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Gibt es Palmen in Brasilien?

Ein Kinderbuch von Meinhart Horst


mit Bildern vom Autor

Die Mülbenpresse

1
Alle Rechte beim Autor

Die Mülbenpresse Bad Schönborn


2010

2
Tagträume
Wie Timo von einer Reise nach Brasilien träumt, fast die Geographiestunde verpasst und dann
doch nach Rio de Janeiro zu seiner Tante fliegen darf

Timo hatte Geografieunterricht. Er hörte die eintönige Stimme seines Lehrers, der
wie immer nur Zahlen, Produkte und Städtenamen nannte. Mechanisch schrieb er
von der Tafel ab, während er mit seinen Gedanken woanders war. Er träumte von
einer Insel vor der Küste Brasiliens. Piraten hatten das Schiff überfallen, mit dem er
zu seiner Tante nach Rio de Janeiro1 fahren wollte, und ihn auf einer winzigen Insel
ausgesetzt. Dort hatte er sich eine Robinsonhütte gebaut, die bald von tropischen
Pflanzen überwuchert worden war. Papageien, Affen und ein Tukan leisteten ihm
Gesellschaft. Um die Insel herum schwammen bunte Fische und ein Krokodil
schaute ihm beim Angeln zu.

Leise schlugen die Wellen an den Strand. Timo schwitzte in seiner viel zu warmen
Kleidung. Aber wie sollte er sich sonst vor den Mücken schützen? Sie schwirrten
überall herum und suchten ihn mit schmerzhaften Stichen heim. Timo schlug zu.
Patsch! – Hatte er eine getroffen? Das nicht. Aber sein Lehrer war auf ihn
aufmerksam geworden und fragte, wie denn die große Fernstraße heiße, die durch
den Amazonasurwald gebaut werde.

Das ist die Transamazônica.2 Klar!

Nur war Timo gerade in seine Träumereien versunken, als Herr Gerigk davon erzählt
hatte. Und jetzt saß er mit puterrotem Gesicht da, weil er wieder einmal nicht
aufgepasst hatte. Auch in der Englischstunde ließen ihn seine Gedanken nicht los.
Eigentlich sollte er sich mit

I will – I would

I shall – I should

beschäftigen und Sätze bilden. Er aber dichtete aus Quatsch

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Aussprache: Riu de Janeiru (das –r ist immer ein Zungen-R, -j wie –g- in Garage, -ei im Portugiesischen nicht wie in Ei, es
entspricht dem engl. play

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Transamasonika (-n in Trans- nasal, -s wie in Rose)

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Er schob sein Machwerk Mirko zu. Der las es und kicherte. „Silent, please!“ rief Herr
Steiner und schaute strafend zu den beiden herüber. Und die machten sich
schuldbewusst an ihre Übungen.

Timo hatte wirklich eine Tante in Rio. Gesehen hatte er sie noch nie. Tante Denise
war die Schwester seiner Mutter und hatte einen Brasilianer geheiratet. Sie hieß
dann nicht mehr Berger, sondern Carneiro da Silva3, was „Schafbock vom Walde“
oder „Waldbock“ bedeutet, wie sie einmal belustigt geschrieben hatte. Sie hatte seine
Eltern schon mehrfach eingeladen. Doch hatten die nie Zeit oder es fehlte am Geld.

Könnte er nicht in den großen Ferien an ihrer Stelle fahren? Dieser Gedanke ließ ihn
nicht mehr los. Als er mit seinem Wunsch herausplatzte, legte sein Vater erst einmal
die Pfeife auf den Aschenbecher und schaltete den Fernseher aus. Seine Mutter
setzte die Brille ab, und sie sahen ihn entgeistert an.

„So weit? Allein? Du hast wohl nicht alle Tassen im Schrank! Wer soll denn das
bezahlen?“

Aber dann holte sein Vater den Atlas aus dem Regal, und sie debattierten an diesem
Abend noch lange über das Wenn und Aber einer Reise nach Brasilien. Und Timo
hatte einen Trumpf in der Tasche: Er würde für die Schule eine Projektarbeit über
Brasilien machen und sicher eine gute Note bekommen. Sofort dafür waren seine
Geschwister – wenn sie denn im nächsten Jahr dran wären. Anja wollte einen
Piranha4 als Mitbringsel, natürlich einen ausgestopften. Und Sven einen
Schrumpfkopf von den Kopfjägern am Amazonas.

Am nächsten Tag schrieb seine Mutter an Tante Denise und fragte, wie das denn sei
mit Timos Idee. Ob das nicht zu viel für sie werde, sie habe doch selbst Kinder und
ob sie einen billigen Flug wüsste. Bald kam der Antwortbrief aus Brasilien. Der
Umschlag war gelb-grün-blau umrandet und hatte eine schöne Briefmarke, die Sven
gleich für seine Sammlung beschlagnahmte.

Und was stand drin?

Timo solle nur kommen. Alle würden sich schon auf den Besuch aus Deutschland
freuen. Die Tante wollte sogar die Hälfte des Fluges bezahlen. Und im Juli/August sei
es nicht so heiß, da könne er sich besser an das Klima gewöhnen.

Aber Timo wusste schon, dass in Brasilien Winter ist, wenn in Europa die Tage
wärmer werden, und Sommer, wenn sie Weihnachten feiern.

Was wusste er noch?

Dass es in Brasilien Schwarze gibt, Indianer und Mulatten und natürlich auch Weiße
– aus Deutschland, Portugal, Italien und sonst woher. Dass Rio die schönste Stadt
der Welt sein sollte, und die Transamazônica hatte er auch noch nicht vergessen.

3
Karneiru da Ssilva (-ei wie in engl. play)
4
Piranja (-j wie in Ja, das –n nasal im Französischen)

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Die nächsten Wochen lebte Timo wie in einem Rausch. Er war selig und erzählte
seinen Freunden immer wieder, dass er alleine nach Brasilien fliegen werde. Alle
waren neidisch. Bei Herrn Gerigk meldete er die Projektarbeit an und endlich waren
die Ferien da. Seine Reisetasche hatte er seit Tagen gepackt und ab ging’s zum
Flughafen. Als sie in der Abfahrtshalle standen, hatte seine Mutter vor Aufregung
Tränen in den Augen und sein Vater eine sehr dunkle Stimme.

Timo hörte kaum, was seine Mutter sagte:

Er solle im Flugzeug gut aufpassen. Wenn er zur Toilette ginge, solle er ja die
richtige Tür nehmen, damit er nicht hinausfalle. Die Tante, den Onkel und die Kinder
solle er von allen grüßen und nicht zu viel am Strand liegen, wegen der starken
Sonne. Und nie alleine ins Wasser gehen, da gebe es Haie und Mörderwale. Zu
guter Letzt legte sie ihm einen Schal um. Es sei ja so kalt da oben, in zehntausend
Metern Höhe!

Sven nervte ihn mit dem Schrumpfkopf und Anja plagte ihn mit ihrem Piranha. Aber
da kam schon die Stewardess und holte ihn ab. Es wurde Zeit, sich von allen zu
verabschieden. Und als sie durch die Passkontrolle hindurch waren, rief Sven noch
hinterher:

„Die Briefmarken! Denk bloß an die Briefmarken für mich! Sooooondermarken!“

Mit einem Bus fuhren sie zu einem riesigen Flugzeug, einem Jumbo von bulligem
Aussehen. Die Stewardess brachte ihn zu seinem Platz, wo er neben einem dicken
Mann mit einem Aktenkoffer saß, der genauso bescheuert aussah wie Herr Scholz,
sein Mathelehrer.

Er vergaß ganz, seinen Eltern und Geschwistern, die auf der Aussichtsterrasse
standen, zuzuwinken. Denn schon heulten die Turbinen auf. Langsam rollte der
Jumbo an und immer schneller glitt die Betonpiste unter ihnen dahin. Der Flugplatz
wurde kleiner und kleiner, und staunend sah er Frankfurt unter sich liegen.

Die Luft hing voller Wattebäuschchen und Timo schwebte träumend dem Flugzeug in
einem rosa Luftballon voraus, der sich langsam über die Wolken erhob, über
Deutschland und Frankreich dahintrieb, bis der Wind ihn auf den Atlantik
hinausschob.

Tief unter sich sah er Schiffe, die den gleichen Kurs hatten. Vor dem Bug hatten sie
eine weiße Nase und zogen einen breiten Wellenfächer hinter sich her. Timo winkte
ihnen zu. Leise hörte er die Schiffssirene herauftuten, wenn der Kapitän
zurückgrüßte. Ab und zu erblickte er den Schatten eines Wals. Wenn dieser
auftauchte und die Luft abblies, war es, als ob auch er dem Ballonfahrer einen Gruß
zukommen lassen wollte. Und ganz selten, wirklich nur ganz selten segelte ein
fliegender Fisch vorbei.

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Die Schiffsköche waren offenbar sehr besorgt um sein leibliches Wohl, denn immer
wieder schickten sie ihm Tabletts mit Essen herauf. Es roch verführerisch nach
Brathähnchen, aber wenn er die Hand nach einem ausstreckte, flog es plötzlich
davon und verspottete ihn gackernd.

Da wurde es ernst in seinem Traum.

Am Horizont zogen dicke, schwarze Wolken herauf und ballten sich zu einem
Gebirge zusammen. Ein Gewitter begann zu toben. Blitze zuckten, der Ballon
schaukelte gefährlich hin und her. Als der Korb in einer Bö beinahe gekentert wäre,
griff Timo zu seinem Drachenfliegeranzug und schwang sich, ohne zu zögern, in das
Unwetter hinein. Von einem Blitzschlag getroffen, verglühte der Ballon.

Wie ein urtümlicher Flugsaurier durchstieß er kühn die Wolken, fast blind vom grellen
Leuchten der Blitze, die immer wieder nach ihm zu greifen schienen. Betäubt vom
Krachen der Donnerschläge bemerkte er nicht, dass das Regenwasser in
Sturzbächen über ihn hereinbrach und ihn nach unten drückte. Ein gewaltiger
Schlag, lauter als alle vorhergehenden, riss ihn aus seiner Betäubung. Schmerzhaft
blendete ihn ein Sonnenstrahl, der durch das Dunkel zu ihm drang.

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Erwachen

Wie Timo kein Essen bekommt, von Rio total enttäuscht ist und an der Copacabana einen
Sonnenbrand bekommt

Vor sich sah er eine strahlend helle Wand und eine Leuchtschrift

Fasten Seatbelts“ – „Bitte anschnallen.

Er war wieder im Flugzeug und hatte das Essen verschlafen. Was ihn geweckt hatte,
war der Gong gewesen, mit dem die Stewardess die Landung angekündigt hatte.

„Na“, sagte der Mann neben ihm, „gut geschlafen? Sieh mal durchs Fenster, unten
kannst du Rio sehen!“

Und wirklich, als Timo hinausschaute – sein Nachbar hatte extra den Bauch
eingezogen, damit er besser sehen konnte – erblickte er unter sich die Bucht von
Guanabara, Schiffe über Schiffe und eine lange Brücke, die sich von einem Ufer zum
anderen erstreckte.

Und dann bekam er einen Schreck: War das sein Traumland?

Was er noch sah, war eine lange Kette von Hochhäusern, zu Füßen des Zuckerhuts,
und einen schmalen Streifen Sand zwischen den Gebäuden und dem Meer.

War das der berühmte Strand von Copacabana5?

Dieser Steinhaufen sollte die schönste Stadt der Welt sein?

Ja, und die Palmen? Gab es überhaupt welche in Brasilien?

Was sollte er seinen Freunden in Deutschland erzählen? Dass er zwischen


Wolkenkratzern herumgelaufen war?

Wo blieben seine Kämpfe mit den Piranhas und den Krokodilen im Amazonas, in den
er sich vor den Kopfjägern geflüchtet hatte?

Und da stank es mit einem Mal, als ob einer das Flugzeugklo entleert hätte. Timos
Nachbar hielt sich sein Taschentuch vor die Nase und stöhnte: „Jedes Mal das
Gleiche. Das kommt von den Kloaken der favelas6 da unten und wird von der
Klimaanlage ins Flugzeug gezogen!“

Ehe Timo fragen konnte, was denn „favelas“ seien, wuchs ihm schon die Piste des
Flughafens entgegen. Der Jumbo setzte kaum spürbar auf und rollte langsam aus.

Nach der Zollkontrolle holte ihn seine Tante ab. Sie war eine hübsche, junge Frau.
Timo hatte sie sich viel älter vorgestellt und grauhaarig. Sie wurde begleitet von

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Kopakabana (-o wie in Post)
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fawälass

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ihrem Chauffeur, der Rinaldo hieß und wie ein Pilot eine blaue Uniform mit
Schirmmütze trug. Er nahm Timos Gepäck und sie gingen in Richtung Parkplatz zu
einem großen, schwarzen Straßenkreuzer.

Draußen schlug ihm eine Wand von feuchtwarmer Luft entgegen, er war sofort
schweißgebadet und fühlte sich wie in der Sauna. Zum Glück hatte der Wagen eine
Klimaanlage, und er versank aufatmend in dem dick gepolsterten Rücksitz. Toll! Wie
einer vom Denver-Clan wurde er auf einer breiten Avenida zum Zentrum kutschiert.

Plötzlich machte der Fahrer einen Schlenker und umfuhr einen Teller mit Reis und
Bohnen auf dem Asphalt, daneben eine Schnapsflasche, noch halbvoll, und eine
Schachtel Streichhölzer. Was das wohl sollte! Welcher Penner hatte hier mitten auf
der Kreuzung sein Mittagessen vorbereitet? Aber Timo war viel zu träge um zu
fragen.

Bevor sie zu der Villa der Carneiros fuhren, wollte Tante Denise ihm von einem
Hügel aus Rio zeigen. Als sie oben standen, schwärmte sie vom Duft der vielen
Blüten auf den Bäumen:

„Timo, hast du die schönen Blumen gesehen, riechen sie nicht wunderbar?“

Dem stieg nur der Geruch von verbranntem Öl in die Nase, der von dem Ventilator
einer Garküche herübergeblasen wurde. Mit knurrendem Magen sah er dort
Menschen die reinsten Sandwichmonster verdrücken. Außerdem war er hundemüde
und ihm war viel zu heiß. Die Luft war stickig und staubig, und das Panorama von
Rio interessierte ihn überhaupt nicht. Am liebsten wäre er jetzt zu Hause gewesen
und in sein Bett gefallen. Denn die Nacht war kurz gewesen. In Brasilien war es
einige Stunden früher als in Deutschland und die fehlten ihm.

Als sie ankamen, schlief Timo schon und merkte nicht, wie Rinaldo ihn in sein
Zimmer trug und das Dienstmädchen Sofia ihn auszog.

Am nächsten Morgen weckte ihn der kalte Luftzug der Klimaanlage. Ständig musste
er niesen. Lustlos zog er sich an und ließ den Tag an sich vorübergehen mit der ewig
auf ihn einredenden Tante, dem besorgten Dienstmädchen, das immer hinter ihm
herhing, ungewohntem Essen und viel zu süßer Limonade, die sie Guaraná nannten.

