu legitimieren, operiert die neue, nach den Prinzipien
der lean production organisierte Fertigung mit der „invisible Hand“
des allgemein verinnerlichten Unternehmensziels. Denn wenn das
Ziel, die Unternehmensbilanz zu verbessern, zum persönlich verfolg-
ten Interesse jedes einzelnen Mitarbeiters wird, erübrigt sich nicht nur
weitgehend eine äußere Kontrolle des Arbeitsablaufs, es kann dann
auch die Planung und die Verbesserung der Produktion in hohem Maß
an autonome Arbeitsgruppen delegiert werden.
Denn im Zusammenhang mit der lean production geht es ja um
wesentlich mehr als bloß um einen gewaltigen Modernisierungsschub
der Produktion. Die schlanke Produktion ist selbst als ständiger Ve-

35 Zit nach Arp, P./Santner, Ch.: Die sanfte Tour – ganzheitliches Management. In:
ORF-Nachlese, 10/1991, S. 20.
36 Vgl.: Womack/Jones, a.a.O. S. 38.
Die Unternehmensstrategien des Post-Taylorismus 143

ränderungsprozeß konzipiert. In diesem Sinn trifft für die Umstellung


auf lean production der Begriff „Rationalisierung“ ja auch nur be-
dingt den Kern der Sache. Im herkömmlichen Verständnis bedeutet
„Rationalisierung“ eine Phase des Umbruchs, auf die wieder eine
ruhige, stabile Phase folgt. Das Arbeitsorganisationskonzept der
schlanken Produktion impliziert jedoch eine permanente und systema-
tische Anpassung und Verbesserung im Detail37 sowie im Ganzen des
Produktionszusammenhangs. Es handelt sich dabei quasi um einen
dynamischen Prozeß ad infinitum. Dementsprechend wird im Zu-
sammenhang mit der lean production auch von einem neuen Rationa-
lisierungstypus oder von einer „systemischen Rationalisierung“ (Alt-
mann/ Sauer) gesprochen.
So heißt es in einem Bericht über das neue, nach lean-production-
Prinzipen organisierte Opel-Autowerk in Eisenach/BRD: „Ziel ist es,
daß die einzelnen Arbeitsgruppen ihre Arbeitsverfahren und ihren
Arbeitsfluß permanent auf Tätigkeiten untersuchen, die nicht wert-
steigernd sind. So lassen sich nicht nur unnötige Warte- und Liegezei-
ten reduzieren, auch der Materialfluß, die Lagerhaltung und die Anlie-
ferung werden dank der konstruktiven Mitarbeit der Gruppe optimiert
– und das heißt nicht zuletzt billiger.“38 Mit anderen Worten heißt
das, die optimale Ausnutzung der Kapitalanlagen wird an die Arbeiter
übertragen, sie sind für die laufende Optimierung der Produktion, für
das Verhindern von Material-, Zeit- und Raumvergeudung und somit
auch für ihren eigenen (immer an betriebswirtschaftlichen Gesichts-
punkten gemessenen!) ökonomisch-rationell gestalteten Arbeitsein-
satz verantwortlich. Im Gegensatz zur tayloristischen Arbeitsorganisa-

37 Im Gegensatz zu traditionell organisierten Automobilwerken, wo Fehler oder


Qualitätsmängel erst nach endgültiger Fertigstellung eines Autos durch das
Fachpersonal aus speziellen Reparaturabteilungen beseitigt werden, sind die Ar-
beiter in den nach lean-production-Prinzipien organisierten Werken angehalten,
das „Band“ für den Transport der Karosserien bei Fehlern anzuhalten und die
Qualitätsprobleme sofort an Ort und Stelle zu beheben
38 „Top-Business“, a.a.O., S. 25.
144 Die Arbeit hoch?

tion, wo die Beschäftigten dem Ziel der permanenten Produktivitäts-


steigerung über Einteilung, Überwachung und Kontrolle „reell unter-
worfen“ waren, fußt ihre nunmehrige diesbezügliche Selbstdiszipli-
nierung im Rahmen der „verantwortlichen Autonomie“ quasi auf ei-
ner „ideologischen Vereinnahmung“. Es kann dies durchaus „als eine
Art »psychologischer Kontrakt« angesehen werden, der die formalen
Arbeits- und Tarifverträge [heute zunehmend] ergänzt“39.
Ganz wesentlich wird die angesprochene „ideologische Verein-
nahmung“ durch das heute übliche Aktivieren innerbetrieblicher
Marktmechanismen gefördert. „Moderne“ Unternehmensorganisati-
onskonzepte wie die lean production bauen fast durchwegs darauf
auf, das Verhältnis der verschiedenen Teilbereiche desselben Unter-
nehmens verstärkt nach „Gesetzmäßigkeiten“ des Marktes zu organi-
sieren. Eine wesentliche Maßnahme ist dabei, daß die einzelnen Ar-
beitsgruppen beziehungsweise Abteilungen zueinander in ein Liefe-
ranten-Kunden-Verhältnis gestellt werden, um auf diese Weise das
Ziel einer optimalen Produktqualität zu erreichen. In der traditionellen
tayloristischen Arbeitsorganisation wurde Qualitätsüberwachung von
einer separaten Stelle – von Spezialisten – durchgeführt. Fehler wur-
den dabei oft erst spät im Produktionsablauf entdeckt, und zu ihrer
Behebung waren eigene Reparatur- beziehungsweise Nacharbeitsstel-
len notwendig, was wiederum unproduktive Kosten nach sich zog.
Die Qualitätssicherung im Sinne von lean production erfolgt demge-
genüber durch die jeweiligen Arbeitsgruppen selbst. Jedes Team ist
für seine Produktqualität selbst voll verantwortlich, und schlechte
Qualität bei der Weitergabe an die nachfolgende Prozeßstufe wirkt
sich durch einen „Preisabzug“ bei der internen Verrechnung aus.
Im Endeffekt wird durch diese Maßnahme erreicht, daß die einzel-
nen Arbeitsgruppen und Abteilungen zueinander – unter dem Ge-
sichtspunkt maximaler ökonomischer Effektivität – in Konkurrenz

39 Riekhof, H.C.: Strategien der Personalentwicklung. Wiesbaden 1986, S. 63.


Die Unternehmensstrategien des Post-Taylorismus 145

treten. Interaktion und Transaktionen zwischen Unternehmensteilbe-


reichen erfolgten bisher im Normalfall gemäß einer fixierten Regel-
struktur und definierten Aufgabenzuschreibungen. Nun wird – im
Bestreben, den Markt als formellen Verhaltensmechanismus für in-
nerbetriebliche Transaktionen zu installieren – häufig dazu überge-
gangen, die Leistungserbringung, den Preis und eventuelle andere
Vereinbarungen zwischen den einzelnen Unternehmensbereichen
aushandeln zu lassen, genauso wie es mit außerbetrieblichen Liefe-
ranten oder Kunden notwendig ist.
In diesem Sinn werden – um die Kostentransparenz und das
Kostenbewußtsein der Beschäftigten entsprechend zu erhöhen – der-
zeit komplexe Unternehmenssysteme häufig in selbständig bilanzie-
rende sogenannte Profit-Centers oder Cost-Centers aufgespaltet. Jeder
Teilbereich muß seine erbrachten Leistungen, entsprechend dem
Verbrauch an Energie, Material, Produktions- und Lagerflächen, den
Kosten der von den zuliefernden Unternehmenseinheiten oder exter-
nen Zulieferern übernommenen Teilprodukte sowie den anfallenden
Arbeitskosten, kalkulieren und selbständig an einer Verbesserung im
Hinblick auf eine Optimierung des Preis-Leistungs-Verhältnisses
arbeiteten. Wenn die gegenseitige Leistungserbringung der einzelnen
Unternehmensbereiche nun tatsächlich in einem gewissen Maß
Marktmechanismen überantwortet wird und wenn der „Einkäufer“ der
Leistung dabei die Möglichkeit hat, im Falle eines besseren externen
Angebots – zumindest in Grenzen – auch dieses zu nützen, zwingen
die Unternehmensbereiche sich dergestalt – auch ganz ohne „äußere“
Kontrolle – gegenseitig unter die Prämissen maximaler ökonomischer
Rationalität.
Verschiedentlich gibt es auch Ansätze, diesen Effekt noch durch
das Einbringen unmittelbarer betriebsinterner Konkurrenz zu steigern,
indem zwei oder mehrere Unternehmenseinheiten mit gleichen Auf-
gaben, quasi gegeneinander „ins Rennen“ geschickt werden. Zu einem
gewissen Grad geschieht dies bei den großen, internationalen Unter-
146 Die Arbeit hoch?

nehmen heute ja bereits dadurch, daß den Arbeitenden gleichartiger


Abteilungen verschiedener Standorte der Vergleich ihrer Produktivität
und ökonomischen Effektivität zurückgespielt wird; nicht zuletzt, um
sie – im Hinblick auf die immanent ja immer gegebene Möglichkeit
einer Verlagerung der Produktion – auf diese Art dem Druck perma-
nenter Produktivitätssteigerung zu unterwerfen. Neu ist, daß auch
damit experimentiert wird, zwei verschiedene Unternehmenseinheiten
unter dem Gesichtspunkt der Konkurrenz gegeneinander „ankämpfen“
zu lassen, indem bei gleicher Aufgabenstellung die – im Sinne öko-
nomischer Logik – innovativere Lösung darüber entscheidet, welche
Abteilung beibehalten und welche aufgelöst wird. „Dies ist besonders
für diejenigen Unternehmensbereiche relevant, die nicht in direktem
Kontakt mit dem Markt stehen, wie dies oft bei Entwicklungsabtei-
lungen der Fall ist“. Dabei wurde diese Methode „in gewissen Fällen
und mit großem Erfolg“40 angewandt.
Nach dem vorher Gesagten erscheint es legitim, heute eher von ei-
ner Tendenz zu einem „Management by stress“41 als von einer sol-
chen zum „Management by love“ zu sprechen. Genauso wie die „un-
ternehmenskulturellen Maßnahmen“ zur Motivierung der Arbeitenden
und ihrer besseren Identifizierung mit dem Betrieb stehen die heute
hochgelobten „indirekten“ und „weichen“ Managementmethoden
oder neue Organisationsansätze wie die lean production allesamt im
Dienste einer Totalverausgabung der Arbeitenden. Das Ziel aller mo-
dernen Unternehmensführungskonzepte ist ein optimiertes Ausnützen
der Humanressourcen, verbunden mit dem Einsparen möglichst vieler
Arbeitskräfte. Die neuen Managementkonzepte stellen ein freundlich
gewendetes Steuerungsinstrument dar, das auf der alten Drohung
aufbaut, bei Nichterbringen der ständig geforderten Hochleistungsak-

40 Bechtler, Th. W., a.a.O., S. 15, unter Hinweis auf: Peters, Th./Waterman, R.: In
Search of Excellence. Lessons from America’s Best-Run Companies, 1982.
41 Eine Bezeichnung, die von amerikanischen Gewerkschaftern häufig für lean-
production-Betriebsorganisationsmodelle verwendet wird.
Die Unternehmensstrategien des Post-Taylorismus 147

robatik den Arbeitsplatz zu verlieren. Der Unterschied zu früher be-


steht bloß darin, daß der „Interessenswiderspruch von Kapital und
Arbeit“ nicht mehr durch ein loyales Management im Sinne einer
optimalen Profitrate entschieden zu werden braucht, weil die Arbeiter
nun selbst zu „Agenten des Kapitals“ gemacht worden sind. Von einer
innengeleiteten Arbeitsethik angetrieben, aktivieren sie nun selbst ihre
gesamte Energie im Hinblick auf eine Steigerung der Produktivität –
jedoch nicht um in Form einer verringerten Arbeitszeit davon insge-
samt zu profitieren, sondern mit dem Ziel, möglichst vielen von ihnen
den Arbeitsplatz zu rauben.
Als besondere Attraktion der lean production wird in den ein-
schlägigen Publikationen immer wieder darauf hingewiesen, daß mit
diesem Konzept die Verschwendung von Material, Raum, Zeit und
„Humankapital“ hintangehalten wird und Ressourcen optimal einge-
setzt werden. Daß eine im Sinne betriebswirtschaftlicher Logik be-
triebene „Vermeidung von Verschwendung“ jedoch vielfach nichts
anderes bedeutet als die Umwälzung derselben auf den außerbetriebli-
chen Bereich, bleibt dabei üblicherweise ausgeblendet. Dies gilt für
das betriebswirtschaftliche Zu-Buche-Schlagen der Einsparung von
Lagerkosten durch die „Just-in-time“-Anlieferung von Einzelteilen,
einer daraus folgenden Intensivierung des Zulieferverkehrs und den
entsprechenden volkswirtschaftlichen Folgekosten durch die Belas-
tung des Verkehrssystems und das Ansteigen der Umweltbelastung
genauso wie für das „Einsparen“ von Arbeitskräften. Die nicht mehr
benötigten Arbeitskräfte „verschwinden“ ja nicht, sie brauchen einen
neuen Arbeitsplatz; ist dieser nicht vorhanden, muß (zumindest) ihr
Überleben mittels volkswirtschaftlich finanzierter Aufwendungen
gesichert werden.
Die post-tayloristischen Maßnahmen zur Optimierung der be-
triebswirtschaftlichen Kosten-Nutzen-Rechnung stellen eine neue
Strategie dar, die dem Zwang zu einem möglichst flexiblen Reagieren
auf die Bedingungen eines globalen Konkurrenzkampfs besser ge-
148 Die Arbeit hoch?

recht wird. Wie bei allen Managementmaßnahmen bleibt das grund-


sätzliche Ziel und die Triebkraft für Veränderung aber weiterhin der
maximale Profit für das in das Unternehmen investierte Kapital. Die
neuen betrieblichen Führungsmethoden und Organisationsformen
hingegen – so wie es derzeit gerne getan wird – zum Ausfluß eines
„revolutionären“, neuen „gesellschaftlichen Paradigmas“ hochzustili-
sieren, bedeutet ein grundsätzliches Verkennen der Situation. Wenn
heute behauptet wird, „im Management – ebenso wie in der Medizin,
der Ökonomie oder der Politik – erfordert die Lösung der vielfältigen
Probleme unserer global vernetzten Welt einen grundlegenden Para-
digmenwechsel – einen Wandel des Denkens, der Weltbilder und
Wertvorstellungen, […] die nur dann gelingen [wird], wenn wir im-
stande sind, ganzheitlich zu denken und zu handeln“42, entsteht der
Eindruck, daß mit der wohlklingenden Beifügung „ganzheitlich“ ver-
gessen gemacht werden soll, worin denn die eigentliche Triebkraft
gegenwärtigen wirtschaftlichen Geschehens besteht. Noch immer geht
es dabei aber um „Mehrwertproduktion“, darum, investiertes Geld in
mehr Geld zu verwandeln. In diesem Sinn sollen, nach den Gesichts-
punkten einer betriebswirtschaftlich ausgerichteten ökonomischen
Logik, die im Unternehmen eingesetzten Ressourcen zwar möglichst
nicht verschwendet, sondern sparsam, sprich „gewinnbringend“, ein-
gesetzt werden, mit dem Ziel eines achtungsvollen Umgehens mit
Menschen und Umwelt oder auch nur mit einer ganzheitlichen wirt-
schaftlichen Sichtweise hat das jedoch sicher nichts zu tun.
Auch die heute hochgelobten neuen gesellschaftlichen Werte „Fle-
xibilität“ und „Mobilität“ sind dem Ziel betriebswirtschaftlicher Lo-
gik verpflichtet. Wenn die tayloristische Massenproduktion nun zu-
nehmend durch anpassungfähigere Produktionsweisen ersetzt wird,
die Produktionszyklen kürzer werden und Betriebe immer rascher
gezwungen sind, auf Marktveränderungen zu reagieren, so impliziert

42 Capra, F./Exner, A./Königswieser, R.: Veränderungen im Management – Mana-


gement der Veränderung. In: Königswieser/Lutz, a.a.O., S. 112.
Die Unternehmensstrategien des Post-Taylorismus 149

das auch eine neue „flexibilisierte“ Personalpolitik. Das Personal wird


quasi an die flexible Produktion und die schwankenden Marktanforde-
rungen angepaßt. Louis R. Hughes, Vorstandsvorsitzender der Adam
Opel AG, drückt das so aus: Wir haben nun eine „Vorreiterrolle ge-
genüber unserer Konkurrenz bei Gruppenarbeit, einem neuen Lohn-
system, einer dritten Schicht, alles Dinge, die für die deutschen Au-
tomobilhersteller ganz neu sind. Ebenso auch die Flexibilität bei den
Arbeits- und Überstunden – wir arbeiten hier fast rund um die Uhr.“ 43
Weitere Flexibilitätsfolgen sind: unverzügliche Kündigungen auch bei
geringen Auftragsrückständen, unregelmäßige Arbeitszeit, Zunahme
der Saison- und Leiharbeit. – Die dem verschärften Konkurrenzkampf
geschuldete flexible Produktion bewirkt – wie schon im dritten Kapi-
tel ausgeführt – auch eine Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse und
Entlohnungsformen und damit auch einen verschärften Konkurrenz-
kampf zwischen den Arbeitnehmern.44
Der damit für den Einzelnen verbundene erhöhte Streß, physische
und psychische Folgen durch den „Burn-out-Effekt“ dieser Totalver-

43 Eine wirkliche Partnerschaft, Interview mit Louis R. Hughes. In: „Industrie“, 9.


Jänner 1992, S. 12.
44 Verbunden ist diese Entwicklung mit einer „Flexibilisierung“ des Entlohnungs-
systems durch deutliche Tendenzen zur Verlagerung der bislang hoch geregelten
Lohnpolitik auf betriebliche Ebene. So konstatiert zum Beispiel Mahnkopf für
die BRD eine zunehmende einzelbetriebliche Koppelung der Lohnpolitik an die
Produktivität. Zunehmend wird „die Gestaltung von Entgeltformen, Arbeitsbe-
dingungen und Arbeitszeitregelungen […] standardisierter Regelung entzogen
und gemäß firmenspezifischer Marktlage, Produktionsstrategien und technologi-
schen Optionen dezentral, das heißt vornehmlich auf Unternehmensebene gere-
gelt“. Vgl.: Mahnkopf, B.: Industrial Democracy – Europäische Arbeitskultur im
Umbruch. In: „Erwachsenenbildung in Österreich“ 44 (1993), 4, S. 2.
Aber auch in vielen anderen industrialisierten Ländern läßt sich ein dementspre-
chender Trend nachweisen (Für Schweden vgl. beispielsweise „Unternehmer“
7/1993). Auch die 1993 für eine Reihe von Branchen in Österreich neu ausge-
handelten Kollektivverträge gehen tendenziell in dieselbe Richtung, indem, unter
dem Titel „Öffnungsklausel“, für die kollektivvertraglich vereinbarten Lohner-
höhungen – falls sie für die besondere Lage einzelner Unternehmen nicht „pas-
sen“ – eine „Nachrangregelung“ mitbeschlossen wurde,.
150 Die Arbeit hoch?

nutzung oder die Folgen für Familien und Sozialbeziehungen werden


in der „ganzheitlichen“ Sichtweise moderner Managementstrategien
nicht thematisiert. Das Verbessern der Produktion durch neue Metho-
den des Managements und der Arbeitsorganisation zielt auf Erhöhung
der Konkurrenzfähigkeit und auf Profitoptimierung. Die für die wirt-
schaftlichen Prozesse notwendigen Menschen reduzieren sich in den
diesbezüglichen Überlegungen zu kalkulierbarem „Humankapital“.
Die eingesetzte Energie und die notwendigen Rohstoffe sind nicht
Grundlagen allgemeinen Überlebens, sondern bloß „Ressourcen“,
deren möglichst günstiger Erwerb angestrebt wird. Die zerstörte Um-
welt ist schließlich „Abfall“, den es bloß dann zu reduzieren gilt,
wenn er betriebswirtschaftliche zu Buche schlägt. Ganzheitlich ist bei
all dem nur die Totalvernutzung von Mensch und Natur im Hinblick
auf das Diktat der Mehrwertproduktion. Unter einer tatsächlich ganz-
heitlichen Herangehensweise müßten sich nämlich ganz andere Fra-
gen stellen. So zum Beispiel die, ob neue Unternehmenskonzepte bloß
dadurch schon „zukunftsträchtig“ sind, weil sie Fitneß für den ver-
schärften Konkurrenzkampf bieten.
5. „SCHLÜSSELQUALIFIKATIONEN“ – DER ZENT-
RALE BERUFSPÄDAGOGISCHE
IDEOLOGIEBEGRIFF DES POST-FORDISMUS

Das Eigentümliche der quantitativen Bemessung ist nun, daß


sie kein Prinzip von Selbstbegrenzung zuläßt. Ihr ist nicht nur
die Kategorie des Genug fremd, sondern auch jene des Zuviel.
Keine Menge kann, sobald sie zur Bemessung einer Leistung
dient, zu groß sein; kein Unternehmer kann zuviel Geld ver-
dienen, und kein Arbeiter kann zu produktiv sein. Indem sie al-
les quantifiziert, um alles berechenbar zu machen, vernichtet
die ökonomische Rationalisierung somit jedes Kriterium, das
es ermöglicht, sich zufrieden zu geben mit dem, was man hatte,
was man gemacht hatte oder sich zu tun vornahm.

André Gorz1

Schon im dritten Kapitel wurde ausgeführt, daß derzeit nur ein


sehr kleiner Teil der Arbeitnehmerschaft tatsächlich schon unter post-
tayloristischen Arbeitsorganisationsbedingungen arbeitet. Nur in den
Kernbereichen von Produktion und Verwaltung sind dementsprechen-
de Unternehmensstrukturen heute überhaupt in nennenswertem Aus-
maß vorfindbar, und es ist (zumindest mittelfristig) auch gar nicht
damit zu rechnen, daß die angesprochenen neuen Formen der Arbeits-
organisation zu jenen Rahmenbedingungen der Arbeit werden, von
denen alle oder zumindest ein Großteil der Beschäftigten betroffen
wird. Auch der überwiegende Teil der „unternehmenskulturellen“

1 Gorz, A.: Kritik der ökonomischen Vernunft. Sinnfragen am Ende der Arbeitsge-
sellschaft. Berlin 1989, S. 163.
152 Die Arbeit hoch?

Maßnahmen, wie Erfolgsprämien, Mitarbeit in Qualitätszirkeln, indi-


viduelle Karrierepläne sowie die meisten Weiterbildungsangebote,
kommen den verschiedenen Arbeitnehmergruppen durchaus nicht in
gleichem Maß zugute. Vorwiegend profitieren derzeit bloß hochquali-
fizierte Facharbeiter, Manager und Abteilungsleiter von den diesbe-
züglichen Entwicklungen. Die „Randbelegschaften“, also leicht er-
setzbare Arbeitnehmer, Angelernte, Personen an „auslaufenden Ar-
beitsplätzen“, Leiharbeiter oder solche mit befristeten Arbeitsverträ-
gen, sind meist „die unkultivierten und unprivilegierten Stiefkinder
der Unternehmenskulturbewegung, weil sich bei ihnen unterneh-
menskulturelle Maßnahmen kaum auszahlen“2. Was heute häufig als
Raum für berufliche Selbstverwirklichung gepriesen wird und die
Basis für eine hohe Identifikation mit dem Unternehmen sowie für die
entsprechende Bereitschaft zur Arbeitsverausgabung abgeben soll,
betrifft genaugenommen (erst) einen recht kleinen Teil der Arbeit-
nehmerschaft und überwiegend nur „privilegierte“ Arbeitnehmer.
Wenn derzeit vielfach dennoch so getan wird, als ob die neuen Or-
ganisationsformen betrieblicher Arbeit sowie die Notwendigkeit, neue
adäquate Arbeitstugenden auszubilden, für alle Arbeitnehmer quasi
schon „vor der Tür“ stünden, kann das dementsprechend nur als eine
Ausweitung der im vorigen Kapitel angesprochenen „ideologischen
Vereinnahmung“ interpretiert werden. Schon rein statistisch gesehen,
besteht heute für den überwiegenden Teil der Arbeitnehmerschaft viel
eher die Gefahr, in die Randbereiche des Arbeitsmarktes und in die
Arbeitslosigkeit abgedrängt zu werden, als die Wahrscheinlichkeit,
jemals in den Bereich der unternehmenskulturell umworbenen Kern-
gruppen der Belegschaft aufzusteigen. Dennoch bekommen sie von
Arbeitsmarktforschern, Berufspädagogen und Bildungspolitikern fast
ausschließlich über die Chancen der neuen arbeitsorganisatorischen
Bedingungen und über die Notwendigkeit zu hören, sich rechtzeitig

2 Kompa, A.: Randbelegschaften, Stiefkinder der Unternehmenskultur. In: „Mitbe-


stimmung“, Jänner 1991.
Schlüsselqualifikationen – Ideologiebegriff des Post-Fordismus 153

auf die daraus folgenden Qualifikationsanforderungen vorzubereiten.


Unaufhörlich wird heute darüber gesprochen, daß bald nur mehr jene
Arbeitskräfte einsetzbar sein werden, die besonderes Engagement
zeigen, Kreativität, Selbständigkeit und unternehmerische Fähigkeiten
entwickeln, sich laufend weiterqualifizieren und zu all dem auch noch
lernen, sich selbst besser zu vermarkten. Mittransportiert wird mit
dieser Aussage gleichzeitig die Botschaft, daß alle jene, die „es nicht
schaffen“ und im Bereich der „Reservearmee“ des Arbeitsmarktes
landen, eben selber schuld seien, weil sie sich offensichtlich nicht
ausreichend auf die neu geforderten Arbeitnehmertugenden umgestellt
haben.
Wenn derzeit immer wieder behauptet wird, daß Arbeitnehmer
durch die lebenslange Anpassung ihrer Qualifikation der drohenden
Arbeitslosigkeit entgehen können, wird jedoch schlichtweg der Zu-
sammenhang zwischen dem Phänomen der in immer schnellerer Fol-
ge eingeforderten neuen Qualifikationen und dem Schrumpfen des
(Lohn-)Arbeitspotentials ignoriert. Das Propagieren der Notwendig-
keit, sich auf die durch den strukturellen Wandel ausgelösten neuen
Bedingungen der Arbeitswelt einzustellen, nimmt nicht die Tatsache
zur Kenntnis, daß der strukturelle Wandel ja im Kern genau darin
besteht, mit immer weniger menschlichen Arbeitskräften auszukom-
men. Die Logik hinter den die Anpassungsforderung auslösenden
technischen und arbeitsorganisatorischen Veränderungen besteht im
Ziel der Produktivitätserhöhung. Derselben Logik sind aber auch Ra-
tionalisierungsmaßnahmen und damit verbundene Arbeitskräfteein-
sparungen geschuldet. Die beiden Trends, die Notwendigkeit der An-
passung der Qualifikationen der Arbeitskräfte an die neuen Erforder-
nisse von Beruf und Arbeit und die permanente Verringerung des
Arbeitskräftebedarfs, speisen sich aus derselben Quelle: der an der
Logik der kapitalistischen Ökonomie ausgerichteten, technologischen
154 Die Arbeit hoch?

und arbeitsorganisatorischen Entwicklung.3 Selbst wenn alle derzeit


Arbeitslosen und von Arbeitslosigkeit bedrohten Personen lernen
würden, was angeblich gebraucht wird, wären sie überzählig und
können nur im Austausch mit Beschäftigten, deren profitable Ver-
wendbarkeit sie durch ihre Nachqualifikation überbieten können, wie-
der einen Arbeitsplatz ergattern. Und jede neu auftauchende Notwen-
digkeit zur Neuqualifikation ist bloß Indiz dafür, daß sie noch über-
zähliger geworden sind, sie repräsentieren nicht „irrtümlich“ brachlie-
gende, sondern schlichtweg überflüssige Arbeitskraft.
Parallel dazu, daß die Bereitschaft, sich laufend den neuen Quali-
fikationsanforderungen anzupassen, heute zu jenem Universalrezept
hochgelobt wird, mit dem Arbeitnehmer ihre Position im Beschäfti-
gungssystem absichern könnten, findet derzeit eine sukzessive Ent-
wertung von (Erstaus-)Bildungsabschlüssen im Hinblick auf deren
Chancenverteilungsfunktion für berufliche und damit gesellschaftli-
che Positionen statt. Dieser Effekt zeigt sich an zwei Entwicklungen:
einerseits am Trend, daß die Zugangsmöglichkeiten für bestimmte
berufliche Positionen an sukzessiv umfangreicher werdende Formal-
qualifikationen geknüpft werden und andererseits daran, daß schuli-
sche beziehungsweise universitäre Abschlüsse immer weniger einen
direkten Zugang zu Positionen des Beschäftigungssystems garantie-
ren; zunehmend eröffnen sie nur mehr die Berechtigung dafür, am
Konkurrenzkampf um attraktive berufliche Positionen überhaupt teil-
nehmen zu dürfen. Ulrich Beck zeichnet ein ausdrucksstarkes Bild für
diese Entwicklung: „Die Zertifikate, die im Bildungssystem vergeben
werden, sind keine Schlüssel mehr zum Beschäftigungssystem, son-
dern nur noch Schlüssel zu den Vorzimmern, in denen die Schlüssel
zu den Türen des Beschäftigungssystems verteilt werden.“4

3 Vgl. dazu insbesondere: Bremer, R.: Was Hänschen gelernt hat, muß Hans ver-
gessen. In: „Pädagogische Korrespondenz“, Heft 5 (1989), S. 5-17.
4 Beck, U.: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt
a.M. 1986, S. 245.
Schlüsselqualifikationen – Ideologiebegriff des Post-Fordismus 155

Allerdings verharmlost das Wort „Verteilen“ die Situation, die sich


an der Nahtstelle zwischen (Aus-)Bildungs- und Beschäftigungssys-
tem immer deutlicher abzeichnet, noch weitgehend. Unter den ge-
genwärtigen Umständen, wo immer mehr Abgänger des Bildungssys-
tems höhere Abschlüsse nachweisen können, gleichzeitig die Anzahl
an höheren beruflichen Positionen jedoch nicht nur nicht ansteigt,
sondern eine langfristige (zumindest relative) Verringerung der Ge-
samtarbeitsplätze zu verzeichnen ist, entscheidet zunehmend die Be-
reitschaft, sich zusätzlichen „Anpassungsmechanismen“ zu unterwer-
fen, über eventuelle Startchancen im Beschäftigungssystem. Die Tat-
sache, daß sich der Übergang vom Bildungs- zum Beschäftigungssys-
tem für Schulabsolventen heute immer häufiger nicht in Form eines
Umstiegs gestaltet, sondern eher die Form einer Erprobungsphase
annimmt, fügt sich in dieses Bild. „Zwischen Ausbildung und Be-
schäftigung [schiebt sich] eine risikoreiche Grenze labiler Unterbe-
schäftigung.“5 Konkret bedeutet das, daß sich zunehmend erst über
den Zwischenschritt der „Anpassungserprobung“ – die Bereitschaft,
ungesicherte und atypische Arbeitsverhältnisse, wie zum Beispiel,
Teilzeitarbeit, Anstellungen über befristete Werkverträge oder soge-
nannte „Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen“ einzugehen – und der unter
Beweis gestellten Bereitschaft, in die Optimierung seiner eigenen
Arbeitskraft zu investieren, die Tore zum Normalarbeitsmarkt öffnen.
Auch eine hoch qualifizierende Ausbildung garantiert heute immer
weniger einen (attraktiven) Arbeitsplatz. Im Gegensatz dazu stellt
aber eine nicht-Vorhandene oder eine nur gering qualifizierende Aus-
bildung mit tendenziell steigender Wahrscheinlichkeit ein
Ausschlußkriterium für den (Normal-)Arbeitsmarkt dar. Der Wert der
durch das Aus- und Weiterbildungssystem vergebenen „Qualifizie-
rungszertifikate“ bestimmt sich zunehmend weniger über eine Status-
zuweisungsfunktion, sondern immer mehr über eine Ausschlußfunkti-

5 Ebda., S. 239.
156 Die Arbeit hoch?

on. Zwar steigt die Grenzqualifikation für den Einstieg ins Erwerbsle-
ben immer weiter an6, aber es ist dennoch immer weniger die beson-
dere berufsspezifische Qualifikation, die für das Erreichen von an-
strebenswerten Positionen im Beschäftigungssystem notwendig ist,
sondern die permanente Weiterqualifizierungsbereitschaft. Damit ist
die zur Qualifikation verkürzte Bildung aber nicht nur der gesell-
schaftskritischen Potenz beraubt, die dem ursprünglichen Bildungs-
begriff innegewohnt hatte, sie hat damit schließlich auch die Mög-
lichkeit verloren, sich als gerechtes Kriterium für die gesellschaftliche
Positionsverteilung anzubieten. Es ist so, wie wenn sich vorerst ein-
zelne Zuschauer bei einem Fußballspiel auf die Zehenspitzen stellen,
um besser zu sehen. Die Folge wird sein, daß sich auch die Dahinter-
stehenden auf die Zehenspitzen stellen, dann die nächsten und immer
mehr …, bis schließlich alle Zuschauer auf den Zehenspitzen stehen
und nun zwar alle unbequemer stehen, aber dennoch bloß genau so
gut sehen wie am Anfang. Mit der Qualifikation ist es zunehmend
genauso: sie bringt zwar nichts, aber sie ist notwendig, um überhaupt
die Position halten zu können. In ihrer instrumentalisierten Qualifika-
tionsvariante paralysiert die Bildung in letzter Konsequenz damit
sogar ihren individuellen Vorteil.
Schule und Erstausbildung dienen dementsprechend – auch wenn
das die wenigsten Lehrer heute schon wahrnehmen wollen und
krampfhaft weiter an der Illusion vom Lernen für den „Lebensberuf“

6 Beck weist anhand der Tatsache, daß der Nur-Hauptschulabschluß unter einem
historischen Blickwinkel heute schon in die Nähe zum Analphabetentum gerückt
ist, auf den permanenten Anstieg der „Grenzqualifikation“ für den Einstieg ins
Erwerbsleben hin: „Im achtzehnten Jahrhundert war es noch »selbstverständ-
lich«, ohne Kenntnis des Alphabets seinen Lebensunterhalt verdienen zu können.
Im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts wird die Beherrschung des Lesens und
Schreibens mehr und mehr zur Einstiegsvoraussetzung in das expandierende in-
dustrielle Beschäftigungssystem. Im letzten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts
reicht schließlich sogar der Hauptschulabschluß allein immer weniger hin, um
arbeitsmarktvermittelt die materielle Existenz zu sichern.“ Beck, a.a.O., S.
245/246.
Schlüsselqualifikationen – Ideologiebegriff des Post-Fordismus 157

festhalten – auch immer weniger der Vorbereitung auf eine Karriere


in einem bestimmten Beruf, sondern den „Startvorbereitungen“ und
dem „Fitmachen“ für den lebenslangen Wettkampf um akzeptable
gesellschaftliche Positionen. Im Erstausbildungssystem geht es dar-
um, die „Notwendigkeit“ des rastlosen Konkurrenzkampfes zu verin-
nerlichen und die Bereitschaft zur lebenslangen Adaptierung der eige-
nen Qualifikation – des eigenen „Einsatzes“ im Konkurrenzkampf –
zu entwickeln. Die (Erst-) Ausbildung wird unter diesen Umständen
also keineswegs unwichtiger. Im Gegenteil: im Sinne des weiter oben
dargestellten Bildes von Ulrich Beck, daß die Zertifikate des
(Aus-)Bildungssystems zunehmend nur mehr die Türen zu den Vor-
zimmern des Beschäftigungssystems öffnen, bleibt die berufliche
Zukunft ohne qualifizierenden Abschluß meist gänzlich verbaut. Denn
es mag der Schlüssel für das Vorzimmer zwar unwichtig werden,
sobald jemand so weit gekommen ist, sich um den „Platz im Wohn-
zimmer“ streiten zu „dürfen“, jedoch signalisiert nur der erfolgreich
geführte „Kampf um den Vorzimmerschlüssel“ seine Qualifikation,
um zum nachfolgenden Konkurrenzkampf um eine Position im Be-
schäftigungssystem überhaupt antreten zu können. Damit ergibt sich
die paradoxe Situation, daß es heute zwar immer unwichtiger wird,
was man lernt, aber gleichzeitig immer notwendiger, daß man lernt,
um damit das eigene Durchhaltevermögen nachzuweisen und zu sig-
nalisieren, daß man den wahnwitzigen Prozeß der bewußtlosen Quali-
fikationsanpassung ausreichend verinnerlicht hat.
Damit verbunden ist ein weiterer Effekt: weiterführende berufs-
qualifizierende Bildungsgänge werden – um noch einmal an das Bild
von Ulrich Beck anzuschließen – zu „Wartesälen“ des Arbeitsmark-
tes. Weil ihnen ihre Erstausbildung aufgrund der „Überfüllung“ des
Beschäftigungssystems keinen (direkten) Zugang zu einem attraktiven
Arbeitsplatz eröffnet, sie jedoch in der Hoffnung gehalten werden, mit
einem Mehr an Qualifikationen ihre diesbezüglichen Einstiegschan-
cen verbessern zu können, schließen junge Menschen heute nach ihrer
158 Die Arbeit hoch?

Erstausbildung oft noch weitere Ausbildungsgänge an. Je länger sie


jedoch im Bildungssystem bleiben, desto mehr muß sich bei ihnen –
im Hinblick auf ihren immanenten Anspruch einer beruflichen Zu-
kunft – das Gefühl herausbilden, ihre Zeit dort unnötig zu „versitzen“.
(Berufsqualifizierende) Schulen wandeln sich zu gesellschaftlichen
Aufbewahrungsanstalten. Die Funktion der Qualifizierung, im Sinne
des Abrichtens der Schüler für eine Verwendung im Beschäftigungs-
system, können sie immer schwerer erfüllen, eine Ausrichtung an
nicht arbeitsmarktbezogenen Inhalten entspricht nicht ihrer Zielset-
zung. Sie befinden sich in der Situation, den Schülern die paradoxe
Botschaft schmackhaft machen zu müssen, daß die von ihnen offerier-
ten Qualifikationen zwar in der Form der berufsrelevanten Kenntnisse
und Fertigkeiten nutzlos sind – weil auch sie bei Abschluß der Aus-
bildung oft schon wieder veraltet sind –, durch den Erwerb dieser
„nutzlosen“ Qualifikationen aber genau jene „Persönlichkeit“ heraus-
gebildet wird, die dem Ideal der post-fordistischen Gesellschaft ent-
spricht.
Das verbindende Muster der skizzierten Entwicklungen im Aus-
und Weiterbildungsbereich besteht darin, daß es unter den heutigen
Gegebenheiten des allumfassenden Konkurrenzkampfes im „post-
fordistischen Kapitalismus“ eben um wesentlich mehr geht als um
neue Bereiche beruflichen Wissens und Könnens für (potentielle)
Arbeitnehmer. Es geht um die endgültige Durchsetzung der „Ideolo-
gie der ökonomischen Rationalität“ auf der Ebene der Selbstvermark-
tung der Individuen. Endgültig angesagt ist der Abschied von jener
seit Luther noch immer in den Köpfen der Menschen herumspuken-
den Vorstellung, daß die berufliche Tätigkeit eines Menschen etwas
mit dessen „Eignung und Neigung“ – mit seiner „Berufung“ – zu tun
haben sollte. Heute gilt es dagegen, die wahllose Vermarktung seiner
selbst für selbstverständlich zu halten und widersinnigerweise, trotz
des immer schnelleren Veraltens der Qualifikationen, alles daranzu-
setzen, qualifikatorisch „am Ball“ zu bleiben. Ziel heutiger Bildung
Schlüsselqualifikationen – Ideologiebegriff des Post-Fordismus 159

ist die Akzeptanz des post-fordistischen Legitimationsmusters, daß


das Recht der Partizipation an den prinzipiell knappen Früchten der
gesellschaftlichen Arbeit nur jenen zusteht, die ihre grundsätzliche
Austauschbarkeit akzeptiert haben und, aus diesem Bewußtsein her-
aus, sich permanent um ihre weitere und immer bessere Vermarktbar-
keit bemühen.
Völlig unabhängig von tatsächlich gegebenen oder nicht gegebe-
nen Arbeitsplatzchancen ist es heute notwendig, daß alle Gesell-
schaftsmitglieder diese „Selbstdisziplinierung im Sinne der ökonomi-
schen Logik“ als eine nicht mehr zu hinterfragende Primärtugend
verinnerlichen. Als „Gebildet“ erscheint der, der sich der Anforde-
rung der Anpassung angepaßt hat und den Zwang zur lebenslangen
Nachjustierung seiner Selbst als „Ware Arbeitskraft“ völlig verinner-
licht hat. Nicht eine bestimmte Aus-Bildung gilt es anzustreben, son-
dern die ständige „Optimierung“ seiner Selbst in bezug auf vermarkt-
bare Qualifikationen. Notwendig ist die Bereitschaft, das kapitalisti-
sche Prinzip der grenzenlosen Ausbeutung gegen sich Selbst zu wen-
den und den eigenen Verschleiß als gerechtfertigten Tribut an die
Immer-mehr-Spirale der Wachstumsgesellschaft zu akzeptieren. „Das
lebenslange Lernen ist zu jenem sinnlosen Sinnersatz geworden, der
die »gleichgültige«, »sinnlose« Massenproduktion immer schon war.
Der »ziellose« Arbeitsprozeß hat im »endlosen« Bildungsprozeß sei-
nen ihm immer identischer werdenden Partner gefunden.“7 Berufliche
Weiterbildung wandelt sich unter diesen Umständen von einem An-
gebot, das entsprechend persönlicher Karrierewünsche angenommen
werden kann oder nicht, zu einem Zwang – sie erhält totalitären Cha-
rakter. Das kapitalistische Prinzip „wachsen oder weichen“ hat auch
sie voll erfaßt. Ein immer größer werdendes „Angebot“ an Weiterbil-

7 Geißler, K.A./Kutscha, G.: Modernisierung der Berufsbildung – Paradoxien und


Parodontosen. Oder: Was ist modern an der Modernisierung der Berufsbildung
und ihrer Theorie? In: Kipp et al. (Hg.): Paradoxien in der beruflichen Aus- und
Weiterbildung. Zur Kritik ihrer Modernitätskrisen. Frankfurt a.M. 1992, S. 16.
160 Die Arbeit hoch?

dungsmöglichkeiten korreliert mit einer immer geringer werdenden


Freiheit der Individuen, bezüglich der Entscheidung, ob sie das, was
da angeboten wird, überhaupt haben wollen.8 Immer weniger gibt es
die Chance, sich auf dem einmal erreichten „Bildungslorbeer“ auszu-
ruhen. Denn wer aus dem lebenslänglichen Prozeß der Weiterqualifi-
zierung aussteigt, wird rasch von nachdrängenden, noch „Bildungs-
willigen“, eigentlich: noch „Selbstausbeutungsfähigen“, verdrängt,
fällt auf untere Ränge des Beschäftigungssystems zurück oder gleich
gänzlich aus dem System der Humankapitalverwertung heraus.9 „A-
dapt or die“ lautet die Devise, oder – in Form eines Spruchs aus der
Jugendszene „Du hast keine Chance – nutze sie!“

8 Dieser Tatsache entspricht auch der Trend, daß Weiterbildung immer mehr auch
als Anreiz für überdurchschnittliche Leistungen eingesetzt wird. Zu Weiterbil-
dungsveranstaltungen entsandt zu werden, gewinnt zunehmend, neben gewinn-
beteiligenden Salarisierungssystemen und anderen Formen der Beteiligung an
der Wertsteigerung des Unternehmens, für Mitarbeiter in höheren Positionen die
Bedeutung einer Gratifikation.
9 In logischer Konsequenz zum Bisherigen zeichnet sich heute schon der Trend ab,
daß es in Zukunft nicht einmal mehr genügen wird, die Bereitschaft zur Weiter-
bildung zu bekunden, zunehmend wird die „selbstorganisierte Weiterbildung“
eingefordert werden. In derselben Form, wie Arbeitnehmer in modernen Unter-
nehmensorganisationskonzepten heute aufgefordert sind, permanent über Ratio-
nalisierungsmöglichkeiten und Optimierungsmöglichkeiten des Produktionsab-
laufes nachzudenken und die Verantwortung für die Konkurrenzfähigkeit der je-
weiligen Produkte an die unteren Hierarchieebenen delegiert werden, wird ihnen
zunehmend auch die Verantwortung für die rechtzeitige Adaptierung ihrer Quali-
fikation zugespielt. In Zukunft wird wahrscheinlich der Arbeitnehmer gefordert,
der sich der Weiterbildung nicht im Sinne einer Notwendigkeit unterwirft, son-
dern Weiterbildung sucht und sich, entsprechend der von ihm erkannten Mög-
lichkeiten einer besseren Selbstvermarktung, Weiterbildung selbst organisiert
und auch noch selbst bezahlt. So wie sich Handwerker früher ihr Werkzeug
selbst kaufen mußten, läßt sich heute die Entwicklung absehen, daß Kosten und
Verantwortung für die Aufrechterhaltung der Verwendbarkeit des „Humankapi-
tals“ quasi den Trägern des Humankapitals selbst zugespielt wird. Die ideologi-
sche Legitimation dieser Entwicklung lautet dann, daß aus dem ehemals unfreien
Arbeitnehmer nun der sich selbst vermarktende selbständige Unternehmer wird.
Schlüsselqualifikationen – Ideologiebegriff des Post-Fordismus 161

Die lebenslang lernend artikulierte Anpassungsbereitschaft – die


„Bereitschaft zum lebenslangen Lernen“ – wird heute auch gerne zu
einer der neuen, zunehmend allgemein notwendig werdenden
„Schlüsselqualifikationen“ hochgelobt. Dieser Begriff, der 1974 von
Dieter Mertens in die Diskussion gebracht worden war10, ist seitdem
zu so etwas wie einer Konsensformel in der bildungstheoretischen
und der bildungspolitischen Diskussion geworden. In einer Unzahl
von wissenschaftlichen Abhandlungen wurde er von (Berufs-)Päda–
gogen verschiedenster Richtungen aufgegriffen und inhaltlich ausges-
taltet. In den zwei Jahrzehnten seit seiner Erfindung avancierte er zu
einem jener pädagogischen Zauberwörter, die dafür dienen, den Wi-
derspruch von Mündigkeit und Brauchbarkeit in den Griff zu bekom-
men, jenes grundsätzliche Dilemma der Pädagogik, einerseits als phi-
losophisch-reflektierende Wissenschaft in die zeitlos geltende Frage
nach der Humanisierung des Menschen eingebunden zu sein und an-
dererseits permanent Handlungsanweisungen für pädagogisch-
praktisches Geschehen unter bestimmten historisch-gesellschaftlichen
Rahmenbedingungen liefern zu müssen. Von Anfang an gab es zwar
auch skeptische Stimmen, die dem Konzept eine diesbezügliche Lö-
sungskapazität und besondere Originalität abgesprochen haben 11, wie
zum Beispiel Lisop, die unmißverständlich ablehnend von einer „Zu-

10 Mertens, D.: Schlüsselqualifikationen. Thesen zur Schulung für eine moderne


Gesellschaft. In: Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. 7
(1974), S. 36-43.
11 Mertens selbst ging ebenfalls davon aus, mit dem Schlüsselqualifikationskonzept
„keineswegs einen neuartigen oder auch nur originellen Gedanken, wohl aber ei-
ne zusätzliche Fundierung für lang diskutierte und gepflegte Prinzipien der lern-
psychologisch orientierten Pädagogik in die Bildungsdebatte einzubringen“.
Mertens, D.: Schlüsselqualifikationen. Überlegungen zu ihrer Identifizierung im
Erst- und Weiterbildungssystem. (1974), zit. nach Arnold, R.: Betriebliche Wei-
terbildung. Bad Heilbrunn 1991, S. 70.
162 Die Arbeit hoch?

