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Die Zahlen sprechen (nicht) für sich

Leerzeile
Chancen und Grenzen von Mathematik als individueller und gesellschaftlicher
Kommunikations- und Entscheidungsgrundlage

Didaktik der Mathematik


Andreas Vohns
I nstitut für

Universität Klagenfurt
Institut für Didaktik der Mathematik

20. Mai 2010


Gliederung
1. Mathematik und Gesellschaft
Aktuelle mediale Streiflichter
2. Mathematik: Was und wozu?
Individuelle und gesellschaftliche Bedeutung(en) von Mathematik
3. Mathematik als Inventar
Gewohnt und kaum vermeidbar
4. Mathematik als Mittel der (Massen-)Kommunikation
Schlicht, unpersönlich, praktisch
5. Mathematik als Erkenntnis- und Konstruktionsmittel
Abstrakt, neutral, willkürlich, disziplinierend
5.1 Exkurs: Die Mathematisierung der Menschenwürde

6. Fazit: Mathematik als Entscheidungsgrundlage verstehen


Chancen und Grenzen wahrnehmen und diskutieren
Aktuelle mediale Streiflichter
1. Hat die deutsche Bundesregierung sich verrechnet“? Die seit 2005 geltenden

Hartz-IV-Regelsätze für Erwachsene und Kinder verstoßen gegen das
Grundgesetz. Nach dem Urteil genügten die gesetzlichen Vorschriften nicht dem
Grundrecht auf Gewährleistung eines menschenwürdigen Existenzminimums.

2. Aschewolke – nur ein Phantom“? Mehrere Fluggesellschaften haben die



Sperrung des Luftraums auf Grund von Computersimulationen kritisiert und
eigene Messungen in Deutschland gefordert. Ein DWD-Meteorologe betonte
dagegen, die Wolke über Deutschland sei nachgewiesen.

3. Schrottpapiere“:Die Ratingagentur Standard & Poor‘s hat die



Kreditwürdigkeit Griechenlands dramatisch herabgestuft: Junk“, Ramsch“
” ”
oder schlicht Schrott“.

4. Fettleibigkeit und Einkommen Je weniger die Menschen verdienen, desto eher
sind sie übergewichtig, weswegen US-Wissenschaftler die Erhöhung des
Mindestlohns fordern.
Mathematik: Was...
...setzen Erwachsene jenseits der Schulzeit in Alltagssituationen typischerweise ein?

Arithmetischer Bereich:
Anzahlbestimmungen; Beherrschung der Grundrechenarten (je nach Komplexität „im Kopf“ oder 
schriftlich);  Rechnen  mit  Größen,  Kenntnis  der  wichtigsten  Maßeinheiten,  Durchführung 
einfacher Messungen (vor allem Zeit und Längen); Rechnen mit Brüchen mit einfachen Nennern 
in  anschaulichen  Kontexten;  Rechnen  mit  Dezimalbrüchen;  Ausrechnen  von  Mittelwerten 
(arithmetisches  Mittel);  Prozentrechnung;  Zinsrechnung;  Schlussrechnung  („Dreisatz“); 
Durchführung  arithmetischer  Operationen  mit  einem  Taschenrechner;  Grundfertigkeiten  im 
Abschätzen und Überschlagen 

Geometrischer Bereich:
Kenntnis  elementarer  regelmäßiger  Figuren  (Kreis,  Rechteck,  Quadrat  etc.)  und  Körper  sowie 
elementarer  geometrischer  Beziehungen  und  Eigenschaften  (Rechtwinkligkeit,  Parallelität  etc.); 
Fähigkeit  zur  Deutung  und  Anfertigung  einfacher  graphischer  Darstellungen  von  Größen  und 
Größenverhältnissen  (Schaubilder,  Diagramme,  Karten)  sowie  von  Zusammenhängen  zwischen 
Größen mittels kartesischer Koordinatensysteme 

(Heymann 1996)
Mathematik: Wozu...
...lernt man (erheblich mehr)? Die Antwort der Standards:

Täglich und fast überall trifft man auf mathematische Zeichen,


Darstellungen und Objekte – Mathematik ist Inventar unserer
Lebenswelt.
Dieses mathematische Inventar ist dann auch wesentliches Mittel
menschlicher Verständigung – Mathematik ist ein wichtiges Mittel
menschlicher (Massen-) Kommunikation.
Mathematik ist aber auch eine spezifische Brille, durch die wir die
Welt sehen, und sie ist zugleich auch ein Instrument, mit dem wir
die Welt, in der wir leben, strukturieren, ordnen und gestalten.
Mathematik ist also sowohl Erkenntnis- als auch Konstruktionsmittel.

(IDM 2007 (Heymann 1996))


Leitfragen

• In welchen Bereichen unseres gesellschaftlichen Lebens gehört


Mathematik besonders fest zum Inventar? Wieso haben wir uns
eigentlich gerade dort besonders daran gewöhnt?