Seine Tante machte dann mit ihm einen Rundgang durchs Haus. Wie ein Palast kam
es ihm vor. Jeder hatte sein eigenes Zimmer. Auch Rinaldo und Sofia sowie die
Köchin, Lisa, und Luisa, die Waschfrau. Und all die Hausangestellten außer Rinaldo
waren schwarz wie die Nacht und guckten ihn mit großen, freundlichen Kulleraugen
an.

Im Wohnzimmer stand ein Kamin.

„Wenn es wie jetzt etwas kühler ist, machen wir ihn an. Heute Abend vielleicht.“
meinte Tante Denise. „Mit Eukalyptusholz“, fügte sie hinzu.

Timo fand es komisch, dass es ihr zu kalt war. Denn für ihn war es wie im
Hochsommer.

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Gekocht wurde mit Gas. Das gab es hier schon aus Rohren. Die meisten bekamen
es noch in Flaschen und auf der Herfahrt waren ihm die Männer und Kinder
aufgefallen, die eine Gasflasche auf der Schulter schleppten oder auf einem kleinen,
selbstgezimmerten Wagen hinter sich herzogen.

In jedem Zimmer lief der Fernseher. Sofia, die gerade am Staubsaugen war, machte
dauernd Pausen und verfolgte gebannt das Programm. Was da gezeigt wurde, war
die „Sesamstraße“. Damit hätte Timo nicht gerechnet, dass er in dem fernen
Brasilien auch die Sesamstraße sehen könnte. Als er das seiner Tante sagte, war sie
ganz gekränkt:

„Du meinst wohl, du bist hier bei den Wilden. Brasilien ist ein modernes Land. Hier
gibt es beinahe alles: die Cartwrights, Lassie, Flipper, Dallas, Colt. Manchmal auch
deutsche Filme. Vor ein paar Wochen haben sie ‚Sissy’ gezeigt“.

Aber etwas war bei der brasilianischen Sesamstraße doch anders. Alle paar Minuten
wurde der Film unterbrochen und Werbung wurde eingeblendet. Für Kühlschränke,
Mückensprays und Unterhosen, aus deren Schlitz ein Spatz herausguckte.

Am Nachmittag durfte er mit zum Einkaufen fahren. Im Supermarkt war es wie im


Fernsehen: Nichts Neues - Eduscho- und Tchibo-Kaffee, Puddingpulver von Dr.
Oetker und Kellogg’s-Cornflakes. Und an jeder Ecke Coca-Cola-Reklame und Omo-
Packungen. Da hätte er gleich in Deutschland bleiben können!

Für den Abend hatte seine Tante ihre Freundinnen eingeladen, um den Gast aus
Deutschland vorzustellen. Alle redeten auf ihn ein. Er verstand kein Wort, und seine
Tante hatte Mühe mit dem Übersetzen nachzukommen. Er kam sich vor wie auf
einem Hühnerhof und wusste nicht, wie er auf ihre Fragen antworten sollte:

„Wie gefällt es dir in Brasilien?“

(Bisher gar nicht! Scheißland!)

„Schneit es jetzt in Deutschland?“

(Wissen die denn wirklich nicht, dass bei uns jetzt Sommer ist?)

„Warum hast du keine blauen Augen und keine blonden Haare? Bist du kein richtiger
Deutscher?“

(Ja, warum eigentlich nicht?)

„Gibt es eine asphaltierte Straße nach Deutschland?“

(Kann jemand so blöd sein, dass er nichts von dem Atlantischen Ozean zwischen
Amerika und Europa weiß?)

„Warum zieht ihr nicht alle nach Brasilien zu eurer Tante?“

(Was da seine Mutter wohl sagen würde, wenn sie nicht mehr Ski fahren könnte, und
Ilo, ihr Cocker-Spaniel, dem bei 25° schon die Zunge aus dem Hals hing?)

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Timo stank das alles fürchterlich. Und die Hitze aus dem Kamin, in dem tatsächlich
ein Holzfeuer flackerte, trieb ihm den Schweiß auf die Stirn. Unter all den fremden
Leuten fühlte er sich einsam, lustlos nuckelte er an seiner Guaraná. Obwohl er sich
ganz dumm inmitten dieser gackernden und schnatternden Schar vorkam, bemühte
er sich den braven und freundlichen Jungen zu spielen.

Und er hatte Erfolg! Seine Tante sagte ihm, sie fänden ihn alle süß und sehr
intelligent.

Auch seine beiden Cousins, Angela und Roberto, lernte er endlich kennen, die den
ganzen Tag in der Schule gewesen waren und wegen ihm auf eine Party bei ihren
Freunden verzichtet hatten, Kaugummi kauend in schicker Kleidung herumsaßen,
nur von Popstars und Lambada sprachen und nicht verstanden, dass sein Vater ihr
Auto selbst fuhr und seine Mutter kein Dienstmädchen hatte.

Als die aus Deutschland anrief, stöhnte er ihr vor, wie fürchterlich hier alles sei, dass
er niemanden verstehe und nicht alleine auf die Straße dürfe – wegen der Räuber.

Tags darauf wurde er mit Angela und Roberto an die Copacabana chauffiert.
Rinaldo, der ganz gut Deutsch sprach – sein Vater war der Sohn eines Deutschen
aus dem Hunsrück – zeigte auf eines der großen Appartementhäuser am Strand und
sagte, dass hier der berühmte Pelé wohne und der sei mit Xuxa7 befreundet, die im
Fernsehen eine Show für Kinder mache.

Aber Timo war mehr beeindruckt von der Straße, die am Strand entlanglief und so
breit war wie eine Autobahn. Taxis, Busse, Lastwagen, Angeber in Sportwagen und
Buggys, in Käfern mit Rolls-Royce-Kühler und voll aufgedrehter Stereoanlage
dröhnten vorbei und ließen die Menschen kaum zum Strand kommen.

Wieder hielt er vergeblich Ausschau nach seinem Traumland. Nicht einmal die Sonne
war zu sehen.

Auf dem Strand verloren sich die wenigen Badelustigen. Schließlich war ja Winter.
Trotz des schlechten Geschäftes liefen zwischen ihnen Eis- und Limonadenverkäufer
herum und Polizisten in Shorts und T-Shirt. Und jeder ließ seinen Abfall liegen, wo er
gerade war.

Die Brandung schlug auf den Strand. Kinder und Erwachsene stürzten sich immer
wieder in die schäumenden Brecher hinein und hatten einen Riesenspaß dabei. Als
ihn Roberto und Angela an die Hand nahmen und mit ihm in die Wellen rannten,
wurde er von einer Sturzwelle so hart auf den Sand geworfen, dass er sich fast den
Arm ausgerenkt hätte, und das Salzwasser brannte in seiner abgeschürften Haut.

Da hatte er die Nase voll, legte sich auf seine Bastmatte und drehte allen den
Rücken zu. Er schloss die Augen und wollte von Sonne, Affen, Krokodilen und
Tukanen träumen. Aber als er dann wirklich eingeschlafen war, fand er sich auf
einem Strand wieder, auf dem die Palmen unter Müllbergen beinahe begraben
waren: als hätte ein Schaufelbagger einen Supermarkt geräumt und hier alles
abgeladen.
7
Schuscha

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Er war ausgesprochen muffelig, als Roberto ihn wachrüttelte. Der zeigte immer
wieder auf den Himmel und machte mit den Fingern „nein, nein, nein!“ Offenbar sollte
Timo hier nicht so lange herumliegen, auch wenn es bewölkt war.

Am Abend hatte Timo einen dicken Sonnenbrand, denn in den Tropen ist die Sonne
auch hinter den Wolken noch stärker als in Deutschland im Sommer. Sofia kremte
ihm den Rücken ein. Aber im Bett konnte er sich legen, wie er wollte, sein Körper
brannte wie Feuer, und er schlief nur schwer ein.

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Angstträume

Wie Timo mit seiner Tante einen Ausflug nach São Paulo macht, Geschichten von einem
Zahnzieher und Sumpfgeistern hört und aus einem bösen Traum aufwacht

Beim Frühstück sagte ihm seine Tante, Sofia würde ihm ein paar Sachen für die
Nacht und Zeug zum Wechseln einpacken. Sie würden am nächsten Morgen nach
São Paulo8 fliegen – zum Shopping. Er werde dann die größte Stadt Brasiliens
kennenlernen und staunen, wie hoch die Häuser dort seien.

Timo fand das super: schon wieder jetten!

Nach dem Frühstück ging’s dann mit Rinaldo zum Flughafen, aber einem kleineren,
in der Nähe vom Zentrum, der nach dem Flugpionier Santos Dumont benannt
worden war. Da passte kein Jumbo drauf, und sie stiegen in eines seiner Kinder, eine
kleine Propellermaschine, die kaum, dass sie saßen, schon startete und den
Zuckerhut unter sich ließ.

Timo hatte gerade seinen Orangensaft ausgetrunken, als sie schon über São Paulo
waren. Die Stadt verschwand fast unter einer schmutziggrauen Dunstglocke, in die
der Flieger eintauchte, und Dreckschwaden zogen am Fenster vorbei, bis er hart auf
der kurzen Landebahn von Congonhas9 aufsetzte.

Vor dem Flugplatz hatte Timo den Eindruck, als ob die Stadt von ständig startenden
und landenden Maschinen nur so dröhnte. Dazu kamen die zahllosen Fahrzeuge, die
auf der Avenida in mehreren Kolonnen vorbeirasten. Fußgänger konnten die Straße
nur springend wie gehetztes Wild überqueren. Und als sie mit dem Taxi ins Zentrum
fuhren, sah er einen mit Zeitungen flüchtig zugedeckten Körper regungslos am
Straßenrand liegen.

„Das ist hier eben so“, meine seine Tante unbeeindruckt. „Wenn einer überfahren
wird, dauert es bei dem Verkehr, bis die Leiche eingesammelt ist.“

Die Stadt wirkte auf Timo wie im Krieg, wo jeder gegen jeden kämpft.

„Rio ist gut zum Leben“, sagte Tante Denise noch, „und São Paulo zum
Geldverdienen.“

„Und gute Geschäfte gibt’s hier auch“, fügte sie noch hinzu, wobei der Taxifahrer
zustimmend nickte, als sie es auf Portugiesisch sagte.

Als sie dann nach einem endlosen Einkaufsbummel durch die Boutiquen der Rua
Augusta zu einer Bank gingen, ließ ihn die Tante draußen stehen und drückte ihm
ein Comicsheft in die Hand. Sie dachte wohl, er würde sich in der Schlange vor der
Kasse langweilen.

Ihm war ganz und gar nicht zum Lesen zumute. Hilflos stand er vor den riesigen
Hochhäusern der Avenida Paulista, dem Prachtboulevard São Paulos. Er kam sich

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Ssaun Paulu (das –au wird nasal gesprochen: au + nasales N, dabei den Mund schließen)
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Kongonjas (-o wie in Post, beide -n nasal aussprechen, das –j wie in Ja)

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ausgestoßen vor, weil er die vielen Menschen um sich herum nicht verstand und in
ihre Häuser nicht hineinsehen konnte. Die spiegelnden Glasfassaden warfen ihn auf
sich selbst zurück. Er spürte seine Einsamkeit inmitten des brodelnden Lebens der
Sechsmillionenstadt. Ein schmerzendes Gefühl breitete sich in ihm aus, nur mühsam
konnte er seine Tränen unterdrücken. Er sehnte sich nach seinen Eltern und
Geschwistern, nach seiner Heimatstadt in Deutschland mit seinen vielen Freunden.

Er war froh, als sie in eine Metrostation hinuntergingen. Dort war es ruhiger, die Luft
war frischer und alles war blitzsauber. Seine Tante war ganz stolz auf die neue U-
Bahn, die viel größer war als jene in Rio. Sie wollte sie ihm unbedingt vorführen.
Nur gab es nicht viel zu sehen, weil der Zug meist durch dunkle Tunnel glitt. Auch
war er schon in München mit der U-Bahn gefahren.

Aber die Stationen! Seltsame Namen hatten die, und seine Tante musste sie ihm
übersetzen. Sie fuhren von der Gesundheit (Saúde10) zum Heiligen Kreuz (Santa
Cruz11) und Paradies (Paraíso12), weiter zur Freiheit (Liberdade13) und zum Licht
(Luz14), um schließlich beim Zahnzieher (Tiradentes) zu landen.

Überhaupt gab es in São Paulo eigenartig klingende Namen, die kaum aussprechbar
waren. Die reinsten Zungenbrecher!

Sie waren durch die Straße des Barons von Itapetininga gegangen, Busse fuhren
nach Ipiranga oder zum Ibirapuera15-Park. Um zur Metro zu gelangen, hatten sie auf
einer Brücke das „Tal des Anhangabaú“ überquert. Seine Tante hatte gesagt, dass
dies Wörter aus dem Tupí, einer Indianersprache seien. Sie verstehe diese Dialekte
auch nicht. Sie wisse nur, dass ‚ita’ ‚Stein’ bedeute und ‚Anhangabaú16‚ ’Ort des
guten Geistes’. Die Bezeichnung stamme wohl von früher, als hier noch ein Sumpf
war und die Ureinwohner Angst vor den Wassergeistern hatten.

Aber den Stationsnamen ‚Zahnzieher’, der Timo besonders eigenartig vorkam,


konnte sie besser erklären: So habe ein Fähnrich der brasilianischen Armee
geheißen, weil er seinen Kameraden auch die Zähne zog, wenn Not am Mann war.
Er habe 1789 eine gescheiterte Verschwörung angeführt um den König zu stürzen.
Und sie sagte auch, dass die Brasilianer sehr stolz darauf seien, 10 Jahre später
dann wirklich eine Republik geworden zu sein, so dass sie bis heute die Gegner der
Monarchie ehrten.

Als sie in ihrem Hotel ankamen, war Timo wie betäubt von den Abgasen, dem Lärm
und der Fülle der Eindrücke. Er hatte Kopfschmerzen, das Essen schmeckte ihm
nicht und im Zimmer legte er sich sofort ins Bett. Er fiel in einen tiefen Schlaf und
hatte wirre Träume:

Er ging allein in der Dämmerung durch São Paulo. Als er im ‚Tal der guten Geister’
ankam, begann die Erde zu schwanken. Es war, als ob die riesigen Glaspaläste auf
sumpfigem Boden gebaut wären. Ihre Fassaden zersprangen und drohten über ihm
zusammenzustürzen.
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Ssa-údje (-j wie in Ja)
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Ssanta Kruss
12
Paraïsu
13
Liberdadje (-j wie in Ja)
14
Luss
15
Ibirapu-ära
16
Anjangaba-ú beide –n nasal, -j wie in Ja)

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Er machte sich davon, zwischen hupenden Autos hindurch, die nach ihm jagten.
Indianer kamen ihm entgegen. Sie riefen „Ita! Ita!“ und zeigten auf zerbröckelnde
Hochhäuser. Die anderen Menschen eilten geschäftig hin und her und schienen die
Gefahr nicht zu bemerken. Sie beachteten weder Timo noch die Indianer.

Timo lief so schnell er konnte, bis er in einen großen Park kam. Das Stadtzentrum
hatte er weit hinter sich gelassen und glaubte sich schon in Sicherheit. Atem
schöpfend ging er über die Rasenflächen und genoss den weichen, federnden
Boden.