kunftsbewältigung ohne Sinn und Verstand“12 spricht, oder Strunk


und Geißler, die massiven „Ideologieverdacht“ geltend machten 13.
Dennoch kann festgestellt werden, daß mit dem Begriff „Schlüssel-
qualifikationen“ ein zentraler berufspädagogischer Leitbegriff ent-
standen ist, mit dem die Berufspädagogik auch versucht, sich von
jenem durch Lempert auf den Punkt gebrachten Vorwurf zu befreien,
sie sei „eher eine ideologische Rechfertigungslehre als eine Erfah-
rungswissenschaft, geschweige denn eine kritische Disziplin“14 und
ist in diesem Sinn – wie er es an anderer Stelle ausdrückt – „sowohl
hinter den Bildungsbegriff in seiner ursprünglichen Fassung zurück-
gefallen als auch hinter der sich wandelnden Berufswirklichkeit zu-
rückgeblieben“15.
Gleichzeitig hat sich der Terminus „Schlüsselqualifikationen“ aber
auch zum bildungspolitischen Kampfbegriff entwickelt und wird
diesbezüglich heute von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisatio-
nen und den verschiedensten politischen Gruppierungen gleicherma-
ßen genutzt.16 Offensichtlich gelang es mit dem Konzept, das von
Mertens ja auch tatsächlich als ein explizit „arbeitsmarktpolitisches“
Lösungsmodell eingeführt worden war, die Vorstellung zu suggerie-

12 Lisop, I.: Schlüsselqualifikationen – Zukunftsbewältigung ohne Sinn und


Verstand. In: Siebert, H./Weinberg, J. (Hg.): Literatur und Forschungs-Report
Weiterbildung. Münster 1988 Nr. 12, S. 84-88.
13 Geißler, K.A.: Schlüsselqualifikation. Die Mär vom goldenen Schlüssel. Ein
Begriff, der bildungspolitische Karriere gemacht hat. In: „Lernfeld Betrieb“,
(1989) 5, S. 3. Strunk, G.: Bildung zwischen Qualifizierung und Aufklärung.
Bad Heilbrunn 1988.
14 Lempert, W.: Erziehungswissenschaft und Verbandsinteressen als gestaltende
Faktoren des westdeutschen Lehrlingswesens. In: „Neue Sammlung“ 10 (1970)
3, S. 320.
15 Lempert, W.: Vorwort zu Stütz, a.a.O, S. I.
16 Bezeichnenderweise war das Thema der Schlüsselqualifikationen auch einer der
wenigen Bereiche, wo bei der Verbändeanhörung der Enquete-Kommission
„Zukünftige Bildungspolitik – Bildung 2000“ des Deutschen Bundestags Arbeit-
geberverbände und Gewerkschaften unisono dieselben Erwartungen äußerten.
Deutscher Bundestag, Drucksache 11/5349, S. 65.
Schlüsselqualifikationen – Ideologiebegriff des Post-Fordismus 163

ren, daß sich auf der Ebene der Schlüsselqualifikationen die Interes-
sen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern treffen und sich in der For-
derung nach einer entsprechend ausgerichteten beruflichen Bildung
der „Widerspruch von Kapital und Arbeit“ gleichsam auflöst. Geißler
und Orthey, die den Schlüsselqualifikationsbegriff ob seiner Sub-
stanzlosigkeit polemisch, (aber durchaus treffend) als einen „Such-
begriff der Modernisierung“17 bezeichnen, haben neben einer Reihe
anderer Autoren aufgezeigt, daß der Terminus trotz beziehungsweise
offenbar gerade wegen seiner Unverbindlichkeit besonders gut geeig-
net war, gleichermaßen zu einem (berufs-)pädagogischen und bil-
dungspolitischen Zentralbegriff aufzurücken. Durch eine Verbindung
„plausibler Bildhaftigkeit“ mit genügender Abstraktheit18 ist es mit
diesem Begriff gelungen, positive Erwartungen bezüglich arbeits-
marktpolitischer Probleme auszulösen und gleichzeitig eine Befreiung
aus der Not des Hinterherhetzens hinter den permanent und immer
rascher sich verändernden Arbeits- und Qualifikationsanforderungen
zu versprechen.
Mertens verfolgte mit seinem Konzept die Absicht, angesichts des
Prognosedefizits der Bildungsplanung Schlüsselqualifikationen quasi
als Prognoseersatz einzusetzen und damit das ungelöste Problem der
Anpassung von Bildungs- und Beschäftigungssystem in den Griff zu
bekommen. Es ging ihm – durchaus im Sinne einer „wirtschaftlichen
und gesellschaftlichen Verwertung von Bildung“19 – um die Anpas-
sungsfähigkeit an nicht Prognostizierbares. Der Schlüsselqualifikati-
onsbegriff kann damit als Antwort auf die etwa Mitte der siebziger
Jahre einsetzende „Sinnkrise“ der (instrumentalisierten) Bildung ge-

17 Geißler, K.A./Orthey, F.M.: Schlüsselqualifikationen. Paradoxe Konjunktur


eines Suchbegriffs der Modernisierung. In: „Grundlagen der Weiterbildung“, 4
(1993) 3, S. 154-156.
18 Vgl: Reetz, L.: Das Konzept der Schlüsselqualifikationen in der Berufsbildung
(I). In „Zeitschrift für Berufs- und Wirtschaftspädagogik“, 85 (1989) 5, S. 3.
19 Mertens, D.: Schlüsselqualifikationen. Überlegungen zu ihrer Identifizierung im
Erst- und Weiterbildungssystem, (1974). Zit. nach Arnold, a.a.O., S. 73.
164 Die Arbeit hoch?

sehen werden. Aufgrund des beginnenden Konjunkturrückgangs und


einer damit verbundenen, anwachsenden (Jugend-) Arbeitslosigkeit
wurde damals die seit Ende der fünfziger Jahre propagierte beschäfti-
gungsorientierte Bildungspolitik zunehmend ihrer Legitimation be-
raubt. In den späten fünfziger Jahren waren ja – im Zusammenhang
mit dem sogenannten „Sputnikschock“ und dem damit ausgelösten
Bestreben, „Begabungsreserven“ auszuschöpfen, – bildungsökonomi-
sche Fragestellungen weit in den Vordergrund bildungspolitischer
Überlegungen gerückt. Die Vorstellung, durch eine verstärkte Aus-
richtung von Bildungsmaßnahmen am wachsenden Bedarf der Wirt-
schaft nach höher qualifizierten Arbeitskräften, das ökonomische
Wachstum ankurbeln zu können und damit insgesamt gesicherte Be-
schäftigungsmöglichkeiten zu schaffen, war zum weitgehend aner-
kannten bildungspolitischen Argument avanciert.20 Der Konjunktur-
einbruch Mitte der fünfziger Jahre und das erstmalige Ansteigen der
Arbeitlosenraten seit Ende der Nachkriegsära desavouierten diese
Vorstellungen dann allerdings wieder massiv.
Die Vorhersagbarkeit des Bedarfs der Wirtschaft nach einem be-
stimmten Qualifikationsprofil des Arbeitskräftenachwuchses und die
entsprechende Ausrichtung von Bildungsmaßnahmen wurden unter

20 In den folgenden Jahren war dann unter dem Titel der „Herstellung von mehr
Chancengleicheit“ auch der „Aufstieg durch Bildung“ für Kinder sozial weniger
privilegierter Schichten propagiert worden. Mit Hilfe materieller Unterstützun-
gen – wie zum Beispiel kostenloser Fahrt zur Schule, „Schulbuchaktion“ oder
Abschaffung der Studiengebühren – und dem Ausbau eines flächendeckenden
Netzes an höheren Schulen wurde versucht, Benachteiligten den Weg zur höhe-
ren Bildung zu ebnen. Rückblickend muß heute die Vorstellung eines sozialen
Aufstiegs durch den Besuch weiterführender Bildungsgänge jedoch als weitge-
hend gescheitert bezeichnet werden. Zwar haben diese Maßnahmen zu einer ge-
nerellen Anhebung des Qualifikationsniveaus geführt und in Einzelfällen wohl
auch eine schichtuntypische höhere Bildungs- und Lebenskarriere begünstigt,
insgesamt wurde die Sozialstruktur der Gesellschaft sowie die Reproduktion der
sozialen Schichtung damit jedoch nur marginal verändert. Vgl. dazu: Leschinsky,
A.: Bildung, Ungleichheit und Markt. In: Zeitschrift für Pädagogik 39 (1993) 1,
S. 19-23.
Schlüsselqualifikationen – Ideologiebegriff des Post-Fordismus 165

diesen Umständen wieder in Zweifel gezogen, genauso wie die Vor-


stellung vom ständig steigenden Bedarf der Wirtschaft an Arbeitskräf-
ten, die eine höhere Stufe der Qualifikationshierarchie erklommen
haben. Ein Ausweg aus diesem Dilemma wurde darin gesehen, Quali-
fikationsmerkmale zu finden, die sich nicht an den aktuell geforderten
Qualifikationen der bestehenden Arbeitsplätze orientieren, sondern
den Einzelnen befähigen, sich flexibel unterschiedlichen, auch noch
gar nicht absehbaren zukünftigen Arbeitsanforderungen zuzuwenden
und diese – ohne zusätzlichen Umschulungsaufwand – zu bewältigen.
Aufbauend auf die diesbezüglichen grundsätzlichen Überlegungen
von Mertens wurde in der Folge durch verschiedenste Autoren ein
Kanon relativ allgemeiner „Grund- oder Schlüsselqualifikationen“
entwickelt, „die keine spezielle Fachkompetenz, sondern eher eine
allgemeine »berufliche Handlungsfähigkeit« beschreiben, zu der ne-
ben einer allgemeinen Lernbereitschaft und situationsbezogenen Er-
fahrungsfähigkeit, neben Umstellungsfähigkeit, Rationalität, Problem-
lösungsfähigkeit usw. eben auch die Qualität gehört, sich relativ auto-
nom und distanziert gegenüber wechselnden Bedingungen des Ar-
beitsmarktes zu verhalten.“21 Quasi durch eine „Erhöhung der inneren
und äußeren Flexibilität“ der zukünftigen Beschäftigten sollte deren
Adaptionsvermögen an unterschiedliche Arbeitsanforderungen und
damit auch ihre Chancen auf einen Lohnarbeitsplatz erhöht werden.
Aufbauend auf der Vorstellung einer Qualifizierung, deren Zielset-
zung nicht in einem konkreten, detailliert benennbaren Katalog von
Kenntnissen und Fertigkeiten besteht, die hingegen die Fähigkeit zur
Adaption an die jeweils geforderten Arbeitsanforderungen in den
Mittelpunkt ihrer Bemühungen stellt, wurden in den letzten Jahren
dann auch eine Reihe sogenannter „neuer Methoden“ der beruflichen
Aus- und Weiterbildung kolportiert. Hauptsächlich in großen, „bil-
dungsinnovativen“ Unternehmen der BRD wurden verschiedentlich

21 Brater, M.: Arbeit – Beruf – Persönlichkeit. In: Beiheft 4 zur „Zeitschrift für
Berufs- und Wirtschaftspädagogik“, Wiesbaden 1983, S. 38.
166 Die Arbeit hoch?

Versuche gestartet, von den klassischen Methoden der Unterweisung


abzugehen und mit neuen, auf berufliche Selbständigkeit und Auto-
nomie ausgerichteten Formen des Erlernens beruflicher Kenntnisse
und Fertigkeiten zu experimentieren. „Leittextmethode“, „Übungs-
firma“, „Projektausbildung“, „Lernstatt“ oder „Qualitätszirkel“ sind
einige der gängigen Bezeichnungen, mit denen diese neuen Methoden
der beruflichen Bildung in diversen Projektberichten, Festschriften
oder Informationsblättern auftauchen.22 Allen diesen Versuchen ist
gemeinsam, daß sie auf die Herausbildung grundsätzlicher Kompe-
tenzen des Bewältigens von Arbeitssituationen in Form sogenannter
„polyvalenter Qualifikationen“ abzielen, und damit die Grundlage für
die Möglichkeit des permanenten und selbständigen (Neu-)Erwerbs
jeweils neuer arbeitsplatzspezifischer Kenntnisse und Fertigkeiten
schaffen sollen.
Der Begriff „Schlüsselqualifikationen“ stellt quasi den zum Wort
gewordenen Wunsch nach der Zielbestimmung einer Ausbildung dar,
die ihr Versprechen, für die Anforderungen des Beschäftigungssys-
tems vorzubereiten, trotz der Situation einlöst, daß heute niemand
seriös vorhersagen kann, wie diese Anforderungen auch in nur fünf
Jahren konkret ausschauen werden. Er spiegelt das Bemühen wider,
„den Begriff der »Qualifikation«, der spezifisch individuell und auf-

22 Vgl. (Auswahl): Bundesinstitut für Berufsbildung (Hg.): Lernen am Arbeitsplatz,


gefördert durch Leittexte, angeleitet durch Ausbilder. Ergebnisse aus dem Mo-
dellversuch „Nachqualifizierung zum Verfahrensmechaniker“. Berlin 1989. Cal-
chera, F.; Weber, J.C. (Bundesinstitut für Berufsbildung): Entwicklung und För-
derung von Basiskompetenzen/Schlüsselqualifikationen. Berlin/Bonn 1990.
Hoesch Stahl AG (Hg.): Leittexte in der betrieblichen Berufsbildung. Ziele -
Entwicklungen - Erwartungen. Salzgitter 1987. Hoesch Stahl AG (Hg.): Selbst-
lernsysteme mit Hilfe des auftragsbezogenen Leittextes. Salzgitter 1987. Höpf-
ner, H.D.: Entwicklung selbständigen Handelns in der beruflichen Aus- und
Weiterbildung. Berichte zur beruflichen Bildung, Heft 142. Hrsg. durch das
Bundesinstitut für Berufsbildung, Berlin/Bonn 1991. Schmidt-Hackenberg, B. et.
al. (Bundesinstitut für Berufsbildung): Neue Ausbildungsmethoden in der be-
trieblichen Berufsausbildung. Ergebnisse aus Modellversuchen. Berlin/Bonn
1989.
Schlüsselqualifikationen – Ideologiebegriff des Post-Fordismus 167

gabenzentriert zu bestimmen ist, durch die Voranstellung eines


»Schlüssels« zur endlichen Lösung der Suche nach einem universalis-
tischen allgemein- und berufspädagogischen Prinzip machen zu kön-
nen“. „Das Wort »Schlüsselqualifikation« lebt von der Vorstellung
eines von der beschleunigten Bewegung unabhängigen, quasi absolu-
ten Ortes. Dies aber um den Preis der Entleerung, das heißt der Ortlo-
sigkeit.23 Der Schlüsselqualifikationsbegriff stellt damit im Hinblick
auf das zur „Ware Qualifikation“ reduzierte heutige Bildungsver-
ständnis gewissermaßen das Pendant zum „alten“ Bildungsbegriff
dar. Eine zeit- und bedingungslos definierte Zielbeschreibung päda-
gogischen Handelns, die sich in ihrer allgemeinen Fassung vergleich-
bar diffus darstellt, im Zuge der Konkretisierung aber ebenfalls sehr
schnell ihren gesellschaftsstützend-ideologischen Kern offenbart.
Wer den „Schlüssel“ in Form der richtigen „Qualifikationen“ be-
sitzt, dem eröffnen sich – so die durch den Schlüsselqualifikations-
begriff suggerierte hoffnungsfrohe Botschaft – die Tore zum Beschäf-
tigungssystem, zu einem attraktiven Arbeitsplatz und zur Karriere.
Aber auch das dergestalt positiv vermittelte Bild vom „Türen öffnen-
den Qualifikationsschlüssel“ signalisiert zugleich auch das versperr-
bare Tor zur Berufstätigkeit, also auch die Aussperrung der Unterqua-
lifizierten.24 Daß schon bald nur mehr die „Schlüssel-Qualifizierten“
einen Anspruch auf die immer weniger werdenden Arbeitsplätze gel-
tend machen können, heißt eben auch, daß immer mehr Menschen
von der ökonomischen Reproduktion ausgeschlossen, also arbeitslos
sein werden. Und je mehr Arbeitsplätze im Zuge der fortschreitenden
Erhöhung der Produktivität wegfallen werden, desto größer wird die
Anpassungsleistung sein müssen, um einen der verbleibenden Plätze
im Beschäftigungssystem zu ergattern. Schlüsselqualifiziert zu sein

23 Geißler/Orthey, a.a.O., S. 155 und 154.


24 Vgl.: Geißler, K.A.: Schlüsselqualifikationen – ein Schlüssel auch zum Ab-
schließen. In: Siebert, H./Weinberg, J.(Hg.): Literatur und Forschungs-Report
Weiterbildung. Münster 1988 Nr. 12, S. 89-93.
168 Die Arbeit hoch?

heißt eben nicht, mit einem bestimmten, definierbaren Kanon von


Kompetenzen den „Schlüssel“ für das Tor zum Arbeitsmarkt zu er-
werben, sondern bloß, sich bewerben zu dürfen, am Konkurrenz-
kampf um die immer weniger werdenden Arbeitsplätze teilzunehmen.
Den Schlüssel, der den Arbeitsmarkt einfach aufschließt gibt es nicht.
Der Mechanismus des Entstehens und Verschwindens von Arbeits-
plätzen ist ökonomischer Natur und hat bestenfalls einen marginalen
Zusammenhang mit der konkreten Qualifikation der davon Betroffe-
nen.
Dementsprechend zeigt sich ja auch immer wieder, daß Maßnah-
men zur Bekämpfung von Arbeitslosigkeit, die (nur) auf Maßnahmen
zur Erhöhung der Qualifikation der Arbeitsuchenden aufbauen, zum
Scheitern verurteilt sind. Statt gesellschaftlich determinierte Un-
gleichheiten zu beseitigen, verstärken sie diese sogar zumeist noch.
Zwar können Qualifizierungsmaßnahmen die individuellen Chancen
von Personen bei der Suche nach einem Lohnarbeitsplatz erhöhen,
zugleich bewirken sie jedoch auch eine weitere Verschärfung des
Konkurrenzkampfes und schaffen neue Verdrängungsmechanismen
unter den Arbeitnehmern. Die Zahl der Ausgegrenzten wird damit auf
jeden Fall nicht geringer – wie viele Arbeitskräfte benötigt werden,
bestimmt sich über den Stand der Produktivkraftentwicklung und
durch die Gesetzmäßigkeiten der kapitalistischen Ökonomie. Diejeni-
gen, die aus ökonomischen Gründen nicht gebraucht werden, definie-
ren allerdings indirekt die für den Arbeitsmarkt jeweils „ungenügen-
den“ Qualifikationen und stellen gleichzeitig die Mahnung zum Wei-
terlernen für die (noch) nicht vom Beschäftigungssystem Ausgegrenz-
ten dar.
Insgesamt entspricht die Entwicklung völlig der Logik einer zur
Ware verkommenen Bildung. Die warenförmige Bildung unterliegt
eben auch dem kapitalistischen Konsumzwang. Sowohl Arbeitszwang
als auch Konsumzwang sind Phänomene des fortgeschrittenen Kapita-
lismus, die Chance auf gesellschaftliche Normalbehandlung hat nur
Schlüsselqualifikationen – Ideologiebegriff des Post-Fordismus 169

der, der arbeitet und konsumiert. Damit auch nur der, der sich – im
heutigen Warenverständnis von (Weiter-)Bildung – „bildet“, also
Qualifikation konsumiert. Durch dieses tendenzielle Gleichwerden
von Bildung und Konsum trifft auf Bildung aber immer mehr auch
eine andere grundsätzliche Tatsache des kapitalistischen Marktes zu:
das nie eingelöste Versprechen der Wunscherlösung. Der kapitalisti-
sche Markt lebt vom permanenten Versprechen des Glücks und der
Befriedigung, nicht jedoch von der Erfüllung dieser Versprechungen.
Auch für die zur „Ware Qualifikation“ reduzierte Bildung trifft dieser
Mechanismus immer selbstverständlicher zu. Sie verspricht Glück in
Form einer abgesicherten gesellschaftlichen Position, kann dieses
Versprechen jedoch immer weniger einlösen, je mehr Menschen an
das Glücksversprechen glauben und „Bildung“ in der Hoffnung auf
Aufstieg konsumieren.
Das zwar auch heute weitgehend nur formal eingelöste sowie über
eine Vielzahl gesellschaftlicher Mechanismen gebrochene und unter-
laufene Eingangsversprechen der Moderne, daß prinzipiell jedem jede
gesellschaftliche Position offensteht und die Bereitschaft zur Leis-
tungserbringung über die erreichbare gesellschaftliche Position ent-
scheiden soll, führt in Kombination mit der sich zunehmend heraus-
bildenden post-fordistischen, „gespaltenen Gesellschaft“ dazu, daß die
Bedeutung definierbarer, auf eine bestimmte berufliche Tätigkeit be-
zogener Kenntnisse und Fertigkeiten derzeit relativ abnimmt, dagegen
die Bereitschaft, sich dem Zwang zu unterwerfen, „besser als andere“
zu sein, zur Primärtugend wird, um am Arbeitsmarkt reüssieren zu
können. Im Gegensatz zum „Richtig“, das immanent eine Grenze
beinhaltet, kann „Besser“ jedoch immer noch besser werden; besser
ist nach oben offen, es ist durch nichts begrenzt. „Wer aufgehört hat,
besser zu sein, hat aufgehört, gut zu sein“25 ist dementsprechend nicht
bloß ein Slogan zur Steigerung der Arbeitsbereitschaft der sich selbst

25 Konzernzeitung „Audi mobil“, zit. nach „Profil“ 14/2. April 1991.


170 Die Arbeit hoch?

disziplinierenden Arbeitnehmer eines Automobilwerks, sondern ein


zentrales Ideologieelement der post-fordistischen Gesellschaft über-
haupt.
Ganz wesentlich ist dabei, daß sich das geforderte „Besser“ nicht
an einem ethisch oder ideologisch legitimierten Ziel mißt, sondern
einzig und allein am Ziel der Vermarktbarkeit. Besser ist, was sich
besser verkaufen läßt, was sich im System der Mehrwertproduktion
als effektiver herausstellt. Besser ist demgemäß auch derjenige, der
sich selbst in dem, der maximalen Mehrwertproduktion geschuldeten,
allumfassenden Konkurrenzkampf so vollständig als möglich zur
Ware degradiert. Derjenige also, der bereit ist, seine Persönlichkeits-
merkmale weitestgehend zu relativieren beziehungsweise – noch bes-
ser, der erst gar keine stabile Persönlichkeit im klassischen Sinne
ausbildet, sondern flexibel mit den jeweiligen Bedingungen des Mark-
tes „mitgeht“. Ganz unverblümt lautet dementsprechend die postmo-
dern-euphorische Botschaft: „Das Ideal der stimmigen, ja selbst der
klassisch starken Persönlichkeit hat offenbar inzwischen ausgespielt.
[…] Ähnlich das Ideal der »reifen« Persönlichkeit. Das heißt der sta-
bilen, in sich ruhenden […], die ihre Identität gefunden [hat]. Statt
dessen erweist sich zunehmend der vormals »unreife«, adoleszente
Typ mit seiner ständig wechselnden, experimentellen Identität als
funktional für die schnell wachsenden Anforderungen der postindus-
triellen Gesellschaft.“ Die neuen beruflichen Anforderungen „in der
Epoche pluralistischer Guerrilla-Konkurrenz“ erfordern eben – so
wird begeistert argumentiert – den „kreativen Opportunisten“. Die
Folge ist, daß nun die „Wandlungsfähigkeit selbst zu einer Tugend
[wird], ganz unabhängig vom Inhalt, unabhängig davon, wofür man
offen ist“26. Und selbstverständlich auch unabhängig von irgendwel-

26 Gebhardt, E.: Abschied von der Autorität. Die Manager der Postmoderne. Wies-
baden 1991, S. 38, 12 und 11, Hervorhebungen E.R. Der Autor, Dr. Eike Geb-
hard – Kultur- und Sozialwissenschafter der an verschiedenen Universitäten lehrt
– gibt an, mit seinem auf postmoderner Philosophie aufbauenden Buch „Einsich-
Schlüsselqualifikationen – Ideologiebegriff des Post-Fordismus 171

chen idealistischen Vorstellungen über die „entfaltete Persönlichkeit“.


Denn wenn auch ein berühmt gewordenes Graffiti postuliert: „Wer für
alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein“, definiert – wie schon im-
mer im Kapitalismus, so auch unter post-fordistischen Bedingungen –
die Ökonomie, was eine Tugend ist!
Unmündigkeit und Intelligenz müssen verschmelzen – selbstrefle-
xives Denken ist kontraproduktiv für die Wachstumsökonomie, ge-
braucht wird, wer nur das Lernen gelernt hat. Diese Tatsache wird
konsequent übersehen, wenn verschiedentlich euphorisch der persön-
lichkeitsbildende Aspekt der sogenannten Schlüsselqualifikationen
hervorgehoben wird. Auch Autoren, denen es an anderen Stellen
durchaus nicht an einer kritischen Einschätzung der persönlichkeits-
prägenden Effekte der Berufsausbildung fehlt, nehmen in diesem
Zusammenhang einen erstaunlich idealisierenden Standpunkt ein.
Stellvertretend für eine Reihe von Autoren, die glauben, daß unter den
heraufdämmernden neuen arbeitsorganisatorischen und technologi-
schen Bedingungen der Berufs- und Arbeitswelt der alte Widerspruch
zwischen Bildung und Ausbildung obsolet wird und „Persönlichkeits-
entfaltung“ nun zu einem Ziel der Fachausbildung aufrückt, seien hier
Brater/Büchele/Fucke/Herz zitiert. Sie stellen für „die Berufsausbil-
dung in ihrer überkommenen Form“ zwar kritisch fest, daß diese „ein
»heimliches Curriculum« der Prägung von Denkweisen und Hal-

ten und Orientierungshilfen auf Basis handfester sozialpsychologischer Erkennt-


nisse“ geben zu wollen. „Erkenntnisse, die gerade in der persönlichen Neu-
Orientierung erfrischende Wahrheiten ohne Rücksicht auf überholte Moralvor-
stellungen zutage fördern“ und helfen sollen, „nicht nur den Managementalltag,
sondern auch die persönliche Lebensgestaltung [zu] entschlacken und berei-
chern“ In diesem Sinn fordert er: „Auch im menschlichen Umgang müssen An-
gebot und Nachfrage die Arten der Kommunikation regeln. Natürlich gibt es wie
überall auch hier Freihandelszonen, Sonderangebote, Geschenke, aber es gibt,
selbst wenn uns diese Terminologie nicht schmeckt – menschliche Umgebung
sollte doch frei sein von solchen rüden Mechanismen –, wir wissen’s alle, auch
hier Investitionen, Risiken, Rendite, Konkurrenz, Gewinner, Verlierer.“ (Her-
vorhebungen E.R.).
172 Die Arbeit hoch?

tungsmustern, Orientierungen und personalen Grundfähigkeiten [ent-


hält], die tatsächlich mit keinem der pädagogischen Bildungsbegriffe
vereinbar ist“27. Bei der Einschätzung der „modernen“ Berufsausbil-
dung entsteht allerdings der Eindruck, daß der Wusch der Autoren
zum „Vater ihrer Analyse“ geworden ist, wenn sie enthusiastisch pos-
tulieren, daß es neuerdings um die „Grundlage für selbständiges Han-
deln“ und die „Autonomie der Persönlichkeit“ geht und daß „moderne
Berufsausbildung wirklich tätig einlösen muß, was in der neuhuma-
nistischen Bildungsphilosophie stets nur Programm geblieben ist“28.
Die von ihnen massiv befürworteten „Schlüsselqualifikationen“
bezeichnen die Autoren als „durchwegs »persönlichkeitsbezogene«
Qualifikationen“29, und eine Berufsausbildung, die auf Schlüsselqua-
lifikationen abzielt, ist, ihrer Meinung nach, „Persönlichkeitsbildung“
im besten humanistischen Sinne. Im Sinne ihrer engagierten Partei-
nahme für eine Bildung, die im Dienste einer Entfaltung der Persön-
lichkeit steht, postulieren sie begeistert: „Die Arbeitsverhältnisse heu-
te verlangen ganz konkret eine »Entfaltung der Persönlichkeit«, eine
Entwicklung autonomer Handlungsfähigkeit, Vielseitigkeit und »mo-
ralischer Reife« als konstitutive Elemente dessen, was heute real
»Persönlichkeit« sein kann. Ihre pragmatischen Lernziele konvergie-
ren zusehends mit den humanen Bildungszielen der allgemeinen Bil-
dung.“ Zwar schränken die Autoren das von ihnen gezeichnete positi-
ve Bild ein wenig ein, indem sie einräumen, daß man die Entwicklung
auch „unter dem Gesichtspunkt einer Perfektionierung der Ausbeu-
tung sehen“ kann. Dennoch fassen sie in unverändert-idealistischer
Diktion zusammen: „Tatsache bleibt jedoch, daß mit dieser Triebkraft
aus den technisch-ökonomischen Wurzeln der Gesellschaft zumindest
die Chance besteht, daß diese Bildungsziele (gemeint ist die Entfal-

27 Brater, M./Büchele, U./Fucke, E./Herz, G.: Berufsbildung und Persönlichkeits-


entwicklung. Stuttgart 1988, S. 38.
28 Ebda., S. 56 und 57.
29 Ebda., S. 76.
Schlüsselqualifikationen – Ideologiebegriff des Post-Fordismus 173

tung der Persönlichkeit) nun – im Unterschied zu den Allgemeinbil-


dungsdeklarationen der Vergangenheit – gewissermaßen subversiv –
im Heydornschen Wortgebrauch – realisiert werden.“30
Die zitierten Aussagen stellen eine für die optimistische Behaup-
tung von den persönlichkeitsentfaltenden Potentialen der neuen Ar-
beitswelt durchaus typische, argumentative Kapriole dar. Erstaunli-
cherweise gehen die Autoren ja eigentlich von einem materialisti-
schen Standpunkt aus, wenn sie feststellen, „daß die Bildungsverläufe
und Bildungsmöglichkeiten einer Epoche keine Frage subjektiver
Entscheidungen oder philosophischer Ideen sind, sondern ganz ent-
schieden gebunden [sind] an das zentrale gesellschaftliche Lernfeld –
nämlich die Arbeit und ihre jeweiligen historischen Verhältnisse“.
Aber genau das läßt ihre Annahme, daß sich der die pädagogische und
insbesondere die berufspädagogische Diskussion prägende Gegensatz
zwischen Mündigkeit und Brauchbarkeit heute quasi deshalb auflöst,
weil die Verzweckung des Menschen unter die Bedingungen der Ar-
beit neuerdings auf den unverzweckten Menschen abzielt, ganz be-
sonders widersprüchlich erscheinen. Wenn im Gegensatz zur bisheri-
gen – den „alten“ Anforderungen der Arbeitswelt geschuldeten – Re-
duzierung der Arbeitenden auf reagierende Funktionen von der neuen
Betriebsorganisation nun der mündige, ich-starke Mitarbeiter mit
einem hohen Maß an persönlicher Autonomie gefordert wird, würde
das ja nichts anderes bedeuten, als daß sich der selbstbestimmte
Mensch als besonders brauchbar herausgestellt hätte. „Brauchbar“
heißt aber nichts anders, als nützlich zu sein, für einen vorherbe-
stimmten, fremden Zweck und steht damit im diametralen Gegensatz
zur Selbstbestimmung, die auf keinen fremden Zweck, sondern einen
selbsterkannten Sinn bezogen ist.
Tatsächlich geht es heute nicht um eine Renaissance der humanis-
tischen Bildungsidee „im Gleichschritt mit wirtschaftlichen Interes-

30 Ebda., S. 58.
174 Die Arbeit hoch?

sen“, sondern um das Ausmerzen eines am unverzweckten Menschen


orientierten Bildungsbegriffs durch das Verleugnen der Sinnfrage als
das konstituierende Merkmal der autonomen Persönlichkeit. Bei der
heute immer wieder vorgebrachten Mahnung, daß für das Funktionie-
ren in der Arbeitswelt „Regelwissen und Anwendungskönnen“ bald
nicht mehr ausreichen werden, weil zunehmend die selbständig pla-
nende, durchführende und kontrollierende Person notwendig sei, wird
normalerweise auf etwas ganz Wesentliches vergessen: auf den struk-
turierenden Zweck des Ingangsetzens von Arbeitsprozessen im Rah-
men der kapitalistischen Ökonomie. Die mit dem Etikett der „entfalte-
ten Persönlichkeit“ versehene umfassende Selbständigkeitsforderung
an den „neuen Arbeiter“, nunmehr „aus eigener Handlungsquelle, aus
eigenem Ich heraus, aus seiner persönlichen Verantwortung seiner
eigenen Entscheidungs- und Gestaltungskraft Prozesse in Gang zu
setzen und Abläufe zu gestalten“31, gilt nur unter der Voraussetzung
einer Unterordnung unter die Absolutsetzung der ökonomischen Ver-
nunft. Das Denken ist in Zwänge hinein freigesetzt, Selbständigkeit,
Autonomie und Eigenverantwortung sind gefordert, auf der Grundla-
ge eines vorher klammheimlich erzielten Konsenses über die Zielset-
zungen all der „eigenverantwortlich“ zu treffenden Entscheidungen –
die Produktion von Mehrwert.
Wenn postuliert wird, daß in Zukunft die „Haupttugend“ der „Per-
sönlichkeit des Arbeitenden“ nicht mehr darin bestehen darf, „sich
exakt an Regeln zu halten und diese anzuwenden, sondern [es] neuer
Anforderungskern wird, in Situationen zu handeln und Probleme zu
meistern, für die es keine Regeln gibt“32, wird geflissentlich überse-
hen, daß die Richtschnur für das selbst zu bewältigende Meistern der
Probleme sehr wohl schon festgelegt ist, und zwar durch die ökono-

31 Bojanowski, A./Brater, M./Dedering, H.: Qualifizierung als Persönlichkeitsbil-


dung. Analysen und Ansätze zur Verbindung von Arbeit und Lernen in Schule
und Betrieb. Frankfurt a.M. 1991, S. 108.
32 Ebda.
Schlüsselqualifikationen – Ideologiebegriff des Post-Fordismus 175

mische Struktur, innerhalb deren die „selbständige“ Arbeitsleistung


dem vorgeblich eigenverantwortlichen Individuum abverlangt wird.
Nicht die eine autonome Persönlichkeit kennzeichnende Ausrichtung
ihres Handelns an einem selbsterkannten „Sinn“ gibt die Richtung
vor, nach der „selbst Regeln gesetzt“ und „Anwendungen definiert“
werden können, sondern die durch die kapitalistische Ökonomie dik-
tierten Sachzwänge. Es geht um Produktivitätssteigerung, um Ab-
satzmärkte, um Konkurrenz und Profit. Im Rahmen der Mehrwertpro-
duktion gilt es zu funktionieren, die persönlichkeitsdefinierende Frage
nach einem übergreifenden Sinn ist längst vom übermächtigen öko-
nomischen Zweck verdrängt und würde das Individuum im letzter
Konsequenz auch bloß unbrauchbar machen für den Prozeß der Ar-
beitskraftverwertung.
„Die Anpassung an die Sachzwänge verdrängt das Nachdenken
über die Ursachen und Auswirkungen der Sachzwänge“33. Im Sinne
einer profitablen Verwertung der Menschen in Arbeit und Konsum ist
sicher nicht das mündige Subjekt gefragt, das die kritische Frage nach
dem Sinn einer Existenz stellt, die zunehmend herrischer einem durch
die Profitökonomie determinierten Wachstum unterstellt ist, von dem
niemand weiß, wie nahe es uns schon an die ökologische und soziale
Katastrophe herangeführt hat, und diese Frage zum Anlaß nimmt, um
über die strukturellen Bedingungen und die Folgen seiner Berufsarbeit
nachzudenken. Die post-fordistische Wirtschafts- und Gesellschafts-
ordnung braucht den Menschen, der die dem Kapitalismus geschulde-
te Notwendigkeit der permanenten Produktivitätssteigerung so weit
verinnerlicht hat, daß er bereit ist, sein sich nur über die Sinnfrage
konstituierendes Selbst aufzugeben und seinen Wunsch nach Leben-
digkeit freiwillig am Altar des ökonomischen Wachstums zu opfern.
Gefordert wird die autonom-verzweckt handelnde Person, die sich
ganzheitlich der ökonomischen Logik unterordnet und selbst-los dem

33 Lenz, W.: Emanzipatorische Erwachsenenbildung. Bildung für Arbeit und De-


mokratie. Versammelte Aufsätze. München 1989, S. 103.
176 Die Arbeit hoch?

wirtschaftlichen Nutzen dient. Die Schlüsselqualifikationen beziehen


ihren Namen ja auch nicht daraus, weil sie vorgeben, einen Schlüssel
zur umfassenden Entwicklung der Persönlichkeit darzustellen, son-
dern weil sie angeblich das Tor zur Berufstätigkeit – unter den ent-
fremdeten Bedingungen der profitökonomisch-kapitalistischen Wirt-
schaftsordnung (!) – aufschließen.
Die Triebkraft des wirtschaftlichen Geschehens unter den Bedin-
gungen der kapitalistischen Ökonomie ist selbstverständlich auch
unter den Begleitumständen der neuen technologischen und arbeitsor-
ganisatorischen Möglichkeiten dieselbe geblieben. Es geht um die
Verwandlung von Geld in mehr Geld, darum, daß das in ein Unter-
nehmen investierte Kapital eine möglichst hohe Rendite bringt. Die
Form, wie dieses Ziel optimal umgesetzt werden kann, ist abhängig
vom Grad der Entfaltung der Produktivkräfte, und erfordert im fortge-
schrittenen, post-fordistischen Kapitalismus eben eine „ganzheitliche
Nutzung der Arbeitskraft“. Die dementsprechend eingeforderte „Bin-
dung des »ganzen Menschen« und nicht mehr nur einzelner Teile“ an
das Unternehmen macht Arbeitnehmer „mit komplexen Fähigkeiten
auf intellektuellem, motivationalem und sozialem Gebiet“34 notwen-
dig. Diesen Menschen heranzubilden ist die Aufgabe der neuen, unter
der Zielsetzung der „Schlüsselqualifikationen“ antretenden berufli-
chen Ausbildungsmethoden. Im Hinblick darauf, daß für den Bereich
der Ausbildung in einem Unternehmen die Gesetzmäßigkeiten der
kapitalistischen Ökonomie ja nicht plötzlich außer Kraft gesetzt sind,
müssen sich auch die in die Ausbildung der Beschäftigten investierten
Kosten rentieren. Dementsprechend vermittelt Ausbildung auch wei-
terhin ausschließlich vermarktbare Qualifikationen, das heißt solche,
die den „Abnehmern der Ware Arbeitskraft“ wirtschaftliche Vorteile
versprechen. Als ein Element im Prozeß der Kapitalvermehrung steht

34 Maier, W.: Arbeitstugenden im Wandel. Ein Vorschlag zur Strukturierung einer


höchst aktuellen Debatte. In: „Journal für Sozialforschung“ 27 (1987) 3/4, S.
324.
Schlüsselqualifikationen – Ideologiebegriff des Post-Fordismus 177

die Berufsausbildung unter dem „Primat der Nützlichkeit“ für Zwecke


außerhalb der individuellen Entwicklung. – Das heißt nicht, daß – im
Sinne einer jedem (Aus-)Bildungsgeschehen innewohnenden Dialek-
tik – nicht auch durch verzwecktes Lernen ein Prozeß des Mündig-
werdens ausgelöst werden kann und das Denken der unter dem Nütz-
lichkeitsprimat Ausgebildeten zur Sinnfrage führen kann, somit also
jene Grenze überschreitet, die durch den Zweck, für den es in Gang
gesetzt wurde vorgegeben ist.35 Im Sinne der ökonomisch verzweck-
ten Ausbildung wäre eine solche Entwicklung jedoch kontraproduktiv
einzuschätzen, also im höchsten Maße „unnütz“.
Nicht nur Hannah Arendt hat darauf aufmerksam gemacht, daß
Nutzen und Sinn Begrifflichkeiten unterschiedlicher Ebenen sind und
daß eine Orientierung an der Nützlichkeit nicht imstande ist, dem
Leben Sinn zu geben, sondern letztendlich nur zur Sinnlosigkeit führt.
Die Sinnfrage ist die zentrale Fragestellung jeder auf Mündigkeit
ausgerichteten Bildung, rückt sie aus dem Horizont menschlichen
Denkens, und ordnet sich der Mensch einem nicht mehr hinterfragten
Zweck unter, geht auch die Utopie einer verantworteten Geschichte
(jener begründende Traum der Moderne!) verloren. Die Persönlich-
keits-„Bildung“ die sich im Schlüsselqualifikationskonzept wider-
spiegelt, zielt nicht darauf ab, den Menschen zu befähigen, sich und
die Welt, in der er lebt, zu verstehen und verantwortlich in ihr zu han-

35 Genau das ist auch gemeint, wenn Heydorn über die schlußendliche, subversive
Durchsetzung des emanzipatorischen Auftrags von Bildung scheibt: „Das dialek-
tische Verhältnis von Bildung und Herrschaft, der unaufgehobene Widerspruch,
wird erst mit der fortschreitenden Geschichte zu seiner vollen Vergegenwärti-
gung gebracht; erst mit ihr gewinnt das Handeln einen universellen Charakter.
Erst mit der entwickelten Instrumentalisierung von Bildung, ihrem konsequenten
Einbezug in das System der gesellschaftlichen Macht, ihrer institutionellen Reife
vermag sie auch ihren emanzipatorischen Auftrag wahrhaft zu erkennen und die
in ihm enthaltene Konsequenz zu ziehen; erst nachdem sie, mit wachsender Ent-
lastung der Produktivkräfte, zum notwendigen Bestandteil aller Herrschaft ge-
worden ist, vermag sie sich in Wahrheit gegen die Herrschaft zu richten. Hey-
dorn, a.a.O., S. 9.
178 Die Arbeit hoch?

deln, auch eine dergestalt ausgerichtete berufliche Ausbildung „ver-


fälscht die Frage nach Sinn zu der nach Nützlichkeit“36. Der Mensch
wird, indem die Handlungsaspekte der mündigen und autonomen
Persönlichkeit von der Sinnfrage abgekoppelt werden, zur Marionette
eines zum Götzen erhobenen ökonomischen Nützlichkeitsdenkens
degradiert.37 In Anlehnung an den Begriff der „Schein-Heiligkeit“
könnte man in diesem Zusammenhang von einer „Schein-Persönlich-
keit“ reden. Gefragt sind unter den neuen organisatorischen und tech-
nologischen Arbeitsbedingungen nicht „autonome Persönlichkeiten“,
sondern ein – im Dienste des Unternehmensziels und der an Wachs-
tum gekoppelten Profitlogik– autonom handelndes Personal. Da paßt
es dann sehr gut, wenn für den „neuen“ Menschen unter postmoder-
nen Lebens- und Arbeitsbedingungen postuliert wird, daß für ihn
„Schein wichtiger wird als Sein“38.