• Warum wird Mathematik (vor allem) zur Stützung von (Massen-)


Kommunikation eingesetzt? Was leistet sie dort, was ohne sie nicht
(so gut, so einfach) zu leisten wäre?

• Was sind insbesondere die besonderen Erkenntnis- und Konstruktions-


mittel der Mathematik? Worin liegen Vor- und Nachteile, sich auf
mathematische Erkenntnis- und Konstruktionsmittel einzulassen?
Inventar
Artefakte & Phänomene Handlungen

Zahlen, Größen, Strukturieren und regulieren,


geom. Basisvokabular, vor allem
vor allem Phänomene
• zeitlicher Art • Vergleichen und Unterscheiden

• räumlicher Art • Ordnen und Organisieren

• finanzieller Art • Überblick verschaffen

Individuum <> Gesellschaft


Mathematisierung der Gesellschaft
6= Mathematische Anforderung an das Individuum
Mittel der (Massen-)Kommunikation
Erkenntnis- und Konstruktionsmittel

Funktionen von Mathematik Wege & Mittel

1. Beschreiben (und Erklären) • Konzentration auf (abstrakte)


Eigenschaften & Beziehungen
2. Vorschreiben
• (Multiple) materiale Darstellungen

3. Prognostizieren (und Planen) • (Disziplinierende) regelgeleitete


symbolische Verarbeitung

• Verdichtung und Zuspitzung von


Informationen

(Gellert o.J.) (Fischer 2001)


Vorschreiben: Mathematisierung der Menschenwürde

Keine Gesellschaft kann es sich leisten, 10 Prozent von ihren Chancen


auszuschließen, ohne moralischen Schaden zu nehmen [...] Wenn wir
in zivilisierten Gemeinwesen leben wollen, dann müssen wir tun, was
wir können, um die Ausgeschlossenen hereinzuholen in die
Chancenwelt des sozialen Lebens.

(Ralf Dahrendorf, 2009 verstorbener Soziologe und FDP-Politiker)

Innerhalb der materiellen Bandbreite, welche die Evidenzkontrolle


belässt, kann das Grundrecht auf Gewährleistung eines
menschenwürdigen Existenzminimums keine quantifizierbaren
Vorgaben liefern.

(BVerfG, 1 BvL 1/09 vom 9.2.2010, Absatz 142)


Wieso Mathematisierung der Menschenwürde?

• Wenn einem Menschen die zur Gewährleistung eines menschenwürdigen



Daseins notwendigen materiellen Mittel fehlen, weil er sie weder aus seiner
Erwerbstätigkeit, noch aus eigenem Vermögen noch durch Zuwendungen
Dritter erhalten kann, ist der Staat im Rahmen seines Auftrages zum Schutz
der Menschenwürde und in Ausfüllung seines sozialstaatlichen Gestaltungs-
auftrages verpflichtet, dafür Sorge zu tragen, dass die materiellen Voraus-
setzungen dafür dem Hilfebedürftigen zur Verfügung stehen.“

• Dem parlamentarischen Gesetzgeber steht prinzipiell frei, ob er das



Existenzminimum durch Geld-, Sach- oder Dienstleistungen sichert“.

• Je weniger Leistungen pauschaliert (d.h. mathematisiert) werden, desto höher


ist
◦ der Aufwand zur Bestimmung des (im Einzelfall) Existenznotwendigen

◦ die Wahrnehmung der Normativität / Subjektivität der getroffenen


Entscheidungen
Wieviel Mathematisierung der Menschenwürde?
• Warenkorb- und Statistikmodelle sind prinzipiell zulässig

Du darfst Mathematisieren und Regelfälle konstruieren

• (pauschale) Abweichungen vom Statistikmodell sind dann unzulässig,


wenn sie nicht nachvollziehbar begründet werden (können)

Wenn Du mathematisierst, dann handle mathematisch (konsistent)!

• Vom Statistikmodell muss abgewichen werden, um einen unabweisbaren,



laufenden, nicht nur einmaligen, besonderen Bedarf zu decken, wenn dies
im Einzelfall für ein menschenwürdiges Existenzminimum erforderlich ist“

Individualisierung geht vor Standardisierung

• Die aktuelle Höhe der Regelsätze kann nicht als evident unzureichend“

festgestellt werden
An welcher Norm gemessen?
Mathematik: Beschreiben, Erklären, Vorschreiben?

Vorschreiben Beschreiben
Brutto / Netto Freier Fall
g 2
B = 1, 2 · N s= ·t
2

Abstrahieren, Operieren, Vergessen

Auf dem Baum sitzen 7 Vögel, 3 Vögel fliegen weg.


Mathematik verstehen...
...als Grundlage von Entscheidungen

• Mathematik wirkt indirekt


...erst in der Anwendung auf einen bestimmten Kontext

• Mathematik funktioniert
...auch ohne (operatives) Verstehen

• Mathematik vergisst
...hoffentlich nur die unwesentlichen Details