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Inhalt

Vorwort 7 Einführung 13

Die frühen Jahre 17


Der transzendentale Bereich 27
Präludium der Leere 51
Kollision mit der Leere 61
Die entwertete Leere 89
Die Leere analysieren 101
Die Leere als die Weite erkennen 123
Das Geheimnis der Leere 145
Ein Leben in der unendlichen Weite 153
Epilog:
Gespräche mit der unendlichen Weite 175

Anerkennung 187
Vorwort

Es gibt nur eine Realität, eine Wahrheit, ein Bewußtsein,


das in diesem Moment durch Deine wie durch meine Augen
schaut. Sie ist das absolute Subjekt aller Objekte, die Basis des
Seins, in der alle Manifestationen erscheinen und vergehen,
und aus der sich alle scheinbar objektive Existenz
zusammensetzt. Wie Meister Eckehart es ausgedrückt hat: «Die
Augen, mit denen ich Gott sehe, sind die Augen, mit denen Gott
mich sieht.» Egal wie man es nennt, die Buddhanatur oder der
Geist, die Leere oder das Selbst - alle Religionen weisen in die
gleiche Richtung und bieten verschiedene Methoden an, sich
dieser Wahrheit zu nähern. Und doch ist, daran lassen die
esoterischen Traditionen keinen Zweifel, das Ganze ein
unbeschreibliches Mysterium, das der Verstand nicht erfassen
kann.
Das abgetrennte Selbst, das voller Sehnsucht die Wahrheit
erfassen möchte, muß zuerst als das erkannt werden, was es ist —
ein zwangsläufiges Gebilde bar jeglicher unvergänglicher Existenz
-, bevor wir offen sein können für die Erkenntnis, daß wir nichts
anderes sind als dieses Mysterium. So wie uns die großen Weisen
immer wieder daran erinnern: «Der Suchende ist das, was er
sucht; der Schauende ist das, wonach er Ausschau hält.» Es gibt
nichts anderes, nur das! Und damit haben wir den Punkt
erreicht, wo uns Worte nicht mehr weiterbringen und wir nur
voller Ehrfurcht das Unfaßbare bewundern können.
In jeder Epoche hat es einige seltene Individuen gegeben, die
uns durch ihre unerschütterliche Überzeugung und Klarheit
daran erinnern, daß wir genau dieses Unfaßbare sind. Eben weil
sie jenseits aller begrenzenden Identitäten sind und andere in
kei-
ner Weise als getrennt oder verblendet erachten, haben es diese
Weisen typischerweise abgelehnt, die Rolle eines Lehrers oder
Gu-rus anzunehmen. Für Ramana Maharshi zum Beispiel, den
großen Weisen aus Südindien, waren alle, die zu ihm kamen, das
eine heilige, untrennbare Selbst. Dieses Buch präsentiert uns
eine weitere Stimme, die uns ohne Umwege auf unsere Identität
mit dem Mysteriösen verweist - Suzanne Segal.
Genau wie bei Ramana geschah Suzannes Verwirklichung
sehr plötzlich, unerwartet und ohne jegliche Vorbereitungen. Sie
stand an einer Haltestelle und wartete auf den Bus - und im
nächsten Moment war sie niemand mehr. Ihre persönliche
Identität als Suzanne Segal löste sich in einem kurzen
Augenblick auf und kehrte niemals mehr zurück. Diese
Autobiographie, die Sie in den Händen halten, beschreibt die
außergewöhnliche Geschichte einer jungen, jüdischen Frau aus
dem mittleren Westen und ihre Versuche, mit dieser
übermächtigen Transformation klarzukommen, obwohl der
Verstand es unerbittlich als etwas Krankhaftes abstempelt, und
wie dann schließlich diese transformierende Erfahrung in eine
vollkommene Selbst-Verwirklichung erblüht.
Ich traf Suzanne Segal das erste Mal, als sie 1992 in meiner
Praxis für Psychotherapie erschien, um Hilfe gegen ihre Angst
zu suchen, die sie seit zehn Jahren gequält hatte. Seit dem
Moment, wo sich ihre persönliche Identität aufgelöst hatte, hatte
ihr Verstand darum gekämpft, diese Identität (allerdings ohne
jeglichen Erfolg) wiederherzustellen und sie auf höchst
beängstigende Weise davon überzeugt, daß mit ihr ganz
entschieden etwas nicht stimmte. Bei ihrem Versuch, mit
dieser Erfahrung klarzukommen, suchte sie Hilfe in der
westlichen Psychologie und hat sogar ihren Doktor in klinischer
Psychologie gemacht. Bevor sie zu mir kam, hatte sie fast ein
Dutzend andere Therapeuten aufgesucht, die alle darin
übereinstimmten, daß sie ein ernsthaftes Problem hätte -
obwohl sie natürlich niemand zu heilen vermochte.
Als mir Suzanne ihren andauernden Bewußtseinszustand
beschrieb, erkannte ich augenblicklich, daß mit ihr ein
tiefgehendes spirituelles Erwachen geschehen war, und teilte ihr
dies auch mit. Ich konnte jedoch nicht verstehen, warum sie so
starke Ängste hatte. Ich schlug ihr vor, mit ihren Fragen
meinen Lehrer Jean Klein aufzusuchen, der zu diesem Zeitpunkt
in der Nähe Gespräche über Advaita (Nicht-Dualismus) gab.
Nachdem er bestätigt hatte, daß die Abwesenheit eines «Ich»
alles andere als ein Problem sei, wie sie angenommen hatte,
sondern der «vollkommene» Zustand des Seins, gab Jean ihr
einige Ratschläge, wie sie mit der Angst umgehen sollte. Fast drei
Jahre lang sah ich sie nicht wieder.
Dann, im November 1994, erhielt ich einen Telefonanruf
von Suzanne, und sie fragte mich, ob ich bereit wäre, ihr bei der
Veröffentlichung ihrer spirituellen Autobiographie zu helfen.
Sie hatte in Umrissen einen Bericht von ihrer « Kollision mit der
Unendlichkeit» und den darauf folgenden Jahren
niedergeschrieben. Ich war bereit, ihr zu helfen, diesen Kern in
eine umfassendere Schilderung ihrer Reise zu entwickeln. Ich
ermutigte sie sogleich, auch die Details einzubeziehen, besonders
ihre Kindheit und ihre Jahre des Lernens und des Praktizierens
bei TM. Obwohl sie sich nicht daran interessiert zeigte, über ihr
persönliches Leben zu berichten - schließlich identifizierte sie
sich nicht mehr mit einer Person —, akzeptierte sie meinen
Vorschlag, denn ich gab zu bedenken, daß eine ausführlichere
Beschreibung den Leser stärker einbeziehen würde und die
Geschichte ihres Erwachens und des Kampfes des Verstandes,
damit zu Rande zu kommen, zugänglicher machen würde.
Kapitel für Kapitel nahm die Autobiographie die jetzt
vorliegende Form an. Während unserer Zusammenarbeit wurde
mir klar, daß die angsterfüllte Frau, die vor drei Jahren in meine
Praxis gekommen war, um Hilfe zu suchen, transformiert
worden war. Die Suzanne, die ich jetzt erlebte, war ein furchtloses,
fröhliches Wesen, das Liebe ausstrahlte und dessen
spirituelle
Weisheit auf einer Ebene war wie die der Meister des Zen und
Ad-vaita, die ich aufs höchste respektiere. Zugleich erschien sie
mir völlig normal, total zugänglich und ohne eine Spur von
Heuchelei oder Ehrgeiz - Qualitäten, die ich aus den Tagen
meiner Zen-Stu-dien als Gütezeichen eines erwachten Zustandes
kennengelernt hatte.
Ich fragte Suzanne, ob sie bereit wäre, unsere jeweiligen
Arbeitsstunden gegeneinander aufzurechnen, und sie willigte
ein. Im Gegenzug für jede Stunde, die ich an dem Buch
arbeitete, verbrachten wir eine Stunde damit, daß sie mir half,
mein eigenes spirituelles Verständnis zu vertiefen und zu
verfeinern. Ganz besonders war ich immer davon überzeugt
gewesen, daß die Gegenwart von Angst - die ich oft und ohne
einen offensichtlichen Anlaß erlebte — bedeutete, daß ich trotz
vieler Jahre des Praktizierens und zahlreicher Einblicke in die
Natur des Seins etwas falsch machte, was mich wiederum daran
hinderte, meine Einsichten ins tagtägliche Leben zu integrieren.
Mein Argument war immer: «Wenn ich doch nur diese Angst
loswerden könnte, dann wäre ich frei.» Doch je mehr ich
dagegen ankämpfte und versuchte, sie weg-zu-atmen, weg-zu-
läutern oder weg-zu-lieben, desto mehr schien sie sich zu
verhärten, sich festzusetzen.
Suzanne half mir zu verstehen, daß die Gegenwart von
Angst nichts weiter bedeutet, als daß Angst gegenwärtig ist. Sie
vernebelt nicht unsere wahre Natur, es sei denn, wir gehen der
Geschichte auf den Leim, die sie uns erzählt, oder halten die
Angst für etwas, das sie gar nicht ist. Tatsächlich enthält das
unbegrenzte Gewahrsein, welches unsere wahre Natur ist,
absolut alles, auch alle mentalen und emotionalen Zustände.
Angst, Ärger, Eifersucht, Traurigkeit und andere scheinbar
«negativen» Emotionen sind ebenfalls darin enthalten, wie
Seegras, das in dem unendlichen Ozean unseres Selbst
schwimmt. Nur gibt es kein separates Selbst, auf das sie sich
beziehen, denn wenn das Unendliche - das wir alle tat-
sächlich sind - wahrhaftig unendlich ist, wie könnte es dann
anders sein?
Nach ungefähr sechs Monaten und einigen wichtigen
Durchbrüchen meinerseits schlug ich Suzanne vor, sie mit
einigen meiner Freunde bekannt zu machen. Wie bei allen
anderen Gelegenheiten sagte Suzanne, daß dies geschehen
würde, wenn es «offensichtlich » wäre, und so ergab es sich erst
in den letzten Tagen des Jahres 1995, daß ungefähr ein Dutzend
von uns an einem Nachmittag im Haus eines Freundes
zusammenkamen. Es folgten weitere Zusammenkünfte, jedesmal
ein größerer Kreis als zuvor, und nach ein paar Monaten
drängten sich mehrere hundert Menschen in einer nahe
gelegenen Kirche, um ihr zuzuhören, wie sie ihre Geschichte
erzählte und Fragen beantwortete.
Trotz dieses wachsenden Zulaufs lehnt Suzanne es ab, sich
als Lehrer zu bezeichnen. Statt dessen besteht sie darauf, eine
«Beschreibende» des «natürlich auftretenden Zustandes» eines
jeden von uns zu sein. Egal was wir zu sein oder wie mißgeleitet
wir zu sein glauben, sie erinnert uns daran, daß wir in
Wirklichkeit die Basis des Seins selbst sind - sie bezeichnet es
als die «Unendliche Weite», jene unbegrenzte Substanz, aus der
alles besteht und in der alles verweilt. Diese Unendliche Weite
gehört niemand bestimmten, das heißt, es gibt gar kein
getrenntes Selbst, dem sie möglicherweise gehören könnte.
Als der Herausgeber des Yoga Journals seit zehn Jahren
habe ich eine gesunde Skepsis gegenüber Menschen entwickelt,
die sich als spirituelle Lehrer ausgeben. Nach vielen Stunden, die
ich als Herausgeber, Berater und Freund mit Suzanne verbracht
habe, kann ich aus vollster Überzeugung sagen, daß diese
bemerkenswerte Frau — weder Lehrer oder Guru, noch Heilige —
genau diejenige ist, als die sie sich auf diesen Seiten beschreibt.
Es ist tatsächlich niemand zu Hause - und in dieser Abwesenheit
enthüllt sich das Unendliche.
Ich bin davon überzeugt, daß Suzannes einmalige Art, die
zeitlosen Wahrheiten auszudrücken, das Potential hat, viele
Menschen zu erreichen, die sich vielleicht sonst nicht davon
angezogen fühlen, und ich glaube, daß dieses kleine Buch dazu
bestimmt ist, ein spiritueller Klassiker zu werden. Ich bin
glücklich, eine Rolle bei seiner Geburt gespielt zu haben.

Stephan Bodian,
Mill Valley /Kalifornien,
Juni 1996
Einführung
Als Menschen aus dem Westen, auf der Suche nach
spiritueller Transformation, müssen wir uns gegenseitig
unterstützen, indem wir über unsere Erlebnisse berichten. Da
sich unsere spirituellen Erfahrungen von denen der Menschen
im Osten unterscheiden, wäre es hilfreich, unsere Berichte über
die Transformationen zu sammeln, um damit neue «altertümliche
Texte» zu schaffen, welche als Landkarten westlichen Stils für
das Territorium der Spiritualität dienen könnten. Die
Geschichten unserer Vorfahren zeigen uns Wege auf, an denen
seit ihrer Entstehung immer wieder Neues errichtet worden ist.
Es ist genau wie auf unseren Straßen: Wenn wir glauben, wir
kennen die Strecke wie im Schlaf, wird eine weitere Tankstelle
gebaut, eine neue Ampelanlage oder ein Supermarkt errichtet, so
daß wir uns wieder aufs Neue orientieren, neue Wegweiser
benutzen müssen.
Die Geschichte in diesem Buch ist mein Beitrag für die neue
Version der altertümlichen Texte. Es ist der Bericht über die
vierzehn Jahre, die der vollständigen und unwiderruflichen
Zerstörung der persönlichen Identität folgten, der permanenten
Auflösung und dem Abblättern von allem, was ich bislang als
mein individuelles Selbst bezeichnet hatte. Diese tiefgreifende
Transformation ist in vielen der klassischen spirituellen Texte
des Ostens beschrieben worden. Ich jedoch habe diese
Transformation aufgrund meiner kulturellen Überzeugungen,
Erziehung, Werte und Ängste in einer speziell vom Westen
geprägten Weise erlebt. Die Erfahrung war so völlig anders, als
ich es mir bisher vorgestellt oder erwartet hatte, daß es mehr als
ein Jahrzehnt dauerte, bis sich die Auswirkungen integriert
hatten. Während dieser Zeit suchte
ich nach Berichten über ähnliche Erfahrungen, die mir vielleicht
auf dem Weg durch diese höchst herausfordernden und
beängstigenden Zeiten der Reaktionen des Verstandes auf diese
unfaßbare Leere der «Ich-losigkeit» hätten helfen können - doch
ich fand keine. Dieses Buch entstand aus dem Bedürfnis, einen
Kontext und einen Weggefährten für diejenigen zu schaffen,
deren Bestimmung es ist, die Leere des persönlichen Selbst zu
erfahren — eine Leere, die sich auf unvorstellbare Weise in
den Vordergrund schiebt.
Die Erfahrung, ohne ein Selbst zu sein, vernichtet jegliche
persönliche Vorgeschichte, löscht für immer die « Person » aus,
auf die sich diese Ereignisse beziehen. Die persönliche
Vergangenheit ist dann nur noch eine Erzählung ohne einen
Autor und von Ereignissen ohne einen persönlichen Bezug; sie
beziehen sich nicht mehr auf ein «Ich».
Im Westen herrscht die Meinung, daß man ein persönliches
Selbst haben muß, um in der Welt angemessen funktionieren zu
können - daß es das Selbst ist, das alles zusammenhält und für
all das steht, was man zu sein glaubt. Ohne ein Selbst, so lautet
die Überzeugung, ist man reduziert zur Idiotie oder zum
Wahnsinn, doch niemand würde es ernsthaft als das Erwachen
in die Wahrheit bezeichnen.
Als Westler kann uns die Vorstellung, daß sich das Selbst als
völlig leer herausstellt, nur mit Schrecken erfüllen. Schließlich
zählt das persönliche Selbst im Westen zu den allerhöchsten
Werten. Die Beschreibung dieser Geschichte macht deutlich,
daß ein Leben ohne persönlichen Bezugspunkt auf gar keinen
Fall einen Zustand von Unfähigkeit, von Nicht-funktionieren
bedeutet. Diese Chronik von einem «Leben jenseits des
persönlichen Selbst» ist eine moderne Version dessen, was die
Vorfahren beschrieben haben, doch sie bietet zusätzlich - was
die Vorfahren nicht eingeschlossen haben - die Erfahrung der
Reise selbst. Auch
wenn sie die Erfahrungen ihrer Reise beschrieben hätten,
wären sie sicherlich recht unterschiedlich ausgefallen, da die
Verfasser in einem Kulturkreis lebten, der ihre Erfahrungen
zu schätzen wußte, anstatt sie niederzumachen oder zu
pathologisieren.
Mein Herausgeber hatte mir geraten, die Geschichte mit ein-
zubeziehen, wer «Ich » war, bevor «Ich » nicht mehr war. Es
war eine Herausforderung für mich, über jene Person zu
schreiben, die einmal Suzanne Segal war, bevor das persönliche
Selbst abfiel. Die Geschichte über jenes Leben ist die Fiktion
einer Person, die nicht mehr existiert. Die Person hingegen, die
dieses Buch schreibt, ist ohne eine persönliche Identität, doch
sie lebt mit den Erinnerungen an eine Geschichte, die nicht den
traditionellen Vorstellungen dessen entspricht, was man
allgemein unter Erwachen versteht. Die Erkenntnis, daß
Erwachen vielleicht nicht den traditionellen Bildern entspricht,
ist einer der wichtigsten Punkte, den dieses bestimmte Leben
verdeutlichen kann.
Machen Sie nicht den Fehler, die Geschichte von Suzanne
Segal zu lesen, die in ihrer Kindheit nach Erlebnissen fahndet,
die «ursächlich» mit dem Abfallen des Selbst verbunden sind.
Hier gibt es keine linearen Kausalitäten. Der machtvolle Einfluß
der westlichen Psychologie in unserer Kultur hat viele Menschen
davon überzeugt, daß die Wurzeln aller menschlichen
Erfahrungen in der frühen Kindheit zu suchen sind und daß
psychologische Theorien jeden Punkt eines Kontinuums belegen
können. Die Ereignisse aus der Vergangenheit beziehen sich auf
das Persönliche, auf das individuelle Selbst, nicht auf das
Unpersönliche, das universelle Selbst. Es ist äußerst wichtig,
diese Geschichte mit einem offenen Bewußtsein zu lesen, um
beengende Kategorisierungen wie auch die Tendenzen der
Psychologie, Dinge zu pathologisieren, zu vermeiden.
Bitte vergessen Sie beim Lesen auch nicht, daß die
Formalitäten der Sprache es erfordern, persönliche Fürwörter zu
benutzen,
um eine Erfahrung zu beschreiben, die nichts Persönliches mehr
hat. Das «Ich», wie Sie es auf dem Papier finden, bezieht sich
auf niemanden, doch kann man unmöglich eine Geschichte
erzählen, ohne die Worte «ich», «mir» und «mein» zu benutzen.
Das Mysterium, dem alles unterliegt, ist unendlich groß.
Die frühen Jahre
Wer spricht die Worte mit meinem Mund? RUMIAls Kind meditierte
ich auf meinen Namen. Als ich sieben oder acht war, setzte ich
mich oft im Schneidersitz mit geschlossenen Augen auf die
lange, weiße Couch im Wohnzimmer meiner Eltern und sagte
immer wieder meinen Namen vor mich hin. Der Name hallte bei
jedem Mal in meinem Verstand wider, anfangs voller Stärke
und Intensität. Mein Name, wer ich war. Dann wurde er mit
jeder Wiederholung schwächer, bis eine Schwelle überschritten
wurde und die Identität mit dem Namen zerbrach, wie ein
Schiff, das plötzlich von seinem Anker losgelöst auf den Wellen
des Meeres dahintreibt. Eine unendliche Weite tat sich auf.
Der Name war nur noch ein Wort, eine Ansammlung von
Lauten, die in einer unendlich weiten Leere pulsierten. Es gab
keine Person mehr, auf die sich der Name bezog, keine
Identifizierung mit diesem Namen. Niemanden.Dann stieg
langsam die Angst in mir auf, mein Herz schlug bis zum Hals, ich
japste nach Luft, meine Lungen im eisernen Griff nackter Angst
gefangen. An diesem Punkt brach ich es immer ab, wanderte
umher, zwang mich zur Rückkehr aus der unendlichen Weite
und zurück in die Identifizierung mit diesem Namen. Für ein
kleines Mädchen meines Alters war es einfach zu beängstigend.
Doch später am Tage kam ich zurück, setzte mich wieder auf
die Couch und begann aufs Neue den Namen vor mich hin zu
sagen.
Ich werde wohl nie erfahren, was mich dazu trieb, auf
diese Reisen zu gehen, oder wie die Idee überhaupt entstanden
ist. Doch dieses Abfallen jeglicher persönlicher Identität, die
Auflösung des Ich-Gefühls während der täglichen Praktiken als
ein kleines Mädchen war nur eine Art Vorbereitung, eine
Vorandeutung auf den tiefgehenden und permanenten Zustand,
der zu meiner bleibenden Realität werden sollte. Die Reise
begann, als der Name verschwand und sich an seiner Stelle eine
immense Leere auftat. Und genau dort beginnt diese
Geschichte.

Ich war das zweite Kind und die einzige Tochter meiner Eltern,
die als Einwanderer in dieses Land kamen - mein Vater, als er
gerade ein Junge von fünf Jahren war und meine Mutter mit
acht-undzwanzig. Sie hatten beide sehr schwere Zeiten in ihrem
Leben durchgemacht, doch besonders meine Mutter strahlte
die schmerzliche Melancholie eines Menschen aus, der
Jahrzehnte menschlicher Grausamkeiten erleben mußte. Sie hatte
das Inferno der Judenvernichtung überlebt und trug eine
abgrundtiefe Traurigkeit in sich, welche auch die Zeit nicht
lindern konnte.
Mein Vater überstand die harten Anfangszeiten, indem er
nach außen hin härter wurde - eine Taktik, die dazu beitrug, ihn
zu einem der erfolgreichsten Geschäftsleute auf seinem Gebiet
zu machen. Als ein Mann der Tat stieg er aus einer Generation
von Einwanderern empor, die es praktisch ohne jegliche
Ausbildung zu immensem materiellen Erfolg gebracht hatten.
Sein Ziel war es, ein Imperium aufzubauen, und das hat er auch
erreicht. Er suchte sich eine Frau aus, die seinen Idealen von
Schönheit und Kunstverstand entsprach, und machte ihr schon
nach zwei Wochen einen Heiratsantrag. Sie war gerade erst aus
Italien in dieses Land gekommen, nachdem sie während des
Krieges aus einem polnischen Arbeitslager entflohen war.
Als ich vier Jahre alt war, wollte ich unbedingt lesen lernen.
Ich ging mit meiner Mutter in die öffentliche Bücherei und saß
mit ihr viele Stunden in der Kinderbuchabteilung, eines der
großen, bunten Bücher gegen meine Knie gelehnt. Ich starrte auf
die Schrift, diese schwarzen Zeichen auf dem weißen Papier,
und verwandte all meine Konzentration darauf, diesen
geheimnisvollen Kode zu brechen. Ich schaffte es, zwei oder
drei Worte zu entschlüsseln, und jedesmal, wenn mir das
gelungen war, überkam mich eine große Freude.
Meine Mutter mußte mir mehrmals am Tag aus meinen
liebsten Märchenbüchern vorlesen, übergroße, glänzende,
cartoonähnliche Ausgaben. Während ich auf ihrem Schoß saß
und sie genau beim Lesen beobachtete, prägte ich mir jedes
Wort ein und wußte genau, wann die Seite umgeblättert
werden mußte. Es machte mir ungeheure Freude, den
Freunden meiner Mutter mein Können vorzuführen, voller
Erregung mit meiner schönsten Erwachsenenstimme
«vorzulesen» und die Seiten genau im richtigen Moment
umzublättern. Immer wenn meine Eltern eine größere
Gesellschaft bei uns gaben, holte ich den Hocker aus der
Küche, kletterte darauf und rezitierte die Geschichten, die ich
mir eingeprägt hatte. Es machte mir unglaubliche Freude, diese
Geschichten zu kennen und ihr Erzähler zu sein. Auch heute
noch, immer wenn ich Freunde meiner Eltern treffe, erinnern sie
sich unweigerlich an die Zeiten, als ich in meinem
Rüschenkleidchen und den glänzenden Lackschuhen auf dem
Hocker stand, um Geschichten zu rezitieren.
Das Vermächtnis meiner Mutter bestand jedoch nicht nur aus
Trauigkeit, sondern auch aus Angst. Als ich noch klein war,
hatte ich jedesmal unglaubliche Angst, wenn meine Mutter das
Haus verließ. Es war so beängstigend, daß ich sie oftmals anrief,
um die genaue Zeit zu erfahren, wann sie und mein Vater
wieder heimkommen würden. Ich stand dann an dem Fenster,
von dem ich die Einfahrt überblicken konnte, und starrte wie
ein Wachposten in
die Nacht, um auf ihre Rückkehr zu warten. Erst wenn ihr Auto
in die Einfahrt bog, ging ich schlafen. Die Angst von
Generationen war durch meine Mutter an mich weitergegeben
worden, und aus Liebe zu ihr übernahm ich sie, ohne weiter
darüber nachzudenken. Vielleicht hoffte ich, dadurch ihre
anscheinend überwältigende Last etwas leichter zu machen.
Während meiner Zeit in der High School war meine Mutter
sehr verzweifelt über meine Auswahl an Freunden. Sie war
überzeugt davon, daß ich in «schlechten Kreisen» verkehrte und
dies einen nachteiligen Einfluß auf mich hätte. Auch wenn sie
damit recht hatte, daß meine Freunde zu der Zeit die
«Revolutionäre» waren, so hat sie jedoch nie verstanden, daß ich
dabei immer nur die Rolle des Beobachters spielte. Ich
beobachtete die Gegenkultur der späten Sechziger und frühen
Siebziger lediglich, ohne wirklich daran teilzunehmen. Ich
suchte mir Freunde, die sich ohne jegliche Angst auf alle
Erfahrungen stürzten, die ihnen über den Weg liefen, doch ich
blieb in meiner eigenen Angst viel zu gefangen und konnte dem
nur zuschauen.
Als ich fünfzehn war, unternahm meine Mutter mit ihrer
Tante eine Reise nach Italien, um die Leute zu besuchen, die ihr
geholfen hatten, als sie sich nach dem Krieg dorthin geflüchtet
hatte. Während dieser Reise erlag sie den Monstern ihres
Leidens, und sie fiel in eine so tiefe Depression, daß sie nach ihrer
Rückkehr für zehn Tage eine psychiatrische Klinik aufsuchen
mußte. Während ihres Klinikaufenthaltes übernahm ich, so gut
ich konnte, in der Familie die Rolle der «Ersatzmutter» und
kümmerte mich um meine beiden Brüder und meinen Vater.
Meine Mutter und ich haben damals unsere Rollen getauscht und
sie nie wieder zurückgetauscht. Selbst nach ihrer Heimkehr fuhr
ich sie überall hin, wo sie etwas zu erledigen hatte, half ihr beim
Kauf ihrer Garderobe oder im Supermarkt und kümmerte mich
ganz allgemein um die Belange der Familie, sobald ich aus der
Schule heimkam.
Gleichzeitig bekam ich auch die Auswirkungen dieses
Rollenspiels zu spüren, die für heftige Stürme in meinen
Pubertätsjahren sorgten und sie mit Wut und Verzweiflung für
die Zukunft erfüllten. Diese brisante Mischung, gepaart mit den
weitgehenden kulturellen Umbrüchen, katapultierte mich, Angst
oder nicht, in eine Suche nach Trost oder eine Flucht aus den
Fängen der Traurigkeit, die in mir wie das Blut in meinen
Venen zirkulierte.
In dem Sommer, als ich meinen Schulabschluß machte, ging
ich in die Berge von Wyoming, um an einem Ferienlager
teilzunehmen. Die vier Jahre an der High School waren eine
Zeit der Aufruhr, der Verwirrung und der Experimente
gewesen - eine recht typische pubertäre Erfahrung -, und die
Vorstadtgegend, wo wir lebten, schien mich zu erdrücken,
schien meine Sensibilität zu ersticken und ein inneres Verlangen
abzutöten, das nach einem undefinierbaren Frieden suchte. Ich
meldete mich an, um sechs Wochen zusammen mit einer
Gruppe von ungefähr zwanzig weiteren jungen Leuten und vier
erwachsenen Führern in der Wildnis des Wind River Range zu
verbringen: wandern, in den Bergen zelten, Überlebenstaktiken
lernen, die Wildwasser befahren und Methoden lernen, der Erde
mit Respekt zu begegnen.
Ich sehnte mich nach einer Weite, die mir zwar sehr vertraut
war, die ich jedoch bislang in dieser Welt nie gefunden hatte. Ich
fand sie dort oben in diesen Bergen. Jede Nacht, wenn alle
anderen aus der Gruppe bereits schliefen, wanderte ich durch die
Umgebung des Lagers, über mir der unendliche Sternenhimmel,
und ich war zutiefst berührt und beeindruckt von der
unglaublichen Weite der Nacht. Dort in den Bergen habe ich die
Stille wiedergefunden. Ich wußte zwar nicht, wann ich sie zum
ersten Mal gefunden hatte, doch nur einen Moment diese Stille
zu kosten, war ausreichend, um mich trunken mit Freude über
die Heimkehr zu machen. Die Stille war meine erste große
Liebe.
Mit achtzehn begann ich zu meditieren. Ich beendete
gerade

21
mein erstes Jahr am Lake Forest College, einer kleinen
Privatschule nicht weit von meinem Elternhaus. Eine
unausgesprochene, doch sehr tiefempfundene Vereinbarung mit
meiner Mutter hatte mich dazu bewogen, in der Nähe zu
bleiben.
Während der Osterferien erzählte mir mein älterer Bruder
Dan von der Transzendentalen Meditation. Man schrieb das Jahr
1973, und TM hatte unter den Studenten ziemliche Wellen
geschlagen. Zu der Zeit hatten die Beatles und Donovan gerade
Ma-harishi in Indien aufgesucht und damit für eine ganze
Generation seiner bestimmten Art der Meditation ein gewisses
Gütesiegel verliehen. Von Lake Forest aus lag das nächste TM-
Zentrum in einem kleinen Haus in der Nähe des Campus der
Northwestern University in Evanstone, nördlich von Chicago.
An einem milden Frühlingstag besuchte ich einen
Einführungsabend im TM-Zentrum, den zwei große, schlanke,
junge Männer gaben, die - recht unpassend für ihr Alter und die
damalige Zeit — einen Anzug mit Schlips und Lederhalbschuhe
trugen. Mit gefaßter, ruhiger Stimme sprachen sie von den
Vorteilen der Meditation, den wissenschaftlichen
Untersuchungen, die ihre Behauptungen untermauerten und von
der Logistik und den Kosten für einen Meditationskurs. Am
gleichen Abend schrieb ich mich für den nächsten Kurs ein, der
am darauffolgenden Samstagmorgen stattfinden sollte. Morgens
um neun sollte ich mich mit frischen Blumen, Obst und einem
sauberen, weißen Taschentuch im Center melden.
Ich erschien vor der angegebenen Zeit, und man reichte mir
einige Formulare zum Ausfüllen, damit mein Lehrer die nötigen
Informationen bekam, um ein Mantra für mich auszusuchen.
Der Lehrer, sein Name war ROSS, führte mich vom Warteraum in
ein kleines Zimmer mit einem Altar, auf dem ein großes,
goldgerahmtes Foto von einem streng dreinschauenden Inder
stand, welcher mit gekreuzten Beinen auf einem Tigerfell saß.
Meine Gaben, das

Obst, die Blumen und das Taschentuch, kamen in einen kleinen,


geflochtenen Korb auf dem Altar, und ROSS überreichte mir
kommentarlos eine der Blumen. Ich stand schweigend neben
ihm, hielt die Blume in meinen Händen und starrte in die
Augen des streng aussehenden Mannes auf dem Foto. ROSS
nahm nun die restlichen Blumen, tauchte eine davon in eine
kleine Messingschale, die anscheinend mit Wasser gefüllt war,
und begann in Sanskrit zu singen. Er schaute kein einziges Mal
in meine Richtung; also wartete ich lediglich und beobachtete
das Ganze. Ich nahm an, daß er mir sagen würde, wenn die
Meditation beginnen sollte.
ROSS sang vier bis fünf Minuten lang und brachte die

Blumen, die Früchte und das Taschentuch dem Mann auf dem
Foto dar, indem er sie der Reihe nach auf ein rechteckiges
Messingtablett zu seinen Füßen legte. Jede Gabe hatte ihr
eigenes Lied. Als er schließlich alle Gaben dargebracht hatte,
fiel ROSS vor dem Altar auf die Knie und legte seine Stirn für
einen Moment auf den Boden. Als er sich wieder erhob, wandte
er sich zu mir und begann zu singen. Ich hielt es zuerst für eines
der Sanskritlieder, doch bald wurde mir klar, daß er mein Mantra
sang. Er schaute mich feierlich an und forderte mich auf, das
Mantra mit ihm zusammen zu wiederholen, es immer wieder
mit normaler Stimme auszusprechen. Zustimmend nickte er mit
seinem Kopf und forderte mich auf, auf dem Stuhl hinter mir
Platz zu nehmen.
Ich wiederholte weiterhin das Mantra, bis er mich anwies, es
immer leiser zu sagen und schließlich nur noch im stillen zu mir
selbst. Ich schloß meine Augen und begann zu meditieren. Nach
wenigen Minuten wurde ich ruhiger, und nach ein paar weiteren
Minuten wußte ich, daß ich für den Rest meines Lebens
meditieren würde. Als ich dort auf dem Stuhl saß, das
Sanskritwort im Geiste wiederholend, sank ich auf sanfte Weise
in die Arme meiner geliebten Stille.