36 Aus einer Aussendung des Zentralkomitee der Deutschen Katholiken; zit. nach
Geißler, K.A.: Berufliche Weiterbildung im Aufbruch. Vortragsmanuskript
(hekt.).
37 Wie schon im vorigen Kapitel dargestellt, wird zunehmend auch in den Unter-
nehmen erkannt, daß der ultimative Einsatz der Arbeitenden davon abhängig ist,
wieweit sie in ihrer Tätigkeit einen Sinn sehen, der über das bloße Geldverdienen
hinausgeht. Im Zuge der verstärkten psychischen Ausbeutung der Arbeitnehmer
rückt damit das elementare Bedürfnis des Menschen, seiner Existenz einen trans-
zendenten Sinn zu geben und sich damit über das Diesseits zu erheben, immer
mehr in den Fokus arbeitskräftemotivierender Maßnahmen. Die amerikanischen
Unternehmensberater Peters und Waterman stellen bei Forschungen zu der Fra-
ge, was ein Unternehmen „erfolgreich“ werden läßt, fest, daß eine in sich schlüs-
sige Firmenkultur und eine „überaus reiche Mythologie“ dem genuin menschli-
chen Streben nach „Transzendenz“ entgegenkommt. Denn, so folgern sie, „das
Streben nach Sinn ist so stark, daß die meisten Menschen für Institutionen, die
ihnen dies bieten, bereitwillig viel an persönlicher Freiheit aufgeben.“ Und die
Sicherheit, die eine sinnvermittelnde Firmenkultur den Menschen zu vermitteln
scheint, ist es auch, die es japanischen Firmen ermöglicht, „rücksichtslos zu re-
organisieren“ und Arbeitskräfte je nach Bedarf im Unternehmen zu rochieren.
„Firmenkultur“ als Lebenssinnsurrogat – ebenfall ein Aspekt des profitsichern-
den Zugriffs auf die „Herzen und Köpfe“ der Beschäftigten! Vgl.: Pe-
ters/Waterman,a.a.O.
38 Gebhardt, a.a.O., S. 37.
Schlüsselqualifikationen – Ideologiebegriff des Post-Fordismus 179

Während eine auf Mündigkeit ausgerichtete Erziehung in letzter


Konsequenz immer subversiv wirkt, indem sie darauf abzielt, Herr-
schaft abzutragen, und ihr dementsprechend immer auch das Moment
des Widerstandes gegen das Diktat der Ökonomie innewohnt, werden
durch eine Orientierung der beruflichen Bildung an der Vermittlung
von Schlüsselqualifikationen die Machtverhältnisse im System der
beruflich organisierten Arbeit in keiner Weise berührt. Wenn derzeit
behauptet wird, daß die Bedeutung der traditionellen Anpassungs-
und Unterordnungstugenden, wie Pünktlichkeit, Ordnung, Sauberkeit,
Pflichttreue (Unternehmenstreue), heute abnimmt und an ihre Stelle
der Erwerb von Flexibilität, Handlungsfähigkeit und ganzheitlicher
Sichtweise tritt, ist zuallererst einmal die grundsätzliche Frage ange-
bracht, ob auf das Antrainieren der „veralteten“ Arbeitstugenden in
beruflichen Erziehungsprozessen nicht bloß deshalb weniger Wert
gelegt werden kann, weil diese heute im Rahmen der Primärsozialisa-
tion schon perfekt verinnerlicht werden. Denn außer einer verschwin-
dend geringen Anzahl von Arbeitnehmern in künstlerisch-kreativen
Nischen des Beschäftigungssystems wird wohl auch weiterhin kaum
jemand ohne diese angeblich „veralteten“ Unterordnungstugenden
einen Lohn-Arbeitsplatz finden. Aber auch wenn von einer Verände-
rung der Qualifikationsanforderungen in die Richtung des eigenver-
antwortlich und selbständig tätigen Arbeitnehmers ausgegangen wird,
bedeutet das sicherlich nicht, daß berufliche Ausbildung nun auf Per-
sönlichkeitsbildung und Selbstverwirklichung abzielt beziehungswei-
se auf die Befähigung, die Bedingungen der (beruflichen) Selbstver-
wirklichung zu erkämpfen. Genau darin würde aber die Zielsetzung
einer beruflichen Mündigkeit im Gegensatz zu jener der beruflichen
Brauchbarkeit liegen.
Ein Berufsausbildungskonzept, das auf dem arbeitsfunktionellen
Aspekt aufbaut, muß – egal welchen Charakter die durch den Ver-
wertbarkeitsanspruch vorgegebene Qualifikationsforderung auch an-
nimmt – im Hinblick auf eine pädagogische Zielsetzung immer zu
180 Die Arbeit hoch?

kurz greifen. Denn immanent geht ein solches Konzept von einer
Sichtweise aus, die den arbeitenden Menschen als Objekt und nicht
als Subjekt im Produktionsprozeß begreift. Es zielt auf Anpassung
und Zurichtung ab, auch dann, wenn Postulate mit einer hohen Affini-
tät zur traditionell-pädagogischen Vorstellung vom mündigen Sub-
jekt, wie „Selbstbestimmung“ und „Selbständigkeit“, zum Ziel der
Qualifikationsprozesse erklärt werden. Das finale Ziel eines arbeits-
funktionell ausgerichteten berufs-„pädagogischen“ Konzepts ist das
Funktionieren unter bestimmten – dem jeweiligen Stand der Produk-
tivkraftentwicklung und dem Konkurrenzdruck geschuldeten – struk-
turellen Bedingungen gesellschaftlich organisierter Arbeit. Dabei
kann es jedoch nie um die Befähigung gehen, die gegebene Berufs-
und Arbeitswelt, ihre Nutznießer und ihre Folgen zu durchschauen
und dazu kritisch Stellung beziehen können und sicher auch nicht
darum, die (zukünftigen) Beschäftigten in die Lage zu versetzen, die
Arbeitsweltstrukturen – auch grundsätzlich, unter dem Gesichtspunkt
eines Relativierens der Logik der kapitalistischen Ökonomie – im
Sinne ihrer eigenen Bedürfnisse und Interessen beeinflussen zu kön-
nen. Das selbstbestimmte, (beruflich) mündige Subjekt definiert sich
aber gerade über die Fähigkeit, auf der Basis reflektierten Wissens
über Ursachen, Zusammenhänge und Auswirkungen der Rahmenbe-
dingungen, unter denen Lohnarbeit stattfindet, in diese – unter Über-
windung einer verinnerlichten ökonomischen Logik – eingreifen zu
können.
Die autonome, selbstbestimmte Persönlichkeit zum Ziel einer
zweckorientierten Ausbildung zu deklarieren, stellt einen Wider-
spruch in sich dar. Wenn die sich selbst bestimmende Person Gegens-
tand von Strategie und Kalkulation einer auf das Funktionieren unter
den entfremdeten Arbeitsbedingungen ausgerichteten beruflichen
Ausbildung ist, geht es bloß noch um eine Verhaltenskategorie. 39

39 Unter Fortführung des Gedankens von Lisop, daß Schlüsselqualifikationen in


ihrer realen Umsetzung an dem vorbei gehen, was als polytechnische Bildung
Schlüsselqualifikationen – Ideologiebegriff des Post-Fordismus 181

Unter den Begleitumständen einer Ökonomie, in der es primär um die


Vermehrung investierten Kapitals geht und die Befriedigung mensch-
licher Bedürfnisse bloß einen Nebeneffekt darstellt, ist die Entfaltung
von Selbstverwirklichungspotentialen nur in einer, um ihren konstitu-
ierenden Kern reduzierten Form möglich. Geißler/Kutscha stellen
diesbezüglich fest, daß der paradoxe Effekt kapitalistischer Moderni-
sierung – ein „Gewinn an Selbstverwirklichungs-Möglichkeiten“ wird
errungen durch einen gleichzeitigen „Verlust an Selbstverwirkli-
chungs-Chancen“ – auch auf die gegenwärtigen neuen Trends in der
Berufsausbildung zutrifft: „Nicht nur für die kommunikativen Ver-
nunftpotentiale gilt der von Habermas als »paradoxe Gleichzeitigkeit«
charakterisierte Prozeß kapitalistischer Modernisierung. Er gilt auch
für soziale Handlungsmöglichkeiten: daß diese nämlich gleichzeitig
entfaltet und entstellt werden. Will man polemisch sein, ließe sich
behaupten, daß das Ende der Idee vom selbstbestimmten bürgerlichen
Subjekt am deutlichsten dadurch zum Ausdruck gebracht wird, daß
diese Idee jetzt auch für die Facharbeiter (beziehungsweise deren

längst angedacht und didaktisch zum Teil verwirklicht ist, konstatiert auch Hui-
singa eine Reduktion des Schlüsselqualifikationskonzepts auf den Bereich der
Schulung des Sozialverhaltens. Die von Mertens angepeilte wissenschaftspropä-
deutische Bildung für alle – also eine kritische Auseinandersetzung mit den
strukturellen Gegebenheiten von Arbeit und Beruf, die die Selbstverwirklichung
des Menschen in den Mittelpunkt der Reflexion stellt – fand bisher in der realen
Umsetzung, wie Huisinga am Beispiel des vielbeachteten und mit öffentlichen
Mitteln geförderten Modellversuchs „PETRA“ (Projekt- und transferorientierte
Ausbildung) der Siemens AG (BRD) zeigt, nicht statt und wird auch in den di-
versen Ausführungen zum Schlüsselqualifikationskonzept kaum angesprochen.
Die Ursache dafür sieht Huisinga in der fehlenden bildungswissenschaftlichen
Positionierung des Schlüsselqualifikationskonzeptes, also darin, daß das Konzept
nicht durch pädagogische Zielsetzungen, sondern arbeitsmarktpolitische Überle-
gungen legitimiert ist. Ganz im Sinne der Ausrichtung am Verhaltensaspekt stellt
Huisinga auch fest, daß im Zusammenhang mit den Schlüsselqualifikationen die
Organisationsform der Ausbildung und die Ausbildungsmethoden deutlich im
Vordergrund der Überlegungen der meisten Rezensenten stehen. Huisinga, R.:
Schlüsselqualifikation und Exemplarik. In: Harney, K./Pätzold, G. (Hg.): Arbeit
und Ausbildung, Wissenschaft und Politik. Frankfurt a.M. 1990.
182 Die Arbeit hoch?

Ausbildung) praktisch werden soll. Die Lösung von antiquierten, be-


triebsfeudalistischen Bedingungen und Abhängigkeiten ist nur eine
Teilfreiheit. Sie bleibt innerhalb der Systemzwänge des modernen
Kapitalismus notwendigerweise beschränkt. Die Gleichgültigkeit der
kapitalistischen Warenproduktion vermag der neu gewonnenen Frei-
heit (auf der Basis entwickelter neuer Fähigkeiten) kein substantielles
Fundament zu geben. Die Entwicklung von Subjektivität dient der
Verfeinerung des Marketing-Ich.“40
Der den post-fordistischen Tendenzen der Arbeitskraftverwertung
in Richtung „ganzheitlicher Nutzung“ geschuldete Schlüsselqualifika-
tionsbegriff intendiert, seinem kolportierten Anspruch nach, zwar den
„ganzen Menschen“ – durch geeignete berufliche Lernarrangements
soll das kreative, selbständige, souveräne Subjekt heran-„gebildet“
werden. Dieser umfassende Anspruch kann aber aus Gründen der
einengenden Bedingungen kapitalistischer Systemrationalität nicht
eingelöst werden; zugleich ist er paradox, weil er selbst Produkt kapi-
talistischer (einengender) Rationalität ist und darauf abzielt, diese
aufrechtzuerhalten. Eine umfassende Entfaltung menschlicher Poten-
tiale stellt im Hinblick auf deren Verwertung unter politisch-
ökonomischen Begleitumständen, die der souveränen Persönlichkeit
entgegenstehen, einen unauflöslichen Widerspruch dar – verzweckte
Ausbildung kann (zumindest offiziell) nicht ihrem Zweck entgegen-
arbeiten. Die in den letzten Jahren propagierten, als „ganzheitlich“
bezeichneten neuen Methoden beruflicher Aus- und Weiterbildung
sind in diesem Sinn einzuschätzen. Ihre Ausrichtung am mündigen
Subjekt stellt sich unter den Begleitumständen der kapitalistischen
Arbeitskraftverwertung als bildungshumanistisches Alibi heraus.
Die unter dem Titel „Schlüsselqualifikationen“ eingeforderte Ver-
haltensdisposition von (potentiellen) Arbeitnehmern meint nichts
anderes als „die Aufforderung zur Selbstmodernisierung im Rahmen

40 Geißler/Kutscha, a.a.O., S. 25, unter Verweis auf Habermas, J.: Der philosophi-
sche Diskurs der Moderne (Frankfurt a.M. 1985, S.367).
Schlüsselqualifikationen – Ideologiebegriff des Post-Fordismus 183

modernisierter Unternehmensverhältnisse. Es ist der konkrete Aus-


druck des Sachverhalts, daß in der modernisierten Moderne (im Post-
Fordismus – E.R.) die Idee der Selbstverwirklichung für den kapitalis-
tischen Verwertungsprozeß nützlich ist beziehungsweise nützlich
gemacht werden kann. Man investiert ins Humankapital, und dabei
geht es um Personalentwicklung und nicht um Persönlichkeitsent-
wicklung. Und entsprechend dem Universalitätsprinzip der Ware
werden auch jene universellen Qualifikationen angestrebt, die die
Abstraktion von Raum und Zeit am reinsten zum Ausdruck bringen.
Im Konzept der Schlüsselqualifikationen ist die Interesselosigkeit am
Arbeitsinhalt und die Selbstverleugnung der beteiligten Personen
bisher am weitesten realisiert.“41
Noch ein weiterer Widerspruch offenbart sich im Zusammenhang
mit dem Postulat einer Ausrichtung der beruflichen Bildung an
Schlüsselqualifikationen. So signalisiert zwar der Terminus selbst
sowie die kometenhafte Karriere, die der Begriff seit seinem Entste-
hen durchlaufen hat, daß das Konzept klar voneinander abgrenzbarer
spezifischer Anforderungen, die eine dauerhafte Charakterisierung
verschiedener Berufe ermöglichen, nicht mehr durchzuhalten ist. Die
sich aus neuen technologischen und arbeitsorganisatorischen Mög-
lichkeiten ergebenden Veränderungen der Anforderungsprofile in den
traditionellen Berufen sowie das Heranwachsen völlig neuer Arbeits-
felder durch die Kombination von Anforderungsanteilen ehemals klar
voneinander abgegrenzter Berufe lassen den Faktor „Beruf“ als Struk-
turierungsmerkmal des Beschäftigungssystems zunehmend unbrauch-
barer erscheinen. In logischer Konsequenz bedeutet das aber auch ein
Fragwürdigwerden des heutigen Systems voneinander klar abgegrenz-
ter und an konkreten, speziellen Einzelberufsanforderungen ausge-
richteter Ausbildungswege. Denn auch wenn man der Argumentation
folgt, daß „die inhaltliche Präzisierung berufsübergreifender Qualifi-

41 Ebda., S. 26, Hervorhebungen E.R.


184 Die Arbeit hoch?

kationen […] sich zunächst am spezifischen Arbeitsbereich eines


Berufs orientieren [muß]“42, bleibt die Tatsache bestehen, daß nicht
für einen bestimmten Einzelberuf, sondern für eine zukünftige, bezüg-
lich ihrer Anforderungen und (beruflichen) Strukturierung völlig un-
gewisse Arbeitswelt vorbereitet wird und daß eine Fokussierung der
Ausbildung auf die Anforderungen eines Einzelberufs im Sinne der
tendenziellen Entberuflichung der Arbeitswelt einen Anachronismus
darstellt.
Aber obwohl seit der „Inauguration“ des Schlüsselqualifikations-
begriffs die Appelle, hinsichtlich einer Orientierung von Ausbil-
dungsgängen an Begrifflichkeiten mit Universalitätsanspruch – wie
beispielsweise „Ganzheitlichkeit“, „Handlungsorientierung“ oder
„Selbständigkeit“ –, nicht abreißen, wird über die Konsequenz eines
Aufsprengens der traditionellen Einzelberufsausbildung kaum gespro-
chen. Das was sich vordergründig als „Entberuflichung“ der Ausbil-
dung darstellt – die intendierte Ausrichtung an Ausbildungszielen mit
einem hohen Grad an Allgemeinheit – hat das System des einzelberuf-
lich strukturierten Ausbildungssystems und die entsprechenden Selek-
tionsprozesse bis heute faktisch überhaupt nicht berührt. In nahezu
allen Diskussionen um die Schlüsselqualifikationen wird davon aus-
gegangen, daß im gegenwärtigen System einer Ausbildung, die in
spezifischen Berufen (die es in einigen Jahren vielleicht überhaupt
nicht mehr, sicher aber nicht mehr in Form der derzeitigen Anforde-
rungsprofile geben wird) erfolgt, jene berufsunspezifischen Qualifika-
tionen erworben werden können, die es jemandem ermöglichen, flexi-
bel auf die sich permanent verändernden Anforderungen des Beschäf-
tigungssystems zu reagieren; daß die mit einer Ausbildung verbunde-
nen Berechtigungen hinsichtlich Bezahlung und Einstufung jedoch
dennoch an das Merkmal „Beruf“ gekoppelt bleiben.

42 Vgl: Laur-Ernst (1983), hier zit. nach Huisinga, a.a.O., S. 263.


Schlüsselqualifikationen – Ideologiebegriff des Post-Fordismus 185

Auch in diesem Zusammenhang offenbart sich der Charakter der


sich über das Schlüsselqualifikationskonzept realisierenden Flexibili-
tätsforderung: Pointiert ausgedrückt, geht es heute um das Indivi-
duum, dessen Verwendbarkeit zwar durch ein hohes Ausmaß an Fle-
xibilität/Mobilität charakterisiert ist, das seine intellektuelle Mobilität
jedoch nicht dafür verwendet, gesellschaftliche Widersprüche auf
ihren begründenden Kern, nämlich darauf, daß das gesamte System
der gesellschaftlich organisierten Arbeit primär der Mehrwertproduk-
tion und nicht der Bereitstellung von Waren und Dienstleistungen zur
Befriedigung menschlicher Bedürfnisse dient, zu hinterfragen. Flexi-
bel zu sein, meint unter diesen Umständen somit nicht bloß, sich ver-
ändernden Arbeitsanforderungen des Beschäftigungssystems anpassen
zu können, sondern auch, sich widersprüchlichen Gegebenheiten und
Rollenanforderungen des durch Arbeit definierten sozialen Systems
„flexibel anzupassen“, was konkret bedeutet: sie akzeptierend zu er-
tragen, ohne zu rebellieren. So sollen die Arbeitenden zwar lernen,
sich mit ihrer Arbeit im Sinne eines Beitrags zum Unternehmensziel
zu identifizieren, aber dennoch die grundsätzliche Machtverteilung
zwischen Kapital und Arbeit nicht anzweifeln; sie sollen anerkennen,
daß „alle in einem Boot sitzen“, aber auch akzeptieren, daß der „tech-
nische Fortschritt“ gegebenenfalls ihre Entlassung „erforderlich“
macht; sie sollen in ihrer Arbeitsausübung autonom und flexibel sein,
sich aber darauf beschränken, kreative Lösungen für die Optimierung
der Produktivität und somit auch für die bessere Verwertung ihrer
eigenen Arbeitskraft zu finden. Zu guter Letzt sollen sie auch noch
„flexibel“ mit dem doppelten Dilemma umgehen, zwar einerseits als
Lohnarbeiter untereinander in objektiver Konkurrenz zu stehen, ar-
beitsgruppenintern jedoch neuerdings verstärkt kooperieren zu müs-
sen, die Kollegen anderer Unternehmungen und zum Teil auch die
von anderen Abteilungen als Konkurrenten beim Kampf um die bes-
sere Bilanz wahrzunehmen, aber gleichzeitig zu wissen, daß sich ihre
186 Die Arbeit hoch?

Gesamtsituation als gesellschaftliche Gruppe nur mit solidarischem


Handeln verbessern ließe.
Ein Ziel von Bildungsprozessen ist es, Menschen zu befähigen,
solche Widersprüche zu erkennen und zu lösen, nicht sie flexible An-
passung zu lehren. Bildung zielt auf die entfaltete Persönlichkeit, auf
das Individuum, das sein Leben selbstbewußt und mündig auf der
Grundlage seiner „Identität“ – also seines „Eigen-Sinns“ – gestaltet
und nicht auf einen „Protean Man“43, der – so wie es der Meergott
Proteus der Sage nach konnte – jede Gestalt annehmen kann, sich
dabei aber nicht mehr selbst kennt und somit identitätslos ist. Schlüs-
selqualifikationen zielen unter den Bedingungen der Ausbildung im
post-fordistischen Kapitalismus in ihrer realen Konsequenz auf den
Menschen, der in der Lage ist, sich fremdbestimmten Gegebenheiten
flexibel anzupassen, und nicht auf den Menschen, der sich gegen die
Fremdbestimmung zur Wehr setzen kann. Das im Hinblick auf den
umfassend flexibilisierten Menschen aufrechterhaltene Postulat der
Persönlichkeitsbildung erweist sich damit als bloße Ideologie.
Zugleich verschleiert die Vorstellung, daß sich mit dem richtigen
Schlüssel das System der kapitalistischen Arbeitskraftverwertung
quasi austricksen ließe und Arbeit für alle geschaffen werden könne,
die Tatsache, daß über den an der ökonomischen Verwertung orien-
tierten Qualifikationserwerb systematisch Ungleichheit produziert und
verteilt wird. „Das legitime Bedürfnis nach einer sicheren Zukunft
wird […] auf den Fetisch Schlüsselqualifikationen verschoben, der als
symbolische Handlung beziehungsweise Kategorie das Gefühl er-
zeugt, »sich zukunftssicher« qualifiziert zu haben beziehungsweise zu
qualifizieren“44. Zusammenfassend muß also festgestellt werden, daß

43 Dieser Begriff wurde vom Psycho-Historiker Robert Lifton geprägt, um den


durch das heutige Dauer-Bombardement mit Informationen in seiner kulturellen
Selbstverständlichkeit zerstörten neuen „identitätslosen Persönlichkeitstyp“ zu
beschreiben. Zit. nach Gebhardt, a.a.O., S. 206.
44 Huisinga, a.a.O., S. 264.
Schlüsselqualifikationen – Ideologiebegriff des Post-Fordismus 187

eine an ökonomisch verwertbaren Schlüsselqualifikationen ausgerich-


tete (Aus-) Bildung immanent der Herausbildung von beruflicher
Mündigkeit entgegensteht und ein kritisches Hinterfragen des Sys-
tems der Arbeitskraftvernutzung systematisch verhindert.
6. ENTFREMDUNG – DAS UNVERÄNDERTE MERK-
MAL DER ARBEITS-/FREIZEIT-GESELLSCHAFT

I. DIE ARBEIT HOCH? ODER: DIE ERSTAUNLICHE KARRIE-


RE EINES HISTORISCH SCHWER BELASTETEN BEGRIFFS

Vor dem Tor zur Fabrik


Hält der Arbeiter plötzlich an
Das schöne Wetter hat ihn am Rock gezupft
Und als er sich umwendet
Und die Sonne betrachtet
Die rot leuchtet und blendet
Lächelnd im bleigrauen Himmel
Zwinkert er ihr vertraulich zu
Sag Kamerad Sonne
Meinst nicht auch du
Man sollte sich verdammt bedenken
Einen solchen Tag
Dem Chef zu schenken?
„Die verlorene Zeit“ von Jacques Prevert

Unsere Gesellschaft, die ja nicht umsonst häufig als „Arbeitsge-


sellschaft“ bezeichnet wird, ist – wie schon im ersten Kapitel skizziert
wurde – zutiefst von Arbeit geprägt. An der Arbeit hängen Einkom-
men und Lebensstandard, Selbstwertgefühl und gesellschaftliche Stel-
lung. Arbeit und arbeiten sind mit hohem gesellschaftlichem Prestige
belegt, dementsprechend werden auch viele nicht im Zeichen des
Erwerbs stehende Tätigkeiten unter dem Begriff „Arbeit“ subsumiert.
Da wird von Hausarbeit, von Mütterarbeit, von Nachbarschaftsarbeit
Entfremdung in der Arbeits- Freizeit-Gesellschaft 189

oder von Friedensarbeit gesprochen, auch die Beziehungsarbeit,


Traumarbeit oder Trauerarbeit gehören neuerdings zu unserem ste-
henden Wortschatz. Nur weniges am menschlichen Leben scheint vor
der Vereinnahmung durch den Arbeitsbegriff sicher zu sein – viel-
leicht noch die Nahrungsaufnahme, aber auch nur, wenn es sich dabei
nicht um sogenannte „Arbeitsessen“ handelt, der Austausch von Zärt-
lichkeiten unter Liebenden und verschiedene Formen der Rekreation
und Erbauung.1
Dennoch gilt nicht jede Arbeit als gleich wertvoll. Erst wenn Ar-
beit einen Ertrag abwirft, weil die Arbeitsleistung bzw. das Arbeitser-
gebnis von einem finanziell potenten Abnehmer begehrt und gekauft
wird, also erst wenn es sich um „Erwerbsarbeit“ im weitesten Sinne
des Wortes handelt, verspricht die Tätigkeit gesellschaftliches Presti-
ge und Anerkennung. Diese Arbeit ist es auch, die für die meisten
Menschen unserer Gesellschaft unverzichtbar für ihr Überleben ist,
und von entlohnter Arbeit wird auch gesprochen, wenn heute konsta-
tiert wird, daß der Arbeitsgesellschaft zunehmend die Arbeit ausgeht.2
Lohnarbeit entwickelt sich zum knappen Gut – zunehmend erhält
nicht mehr jeder und jede, der/die arbeiten will beziehungsweise sich
nur über diesen Weg eine gesellschaftsadäquate Form der Existenz
sichern kann, auch die Gelegenheit dazu. In Österreich werden derzeit
die höchsten Arbeitslosenraten seit fast vierzig Jahren verzeichnet,
und insbesondere weniger flexibel disponierbare ArbeitnehmerInnen
sind immer häufiger auch von sehr langen Arbeitslosigkeitsphasen
betroffen. „Ältere“ Arbeitnehmer haben heute in den meisten Bran-
chen nur geringe Chancen, nach einem Arbeitsplatzverlust, wieder
eine Anstellung zu finden. Da genügend jüngere, vielfach besser be-
ziehungsweise „zeitgemäßer und technologieangepaßter“ ausgebildete

1 Vgl: Fischer, a.a.O, S. 169ff.


2 Vgl. Arendt, H.: Vita Activa oder Vom tätigen Leben. München 19896, sowie
Dahrendorf, R.: Geht uns die Arbeit aus? Prognos-Forum Zukunftsfragen,
2/1982, Basel 1983.
190 Die Arbeit hoch?

und vor allem auch „billigere“ Konkurrenten am Arbeitsmarkt vor-


handen sind, werden eher diese statt der teureren und unter Umstän-
den sogar krankheitsanfälligeren älteren Bewerber angestellt.3 Fast in
allen Industriestaaten ist man heute gezwungen, sich mit dem Problem
einer relativ hohen Sockelarbeitslosigkeit auseinanderzusetzen, und
abgesehen von konjunkturellen und regionalen Schwankungen ist in
den nächsten Jahren eher mit einer Verschlechterung denn mit einer
Verbesserung dieser Situation zu rechnen.4
Der bekannte Soziologe Oskar Negt spricht in seinem Buch „Le-
bendige Arbeit – Enteignete Zeit“ in diesem Zusammenhang von
einem „Grundskandal unserer Gesellschaft“: Die heutige Gesellschaft
„droht an ihrem Reichtum und ihrer Überschußproduktion zu erstik-
ken und ist gleichwohl außerstande, Millionen von Menschen das

3 Aus- und vor allem Weiterbildung wird in diesem Zusammenhang heute zu einer
beruflichen Überlebensfrage für „ältere“ Arbeitnehmer. Denn schaffen sie die
laufend geforderten Qualifikationssprünge nicht, laufen sie Gefahr, früher oder
später „ersetzt“ zu werden. Die traditionelle Hemmschwelle gegenüber dem Ent-
lassen von langjährigen Mitarbeitern verliert zunehmend an Bedeutung. Immer
häufiger entscheidet außerdem der Rechenstift über die (Weiter-)Beschäftigung
von „älteren“ Arbeitnehmern. Von jüngeren Arbeitnehmern wird eben nicht nur
erwartet, daß sie „flexibler“ sind und sich besser an neue Technologien und Or-
ganisationsformen anpassen können, sie sind in der Regel auch „billiger“. Als
Folge solcher Überlegungen lag z.B. die Arbeitslosigkeit, der über 50jährigen in
Österreich im Jahr 1992 schon um fast drei Prozentpunkte über der durchschnitt-
lichen Arbeitlosenquote was wieder dazu führte, daß bereits 23 Prozent der öster-
reichischen Arbeitslosen über 50 Jahre alt sind. Vgl. „Wirtschaftswoche“ Nr. 45,
5. Nov. 1992, sowie „Der Standard“ 5. Feb. 1993.
4 In Westeuropa betrug 1992 die durchschnittliche Arbeitslosenrate 9,9%; für 1993
wurde damals von den Experten der OECD eine Steigerung auf durchschnittlich
10,4% prognostiziert (ÖGB-Nachrichtendienst Nr.: 2665, Oktober 1992). Tat-
sächlich lag dann bereits im April 1993 die (saisonbereinigte) Arbeitslosenrate in
der EG bei diesem Wert, in den OECD-Ländern insgesamt, waren zu diesem
Zeitpunkt schon 35 Millionen Menschen arbeitslos – Tendenz weiter steigend. In
besonders hohem Maß sind dabei Frauen und Jugendliche betroffen. Auch in Ös-
terreich ist die durchschnittliche Arbeitslosigkeit zwischen 1992 und 1993 um
etwa 1% gestiegen. (ÖGB-Nachrichtendienst Nr. 2695, Juni 1993, sowie „Der
Standard“ 8. Juni 1993).
Entfremdung in der Arbeits- Freizeit-Gesellschaft 191

zivilisatorische Minimum für eine menschliche Existenzweise zu


sichern: nämlich einen Arbeitsplatz, einen konkreten Ort, an dem sie
ihre gesellschaftlich gebildeten Arbeitsvermögen anwenden können,
um von bezahlter Leistung zu leben.“5 Galt noch bis vor wenigen
Jahren die Formel: Wirtschaftswachstum sichert Vollbeschäftigung als
Universalrezept gegen Arbeitslosigkeit, stehen wir heute vor der Situ-
ation, daß in den meisten Industriestaaten, trotz prosperierender Wirt-
schaft, das Problem Arbeitslosigkeit kaum bewältigbar scheint. Auch
in Österreich wiesen die Wirtschaftsdaten der letzten Jahre massive
Wachstumsraten aus, bezogen auf das durchschnittliche Pro-Kopf-
Einkommen gehört unser Land sogar zur Gruppe der reichsten Länder
der Welt, gleichzeitig wurde es auch hierzulande für große Gruppen
von Arbeitswilligen immer schwieriger, einen Erwerbsarbeitsplatz zu
bekommen.
Bei der „verlorenen“ Arbeit handelte es sich vielfach um Beschäf-
tigungen, die die Menschen entfremdet und verschlissen hatten; aber
dennoch verschwindet für die Betroffenen mit ihrem Wegfallen auch
das organisierende und definierende Zentrum ihres Lebens. In einer
Gesellschaft, die sich ausdrücklich als Arbeitsgesellschaft versteht, ist
Erwerbsarbeit eben – unabhängig von ihrer konkreten Ausformung –
der wesentliche Schlüsselbereich für Lebenssinn und -zweck. So
weist der Begriff Arbeitsgesellschaft auf zweierlei hin: Zum einen auf
die Tatsache, daß der materielle Status und der immaterielle Geltungs-
rang des weitaus überwiegenden Anteils der Bevölkerung direkt oder
indirekt an (Lohn-)Arbeit gekoppelt ist. Zum anderen sind aber
zugleich auch die gesellschaftlichen Werte und Normen unserer Kul-
tur ganz wesentlich auf Arbeit und die durch sie allein erwerbbaren
Entschädigungen bezogen. Das heißt, Erwerbsarbeit ist für die aller-
meisten Menschen nicht nur eine unabdingbare Notwendigkeit,
gleichzeitig sind die Menschen unseres Kulturraumes dahin soziali-

5 Negt, a.a.O., S. 7.
192 Die Arbeit hoch?

siert, jenen Zustand auch zu bejahen, in dem ein adäquates Überleben


in der Regel nur über entlohnte Arbeit möglich ist.
Dementsprechend sind – obwohl die arbeitsfreien Urlaubswochen
in der Werbung als „die schönsten Wochen des Jahres“ apostrophiert
werden und wöchentlich Tausende Menschen auf den großen Lotto-
gewinn hoffen, mit dessen Hilfe sie sich dann zumeist ein arbeitsfrei-
es Leben ermöglichen wollen – beispielsweise Diskussionen über ein
allgemeines „Grundeinkommen ohne Arbeit“6 hierzulande kaum in
Gang gekommen. Obwohl immer offensichtlicher wird, daß, trotz
aller wirtschaftlicher Prosperität, das langjährige politische Ideal der
Vollbeschäftigung anscheinend in immer größere Ferne rückt, wird
krampfhaft daran festgehalten, daß, nur wer arbeitet, Achtung ver-
dient. Dementsprechend leicht war es in den letzten Jahren auch, das
gesellschaftliche Problem Arbeitslosigkeit zu einem individuellen
Versagen umzuinterpretieren. Wer arbeitslos ist, gilt als selber schuld,
entweder weil – wie vielfach behauptet wird – er wahrscheinlich gar
nicht arbeitswillig ist, er sich für die angebotenen Arbeiten angeblich
als „zu gut“ dünkt oder auf Grund dessen, daß seine Qualifikationen
nicht arbeitsmarktgerecht sind, weil er nicht rechtzeitig für eine
„Nachjustierung“ seines Qualifikationsprofils gesorgt hat.
Auch die gewerkschaftliche Forderung nach einer generellen Her-
absetzung der Arbeitszeit, also quasi einer „Neuverteilung“ der vor-
handenen Erwerbsarbeit auf alle Arbeitswilligen, erfährt – im deutli-
chen Gegensatz zu früheren Arbeitszeitreduzierungskämpfen – nur
wenig Unterstützung durch die Mehrzahl der Arbeitnehmer.7 Haupt-

6 Büchele, H./Wohlgenannt, L.: Grundeinkommen ohne Arbeit. Auf dem Weg zu


einer kommunikativen Gesellschaft. Wien 1985.
7 Daß die Gewerkschaftsforderung „Arbeitszeitverkürzung“ keine große Lobby
unter den Betroffenen hat, zeigte beispielsweise eine Exklusivumfrage unter ös-
terreichischen Gewerkschaftsmitgliedern im Sommer 1990. Dabei präferierten
61 Prozent der Befragten mehr Geld, jedoch nur 35 Prozent mehr Freizeit als
gewerkschaftliche Stoßrichtung. Hahn, G.: Erwachsenengerechte Didaktik an
Schulen für Berufstätige,Velm-Himberg 1992, S. 13.
Entfremdung in der Arbeits- Freizeit-Gesellschaft 193

sächlich mit dem Hinweis auf eine damit eventuell geschwächte Kon-
kurrenzfähigkeit der heimischen Wirtschaft wird vielfach gemeint,
daß „wir“ uns eine Arbeitszeitverkürzung nicht leisten können.8 Im
Lichte der Tatsache, daß damit den Tausenden Menschen, die sich
derzeit mit einer „Arbeitszeitverkürzung auf die Null-Stunden-
Woche“ abfinden müssen, nicht nur die Möglichkeit genommen wird
am gesellschaftlichen Wohlstand teilzuhaben, sondern ihnen in einer
Gesellschaft, die sich weitgehend über Erwerbsarbeit definiert, damit
gleichzeitig auch ihr gesellschaftlicher Wert geraubt wird, kann diese
Argumentation nur als zynisch bezeichnet werden.
Die Tatsache, daß in unserer Gesellschaft Arbeit offensichtlich in
erster Linie nicht bloß als Bedingung der Möglichkeit für ein ange-
nehmes und erfülltes Leben – im Einklang mit Natur und Mitmen-
schen – für alle begriffen wird, sondern daß „Erwerbsarbeit als Abs-
traktum“ die primäre gesellschaftliche Schlüsselgröße darstellt, be-
wirkt eine Reihe weiterer (scheinbarer) Widersprüche. So herrscht
beispielsweise hierzulande eine Art von „hilfloser Einigkeit“ darüber,
daß es durchaus vertretbar sei, die Produktion von Kriegsmaterial
oder von offensichtlich sinnlosen oder schädlichen Gütern aufrecht-
zuerhalten, um auf diese Art „Arbeitsplätze zu erhalten“. Mit dem
Argument, daß solche Produktionen sonst eben in anderen Ländern
durchgeführt würden und es noch allemal besser sei, den heimischen

Ganz in diesem Sinn hat sich auch das Tempo der Arbeitszeitreduzierung in den
letzten Jahren deutlich verlangsamt. War im Zeitraum zwischen 1964 bis 1975
die Arbeitszeit in Österreich noch um durchschnittlich 1,36% pro Jahr zurückge-
gangen, verringerte sich das Verkürzungstempo zwischen 1975 bis 1986 auf
0,3% und ging bis 1992 schließlich auf durchschnittlich 0,14% pro Jahr zurück.
„Der Standard“, 10. 5. 1993.
8 Neuerdings taucht im Gegensatz dazu – von der Arbeitgeberseite in der BRD
und auch in Österreich – sogar die Forderung auf, die allgemeine Arbeitszeit
wieder zu verlängern, um die „Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Wirtschaft“
zu steigern. Auch wenn derzeit eher nicht zu erwarten ist, daß dieser Wunsch
umgesetzt wird, so kann als Effekt der Diskussion mit einer beschleunigten Ent-
wicklung in Richtung flexibler Arbeitszeiten gerechnet werden. Vgl.: „Der Stan-
dard“, 28., 29. und 31. Aug 1992.
194 Die Arbeit hoch?

Nationalreichtum zu vermehren, wird damit recht leichtfertig ein Bei-


trag zur weltweiten Rüstung, zur Ausbreitung von Krankheiten, zur
weiteren Umweltzerstörung oder zum sinnlosen Verbrauch natürlicher
Ressourcen in Kauf genommen.
Alle die genannten Widersprüche und offensichtlichen Absurditä-
ten lassen sich nur erklären, wenn davon abgegangen wird, Arbeit
losgelöst von den Rahmenbedingungen zu betrachten, unter denen sie
in unserer Gesellschaft geleistet wird. Denn Arbeit ist durchaus nichts
Überhistorisches. Die Tatsache, daß das Leben des Menschen immer
schon mit Arbeit verknüpft war, daß Arbeit quasi „ewige Natur“ und
Kultur-„Bedingung des menschlichen Lebens“ (Karl Marx), sozusa-
gen eine „fundamentale Funktion der Existenz des Menschen“ (Labo-
rem exercens, 1981), oder, noch elaborierter ausgedrückt, eine „condi-
tio humana“, eine Bedingung und Bestimmung menschlicher Exis-
tenz, ist, sagt ja noch nichts über die Interessen und Bedingungen aus,
die zur derzeit vorfindbaren und mit spezifischen historisch-
gesellschaftlichen Gegebenheiten verbundenen Gestalt von Arbeit
geführt haben. Die Frage muß den Triebkräften gelten, die verant-
wortlich dafür sind, daß die in der Antike und im Mittelalter eher ge-
schmähte Arbeit im allgemeinen Bewußtsein zur „selbstverständli-
chen“ Lebensform wurde, deren Aufrechterhaltung wir heute viel
mehr anstreben als das, was durch Arbeit eigentlich erreicht werden
sollte; sodaß uns derzeit das Einfordern eines „Rechts auf Arbeit“9
viel eher angemessen erscheint als „bloß“ ein solches auf Wohlver-
sorgtheit.10

9 Ein „Recht auf Arbeit“ wurde erstmals vom französischen Sozialisten Charles
Fourier 1808 gefordert, heute ist es – faktisch allerdings wirkungslos – in der
Menschenrechtsdeklaration der Vereinten Nationen (Art. 23, Abs. 1) und in der
Europäischen Sozialcharta verankert.
10 Der, im Gegensatz zu seinem Schwiegervater Karl Marx, eher unbekannt geblie-
bene Paul Lafargue schrieb in seinem Büchlein „Das Recht auf Faulheit“ in die-
sem Zusammenhang vor ca. 100 Jahren: „Eine seltsame Sucht beherrscht die Ar-
beiterklasse aller Länder, in denen die kapitalistische Zivilisation herrscht, eine
Entfremdung in der Arbeits- Freizeit-Gesellschaft 195

Arbeit, so wie wir sie heute kennen, ist eine Erfindung der Moder-
ne. In dieser spezifisch historischen Gestalt fällt sie „weder zusammen
mit den tagtäglichen Notwendigkeiten, dem für den Lebensunterhalt
und die Reproduktion eines jeden erforderlichen »Tagewerk«, noch
mit der Mühsal – so anstrengend sie auch sein mag –, die ein Indivi-
duum zur Erfüllung einer Aufgabe vollbringt, deren Nutznießer es
selbst oder seine Angehörigen sind, noch mit den Tätigkeiten, die wir,
ohne Zeit und Mühe zu zählen, aus eigenem Antrieb zu einem Zweck
unternehmen, der nur in unseren Augen Bedeutung hat und den nie-
mand anderes an unserer Stelle verwirklichen könnte.“11 Das definie-
rende Merkmal der Arbeit, die unserer Gesellschaft zur Bezeichnung
„Arbeitsgesellschaft“ verholfen hat, ist, daß sie eine Tätigkeit dar-
stellt, deren Wert ausschließlich über die Bedingungen eines Marktes
– des Arbeitsmarktes – geregelt wird. Zu jener Arbeit, die wir „ha-
ben“, „suchen“ oder „verlieren“ können zählen nur Tätigkeiten, die
von anderen nachgefragt, als verwertbar anerkannt und – genau des-
halb – auch vergütet werden.
Jene das Leben in unserer Gesellschaft so grundsätzlich bestim-
mende Arbeit hat nur einen marginalen Zusammenhang mit der „Ar-
beit als anthropologische Kategorie“, sie tritt historisch auch erst spät,
im Zusammenhang mit dem Manufakturkapitalismus, als abstrakte
betriebswirtschaftliche Vernutzung menschlicher Arbeitskraft in die

Sucht, die das in der modernen Gesellschaft herrschende Einzel- und Massen-
elend zur Folge hat. Es ist dies die Liebe zur Arbeit, die rasende, bis zur Er-
schöpfung der Individuen und ihrer Nachkommenschaft gehende Arbeitssucht.
Statt gegen diese geistige Verirrung anzukämpfen, haben die Priester, die Öko-
nomen und die Moralisten die Arbeit heiliggesprochen. Blinde und beschränkte
Menschen, haben sie weiser sein wollen als ihr Gott; schwache und unwürdige
Geschöpfe, haben sie das, was ihr Gott verflucht hat, wiederum zu Ehren zu
bringen gesucht. Ich, der ich weder Christ noch Ökonom, noch Moralist zu sein
behaupte, ich appelliere von ihrem Spruch an den ihres Gottes, von den Vor-
schriften ihrer religiösen, ökonomischen oder freidenkerischen Moral an die
schauerlichen Konsequenzen der Arbeit in der kapitalistischen Gesellschaft.“ La-
fargue, P.: Das Recht auf Faulheit. Wien o.J.
11 Gorz 1989, a.a.O., S. 27.
196 Die Arbeit hoch?

Welt. Die bloße für den Lebensunterhalt notwendige Arbeit hingegen


war noch niemals in der Geschichte gesellschaftlicher Integrationsfak-
tor. Solche „Subsistenzarbeit“ versprach in keiner der vormodernen
Gesellschaften Prestige und Anerkennung.12 Im Gegenteil, diejenigen,
die sie ausführten, galten – da sie der „Notdurft des Lebens“ unter-
worfen waren – immer als unterste gesellschaftliche Kategorie. So
meinte man im Altertum, daß man Sklaven nötig habe, weil es für die
Befriedigung der Lebenserfordernisse notwendige Beschäftigungen
gibt, die ihrer Natur nach „sklavisch“ sind, nämlich dem Leben und
seiner Notdurft versklavt. „Arbeiten hieß Sklave der Notwendigkeit
sein, und dies Versklavtsein lag im Wesen des menschlichen Lebens.
Da die Menschen der Notdurft des Lebens unterworfen sind, können
sie nur frei werden, indem sie andere unterwerfen […]. Im Altertum
war [demgemäß] die Einrichtung der Sklaverei nicht wie später ein
Mittel, sich billige Arbeit zu verschaffen oder Menschen zwecks Pro-
fit »auszubeuten«, sondern der bewußte Versuch, das Arbeiten von
den Bedingungen auszuschließen, unter denen Menschen das Leben
gegeben ist. Was dem menschlichen Leben mit anderen Formen tieri-
schen Lebens gemeinsam ist, galt als nicht-menschlich.“13
Bis hinauf ins achtzehnte Jahrhundert galt Arbeit als „des freien
Mannes unwürdige Mühsal“14 und bezeichnete fast ausschließlich die
Beschäftigung der Knechte und Taglöhner, „die entweder Konsumgü-

12 Das gilt genauso heute für jene Reste der Subsistenzarbeit, die weiterhin not-
wendig sind, da sie (noch) nicht als Nebeneffekte der „Mehrwertproduktion“
auftreten; insbesondere ist dabei zu nennen: Hausarbeit und die Betreuung von
Kindern und alten Menschen.
13 Arendt, a.a.O., S.78/79.
14 Die Übersetzung des althochdeutschen Wortes arabeit[i]. Das Wort Arbeit zeigt
eine semantische Verwandtschaft sowohl mit dem lateinischen avrum, das auf
avra, den „gepflügten Acker“, verweist, als auch mit dem germanischen arba,
was soviel wie „Knecht“ bedeutet. Das französische Pendant zum Arbeitsbegriff,
travail, dürfte vom vulgär-lateinischen tripalare („pfählen“ oder „quälen“) ab-
stammen, das russische rabota von rab, was „Sklave“ heißt (vgl. Guggenberger,
a.a.O., S. 32).
Entfremdung in der Arbeits- Freizeit-Gesellschaft 197

ter herstellten oder aber lebensnotwendige Dienste verrichteten, die


tagtäglich erneuert werden müssen und kein dauerhaftes Resultat hin-
terlassen. Die Handwerker hingegen, die dauerhafte und akkumulier-
bare Gegenstände fabrizierten – Werkstücke, die von ihren Käufern
meistens an die eigene Nachkommenschaft vererbt wurden –, »arbei-
teten« nicht: sie »werkten«, und bei diesem »Werk« konnten sie die
»Arbeit« von Handlangern für die groben und unqualifizierten Aufga-
ben benutzen. Nur die Taglöhner und Handlanger wurden für ihre
»Arbeit« bezahlt; die Handwerker ließen ihr »Werk« nach einem fes-
ten Satz bezahlen, der von ihren berufsständischen Organisationen
festgelegt wurde, den Zünften und Gilden.“15 Diese Unterscheidung
zwischen zwei mit unterschiedlichem gesellschaftlichem Prestige
belegten Formen zielgerichtet-produzierender Tätigkeit spiegelt sich
auch in beinahe allen europäischen Kultursprachen durch jeweils se-
mantisch voneinander abgesetzte Begriffe wider; z.B. ponein und
ergazesthai im Griechischen, laborare und facere im Lateinischen,
travailler und ouvrer im Französischen, schließlich labour und work
im Englischen.16
Grundsätzlich ging das mittelalterliche Denken davon aus, daß je-
der Mensch die aufgrund seiner Geburt und seines Standes von Gott
für ihn vorgesehenen Aufgaben zu erfüllen habe. Die dabei anfallen-
den Tätigkeiten sollten der Erhaltung des Lebens, nicht der Anhäu-
fung von Reichtum dienen, und der Erlös sollte im Grunde nur die
standesgemäße Lebensform sicherstellen. Denn eng verbunden mit
dem Gebot, der dem Menschen zugewiesenen Pflicht innerhalb der
vorgegebenen sozialen Ordnung gehorsam zu sein, war das Verbot
des Gewinnstrebens. Der uns heute vollkommen selbstverständlich
erscheinende kaufmännische Grundsatz, eine Arbeit zum Marktpreis
abzusetzen, galt als unchristlich. Der Preis sollte durch das Gewissen

15 Gorz 1989, a.a.O., S. 30.


16 Vgl: Riedel, M.: Arbeit. In: Krings et.al. (Hg.): Handbuch der philosophischen
Grundbegriffe, Bd. 1. München 1973, S. 126.
198 Die Arbeit hoch?

geregelt sein, d.h. es sollte nicht mehr Gewinn erzielt werden als
durch die eigene, in das Werk investierte Mühe gerechtfertigt er-
schien, und zwar auch dann, wenn der Markt mehr hergegeben hät-
te.17
Ganz in diesem Sinne waren auch die handwerklichen Produkti-
onsmethoden ausdrücklich festgeschrieben und oft sogar unter Straf-
androhung gegen Veränderungsversuche abgesichert. Die vereinzelt
bis ins 19. Jahrhundert wirksamen Zunftgesetze verhinderten nicht
nur willkürliche Preisfestsetzungen oder ein wahlloses Anwachsen
des Warenangebots, sondern auch die Konkurrenz unter den Zunftge-
nossen. Neue Techniken oder Maschinen durften, wenn sie nicht allen
zur Verfügung standen, vielfach gar nicht eingesetzt werden. Streng
wurde darauf geachtet, daß keiner dem anderen seine Kunden abwarb
und nur in dem Umkreis Waren verkauft werden durften, in dem es
von der Zunft erlaubt war. Genauso bestimmten die Zünfte die Dauer
der Arbeitszeit und legten die Entlohnung der Gesellen und Taglöhner
fest, womit sie sie jedes Feilschen entzogen. Außerdem war die Anla-
ge von Gewinnen im Betrieb und somit dessen Vergrößerung nur
bedingt erlaubt.18
Insgesamt war das christliche – und damit das damalige abendlän-
dische – Arbeitsverständnis bis zur Reformation geprägt durch den
biblisch vermittelten Arbeitsfluch. Der Mensch, der die Gemeinschaft
mit Gott durch den Sündenfall gebrochen hat, kann „sein Brot nur im
Schweiße seines Angesichts“ essen. Das Streben um eine Wiederher-
stellung der Gottesgemeinschaft stand im Zentrum des mittelalterli-
chen Lebens, woraus sich eine logische Unterordnung der Arbeit un-
ter das Primat des geistlichen Lebens beziehungsweise der Frömmig-

17 Vgl. Blankertz 1982, a.a.O., S. 46/47.


18 Vgl. Gruber, E.: Zwischen Zunft und Manufaktur. Ein Streifzug durch die hand-
werkliche Berufsausbildung vom Mittelalter bis zur beginnenden Neuzeit. In:
Gruber/Ribolits: Bildung ist mehr …, Aufsätze zur beruflichen Qualifizierung.
München/Wien 1992, S. 18 u. 20.
Entfremdung in der Arbeits- Freizeit-Gesellschaft 199

keit ergab. Arbeit stellte sich in diesem Verständnis als notwendige,


jedoch nicht als die primäre Aufgabe des Menschen dar. Ganz im
Gegenteil: Auch die Arbeit mußte sich dem Ziel der „religio“, der
angestrebten Neuverbindung des Menschen mit Gott, unterordnen. So
ist beispielsweise auch das Gebot der Arbeitsruhe an Sonn- und Feier-
tagen zu verstehen: Damit sollte verhindert werden, daß sich der
Mensch der Arbeit statt Gott als dem Wesentlichen zuwendet.
Der scholastische Theologe und Philosoph Thomas von Aquin be-
handelt an vielen Stellen seiner Schriften das Verhältnis von tätigem
und beschaulichem Leben. Dabei räumt er dem beschaulichem Leben,
dem Leben der Betrachtung und Muße – ganz in der von ihm gepfleg-
ten aristotelischen Tradition – vorerst grundsätzlich den Vorrang
ein.19 In diesem Sinn formulierte er beispielsweise unmißverständlich:
„Das tätige Leben heißt Knechtschaft, das beschauliche aber Frei-
heit.“20 Später – im Zusammenhang mit der Verteidigung der Le-
bensweise der Predigerbrüder, die neben den traditionellen Mönchs-
gelübde der Armut, Keuschheit und des Gehorsams auch eine Ver-
pflichtung zur seelsorgerischen Arbeit eingingen – unternimmt Tho-
mas zwar eine Rehabilitierung der vita activa, indem er sich recht
vehement für eine Synthese der beiden Lebensformen, des tätigen und
beschaulichen Lebens, ausspricht. Jedoch handelt es sich bei den
Werken des aktiven Lebens, die er für die Kombination mit dem be-
schaulichen Leben empfiehlt, nur um Tätigkeiten, die um der Nächs-
tenliebe willen ausgeübt werden dürfen.21 Die für die Bewältigung der