Plötzlich erblickte er am Ende des Parks einen gigantischen Drachen, der seinen
Rachen aufsperrte und Menschen mit seinen Wolkenkratzerzähnen zermalmte. Das
Schmatzen des Ungeheuers drang bis zu ihm. Seine Opfer aber spazierten
unbeeindruckt von dem Moloch in den Häuserschluchten herum und ließen sich
teilnahmslos verschlingen. Timo lief es kalt über den Rücken und er hetzte weiter, bis
er auf einem Strand erschöpft niederfiel. Dicke Felsbrocken warfen lange Schatten.
Eine große Coca-Cola-Sonne ging hinter den Bergen langsam unter und tauchte die
Gegend in dunkelrotes Licht. Hier gab es keine Eisverkäufer und Sandwichbuden.
Nichts war zu hören außer dem Rauschen der Brandung.

Er schrak auf, als ein Schatten auf sein Gesicht fiel, und erblickte einen fremden
Mann mit einer Sonnenbrille, deren Gläser wie Spiegel waren.

„Timo, sieh mir in die Augen!“, hörte er ihn mit einer kalten und arroganten Stimme
sagen, die keinen Widerspruch duldete.

Aber so sehr er sich auch bemühte, er konnte die reflektierende Schicht auf den
Gläsern mit seinen Augen nicht durchdringen. Und was er sah, jagte ihm einen
großen Schrecken ein: Es war sein eigenes, vor Angst starres und bleiches Gesicht.
Seine Haut glänzte fiebrig, unter seinen Augen lagen tiefe Schatten.

Am Morgen weckte ihn das lärmende Kinderprogramm von Xuxa auf, das seine
Tante wohl für ihn angestellt hatte, bevor sie in der Dusche verschwunden war.
Nur dunkel erinnerte er sich an seinen Traum. Aber er fühlte sich besser als in den
vergangenen Tagen.

Als sie dann durch die Straßen der Stadt gingen, sahen ihn aus einer der
Fensterfronten die Indianer seines Traumes an. Aber es war nur eine Reklametafel
auf der anderen Straßenseite, die sich spiegelte. Zum ersten Mal fielen ihm die
Bettler auf, die ihnen die Hände entgegenstreckten, und er bemerkte die
Geschäftsleute in ihren eleganten Anzügen, die vorbeieilten und über das Elend zu
ihren Füßen hinwegsahen. Er sah zerlumpte Kinder, die sich als Schuhputzer etwas
Geld verdienten, und vor einer Schule wurden andere vom Chauffeur vorgefahren,
die sich noch schnell mit Süßigkeiten eindeckten, bevor sie durchs Schultor gingen.

Und Timo?

Lernen konnte er, soviel er wollte, auch wenn er nicht immer Lust dazu hatte. Es war
jetzt schon klar, dass er das Abitur machen und studieren sollte. Und nun war er in
einem Land, in dem es Millionen von Menschen gab, für die nicht einmal das tägliche
Brot selbstverständlich war!

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Er fühlte sich unbehaglich, wenn es wieder in eine der Boutiquen ging, vor der eine
heruntergekommene Frau mit einem schmuddeligen Kind auf dem Arm saß, klagend
„almoça, almoça17“ (ein Almosen, ein Almosen) rief und Tante Denise kühl darüber
hinwegsah. Und als sie mit dem Taxi zu ihrem Hotel zurückfuhren, sah Timo zum
ersten Mal eine der Elendssiedlungen, in denen die Menschen leben, die sich kein
richtiges Haus leisten können. Sie hatten eine Reifenpanne, und der Fahrer musste
anhalten, um den Reifen zu wechseln.

„O Gott“, stöhnte seine Tante, „ausgerechnet vor einer favela!“ und drückte ihre
Tasche fest an sich, in der sie – wie Timo einmal kurz gesehen hatte - einen kleinen
Revolver hatte. „Wenn das nur gut geht!“

Timo sah sich neugierig um. Den Abhang eines Hügels hinauf drängten sich dicht an
dicht Hütten, zusammengebaut aus allem möglichen Material: verrotteten
Kistenbrettern, rostigen Wellblechstücken, zerrissenen Kunststoffplanen, verbeulten
Teilen von Autokarosserien und was sonst dazu dienen mochte, Menschen ein Dach
über dem Kopf zu geben. An einem Wasserhahn neben der Straße wuschen Frauen
Wäsche, im Schlamm zu ihren Füßen spielten Kinder, schmutzig, mit zerrissener
Kleidung, und ein magerer Hund mit verfilztem Fell hob gerade sein Bein an der
Wasserstelle.

Er war schockiert, als er sah, wie Menschen hier leben mussten. Als seine Tante
sah, wie er versonnen auf die favela starrte, sagte sie:

„Die da wohnen, sind dumm und faul. Und alles Verbrecher.“

Dann kam auch noch ein Mann zu ihnen herüber, barfuß, mit durchlöcherten Jeans,
einem schmuddeligen Unterhemd, verklebten Haaren, Zigarette im Mundwinkel und
bot seine Hilfe an.

„Vá embora, vá embora!“ (Geh weg, geh weg!), kreischte Tante Denise und
schwenkte ihre Tasche in seine Richtung.

„Obrigado!“ (Danke!), meinte der Taxifahrer dagegen. „Nós terminamos o trabalho


agora mesmo! Obrigadão!“ (Wir sind gerade fertig geworden. Tausend Dank!)

Der Ersatzreifen war wirklich montiert. Aber er sah nicht besser aus als der alte, ohne
Profil und an der Seite eingerissen. Jedenfalls hielt er die Luft.

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almossa (-o wie in Post)

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Entdeckungsreise

Wie Timo mit Rinaldo eine Reise zu dessen Eltern in den Norden Brasiliens macht, die Sprache
der Tiere verstehen lernt , neue Freunde gewinnt, ein Konzert auf einer Müllkippe hört, im
Maracanã–Stadion18 Fußball spielen darf, getauft wird und auf einer fazenda19 einem Jungen
namens Hitler vorgestellt wird

Nachdem sie nach Rio zurückgekehrt waren, hing Timo lustlos herum. Schließlich
war es Rinaldo, der ihn aus seiner Niedergeschlagenheit befreite. Er schlug vor, mit
ihm seine Familie im Nordosten zu besuchen. Onkel Marcos hatte nichts dagegen,
seinem Fahrer Urlaub zu geben und die Reise zu bezahlen.

„Wenn ihr beiden schon so weit fahrt“, sagte er, „dann macht doch gleich eine
Rundreise: nach Brasília, mit einem Abstecher nach Porto Velho20, da kannst du alte
Dampfloks von der ehemaligen Kautschukbahn besichtigen, dann nach Roraima21 zu
Rinaldos Eltern in Forquilinha22 und über Belém23 die Küste hinunter zurück nach
Rio.“

Timo war Feuer und Flamme. Endlich weg von diesem blöden Stadtviertel, wo jedes
Haus eine kleine Festung war, mit Eisengittern und hohen, mit Glasscherben
bespickten Mauern. Und Rinaldo war super. Mit dem würde er schon klarkommen.

Nun ging’s ans Planen.

Vor allem mussten bald Fahrkarten gekauft werden. Denn in Brasilien kann man
nicht einfach an den Schalter gehen und losfahren, wann man will. Wenn alle
Sitzplätze in einem Zug oder Bus verkauft sind, muss man auf die nächste
Fahrgelegenheit warten. Und das kann Tage oder sogar Wochen dauern.

Dann brauchte Rinaldo eine Genehmigung vom Jugendamt, dass er mit Timo reisen
durfte. Das ist so, um Entführungen von Kindern zu verhindern. Und viele Arme
verkaufen auch ihre Kinder, um zu Geld zu kommen. So muss jeder bei einer
Kontrolle beweisen können, dass das Kind von Rechts wegen bei ihm sein darf.

Und wie würde ihre Reise aussehen?

Zuerst würden sie mit einem dieser Züge fahren, deren Wagen aussahen wie jene in
den Wildwestfilmen. Dann würden sie umsteigen in einen großen Reisebus mit
einem Fahrer in adretter Uniform, mit weißem Hemd und dunkler Krawatte.
Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit war ihre Ehre. Unterwegs wechselten sie einander
ab. Einer schlief, während der andere den Bus Kilometer um Kilometer sicher ans
Ziel brachte. Und wenn es eine Panne gab, konnten sie mit dem Werkzeug genauso
gut umgehen wie mit dem Steuer. Irgendwann würden sie von der asphaltierten
Straße abbiegen, in ein Gefährt voller Rost und Beulen umsteigen, mit abgefahrenen
Reifen und durchlöcherten Sitzpolstern und tiefer ins Landesinnere hineinfahren.

18
Ausprache: Marakanan (Schluss –n nasal)
19
fasända
20
Portu Välju (-o wie Post, j wie in Ja)
21
Rora-íma (-o wie in Opa)
22
Forkilinja (-o wie Post, j wie in Ja)
23
Beläm

27
28
Sie würden über holprige Erdpisten schaukeln, dass die Federn nur so krachten. Die
Passagiere würden von einer Ecke in die andere fliegen. Bei Regen würden sich die
Reifen durch den Schlamm mahlen, immer in Gefahr irgendwo stecken zu bleiben.
Dann müssten alle aussteigen, und der Fahrer würde alleine versuchen, den Bus aus
dem Schlammloch herauszubringen. Vielleicht würden einige beherzte Männer sogar
schieben helfen und über und über von Schlamm bespritzt ihre Reise fortsetzen
müssen. Aber irgendwo würde auch dieser Bus nicht mehr weiterfahren. Sie würden
sich auf die „Papageienschaukel“ schwingen, einen offenen Lastwagen, der die weit
auseinanderliegenden fazendas24 abklapperte, um Fracht, Arbeiter und einige
Reisewütige mitzunehmen, die dann rotgepudert vom Staub zwischen Gasflaschen
und Futtersäcken auf der Ladefläche standen.

Schließlich gab es Dörfer, die – wie Forquilinha – so weit ablagen, dass auch dieses
Gefährt nicht mehr hinkam. Dort musste der Jeep von Senhor Arquibaldo25
herhalten, der eine kleine Autowerkstatt hatte. Er würde sie zu dem einfachen
Holzhäuschen bringen, in dem Rinaldos Eltern, Dona Maria und Senhor Enrico
wohnten. Es lag nicht weit von der Brückenbaustelle am Rio Tacatu26. Eines Tages
sollte hier eine neue Straße nach Guayana durchführen, und die Einwohner lebten
jetzt von ihrem Bau um einiges besser als je zuvor.

So war ihr Plan und so machten sie es.

Zwei Tage saßen sie im Zug nach Brasília. Timo lernte die weiten Kurven der
brasilianischen Eisenbahnen kennen. Englische Ingenieure hatten einmal die
Bahnlinien gebaut, und weil sie nach Kilometern bezahlt wurden, hatten sie mit
Kurven nicht gespart. In Brasília, der neuen Hauptstadt, stand Timo verloren
zwischen weit verstreuten Regierungsgebäuden. Nach dem Getümmel in Rio und
São Paulo erschien ihm diese Stadt leer, und er vermisste die Menschen.

Dann stiegen sie in einen Bus, der sie zu dem Eisenbahnmuseum in Porto Velho
bringen sollte. Einen Tag und eine lange Nacht waren sie wieder unterwegs. Timo
war viel zu müde, um von der Fahrt etwas mitzukriegen.

Endlich das Museum: Dort standen die Loks und Wagen der alten Bahnlinie nach
Guarajá Mirím27. In der Zeit des Kautschukbooms war sie mit unendlicher Mühsal
durch den Dschungel gebaut worden, um die Stromschnellen des Rio Mamoré28 zu
umgehen und die Rohgummiballen leichter befördern zu können. Dabei forderten
Malaria und Gelbfieber Tausende von Opfern, und die Geister verstorbener Arbeiter
erschienen, so sagt man, den Lokomotivführern, von denen sie eine
Mitfahrgelegenheit forderten. Als die Strecke nach vierunddreißig Jahren kurz vor
dem Ersten Weltkrieg endlich fertiggestellt worden war, hatte sie ihren Wert verloren.
Schmuggler hatten Samen des Gummibaums außer Landes gebracht und Kautschuk
wurde nun auch auf englischen Plantagen in Asien produziert. Die Gummisammler
konnten nicht mehr so gut verdienen wie bisher und der Bahntransport war zu teuer
geworden. Nun sollte die Bahn wieder in Gang gebracht werden: als Attraktion für
Touristen, und vielleicht auch für Güterzüge. Denn in der Regenzeit kamen die
Lastwagen auf der Erdstraße kaum voran.

24
fasändass
25
Arkibaldu
26
Takatu
27
Guaraja Mirim (-j wie in Garage)
28
Aussprache. Riu Mamorä (-o wie in Opa)

29
30
Timo war fasziniert von den alten Lokomotiven, die sie „Maria Fumaça29“ (die
rauchende Maria) nannten und die für die erhoffte Neueröffnung auf Hochglanz
poliert worden waren. Shila Shockness, der pensionierte Bahnhofsvorsteher, führte
ihn überall herum und war stolz darauf, dass ein Besucher von so weit her kam. Mit
einer Lok, die gerade unter Dampf stand, durfte er ein Stück in den Urwald
hineinfahren und bekam zur Erinnerung eine alte, ganz vergilbte Fahrkarte
geschenkt.

Er sah auch die qualmenden Rodungsfeuer rings um die Stadt, die den Himmel
verdunkelten. Große Ascheflocken rieselten auf ihn herunter und er schaute ratlos
auf das verwüstete Land um die Siedlungen.

Warum reißen die alles Grün heraus? ging es ihm durch den Kopf. Haben die was
gegen Gartenarbeit?

Nun war er selbst kein Freund davon. Bei ihnen zu Hause gab es nur Rasen,
Sträucher und Blumen, die nicht viel Pflege brauchten. Und er düste höchstens mit
dem Rasenmäher herum. Alles Andere überließ er seinen Eltern – und seinen
Geschwistern, die sich drückten, wo sie nur konnten. Tanja, die liebend gerne barfuß
auf dem Gras herumlief, hatte es heraus, immer gerade von einer Wespe in den Fuß
gestochen zu werden, wenn ihr Vater sie um Hilfe bat. Und Sven riss beim
Unkrautjäten die Blumen gleich mit aus, so dass er schließlich Gartenverbot bekam.

Nur da, wo der Urwald noch unberührt schien, wehte für einen Moment ein frischer
Lufthauch herüber, wenn sich der von den LKWs aufgewirbelte Staub gelegt hatte.

Bevor sie weiterfuhren, kehrten sie in eines der kleinen Restaurants an der Straße
ein. Sie wollten gerade ihr Essen bestellen, da setzte sich ein braungebrannter Mann
mit faltigem Gesicht, Stoppelbart und einem ausgefransten Strohhut zu ihnen. Er
hatte nur noch einen Schneidezahn, der wackelte, wenn er sprach. Als er hörte, dass
Timo aus Deutschland kam, empfahl er ihm ein Gericht mit Schlangenfleisch.