Nachdem mein erstes Jahr am College zu Ende ging, wurde


ich unruhig. Ich wußte, daß die Zeit gekommen war, meine
vertraute Vorstadtwelt zu verlassen, und beschloß, zum College
in Olympia, Washington, überzuwechseln. Dort hatte man
gerade mit einem innovativen, experimentellen Programm
begonnen, um die Visionen der Sechziger in ein staatliches
Erziehungssystem zu integrieren. Am Evergreen State College
erlebte ich in einer außergewöhnlich schönen Landschaft eine
immense Freiheit, die die Gemeinschaft mit Gleichdenkenden
mit sich brachte. Wir waren trunken von den unbegrenzten
Möglichkeiten, die unser gemeinsamer Idealismus und unsere
jugendliche Energie erschufen. Dort lernte ich Dan kennen, den
örtlichen TM-Lehrer, durch dessen Freundschaft ich sehr viel
mehr mit dem erstaunlichen Mysterium des spirituellen
Bereiches vertraut wurde.
Dan wurde mein engster Freund und zugleich mein erster
spiritueller Reisegefährte, mit dem ich meine Begeisterung für
das Unerklärliche, das Transzendentale, das Unbeschreibliche
teilte. Wir waren Gefährten auf der Reise durch die Stille,
während wir im Dämmerlicht durch die üppigen Farnwälder in
der Nähe des Campus streiften und uns an der Stille berauschten.
Eines Abends brachen wir ziemlich spät auf. Es war eine
pechschwarze Nacht, selbst die Sterne waren hinter dichten
Wolken verborgen. Während wir durch den Wald gingen,
streckte Dan seinen Arm vor sich aus und machte eine
weitausholende Geste von links nach rechts. Innerhalb von
Sekunden war unser Weg von einem hauchdünnen Netz von
Lichtpunkten überzogen, die von jedem Molekül in der Luft
reflektiert wurden. Jede Pflanze erstrahlte sanft von innen
heraus, und das Strahlen verstärkte sich noch, als wir tiefer in
den Wald hineingingen. Als Dan mein Erstaunen wahrnahm,
sagte er mit einem Blick voll sanfter Wärme: «Schau, Suzanne,
dieses Licht ist immer bei uns, es ist in allen Formen des Lebens
enthalten. Wir sind selbst bei Nacht niemals der Dunkelheit
aus-
gesetzt. Vergiß nie, daß die Welt, die du wahrnimmst, nicht das
ist, was sie auf den ersten Blick zu sein scheint.»
« Dan, wie hast du das gemacht?» fragte ich ihn. « Du warst es,
der alles zum Strahlen gebracht hat.»
« Nein, nicht ich habe es getan », erwiderte er. «Ich zeige dir
lediglich, was in jedem Moment immer vorhanden ist. Wir
brauchen nur unsere Aufmerksamkeit darauf zu richten. Ich
habe es nicht erschaffen, ich weise dich nur daraufhin.»
Der transzendentale Bereich

Glaubst Du, daß ich weiß, was ich tue?


Daß ich auch nur einen Atemzug
lang oder einen halben mir selbst gehöre?
So wie eine Feder weiß, was sie schreibt,
oder der Ball ahnen kann, wo er hinrollen wird.
RUMI

Während der Weihnachtsferien in Evergreen schrieb ich


mich für einen Meditationskurs an einem College ganz in der
Nähe von Lake Forest ein. Damals meditierte ich bereits seit acht
Monaten, und ich hatte durch die tiefgehenden Erfahrungen in
meinen Meditationen und den Einfluß meines Freundes Dan
eine Affinität für den spirituellen Bereich entwickelt. Mein
Bruder kam ebenfalls von seinem College, um an dem Kurs
teilzunehmen, und er brachte einen Freund mit, Rick.
In diesem Meditationskurs machte ich meine ersten
tiefgehenden Erfahrungen im transzendentalen Bereich, die den
Rahmen aller bisherigen Kategorien von Beschreibungen
sprengten und mich mit einer bald sehr vertrauten Art von
Frustration bekannt machten: dem Versuch, etwas zu
beschreiben, das sich all meinen enthusiastischen und
wohlgemeinten Versuchen einer Erklärung widersetzte. Die
Erfahrung der Transformation war mir bisher auf verschiedene
Weise beschrieben worden: eine Gedächtnislücke, wenn die Zeit
stillzustehen scheint, eine Zeit der Stille, wenn das Mantra sich
auflöst, die « Quelle der Gedanken » - was

immer das bedeutete. Bislang hatte ich noch keine Beschreibung


gehört, die dem nahe kam, was in meinem hocherfreuten
Verstand ablief, während ich von einer ungeheuren
magnetischen Kraft erfaßt wurde, die mich mit unendlicher
Geschwindigkeit in einen Tunnel voller Licht saugte.
Gleichzeitig erweiterte sich der Tunnel mit unglaublicher
Geschwindigkeit und mit einem riesigen Donner, der sich zu
einem ohrenzerreißenden Crescendo steigerte, explodierte die
Unendlichkeit in reines Licht. Im Augenblick der Explosion
wurde eine Schwelle überschritten, und im Bruchteil eines
Augenblicks hatte das Feuer eines unsichtbaren Infernos alles
erfaßt, kehrte alle Phänomene von innen nach außen und legte
das Innere aller Schöpfung frei — Leere.
Ungefähr drei Stunden, nachdem ich am ersten Morgen des
Kurses zu meditieren begonnen hatte, öffnete ich meine Augen
und erhob mich wie trunken von meinem Kissen. Ich bewegte
mich, als ob ich keinen Körper mehr hätte. Die Welt war nicht
mehr die gleiche. Alle feste Materie hatte sich in einer
leuchtenden Transparenz der Stille aufgelöst.
Ich erzählte meinem Bruder und seinem Freund, was
geschehen war. Ich zwang meinem Mund Laute ab, und die
einzelnen Worte kollidierten miteinander, während sie von
meinen Lippen rollten. Sie bekamen erst eine Bedeutung, wenn
sie in der Luft aufeinander stießen. Weder Dan noch Rick
konnten etwas dazu sagen, und auch sie fanden, daß ich
ziemlich verwirrt aussah. Vielleicht machte ich ja auch etwas
falsch und sollte mit dem Lehrer darüber sprechen.
Ich zog einen der Meditationslehrer zur Seite und beschrieb
ihm meine Erlebnisse. Er lächelte mich sanft an. Meine Augen
vermochten sein Gesicht nicht richtig zu erfassen, und aus
seinem Mund schien Licht zu fließen, wenn er ihn zum
Sprechen öffnete - wie Sonnenstrahlen, die durch das Geäst
eines Baumes fallen. Er erklärte mir, der Maharishi hätte uns
gelehrt, daß uns in unserer

Meditation nichts schaden könne und alle Erfahrungen in der


Meditation gute Erfahrungen seien. Er lächelte mich an und
sagte mit sanfter Stimme: «Genieße die Glückseligkeit.» Als
ich das Wort «Glückseligkeit» vernahm, durchzog mich eine
Woge der Erkenntnis, eine willkommene Bestätigung durch
das einzige Wort, das auch nur annähernd das beschreiben
konnte, was ich fühlte - Glückseligkeit. Ja, dies war ohne
Zweifel Glückseligkeit.
Meine Art der Wahrnehmung war aus ihren gewohnten
Angeln gehoben worden. Es war unmöglich, die einzelnen
Objekte klar zu sehen, denn ihre Grenzen waren in den
Hintergrund getreten und durch ein sehr helles Leuchten ersetzt
worden, das so stark war, daß alles im visuellen Bereich in einer
riesigen, strahlenden Masse verschmolz.
Der Kurs ging weiter, und ich folgte dem vorgegebenen
Tagesablauf: zu meditieren und Videos von Maharishis
Vorträgen anzuschauen, während ich meine völlig veränderten
Erfahrungen auch der einfachsten Dinge genoß — auf einem Stuhl
zu sitzen, das Zimmer anzuschauen, zu sprechen, lachen, atmen,
denken. Diese veränderte Wahrnehmung hielt mehrere Wochen
an und begann dann in kaum wahrnehmbaren Veränderungen
schwächer zu werden, sobald die Welt der Begrenzungen und
Unterscheidungen wieder in den Vordergrund meines
Wahrnehmungsbereiches rückte.
Dieser Kurs war mein Eintritt in die Welt des Mysteriösen,
weg von der Langeweile eines Heranwachsenden in die offenen
Arme der Glückseligkeit. Um das Ganze vollständig zu
machen. Rick und ich verliebten uns ineinander. Wir tanzten in
der Eingangshalle und sangen, völlig falsch, bis zum
Morgengrauen wie rollige Straßenkatzen, die den Mond
anmiauen. Er war ein wunderbarer Mann - warmherzig, begabt,
brillant, voller spiritueller Wißbegierde und emotionaler Tiefe,
bereit, mit einer Hingabe zu lieben, die mich begeisterte und
zugleich ängstigte. Zum ersten Mal er-

lebte ich den Sturm romantischer Liebe. Unsere Beziehung war


von unserer Meditation durchwoben, und unsere Verbindung
vertiefte sich dadurch sowohl als Partner in der Welt als auch
im Geiste.
Es schien für uns beide eine sehr naheliegende
Entscheidung zu sein, Meditationslehrer zu werden. Was hätten
wir sonst auch machen sollen? Wir wollten das akademische
Jahr beenden und uns dann für ein Jahr beurlauben lassen, um
an einem sechsmonatigen Ausbildungskurs zum Lehrer
teilzunehmen, der im August begann. Mein Bruder fühlte sich
genauso von TM angezogen, und so flogen Rick, Dan und ich
zusammen mit einer Gruppe von ungefähr hundert weiteren
amerikanischen Meditierenden mit leuchtenden Augen 1974 in
die norditalienischen Alpen, um uns als Lehrer für
Transzendentale Meditation ausbilden zu lassen.
Die TM-Organisation hatte in dem wunderschönen
Alpenort Livigino in Italien mehrere Hotels angemietet, die uns
eine angenehme Umgebung boten, um die «Heilige Tradition»
zu erlernen. Wir wurden angewiesen, jeden Morgen und jeden
Nachmittag jeweils fünf Stunden zu meditieren. Es war eine
Abfolge von Meditation, Yoga Asanas und Pranayama, die als
«Runden» bezeichnet wurden. Man erwartete von uns, daß wir
jeden Tag zehn bis zwölf « Runden » machten, von denen jede
ungefähr eine Stunde dauerte.
Man warnte uns ausdrücklich davor, irgendwelche
Entscheidungen zu treffen, denn die intensiven Meditationen
würden etwas erzeugen, das als «Stresslösung» bezeichnet
wurde, ein Zustand, den wir fürchteten und über den wir
gleichzeitig Witze machten. An sich waren mehrere Besuche
von Maharishi geplant, doch tatsächlich sahen wir ihn nur ein
einziges Mal am Ende des Trainings, als er kam, um uns als
Lehrer einzuweihen und uns unser Mantra zu geben, mit dem
wir wiederum unsere Studenten einweihen würden.
Die Ausbildung in der Tradition des Maharishi war
sehr
streng. Er erwartete, daß wir alles Wort für Wort auswendig
lernten, und das klang dann so, wie ein Inder englisch spricht
und hatte nicht viel mit der amerikanischen Sprache gemein.
«Es ist gut? Es ist ganz einfach?» Maharishi duldete keine
Kreativität, wenn es um seine Lehren ging, nichts sollte ihre
Reinheit verwässern. Das Ergebnis war, daß wir voller Respekt
immer wieder die ganzen Texte durchgingen, jedes Wort, das er
für jeden einzelnen Aspekt der Lehre ausgewählt hatte, und wir
kontrollierten und bestätigten die Meditationen unserer
zukünftigen Schüler, bis die Worte in unseren Träume
widerhallten.
Die langen Stunden der Meditation wirkten sich verheerend
auf das Gedächtnis einiger Teilnehmer aus, doch insgesamt
waren wir eine junge, unverwüstliche Gruppe, die den
vielschichtigen Angriff auf unsere mentalen Fähigkeiten ganz
gut verkraften konnte. Für manche war es jedoch zu intensiv,
und ich beobachtete einige schmerzhafte Zusammenstöße
zwischen diesen Individuen und Kursleitern, die entschieden
hatten, daß jeder, bei dem zu starke Symptome von
«Stresslösung» zu beobachten waren, nicht den Anforderungen
der Ausbildung zum Lehrer entsprach und somit vom Kurs
ausgeschlossen wurde.
Eine Frau begann «Engelsstimmen» zu hören, und man
verlegte sie in das Zimmer neben dem Kursleiter. Man wies sie an,
die Meditationsdauer zu verkürzen, bis sie schließlich nur noch
zwanzig Minuten täglich saß. Dann forderte man sie auf, den
Kurs abzubrechen. Sie wurde ziemlich wütend und verlangte,
persönlich mit dem Maharishi über die Angelegenheit zu
sprechen. Ihr Wunsch wurde abgelehnt, und man postierte eine
Wache vor ihrer Tür, um zu verhindern, daß sie ihr Zimmer
verließ oder mit anderen im Kurs sprechen konnte. Aus ihrem
Zimmer drangen Ge-schimpf, Schreie und hysterisches Weinen,
doch wir sahen sie nie wieder. Wir bekamen lediglich vom
Kursleiter die Information, daß jemand von ihrer Familie sie
abgeholt hätte.

Am Ende des Kurses, kurz bevor der Maharishi erschien,


erlitt ein junger Mann einen Anfall von Verfolgungswahn. Er
geisterte durch die Hallen des Hotels, sprang aus Türeingängen
hervor, redete wirres Zeug von kommunistischen
Verschwörungen, von Ferngläsern, die auf sein Fenster gerichtet
seien, und von Abhöreinrichtungen in seinem Zimmer. Er
versuchte den Maharishi abzufangen, als er das Hotel betrat, um
ihn vor den Gefahren zu warnen, die im Hotel auf ihn lauerten,
doch Maharishi lächelte ihn nur an, und während er ihm eine
rote Rose gab, wies er den Kursleiter an, ihm den jungen Mann
vom Halse zu halten. Eilig wurden Vorkehrungen für die Abreise
des jungen Mannes getroffen. Wir alle waren ein wenig besorgt
um ihn und beteten im stillen, daß uns selbst so etwas nicht
zustoßen möge.
Rückblickend kann ich mich nur wundern, daß nicht mehr
von uns «unruhig» wurden in Anbetracht der vielen Stunden der
Meditation, die uns in hohem Maße einer sehr kraftvollen
Technik aussetzten. Untereinander sprachen wir nicht viel über
unsere eigene «Stresslösung», denn offenbar hatten wir alle eine
intuitive Angst davor entwickelt, daß jemand mithörte, etwas aus
dem Zusammenhang gerissen oder dem Kursleiter gemeldet
wurde. Doch irgendwann wurde uns allen klar, daß sich eine
Atmosphäre von Mißtrauen entwickelt hatte, die immer
dichter wurde, obwohl sich niemand traute, die Ernsthaftigkeit
der Lage zuzugeben.
Für meinen Teil versuchte ich, nicht zuviel über das
nachzudenken, was vor sich ging. Ich war begeistert und von
dem inspiriert, was ich lernte. Ich fühlte mich geehrt, meinen
eigenen Platz innerhalb der Heiligen Tradition einnehmen zu
dürfen, während ich die Weisheit der Vorfahren studierte. Mein
Gott, all das, und ich war doch erst zwanzig Jahre alt! Solange ich
nur meine Bedenken über die Organisation beiseite schob, hatte
ich das Gefühl, der Perfektion so nahe zu sein, wie ich es
niemals für möglich gehalten hätte.
Die Erfahrungen, die ich während der Meditation und
mehrerer Monate der «Runden» machte, waren eine Mischung
aus Ehrfurcht gebietend und Furcht erregend, und ich wurde
vertrauter mit dem heißen Atem der Angst, der mein Inneres
versengte und durch meine Knochen fuhr. Die Glückseligkeit
hatte mich verlassen. Sobald ich meine Augen zum Meditieren
schloß, tat sich eine unendliche Weite auf. Das Gefühl, über eine
Schwelle in die Unendlichkeit gesogen zu werden, stellte sich
immer schneller ein, so daß ich in meiner Meditation
vorsichtiger wurde. Ich versuchte mich zurückzuhalten und war
voller Angst vor dem Schritt in die Leere des transzendentalen
Bereiches. Ich hatte Angst davor, niemals zurückzukehren und
daß jemand einige Tage später meinen Körper finden würde,
eine leere Hülle, die auf dem Bett sitzt. «Wenn ich nur jemanden
mitnehmen könnte, dann wäre das Ganze nicht so
beängstigend.»
Ich konnte mir nicht vorstellen, daß dies tatsächlich ein
normaler Bestandteil der Meditation war, und die ungeheure
Intensität der Erfahrung gab mir das Gefühl, mich vielleicht in
irgendeiner Gefahr zu befinden. Schließlich entschloß ich mich,
den Maharishi zu fragen, doch es sollte ein weiteres Jahr
vergehen, bevor ich ihm meine Fragen stellen konnte, ein Jahr,
in dem meine Angst immer stärker wurde und sich in meinen
Eingeweiden wie ein unkontrollierbarer Parasit einnistete.
Soweit mir bekannt war, war ich die einzige, die mit solchen
Ängsten zu kämpfen hatte oder solche Erfahrungen machte,
was meine Not nur noch verstärkte.
Der Maharishi hatte uns gesagt, daß wir garantiert erleuchtet
würden, wenn wir sechs bis acht Jahre lang meditierten. Er gab
uns genaue, detaillierte Beschreibungen der Zustände, die uns
wie Wegweiser des Erwachens begegnen würden - Wegweiser,
die anzeigten, daß das Bewußtsein in das Einssein des Einheit-
Bewußtseins befreit wurde. Erleuchtung, sagte er, geschehe in
drei ver-
schiedenen Stadien. Das erste sei das Kosmische
Bewußtsein, das Stadium des Beobachtens, ein Gewahrsein, das
beobachte und dabei doch völlig getrennt bleibe von allen
Phänomenen und nicht den Zyklen von Wachen, Traum und
Schlaf unterliege. Der Beobachter bliebe also «wach», auch
wenn der Körper und der Verstand schliefen, träumten oder am
Leben teilnähmen.
Das nächste Stadium wäre das Gottes-Bewußtsein, in dem
man wahrnähme, daß die manifestierte Welt eine Heiligkeit
ausstrahlte, auch wenn die Trennung zwischen «Ich» und den
«Anderen » bestehen blieb. In diesem Zustand löste sich der
Beobachter, der bis dahin losgelöst und ohne Tiefe gewirkt hatte,
im Gottes-Bewußtsein auf, welches das erhabene Reich einer
Wahrnehmung war, die von göttlicher Liebe durchdrungen ist.
Das letzte Stadium war das Einheits-Bewußtsein, in
welchem sich Trennungen jeglicher Art auflösten, wenn sich das
Bewußtsein derart erweitert, daß es alle Schöpfung umfaßt. Der
Einheits-Zustand duldete keine Art von Dualität, er war durch
das reinigende Feuer der Einheit gegangen und war endgültig
und vollständig. Der Maharishi hatte wiederholt
daraufhingewiesen, daß niemand ohne einen Guru diese
Einheit erreichen könnte, denn er wäre unfähig, den Zustand zu
erkennen. Nur der Guru kann es erkennen, und mit diesem
Erkennen vermittelt er dem Schüler die Endgültigkeit des
Geschehens mit den Worten: «Jawohl, das ist es!»
Ich war froh, daß der Maharishi den Zustand von Einheits-
Bewußtsein erkennen würde, denn damit war ich von der Bürde
befreit, es selber herauszufinden. Mit diesen Erklärungen über
Erleuchtung, die damals so einleuchtend und klar zu sein
schienen, überantwortete ich mich dem Ozean des
transzendentalen Gewahrseins, ich ließ meine Sorgen darin
schwimmen, eingelullt von dem Versprechen, daß ich eines
Tages an den Ufern des Ein-heits-Bewußtseins angespült würde.
Nachdem Rick, Dan und ich die Ausbildung zum
Meditationslehrer beendet hatten, kehrten wir zurück in den
Mittleren Westen. Wir waren voller Enthusiasmus und
begannen sofort im Center von Evanston zu unterrichten, dort
wo ich vor zwei Jahren mit dem Meditieren begonnen hatte. Es
war aufregend, zu jener Zeit in der Organisation von TM zu
arbeiten. Jeden Monat kamen Hunderte von Menschen, um die
Übungen zu erlernen. Wir waren vollauf damit beschäftigt,
Vorträge zu geben, einzuweihen und das Center in Schwung zu
halten. Wann immer es möglich war, lehrten Rick und ich
gemeinsam, und schon bald brüteten wir über Plänen von
einem neuen Center in Highland Park, Ricks Heimatstadt,
ungefähr dreißig Minuten nördlich von Evanston. Wir konnten
Anne, eine erfahrene Lehrerin, für unseren Plan begeistern, und
mit Hilfe ihrer Erfahrung und unserer Energie und Leidenschaft
wurde das neue Center geboren.
Die Monate vergingen wie im Flug, und das Center war ein
Riesenerfolg. Meine Eltern lernten zu meditieren, und ich konnte
meinen Vater dazu bewegen, mit mir zusammen einen Vortrag
für die Geschäftsleute in der Gemeinde zu halten. Es war ein
großer Erfolg. Meine Eltern waren recht erfreut über den
Einfluß, den TM auf meinen Bruder und mich hatte; besonders
wenn man in Betracht zog, welche Richtung wir eingeschlagen
hatten, bevor wir zu meditieren begannen. Ganz besonders
erleichtert waren sie über die Tatsache, daß wir nun Alkohol und
Drogen jeglicher Art kategorisch ablehnten. Der Maharishi hatte
sie als «Gift für das Nervensystem» bezeichnet, und wir wollten
doch die Klarheit unserer Meditation durch nichts vernebeln
lassen. Meine Eltern gaben in ihrem Haus mehrere
Versammlungen, an denen Dan und ich über TM sprachen, und
wir weihten viele ihrer Freunde und Nachbarn ein.
Damals zirkulierten eine Menge Geschichten über die
starken positiven Einflüsse von TM auf das Leben der
Menschen. Jede
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einzelne erneuerte und verstärkte mein Vertrauen in die Kraft
der Lehren. Zweifel kamen immer nur dann auf, wenn ich die
TM-Organisation selbst in Aktion erlebte. Auch wenn es mir
schwerfiel zuzugeben, viele der langjährigen Lehrer, besonders
diejenigen, die eine gewisse Macht und Autorität in der
Organisation besaßen, lebten nicht, was sie lehrten. Sie strahlten
nicht die Eigenschaften aus, die von den Lehren als ein Zeichen
der Reife in der Meditation beschrieben wurden -
Liebenswürdigkeit, Geduld, Wärme, Mitgefühl. Die meisten
von ihnen waren genau das Gegenteil - kurz angebunden,
ungehalten, beherrschend und nachtragend. Es gelang mir,
meinen Enthusiasmus zu bewahren, indem ich den Kontakt mit
diesen höheren Autoritäten vermied.
1976 hörte ich von Gerüchten über einen neuen Kurs, den
der Maharishi für den kommenden September anbot. Die
Gerüchte waren teilweise recht widersprüchlich, doch immer
wieder war die Rede davon, daß er uns beibringen würde,
übernatürliche Kräfte zu erlangen. Überflüssig zu sagen, daß
alle dies für den Kurs des Jahrhunderts hielten, an dem man
unbedingt teilnehmen mußte. Doch ich hatte recht gemischte
Gefühle, als ich von diesen Siddhis (wie diese Kräfte in Sanskrit
heißen) hörte. Mir klangen noch seine Antworten, die er auf
diesbezügliche Fragen gab, in den Ohren: « Es ist nicht nötig. Es
ist lediglich eine Ablenkung von dem wahren Ziel, dem
transzendentalen Bereich.» Und nun ermutigte er uns, Siddhis zu
erlernen, so daß «wir auf den feineren Ebenen der Schöpfung
spielen können.» Meine Verwirrung und meine Zweifel wurden
stärker, doch ich meldete mich trotzdem für den Kurs an.
Vor dem sechsmonatigen Siddhi-Kurs nahm ich an einem
vierwöchigen Training für Fortgeschrittene teil, das im
Frühjahr 76 in einem kleinen Skiort in Frankreich stattfand.
Dies war das erste Training, bei dem der Maharishi darauf
bestand, daß Männer und Frauen getrennt untergebracht
wurden, um bei unseren
Bemühungen Erleuchtung zu erfahren, unser « auf den Punkt
gerichtet sein» zu verstärken. Auch wenn TM als eine Technik
zur Verbesserung vom Blutdruck bis zum Sex verkauft wurde,
waren wir alle, die an diesem Kurs für Fortgeschrittene
teilnahmen, nur hinter einer Sache her - Erleuchtung. Wir
hatten uns, jeder auf seine eigene Art, der Suche nach der schwer
faßbaren und doch alles erfüllenden Erfahrung des Einheits-
Bewußtseins verschrieben, und unser Vertrauen, dies zu
erreichen, solange wir alles taten, was der Maharishi uns anwies,
ließ uns auf unserem Weg fortfahren.
Einen Monat bevor wir zum Siddhi-Kurs aufbrachen, machte
Rick mir einen Heiratsantrag. Er wisse genau, sagte er, daß es
das einzig Richtige sei, denn wir wären offensichtlich
füreinander geschaffen und er könne einfach nicht warten, bis
wir zurückkämen. Ohne zu überlegen, nahm ich seinen Antrag
an, völlig begeistert davon, einen Lebenspartner gefunden zu
haben, der so viele Passionen mit mir teilte. Er hatte bereits
meinen Eltern einen Brief mit seinen «Intentionen » geschickt
und sie um ihren Segen gebeten. Er hatte sogar einen sehr
schönen Diamantring für mich gekauft, den er mir an den
Finger steckte, bevor wir unseren Familien die Neuigkeit
überbrachten. Sie waren absolut begeistert von unseren
Heiratsplänen, und zwei Wochen vor unserer Abreise
arrangierten wir in Windeseile eine Feier. Wir wußten, daß wir
für sechs Monate getrennt sein würden, denn bereits damals
wurden Männer und Frauen in allen Kursen getrennt
untergebracht. Doch das Glück über das Versprechen, ein
Leben lang zusammen zu bleiben, das wir uns gegenseitig
gegeben hatten, machte den Gedanken an solch eine lange
Trennung tolerierbar. Hunderte von Lehrern aus der ganzen
Welt waren auf dem Weg zu dem «Sechs-Monate-Kursus» in
den Schweizer Alpen, und Dutzende von Hotels waren in den
umliegenden Orten angemietet worden. Ich verbrachte die
ersten drei Monate in Brunnen, einem lieblichen Ort am Ufer
des Luzerner Sees. Ich medi-
tierte mit großer Hingabe. Ich konnte niemals genug bekommen,
und meine Erfahrung der Transzendierung wurde klarer und
klarer, auch wenn mich die Angst weiterhin mit alarmierender
Regelmäßigkeit überfiel.
Jeden Tag mußten wir Formulare ausfüllen, in denen unsere
Erfahrungen beschrieben und die Klarheit der Transzendenz
beurteilt werden mußten. Man teilte uns des weiteren mit, daß
man aus unserer Gruppe einen Leiter auswählen würde, der
dafür verantwortlich sei, diese Erfahrungsberichte jede Woche
einzusammeln, um sie am Telefon einem Beauftragten des
Maharishi vorzulesen. Dieser Leiter sollte auch täglich das
Hauptquartier kontaktieren und alle organisatorischen
Mitteilungen an die Gruppe weiterleiten. Man teilte mir mit, daß
ich zum Gruppenleiter ausgewählt worden war. Ich war mir
nicht sicher, wie ich auf diese Nachricht reagieren sollte, doch
schien diese Entscheidung endgültig zu sein, und so gab ich
meine Zustimmung und hoffte, daß alles gutgehen würde.
Rick und ich schrieben uns fast jeden Tag. Er war genau
wie ich ein begeisterter Meditierer. Oft beschrieb er die
ekstatischen Zustände, die er erlebte, und all seine Briefe waren
durchwoben von hingebungsvollen Liebeserklärungen und
Dank für den Maharishi. Mehr als einmal schrieb er, daß er nun
all diejenigen verstehen könne, die dem weltlichen Leben
entsagten, um ein spirituelles Leben mit ihrem Guru zu führen.
Mir war unklar, was in seinem Herzen vorging, doch ich
beschloß, mir darüber keine Sorgen zu machen. Aus meiner
eigenen Erfahrung wußte ich, daß die Emotionen während der
langanhaltenden Runden sehr starken Schwankungen
unterworfen waren, und ein jeder von uns erwog die Möglichkeit
(die wir in höchstem Maße idealisierten), ein Leben der
Entsagung zu führen, die Welt der May a zu verlassen und uns
voll und ganz der Erleuchtung zu widmen. Wir wußten von
denjenigen, die seit Jahren in der Nähe des Maharishi lebten
und studierten, ihm überallhin folgten und niemals in ihr
früheres Leben in der Welt zurückkehren wollten. Diese Frauen
und Männer wurden mit einer Mischung aus Neid und
Bewunderung betrachtet. Man hatte ihnen den Titel «Verheiratet
mit der Asana-Matte» verliehen.
Zu jener Zeit lebte der Maharishi in der obersten Etage eines
Hotels in Hertenstein, wo auch alle seine langjährigen
weiblichen Anhänger (ohne Zweifel in der Kategorie
«Verheiratet mit der Asana-Matte») und viele aus den höheren
Rängen der TM-Organisation untergebracht waren. Er ordnete
an, daß alle Gruppenleiter der Hotels, in denen Frauen
untergebracht waren, nach Hertenstein verlegt werden sollten,
um dort an dem Kurs teilzunehmen. Im Austausch sollte jeweils
eine Frau aus Hertenstein in die anderen Hotels umziehen, um
dort jeden in die Siddhis einzuweihen. Ich wurde angewiesen,
meine Sachen zu packen und in der Lobby meines Hotels in
Brunnen auf den Bus zu warten, der mich abholen würde. Ich
war im Himmel. Ich sollte also im Hotel des Maharishi wohnen
und eine der ersten sein, die in die Siddhi-Techniken eingeführt
wurde.
Etliche Stunden später traf der Bus endlich ein, und er war
bereits voll besetzt mit Frauen, die aus den verschiedenen Hotels
eingesammelt worden waren. Nach einer kalten, unbequemen
Fahrt durch die nächtlichen Alpen erreichten wir ein mit
Schnitzereien verziertes Hotel, das auf einer Anhöhe lag und
eine wunderbare Aussicht auf den See und die umliegenden
Berge bot. Als wir vorfuhren, empfingen uns drei Frauen in
Saris und begrüßten uns. Man zeigte uns unsere Zimmer und
überließ uns dann uns selbst.
Mein Zimmer war geräumig und komfortabel mit einem
wunderschönen Ausblick über den Luzerner See und die
strahlenden Lichter der Orte, die sich wie eine Halskette um den
See legten. Ich stellte meine Tasche ab, warf mich aufs Bett und
fiel bis
zum Morgengrauen in einen tiefen Schlaf. Als ich erwachte,
nahm ich eine Dusche und begann mit meinen morgendlichen
Runden, gespannt darauf, ob es anders sein würde, im Hotel des
Maharishi zu meditieren, denn es ging das Gerücht um, daß es
der optimale Platz zum Transzendieren sei.
Nachdem ich eilig meine Asanas und Pranayamas beendet
hatte, schloß ich die Augen und begann mit meinem Mantra.
Doch kaum, daß ich begonnen hatte, fühlte ich mich wie von
einem Tornado aufgesogen. Eine ungeheure Kraft wirbelte
mich mit einer Geschwindigkeit im Kreis umher, die nicht
länger als ein paar Sekunden zu ertragen war, sie hätte mich
ansonsten in Stücke zerrissen. Ich versuchte meine Augen zu
öffnen, doch ich konnte sie nicht finden. Alle Empfindungen,
einen Körper zu besitzen, hatten sich aufgelöst, und trotzdem
wurde ich weiterhin umhergewirbelt. Einen Moment später
hörte es ganz plötzlich auf, und alles war still. Ich legte mich
aufs Bett, um meine Kräfte zu sammeln. Nun gab es keinen
Zweifel mehr: Ich brauchte den Rat des Maharishi, um
herauszufinden, was um Himmels willen mit mir in meiner
Meditation passierte. Ich betete, daß ich recht bald dazu
Gelegenheit bekommen möge.
Unsere Ankunft in Hertenstein war der Beginn einer
entscheidenden Veränderung, was den Ton des Kurses betraf.
Für den folgenden Tag war unsere Einweihung in die Siddhis
durch zwei leitende TM-Lehrer geplant. Danach sollten wir
innerhalb der Gruppe unsere Übungen praktizieren. Ein
Empfangssaal im Erdgeschoß war in einen Meditationsraum
verwandelt worden. Der gesamte Boden war mit
Schaumgummimatratzen ausgelegt, die mit Dutzenden von
weißen Laken bedeckt waren. Auch die Fenster waren mit
Matratzen und Laken verhängt worden, um dem Ganzen einen
möglichst privaten Rahmen zu geben. Erst später erfuhr ich,
daß man gleichzeitig verhindern wollte, durch den Lärm der
siddhiübenden Frauen einen gewissen Argwohn bei un-
seren Schweizer Nachbarn aufkommen zu lassen. Der Raum
wirkte wie eine riesige gepolsterte Zelle, und die würdevollen
Kristallkronleuchter gaben dem Ganzen einen Hauch von
eleganter Absurdität. Ich war nicht der einzige Neuankömmling,
der in Gelächter ausbrach, als er zum ersten Mal den Raum
betrat. Diese seltsame Szenerie schien das Gerücht zu bestätigen:
Wir sollten «fliegen» lernen. Es konnte kaum eine andere
Erklärung für diesen gepolsterten Raum geben, als daß er als
«Landebahn» für fliegende Meditierer dienen sollte.
Bislang hatten wir den Maharishi noch nicht zu Gesicht
bekommen, doch Gerüchte besagten, daß er uns persönlich
einweihen würde. Man wies uns an, im « Schaumgummiraum »
im Kreis zu sitzen und auf weitere Anweisungen zu warten.
Dabei formten sich von ganz allein zwei Gruppen: Die
Neuankömmlinge mit einem etwas verlegenen
Gesichtsausdruck und die Erfahreneren, umweht von einer Brise
losgelöster Überheblichkeit. Wir waren so weit. Barbara, unsere
Kursleiterin und langjährige Anhängerin des Maharishi, betrat
den Raum mit einem Telefon in der Hand, das sie in die Mitte des
Raumes plazierte. Sie sagte, daß uns der Maharishi die ersten fünf
Siddhis per Telefon übermitteln würde, nachdem wir unsere
Puja (hingebungsvolle Zeremonie) beendet hatten. Wir waren
völlig schockiert. Der Maharishi war nur ein paar Stockwerke
über uns, und doch wollte er per Telefon zu uns sprechen?
Barbara begann den Tisch für die Puja aufzubauen, während
einige Frauen Früchte und Blumen aus der Küche besorgten.
Anschließend standen wir um den Altar herum, jeder hielt
eine Blume in der Hand, und wir sangen im Chor die Puja. Die
Zeremonie besänftigte meinen aufgewühlten Verstand, und in
meinem Kopf wurde es wieder leichter. Wir verbeugten uns am
Ende der Puja und bildeten einen Kreis um das Telefon. Es
knackte zweimal, und dann kam Maharishis hohe Stimme durch
die Leitung. Es klang, als ob er Tausende von Meilen entfernt
wäre.
«Wie geht es meinen Damen?» säuselte seine Stimme. «Alle
sind glücklich und entspannt?»
«Wir sind alle sehr glücklich, Maharishi», antwortete
Barbara. «Wir sind insgesamt zweiunddreißig Frauen hier
unten, und wir haben gerade die Puja beendet.»
« Sehr gut, sehr gut. Laßt uns also mit dem Prozeß beginnen,
der euch zu Meistern des Zeitalters der Erleuchtung macht. Ihr
werdet lernen, wie man auf den höchsten Gedankenebenen
spielt, nachdem ihr von den vielen Jahren eurer Meditation
reiche Früchte geerntet habt. Ihr habt alle die Erfahrung einer
klaren Transzendierung erlebt, oder nicht? Sehr gut. Und nun
wird eure klare Transzendierung dazu beitragen, jedem auf
diesem Planeten Frieden zu bringen. Es sind die Auswirkungen
der vielen Stunden eurer tiefen Meditation, die die Boten des
Zeitalters der Erleuchtung sein werden. Schon sehr bald wird die
ganze Welt den Frieden und die Glückseligkeit erfahren, die wir
durch unsere Meditation wie Wellen zu jedem in dieser Welt
aussenden werden.»
Nachdem er die Siddhis recht detailliert erklärt hatte, gab er
uns genaue Anweisungen für die Techniken, Sutras genannt, für
fünf der Siddhis. Eines davon war das fliegende Sutra. Wir
schrieben jedes Wort mit, und er erlaubte uns, unsere Zettel so
lange benutzen zu dürfen, bis wir jedes Wort auswendig
kannten. Er wies uns auch an, morgens drei Stunden lang auf
unserem Zimmer zu meditieren und dann nach unten in den
Saal zu kommen, um gemeinsam die Siddhis zu praktizieren.
Am nächsten Morgen erschienen wir Neuankömmlinge
pünktlich zur ersten Siddhi-Übung innerhalb der ganzen
Gruppe. Ich setzte mich mit gekreuzten Beinen auf die
Schaumgummimatratze, um mit meinen Sutras zu beginnen, als
plötzlich der Raum von den bizarrsten Geräuschen widerhallte.
Ich riß meine Augen auf und stellte fest, daß die Teilnehmer aus
der früheren Gruppe, die schon seit drei Wochen die Siddhis
praktizierten, vor- und
rückwärts oder seitlich hin und her schwankten und dabei die
irrsinnigsten Laute ausstießen, die ich jemals gehört hatte:
Schreie, Brüllen, Raunen, Knurren, Grunzen, Gelächter, Jaulen
und Stöhnen. Der Raum vibrierte von den Bewegungen und
Geräuschen. Wir starrten uns gegenseitig mit offenem Mund an
und versuchten abzuschätzen, wie ernst die Lage war.
Unsere Verwunderung ging schließlich in Gelächter über,
als wir die Altmeditierer beim Abheben beobachteten. « Fliegen »
war sicherlich nicht das passende Wort dafür, es ähnelte eher
einem Hüpfen. Doch hier saßen sie vor uns, in Lotusposition,
die Augen geschlossen, dabei Geräusche ausstoßend, die vom
Kriegsgeschrei bis zum Kichern reichten, und sie hüpften auf
der Schaumgummimatratze umher wie Frösche, die von einem
Seerosenblatt zum nächsten sprangen. Welch ein Anblick!
Ich berichtete Rick über alles, was in Hertenstein geschah.
Auch seine Gruppe war in die ersten fünf Sutras eingeweiht
worden, und er hatte die gleichen Erfahrungen gemacht:
Kakophonie und alles andere. Doch im Gegensatz zu mir war
er von den Siddhis absolut begeistert. Für ihn waren die Sutras
wesentlich umwerfender, als er es sich in seinen kühnsten
Träumen hätte vorstellen können, und er schien auf einer
grenzenlosen Woge der Glückseligkeit dahinzugleiten.
Der Kurs lief nun schon seit zwei Monaten in Hertenstein,
doch bislang hatten wir den Maharishi noch nicht zu Gesicht
bekommen. Wir hörten von allen möglichen Aktivitäten in
der Suite des Maharishi, und Freunde in den anderen Hotels
schrieben uns, daß sie uns beneideten, denn wir säßen ja mitten
im Zentrum des Geschehens. Wir versicherten ihnen, daß es
absolut keinen Grund gab, uns zu beneiden.
Ununterbrochen kamen neue Schüler aus Seelisberg an, und
manche von uns, die in Hertenstein untergebracht waren,
mußten gelegentlich ihr Zimmer für einen Neuankömmling
räumen.
Meine Freundin Ann, mit der ich in Brunnen zusammengewesen
war, wurde aufgefordert, in ein winziges Zimmer ohne Bad
umzuziehen. (Sie hätte das Badezimmer unten in der Lobby
benutzen müssen.) Es war gerade ihr Geburtstag, und wir hatten
ihre Zimmertür mit Karten und Briefchen vollgehängt. Sie bat
um einen Tag Aufschub für den Umzug, damit sie noch ihren
Geburtstag dort feiern konnte, doch die Antwort war ein
rigoroses Nein von einer solchen Vehemenz, daß Ann in Tränen
ausbrach.
Während sie noch tränenüberströmt in der Tür stand,
stürmten einige der Kursleiter in ihr Zimmer und begannen,
ihre Sachen auf den Flur zu werfen. Einige andere
Kursteilnehmer und auch ich schrien sie an, damit aufzuhören,
und ein hitziges Wortgefecht begann. Barbara schrie
dazwischen, daß es der Wunsch des Maharishi wäre, den sie
ausführten - das war immer die Entschuldigung für alle nicht
nachvollziehbaren Entscheidungen -, und daß es «für unsere
eigene Entwicklung» sei, die Anweisungen des Maharishi
auszuführen.
Auch wenn solche Vorfälle nicht regelmäßig passierten, so
geschahen doch mehr Dinge, als man von jemandem erwartet
hätte, der mit Techniken arbeitet, die zu einem höheren
Bewußtseinszu-stand führen sollen. Mir fiel es immer schwerer,
die Augen davor zu verschließen, daß diejenigen aus dem
inneren Kreis offensichtlich kein Mitgefühl empfanden, und das
schürte wiederum altgehegte Zweifel an den Werten der
Organisation.
Zwei Wochen vor Kursende lag eine gewisse Begeisterung
in der Luft, als wir mit den Vorbereitungen für unsere
«Abschluß-Feier» begannen, die in Seelisberg stattfinden sollte.
Dort wollte man uns unsere Diplome überreichen, die uns zu
Meistern des Zeitalters der Erleuchtung machten. Der
Maharishi hatte sich ausgebeten, daß die Damen Saris tragen
sollten, und all diejenigen, die noch nie einen Sari getragen
hatten, befürchteten, sich zu blamieren. Eine Inderin aus einem
der Kurse erklärte sich bereit,
uns zu zeigen, wie man einen Sari bindet und mit so viel Grazie
wie möglich schreitet - oder zumindest einfach geht. Den
Maharishi hatten wir immer noch nicht zu Gesicht bekommen,
doch er hatte im vergangenen Monat noch dreimal per Telefon
mit uns gesprochen und uns weitere Sutras übermittelt. Die
neuen Siddhi-Übungen zusammen mit der Meditation, dem
Hatha Yoga und dem Pranayama, aus denen eine Runde
bestand, dauerten jetzt drei Stunden. Ich begann mich zu
wundern, ob man ein solches Programm zu Hause in den
Staaten aufrechterhalten konnte. Schließlich nahmen eine
Runde am Morgen und eine am Nachmittag, die empfohlene
Praxis für ein Leben «in der Welt», bereits sechs Stunden in
Anspruch. Weiterhin sollten wir jeden Monat einen Bericht über
unsere Fortschritte an das Hauptquartier in Seelisberg schicken
und über unsere Erfahrungen mit den Siddhis berichten.
Es war ein wunderschöner, warmer Wintertag. Ich hatte
gerade zu Mittag gegessen und wollte mich auf meinen
täglichen Spaziergang in der Umgebung machen. Auf dem Weg
hielt ich an der Rezeption an, um nach Post zu schauen. Ein
Brief von Rick war angekommen, und ich riß ihn voller Freude
auf. Ich las die ersten drei Sätze, und mein Herz begann derart
zu rasen, daß ich mich hinsetzen mußte, um mein
Gleichgewicht wiederzufinden. Ich las die Zeilen nochmals
durch. Rick schrieb, er wolle nicht heiraten. Er hätte bereits an
unsere Eltern geschrieben und nun an mich. Er wisse, daß mich
dies verletzen würde, aber er habe beschlossen, nicht zu heiraten
- niemals. Er wolle sein Leben dem Guru widmen, so nahe wie
möglich in Maharishis Nähe leben, enthaltsam bleiben und
Erleuchtung erlangen.
Ich mußte nach Luft schnappen, während ich las. Es
verschlug mir ganz einfach die Sprache. Mehrere Freunde
versammelten sich um mich, während ich sprachlos und mit
tränenüberström-tem Gesicht, unterbrochen von tiefen
Schluchzern, die Nachricht