19 Vgl.: Bernath, K.: Thomas von Aquin und der Verlust der Muße. In: Tewes
(Hg.): Nichts Besseres zu tun. Über Muße und Müßiggang. Oelde 1989, S. 67.
20 Zit. nach Hund, W.D.: Arbeit. In: Sandkühler (Hg.): Europäische Enzyklopädie
zu Philosophie und Wissenschaften, Bd, 1. Hamburg 1990, S. 171.
21 Vgl. Bernath, a.a.O. Der Autor begründet im erwähnten Artikel übrigens sehr
plausibel, warum er der Meinung ist, daß mit dem „philosophischen Kunstgriff“,
mit dem Thomas von Aquin erfolgreich die Existenzberechtigung seines Ordens
verteidigte, der Grundstein dafür gelegt war, daß das Leben der Betrachtung und
200 Die Arbeit hoch?

alltäglichen Lebensnotwendigkeiten erforderliche Arbeit bleibt uner-


wähnt. Für Tätigkeiten dieser Art liefert Thomas von Aquin eine
Zweckbestimmung, die deutlich zeigt, daß Arbeit im Mittelalter kei-
nesfalls Selbstzweckcharakter hatte, sondern demütig angenommen
und in gottgefälliger Art bewältigt werden sollte: „Die Arbeit hat ei-
nen vierfachen Zweck. Zu allererst soll sie das Lebensnotwendige
beschaffen; zweitens die Ursache so vieler Laster, den Müßiggang,
vertreiben; drittens durch Kasteiung des Leibes die Fleischeslust zü-
geln; viertens ermöglicht sie, Almosen zu spenden.“22
Erst im Zusammenhang mit der im ersten Kapitel skizzierten E-
manzipation des Menschen von der Vorstellung des Ausgeliefertseins
an Natur und Vorsehung begann sich die Sichtweise der Arbeit von
der „Erhaltung des Lebens“ zum „Selbstzweck“ zu wandeln. Arbeiten
galt nun zunehmend nicht mehr bloß als auferlegte Pflicht, sondern
als Tätigkeit zur Ehre Gottes – die „vita activa“ wird der „vita con-
templativa“ nun nicht mehr selbstverständlich untergeordnet. Dem
göttlichen Gebot entsprechend, sollten alle Menschen die Vollstrecker
des göttlichen Willens auf Erden sein; zum Maßstab wurde, wie gläu-
big die Arbeit verrichtet wurde. Die folgenreichen nächsten Schritte
der Entwicklung wurden durch Calvinismus und Pietismus grundge-
legt. Calvin, der davon ausging, daß schon bei der Geburt festgelegt
sei, ob ein Mensch von Gott gnädig angenommen oder zu ewiger
Verdammnis bestimmt ist, meinte, daß sich diese „Prädestination“ am
wirtschaftsberuflichen Erfolg eines Menschen ablesen ließe. Damit
wurden Erfolg und Tüchtigkeit in Wirtschaft und Beruf zu einem
Indikator der Heilsgewißheit hochstilisiert. In der Folge wurde der
Wert eines Lebens in Betrachtung und Muße zunehmend geleugnet
und dieses gesellschaftlich auch immer mehr abgelehnt – die Grund-

der Muße von nun an sukzessive an Terrain verlor und schließlich völlig unter-
liegen mußte.
22 Zit. nach Kühnel, H. (Hg.): Alltag im Spätmittelalter. Graz/Wien/Köln 1984, S.
189.
Entfremdung in der Arbeits- Freizeit-Gesellschaft 201

lagen für den späteren gesellschaftlichen Kampf gegen Arbeitsscheu,


Faulheit und Bettelei waren gelegt.
Die skizzierte Entwicklung bedeutete den wahrscheinlich wesent-
lichsten Einschnitt im Verhältnis des Menschen zur Ökonomie und
auf seinem Weg hin zur Arbeitsgesellschaft. Der wirtschaftliche Er-
folg, auch der sehr schnelle und unverhältnismäßig große, war damit
nämlich aus der bisherigen „religiös-ethischen Verdächtigung“23 ent-
lassen. Zugleich war es allerdings weiterhin nicht erlaubt, sich auf
einmal erworbenem Reichtum „auszuruhen“, es mußte tätig zu dessen
dauernder Vermehrung beigetragen werden; Wohlleben und Luxus
galten in den calvinistischen Gemeinden ja als Zeichen der Verdam-
mung. Die Folge war, daß der Gewinn aus erfolgreichem wirtschaftli-
chem Handeln – da er nicht konsumiert werden durfte – nur in weitere
ökonomische Unternehmungen investiert werden konnte, was wieder
nur – Erfolg vorausgesetzt – zu noch größeren Gewinnen und aberma-
ligen Investitionen führen konnte. Das summum bonum dieser Ethik
war der Erwerb von Geld, unter strenger Vermeidung alles unbefan-
genen Genießens. (Max Weber)
Der Soziologe Max Weber identifiziert in der Summe dieser Ent-
wicklungen sowohl die moralischen als auch die materiellen Grundla-
gen des Kapitalismus. Er meint, daß der calvinistische Geist einerseits
die Rechtfertigung für hohe Unternehmergewinne, verbunden mit
einer rücksichtslosen Disziplinierung und Ausnutzung menschlicher
Arbeitskraft, lieferte und andererseits das über viele Generationen
wirksame Gebot des Konsumverzichts auch eine sukzessive Kapital-
bildung in wenigen Händen bewirkte. Zwar legitimierten die religiö-
sen Gebote selbstverständlich nicht von vornherein die kapitalistische
Ausbeutung lohnabhängiger Arbeiter, die Idealisierung der „vita acti-
va“ und die prinzipielle Befürwortung von wirtschaftlichem Erfolg als
gottgefälliges Handeln lieferten hier jedoch offensichtlich einer Ent-

23 Blankertz 1982, a.a.O., S. 48.


202 Die Arbeit hoch?

wicklung Vorschub, von der auch die Skeptiker der recht pointierten
These Webers, daß der Calvinismus den Kapitalismus hervorgebracht
habe, annehmen, daß sie die Industrialisierung begünstigt hat. Für die
Annahme einer Schlüsselfunktion der calvinistischen Wirtschaftsethik
bei der Entwicklung des Kapitalismus spricht z.B. die Tatsache, daß
das puritanische England in der Industrialisierung dem katholischen
Frankreich und dem protestantischen Deutschland um fast ein Jahr-
hundert voraus war.24
Historisch sind wir unserer heutigen Vorstellung von Arbeit nun
schon sehr nahe. Der Manufakturkapitalismus, der sich im 18. Jahr-
hundert durchzusetzen begann, schuf schließlich endgültig die Grund-
lagen für unser heutiges System der Erwerbsarbeit. Das besondere
und historisch noch nie Dagewesene an der sich nunmehr entwickeln-
den Ausprägungsform von Arbeit ist, daß der Anlaß für das Ingang-
setzen von Arbeitsprozessen sich vom ursprünglichen Zweck – der
Herstellung von Gebrauchswerten – nun völlig löst. In allen vorher-
gehenden Gesellschaftsformationen der menschlichen Geschichte
traten uns Warenproduktion und Arbeit in ihrer konkreten, unmittel-
bar-sinnlichen Gestalt entgegen: als das Schaffen von Gebrauchswer-
ten bzw. von Eintauschmöglichkeiten für andere Gebrauchswerte. Im
Gegensatz dazu stellt das Schaffen von Mehrwert die primäre An-
triebskraft der modernen Warenproduktion dar, das heißt, es geht in
erster Linie darum, daß eine in die Ingangsetzung von Arbeitsprozes-
sen investierte Menge an Geld durch Arbeit anwachsen soll. Was und
wo jeweils produziert wird, hängt dementsprechend – insbesondere
seit Kapital problemlos in verschiedenste Länder transferiert werden
kann – ganz allein von der erzielbaren Rendite für eingesetztes Kapi-
tal ab.
Zwar bleibt die offensichtliche Tatsache bestehen, daß durch Ar-
beit Gebrauchswerte geschaffen werden dadurch, daß sich aber die

24 Vgl. Weber, a.a.O., sowie Blankertz 1982, a.a.O., S. 48.


Entfremdung in der Arbeits- Freizeit-Gesellschaft 203

Zielsetzung für das Ingangsetzen von Arbeitsprozessen geändert hat,


stellen die konkreten sinnlichen Produkte nun nur noch einen Aus-
druck der Geldabstraktion dar. Denn der eigentliche Endzweck der
ganzen Veranstaltung ist nun nicht mehr die Vermittlung konkreter
Güter, sondern die Verwandlung von Geld in mehr Geld; die Produk-
tion von Gebrauchswerten ist dabei zwar unverzichtbar, nichtsdesto-
trotz aber bloß Nebeneffekt. Genau darin ist der Grund zu finden,
warum heute nicht die Relation zwischen gesellschaftlich notwendi-
gem Arbeitsaufwand und Sinn sowie Zweck der erzeugten Produkte
jenes Kriterium sein kann, an dem der Wert und die Notwendigkeit
von Arbeit gemessen wird. Ob die Herstellung bestimmter Produkte
und die damit verbundenen Arbeiten „sinnvoll“ sind, entscheidet sich
derzeit ja letztlich nur daran, ob dabei eine hohe Mehrwertschöpfung
möglich ist. „Die Produkte stellen jetzt in ihrem gesellschaftlichen
Bezug nicht mehr das dar, was sie stofflich-sinnlich wirklich sind; es
handelt sich bei ihrer Herstellung vielmehr um die Produktion von
Mehrwert. Der Austausch auf dem Markt erscheint zwar nach wie vor
als Kaufen und Verkaufen von konkreten Bedarfsgütern, ist aber in
seiner tatsächlichen gesellschaftlichen Vermittlung nur noch die Rea-
lisierung des in den Gütern inkarnierten Mehrwerts, dessen Verwand-
lung in seine eigentliche Darstellungsform Geld. Die Gebrauchsgüter
werden degradiert zu einem bloßen Durchgangsstadium im Form-
wandlungsprozeß des abstrakten ökonomischen Werts.“25
Dieses Umschlagen des primären Zwecks von Arbeitsprozessen
bewirkte in der Folge gewaltige Innovationsschübe in der Güterpro-
duktion. Es existierte ja nun erstmals ein allgemeines, treibendes Mo-
tiv zur Weiterentwicklung der Produktivkräfte – die „Konkurrenz“.
Die möglichst hohe Kapitalrendite als alles überstrahlendes Ziel jed-
weder Produktion von Waren ließ die tradierten, die gesellschaftliche
Güterproduktion regelnden Ordnungsvorstellungen rasch obsolet

25 Kurz, a.a.O, S. 81.


204 Die Arbeit hoch?

werden. Waren die strukturellen Bedingungen der vorkapitalistischen


Produktion noch weitgehend statisch gehalten worden, wurde nun mit
einem mal „Fortschritt“ möglich. Es kam zu einem unvorstellbaren
Anstieg der Produktivität durch die Entwicklung neuer Werkzeuge
und Maschinen, das Erschließen neuer Energiequellen und die ratio-
nellere Organisation der Produktion. Damit war einerseits die Tür
aufgestoßen für eine gewaltige Erweiterung der Bedürfnisse und
Möglichkeiten der Individuen, und andererseits eröffnete sich durch
die zunehmende Entfaltung der modernen Produktivkräfte auch die
Möglichkeit einer tendenziellen Befreiung des Menschen von der
Notwendigkeit der Arbeit als labor, als Leid „im Schweiße seines
Angesichts“26.
Erst die Freigabe der Konkurrenz als „stummer Zwang“ (Karl
Marx) des warenproduzierenden Systems konnte die Produktivkräfte
derart in Bewegung setzen, wenn auch in schreienden Widersprüchen
von Destruktion und Emanzipation.27 Denn genau jene „innovative
Kraft Konkurrenz“ – die ja als Konkurrenz um die Aneignung eines

26 Allerding lag eine ursprüngliche, ganz wesentliche Potenz des auf der Basis von
Konkurrenz und permanentem Wachstum funktionierenden Kapitalismus in sei-
ner schier unerschöpflichen Kapazität bei der „Vernutzung lebendiger Arbeits-
kraft“. Heute scheint dieser wirtschaftliche Mechanismus – allerdings durch kein
gesellschaftliches Regulativ positiv gewendet und dementsprechend begleitet
von den letalen Auswirkungen wachsender Arbeitslosigkeit – zu dem Punkt ge-
führt zu haben, an dem sich diese Fähigkeit zunehmend umkehrt. Die dem Kon-
kurrenzkampf laufend geschuldeten technologischen Verbesserungen und Ratio-
nalisierungen bewirken zunehmend, daß sich das Verhältnis von notwendigen
Arbeitskräften zu Sachmitteln (Maschinen, Roboter, Steuerungssysteme u.dgl.)
immer stärker zuungunsten der menschlichen Arbeitskraft verschiebt. Unter den
gegebenen Begleitumständen bewirkt die Tatsache, daß mit immer weniger Ein-
satz an lebendiger Arbeit immer mehr produziert werden kann, eine relative
Entwertung der menschlichen Arbeitskraft. Außerdem erfordert der erhöhte
Aufwand an den – für eine rationelle Produktion – notwendigen Sachmitteln
immer höhere Vorauskosten an Geldkapital, weiters bewirkt schließlich das per-
manente Mehr an Produktion, bei einem geringeren Erfordernis an menschlicher
Arbeitskraft, immer höhere soziale und ökologische Folgekosten der Produktion.
27 Vgl. Kurz, a.a.O., S. 85.
Entfremdung in der Arbeits- Freizeit-Gesellschaft 205

möglichst hohen Mehrwerts, vermittels und nicht zum Zweck der In-
gangsetzung von Produktionsprozessen in die Geschichte trat – be-
wirkte gleichzeitig eine neuerliche Unterjochung der Mehrheit unter
das Diktat der Arbeit. In den vorindustriellen Gesellschaftsformen
manifestierte sich Arbeit, aufgrund des relativ geringen Standes der
Produktivkraftentwicklung, als den Lebenshorizont der Mehrheit ganz
und gar ausfüllende Mühe und Plage. Im gleichen Maß, wie die Pro-
duktivkräfte durch Industrialisierung und Verwissenschaftlichung
jedoch Zwang und Bann dieser „ersten Natur“ sprengten, wurden sie
wiederum eingebannt in einen gesellschaftlichen Sekundärzwang. Die
spezifische gesellschaftliche Reproduktionsform der Ware wurde nun
zur „zweiten Natur“, deren Notwendigkeit den Individuen heute eben-
so unerbittlich fordernd gegenübersteht wie diejenige der „ersten Na-
tur“, obwohl sie rein gesellschaftlich entstanden ist.28
Da das Herstellen von Waren und das Erbringen von Dienstleis-
tungen unter den gegebenen Bedingungen der Güterproduktion nur
„immanente Nebeneffekte“ der Kapitalvermehrung sind, treten auch
die in den Arbeitsprozessen eingebundenen Menschen nicht primär
als Subjekte in Erscheinung, deren Lebensqualität im Mittelpunkt der
Gestaltung und Ausrichtung dieser Arbeitsprozesse steht – ihre Be-
deutung gewinnen sie ja einzig als Kalküle betriebswirtschaftlicher
Kosten-Nutzen-Rechnungen. Damit wirken auch die Möglichkeiten
einer Verringerung von Arbeitsaufwand durch die Entfaltung der Pro-
duktivkräfte nicht primär und auch nicht selbstverständlich im Sinne
einer Verbesserung der Lebens- und Arbeitssituation der Arbeitenden,
sondern bewirken von vornherein nur eine schnellere und bessere
Kapitalakkumulation. Dementsprechend bedurfte es auch eines müh-
seligen und opfervollen, mehr als ein Jahrhundert dauernden Kamp-
fes, um den Arbeitenden einen adäquaten Anteil an der Produktiv-
kraftentwicklung zu sichern.

28 Vgl. ebda., S. 15/16


206 Die Arbeit hoch?

Der Preis für die Tatsache, daß es schließlich gelang, gesellschaft-


liche Machtverhältnisse zu erkämpfen, in denen nicht automatisch
und selbstverständlich die Interessen des Kapitals über jene der Arbei-
tenden gestellt werden können, war allerdings das allgemeine Akzep-
tieren der „Logik des Kapitalismus“. Erst als die Träger der gesell-
schaftlichen Arbeit das „immer mehr um jeden Preis“ und die damit
verbundene möglichst große und intensive Verausgabung von Ar-
beitskraft jenseits konkreter subjektiv-sinnlicher Bedürfnisse – eben
die Logik der kapitalistischen Warenproduktion – akzeptiert hatten,
war ihre gesellschaftliche Konsensfähigkeit hergestellt. Die Geschich-
te des Kapitalismus läßt sich – wie im ersten Kapitel dargestellt –
dementsprechend auch als eine Geschichte der Installierung unseres
heutigen „Arbeitsethos“ schreiben. In einem umfassenden Prozeß der
sozialen Disziplinierung, an dem vor allem Schule, Heer, Zucht- und
Armenhäuser beteiligt waren, vollzog sich im neunzehnten und zwan-
zigsten Jahrhundert die gesellschaftliche Geburt eines „neuen Men-
schen“29, der einerseits den ökonomischen Anforderungen des auf-
kommenden Kapitalismus entsprach und andererseits die Regeln die-
ser neuen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung schließlich so verin-
nerlichte, daß er sie zur absoluten Logik schlechthin erklärte.
Fleiß, Tüchtigkeit, Leistung und Erfolg sind heute positiv besetzte
„Werte an sich“, bei denen derzeit kaum noch nach Zweck und Nutz-
nießern gefragt wird. „Die Arbeit“ und die sich aus ihrer Idealisierung
ergebenden Werte haben endgültig „alles gute Gewissen auf ihrer
Seite“30. Nicht mehr Arbeit als (Über-)Lebensnotwendigkeit, sondern
Arbeit als Selbstzweck ist es, was das Leben der Menschen in der

29 Siehe dazu vor allem Bauer/Matis, a.a.O..


30 Nietzsche, F.: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, heraus-
gegeben von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, Bd. 3. München 1980, S.
356.
Entfremdung in der Arbeits- Freizeit-Gesellschaft 207

industrialisierten Gesellschaft kennzeichnet.31 Damit geht die mate-


riell unvergleichlich bessere Situation der Angehörigen der heutigen
Industriegesellschaft, gegenüber jener der Menschen vorindustrieller
Gesellschaften, aber auch einher mit Entfremdung und Sinnentlee-
rung. Denn wenn der wirtschaftliche Erfolg von Einzelindividuen,
Unternehmungen, Volkswirtschaften oder wirtschaftlich gemeinsam
operierenden Regionen zur primären Richtschnur gesellschaftlichen
Handelns wird, und sich nicht mehr gegenüber einer übergeordneten
Sinngebung legitimieren muß, bleibt der Mensch mit seinen wesentli-
chen Existenzfragen auf der Strecke. Der Kampf um das „Mehr-
haben“ eröffnet nicht die Möglichkeit einer Antwort auf die Fragen
nach dem „Sinn des Seins“ sondern treibt Menschen nur immer tiefer

31 Interessant erscheint in diesem Zusammenhang die Argumentation von Robert


Kurz, der nicht unberechtigt darauf hinweist, daß auch in den ehemaligen osteu-
ropäischen Gesellschaftssystemen, die von der eigenen Propaganda ja gerne als
„real existierender Sozialismus“ bezeichnet wurden, eine im wesentlichen glei-
che „Mythologisierung“ der Arbeit wie „im Westen“ herrschte. Ein exemplari-
sches Beispiel dafür stellte z.B. die Idealisierung des angeblichen Musterarbei-
ters „Stachanow“ in der Sowjetunion dar. Die Tatsache, daß diese Gesellschaften
ihren Mitgliedern im Durchschnitt zwar nur einen wesentlich geringeren Lebens-
standard als bei uns ermöglichten und daß ihr schlußendlicher Zusammenbruch
auch von einem totalen Finanzbankrott begleitet war, darf nicht darüber hinweg-
täuschen, daß sie im Grunde genommen ebenfalls an der Ideologie des „Immer
mehr“ ausgerichtet waren. Ein anfangs auch gerne erklärte Ziel war es sogar, im
Systemwettbewerb gegen die „marktwirtschaftlich-kapitalistischen“ Gesell-
schaftssysteme zu gewinnen und diese auch materiell zu überholen. Allerdings
hat man sich, nach beachtenswerten Anfangserfolgen, quasi selbst um die Mög-
lichkeit eines Sieges im „Immer-mehr“-Wettbewerb gebracht, indem man wei-
terhin systematisch die „innovative Kraft der Konkurrenz“ unterdrückt hatte.
Kurz meint allerdings, daß das bei weitem noch keine echte Überwindung der
„Logik des Kapitalismus“ bedeutete und daß deshalb – im Hinblick auf das
grundsätzlich idente und eben nur mit untauglichen Mitteln verfolgte Paradigma
„Wachstum“ – diese Gesellschaftssysteme auch gar nicht als nicht- bzw. postka-
pitalistisch bezeichnet werden können. Vgl. Kurz, a.a.O.
208 Die Arbeit hoch?

in existentielle Deprivationen, oftmals verbunden mit Süchten aller


Art oder mit suizidalen Lebensmustern 32.
Zugleich zeigt sich in den letzten Jahren aber auch immer deutli-
cher, daß die unserer Wirtschaftsordnung immanente Zwangsgesetz-
lichkeit von Wachstum und Konkurrenz auch jede Lösung in bezug
auf die immer drängender werdenden weltweiten sozialen und ökolo-
gischen Probleme verhindert. Dem weit über irgendwelche ursprüng-
lichen Bedürfnisse hinausgewachsenen Warenangebot in den Indust-
riestaaten steht ja einerseits eine unvorstellbare Armut der außerhalb
dieser Regionen lebenden Menschen gegenüber, und andererseits
entwickeln sich zunehmend auch innerhalb der Wohlstandsgebiete so
etwas wie „Dritte-Welt-Inseln“33. Gleichzeitig ist es heute wohl kaum
mehr möglich, die fatalen Folgen der ungebremsten Ausbeutung der
Natur zu leugnen. Immer mehr und – im Sinne ökonomischer Logik –
immer rationeller zu produzieren bedeutet eben zum einen die Ver-
nichtung zunehmend größerer Ressourcenmengen, begleitet von ei-
nem laufend ansteigenden Energieverbrauch, und zum anderen auch

32 Vgl. dazu insbesondere Richter, H.E.: „Immer mehr“ macht uns krank. In:
Copray (Hg.): Immer mehr? Die Verführung zur Sucht, München 1991, S. 62-
79.
33 Gegenwärtig lebt jeder fünfte Bewohner in der sogenannten „Dritten Welt“ unter
der von der Weltbank definierten absoluten Armutsgrenze von weniger als 370 $
im Jahr. Zwei Drittel davon müssen sogar mit dem Gegenwert von 275 $ Jah-
reseinkommen „durchkommen“ – was nichts anderes heißt, als daß sie perma-
nent am Rande des Hungertodes vegetieren („Der Standard“, 30. 10. 1990). Aber
auch in den USA kann man – entsprechend den Kriterien einer Ende 1991 fertig-
gestellten Studie amerikanischer und europäischer Wissenschafter – 18,1% der
Haushalte als arm bezeichnen („Metall“, Nr. 11/91). In den EG-Staaten sind, im
Sinne der Definition einer in Ausarbeitung befindlichen Sozial-Charta, immerhin
ebenfalls 44 Millionen Menschen – das sind 14% der Bevölkerung – als arm an-
zusehen (ORF-Nachrichten 6.12. 1991). Die Obdachlosigkeit ist 1990 in 28 US-
Großstädten um 24%, 1991 um weitere 13% gestiegen („Die Presse“, 18. 12.
1991). In London sind 20.000 Menschen auf einen Schlafplatz in einem Asyl an-
gewiesen – ihre Zahl ist damit gleich hoch wie am Anfang dieses Jahrhunderts.
In Paris stellen die Clochards bereits 1% der Bevölkerung („Kurier“, 19. 1.
1992).
Entfremdung in der Arbeits- Freizeit-Gesellschaft 209

die Tendenz zum Ersetzen lebendiger Arbeitskraft durch mechanische


und elektronische Aggregate. Da aber die Logik der – inzwischen
weltweiten – Konkurrenz eine Aufteilung der verbleibenden Arbeit
auf alle Arbeitswilligen, aufgrund der damit verbundenen Wettbe-
werbsnachteile, nur schwer möglich macht, ist eine weitere Folge die
Ausgrenzung anwachsender Gruppen der Bevölkerung vom Arbeits-
markt. Sowohl die heute bereits allgemein beklagte ökologische Krise
als auch die viel zu wenig diskutierte soziale Zeitbombe haben ihre
Ursache in den Prinzipien der modernen Warenproduktion. Die durch
die Freigabe der Konkurrenz ins uferlose anwachsende Produktivität
schlägt in einer zunehmenden Zerstörung der Biosphäre zu Buch, und
der dabei aktivierte Wissenschafts- und Sachmitteleinsatz führt
gleichzeitig das „Arbeits“-Prinzip ad absurdum. Es scheint somit al-
lerhöchste Zeit, das „Immer mehr um jeden Preis“, einschließlich der
damit verknüpften Idealisierung der Arbeit, massiv zu hinterfragen,
um die Welt nicht schließlich vollends durch Arbeit zu zerstören.
210 Die Arbeit hoch?

II. „FREIZEIT“ – FLUCHTPUNKT DER ARBEITSGESELL-


SCHAFT?

Wie zahlreich sind doch die Dinge,


deren ich nicht bedarf.
Sokrates, Viertes Jht. v. Chr.
Freedom ’s just another word
for nothing left to loose.
Janis Joplin, 1968
Wir wollen alles,
und davon möglichst viel,
und zwar sofort.
Graffiti, 1994

Häufig wird argumentiert, daß der Anteil an Lebenszeit, den die


Menschen für Erwerbsarbeit aufwenden, derzeit sowieso kontinuier-
lich abnimmt, und unsere Kultur sich sukzessive von einer Arbeitsge-
sellschaft zu einer Freizeitgesellschaft wandelt. Der technische Fort-
schritt bewirkt einerseits, daß, obwohl sogar immer mehr Waren pro-
duziert werden, eine laufende Verringerung der gesetzlichen bzw.
kollektivvertraglich vereinbarten Regelarbeitszeit möglich ist, und
gleichzeitig nimmt die Lebensarbeitszeit auch durch eine Verlänge-
rung der durchschnittlichen Schul- und Ausbildungszeit, die immer
häufiger notwendigen Phasen der Weiterbildung sowie durch eine
Vorverlegung des Pensionsalters ab. Außerdem – so könnte man zy-
nisch argumentieren – stellen eben auch die erzwungenen Phasen der
Arbeitslosigkeit, von denen, wie schon erwähnt, relativ viele Men-
schen unserer Gesellschaft betroffen sind, quasi „durch die Hintertür“,
eine Reduzierung der durchschnittlichen Lebensarbeitszeit dar. Und
Entfremdung in der Arbeits- Freizeit-Gesellschaft 211

wenngleich derzeit auch noch schwer abschätzbar ist, wie die Ent-
wicklung am Arbeitsmarkt unmittelbar weitergehen wird, welche
Substitutionseffekte sich beispielsweise zwischen den Wirtschaftssek-
toren ergeben werden und wie rasch neue technische Möglichkeiten
im Sinne weiterer Arbeitszeitreduzierungen wirksam werden können,
scheint es doch eine ausgemachte Sache zu sein, daß wir uns tenden-
ziell einem Zustand annähern, in dem die Menschheit das Joch der
Arbeit weitgehend wird abgeschüttelt haben und „die vita activa zum
unbedeutenden Restposten einer Moderne“34 werden wird. Daraus
ließe sich dann schließen, daß der bestimmende Charakter der (ent-
fremdeten) Arbeit in unserer Kultur tendenziell ebenfalls schon wie-
der im Schwinden begriffen sei.
Aber, wie Hannah Arendt schon 1958 schrieb, „dieser Schein
trügt. Die Neuzeit hat im siebzehnten Jahrhundert begonnen, theore-
tisch die Arbeit zu verherrlichen, und sie hat zu Beginn unseres Jahr-
hunderts damit geendet, die Gesellschaft im Ganzen in eine Arbeits-
gesellschaft zu verwandeln. Die Erfüllung des uralten Traums (vom
leichten, von Mühe und Arbeit befreiten Leben für alle, E.R.) trifft
wie die Erfüllung von Märchenwünschen auf eine Konstellation, in
der der erträumte Segen sich als Fluch auswirkt. Denn es ist ja eine
Arbeitsgesellschaft, die von den Fesseln der Arbeit befreit werden
soll, und diese Gesellschaft kennt kaum noch vom Hörensagen die
höheren und sinnvolleren Tätigkeiten, um derentwillen die Befreiung
sich lohnen würde. Innerhalb dieser Gesellschaft […] gibt es keine
Gruppe, keine Aristokratie politischer oder geistiger Art, die eine
Wiederholung der Vermögen des Menschen in die Wege leiten könn-
te.“ Und im Hinblick auf die Entwicklung der permanent steigenden
Produktivität, also der Tatsache, daß immer mehr Produkte unter Ein-
satz von immer weniger menschlicher Arbeitskraft geschaffen werden

34 Alheit, P.: Abschied von der Lohnarbeit? Bemerkungen zu einer Erweiterung des
Arbeitsbegriffs. In: Alheit/Körber/Rabe-Kleberg (Hg.): Abschied von der Lohn-
arbeit. Bremen 1990, S. 11.
212 Die Arbeit hoch?

können, meint sie schließlich: „Was uns bevorsteht, ist die Aussicht
auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist, also die
einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht. Was könnte verhäng-
nisvoller sein?“35
In diesem Sinn verspricht, abgesehen davon, daß, trotz eines unbe-
streitbaren Rückgangs des Anteils der (Lohn-)Arbeit an der Gesamt-
lebenszeit in den industrialisierten Ländern, ein kritisches Hinterfra-
gen der Behauptung von der permanenten und „dramatischen“ Ar-
beitszeitverkürzung angebracht bleibt36, auch die bloße Reduzierung

35 Arendt, a.a.O., S. 11/12


36 So weist beispielsweise Lisop nach, daß zwar große Arbeitszeitreduzierungen in
der ersten Etappe der industriellen Revolution vorgenommen wurden, damit aber
bestenfalls eine Rücknahme der ungeheuren Verlängerung der Arbeitszeit der
frühen Entwicklungsstadien des Kapitalismus erfolgte. Die Arbeitszeitverkür-
zungen im Gefolge der wissenschaftlich-technischen Revolution sind im Verält-
nis zur damit verbundenen immensen Steigerung der Arbeitsproduktivität hinge-
gen nur noch geringfügig. Die Arbeitszeiten in den vorindustriellen Abschnitten
der europäischen Geschichte waren – nimmt man die Arbeitsstunden während
eines Jahres als Maßstab – insgesamt sogar geringer als im 19. Jahrhundert. Erst
nach Ende des Zweiten Weltkriegs gewannen verschiedene Gruppen von Fach-
arbeitern wieder das gleiche Ausmaß an arbeitsfreier Zeit, das die im Handwerk
Tätigen bereits zum Ausgang des Mittelalters erreicht gehabt hatten. Vgl. Lisop,
I: Sozio-kulturelle Entmündigung in der Freizeitgesellschaft. Frankfurt a.M.
1986, S. 110ff.
Auch Arendt führt aus, daß, legt man den Betrachtungen zu Arbeitszeitverkür-
zung etwas längere Zeiträume zugrunde, man zur überraschenden Feststellung
kommt, daß wir es bisher, was die jährliche Gesamtsumme der auf jeden entfal-
lenden Freizeit anlangt, noch nicht sehr viel weiter gebracht haben, als uns wie-
der einem halbwegs normalen und erträglichen Maß zu nähern. Denn z.B.
„schätzt man heute, daß während des Mittelalters nicht mehr als die Hälfte der
Tage im Jahr gearbeitet wurde.“ Das Ausmaß der offiziellen Feiertage beziffert
sie, unter Berufung auf Levasseur und Liesse, auf 141 Tage. Arendt: a.a.O., S.
120 u. S. 346.
Ehalt gibt an, daß in Wien noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts etwa jeder dritte
Tag ein Feiertag war, und daß außerdem das „Blau feiern“ des Montags bei den
Handwerksgesellen eine verbreitete Methode war, um einen weiteren freien Tag
zu gewinnen. Ehalt, H.Ch.: Arbeit ist aller Laster Anfang. In: Zeitschrift für So-
zialpsychologie und Gruppendynamik. In Wirtschaft und Gesellschaft, 16
(1991), Heft 1, S. 15.
Entfremdung in der Arbeits- Freizeit-Gesellschaft 213

der Erwerbsarbeitszeit, bei Aufrechterhaltung der strukturellen Be-


dingungen, unter denen gesellschaftlich organisierte Arbeit stattfindet,
keine Lösung. Freizeit stellt heute kaum einen Gegenpol zur fremdbe-
stimmten Arbeitszeit dar. So wie David Riesmann schon in seinem
1961 erschienenen Buch „Wohlstand wofür?“37 geschrieben hat, kann
man sie heute meist nur mehr als jene Zeit charakterisieren, „in der
man sich all den Anreizen zum Erwerb neuer Konsumgewohnheiten
aussetzt, die ihrerseits neue Einkommensquellen erfordern“. Unsere
Arbeitsgesellschaft braucht eben nicht nur bewußtlos sich am Ziel des
„Immer-Mehr“ beteiligende Arbeitende, sondern auch Konsumentin-
nen und Konsumenten, die möglichst viele Modeströmungen mitma-
chen, sich einreden lassen, daß genau das jetzt neu auf den Markt
kommende Produkt ihr Leben lebenswerter machen wird und die un-
kritisch alle Lifestylerituale, die gerade „in“ sind, mitvollziehen.
Kritische KonsumentInnen hingegen, die nach dem Sinn und
Zweck der immer neuen und modeabhängig wechselnden Produkte
und Designs fragen würden, könnten die Prämissen unserer Gesell-
schaft genauso zum Wanken bringen wie eine kritische Arbeitnehme-
rInnenschaft, von der die Grundsatzfrage nach dem Sinn einer Arbeit
gestellt wird, die im Erzeugen von Produkten besteht, die man den
Käufern oft erst aufwendig einreden muß und deren „Entsorgung“ in
der Zwischenzeit vielfach schon mehr Probleme als ihre Herstellung
bereitet. Aber Bedingungen, Form und Rhythmus der Arbeit prägen
eben auch das Verhalten außerhalb der Arbeitssphäre. Das für das
Funktionieren in der Arbeitswelt verinnerlichte „Immer-Mehr“ fordert
seinen Tribut selbstverständlich auch in der arbeitsfreien Zeit.
Selbst-findung und Selbst-verwirklichung sind dementsprechend der-
zeit in beiden Sphären kaum möglich, jedenfalls nicht für die weitaus
überwiegende Zahl der ArbeitnehmerInnen. Es wäre eine Illusion,
Freizeit als jenen Bereich anzusehen, in dem der Mensch von den

37 Riesmann, D.: Wohlstand wofür? Essays. Frankfurt a.M. 1973.


214 Die Arbeit hoch?

Entfremdungstendenzen durch die industrielle Arbeitswelt befreit


wäre. Geändert sind nur die Vorzeichen der Entfremdung, statt unter
dem Zwang zur Arbeitskraftverwertung steht er in seiner erwerbsar-
beitsfreien Zeit unter dem Zwang des Konsums.38
In der Zwischenzeit wird ja das Aufrechterhalten der auf das „Im-
mer-Mehr“ programmierten „Wachstumsgesellschaft“ schon längst
nicht mehr nur durch die verinnerlichte Arbeitsmoral der Gesell-
schaftsmitglieder gewährleistet. Als diesbezüglich mindestens genau-
so wichtig stellte sich die „Weiter“entwicklung des Menschen zum
„homo consumens“ dar. Im Hinblick auf die Notwendigkeit eines
ständig steigenden Konsums im Rahmen unserer Wirtschafts- und
Gesellschaftsordnung wurde eine entsprechende Haltung der Men-
schen, auch in der von Erwerbsarbeit freien Zeit, immer wichtiger.
Immer mehr zu konsumieren mußte im gleichen Maß zum bewußtlos
befolgten Lebensgesetz unserer Gesellschaft werden wie die Bereit-
schaft zur intensiven Verausgabung von Arbeitskraft jenseits konkret-
sinnlicher Bedürfnisse. Demgemäß kann auch die Welt des Freizeit-
konsums keineswegs als Antithese zur heutigen Arbeitssituation und
Arbeitswelt begriffen werden. Arbeiten und Konsumieren sind nur
zwei Erscheinungsformen des gleichen Prozesses der Mehrwertpro-
duktion; die Freizeit bietet dem einzelnen keineswegs automatisch die
Chance zum Sprengen der Fesseln, die die Arbeitsgesellschaft seinem
Bewußtsein angelegt hat.
Eine auf permanentes Wachstum und auf Expansion ausgerichtete
Wirtschaft muß entweder ständig ihre Absatzmärkte ausweiten oder
den Konsumenten immer wieder neue Wünsche suggerieren und diese
an bestimmte verkaufbare Utensilien oder vermarktbare Dienstleis-
tungen heften. Nachdem die potentiellen Käufermärkte natürlich ir-
gendeinmal erschlossen sind, bleibt schließlich nur mehr der Weg in
die Ankurbelung der Konsumspirale. Daß die Unternehmer in diesem

38 Vgl. Heitger, M.: Bildung und moderne Gesellschaft. München 1963, S. 184.
Entfremdung in der Arbeits- Freizeit-Gesellschaft 215

Sinn vorgehen, ist demgemäß auch gar keine Frage der Moral, son-
dern eine Folge der gesellschaftlichen Produktionsweise, in der jeder
Kapitaleigner bei Strafe des Untergangs gezwungen ist, nach steter
Kapitalverwertung zu drängen. Eine von Erwerbsarbeit befreite Zeit
der Gesellschaftsmitglieder wurde, im Hinblick auf das notwendige
Moment des ungezügelten Konsums in unserer Gesellschaft, damit
förmlich zu einem wirtschaftlichen Zwang; Freizeit fungiert heute in
diesem Sinn primär als ein „Motor der Konsumbedürfnisse“. Für gan-
ze Wirtschaftszweige stellt der „Zugriff auf die Freizeit“ der Indivi-
duen in der Zwischenzeit durchaus eine „wirtschaftliche Überlebens-
notwendigkeit“ dar.
Die Umformung des Menschen zum „homo consumens“, und da-
mit seine Totalindienstnahme für die Zwecke der Kapitalvermehrung,
hat mit der sukzessiven Durchsetzung des Fordismus und somit – für
Europa – nach dem Zweiten Weltkrieg begonnen. Der amerikanische
Psychologe Philip Cushman beschreibt die damals eingeleitete Ent-
wicklung als eine systematische „Entleerung des Selbst“39, da dieser
Prozeß bei den Gesellschaftsmitgliedern, parallel zum Schaffen der
psychischen Voraussetzungen für die Anpassung an den Wachstums-
zwang unserer Wirtschaft, auch das jahrhundertelang gepflegte Ideal
eines autonomen Selbst endgültig zerstört hat. Denn verständlicher-
weise ist nicht der Mensch, der selbst-bewußt und mündig über die
Gestaltung und Ausgestaltung seines Lebens entscheidet, der „Ideal-
konsument“ einer auf permanentes Wachstum programmierten Wirt-
schaft, in der es ja darum geht, möglichst hemmungs- und kritiklos zu
konsumieren, sondern der – wie ihn Riesmann40 treffend bezeichnet –
„außengeleitete Mensch“, ein anpassungsfähiger und flexibler Typ,

39 Zit. nach: Ernst, H.: Leben statt Lifestyle. Psychologie Heute, 19 (1991), Heft 6,
S. 22.
40 Vgl. Riesmann 1973, a.a.O.
216 Die Arbeit hoch?

der sich problemlos in den Strom von Waren, Versuchung und Kon-
sum eingliedern läßt.41
Der „Ort der Kontrolle“ darf sozusagen – im Sinne eines problem-
losen Funktionierens unserer Wirtschaftsordnung – nicht mehr im
autonomen Selbst der Individuen liegen, sondern bei den vielen Ma-
nipulationsinstanzen der Konsumgesellschaft. Waren es früher über-
wiegend die Familie, die Religion bzw. ein durch das soziale Bezugs-
system vermitteltes Weltbild, wodurch den Menschen Leitbilder und
Orientierungen geboten wurden, so wurde diese Funktion seit einigen
Jahrzehnten auch immer mehr von der Werbung und den Massenme-
dien übernommen. Heute kann man durchaus sagen, daß primär Wer-
be- und Marketingexperten die gängigen Normen für sozial korrektes
Verhalten, guten Geschmack sowie die Kriterien für Befriedigung und
Glück vorgeben. Die Folge ist eine unverkennbare Tendenz zur zu-
nehmenden „Standardisierung“ und „Uniformierung des Bewußt-
seins“ der Gesellschaftsmitglieder. Diejenigen, die es sich leisten
können, versuchen das, was gerade „in“ ist, an Lebensstil, Kleidung,
Verhaltensweisen und neuerdings immer häufiger auch Aussehen 42,
möglichst perfekt zu kopieren – der selbstbewußte Mensch, der sich
zu seinem einmaligen und unverwechselbaren Wesen bekennt, scheint
damit endgültig passé zu sein.

