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Schiffbek in vormoderner Zeit

"Schiffbek (vorm. Scibbeke, Schibeke, Scipbeke), Dorf an der Chaussee von Hamburg nach
Berlin, fast eine M(eile) südöstlich von Hamburg, Amt Reinbek, K(irch)sp(iel) Steinbek (1265
zu St. Jacobi in Hamburg eingepfarrt) - Dieses in einer anmuthigen Gegend belegene Dorf,
welches nach zwei Feuersbrünsten fast ganz neu wieder erbaut ist, enthält außer einer
Königl(ichen) Zollstelle und einer Chausseeeinnehmerwohnung 5 Vollh(ufen), 1 Halbh(ufe), 3
Viertelh(ufen), 8 Brinksitzerstellen und 7 Anbauerstellen. - Schule (80 K(inder)) - Seit 1802 ist
hier eine Erziehungsanstalt, welche im Laufe der Zeit viele Zöglinge besucht haben. -
V(olks)z(ahl): 494, worunter 1 Hebungscontrolleur, 2 Zollassistenten, 2 Krüger, 1 Höker, 2
Bäcker, 2 Schmiede, 1 Rademacher, 1 Zimmermann, 2 Tischler, und mehrere andere
Handwerker. - Areal mit Schleems (s. Schleems): 518 Ton à 320 Q.R. Der Boden ist sandigt,
wird aber durch Dünger, der häufig aus Hamburg geholt wird, sehr ergiebig gemacht. Der
Kartoffelbau wird hier sehr stark getrieben; Mööre und Hölzungen fehlen." Über Schleems
heißt es an gleicher Stelle, in der 1855/56 veröffentlichten zweiten Auflage der "Topographie
der Herzogthümer Holstein und Lauenburg" von Schröder und Biernatzki: "Schleems-, Ober-
und Nieder-, 2 kleine Ortschaften, welche auch zur Dorfschaft Schiffbek gerechnet werden,
A(mt) Reinbek, K(irch)sp(iel) Steinbek. Ober-Schleems ist ein an der Möllner Landstraße
vorzüglich schön gelegenes Mühlengewese mit einer Windmühle und zwei Wassermühlen;
erstere und eine Wassermühle sind als Farbeholzmühlen, die andere Wassermühle als
Papiermühle benutzt worden. Zu dem Gehöfte gehören 13 Ton. 21 R. Land (1/8 Pfl.). Zu
Nieder-Schleems an der Hamburg-Berliner Chaussee gehören 2 Kathen, 3 Brinksitzerstellen, 3
Anbauerstellen und 17 Häuser, von denen 2 mit ihren schönen Gärten im Sommer von
Hamburgern bewohnt werden; 2 sind Wirtshäuser. Einige Kathen liegen malerisch im Thal der
Bille (...) V(olks)z(ahl): 101, worunter 1 Holzhändler, 1 Zimmermann, und einige Handwerker."
(...)
Auf die 1860 (bei einer Volkszählung) gezählten 128 Familien verteilten sich insgesamt 594
Personen. Dies entsprach fast genau der von Schröder/Biernatzki für Schiffbek mit Schleems
im Jahre 1855/56 angegebenen Volkszahl von 595, und auch die Werte (einer weiteren
Volkszählung) von 1864 sind annähernd identisch: 132 Familien und 597 Personen. Stellt man
diesen Werten die Zahlen von 1634 gegenüber, so wird deutlich, in welchem Maße die
Gemeinde seitdem gewachsen ist: Damals lebten lediglich 96 Menschen in Schiffbek. Der
Großteil dieses Zuwachses dürfte auf die Zeit seit der Wende zum 19. Jahrhundert entfallen:
Die Beseitigung der Leibeigenschaft, die Aufhebung des Zunftzwanges und die Liberalisierung
der Ehegesetze ließen in diesem Zeitraum die Bevölkerung in den meisten deutschen
Territorien stark anwachsen und lösten eine Wanderungsbewegung aus, die sich vor allem in
die entstehenden Großstädte und deren Umland ergoß. Möglicherweise ist die Gruppe der
Anbauer überhaupt erst im Zuge dieser Entwicklung in Schiffbek entstanden; auf diese Weise
ließe es sich zumindest erklären, daß sie in der Topographie von 1801 keine Erwähnung finden.