hervorstammelte. Schließlich konnte ich nur noch leise vor


mich hinwimmern. Ich weinte mehrere Tage lang. Ich ging
jeden einzelnen Brief durch, den ich von ihm erhalten hatte, um
einen Hinweis für diese unerträgliche Entscheidung zu finden.
Dann überkam mich die Wut, und diese Wut schien mein
zerrissenes Herz wieder zusammenzufügen. Ich zog meinen
Diamantring vom Finger, steckte ihn in einen Umschlag,
adressierte ihn an Rick, klebte eine Briefmarke drauf und
feuerte ihn in den Briefkasten. Ich wußte genau, daß ihn das
treffen würde, doch in meiner Verletztheit war mir das völlig
egal. Wir würden uns in einer knappen Woche bei der
Abschlußfeier wiedersehen und dann zusammen zurück in die
Staaten fliegen. Er sollte mir ins Gesicht sagen, daß dies
tatsächlich das war, was er wollte.
Am letzten Tag des Kurses brachen wir in aller Frühe nach
Seelisberg auf. Unser Flug sollte am Abend um sieben Uhr von
Zürich starten, und wir glaubten noch eine Menge Zeit zu
haben. Doch wie üblich führten organisatorische Probleme zu
Verspätungen. Als wir endlich ankamen, hatten wir gerade noch
zwanzig Minuten Zeit bis zu unserem Aufbruch zum Flughafen
und um unsere Diplome in Empfang zu nehmen. Ich sah Rick
nur ganz kurz, als wir aus dem Bus stiegen. Er schien völlig
ruhig zu sein, fast distanziert. In seinem Gesicht zeigten sich
keinerlei Reaktionen, als er mich begrüßte und mir
Komplimente über mein Aussehen in dem Sari machte. Der
Flug verlief auch nicht anders. Rick war während der gesamten
Reise in bester Laune. Er schien nicht im mindesten zu leiden -
nur daß ich ihm den Ring auf solch unverantwortliche Weise
zurückgeschickt hatte, schien ihn erwartungsgemäß zu ärgern.
Unsere Eltern erwarteten uns in Chicago mit recht
gemischten Gefühlen. Sie warteten auf uns am O'Hare-
Flughafen, beladen mit Blumensträußen, doch ihr fröhliches
Lächeln verschwand sofort, als sie mich erblickten. Der
Schmerz war ihnen anzusehen

und in ihren Umarmungen zu spüren, doch ich wußte ihre


Bemühungen, ein fröhliches Gesicht aufzusetzen, zu schätzen.
Allen blieben die Worte im Halse stecken, während wir den
langen Korridor zum Gepäckempfang gingen. Die
Geschäftigkeit der Welt um uns herum hatten Rick und mir
völlig die Sprache verschlagen, während unsere Familien
ununterbrochen über all das Essen plauderten, das wir doch
sicher vermißt hätten, und in welche Restaurants wir wohl gerne
zum Abendessen gehen möchten.
Nachdem wir unser Gepäck eingesammelt hatten, brach
Rick mit seiner Familie auf, und seine Mutter warf mir einen
langen, forschenden Blick voller Entschuldigungen zu, für den
sie eigentlich gar keinen Anlaß hatte. Kaum waren sie außer
Sichtweite, brach meine Mutter in Tränen aus, und ich
versuchte sie zu trösten und zu beruhigen. Diesmal war ich
ausnahmsweise froh über die Ablenkung, die sie mir damit bot,
und ich tätschelte ihren Rücken und versicherte ihr, daß sich
alles zum Besten wenden würde.
Ich war kaum zwei Tage wieder zu Hause, als ich mich
entschied, für weitere drei Monate in die Schweiz
zurückzugehen. Diese Möglichkeit hatte die ganze Zeit schon
bestanden, und viele Frauen in Hertenstein waren gleich
dortgeblieben. Meine Eltern stimmten sofort zu. Sie hofften
wahrscheinlich, daß eine weitere Reise nach Europa mein
gebrochenes Herz wieder heilen würde. Ich rief in der Schweiz
an, um mich anzumelden, und zwei Tage später saß ich in einem
Flugzeug der SwissAir zurück nach Zürich. Die nächsten drei
Monate verbrachte ich in Arosa und fand endlich auch eine
Gelegenheit, meine Frage über die Angst loszuwerden, als uns
der Maharishi am Ende des Kurses aufsuchte.
«Maharishi», legte ich los, «ich muß dich etwas über ein
Erlebnis fragen, daß mich schon seit über einem Jahr
beunruhigt. Immer, wenn ich ein klares Transzendieren
erlebe, überkommt

47
mich eine überwältigende Angst, und ich habe dann das Gefühl,
daß ich augenblicklich tot umfalle, wenn ich die Meditation nicht
abbreche.»
Der Maharishi brach in schallendes Gelächter aus, eine
Reaktion, die ich absolut nicht erwartet hatte.
«Mach dir keine Sorgen wegen der Angst», sagte er unter
Lachen. « Es ist lediglich der Körper, der an der Welt festhält. Um
zu transzendieren, mußt du die Welt loslassen, doch der Körper
bekommt Angst, denn er glaubt, daß es außer der Welt nichts
anderes gäbe. Schenke der Angst deines Körpers keine Bedeutung
- laß einfach los.»
Da hatte ich nun endlich meine Antwort, auch wenn das
Loslassen viel zu sehr mit Angst beladen war, als daß es eine
akzeptable Lösung hätte sein können. Der Vorschlag des
Maharishi machte rein theoretisch Sinn, doch es sollte noch
viele Jahre dauern — viele Jahre voller Angst in einem Ausmaß,
wie ich es noch nie zuvor erlebt hatte -, bevor schließlich aus
reiner Erschöpfung das Loslassen geschah.
Der dreimonatige Kursus war eine Fortsetzung des Kurses in
Hertenstein, nur noch viel größer. Das Hotel Pratjali in Arosa
war bis zum Bersten gefüllt: hundertachtzig Siddhi-Frauen, wie
wir genannt wurden, waren aus den verschiedenen Orten in
Europa angereist, wo sie gerade den sechsmonatigen Kurs
beendet hatten. Der große Ballsaal war in eine höhlenartige
Siddhi-Arena verwandelt worden, die von den Schreien und
dem Aufheulen der Gruppe widerhallte und das ganze Hotel
vibrieren ließ. Wir verbrachten täglich sechs Stunden auf
unseren Zimmern und machten unsere Runden und drei
weitere Stunden in der großen Gruppe mit den Siddhi-
Übungen. Die Kakophonie war ohrenbetäubend. Ich sehnte
mich nach meinen früheren Erfahrungen von tiefer Stille und
Frieden zurück, die mich in den Schoß von TM geführt hatten,
in einer Zeit, als das transzendentale Gewahrsein

noch das einzige Ziel war. Die Siddhi-Kurse begannen, meinen


inneren Frieden anzufressen und wühlten mich eher auf, als
daß sie mir Glückseligkeit bescherten.
Am Ende konnte ich es kaum erwarten, Arosa wieder zu
verlassen, um nie mehr in das Irrenhaus zurückzukehren, das die
TM-Organisation geworden war. Ich wollte dem Gefängnis des
intellektuellen Überbaus entfliehen, den ich in den Mauern der
Welt des Maharishi übernommen hatte. Ich wollte all dem
entfliehen und keinen Blick zurückwerfen. Ich hoffte, daß das
nächste Kapitel das bringen würde, was ich wirklich suchte.
Präludium der Leere

Auf der langen Reise fort vom Selbst


Gibt es viele Umwege,
Ausgefahrene, holperige Wege,
Auf denen der Schiefer gefährlich lose liegt
Und die Hinterachse fast über die Klippe hängt,
Falls ein plötzlicher Kurswechsel kommt,
Der Moment der Wende.
THEODORE ROETHKE

Zurück in den USA, schien Kalifornien offensichtlich das Ziel


für mich zu sein. Ich packte meine Sachen und verabschiedete
mich von meinen Eltern. Langsam wurde ich vertraut mit der
Erfahrung, im Leben weiterzuschreiten, ohne erst die
Möglichkeiten zu analysieren und das Für und Wider
abzuwägen, sondern mich einfach in den nächsten Moment
fallen zu lassen und zu tun, was es zu tun gab. Ich analysierte
niemals meine Möglichkeiten oder die passenden Argumente,
um zwischen den Optionen zu wählen. Schon recht früh hatte ich
realisiert, völlig darauf vertrauen zu können, daß sich der
nächste Schritt in recht offensichtlicher Weise präsentieren
würde. Nach Kalifornien zu gehen, war ganz einfach das
Naheliegenste, was es zu tun gab.Ich schrieb mich am Sonoma
State College für das Wintersemester ein und stürzte mich mit
einer bis dahin ungekannten Heftigkeit in das akademische
Leben. Mir schien es eine Reaktion auf das Leben außerhalb
einer geschlossenen spirituellen Ge-
meinschaft zu sein, vermischt mit einer ungezügelten Freude an
neuen Ideen, die das spirituelle Wissen, von dem ich so sehr
durchdrungen war, ergänzten. Ich versuchte, meinen Blick nach
vorn zu richten, und hoffte, daß ich genügend aus meinen
vergangenen Erfahrungen gelernt hatte, so daß mich davon
nichts einholen oder verfolgen würde. Ich lebte überwiegend
ohne Erinnerungen an die Vergangenheit, außer den
Erfahrungen mit der Meditation, die mich weiterhin in den
unendlichen Raum entführten, wann immer ich mich
hinsetzte und meine Augen schloß. Nach meiner Rückkehr
von dem Siddhi-Kurs meditierte ich nur noch sporadisch. Es
fiel mir schwer, inmitten eines solch aktiven Lebens die Zeit
dafür zu finden.
Nach diesen Jahren eines weltabgeschiedenen Lebens stürzte
ich mich voller Freude und Enthusiasmus in das Leben einer
freien, unabhängigen Frau. Ich ertränkte meine Trauer über
meine verlorene Liebe in einem Meer neuer Beziehungen. Ich
genoß vollen Herzens, ein vertrautes Gebiet mit verschiedenen
Partnern zu erkunden, und ein jeder von ihnen eröffnete mir
einen neuen Aspekt der scheinbar unendlichen Möglichkeiten
menschlichen Seins.
Auch mein Studium bot mir reichlich Inspiration. Im
Januar 1978 wechselte ich zur Universität von Kalifornien in
Berkeley. Während ich mich durch die große Weltliteratur des
neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts arbeitete, begann für
mich eine Zeit intensiver Entdeckungsreisen, die in mir eine
Liebe für die Schicksale der Menschen erwachen ließ. Im
Dezember 1979 machte ich mein Examen in englischer Literatur
und hielt sofort nach dem nächsten Ziel Ausschau. Ich brauchte
nicht lange zu warten: Wie üblich wartete das Naheliegenste, das
es zu tun gab, gleich schon im nächsten Augenblick. Ich buchte
einen Flug nach Paris.
Gern würde ich eine genauere Erklärung dafür abgeben,
warum meine Wahl auf Paris fiel. Sicherlich gab es eine
Menge
unbekannter Einflüsse, die mich in diese Richtung getrieben
haben, doch zu der Zeit konnte ich nur feststellen, daß genau
dies offensichtlich das Naheliegenste war, was es zu tun gab. Ich
hatte in der Schule Französisch gelernt und fühlte mich
ungemein vertraut mit der Sprache, fast so, als ob ich mich an
sie erinnern würde, anstatt sie neu zu erlernen. Als ich in Paris
ankam, stellte ich fest, daß ich mit der Stadt so vertraut war,
als ob ich dort schon einmal gelebt hätte und die engen Straßen
und die vibrierende Energie bereits kannte.
Fast auf Anhieb fand ich ein Appartement auf dem linken
Ufer in St. Germain-des-Pres, einem der buntesten und
lebendigsten Bezirke der Stadt. Ich schrieb mich an der
Sorbonne ein, belegte die Semester für ausländische Studenten
und stürzte mich in ein neues und aufregendes Leben. Ich schien
die Stadt buchstäblich zu inhalieren und auf eine Art in mich
aufzunehmen, daß es schon fast angsterregend wirkte, wenn ich
mehr auf Vorsicht bedacht gewesen wäre. Doch Vorsicht war zu
jener Zeit nicht meine Sache, und ich hatte meine wahre Freude
an der Vollkommenheit der Dinge. Paris war voller Leben, wie
ich es bislang noch von keiner Stadt kannte. Ich fühlte mich in
seiner Energie zu Hause und war begeistert von seinem Zauber.
Berauscht von freudiger Verwunderung wanderte ich im
Morgengrauen durch die engen kopfsteingepflasterten Gassen
und konnte kaum fassen, was sich meinen Augen eröffnete.
Meine einzige Freundin in Paris war Juliette, die Schwester
von einem der Teilnehmer, den ich in den TM-Kursen
kennengelernt hatte. Juliette war eine wunderliche, träumerische
Frau, die sich sofort in jedes Abenteuer stürzte. In der ersten
Woche verbrachten wir viel Zeit miteinander, und ihr verdanke
ich meine Einführung in das komplexe Leben von Paris.
In ihrem Appartement bekam ich zum ersten Mal den
Philosophen Bernard-Henri Levi zu Gesicht. Er gab gerade
einem sehr

bekannten Journalisten ein Interview für die Nachrichten im


Fernsehen. Levi war der Kopf einer neuen Bewegung, die die
traditionellen Werte der Philosophie des zwanzigsten
Jahrhunderts auseinandernahm. Ich verstand kein Wort von
dem, was er sagte, doch seine leidenschaftliche Art faszinierte
mich. Juliette erzählte mir, daß er auf einer Veranstaltung
sprechen würde, die am nächsten Tag in Ivry, einer kleinen
Vorstadt südlich von Paris, stattfinden sollte. Gemeinsam
wollten wir daran teilnehmen.
Ich traf noch vor Juliette in Ivry ein, mitten in einer
Menschenmenge, die gekommen war, um Levi sprechen zu
hören. Die Veranstaltung fand in einem großen Zelt statt, das
extra dafür errichtet worden war. Man hatte viele Reihen mit
Klappstühlen und eine erhöhte hölzerne Plattform mit mehreren
bequemen Sesseln als Podium aufgebaut. Ich suchte in dem
überfüllten Zelt nach zwei Stühlen und hoffte, daß Juliette mich
finden würde. Schließlich entdeckte ich zwei Stühle am
Mittelgang ungefähr in der zehnten Reihe und setzte mich.
Immer wieder fragten mich Leute, ob der andere Stuhl bereits
besetzt sei. Das Zelt füllte sich sehr schnell, und von Juliette
war immer noch nichts zu sehen. Levi kam die Stufen hinauf
zum Podium und sezte sich in einen der Sessel. Die Lampen
wurden abgeblendet, und wer jetzt noch keinen Stuhl hatte,
machte nun einen letzten Versuch, einen freien Platz zu
ergattern. Ein gutaussehender Mann Ende zwanzig fragte mich,
ob der Stuhl neben mir noch frei sei. Ich warf nochmals einen
kurzen Blick durch das Zelt, ob Juliette irgendwo zu sehen war,
und überließ ihm dann den Stuhl.
Er begann sofort eine Unterhaltung. Er bemerkte zwar
meinen Akzent, doch da er ihn nicht lokalisieren konnte, fragte
er mich, woher ich sei. Er war höchst erfreut zu hören, daß ich
Amerikanerin war, und begann sofort von seiner kürzlichen Reise
in die Staaten zu erzählen. Er war durch Kalifornien und Nevada
gereist und erklärte voller Freude, daß dies einer der Höhepunkte
in seinem Leben ge-
wesen war. Er überwältigte mich mit seiner enthusiastischen
Be-Igeisterung. Die anderen Zuhörer baten uns, unsere
Unterhaltung leinzustellen, denn Levi stand bereits auf dem
Podium und war be-Ireit, mit seinem Vortrag zu beginnen. Der
Mann neben mir stellte sich als Claude Cohen vor, schüttelte
höflich meine Hand und •fragte, ob wir unsere Unterhaltung
nach dem Vortrag fortsetzen könnten. Ich willigte gerne ein
und dachte, daß eine Unterhaltung lit solch einem
leidenschaftlichen Gesrpächspartner für mich zu-lindest eine
gute Lektion in Französisch sein würde.
Claude und ich gingen nach dem Vortrag in ein Cafe, und
wir schlängelten uns durch die Menschenmenge. Ich hatte die
Hoff-lung aufgegeben, Juliette noch zu finden. Wir
verbrachten die veiteren Stunden damit, uns zu unterhalten,
Kaffee zu trinken ind uns voller Begeisterung gegenseitig so
viel wie möglich voneinander zu erzählen.
Wir lachten über die Unterschiede unserer beiden
Kulturen und machten Witze über die typisch amerikanischen
und französischen Eigenheiten. Claude hatte vor kurzem sein
Medizinstudium beendet und arbeitete nun in einer privaten
Arztpraxis. Er stammte aus einer jüdischen Familie, die sich
1967 nach der Vertreibung aus ihrem Heimatland Tunesien in
Paris niedergelassen hatte. Für ihn war es eine traumatische
Zeit gewesen, und er schilderte mir alles mit größter
Genauigkeit.
Egal worüber Claude sprach, er tat es mit einer solchen
Leidenschaft, wie ich sie noch nie bei einem Menschen erlebt
hatte. Er war sehr gut über alle möglichen Dinge informiert und
hatte offensichtlich eine Menge Zeit damit verbracht, darüber
nachzu-(., denken und zu diskutieren - über alles, vom Wetter
bis zu den Auswirkungen der Machtergreifung der Sozialisten
unter Mitterand. Ich mußte mich sehr anstrengen, um alles zu
verstehen, was er sagte, und manchmal bat ich ihn, langsamer
zu sprechen oder etwas mit verständlicheren Worten
auszudrücken.
Als wir uns schließlich voneinander verabschiedeten, wußte
ich, daß ich die Person gefunden hatte, die mir beibringen
würde, französisch wie die Einheimischen zu sprechen. Wir
tauschten unsere Telefonnummern aus, um uns in ein paar
Tagen zum Abendessen und vielleicht zum Kino zu treffen.
Nach dieser ersten Verabredung verbrachten Claude und ich
jeden Moment zusammen. Es freute mich zu sehen, wie er sich
an allen möglichen Aspekten des Lebens erfreuen konnte, vom
kleinsten Detail eines Abendessens oder den Wolken am
Himmel bis zu weitreichenden philosophischen oder
politischen Theorien. Er schien einfach über ein
unerschöpfliches Reservoir an Enthusiasmus zu verfügen.
Sehr schnell wurde deutlich, daß unsere Beziehung ernster
wurde, besonders als er nach der vierten Verabredung bei mir
einzog, damit wir mehr Zeit miteinander verbringen konnten.
Ich widersetzte mich nicht seiner Entschlossenheit, fühlte ich
mich doch sehr von seiner energetischen und leidenschaftlichen
Art angezogen. Doch es war seine Familie, die unsere Bindung
wirklich besiegelte. Sie waren genauso mitteilsam und ausgelassen
wie er und von einer Wärme, die mich mit einer natürlichen
Liebe, die ich niemals in Frage stellte, in ihre Arme trieb. Es war
ein ganz besonderes Erlebnis für mich, am Freitagabend zu ihnen
zum Abendessen zu gehen - zu seinen Eltern, seinen beiden
Schwestern mit ihren Ehemännern, seinem Bruder und jedem
aus der Verwandtschaft, der gerade in der Nähe war. Alle
redeten auf einmal, ein Ansturm von Stimmen und Fragen, und
sie taten wirklich alles, damit ich mich in ihrer Mitte
wohlfühlte.
Im November 1980, acht Monate nachdem wir uns getroffen
hatten, heirateten wir. Zwei Monate lang bereitete es uns wahre
Alpträume, all die Papiere zu besorgen, welche die französische
Bürokratie verlangte. Wir mußten daher einen Hochzeitstermin
im späten Herbst auswählen - sehr zum Verdruß meiner
Familie. Niemand ist davon begeistert, zum ersten Mal nach
Paris zu kom-
men, während es eiskalt und der Himmel voll grauer
Regenwolken ist. Mein Vater konnte an der Hochzeit nicht
teilnehmen. Zwei Jahre zuvor hatten sich bei ihm Symptome
von Alzheimer entwickelt, und dies verwandelte ihn in
kürzester Zeit zu einem Schatten seiner selbst. Sein Verstand
löste sich in einem tragischen Verfallsprozeß auf, und wir waren
hilflos dazu verurteilt, dem mit Entsetzen zuzuschauen.
Nachdem sich die Aufregung über das neue Eheleben nach
einem Monat etwas gelegt hatte, begann ich meinen Versuch,
mich in die Rolle einer Pariser Ehefrau einzuleben. Ich hatte mit
meinen Meditationen kurz nach meiner Ankunft in Paris völlig
aufgehört und das vor mir damit begründet, daß ich später
wieder damit beginnen würde - kein Grund zur Aufregung.
Doch es war inzwischen ein Jahr vergangen, und ich spürte auch
weiterhin kein Bedürfnis, wieder zu meditieren, zumal ich
befürchtete, daß Claude -und ich vermutete jeder in Paris - es
mißbilligen würde. Ich war auch wütend auf den Maharishi und
zutiefst von der spirituellen Welt, wie er sie repräsentierte,
enttäuscht. Ich fühlte mich verletzt, weil ich nicht die
Erleuchtung gefunden hatte, die er nach sechs bis acht Jahren
Meditation versprochen hatte. Vielleicht war es auch die Trauer
über den Tod meiner eigenen Naivität, wenn ich in meinen
Gedanken gegen den Maharishi wetterte. Oder vielleicht war es
einfach die Angst davor, einer tieferen Welt zu vertrauen.
Rechtfertigung hin, Rechtfertigung her: Ich umarmte den «Kult
der Oberflächen», den das Leben in Paris repräsentierte.
Ich konnte aber auch feststellen, daß es mich
außergewöhnlich betrübte, immerzu französisch zu sprechen.
Obwohl ich die Sprache fast perfekt beherrschte und mich ohne
weiteres verständlich machen konnte, hatte ich nie das
erleichternde Gefühl, wirklich kommuniziert zu haben, was ich
vermitteln wollte. Wenn wir kommunizieren, dann teilen wir
anderen das mit, was wir zu vermitteln versuchen, auch wenn
der andere es nicht vollständig ver-

steht. Doch die französische Sprache schien meine Mitteilungen


nur unvollständig wiederzugeben. Es kam mir vor, wie Laute zu
erzeugen, die keine Bedeutung für mich hatten. Das Ergebnis
war, daß ich eine Menge Mitteilungen mit mir herumtrug, die
dazu verurteilt waren, niemals ausgesendet zu werden - nicht
weil es Probleme mit den Empfängern gab, sondern weil das mir
verfügbare Medium wenig Verbindung mit dem hatte, was in
mir vor sich ging.
Ich begann, mich wie in einer Falle zu fühlen. Das Glück
und die Fröhlichkeit, die ich während meiner Jahre der
regelmäßigen Meditation empfunden hatte, waren zu einer
schwachen Erinnerung verblaßt. Ein Mantel von Verzweiflung
und Zynismus hatte sich über mich gelegt, und es war nicht
mehr zu leugnen, daß mich eine tiefe Einsamkeit erfaßt hatte.
Die Einsamkeit verstärkte sich bald zu einer tiefen Besorgnis,
die mit alarmierender Regelmäßigkeit in Panik endete. Ich
versank in völliger Verwirrung, und trotzdem versuchte ich
verzweifelt den Eindruck zu erwek-ken, alles unter Kontrolle
zu haben.
Ungefähr zu dieser Zeit begann Claude davon zu sprechen,
ein Kind haben zu wollen. Obwohl mich das überhaupt nicht
überraschte, war ich trotzdem nicht sofort davon begeistert. Ich
wußte genau, seit ich zum ersten Mal Claudes Familie
kennengelernt hatte, daß eine Heirat mit ihm bedeutete, Kinder
zu haben -so viele und so schnell wie nur möglich. Auch mir gefiel
diese Vorstellung sehr, besonders als ein Teil dieses großen,
ausgelassenen und warmherzigen Familienclans. Doch die
Aussicht auf ein Kind, während ich in den Fängen einer
tiefgehenden inneren Krise steckte, schreckte mich zunächst
einmal ab.
Ich war nicht bereit, Claude über mein Dilemma
aufzuklären, und so schlug ich ihm vor, daß wir noch ein wenig
die Welt erkunden sollten, bevor wir eine Familie gründeten.
Widerwillig ging er darauf ein, und es dämmerte ihm, daß er
eine Frau gehei-

f*
ratet hatte, die er nur schwer verstehen konnte und die
vielleicht versuchen würde, die Regeln zu ändern, um die
sie bei ihrer
lochzeit wußte und in die sie eingewilligt hatte. Er verstand
nicht, daß ich niemals einen konkreten Plan ausgeheckt hatte,
der darauf abzielte, seine Wünsche zu durchkreuzen. Ich wußte
nur zu dem Zeitpunkt ganz einfach, daß nicht die Zeit für ein
Kind war, sondern zum Reisen. Die Zeit für ein Kind würde früh
genug kommen.
1981 war das Jahr unserer Reise. Wir zogen durch Marokko,
Italien, Amsterdam und Südfrankreich, verbrachten Tage
voller
luße in malerischen Dörfern auf dem Lande, wo ich eine
Zeitlo-sigkeit erlebte, die mein Gefühl, gefangen zu sein,
schwächer wer-ien ließ. Ich fühlte mich freier, als ich aus Paris
herauskam, und
lein Herz wurde ruhiger, berührt von der Stille der Natur und
ihrer wunderbaren Palette der unendlichen Vielfalt der
Landschaften. Die Erinnerung an die Freude kehrte zurück.
Nach unserer Rückkehr von Sizilien im Januar 1982 teilte
ich Claude mit, daß ich bereit sei, ein Kind zu haben. Innerhalb
weniger Wochen, Mitte Februar, wurde ich schwanger und
damit augenblicklich in die zeitlose Übelkeit einer
Schwangerschaft gestoßen. Erfüllt von den kulturellen
Phantasien einer strahlenden Mutter in spe war ich nur schlecht
auf die physischen Herausforderungen einer Schwangerschaft
vorbereitet. Die Übelkeit und Müdigkeit von der ersten Woche
an markierten den Anfang vom Ende meiner Erfahrung einer
persönlichen Vergangenheit. Nach diesen ersten Monaten der
Schwangerschaft sollte nichts mehr so sein, wie es einmal
gewesen war, und ich steuerte auf den Zusammenprall mit einer
Kraft zu, so mysteriös und unbeschreiblich, daß niemand mich
auf die Auswirkungen hätte vorbereiten kön-
nen.