41 Vgl. auch Schelsky, H,: Einführung in Riesmann, D.: Die einsame Masse. Eine
Untersuchung der Wandlungen des amerikanischen Charakters. Hamburg 1958,
S. 14.
42 So werden z.B. in der BRD bereits 180 Millionen Mark pro Jahr für „Schön-
heits“-operationen ausgegeben. Der SPIEGEL kommentiert diese Zahlen mit der
Bemerkung, daß damit etwas, was noch vor wenigen Jahren ein Minderheiten-
programm für reiche Witwen, alternde Playboys und Popstars war, heute bereits
ein Massenphänomen darstellt: das Korrigieren des Körpers, dem jeweiligen
Schönheitsideal entsprechend, sowie das Rückgängigmachen von altersbedingten
Körperveränderungen (den Spuren des Lebens!), um möglichst lange einem im
wesentlichen über die Medien vermittelten Bild des „Normalaussehens“ zu ent-
sprechen. „Der Spiegel“, 46 (1992), Heft 32, S. 108-119.
Entfremdung in der Arbeits- Freizeit-Gesellschaft 217

Möglich wurde dieser „Abschied von der Individualität“, verbun-


den mit der skizzierten Bereitschaft der Menschen unseres Kultur-
raumes, sich relativ reflexionslos den Vorgaben der jeweiligen Mode-
trends zu unterwerfen, durch eine zunehmende Sinnentleerung in
modernen Gesellschaften. Als Folge läßt sich quasi auch eine „innere
Entleerung“ der Menschen beobachten. Der bekannte Psychoanalyti-
ker Horst-Eberhard Richter meint in diesem Zusammenhang, daß in
unserer Gesellschaft die Innerlichkeit, das Nachdenken über eigene
innere Probleme, eine zunehmende Entwertung erfahren hat und sich
als Folge ein Verlust an Innenwelt, an selbstkritischer Reflexion, an
Ernstnehmen des Inneren beobachten läßt. Als Kompensation zeigt
sich ein geradezu triebhafter „Konsumismus“, eine Sucht nach unmit-
telbar herstellbarer Befriedigung durch Kaufen, durch Genüsse, die
man sozusagen manipulieren kann.43 Richter nimmt eine Wechsel-
wirkung an, zwischen der – wie er sagt – „inneren Unseligkeit“, also
der Perspektivlosigkeit der Menschen einerseits, und dem verstärkten
Drang, sich manipulierbare Bedürfnisbefriedigung zu verschaffen,
andererseits44. Das Konsumieren dient letztlich der Kompensation der
inneren Leere, der Sinnentleerung mit dem damit unmittelbar zusam-
menhängenden Gefühl, wertlos zu sein; die Menschen suchen etwas,
was ihrem Leben Sinn zu geben vermag, und greifen in ihrer Not
begierig nach den Angeboten der Warenwelt.
Konsumieren stellt heute für viele Menschen einen Ersatz für Le-
ben und Lebendigkeit dar, für jene kreative Kraft, die sich vielfach
nur noch unmittelbar bei Kindern, bei deren Spiel, beobachten läßt.
Den Verlust von Sinn und Ziel in der Gesellschaft als Ganzem erlebt
der einzelne als Verlust an Werten und Sicherheiten. Die Folge ist

43 Nicht zufällig findet sich die Drogenmetapher immer öfter auch in der Werbung:
„Wenn ich nur aufhören könnt’ …“ – geworben wird mit dem Anspruch, süchtig
zu machen, nur der Tonfall und die soziale Realität unterscheidet Junkies von
(angeblichen) Genießern von Keksen.
44 Richter a.a.O., S. 62.
218 Die Arbeit hoch?

eine innere Leere, verbunden mit einem chronischen, undifferenzier-


ten „emotionalen Hunger“45. Genau dieser emotionale Hunger der
leeren Selbst ist aber als wesentliches „Schmiermittel“ der Arbeits-
Konsum-Gesellschaft erforderlich. Im ständig steigenden Konsum
von möglichst vielen Produkten durch möglichst viele Menschen liegt
das „Erfolgsrezept“ unserer Marktwirtschaft. Obwohl offensichtlich
ist, daß alles, was verkaufbar ist und verkauft wird, bloß warenförmi-
ge Produkte und profitabel vermarktbare Dienstleistungen sind, wird
dabei so getan, als ob es sich um Lebenssinn und Lebendigkeit han-
deln würde. Denn „heute geht es nicht mehr (bloß) darum, die Impul-
se und Triebwünsche der Menschen zu kontrollieren und zu regulie-
ren [wie seinerzeit, bei der Installierung der modernen Industriege-
sellschaft, E.R.] sondern ihre Sehnsucht nach Trost, Sinn und Zu-
sammenhang zu manipulieren und zu beschwichtigen. Das geschieht,
indem das »leere Selbst« immer wieder – allerdings nur für den Mo-
ment – aufgefüllt wird. Die innere Leere muß ständig mit Konsumgü-
tern, Kalorien, Erlebnissen, Unterhaltung und Politik-Symbolen auf-
gefüllt werden. Auch das »Verständnis« und die »Empathie« von
professionellen Lebenshelfern kann als »Füllmaterial« verwendet
werden.“46
Dementsprechend geht es heute beim Konsumieren im Grunde ge-
nommen auch zumeist gar nicht mehr um die gekauften Waren bzw.
die warenförmigen Dienstleistungen selbst, sondern um eine diffuse
und unreflektierte „Hoffnung auf Leben“. Einkaufspassagen, Malls,
Fitnesscenters, Bars und Cafés sind nicht nur Orte des Konsums, son-
dern ganz wesentlich die Fluchtburgen für Menschen, die der Lange-
weile und dem „Frust am ungelebten Leben“ entfliehen wollen. Kon-
sumiert wird primär aus Unlust an der inneren Leere und als Ersatz
für ein gutes Lebensgefühl. Der Akt des Kaufens und Konsumierens
ist heute überwiegend Selbstzweck, quasi eine Zwangshandlung mit

45 Ernst a.a.O., S. 22.


46 Ebda.
Entfremdung in der Arbeits- Freizeit-Gesellschaft 219

irrationalem Ziel. Der Gebrauchswert des neuen Autos, der Klei-


dungsstücke oder technischen Geräte ist dabei meist völlig oder zu-
mindest weitgehend unwichtig, worum es vielmehr geht, ist das Hin-
terherhetzen hinter dem subtilen Versprechen, daß mit dem Erwerb
dieses Artikels das Leben ein wenig schöner, problemloser und vor
allem „lebenswerter“ werden könne. Sexappeal, Popularität, gutes
Aussehen und ganz allgemein „Gut drauf sein“ sind als Symbole für
Lebendigkeit jene Versprechungen, mit denen die Werbung arbeitet,
und auch das, was die Käufer – unbewußt – wirklich suchen. Kaufen
und Konsumieren dienen heute in erster Linie einer Symbolfunktion;
es steht für „Selbstverwirklichung“, „Lebensglück“, „Wohlbefinden“
und soll sich und den anderen bestätigen: „Ich existiere, und es geht
mir gut“.
Dementsprechend arbeitet die Produktwerbung heute primär da-
mit, den Waren Symbole anzuheften, die ihnen ursprünglich über-
haupt nicht zukommen. Die unerfüllten Sehnsüchte nach Abenteuer,
Freiheit, Lust, Sexualität, … Empfindungen, die grundsätzlich nur aus
einer bejahenden Beziehung zu sich selbst, zu anderen und zur umge-
benden Natur zu schöpfen sind, werden geschickt ausgenützt, um den
Warenumlauf anzukurbeln. Angestrebt wird die emotionale Konditio-
nierung der Konsumenten. Es geht um das permanente Aufrechterhal-
ten der Illusion, daß durch den Kauf und Gebrauch der Waren die
Erfüllung jener Wünsche und Bedürfnisse möglich wird, deren echte
Befriedigung allerdings genau durch jene gesellschaftlichen Struktu-
ren und Bedingungen verhindert wird, die die unermeßliche Waren-
vielfalt hervorbringen und für deren Aufrechterhaltung es auch not-
wendig ist, daß immer mehr gekauft wird.
Die sekundäre Bedeutung des realen Gebrauchswertes der Kon-
sumartikel zeigt sich auch darin, daß man heute auch meist gar nicht
mehr kauft, um zu behalten, sondern um möglichst bald wieder weg-
zuwerfen – oder, gewissensberuhigend, zu „recyclieren“. Während
man früher, was man besaß, hegte und pflegte, um es so lange als
220 Die Arbeit hoch?

möglich benützen zu können, lautet die Devise heute: verbrauchen,


nicht bewahren. Da die Käufer das, was sie wirklich suchen – Lebens-
sinn und Lebendigkeit –, durch den Erwerb der Waren und warenför-
migen Dienstleistungen logischerweise sowieso nicht erhalten, haben
die Dinge für sie auch sehr rasch keine Relevanz mehr47. Ein von der
Industrie immer rasanter vorgenommener Modellwechsel und die
zunehmend übliche Vorgehensweise, Waren wegzuwerfen, auch
wenn sie noch völlig funktionsfähig sind, sind die logische Folge48.
Dementsprechend stellt sich heute die Frage, ob im Zusammenhang
mit dem skizzierten Verhalten gegenüber Waren überhaupt noch von
„Konsumieren“ gesprochen werden kann. Konsum heißt ja eigentlich,
die gekauften Waren auch zu verbrauchen, zu genießen, sie eben zu
konsumieren. Genaugenommen sind die den Lebensversprechen der

47 Auch anhand des später noch zu besprechenden „Entfremdungs-Phänomens“ läßt


sich darstellen, warum die Menschen der Industriegesellschaft zwar gerne und
viel kaufen, das Erworbene aber oft kaum oder nur für sehr kurze Zeit wertschät-
zen. „Aufgrund seiner allgemeinen Beziehungsunfähigkeit ist (der heutige
Mensch) auch Dingen gegenüber gleichgültig. Was für ihn zählt, ist vielleicht
das Prestige oder der Komfort, den bestimmte Dinge gewähren, aber die Dinge
als solche haben (für ihn) keine Substanz. Sie sind total austauschbar, ebenso wie
Freunde oder Liebespartner, die genauso ersetzbar sind, da keine tiefen Bindun-
gen an sie bestehen.“ Fromm, E.: Haben oder Sein. München 198110, S.
143/144.
48 Ein besonders deutliches Beispiel von „Konsumismus“ zitiert Elke Gruber: „Die
Japaner sind technikverrückt. Leicht durch Werbung zu beeinflussen, sind sie
von allem fasziniert, was neu auf den Markt kommt. Jeder will den letzten Schrei
in Sachen Elektronik in seinem Wohnzimmer stehen haben, alte Geräte werden
einfach weggeworfen, niemand will sie haben. Die Industrie hat mit rasanten
Modellwechseln reagiert. So kommt es, daß die Japaner im Schnitt alle sechs
Monate einen neuen Fernseher kaufen, um immer im Besitz des technisch raffi-
niertesten Modells zu sein. In Tokio stellt man die »veralteten« Geräte einfach
auf die Straße, sie werden einmal im Monat kostenlos von den Bediensteten der
Stadt abgeholt, sofern sie nicht mehr als 200 Kilo wiegen. Gemeinsam mit ande-
ren Abfällen werden sie dazu verwendet, vom Meer gewonnenes Land in der
Bucht von Tokio aufzufüllen.“ Gruber, E.: Warum viel und schnell lernen noch
nicht Bildung bedeutet. In: Gruber/Ribolits: Bildung ist mehr … Aufsätze zur be-
ruflichen Qualifizierung. München/Wien 1992, S. 113.
Entfremdung in der Arbeits- Freizeit-Gesellschaft 221

Warenwelt hinterherhetzenden Menschen aber nur süchtig auf das


Kaufen – das Konsumieren verliert dagegen immer mehr an Bedeu-
tung.
Ganz genau so, wie sich das Ingangsetzen von Arbeitsprozessen
völlig vom ursprünglichen Zweck, dem Herstellen von Gebrauchs-
werten, gelöst hat und die Gebrauchswerte heute de facto nur mehr als
Nebenprodukt einer Mehrwertproduktion auftreten, hat sich auch der
Konsum aus dem Zusammenhang des im jeweiligen Produkt impli-
zierten spezifischen Gebrauchswertes gelöst. Und so wie das Um-
schlagen des primären Zwecks von Arbeitsprozessen eine neuerliche,
nun zwar nicht mehr, wie in der vorindustriellen Gesellschaft, natur-
gegebene, nichtsdestotrotz aber genauso unerbittliche Unterjochung
des Großteils der Menschen unter das Diktat der Arbeit bewirkt hat,
entwickelte sich in Form von Marketing, Werbung, „Einkaufserleb-
niswelten“ und ständig wechselnden Moden, Designs sowie „prestige-
trächtigen“ Lebensstilen (wie z.B. bestimmten Clubmitgliedschaften,
Hobbys, New-Age-„Therapien“ oder Reisen, „die man gemacht haben
muß“) ein Instrumentarium zur völligen Indienstnahme der erwerbs-
arbeitsfreien Zeit. Befreit von der Sorge um die Bedarfsdeckung an
Gebrauchsgütern sind die Menschen heute eingeherrscht in den Se-
kundärzwang der „Suche nach Leben“ und dementsprechend hilflos
der „Verführung“ zum ungebremsten Warenerwerb ausgeliefert.49

49 Analysiert man die Symbole, mit denen Werbung arbeitet, läßt sich deutlich das
immanent mittransportierte Lebensversprechen erkennen. Man muß sicher kein
Psychoanalytiker sein, um z.B. im Einsatz der enthüllten weiblichen Brust ein
typisches „Lebenssymbol“ zu erkennen. Peter Sloterdijk meint zur Vermarktung
der Frauenbrust in der Werbung: „In der Warenwelt scheint nichts mehr ohne sie
zu gehen. Jeder spekuliert zynisch auf den Suchtreflex des anderen. Bei allem,
was nach Leben aussehen und Wünsche wecken soll, sind sie dabei, als Univer-
salornament des Kapitalismus. Alles was tot, überflüssig, entfremdet ist, macht
mit lachenden Formen auf sich aufmerksam. … Reklame und Pornographie sind
Sonderfälle des modernen Zynismus, der weiß, daß die Macht den Weg über die
Wunschbilder gehen muß und daß man die Träume und Süchte der anderen
zugleich reizen und frustrieren kann, um die eigenen Interessen durchzusetzen.“
Sloterdijk, P.: Kritik der zynischen Vernunft. Frankfurt a.M. 1983, S. 280/181.
222 Die Arbeit hoch?

Kaufen wurde in die „gesellschaftliche Pflicht“ genommen (Baudril-


lard). Zwar wird der „Kaufzwang“ überwiegend nicht als solcher
wahrgenommen – er tritt uns ja in der attraktiven Verkleidung einer
„Möglichkeit“ gegenüber –, objektiv sind ihm die Menschen der Ar-
beits- Freizeit-Gesellschaft genauso ausgeliefert wie dem Zwang zur
Arbeit.
In logischer Konsequenz dieser Tatsache gibt heute bereits jeder
zweite Amerikaner an, vom „Shopping“ mit Sachen zurückzukom-
men, an die er vorher noch nicht einmal gedacht hat.50 Immer häufi-
ger geht der Versuch, durch Konsumieren die innere Leere zu vertrei-
ben, auch wesentlich weiter als die finanziellen Möglichkeiten erlau-
ben würden. So berichtet der deutsche Freizeitforscher Horst-W. Opa-
schowski, daß bei seinen Untersuchungen die Klagen über „zu hohe
Geldausgaben beim Freizeitkonsum“, vor allem bei der jüngeren Ge-
neration, laufend zunehmen: „1984 lebten 53 Prozent der zwanzig- bis
neunundzwanzigjährigen FreizeitkonsumentInnen gelegentlich über
ihre Verhältnisse, 1987 sind es bereits zwei Drittel (65 Prozent) gewe-
sen.“51 Als weitere Steigerung im System des „Immer mehr – um
jeden Preis“ entwickelte sich dabei die heute für den größten Teil der
Bevölkerung gegebene Möglichkeit dar, Geld schon auszugeben,
bevor man es überhaupt noch verdient hat. Nach dem Zweiten Welt-
krieg wurde hierzulande – zuerst noch vorsichtig, in weiterer Folge
dann immer problemloser – auch für „Besitzlose“ die Möglichkeit
geschaffen, ihr Arbeitsäquivalent über ein Kreditsystem im voraus
legitim zu konsumieren. Konnten noch in der Vorkriegszeit nur
Wohlhabende, die nicht lohnabhängig waren und über Besitz verfüg-
ten, Geld aufnehmen, so stellt in der Zwischenzeit der kreditfinanzier-
te Kauf ein essentielles System unseres Wirtschaftssystems dar. Mit

50 Opaschowski, Horst W.: Konsum 2000 – Szenarien über die Zukunft von Kon-
sum und Freizeit. In: Rosenberger (Hg.): Konsum 2000. Veränderungen im
Verbraucheralltag. Frankfurt a.M./New York 1992, S. 217.
51 Ebda.
Entfremdung in der Arbeits- Freizeit-Gesellschaft 223

Hilfe von Kreditkarten, Schecks und Kontoüberziehungsmöglichkei-


ten erscheint heute der vorspringende Verbrauch eines – erhofften –
zukünftigen Arbeitseinkommens als die selbstverständlichste Sache
der Welt. Viele Artikel wären ohne dieses Vehikel für große Gruppen
von Konsumenten auch gar nicht erschwinglich. Man muß nicht mehr
Geld besitzen, um zu kaufen – ein Kredit bedeutet heute, im Gegen-
satz zu früher, keinen Statusverlust mehr; worauf es in erster Linie
ankommt, ist zu kaufen, und erst in zweiter Linie geht es um die Fra-
ge des „Leisten Könnens“. Daß mit dieser „Werteveränderung“ viele
Menschen in einen unentrinnbaren Kreislauf der Verschuldung ge-
trieben werden, wird als akzeptabler Nebeneffekt dieses Systems hin-
genommen.
Menschliches Leben wird in unserer Gesellschaft einerseits von
der Unterordnung unter die „Verausgabungsmaschine von Arbeits-
kraft“ bestimmt und wird andererseits definiert durch die Prämisse:
„Kaufen um zu sein!“ Dieser Umstand bedingt eine eigenartige Zwie-
spältigkeit: Einerseits braucht die Wirtschaft Menschen, die hart ar-
beiten, viel leisten und in diesem Sinn ein hohes Maß an Triebverzicht
und Triebaufschub vollbringen. Andererseits kann die derzeitige
Wirtschaftsweise nur bei ständig wachsendem Verbrauch stabilisiert
werden; die Wirtschaft propagiert deshalb via Werbung mit ihren
Produkten sofortigen Spaß, Lust und Vergnügen, Entspannung und
Sichgehenlassen. Der hemmungslose Konsum ist gleichsam eine
Funktion der heutigen Produktion. Auf der einen Seite steht die Welt
der Arbeit, in der die Unterordnung unter die Prinzipien Ordnung,
Fleiß und Pünktlichkeit gefordert ist, und auf der anderen Seite eine
Welt der vermeintlichen Freiheit und des totalen Genusses, eine Welt,
in der alle Vergnügungen als käufliche Ware feilgeboten werden.
Gefordert ist der „Teilzeit-Hedonist“ – tagsüber, in der Arbeit, Selbst-
aufgabe in Form der Triebunterdrückung, außerhalb der Arbeit
Selbstaufgabe in Form von manipuliertem Konsum.
224 Die Arbeit hoch?

Nicht vergessen werden darf in diesem Zusammenhang, daß die


Möglichkeiten des Konsumierens jedoch durchaus nicht für alle Ge-
sellschaftsmitglieder im gleichen Maß gegeben sind. Auch in den
„reichen Gesellschaften“ der sogenannten „Ersten Welt“ gibt es – wie
dargestellt – eine wachsende Zahl von Menschen, die vom Konsumie-
ren über das überlebensnotwendige Maß hinaus weitgehend ausge-
schlossen sind52, damit aber gleichzeitig auch das lebende Beispiel
dafür abgeben, daß die Teilnahmemöglichkeiten am Konsum nur die
„Belohnung“ für Anpassung und Wohlverhalten im Bereich der Ar-
beit darstellen. Und auch für jene, die in größerem Umfang als
Verbraucher partizipieren können, bleibt selbstverständlich immer
noch das Versprechen einer eventuellen weiteren Konsumsteigerung,
mit der gleichzeitigen Hoffnung auf mehr „Lust am Leben“, aufrecht.
Dies sind schließlich auch die Mechanismen, die dafür sorgen, daß
Menschen bereit sind, den Widerspruch von Triebunterdrückung ei-
nerseits und „triebhaftem“ Kaufverhalten andererseits zu ertragen und
halbwegs in der Balance zu halten.
Die skizzierte Haltung zum Konsum bezieht sich nicht bloß auf
das Verhältnis der Menschen zu dinghaften Waren, sondern sie defi-
niert das gesamte (Freizeit-)Verhalten. Auf dieselbe zwanghafte Art,
wie man Gebrauchswaren kauft und konsumiert,, werden heute auch
Musik, Kunst, Information, Vergnügen, Reisen und dergleichen –
quasi warenförmig – konsumiert. Faktisch alle Formen kultureller
Entäußerung werden heute „als Ware“ feilgeboten, immer mit dem
gleichen immanenten Versprechen, „durch Konsum zum Leben“ zu
gelangen. In der modernen, auf Mehrwertproduktion ausgerichteten
Gesellschaft nimmt schließlich alles, was zur angestrebten „Lebens-
freude“ (der ausreichend Verdienenden) beizutragen imstande scheint,
den Charakter konsumierbarer Waren an. Als Folge kann heute
durchaus von einer „Universalität der Konsumhaltung“53 gesprochen

52 Vgl. dazu auch die Fußnote 33 in diesem Kapitel.


53 Heitger, a.a.O., S. 166f.
Entfremdung in der Arbeits- Freizeit-Gesellschaft 225

werden. Dabei geht es primär immer um das „Haben“, eine aktive


Auseinandersetzung, ein „Berührt-Werden“ ist nicht Teil des bewor-
benen Konsums. So wie beim Auto, bei Schuhen oder sonstigen, im
Sinne ihres ursprünglichen Zwecks als Gebrauchsartikel bezeichneten
Waren geht es auch bei der Kultur oder beim Reisen in erster Linie
um den Prestigegewinn, um das Dazugehören, darum, einen kurzen
Moment lang bemerkt zu werden und sich dadurch selbst wahrzu-
nehmen.
Freizeit und Arbeitsleben sind auf das engste miteinander ver-
zahnt. Nicht nur daß die „Logik des Kapitalismus“ jenes von allen
sinnlichen Bedürfnissen losgelöste und kaum hinterfragte „Immer
mehr, um jeden Preis“ die alles umfassende Grundprämisse abgibt,
bildet auch die beide Bereiche in einer ganz ähnlichen Form struktu-
rierende Zeit eine unlösbare Klammer. Die Freizeit der meisten Men-
schen in unserer Gesellschaft ist heute ähnlich durchorganisiert wie
das Arbeitsleben. Eingepaßt in die Arbeitszeiten des Partners, die
Schulzeiten der Kinder, Öffnungs- und Betriebszeiten der Dienstleis-
tungsunternehmen, Frequenzen der Verkehrsmittel, Sendeschemata
der Massenmedien, Termine, Fristen, Wegzeiten, ergibt sich eine
immer stärkere „Verberuflichung der gesamten Lebensführung“. Was
früher fast nur für die Berufsarbeit galt, überträgt sich zunehmend
auch auf das übrige Leben: es gilt die Zeit nicht bloß zu verbringen,
sondern sie optimal zu nutzen; die Dominanz der ökonomischen Rati-
onalität macht auch vor der „Frei“-Zeit nicht mehr halt. Im Zusam-
menhang mit einer zunehmenden Einführung flexibler Arbeitszeitre-
gelungen kommt es zu einer tendenziellen Auflösung der klaren Wo-
chenstrukturierung in Werktage, Wochenenden, Feiertage und Feier-
abend. Indem die vorgegebene Struktur der Lebenszeit abnimmt, ist
nun jeder selbst verantwortlich für sein „Time-Management“. Nun
heißt es auch, in der arbeitsfreien Zeit geschickt einzuteilen und mög-
lichst Zeit zu sparen, denn es gilt ja möglichst viel an „Leben“ unter-
zubringen.
226 Die Arbeit hoch?

Das Zeitbudget wird ähnlich kostbar wie das Geldbudget; Zeit ist
nun Leben und nicht mehr bloß Geld. Der deutsche Konsumforscher
Scherhorn berichtet, daß vor allem junge Menschen oft stolz darauf
sind, möglichst viel an „Frei“zeitaktivitäten „unterzubringen“ – Ge-
selligkeit, Konsum, sportliche Aktivitäten, alles in rascher Folge oder,
noch besser, gleichzeitig. Die Zeit stellt nicht unbedingt ein objektives
Hindernis dar, mit der begrenzten Zeit, die jedem zur Verfügung
steht, lassen sich immer noch mehr und teurere Konsumgüter kombi-
nieren – allerdings muß das Konsumieren selbst dabei immer flüchti-
ger werden.54 Je mehr an Waren und Dienstleistungen wir konsumie-
ren können und aufgrund des suggerierten „Lebensversprechens“
auch zu konsumieren bereit sind, desto weniger kommen wir zur Ru-
he. Wir werden zu Konsumenten der Zeit und verlieren damit, auch in
der (trotzdem noch so genannten) Freizeit, de facto immer mehr die
Verfügungsgewalt über die Zeit. Selbstverständlich passen auch fixe
oder überhaupt Ladenschlußzeiten zunehmend nicht mehr in das neue
Zeit-(und Konsum-)verständnis. Jeder will und soll jederzeit kaufen
können. In den noch „fortgeschritteneren“ Arbeits- Konsum-
Gesellschaften, wie zum Beispiel den USA oder Japan, ist es längst
verwirklicht: Wer Geld hat, kann immer einkaufen, 24 Stunden am
Tag und 365 Tage im Jahr.
Das ökonomisch-rationale Organisationsmuster der Industriege-
sellschaft zeigt sich allgegenwärtig. Ob Arbeits- oder Freizeit, alles
muß sich letztendlich dem Ziel der Gewinnproduktion durch perma-
nentes Wachstum, durch regionale, mengenmäßige oder strukturelle
Ausweitung unterordnen. Das „Immer-Mehr“ ist schon so tief in unse-
re Köpfe implantiert, daß es kaum noch kritische Stimmen dagegen
gibt. Auch die sukzessive Entgrenzung der arbeitsfreien Zeit und die
um sich greifende – endgültige – Ausrichtung der Arbeitszeit am wirt-

54 Vgl.: „Nur noch beim Kaufen fühlen sich die Menschen frei“. Ein Gespräch mit
dem Konsumforscher Professor Gerhard Scherhorn. In: „Psychologie heute“ 20
(1993) 1, S. 22-26.
Entfremdung in der Arbeits- Freizeit-Gesellschaft 227

schaftlichen Bedarf stößt nur auf wenig Widerstand. Selten, und fast
nur von Vertretern von Religionsgemeinschaften, wird eine un-
verzweckte, der Be-sinn-ung gewidmete und auch entsprechend „ge-
schützte“ Zeit eingefordert. Ulrich Wilckens, Bischof von Holstein
und Lübeck, ist ein solcher verbliebener Mahner. Er formuliert: „Es
gehört seit jeher zur Lebensqualität einer Gesellschaft, daß es regel-
mäßige Zeiten der Besinnung auf die Tiefenschichten des Lebens, auf
Sinnzusammenhänge und grundlegende Werte und Normen gibt; Zei-
ten, in denen dies gemeinsam symbolisch erfahren werden kann.“ 55
Freizeit in der Form, wie sie uns heute überwiegend gegenübertritt
und so wie sie unter den Bedingungen der abstrakten Vernutzung
menschlicher Arbeitskraft zum Zweck der Mehrwertproduktion er-
möglicht wird, kann allerdings kaum (mehr) als eine solche Zeit der
Besinnung bezeichnet werden.
Die sich fast ausschließlich im Konsum artikulierende Freizeit
stellt sozusagen den anderen Pol der entfremdeten Arbeitsbedingun-
gen der modernen Industriegesellschaft dar, und die skizzierten Er-
scheinungsformen von Freizeit lassen sich insgesamt ebenfalls nur mit
dem Begriff der Entfremdung zusammenfassen. Für den derart unter
zweifach entfremdeten Bedingungen existierenden Menschen, kann
die Folge nur die totale Entfremdung der Person von sich selber sein.
Somit läßt der vorgenommene flüchtige Blick auf die beiden Gesich-
ter der Arbeits- Konsum-Gesellschaft wenig Chance, sich der radika-
len Diagnose zu entziehen, mit der Leo Kofler die Situation des Men-
schen in unserer Gesellschaft charakterisiert: „Der Mensch lebt heute
in der tiefsten Entfremdung, das heißt in der Entgeistigung, der Ent-
emotionalisierung […] [es] fehlt ihm die Fähigkeit, seine vielfältigen
Kräfte und schöpferischen Tendenzen zu gebrauchen. Der Mensch ist

55 Zit. nach Lenz, W.: „Arbeit und Bildung“ in ihrer historischen Entwicklung.
Manuskript, Graz 1988, S. 50.
228 Die Arbeit hoch?

in seiner großen Masse ein armseliges Wesen geworden.“56 Auch für


den Psychoanalytiker Erich Fromm ist der Begriff der Entfremdung
ein Schlüsselbegriff, um das Verhalten der „modernen Persönlichkeit“
zu erklären, und bestens dafür geeignet, „das Wechselspiel zwischen
der heutigen sozioökonomischen Struktur und der Charakterstruktur
des Durchschnittsmenschen aufzuzeigen.“57 Er versteht darunter jene
Art von Erfahrung, „bei welcher der Betreffende sich selbst als einen
Fremden erlebt. Er erlebt sich nicht mehr als […] Urheber seiner ei-
genen Taten – sondern seine Taten und deren Folgen sind zu seinem
Herrn geworden […]. Der entfremdete Mensch hat den Kontakt mit
sich selbst genauso verloren, wie er auch den [echten, unmittelbaren,
E.R.] Kontakt mit allen anderen Menschen verloren hat. Er erlebt sich
und die anderen so, wie man Dinge erlebt – mit den Sinnen und dem
gesunden Menschenverstand, aber ohne mit ihnen und der Außenwelt
in eine produktive Beziehung zu treten“58
Nicht zufällig bezeichnet im Englischen das Wort für Entfremdung
– alienation – auch den Zustand eines psychisch Kranken. Denn ganz
so wie der neurotisch kranke Mensch von Kräften getrieben wird, die
zwar aus ihm heraus und durch ihn wirken, ihm aber nicht einsichtig
sind, so befindet sich auch der entfremdete Mensch in einem Zustand,
in dem durch ihn selbst und durch sein Tun aktivierte Kräfte sich ihm
gegenüber verselbständigen und umschlagen zu einer Art „Naturge-
setzlichkeit“ bzw. ihm als eine solche erscheinen. Karl Marx, der den
Begriff der „Entfremdung“ von Hegel übernommen und zu seinem
Durchbruch in der sozialpsychologischen Diskussion verholfen hat,
definiert damit einen Zustand, in dem „die eigene Tat des Menschen

56 Kofler, L.: Mit einer Zehe im echten Reich der Freiheit stehen. In: Ernst (Hg.):
Die Seele und die Politik. Psychologie heute Sonderband. Weinheim/Basel 1983,
S. 47.
57 Fromm, E: Wege aus einer kranken Gesellschaft. Eine sozialpsychologische
Untersuchung. München 1991, S. 99.
58 Ebda., S. 107.
Entfremdung in der Arbeits- Freizeit-Gesellschaft 229

ihm zu einer fremden, gegenüberstehenden Macht wird, die ihn unter-


jocht, statt daß er sie beherrscht.“59 Die Ursache für das Umschlagen
des ursprünglich Subjektiven (Individuell-Tätigen) ins Objektive (Ü-
berindividuell-Naturgesetzliche) liegt in einem verstellten Bewußtsein
des Menschen, das ihn hindert, den wahren Charakter des Geschehens
und seine eigene Potenz zu erkennen. Er erlebt sich selbst und die
anderen im Lichte der Täuschung einer objektiven Macht, die die
Freiheit beschneidet und das Verhalten steuert. Indem der entfremdete
Mensch sich selbst nicht mehr als den Herrn über seine eigenen Taten
zu erkennen imstande ist, wird er sich quasi selbst zu einem Fremden,
genauso wie auch sein Nächster ihm fremd wird – die Unfähigkeit,
echte, tiefgreifende Beziehungen aufzubauen, ist dabei eine logische
und unmittelbare Folge.
Die Tatsache der Entfremdung läßt somit das historisch Geworde-
ne und dementsprechend aber auch grundsätzlich wieder Veränderba-
re, als ein den Menschen auferlegtes, unüberwindliches Schicksal
erscheinen. Je stärker aus dem Bewußtsein der Menschen das Wissen
darüber ausgelöscht ist, daß sie selbst die Urheber der jeweiligen his-
torisch-gesellschaftlichen Erscheinungen sind, desto selbstverständli-
cher erscheint es ihnen, sich dem – vermeintlich unentrinnbaren –
Schicksal zu unterwerfen. Die allgemeine Erscheinungsform von Ar-
beit und Freizeit in unserer Gesellschaft und das dahinter stehende
Interesse der Kapitalverwertung sind somit nicht nur Ursache der
Entfremdung, sondern gleichzeitig auch die Grundlage für deren Auf-
rechterhaltung. Es gehört zu den grundsätzlichen Irrtümern bestimm-
ter, sich meist auf den Marxismus berufender Gesellschaftsinterpreta-
tionen, monodirektional das Interesse bestimmter Klassen für die
Unbewußtheit der gesellschaftlichen Mehrheit verantwortlich zu ma-
chen. Tatsächlich kann ein bestimmtes klassengebundenes Interesse
jedoch nur auf dem Boden der gedanklichen Nichtbewältigung des

59 Marx, K.: Die Frühschriften. Hg. von Friedrich Landshut. Stuttgart 1971, S. 361.
230 Die Arbeit hoch?

objektiven Geschehens – das wieder in einer gesellschaftlichen Ge-


samtsituation begründet ist – zur scheinbar objektiven Naturgesetz-
lichkeit mutieren 60. Entfremdung ist die Folge der verbreiteten Bereit-
schaft, eher in Unmündigkeit zu verharren als sich seines Verstandes
zu bedienen, und dementsprechend – wenngleich selbstverständlich
durchaus im Interesse derjenigen, die aus der Unmündigkeit der
Mehrheit Kapital schlagen! – auch mitverschuldet. Aber sicher gilt
heute noch viel mehr, was Immanuel Kant schon 1784 formuliert hat,
daß nämlich Mut dazu gehört, sich seines Verstandes zu bedienen 61.
Sich mit dem Wahn-sinn einer Gesellschaft zu konfrontieren, die auf
der Logik des „Immer-Mehr“ aufbaut, würde nämlich gleichzeitig
auch bedeuten, den Mut aufbringen zu müssen, um dem Grauen der
inneren Leere zu begegnen.
Diesen Mut aufzubringen gelingt nur wenigen Menschen. Den ge-
sellschaftlichen Wahnsinn zu reflektieren, jedoch gleichzeitig erken-
nen zu müssen, Gefangener dieser Gesellschaft zu sein, ist offenbar
zumeist eine allzu schreckliche Perspektive. Dementsprechend total
stellt sich heute die Entfremdung der Menschen der industrialisierten
Gesellschaften dar – faktisch niemand kann sich der Unterordnung
von Erwerbsarbeit und erwerbsarbeitsfreier Zeit unter die sinnlose
Mehrwertproduktionsmaschinerie entziehen. Arbeit und Konsum
erscheinen heute weitestgehend losgelöst von den realen Bedürfnissen
der Menschen, gleichzeitig ist damit jeder Maßstab für eine sinnvolle
Lenkung und Begrenzung in diesen Bereichen verlorengegangen.

60 Vgl.: Kofler, L.: Der proletarische Bürger. Marxistischer oder ethischer Sozia-
lismus. Wien 1964, S. 58.
61 Vgl.: Kant, I.: Was ist Aufklärung? (1784). In: Kant: Werke, hg. von Cassirer,
E., Bd. IV. Berlin 1921-1923, S. 169.
7. MUSSE – DIE VERGESSENE CHANCE

Wer das Lernen übt, vermehrt täglich.


Wer den Sinn übt, vermindert täglich.
Er vermindert und vermindert,
bis er schließlich ankommt beim Nichtsmachen.
Beim Nichtsmachen bleibt nichts ungemacht.
Das Reich erlangen kann man nur,
wenn man immer frei bleibt von Geschäftigkeit.
Die Vielbeschäftigten sind nicht geschickt,
das Reich zu erlangen.
Tao te king, Vers 48 (Köln 1982)

Unter den geschilderten Bedingungen der faktisch totalen Ent-


fremdung in der Arbeits- Freizeit-Gesellschaft sich heute bloß damit
zu begnügen, appelatorisch ein „Besinnen“ der Menschen zu fordern,
erscheint nicht nur wenig zielführend, sondern schlichtweg scheinhei-
lig. Sollensforderungen, die die gegebenen historisch-gesellschaftli-
chen Bedingungen und Möglichkeiten nicht mit berücksichtigen, die-
nen bestenfalls der intellektuellen Selbstbeweihräucherung. Zwar ist
es zu einfach, bloß davon auszugehen, daß die jeweiligen gesell-
schaftlichen Verhältnisse, im Sinne einer Ursache-Wirkungs-Relation,
einen bestimmten Bewußtseinsstand der Menschen „determinieren“;
dennoch ist evident, daß das Bewußtsein sich nicht unabhängig vom
jeweiligen Sein entwickelt. Sein und Bewußtsein stehen zueinander in
einer dialektischen Wechselbeziehung, was nichts anderes bedeutet,
als daß sie – wenngleich es unserem, in den Entweder-Oder-Kate-
gorien des linearen Weltbilds geschulten Denkens auch schwerfällt,
das zu begreifen – für einander jeweils Wirkung und Ursache sind.
232 Die Arbeit hoch?

Dementsprechend ist es aber für ein Wirken unter pädagogischem


Anspruch weder akzeptabel, sich nobel auf den – noch so einsichtig
begründeten (und wahrscheinlich dennoch viel zu selten verstande-
nen) – Appell zum (Um-) Denken zurückzuziehen, wie es aber ande-
rerseits nur blanken Zynismus bedeuten würde, in Erkenntnis der
Katastrophenperspektive unserer „Immer-Mehr“-Gesellschaft, zu
warten bis sich die Verhältnisse so zugespitzt haben, daß das gesell-
schaftliche Sein die Bewußtseinsveränderung der Mehrheit quasi er-
zwingt.
Worum es heute geht, ist einerseits, „trotz allem“ nicht müde zu
werden, die Entfremdung als das grundlegende und bestimmende
Phänomen unserer Gesellschaft mit all ihren Facetten zu thematisieren
und in den Mittelpunkt pädagogischer Reflexion zu stellen. Zum an-
deren und vor allem aber ist es heute dringender denn je notwendig,
eine Gegenkultur zur be-sinn-ungslosen Unterordnung unter Arbeit
und Konsum, eine Kultur des (echten) Genusses und der Muße, zu
propagieren.
Zynische Selbstkritik ist in den Wohlstandsgesellschaften der in-
dustrialisierten Welt heute „in“. Es ist derzeit geradezu „modern“,
weinerlich darüber zu jammern, daß die Menschen unserer Gesell-
schaft süchtig nach Genuß wären, vor lauter egoistischem Glücksstre-
ben hemmungslos Natur und „Dritte Welt“ ausbeuten und sich als
unfähig zum Teilen und zum Einschränken zeigten. Dementsprechend
häufig sind die moralischen Aufforderungen zum Verzicht. Gefordert
werden eine radikale Einschränkung der Bedürfnisse, und von man-
chem Kritiker ein wirtschaftliches „Nullwachstum“. Alle diese Appel-
le gehen davon aus, daß es sich bei den Wohlstandsbürgern unserer
Gesellschaft tatsächlich um sinnenfrohe Hedonisten handeln würde,
die aus Gründen des selbstsüchtigen Genusses die Zerstörung ihrer
eigenen Lebensgrundlagen betreiben. Genau das ist jedoch nicht der
Fall, ganz im Gegenteil ist es wahrscheinlich nicht einmal eine Über-
treibung, zu behaupten, daß der Mensch noch nie weiter von Lebens-
Muße – die vergessene Chance 233

lust und Genuß entfernt war als heute! Die These lautet: Nicht ein
unersättlicher Hedonismus macht uns zu Sklaven des „Immer-Mehr“,
sondern die zunehmende Entfremdung von unseren vitalen Lebensbe-
dürfnissen, die Disziplinierung unserer Sinne im Dienste einer immer
höheren Entwicklung der Arbeit und der Produktivität.
So wie Marx die Arbeiterklasse seiner Zeit als Menschen be-
schrieb, denen es „an Bedürfnissen fehlt“, kann heute generell davon
gesprochen werden, daß die Menschen unserer Gesellschaft keine
Bedürfnisse außer den zugewiesenen und somit erlaubten mehr ken-
nen. Unser Begehren ist weitgehend gegängelt von jenen Wünschen,
die uns die Werbung suggeriert, und zu wissen, was er wirklich be-
darf, kann heute wahrscheinlich kaum jemand von sich behaupten.
„Wir sind Genarrte des Reichtums, des Überflusses, Genarrte der
Möglichkeiten von Angeboten, nicht aber Genießer der Wirklichkeit,
auch da nicht, wo wir sie zu konsumieren vermögen. Wir leiden dar-
unter, daß Konsum uns zwar überleben, aber nicht leben, nicht das
Leben genießen läßt.“1 Die Entfremdung des Menschen der Industrie-
gesellschaften bedeutet eben auch die Entfremdung von seinen Be-
dürfnissen und Interessen. Wir stehen heute vor der Situation, daß
„die Bedürfnisse zugleich das Zentrum der Beherrschung der Indivi-
duen und Ausdruck des eigenen Willens sind […]. Bedürfnisse sind
der Ort der Unterworfenheit und der einwilligenden – d.h. nicht not-
wendigerweise bewußten – Unterwerfung unter Herrschaft.“2 Eine
Kritik an der heutigen Gängelung der Bedürfnisse sowie der ins u-
nermeßliche hochgeputschten Bedürfniseskalation bedeutet demge-
mäß nicht ein Votum für die Bedürfnislosigkeit. „Vielmehr läßt die
Ambivalenz der Bedürfnisse beides fordern, die Entfaltung von Be-
dürfnissen und die konsequente Verweigerung ihnen gegenüber. Be-

1 Pfaff, K.: Muße – eine Reise zu den Quellen der eigenen Kraft. In: Tewes, a.a.O.,
S. 36.
2 Gronemeyer, M.: Die Macht der Bedürfnisse. Reflexion über ein Phantom. Rein-
bek bei Hamburg 1988, S. 22/23.
234 Die Arbeit hoch?

dürfniskritik umschließt die Kritik am Zuviel wie am Zuwenig der


Bedürfnisse.“3
Marianne Gronemeyer hat aufgezeigt, daß es ein wahrscheinlich
unlösbares Unterfangen darstellt, ein trennscharfes, „objektives Krite-
rium“ für die Grenze zwischen entfremdeten und nicht-entfremdeten
oder, in anderer Diktion, von „wahren und falschen“ (insbesondere J.
Habermas und H. Marcuse unter Rückgriff auf K. Marx) Bedürfnis-
sen festzulegen. Sie meint, daß ein Versuch in dieser Richtung des-
halb zum Scheitern verurteilt sein muß, weil er mit einem Paradoxon
fertig werden muß: So sind einerseits die „falschen“ Bedürfnisse im
wesentlichen dadurch gekennzeichnet, daß sie fremde, also oktroyier-
te Bedürfnisse, Bedürfnisse „von außen“, sind. Die „wahren“ Bedürf-
nisse andererseits sind jedoch auch „nicht einfach dadurch wahr, daß
sie aus dem tiefsten unverdorbenen Innern des Individuums aufstei-
gen, nicht korrumpiert durchs niedere Erdendasein gesellschaftlicher
Existenz. Alle Bedürfnisse sind »von außen«, insofern sie sich an
Gegenständen (= Objektivationen) entfalten. »Wahr« sind sie viel-
mehr dadurch, daß sie lebensdienlich sind.“4 Demgemäß können die
den Individuen aufgeherrschten, entfremdeten Bedürfnisse durchaus
auch „erträglich, lohnend und bequem“ (Marcuse) sein. Am Beispiel
der sich in den industrialisierten Gesellschaften bereits zu einem neu-
en Krankheitsbild verdichtenden Unfähigkeit, seinem Körper ausrei-
chende Ruhephasen zu gönnen, läßt sich das recht deutlich aufzeigen.
Immer mehr Menschen zeigen heute Symptome chronischer Müdig-
keit5, da sie – bombardiert von den „Lebensversprechungen“ der
Konsum- und Freizeitindustrie – nicht mehr in der Lage sind, den
Bedarf ihres Körpers nach Ruhe und Schlaf ausreichend wahrzuneh-

3 Ebda. S. 25.
4 Ebda. S. 26.
5 Vgl: Wolf, A.: Die große Müdigkeit. In: „Psychologie heute“ 19 (1992) 4, S. 20-
23, sowie: Buchacher, R., Gergely, S.M., Kremsmayer, U.: „I bin aa so hin“. In:
„profil“, Nr. 16/13. April 1992, S. 72-75.
Muße – die vergessene Chance 235

men. Die höheren Leistungsanforderungen durch immer härtere Kon-


kurrenzsituationen im Arbeitsleben einerseits und der Freizeitstreß
andererseits, größtenteils bedingt durch den Wunsch, in der Freizeit
das in der Arbeit „versäumte Leben“ nachholen zu wollen, führen
dazu, daß viele Menschen ihrem Körper gegenüber keinerlei Verant-
wortung mehr wahrnehmen und ihn bis zum Zusammenbruch auslau-
gen. Mit Kaffee, Tee oder chemischen Weckaminen wird das –
durchaus „wahre“, da lebensdienliche – vitale Bedürfnis des Körpers
nach Schlaf unterdrückt, um mehr von den Verheißungen der „Be-
dürfnisindustrie“ konsumieren zu können.
Stand am Anfang der kapitalistischen Ära die von Max Weber
eindrucksvoll beschriebene Umerziehung des „präkapitalistischen
Menschen“, weg von der Ausrichtung an einem genügsamen und am
Genuß orientierten Lebensstil, hin zur „Hingabe an den Beruf des
Geldverdienens“, erfolgte in der Folge die oben skizzierte, weitge-
hende Entkopplung zwischen Konsum und Bedürfnissen. „Die Grenze
zwischen Bedürfnissen, Begierden und Gelüsten mußte ausgelöscht
werden“, schreibt André Gorz in diesem Zusammenhang, „das bloß
Wünschbare mußte zum Erforderlichen gemacht werden; Gelüsten
galt es die gebieterische Notwendigkeit von dringenden Bedürfnissen
zu verleihen.“6 Die Funktion der kapitalistischen Produktion ist es
eben nicht, „Lebensbedürfnisse“ möglichst effektiv zu befriedigen.
Worum es vielmehr geht, ist, die Menschen von ihren Bedürfnissen zu
entfremden, ihnen das Bewußtsein über Wege und Formen der Be-
dürfnisbefriedigung zu rauben, um ihnen statt dessen den Fetisch Wa-
re anzubieten, der zwar verspricht, psychisch zu nähren und Befriedi-
gung zu verschaffen, die emotional Hungrigen jedoch immer unbe-
friedigt zurückläßt. Nur so konnten die dergestalt permanent Unbe-
friedigten schließlich zum „dankbaren“ Objekt einer ungehemmten
Ausweitung der Produktion werden.

6 Gorz 1989, a.a.O., S. 165


236 Die Arbeit hoch?

Dementsprechend greift der Appell, vom ungezügelten Wollen


Abschied zu nehmen und die eigenen Bedürfnisse zugunsten materiell
weniger Privilegierter und einer Schonung der Umwelt einzuschrän-
ken, viel zu kurz. Als Lösung aus der Unterjochung der Menschen
unter das Diktat des „Immer-Mehr“ in Arbeit und Konsum gilt es
heute in erster Linie, nicht eine Einschränkung der Bedürfnisse zu
fordern, sondern Wege zur Bewußtwerdung der tatsächlichen Bedürf-
nisse und Interessen zu propagieren. Im gegebenen System der Ent-
fremdung bedeutet ja außerdem ein „bloßes“ Einschränken auch noch
lange nicht eine wirkliche Abkehr von den lebensfeindlich-zynischen
Mechanismen der Arbeits- Konsum- Gesellschaft. Ganz im Gegenteil
– so scheint sich derzeit beispielsweise in den Kreisen derer die schon
„alles“ haben bzw. haben könnten, sogar ein Trend zum Spiel mit
einer „neuen Bescheidenheit“ abzuzeichnen. Partieller Konsumver-
zicht wird dabei nur zu einer besonders raffinierten Variante des zeit-
geistigen Konsumenten. Wer es sich leisten kann (und wer vor allen
Dingen auch weiß, daß alle anderen wissen, daß er es sich leisten
kann), pendelt neuerdings lässig zwischen einer Alles-oder-Nichts-
Haltung beim Konsum. An einem Tag im Maßanzug um 25.000
Schilling und am nächsten Tag mit den völlig „zerfransten“ Jeans ins
Büro. Das Floaten zwischen vernünftig sparsamen „Versorgungskon-
sumenten“ und dem lustbetont verschwenderischen „Erlebniskonsu-
menten“ ist „in“ und stellt zugleich eine Chance dar, sich von der
Masse der gewöhnlichen „Konsumtrotteln“ abzuheben.7 Nicht eine
auf der Basis einer Analyse der realen Bedürfnisse vorgenommene
Entscheidung zu einem veränderten Lebensstil steht hinter der modi-
schen „neuen Bescheidenheit“, sondern nur eine neue Facette des
Konkurrenzkampfes um die prestigeträchtigen Plätze in unserer Ge-
sellschaft. Nachdem das Shopping zur (fast) allgemein zugänglichen
Massendroge geworden ist, genügt eben „das Haben“ nicht mehr, um

7 Vgl. „Wirtschaftswoche“ Nr. 35/27. Aug. 1992, S. 46ff


Muße – die vergessene Chance 237

sich vom Durchschnitt abzuheben, sondern es ist nun notwendig, zur


Schau stellen zu können, daß man es sich leisten kann, (zumindest
fallweise) auch ohne erkennbare Statussymbole aufzutreten. „Be-
scheidenheit“ oder das, was dafür gehalten wird, mutiert zum Symbol
des Hyper-Luxus 8 und verhilft zugleich auch noch zu ein wenig Ge-
wissensberuhigung im Hinblick auf die weiter vorne erwähnten Ap-
pelle zum Verzicht.
Schon Max Weber hatte erkannt, daß nicht Habgier, Freude am
Genuß und schon gar nicht ein ungezügelter Hedonismus die Anstart-
kräfte des Kapitalismus darstellten, sondern, im Gegenteil, eine e-
thisch-moralische „Verpflichtung des einzelnen gegenüber dem als
Selbstzweck vorausgesetzten Interesse an der Vergrößerung seines
Kapitals.“9 Nicht skrupellos auf ihren materiellen Vorteil bedachte
und ganz sicher auch nicht besonders genußsüchtige oder lebenslusti-
ge Menschen waren für Max Weber die Protagonisten der neuen ge-
sellschaftlichen Ordnung, sondern „nüchtern und stetig, scharf und
völlig der Sache hingegebene Männer mit streng bürgerlichen An-
schauungen und Grundsätzen.“10 – „Hingabe an den „Beruf des Geld-
verdienens“ zeichnete diese „Männer“ aus und nicht der Wunsch nach
einem luxuriösen Lebensstil oder eine Vorliebe für exzessiven Genuß.
Ihr Leben war – ganz im Gegenteil – bestimmt von „einem gewissen
asketischen Zug“.

8 Ganz in diesem Sinn läßt sich neuerdings auch ein Trend zur Abkehr von einem
allzu vordergründig zur Schau gestellten Luxus erkennen. Was zum Beispiel die
letzten Jahre als modern galt, das prestigeträchtige Firmenetikett möglichst groß
und deutlich außen an der Kleidung zu tragen, signalisiert nun zunehmend Sno-
bismus; „man“ zeigt heute Gediegenheit erst auf den zweiten Blick. Die Desig-
ner haben schon auf die Zeichen der Zeit reagiert. So werden besonders teure Hi-
Fi-Geräte neuerdings vielfach ohne optisch aufwendigen Schnickschnack ange-
boten, und für die schlichte Eleganz der exclusiven „No-names“-Moden sind
entsprechend situierte Kunden heute bereit, horrende Beträge zu bezahlen.
9 Weber, a.a.O., S. 42.
10 Ebda. S. 59.
238 Die Arbeit hoch?