Geht man davon aus, daß die für das Jahr 1634 bezeugte Zahl von 8 Höfen und 11 Katen auch
der Zahl der Haushaltungen entsprochen hat, so wäre seitdem die durchschnittliche
Familiengröße von 5 auf etwas mehr als 4,5 Personen gesunken. Erheblich überschritten wurde
dieser Wert 1860 vor allem durch die Hufnerfamilien und die Haushalte von Schmieden,
Bäckern und anderen gutgehenden Handwerken. Zum einen brachten sie es häufig auf eine
überdurchschnittlich hohe Kinderzahl: Familien mit bis zu sechs Kindern waren gerade hier
keine Seltenheit. Zum anderen gehörten häufig auch Dienstboten, Knechte und Mägde, oder
aber Gesellen und Lehrlinge zu ihren Familien. Teilweise kamen diese Haushalte so auf über
zehn Personen. Wenn von Einwohnerfamilien derartige Werte erreicht wurden, lag dies
meistens an einer ausgesprochen hohen Kinderzahl. Außerdem lebten in solchen Haushalten
aber häufig auch noch Verwandte sowie Kost- und Pflegekinder.
Von den 66 Gebäuden, die 1860 in Schiffbek gezählt worden waren, wurden 31 jeweils nur von
einer Familie bewohnt. Im einzelnen handelte es sich hierbei um die Haushalte der 6 Hufner,
des Besitzers des Mühlengeweses in Oberschleems, von 6 Kätnern und Brinksitzern, der drei
im Ort ansässigen Ärzte, von 5 Altenteilern oder Personen, die von ihren Ersparnissen lebten,
von 5 Gewerbetreibenden, namentlich 2 Bäckern, einem Rademacher, dem Mehlhändler und
dem Riemermeister, der Bewohner von Schule, Zollhaus und Chausseehaus, sprich des Lehrers,
des Hebungscontrolleurs und des Chausseegeldeinnehmers, sowie letztendlich auch eines
Anbauers und eines Arbeiters. Annähernd sämtliche lohnabhängig Beschäftigten und Anbauer,
die übrigen 5 Zollbediensteten, der Gendarm und der Oberpolizeidiener, der Großteil der
insgesamt 36 offenbar selbständig Handel oder ein Handwerk betreibenden Personen, aber auch
etliche Kätner, Brinksitzer und Altenteiler lebten zusammen mit anderen Familien in einem
Gebäude. Überwiegend waren es zwei oder drei Familien, die ein Gebäude bewohnten,
teilweise aber auch vier, fünf oder gar sechs.
Die Hufnerhäuser standen sämtlich an der Südseite der Hamburg-Berliner-Chaussee, und zwar
zwischen der Stelle, wo diese von der Horner Marsch kommend die Geestkante erklimmt, und
der Abzweigung der Möllner Landstraße, wo sich auch der Zollposten befand. Sie waren im
Stil des niedersächsischen Hallenhauses gebaut und mit Stroh gedeckt. Im Südwesten, der
vorherrschenden Windrichtung, wurden sie durch prächtige Bäume, meist Linden, umsäumt,
und zur Bille hin verfügten sie über fruchtbare Gärten mit viele Obstbäumen, die zur Blütezeit
zusammen mit den Baumgruppen der Billwärder Gärten "einen erquicklichen Anblick" boten.