Kollision mit der Leere

Lobpreise die Leere, die die Existenz ausblendet.


Existenz:
Dieser Ort, geschaffen aus unserer Liebe für die Leere!
jedoch wenn die Leere erscheint,
entschwindet diese Existenz.
Lobpreise dieses Geschehen immer wieder!
Jahr um Jahr habe ich meine eigene Existenz
aus der Leere bezogen.
Und dann mit einem Stoß, mit einer Bewegung des Armes,
ist diese Arbeit vollbracht.
Frei von dem, was ich war, befreit von der Gegenwart,
befreit von gefährlichen Ängsten und Hoffnungen,
befreit von Bergen von Wünschen.
Der Hier-und-]etzt-Berg ist wie ein winziges Stück
von einem Strohhalm, hinausgeblasen in die Leere.
RUMI

Während der ersten Monate meiner Schwangerschaft wurde


das Leben zu einer immer größeren Herausforderung. Rückblik-
kend erkenne ich nun, daß die radikale Veränderung der Realität,
die recht bald geschehen sollte, bereits in dem Moment begann,
als ich erfuhr, daß ich schwanger war.
Nachdem wir die endgültige Bestätigung bekommen hatten,
daß ich tatsächlich schwanger war, fuhren wir die zwanzig
Meilen zur Wohnung von Claudes Eltern hinaus, um ihnen die
Nachricht
zu überbringen, daß sie bald Großeltern würden. Während wir
uns durch den dichten Autobahnverkehr schoben, überkam
mich ein äußerst seltsames Gefühl. Mein Körper schien sich
aufzulösen, seine Festigkeit zu verlieren und in der Luft in seine
Bestandteile zu zerfallen. Während ich durch meine Augen nach
draußen schaute, nahm ich tatsächlich wahr, wie sich die Form
meines Körpers verwandelte und von einer weiten, nebligen
Helligkeit erfüllt wurde, die alle bis dahin vorhandenen klaren
Grenzen auslöschte. Die Luft bestand aus der gleichen Helligkeit,
die sich in alle Richtungen ausbreitete, so weit das Auge reichte.
Ich fühlte mich immer weniger lokalisierbar, so als ob «Ich» an
keinem bestimmten Platz in diesem strahlenden Nebel war,
sondern überall zur gleichen Zeit.
Als ich Claude neben mir anschaute, der mir gerade von
einem seiner Patienten erzählte, schien er sehr weit entfernt und
in dieser unendlichen Helligkeit unerreichbar zu sein. Er
schaute kurz zu mir hinüber, um festzustellen, ob ich ihm auch
zuhörte, und fragte dann, ob alles mit mir in Ordnung sei.
«Wunderbar,» antwortete ich schwach, «alles in Ordnung.»
Langsam stieg Panik in mir auf, und ich konnte nicht
weiterreden. Die Panik verstärkte sich, und fürchterliche
Gedanken durchblitzten meinen Verstand. Ich werde
wahnsinnig, dachte ich, ich verliere den Bezug zur Realität und
kann nicht mehr funktionieren. Ich wandte mich Claude zu und
suchte nach etwas, über das wir sprechen konnten; alles war
mir recht, um mich von dieser Erfahrung, mich in Luft
aufzulösen, abzulenken.
Wir sprachen für eine Weile über die neueste Romanze
seines Bruders - wie alt sie war, wie sie sich kennengelernt
hatten -, und dann begann Claude mit einer ausschweifenden
und recht komplizierten Geschichte von irgend etwas, das ihm
sein Bruder am Tag zuvor am Telefon erzählt hatte. Ich lehnte
mich in meinem Sitz zurück und hörte ihm zu. Ich versuchte,
mich auf seine Worte zu konzentrieren, um mich wieder zurück
in die Realität zu brin-
gen. Doch das Gefühl, sehr weit weg zu sein, blieb und hielt
auch noch für mehrere Tage an. Genauso blieb die klare
Wahrnehmung, daß die Luft mit einem strahlenden Nebel
erfüllt war. Diese veränderte Wahrnehmung war so
besorgniserregend, daß ich nichts anderes tun konnte als zu
versuchen, mich ganz bewußt und exzessiv von den
Geschehnissen abzulenken.
Als wir schließlich das Haus seiner Eltern erreichten,
verkündete ich voller Begeisterung meine Schwangerschaft und
unterhielt mich angeregt mit allen über die bevorstehende
Mutterschaft und Kindererziehung. In den folgenden Tagen
konzentrierte ich mich auf den alltäglichen Tagesablauf, nur um
mich von meiner veränderten Wahrnehmung abzulenken und
sie möglichst ganz auszulöschen.
Ungefähr zu dieser Zeit begann sich noch eine weitere
Veränderung in meiner Wahrnehmung durch kleine
Begebenheiten zu manifestieren, die manchmal einige Minuten
und manchmal mehrere Stunden dauerte. In solchen Momenten
schien die Welt zweidimensional zu sein, wie eine Filmkulisse
aus Pappe mit nichts dahinter. Die Pariser Szenerie erschien
völlig flach, leer, wie eine Skizze, ohne Raum oder Festigkeit.
Des weiteren verflüssigten sich jene klaren Umrisse, die bislang
die Trennung zwischen den Dingen markiert hatten, und gingen
in einer Wellenbewegung ineinander über. Objekte, die bislang
stabil zu sein schienen, schienen gleichzeitig größer und weiter
entfernt zu sein, sie pulsierten sanft in einem Lebensrhythmus
ihrer eigenen Sphäre, die für meinen erstaunten Verstand
unerreichbar war. Jedesmal, wenn eine solche Veränderung in
meiner Wahrnehmung geschah, überfiel mich augenblicklich
panische Angst, die auch anhielt und manchmal noch stärker
wurde.
Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was mit mir vor sich
ging, und konnte nur vermuten, daß mich die Schwangerschaft
auf höchst ungewöhnliche Weise beeinflußte. Ich war über
alle
Maßen erleichtert, als diese Brüche in meiner Wahrnehmung
schließlich aufhörten und ich zu dem, was ich für meine
normale Wahrnehmung hielt, zurückkehrte. Diese Brüche
versetzten mich in Angst und Schrecken, doch sie bereiteten
mich sicherlich nicht auf etwas noch wesentlich Radikaleres vor.
Ich beobachtete aufs genaueste jede Veränderung in meiner
üblichen Art der Wahrnehmung, um dadurch vielleicht die
Ursache herauszufinden. Ich hakte eine lange Liste von
Möglichkeiten ab: bestimmte Speisen, wieviel ich schlief oder ob
ich mich genügend bewegte. Doch ich fand nichts, was diese
Veränderungen auf Dauer hätte hervorrufen können. Das Ganze
war ein völliges Mysterium - und dieses Mysterium sollte sich
noch tausendfach verstärken.
Es war Frühling, als es geschah. Nachdem ich an einem
Kurs für schwangere Frauen teilgenommen hatte, der im
Krankenhaus auf der anderen Seite der Stadt stattfand, wo ich in
sechs Monaten mein Kind bekommen würde, war ich auf dem
Heimweg zu unserer Wohnung auf dem linken Ufer. Es war in
der zehnten Woche meiner Schwangerschaft, und ich hatte
zum ersten Mal eine schwache Bewegung meiner Tochter
verspürt, so als ob mich jemand sanft mit einer Feder von innen
berührte. Es war Mai, und die Sonne strahlte warm in mein
Gesicht, als ich an der Bushaltestelle auf der Avenue de la
Grande Armee stand. Ich war nicht in Eile und hatte daher den
Bus anstatt der Metro genommen, um das schöne Wetter zu
genießen.
Mehrere Busse kamen, bevor ich schließlich meine Linie
37 die weite Avenue herunterkommen sah. Sieben oder acht
Leute warteten an der Haltestelle. Wir sprachen über das
Wetter und kommentierten die neue Werbekampagne, die auf
allen Plakatwänden zu sehen war. Als der Bus näher kam,
stellten wir uns am Straßenrand auf. Schließlich hielt der Bus an
und stieß einen beißenden Geruch von heißem Gummi und
Auspuffgasen in die warme Frühlingsluft aus.

Als ich mich in die Reihe stellte, fühlte ich plötzlich einen
Druck auf meinen Ohren, so wie in einem Flugzeug, wenn sich
beim Landen der Druck in der Kabine verändert. Ich fühlte
mich völlig vom Geschehen um mich herum isoliert wie in einer
Blase und konnte mich nur noch auf völlig mechanische Weise
bewegen. Ich hob mein rechtes Bein, um in den Bus zu steigen
und prallte mit voller Wucht auf eine unsichtbare Kraft, die wie
eine Stange Dynamit lautlos in meinem Gewahrsein
explodierte, die Türen meines normalen Bewußtseins aus den
Angeln sprengend und mich in zwei Teile zerspaltend. Was ich
bislang als «Ich » bezeichnet hatte, wurde mit Gewalt aus
seinem üblichen Platz in mir gerissen und an einen neuen
verlagert, ungefähr dreißig Zentimeter links hinter meinem
Kopf. «Ich » befand mich nun hinter meinem Körper und
betrachtete die Welt, ohne die Augen im Körper zu benutzen.
Von dieser nicht lokalisierbaren Stelle irgendwo links hinter
mir konnte ich den Körper vor mir und auch sehr weit entfernt
erkennen. Alle Signale des Körpers schienen recht lange zu
brauchen, um diese nicht lokalisierbare Stelle zu erreichen, als
ob es ein Licht sei, das von einem sehr fernen Stern ausgesendet
wurde. Ich war steif vor Angst und schaute mich um, ob irgend
jemand etwas bemerkt hätte. Doch alle anderen Passagiere
suchten sich einen Platz, und der Busfahrer forderte mich auf,
meinen gelben Fahrschein zu entwerten, damit wir losfahren
konnten.
Ich schüttelte mehrmals meinen Kopf und hoffte wohl,
mein Bewußtsein wieder an die alte Stelle zu versetzen, doch
nichts veränderte sich. Ganz entfernt fühlte ich, wie meine
Finger versuchten, den Fahrschein in den Entwerter zu stecken
und wie ich mich durch den Bus bewegte, um einen Sitz zu
finden. Ich setzte mich neben eine ältere Dame, mit der ich an
der Haltestelle geplaudert hatte, und versuchte, unsere
Konversation fortzusetzen. Mein Verstand war völlig zum
Stillstand gekommen durch den Schock

der plötzlichen Kollision mit dem, was meine bisherige


Wahrnehmung aus den Angeln gehoben hatte.
Auch wenn meine Stimme weiterhin zusammenhängend
sprechen konnte, fühlte ich mich von ihr völlig getrennt. Das
Gesicht der Frau neben mir schien sehr weit entfernt und die
Luft zwischen uns neblig zu sein, wie eine dicke, leuchtende
Suppe. Sie wandte sich von mit ab, um für einen Moment aus
dem Fenster zu schauen, und zog dann an der Glocke, damit
der Fahrer sie an der nächsten Haltestelle aussteigen lassen
konnte. Nachdem sie aufgestanden war, rutschte ich auf ihren
Fensterplatz und verabschiedete mich von ihr mit einem
Lächeln. Dabei fühlte ich, wie der Schweiß über mein Gesicht
perlte und an meinen Armen hinunterfloß. Ich hatte panische
Angst.
Schließlich hielt der Bus an meiner Haltestelle in der Rue
Le-courbe, und ich stieg aus. Auf dem kurzen Weg zurück zu
unserer Wohnung versuchte ich die zwei Teile von mir wieder
zu einem Stück zusammenzusetzen, indem ich mich auf den
Körper konzentrierte.
Mit aller Willenskraft versuchte ich mich in den Zustand
zurückzuversetzen, den ich für meinen Normalzustand hielt,
und in bisher gewohnter Weise wieder durch die Augen meines
Körpers zu sehen, mit der Stimme meines Körpers zu
sprechen und mit den Ohren des Körpers zu hören. Meine
Willenskraft versagte aufs kläglichste. Anstatt mit den
physischen Sinnen wahrzunehmen, schaukelte ich wie eine
Boje auf dem Meer dem Körper hinterher. Losgelöst von
jeglichen Sinneseindrücken, abgetrennt vom Körper und ihn
lediglich aus weiter Ferne beobachtend, bewegte ich mich auf
der Straße wie eine Wolke von Gewahrsein, die einem Körper
folgte, welcher mir vertraut und zugleich fremd vorkam. Auch
wenn dieser Körper nicht mehr «meiner» zu sein schien, gab
es trotzdem eine unverständliche Verbundenheit mit ihm. Er
sendete weiterhin die Signale seiner sensorischen Wahr-

nehmungen aus, doch wie und wo diese Signale empfangen


wurden, war absolut unbegreiflich.
Unfähig, diesen Zustand einzuordnen, raste der Verstand hin
und her und versuchte, «mich» wieder zusammenzufügen oder
ganz abzuschalten, aber es hallte nur ein leeres Sirren in meinen
Ohren wider. Der Beobachter war ganz deutlich vom Verstand
getrennt, doch der Körper, die Emotionen und seine Position
links hinter dem Kopf blieben konstant. Durch das Gefühl, mit
der physischen Existenz so schwach verbunden zu sein, schien
der große Abstand zwischen dem Beobachter einerseits und dem
Verstand, dem Körper und den Emotionen andererseits Panik
auszulösen. In diesem Zustand des Beobachtern wurde die
physische Existenz in einem Zustand von bevorstehender
Auflösung wahrgenommen, und alles Körperliche reagierte
darauf mit einer Angst von bislang unbekanntem Ausmaß.
Ich kehrte zu unserer Wohnung zurück. Claude schaute von
seinem Buch auf, um mich zu begrüßen und zu fragen, wie mein
Tag verlaufen war. Er schien meine Angst nicht sofort zu
bemerken, was mich seltsamerweise beruhigte. Völlig gefaßt
begrüßte ich ihn, so als ob nichts geschehen sei. Ich erzählte ihm
von der Schwangerschaftsgruppe in der Klinik und zeigte ihm
das Buch, das ich auf dem Heimweg in der amerikanischen
Buchhandlung gekauft hatte. Ich hatte keine Ahnung, wie ich
ihm das alles erklären sollte, also versuchte ich es erst gar nicht.
Die Angst wurde immer stärker, und der Körper war von Panik
wie gelähmt. Der Schweiß rann in kleinen Bächen an mir
hinab, die Hände waren kalt und zitterten, das Herz schlug mir
bis zum Hals. Der Verstand schaltete aufs Überlebensprogramm
und begann nach Ablenkungen Ausschau zu halten: Vielleicht
sollte ich ein Bad nehmen oder ein Schläfchen machen, etwas
essen, ein Buch lesen oder jemanden anrufen.
Das Ganze war ein einziger Alptraum. Der Verstand
(ich

konnte ihn nicht einmal mehr als «meinen» Verstand


bezeichnen) versuchte, eine Erklärung für all die unerklärlichen
Ereignisse zu finden. Der Körper schaltete in seiner Panik in
einen höheren Gang und wurde nun von grenzenlosem
Entsetzen erfaßt. Das wiederum führte zu einer solch starken
physischen Erschöpfung, daß der Schlaf zum einzigen Ausweg
wurde. Ich legte mich ins Bett, bat Claude darum, nicht gestört
zu werden, und hoffte, daß der Schlaf mich alles vergessen
lassen würde. Ich schlief zwar ein, doch der Beobachter blieb,
und er beobachtete den Schlaf aus seiner Position hinter dem
Körper. Es war eine äußerst seltsame Erfahrung. Ohne Zweifel
schlief der Verstand, doch etwas war gleichzeitig wach.
Im Moment, wo sich am nächsten Morgen die Augen
öffneten, explodierte ein Feuerwerk von Sorgen in meinem
Kopf. Ist das nun Wahnsinn, Psychose oder Schizophrenie? Ist
es das, was man einen Nervenzusammenbruch nennt? Eine
Depression? Was war geschehen? Wird es jemals wieder
aufhören? Claude begann meine innere Aufruhr zu bemerken
und wartete offenbar auf eine Erklärung. Am Tag zuvor hatte
ich den Versuch unternommen, ihm zu erklären, was vorgefallen
war, doch ich war einfach zu weit entrückt, um sprechen zu
können. Der Beobachter schien sich dort zu befinden, wo «Ich»
mich befand, und das hinterließ den Körper, den Verstand und
die Emotionen ohne eine Person. Erstaunlich war nur, daß all
die Funktionen weiterhin abliefen. Es war völlig aussichtslos,
Claude eine Erklärung zu geben, und zum ersten Mal war ich
froh darüber, daß es nicht in Claudes Natur lag, auf etwas zu
bestehen, in das ich nicht tiefer einsteigen wollte.
Der Verstand war dermaßen überwältigt von seiner
Unfähigkeit, den momentanen Existenzzustand zu begreifen,
daß er sich einfach nicht ablenken ließ. Er blieb weiterhin wie
angenagelt auf das unfaßbare, nicht zu beantwortende Dilemma
fixiert, das ununterbrochen von diesem beobachtenden
Zustand des Gewahr-

seins gefüttert wurde. Es war ein Gefühl, wie auf des Messers
Schneide zu sitzen, an einer Grenze zwischen Existenz und
Nicht-ixistenz. Der Verstand war davon überzeugt, den
Gedanken an die Existenz aufrechterhalten zu müssen, weil sich
sonst die Existenz selbst auflösen würde. Angefeuert von dieser
scheinbaren Frage von Leben oder Tod kämpfte der Verstand
verbissen darum, an diesem Gedanken festzuhalten, um
schließlich nach mehreren unruhigen Stunden erschöpft
aufzugeben. Unter großen Qualen versuchte der Verstand tapfer
etwas zu verstehen, was er niemals begreifen konnte, und der
Körper reagierte auf die Qualen des Verstandes, indem er aufs
Überlebensprogramm schaltete, Adrenalin produzierte, die
Sinne schärfte und auf die drohende Auflösung in jedem
einzelnen Moment eine Antwort fand.
Es tauchte auch der Gedanke auf, daß diese Erfahrung des
Be-}bachtens vielleicht jener Zustand des Kosmischen
Bewußtseins sin könnte, den der Maharishi vor langer Zeit als
die erste Stufe eines erwachten Gewahrseins beschrieben hatte.
Doch der Verstand verwarf augenblicklich diese Möglichkeit,
denn es schien ausgeschlossen zu sein, daß das Reich der Hölle,
in dem ich lebte, etwas mit dem Kosmischen Bewußtsein zu
tun haben könnte.
Das Beobachten setzte sich über mehrere Monate fort, und
jeder Moment war fürchterlich. Woche um Woche an der
Schwelle zur Auflösung zu leben ist unvorstellbar anstrengend,
und das Vergessen im Schlaf bot die einzige Ruhepause, in die
ich mich so oft wie möglich flüchtete. Im Schlaf hörte der
Verstand endlich auf, seine unaufhörlichen Schreckens-
Litaneien des Terrors abzuspulen, und der Beobachter konnte
lediglich einen bewußt-losen Verstand beobachten.
Nach Monaten dieses mysteriösen Beobachter-Gewahrseins
veränderte sich wieder etwas: Der Beobachter verschwand.
Dieser neue Zustand war noch wesentlich verblüffender als die
Erfahrung der vergangenen Monate, und somit
konsequenterweise
noch beängstigender. Man könnte eigentlich annehmen, daß die
Auflösung des Beobachters eine wesentliche Erleichterung mit
sich gebracht hätte, doch das Gegenteil war der Fall. Die
Auflösung des Beobachters bedeutete zugleich auch die
Auflösung der letzten Spuren einer persönlichen Identität. Der
Beobachter hatte zumindest einen Standort für das «Ich »
geboten, wenn auch einen sehr entfernten. Mit dem Beobachter
verschwand auch endgültig jede Erfahrung von einem «Ich».
Die Erfahrung einer persönlichen Identität wurde abgeschaltet
und kehrte niemals mehr zurück.
Das persönliche Selbst war verschwunden, aber es
existierten trotzdem weiterhin ein Körper und ein Verstand - nur
ohne jemanden, der sie bewohnte. Die Erfahrung, ohne eine
persönliche Identität zu leben, ohne die Erfahrung, jemand
Bestimmtes zu sein, ohne ein «Ich» oder «mich» ist äußerst
schwierig zu beschreiben, aber sie ist absolut
unmißverständlich. Man kann es unmöglich damit verwechseln,
einen schlechten Tag zu haben, eine Erkältung zu bekommen,
verärgert oder wütend oder entrückt zu sein. Wenn sich das
persönliche Selbst auflöst, dann gibt es im Inneren niemanden
mehr, den man für sich selbst halten könnte. Der Körper ist nur
noch eine Silhouette, entleert von allem, mit dem er bislang
erfüllt zu sein schien.
Verstand, Körper und Emotionen bezogen sich nicht mehr
auf jemanden - es gab niemanden, der dachte, niemanden, der
fühlte, niemanden, der wahrnahm. Trotzdem funktionierten der
Verstand, der Körper und die Emotionen weiterhin
unvermindert und von allem unbeeinflußt. Sie benötigten
offensichtlich kein «Ich», um weiterhin das zu tun, was sie
schon immer getan hatten. Denken, fühlen, wahrnehmen,
sprechen, alles geschah wie bisher und funktionierte mit einer
Reibungslosigkeit, die in keiner Weise die Leere hinter all dem
vermuten ließ. Niemand hegte auch nur den geringsten Verdacht,
daß eine solch radikale Verän-

derung stattgefunden hatte. Alle Konversationen gingen


weiter wie bisher, und auch die Sprache wurde in der gleichen
Weise weiter benutzt. Fragen konnten gestellt und Anworten
gegeben werden, Autos gefahren, Essen gekocht, Bücher
gelesen, Telefonate beantwortet und Briefe geschrieben werden.
Äußerlich schien alles ganz normal weiterzulaufen, so als ob die
gleiche Suzanne ihr normales Leben weiterführen würde.
Bei seinem Versuch zu verstehen, was geschehen war, legte
der Verstand Überstunden ein und entwarf endlose
Fragengebilde, die aber sämtlich nicht zu beantworten waren.
Wer dachte? Wer fühlte? Wer hatte Angst? Mit wem redeten die
Leute, wenn sie mit mir sprachen? Wen schauten sie dabei an?
Wieso konnte man ein Spiegelbild sehen, wenn es doch
niemanden gab? Warum öffneten sich morgens diese Augen?
Warum existierte der Körper auch weiterhin? Wer lebte? Das
Leben wurde zu einem endlosen, ungelösten Koan, für immer
unlösbar, für immer mysteriös, völlig außerhalb der
Möglichkeiten des Verstandes.
Es ergaben sich besonders seltsame Momente, wenn mein
Name ins Spiel kam, wenn ich zum Beispiel meine Unterschrift
unter einen Scheck setzte oder einen Brief unterschrieb. Dann
starrte ich jedesmal auf die Buchstaben auf dem Papier, und der
Verstand war völlig verblüfft. Der Name bezog sich auf
niemanden. Es gab keine Suzanne Segal mehr; vielleicht hatte es
nie eine gegeben. Wenn der Verstand nach inneren
Informationen sucht, egal ob sie sich auf Gefühle oder
Gedanken beziehen oder in Verbindung mit einem Namen oder
irgendwelchen inneren Erfahrungen stehen, dann geschieht ein
Nach-Innen-Kehren. Das bezeichnet man normalerweise als
Selbstbeobachtung. Ohne ein persönliches Selbst aber existierte
dieses Innere nicht. Die Bewegung des Verstandes nach innen
wurde zu einer bizarren Erfahrung, als er dort immer wieder
nur auf Leere stieß, wo er früher ein Objekt wahrgenommen
hatte, ein Selbst-Konzept.

Je verwirrter der Verstand wurde, desto mehr verstärkte


sich die Angst. Das extreme Ausmaß an Angst, auf das sich der
Körper mittlerweile eingestellt hatte, versetzte die Arme und
Beine in ein ununterbrochenes Zittern und ließ den Schweiß in
Strömen fließen. Meine Kleidung war immer feucht, und die
Bettlaken mußten jeden Morgen zum Trocknen aufgehängt
werden. Doch noch viel schlimmer als die Auflösung der
persönlichen Identität war die völlig veränderte Erfahrung vom
Schlaf. Ich hatte keine Möglichkeit mehr, dem konstanten
Gewahrsein der Leere des Selbst zu entfliehen. Schlaf und
Traum beinhalteten nun beide das Gewahrsein, daß es
niemanden gab, der schlief oder träumte - so wie der
Wachzustand des Bewußtseins das Gewahrsein beinhaltete,
daß es niemanden gab, der wach war.
Mir schien jetzt der Zeitpunkt gekommen, wenigstens den
Versuch zu machen, Claude alles zu erklären. Er hatte ein
deutliches Anschwellen meiner Angst und meines inneren
Aufruhrs bemerkt und schon seit Monaten versucht, mich zum
Sprechen zu bringen.
«Irgend etwas ist mit mir passiert, Claude», begann ich auf
französisch und versuchte, die richtigen Worte zu finden. «Ich
habe keine Ahnung, was es ist, aber ... mir kommt es so vor, als
ob ich nicht mehr existiere. Es gibt kein <Ich>, keine
persönliche. Identität mehr. Es begann vor ein paar Monaten, als
ich vom Unterricht in der Klinik nach Hause kam. Ich wollte
gerade in den Bus steigen, als sich plötzlich etwas veränderte,
und jetzt - nun, ich scheine einfach kein < Ich > mehr zu erfahren,
so wie es bislang immer gewesen ist.
Du kennst das, wenn man keine Zweifel darüber hat, wer
man ist. So als ob dich jemand fragt: <Wer bist du?>, und du
weißt ganz genau: <Ich bin ich, was sonst?> Aber ich kann nun
kein <Ich> mehr feststellen. Es gibt niemanden mehr.»
«Was meinst du damit, es gibt dich nicht mehr?»
antwortete

er. «Selbstverständlich gibt es dich, du sitzt hier vor mir und


sprichst mit mir.»
«Aber ich nehme kein <Ich> mehr wahr ».schrie ich fast. «Es
ist das Schlimmste, was mir jemals passiert ist. Wenn ich in den
Spiegel schaue, dann bin ich schockiert, ein Spiegelbild zu
sehen. Wenn ich auf der Straße gehe und die Leute schauen
mich an, dann frage ich mich, wen sie anschauen. Wenn ich
spreche, dann höre ich zwar eine Stimme, doch es gibt
niemanden hinter der Stimme. Oh Gott, es ist unmöglich, dir
das zu erklären. Es ist einfach nicht in Worte zu fassen, es ist
fürchterlich! Vielleicht bin ich völlig wahnsinnig geworden. Ist
das möglich?»
«Suzanne, beruhige dich doch. Laß uns zu einem Psychiater
gehen, was meinst du? Glaubst du, daß dir das helfen könnte?»
«Ich habe keine Ahnung», antwortete ich. Inzwischen
zitterte ich buchstäblich vor Angst. «Es macht absolut keinen
Sinn. Wie kann alles einfach so weitergehen wie bisher,
Sprechen und Gehen, Schlafen und Träumen, Lachen und
Weinen, während es kein <Ich> gibt, das all diese Dinge
ausführt?»
Claude wußte offensichtlich auch keine Antwort. Nachdem
er mir noch einige weitere Fragen gestellt hatte, verließ er das
Zimmer, um uns bei einem Psychiater anzumelden, den ihm
einer seiner Kollegen empfohlen hatte. Er begleitete mich auch
zur Sprechstunde und saß schweigend neben mir. Während ich
dem Arzt alles erklärte, warfen die beiden sich sorgenvolle Blicke
zu. Es war nicht einfach, für diesen Zustand die richtigen Worte
im Französischen zu finden, und der Psychiater starrte mich die
ganze Zeit über ungläubig an. Ich erzählte ihm von dem
Beobachter und dem leuchtenden Nebel. So gut ich konnte,
beschrieb ich ihm die Erfahrung, keine Person mehr zu sein,
daß das Gefühl einer persönlichen Identität verschwunden war
und anscheinend nie mehr zurückkehren würde. Ich beschrieb
ihm die panische Angst, die niemals nachließ, und daß es
niemanden gab, der diese Angst
empfand, auch wenn der Körper und der Verstand sie
ununterbrochen erzeugten. Ich erzählte ihm auch, daß sich
mein Name auf niemanden mehr bezog. Als ich fertig war,
suchte er verzweifelt nach Worten.
«Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll», begann er. «Ich
bin mir nicht sicher, was Ihnen fehlt, aber ich kann Ihnen
etwas verschreiben, das Ihre Angst reduziert. Da Sie schwanger
sind, kann ich Ihnen nichts Starkes geben. Doch sobald Sie Ihr
Baby bekommen haben, können wir versuchen, die passende
Medikation für Sie zu finden. Irgend etwas ist mit Ihrem
Verstand passiert, das sich vielleicht noch verschlimmert, wenn
Sie nicht recht bald ein Medikament dagegen nehmen.»
«Doch was ist geschehen? Wohin ist mein <Ich>
entschwunden? Wird es jemals wieder zurückkehren?» platzte
ich heraus. «Haben Sie jemals von etwas Vergleichbarem
gehört?»
Er schüttelte nur seinen Kopf, erhob sich und signalisierte
damit, daß unser Gespräch beendet sei. Auf dem Weg zur Tür
drehte ich mich um und sah, wie er Claude die Hand schüttelte
und ihm voller Mitgefühl auf die Schulter klopfte.
«Bon courage», sagte er, als er die Tür öffnete,
offensichtlich darauf erpicht, uns loszuwerden. «Viel Glück.
Rufen Sie mich an, wenn das Baby da ist, und lassen Sie mich
wissen, wie es Ihnen geht.»
Claude warf mir einen traurigen Blick zu. Er wußte, daß es
nichts weiter zu sagen gab.
Seit dem Besuch bei dem Psychiater war mein Verstand
permanent mit Gedanken an meine Mutter beschäftigt. Wenn
ich nur bei meiner Mutter sein könnte, sagten diese Gedanken,
dann wäre alles in Ordnung. Ich müßte ihr nur
gegenübertreten, dieser Frau, die mich geboren, mich
aufgezogen und mir einen Namen gegeben hat. Ich war davon
überzeugt, daß sie zu sehen schon ausreichend wäre, diese
seltsame Krankheit dadurch zu heilen, daß