Genau darin lag ja die grundsätzliche Erziehungsleistung des Ka-


pitalismus; den zwar genügsamen, aber am Genuß orientierten präka-
pitalistischen Menschen zu überwinden. Denn die neue Ethik, die –
wie Max Weber schreibt – den Menschen vorerst auch entsprechend
„unfaßlich, rätselhaft, schmutzig und verächtlich“ erschien, fordert
nun, sich den Genuß auch dann zu versagen, wenn die materiellen
Bedingungen dies gar nicht erfordern, und zum primären Zweck des
Lebens die Vorstellung zu machen, „dereinst mit hohem materiellen
Gewicht an Geld und Gut belastet ins Grab zu sinken“.11 Es galt, den
Menschen die traditionelle Genügsamkeit und Genußorientierung
auszutreiben und sie dazu zu bringen, ihre Arbeitsleistung von den
Lebensbedürfnissen zu entkoppeln. Sie mußten lernen, ihre vitalen
Genüsse zurückzustellen und mehr und intensiver für eine Entschädi-
gung in Form eines zunehmenden Warenkonsums zu arbeiten, dessen
Wert sich im Bewußtsein der Individuen gleichzeitig immer weniger
darüber bestimmen durfte, wieweit er zu Befriedigung und Zufrieden-
heit des einzelnen beizutragen imstande ist.
Nicht die sogenannten „menschlichen Schwächen“ Genußsucht,
Bequemlichkeit und Egoismus können demgemäß für das gesell-
schaftliche Metaziel des „Immer-Mehr“ verantwortlich gemacht wer-
den, sondern, ganz im Gegenteil, die Tatsache, daß diese uns so
gründlich ausgetrieben wurden. Nicht Hedonismus und unmoralischer
Zynismus treiben uns zur hemmungslosen Ausbeutung von Natur und
Mitmenschen sowie zur eigenen Selbstausbeutung, sondern die ge-
lungene Erziehungsleistung des Kapitalismus, die in der allgemeinen
Verinnerlichung „jenes eigentümlichen Ethos“ besteht, das sich durch
eine Hingabe an die „Sache“ auszeichnet und dadurch, daß nach ei-
nem Beitrag für die Befriedigung oder das Glück der Individuen gar
nicht mehr gefragt wird. Derzeit hingegen wird bei der Kritik von
Egoismus und Habgier der heutigen Menschen meist davon ausge-

11 Vgl. ebda, S. 60.


Muße – die vergessene Chance 239

gangen, daß das bestehende Modell von Arbeit und Konsum auf der
subjektiven Ebene in Ordnung und dem einzelnen tatsächlich ein
Mehr an Befriedigung, Glück und Zufriedenheit zu verschaffen im-
stande sei. Selbst in den Anklagen über die Zerstörung der Umwelt
und der Ausbeutung der Menschen in den armen Regionen der Welt
schwingt noch die Botschaft mit: Es geht uns gut – nur eben leider auf
Kosten anderer sowie einer unverantwortlichen Zerstörung der Um-
welt.
Eine tatsächliche Chance, die wahrlich in jeder Hinsicht zerstöreri-
sche Tretmühle des „Immer-Mehr“ zu überwinden, kann nach dem
vorher Gesagten allerdings nur im Durchschauen der grundsätzlichen
Täuschung liegen, daß dieses gesellschaftliche Metaziel, das die un-
mittelbare Folge einer auf abstrakte Mehrwertproduktion ausgerichte-
ten Wirtschaftsordnung darstellt, tatsächlich die subjektive Befriedi-
gung und das Glück der Individuen erhöht. Ein politischer Slogan der
letzten Jahre, in dem der für das im „Geist des Kapitalismus“ gefan-
gene Denken der Menschen in den Industrieländern prägende Ansatz
recht klar zum Ausdruck kam, lautete: „Es ist uns noch nie so gut
gegangen wie heute“. Ganz typisch wird bei dieser Aussage mit einer
immanenten Gleichsetzung von Warenvielfalt, materiellem
Wohlstand und individuellem Glück operiert. Es spricht allerdings
auch für sich, daß jene Menschen, denen es angeblich so gut wie nie
zuvor geht, durch Plakataktionen auf diesen Zustand erst aufmerksam
gemacht werden müssen. Ein wenig klingt das so, wie wenn Kinder
im finsteren Keller durch möglichst lautes Pfeifen und Singen ihre
Angst unbemerkbar machen wollen. Sind jene, denen da via Plakat
mitgeteilt wird, daß es ihnen gut geht (oder gefälligst gut zu gehen
hat!), vielleicht gar nicht so zufrieden? Sind vielleicht – ganz im Ge-
gensatz zur Plakatbotschaft – die grauen, mürrischen Gesichter, die
sich tagtäglich bei den Konsumenten in den diversen Einkaufspalästen
beobachten lassen, der tatsächliche Indikator für den Gemütszustand
der Menschen in der heutigen Welt des „Shopping macht happy“?
240 Die Arbeit hoch?

Gefühle der Zufriedenheit, Geborgenheit, des Glücks oder einer


allgemeinen Lebenslust scheinen heute eher nur selten die dominante
Stimmung der Menschen unseres Kulturraumes wiederzugeben. Mit
einem Hedonismus, bei dem das private Glück als höchstes Gut in der
Erfüllung individueller Lust gesehen wird, scheint es demgemäß nicht
weit her zu sein. Der „Geschmack des (Er-)Lebens“ (André Gorz), der
früher einmal den konkreten Bedürfnissen zugrunde lag, ist selten
geworden. Nicht nur die Arbeit, sondern auch die arbeitsfreie Zeit und
der Konsum sind in die gesellschaftliche Pflicht genommen. Eine
Verbindung zwischen diesen Formen der Lebensentäußerung und den
„wahren Bedürfnissen“ der Individuen existiert schon längst kaum
mehr. Der Vorwurf der Genußorientierung gehört demgemäß in die
Reihe der großen Absurditäten der heutigen Diskussionen um die
Notwendigkeit eines „Besinnens“ der Menschheit und der diesbezüg-
lichen Appelle zur Einschränkung und zum Verzicht.
„Etwas Gutes kann der Mensch nur sein lassen um des Besseren
willen und nicht aus bloßer Negation.“12 Wenn es heute immer offen-
sichtlicher wird, daß ein weiteres Ankurbeln der gesamtgesellschaftli-
chen „Immer-Mehr“-Spirale nur einen weiteren Schritt in Richtung
sozialer und ökologischer Katastrophe bedeutet, dann bedarf es pri-
mär nicht des Appells zur Mäßigung, sondern der Frage, was imstan-
de sei, die Menschen aus der Not zu befreien, rastlos den Surrogaten
des Lebens hinterherzuhetzen und es ihnen zunehmend verunmög-
licht, auch nur fallweise „befriedigt und satt“ verharren zu können.
Denn auch die neuerdings zuhauf angebotenen „Entspannungssemina-
re“ können in der derzeitigen Situation wohl kaum die gesuchte Er-
leichterung bieten. Eingebunden in die Gesetzmäßigkeiten von Markt
und Konsum, entsprechen diese Seminare meist nur dem Ziel der
Gehetzten nach einer möglichst effektiven Wiederherstellung ihrer
Arbeitskraft. Es geht dabei vorwiegend darum, aus sich doch noch

12 Vgl. Heitger, a.a.O., S. 188.


Muße – die vergessene Chance 241

herauszuholen, was schon längst nicht mehr drin ist. Die Seminare für
Entspannungstechniken, Übungen zum positiven Denken oder zum
Erlernen effektiverer Methoden des Ausnützens der körpereigenen
Energiequellen sind symptomatisch für eine gesellschaftliche und
ökonomische Ordnung, die in jeder Hinsicht an die Grenzen ihrer
Ressourcen stößt.
Auch nicht eine „verzweckte“ Entspannung, im Sinne eines hekti-
schen Atemholens für die nächste Runde in der aus sich selbst nie-
mals zu einem Ende findenden Spirale der Mehrwertproduktion, wird
die Menschen aus der Tretmühle des „Immer-Mehr“ befreien. In letz-
ter Konsequenz wird kein Weg vorbeiführen an der Konfrontation mit
jenem Erschrecken, das sich bei einem tatsächlichen Heraustreten aus
der Vereinnahmung durch Arbeit und Konsum einstellt. In diesem
Augenblick bricht nämlich die Illusion der „machbaren“ Welt und des
„machbaren“ Lebens wie ein Kartenhaus zusammen, und der Mensch
ist konfrontiert mit jenem unbeeinflußbaren, unerbittlich bestimmen-
den Element der Existenz, das die Arbeits- Konsum-Gesellschaft sys-
tematisch verdrängt – mit dem Tod. Vieles deutet darauf hin, daß das,
was es den Individuen unseres Kulturraumes verunmöglicht, anstatt
sich mit den konsumierbaren Lebenssurrogaten zufriedenzugeben sich
tatsächlich zu ihren vitalen Bedürfnissen – zu Leben und Lebendig-
keit in seiner ursprünglichen Form – zu bekennen, in einem engen
Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Verdrängung der Endlich-
keit der (materiellen) Existenz des menschlichen Lebens zu sehen ist.
Unübersehbar ist, daß, parallel mit dem immer stärkeren Durch-
dringen aller Lebensbereiche durch das „Immer-Mehr“-Prinzip der
auf Wachstum programmierten modernen Gesellschaften, eine suk-
zessive Tabuisierung von Tod und eine Ausgrenzung des Sterbens aus
dem gesellschaftlichen Alltag Platz gegriffen hat. Alle antiken Kultu-
ren waren durchzogen von der Anerkennung des Todes als einem
integralen Bestandteil des Lebens, und auch für unsere „westliche“
Zivilisation läßt sich zumindest bis zum Beginn der Neuzeit ein star-
242 Die Arbeit hoch?

ker Einfluß des Themas Tod auf Alltag, Religion, Riten, Mythologie,
Kunst und Philosophie nachweisen.13 Die dann zunehmend total wer-
dende Entfremdung – wie beschrieben, zuerst in der Arbeit und dann
immer stärker auch in der von Erwerbsarbeit freien Zeit – artikulierte
sich auch in einer immer tieferen Entfremdung von den biologischen
Grundaspekten des Daseins. Dieser Prozeß hat sich am dramatischs-
ten auf die Grundtriade des Lebens – Geburt, Sexualität und Tod –
ausgewirkt. Die derzeit stattfindende hemmungslose Vermarktung der
sichtbar körperlichen Anteile der Sexualität sowie auch die Allge-
genwart des Todes in Form von Krieg, Mord und Gewalt in den Me-
dien sollte nicht darüber hinwegtäuschen, daß diese Bereiche dem
heutigen Menschen als unmittelbare Zugangs- und Erkenntnisfelder
für eine Begegnung mit dem „Geschmack des Lebens“ weitgehend
verschlossen sind. In der Tat unterliegt in unserer Gesellschaft ja nicht
das Töten einem Tabu, sondern der Tod einschließlich seiner Antipo-
den, den Äußerungen der vitalen Lebendigkeit. „Die Lust am Leben
unterliegt schärferen Zensuren als die Lust an der Gewalt, an der Fol-
ter und am Töten.“14 Sowohl Lebenslust als auch Todesangst, beides
bestimmende Elemente einer „vollständigen“ menschlichen Existenz,
sind den Individuen der „zivilisierten Welt“ weitgehend entfremdet.
Noch im neunzehnten Jahrhundert übte das Sterben eines einzel-
nen Menschen einen tiefgreifenden Einfluß auf das soziale Leben der
Menschen einer Wohngemeinde, wie zum Beispiel eines Dorfes oder
Stadtviertels, aus. Der Tod war etwas Soziales und Öffentliches und
veränderte auf feierliche Weise das Leben einer großen Gruppe von
Menschen. Im Gegensatz zu heute, wo der Tod eines Menschen selbst

13 Mit der Verdrängung des Todes als integralen Bestandteils des Lebens aus dem
Bewußtsein der Menschen korreliert auch die zunehmende Verdrängung der Be-
gräbnisstätten aus den Zentren an die Peripherien der Städte, sowie die Tatsache,
daß heute kaum mehr jemand zu Hause, „im Kreise seiner Verwandten“, stirbt,
sondern das Sterben üblicherweise, klinisch „unterstützt“ im Spital stattfindet.
14 Negt, O.; Kluge, A.: Maßverhältnisse des Politischen. 15 Vorschläge zum Unter-
scheidungsvermögen. Frankfurt a.M. 1992, S. 166.
Muße – die vergessene Chance 243

für seine unmittelbaren Angehörigen unter Umständen nicht einmal


eine grundsätzliche Zäsur im kontinuierlichen Ablauf des Alltags
bedeutet, erzwang der Tod früher – im Umfeld welcher Religion auch
immer – quasi eine gesellschaftliche Pause. Die feierliche Prozession
mit dem Corpus Christi zum Haus des Verstorbenen, begleitet vom
weithin hörbaren Totenglöckchen, öffentlich angeschlagene Trauer-
anzeigen, die private Aufbahrung des Leichnams, der Trauerzug zum
Friedhof, die rituell vorgeschriebenen Besuche der Angehörigen und
Freunde im Hause des Verstorbenen und vieles mehr machten den
Tod zu einem öffentlichen Ereignis, „das die gesamte Gesellschaft im
doppelten Sinne, wörtlich und übertragen, »bewegte«: nicht nur ein
einzelner war dahingegangen, sondern die Gemeinschaft als Ganze
war getroffen und mußte nun ihre Wunde heilen.“15 Spätestens im
zwanzigsten Jahrhundert hat die Gesellschaft den Tod – ausgenom-
men vielleicht den „großer Staatsmänner“ – „ausgebürgert“, sein
Einfluß auf das Alltagsleben ist heute minimal. Selbst die schwarz-
silbrigen Leichenwagen sind zu unscheinbar grauen Limousinen ge-
worden, die im Straßenverkehr kaum noch auffallen, im Alltagsleben
der heutigen Großstädte deutet nichts mehr auf den Tod und seine
unerbittliche Endgültigkeit hin.
Die Ausgrenzung des Todes wurde begleitet, beziehungsweise
vorbereitet, von einer grundsätzlichen Veränderung des Verhältnisses
zwischen Sterbenden und seiner Umgebung. Galt es bis in die Mitte
des neunzehnten Jahrhundert noch als selbstverständlich, einem Ster-
benden die Auseinandersetzung mit seinem nahenden Tod zu ermög-
lichen, ihn, wenn es notwendig erschien, mit aller Deutlichkeit in
Kenntnis seines nahenden Schicksals zu setzen, wurde diese Pflicht
der Umgebung – des behandelnden Arztes, eines Angehörigen oder
Freundes – dann immer öfter abgelehnt beziehungsweise sogar in ihr
Gegenteil verkehrt. Es setzte sich die Ansicht durch, daß es besser sei,

15 Aries, Ph.: Geschichte des Todes. München 19915, S. 716.


244 Die Arbeit hoch?

Sterbende in Unkenntnis über ihren Zustand zu belassen, ihnen diesen


sogar mit allen Mitteln zu verheimlichen. Der Wunsch, Todgeweihte
vor der Konfrontation mit ihrem Schicksal zu bewahren, unterlief bald
sogar religiöse Regeln und Traditionen: „Selbst in den religiösesten
Familien aufrichtig praktizierender Katholiken hat sich zu Beginn des
zwanzigsten Jahrhunderts die Angewohnheit verbreitet, den Priester
erst zu rufen, wenn sein Erscheinen am Bett des Sterbenden ihn nicht
mehr beeindrucken kann, weil er entweder das Bewußtsein verloren
hat oder bereits tot ist“.16 Aus dem Bewußtsein des heutigen Men-
schen ist der Tod als jener Punkt, auf den sich das Leben schon immer
hinbewegt, faktisch endgültig ausgeblendet. Er wird zum Zwischen-
fall einer Krankheit, zur Verkettung ungünstiger Umstände, zum Un-
glück. Und wir bezeichnen heute genau das als einen „schönen Tod“,
was die Menschen früher mit Schrecken erfüllte, den unbewußten,
den einzelnen unvorbereitet ereilenden Tod – den mors repenita et
improvisa. Die logische Konsequenz des unbewußten, entfremdeten
Lebens ist, daß uns auch der „unbewußte“ Tod als attraktiv erscheint.
Ein wesentliches Element der Ausblendung des Todes aus dem
Bewußtseinshorizont der westlich-zivilisierten Menschen ist die Ab-
schaffung und gesellschaftliche Verweigerung der Trauer. Das begann
mit dem Verfall traditioneller Trauerbräuche, angefangen den um-
fangreichen Begräbnisfeierlichkeiten, und endete damit, daß es heute
fast im gesamten Abendland die Regel geworden ist, Schmerz und
Trauer über den Tod einer geliebten Person möglichst nicht zu zeigen.
Ganz im Gegenteil zu früher wird heute erwartet, daß man sich dies-
bezüglich weitgehend „beherrscht“. „Heute gilt es offenbar als gänz-

16 Ebda, S. 719. Aries weist übrigens darauf hin, daß die Kirche, mit ihrer Reaktion
auf die beschriebene Tatsache, den Begriff der „Letzten Ölung“ durch das „Sak-
rament des Kranken“ zu ersetzen, viel weitergegangen ist, als daran zu erinnern,
daß man bei vollem Bewußtsein zu sein hat, wenn man die Letzte Ölung erhält.
Das Sakrament wurde vom Tode abgetrennt und dient nun nicht mehr einer di-
rekten Vorbereitung auf ihn. – Ein Beitrag dazu, sich auch weniger mit dem na-
henden Tod auseinanderzusetzen.
Muße – die vergessene Chance 245

lich normal, daß sensible und vernünftige Männer und Frauen sich
durch ein gehöriges Maß von Willen und Charakterstärke während
der Trauerzeit völlig in der Gewalt behalten.“17 Die öffentliche Zur-
schaustellung der Trauer gilt als peinlich, das Bestehen auf einer
Trauerzeit und einer entsprechend geringeren Belastbarkeit als unge-
bührliche Einschränkung der gesellschaftlichen und beruflichen Ab-
läufe. Die Gesellschaft weigert sich, durch die emotionale Betroffen-
heit von Leidtragenden beeinflußt zu werden, wer Trauer öffentlich
und über eine kurze, gerade noch tolerierbare Zeit hinweg zeigt, pro-
voziert mit seinem Verhalten den Verdacht der psychischen Minder-
belastbarkeit. Im völligem Gegensatz zu den einhelligen Befunden der
Psychologie über die psychische Problematik der Verdrängung von
Trauer und Schmerz18 gelten öffentliche Tränen als Nervenkrise und
Charakterschwäche und werden bestenfalls noch alten Frauen zuge-
standen. Tod und Trauer sind heute schambesetzt und ähnlich tabui-
siert wie Liebe und Lust.
Die gesellschaftliche Tabuisierung des Todes und die entfremdeten
Bedingungen des Lebens in unserem Kulturraum sind bloß zwei Sei-
ten desselben Phänomens. Denn „das Leben ist nicht ohne den Tod zu
haben. Lebendigsein kann man nicht ohne die Wahrnehmung von
Gefährdung und Tod. Jeder Versuch, durch Verdrängung von Angst
und Gefahr eine künstliche Lebendigkeit zu erzeugen, bringt eine
psychische »Totenstarre« bei lebendigem Leibe mit sich und macht es
dem derart »lebendigen« Menschen unmöglich, sich für das Leben
und das seiner Nachkommen einzusetzen.“19 Auch in der Antike war
bekannt, daß für den, der nicht zu sterben weiß, das Leben ohnehin

17 Gorer, G.: Death, Grief and Mourning in Contemporary Britain. New York/
Doubleday, 1965. Hier zit. nach. Aries, a.a.O., S. 742.
18 Vgl. dazu insbesondere: Mitscherlich, A. und M.: Die Unfähigkeit zu trauern.
München 196712.
19 Bauriedl, T.: Das Leben riskieren. Psychoanalytische Perspektiven des politi-
schen Widerstands. München/Zürich 1988, S. 20.
246 Die Arbeit hoch?

nur Knechtschaft ist (Seneca). Heute drücken die beiden Sozialwis-


senschafter Oskar Negt und Alexander Kluge denselben Zusammen-
hang ganz ähnlich aus: „Wo das Leben unter Zeitdruck steht, da bleibt
für die Beschäftigung mit dem Tod keine Zeit. Die innere Unruhe,
Zeit zu nützen, ist selbst schon ein Element des Toten, des zum Ge-
genstand-Werdens.“ Und weiter meinen sie: „Die Aufhebung der Ver-
drängung des Todes beginnt mit der Umgestaltung des Lebens. Wenn
die Menschen keine Muße im Leben haben, also Zeitverhältnisse, die
Ruhepunkte und abwegige Phantasien ermöglichen, dann werden
Sterben und Tod für sie zu einem stumpfen Ende, das nichts von er-
fülltem Leben enthält.“20 Hier wird Wesentliches angesprochen: die
Chance einer Befreiung durch Muße, eines Aktes des bewußten He-
raustretens aus dem Diktat verzweckter Lebensvollzüge und ökono-
misch genutzter Zeit.
Der unserem dem „dynamischen Leben“ verpflichteten Denken
leicht verstaubt anmutende Begriff „Muße“ zielt – im hier angespro-
chenen Sinn – auf Sammlung und hat weder etwas zu tun mit einer
marktorientierten, verwertungslogisch-befangenen Entspannung in
der weiter oben angedeuteten Form, noch hat er etwas gemeinsam mit
konsumierbarer Zerstreuung, jener Domäne der kulturellen Megama-
schine, der modernen Unterhaltungsindustrie. Muße ist auch nicht
gleichzusetzen mit Trägheit oder Faulheit; womit sie umschrieben
werden kann, ist aktive Rezeptivität, eine bewußte Entscheidung zur
Selbstbefreiung vom allumfassenden Verwertungszwang moderner
Gesellschaften einerseits, verbunden mit der Bereitschaft zur kriti-
schen Reflexion der Daseinsbedingungen andererseits. In diesem Sinn
stellt Muße einen radikalen Gegenentwurf zum entfremdeten Leben
dar, womit sich gleichzeitig aber auch ihre derzeitige gesellschaftliche
Mißachtung, ja sogar weitgehende Diffamierung erklären läßt. Denn,
so wie Gisela Dischner meint, „angesichts der Teilung in entfremdete

20 Negt/Kluge 1992, Hervorhebung im Original.


Muße – die vergessene Chance 247

Arbeit und ebenfalls entfremdete unproduktive Konsumtion in der


»Freizeit« läßt sich freilich über den Müßiggang schwer diskutieren,
über seine Notwendigkeit für alle Formen nicht verwertbarer (und
damit tendenziell subversiver) Kreativität und Phantasie.“21 Mit Muße
ist damit – so wird ersichtlich – eine subversive Kraft angesprochen,
die in der Lage wäre, eine Gegenkraft zu der alle Aspekte des heuti-
gen Lebens einbeziehenden Mehrwertproduktionsmaschine darzustel-
len.
Muße ist – wie auch im Zitat von Negt/Kluge zum Ausdruck ge-
bracht wird – auf das engste verbunden mit der Verfügung über Zeit.
Das Gebot jedoch, die Zeit ökonomisch zu nutzen, sowie die Behaup-
tung, daß Müßiggang aller Laster Anfang sei, war die Grundlage für
den Wandel unserer Gesellschaft zur Arbeitsgesellschaft. Erste Ansät-
ze für eine Sichtweise von Zeit unter dem Nützlichkeitsaspekt lassen
sich im christlichen Abendland seit dem zwölften Jahrhundert beo-
bachten. Die protestantische Ethik und der von ihr beförderte „Geist
des Kapitalismus“ waren es, die dann schließlich, im Zuge der be-
schriebenen Idealisierung von Arbeit zu einer Tätigkeit zur Ehre Got-
tes, die nutzlose Verschwendung von Lebenszeit endgültig verteufel-
ten und eine nach ökonomischen Kriterien geplante Gestaltung der
Gegenwart und Zukunft zur ethischen Pflicht erhoben.
Das wohl bekannteste Beispiel für die ökonomisierte Sichtweise
von Lebenszeit stellt der von Max Weber in seiner „Protestantischen
Ethik“ zitierte Aufsatz Benjamin Franklins aus dem Jahr 1748 dar.
Gleich am Beginn heißt es da: „Bedenke, daß Zeit Geld ist; wer täg-
lich zehn Schilling durch seine Arbeit erwerben könnte und den hal-
ben Tag spazieren geht, oder in seinem Zimmer faulenzt, der darf,
auch wenn er nur sechs Pence für sein Vergnügen ausgibt, nicht dies
allein berechnen, er hat nebendem noch fünf Schilling ausgegeben

21 Dischner, G.: „O Müßiggang, einziges Fragment von Gottähnlichkeit …“. F.


Schlegel. Spaziergänge in Sprachlandschaften. In: Tewes, a.a.O., S. 100.
248 Die Arbeit hoch?

oder vielmehr weggeworfen.“22 Aber auch anhand anderer Quellen


lassen sich die damaligen ethisch-moralischen Appelle zur ökonomi-
schen Nutzung der Lebenszeit durch Arbeit recht gut nachempfinden.
So formulierte in Deutschland – etwa zeitgleich mit Benjamin Frank-
lin – der bekannte evangelische Theologe und Liederdichter Nikolaus
Ludwig Graf von Zinzendorf: „Man arbeitet nicht allein, daß man
lebt, sondern man lebt um der Arbeit willen.“23 Ein weiteres, diesbe-
züglich ausdrucksstarkes Zitat wurde schon 1690 verfaßt: „Die Zeit
ist ein allzu wertvolles Gut, um mißachtet zu werden. Sie ist eine gol-
dene Kette, an der die ganze Ewigkeit hängt; der Verlust von Zeit ist
unverzeihlich, denn er ist durch nichts wiedergutzumachen. […] Wo
bleibt der Verstand jener Menschen und aus welchem Metall sind ihre
verhärteten Herzen, daß sie müßig gehen und die Zeit vertändeln,
diese kurze Zeit, diese einzige Zeit, die ihnen für die ewige Rettung
ihrer Seelen gegeben ist.“24 Die Arbeitshaltung der protestantischen
Ethik speiste sich aus dem Versprechen, durch Arbeit einen Platz im
Paradies erwerben zu können, dementsprechend war sie immer ver-
bunden mit der Botschaft von der Sündhaftigkeit des Müßiggangs und
der nicht der Arbeit gewidmeten – eben der ungenutzten – Lebenszeit.
Das Gebot, Lebenszeit ökonomisch zu nutzen, korreliert mit einem
linearen Zeitverständnis. Dabei wird davon ausgegangen, daß das
Subjekt etwas mit der Zeit macht, die ihrerseits als etwas verstanden
wird, was unabhängig von konkreten Erlebnisinhalten der Individuen
– quasi objektiv – existiert und stetig, unerbittlich und linear voran-
schreitet. In das Bewußtsein der Individuen gelangt Zeit einerseits
über das Betroffensein von ihrem unbeeinflußbaren Ablauf und ande-

22 Weber, a.a.O., S. 40.


23 Zit. nach Seibt, F.: Die Zeit als Kategorie der Geschichte und als Kondition des
historischen Sinns. In: Gumin/Meier (Hg.): Die Zeit. Dauer und Augenblick.
München 19923, S. 182.
24 Zit. nach Geißler, K.A.: Zeit leben. Vom Hasten und Rasten, Arbeiten und Ler-
nen, Leben und Sterben. Weinheim/Berlin 19924, S. 35/36.
Muße – die vergessene Chance 249

rerseits über die Möglichkeit der Zeit„verwertung“, darüber, daß die


Zeit (ökonomisch) sinnvoll oder weniger sinnvoll verwendet werden
kann. Diese Form der Zeiterfahrung ist durchaus nicht selbstverständ-
lich; sowohl aus fremden Kulturen als auch aus früheren geschichtli-
chen Epochen unseres Kulturraumes wissen wir, daß die Art, wie sich
Zeit im jeweiligen Erfahrungshorizont der Individuen widerspiegelt,
auch völlig anders sein kann. Vergleicht man beispielsweise die
sprachlichen Formen, mit denen in verschiedenen Kulturen „Zeitli-
ches“ ausgedrückt wird, fallen gravierende Unterschiede auf. Nicht
einmal den Begriff „Zeit“ selbst gibt es in allen Sprachen, manche
Kulturen kennen keine sprachliche Trennung in „Vergangenheit-
Gegenwart-Zukunft“ sondern unterscheiden nur in „Jetzt“ und „Nicht-
Jetzt“, und das Chinesische kennt beispielsweise überhaupt keine
Zeitform.25
Im abendländischen Europa lassen sich im zwölften/dreizehnten
Jahrhundert, in der Form des damals entstehenden Fortschrittsgedan-
kens, die ersten Ansätze der späteren Entwicklung zum linearen Zeit-
verständnis erkennen. Seibt weist darauf hin26, daß in dieser ge-
schichtlichen Epoche durch eine Reihe von Autoren ein Bruch mit
dem Denken des frühen Mittelalters vollzogen wird, das von einer
unbeeinflußbaren Statik der Dinge ausging, davon, daß die Gegenwart
eine auferlegte Wartezeit zwischen vergangener Heilszeit und künfti-
ger Heilserwartung darstellt. Nun taucht erstmals die Hoffnung auf,
„daß anstelle des Weltendes, des Jüngsten Gerichts und der Rückkehr
des irdischen Lebens ins Jenseits, eine mehr oder minder vervoll-
kommnete Menschheit schon hier auf Erden zu erwarten sei.“27 Mit
der schon als Grundlage einer grundsätzlichen Veränderung der Hal-
tung des abendländischen Menschen zur Arbeit angesprochenen Idee
der Errichtung einer irdischen „vollkommenen Gemeinschaft“, die es

25 Vgl. ebda. S. 17/18.


26 Seibt, a.a.O.
27 Ebda. S. 163.
250 Die Arbeit hoch?

im bisherigen Mittelalter überhaupt nicht gegeben hatte, kündigten


sich die Anfänge eines neuen Zeitbewußtseins an, und es sind die
Grundlagen gelegt für jenen „universalen Fortschrittsoptimismus, den
sechshundert Jahre später die sogenannte Aufklärung aus ihrer säkula-
risierten, nicht mehr biblischen, sondern nach ihren Kräften und Ein-
sichten universalen Geschichtsphilosophie herleiten wird.“28
Dennoch unterschied sich das Zeitbewußtsein des mittelalterlichen
Menschen noch ganz wesentlich vom heutigen. Zeit war ident mit den
Zyklen der Natur, vorgegeben durch Tages- und Jahreszeiten, Prozes-
se der Nahrungsaufnahme und Verdauung, Wachstumsabläufe sowie
Geburt und Tod. Insbesondere die bäuerliche Arbeit war in bezug auf
Dauer und Intensität durch den Rhythmus der Natur bestimmt und
eingegrenzt. Die zyklische Zeitstruktur der agrarischen Arbeitsprozes-
se blieb auch dann grundsätzlich erhalten, als im Feudalismus die sich
aus der Bedarfsdeckung der bäuerlichen Produzenten, ihrer Familien
sowie des Gesamtgemeindewesens ergebende „natürliche“ Begren-
zung des Arbeitsumfangs durch die Verpflichtung zur Fronarbeit un-
terminiert wurde. In ganz ähnlicher Art waren auch die anderen Er-
werbszweige des Mittelalters in hohem Maß durch zyklische Arbeits-
bedingungen geprägt. Sie hatten Saisoncharakter, der sich einerseits
aus den Witterungsbedingungen ergab und andererseits durch das
jahreszeitlich wechselnde Angebot an Rohstoffen und Arbeitskräften
bedingt war. Sogar der Handel unterlag in hohem Maß den Jahreszei-
ten entsprechenden Schwankungen von Angebot und Nachfrage. 29
Die vorindustrielle Gesellschaft stand auch noch nicht unter dem
Zwang, die Zeit in immer kleinere, objektiv definierte Einheiten zu
zerlegen, man orientierte sich am Sonnenstand und behalf sich, wo
tatsächlich einmal kleinere Zeiteinheiten eingehalten werden mußten

28 Ebda. S. 164.
29 Vgl. Scharf, G.: Zeit und Kapitalismus. In: Zoll (Hg.): Zerstörung und Wieder-
aneignung von Zeit. Frankfurt a.M. 1988, S. 143/144.
Muße – die vergessene Chance 251

– etwa bei der Kochzeit eines Eies – mit Angaben wie: ein, zwei, drei
Ave Maria lang.
Bestimmend für das mittelalterliche Zeitverständnis war auch, daß
das Handwerk, als der neben der Landwirtschaft damals wichtigste
Wirtschaftszweig, nicht auf Bereicherung, sondern „nur“ auf das
standesgemäße Überleben der Handwerker ausgerichtet war. Die
handwerkliche Produktion war auftragsbezogen und war weder durch
Konkurrenz noch durch einen expansionsfähigen Markt zur Rationali-
sierung gezwungen. Damit orientierten sich die Zeitstrukturen des
Handwerks an den Zeitmaßen, die die künstlerische Gestaltung eines
Werkes, den damaligen Qualitätsstandards entsprechend, eben erfor-
derte. „Eine von dieser »Sachdimension« getrennte zeitliche Struktur
des Handelns existiert zunächst nicht. […] Die handwerkliche Pro-
duktion kann deshalb (damals) auch noch weitgehend den natürlichen
Rhythmen der lebendigen Arbeitsvermögen folgen, sowohl hinsicht-
lich des Umfangs der Arbeitszeit […], als auch hinsichtlich des Tem-
pos.“30
Die damaligen technologischen Möglichkeiten erlaubten auch
kaum ein Ausbrechen aus dem durch Naturablauf und Tradition vor-
gegebenen Korsett. Niemand konnte auf die Idee kommen, die „Natur
zu überlisten“ und sich einen „Überschuß an Zeit“ herauszuschinden,
Zeit zu „sparen“ oder einzubringen. Für uns heute selbstverständliche
Eingriffe in den Naturablauf, wie zum Beispiel durch den Einsatz von
künstlichem Licht, externen Nährstoffgaben oder – womit derzeit
experimentiert wird – durch gentechnische Veränderungen, Pflanzen
unabhängiger von den vorgegebenen Wachstumsbedingungen zu ma-
chen, Wachstumszyklen zu beschleunigen und schnellere Erntefolgen
zu erreichen, waren außerhalb der damals vorstellbaren Welt. Die
soziale Konstruktion von Wirklichkeit war ebenfalls – der Prägung
durch die zyklische Zeitwahrnehmung entsprechend – vorgegeben

30 Neckel, S.: Zeitstruktur und Gesellschaftsform. Dipl.-Arbeit FU Berlin 1982. Zit.


nach Scharf, a.a.O. S. 145.
252 Die Arbeit hoch?

durch die regelmäßige Wiederkehr der natürlichen Ereignisse im


Menschen und in seiner Umwelt. Demgemäß folgte auch die Organi-
sation des sozialen Alltags dem zyklischen Zeitverständnis und war in
hohem Maß bestimmt durch einen Wechsel von (vielfach schwerer)
Arbeit mit den Festen und Feiern des Jahreskreises.
Die „Linearisierung der Zeit“ und ihre sukzessive „Beschleuni-
gung“ dauerte mehrere Jahrhunderte. Erst im sechzehnten und sieb-
zehnten Jahrhundert war, in Form der „protestantischen Ethik“ der
ideologische Begründungsrahmen geschaffen, für das endgültige Um-
sichgreifen der ökonomischen Sichtweise von Zeit und einer damit
einhergehenden, tatsächlich wortwörtlich zu verstehenden „Verteufe-
lung“ des Müßiggangs – Zeitvergeudung wurde „die erste und prinzi-
piell schwerste aller Sünden“.31 Die Entwicklung dorthin muß auch
im Zusammenhang mit technologischen Entwicklungen im Spätmit-
telalter und der beginnenden Neuzeit gesehen werden. Die Erfindung
der Räderuhr im vierzehnten Jahrhundert sowie ihre „Miniaturisie-
rung“ und Verbreitung in den folgenden Jahrhunderten ist in diesem
Zusammenhang sicher an erster Stelle zu nennen. Sie ist die wahre
„key-machine des Industriezeitalters“ (Lewis Mumford), indem sie
die primäre technische Grundlage und gleichzeitig auch das unüber-
sehbare Symbol für ein neues Zeitverständnis darstellt.32 Aber insbe-
sonders auch der „Import“ des Kompasses nach Europa und seine
Weiterentwicklung für die Verwendbarkeit in der Seefahrt im drei-
zehnten Jahrhundert sowie die neuen, mit dem Kompaß erarbeiteten

31 Weber, a.a.O., S. 167.


32 Interessant ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, daß die Uhr bis heute das
beliebteste Firmungsgeschenk darstellt. Wippersberger meint, daß – bedenkt man
den Sinn der Firmung als eine Art von katholischer Initiation – das geradezu als
Symbol dafür genommen werden kann, daß wer von seiner Kindheit Abschied
nimmt, von nun an dem Diktat der Uhr unterworfen ist. Wippersberger, W.: In-
dustrielle Revolution des 19. Jahrhunderts. In: Arbeit/ Mensch/Maschine. Der
Weg in die Industriegesellschaft. Katalog zur oberösterreichischen Landesaustel-
lung 1987. Linz 1987. S. 92.
Muße – die vergessene Chance 253

Karten waren wesentliche Grundlagen für die zunehmende Herausbil-


dung des neuen gesellschaftlichen Zeit-(und Raum-)bewußtseins.
Dabei dürfen die Erfindungen und technologischen Entwicklungen
jedoch nicht eindimensional als Auslöser für das veränderte Umgehen
mit Zeit gesehen werden, sie sind gleichzeitig ja selbst wieder Effekte
jenes heraufdämmernden, untrennbar mit der Hoffnung auf Fortschritt
verknüpften neuen Zeitbewußtseins. Das sukzessive Heranwachsen
des „Kapitalistischen Geistes“ und die sich parallel entwickelnden
technologischen und arbeitsorganisatorischen „Voraus“-setzungen für
den Kapitalismus standen zueinander zu jedem Zeitpunkt ihrer Ent-
wicklung in einer untrennbaren Wechselbeziehung.
Der Wandel vom zyklischen Zeitempfinden zur Sichtweise von
Zeit als eine „unendlich ansteigende Linie“ hat dann wohl auch den
Tod aus dem Wahrnehmungshorizont des modernen Menschen ver-
drängt. Thomas Mann bezeichnet es in seinem Roman „Zauberberg“
als einen der genialsten Gedanken des Menschen, sich mit der Uhr ein
Instrument zu schaffen, um den „Inbegriff des Flüchtigen“ zu messen.
Die Uhr ermöglichte die Zeit zu objektivieren, sie zur abstrakten Grö-
ße zu erklären, die „gleichförmig und ohne Beziehung auf irgendeinen
äußeren Gegenstand verfließt“ (Isaac Newton). Sie ermöglicht die
Illusion, die Zeit „in den Griff“ zu bekommen, und sie hat für den
Menschen als das einzige „zeitgebundene“ Lebewesen auf der Erde
zugleich auch einen Schutz vor dem Bewußtsein seiner Vergänglich-
keit geschaffen. Die Illusion der „Machbarkeit der Welt“ wurde damit
perfekt. „Der Tod nämlich ist das unendliche und unwiderlegbare
Dementi aller radikalen Fortschrittshoffnungen, die (in letzter Konse-
quenz immer – E.R.) darauf bauen, die Zeit zum beliebig manipulati-
ven Instrument machen zu können.“33
Der Zwang, seine Lebenszeit im Sinne ökonomischer Logik nicht
zu vergeuden, sondern (materiell) gewinnbringend anzulegen, führte

33 Geißler, K.A.: Bess’re Zeiten. In: Zoll (Hg.), a.a.O. S. 674.


254 Die Arbeit hoch?

schließlich dazu, daß die heutigen Menschen weitgehend so leben, als


ob ihr Leben nicht dem Zyklus der Vergänglichkeit unterworfen sei
und sie „alle Zeit der Welt“ zur Verfügung hätten, um (ihre vitalen
Bedürfnisse) „irgendwann später“ zu leben. Im Grunde genommen
glaubt eigentlich niemand so recht an seinen eigenen Tod – Sterben,
das tun immer nur die anderen. Die Folge davon ist, daß das Bewußt-
sein der Individuen aber auch seine Verankerung im „Hier und Jetzt“
völlig verloren hat und ständig in die Zukunft vorauseilt – der moder-
ne Mensch ruht dementsprechend nie in sich, er ist sich selbst ent-
fremdet und quasi ständig „außer sich“. Die Gegenwart dient ihm nur
dazu, Verfügungsgewalt über eine bestimmte gewünschte Zukunft zu
erlangen. Damit gilt heute noch viel mehr, was Blaise Pascal schon im
siebzehnten Jahrhundert bedauernd registriert hatte: „Die Gegenwart
ist niemals unser Ziel; die Vergangenheit und die Gegenwart sind
unser Mittel; einzig die Zukunft ist unser Ziel. So leben wir nie, son-
dern wir hoffen zu leben; und während wir uns immer dazu bereiten,
glücklich zu sein, ist es unvermeidlich, daß wir es niemals sind
[…].“34
Hinter der Vorstellung, man könne Zeit gewinnen und vergeuden,
stehen zwei, von den Menschen der christlich-zivilisierten Welt voll-
ständig verinnerlichte und nur selten reflektierte Annahmen: zum
einen die Betrachtung der Zeit als Abstraktum – Zeit wird als Konti-
nuum wahrgenommen, die einzelnen Zeitelemente als untereinander
im Prinzip gleichwertig und nicht mit (zyklisch wiederkehrenden)
Ereignissen und Bedeutungen verknüpft. Es gibt im Zeithorizont des
modernen Menschen keine spezifische „Zeit der Ruhe“, „Zeit der
Arbeit“, „Zeit des Feierns“ oder „Zeit der Trauer“. Zeit wird erlebt als
eine abstrakte, von Bedeutungszusammenhängen losgelöste Größe,
sie ist in sich austauschbar, quasi „gleichgeschaltet“, und „jede Zeit“

34 Pascal, B.: Größe und Elend des Menschen. Auswahl, Übersetzung und Nach-
wort von W. Weischedel. Frankfurt a.M. 1978, S. 47.
Muße – die vergessene Chance 255

kann mit jedem Inhalt gefüllt werden.35 Zum anderen impliziert die
Idee des Zeit gewinnens und verlierens auch die mit der abstrakten
Zeitwahrnehmung eng verknüpfte Illusion, daß es möglich sei, mit
Lebenszeit zu schachern, sie quasi jetzt noch „nicht zu leben“ und zu
investieren, um sie später in einer qualitativ verbesserten Form – so-
zusagen verzinst – genußvoll aufzubrauchen, ihr Erleben erst später
zuzulassen.
In seinem Erwachsenenmärchen „Momo“ bereitet Michael Ende
dieses gesellschaftliche Phänomen als Geschichte auf: Da gibt es
graue Zeitdiebe, die den Menschen die Zeit stehlen, indem sie ihnen
einreden, sie könnten ihre Lebenszeit in einer Zeitsparkasse anlegen.
Das Mädchen Momo – ein kleiner Außenseiter – rettet schließlich alle
vor den Zeitdieben, die, wie Vampire von Frischblut, von der Lebens-

35 Ohne die zunehmende Verinnerlichung der abstrakten Zeitwahrnehmung wäre


die radikale Reduzierung der kirchlichen Fest- und Feiertage sowie auch die mit
der Industrialisierung eng verknüpfte Einführung von regelmäßiger Nacht- und
Schichtarbeit für verschiedene Arbeitnehmergruppen kaum möglich gewesen.
Derzeit tritt die „Abstrahierung der Zeit“ offensichtlich in ihre letzte Phase: Un-
ter dem wohlklingenden Titel der „Arbeitswoche à la carte“ (Günter Stummvoll
in der Zeitschrift „Unternehmer“ Nr. 9/1992) wird die Totalflexibilisierung der
Arbeitszeit vorbereitet. Die Arbeitszeit soll – völlig unabhängig von einer „tradi-
tionellen“ Einteilung in Arbeitstage, Sonn- und Feiertage oder Tages- und
Nachtzeit – nun restlos den Notwendigkeiten ökonomischer Rationalität unterge-
ordnet werden. Das allgemein verinnerlichte abstrakte Zeitverständnis im Zu-
sammenhang mit der Internationalisierung der Wirtschaft, dem zunehmenden
wirtschaftlichen Wettbewerbsdruck, der Notwendigkeit einer rund um die Uhr
abrufbereiten Betreuung der extrem teuren technischen Aggregate u.dgl. machen
einen besonderen Wert eines arbeitsfreien Sonntags oder den besonderen Vorzug
von nächtlichen Ruhephasen immer schwerer argumentierbar. Der von Kaiser
Konstantin I. im Jahr 321 zum „Tag des Herrn“ erklärte siebente Wochentag
wird damit endgültig wieder zu einem Tag wie jeder andere. Zugleich verringern
sich die Möglichkeiten „ritualisierter Sozialbeziehungen“ damit ebenfalls wieder
um ein gewaltiges Stück. Der gemeinsame „Feierabend“, der Sonntag als ein Tag
der gemeinsam mit der Familie verbracht wird und an dem die auch problemlose
Möglichkeit der Begegnung mit Freunden und Bekannten gegeben ist, oder ganz
allgemein, der soziale Ritus des gemeinsamen Feierns von „Festen“ wird immer
unmögliche und die sozialen Bande zwischen den Menschen werden immer
schwächer.
256 Die Arbeit hoch?

zeit anderer Leute leben. Diese Lösung der Geschichte macht die ein-
gekleidete Beschreibung dessen, was in unserer Gesellschaft letztlich
in einer ganz ähnlichen Form ja tatsächlich passiert, zum Märchen.
Auch im „wirklichen Leben“ verschieben die Menschen ihr Leben
immer hektischer auf eine ungewisse Zukunft und gleichen immer
mehr jenen Automaten, von denen sie demnächst ersetzt werden kön-
nen. Angesichts dieser Tatsache fällt es schwer, Hans-Jochen Gamm
nicht recht zu geben, wenn er meint, daß heute „die Erkenntnis von
der Unwiederholbarkeit der Zeit zu den bestgehütetsten Geheimnissen
der Gesellschaft zählt, denn diese ist aufgrund materieller Interessen
bemüht, ein solches Geheimnis weiter verriegelt zu halten. Wenn dem
Individuum nämlich schmerzhaft bewußt würde, daß es den unersetz-
baren Vorrat an Zeit ohne Sinn verschwendete und dafür buchstäblich
gar nichts als Gegenwert erhielte, so wäre wahrhaft unsicher, ob der
außengesteuerte Konsum im üblichen Maßstab fortgesetzt werden
könnte.“36
So zeigt sich, daß entfremdetes Leben immer auch aufgeschobenes
Leben bedeutet. Die Voraussetzungen für Muße als den Inbegriff be-
wußten Daseins und damit Gegenpol zum Leben in Entfremdung sind
somit erst dann gegeben, wenn es gelingt, aus dem der ökonomischen
Logik unterworfenen Verwertungszwang für Lebenszeit auszusteigen.
Das heißt, Muße erfordert den Entschluß zu einer Grenzziehung. Da-
mit ist nun überhaupt nicht gemeint, sich im Sinne der weiter vorne
zitierten moralischen Appelle Genuß und Lebensfreude zu versagen.
Für den Menschen unserer Gesellschaft erfordert Muße jedoch den-
noch einen ganz entscheidenden Verzicht, den Verzicht auf die eigene
Totalvermarktung. Das Kultivieren von Muße im Sinne eines Gegen-
projekts zur alles umfassenden Entfremdung beginnt mit dem Schaf-
fen unverzweckter – „nutzloser“ – Freiräume, also von Lebensberei-
chen, die nicht verpfändet werden für (die Hoffnung auf) späteres

36 Gamm, H.-J.: Umgang mit sich selbst. Grundriß einer Verhaltenslehre. Reinbek
1977, S. 57.
Muße – die vergessene Chance 257

Leben, die für sich selbst stehen und ihren Wert aus sich selbst schöp-
fen. Damit ist auch klargestellt, daß es sich bei der Muße weder um
eine besonders raffinierte Form des Hervorlockens schöpferischer
Reserven für Arbeitsprozesse handelt, noch um Erholung oder Ent-
spannung im Sinne einer Reproduktion von Arbeitskraft. Der Begriff
Muße steht für unvernutztes Leben, unmittelbares Dasein und die
nicht entfremdete Existenz – allerdings auch für die Konfrontation mit
der eigenen Sterblichkeit und der Angst vor dem Tod.
Der Müßiggänger ist damit keinesfalls das, als was er mit dem be-
kannten Spruch: „Müßiggang ist aller Laster Anfang“ phantasiert
wird, nämlich einer, der bloß faul ist und nichts tut, sondern er ist
einer, der bewußt und im „hier und jetzt“ lebt und seine Existenz un-
ter keinem anderen Aspekt als den des Da-seins stellt. Das heißt, Mü-
ßiggang ist nicht das Gegenteil von Arbeit, sondern Müßiggang ist
etwas, was aus der Arbeitswelt herausfällt, was weder in die (heutige
Form von) Arbeit noch in die ihr korrespondierende Freizeit einzu-
ordnen ist, er ist ein Zustand, der die Werte der heutigen Arbeits-
Freizeit-Gesellschaft für sich nicht mehr anerkennt. Der Müßiggang
umfaßt sowohl Momente des totalen Ausatmens, des Nichtstuns als
auch Momente ganz konzentrierter Tätigkeit, der lustvollen Anstren-
gung37 in dem Sinn, wie sich beispielsweise Kinder bis zur Erschöp-
fung anstrengen, wenn ihnen etwas Spaß macht. Müßiggang meint
weder Faulheit im Sinne trägen geistlosen Dahinlebens noch blinde
Betriebsamkeit; sie steht für selbstbestimmtes Handeln und für die
ruhige Reflexion dieses Handelns. Zum Müßiggang gehören alle jene
Dinge, die wir selbstbestimmt und lustvoll nur um ihrer selbst willen
tun, und die Grenze des Müßiggangs ist erst dort erreicht, wo Verwer-
tungsinteressen einsetzen. Freie, bewußte Tätigkeit, die Teil des Mü-
ßiggangs ist, kennt auch nicht die den Entfremdungsbedingungen

37 Nicht zufällig stellen sich hier Assoziationen zum „Liebesspiel“ ein, einem der
letzten nicht dem Verwertungszwang und der Entfremdung unterworfenen Be-
reich menschlicher Tätigkeiten.
258 Die Arbeit hoch?

innewohnende Unterscheidung in Arbeitszeit und Freizeit. „Der Mü-


ßige hört nicht auf, müßig zu sein, wenn er ißt, trinkt, liebt. Der Den-
kende stellt sein Denken nicht in der Freizeit ab.“38
Erst im Zustand der Muße gewinnt das Individuum wieder Herr-
schaft über sich selbst. „In der Muße wirkt der Widerstand des Men-
schen gegen die Gefahr, zum reinen Funktionär in einer totalen Ge-
sellschaft und Arbeitswelt zu werden.“39 Müßiggang ist der Weg vom
verzweckten zum sinnvollen, vom entfremdeten zum bewußten Le-
ben. Das „egoistische“, weil gesellschaftlich nicht zu funktionalisie-
rende Ziel des Müßiggängers ist, wie Nietzsche sagt, bloß „sich selbst
auszubilden, zu etwas Neuem, Höherem“.40 Dementsprechend ist
„der Müßiggänger (auch) nicht der Held, der bewußt »Sand ins Ge-
triebe streut«, das wäre schon wieder ein bestimmter Nutzen, zu des-
sen Wesen gehört, von sich selbst abzusehen, von sich zu abstrahie-
ren, Bedürfnisse zu verdrängen, Wünsche zu verschieben, auf Genüs-
se zu verzichten.“41 Der Müßiggänger kann in diesem Sinn als „amo-
ralisch im Bewußtsein der Immoralität aller Moral“42 bezeichnet wer-
den. Aber genau damit stellt Müßiggang – als ein Akt des bewußten
Heraustretens aus der „Sklavenmoral der Entfremdung“ – die Chance
der Überwindung der lebensfeindlichen Bedingungen der „Immer-
Mehr“-Gesellschaft dar. Denn „die Menschen, die in der Sklavenmo-
ral sozialisiert wurden und nicht fähig sind, diese zu überwinden, weil
sie sich vor der notwendigen Selbstaufhebung der Moral fürchten,
werden schließlich an der Ausbeutung als Form der Selbstausbeutung
zugrunde gehen. Der Müßiggänger wäre sozusagen das Gegenteil von
allem, was mit der Ausbeutung und Selbstausbeutung noch zu tun hat

38 Dischner, a.a.O., S. 101.


39 Fell, M.: Ohne Muße keine Bildung. In: „Erwachsenenbildung in Österreich“, 43
(1991), Heft 4, S. 182.
40 Zit. nach Dischner, a.a.O., S. 99.
41 Dischner, a.a.O., S. 99.
42 Ebda., unter Hinweis auf Nietzsche und Schleiermacher.
Muße – die vergessene Chance 259

– deshalb vom Standpunkt der alten Moral aus notwendig egoistisch –


, aber genau dies wäre Lebensbejahung, Voraussetzung der Befreiung
aller.“43
Anders als Freizeit bezeichnet Muße keinen Zeitabschnitt, sie stellt
dagegen eine Lebenseinstellung und eine Lebenspraxis dar, die sich
den Kriterien der ökonomischen Logik des heutigen Denkens radikal
verweigert – Muße gibt dem Leben Vorrang vor dem Fetisch Ware.
Unsere moderne, unmüßige Zivilisation ist hingegen dadurch gekenn-
zeichnet, daß wir die uns umgebende Welt faktisch nur noch als Aus-
beutungsobjekt und unsere Mitmenschen als Konkurrenten und Hin-
dernisse wahrzunehmen imstande sind. Wir arbeiten nicht, um zu
leben, sondern wir leben um der Arbeit willen. Die Ordnung scheint
auf den Kopf gestellt – sowohl das Griechische als auch das Lateini-
sche kannten den Begriff der Arbeit als Verneinung von Muße: a-
scholia, ne-gotium; heute stellt die Arbeit den primären Bezugspunkt
dar, Frei-zeit bestimmt sich über die Tatsache, daß sie Nicht-Arbeit
ist. Das heißt, daß Müßiggang als Weg der Selbstbefreiung mit dem
Vertreiben der (entfremdeten) Arbeit aus dem Zentrum unseres Le-
bens beginnen muß. Notwendig ist die Überwindung der bürgerlichen
Sozialisation und der kulturellen Hegemonie (die ja auch vom soge-
nannten „realen Sozialismus“ in keiner Weise angetastet wurde) der
Arbeits- Freizeit-Gesellschaft. Es gilt dem Nichtstun und der Kon-
templation wieder den ihnen zustehenden Platz einzuräumen.
„Faulheit und Schlendrian“ sind, das hat schon Max Weber be-
merkt, die ärgsten Widersacher gegen den „Geist des Kapitalismus“.
Muße ist jedoch wesentlich mehr als Faulheit, sie stellt nicht nur die
kapitalistische Arbeitsethik in Frage, sondern ist radikaler Gegenent-
wurf zu den Entfremdungsbedingungen des Kapitalismus. Faulheit ist
bloß die Umkehrung des Arbeitszwangs, sie bleibt – als quasi „sys-
temimmanente Flucht“ – der Fremdbestimmung verhaftet; hingegen

43 Ebda.
260 Die Arbeit hoch?

stellt Muße den Schritt zu Bewußtheit und Selbstbestimmung dar.