„Schmeckt ungefähr wie Hähnchen, vielleicht auch ein bisschen nach Kaninchen,
und wenn du genug davon isst, kannst du die Tiere verstehen“, sagte er mit
geheimnisvoller Miene und beschwörender Stimme. Timo sah Rinaldo fragend an,
der nickte ihm aber zu:

„Probier ruhig. Schaden kann’s nicht.“

„Vielleicht klappt’s“, fügte er lächelnd hinzu, wobei er dem Mann zuzwinkerte. Der
streckte Timo eine Hand entgegen, legte eine Serviette darauf, zündete sie wie zum
Beweis seiner magischen Kräfte mit einem Streichholz an und schaute gelassen in
die Flammen, bis sie verlöschten. Seine Haut blieb unverletzt, nur ein wenig
geschwärzt von den Ascheresten, die er lässig abschüttelte.

29
Maria Fumassa

31
Und auf der Straße donnerten die Holztransporter entlang, hoch beladen mit riesigen
Baumstämmen, die die Holzfäller dem Urwald entrissen hatten. Dumpf röhrend bog

32
Timo wollte nicht so recht glauben, was er da gerade gesehen hatte. Zauberei? Was
war der Trick? Als ob nichts gewesen wäre, stopfte er das Schlangenfleisch mit Reis,
Bohnen und Salat als Zutaten in sich hinein. Lieber sah er zu dem Holzlaster hinüber
als zu dem Mann, der ihm zunehmend unheimlich wurde. Das Fleisch schmeckte
eigentlich ganz normal, aber ehe noch mehr passierte, war es doch besser zu dem
Tieflader zu entfliehen.

Und draußen war er! Neugierig betastete er den Stamm, der so groß war, dass er die
ganze Ladefläche ausfüllte. Das Holz strömte einen würzigen Geruch aus und schien
noch voller Leben zu sein. An einer Stelle hörte er ein leises Pochen. Vorsichtig legt
er sein Ohr an die Rinde. Waren da nicht neben einem nagenden Raspeln Stimmen
zu hören?

„Weißt du, wo wir hinfahren?“, murmelte mit vollem Mund der Holzkäfer Ronca
Ronquinho30 zu Cacamba31, der in ein Astloch gefallen war und sich mühte, wieder
auf weicheres Holz zu kommen.

„Na, Picapau32, der Specht, hat doch laut herumgetönt, dass es nach Deutschland
geht. Dort brauchen sie Holzplatten. Damit decken sie die Wände ihrer Häuser ab.“

„Komisch“, kicherte der kleine Holzwurm Pericles, „die Wände noch einmal mit Holz
verkleiden! Reichen denn die Steine nicht?“

„Das juckt mich gar nicht!“, warf der Borkenkäfer Broncosaurus ein, „ob ich mich nun
in Brasilien oder in Deutschland durchs Holz nage!“

Also hatte der merkwürdige Fremde ihm doch nichts vorgemacht. Ob er ein
Medizinmann war und ob seine neue Begabung bis Deutschland anhalten würde?
Was würden die dort sagen, wenn er plötzlich das Gebell von Ilo verstehen könnte!
Und das Miauen der Katze von den Nachbarn! All die Vögel in ihrem Garten, was die
sich wohl zuzwitscherten!

Ein eintöniger Sing-Sang drang plötzlich an Timos Ohr. Als er aufblickte, sah er einen
Indianer, der im Lendenschurz, bunt bemalt von Kopf bis Fuß und einem
Kopfschmuck mit Federn den Holzlaster umtanzte. In der Hand hielt er einen Stab,
der oben einen Federbusch trug. Timo starrte ihn verwundert an und dachte: Der tickt
doch irgendwie nicht richtig!

„Na ja“, ertönte da Rinaldos Stimme hinter ihm, „der entschuldigt sich bei den
Bäumen, weil die Menschen ihnen Gewalt angetan haben. Er möchte den Baumgeist
mit seinem Gesang versöhnen.“

„Die Indianer, weißt du, leben eng mit der Natur zusammen und fürchten ihre Rache.
Sie nehmen sich nie mehr, als sie zum Leben brauchen, nicht wie wir, die wir wie
eine Mörderbande durch den Wald ziehen, um ihn abzuholzen. Und mit der Rache
hat es schon etwas auf sich. Jedes Jahr gibt es Überschwemmungen, in der
Trockenzeit reißt der Boden auf und wird dann vom Wasser weggeschwemmt.

30
Ronka Ronkinju (-o wie in Post, -j wie in Ja)
31
Kakamba (-m nasal)
32
Pikapau

33
34
Menschen ertrinken in den Fluten und Erdrutsche begraben ganze Häuser unter
sich.“ Dabei wischte er sich eine Träne aus den Augen, denn ein Neffe von ihm war
in São Paulo als kleiner Junge bei einem Gewitterguss in ein Abflussloch an der
Straße gespült worden und konnte nur noch tot herausgezogen werden.

„Eigentlich müsste der Indianer“, fuhr er fort, „das dort tun, wo der Baum gestanden
hat. Aber da kreischen die Kettensägen und die Motoren der Traktoren röhren so
laut, dass der Baumgeist sein Lied nicht hören könnte. So kommen sie denn zu den
Parkplätzen und hoffen, dass der Baumgeist mitgefahren ist.“

Als der Bus ein anderes Mal hielt um zu tanken, beobachtete Timo eine merkwürdige
Szene bei einer der Zapfsäulen. Um einen alten Model-T-Ford, dessen Scheinwerfer
traurig nach unten hingen und der auch sonst arg mitgenommen aussah, stand eine
Gruppe von Jugendlichen und einer hielt sich die Zapfpistole an den Mund, als ob er
daraus trinken wollte. Dann machte er genüsslich „mmmh..“, rülpste laut und gab sie
an den nächsten weiter. Sie lachten und schienen sich köstlich zu amüsieren. Es war
schon dunkel und so konnte Timo nicht sehen, ob sie wirklich tranken oder nur so
taten. Aber als er näher heranging, las er auf der Zapfsäule „ALCOOL33“. Das konnte
ja nur „Alkohol“ heißen.

Ja, gab’s denn hier den Schnaps gleich literweise für ganz Durstige?

Rinaldo klärte ihn auf: „Weil das Benzin so teuer geworden ist, tankt man jetzt
Alkohol. Den macht man aus Zuckerrohr. Der Fusel verbrennt fast genauso gut. Nur
wenn’s kälter wird, dann springt der Motor schlecht an und man mischt noch Benzin
dazu. Zum Trinken taugt der Mix nicht, aber wenn der Tank einmal leer ist und weit
und breit keine Tankstelle, dann kann man auch ein paar Flaschen pinga aus dem
nächsten Laden oder reinen Alkohol aus der Apotheke einfüllen, der kostet nur einen
Cruzeiro der Liter und los geht’s. Nun riecht es zwar in den Städten wie in einer
Kneipe, aber Brasilien braucht nicht mehr so viel Erdöl zu importieren.“

„Allerdings“, und da wurde Rinaldo sehr nachdenklich und runzelte besorgt die Stirn,
„die Autos vermehren sich wie Katzen und saufen wie Elefanten. Immer mehr
Zuckerrohr muss gepflanzt werden, um ihren Durst zu stillen. Und wo gibt es dann
noch Platz für Mais, Maniok und Reis? Der Dumme ist der Arme, damit’s den Autos
nur gut geht“, schloss er empört.

„Die Autos sind doch wie Vampire“, setzte er hinzu, „sie saugen alles Leben aus der
Erde, bis sie tot ist wie sie selbst!“ und deutete auf ein Autowrack, auf dem ein Hahn
drohend mit den Flügeln schlug, weil ein Hund am Hinterrad herumschnüffelte. „So
eine Schrottkiste kann man gerade noch als Hühnerstall verwenden.“

Timo warf ihm einen kritischen Blick zu: Ein Auto hat er ja nicht, dachte er bei sich,
aber sein Motorrad, das läuft doch auch nicht ohne Sprit!

Die Dörfer und Städtchen, durch die sie fuhren, schienen nur für die Versorgung der
Trucks und Busse da zu sein. In fast jeder der Hütten entlang der Straße wurden

33
Alko-ol (das erste –o wie Opa, das zweite wie Post)

35
36
eine Tankstelle, Autowerkstatt, Reifenflickerei oder ein Restaurant betrieben. Vor den
Tankstellen glitzerten Öllachen in der Sonne und um die Reifenflickereien türmten
sich Berge von Altreifen. Bei den Restaurants stöberten Schweine im Abfall und
Hühner verirrten sich bis zu den Tischen der Gäste. Besonders freche flogen auf die
Tische und pickten auf den Tellern herum. Ihnen schien’s zu schmecken: die
schwarzen Bohnen, die Fleischbrocken, der Kohl und das Maniokmehl, das mit einer
tintigen Brühe vermischt war, alles verschwand in ihrem Kropf. Gerade wurde wieder
ein Fußballspiel übertragen. Alle hingen mit ihren Blicken am Bildschirm, während sie
das Essen in sich hineinstopften, und so mancher merkte nicht, dass ein Huhn mitaß.

In einem der Restaurants – es bestand nur aus einigen Blechtischen und


verbogenen Stühlen, einer Theke mit Gläsern voll eingelegter Eier, einem Billardtisch
im Hintergrund und einem Bierkastenturm, auf dem ein Papagei saß – war es einmal
überraschend ruhig, der Ton vom Fernseher war abgestellt, aus einer Ecke drang
das Schluchzen einer Gruppe von Männern in Fußballtrikots. Ihren Kummer
ertränkten sie mit pinga und lauwarmem Brahma-Bier. Timo dachte, sie hätten ihr
Spiel verloren. Aber Rinaldo bekam heraus, dass einer ihrer Mitspieler am Sonntag
auf dem Fußballplatz zusammengebrochen war, und sie hatten gerade die Nachricht
aus dem Krankenhaus erhalten, dass er gestorben sei: Das Herz sei es gewesen.
Viel zu jung zum Sterben! Seit seiner Kindheit habe er an der Chagas34-Krankheit
gelitten. Schuld daran seien die Lehmhütten, in denen sie hier lebten und mit ihnen
die Wanzen, durch deren Biss die Krankheit übertragen werde. Das Herz werde dann
immer größer und irgendwann sei Schluss. Fast jeder von ihnen sei infiziert, so dass
es sie alle einmal treffen werde.

Auch sonst waren die Pausen nicht gerade erholsam. Selbst im kleinsten Flecken
herrschte ein Riesenradau: kläffende Hunde und krähende Hähne gaben sich vor
jeder Hütte ein Stelldichein. Überall, wo etwas verkauft wurde, krächzten
Lautsprecher mit Durchsagen über Sonderangebote, durchsetzt mit Musikgedudel.

Da teilte ein Zahnarzt mit, dass bei ihm das Zahnziehen nur einen Cruzeiro35 koste,
mit Betäubung gerade zwei, oder es wurde für einen besonders stabilen
Wasserkasten für die Toilette geworben, untermalt mit dem wasserfallähnlichen
Rauschen der Wasserspülung, gefolgt von Bossa-Nova36-Rhythmen.

Dann war da noch ein Arzt, der sich rühmte die gotas besonders erfolgreich zu
behandeln. Rinaldo versuchte Timo auf seine Fragen hin zu erklären, was es damit
auf sich hatte, druckste aber merkwürdig herum. „Nun, das ist eine Krankheit
untenherum“, und zeigte auf seine Hose, „auf Deutsch ‚Tripper’. Nicht gut. Kommt
von einer schmutzigen Frau.“

Und wenn der Ort etwas größer war, stand vor jedem Geschäft ein Marktschreier im
Clownskostüm oder als Micky-Maus verkleidet, der die Produkte seines Geldgebers
mit Hilfe von Mikrophon und Lautsprecher anpries und seinen Nachbarn zu
übertönen versuchte.

„Puh, muss denen warm sein!“, meinte Timo zu Rinaldo.

34
Aussprach: Schagas
35
Kruseiru (-ei wie in engl. play)
36
Bossa Nowa (-o wie in Post)

37
38
Der zeigte nach der anderen Straßenseite auf einen Sandwichman mit umgehängten
Papptafeln, der vor einem Geschäft auf- und ablief: „Da hat’s der besser!“

Aber endlich bekam Timo hier von einem Indianer mit pechschwarzen Augen und
tiefbrauner Haut den Schrumpfkopf für Sven. Das war zwar kein richtiger, aber er war
aus einer Kokosnuss geschnitzt und sah fast echt aus. Und Piranhas gab’s in einem
kleinen Laden zu Dutzenden, so dass auch Anja versorgt war.

Dann fuhr der Bus wieder durch die Nacht. Er ließ das Amazonasbecken hinter sich
und rollte auf das Hochland von Guayana zu. Das dumpfe Dröhnen des Motors
schläferte die Reisenden ein. Es würde dauern, bis sie erneut umsteigen müssten.

Tagsüber sah Timo die Landschaft sich endlos neben der Straße dahinziehen.
Termitenhügel wuchsen auf den gerodeten Flächen aus der Erde wie
überdimensionale Maulwurfshaufen. Verkohlte Baumstümpfe erinnerten an den
Wald, der hier gestanden hatte. Dazwischen grasten Rinder, Ochsen trotteten mit
Karren voller Zuckerrohrstangen neben der Straße im Sand dahin und das
Quietschen der Achsen erfüllte die Luft, selbst wenn das Gefährt noch weit entfernt
war. Einzelne Dörfer und Städtchen unterbrachen die Eintönigkeit, Ziegen trieben
sich mit Schweinen und Hühnern auf der Straße umher und der Busfahrer musste
bremsen, weil sie keine Neigung verspürten auszuweichen. Schmuddelige Kinder,
immer wieder Kinder, boten etwas zum Kaufen an: Bananenstauden, Ananas,
Wasser.

Timo interessierte sich mehr für die mächtigen Tieflader mit leuchtend gelb lackierten
Straßenbaumaschinen, die ihnen ständig entgegenkamen. Lachend mit geballter
Faust und hochgestrecktem Daumen winkten ihnen die Fahrer zu.

Bei einer Pause an einem kleinen Straßenrestaurant war Timo hinters Haus
gegangen um zu pinkeln. Spielerisch spritzte er über den Boden und versuchte eine
Kolonne Ameisen in ihrem Fortkommen zu behindern. Mit einem Mal klang ein
Wispern an sein Ohr:

„Gibt’s schon wieder eine Überschwemmung? Neulich wären wir doch erst in unserm
Bau beinah abgesoffen, so hat’s gegossen.“

„Also mir wäre etwas mehr Wasser gerade Recht“, schwatzte der Lungenfisch
Moacyr37, den zwei Schildkröten zwischen sich trugen. „Ich brauch dringend mal
wieder ’ne Dusche, bin ganz ausgetrocknet. So ’ne Überschwemmung ist schon toll,
dann bräuchte ich nicht immer wieder einen neuen See zu suchen. Der letzte war so
trocken, dass ich mich immer wieder im Schlick eingraben musste. Sollt’ ich noch
Beine kriegen wie mein Urahn Tiktaalik!“

„Du denkst nur an dich“, warf ihm der Tapir Elson38 vor, „wo bleiben wir, wenn die
den ganzen Wald abholzen und keine Wurzeln mehr da sind, um die Erde
festzuhalten. Außerdem, kannst dich abregen, da pisst nur einer und die gelbe Brühe
ist auch für dich nicht gut.“

37
Mo-assir. –o wie in Opa
38
Älsson (-o wie in Post, -n nasal)

39
40
„Gelb, gelb, überall gelb“, empörte sich der kurzsichtige Bananenfalter Idomeneus39,
der eine Brille mit dicken Gläsern trug, früher waren’s Blumen. Aber wenn ich heute
etwas Gelbes ansteuere, lande ich auf einer Planierraupe oder einem Bagger. Zum
Kotzen! Bis ich endlich mal Nektar schlürfen kann, bin ich halb verhungert!“
Aber da kam schon der Negervogel Jabirão40, der in einem Fluss gebadet hatte und
nun seine Federn über Moacyr ausschüttelte. Der rekelte sich wohlig, als seine Haut
endlich wieder nass wurde. Und als Jabirão davonstakste, sah er wie ein schwarzer
Mensch aus, der ein weißes Tuch um den Leib gebunden hatte.