meine persönliche Identität wieder zum Vorschein käme. Der


Verstand versuchte weiterhin verzweifelt einen Weg zu finden,
um das Gefühl eines «Ich» zurückzubringen.
Claude war bereit, mich auf dem Flug nach Chicago zu
begleiten. Da ich bereits im siebten Monat schwanger war,
mußten wir diese Reise sofort antreten. Ich telefonierte mit
meiner Mutter und meinem Bruder Dan, und sie wollten uns
vom Flughafen abholen. Während des Fluges produzierte der
Verstand Phantasien einer augenblicklichen Erlösung von dieser
alptraummäßigen Erfahrung, den Verlust der persönlichen
Identität begreifen zu wollen. Claude war glücklich, zum ersten
Mal seit Monaten wieder ein Lächeln auf meinem Gesicht zu
sehen. Wir landeten in O'Hare und machten uns auf den Weg,
um unser Gepäck abzuholen. Der Verstand war weiterhin
davon überzeugt, daß alles wieder ins Lot kommen würde,
sobald ich meine Mutter erblickte.
Wir traten aus dem Aufzug, und da war sie. Sie war kleiner
als in meiner Erinnerung, und sie hatte sich ihre Haare blond
gefärbt. In dem Moment, wo ich sie erblickte, rutschte mir das
Herz in die Hose. Sie zu sehen, erzeugte nicht die mindeste
Reaktion, die Leere blieb absolut unverändert, kein «Ich » weit
und breit. Sie lief auf mich zu und umarmte mich, dann lehnte
sie sich zurück und suchte nach einem Lächeln in meinem
Gesicht, doch da war keines. In dem Moment wurde mein
Verstand von einer tiefen Verzweiflung erfaßt, denn ihm wurde
klar, daß er niemals wieder ein persönliches Selbst erfahren
würde, auch wenn er nicht fähig war zu erfassen, wie das
möglich sein sollte.
Meine Mutter begann, mir von all den faszinierenden
Leuten zu erzählen, mit denen sie verkehrte, und all den
interessanten Dingen, die sie erlebte. Sie schaute mich immer
wieder an, doch sie schien nicht zu bemerken, daß etwas nicht
in Ordnung war. Ich brachte einfach kein Wort heraus, und so
starrte ich sie ledig-

lieh schweigend an und nickte von Zeit zu Zeit, um den


Eindruck zu erwecken, daß ich dem folgte, was sie mir erzählte.
Schließlich konnte ich einen Blick von meinem Bruder
auffangen, und ich signalisierte ihm, daß ich mit ihm sprechen
wollte. Zusammen gingen wir zum Gepäckband, um auf die
Koffer zu warten. Ich begann ihm zu beschreiben, was mit mir
geschehen war, doch ich konnte ihm nicht allzuviel erzählen,
weil meine Mutter und Claude schon bald wieder zu uns
stießen. Wir sammelten unser Gepäck ein und gingen zum
Auto, um nach Hause zu fahren.
Während unserer Fahrt durch die vertrauten Vorstädte von
Chicago wurde der Verstand von einer Welle von Fragen
überflutet, auf die es keine Antworten gab. «Wer ist es, der sich
an diese Szenerie erinnert? Wer ist es, der weiß, ob wir rechts
oder links abbiegen müssen? Wer sind diese Leute im Auto?» Ich
schaute meine Mutter und meinen Bruder an und wunderte mich,
wer sie waren. Alles wirkte absolut vertraut und gleichzeitig
völlig fremd. Es gab nichts mehr, das sich wie eine
«Verbindung» anfühlte, denn es gab niemanden mehr, der sich
verbunden fühlte. Wie sollte es weiterhin Beziehungen geben,
jetzt, da es keine Person mehr gab, die zu jemandem ein
Verhältnis haben könnte?
Als wir schließlich das Haus meiner Mutter erreichten, war
jedem von uns klar, daß es mir nicht gut ging. Ich saß
zusammen mit meiner Mutter hinten im Auto. Sie tätschelte
meine Hand und erzählte mir, wie schwer eine
Schwangerschaft sei und versicherte mir, daß bald alles vorüber
sein würde. Dan saß am Steuer und warf mir im Rückspiegel
sorgenvolle Blicke zu. Ich beantwortete seinen Blick mit den
Augen und schüttelte meine Schultern. Er fixierte mich mit
einem fragenden Blick, bog dann in die Einfahrt ein und
schaltete den Motor ab. Mehrere Minuten lang saßen wir alle
schweigend im Auto, bis Claude schließlich die Tür öffnete und
ausstieg. Meine Mutter sah mich an und begann zu
weinen. Mein Bruder beugte sich über die Lehne und streichelte
ihr über den Rücken. Ich sagte kein Wort.
Während wir das Abendessen vorbereiteten, unterhielt uns
meine Mutter mit einem Strom von Geschichten, Meinungen
und Gerüchten. Dann begann sie mit Claude eine Unterhaltung
über seine Familie und unser Leben in Paris, und so konnten Dan
und ich in Ruhe miteinander reden. Ich beschrieb ihm kurz
meine Erfahrung an der Bushaltestelle bis zu meinem
augenblicklichen Zustand, kein Selbst zu besitzen, was auf den
Verstand so extrem beunruhigend wirkte. Er vertraute mir an,
daß ihm gelegentlich Ähnliches passierte, was er als ein
«Entrücktsein» beschrieb, bei dem er keine Verbindung mehr zu
seinem Körper empfand oder das Gefühl hatte, nicht wirklich
vorhanden zu sein. Er sagte, daß er einfach sein Leben
weiterlebte wie bisher und dem Ganzen keine große Beachtung
schenkte. Ich antwortete ihm, daß ich eine solche Erfahrung
sicherlich nicht als Entrücktsein beschreiben würde, sondern
eher als die Auflösung des Gefühls, jemand zu sein.
Nach dem Abendessen traf mein jüngerer Bruder Bob ein -
er lebte in der Innenstadt von Chicago -, um den Abend mit uns
zu verbringen. Er hatte sich mehrere Jahre mit Primärtherapie
beschäftigt, und als er meine Geschichte hörte, schlug er vor,
daß ich seinen Therapeuten Paul aufsuchen sollte. Ich stimmte
dem zu, da die Angst immer stärker wurde und damit auch die
Sorge, daß dieser Zustand ein Zeichen von Wahnsinn sei. Das
Gefühl, sich permanent an der Schwelle zur Auflösung zu
befinden, war für den Verstand und den Körper unglaublich
anstrengend, und das führte den Verstand zu der logischen
Schlußfolgerung, daß ein Zusammenbruch aller
Funktionsfähigkeiten unmittelbar bevorstand. Der Gedanke,
daß jemand diesen bevorstehenden Zusammenbruch abwehren
oder zumindest einen Schimmer von Bestätigung bieten könnte,
war äußerst anziehend. Bob meldete mich

für den nächsten Tag an und beschrieb mir den Weg zu Pauls
Praxis.
Die Erfahrung, einem Psychotherapeuten die Auflösung
der persönlichen Identität zu beschreiben, sollte sich in den
nächsten zehn Jahren noch oft wiederholen. Paul war gewiß ein
warmherziger Mensch, erfüllt von dem Wunsch, mit allen ihm
zur Verfügung stehenden Mitteln zu helfen. Er war jedoch
völlig verwirrt von dem, was ich ihm erzählte, und diese
Verwirrung schien ihm Angst zu machen - für mich sicherlich
keine hilfreiche Reaktion. Als ich schließlich sein Büro verließ,
war mein Körper vor Angst wie steif. Ich fuhr zurück in das
Haus meiner Mutter, zog die Vorhänge zu und schlief 13
Stunden lang.
Mir zu Ehren hatte meine Mutter für den nächsten Tag eine
Party arrangiert, zu der sie viele ihrer alten Freunde eingeladen
hatte, die mich seit meiner Kindheit kannten und ganz begeistert
davon waren, meine bevorstehende Mutterschaft zu feiern. So
traf sich eine Gruppe von ungefähr 30 Leuten am späten
Nachmittag in einem bekannten Vorstadtrestaurant. Während
jeder der Gäste auf mich zukam, um mir zu gratulieren,
versuchte ich, mich wie ein normaler Mensch zu benehmen. Ich
schüttelte ihre Hände, lächelte und stellte Fragen über ihre
Gesundheit oder ihre Kinder. Woher kannte ich diese
Menschen? Wer erinnerte sich an ihre Namen und all die Jahre,
in denen wir uns gegenseitig besucht und Geschichten über
unser Leben ausgetauscht hatten? Die Person jedenfalls, die sie
bislang gekannt hatten, existierte nicht mehr, doch niemand
schien es zu bemerken.

Die Rückkehr nach Paris war der Beginn einer grenzenlosen


Verzweiflung. Ich wandelte umher und fragte mich, wer noch
am Leben war. Ich ging durch die Straßen, starrte in jedes
Schaufenster und betete, daß der nächste Anblick meines
Spiegelbildes wenigstens einen Anflug von Wiedererkennen
bringen würde. Ich
betete, in den Augen, die mich aus der reflektierenden
Schaufensterscheibe anstarrten, eine wirkliche Erfahrung
meiner selbst wiederzufinden. Ich betete vergebens.
Nicht nur das Selbst hatte sich aufgelöst, auch die Filter, die
bislang als Schutz vor den ununterbrochenen sensorischen
Eindrücken der Welt gedient hatten, waren außer Kraft gesetzt
worden. Ich konnte mich nicht mehr in Kaufhäusern oder
anderen belebten Orten aufhalten, da diese sensorische
Stimmulation die inzwischen sehr empfindlich gewordenen
Kreisläufe eines bereits überlasteten Verstandes zu überfordern
schien. Der Verstand kämpfte um das Überleben der
Vorstellung von meiner Existenz, denn für meinen Verstand
hing davon meine Existenz ab. Wurde er zu stark gefordert,
dann konnte er dieses Gedankengerüst nicht aufrechterhalten,
und die panische Angst, mich vollständig aufzulösen, brach wie
eine Woge über mir zusammen.
Alles schien sich direkt vor meinen Augen permanent
aufzulösen. Überall war nur Leere, die aus jeder Pore der
Gesichter drang, in die ich schaute, und die aus Spalten
scheinbar fester Objekte hervorquoll. Der Körper, der Verstand,
die Sprache, die Gedanken und Emotionen waren alle leer, es
gab keinen Besitzer, keine Person dahinter. All meine
bisherigen Vorstellungen von der Realität waren vollständig
zerstört worden.
Als ich noch in Kalifornien studierte, hatte ich einen
bekannten Psychologen konsultiert, der ebenfalls ein
begeisterter Schüler von Meher Baba war. Ich hatte großes
Vertrauen in seine Ansichten über den spirituellen als auch den
psychologischen Bereich. Nun hatte ich mich entschieden, ihn
anzurufen. Es gelang mir schließlich herauszufinden, daß er
den Sommer über an einer Universität an der Ostküste arbeitete.
Er war überrascht, meine Stimme zu hören, und erstaunt, daß
ich ihn aufgespürt hatte. Ich beschrieb ihm meine Erfahrungen -
das Beobachten, den Raum, die Leere, die Abwesenheit einer
persönlichen Identität -, und ich
flehte ihn an, mir zu versichern, daß ich nicht wahnsinnig wäre,
daß er mir helfen solle zu verstehen, was hier vor sich ging. Er
hörte mir aufmerksam zu und stellte mehrere klärende Fragen.
Doch dann, zu meiner größten Verwunderung, beglückwünschte
er mich.
«Absolut phantastisch!» stieß er hervor. «Es gibt eine
Menge Leute, die sich jahrelang in irgendwelchen Höhlen
verkriechen, um so etwas zu erleben. Dafür kannst du den Oskar
des Bewußtseins bekommen!»
«Aber Alan», schluchzte ich, «du verstehst mich nicht. Das
kann niemals ein spirituelles Erwachen sein. Es fühlt sich
schrecklich an. Ich will es loswerden. Ich lebe permanent in
Angst und Schrecken und möchte wieder so sein, wie ich vorher
war.»
«Wiederhole Babas Namen», sagte er, «und alles wird sich
zum Besten wenden.»
Er versicherte mir, daß ich keineswegs ein pathologischer Fall
sei, daß ich mir keine Sorgen machen sollte und daß dies
tatsächlich ein höchst erstrebenswerter spiritueller Zustand
sei. Doch mich konnte das nicht im mindesten überzeugen,
denn alle Vorstellungen, die ich von einer spirituellen
Entwicklung hatte, basierten ausschließlich auf dem Gedanken
von Glückseligkeit und Ekstase. Ich konnte mir einfach nicht
vorstellen, daß ein echtes spirituelles Erlebnis so fürchterlich
sein konnte wie der Zustand, in dem ich mich befand.
«Wenn Menschen dafür jahrelang in Höhlen hausen,»
sagte ich zu ihm, «dann müssen sie verrückt sein.»
Im November 1982 wurde meine Tochter geboren. Die
Wehen und die Geburt dauerten insgesamt drei Tage, und die
Erschöpfung stellte alles, was ich jemals erlebt hatte, weit in den
Schatten. Doch selbst eine so extreme physische wie auch
emotionale Erschöpfung konnte die Erfahrung, ohne ein Selbst
zu sein, nicht überschatten, sie war weiterhin ohne irgendeine
Unterbrechung

präsent. Während der Geburt wurde ohne Zweifel deutlich, daß


alles im Leben von einer unsichtbaren Hand gelenkt wird, die
nicht lokalisierbar ist. Das bisherige Gefühl von einem «Ich»,
das die Handlungen ausführte, schien eine völlige Illusion zu
sein. Das perönliche «Ich» war niemals der Handelnde gewesen
- es hatte lediglich dessen Maske getragen. Alles ging weiter
wie bisher, nur die Person, die zu handeln glaubte, war
abwesend.
Auf der Angst, von der der Verstand befallen wurde, als er in
den ständigen direkten Kontakt mit der Erfahrung einer völlig
grenzenlosen Bezugslosigkeit gestoßen wurde, basierte die
Sorge, daß die Schwangerschaft nicht weitergehen bzw. niemals
stattfinden würde, da es niemanden gab, der gebären konnte. Es
schien so absolut unvorstellbar, daß alles wie bisher
weitergeschehen sollte, nachdem alles als leer erkannt worden
war, was vorher so voll zu sein schien. Doch es ging weiter, so
wie bisher - meistens sogar leichter. Die Geburt meiner Tochter
vollzog sich mit all den Sinneseindrücken, Gefühlen und
Gedanken, von denen jede Geburt begleitet wird. Es gab Sorgen
um die Gesundheit des Kindes, Gedanken über die Intensität
der Gefühle, Ängste wegen der Fürsorge für ein Neugeborenes
und Ehrfurcht vor dem Mysterium von allem.
Die Klinik in Paris, wo die Geburt stattfand, war von
Frederic Lamaze gegründet worden. Es war ein Krankenhaus
der kommunistischen Arbeiterpartei in einem
heruntergekommenen Teil der Stadt, in dem fast nur Hebammen
angestellt waren. Nur ein Arzt war in jeder achtstündigen
Schicht in Bereitschaft, doch ich bekam ihn kein einziges Mal
zu Gesicht.
Als die Wehen einsetzten, fuhr Claude mich in die Klinik,
und eine der Hebammen untersuchte mich. Sie schickte mich
wieder nach Hause und wies mich an wiederzukommen,
wenn die Wehen alle zwei Minuten aufträten. Wir fuhren heim
und warteten, doch die Wehen kamen auch weiterhin im Fünf-
Minu-
ten-Takt. Acht Stunden später fuhren wir erneut ins
Krankenhaus. Wiederum untersuchte mich die Hebamme und
wies mich an zu warten. Sie besprach sich mit jemand anderem,
und als sie zurückkam, sagte sie, daß ich mich hinlegen sollte.
Sie führte uns nach oben in ein winziges Zimmer, wo ich mich
auf den Tisch legte und auf die nächste Welle der Wehen
wartete.
Der ununterbrochene Zustand von Leere war sicherlich
kein Thema für diesen Ort. Ich hatte Claude alles erzählt, was
ich ihm sagen wollte, und er hatte mir vor einigen Wochen sehr
deutlich zu verstehen gegeben, daß er nichts mehr von diesem
«Wahnsinn » hören wollte. Der Verstand versuchte
ununterbrochen, jemanden zu lokalisieren, dem das alles
widerfuhr. Da es ihm immer wieder mißlang, schraubte er die
Angst höher und entwarf grausige Szenarios von dem, was ganz
sicher geschehen müsse, da «Ich» nicht länger existierte. Nun ja,
wie kann man ein Baby bekommen, wenn man gar nicht
vorhanden ist? Während der Wehen produzierte der Verstand
unaufhörlich die Vorstellung, daß die Geburt niemals
stattfinden würde, es sei denn, man würde jemanden finden, der
gebären könnte. Trotzdem liefen die einzelnen Funktionen
einer Geburt völlig normal ab - wenn auch recht langsam.
Claude fragte die Hebammen, ob er eine Akupunktur
ausprobieren dürfe, um mir zu helfen, die Preßwehen effektiver
werden zu lassen. Alle waren daran interessiert, dieses kleine
Experiment zu beobachten; also packte er seine Nadeln und das
elektrische Stimmulationsgerät aus und begann mit seiner
Arbeit. Er setzte mir ungefähr 25 Nadeln an die verschiedenen
Meridianpunkte auf beiden Seiten des Körpers und verband jede
einzelne Nadel mit dem elektrischen Stimulator. Sofort nachdem
er den Strom eingeschaltet hatte, begannen die Preßwehen
wesentlich stärker zu werden. Die vier Hebammen, die
anwesend waren, schienen sehr beeindruckt. Die verstärkten
Preßwehen hielten für ungefähr 20 Mi-

nuten an, dann kontrollierte die leitende Hebamme, ob sich der


Muttermund geöffnet hatte. Das war jedoch nicht der Fall. Auch
wenn sich die Preßwehen durch die Akupunktur wesentlich
intensiviert hatten, waren sie keineswegs effektiver geworden.
Daraufhin entschied man sich, mir Pitocin zu geben, ein
Medikament, das die Wehen fördert. Man sagte mir, daß ein
Kaiserschnitt notwendig würde, wenn das Baby nicht
innerhalb von sechs Stunden, nachdem man mir Pitocin
verabreicht hatte, geboren sei. Eine intravenöse Kanüle wurde
angeschlossen, und innerhalb von 40 Minuten wurden die
Preßwehen wesentlich stärker. Nach weiteren 45 Minuten
kamen sie im Minutenabstand und erweiterten die Öffnung des
Muttermundes ganz erheblich. Drei Stunden, nachdem man mir
Pitocin verabreicht hatte, begann das Baby sich in den
Geburtskanal zu bewegen und kam dann 40 Minuten später zur
Welt. Entsprechend den Ansichten von Frederic LeBoyer,
dessen Philosophie diese Klinik als erste übernommen hatte,
wurde meine Tochter in einem abgedunkelten Raum geboren,
um sie nicht dem gleißenden Licht der Lampen auszusetzen.
Sie wurde in ein großes Becken mit warmem Wasser gelegt,
damit der Übergang aus dem Mutterschoß in die Welt sanfter
vonstatten ging. Wie könnte man möglicherweise beschreiben,
wie ein Baby von niemandem geboren wird? Sie hatte keine
Mutter, und doch verlief die Geburt ohne Probleme. In den
folgenden Jahren kümmerten sich die mütterlichen Funktionen
um sie und zogen sie mit absoluter Kompetenz auf. Der
Verstand hörte nie auf zu fragen, wie die mütterlichen
Funktionen ohne jemanden geschehen konnten, der sie
ausführte, doch er wurde dazu gezwungen, ohne Widerstand die
mütterlichen Verrichtungen zu beobachten.
Die Geburt hatte fast drei Tage gedauert, wobei der Körper in
regelmäßigen Abständen intensivste Wehen durchlebt und kaum
geschlafen hatte, so daß seine physischen Funktionen
völlig

erschöpft waren. Man legte mich auf ein Zimmer mit einer Frau
zusammen, die ihr Kind einen Tag zuvor bekommen hatte. In
Frankreich bleiben die Mütter nach der Geburt eine Woche lang
im Krankenhaus. Beide Babys blieben bei uns im Zimmer, denn
die Philosophie von Lamaze besagte, daß das Neugeborene nach
der Geburt nicht von seiner Mutter getrennt werden sollte.
In der ersten Woche schlief ich nie länger als zwei Stunden
an einem Stück. Eines der beiden Babys war fast immer wach,
und die Erschöpfung wurde immer stärker. Die Art und Weise,
wie der Körper die Erschöpfung erlebte, änderte sich auch
angesichts eines fehlenden Bezugspunktes nicht. Bis heute hat
sich das nicht geändert - die Funktionen des Körpers benötigen
auch weiterhin Ruhe, Nahrung und Pflege.
Das erste Lebensjahr meiner Tochter verlief sowohl
anstrengend als auch höchst aufregend. Anfangs schien sie, für
ein Neugeborenes durchaus normal, nicht allzuviel Schlaf zu
brauchen, doch für den Körper eines Erwachsenen schien es
manchmal unerträglich, so lange ohne regelmäßigen Schlaf
auszukommen. Je weniger Schlaf der Körper bekam, desto mehr
versteifte sich der Verstand auf die Überzeugung, daß die
Auswirkungen des Ereignisses an der Bushaltestelle tatsächlich
zum Wahnsinn geführt hatten - und dies um so mehr, weil sich
mit der wachsenden Erschöpfung des Körpers eine immer
krasser wirkende Leere auftat.
Trotzdem entwickelte sich die Beziehung zwischen meiner
Tochter Arielle und ihrer Mutter, die niemand ist, so wunderbar,
daß die Versuche des Verstandes, die Leere des persönlichen Selbst
zu pathologisieren oder als Wahnsinn abzustempeln,
unvermeidlicherweise fehlschlugen. Jeder, der unsere Beziehung
miterlebte oder mit Arielle irgendwie in Kontakt kam, bestätigte,
daß sie ein sehr ungewöhnliches Kind war und ganz gewiß keine
Anzeichen irgendeines Traumas zeigte.
Da nun niemand an äußeren Anzeichen feststellen konnte,
daß

ich diese bemerkenswert unterschiedlichen Erfahrungen


machte, konnte ich jeden « zum Narren halten » und davon
überzeugen, daß ich noch genauso sei, wie ich immer gewesen
war. Meine Schwiegereltern waren über ihre neue Enkelin
ganz aus dem Häuschen und nahmen dieses Ereignis zum
Anlaß für eine große Familienfeier. Sie gaben eine riesige Party,
um sie in der Familie willkommen zu heißen. Obwohl auch
weiterhin Wellen von Angst durch mein Gewahrsein
rauschten, ging der völlig normale Funktionsablauf der
«Suzanne», für die mich jeder hielt, wie gewohnt weiter.
Niemand nahm irgend etwas Ungewöhnliches an meinem
Verhalten wahr, während sie freudestrahlend meine Tochter
bewunderten und mir ihre herzlichsten Glückwünsche
aussprachen. Absolut unfaßbar! dachte der Verstand. Meine
Tochter wird niemals eine Mutter haben. Es gibt niemanden,
und es ist auch gar nicht nötig, jemand zu sein, damit die
Funktionen einer Mutter ausgeführt werden. So wie das
Sprechen spricht und das Denken denkt, so bemuttert die
Mütterlichkeit. Der Verstand hatte große Schwierigkeiten,
sich daran zu gewöhnen.

Als meine Tochter acht Monate alt war, wurde mir klar, daß die
Zeit gekommen war, Paris zu verlassen. Claude versuchte alles,
um mich davon abzubringen, aber ich wußte, daß die
Rückkehr in die Staaten ganz simpel und klar das nächste war,
was zu geschehen hatte. Obwohl inzwischen etwas mehr als ein
Jahr seit der Zerstörung des «Ich», vergangen war, konnte gewiß
keine Rede davon sein, sich an die Erbarmungslosigkeit eines
Lebens ohne ein Selbst gewöhnt zu haben. Meine Beziehung zu
Claude hatte sich, während ich darum kämpfte, eine absolut
unfaßbare Erfahrung zu begreifen, ganz entscheidend
verändert, und ich konnte von Claude erst recht nicht erwarten,
das alles zu verstehen. Unsere if1 Beziehung hatte sich
inzwischen praktisch aufgelöst. Die Person, i die er geheiratet
hatte, gab es nicht mehr. Ich war unfähig, weiter-
hin «persönliche» Beziehungen zu unterhalten, und so sollte es
auch bleiben.
Claude entschied sich, mit mir zu gehen, um unsere Familie
zusammenzuhalten. Als französischer Arzt mußte er jedoch ein
Examen ablegen und für ein Jahr ein Medizinpraktikum
machen, um in Amerika seine Zulassung zu bekommen. In den
Monaten vor unserem Umzug begann Claude intensiv für das
Examen zu lernen, während ich anfing, unser Leben in Paris
aufzulösen. Claudes Familie war äußerst traurig über die
Neuigkeit von unserem Umzug, doch sie machten keine
Anstalten, uns umzustimmen. Ihnen allen war bewußt, daß mir
das Leben in Paris Schwierigkeiten bereitete, auch wenn sie
keine Ahnung davon hatten, warum. Insgeheim hofften sie
wahrscheinlich, daß eine Ortsveränderung mich vielleicht
glücklicher machen würde. Anscheinend waren sich alle einig
über mein Problem - ich hatte Heimweh und war deprimiert -,
und ich bin mir sicher, daß alle darum beteten, daß sich unsere
Ehe wieder bessern möge.
Meine Tochter jedoch konnte nichts verunsichern. Sie war
ein wunderbares, glückliches Kind, das jeden immer wieder mit
ihrer Frühreife beeindruckte. Sie hatte die Gabe, jeder
Herausforderung ins Gesicht zu lachen, ihre Grübchen zu
zeigen und ihre blonden Locken zu schütteln, bis sie schließlich
jeden mit ihrem Charme dazu brachte, seine Verstimmung zu
vergessen. Es war für mich eine ungeheure Erleichterung, sie so
glücklich zu sehen, denn ich hatte mich immer wieder
gewundert, ob der Terror und jener radikale Bruch in meinem
Bewußtsein während der letzten fünf Monate meiner
Schwangerschaft irgendwelche problematischen Auswirkungen
bei ihr hinterlassen hatten.
Aber was es auch immer für Auswirkungen gehabt haben
mag, es schien sie in keiner Weise traumatisiert zu haben. Auch
jetzt, da sie zu einem Teenager herangewachsen ist, strahlt sie
immer noch diese kluge Fröhlichkeit aus, die sie schon immer
ausgestrahlt hat,
seit sie geboren wurde. Indes hat sie tatsächlich öfter zu
verstehen gegeben, daß ihr sehr bewußt ist, genauso wie die
anderen zu sein - doch zugleich auch recht unterschiedlich.
Manchmal verwirrt sie das, doch meistens redet sie am liebsten
gar nicht darüber. Mindestens einmal jedoch hat sie gesagt:
«Weißt du, wie das ist, Mama, wenn Menschen dich anschauen
und glauben, du bist jemand, doch du weißt, daß du nicht diese
Person bist?»
«Ja, mein Liebling», antwortete ich, «dieses Gefühl kenne
ich sehr genau.»
Die entwertete Leere

Ich habe an der Schwelle zum Wahnsinn gelebt,


wollte die Gründe wissen und klopfte an eine Tür.
Sie öffnete sich. Ich hatte von innen geklopft!
RUMI

Im Frühjahr 1984, fast zwei Jahre nach dem Beginn der


Erfahrung, ohne ein Selbst zu sein, verließen wir Paris und
kehrten in die Gegend von Chicago zurück. Ich hoffte, daß die
vertraute Umgebung hilfreich dabei sein würde, die Angst zu
reduzieren. Doch das war nicht der Fall. Es machte mir große
Schwierigkeiten, meine Familie, besonders meine Mutter, um
mich zu haben. Sie empfand mich als sehr depressiv und bestand
wiederholt darauf, daß ich ihren Psychiater aufsuchte, um mir
eine Medikation verschreiben zu lassen. Es gelang mir zwar, mich
um den Psychiater zu drücken, doch wesentlich schwieriger war
es, dem Ausdruck von Hoffnungslosigkeit und Traurigkeit in
den Augen meiner Mutter zu entgehen, wann immer wir uns
begegneten.
Die Rückkehr in die Staaten und in das Haus meiner Mutter
konfrontierte mich mit der Angst, wahnsinnig zu werden. Sie
symbolisierte die Tendenz der westlichen Welt, nur vernünftige,
verständliche Erfahrungen als einleuchtend und stichhaltig zu
akzeptieren. Meine Erfahrung machte weder vom
wissenschaftlichen noch vom psychologischen Standpunkt aus
betrachtet einen Sinn und wurde daher als pathologisch
abgestempelt.
Ich beschloß daher, zu niemandem über meine Erfahrung zu
sprechen. Ich wollte einfach mit meinem Leben fortfahren und
vergessen, daß ich kein Selbst mehr hatte. Selbstverständlich war
das ein absurdes Vorhaben, denn schließlich kann man nicht
einfach verdrängen, kein Selbst mehr zu haben.
Doch zu dem Zeitpunkt schien alles absurd zu sein. Wie
viele Menschen gibt es schließlich, die ohne ein persönliches
Selbst leben?
Der Verstand hatte unglaubliche Schwierigkeiten mit dieser
Erfahrung. Er schien mit aller Macht beweisen zu wollen, daß
mit mir etwas nicht stimmte, und er führte alle möglichen
Beweise an, um diese Überzeugung durchzudrücken. Das
zwingendste Beweisstück war die Anwesenheit der panischen
Angst. Alle Beschreibungen einer spirituellen Entwicklung,
von denen ich jemals gehört hatte, beinhalteten in irgendeiner
Form Glückseligkeit, Ekstase oder Freude. Doch diese
Erfahrung, ohne ein Selbst zu sein, hatte nichts mit
Glückseligkeit zu tun. Immer wieder, wenn sich der Verstand
auf seiner Suche nach einem Selbst-Konzept, nach jemandem,
der die Erfahrung macht, nach innen richtete, fand er nur Leere
- und seine einzige Antwort daraufwar panische Angst.
Die Beziehungen zu anderen Menschen hatten sich radikal
verändert. Ohne ein persönliches «Ich» gab es keine Instanz,
die die Erfahrungen zu reflektieren in der Lage war. Das Gefühl,
mit anderen verbunden zu sein, hatte sich aufgelöst, denn es gab
keine Person mehr, mit der es hätte verbunden sein können.
Doch ich muß nochmals wiederholen, daß trotzdem alle
Gefühle in angemessener Weise weiterbestanden. Was sich
aufgelöst hatte, war der Bezugspunkt eines persönlichen
Selbst, das diese Gefühle selbst empfand. Die Leere existierte
immer im Zusammenhang mit allen emotionalen oder
mentalen Zuständen, und dies Nebeneinander schloß jegliche
persönliche Eigenschaften gänzlich
aus. Gedanken, Gefühle oder Handlungen entstanden nicht
mehr für irgendeinen persönlichen Zweck.
Doch das Seltsame all dieser Phänomene war die Tatsache,
buchstäblich keinen Namen mehr zu haben. Der Name, mit dem
ich mich bislang identifiziert hatte, bezog sich auf niemanden
mehr. Den Namen geschrieben zu sehen, erzeugte kein Gefühl
des Wiedererkennens, ihn ausgesprochen zu hören kein
Gefühl für die Person, auf die er sich bezog. Auch heute noch
verstärkt sich diese Leere, wenn der Name ausgesprochen oder
niedergeschrieben wird. Diese Intensivierung wird als eine
Ausweitung der Leere erlebt, als ob die Leere sich nach innen
kehrt, um sich selbst zu betrachten, und dieser Blick erzeugt die
Erinnerung daran, wie leer sie tatsächlich ist.
Viele Jahre später erinnerte sich der Verstand an die
Praktiken als Kind, meinen Namen so lange zu wiederholen,
bis ich mich mit der beängstigenden Wahrheit konfrontiert sah,
daß ich keine persönliche Identität besaß. Diese Erinnerung
brachte eine gewisse Beruhigung, auch wenn der Verstand
weiterhin darauf bestand, daß der Verlust der persönlichen
Identität etwas Krankhaftes sei. Bestenfalls konnte man wohl
nur darauf hoffen, daß sich der Verstand schließlich an diesen
Zustand gewöhnen und nicht mehr die Botschaft aussenden
würde, daß mit mir etwas nicht stimmte. Doch das sollte mehr
als ein Jahrzehnt auf sich warten lassen.
In dem Jahr nach unserer Rückkehr in die Staaten legte
Claude mit Erfolg sein medizinisches Examen ab und wurde am
Cook County Hospital in Chicago für sein Medizinpraktikum
angenommen. Bevor er jedoch mit seinem Praktikum beginnen
konnte, war ihm bereits klar, daß sowohl die Belastung durch
unsere unwiderruflich veränderte Beziehung als auch das Leben
in einem fremden Land, das auf ihn nicht sehr einladend wirkte,
für ihn unerträglich geworden war. Im Januar 1985 beschlossen
wir,
uns zu trennen, und Claude zog in ein Appartement in der
Chicagoer Innenstadt. Er wohnte dort für sechs Monate, bis wir
offiziell geschieden wurden. Im September, zwei Monate nach
unserer Scheidung, verließ er enttäuscht und mit gebrochenem
Herzen das Land, um ein neues Leben in einer vertrauteren und
mehr Rückhalt bietenden Umgebung zu beginnen.
Ich kann nur feststellen, daß mich die Trennung von ihm
nicht traurig machte. Unsere Beziehung hatte sich bereits vor
zwei Jahren aufgelöst, als es deutlich wurde, daß er nicht mehr
daran interessiert war, ein Partner für ein dermaßen
wunderliches Mysterium zu sein. Wir einigten uns darauf, daß
unsere Tochter bei mir in den Staaten bleiben und ihn mehrmals
im Jahr in Paris besuchen würde. Als Claude schließlich
abreiste, begann ich Pläne für eine Rückkehr nach Kalifornien
zu schmieden. Es war ganz offensichtlich das Naheliegenste,
was es zu tun gab.