Dementsprechend ist das Propagieren einer „Kunst des Müßiggangs“
eine durchaus ketzerische und subversive Lehre. Denn es ist zu erwar-
ten (und zu hoffen), „daß die Leute, die diese Kunst beherrschen,
nicht mehr freiwillig mehr als nötig arbeiten wollen und werden – das
Versprechen von Konsumgütern wird sie dann kaum mehr reizen.“ 44
Damit wäre tatsächlich ein Mittel gefunden, gegen das zunehmend
außer Kontrolle Geraten jener alles vereinnahmenden Produktions-
und Konsumptionsmaschine sowie dagegen, daß die „Immer-Mehr“-
Gesellschaft ungebremst weiter in Richtung ökologischer und sozialer
Katastrophe „fortschreitet“. Durch die „Kunst des Müßiggangs“ aus
dem Wahn-sinn des vernutzten Lebens auszusteigen würde damit
heißen, den uns weitgehend verlorengegangenen zweiten Pol der E-
xistenz wiederzufinden und von der Überzeugung Abschied zu neh-
men, daß Arbeit an sich schon wertvoll und eine Tugend sei.
In der Überhöhung von Arbeit und Leistung und dem Verdammen
des Nichtstuns offenbart sich, so wie in der Verleugnung des Todes
zugunsten des – dann eben nur mehr entfremdet möglichen – Lebens,
das durchgängige Prinzip unserer Kultur, nur die „positive Hälfte“ der
Existenz akzeptieren zu wollen. Genauso, wie wir den Tod „durch
Ausgrenzung besiegen“ wollen, glauben wir, daß wir uns ewige Freu-
de ohne Leid verschaffen könnten, irgendwann unbegrenzter Reich-
tum für alle möglich sei und wir, um Gesundheit wirklich er-leben zu
können, ohne ihren Gegenspieler, die Krankheit, auskommen könn-
ten. Wir leben permanent im Bewußtsein, dann glücklich und zufrie-
den zu sein, „wenn wir erfolgreich gegen alles Negative, gegen Mi-
ßerfolg, Frustrationen, Krankheiten, Leiden und in unserer Phantasie
auch gegen den Tod zu Felde ziehen. Wir teilen das Leben also in
zwei Teile, versuchen davon nur den »guten« Teil zu akzeptieren und
den »schlechten« zu vermeiden. […] Anstelle des (ganzen, des nicht

44 Ebda.
Muße – die vergessene Chance 261

entfremdeten – E.R.) Lebens, das Befriedigung und Frustration, Si-


cherheit und Unsicherheit enthält, wollen wir das Paradies […].“ 45
Was dabei herauskommt, ist allerdings die „Hölle der Entfremdung“,
jenes Zerrbild von Leben, in dem wir als Sklaven einer sinnlosen
Mehrwertproduktion uns selbst in Arbeit und Konsum vernutzen.
Muße und Müßiggang als Widerstand gegen die Verzweckung al-
ler Lebendigkeit ist dementsprechend durchaus als politisches Projekt
zu sehen. Diesbezüglich formulierte ja schon Aristoteles vor über
2300 Jahren in seiner Politeia: „Denn es bedarf der Muße, wer poli-
tisch handeln will“. Damals war „Muße zu haben“, also „Herr seiner
Zeit“ zu sein, primäre Voraussetzung, um überhaupt an der Agora, der
Volksversammlung der griechischen Polis, teilnehmen zu können und
an den Entscheidungen für die Fortexistenz und innere Organisation
des Gemeinwesens beteiligt zu sein. Nur dem „freien Mann“, der über
seine Zeit selbst bestimmte, war es möglich, die gesellschaftlichen
Entscheidungen zu beeinflussen, also politisch tätig zu sein. Heute ist
Politik komplizierter geworden, sie wird durch „Stellvertreter“ be-
sorgt. Der entfremdete und schwerbeschäftigte Mensch erscheint heu-
te – trotz seines offensichtlichen Mangels an selbst-bestimmter Zeit –
nicht politisch entmündigt. Er ist ja trotzdem aufgerufen, durch die
regelmäßige „Abgabe seiner Stimme“ die Entscheidungsträger des
politischen Handelns mitzubestimmen. Und so geschieht es ja auch:
Demokratisch entscheidet sich die Mehrheit für die Politik des „Im-
mer-Mehr“; Entfremdung und Verzweckung sind heute weitgehend
politisch-demokratisch legitimiert. Aber ist jener in Arbeit und Frei-
zeit vernutzte und seinen eigenen ursächlichen Bedürfnissen entfrem-
dete Mensch überhaupt noch in der Lage, eine politische Gegenvision
zur Unterordnung allen menschlichen Daseins unter den Zweck der
Mehrwertproduktion zu entwickeln? Bedarf es nicht vorerst der indi-

45 Bauriedl, a.a.O., S. 27.


262 Die Arbeit hoch?

viduellen Selbstbefreiung von der Totalverzweckung um auch „ge-


sellschaftliche Mußevorstellungen“ zu entwikkeln?
Unter Bedachtnahme auf solche Fragen kann hinter einer – vorerst
bloß individualistischen – Entscheidung zu Muße und Müßiggang
durchaus gewaltige politische Sprengkraft vermutet werden: „Ein
Volk, das keinen Mut zum Träumen hat, hat keine Kraft zum Kämp-
fen“, formulierte Che Guevara und drückte damit nichts anderes aus,
als daß ein Heraustreten aus dem verzweckten Alltag unabdingbare
Voraussetzung dafür ist, Visionen humanen politischen Handelns zu
entwickeln. Zur Sichtweise der Muße, als die Grundlage für eine
„bewußte und vorausschauende Gestaltung der Gesellschaft im Inte-
resse menschlicher Lebensverhältnisse“ (Oskar Negt), schreibt Joseph
Tewes: „Würde diese, dem politischen Handeln vorausfliegende und
es vorentwerfende Phase fehlen, würden die weitreichenden Perspek-
tiven gesellschaftlicher Entwicklung, kurz – die idealen und utopi-
schen wie auch die eigentlich kritischen Momente – ausbleiben. Sie
alle benötigen, um sich zu entfalten, eine Distanz zum Alltag.“46 Nur
in Muße kann man sich über seine wahren Interessen klarwerden –
und Wege suchen, sie auch zu verwirklichen. In diesem Sinn ist das
Propagieren einer „Muße für Alle“ – und nicht bloß für jene, die die
Voraussetzung dafür schon immer aus der Arbeitsmoral der Mehrheit
erworben haben – heute durchaus als radikal-politische Forderung zu
verstehen. Muße hat viel gemeinsam mit Liebe, sie ist „nutzlos“ wie
diese, aber gerade deshalb gefährdet sie auch wie diese die Mecha-
nismen der Macht!47

46 Tewes, J.: Nichts Besseres zu tun. In: Tewes, a.a.O.


47 Vgl. Pfaff, K.: Muße – eine Reise zu den Quellen der eigenen Kraft. In: Tewes,
a.a.O.
8. OHNE MUSSE KEINE (BERUFLICHE) BILDUNG!

Die Unfähigkeit zur Opposition ist Zeichen der


Verknechtung durch die eigene Vergangenheit.

Hans-Jochen Gamm 1

Selbst-Bewußtsein – das Bewußtsein seiner selbst – und die damit


verbundene Fähigkeit zur Selbst-Reflexion ist es, was den Menschen
spezifisch auszeichnet und ihn von anderen Lebewesen unterscheidet.
Dieses konstituierende Merkmal ermöglicht es ihm, seine individuelle
Geschichte in bezug auf eine selbstgewählte Richtung zu beeinflussen
sowie die Geschichte seiner gesellschaftlichen Einheit und der Gat-
tung insgesamt mitzugestalten. Der Mensch ist grundsätzlich in der
Lage, die aus der kritischen Reflexion seiner Erfahrungen gewonne-
nen Erkenntnisse in einen Sinnzusammenhang zu bringen, darauf
aufbauende „sinn-volle“ Zielvorstellungen zu entwickeln und diese zu
verfolgen. Durch die Befähigung zur vernünftigen Reflexion ist der
Mensch aus dem Tierreich mit seiner instinktiven Ausstattung heraus-
gehoben, sie stellt die grundsätzliche Basis seiner Emanzipation von
der Natur dar2, wenngleich er seine Anbindung an die Natur auch nur

1 Gamm 1978, a.a.O., S. 14.


2 Symbolisch wird diese Tatsache im jüdisch-christlichen Mythos des Sündenfalls
ausgedrückt: Indem die ersten Menschen vom „Baum der Erkenntnis gegessen“
hatten und damit in die Dualität des Denkens gefallen waren, somit also ihr Han-
deln nach Gut- und Böse-Kriterien beurteilen konnten, waren sie „menschlich“
geworden und hatten sich von der ursprünglichen animalischen Harmonie mit
der Natur emanzipiert. Vgl: Ribolits, E.: Der Unterschied zwischen Wissen und
264 Die Arbeit hoch?

graduell abzuschütteln vermag. Die Vernunftausstattung ermöglicht


ihm die Reflexion seiner Vergangenheit und die Einflußnahme auf
seine Zukunft; sie läßt ihn jedoch auch gewahr werden, „daß er eine
kurze Lebensspanne vor sich hat, daß er ohne seinen Willen geboren
wurde und gegen seinen Willen sterben wird“3.
In der Gestaltungskompetenz des Menschen gegenüber seinem
Leben erkennen wir die Würde seines Daseins. Die Kraft zur Reflexi-
on ermöglicht ihm „Autonomie“ im Kantschen Sinn, sie befähigt ihn
zur Selbstbestimmung und zum Widerstand.4 Extra betont braucht
wohl nicht zu werden, daß diese Konstitution des Menschen prinzi-
pieller Natur ist und real in vielfacher Weise an den Phänomenen der
schicht-, geschlechts- und kulturspezifischen Sozialisation und den
daraus folgenden Behinderungen gebrochen wird. Aber trotz der
zweifellos tiefgreifend und umfassend prägenden gesellschaftlichen
Einflüsse bleibt das einzelne Individuum immer auch das Werk seiner
eigenen lebenslangen Bemühungen um Selbstreflexion und Sinnfin-
dung. Im Hinblick auf die Zielsetzung der „Entfaltung der Persönlich-
keit“ zielt Bildung somit immer auf die mündige Gestaltung des Le-
bens durch die Entwicklung reflektierten Verhaltens gegenüber sich
selbst und der sozialen Umwelt; oder – in der Formulierung von Hans
Jochen Gamm – auf die „Selbstvergegenwärtigung des Menschen
unter historischem, aktuellem und utopischem (= zukünftigem) Hori-
zont“5.

Weisheit. Überlegungen aus Anlaß des derzeitigen Bildungsverständnisses. Un-


veröffentlichte Diss., Wien 1984, S. 22ff.
3 Fromm, E.: Die Kunst des Liebens. Frankfurt a.M./Berlin 1993, S. 20.
4 Vgl. dazu: Adorno, T.W.: Erziehung nach Ausschwitz. In: Adorno, T.W.: Erzie-
hung zur Mündigkeit. Berlin 1971, S. 93.
5 Gamm 1977, a.a.O., S. 98.
Ohne Muße keine (berufliche) Bildung 265

Definiert man Bildung solcherart als die Entfaltung reflektierenden


Denkens und entsprechend fundierten selbstbestimmten Handelns6, so
ist leicht erkennbar, daß Bildung und Muße zueinander eine große
Affinität aufweisen. Zu reflektieren bedeutet, die über eigene und
vermittelte Erfahrungen gewonnenen Informationen zu ordnen, sie zu
kombinieren, Übersicht zu gewinnen, sie im Hinblick auf einen, den
bisherigen Erfahrungen entsprechenden Sinn zu bewerten und neue
Sinnzusammenhänge zu entwickeln – sich also zu „be-sinn-en“. In-
dem er dies tut, dient der Mensch keinem wie immer gearteten (von
außen gesetzten) Zweck, er wird damit „bloß“ seiner Bestimmung
gerecht und kreiert sich selbst als unverwechselbares Einzelwesen –
als selbstbestimmtes, autonomes Individuum. Daraus ergibt sich, daß
eine Beschränkung des Reflektierens auf begrenzte Zeitabschnitte und
bestimmte Situationen wenig Sinn gibt. Nicht bestimmte, von anderen
Aktivitäten freigehaltene Zeiten und Gelegenheiten braucht es, um
Reflexivität zu entwickeln, sondern jene mit dem Begriff „Muße“
umschriebene Lebenseinstellung und Lebenspraxis des bewußten Da-
seins.
Wie schon ausgeführt, definiert sich Muße ja nicht über Passivität
im Sinne von Faulheit und bloßem Nichtstun, sondern über bewußtes
Sein im „Hier und Jetzt“; sie beruht – wie Oskar Negt schreibt – „auf
höchster Aufmerksamkeit des Kopfes und der Sinne und in einer eher
allseitigen Betätigung des Menschen“7. Mit dem Begriff „Muße“ wird
weder – wie mit „Freizeit“ – ein Zeitabschnitt angesprochen, noch ist
Muße ein Gegenbegriff zur Aktivität, wie es die Faulheit und das
ziellose Nichtstun sind. Während die Faulheit, als Synonym der Ar-
beitsverweigerung, nur die Kehrseite des Arbeitszwanges darstellt –
eine zwar verständliche menschliche Neigung unter der Bedingung

6 Vgl.: Cube, F.v.: Informationsgesellschaft, Qualifikation und Bildung – eine


kritische Analyse. In: Roth, L. (Hg.): Pädagogik. Handbuch für Studium und
Praxis. München 1991, S. 279.
7 Negt 19873, a.a.O., S. 178.
266 Die Arbeit hoch?

der ökonomischen Totalvernutzung als Arbeitskraft und Konsument,


aber absolut nichts Naturwüchsiges, sondern genauso wie die ent-
fremdete Erwerbsarbeit eine historische Größe, „etwas gesellschaft-
lich Produziertes, durch Arbeitsleid Vermitteltes“8 –, wird mit Muße
eine bestimmte Seinsform, ein Lebensprinzip charakterisiert. Das
führt allerdings dazu, daß sich unter ihrem Einfluß Aktivität von blin-
der Betriebsamkeit zu bewußter Tätigkeit verändert. Wofür Muße die
unverzichtbare Grundlage darstellt, ist das bewußte und reflektierte –
und somit der Selbstbestimmung zugängliche – Handeln.
Dazu ist ohne Zweifel auch Ruhe und der zeitweilige Rückzug von
der „lauten Welt“ – also eine von äußeren Aktivitäten freigehaltene
Zeit – notwendig. Wird das Bewußtsein nämlich permanent und mit
voller Kapazität mit neuen Informationen bombardiert, so bleibt keine
Kapazität mehr frei für Reflexion. Aber diese Phasen der kontempla-
tiven Ruhe sind bloß ein Pol der Muße. Außerdem unterscheidet sich
das müßige – reflexionsaktive – Nichtstun grundsätzlich von dem mit
Faulheit angesprochenen „passiven Nichtstun“. Während passives
Nichtstun im Sinne einer Gegenabhängigkeit, ganz genauso wie Ar-
beit und Freizeithektik, der Fremdbestimmung verhaftet bleibt, orien-
tieren sich die Phasen der ruhevollen Muße am Ziel der Selbstbe-
stimmung. Faulheit ist nicht in der Lage, das Korsett der gesellschaft-
lich verursachten Unfreiheit aufzusprengen; sie ist bloß blinde Ver-
weigerung gegen die fremdbestimmte Arbeit und die durch die Frei-
zeitindustrie oktroierte Betriebsamkeit in der von Arbeitsvernutzung
freigehaltenen „Freizeit“. Erst durch das „Prinzip Muße“ kann Frei-
zeit tatsächlich zur Grundlage von Freiheit werden. Ohne die Muße
holen jedoch – wie Negt schreibt – „die auf den Nichtarbeitenden
gerichteten Angebote der Kultur- und Bewußtseinsindustrie […] den
einzelnen, der sich in seiner eigenen Zeit, seiner Freizeit, zu bewegen
glaubt, doch wieder in die Zeitökonomie der kapitalistischen Produk-

8 Ebda., S. 177/178.
Ohne Muße keine (berufliche) Bildung 267

tion zurück; wenigstens durch Geldausgeben, durch Konsum, wird der


Nichtarbeitende oder Arbeitende in der Zeit der Nichtarbeit daran
gemahnt, daß sich lediglich eine Formveränderung der Zeit vollzogen
hat, daß Geldausgeben sein Beitrag zur Produktion ist.“ Erst Muße
verändert den Charakter einer bloß von Arbeit freien Zeit zu einer
„Emanzipations- und gesellschaftlichen Orientierungszeit“9.
„Muße als Prinzip der Erfüllung des Lebenssinns“ zielt auf Refle-
xion, sie „stellt die Forderung nach dem Überschauen seiner selbst
angesichts des Zeitlosen“10 dar. Sie dient der Besinnung, dazu, um
sich seiner Wünsche, Bedürfnisse und Interessen klarzuwerden und
Wege zu suchen, diese zu verwirklichen, und sie stellt damit die Vor-
aussetzung für das selbstbestimmte Individuum dar. „Wenn er [der
Mensch] sich der zeitlosen Bindung entledigt, gerät er in die Diktatur
des Zeithaften; er wird Sklave der Mode, der Repräsentation, der
Massenmedien, des gesamten Zeitgeistes.“11 Muße stellt genau des-
halb die Basis für das selbst-bewußte Eingreifen in die historisch-
gesellschaftlichen Gegebenheiten – und damit für ein politisches
Handeln, das nicht an einem ökonomisch determinierten Wachstum,
sondern an human und ökologisch vermittelten sinn-vollen Zielen
orientiert ist – dar, weil sie nicht dem Zeithaften verhaftet ist, sondern
ihre Kraft aus dem Zeitlosen schöpft. Das schafft die Voraussetzung
für jene innere Distanz zum Status quo, die eine kritische Haltung
ermöglicht. Die „Erscheinungen der Zeit“ zu verändern setzt die Ori-
entierung an etwas voraus, was außerhalb der Zeit liegt, und setzt das
Abbauen der Angst vor der im Sinne des gesellschaftlichen Status quo
(ökonomisch) ungenutzten, der „nutzlos vergeudeten“ Zeit voraus.
Schon im vorigen Kapitel wurde darauf hingewiesen, daß der we-
sentliche Schlüssel für eine veränderte Haltung gegenüber der Zeit im
bewußten Annehmen der Endlichkeit der menschlichen Existenz liegt.

9 Ebda., S. 178.
10 Heitger, a.a.O., S. 189.
11 Ebda., S. 190.
268 Die Arbeit hoch?

„Wer sterben gelernt hat, versteht das Dienen nicht mehr“ formulierte
schon im sechzehnten Jahrhundert Michel de Montaigne12, und Mar-
tin Buber hat den Sinn des Lebens geradezu im „Sterben lernen“ ge-
sehen13. Der Alltag des Menschen der zivilisierten Welt ist jedoch so
hektisch, daß ein Besinnen auf seine subjektive Begrenztheit und sei-
nen absolut sicheren Tod das letzte ist, wofür ihm Zeit bleibt. Zudem
ist das Aufrechterhalten der Bewußtheit der eigenen Endlichkeit ver-
bunden mit tiefer Angst und Verunsicherung, der sich die meisten
Menschen zu entziehen versuchen. Die traditionelle Form der diesbe-
züglichen Verdrängung, die darin besteht, den „Trost des Glaubens“
dafür zu „mißbrauchen“, um sich an das Leben zu klammern 14,
scheint in der gegenwärtigen Epoche des „Endes der großen Erzäh-
lungen“15 für viele Menschen nicht mehr adäquat zu sein. Heute, wo
allerorts das Brüchigwerden der traditionellen „Meta-Garantien“ pro-
klamiert wird, versuchen immer mehr Menschen, die rational unbe-
wältigbare Tatsache ihrer Endlichkeit durch die Flucht in Geschäftig-
keit sowie in Konsum- und Beziehungshektik zu verdrängen. Die
geheime Angst vor der Vergänglichkeit wird systematisch erstickt
durch ein Immer-Mehr an Gütern und Bequemlichkeiten.

12 Montaigne, M. de: Essais, „Philosophieren heißt Sterben lernen“, übertragen von


Johann Joachim Bode. Frankfurt a.M. 1991, S. 11.
13 Buber, M.: Werke Bd. 3, Schriften zum Chassidismus (1963). Nach Gamm 1977,
a.a.O., S. 210.
14 Rolf Arnold weist in einem Artikel zu Thema „Gelassenheit als Lebenshaltung“
auf einen Text des großen anglo-amerikanischen Theologen und Philosophen
Alan Watts hin, in dem dieser feststellt, daß die meisten Menschen unseres Kul-
turraumes „glauben, um sich sicher zu fühlen, um ihrem Leben Wert und Bedeu-
tung zu geben. Glauben ist auf diese Weise zu einem Versuch geworden, sich an
das Leben zu klammern, es zu fassen und für sich zu behalten.“ Watts A.W.:
Weisheit des ungesicherten Lebens (1990), zit. nach: Arnold, R.: Gelassenheit
als alte neue Lebenshaltung – eine Gedanken-Collage. In: Lisop, I.: Die andere
Seite: Profile und Liebhabereien gelehrter Männer, Frankfurt a.M. 1993, S. 116.
15 Lyotard, J.-F.: Das postmoderne Wissen. Graz/Wien 1986, S. 16.
Ohne Muße keine (berufliche) Bildung 269

Damit bleibt der Mensch gegenüber der grundsätzlichen Tatsache


seiner Existenz – seiner Sterblichkeit – entfremdet und stellt sich
schließlich als Sklave jener Umstände heraus, die er (angeblich) zu
seinem eigenen Vorteil geschaffen hat. Dementsprechend ist es ja
auch nicht ein bloßer Verzicht auf Annehmlichkeiten der industriali-
sierten Welt, durch den sich der am Sein gegenüber dem am Haben
orientierte Mensch (E. Fromm) auszeichnet, sondern die aus dem
Bewußtsein um seine subjektive Begrenztheit gespeiste innere Dis-
tanz zu ihnen, die erst eine kritische Haltung ermöglicht. Erst ein be-
wußtes Annehmen des Todes als Ziel und „einzige Gewißheit des
Lebens“16 stellt die Grundlage für die als Muße umschreibbare innere
Freiheit des Menschen dar; jene unverzichtbare, verschiedentlich
auch als Gelassenheit bezeichnete Basis für den Kampf gegen die
dem gesellschaftlichen System geschuldete Entfremdung. Nach Ar-
nold wird damit eine Lebenshaltung angesprochen, „die Unsicherheit
nicht (mehr) als Bedrohung zu vermeiden sucht, sondern diese gera-
dezu als Chance zur Gestaltung von Gesellschaft und Zukunft und als

16 Nichts ist im Leben eines Menschen sicherer, als die Tatsache seines unerbittlich
herannahenden Todes. Selbst Aufstieg und Höhepunkt der menschlichen Exis-
tenz sind nur Stufen und Mittel zu dem Zweck, dieses letztendliche Ziel zu errei-
chen. Der Tod ist das Ziel des Lebens. Diese unerbittliche Aussage ist – so er-
schreckend und unbegreiflich sie den der materiellen Existenz verhafteten Men-
schen auch erscheint – bloß der logische Schluß aus der Tatsache der Zielstre-
bigkeit und Zweckbestimmtheit des Lebens. In diesem Sinn gehen auch alle gro-
ßen Religionen der Welt davon aus, daß der Sinn des Lebens sich im Tod erfüllt,
und man kann die Religionen durchaus als komplizierte Systeme der Vorberei-
tung des Menschen auf den Tod interpretieren. (Vgl.: Jung, C.G.: Wirklichkeit
der Seele. München 1990, S. 120/121) Auch das christlich-abendländische Den-
ken war bis in die Epoche der Aufklärung in diesem Gedankengang verwurzelt.
Die zunehmende Distanzierung von der Betrachtungsweise des Lebens als Vor-
bereitungszeit auf den Tod, hat dem Menschen seine transzendente Orientierung
geraubt und seinen Blick in einer immer engstirnigeren Form auf das Diesseits
fokussiert. Zugleich hat das säkularisierte Denken auch das Bewußtsein der Ver-
antwortung gegenüber einer ewigen Ordnung abgebaut und kann somit durchaus
als die Quelle des menschenverachtenden und zerstörerischen Materialismus der
modernen Welt gedeutet werden.
270 Die Arbeit hoch?

notwendiges Element des Lebendigen zu begreifen vermag“17. Er


zitiert in diesem Zusammenhang Tausch/Tausch, die diesbezüglich
schreiben: „Wenn wir uns die Endlichkeit unseres Lebens vor Augen
führen, wenn wir uns vorstellen, wie wir uns beim Sterben fühlen und
was wir dabei denken werden, dann erscheinen uns viele unserer all-
täglichen Schwierigkeiten in anderem Licht. Sie verlieren für uns oft
an Bedeutung oder bekommen einen neuen Bedeutungsgehalt, und
wir begegnen ihnen mit größerer Gelassenheit.“18
Sogyal Rinpoche, ein tibetischer Mönch, der im Westen studiert
hat und die europäisch-amerikanische Lebensform aus eigener An-
schauung kennt, bezeichnet die Art, wie mit dem Leben (und dem
Tod) in den sich selbst als „zivilisiert“ bezeichnenden Kulturen um-
gegangen wird, als „aktive Faulheit“19. Gegenüber dem östlichen Stil
der Faulheit, der im schlichten Nichtstun und dem Vermeiden von
Arbeit besteht, stellt sich die Faulheit im Westen als zwanghafte Akti-
vität dar, die keine Zeit mehr läßt, um sich mit den grundsätzlichen
Fragen der Existenz auseinanderzusetzen. Die Bewohner der von der
bürgerlich-kapitalistischen Ökonomie geprägten Gesellschaften er-
scheinen in höchstem Maße geschäftig, sie sind jedoch in so hohem
Maß durch das ökonomische Denken determiniert, daß sie überhaupt
nicht mehr die Frage nach dem Sinn ihrer Aktivitäten stellen, sondern
sich mit dem systemadäquaten Funktionieren begnügen. Rinpoche
argumentiert hier ganz im Sinne der Lebenslehre des europäischen
Mittelalters, nach der die Unfähigkeit zur Muße, die Rastlosigkeit des
Arbeitens um der Arbeit willen, aus der der Trägheit vor der Begeg-
nung mit sich selbst resultiert. Es scheint, daß der westliche Mensch
nicht in aktiver Selbst-bestimmung sein Leben lebt, sondern von sei-
nem Leben gelebt wird, daß er einer bizarren ökonomischen Dynamik

17 Arnold, R., a.a.O., S. 115.


18 Tausch, R./Tausch, A.: Wege zu uns (1983), zit. nach ebda., S. 114.
19 Rinpoche, S.: Das tibetische Buch vom Leben und Sterben. Ein Schlüssel zum
tieferen Verständnis von Leben und Tod. Bern/München/Wien 19947, S. 35ff.
Ohne Muße keine (berufliche) Bildung 271

unterworfen ist, die ihn zu einem Leistungsroboter degradiert und


dazu verführt, seine gesamte Lebenszeit bewußtlos einem Wettkampf
zu opfern, bei dem am Ende gar kein Gewinn wartet. In den manisch-
forteilenden Kulturen bleibt vor lauter Funktionieren schlichtweg
keine Zeit zu jener Aktivität, mit der der Mensch sich über die be-
wußtlose Natur erhebt zur Reflexion des eigenen Tuns, zum Nach-
denken und zum Besinnen.
In einer ganz ähnlichen Form relativiert Erich Fromm in seinem
bekannten Buch „Die Kunst des Liebens“ die zwanghafte Aktivität
des Menschen der modernen, an Arbeit orientierten Welt. Im Verhaf-
tetsein der Menschen unseres Kulturraums in einem sehr einseitigen
Aktivitätsbegriff sieht er eine grundlegende Ursache für die von ihm
konstatierte zunehmende Liebesunfähigkeit in der heutigen westlichen
Gesellschaft. Er argumentiert, daß sich die gängige Auffassung von
Aktivität faktisch ausschließlich auf die Verwendung von Energie für
das Erreichen äußerer Ziele bezieht. „So betrachtet man (in unserem
Kulturraum – E.R.) jemanden als aktiv, wenn er geschäftlich tätig ist,
wenn er Medizin studiert, am Fließband arbeitet, einen Tisch herstellt
oder Sport treibt.“ Da allen diesen Tätigkeiten gemeinsam ist, daß sie
sich jeweils auf ein bestimmtes äußeres Ziel richten, welches jemand
– empirisch erkennbar – zu erreichen versucht, erscheinen sie uns
gemeinhin als Aktivitäten. Bei dieser Betrachtungsweise bleibt die
Motivation der Aktivität völlig unberücksichtigt, es kann jedoch – so
Fromm – überhaupt nur unter Berücksichtigung dieser festgestellt
werden, ob jemand in einer aktiven oder passiven Form handelt.
„Nehmen wir zum Beispiel einen Menschen, der sich durch ein tiefes
Gefühl der Unsicherheit und Einsamkeit zu pausenlosem Arbeiten
getrieben fühlt; oder einen anderen, den Ehrgeiz oder Geldgier treibt.
In all diesen Fällen ist der Betreffende der Sklave seiner Leidenschaft,
und seine Aktivität ist in Wirklichkeit Passivität, weil er dazu getrie-
ben wird. Er ist ein »Leidender«, er erfährt sich in der »Leideform«
(Passiv) und nicht in der »Tätigkeitsform« (Aktiv); er ist gar kein
272 Die Arbeit hoch?

»Tätiger«, er ist nicht selbst der »Akteur«. Im Gegensatz dazu hält


man einen Menschen, der ruhig dasitzt, sich der Kontemplation hin-
gibt und keinen anderen Zweck und kein anderes Ziel im Auge hat,
als sich selbst und sein Einssein mit der Welt zu erleben, für »passiv«,
weil er nichts »tut«. In Wirklichkeit aber ist diese konzentrierte Medi-
tation die höchste Aktivität, die es gibt, eine Aktivität der Seele, derer
nur der innerlich freie, unabhängige Mensch fähig ist.“20
Auch durch die organisierte Bildung wird heute das Gewinnen ei-
ner solchen „inneren Freiheit“, jener kritischen Distanz des autono-
men Individuums zu den vielfach nur durch die Preisgabe der Sinn-
frage möglich gewordenen „Segnungen des Fortschritts“, eher nicht
gefördert. Durch die derzeit vorherrschende einseitige Ausrichtung
von Lernprozessen am Ziel ökonomischer Zweckmäßigkeit und dem
Optimieren des Zeit-Leistungs-Verhältnisses arbeitet das Bildungs-
system dem systemadäquaten Verdrängen der Frage nach dem Sinn
eines Lebens, das sich darin erschöpft, immer hektischer auf den Tod
zuzueilen, in die Hände. So wie das alles überstrahlende Ziel der auf
ökonomisches Wachstum ausgerichteten kapitalistischen Gesellschaft
Leistungsmaximierung heißt, geht es auch in der „Bildung“ fast aus-
schließlich nur mehr darum, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit
zu lernen. Die ökonomische Rationalität hat auch den Bildungsbe-
reich vollständig erfaßt. Schule und Erwachsenenbildung können
heute eher als Lern-„Fabriken“ denn als Stätten der Reflexion, des
gemeinsamen Nach-Denkens und der Persönlichkeitsbildung bezeich-
net werden. Ähnlich der Betrachtungsweise von mechanischen Abläu-
fen werden Lernprozesse primär danach bewertet, wieviel an Zeit,
Hilfsmaterial, Erklärungen und ähnlichem notwendig sind, um einen
möglichst hohen „Behaltegrad“ zu erreichen. Mit immer „effektive-
ren“ Methoden, wie zum Beispiel neuerdings dem „Superlearning“,
der „Suggestopädie“ oder sogenannten „Schnellesetechniken“, wird

20 Fromm 1993, a.a.O., S. 40/41.


Ohne Muße keine (berufliche) Bildung 273

versucht, den „Wirkungsgrad des Lernens“ noch weiter zu steigern.


Auch für Bildung gilt schon längst die Aussage von André Gorz: „Die
Suche nach Leistungsmaximierung beherrscht weiter unser Denken,
und wir scheinen nicht zur Kenntnis nehmen zu wollen, daß das
Bestreben, durch maximale Effizienz möglichst viel Arbeit und Zeit
zu sparen, zu einem Ergebnis führt, welchem das ökonomische, utili-
taristische Denken weder Wert noch Sinn zu geben weiß.“21
Organisierte „Bildung“ ist Teil der riesigen Mehrwertprodukti-
onsmaschine und unterliegt somit auch dem der Profitökonomie in-
newohnenden Zwang zur permanenten Beschleunigung. Das optimale
„Ausnützen“ der Zeit – die Zeitökonomie des Kapitalismus – be-
stimmt auch den Alltag in Bildungsinstitutionen. Damit ist die grund-
legende Voraussetzung für Subjektivitätsentwicklung verhindert, den
Individuen nämlich jene Zeit zu lassen, die sie für eigene Erkenntnis-
se, für subjektive Erfahrungen und deren Verarbeitung brauchen. Das
Erfolgskriterium für jedwedes Handeln im Bereich der Profitökono-
mie ist das Minimieren des Aufwands in Relation zum Erfolg. Das
heißt, es geht immer auch darum, den Zeitaufwand für das Erreichen
gewünschter Ergebnisse zu verringern. Das Heranwachsen von
Selbstbewußtsein und Selbstreflexivität ist jedoch kein Prozeß, der
zeitökonomisch optimierbar ist. Der Mensch, der zwar – wie sich
Negt/Kluge ausdrücken – als „Träger der Ware Arbeitskraft“ in Er-
scheinung tritt, aber, wie sie weiter schreiben, sehr wohl mehr ist als
bloß ein „Arbeitstier“, kann „ohne Umwegproduktion, ohne qualitati-
ve Verdichtung von lebensgeschichtlichen Entwicklungsstufen (Reife,
»Zeit totschlagen«, freie Zeit, in der man sich verliert, Regression und
Entspannung, Erinnerung, Passivität und so weiter) weder erzeugt
noch erhalten werden“22. Bildungsprozesse, die diesen Namen wirk-
lich verdienen, weil es dabei nicht bloß um die Herausbildung öko-

21 Gorz 1991, a.a.O., S. 69.


22 Negt, O./Kluge, A.: Öffentlichkeit und Erfahrung. Frankfurt a.M. 1972, S.
48.
274 Die Arbeit hoch?

nomisch verwertbaren Arbeitsvermögens, sondern um die Entfaltung


des menschlichen Potentials geht, sind mit quantitativer Logik nicht in
den Griff zu bekommen. Oder, wie es Karlheinz Geißler ausdrückt:
„Bildungserfolg kann nicht – wie im betrieblichen Produktionsprozeß
der Output – schematisch, durch ein Mehr an Zeit, gesteigert wer-
den.“23
Wenn es uns Menschen der industrialisierten Welt gelingen soll,
eine Antwort auf die Frage zu finden, was in Zukunft jenseits von
ökonomischer Zweckmäßigkeit und der Erwerbsarbeit unsere persön-
liche Lebensführung und die gesellschaftliche Entwicklung insgesamt
bestimmen soll, dann müssen wir darangehen, Arbeit und Leistung
nicht mehr unter dem Gesichtspunkt der quantitativen Ausweitung,
sondern unter dem Aspekt ihres Beitrags zur Erhöhung der Qualität
des Lebens zu sehen. Die Kehrseite des, durch die Logik der Profit-
ökonomie determinierten, „mörderischen Leistungsprinzips“ (Hein-
rich Böll) – der Raubbau im ökologischen und im humanen Bereich –
ist heute bereits unübersehbar. Die absolute Vorherrschaft der Öko-
nomie mündet im sozialen Darwinismus. Doch während für die Zer-
störung der Umwelt heute zunehmend ein öffentliches Problembe-
wußtsein heranwächst, wird die „Plünderung des Menschen durch die
Ausbeutung seiner psychosozialen Ressourcen“24 noch viel zu wenig
beachtet. Der Mensch stellt sich heute als ein sich selbst entfremdetes
Wesen dar, er ist seines wichtigsten Wesensmerkmals – der (Selbst-
)Reflexivität – beraubt. Es geht darum, gegen das bewußtlose Funkti-
onieren im Sinne der Vernutzung in Arbeit und Freizeit eine Kultur
der Muße zu setzen, jene distanzierte Gelassenheit, die die unver-
zichtbare Grundlage für ein Besinnen in allem Tun darstellt.
Dazu bedarf es vor allen Dingen des Widerstands gegen das der
kapitalistischen Ökonomie innewohnende Diktat der Beschleunigung.
Schnelligkeit und Beschleunigung sind Zentralbegriffe der politisch-

23 Geißler 19924, a.a.O., S. 117.


24 Martin, R.: Zeitraffer. Der geplünderte Mensch. Frankfurt a.M. 1993, S. 13.
Ohne Muße keine (berufliche) Bildung 275

ökonomischen Formation Kapitalismus; sie stehen im Rahmen dieses


Systems für Überlegenheit; Langsamkeit stellt sich dagegen als Be-
hinderung dar, sie gilt – wie Ferdinand Menne unter Bezugnahme auf
den Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit“ von Sten Nadolny
schreibt – „im ungeschriebenen Moralkodex des industriellen Zeital-
ters […] als etwas Blamables, als menschlicher Makel: Es gibt keinen
Flug zwischen A und B, der nicht grundsätzlich als zu lange gilt; wel-
ches Versagen, wenn wir für die Überbrückung einer Strecke, die jetzt
sechs Stunden dauert, im nächsten Jahr mehr als fünf, im übernächs-
ten mehr als vier Stunden benötigen. Zeit gehört (im Kapitalismus –
E.R.) zu den »Grundformen der Behinderung«.“25 Menne zitiert in
diesem Zusammenhang Günther Anders, der unser heutiges Verhält-
nis zur Zeit folgendermaßen charakterisiert: „Was immer Dauer er-
fordert, dauert zu lange. Was immer Zeit beansprucht, beansprucht
zuviel Zeit. Das Faktum, daß Handlungen Zeit kosten, gilt heute als
Vergeudung. Gleich, wie kurz sie währen – niemals sind sie kurz
genug. Die bloße Tatsache, daß sie währen, macht sie zu Verzögerun-
gen. Zeit = Langsamkeit. Welch unsinnige Gleichung!“26 In der Op-
position gegen den Makel, der in unserer „Hochgeschwindigkeitskul-
tur“ grundsätzlich allem anhaftet, was Zeit in Anspruch nimmt, liegt
demgemäß der wesentliche Ansatzpunkt zur Überwindung der kapita-
listischen „Kultur der Entfremdung“.
Muße ist auf das engste mit dem Umgehen mit Zeit verknüpft, sie
stellt geradezu das Synonym für das Heraustreten aus dem Diktat der
ökonomisch vernutzten Zeit dar. Die Grundlage für das beschleunigte
Leben der modernen Gesellschaft und die Profitökonomie wurde
durch das historisch-gesellschaftliche Konstrukt des abendländisch-
linearen Zeitmodells gelegt. Eine Überwindung der Kultur des profit-

25 Menne, F.W.: Verlangsamung. Ein notwendiges Stichwort. In: Tewes (Hg),


a.a.O., S. 234.
26 Anders, G: Die Antiquiertheit von Zeit und Raum. In: Anders, G: Die Anti-
quiertheit des Menschen. Zit. nach Menne, ebda.
276 Die Arbeit hoch?

gepeitschten, besinnungslosen Wachstums inkludiert somit auch eine


völlig veränderte Form des Umgangs mit (Lebens-)Zeit in der, wie es
Rainer Zoll ausdrückt, die „Eigenzeiten der Individuen eine weit grö-
ßere Bedeutung haben müßten, als in dem Zeitmuster der protestanti-
schen Ethik“27. Im Sinne der antiken Unterscheidung in den „Chro-
nos“, für den gleichmäßig dahinfließenden und alles equalisierenden
Strom der Zeit, und den „Kairos“, für eine Zeitdimension, die den
günstigen Zeitpunkt für ein Vorhaben umschreibt, müssen wir wieder
lernen, innezuhalten, um „unsere Zeit“ wahrzunehmen. Uns Bewoh-
nern der leistungsfixierten Kultur ist weitgehend die Fähigkeit zum
Verweilen verlorengegangen, wir haben verlernt, uns „Zeit zu neh-
men“, in uns hineinzuhorchen und den „rechten Zeitpunkt“ abzuwar-
ten. Auch in Lernprozessen erlaubt das heute vorherrschende „indust-
rialisierte Lernen“ kaum, auf den Kairos, den „fruchtbaren Moment“,
zu warten und Lernumwege – einschließlich entsprechender Irrwege –
als sinnvoll und notwendig wahrzunehmen.
Ein Lernen, das zur Selbstfindung, zur Reflexionsfähigkeit und zur
Selbstbestimmungsfähigkeit von Individuen beiträgt, „erfolgt nicht
gradlinig-linear; beim Fortschreiten nimmt es notwendige Rückversi-
cherungen vor. Auf der Suche nach Zusammenhängen gerät es auf
scheinbare Neben- und Abwege. Solche Umwege brauchen Zeit.“28 In
den Lernfabriken der heutigen Zeit wird Bildung jedoch zu einem
quantifizierbaren Lernprozeß verkürzt und damit in logischer Konse-
quenz der Mensch zum kalkulierbaren Humankapital reduziert. Im
gleichen Maß, in dem (Aus-)Bildung zur „entscheidenden sozialen
Dirigierungsstelle“ (H. Schelsky) und somit zur zentralen Größe für
die Legitimierung einer sich ökonomisch artikulierenden gesellschaft-
lichen Ungleichheit geworden ist, hat die ökonomische Logik auch