„Du solltest mit deinem Schnabel lieber den Typ verjagen“, riefen ihm die Ameisen
hinterher. „Merkt der denn nicht, dass wir fliehen, dass für seine Scherze hier kein
Platz ist!“

Erschrocken hörte Timo auf, hockte sich nieder und sah, dass mit den Ameisen
Hunderte, Tausende von Insekten und anderem Getier aus dem Dschungel in die
Richtung eilten, aus der ihr Bus gekommen war. Im Unterholz raschelte es von
großen und kleinen Tieren, über ihm schlugen Vögel mit ihren Flügel, und die Luft
war erfüllt vom Sirren der Zikaden und Summen von Bienen, Wespen und Mücken,
die alle nur ein Ziel kannten: Weg von diesem Platz, wo ihre Wohn- und Nistplätze
zerstört wurden. Dicke Kakerlaken brummten um seinen Kopf, fast wäre er von
einem Ameisenbär umgerannt worden und Schlangen wanden sich zwischen seinen
Füßen hindurch.

Wieder hörte er durch das Quaken der Frösche und das Zischeln der Schlangen
verzweifelte Rufe:

„Nur weg, weiter, weiter, sie verbrennen und vergiften alles! Unser Leben ist in
Gefahr. Alles walzen sie nieder mit ihren Maschinen und kleben die Erde zu mit
Asphalt!“

Und das Schnattern der Araras, das Kreischen der Tukane und das Meckern der
Affen mischte sich einem einzigen Chor:

„Sie kennen keine Gnade! Schlagen wir doch zurück! Da steht einer, greift ihn an!
Gemeinsam sind wir stark!“

Timo war es, als wollten sich plötzlich alle auf ihn stürzen. Das Summen, Trappeln
und Rauschen wurde immer stärker. Eine Wolke von wütenden Tieren schien über
ihn herzufallen. Wie betäubt stolperte er davon, hinein in das Restaurant, wo die
Leute aus dem Bus saßen und in aller Ruhe ihre Coca tranken, ohne zu bemerken,
was um sie herum vor sich ging. Gott sei Dank ging’s bald wieder los!

Je weiter der Bus fuhr, umso stärker schaukelte er und umso öfter fuhr er krachend
über Schlaglöcher. Und der Fahrer der „Papageienschaukel“, auf den sie in Vista
Alegre41 mit ein paar Bauarbeitern kletterten, war zwar ein Künstler im Nehmen der
Bodenwellen. Aber als sie schließlich Senhor Arquibaldo in seinen Jeep einlud,
waren sie über und über mit einer dicken, roten Staubschicht überzogen und hatten
sich Arme und Beine wundgestoßen.

39
Idomenä-us
40
Jabiraun (J wie –g- in Garage / das –n nasal
41
Wista Alägre (-e wie das Schluss –e in eine)

41
42
Glücklicherweise tauchte bald die Endstation ihrer Reise auf. Forquilinha war ein
enttäuschender Anblick: nicht mehr als eine Ansammlung von Holzhäusern. In einer
Staubwolke fuhren sie in die Hauptstraße hinein, wo es ein kleines Hotel mit einem
Restaurant gab, eine Apotheke mit Pillen gleichermaßen für Mensch und Tier, den
unvermeidlichen Polizeiposten und einen vor Waren überquellenden Laden, der
offenbar alles anbot, vom Stacheldraht bis zu Lebensmitteln und Schuhen. Alles
überragt von einer Kirche auf einem Hügel, mit einem großen Papstbild über dem
Portal und dem ansehnlichen Pfarrhaus daneben.

Sie blieben nicht im Zentrum, das Timo an die Dörfer in den Wild-West-Filmen
erinnerte. (Eigentlich fehlten nur die Cowboys im Saloon und der Sheriff, der auf der
Veranda mit dem Schaukelstuhl wippte.) Sie fuhren gleich weiter zu den Eltern von
Rinaldo, die ein wenig außerhalb wohnten.

Die Nachricht von der Ankunft Rinaldos war lange vor dem Jeep angekommen. Dona
Maria und Senhor Enrico standen winkend an der Straße, um ihn zu begrüßen.
Was für ein Glück, sich nach mehr als einem Jahr wiederzusehen!

Timo blieb ein wenig im Schatten der Wiedersehensfreude und verschwand auf der
Toilette. Die lag über dem Schweinestall und er musste ein paar Holzstufen
hinaufsteigen. Unter ihm grunzten die Schweine und immer wieder flogen Hühner zu
dem schmalen Gelass ohne Tür und pickten in einem Haufen ausgekauter
Maiskolben neben dem Klo herum. Aber ein Graus war die fehlende Tür, so dass
jeder ihn sehen konnte, wie er sein Geschäft erledigte.

Und viel schlimmer: Es gab kein Papier!

Er behalf sich mit einer Speisekarte, die er sich zur Erinnerung in einem der
Restaurants eingesteckt hatte. Nun sollte er sich duschen. Das war auch nicht so
einfach. Denn zuerst rieselte nur Sand heraus und dann kam allmählich ein
lauwarmer dünner Wasserstrahl. Nach der Dusche zog es ihn in die Küche, aus der
es verlockend duftete. Zwei Gasherde standen da, auf dem Tisch Töpfe und
Schüsseln, große Beutel mit Maccaroni, Reis und Maniokmehl.

War das alles für sie?

Dona Maria klärte Timo in gebrochenem Deutsch auf, dass sie die Ausspeisung für
die Ingenieure auf der Baustelle machen würden.

„Wir ham hier ’n Restaurang!“ sagte sie stolz und zeigte auf einige Tische und Bänke
aus einfachen Holzplanken neben dem Haus unter einer schwarzen Plastikplane als
Regendach.

Die Küche von Dona Maria mit ihren Schätzen und der ganzen Unordnung war eine
wahre Augenweide, und der Geruch nach gebratenen Zwiebeln, Knoblauch und
geräuchertem Speck ließ Timo das Wasser im Munde zusammenlaufen. Dagegen
sah die Küche von Tante Denise nach einer Möbelausstellung aus und roch
meistens nach Spiritus, mit dem die Köchin jedem Fleck zu Leibe rückte.

43
44
„Warum essen hier denn nur die Ingenieure?“ fragte Timo. „Kriegen die Arbeiter
nichts?“

„Die bringen sich ihr Fress’n mit“, antwortete Dona Maria. „Aber weil’s immer schon
kalt gworde is’, heißen’s ‚bóias-frias42’ ‚kalte Mahlzeit’.“

Draußen sah Timo Rinaldo mit dessen Vater stehen. Sie plauderten mit João43,
einem alten Freund, der vorbeigekommen war und zum Essen blieb. Sie riefen Timo
zu sich, und Senhor Enrico erklärte ihm, dass er das Dach neu decken müsse. Es
regne im Schlafzimmer durch und er sei es leid, bei Regen immer das Bett zur Seite
schieben zu müssen. Und dann tauchte auch Esmeralda auf, die jüngste Schwester
von Rinaldo. Sie hatte in der Kirche beim Saubermachen geholfen.

Als sie wieder hineingingen, hatten sich die Leute von der Baustelle mittlerweile
eingefunden und saßen schwatzend an den Tischen.

Timo hatte einen Bärenhunger und erstmals in Brasilien richtig Appetit. Nach der
langen Reise war er froh, endlich in einem richtigen Haus zu sein, wo er auch
schlafen könnte. Gegenüber den ungemütlichen Raststätten kam Timo die kleine
Küche mit den rohen Holzwänden, dem schlichten Mobiliar und dem irdenen
Geschirr vor wie ein luxuriöser Salon und die harten Stühle in dem Gartenrestaurant
wie Polstersessel.

Es gab eine feijoada44, dazu zuckersüße Orangenscheiben und zum Trinken frischen
Saft von Zitronen aus dem Garten.

Er aß zwei Teller voll, bis er wirklich nicht mehr konnte. War das ein Schmaus! Von
den eingelegten Peperoni hatte er zum Glück nur ein kleines Stückchen genommen.
Es war so scharf, dass ihm die Tränen in die Augen stiegen und er einen
Hustenanfall bekam. Alle lachten über den keuchenden Timo. Und der lachte mit.
Dass es ihm trotzdem schmeckte, lag nicht nur an der Kochkunst seiner Gastgeberin,
sondern auch an den Menschen, mit denen er zusammensaß.

Dona Maria, Senhor Enrico, Rinaldo, João und auch die Ingenieure in der Kantine
nahmen ihr Essen mit der Ernsthaftigkeit von Menschen zu sich, die wussten, wieviel
Arbeit notwendig ist, um ein Kilo Bohnen und Reis oder gar Fleisch kaufen zu
können. Alle kannten zur Genüge Zeiten, wo das Geld für Fleisch nicht ausreichte
und man sich mit Hühnerköpfen oder Hühnerfüßen als Beilage begnügen musste.
Dieser Ernst übertrug sich auf Timo, der am Schluss wie seine Tischnachbarn den
Teller sauber mit einem Stück Weißbrot auswischte, um ja nichts von der Delikatesse
zu verlieren.

Wie ein Vorhang wurde die Kulisse seiner Träume zur Seite gezogen. Dahinter
öffnete sich ein Land, in dem es nicht nur exotische Tiere und Pflanzen gab, sondern
auch Menschen. In dem Maße, wie er auf sie zuging, änderte er sich.

Sicher, auch vorher hatte er Personen gesehen. Aber es waren Statisten, die nur
dazu dienten, den Film, der an ihm vorüberglitt, mit Stimmen und Bewegungen zu

42
bojas-frias (-o wie in Post, - j wie in Ja)
43
Jo-aun (-aun nasal wie in São Paulo, -j wie –g- in Garage)
44
fejoada ( -e wie das Schluss – in eine, das -j wie –g- in Garage)

45
46
füllen. Nie hatte er bisher irgendetwas Verbindendes zwischen sich und der Familie
seiner Tante auf der einen Seite und der Welt des anderen Brasiliens bemerkt. Auch
der Luxus des Hollywood-Bungalows der Carneiros war ihm fremd. Er wäre isoliert
zwischen zwei Welten geblieben, wenn Rinaldo ihn nicht mit auf die Reise
genommen hätte. Wahrscheinlich hätte er die Ferien in dem Prachtbau in Rio traurig
und einsam verbracht und wäre frustriert nach Hause zurückgekehrt. Mit seinen
neugierigen, erwartungsvollen, gar nicht mehr ängstlichen Blicken in die Gesichter
der Menschen tat sich nun eine neue Welt auf. Und so gewann er einen neuen
Freund in João: einem Nordestino – wie die Menschen aus dem Nordosten Brasiliens
genannt werden, der weder Timos Sprache verstand noch die europäische Welt der
Städte des Südens. Weil aber nichts zwischen ihm und Timo stand, fühlte er um so
mehr, was in dem weitgereisten Jungen vor sich ging und was er bisher
durchgemacht haben mochte.

Als Timo am ersten Tag duschen ging, hatte er ihn mit einem Lied begleitet und dazu
auf der Gitarre geklimpert:

Heh Kumpel, ich erzähl dir was:


Mach dir deinen Körper nass!
Das rät auch der Doktor Heil-die-Leut.
Dreh’ die Dusche auf und nicht bereut!
Fett im Haar, Staub auf der Haut,
hast dich ins Wasser nicht getraut?
Wer sich nicht wäscht, total verdreckt,
sei verdammt, klebt fest am Fleck.
Voller Schweiß, das stinkt wie Aas,
also mach dich lieber nass.45

João war ein Repentista. einer jener Sänger, die mit ihren Liedern die Menschen in
dieser entlegenen Gegend unterhielten. Radio und Fernsehen hatten nur wenige. In
den Hütten fehlte es oft an Strom. Und wenn einer einen Transistor mit Batterien
hatte, die noch nicht verbraucht waren, dann waren die Programme aus der fernen
Landeshauptstadt voll von Werbung und Nachrichten, die mit ihrem Leben wenig zu
tun hatten. Aber zum Vorzeigen und Angeben diente das Radio dann doch.

Viel näher gingen ihnen die Lieder dieses einfachen Viehhirten, der weder lesen
noch schreiben konnte. Die Neuigkeiten, die er bei LKW-Fahrern und fahrenden
Händlern aufschnappte, trug er auf eine einfache und eindringliche Weise in einem
getragenen Gesang vor. Er sang von den Sorgen und Kümmernissen der Menschen
am Tacatu, ihren Wünschen und Träumen, davon, dass die Natur sein Lehrer sei und
seine Gitarre sein Freund.

45
Das Lied, wie João es sang, und daneben in korrektem Portugiesisch
Meu cumpade eu vou conta Meu compadre eu vou contar
Uma istora de valô Uma história de valor
Voimicê trate do coipo Você trate do seu corpo
Cumo aconceia o dotô Como aconselha o doutor.
Tu intenda qui o coipo Entenda que o nosso corpo
É sujo qui é danado É sujo que é danado
Qui se nói num tumá banho Que se nós não tomar banho
Num andá todo tratado E não andar bem tratado
Inté o suó catinga Até o suor catinga
Cum o grude misturado (...) Com o grude misturado (...)

47
Eines Tages waren eine Sohle von Timos Schuhen gebrochen und sie mussten zum
Schuster, weil Timo nur ein Paar bei sich hatte. Als sie am Abend darüber sprachen,
griff João zur Gitarre und begann leise zu reimen:

O du armer Schuster,
bei dir ist’s immer duster.
Du nagst an Sohlen, an Hacken,
vor Gram gebeugt der Nacken.
Es betäubt dich der Kleber,
vergiftet die Leber.
Schuh’ geh’n herein und hinaus,
doch das Geld bleibt aus.
Schmalhans ist der Küchenmeister,
überall riecht es nach Kleister.
Hungrig schickt Mutter die Kinder ins Bett,
die Eltern schlafen auf einem Brett.
Sollt das nicht uns’re Herzen bewegen?
So ist es eben, das Leben.46

Leise sangen alle mit und manchen stiegen dabei die Tränen in die Augen. Gerade
diese Schlichtheit berührte auch Timo, der vollgestopft mit Schulwissen hierher
gekommen war. Sogar von ihm sang er einmal und Rinaldo übersetzte:

Ein Deutscher zu uns kam


Am Tacatu so einsam.

Timo heißt der junge Herr,


über weiße Wolken flog er
nach Rio am Zuckerhut.

In São Paulo er verlor den Mut.


Traurig nicht zu sich er kam,
bis Rinaldo auf die Reis’ ihn nahm.

Lange Tage fuhrst, Timo, du


nach Forquilinha am Tacatu.

Hier sind Menschen einfach und arm


mit Herzen groß und warm.