Während dieser Zeit, als Claude und ich uns trennten, erzählte
mir mein Bruder Dan von einem spirituellen Lehrer, den er
kennengelernt hatte und der angeblich während einer
Ausbildung in der Schweiz zum TM-Lehrer erleuchtet worden
war. Robert Peter-sen war ein charismatischer Kanadier, dessen
Ruf als Rebell und Bilderstürmer große Aufmerksamkeit in der
TM-Gemeinde, besonders in Fairfield, Iowa, erzeut hatte - dort
also, wo sich die Internationale Universität des Maharishi
befand. Wir beide meinten, daß es mir vielleicht helfen könnte,
Robert kennenzulernen, und so arrangierte Dan, daß ich ihn
auf einem seiner Trips nach Fairfield begleitete.
Ungefähr 60 Leute hatten sich eingefunden, und sobald
Dan und ich den Raum betraten, bat mich Robert, zu einem
Dialog mit ihm ans Mikrophon zu kommen.
«Willkommen, Suzanne», sagte Robert voller
Enthusiasmus. «Erzähle mir etwas über dich und dein Leben.»
«Nun, ich bin gerade aus Paris zurückgekehrt, wo ich die
letzten dreieinhalb Jahre gelebt habe. 1975 habe ich die
Ausbildung zum TM-Lehrer abgeschlossen, doch die letzten
sechs Jahre habe ich nicht mehr meditiert. Man hat mir erzählt,
daß du mit Leuten arbeitest, die von Maharishis Lehren
enttäuscht sind.»
«Ich glaube, das kann man so sagen - doch viel wichtiger ist,
daß ich die Dramatik vom Licht des Bewußtseins zu allen
Menschen bringe. Ich muß dir sagen, daß es sehr eindeutig ist,
daß du etwas Besonderes bist. Ich fühle sehr deutlich, daß du
den Ort, an dem du jetzt lebst, verlassen solltest, um in meiner
Gemeinschaft in Victoria zu leben. Du bist tatsächlich etwas
ganz, ganz Besonderes. Bitte, Suzanne, kannst du zu mir
kommen?»
«Ich weiß nicht, Robert, doch ich werde gewiß darüber
nachdenken. Kanada? Vielleicht...»
Nachdem wir noch ein paar Minuten lang miteinander
gesprochen hatten, sah ich mich plötzlich von einigen seiner
Anhänger umringt. Sie versicherten mir, daß Robert noch nie
zuvor jemandem ein solch direktes Angebot, sich ihm
anzuschließen, gemacht hätte. Ich antwortete, daß ich mir sein
Angebot überlegen würde, denn nichts schien mich irgendwo
anders zu halten.
Auf unserem Heimweg am nächsten Tag nach Chicago
diskutierten Dan und ich ausgiebig diese neue Möglichkeit. Ich
wollte meine Mutter bitten, sich für ein paar Tage um Arielle
zu kümmern, während ich nach Victoria flog, um mir alles
näher anzusehen. Sie willigte gerne ein, und so flog ich zwei
Wochen später. Als ich in einem neunsitzigen Pendelflugzeug
von Seattle auf dem winzigen Flughafen von Victoria landete,
wurde ich von einem von Dans Freunden abgeholt. Er hatte
mich eingeladen, während meines Besuches in seinem Haus zu
wohnen. Am nächsten Morgen brachen wir frühzeitig auf, um
an dem Wochenendkurs von Robert teilzunehmen, den er in
einer Vorlesungshalle der Universität von Victoria gab.
Es war aufregend, Robert wiederzusehen. Die Gruppe von
Leuten um ihn war von seinem Charisma wie gebannt. Er
präsentierte seine Lehren mit einer solchen Kraft, daß ihr
eigentlicher Inhalt gar keine große Rolle spielte. William, sein
bester Freund und gleichzeitig auch seine rechte Hand,
begrüßte mich voller Enthusiasmus, und es wurde sehr schnell
deutlich, daß William und ich uns voneinander angezogen
fühlten.
Während des Wochenendes wartete ich gespannt auf eine
Möglichkeit, mit jemandem über meine Erfahrung, ohne ein
Selbst zu sein, zu sprechen. Obwohl dies das erste Mal war, daß
ich mich in einer spirituellen Umgebung aufhielt, seit sich die
Leere des persönlichen Selbst aufgetan hatte, schien hier nicht
der Ort zu sein, um eine Selbst-lose Erfahrung zu diskutieren.
Schließlich war Robert ein Anhänger von Maharishi Mahesh
Yogi, und der hatte niemals in seinen Lehren einen Selbst-losen
Zustand erwähnt. Der Verstand produzierte aufgrund der Leere
weiterhin eine unglaubliche Angst, die sich auch nicht
verringerte, als ich dem zuhörte, was Robert zu sagen hatte.
Während der nächsten fünf Monate pendelte ich zwischen
Victoria und Chicago hin und her. Da Claude und ich uns
mitten im Prozeß der Scheidung befanden, mußten die
Gespräche mit dem Rechtsanwalt in Chicago sowie Arielles
Besuche bei Claude arrangiert werden. Doch immer, wenn ich
keine derartigen Verpflichtungen hatte, flogen Arielle und ich
nach Victoria.
Nach einigen Wochen, in denen ich Robert näher
kennengelernt hatte, wurden William und ich ein Paar, und
man bot mir an, in sein Appartement im ersten Stock eines
wunderschönen Hauses einzuziehen, das einer Gruppe von
Roberts Studenten gehörte. Die Beziehung zu William ergab
sich aus derselben Leere, die nach wie vor als der nicht-
lokalisierbare Handelnde präsent war. Ein Paar zu werden, war
offensichtlich das Naheliegenste, doch es war nicht das
Ergebnis eines persönlichen Bedürfnisses
oder Wunsches. Die Funktionen, die in einer Beziehung
ablaufen, liefen weiterhin ab, auch wenn es niemanden gab, auf
den sie sich bezogen. Kein Ereignis basierte auf Gründen oder
Entscheidungen. Es gab nichts mehr, das in irgendeiner Weise
jemandem ähnelte, der die Entscheidungen traf, jemandem, der
die Entscheidung zu treffen schien, ob eine Beziehung
beginnen sollte oder nicht, oder ob die Person der richtige
Partner war oder nicht. Die Beziehung schien zwar eine
persönliche zu sein, doch das war sie nicht, und für den
Verstand war das verwirrend und beängstigend.
Robert hatte die Angewohnheit, seine Studenten zu «
konfrontieren», wenn er der Meinung war, daß sie etwas falsch
gemacht hätten. Nachdem ich öfter an seinen Gesprächen
teilgenommen hatte, wurde mir klar, daß er die Welt und alle
Menschen auf der Ebene von gut und böse betrachtete. Wenn er
jemanden konfrontierte, dann basierte seine Attacke darauf, daß
er diese Person als böse bezeichnete, und sie wurde unmittelbar
nach der Konfrontation aus der Gemeinschaft verbannt. Einige
von ihnen waren mehrmals konfrontiert und verbannt worden
und kehrten trotzdem im Laufe der Jahre immer wieder in den
Schoß der Gemeinschaft zurück. Andere wurden konfrontiert
und verließen die Gemeinschaft für immer.
Eines Tages traf eine Frau zu einem Wochenendkurs ein, die
Robert als «psychotisch» bezeichnet hatte. Sie war attraktiv
und sprach zusammenhängend und anschaulich über
verschiedene Themen. Niemand außer Robert hielt sie für
«verrückt», aber für Robert waren verrückt und böse das
gleiche. Die Frau wurde aufgefordert, vor die Gruppe zu treten
und ihre Erfahrung zu beschreiben. Sie war nervös und
erklärte: «Mein Problem ist, daß ich kein Selbst habe.»
Als ich das hörte, gefror mir das Blut in den Adern. Es war
die schlimmste Bestätigung, die ich jemals vernommen hatte,
daß die
Leere genau das war, wofür sie der Verstand hielt: Wahnsinn.
Robert antwortete auf die Beschreibung der Frau, indem er
behauptete, sie am Abend zuvor dadurch «geheilt» zu haben,
daß er ihr «ein Selbst zurückgegeben hatte». Sie bestätigte, daß
das tatsächlich geschehen sei und drückte ihm ihre grenzenlose
Dankbarkeit aus. Er lächelte nur und akzeptierte voller Stolz ihr
Lob.
Eine gewaltige Welle panischer Angst schlug über mir
zusammen. Drei Tage später blieben William und ich die ganze
Nacht auf und diskutierten darüber, welch schreckliche Angst
mir das eingejagt hatte (obwohl ich ihm niemals von meiner
Erfahrung, ohne ein Selbst zu sein, erzählt hatte). William
schlug vor, daß wir Robert aufsuchen sollten. Ich gab zu
bedenken, daß er um diese Zeit sicherlich nicht mehr wach sei,
denn es war bereits halb fünf Uhr morgens, doch William
bestand darauf, daß wir ihn anriefen. Robert meldete sich am
Telefon und forderte uns auf, ihn augenblicklich aufzusuchen.
Zehn Minuten später begrüßte er uns mit einem breiten
Lächeln. Unser Gespräch dauerte eine Stunde, und es drehte
sich hauptsächlich um das, was Robert gerade in den Sinn kam.
Danach verabschiedeten William und ich uns wieder.
Eine Woche später, William hatte für zwei Tage die Stadt
verlassen, rief mich Robert spät abends noch an. Er gab vor, sich
seit unserem Gespräch vor einer Woche seltsam gefühlt zu
haben, und er wunderte sich, was ich wohl mit ihm angestellt
hatte. Das war genau die Art von Anschuldigung, die er oft
gegen andere erhob. Immer wenn er sich in der Gegenwart einer
Person «abgetrennt, entrückt oder aufgelöst» fühlte, dann
schloß er daraus, daß diese Person böse sein mußte. William
hatte mir schon einmal etwas Ähnliches erzählt. Nachdem er
von einem späten Mittagsschlaf erwacht war, wunderte er sich,
was ich wohl mit ihm im Schlaf angestellt hatte, denn nach dem
Aufwachen fühlte er sich nicht wohl.
Robert und ich beendeten unser Telefonat, und ich ging
schla-
fen. Am nächsten Morgen gegen sechs Uhr kam Roberts Frau
Tessa in mein Zimmer, weckte mich und sagte, Robert wartete
draußen im Flur und wollte mit mir sprechen. Sie erwähnte
jedoch mit keiner Silbe, daß Robert den anderen Studenten
im Haus bereits erzählt hatte, ich wäre böse, denn ich wäre eine
Jüdin. Eine Woche zuvor war er nämlich zu der dramatischen
Erkenntnis gekommen, daß alle Juden böse seien. Er traf sich
mit einigen seiner langjährigen Studenten in der Eingangshalle
und drängte sie, mich aus dem Haus zu werfen.
Ich traf Robert in der Eingangshalle, und er bat mich, ihm
in das Appartement einer seiner Studenten zu folgen, um
miteinander zu reden. Zwölf Leute hatten sich dort versammelt,
um unserer Unterhaltung beizuwohnen. Er begann mit der
Anklage, daß ich in der vergangenen Woche ein «seltsames»
Gefühl auf ihn übertragen hätte und fuhr fort, all die Dinge
anzuführen, die ich ihm angetan hätte. Schließlich eröffnete er
mir, daß ich sofort gehen sollte, denn alle Juden wären böse
und in diesem Haus, das für ihn ein heiliger Platz sei, nicht
mehr willkommen.
Man schickte mich zurück auf mein Zimmer. Ich sollte
meine Sachen packen, und man organisierte für Arielle und
mich die Wohnung eines anderen Studenten, der ein paar
Meilen entfernt lebte. Zwar wollte ich auf William warten, um
seine Reaktion auf diese Neuigkeit zu hören, doch ich durfte
nicht mehr länger als eine Stunde im Haus bleiben. Eiligst
packte ich meine Sachen zusammen, und zwei Männer
brachten mich in die andere Wohnung.
Bei seiner Rückkehr am nächsten Tag wurde William von
einem der Hausbewohner abgefangen und über die Ereignisse
vom vergangenen Tag informiert. William kam niemals
vorbei, um mich zu sehen, und rief auch nicht an, um
herauszufinden, wie es mir ging. Robert hatte ihn davor
gewarnt, mit mir in Kontakt zu treten.
Innerhalb einer Woche organisierte ich alles für meine Abreise
von Victoria. Noch während der Vorbereitungen für meine
Rückkehr in die Staaten hörte ich, daß Robert William
konfrontiert und beschuldigt hatte, selbst der Teufel zu sein.
Das Drama von Roberts Beziehung zu dem, was er als böse
bezeichnete, wertete der Verstand als überzeugenden Beweis
gegen die Leere des persönlichen Selbst. Da dies die erste
spirituelle Gemeinschaft war, mit der ich seit dem plötzlichen
Abfallen der persönlichen Identität vor drei Jahren in Kontakt
gekommen war, schloß der Verstand daraus, daß alle
spirituellen Lehren meine Erfahrung als einen pathologischen
Fall betrachten würden, so wie es Robert getan hatte.
Verständlicherweise bot der spirituelle Bereich keinen weiteren
Anreiz mehr, um bei der Suche nach einer Erklärung für diesen
mysteriösen Zustand hilfreich sein zu können.
Während meiner letzten Tage in Victoria erreichte mich die
Nachricht vom Tod meines Vaters. Seit meiner Rückkehr von
Paris hatte ich ihn des öfteren in der Privatklinik besucht, wo er
seit sechs Monaten untergebracht war. Seit zehn Jahren litt er an
Alzheimer, und sein unaufhaltsamer Verfall hatte das Feuer der
ständigen Angst des Verstandes weiter geschürt, daß in der
Leere des persönlichen Selbst alle Funktionen zum Stillstand
kommen oder zumindest eingeschränkt würden.
Denn schließlich war es ganz eindeutig, daß jegliche Form
von jemand zu sein sich aufgelöst hatte, und man konnte sehen,
welche Auswirkungen das bei ihm hatte: Er erkannte weder
seine Frau noch seine Kinder, und er wußte nicht mehr, wer er
war. Er sprach nicht mehr, und er las, fuhr oder ging nicht mehr.
Sein Anblick schürte die Angst, daß ich bald so enden würde
wie er.
Als ich von seinem Tod erfuhr, weinte ich. Es gab zwar
niemanden, der sich traurig fühlte, und dennoch erfolgte die
emotionale Reaktion genau wie zuvor und bezog sich
anscheinend auf je-
manden, obwohl das nicht der Fall war. Das Weinen fand statt
-nicht mehr und nicht weniger. Für andere schien es jemanden
zu geben, der traurig war, doch da war niemand.
Für den Verstand war es ungemein schwierig zu erleben, daß
die emotionalen Funktionen im Angesicht der Selbstlosigkeit
weiter abliefen, und er begann wiederum Beweise dafür zu
sammeln, daß etwas mit dieser Erfahrung nicht stimmte.
Gleichzeitig versuchte ich so zu wirken, als ob ich jemand wäre,
der in angemessener Weise auf den Tod seines Vaters reagierte.
Ich flog augenblicklich nach Chicago zurück und half meinen
Brüdern und meiner Mutter bei den Vorbereitungen für die
Beerdigung. In ihrer Anwesenheit weinte ich regelmäßig und
ausgiebig, wann immer wir von unserem Vater sprachen. Der
«Versuch, jemand zu sein», wirkte sehr überzeugend, und ich
sprach mit niemandem darüber, daß all diese Emotionen sich
für keinen einzigen Moment auf ein «Mich» bezogen.
Die Leere analysieren

Bang verlangen wir nach einem Halte,


Wir zu Jungen manchmal für das Alte
Und zu alt für das, was niemals war.
RAINER MARIA RILKE

Im Januar 1986 machte ich mich mit meiner Tochter auf den
Weg nach San Francisco. Wir mieteten eine Wohnung im
obersten Geschoß eines wunderschön restaurierten
viktorianischen Hauses in einem ruhigen Stadtteil und genossen
einen sehr angenehmen Tagesablauf: faule Vormittage, lange
Nachmittage im Park und Abende, an denen wir uns im
Wohnzimmer auf dem Sofa zusammenkuschelten und
Geschichten lasen. Auf diese Weise vergingen die ersten
Wochen wie im Flug und boten uns eine willkommene
Abwechslung von den vergangenen Monaten, die sich immer nur
um die Scheidung, intensive Konfrontationen und den Tod
meines Vaters gedreht hatten.
Arielle blieb nach wie vor eine wunderbare Gefährtin, deren
stets fröhliches Lachen alle Situationen in wunderschöne
Erlebnisse verwandelte. Ihre Präsenz linderte die Angst, die
meine Erfahrungen auch drei Jahre nach dieser schicksalhaften
Begegnung mit der Leere bestimmte. Ich wurde abhängig von
ihrem Lachen; es beruhigte meinen Verstand, wenn er voller
Enthusiasmus sein breitgefächertes Angebot angsterfüllter
Vorstellungen ausbreitete. Sie half mir damals und auch in den
darauffolgenden Jahren mehr
als jeder andere, mich daran zu erinnern, daß man sich auch
in den angstvollsten Momenten sicher fühlen kann, solange
man nicht seinen Humor verliert.
Der Prozeß, sich daran zu gewöhnen, kein individuelles
Selbst zu haben, setzte sich ohne Unterbrechung fort. Der
Verstand überwachte aufs genaueste, wie unterschiedlich die
Ereignisse im Leben aufgenommen wurden, und er registrierte
und kommentierte (wie es ein Verstand nun einmal tut) alles
Positive und Negative eines jeden Momentes. Da der Verstand
die Verschiebung im Bewußtsein bereits als negativ
abgestempelt hatte, gab es nur wenig Spielraum, um etwas
Positives wahrzunehmen. In diesen seltenen Momenten, wenn
die Leere scheinbar in den Hintergrund rückte (auch wenn das
nur ansatzweise geschah), ergriff der Verstand die Gelegenheit,
um eine Rückkehr zum «Normalzustand» des Bewußtseins
festzustellen. Diese Verlagerung der Leere in den Hintergrund
war das einzige, was der Verstand als positiv bezeichnete.
Die erhöhte Wachsamkeit des Verstandes war äußerst
anstrengend. Da er ununterbrochen damit beschäftigt war, die
Erfahrung der Leere abzuwehren, blieb wenig Aufmerksamkeit
für irgend etwas anderes übrig. Mein Leben war erfüllt davon,
die Selbst-lo-sigkeit zu erkennen, sie zu fürchten und zu
beurteilen, sie zu vergessen, sie abzulehnen, sich Sorgen über
sie zu machen und Fragen über sie aufzuwerfen. Selbst im
Schlaf setzte sich die Leere der persönlichen Identität
ungehindert fort. Keine Form mentaler Aktivität veränderte
jemals in irgendeiner Weise die Erfahrung, ohne ein Selbst zu
sein, und keiner der Versuche, sie zu begreifen, zu organisieren
oder zu bewerten, brachte jemals das Gefühl einer persönlichen
Identität zurück.