27 Zoll, R.: Krise der Zeiterfahrung. In: Zoll (Hg.): Zerstörung und Wiederaneig-
nung von Zeit. Frankfurt a.M.1988, S. 22.
28 Becker-Schmidt, R.: Erfahrungen, Denken, Wirklichkeiten: Zur Komplexität
sozialen Lernens (1983). Zit. nach: Geißler 1992, a.a.O., S. 117.
Ohne Muße keine (berufliche) Bildung 277

das Bildungswesen vereinnahmt. Das eindimensional auf ökonomi-


sche Verwertbarkeit ausgerichtete „Leistungsprinzip“ unserer „Leis-
tungsgesellschaft“ ist heute auf allen Ebenen des Bildungssystems fest
verankert. Systematische Planung, Rationalisierung, Objektivierung
und Effizienzsteigerung sind zu zentralen Vokabeln des Bildungsge-
schehens geworden. Allenthalben geht es um die quantifizierbare
Optimierung am Markt nachgefragter Qualifikationen. Statt um das
Zur-Ruhe-Kommen und ein Vertiefen in die Sache geht es in der di-
daktischen Fachliteratur nur mehr um Stufen, Schritte und Phasen des
Unterrichts. Es gilt, Zeit, die ökonomisch anderweitig profitabel ein-
setzbar ist, zu sparen und möglichst viel von dem zu lernen, was im
Rahmen profitökonomisch ausgerichteter Arbeitsprozesse verwertbar
ist. Das Erwerben der Befähigung von reflektiertem Verhalten gegen-
über sich selbst und der Umwelt bleibt dabei auf der Strecke. In der
Ablösung des Bildungsbegriffs durch den Qualifikationsbegriff findet
die gesellschaftliche Funktionalisierung der Individuen ihren sicht-
barsten Ausdruck – „der Mensch ist zum bloßen Konsumenten seiner
Daseinsbedingungen geworden“29.
Selbstbestimmung und Selbstfindung als Synonyme für Bildung
sind nicht im Sinne einer Wenn-Dann-Relation erreichbar. Ihre Her-
ausbildung folgt nicht den Regeln der quantitativen Logik und läßt
sich nicht mit dem Modell linearer Prozesse einfangen – dementspre-
chend ist sie auch mit Optimierungsstrategien nicht in den Griff zu
bekommen. Im Zusammenhang mit Bildung geht es darum, „die Din-
ge wachsen und reifen“ zu lassen und auf den geeigneten Zeitpunkt,
den Kairos, warten zu können. Ist das Ziel tatsächlich „Bildung“ und
nicht bloß „Zurichtung“, kann es somit nicht darum gehen, Zeit zu
sparen, sondern Zeit zu lassen. In gewissem Sinn läßt sich Bildung ja
als das Herstellen einer „Liebesbeziehung zum eigenen Selbst“ be-
greifen. Und es ist wohl unbestritten, daß eine liebevolle Beziehung

29 Fell, a.a.O., S. 182.


278 Die Arbeit hoch?

im Hinblick auf Entstehen, Verlauf und Dauer nicht einer berechenba-


ren oder optimierbaren Dynamik folgt, für ihr Heranwachsen braucht
sie die „Sehnsucht“ und die Fähigkeit des „Warten könnens“ der Be-
teiligten. Für Christa Wolf ist dementsprechend auch der Müßiggang
der Anfang aller Liebe. Liebe entwickelt sich diskontinuierlich, eben
in „ihrer“ Zeit (und möglicherweise auch gar nicht). Zuviel „Voraus-
planung“ schadet ihr eher als ihr nützt. Ganz ähnlich kann die Dyna-
mik von Bildungsprozessen gesehen werden; ihre „Krisenhaftigkeit
liegt“, wie es Geißler ausdrückt, „näher bei der Logik des platzenden
Knotens, der überraschenden Kristallisation als bei der des ins Unend-
liche abgeschossenen, stetig aufsteigenden Pfeils“30. Bildung braucht
zwar „Bedingungen der Möglichkeit“ ihres Heranwachsens, sie ist
jedoch – ganz so wie die Liebe – prinzipiell unberechenbar.
Das was dagegen heute unter dem Begriff Bildung firmiert, gleicht
eher „Geschäftsbeziehungen“ – berechnende und berechnete Kontakte
zum Zweck quantifizierbaren Erfolges. Diese sind nicht getragen von
Sehnsucht und Liebe, sondern Ausdruck eines kalkulatorischen Um-
gangs mit der Zeit und der Interaktionspartner miteinander. Unter
einem diesbezüglich kritischen Gesichtspunkt charakterisiert Max
Horkheimer in den „Frankfurter Universitätsreden“ auch die gegen-
wärtige Situation der Bildung: „Der Prozeß der Bildung ist in den der
Verarbeitung umgeschlagen. Die Verarbeitung – und darin liegt das
Wesen des Unterschiedes – läßt dem Gegenstand keine Zeit, die Zeit
wird reduziert. Zeit aber steht für Liebe, der Sache, der ich Zeit
schenke, schenke ich Liebe, die Gewalt ist rasch.“ Und Peter Bichsel
meint mit Blick auf die „Bildungsinstitution“ Schule dazu resignativ-
ironisch: „[…] zum Lernen braucht es Geduld und Langeweile. Und
genau diese Langeweile wird sich diese Schule, die auf diese Wirt-
schaft und diese Gesellschaft vorbereiten muß, nie leisten können.
Und deshalb wird sie auch nur auf Arbeit vorbereiten können und

30 Geißler 1992, a.a.O., S. 117.


Ohne Muße keine (berufliche) Bildung 279

nicht auch auf die Freizeit. Weil echte Freizeit heißt, mit der Lange-
weile umgehen zu können. Wo kämen wir hin, wenn die Menschen in
der Schule lernen würden, mit einem Überfluß an Zeit umzugehen?
Der Schaden im gelobten Bruttosozialproduktstaat wäre doppelt, sie
würden zu wenig produzieren, und sie würden ihre Freizeit verbrin-
gen, ohne zu konsumieren. Wer will das?“31
Peter Bichsel spricht hier mit „Langeweile“ gewissermaßen einen
„Antibegriff“ der heutigen, sich selbst weitgehend zur Didaktik ver-
kürzenden Pädagogik an. Langeweile wird von der Pädagogik be-
kämpft und in der Regel abgetan als etwas Unangenehmes, das päda-
gogische Handeln Störendes. Kaum ein Erziehungswissenschafter
zeigt heute forschendes Interesse dafür, was Langeweile signalisiert,
welche Widerstände, Sehnsüchte, Hoffnungen sich hinter ihr verber-
gen. Und in pädagogischen Lexika sucht man unter dem Stichwort
„Langeweile“ vergebens. „Motivieren“ lautet im Gegensatz dazu der
zentrale Begriff der heutigen Pädagogik. Und das Motivieren ist auch
die gängige „erziehungswissenschaftliche“ Antwort auf die Frage, wie
Menschen dazu gebracht werden können, in möglichst kurzer Zeit
möglichst viel von dem zu lernen, was sie zu brauchbarem „Human-
kapital“ macht. Kaum jemals wird die Frage gestellt, warum eigent-
lich in allen Lebenslagen motiviert und animiert werden muß. Geht
man dagegen von der Grundeinsicht aus, daß die Möglichkeit von
Bildung zu tun hat mit Suchen, Abschweifen und Phantasieren, mit
dem Gehen von Umwegen und Abwegen, dann muß rasch klarwer-
den, daß das ständige Motivieren für fremdbestimmte Ziele mit dem
Fördern der „entfalteten Persönlichkeit“ keinen Zusammenhang hat
und zugleich verliert auch die verpönte Lange-Weile schnell ihren
negativen Beigeschmack.
In der Langeweile artikuliert sich die einzige Erscheinungsform, in
der die Muße unter den Begleitumständen einer allumfassenden Stan-

31 Bichsel, P.: Arbeitserziehung. Die heutige Schule als Ersatz für die Kinderarbeit
(1980). Zit. nach Geißler 1992, a.a.O., S. 114/115.
280 Die Arbeit hoch?

dardisierung, Normierung und Rationalisierung heute noch in Er-


scheinung treten kann. Ihre negative Bewertung durch die nach Erfah-
rung und Aufregung süchtigen Menschen der dynamischen Gesell-
schaften erklärt sich wohl daraus, daß das „Funktionieren“ der allge-
mein verinnerlichte Wert in diesen Gesellschaften ist – unter diesen
Begleitumständen kann jede Lücke im Arbeits- und Freizeitstreß, also
Zeit, in der es nichts zu funktionieren gibt, nur als schrecklich lang-
weilig erlebt werden. Ganz anders wird Langeweile in den ostasiati-
schen Weisheitslehren – zum Beispiel der Philosophie und Meditati-
onspraxis des Buddhismus, Taoismus und Hinduismus – bewertet. In
der buddhistischen Meditation wird sie als das Tor zur Erleuchtung
angesehen. Meditation wird bisweilen sogar explizit als „Übung in
Langeweile“ beschrieben (Chogyam Trungpa). Um nicht dem „spiri-
tuellen Materialismus“ anheimzufallen, gilt die Konfrontation mit
Langeweile und Monotonie in den angesprochenen „Weltanschauun-
gen“ als überaus wichtig. Es ist ja in der Tat sehr unspektakulär und
„langweilig“, sich – wie es in buddhistischen Meditationstechniken
gefordert wird – auf einen monotonen Vorgang, wie beispielsweise
auf seinen Atem, zu konzentrieren, dennoch gilt diese Übung – falls
sie konsequent und diszipliniert ausgeübt wird !– als ein ganz wichti-
ger Schritt auf dem Weg zu Selbsterkenntnis.
Dagegen wird in unserer aktivitätsverherrlichenden Kultur ein her-
ankeimendes Gefühl der Langeweile üblicherweise sofort mit neuer
Stimulation bekämpft. Schnell wird versucht, die empfundene Leere
mit Arbeit oder Konsum, mit Alkohol, Essen oder einer neuen Bezie-
hung „aufzufüllen“. Auch der gängige Rat der professionellen Le-
benshelfer geht in die Richtung, sich aus der „Lethargie“ zu reißen.
Aktivität, Besuche, Spaziergänge, Briefe schreiben, …, irgend etwas
tun wird als Rezept gegen die Langeweile angepriesen. Kaum jemals
wird thematisiert, daß genau in der heutigen Hyperaktivität die Ursa-
che dafür zu suchen ist, daß Momente der Ruhe und Stille sowie der
anspruchslosen Monotonie von den Menschen nicht als beglückend,
Ohne Muße keine (berufliche) Bildung 281

sondern fast durchwegs nur als belastend – eben als „langweilig“ –


erlebt werden können. Zwanghafte Aktivität als Antwort auf die Lan-
geweile ist jedoch die perfekte Methode, um ein Nachdenken über
den Sinn hinter seinen Aktivitäten auch weiterhin zu verhindern. Lan-
geweile stellt die unumgehbare Hürde auf dem Weg zu einem reflexi-
ven, mußevollen Leben dar. Sie ist – im Sinne eines unvermeidlichen
„Entzugsphänomens“ – Durchgangsstadium, das der nach permanen-
ter Stimulation süchtige Mensch auf dem Weg zu seiner Heilung
durchleiden muß; ihr Vermeiden bedeutet somit, auch weiterhin in der
Sucht zu verharren. Langeweile ist das Tor, das den Anfang jenes
Weges markiert, der zum Transzendieren der allumfassenden Ent-
fremdung führt. Somit gilt es nicht, die Langeweile als solche zu be-
kämpfen, sondern die Ursache für die Tatsache, daß „freie“, unver-
plante und nicht mit abwechslungsreicher Aktivität angefüllte Zeit als
Belastung erlebt wird.
Das pädagogische „Lange-Weile-Tabu“ – also die fast ausschließ-
liche Betrachtungsweise der Zeit, die für Bildungsprozesse aufge-
wandt wird, im Sinne der ökonomischen Logik – stellt einen der vie-
len Aspekte im Rahmen der einseitigen Indienstnahme der Pädagogik
für Zwecke der Funktionalisierung der Gesellschaftsmitglieder dar.
Wie schon in den vorigen Kapiteln32 ausgeführt, hat sich im Zusam-
menhang mit der Tatsache, daß dem Faktor Qualifikation immer stär-
kere Bedeutung im allumfassenden ökonomischen Konkurrenzkampf
zukommt, mit der endgültigen und die gesamte Gesellschaft betref-
fenden Etablierung des Marktsystems die Sichtweise von Bildung
zunehmend in eine instrumentelle Richtung verengt. Ihre Aufgabe
wird heute im allgemeinen Verständnis nahezu ausschließlich darin
gesehen, Menschen fit zu machen für die Übernahme von Funktionen
in Wirtschaft und Gesellschaft. Bildung wird wahrgenommen als
Faktor der Integration, als „Methode“, um Menschen zum Funktionie-

32 Vgl. dazu insbesondere die Kapitel 1, 2 und 5.


282 Die Arbeit hoch?

ren unter den Bedingungen des Status quo zu bringen. Die dem ur-
sprünglichen Bildungsgedanken innewohnende emanzipatorische
Dimension, im Sinne einer Befähigung zur vernünftig-kritischen Re-
flexion der gegebenen gesellschaftlich determinierten Bedingungen
des Lebens, wird derzeit kaum mehr eingefordert. Der reflexive – zu
einer kritischen Sichtweise des Bestehenden befähigende – Aspekt der
Bildung ist am Altar des, der Profitökonomie geschuldeten, unge-
hemmten Wachstums geopfert worden. Indem die wirtschaftlich-
gesellschaftliche Formation „bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft“
mit dem Nimbus eines Naturgesetzes versehen worden ist, ist quanti-
tatives (Wirtschafts-)Wachstum zum sakrosankten Wert avanciert –
die Reduzierung des kritisch-emanzipatorischen Bildungsanspruchs
zum „ideologischen Aufputz“ war die logische Konsequenz. Alle
gesellschaftlichen Bereiche – und somit auch der „Bildungssektor“ –
mußten sich unter diesen Umständen dem Ziel „quantitatives Wachs-
tum“ unterordnen. Kritikfähigkeit, die ja per Definition keine sakro-
sankten Werte kennt, wurde an die Zügel genommen, auch sie wurde
funktionalisiert. Die Folge ist die Reduzierung einer „Bildung“, die
der dialektischen Verschränkung von Integration und Emanzipation
gerecht wird, zur bloßen Qualifizierung, die sich in der Anpassung an
die gegebenen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen
erschöpft und im Sinne eines an profitökonomischen Kriterien ausge-
richteten Input-Output-Verhältnisses organisiert ist.
„Anpassungsbildung“ zwängt die Bildungsadressaten in ein Kor-
sett, ermöglicht ihnen nicht, eine selbstbestimmte Persönlichkeit zu
werden, sondern macht sie zu der als Humankapital bezeichneten
brauchbaren Person. So wie der Schauspieler im antiken Theater zur
„persona“, der Theatermaske, wurde, ist der Preis der unreflektierten
Anpassung an den Status quo der gesellschaftlichen Anforderungen
die „Charaktermaske“ des bürgerlichen Individuums. Funktionieren
bedeutet berechenbar zu sein, es bedeutet, sich an die geforderten
Rollen, Haltungen, Abwehrmechanismen zu halten, das heißt das
Ohne Muße keine (berufliche) Bildung 283

Leben in ein Korsett adäquater Reaktionen zu zwängen. Aus der


Norm Fallendes, Neues und Spontanes gilt es zu vermeiden, die Ge-
fangenschaft in der „zugewiesenen Rolle“, jener Routine des „gefes-
tigten Charakters“, ist die Konsequenz. Genau darin kann aber die
Ursache dafür gesehen werden, daß stimulationsfreie Zeit für die
meisten Menschen so schwer erträglich ist: Die Konfrontation mit
dem „langweiligen Ego“, jener „inneren Leere“ des auf Funktionieren
programmierten Individuums, das Erkennen des Festgefahrenseins in
einer bestimmten auferlegten Art des Sehens, Fühlens und Handelns.
Der bekannte Psychologe und Philosoph Carl Gustav Jung hält es
in Anbetracht dieser Tatsache für unumgänglich, zur Entfaltung der
selbstbewußten und über sich selbst bestimmenden Persönlichkeit, aus
dem Kokon der moralischen, sozialen, politischen, philosophischen
und religiösen Konventionen zu schlüpfen. Die durch Erziehungs-
und Sozialisationsprozesse erworbenen „Konventionen sind nämlich“
– so führt er aus – „seelenlose Mechanismen, welche nie mehr kön-
nen, als die Routine des Lebens erfassen. Das schöpferische Leben
aber ist immer jenseits der Konventionen.“33 Das zunehmende He-
raustreten aus dem Charakterpanzer der auf Aufrechterhaltung des
Status quo programmierten „konventionellen Person“ – das
Ent-wickeln der freien Persönlichkeit – läßt sich seiner Meinung nach
somit als eine „Entscheidung für den eigenen Weg“ charakterisieren;
dieser ist aber nur durch Innehalten, ein in sich Hineinhorchen und
geduldiges Warten zu finden. So wie Jung gehen auch östliche Philo-
sophien und im Grunde genommen alle Meditationsformen davon
aus, daß der Schritt zur „Entfaltung jener Ganzheit des menschlichen
Wesens […], welche man als Persönlichkeit bezeichnet“34, nur über
das Transzendieren der „Charaktermaske“ möglich ist. Durch die
bewußte Konfrontation mit der erschreckenden Substanzlosigkeit
eines nur auf Funktionieren abgestellten Lebens, das in den gesell-

33 Jung, C.G.: Vom Werden der Persönlichkeit. In: Jung, a.a.O., S. 107.
34 Ebda., S. 97.
284 Die Arbeit hoch?

schaftlich vermittelten Konventionen gefangen ist, wird ein Über-


schreiten der Grenzen des Egos und das Ent-Decken des freien Selbst
für möglich gehalten. Alle Meister in der Kunst der Meditation stim-
men darin überein, daß das wichtigste Werkzeug, um dem „Gefängnis
des Ich“ zu entkommen, die „bewußte Wahrnehmung“ (awareness)
ist. „Sich einfach hinsetzen“, den Fluß der eigenen Gedanken beo-
bachten und sich auf die Routine seiner Atmung konzentrieren lautet
dementsprechend die „banale“ Anweisung. Das Rezept heißt: „kon-
zentriertes Nichtstun“ – bewußter Beobachter und Zeuge sein, für die
Vorgänge in uns und um uns. Dieses aufmerksame Verharren und das
Aushalten der Langeweile, die sich notwendigerweise einstellt, wenn
wir – süchtig nach Erfahrung und Aufregung – einmal auf geschäftige
Betriebsamkeit verzichten, soll zur Erkenntnis führen, daß die als
unangenehm erlebte Dimension der Langeweile in der Flucht vor dem
Unberechenbaren begründet ist.
Auf diese Art betrachtet, eröffnet sich ein völlig neuer Aspekt der
Langeweile. Sie wird zum Ausgangspunkt einer Reise zum Selbst, zur
Voraussetzung für ein, wie es Hans-Jochen Gamm ausdrückt, „Ge-
spräch des Menschen mit sich selbst“35. Sie offenbart sich als die
Form, mit der das biblische Ruhegebot, jenes „Innehalten“, das von
kritischen Vertretern der verschiedensten philosophischen und welt-
anschaulichen Positionen immer wieder eingefordert wird, in unser
Bewußtsein tritt. Das Zulassen der Langeweile zeigt sich als ein we-
sentlicher Schritt in Richtung Muße und damit auch als ein Schritt,
um vom Funktionär – dem auf Aufgabenerfüllung programmierten
Menschen – zur selbstbewußten, mündigen Persönlichkeit zu werden.
In diesem Sinn empfiehlt auch der Philosoph Bertrand Russel das
„Aushalten der Langeweile“ als den notwendigen Schritt, um zum
„ganzen Menschen“ zu werden. Er meint: „Ein Leben übervoll von
Aufregung ist ein erschöpftes Leben, in dem ständig stärkere Reize

35 Gamm 1977, a.a.O., S. 65


Ohne Muße keine (berufliche) Bildung 285

nötig sind, um die angenehme Erregung zu verschaffen, die als we-


sentlicher Bestandteil von Genuß betrachtet wird. Eine gewisse Kraft
zum Aushalten von Langeweile ist deshalb wesentlich für ein glückli-
ches Leben. […] Alle großen Werke der Literatur enthalten langwei-
lige Passagen, und all die großen Biographien enthielten lange uninte-
ressante Zeiträume. Das Leben der meisten großen Männer war nur in
wenigen Augenblicken wirklich aufregend. Von Kant sagt man, daß
er nie mehr als zehn Meilen weg von Königsberg gewesen ist, und
Darwin hat nach seiner Weltreise den Rest seines Lebens in seinem
Landhaus verbracht. […] Eine Generation, die Langeweile nicht mehr
aushalten kann, wird eine Generation kleiner Menschen sein.“36
Hektik und die Sucht nach immer mehr Stimulation – die unserer
Gesellschaft immanente Flucht vor der Langeweile – sind die Krank-
heit, für deren Therapie sie sich hält. Wenn heute immer mehr Men-
schen durch eine einseitige Fokussierung ihres Lebens auf Arbeit,
durch wahlloses Konsumieren mit Hilfe der Angebote der Freizeitin-
dustrie oder verschiedenste Drogen der inneren Leere zu entkommen
versuchen, so flüchten sie damit gleichzeitig vor der Sinnleere einer
zwischenmenschlichen Ordnung, deren Paradigmen immer unerbittli-
cher durch das Diktat der Profitökonomie bestimmt sind. Zeit-lassen,
Verharren, ritualisierte Zeiten der Ruhe und des Rückzugs galten in
allen Kulturen als notwendig zur Sinnfindung und dafür „sich nicht
selbst zu verlieren“. So schrieb zum Beispiel der mittelalterliche Mys-
tiker Bernhard von Clairvaux im zwölften Jahrhundert: „Wenn Du
Dein ganzes Leben und Erleben völlig ins Tätigsein verlegst und kei-
nen Raum mehr für die Besinnung vorsiehst, soll ich Dich da loben?
Darin lobe ich Dich nicht. Ich glaube niemand wird Dich loben, der
das Wort Salomons kennt: »Wer seine Tätigkeit einschränkt, erlangt
Weisheit«. […] Wie kannst Du voll und echt Mensch sein, wenn Du
Dich selbst verloren hast? Auch Du bist ein Mensch. Damit Deine

36 Zit. nach: Keen, S.: Sich Zeit nehmen für die Langeweile. In „Psychologie heu-
te“ 7 (1980), Heft 10, S. 24.
286 Die Arbeit hoch?

Menschlichkeit allumfassend und vollkommen sein kann, mußt Du


also nicht nur für die anderen, sondern auch für Dich selbst ein auf-
merksames Herz haben. Denn was würde es Dir sonst nützen, wenn
Du – nach dem Wort des Herrn – alle gewinnen, aber als einzigen
Dich selbst verlieren würdest? […]. Bist Du Dir etwa selbst ein Frem-
der? Und bist Du nicht jedem fremd, wenn Du Dir selber fremd bist?“
Heute sind es primär Psychologen und Psychoanalytiker – Men-
schen, die aufgrund ihres Berufes unmittelbar mit den psychisch
zerstörerischen Folgen der Totalverzweckung der Individuen konfron-
tiert sind –, die ein „Zeit für sich selbst nehmen“ urgieren. So auch
der Psychoanalytiker Masud R. Khan. Im Hinblick auf die Entfaltung
einer psychisch gesunden Persönlichkeit spricht er von der Notwen-
digkeit der „Beschäftigung mit der Beziehung, die eine Person zu sich
selbst hat“. In Anlehnung an die „Brache“, das zwar gründlich ge-
pflügte und geeggte, jedoch eine Zeitlang mit dem Ziel des Neuauf-
baus der Bodenfruchbarkeit nicht bestellte Ackerland, verwendet er
dafür den Begriff „Brachliegen“37 In der Fähigkeit zum Brachliegen
sieht Khan die unumgängliche Grundlage für den „Personalisie-
rungsprozeß des Individuums“ dafür, daß – wie er es ausdrückt – sich
ein „personalisiertes Individuum mit eigener Privatheit, innerer Reali-
tät und einem Gefühl dafür [entwickeln kann], daß es in seine soziale
Umwelt eingebunden ist“38. Brachliegen ist – wie er in weiterer Folge
ausführt – somit etwas ganz anderes als Freizeit, die er im heutigen
Verständnis bloß durch ein permanentes Suchen nach Ablenkung
charakterisiert sieht. Dieses Freizeitverständnis spiegelt seiner Mei-
nung nach aber eine grundsätzlich irrige Erwartung an die menschli-
che Existenz wider, daß nämlich „das ganze Leben ein Vergnügen sei
und die gesamte Zeit eigentlich zur Verfügung stehen sollte, damit
man dieses Vergnügen genießen kann“. Als Ergebnis dieser irrigen

37 Khan, Masud R.: Erfahrungen im Möglichkeitsraum. Psychoanalytische Wege


zum verborgenen Selbst. Frankfurt a.M. 1990, S. 295 ff.
38 Ebda, S. 297.
Ohne Muße keine (berufliche) Bildung 287

Einstellung stellen sich dann die bekannten Symptome der Langewei-


le ein: „Apathie, Unzufriedenheit und Pseudo-Neurosen“. Diese
„Krankheits-Zustände und Trübsinnigkeiten“ sind für ihn die direkten
Folgen der systematischen Verweigerung des Brachliegens. Auch für
den Psychoanalytiker Khan ist somit nicht die Langeweile das Prob-
lem, das es zu bekämpfen gilt, sondern die Unfähigkeit der Individu-
en, „ohne ein bestimmtes Vorhaben zu verfolgen, mit sich selbst al-
lein sein zu können“39.
So gesehen ist das Gefühl der Langeweile nichts anderes als die
individuelle Form des Wahrnehmens einer kulturellen Seuche. Der
psychische Schmerz der Langeweile entpuppt sich als ein Alarmsignal
für die Unmenschlichkeit einer gesellschaftlichen Ordnung, die nur
noch die ökonomische Rationalität als Bewertungsmaßstab allen Ge-
schehens kennt. Wenn einzig (profit-)ökonomisch bestimmter Nutzen
und nicht ein an menschlichem Wachstum orientierter Sinn das Ziel
gesellschaftlichen Handelns postuliert, ist auch die Lebenszeit der
Individuen ökonomischen Rentabilitätskriterien unterworfen. Die
Ökonomisierung aller Lebensbereiche läßt den Wert von Leistungen,
die nicht durch die Dimension Tauschwert erfaßbar sind, immer stär-
ker in den Hintergrund treten. So erscheint schließlich auch die Le-
benszeit der Individuen nur mehr als Ware im allumfassenden Kampf
um einen möglichst großen Anteil am gesellschaftlich produzierten
Mehrwert. Lebenszeit dient nicht der Erfüllung eines transzendental
vermittelten Sinns, sie steht unter der Prämisse des Nutzens. „Was
dabei jedoch unentdeckt und unbemerkt bleibt, ist der Sachverhalt,
daß man sich dabei nur selbst zur Ware macht. Nicht die Zeit wird
genutzt, sondern das Individuum nützt sich in der Zeit. So ist schließ-
lich die rigide Selbst-Beherrschung (Herrschaft über das Selbst) das
notwendige Ergebnis der verbreiteten und geförderten Illusion, die
Zeit beherrschen zu können.“40

39 Ebda. S. 300.
40 Geißler, K.A.: Bess’re Zeiten. In: Zoll, a.a.O., S. 673.
288 Die Arbeit hoch?

Der heute allgemein verbreitete Horror vor der – dem „Diktat des
Nutzens“ entsprechend, nur als langweilig erlebbaren – ungenutzten
Zeit, vor einer Zeit also, die nicht fremdbestimmt ist, ist die Folge
dieser Einstellung. Diese Angst vor der nicht genutzten Zeit – quasi
die individuelle Auswirkung einer gesellschaftlichen Ordnung, die als
einziges Regulierungsprinzip die Prämissen der Konkurrenzökonomie
akzeptiert – läßt sich damit als jene Größe identifizieren, die verhin-
dert, daß Menschen eine liebevolle Beziehung zu sich selbst aufbauen
und sie in immer tiefere Entfremdung treibt. Zwischen der heute
weitverbreiteten Unfähigkeit zur Muße, jener Rastlosigkeit des Arbei-
tens um der Arbeit willen, und der Angst des heutigen Menschen, das
Tor der Langeweile zu durchschreiten und sich selbst zu begegnen,
steht als Vermittlungsinstanz die bürgerlich-kapitalistische Gesell-
schaft, die die ökonomisch verwertbare Leistung zum Fetisch erhoben
hat. Einem Bildungsideal, das an der Vorstellung von der Entfaltung
der Ganzheit des menschlichen Wesens festhält und sich am Ziel der
Befähigung zur reflektierten Auseinandersetzung mit sich und der
Umwelt orientiert, ist dementsprechend der Widerspruch gegen die
„Leistungsgesellschaft“ immanent. Mußefähigkeit ist Bedingung der
Möglichkeit von Bildung, ihre Herausbildung ist logisches Ziel eines
an Bildung orientierten Lehrens. Wird organisiertes Lernen dagegen
an dem durch Gesellschaft vermittelten, einseitig ökonomischen Leis-
tungsbegriff ausgerichtet, bleibt das Bildungsziel des mündigen Indi-
viduums auf der Strecke. Nur einem zur Muße fähigen Menschen
erwächst jener kritische Aspekt, der ihm erlaubt, über ideologische
und geschichtliche Selbstbeschränkungen hinauszuwachsen – ohne
Muße keine Reflexion und ohne Reflexion keine Mündigkeit im Sin-
ne der freien Urteilsfähigkeit!
Um Mußefähigkeit zu erwerben, braucht es mehr als Frei-Zeit, es
braucht dazu eine entsprechende Mußebiographie. Es bedarf einer
Erziehung, in der die reflektierende Auseinandersetzung mit sich und
der Umwelt eingeübt wird. Eine Erziehung, bei der es nicht primär
Ohne Muße keine (berufliche) Bildung 289

um das Antrainieren eines gesellschaftlich erwünschten Leistungsver-


haltens geht, nicht darum, Heranwachsende „der Freiheit und Persön-
lichkeit zu berauben und [ihnen] atemloses Angestrengtsein als Ideal
einzutrichtern“41, sondern eine solche, die zum „hörenden Schwei-
gen“ (J. Pieper) und zur „kreativen Konzentration“ (W. Nahrstedt)
befähigt sowie dazu, die Welt in ihrem Gesamtzusammenhang in den
Blick zu bekommen. Wenn Erziehung und Schule Schutz bieten sol-
len vor einer Totalidentifikation mit dem gesellschaftlichen Status
quo, vor der Vernichtung der subjektiven Bewußtheit und vor kollek-
tivierenden Konventionen, dann muß der pädagogische Stellenwert
von Muße neu entdeckt werden. Das impliziert auch ein Relativieren
des pädagogischen „Langeweile-Tabus“, die Kehrseite jenes auf Co-
menius rekurrierenden Postulats, daß es in der Pädagogik darum gin-
ge, allen Menschen alles [rasch] zu lehren. Peter Bichsel identifiziert
in diesem Sinn im Begriff der Muße auch bloß den wertfreien Aus-
druck für die „Lange-Weile“ – wird doch selbstbestimmtes Tun gerne
auf eine „Lange-Weile“ ausgedehnt und dennoch nicht als „langwei-
lig“ erlebt. Nicht zufällig meint er, ist der schweizerdeutsche Begriff
für Lange-Weile – „Längyzit“ – zugleich auch der Ausdruck für
„Sehnsucht“.42 Und in der Sehnsucht steckt ja bekanntlich die „Seins-
Sucht“, der Wunsch nach dem selbstbestimmten Leben – durchaus
nichts Unpolitisches in einer gesellschaftlichen Situation, in der sich
der Mensch als weitestgehend reduziert darstellt, auf bloßes mehr-
wertproduktionsadäquates Funktionieren.
Muße ist jenes wesentliche Element, das die Distanz von pädago-
gischen Prozessen zur ökonomischen Rationalität und zum wachs-
tumsorientierten Leistungsdenken indiziert. Was eine Bildungsarbeit
braucht, die sich an den pädagogischen Leitvorstellungen vom eman-
zipierten, autonom denkenden, mündigen Menschen legitimiert und

41 Hesse, H.: Die Kunst des Müßiggangs. Frankfurt a.M. 1973, S. 7.


42 Bichsel, P.: Der Leser. Das Erzählen. Frankfurter Poetik-Vorlesungen. Darm-
stadt/Neuwiedl 1983, S. 38.
290 Die Arbeit hoch?

die ihr aufgeherrschten Ziele nichtpädagogischen Ursprungs, wie


„Wettbewerbsfähigkeit“ oder „technischer Fortschritt“, in die zweite
Reihe verweist, ist das Fehlen von Zeitdruck. Bildung braucht Zeit,
Zeit um nachzudenken und auszuprobieren, Zeit zum Entdecken von
Fragen und für Gespräche, die nicht gleich am kürzesten Weg zu ir-
gendwelchen verwertbaren Lösungen führen müssen, Zeit für jene
Größe, die die indienstgenommene Pädagogik völlig verdrängt hat:
Zeit für Muße. Im Sinne der Aussage des römischen Philosophen
Seneca, der schon vor zweitausend Jahren darauf hingewiesen hat,
daß der Mensch nur in Muße zum Bewußtsein seiner Freiheit finden
kann, besteht zwischen Bildung und Muße ein heute zwar weitgehend
in Vergessenheit geratener, nichtsdestotrotz aber untrennbarer Zu-
sammenhang: Bildung braucht zu ihrer Entfaltung unverzweckte Frei-
räume – sie duldet keinen Zweck außer sich, denn ihren Sinn schöpft
sie aus sich selbst; dementsprechend findet sie ihre „methodische
Entsprechung“ in der Muße, jener zweckfreien, aber im höchsten Ma-
ße sinnvollen Tätigkeit.
Bildung steht nicht in Korrelation zu bestimmten, definierbaren
Wissensinhalten, sondern bestimmt sich über die Form der Auseinan-
dersetzung mit Wissen. Sie mißt sich am befreiten Individuum, steht
und fällt somit mit der Anbindung an äußere Zwecke. Bildung, die als
„wesensgerechte Selbstverwirklichung“ umschrieben wird, ist dieser
Definition entsprechend weder mit konkreten, aus einer bestimmten
historisch-gesellschaftlichen Situation erwachsenden Inhalten ver-
knüpft noch über ein bestimmtes Wissensquantum identifizierbar.
Nicht der Erwerb eines bestimmten Kanons an Wissensinhalten, we-
der solcher, die sich auf berufliche Tätigkeiten beziehen, noch sol-
cher, die sich nicht (unmittelbar) über berufliche Verwertbarkeit defi-
nieren lassen – eine Vorstellung, die sich hartnäckig in Form der
„Allgemeinbildungsideologie“ hält –, ist es, was einen „Gebildeten“
auszeichnet, sondern die reflexive Qualität des Umgehens mit seinem
erworbenen Wissen. Durchaus können dementsprechend auch solche
Ohne Muße keine (berufliche) Bildung 291

Inhalte, die für den Einsatz in der Berufs- und Arbeitswelt relevant
sind, die also gemeinhin zur Ausbildung gerechnet werden, zum An-
laß für Bildung werden. In jedem Fall sind die Wissensinhalte jedoch
nur das Material, an dem sich Bildung abarbeitet; nur über das „Prin-
zip Bildung“ bekommt die Beschäftigung mit Wissensinhalten einen
Sinn, der über die gesellschaftliche Funktionalisierung des Menschen
hinausweist. Erst eine Orientierung am Ideal der Entfaltung des genu-
in Menschlichen, der Reflexionsfähigkeit, unterstellt den Erwerb von
Wissen – gleichgültig, ob dieses nun unmittelbar oder bloß mittelbar
gesellschaftlich verwertbar ist – der Verantwortung gegenüber einer
außergesellschaftlichen Instanz.
Weder stellt sich Bildung automatisch ein, indem spezifisches
Wissen erworben wird oder ein bestimmter, quantitativ definierter
Grenzwert von Wissen überschritten wird, noch kann sie „nebenbei“,
im Sinne einer additiv erworbenen Befähigung, erreicht werden. Die
Vorstellung, Ausbildung und Bildung könnten zeitlich-örtlich ausei-
nandergerissen werden – wie zum Beispiel durch verschieden ausge-
richtete Lernorte, unterschiedlich gewichtete Lerngegenstände oder
eine zeitliche Abfolge von (Allgemein-)Bildung und (Berufs-)Ausbil-
dung –, geht von einem schizophrenen Menschenbild aus, davon, daß
sich der funktionelle und der humane Aspekt des Menschen real auf-
spalten ließe und quasi eine Trennung in „Mensch“ und „Funktionär“
vorgenommen werden könne. Bildung wird auf diese Art zur gesell-
schaftlich irrelevanten, unpolitischen Privatsache erklärt – der optima-
le Weg, um die Überwindung der Entfremdung als Postulat für päda-
gogische Festtagsreden aufrechtzuerhalten, dabei jedoch die realen
Entfremdungsbedingungen, die sowohl Grundlage als auch Auswir-
kung des gesellschaftlichen Status quo sind, nicht in Frage zu stellen.
In diesem Sinn greift es ja auch viel zu kurz, (Berufs-)Pädagogen, die
sich auf das Propagieren zukunftsträchtiger Wissensinhalte und das
Entwickeln von Strategien für deren optimierten Erwerb zurückzie-
hen, des Verrats am pädagogischen Ideal der entwickelten Persön-
292 Die Arbeit hoch?

lichkeit zu bezichtigen. Eine solche Haltung signalisiert wesentlich


mehr als pädagogischen Visionsverlust, sie bedeutet die Bereitschaft,
dem Fortschreiten der Entfremdungsbedingungen aktiv in die Hände
zu arbeiten.
Wird Pädagogik nicht darin gesehen, die Bedingungen der Mög-
lichkeit für die Befreiung des Menschen von gesellschaftlicher
Verzweckung einzufordern, so liefert sie sich selbst der Funktionali-
sierung aus. Als Maß der pädagogischen Aufgabenerfüllung das Ziel
der Aufrechterhaltung des Status quo der profitgepeitschten Immer-
Mehr-Gesellschaft zu akzeptieren, beinhaltet das Aufgeben des Bil-
dungsgedankens; die Folge ist ein Absolutsetzen der ökonomischen
Verwertbarkeitsrelevanz oder, einfacher ausgedrückt, eine „Verbe-
ruflichung“ allen Bildungsgeschehens. Das Grundaxiom der mit der
Profitökonomie untrennbar verknüpften bürgerlich-kapitalistischen
Gesellschaft ist das von der Sinnfrage ab- gekoppelte Arbeits- und
Leistungsethos. Je deutlicher gegenwärtig die gesellschaftliche For-
mation Kapitalismus in die Krise gerät, desto heftiger wird Unterord-
nung aller Lebenszeit unter dieses Axiom eingefordert. Eine Pädago-
gik, die ihr Selbstverständnis nicht aus ihrer gesellschaftlich definier-
ten Funktionalität schöpft, sondern sich als „Anwalt des Menschli-
chen“ versteht, kann nur in aller Deutlichkeit die Inhumanität dieser
Entwicklung aufzeigen und dagegen das Postulat der Muße setzen.
Muße als Prinzip humaner Lebensgestaltung ist Voraussetzung für
ein Heraustreten des Menschen aus der gesellschaftlichen Determi-
niertheit und für ein Heranwachsen von Individuen, die in der Lage
sind, die gesellschaftlichen Bedingungen in die Richtung humaner
Entfaltungsmöglichkeiten zu verändern. Der Muße einen entspre-
chenden pädagogischen Stellenwert einzuräumen bedeutet gegen die
Desorientierung, Entfremdung und mangelnde Urteilsfähigkeit des
heutigen Menschen anzuarbeiten. Muße ist die Voraussetzung des
freien, unverzweckten Individuums. Sie stellt somit die Grundlage für
eine qualitative Weiterentwicklung der Gesellschaft dar – einer Wei-
Ohne Muße keine (berufliche) Bildung 293

terentwicklung in Richtung einer Überwindung der sich als fortschrei-


tende ökonomische Verzweckung von Natur und Mensch artikulie-
renden Arbeitsgesellschaft zu einer Gesellschaft, die – wie es Theodor
W. Adorno in seiner „Minima moralia“ ausdrückt – „vielleicht der
Entfaltung überdrüssig [sein wird] und aus Freiheit Möglichkeiten
ungenutzt läßt, anstatt unter irrem Zwang auf fremde Sterne einzu-
stürmen“43.

43 Adorno, Th.W.: Minima moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben.


Frankfurt a.M. 1969, S. 207.
9. ANSTATT EINER ZUSAMMENFASSUNG:
Heinrich Böll:
Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral*

In einem Hafen an einer westlichen Küste Europas liegt ein ärm-


lich gekleideter Mann in seinem Fischerboot und döst. Ein schick
angezogener Tourist legt eben einen neuen Farbfilm in seinen Foto-
apparat, um das idyllische Bild zu fotografieren: blauer Himmel, grü-
ne See mit friedlichen, schneeweißen Wellenkämmen, schwarzes
Boot, rote Fischermütze. Klick. Noch einmal: klick, und da aller guten
Dinge drei sind und sicher sicher ist, ein drittes Mal: klick. Das sprö-
de, fast feindselige Geräusch weckt den dösenden Fischer, der sich
schläfrig aufrichtet, schläfrig nach seiner Zigarettenschachtel angelt;
aber noch bevor er das Gesuchte gefunden, hat ihm der eifrige Tourist
schon eine Schachtel vor die Nase gehalten, ihm die Zigarette nicht
gerade in den Mund gesteckt, aber in die Hand gelegt, und ein viertes
Klick, das des Feuerzeuges, schließt die eilfertige Höflichkeit ab.
Durch jenes kaum meßbare, nie nachweisbare Zuviel an flinker Höf-
lichkeit ist eine gereizte Verlegenheit entstanden, die der Tourist – der
Landessprache mächtig – durch ein Gespräch zu überbrücken ver-
sucht.
„Sie werden heute einen guten Fang machen.“
Kopfschütteln des Fischers.

* Entnommen aus den „Deutschen Kurzgeschichten“, einem Lehrbehelf für den


Unterricht im 9.–10. Schuljahr, die am Titelblatt – nicht untypisch – als „Arbeits-
texte für den Unterricht“ bezeichnet werden. Stuttgart 1973, S. 16-18.
Böll: Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral 295

„Aber man hat mir gesagt, daß das Wetter günstig ist.“
Kopfnicken des Fischers.
„Sie werden also nicht ausfahren?“
Kopfschütteln des Fischers, steigende Nervosität des Touristen.
Gewiß liegt ihm das Wohl des ärmlich gekleideten Menschen am
Herzen, nagt in ihm die Trauer über die verpaßte Gelegenheit.
„Oh, Sie fühlen sich nicht wohl?“
Endlich geht der Fischer von der Zeichensprache zum wahrhaft
gesprochenen Wort über. „Ich fühle mich großartig“, sagt er. „Ich
habe mich nie besser gefühlt.“ Er steht auf, reckt sich, als wolle er
demonstrieren, wie athletisch er gebaut ist. „Ich fühle mich phantas-
tisch.“
Der Gesichtsausdruck des Touristen wird immer unglücklicher, er
kann die Frage nicht mehr unterdrücken, die ihm sozusagen das Herz
zu sprengen droht: „Aber warum fahren Sie dann nicht aus?“
Die Antwort kommt prompt und knapp. „Weil ich heute morgen
schon ausgefahren bin.“
„War der Fang gut?“
„Er war so gut, daß ich nicht noch einmal auszufahren brauche, ich
habe vier Hummer in meinen Körben gehabt, fast zwei Dutzend Mak-
relen gefangen …“
Der Fischer, endlich erwacht, taut jetzt auf und klopft dem Touris-
ten beruhigend auf die Schultern. Dessen besorgter Gesichtsausdruck
erscheint ihm als ein Ausdruck zwar unangebrachter, doch rührender
Kümmernis.
„Ich habe sogar für morgen und übermorgen genug“, sagt er, um
des Fremden Seele zu erleichtern. „Rauchen Sie eine von meinen?“
„Ja, danke.“
Zigaretten werden in Münder gesteckt, ein fünftes Klick, der
Fremde setzt sich kopfschüttelnd auf den Bootsrand, legt die Kamera
aus der Hand, denn er braucht jetzt beide Hände, um seiner Rede
Nachdruck zu verleihen.
296 Die Arbeit hoch?

„Ich will mich ja nicht in Ihre persönlichen Angelegenheiten mi-


schen“, sagt er, „aber stellen Sie sich mal vor, Sie führen heute ein
zweites, ein drittes, vielleicht sogar ein viertes Mal aus und Sie wür-
den drei, vier, fünf, vielleicht sogar zehn Dutzend Makrelen fangen …
stellen Sie sich das mal vor.“
Der Fischer nickt.
„Sie würden“, fährt der Tourist fort, „nicht nur heute, sondern
morgen, übermorgen, ja an jedem günstigen Tag zwei-, dreimal, viel-
leicht viermal ausfahren – wissen Sie, was geschehen würde?“
Der Fischer schüttelt den Kopf.
„Sie würden sich in spätestens einem Jahr einen Motor kaufen
können, in zwei Jahren ein zweites Boot, in drei oder vier Jahren
könnten Sie vielleicht einen kleinen Kutter haben, Sie würden …“, die
Begeisterung verschlägt ihm für ein paar Augenblicke die Stimme,
„Sie würden ein kleines Kühlhaus bauen, vielleicht eine Räucherei,
später eine Marinadenfabrik, mit einem eigenen Hubschrauber rund-
fliegen, die Fischschwärme ausmachen und ihren Kuttern per Funk
Anweisung geben. Sie könnten die Lachsrechte erwerben, ein Fisch-
restaurant eröffnen, den Hummer ohne Zwischenhändler direkt nach
Paris exportieren – und dann …“, wieder verschlägt die Begeisterung
dem Fremden die Sprache. Kopfschüttelnd, im tiefsten Herzen be-
trübt, seiner Urlaubsfreude schon fast verlustig, blickt er auf die fried-
lich hereinrollende Flut, in der die ungefangenen Fische munter sprin-
gen. „Und dann“, sagt er, aber wieder verschlägt ihm die Erregung die
Sprache.
Der Fischer klopft ihm auf den Rücken, wie einem Kind, das sich
verschluckt hat. „Was dann?“ fragt er leise.
„Dann“, sagt der Fremde mit stiller Begeisterung, „dann können
Sie beruhigt hier im Hafen sitzen, in der Sonne dösen – und auf das
herrliche Meer blicken.“
„Aber das tu ich ja schon jetzt“, sagt der Fischer, „ich sitze beru-
higt am Hafen und döse, nur Ihr Klicken hat mich dabei gestört.“
Böll: Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral 297

Tatsächlich zog der solcherlei belehrte Tourist nachdenklich von


dannen, denn früher hatte er einmal geglaubt, er arbeite, um eines
Tages einmal nicht mehr arbeiten zu müssen, und es blieb keine Spur
von Mitleid mit dem ärmlich gekleideten Fischer zurück, nur ein we-
nig Neid.
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300 Die Arbeit hoch?

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