46
Das Lied, wie João es sang, und daneben in korrektem Portugiesisch
Coitado do sapateiro Coitado do sapateiro
Qui vive lambendo sola Qui vive lambendo sola
Sentindo a chero da cola Sentindo o cheiro da cola
Trabalhando o dia inteiro Trabalhando o dia inteiro
Di dia num tem dinhero De dia não tem dinhero
Mode compráa cumida para comprar comida
E na hora da drumida E na hora da dormida
Su muié chama de nome Sua mulher chama de nome
Os fios ohora cum fome Os filhos agora com fome
Tudo é disgosto na vida. Tudo é disgosto na vida.

48
Bald wirst du uns verlassen
auf den neuen Straßen
und am Zuckerhut
gewinnen neuen Mut.

Mit Rinaldo war Timo in den nächsten Tagen ständig unterwegs. Der stellte ihn
seiner ganzen Verwandtschaft vor und es schien, als wären fast alle, die hier
wohnten, Rinaldos Onkel, Tanten, Cousins oder Cousinen.

Eine von Rinaldos Tanten beeindruckte Timo besonders. Als sie vor ihrem kleinen
Holzhaus ankamen, wurden sie von einer Schar blonder Kinder begrüßt und immer
mehr kamen heraus, bis sich schließlich achtzehn Kinder vor dem Haus
angesammelt hatten und den Fremdling neugierig ansahen. In der Küche stand ihre
Mutter, schon wieder schwanger, und kochte in einem riesengroßen Topf das
Mittagessen.

Das sind ja fast so viele wie in meiner Klasse! dachte Timo bei sich. Und alle von
einer Familie!

Nun verstand er, warum die Brasilianer dachten, alle Deutschen seien blond und
blauäugig. Denn die Eltern dieser Kinderschar stammten wie die meisten hier von
deutschen Einwanderern ab. Alle wollten von ihm wissen, wie ihm Brasilien gefalle.
Und er konnte jetzt schon antworten:

„Bom, ’ta um país lindo.“ (Gut, es is’ ein schönes Land.)

Aber da er diesen kurzen Satz so gut aussprach, wollten sie sich weiter mit ihm
unterhalten und konnten gar nicht verstehen, dass sein Portugiesisch dazu nicht
reichte.

Eines Tages gingen sie in das Maisfeld von Rinaldos Vater und hackten die Erde.
Die war trocken und steinhart und die Arbeit war bei der Hitze eine arge Schinderei.
Rinaldo zeigte ihm andere Felder, auf denen Tabak, Maniok und Süßkartoffeln
wuchsen. Er ließ Timo den würzigen Geruch der Tabakblätter riechen, die Senhor
Enrico trocknete, um sich daraus Zigaretten zu machen. Und Rinaldo verriet ihm
noch, dass man die Blätter auch nimmt, um sie auf eine Wunde zu legen, damit sie
besser heilt.

Timo staunte über die vielen Sorten von Orangen, Mandarinen und Zitronen im
Obstgarten, alle viel saftiger und aromatischer als in Deutschland, und schlürfte
genüsslich die köstlichen caquí, die wie Tomaten aussahen und an einem hohen
Baum hingen.

Einmal sah er ein Reisfeld, auf dem die Pflanzen nicht im Wasser standen, wie er es
in Filmen über Japan gesehen hatte, sondern ganz normal angebaut wurden wie
andere Feldfrüchte. Er lernte auch, was es mit den ausgekauten Maiskolben neben
der Toilette auf sich hatte. Die nahm man zum Poabwischen und warf sie dann den
Hühnern zu, die sie begierig auspickten.

Und dann gab es noch eine große Aufregung.

49
50
Am ersten Sonntag waren sie alle in die Messe gegangen. Timo hatte noch nie einen
Gottesdienst besucht. Als Esmeralda in der Kirche plötzlich auf dem Boden
niederkniete und sich bekreuzigte, wäre er fast über sie gestolpert. Er hatte sich dann
bemüht, das zu machen, was alle taten: niederknien, aufstehen, hinsetzen, singen,
beten, und zum Schluss fing der Pfarrer an Rotwein zu trinken und legte jedem ein
rundes Stück Papier auf die Zunge.

Auf dem Rückweg hatte ihn Esmeralda gefragt, ob in Deutschland die Messe auch
so sei wie hier. Sie hatte ein wenig verstört gewirkt, als Timo sagte, dass er noch nie
in einer gewesen sei und in der Schule eine ganze Menge Schüler nicht den
Religionsunterricht besuchten, sondern nur an den Ethikstunden teilnahmen. Zu
Hause hatten dann alle miteinander getuschelt, mit bedeutungsvollen Blicken zu ihm
hinübergesehen, und Esmeralda nannte ihn fortan diabo47 (Teufel).

Timo hatte das schon vergessen, als jetzt plötzlich der Pfarrer kam und ihm einen
langen Vortrag darüber hielt, dass seine Seele ohne Taufe verdammt sei und die
Gottlosen in die Hölle kämen. Dann gingen sie zusammen mit Rinaldos Eltern in das
kleine Wohnzimmer, wo ein Kruzifix in der Ecke hing, und Timo wurde getauft. Dona
Maria und Senhor Enrico waren seine Paten und er bekam von ihnen einen
Rosenkranz geschenkt.

Ob er nun auch in den Religionsunterricht zu Frau Seligmann müsste, die mit ihrem
Haarknoten und der dunklen Brille so streng aussah?

Timo zog es vor, nicht darüber nachzudenken und arbeitete lieber an einem Bild, das
er seinen Pateneltern schenken wollte: Aus Maiskörnern, Reis und Sojabohnen
klebte er auf einem Brett ein Schiff zusammen. Und den Rosenkranz hatte er einfach
in seine Hosentasche gesteckt, weil er nicht wusste, was er damit anfangen sollte.

Als er den beiden sein Bild beim Abschied überreichte, freuten sie sich sehr.
„Du denks’ wohl schon an deine Reis’ heim!“, sagte Dona Maria, und ihr Mann
meinte nachdenklich, mit so einem Schiff seien einmal ihre Großeltern nach Brasilien
gekommen.

Dann die lange Rückfahrt nach Rio. In Boa Vista gab es eine böse Überraschung.
Irgendetwas stimmte mit den Fahrkarten nicht. Für sie waren keine Plätze in dem
durchgehenden Bus nach Rio reserviert!

Rinaldo schimpfte fürchterlich. Aber was half’s? Bis zur nächsten Woche waren alle
Busse besetzt. So fuhren sie nun in kleinen Etappen von einer Stadt zur anderen.
Das war umständlich, doch kamen sie vorwärts: Erst nach Belém, dann nach
Recife48, wo sie Zeit für einen Abstecher in die alte Kolonialstadt Olinda hatten.
Weiter über Bahia und Fortaleza49 in einem großen Bogen wieder nach Brasília und
über São Paulo endlich nach Rio.

Bei der Fahrt, die kein Ende nahm, hatte Timo das Gefühl, Brasilien sei grenzenlos
und war froh, als er auf den Wegweisern sah, dass São Paulo und damit auch Rio
nicht mehr weit waren.

47
diabu
48
Ressife (-e wie das Schluss-e in eine)
49
Fortaläsa (-o wie Post)

51
52
Als die ersten Lichter São Paulos sichtbar wurden, öffnete Timo das Fenster und ließ
den betäubenden Duft der Tropennacht hereinwehen. Das Rauschen des
Fahrtwindes ging bald über in das näherkommenden Getöse der Metropole. Wie ein
Schiff zerteilte der Bus das dichter werdende Lichtermeer. Und Tausende von
Zikaden morsten sich zirpend die Botschaft zu:

„Timo ist zurück!“

Unerwartet überblickte er von einer Anhöhe die Lichterfülle der Millionenstadt im


Spiegel des Sternenhimmels, durchschnitten von dahinhuschenden
Feuersalamandern, die rotgelbe Spuren auf den Straßen hinterließen. Mit leisem
Brummen zogen Glühwürmchen mit roten und grünen Lampen an ihren Flügeln über
die Stadt., einige immer höher hinauf, bis sie mit den Sternen eins wurden, andere
verschwanden zwischen den Straßenlaternen und schienen in die leuchtenden
Fenster der Häuser zu streben. Und darüber gab die mächtige Kuppel des
Himmelsgewölbes dem rastlosen Treiben Ruhe und Grenzen.

In Forquilinha hatte die Natur Timo oft erschreckt, wenn er ihre Lichter und
Geräusche nicht zu deuten vermochte. Das Gebrüll der Ochsenfrösche war für ihn so
bedrohlich gewesen wie die plötzlich aus dem Dunkel auftauchenden unheimlichen
Glutpunkte, die auf ihn zuschwebten und sich in kleine Käfer mit blinkender Lampe
am Hinterteil verwandelten.

Die mächtige Silhouette der Eukalyptusbäume am Rio Tacatu hatte sich drohend
über dem Häuschen von Senhor Enrico und Dona Maria emporgereckt, erst das
silbrig schimmernde Licht der Sterne und der klare Glanz des Mondes hatten ihm die
Vertrautheit alter Märchen zurückgegeben. Das Kreuz des Südens war zu seinem
zuverlässigen Begleiter geworden, wenn er sich abends trotz der Angst seiner
Gastgeber vor Räubern und wilden Tieren hinausgetraut hatte.

Klein und unwichtig in der grenzenlosen Weite der dunklen Landschaft hatte er, der
Forschungsreisende am Tacatu, mit seiner Machete mutig auf die Büsche
eingehauen, wenn das Aufblitzen eines Glühwürmchens einen Zigarette rauchenden
Wegelagerer zu verraten schien.

Als sich nun allmählich das Häusermeer São Paulos um ihn schloss, erlebte er den
Schutz einer Stadt inmitten der unheimlichen Welt einer ungebändigten Natur.

Bei seinem ersten Besuch in dieser Stadt hätte Timo sich am liebsten nur in den
düsteren Kavernen der U-Bahn bewegt. Nun aber – nach seiner Rückkehr von der
Entdeckungsreise ins Innere Brasiliens – wurde der reißende Strom des Verkehrs zu
einem warmen Fluss. Mit geschlossenen Augen vertraute er sich dem stärker
werdenden Tosen an und ließ sich neben dem schon lange eingeschlafenen Rinaldo
durch die Nacht nach Rio tragen.

Dort war er wie ausgewechselt. Es hielt ihn nicht mehr im Haus. Er begann - auch
gegen den Protest seiner Tante - herumzustreifen und die Umgebung der Villa zu
entdecken.

53
54
Als Luisa und Rinaldo mit ihm zum Einkaufen fuhren, sah er auf dem Parkplatz des
Supermarktes Kinder Fußball spielen: Jungen aus der nahegelegenen favela mit
durchlöcherten Turnschuhen und zerrissenen Jeans. Da überkam ihn eine
unbändige Lust mitzumachen. Er ließ seine Begleiter stehen, wo sie waren, und lief
zu der Ecke des Platzes, auf dem die Kinder ein Spielfeld markiert hatten. Schon
hatte Timo den Ball und kickte eifrig mit.

Luisa wandte sich verzweifelt an Rinaldo:

„O menino 'ta jogando bola com os moleques da maloca!“ (Der Junge spielt mit’n
Bambusen vonner favela Fußball!)

Rinaldo beruhigte sie:

„Deixe-o brincar tranquilamente, não vai acontecer nada.“ (Lass ihn ruhig spielen,
wird schon nichts passieren.)

Dann ging er zu Timo und sagte:

„Du kennst doch den Weg. Komm aber bis zum Essen zurück, gell!“

Und Timo spielte mit den anderen, bis ihm der Schweiß nur so herunterlief. Bevor er
wegging, versprach er am anderen Tag wiederzukommen:

„Amanhã, amanhã!“ (Morgen, morgen!) sagte er und zeigte auf sich.

Die Jungen nickten zustimmend: „Claro, pode voltar!“ sagte der Anführer der Gruppe.
(Klar, kann’s wiederkommen!)

Als er nach Hause kam, war seine Tante entsetzt:

„Mach’ das nie wieder! Die haben doch alle Läuse und Flöhe! Wie soll ich das nur
deiner Mutter klarmachen, wenn du voller Ungeziefer zurückkommst!“

Aber Timo setzte sich durch und am nächsten Tag war er gleich nach dem Frühstück
wieder dabei.

Die besten im Team hatten die Namen von berühmten brasilianischen


Fußballspielern. Da waren ein Falcão50, ein Sócrates und ein Pelé. Timo bekam, weil
er am Tag zuvor zwei Tore geschossen hatte und Deutscher war, den Namen
Beckenbauer.

Pelé kannte er ja von Fotos, den bärtigen Sócrates hatte er schon im Fernsehen
gesehen, aber wer war Falcão? Seine neuen Freunde zeigten auf die großen Plakate
einer Hemdenreklame an einer Wand des Supermarktes. Darauf war Falcão
abgebildet, übermannsgroß, auf jedem Poster mit dem Trikot einer anderen
brasilianischen Mannschaft.

50
Falkaun (-n nasal)

55
„’ta o craque do time nacional“, sagte einer (Der’s jetz’ Nationaltrainer.)

In der Nacht träumte er von einer Fußballmannschaft, in der jeder Spieler das
Gesicht von Falcão hatte.

Als Timo wieder zum Fußballspielen kam, nahmen ihn seine Kumpel an die Hand
und redeten immer von „musica“, „concerto“, „Paraguay“. „Vem, vem!“, (Komm,
komm!) sagten sie. Sie gingen ein ganzes Stück weg von ihrem Stadtviertel, ließen
die favela hinter sich, die Straße wurde immer schmutziger, bis sie zu einem großen
Müllplatz kamen.

Dort war der Klang von Violinen zu hören. Er durchbrach das Getöse der Müllkräne,
den Lärm der an- und abfahrenden Lastwagen, das Gebell streunender Hunde. Die
Feuerwerksmusik ertönte. Oder war’s die Wassermusik von Händel? Timo war nicht
sonderlich gut in Musik, aber seine Schwester spielte im Schulorchester mit und bei
ihrer letzten Vorstellung in der Kirche mit Barockmusik war Timo dabei gewesen. Die
Bühne dieses Orchesters hier war die Müllhalde! Die Musiker, Kinder und
Halbwüchsige, spielten nicht auf normalen Instrumenten. Sie spielten mit dem, was
so eine Müllhalde in Fülle zu bieten hat: Abfall. Eine ausrangierte Röntgenröhre
diente als Trommel, alte Löffel als Wirbel für Saiteninstrumente. Die Klappen für die
Blechbläser waren aus Münzen und Kronkorken. Die Musik war schön, aber ein
süßlicher Geruch von Verwesung lag in der Luft und an einigen Stellen stieg Rauch
auf, dessen Gestank die Atmosphäre verpestete. Überall kramten Menschen im Müll
herum, unbeeindruckt von dem Konzert: Frauen mit Babys auf dem Arm, Kinder; ein
Mann hüpfte auf einem Bein zu einem gerade abgeladenen Müllhaufen, ein anderer
lag schlafend im Dreck.

Unter den Zuhörern waren Pater vom Jesuitenkolleg Saint Aloysius. Einer konnte
Deutsch und klärte Timo auf. Diese Jugendlichen waren aus Paraguay, von einem
Projekt für Straßenkinder. Sie hatten mit geschickten Händen in einer Werkstatt der
Jesuitenmission aus Abfall Gitarren, Cellos und Flöten gebaut und waren vom Kolleg
eingeladen worden, denn sie gaben Konzerte sogar im Ausland.