Der Verstand schien davon besessen zu sein zu verstehen, was


geschehen war, doch die Suche nach einer Antwort im Bereich
des
Verstandes brachte keine Ergebnisse. Folglich verstärkte sich
langsam die Meinung, daß jemand anderer vielleicht dieses
Phänomen Ierklären könnte. Wer könnte möglicherweise
verstehen, was geschehen war? Die Angst vor dem Wahnsinn
blieb auch weiterhin die größte Sorge, und obwohl ich bisher
kein Glück gehabt hatte, einen Psychotherapeuten zu finden, der
mir helfen konnte, meine Erfahrung zu verstehen, schien die
Psychotherapie immer noch der einzige Weg zu sein.
Ein Freund, der in einer Telefonnothilfe für
Suizidgefährdete arbeitete, erzählte mir von einem Psychiater,
der einen der regelmäßigen Anrufer behandelte. Diese Patientin
schwärmte von seiner unglaublichen Fähigkeit, ihr dabei zu
helfen, den Humor im Leben wiederzuentdecken - und Humor,
das hatte meine Tochter mir gezeigt, war lebenswichtig. Ich rief
ihn an, um einen Termin zu vereinbaren, und in der
darauffolgenden Woche fuhr ich eine Stunde lang gen Süden,
um ihn in seiner Praxis in Los Gatos in der Nähe von San Jose
aufzusuchen.
Die Praxis von Carl Trimble befand sich in einem kleinen
Wohnkomplex, einen Steinwurf von der Schnellstraße entfernt,
die sich durch die wunderschönen Santa Cruz-Berge schlängelte.
Carl begrüßte mich herzlich und bat mich, in einem der
bequemen Stühle, die seinem Schaukelstuhl gegenüber
standen, Platz zu nehmen. Er zündete sich seine Pfeife an und
fragte, wie er mir helfen könnte. Ich begann, ihm meine
Erfahrungen zu beschreiben und beobachtete dabei sehr genau
seine Reaktionen. Er hörte mir einige Zeit schweigend zu und
stellte dann verschiedene Fragen über mein Leben in Paris,
meine Ehe und meine Gefühle während der Schwangerschaft.
Ich antwortete ihm so präzise wie möglich. Mir war klar, daß er
versuchte, ein bestimmtes Problem zu lokalisieren, das
möglicherweise meine Erfahrung hätte auslösen können. Ich
erzählte ihm, daß mein Vater vor sechs Monaten gestorben war,
und er notierte das auf einem Block, auf dem er
während unseres Gespräches ab und zu Notizen machte. Ich
fragte ihn, ob er jemals zuvor von einer solchen Erfahrung gehört
hatte, und er bejahte das.
«Tatsächlich?» fragte ich zögernd und mit einer gewissen
Angst in der Stimme. «Nun, was ist es denn?»
«Man nennt es Depersonalisation», sagte er, ohne eine
Miene zu verziehen. « Diese Erfahrung tritt relativ häufig bei
Menschen auf, die einen schweren Schock erlitten haben, zum
Beispiel wenn jemand stirbt, an dem sie sehr gehangen haben,
oder wenn ihnen eine besonders schlimme Nachricht
überbracht wird. Es kann auch etwas unglaublich Positives
sein, wie ein Lottogewinn. Normalerweise geht es nach ein paar
Stunden oder maximal nach einigen Tagen wieder vorbei.
Ehrlich gesagt, habe ich noch nie von einem Fall gehört, wo es
so lange anhält wie bei Ihnen. Doch ich bin mir sicher, daß es
sich um eine solche Störung handelt, und ich kann Ihnen
sicherlich helfen.»
«Mir dabei helfen, daß es wieder verschwindet?» fragte ich.
«Genau», antwortete er. «Es sollte sich nach einiger Zeit
auflösen, wenn ich Ihnen behilflich sein kann herauszufinden,
was Sie so sehr schockiert hat. Es könnte etwas vor langer Zeit
in Ihrer Kindheit gewesen sein oder auch etwas, das in Paris
geschehen ist. Doch wenn wir erst die Wurzeln freigelegt haben,
indem wir Ihre Vergangenheit näher untersuchen, dann sollte es
wieder vergehen. Natürlich kann das einige Zeit dauern. Es ist
schwer zu sagen, wie lange.»
«Depersonalisation», wiederholte ich. «Ist das der Name
dafür? »
Er nickte mit dem Kopf.
« Und machen tatsächlich andere Leute genau die gleiche
Erfahrung? »
«Gewiß doch», erwiderte er. «Es ist sogar recht weit
verbreitet.»
«Recht weit verbreitet», sinnierte ich kopfschüttelnd. «Das
Gefühl, keine persönliche Identität zu haben, ist recht weit
verbreitet? »
« Das einzig Ungewöhnliche in Ihrem Fall ist, daß es ohne
Unterbrechung so lange anhält», erwiderte er. «Manche Leute
machen die gleiche Erfahrung relativ häufig, jedoch nur für
kurze Momente. Ich würde auch vorschlagen, daß Sie ein
Antidepressi-vum ausprobieren, um zu sehen, ob das die
Symptome lindert.»
Ich schüttelte meinen Kopf. « Nein danke. Ich möchte
wirklich keine Medikamente nehmen. Meine Mutter hat
jahrelang Antide-pressiva genommen, aber ich lehne das völlig ab
- besonders wegen der Art und Weise, wie sie ihren Psychiater
dafür als eine Art Gott betrachtet, daß er ihr das Medikament
verschrieben hat.»
«Kein Problem», sagte er mit einem Lächeln. «Wir wollen ja
nicht, daß das geschieht, oder?»
Carl und ich gingen auf die Jagd nach einem
«Heilverfahren» für die Erfahrung, ohne ein Selbst zu sein.
Einmal die Woche fuhr ich zu ihm in die Praxis und sprach über
meine Kindheit, meine Beziehungen und mein Interesse an
einem Psychologiestudium. Vielleicht würde ich ja dort eine
Antwort finden. Vielleicht würde die quälende Angst endlich
verschwinden. Vielleicht würde ja mein «Ich» tatsächlich
zurückkehren, wenn ich die tieferliegenden Ursachen seines
Verschwindens entdeckte. Inspiriert von Carls völligem
Vertrauen in die heilende Kraft des therapeutischen Prozesses,
begann ich mich ernsthaft für ein Psychologiestudium zu
interessieren. Im Herbst 1986 schrieb ich mich an der John
FRAGE Kennedy-Universität ein und belegte ein Semester in
klinischer Psychologie. Carl versicherte mir des öfteren, er sei
zuversichtlich, daß das «Ich» zurückkehren werde -es wäre
lediglich eine Frage der Zeit. Wir beide sahen als Ziel der
Therapie die Rückkehr des «Ich-Gefühls», ein Bestreben, das
wir beide mit ganzem Herzen verfolgten.
Drei Monate, nachdem ich Carl zum ersten Mal aufgesucht
hatte, nahm ich eine deutliche Veränderung in seiner
Verhaltensweise mir gegenüber wahr. Er begann, des öfteren
über sich selbst zu sprechen und streute Bemerkungen über
seinen Wunsch nach eigenen Kindern und über sein
neuerworbenes Haus in den Bergen von Santa Cruz ein. Immer
wenn ich darauf mit Fragen meinerseits einging, reagierte er mit
großer Offenheit, und unsere Diskussionen bekamen eine sehr
persönliche Note. Er zeigte mir Fotos von seinem neuen Haus
und seinem Hund, und wir saßen dann nebeneinander auf der
Couch, während wir uns die Bilder gemeinsam anschauten.
Mir gefiel die Aufmerksamkeit, die Carl mir widmete. Er
war der erste Mensch, der mir einen Schimmer von Hoffnung
geschenkt hatte und der erste mit einer klaren Aussage darüber,
was seiner Meinung nach meine Erfahrung zu bedeuten hatte.
Obwohl mir klar war, daß meiner Erfahrung durch die
Bezeichnung Depersonalisation der Stempel des Pathologischen
aufgedrückt wurde, schien das unwichtig zu sein, weil er die
Aussicht auf Heilung als sehr vielversprechend bezeichnete.
Zumindest hatte ich einen Namen für das Problem, und Carl
würde mir dabei helfen, es zu lösen. Sein wachsendes Interesse
an mir bestärkte meine Hoffnung, nicht für immer in der Leere
des «Ich» verfangen zu bleiben. Es bedeutete auch, daß ich
nicht hoffnungslos verrückt war, denn ansonsten würde dieser
eindeutig vernünftige, sympathische Mann nicht all die Signale
aussenden, daß er sich Hals über Kopf in mich zu verlieben
begann.
Fünf Monate nach dem Beginn der Therapie beendete Carl
unsere therapeutische Beziehung. Er sagte, daß er mich auf
andere Art und Weise näher kennenlernen wollte und er
daher nicht mehr mein Therapeut sein konnte. Zwischen uns
begann sich eine Liebesbeziehung zu entwickeln, und bald
wurde er ein regelmäßiger Wochenendbesucher in meinem
Heim in San Francisco.
Er machte mich mit seinen Freunden bekannt, wobei er
sorgfältig darauf bedacht war zu verschleiern, wie wir uns
getroffen hatten. Er erfand verschiedene Geschichten, bis er
schließlich dabei blieb, daß wir uns durch gemeinsame
Freunde kennengelernt hatten. Sehr bald verbrachten wir jedes
Wochenende zusammen, entweder in San Francisco oder in
Los Gatos, und unter der Woche telefonierten wir jeden Abend
miteinander.
Als ich Carl näher kennenlernte, stellte ich fest, daß er nicht
mehr dieselbe Begeisterung zeigte, Dinge in unserer Beziehung
auszudiskutieren, so wie er es in unseren Therapiesitzungen
getan hatte. Meistens sagte er bei solchen Gelegenheiten, daß er
sich bereits in der Praxis verausgabt hätte und nicht daran
interessiert sei, jetzt noch Probleme zwischen uns zu erörtern. Er
schien ebenfalls davon auszugehen, daß meine Erfahrung, ohne
ein Selbst zu sein, sich irgendwie aufgelöst hätte. Vielleicht
wollte er auch andeuten, daß ich ihn als einen Partner
gebraucht hätte, um mein «Selbst» wieder zurückzubekommen.
Da ich nach wie vor fest davon überzeugt war, daß meine
Erfahrung ein Problem war, das verborgen bleiben mußte,
sprach ich auch mit ihm nicht mehr darüber.
Meine Beziehung zu Carl endete schließlich nach sechs
Monaten, als ich ihm eröffnete, daß ich wieder mit einer
Therapie beginnen würde.
«Warum?» fragte er. «Ich dachte, du wärest von deinen
Problemen geheilt.»
«Carl», erwiderte ich. «Du sprichst überhaupt nicht mehr
mit mir. Du glaubst, daß alles in Ordnung ist, aber das stimmt
einfach nicht. Ich verspüre immer noch kein <Ich>, und ich
brauche Hilfe, um zu verstehen, was das zu bedeuten hat. Diese
schrecklichen Ängste sind immer noch da.»
« Du meinst, diese Erfahrung hat nie aufgehört?»
«Nicht für einen einzigen Augenblick. Keinen Moment
lang ist das Gefühl, eine individuelle Person mit einer
persönlichen
Identität zu sein, zurückgekehrt. Das geht jetzt schon seit
fünf Jahren so. Vielleicht ist es auch hoffnungslos ...»
«Und ich glaubte, daß es dir besser ginge», sagte er. «Doch
du solltest wissen, daß eine Depersonalisation kommt und
geht. In manchen Fällen löst sie sich nie ganz auf.»
«Carl», erwiderte ich mit einer gewissen Schärfe, «diese
sogenannte Depersonalisation ist für keinen Augenblick
vergangen. Begreifst du das denn nicht? Es begann vor fünf
Jahren, in einem kurzen Augenblick, und es hat sich seitdem
nie verändert oder sich aufgelöst, noch nicht einmal, wenn ich
schlafe!»
«Ich weiß nicht, was es außer einer Depersonalisation sonst
noch sein könnte», antwortete er. «Vielleicht dramatisierst du
das Ganze auch ein bißchen. Schau mal, du behauptest seit
längerem schon, daß du als eine individuelle Person nicht
existierst, und trotzdem stehst du hier vor mir und sprichst mit
mir. Du bist hier, verstehst du? Du glaubst nur, daß das nicht so
ist.»
«Warum sagt nur jeder das gleiche? Glaubst du etwa, daß
ich das alles erfinde? Daß du einen Körper vor dir siehst und
einen Mund sprechen hörst, heißt noch gar nichts. Tatsache ist:
In meinen Erfahrungen gibt es keine Person. Es ist nichts, was
man von außen erkennen könnte, und das versuche ich dir nun
schon seit fast einem Jahr klarzumachen!»
Carls Gesicht versteinerte sich. Mit einer Handbewegung
gab er zu verstehen, daß unsere Diskussion beendet war, und
sagte, daß er einen Spaziergang mache. Als er zu seinem Haus
zurückkehrte, war ich im Begriff, Arielle und unsere Sachen ins
Auto zu laden. Er stand in der Auffahrt, als ich zurücksetzte,
und winkte uns zu, als wir in Richtung San Francisco losfuhren.
Das war das letzte Mal, daß ich ihn gesehen habe.
In den Wochen nach der Trennung von Carl wurde die
Angst wieder stärker und verwandelte meinen Verstand in ein
Schlachtfeld, auf dem die Leere des Selbst die feindliche
Armee zu sein
schien. Und sie wuchs noch ganz ungemein, während die Angst
gegen sie ins Feld zog. Sie rückte nicht im mindesten in den
Hintergrund, egal wie vehement sich der Verstand auf andere
Dinge stürzte. Ich versuchte, meine Aufmerksamkeit auf die
Studienarbeit an der John FRAGE Kennedy-Universität zu
konzentrieren und ging gänzlich in einem interessanten
akademischen Leben auf, das den Verstand damit beschäftigt
hielt, neue Bücher zu lesen, sich psychologische Theorien
einzuprägen und Abhandlungen zu schreiben. Die Leere
begleitete indes jeden Moment von Aufmerksamkeit, immer
gegenwärtig, immer unveränderlich, so wie ein ungebetener
Gast, den man gezwungenermaßen beherbergen muß.
Carls Diagnose ging mir nicht mehr aus dem Kopf, und ich
verbrachte eine Menge Zeit damit, über «Dissoziations-Störun-
gen», Depersonalisation, Realitätsverlust und Dissoziierung
nachzulesen. Sicherlich waren gewisse Charakteristiken dieser
Funktionsstörungen auch in meinen Erfahrungen aufgetreten,
doch sie beschrieben in keiner Weise das auffälligste Symptom -
die völlige Abwesenheit einer persönlichen «Ich-heit», die mit
einer unbe-einträchtigten (teilweise sogar verbesserten)
Funktionsfähigkeit in der Welt einherging.
Wie ließ es sich erklären, daß in der psychologischen
Literatur keine Antwort zu finden war? Nach fast sechs Jahren
ohne ein Selbst hatte ich noch immer niemanden gefunden, der
zumindest eine Ahnung davon hatte, was das zu bedeuten hatte.
Flüchtig erinnerte ich mich an die Erklärung meines Freundes
Alan: «Manche Menschen verbringen viele Jahre in Höhlen, um
eine solche Erfahrung zu machen.» Wenn in den
psychologischen Texten nichts darüber zu finden war, könnte es
vielleicht doch eine spirituelle Erfahrung sein? Doch der
Verstand verwarf immer noch diese Möglichkeit. Es gab noch
nicht einmal einen Anflug von Glückseligkeit, Freude oder
Glück - und es war so völlig leer.
Doch warum hatte Alan meine Erfahrung bestätigt, selbst
nachdem ich ihm erzählt hatte, wie fürchterlich die ganze Sache
war? Vielleicht sollte ich doch nach jemandem Ausschau halten,
der etwas von spirituellen Erfahrungen verstand. Es schien keine
andere Möglichkeit zu geben.
Zu diesem Zeitpunkt war ich noch nicht bereit, mich
allzuweit vom psychologischen Bereich zu entfernen, also
versuchte ich es nochmals mit Therapie. Diesmal jedoch wählte
ich einen Therapeuten aus, der eine akademische Ausbildung
sowohl in transpersonaler als auch in klinischer Psychologie
besaß. Er schien die ideale wissenschaftliche Kombination zu
besitzen, um dieses Dilemma zu lösen: Erlebte ich nun einen
pathologischen oder einen spirituellen Zustand? Seine Anzeige
in einem lokalen Blatt für Transpersonalität war sehr
wortgewandt abgefaßt und machte deutlich, daß er mit
spirituellen Erfahrungen vertraut und auch bereit war, andere
einfühlsam bei allen möglichen Schwierigkeiten, die sie
durchmachten, zu begleiten.
Zu unserer ersten Verabredung kam ich zu spät, weil ich die
falsche Autobahnausfahrt genommen hatte. So folgte ich völlig
außer Atem Sam Goldfarb in sein Haus, das in einer ruhigen
Gegend in den Hügeln von Richmond gelegen war. Er führte
mich in ein Zimmer hinter dem Haus, das als sein
Sprechzimmer diente. Ich tauchte wieder in meine Geschichte
ein und erzählte ihm so viele Details wie möglich über die Leere,
über das fehlende Selbst und die Angst.
«Nun ja», sagte er, «mir scheint, daß du entweder eine recht
dramatische Öffnung des siebten Chakras erlebst, eine
tiefgehende spirituelle Erfahrung, oder du befindest dich in
einem Dis-soziierungszustand, in dem du versuchst, der
Realität zu entfliehen.»
«Das sagt mir nicht viel», erwiderte ich, «es sei denn, du
kennst den Unterschied zwischen den beiden Zuständen.»
«Nun, der Unterschied ist nicht so einfach festzustellen»,
sagte er. «Ich denke, wir werden zusammen daran arbeiten
müssen und dann sehen, ob es auf irgendeine Weise deutlich
wird.»
Drei Jahre lang machte ich Therapie bei Sam -
Kindheitserinnerungen und Gefühle auszugraben und sie zu
analysieren. Zu Beginn der Behandlung verwarf Sam die
Möglichkeit, daß es eine spirituelle Erfahrung sein könnte, und
so setzten wir die Suche fort in der (unausgesprochenen)
Annahme, daß ich in den Zustand, ohne ein Selbst zu sein,
eingetaucht war, um in Sams Worten «den Gefühlen von Angst,
Traurigkeit oder anderen problematischen Gefühlen zu
entfliehen». Mit anderen Worten war es ein
Abwehrmechanismus, eine psychologische Überlebensstrategie.
Nach Sams Auffassung war ich als Kind nicht genügend
«gespiegelt» worden, und die Wunden, die aus diesem in der
Jugend « nicht von anderen gesehen zu werden» geblieben waren,
manifestierten sich nun in dieser Leere. Er sprach davon, daß ich
narzißtisch verletzt worden war und nun dieses «riesige Loch»
in mir hatte, was ich vergeblich zu füllen versuchte.
Sam trieb mich dazu, meinen Schmerz dadurch auszudrük-
ken, daß ich schrie, weinte und auf Kissen einschlug. Er sagte,
daß die Schmerzen meine Flucht in die Leere begünstigt hätten,
weil ich nicht bereit war, ihnen voll und ganz von Angesicht zu
Angesicht gegenüberzutreten, und solange ich sie mir nicht
anschauen konnte, ohne vor ihnen davonzulaufen, könnte ich
auch nicht davon geheilt werden.
Die Selbst-losigkeit war also ein weiteres Mal pathologisiert
worden, was die Erfahrung nicht im mindesten veränderte,
sondern die Angst davor nur noch verstärkte. Es gab Tage, an
denen ich nicht einmal mein Haus verlassen konnte, weil ich
buchstäblich vor Angst zitterte. Meine Gespräche mit Sam
überzeugten den Verstand immer mehr davon, daß mein
Problem wesentlich schlimmer sei, als ich jemals vermutet
hatte.
«Die Angst wird immer stärker, Sam», schluchzte ich jede
Woche.
«Wovor hast du eigentlich solche Angst?» fragte er mit
seiner sanftesten und mitfühlendsten Stimme.
«Ich habe Angst davor, wahnsinnig zu werden, überhaupt
nicht mehr funktionieren zu können, mich nicht mehr um meine
Tochter kümmern zu können. Ich kann diese Angst kaum noch
ertragen.» Die Tränen flössen in Strömen über mein Gesicht.
«Nur zu, versuche, wahnsinnig zu werden», sagte er. «Ich
werde hier sein, um dich zurückzuholen.»
«Sicher», schrie ich ihn an. «Du bist hier. Na und? Ich bin
wie gelähmt vor Angst, und du sagst mir, ich soll mich da
hineinfallen lassen, du würdest mich schon erretten. Ich glaube,
du hast keine Ahnung, was hier wirklich vor sich geht, und du
weißt nicht, was du sonst noch ausprobieren solltest. Vielleicht
bist du einfach mal ehrlich und gibst zu, daß du nicht
weiterweißt, anstatt meine Angst noch schlimmer zu machen,
als sie vorher schon war.»
«Suzanne», erwiderte er scharf, «du warst äußerst schwierig
in diesen letzten Monaten. Du bist immer wütend auf mich.
Ich habe das Gefühl, daß ich dir überhaupt nichts recht
machen kann. Ich würde dir gerne meine Notizen von unserer
letzten Sitzung vorlesen. Wärest du damit einverstanden? Ich
möchte dich wissen lassen, wie ich diese Wut beurteile, die du
gegen mich richtest.»
«Du willst mir deine Notizen vorlesen?» fragte ich
ungläubig. «Wozu soll das gut sein?»
«Ich möchte dir meine Eindrücke und Gedanken über das
mitteilen, was du durchmachst.»
«Einverstanden», sagte ich immer noch verblüfft. «Lies sie
mir vor, wenn du meinst.»
Er blätterte sein Notizbuch durch, bis er die betreffende
Seite gefunden hatte. Er atmete tief durch und begann zu
lesen.
«Schon seit mehreren Monaten wertet sie mich ab, weil ich
nicht auf ihr Bedürfnis eingehe, etwas Besonderes zu sein. Für
eine Weile hatte sie mich als die <gute Mutterbrust > gesehen, das
hegende Objekt, das durch und durch gut war, vollkommen
und nachahmenswert. Jetzt sieht sie mich als die < schlechte
Mutterbrust», das Objekt, das durch und durch schlecht ist, in
Ungnade gefallen, zutiefst enttäuschend, frustrierend,
unerfüllend. Ihre vorödipale Verletzung wird immer deutlicher,
und ihr primitiver Abwehrmechanismus arbeitet auf
Hochtouren. Sie spaltet ab und betrachtet mich als den durch
und durch schlechten Vollstrecker der Strafe. Sie ist wütend
darüber, daß ich sie nicht als etwas ganz Besonderes in meinem
Leben liebe.»
Mit offenem Mund und völlig ungläubig starrte ich Sam
für eine Weile an, unfähig, überhaupt zu sprechen. War dies
tatsächlich das Bild, das er in den vergangenen drei Jahren von
mir entwickelt hatte? Hatte er all das, was ich ihm von der
panischen Angst, der Verwirrung, den Schwierigkeiten mit der
Erfahrung der Auflösung einer persönlichen Identität erzählt
hatte, tatsächlich als ein Zeichen von Objekt-Beziehungs-
Abspaltung und Borderline Syndrom interpretiert?
Ich schaute Sam in die Augen. Er wirkte ruhig, fast fröhlich,
ein Lächeln auf den Lippen, während er mich friedvoll
anschaute. Er war stolz auf seine Analyse und stolz darauf, sie
mir mitgeteilt zu haben. Für mehrere Minuten wartete er auf
meine Antwort, und als keine kam, schloß er seine Augen und
lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Ich war immer noch völlig
sprachlos, und der Verstand war durch den Schock zum
Stillstand gekommen. Ich starrte ihn immer noch an, während
ich mich erhob, meine Jacke und meine Tasche nahm und
langsam zur Tür ging. Sam öffnete seine Augen und schaute auf
die Uhr. Es waren noch 30 Minuten bis zum Ende unserer
Sitzung, und er warf mir einen verdutzten Blick zu.
«Wir sind noch nicht fertig», sagte er. «Wohin gehst du?»
«Ich gehe», erwiderte ich, kaum fähig, die Worte
auszusprechen. «Ich habe nichts mehr zu sagen. Ich kann nicht
fassen, was du mir gerade vorgelesen hast. Ich ...»
Es gab nichts mehr zu sagen. Ich verließ sein
Sprechzimmer wie benebelt und schmetterte dabei seine
beharrlichen Appelle zu bleiben ab. Was gab es da noch zu
sagen? Er hatte sehr deutlich zum Ausdruck gebracht, daß er die
Erfahrung, ohne ein Selbst zu sein, als etwas Pathologisches
betrachtete, als eine tiefe Verletzung in der frühen Lebensphase,
und die Prognose dafür war nicht gut. Das war die gleiche
Stimme, die aus meiner Angst sprach - die eiskalte, nachhallende
Stimme von panischer Angst, die in meinem Verstand
zirkulierte und jeden Moment des Friedens und der
Zufriedenheit wie mit einer scharfen Klinge durchtrennte.
Während ich bei Sam in Therapie war, begann ich eine
Beziehung mit einem Mann, den ich in einer der
Arbeitsgemeinschaften an der JFK-Uni kennengelernt hatte.
Es stellte sich heraus, daß er seit Jahren ein guter Freund von
Sam war. Steve und ich fanden im Rahmen des
psychologischen Kontextes zueinander. Wir diskutierten
psychologische Angelegenheiten, theoretische Modelle und
Beziehungsfragen in einer Weise, die zwischen uns eine
Verbindung fürs Leben schuf. Wir stimmten beide darin
überein, daß die intensive Angst, die mein Leben unablässig
durchdrang und die ich ihm regelmäßig schilderte, ein Zeichen
von tieferliegenden psychologischen Problemen war.
Da wir uns beide in der Ausbildung zum
Psychotherapeuten befanden, betrachteten wir alles, was
zwischen uns geschah, aus der psychologischen Perspektive.
Wir analysierten und interpretierten Verhaltensweisen, wir
sprachen regelmäßig über die symbolische Bedeutung von
Dingen, und wir erzählten uns gegenseitig unsere
Familiengeschichten, um die tieferliegenden «Muster» oder
«Probleme» kennenzulernen, die unsere Beziehung beein-
flußten. Genau wie Claude hatte Steve Schwierigkeiten zu
verstehen, was ich damit meinte, wenn ich davon sprach, daß
es für mich kein «Ich » gab. Soweit es ihn betraf, hatte er eine
Beziehung zu einer Frau, die alle Anzeichen aufwies, jemand zu
sein.
In der mysteriösen Entfaltung der Leere entwickelte sich die
Beziehung zu Steve und sollte für ganze neun Jahre
fortbestehen. Daß wir zusammenblieben, hatte keinen
erkennbaren Grund, und die Beziehung selbst brachte für
keinen einzigen Moment einen persönlichen Bezugspunkt
zurück, obwohl der Verstand sich darum bemühte, den äußeren
Anschein zu erwecken, jemand zu sein. Da wir unter dem
Vorzeichen der Angst zueinander gefunden hatten, fühlte sich
der Verstand gezwungen, das Sich-aufein-ander-zu-beziehen als
etwas Persönliches darzustellen, indem er aus der Erinnerung
etwas erschuf, was dem ähnelte, was er sich unter einer «Frau
in einer Beziehung» vorstellte. In all diesen neun Jahren
jedoch gab es zwischen Steve und mir in keinem einzigen
Moment eine persönliche Beziehung, denn es gab kein «Ich»,
mit dem Steve eine Beziehung hätte haben können.

Seit dem Ereignis der Leere des individuellen Selbst im Frühling


1982 bis zum Abbruch meiner Therapie mit Sam hatte ich zehn
Psychotherapeuten konsultiert. Obwohl all die Therapien
nichts anderes bewirkt hatten, als die Ängste zu intensivieren,
war ich immer noch davon überzeugt, daß es keine anderen von
der Gesellschaft akzeptierten Möglichkeiten der Hilfe gab, um
zu verstehen, was geschehen war. Und so suchte ich nach Sam
noch einen weiteren Therapeuten auf.
Lauren Spock war eine klinische Psychologin, Anfang 50,
die in transpersonalen Kreisen ein hohes Ansehen sowohl als
Therapeutin als auch als spirituelle Lehrerin genoß. Nachdem
ich ihr meine Erfahrung beschrieben hatte, gab sie mir den Rat,
niemals in die Leere einzutauchen; es sei einfach zu gefährlich.
Was sie mit
gefährlich meinte, werde ich wohl niemals erfahren, denn kaum
waren diese Worte einmal ausgesprochen, wurde die Angst so
überwältigend, daß es mir unmöglich war, nach einer
Erklärung zu fragen. Sie warnte mich des weiteren davor,
niemals von jemandem den Rat anzunehmen, in die Leere
einzutauchen, denn genau dieser Rat wäre ein Zeichen dafür,
daß die Person keine Ahnung davon hätte. Sie sagte, daß sie
um mich besorgt sei und daß ich bald nicht mehr in der Lage
sein würde zu funktionieren, falls ich so weitermachte wie
bisher.
In den drei Monaten, in denen ich Lauren konsultierte,
wurde meine Angst vor dem, was mit mir passiert war, immer
schlimmer. Während ihres alljährlichen Sommeraufenthaltes in
New York setzten wir unsere Therapie am Telefon fort. Im
Verlaufe unserer dritten Telefonsitzung sagte sie mir, daß ich
zu labil sei und sie über diese Entfernung keine Verantwortung
mehr für mich übernehmen könnte. Sie hatte beschlossen,
unsere Therapie abzubrechen, und gab mir den Namen eines
anderen Therapeuten, der ganz in meiner Nähe lebte. Sie bat
mich, eine Nachricht auf ihrem Anrufbeantworter zu
hinterlassen, ob ich jemand anderen gefunden hätte, mit dem
ich an meinem Problem arbeiten konnte.
Trotz der quälenden Angst wußte die ganze Zeit etwas in
mir, daß Lauren unrecht hatte. Es war das gleiche Etwas,
welches zugleich wußte, daß alle Therapeuten, die sich mit der
Stimme der Angst verbunden hatten, falsch lagen. Es schien
töricht, einen weiteren Therapeuten aufzusuchen, der
wahrscheinlich der gleichen Meinung war, also versuchte ich
einen neuen Weg. Ich fand eine traditionelle, psychodynamisch
orientierte Psychologin, eine Frau, die an einigen der örtlichen
Hochschulen lehrte, und begann, bei ihr in Therapie zu gehen.
Der neue Weg bestand darin, daß ich ihr nichts von der
Erfahrung, ohne eine Selbst zu sein, erzählte. Überflüssig zu
erwähnen, daß die Therapie fruchtlos war. Sie wußte zu keiner
Zeit, was mich in Wirklichkeit beschäftigte, und ich hatte
kein Vertrauen in sie, daß sie meine Erfahrung auch aus einer
anderen als nur der pathologischen Perspektive sehen könnte. Für
ein volles Jahr lang machte ich bei ihr Therapie, wobei ich mit
ihr über die Hochschule, Beziehungen und psychologische
Theorien sprach. Als es schließlich deutlich wurde, daß ich ihr
niemals meine wirklichen Sorgen erzählen würde, brach ich die
Therapie ab.
Mehrere Monate später versuchte ich einen Therapeuten,
den mir eine Freundin empfohlen hatte. Sie war seit Jahren bei
David Kaye in Behandlung und vertraute ihm absolut. Er
nahm kein Blatt vor den Mund, war sehr offen und
konfrontierend. David kam nach einem Monat zu der
Schlußfolgerung, daß ich auf keinen Fall Therapeut werden
sollte, solange ich nicht wisse, wer ich sei. Seiner Meinung nach
bedeutete die Erfahrung der Leere, daß ich eine psychotische
Erfahrung durchmachte und zweimal pro Woche zur Therapie
kommen sollte, um «all die Schmerzen aufzuarbeiten, die ich
verdrängte». Wenige Minuten, nachdem unsere sechste
Therapiesitzung begonnen hatte, teilte David mir mit, daß er
das Gefühl hätte, niemals genug für mich tun zu können.
Daraufhin stand ich auf, erklärte ihm, daß die Therapie für
mich zu Ende sei, und ging.
Mein letzter Versuch mit einer Psychotherapie endete bereits
vor der ersten Sitzung. Ich hatte nach einem Therapeuten
gesucht, der eigene, persönliche Erfahrungen mit einer
Depersona-lisation gemacht hatte. Mir schien, wenn ich
weiterhin im Bereich der Psychologie suchte, sollte ich auch die
Erfahrung bei seinem klinischen Namen nennen und hoffen,
daß es jemand erkennen würde. Man verwies mich an eine Frau,
die mir jedoch eröffnete, daß sie völlig ausgebucht sei und mich
daher nicht annehmen könne. Sie fragte mich, ob sie mir die
Namen von anderen Therapeuten geben sollte, an die ich mich
wenden könnte.
«Nein, vielen Dank», sagte ich, «ich glaube nicht. Ich
habe das Gefühl, daß mir sowieso niemand helfen kann.»
«Was für ein schreckliches Gefühl», erwiderte sie.
«Tja, mir scheint, daß nach all den Jahren der Therapie,
nachdem ich zwölf verschiedene Therapeuten aufgesucht habe,
mir entweder absolut nicht mehr zu helfen ist oder ich die ganze
Therapie vielleicht an den Nagel hängen sollte.»

«Rufen Sie mich an, wenn Sie Ihre Meinung ändern», sagte sie.
«Vielleicht habe ich in ein paar Monaten einen freien
Platz.»Nachdem ich die Therapie bei Sam beendet hatte,
befand ich mich bereits im zweiten Jahr meines
Promotionsprogrammes in Psychologie. Im Herbst 1987, nach
meinem Jahr an der JFK-Uni, wechselte ich zum Wright
Institute, denn ich wollte meinen Doktortitel anstatt des
Magisters machen. Alle folgenden Therapieerfahrungen machte
ich während meines Abschlußexamens.
Das Wright Institute bot ein traditionelles,
psychodynamisch ausgerichtetes Psychologieprogramm, und der
überwiegende Teil des Lehrkörpers und der Doktorväter an
dieser Anstalt hatten eine rigoros analytische, theoretische
Ausrichtung. Meine Ausbildung zielte darauf ab, eine
Psychotherapie entsprechend des Freudschen Modells «leere
Leinwand» zu praktizieren, wobei der Therapeut so wenig wie
möglich sagt und gleichzeitig versucht, brillante, analytische
Interventionen aufzuzeigen, die das Leben seines Patienten auf
dramatische Weise verändern sollen.
Man ermutigte uns, «in der Übertragung zu arbeiten» und
«unsere Aufmerksamkeit auf die Gegenübertragung zu
richten», um dieses Material im therapeutischen Prozeß zu
benutzen, denn alles in der Therapie «geschieht in der
Beziehung» zwischen dem Patienten und dem Therapeuten.
Wiederholt warnte man uns davor, jemals «den Patienten
zufriedenzustellen», was alles mögliche einzuschließen schien,
wie ihm nicht unser Alter zu sagen oder wie wir uns fühlten,
falls man uns danach fragen sollte, oder ihnen nach einer
besonders schweren Sitzung lediglich die Hand
zu schütteln, selbst beim Abschluß einer Therapie nach
vielen Jahren.
Die analytische Einstellung fühlte sich an wie eine
Zwangsjacke, und es war schwer zu verstehen, wie das für den
Patienten hilfreich sein konnte, denn dessen Bild von sich selbst
war in vielen Fällen nachher schlechter als vor Beginn der
Therapie. Ich jedenfalls übernahm Patienten gegenüber, mit
denen ich über das Wright Institute in Kontakt kam, niemals
diese Einstellung, obwohl ich das meinen Doktorvätern
gegenüber selbstverständlich nie erwähnte. Ich konnte einfach
die natürlichen, menschlichen Gesten meiner Klienten nicht
zurückweisen oder diese Gesten auf sie selbst zurückwerfen oder
gar ihre Fragen mit Schweigen beantworten.
Die analytische Einstellung geht davon aus, daß positive
Gefühle des Patienten dem Therapeuten gegenüber eine
Übertragung bedeuten und diese aufgearbeitet werden müssen.
Genauso bedeuteten negative Gefühle gegenüber dem
Therapeuten eine Übertragung und müssen daher ebenfalls
aufgearbeitet werden. Entwickelt der Therapeut dem Patienten
gegenüber Gefühle, dann wird das entweder als
Gegenübertragung oder projizierende Identifikation bezeichnet,
ein Abwehrmechanismus, durch den der Patient unterdrückte
Gefühle auf den Therapeuten projiziert und sie ihn fühlen läßt,
anstatt sie selber zu erleben.
Mir war es immer unbegreiflich, warum man einer Person
eine Menge Geld bezahlen sollte, die einem so wenig sagt, die
sich weigert, auch nur die einfachsten Fragen zu beantworten,
die irgendwelche Handlungen versteckte, negative Motive
unterstellt (« Die Tatsache, daß Sie zwei Minuten zu spät zur
Therapie erscheinen, bedeutet, daß Sie sich der Behandlung
widersetzen») und die seine Erfahrungen pathologisiert, indem
sie alles, was man tut, als Zeichen eines tieferen,
unterschwelligen Problems hinstellt. Die traditionelle
Psychotherapie scheint auf der ursprünglichen Angst vor
dem Mysterium zu beruhen, und diese Angst scheint dahin zu
tendieren, alle Manifestierungen des Bewußtseins, die nicht die
kulturelle Norm erfüllen, zu reduzieren, zu interpretieren oder zu
pathologisieren.
Auch wenn mir sehr bewußt ist, daß nicht alle Therapeuten
auf diese Weise arbeiten, war dies das Modell, an dem sich
meine Ausbildung orientierte. Ähnlich erschreckend war es zu
erleben, wie analytisch orientierte Psychotherapeuten
untereinander über ihre Patienten sprachen. Selten vernahm ich
ein Wort des Mitgefühls, der Sympathie oder gar eines
menschlichen Verständnisses. Statt dessen bekam jeder Patient
ein ihrer Diagnose entsprechendes Etikett. «Sie können sich gar
nicht vorstellen, was mein Borderline Patient gestern gemacht
hat.» Oder: «Der Zwanghafte, der um zehn Uhr kommt, treibt
mich zum Wahnsinn.»
Gegen Ende meiner Ausbildung wurde mir klar, daß ich an
der falschen Stelle suchte, um die Erfahrung, ohne ein Selbst zu
sein, zu verstehen. Um es in der Sprache der Psychologie
auszudrücken, war nämlich diese Erfahrung etwas, von dem ich
geheilt werden mußte. Der Begriff «Heilung» beinhaltet, etwas
zu eliminieren, anzuhalten oder zu verändern, was man - oder
noch wichtiger der Therapeut — nicht als angemessen
akzeptieren kann. Offensichtlich war es völlig ausgeschlossen,
daß die Erfahrung einer individuellen Identität wiederkehren
würde, und es wurde auf erschreckende Weise deutlich, daß der
Bereich der Psychologie nicht die geringste Ahnung davon
hatte, was hier vor sich ging. Trotzdem beendete ich mein
Doktorat und erhielt meine Zulassung als Psychologin, denn es
war offensichtlich das Naheliegendste, was es zu tun gab. Ich
hätte nicht erklären können, warum ich es tat. Ich agierte niemals
auf der Basis von Gründen, die vom Verstand produziert wurden.
Selbstverständlich erzeugte die Angst weiterhin ihre eigene
Logik, die besagte, daß ich eine Karriere als Psychologin
einschla-
gen sollte, denn schließlich hatte ich die Rolle zu übernehmen,
je-
mand zu sein. Zu wissen, daß man niemand ist, paßt nicht in
un-
er kulturelles Bild. Leere ist in dieser Welt kein akzeptierbares
Ziel. Etliche Jahre später brachte mich mein Bruder immer
noch
zum Lachen, wenn er erklärte, daß ich die einzige in der Familie
war, die «etwas aus sich gemacht
hatte». Der Verstand hattesich
anscheinend mit Erfolg darum
bemüht, mich als eine Person wiealle
anderen auch erscheinen zu lassen.
Die Leere als die Weite erkennen

Für den Hörenden, der im Schnee horcht


Und, er selbst ein Nichts,
Erblickt das Nichts,
Das nicht vorhanden ist
Und das Nichts, das vorhanden ist.
WALLACH STEVEN

Ein Jahrzehnt war vergangen, seit sich der persönliche


Bezugspunkt aufgelöst hatte, ein Jahrzehnt der Suche nach dem
Verständnis, während die Angst an mir nagte. Egal wieviel
Angst auch hochkam, die Leere schwankte für keinen
Moment. Ich hatte diejenigen aufgesucht, die als die Weisen in
unserer Kultur galten, diese gebildeten Seelen, deren Intellekt
durch strenge akademische Ausbildung weiterentwickelt worden
war. Diese «Lehrer des postmodernen Zeitalters»,
Psychotherapeuten genannt, hatten ihr Bestes gegeben, um mir
ein Verstehen meiner Erfahrung, wie ich sie ihnen beschrieben
hatte, zu vermitteln. Sie hatten versucht, erklärende Worte für
etwas zu finden, das sie selbst nicht verstanden.
Alle Therapeuten, mit denen ich gesprochen hatte, waren,
auch wenn sie die besten Absichten hatten, von den Mauern ihrer
Vorstellungen über die Interpretationen des Lebens umgeben und
unfähig, die Möglichkeit zu erwägen, daß die Realität auf
unterschiedlichste Weise erfahren werden konnte. Das Fazit
davon war: •Jiemand war bereit zuzugeben, daß er keine
Ahnung hatte.
Im Frühjahr 1992, ein Jahr nach meinem
Hochschulabschluß, begann ich nach einer spirituellen
Perspektive für die Leere des persönlichen Selbst Ausschau zu
halten. Ich fing an, Bücher zu verschlingen und endlos
Buchläden zu durchforsten auf der Suche nach etwas, das ein
wenig Licht auf meine Erfahrung werfen konnte. Diese Mühen
brachten eine reiche Ernte, als ich den Buddhismus entdeckte.
Ganze Bände waren über Anatttt (NichtSelbst) und Shunyata.
(Leere) verfaßt worden. Seiten über Seiten hatte man der
Beschreibung, Diskussion und Untersuchung der Erfahrung
gewidmet, mit der ich seit zehn Jahren gelebt hatte.
Ich las alles, was ich finden konnte. Es war verblüffend,
daß ich niemals zuvor etwas von diesem Material entdeckt
hatte. Ganz besonders war ich von der folgenden Passage vom
Dalai Lama beeindruckt: «Selbst-losigkeit (Nicht-Selbst) hat
nichts damit zu tun, daß etwas, was in der Vergangenheit
existierte, aufhört zu existieren. Vielmehr hat ein solches
<Selbst) niemals existiert.» Ich stellte fest, daß man in
buddhistischen Kreisen weder Verwirrung noch Entsetzen
auslöste, wenn man das Nicht-Selbst beschreibt. Mein Eindruck
war eher, daß meine Erfahrung nicht nur als etwas Positives
erachtet wurde, sondern daß sie als das Ziel eines jeden galt,
der sich auf den buddhistischen Weg machte. Ganz besonders
half mir der Buddhismus, einen bestimmten Aspekt meiner
Erfahrung zu verstehen: Obwohl die persönliche Identität
abgefallen war, blieben alle persönlichen Funktionen auch
weiterhin völlig intakt. Allerdings schwebten diese Funktionen
nun in einer Weite umher, die sich auf niemanden bezog.
Man machte noch immer die gleichen Erfahrungen, doch es
gab kein «Ich» mehr, dem sie geschahen. In gleicher Weise
erschienen auch alle angemessenen Reaktionen, die aus sich
selbst heraus aufstiegen und in sich selbst wieder absanken. Alles
erschien und verging auf der großen Leinwand des
Unendlichen - Interaktionen, Emotionen, Gespräche,
Handlungen jeglicher Art.