Zwischen den Hufnerhäusern befand sich das Schulgebäude, das der Verleger Holle der
Gemeinde 1731 testamentarisch vermacht hatte. Zuvor, im Jahre 1712, hatte er hier den
Vorläufer des "Hamburger Correspondenten" ins Leben gerufen, der im 19. Jahrhundert,
mittlerweile in der Hansestadt selbst verlegt, zu einer der bedeutendsten Zeitungen Europas
werden sollte. Auf der gegenüberliegenden Seite der Chaussee standen derweil nur kleine
Häuser von Gewerbetreibenden, die an beiden Enden des Ortes von einem "Wirtschafts-
Etablissement" gesäumt wurden. Das unmittelbar hinter der hamburgischen Grenze gelegene
Gasthaus hieß "Zum Schleswig-Holsteinischen Wappen" und wurde von F. Ritscher betrieben.
Wie bei den Hufnerhäusern handelte es sich auch bei ihm um einen großen Fachwerkbau, der
über einen großen Garten verfügte. Der Vorderseite waren zwei große, schattenspendende
Bäume vorgelagert, und zu beiden Seiten der Tür befanden sich auf Pfählen befestigte
Eisengitter, die zum Anbinden der Pferde dienten.
Schließlich ist es auch interessant, einen Blick auf die Herkunft der in Schiffbek lebenden
Menschen zu werfen. Im Jahre 1860 stammte bei 46 % der Familien mindestens ein Elternteil
aus Schiffbek oder Schleems, so daß man diese Familien als eingesessene bezeichnen kann.
Geht man davon aus, daß die zu diesem Zeitpunkt in Schiffbek lebenden Witwen und Witwer,
die andernorts geboren worden sind, mit gebürtigen Schiffbekern verheiratet gewesen sind, so
steigt dieser Wert gar auf 50 %. Insgesamt stellt sich die Herkunft der 1860 in Schiffbek
lebenden Hauseltern wie folgt dar: 29% Schiffbek und Schleems, 16% sonstiges Kirchspiel
Steinbek, 13% sonstiges Amt Reinbek, 4% Amt Trittau, 8% übriges Herzogtum Holstein,
4%Herzogtum Lauenburg, 2%sonstiges Königreich Dänemark, 12% Hamburg, 3% Königreich
Hannover, 3%Großherzogtum Mecklenburg, 1% Königreich Preußen, 5% sonstiges/unbekannt.
Ausnahmslos waren dies hochgradig protestantisch geprägte Territorien. Insofern überrascht es
nicht, daß 1860 annähernd 99 % der Einwohnerschaft Schiffbeks der evangelisch-lutherischen
Kirche angehörten. Einzig ein katholischer Schustergeselle aus Bayern, ein sich zur
reformierten Kirche bekennender Wundarzt und eine fünfköpfige Familie aus London, die der
"englischen Kirche" angehörte, sorgten hier für eine gewisse Abwechslung. Da die Kirche
seinerzeit noch eine große Bedeutung im Leben der Menschen hatte, dürfte sich die Gemeinde
somit allsonntäglich mehr oder weniger geschlossen zum Gottesdienst in der Kirche des
benachbarten Steinbek eingefunden haben, zu der neben Schiffbek, Schleems und Steinbek
auch Barsbüttel, Boberg mit Oldenburg, Glinde, Havighorst mit Domhorst, Lohbrügge mit
Ladenbek, Sande, Ohe mit Hahnenkathe, Mühlenbek, Öjendorf, Reinbek mit Carolinenhof,
Hinschendorf, Reinbeker Ziegelei, Schönningstedt mit Heidkrug, Schönningstedterfeld, das
Steinbeker Vorwerk, Steinfurth, Ost-Steinbek, Stemwarde, Willinghusen und das Kanzleigut
Silk eingepfarrt waren.
(...)
Bis zur Herauslösung Holsteins aus dem dänischen Herschaftsbereich im Jahre 1864, aber wohl
auch noch etliche Jahre darüber hinaus, kann Schiffbek als weitestgehend, wenn auch nicht
mehr ausschließlich, agrarisch geprägte Gemeinde mit dörflichem Charakter angesehen
werden. Trotz seiner Nähe zur Hafenstadt Hamburg wird Schiffbek auch zu diesem Zeitpunkt
noch eine Welt für sich gewesen sein, in der vor allem anderen die Tradition das tägliche Leben
der Menschen bestimmte.