Als er nach Hause zurückkam, haftete natürlich der Geruch vom Müllplatz an seiner
Kleidung und seine Tante hatte überhaupt kein Ohr für Timos Bericht:

„Du wirst noch krank! Auf dem Müllplatz!“ Sie musst erst einmal Luft holen, bevor sie
weitersprach. „Ein Konzert! Und diese Straßenkinder, die stehlen wie die Raben! In
der letzten Woche haben sie die Frau von unserem Nachbarn auf der Straße
überfallen und ihr die Tasche geklaut. Am helllichten Tag“, und wieder versagte ihr
die Stimme und sie rang nach Luft, “mitten in der Stadt! Und die polícia stand dabei
und tat gar nichts.“

Am Sonntag hatte Timo die unerwartete Gelegenheit mit Tio Marcos ins Maracanã51-
Stadion zu gehen. Dort gab es ein Fußballspiel zwischen den Mannschaften Cruzeiro
aus Belo Horizonte52 und Botafogo53 aus Rio. Sein Onkel kannte den Manager von
Cruzeiro und hatte Freikarten bekommen. Und nachdem er Timo als zukünftigen
deutschen Fußballstar und als Fan von Falcão vorgestellt hatte, durfte er sogar beim
Training zusehen.
51
Marakanan (-an nasal)
52
Bälu Orisonti (-o wie in Opa)
53
Botafogu (-o wie in Post)

56
57
So fuhren sie einige Stunden vorher zu dem Platz, wo die Mineiros übten - Mineiros
heißen die Brasilianer aus Minas Gerais und Belo Horizonte ist die Hauptstadt dieses
Bundeslandes.

Als die Spieler sahen, wie Timo bei jedem guten Schuss Beifall klatschte, luden sie
ihn ein mitzumachen. Er bekam ein Trikot von Cruzeiro und durfte ins Tor. Die
Spieler übten sich abwechselnd im Tore schießen, und Timo strahlte, wenn es ihm
gelang den Ball zu halten. Er meinte Beifallsrufe von den Rängen zu hören.
Angesichts seiner Paraden rasten die Zuschauer vor Begeisterung. Und ihr Jubel
kannte keine Grenzen, als er einen Elfmeter hielt. Sie rollten Transparente mit
seinem Namen aus und schwenkten die deutsche Fahne.

Die größten Fußballstars der Welt rissen sich darum, Timo Alemão54 – Timo, den
Deutschen – auf die Probe zu stellen: Falcão, Maradona, Völler, Schillaci55, Mueller,
Gascogne und wie sie alle hießen. Es war ihnen eine Ehre auf sein Tor zu schießen.

Aber in Wirklichkeit drückten sich nur wenige Schaulustige am Zaun des kleinen
Spielfeldes herum. Was ließ Timo die Welt vergessen? Spürte er etwa schon ganz
tief in seinem Herzen die nahende Trennung von seinen brasilianischen Freunden?

Die Zeit nach dem schwierigen Anfang war wie im Flug vergangen. Völlig vergessen
hatte er, dass die Ferien fast vorüber waren. Nur eine Woche hatte er noch bis zu
seinem Abflug. Doch zu Hause wartete eine Überraschung auf ihn.

Sein Onkel musste geschäftlich in den Süden, nach Blumenau. Und Timo durfte mit.

Blumenau, das ist ein Ort nicht nur mit deutschem Namen, sondern auch mit vielen
Deutschen, die sich hier angesiedelt hatten, weil die Stadt in einer Landschaft liegt,
die so aussieht wie an der Mosel. Manche sprechen immer noch besser Deutsch als
Portugiesisch und leben so, als hätten sie ihre Heimat mitgenommen.

Kleine Bauern, Handwerksleute


und noch andre Leidsgenossen,
die da darbten an der Mosel,
auszuwandern sich entschlossen.
Nach Brasilien! klang die Losung,
nach dem Paradies im Westen,
wo mit goldnen Pomeranzen56
sich die faulen Tiere mästen.

Mit solchen Sprüchen habe man damals Deutsche geworben nach Brasilien
auszuwandern, hatte ihm Dona Maria erzählt. „Aber das Paradies fand hier keiner“,
hatte sie geklagt. „Im Gegenteil, damit sie ihre Überfahrt bezahlen konnten, mussten
sie sich für die Arbeit auf einer der fazendas verpflichten und ein Leben lang ihre
Schulden zurückzahlen. Unsere Großeltern haben gedarbt, bis sie starben. Meine

54
Alemaun (-aun nasal wie in São Paulo)
55
Skillatschi
56
Orangen oder Apfelsinen

58
59
Oma hat in der Früh’ das Vieh versorgt und ist dann in die rossa capienen. Der Opa
hat den Mato gefoisst, um Aipi zu pflanzen...Und das alles für nichts.“57 Sie war so
erregt bei dem Gedanken an das Unrecht, das ihren Großeltern widerfahren war,
dass sie in ihren Dialekt verfiel. Aber als sie Timos fragende Miene sah, erklärte sie
ihm den portugiesisch-deutschen Mischmasch und schloss: „Im Paradies gelebt
haben nur die Herrn, das war nicht anders als bei uns daheim.“

Nun flog Timo mit Tio Marcos in dessen schnittigem Firmenjet über eben diese
fazendas. Auf einer von ihnen hatten vielleicht vor bald 100 Jahren die Großeltern
von Dona Maria und Senhor Enrico geschuftet. Riesige Rinderherden weideten auf
den Pampas, und als der Pilot einmal ganz tief hinunterging, waren auch die
Viehhirten, die gaúchos58 gut zu erkennen, die neben den Rindern hin und her
galoppierten und schimpfend nach oben drohten, weil der Flieger ihre Tiere
erschreckte.

Blumenau war dann ganz anders als der Name versprach: Das Zentrum wie das aller
größeren Städte Brasiliens voller Hochhäuser, nur vereinzelt standen dazwischen
kleine Häuser mit spitzen Giebeln und sogar Fachwerk wie in Deutschland.

In dem Betrieb, den sein Onkel besuchte, fragte man ihn ausführlich über seine
Heimat aus. Alle wollten wissen, ob es dort noch sauber und ordentlich sei so wie vor
dem Krieg. Ein älterer Mann, der 1936 die Olympiade in Berlin besucht hatte, war
von Nazideutschland immer noch beeindruckt und sagte, Brasilien müsse auch so
werden. Und der Krieg, der habe Europa gut getan. Es habe viel zu viele Menschen
gegeben und keinen Lebensraum für sie. Nur die besten und härtesten seien
übriggeblieben. So habe das neue Deutschland mit frischem Blut aufgebaut werden
können. Als Timo erzählte, dass sein Großvater bei der SS, den berüchtigten
Elitesoldaten Hitlers, gewesen sei, nickte er anerkennend:

„Ah, bei der Reiter-SS! Ja, das waren noch Soldaten!“

Und das mit Auschwitz, das sei doch alles erlogen. Er habe gerade ein Buch darüber
gelesen. Von einem Franzosen. Überall gebe es ja noch Juden. Ganz Israel sei voll
davon. Auch Brasilien. In Deutschland seien sie auch schon wieder. Aber noch
schlimmer die Ausländer, alles Schmarotzer und Arbeitsscheue, genau wie die
Studenten, eine Demonstration nach der anderen, die Jugend kenne keinen
Respekt, an den vielen Attentaten seien nur die Kommunisten schuld. Und überhaupt
die Kriminalität. Wie sicher sei Deutschland doch früher gewesen!

Dann eine lange Fahrt mit dem Jeep auf einer staubigen Straße. Auf der fazenda des
Direktors eine herzliche Begrüßung und eisgekühlter Matetee im Schatten der
Veranda. Ein Besuch bei den Pferden. Und der Vorarbeiter stellte Timo seine Kinder
vor, die mit Vornamen Hitler und Hess hießen, die Tochter Eva.

„Wie die Frau von Hitler, Eva Braun!“, meinte er stolz.

57
am frühen Morgen hat meine Mutter das Vieh versorgt und ist gleich auf den Acker jäten gegangen, mein Vater hat das
Unterholz weggehackt, um Maniok zu pflanzen...
58
ga-úschus

60
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Trennung

Wie Timo Heimweh bekommt und sich von seinen neuen Freunden trennen muss

Timo bekam Heimweh. Die vielen Deutschen in Blumenau, die Häuser inmitten
gepflegter Gärten, frisch gestrichen und mit Holzzäunen, erinnerten ihn allzu sehr an
Deutschland. Ihr Deutsch, ein wenig so wie der Dialekt seiner Heimatstadt, hatte in
ihm die Sehnsucht nach Winter, Frühling, Sommer und Herbst wach gerufen, weg
von dem Gleichmaß der Tropen mit ihren erdrückenden Farben und Düften.

So schön die Sonne auch war, ihre Helligkeit ermüdete. Die dampfende Feuchtigkeit
nach den Regengüssen erfrischte nicht, sondern machte träge. Und dann die kurzen
Tage! Es war schon merkwürdig, wenn es fast Punkt sechs schlagartig dunkel wurde,
als hätte einer das Licht ausgeknipst, und zwölf Stunden später ging es pünktlich
wieder an.

Aber ihn begann der Gleichmut der Brasilianer anzustecken, deren Leben von
Geburt an festgelegt ist – wer einmal arm ist, bleibt es, wer reich geboren wird,
braucht sich keine Sorgen mehr zu machen.

Bei den Eltern von Rinaldo und João hatte er sich fast schon wie zu Hause gefühlt.
Die Schule war vergessen, die Klassenarbeiten, die Hausaufgaben, seine
Projektarbeit. Die Kinder hier gingen ja auch nicht alle zur Schule und wurden
trotzdem Fußballstars!

In Rio holte ihn die Wirklichkeit schnell ein. Seine Cousins mussten wieder in die
Schule. Die „Winterferien“ waren zu Ende, und einige von der Fußballmannschaft
waren auch nicht mehr da.

Die Tante machte Stress, weil so viel zu erledigen war, bevor er abflog. Sie wollte
Geschenke für seine Eltern kaufen, ins Reisebüro müssten sie, um seinen Flug zu
bestätigen und so weiter.

Sein Onkel hatte ihm zum Abschied eine kleine Kamera geschenkt, die Timo nun
ausprobierte. Angela und Roberto konnte er auf den Film bannen, als Roberto seiner
Schwester mit der Zwille gerade eine Bohne auf den Po geschossen hatte. Der
Schütze stand so da, als wäre nichts gewesen, und sein Opfer ging hochnäsig an
ihm vorbei.

Der Rotschopf Roberto war ein rechter Lausbub. Wenn er kein lohnendes Ziel für
seine Zwille fand, spielte er mit dem Kreisel, den er mit einer Peitsche vor sich
hertrieb oder er ließ Drachen steigen, die er zusammen mit Timo baute. Sie hatten in
der Garage eine kleine Fabrik organisiert: Roberto beschaffte das Material, Timo gab
fachmännische Ratschläge, und ein farbiger Junge aus der favela machte die Arbeit.
Dafür bekam er ab und zu einen Drachen zum Verkaufen.

Timo hatte sich mit Roberto in letzter Zeit gut verstanden, und zum Schrecken der
Tante waren sie gemeinsam auf der großen Palme hinten im Garten herumgeklettert.
Angela war ruhiger, sie konnte stundenlang vor der Glotze hocken. Wenn sie keine
Schule hatte, fing sie morgens mit der Xou da Xuxa an und nachmittags und abends

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ging es mit den scheußlichen Telenovelas weiter, bei denen Tante Denise ihr
Gesellschaft leistete.

In den Fernsehpausen ging sie am liebsten mit ihrer Mutter Schoppen und kam stolz
mit modischem Krimskrams zurück, den sie ihren Freundinnen nicht schnell genug
vorführen konnte. Dann war das Haus voll mit albernen Mädchen, die einander
zutuschelten, was für ein hübscher Junge Timo sei. Der wurde puterrot und verzog
sich schleunigst.

Und die Tante und der Onkel? Wie sie auf seinem Foto neben ihrem flotten
Sportwagen standen, sahen sie schick und perfekt aus, Schaufensterpuppen auf
einer Autoreklame aus einer Zeitschrift. Sie waren nett zu ihm gewesen, hatten ihm
seine Reise nach Brasilien überhaupt erst ermöglicht. Aber obgleich er mit seiner
Tante São Paulo besucht hatte und mit seinem Onkel Blumenau, so waren sie ihm
doch fremder als andere, mit denen er viel kürzer zusammen gewesen war.

Manchmal kam es ihm vor, als lebten sie in ihrem prächtigen Haus mit den vielen
Zimmern und dem großen Garten, ihrem Leben mit teuren Autos, Partys und dem
alltäglichen Hin- und Herjetten wie unter einer Glasglocke. Von dem „anderen“
Brasilien nahmen sie kaum Notiz. So wie ein Expresszug nur die großen Städte
anfährt und die dazwischenliegenden wie Schemen vorbeihuschen, verlief ihr Leben
zwischen Villa, Party, Shopping und Business. Alles andere, die Bettler, die
Elendsviertel, die ständig steigenden Preise. Das war nur die Kulisse eines
Schauspiels, in dessen Mittelpunkt sie standen.

Als er seine Tante einmal gefragt hatte, ob sie den Armen nicht etwas von ihrem
Geld abgeben könnten, hatte sie geantwortet:

„Wir Reiche sind zu wenige, das würde gar nichts bringen. Das wäre nicht mehr als
ein Tropfen auf einen heißen Stein. Außerdem wollen die sowieso nicht arbeiten,
kriegen Kinder wie die Kaninchen und sind alle Verbrecher.“

Das hatte Timo zunächst eingeleuchtet. Was sollen so wenige Menschen für so viele
machen können?

Aber vielleicht würde er später einmal merken, dass es auf der ganzen Welt nicht
anders ist als in Brasilien: Da gibt es reiche Länder und arme. Und er kam aus einem
der reichen.

Unterwegs hatte er Holzlaster gesehen, Bananentransporter, war über


Kaffeeplantagen geflogen und Viehherden. Im Hafen von Rio sammelten sich die
Güter und wurden in alle Welt verschifft, um in den Kaufhäusern und Baumärkten zu
Sonderpreisen verkauft zu werden. Wer macht sich schon Gedanken darüber, dass
das bisschen Geld, das für die Bananen im Supermarkt bezahlt wird, für die
brasilianischen Landarbeiter, die Lastwagenfahrer, das Dieselöl und den
Schiffstransport reichen muss. Und natürlich auch für die Besitzer der Plantagen, die
Speditionen und all die anderen, die mit dem Transport und dem Verkauf der
Bananen etwas zu tun haben. Nur sind die Arbeiter unter der heißen Tropensonne
die Letzten und die Schwächsten in dieser Kette. Bleibt da für sie überhaupt noch
etwas übrig?

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Als Timo sich nun aufmachte, um Brasilien zu verlassen, war er nachdenklicher
geworden. Aus dem kleinen Träumer war ein reifer Junge geworden, der inzwischen
mehr von der Welt gesehen hatte als seine Klassenkameraden und vielleicht sogar
mehr als sein Geografielehrer.

Ihm fiel es schwer sich von allen zu trennen. Luisa standen die Tränen in den Augen,
als er sich verabschiedete. Sie steckte ihm eine große Tüte mit pipoca59 - Popcorn
auf Portugiesisch - zu, das sie für ihn gemacht hatte. Rinaldo drehte mit ihm noch
eine Runde auf seinem Motorrad, umarmte ihn ganz fest und nannte ihn „amigão“60,
was „großer Freund“ bedeutet.

Timo versprach bald zurückzukommen. Aber im nächsten Jahr würden erst einmal
Angela und Roberto nach Deutschland fahren. Danach wäre Sven dran, vielleicht
könnte Anja mit. Und er? Eventuell erst mit einem Stipendium, wenn er angefangen
hätte zu studieren. Aber dann würde er ein ganzes Jahr bleiben.

Alle begleiteten ihn zum Flughafen und mit vielen „Tiaozinhos61“ wurde er der
Stewardess übergeben.

Timo war am Ende seiner Reise. Piranhas und Kopfjäger hatten ihn nicht bedroht.
Dafür hatte er den ausgestopften Raubfisch für Anja im Gepäck und auch den
Kokosnusskopf für Sven. Sogar die Briefmarken hatte er nicht vergessen. Für seine
Eltern hatte er eine große Familienhängematte mitbekommen. In der würde er sich
auf der Veranda rekeln, seine Geschwister bekämen einen Platz an seiner Seite, und
seine Eltern – die hatten doch sowieso nie Zeit. Aber Ilo, der würde sich auf dem
Stierfell breit machen, das sich außerdem in seinem Gepäck befand.

Und was nahm er von seinen Erlebnissen mit?

Waren es die Wolkenkratzer in São Paulo, der rote Staub der Erdpisten, die
verlorenen Indianer am Rand der Straßenschneisen durch den Urwald, das
Fußballspiel im Maracanã, die gaúchos auf der fazenda oder die alten Nazis in
Blumenau?

Viele Eindrücke hatten sich unvergesslich in sein Gedächtnis eingegraben, aber


wichtiger war jetzt die Erinnerung an Elizabeth, die Freundin seiner Cousine. Sie
hatte lustige Zöpfe und hatte ihm beigebracht, wie die großohrigen Telefone
funktionierten.

Und an Francisco, den freundlichen Arbeiter auf der U-Bahn-Baustelle in São Paulo.
Er hatte seiner Tante die lehmverschmierte Tasche herausgeholt, die ihr beim
Stolpern in die Baugrube gefallen war.

Dann an Iracema62, das Indianermädchen, das ihn auf seiner Reise in den Nordosten
während einer Pause in einem Restaurant um Essen gebeten hatte.

59
pipoka (-o wie in Post)
60
amigaun (-aun nasal in wie São Paulo)
61
wie italienisch Ciao und dann –sinjus (-j wie Ja)
62
Irassema

66
67
Auch Terezinha63, die Tochter eines Nachbarn in Rio, würde er nie vergessen. Sie
war die beste Schülerin ihrer Klasse und hatte Timo etwas Portugiesisch
beigebracht.

Und Anna, die Tochter des Direktors in Blumenau. Sie war eine wilde Reiterin und
hatte ihn auf ihrem Pferd mitreiten lassen.

Zu den Menschen, die Timo kennen gelernt hatte, gehörte auch Luíz64, ein fast
immer betrunkener Schuhputzer, der weder lesen noch schrieben konnte; Carlos, der
stolze Feuerwehrmann; Nelson65, der flinke Verkäufer in der Bäckerei beim
Supermarkt; Geraldo66, der kleine Angestellte aus Olinda, der ihnen die Stadt gezeigt
hatte; Claudia, die große Schwester von Rinaldo; Rubens67, der Fischer, der ebenso
melancholische Lieder sang wie João; Alexandre68, der Viehhirte aus dem
Nordosten, von dem er gelernt hatte, dass die Cowboys hier „vaqueiros69“ heißen
und nicht „gaúchos“ wie im Süden; Lalá, das Mischlingsmädchen aus Mamamguapé:
Oswaldo70, der kleine Mischling aus der favela in São Paulo, durch dessen Hütte ein
Baum wuchs; Julia aus der Nachbarschaft in Rio, die immer Inliner mit dem Walkman
auf den Ohren lief.

Und die vielen, vielen anderen, an deren Namen sich Timo schon nicht mehr
erinnern konnte. Deren Gesichter aber waren in ihm lebendig geblieben. Nun waren
sie alle nicht mehr da und er würde sie lange oder vielleicht niemals mehr wieder
sehen. Er fühlte sich ein wenig einsam in dem voll besetzten Flieger.

Und die Palmen, die er bei seiner Ankunft so vermisst hatte?

Er hatte sie noch zu sehen bekommen: am Strand, an den Straßen und sogar im
Zentrum von São Paulo, wo vier ganz hohe vor dem Stadttheater standen. Aber sie
waren nicht mehr so wichtig gewesen, wie auch seine Träume von den Kämpfen mit
blutrünstigen Urwaldindianern bald vergessen waren.

Bald lag Europa wieder unter dem Flugzeug. Von weitem konnte er die Alpen mit
ihren schneebedeckten Bergen sehen. Es war fast dunkel, als das Flugzeug schon
tief über die vertrauten Mauern und Türme seiner Heimatstadt dahinflog.

63
Teresinja (-s wie in Rose)
64
Lu-iss
65
Nelsson (-n nasal)
66
Geraldu (-g wie in Garage)
67
Rubens (-n nasal)
68
Aleschandri
69
wakeirus
70
Oswaldu

68
Anhang

Tapire, schweineähnlich, aber verwandt mit den Pferden und


Nashörnern; schwerfällige, kurzsichtige Pflanzenfresser.
Weniger die Jagd als die Zerstörung ihres Lebensraumes ist
der Grund, warum ihre Zahl gesunken ist.

Jabiru (Negervogel), der größte Vogel in Brasilien aus der


Familie der Störche, er hat einen langen, schwarzen
Schnabel und keine Zunge. Der Hals ist braun, der Leib weiß
und die Beine schwarz. Die holländischen Kolonisatoren im
brasilianischen Nordosten nannten ihn Negervogel, weil es
von ferne scheint, als wäre er ein schwarzer Mensch, der ein
weißes Tuch um den Leib gebunden hat. Wenn er
aufgerichtet geht, kann er einen Mann auf den Kopf picken.

Fliegende Fische können mit ihren flügelähnlichen Flossen


im Gleitflug über die Wasseroberfläche hinausspringen und
30 bis 50 Meter weit 1,5 Meter hoch dahingleiten. Sie
erreichen Höhen bis zu fünf Metern, so dass sie manchmal in
Boote geraten.

Caquí (Kaki)

Arara

Feijoada bras. Nationalgericht, wird mit Trockenfleisch,


Räucherwürstchen, Zunge, Schweineohren und -füßen,
Nelken, Lorbeer, schwarzen Pfefferkörnern, Knoblauch und
Zwiebeln gekocht, dazu werden Reis, farofa71 (geröstetes
und angemachtes Maniokmehl), gedünsteter couve mineira72
(Kohl aus Minas Gerais, außerhalb Brasiliens Grünkohl oder
Wirsing) und Orangenscheiben sowie eine molho da
pimenta73, eine Pfeffersauce, serviert.

Maniok Die Pflanze, deren schmackhafte Wurzel die Indios


Aipi(m) nannten. Sie nährt Menschen, Schweine, Kühe; gibt
Sago, Stärke, Kleister, Mehl und kann zu Schnaps vergoren
werden.

71
farofa (-o wie in Post)
72
koowi mineira
73
molju di pimenta (-o wie in Post, -n nasal)

69
Piranhas jagen vor allem Fische und Krustentiere, aber auch
größere Wirbeltiere, da sie mit ihren scharfen Zähnen
Fleischstücke aus der Beute herausreißen können. Sie
fixieren die Beute, schießen dann auf sie zu und beißen zu.
Mit Rüttelbewegungen (wie die Haie) lösen sie das
Fleischstück. Sie übernehmen die Rolle einer
"Gesundheitspolizei", weil sie durch das Vertilgen von
Tierkadavern Epidemien verhindern. Ihr
Aggressionsverhalten ist berüchtigt. Jedoch ist ihre in
Abenteuerromanen und -filmen gezeigte Gefährlichkeit
maßlos übertrieben.
Xou da Xuxa (Szene aus Xuxas Kindershow)

Bananenfalter Seine Raupen ernähren sich u.a. von


Bananen und können eine Plage in den Bananenpflanzungen
werden.

Lungenfische sind träge, sich nur langsam bewegende


Fische. Sie bevorzugen Sümpfe und ruhige, höchstens
langsam fließende, stark verkrautete Gewässer, die auch
sehr sauerstoffarm sein können. Die Fische sind Luftatmer
und ersticken, wenn sie daran gehindert werden, zur
Wasseroberfläche aufzusteigen. Die Trockenzeit überdauern
sie eingegraben mit einer Luftröhre im Schlamm. Ihr
Stoffwechsel ist dann sehr reduziert. Tiktaalik war ein
vorzeitlicher Bewohner des küstennahen Flachwassers; seine
Überreste (Fossilien) wurden in den Ablagerungen eines
Flussdeltas im Norden Kanadas gefunden. Die Brustflossen
nutzte er zur Fortbewegung auf dem Gewässergrund. Er
konnte sich u. a. durch Streckung der Schulter und des
Ellenbogens wie auf Vorderbeinen abstützen. Er gilt als
Übergangsform zwischen Quastenflosslern und
Landwirbeltieren (Amphibien etc.). Quastenflossler gibt es Tiktaalik
heute noch im Indischen Ozean.

Quastenflossler
Ameisenbären (Tamanduá) sind keine Bären, sondern mit
den Faultieren und den Gürteltieren verwandt. Sie ernähren
sich von Ameisen und Termiten.

70
Erläuterungen

Ausspeisung

Österreich: Versorgung mit Essen, Armenspeisung (Die Dialekte der Einwanderer vermischen sich mit
der Zeit.)

Bambusen

Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 124

Bambusen, eine in Deutsch-Südwestafrika allgemein eingebürgerte Bezeichnung für eingeborene Diener, besonders für die
halbwüchsigen, im Haushalt beschäftigten Farbigen. Eine interessante Erklärung für dieses Wort gibt E. Hahn, Berlin. Seine
Ausführung zeigt die Wanderungen, die eine kurze und praktische Bezeichnung infolge des modernen Weltverkehrs
durchmachen kann. Ursprünglich wurden von den nordamerikanischen Angelsachsen die Rothäute als Baboons d. i. Paviane =
Affen, Halbmenschen, bezeichnet. Von hier ist auf dem Umwege über Berlin und das Windhuker Kasino im Anfange der
neunziger Jahre dieses Scherzwort für eine minderwertige Menschenklasse in Südwestafrika verbreitet worden, wo es
allgemein in der Form "Bambus, Bambuse" gebraucht wurde. In der Umgangssprache der Seeleute auch ein ungelernter
Seemann. In der (nord-)deutschen Umgangssprache wurde es für (ungezogene) Kinder verwendet, vergleichbar mit dem
Begriff „Blagen“. (Ergänzung vom Verf.)

Plötzlich machte der Fahrer einen Schlenker und umfuhr einen Teller mit Reis und Bohnen auf dem Asphalt, daneben eine
Schnapsflasche, noch halbvoll, und eine Schachtel Streichhölzer. Was das wohl sollte! Welcher Penner hatte hier mitten
auf der Kreuzung sein Mittagessen vorbereitet? Aber Timo war viel zu träge um zu fragen. (S. 12)

Wenn er gefragt hätte, hätte ihm Rinaldo vielleicht geantwortet: Das gehört zu Macumba, so etwas wie die Vudoo-Kulte in der
Karibik. Die Sklaven aus Afrika brachten ihre Religionen mit und vermischten sie mit dem Katholizismus. Die Macumba spielt
auch heute noch eine große Rolle in Brasilien. Die Opfergabe auf der Kreuzung soll die bösen Geister von dem
Macumbazentrum, ihrer Kirche, fernhalten und jeder respektiert das.

71
Abbildungsverzeichnis

1 Titelbild Timos Robinsoninsel Collage


2 Bilderrätsel Rebus
3 Ein Brief kommt aus Brasilien Collage

3 Timo fliegt dem Flugzeug in einem rosa Ballon Collage


voraus
4 Timo als Drachenflieger Collage
5 Rio de Janeiro – Copacabana Collage
6 Timo – Mittelpunkt der Party seiner Tante Collage
7 Timos Traum vom Strand mit den Müllbergen Collage
8 Timos Traum vom Drachen mit den Collage
Wolkenkratzerzähnen
9 Timos Traum von den stürzenden Fassaden der Knitterbild
Hochhäuser

10 Indianern spiegeln sich in den Fenstern Rollcollage


11 Favela Collage, Assemblage
mit Stofffetzen
12 Der Reiseplan Collage, Frottage
13 Maria Fumaça in Porto Velho Collage
14 Abholzung des Urwaldes Lochcollage
15 Überschwemmung Collage
16 Straßenbau durch den Urwald Collage
17 Indianerleben 1 Collage
18 Indianerleben 2 Collage
19 Die Küchen von Dona Maria und Tante Denise Collage
20 Feijoada Collage
21 João Collage
22 Timos Bild mit dem Schiff Assemblage mit
Bohnen, Reis, Mais,
Draht
23 São Paulo bei Nacht Kreiscollage
24 Timos Traum von Falcão Collage
25 Timos Reise nach Blumenau Collage
26 Baum in den vier Jahreszeiten Collage, Assemblage
mit Gewürzen und
Puderzucker
27 Roberto und Angela Collage
28 Tante Denise und Onkel Marcos Collage
29 Timos Reiseroute Collage

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Der Autor: 1943 in Hamburg geboren, in Ritterhude / Bremen aufgewachsen,
Schulbesuch in Bremen, externes Abitur in Hildesheim, Studium der Medizin,
Biochemie, Literaturwissenschaft in Heidelberg, Stuttgart, Tübingen, Prag, São
Paulo. Experimentelle Texte, Kinderbücher u.a.m. Wichtig wurden Joachim
Kranzfelder / Bremen, das Collegium Academicum (CA) / Heidelberg, Ernst
Scheurlen / Heidelberg, Siegfried J. Schmidt / Bielefeld, Fritz Martini / Stuttgart, Jiří
Kolář / Prag, Marie-Luise Köstlin / Heidelberg, Günter Ammon / Berlin, Manfred
Pohlen / Marburg, Romilde Campos / Juiz de Fora – Brasilien, die brasilianischen
Freimaurer; posthum Hans Jonas, Emmanuel Levinas, Paul Feyerabend und
Menzius (孟子). Tätigkeiten in der Industrie, im Krankenhaus, bei der Post und beim
Fernsehen, Praktikum als Barfußarzt in Brasilien; daselbst verheiratet und
geschieden, drei Kinder; ebenda, in Russland, Litauen sowie im alten Deutschland
und im neuen Großdeutschland tätig als Manager im Bildungswesen und
Pädagoge. Zwischendurch Fernstudium der Pädagogik und Psychologie. Lebt in
Nordbaden.

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