Ohne ein individuelles Selbst, welches die Handlungen und das


Sprechen lenkte, eröffnete dies Konzept der Hilfe eine völlig
neue Dimension. Es wurde nunmehr deutlich, daß hinter den
Handlungen und dem Sprechen nicht mehr irgendeine
persönliche Absicht stand, sie geschahen nun entsprechend den
Bedürfnissen und Anforderungen der augenblicklichen
Situation. Es gab keine persönlichen Funktionen mehr, und
doch funktionierte alles völlig unbeeinträchtigt weiter - eine
gleichzeitige Präsenz von Funktion und Nicht-Funktion,
Existenz und NichtExistenz.
Die buddhistischen Texte erklären das folgendermaßen: Im
Zustand der Selbst-losigkeit verbleiben nur leere Funktionen
(entleert von aller individuellen Persönlichkeit), die als
Skandhas oder «Anhäufungen» bezeichnet werden. Was dann
spricht, ist die Funktion des Sprechens, was denkt, ist die
Funktion des Denkens, was bemuttert, ist die Funktion des
Bemutterns, was fühlt, ist die Funktion des Fühlens usw. Diese
Funktionen erfüllen die Aufgabe, in der Welt zu leben, und sind
völlig frei von einem individuellen Selbst.
Die fünf Skandhas werden allgemein als Form bezeichnet:
Gefühle und Sinneseindrücke, Wahrnehmungen, mentale
Formationen und Bewußtsein. Alle Erfahrungen, die mit dem
Gefühl eines Selbst assoziiert werden, können laut den
buddhistischen Texten als diese fünf Skandhas analysiert
werden. Weder innerhalb dieser Funktionen noch über sie
hinausgehend gibt es ein fortdauerndes Selbst. Diese fünf
«Anhäufungen» bilden in keiner Weise ein Selbst, vielmehr
erschaffen ihre Interaktionen eher die Illusion davon.
Die schlimmste Angst, die es für den Menschen gibt, ist die
Angst, ausgelöscht zu werden. Was passiert also, wenn die
Auslöschung geschieht und doch noch etwas übrig bleibt? Die
Buddhisten sagen, daß wir dann die Wahrheit gefunden
haben. Die
Skandhas bleiben übrig, doch die Wahrheit über sie (daß sie
leer sind) kommt zum Vorschein. Genau das war meine direkte
Erfahrung. Doch warum hatte niemals jemand erwähnt, wie
bizarr und beängstigend dieser «Schritt in die Wahrheit» sein
kann? Ich hatte immer noch keine Niederschriften gefunden,
die die Übergangsperiode oder die Anpassung beschrieben,
wenn das Selbst-Bewußtsein sich plötzlich auflöst. Vielleicht
war es ungewöhnlich, daß die Erfahrung auf solch
dramatische und abrupte Weise geschah. Vielleicht hatten
andere einen sanfteren Übergang in die Leere erlebt und daher
nicht die gleichen extremen Ängste wie ich erfahren. Es schien
jedoch höchst unwahrscheinlich, daß eine wirkliche
Begegnung mit der Leere nicht zumindest einen Anflug von
Angst mit sich bringen würde. Die Realität des Unendlichen
muß zwangsläufig für die dürftige Illusion von einem
begrenzten Selbst sehr beängstigend sein. Wie könnte es anders
sein? Und warum hatte niemand darüber gesprochen?
Eine genauere Untersuchung der Sprache und der
Annahmen der neuzeitlichen Spiritualität bieten einige
mögliche Antworten auf diese Fragen. Es gibt weitverbreitete,
unangezweifelte Ansichten in spirituellen Kreisen darüber, was
eine wahre spirituelle Erfahrung ausmacht — Ansichten, die
hauptsächlich deshalb unbestritten sind, weil sie ein
geschlossenes System darstellen. Stellt man ihre Gültigkeit in
Frage, dann deutet dieses System an, daß man nicht die
wirkliche Erfahrung erlebt und somit keine Basis hat, um sie in
Frage zu stellen.
Angstlosigkeit wird als ein Zeichen wahren spirituellen
Erwachens bezeichnet. Zusammen mit grenzenloser Liebe,
Glückseligkeit, Freude und Ekstase wird die Angstlosigkeit als
das unumstrittene Merkmal eines erleuchteten Lebens
betrachtet. Die Menschen haben immer nach Dingen Ausschau
gehalten, an denen sie sich orientieren können, Hinweise, die
die Richtung angeben und ihnen anzeigen, wenn sie ihr Ziel
erreicht haben. Die

Interpretationen spiritueller Erfahrungen haben sich immer an


diesem Bedürfnis nach Wegweisern orientiert und sie bestimmt
und dadurch ihre Gültigkeit verloren.
Wir sind völlig davon überzeugt, daß das Vorhandensein
bestimmter Gedanken, Gefühle oder Verhaltensweisen die
einzige Möglichkeit bietet, um ohne Zweifel feststellen zu
können, ob jemand erleuchtet ist oder nicht. Die Checkliste der
Merkmale einer Erleuchtung ist recht lang und sehr komplex.
Ist dies wirklich Liebe?, so fragen wir uns in der Präsenz eines
angeblich Erleuchteten. Ist es wirklich Glückseligkeit?
Tauchen bei ihnen immer noch Gedanken auf?, wollen wir
wissen. Denn wir haben davon gehört, daß ein Verstand, der frei
von Gedanken ist, gewiß ein Zeichen von spirituellem
Fortschritt ist. Und was ist das? Ist da etwa immer noch Angst?
Das Vorhandensein von Angst beweist, daß man keine wirkliche
spirituelle Erfahrung gemacht hat. In Wirklichkeit bedeutet das
Vorhandensein von Angst lediglich, daß Angst vorhanden ist
und nichts weiter.
In dieser Zeit rief mich ein alter Freund aus meiner TM-Zeit
an, und ich sprach mit ihm über meine Erfahrung. Er erinnerte
mich an etwas, das Maharishi Mahesh Yogi vor langer Zeit
einmal gesagt hatte. Offenbar hatte der Maharishi sehr deutlich
gemacht, daß das Kosmische Bewußtsein (die erste Stufe des
Erwachens) eine schreckliche Erfahrung sei und daß die
Präsenz des Gurus unabdingbar sei, um der Person dabei zu
helfen, die Phase des Beobachter-Gewahrseins möglichst
schnell zu durchlaufen. Ohne einen Guru, hatte der Maharishi
behauptet, könnte die Person sich für immer in Verwirrung und
Angst verlieren. Der Guru vermittele niemandem die
eigentliche Erfahrung der Erleuchtung, sagte er, sondern
bestätige eine solche Erfahrung mit den Worten: «Jawohl, das ist
es!»
Mein Freund erinnerte mich auch daran, daß der Maharishi ias
gleiche über das Gottes-Bewußtsein gesagt hatte - nicht, daß

es eine solche beunruhigende Erfahrung sei wie das Kosmische


Bewußtsein, daß jedoch der Guru nötig sei, um den Zustand als
solchen zu bestätigen, so daß sich die nächste Phase des
Bewußtseins offenbaren konnte.

Eines der Bücher, das ich bei meinem Studium der spirituellen
Literatur entdeckt hatte, war eine Zusammenstellung von
Interviews mit verschiedenen zeitgenössischen spirituellen
Lehrern mit dem Titel: Timeless Vision, Healing Voices.
(Zeitlose Visionen, Heilende Stimmen, Anm. d. Übers.) Das
Buch war von Stephan Bodian verfaßt worden, einem
Therapeuten in Marin County, der auch ein sehr bekanntes
spirituelles Magazin herausgab. Besonders eines der
Interviews mit einem Lehrer namens Jean Klein schien meine
Erfahrung präzise zu beschreiben, und ich verabredete mich mit
Stephan zu einem Gespräch, wenn auch nicht ohne eine
gewisse Beklommenheit nach all den Erfahrungen, die ich mit
Therapeuten bislang gemacht hatte.
Stephan hatte eine gelassene, ruhige Präsenz, und ich fand
es verblüffend einfach, mit ihm zu reden. Ich beschrieb die
Erfahrung der Leere, so gut ich konnte, und erwähnte auch die
extremen Ängste und Sorgen. Er stellte mir einige klärende
Fragen und sagte dann etwas, was ich niemals von einem
Psychotherapeuten erwartet hätte: «Du hast offenbar ein
tiefgehendes spirituelles Erwachen erfahren. Dies scheint der
Zustand von Freiheit zu sein, der von allen spirituellen
Traditionen, besonders von der Advaita-Lehre (nicht-
dualistisch), beschrieben wird. Das ist phantastisch !»
Auf meine Frage, warum ich denn so schreckliche Ängste
erlebte, antwortete er, daß er es auch nicht wüßte, doch er
empfahl mir, seinen Lehrer Jean Klein aufzusuchen, der in der
kommenden Woche in Berkeley erwartet wurde, um einige
Vorträge zu halten. Er erklärte mir, daß Jean in der Tradition
von Ramana Ma-

harshi und anderer großer Advaita-Meister lehrte, wonach das


individuelle Selbst lediglich eine Konstruktion des Verstandes,
das wahre Selbst jedoch ein unpersönliches, alles-
einschließendes Gewahrsein ist.
Zehn Tage später saß ich mit ungefähr sechzig weiteren
Leuten in einem Gemeindehaus in Nord-Berkeley, um Jean
Klein zu treffen. Er betrat den Saal durch einen Seiteneingang
und ging langsam auf seinen Stuhl im vorderen Teil des Raumes
zu. Er war ein älterer, zerbrechlich wirkender, schlanker Mann
mit einem gütigen Gesicht und strahlenden Augen. Er setzte
sich, schloß seine Augen, und alle verfielen in eine schweigende
Meditation. Er verharrte mindestens fünfzehn Minuten in dieser
Stille, dann öffnete er langsam seine Augen und begann zu
sprechen. Er sprach mit einem starken Akzent, und alle im
Raum lehnten sich leicht nach vorne, um jedes seiner Worte
aufzufangen. Er sprach kurz über die Freiheit im Gewahrsein
und machte seinen Studenten einige Vorschläge hinsichtlich
einer Wahrnehmung ohne Projektionen. Dann bat er seine
Zuhörer um Fragen. Ich stand auf und fragte, ob er mir seine
Ansicht zu einer Erfahrung geben könnte, die ich seit zehn
Jahren erlebte.
«Vor zehn Jahren löste sich mein Gefühl, ein individuelles
Selbst zu haben, völlig unvermittelt auf; es endete, wurde
einfach abgeschaltet. Seitdem hatte ich nie mehr das Gefühl,
daß es ein <Ich> gibt. Ob ich Auto fahre, jetzt diese Worte
spreche oder auf der Straße gehe, niemals gibt es die Erfahrung
von einer Person, die all diese Dinge tut. Es gibt keine Person
mehr.»
«Willst du damit sagen, daß es keine Erfahrung von einem
<Ich> gibt?» fragte Jean.
«Völlig richtig», antwortete ich, «es gibt kein <Ich>. Es hat
mal eines gegeben, aber es existiert nicht mehr.»
«Das ist phantastisch», antwortete Jean. «Ausgezeichnet.»
«Aber Jean, warum ist dabei soviel Angst und keine
Freude?»

«Du mußt den Teil des Vetstandes zum Stillstand btingen, der
ununterbrochen versucht, zu dieser vergangenen Erfahrung
zurückzukehren», erwiderte er. «Räume den Teil aus dem Weg,
und die Freude wird kommen.»
Niemand sonst im Raum konnte auch nur andeutungsweise
erfassen, wie treffend seine Worte waren. Es gibt also einen Teil
im Verstand, den man vielleicht als die selbstreflektierende oder
selbstbeobachtende Funktion bezeichnen kann, der immer
wieder zurückschaute, und dann, wenn er nichts als Leere fand,
die Nachricht aussendete, daß etwas nicht stimmte. Es war ein
Reflex, der sich über die Jahre eines Lebens in der Illusion von
einer Individualität entwickelt hatte, ein Reflex, den wir
allgemein als notwendig erachten, um uns selbst zu erkennen.
Immer wieder «schauen wir nach innen», um festzustellen, was
wir denken und fühlen, um uns selbst zu studieren und den
Zustand unseres Verstandes und unseres Herzens zu ermitteln.
Seitdem es nun kein «innen » mehr gab, «in » das man schauen
konnte, war der selbstreflektierende Reflex aus den Angeln
gehoben worden, obwohl er weiterhin nicht lockerließ. Er
wendete sich immer wieder nach innen, unfähig, sich auf die
Tatsache einzustellen, daß es kein «innen» mehr gab, nur noch
Leere. Was Jean mir an dem Abend vermittelte, war äußerst
wichtig, und ich bin ihm auf ewig dafür dankbar.
Nach der Gesprächsrunde ließ mir Jean durch einen seiner
Studenten eine Einladung zukommen, ihn in der
darauffolgenden Woche privat zu treffen. Ich fuhr nach Marin
County, und wir trafen uns im Garten seines Hauses. Er
begrüßte mich, als ich auf ihn zutrat, und deutete mir an,
neben ihm Platz zu nehmen. Dann bat er mich, ihm die
vollständige Geschichte von der Veränderung des Bewußtseins
zu erzählen. Er hörte mir aufmerksam und mit einem sanften
Lächeln zu und nickte ab und zu mit seinem Kopf, während ich
berichtete. Zum Schluß machte er noch
einige Bemerkungen darüber, wie rein und frisch meine
Wahrnehmung wäre und der Unmittelbarkeit dessen
entspränge, was
ist.
Unser Gespräch dauerte ungefähr 45 Minuten, dann
erkundigte er sich nach meiner Gesundheit. Ich sagte ihm, daß
meine Gesundheit ausgezeichnet sei, worüber er offensichtlich
froh war. Wir saßen noch weitere fünfzehn Minuten
schweigend beieinander, bevor ich mich zum Gehen erhob. Er
schüttelte mir die Hand und sagte, wie glücklich er sei zu
wissen, daß ich im «Wissen» lebte.
Nach dem Treffen mit Jean begann ich andere spirituelle
Lehrer zu kontaktieren, die in ihren Büchern oder Artikeln die
Leere des persönlichen Selbst beschrieben hatten. Ich schrieb
einige der bekanntesten buddhistischen und hinduistischen
Lehrer an, beschrieb ihnen detailliert meine Erfahrung und bat
sie um ihren Kommentar. Von allen erhielt ich wunderschöne,
interessante Briefe voller Lob und Begeisterung. Jeder von
ihnen machte auf eine eigene Weise klar, daß mein Erlebnis
etwas Wunderbares sei. Jeder einzelne Brief bestätigte die
Erfahrung als die Realisierung der wahren Natur der gesamten
Schöpfung.
Jeder der Briefe, die ich las, brachte mir eine unglaubliche
Erleichterung, obwohl die Erfahrung selbst immer noch
keine Freude erzeugte. Die Angst blieb auch weiterhin. Wie
konnte das nur sein? Ich korrespondierte und traf mich mit
mehreren Lehrern und bat sie um ihre Antwort auf die eine
zentrale Frage: «Wenn das, was ich erlebe, ein wirkliches
Erwachen bedeutet - wo bleibt dann die Freude, und warum
kommt immer noch soviel igst hoch?»
Christopher Titmuss, ein englischer Lehrer für buddhistische
/ipassana-Meditation, sagte zu mir, wie wichtig es sei, die
Sub-stanzlosigkeit des «Ich» zu erkennen. Bezug nehmend auf
meine igst, daß die Erfahrung bedeutete, ich wäre wahnsinnig,
schrieb
er mir: «Im spirituellen Sprachgebrauch bedeutet Wahnsinn die
Abwesenheit solcher Erfahrungen, wie du sie erlebst, denn diese
Abwesenheit überläßt der < Ich, Ich, Ich >-Kultur die absolute
Autorität. Der Wahnsinn dieser Überzeugung in unserer Kultur
hat persönliche, soziale und globale Konsequenzen.»
Des weiteren sagte er, daß der Grund für die Abwesenheit
jeglicher Freude oder tiefster Wertschätzung der Erfahrung
darin zu suchen sei, daß ich sie nicht wirklich verstehe. «Wie
könntest du auch?» schrieb er. «Du hast bislang keine
Anhaltspunkte für ein solches Geschehen. Wie kann das <Ich>
das < Nicht-Ich > verstehen?» Er empfahl mir, jemanden in
meiner Nähe aufzusuchen, der meiner Meinung nach «deine
Erfahrungen versteht, solche Erfahrungen selbst erlebt hat,
und der den Wert und die Freude der Erkenntnis der Leere des
<Ich> zu schätzen weiß.»
Während Christopher im Sommer in Nordkalifornien ein
Seminar gab, trafen wir uns zu weiteren Diskussionen. Er
erklärte mir, daß eine stille Akzeptanz der Erfahrung
unweigerlich zu einer Beruhigung der Gedanken und Gefühle,
die die Angst erzeugten, führen würde.
«Was du brauchst, ist Bestätigung», sagte er. Ich spürte
die tiefe Integrität, die aus seinen Worten sprach. «Die
Bestätigung wird die Angst abklingen lassen, und dadurch wird
sich die unendliche Fülle der Erfahrung eröffnen und auch eine
Vertiefung der Einsicht.»
Er fuhr fort: «Wenn jemand zu mir kommt und berichtet, daß er
die Leere verwirklicht hat, dann antworte ich normalerweise: <
Komm nach einem Jahr und einem Tag wieder zurück und laß
uns dann sehen, wo du stehst.) Wenn er dann immer noch das
gleiche zu mir sagt und sein Leben zutiefst davon beeinflußt
worden ist, dann sage ich: <Jawohl, das ist es.»> « Sind zwölf
Jahre genug?» fragte ich. «Ich würde sagen, du bist völlig
ausreichend qualifiziert - so-
gar überqualifiziert», erwiderte er, und wir lachten beide aus
vollem Herzen.
Was mir offenbar während der zwölf Jahre langen Reise
gefehlt hatte, war ohne Frage eine stille Akzeptanz. Zwölf Jahre
lang hatte ich keine Bestätigung bekommen, war völlig auf mich
selbst gestellt. Der Verstand wußte einfach nicht, was er damit
anfangen sollte, und er suchte ständig nach einem Sinn und
einem Verständnis der Ereignisse. Es dauerte fast elf Jahre, um
letztendlich zu akzeptieren, daß der Verstand ganz einfach nur
unfähig war, das Ausmaß der Erfahrung, ohne ein persönliches
Selbst zu sein, zu erfassen. Diese Akzeptanz ebnete dem
Verstand den Weg, um annehmen zu können, daß eine
unfaßbare Erfahrung nichts weiter ist als eine unfaßbare
Erfahrung. Sie ist weder falsch noch verrückt - sie ist lediglich
unfaßbar.
«Laß uns in mein Büro gehen, wir können dort weiterreden»,
sagte Reb Anderson, der Abt des Green Gulch Zen Centers,
welches nicht weit nördlich der Golden Gate Bridge an der
Küste lag. Ich folgte ihm auf dem steilen Steinpfad den Berg
hinauf, vorbei an dem kleinen, hölzernen Gebäude, das als Büro
und Buchladen der Zen-Gemeinde diente. Wir traten hinaus
auf eine große Wiese, auf der riesige Eukalyptusbäume standen
und bunte Blumenbeete eingestreut waren. Wir setzten uns auf
eine niedrige, hölzerne Bank, die vom Licht der Herbstsonne
überflutet war. «Ein schönes Büro», bemerkte ich. Er lächelte
und fixierte mich dann mit seinem direkten, intensiven Blick.
Ich erzählte ihm meine Geschichte und bat ihn um seine
Meinung darüber, warum ich absolut keine Freude an dieser
Erfahrung finden konnte.
« Die Erfahrung der Leere des Selbst ist in sich selbst
Glückseligkeit, doch es ist nicht die gleiche wie die relative
Glückseligkeit. Für mich ist ganz eindeutig, daß du genau in
diesem Moment völlig in der Glückseligkeit bist.»
Er erklärte weiter, daß der relative Mechanismus der
Skandhas
nicht die Glückseligkeit der Leere wahrnehmen könne und es
somit durchaus verständlich sei, daß die Glückseligkeit, die
auftrat, sehr schwer als solche zu erkennen sei. Rebs Beschreibung
lockerte eine gewisse Verhärtung in der Interpretation des
Verstandes über dieses Ereignis.
Jack Kornfield, Vipassana-Lehrer und Mitbegründer des
Spirit Rock Meditation Center im Marin County, sowie Ram
Dass, ein sehr bekannter Autor, Redner und Schüler von Neem
Karoli Baba schickten mir ebenfalls hilfreiche und ermutigende
Worte. Beide gaben ihr Bestes, um mir Bestätigung und
Begleitung auf dem Weg zu bieten. Sie erinnerten mich daran,
daß es Jahre dauert, bis man sich an eine solch tiefgehende
Veränderung im Bewußtsein gewöhnt hat und sie integrieren
kann. Während eines Telefongesprächs sagte Jack zu mir:
«Dies ist eine wunderbare Erfahrung. Da ist absolut nichts, vor
dem man Angst haben müßte ... Im Osten benutzt man das
Wort Akinchina, um eine Person zu beschreiben, die völlig
erwacht ist. Übersetzt bedeutet das: Jemand, der nichts hat, sich
nichts wünscht, keine Bestätigung braucht und zu nichts
wird.»
Ram Dass äußerte: « Du hast das Ganze außerordentlich
gut gemeistert und warst fähig, ein Leben mit Familie und Beruf
aufzubauen und durchzuhalten. Das zeugt von enormer Kraft.»
Er fügte hinzu, daß wir «das Nicht-Selbst mit dem Maharaji
teilen» und daß es einen großen Wunsch für die Tibeter gibt,
den man zur Ehre des Gurus ausspricht: «Möge dein weiser
Verstand und der meinige untrennbar bleiben. Der weise
Verstand», sagte Ram Dass, «ist der Ort des Nicht-Selbst.»
Hameed Ali (A. H. Almaas), ein spirituell ausgerichteter
Psychologe, antwortete folgendermaßen auf meinen Brief: «Ich
erkenne deine Erfahrung als etwas Wahres, als ein spirituelles
Erwachen. Es ist auf keinen Fall etwas Pathologisches, und es
ist sehr bezeichnend, daß viele Leute es nicht verstehen können.
Ich hatte
ähnliche Erwachenserfahrungen als Teil eines fortlaufenden
Prozesses, und daher ist mir deine Beschreibung vertraut.
Die Art und Weise, wie es bei dir geschehen ist,
unterscheidet sich von meinem Prozeß des Erwachens und
davon, was ich in meiner Arbeit lehre. Die Tatsache, daß deine
Erfahrung Stufen und Entwicklungen durchläuft, ist ebenfalls
real und entspricht dem Prozeß des Erwachens, wie er vielen
anderen Individuen widerfahren ist. Ich glaube, daß dich deine
Kindheitserlebnisse darauf vorbereitet haben, und die
Meditationskurse, an denen du teilgenommen hast, haben
ebenfalls dazu beigetragen. Die Angst und der Terror, von
denen du berichtest, sind unter den gegebenen Umständen
völlig normal, und es erfordert ein tiefes Verständnis, um das zu
durchschauen und darüber hinauszugehen. Du scheinst auch
ohne die Führung eines Lehrers sehr gut damit
zurechtgekommen zu sein.»
Doch die klarste Bestätigung meiner Erfahrung erhielt ich
von einem spirituellen Lehrer, der nicht mehr am Leben ist. Als
mir Ramana Maharshi in den Dialogen mit seinen Schülern
«begegnete», wußte ich, daß ich meinen spirituellen Lehrer
gefunden hatte. Er beschrieb meine Erfahrung auf solch direkte
und einfache Weise, daß absolut kein Raum mehr für
irgendwelche Zweifel bezüglich meiner Erlebnisse blieb.

RAMANA Nach der Transzendierung von Dehatma Buddhi


(die Überzeugung: Ich-bin-der-Körper) wird man zum
Jnani. Ohne diese Überzeugung kann es weder ein Handeln
noch einen Handelnden geben. Somit führt der Jnani keine
Handlungen aus. Das ist seine Erfahrung.
FRAGE Ich sehe, wie Sie Dinge tun. Wie können Sie dann
behaupten, niemals etwas zu tun?
RAMANA Das Radio singt und spricht, doch wenn Sie es
öffnen, finden Sie niemanden darin. Ganz ähnlich ist meine
Existenz
wie der Raum: Auch wenn dieser Körper wie das Radio
spricht, gibt es im Inneren niemanden, der die Handlungen
vollbringt.
FRAGE Es fällt mir schwer, das zu verstehen. Könnten Sie das
etwas näher erläutern?
R AM AN A Die Töpferscheibe dreht sich weiter, auch wenn der
Töpfer aufgehört hat, sie anzutreiben. Genauso dreht sich
der Ventilator für einige Zeit weiter, nachdem wir den
Strom abgestellt haben. Das vorbestimmte Karma,
welches den Körper erschaffen hat, läßt ihn all die
Aktivitäten vollziehen, für die er bestimmt ist, und der Jnani
durchläuft all diese Aktivitäten ohne das Gefühl, der
Handelnde zu sein - denn er ist nicht der Handelnde. Es ist
sehr schwer zu verstehen, wie das möglich ist, doch der
Jnani weiß darum und hat keine Zweifel ...
Er weiß, daß er nicht der Körper ist, daß er nichts tut,
auch wenn sein Körper bestimmte Aktivitäten ausführt. Diese
Erklärungen sind nur für Außenstehende, die glauben, daß
der Jnani und der Körper eine Einheit sind und nicht anders
können, als ihn mit dem Körper zu identifizieren. FRAGE Es
wird behauptet, daß bei der Verwirklichung der
Schock so groß ist, daß der Körper es nicht überlebt.
RAMANA Wenn jemand im Moment der Verwirklichung des
Selbst seinen Körper verlassen muß, dann frage ich mich, wie
irgendein Wissen vom Selbst oder vom Zustand der
Verwirklichung an andere weitergegeben werden kann ...
Tatsache ist, daß durch den Jnani alle möglichen
Aktivitäten ausgeführt werden und sogar sehr gut
ausgeführt werden können, ohne daß er sich in irgendeiner
Weise damit identifiziert oder sich gar für den
Ausführenden dieser Aktivitäten hält. Irgendeine Kraft
wirkt durch seinen Körper und benutzt ihn, um die Arbeiten
auszuführen.
FRAGE Sie behaupten, daß es für den Jnani keine Unterschiede
gibt, doch mir scheint, daß er sich der Unterschiede stärker
bewußt ist als ein normaler Mensch. Für mich ist Zucker süß
und Wermut bitter, für ihn scheint das genauso zu sein.
Tatsächlich scheint jede Form, jedes Geräusch, jeder
Geschmack etc. auf ihn genauso zu wirken wie auf jeden
anderen auch. Wenn das zutrifft: Wie kann man sie dann
lediglich als Erscheinungen bezeichnen? Sind sie nicht Teil
seiner Lebenserfahrungen?
l A M AN A Wie ich bereits gesagt habe, ist Gleichheit das wahre
Merkmal eines Jnani. Der eigentlich Begriff Gleichheit
impliziert indes das Vorhandensein von Unterschieden. In
all den Unterschieden nimmt der Jnani eine Einheit wahr,
die ich Gleichheit nenne. Gleichheit bedeutet nicht, die
Unterschiede nicht zu erkennen. Wenn Sie verwirklicht
haben, dann erkennen Sie die Unterschiede als etwas sehr
Oberflächliches, sie haben keine Substanz, sie sind nicht
von Dauer. Doch das Essentielle, das all diesen
Erscheinungen inne-wohnt, ist die eine Wahrheit, das Reale.
Das bezeichne ich als die Einheit.

Während ich mehr und mehr von Ramanas Ausführungen las,


stieß ich auf eine interessante Passage. Auf die Frage eines
Schülers, ob es nötig sei, sich mit der Weisheit (Sat-Sanga) zu
verbinden, damit das Selbst verwirklicht werden könne,
antwortete Ramana: «Jawohl, (was nötig ist, ist) die Verbindung
mit dem un-manifestierten Sät oder der absoluten Existenz ... Die
Sastras besagen, daß man dem unmanifestierten Sät für zwölf
Jahre dienen muß (damit verbunden sein muß), um die Selbst-
Verwirklichung zu erreichen... doch da sehr wenige dazu fähig
sind, müssen sie den zweitbesten Weg einschlagen: Die
Verbindung mit dem manifestierten Sät, dem Guru.»
Poonjaji, ein sehr bekannter und respektierter Schüler von Ra-
mana Maharshi, schrieb: «In dem Moment, bevor der Bus ankam
und Du einsteigen wolltest, war da nur die Leere, in der es weder
die Vergangenheit noch die Zukunft gab. Diese Leere gab sich
selbst zu erkennen. Das war das Ergebnis Deiner Verdienste aus
vielen vergangenen Leben. Das ist ein wunderbares Erlebnis. Es
mußte für immer bei Dir bleiben ... Dies ist die vollkommene
Freiheit ... Du bist die Befreiung (Moksha) der verwirklichten
Heiligen geworden.»
Gangaji, eine Lehrerin der Schule von Ramana Maharshi
und Poonjaji, antwortete mir, offenbar begeistert von dem,
was ich ihr beschrieben hatte, folgendes: «Ich war von Deinem
Brief absolut begeistert! Selbstverständlich müssen wir uns
treffen. Ich bin sehr, sehr glücklich darüber, daß Du
unmittelbar erfahren hast, daß Du kein individuelles <Ich>
bist. Die Verwirklichung der innewohnenden Leere - das reine
Bewußtsein - aller Phänomene ist die wirkliche Erfüllung. Im
Angesicht der konditionier-ten Existenz kann anfangs eine
Menge Angst aufkommen, doch letztendlich zeigt sich, daß
auch diese Angst das gleiche leere Bewußtsein ist.»
Andrew Cohen, ein spiritueller Lehrer, der ebenfalls bei
Poonjaji studierte, hat mehrere Bücher über seine Erfahrung, in
das Gewahrsein zu erwachen, daß es kein persönliches Selbst
gibt, geschrieben. Er antwortete mir, daß er mich sehr gerne
treffen möchte, um die Erfahrung, die ich in meinem Brief
beschrieben hatte, zu diskutieren. Wir sprachen mehrere
Stunden über die Leere des persönlichen Selbst. Er machte
deutlich, wie aufregend es sei, in dem Gewahrsein zu leben, daß
es für nichts einen persönlichen Bezugspunkt gibt und auch nie
einen gegeben hat.
Ich schrieb ihm noch einmal und teilte ihm mit, wie
wunderbar unser Gespräch gewesen war und wie das
Gewahrsein, « niemand zu sein, sich selbst als das Gewahrsein
des nicht-lokalisier-
baren Mysteriums enthüllte, welches immer die handelnde
Kraft hinter allen Dingen gewesen war.» Nach meinem
Gespräch mit Andrew begann ich zu erkennen, wie sehr die
Leere des «Ich» von einmaliger Unendlichkeit erfüllt war.
Dieses Gewahrsein sollte sich in den nächsten Monaten noch
vertiefen und sehr stark in den Vordergrund rücken.
Andrew antwortete mir: «Ich bin außerordentlich froh
darüber, daß unser Zusammentreffen eine derart tiefe
Auswirkung auf deinen bereits erwachten Zustand gehabt hat.
Als wir zum ersten Mal miteinander sprachen, hatte ich das
Gefühl, daß Du ein tieferes Verständnis von der Erleuchtung
hattest als dir selber bewußt war. Du bist wahrlich ein seltenes
Individuum, denn in den meisten Fällen, wenn ein Individuum
sich so weit entwickelt hat wie in Deinem Fall (was sehr selten
geschieht), dann bezieht es unbewußt in seiner Erfahrung eine
Position, die es schwierig, wenn nicht gar unmöglich macht,
sich weiterzuentwickeln. Deine Offenheit und Deine
Empfänglichkeit sind ein Zeichen wahrer Demut, welche allein
alles möglich macht.»

Im Sommer 1993 erzählte mir ein Freund von einem


Zenlehrer, bei dem er mehrere Jahre studiert hatte. Der
Dharma, Nachfolger eines bekannten westlichen buddhistischen
Roshi, so hieß es, war ein sehr kompetenter spiritueller Lehrer.
Er lebte ganz in meiner Nähe, wo er einer Gemeinde von
Schülern die Zen-Prak-tiken lehrte und gleichzeitig eine private
Praxis für Psychotherapie unterhielt. Als ich Richard McGuire
zum ersten Mal traf, wußte ich, daß ich einen
verständnisvollen Freund gefunden hatte.
Richard meinte, nachdem er sich meine Geschichte
angehört hatte, daß ich mich anscheinend noch im Winter
meiner Erfahrung befände und daß die Blüte des Frühlings die
Freude mit sich bringen würde, die ich suchte. Sein Gleichnis
der spirituellen Ent-
wicklung in Form von Jahreszeiten war sehr zutreffend und
beruhigte mich. Die Jahreszeiten kommen und gehen
entsprechend ihres eigenen uralten Rhythmus. Sie sind das Werk
des Mysteriums und wurden nicht von einem Individuum
erschaffen. Eine der anderen folgend, entstehen sie in einem
ewigen, zuverlässigen Kreislauf. Der Frühling kommt immer.
Immer. Richard versicherte mir, daß ich im Moment lediglich
eine Jahreszeit der Leere erlebte und darauf vertrauen könnte,
daß ein Wandel gewiß geschehen würde, so sicher wie der
Frühling auch nach dem längsten Winter immer wieder kommt.
Richard war in der Lage, mir einen stichhaltigen Kontext
einer Tradition zu vermitteln, die sehr vertraut mit der Leere
des individuellen Selbst war. Er erzählte mir Zen-Geschichten
und Anekdoten über uralte chinesische Meister und machte mir
klar, daß ich «mit den gleichen Augen sah» wie die Vorfahren.
Als er mir erzählte, daß er noch nie von so einer klassischen
Erfahrung -genau wie in den uralten Texten beschrieben —
gehört hatte, mußte ich lachen und sagte: «Mein Gott, und ich
dachte, es sei tatsächlich Wahnsinn!»
«Auch das ist klassisch», antwortete er.
Richards größtes Geschenk an mich war schließlich das
Wissen, daß der Frühling kommen würde. Und er kam
tatsächlich.
Ein Winter, der zwölf Jahre dauert, ist sehr schwer zu
ertragen. Maharishis Behauptung, daß der Guru nötig ist, um
festzustellen: « Das ist es!» deutet an, wie sehr man, wenn man
alleine ist, von einer Angst überwältigt werden kann, die sich
selbst als die Wahrheit ausgibt. Die scheinbar persönlichen
Aspekte, die auch in der Leere eines persönlichen Selbst
vorhanden bleiben, werden ständig von der Angst beeinflußt.
Sie bleiben bei den Funktionsabläufen hängen wie eine
Schallplatte, bei der die Nadel hängt, wenn einen die Angst mit
einer derart vehementen Wucht überfällt. Wenn sie dabei
hängenbleiben, erstarrt die Erfahrung, wird in
eine Ecke gedrückt, und die Jahreszeiten können ihrem
natürlichen, einfachen Zyklus der Entfaltung nicht folgen.
Ich kam mit der Leere nicht zurecht — Richard nannte das
die «Zen-Krankheit» - und es hatte sich ein teuflischer Kreislauf
entwickelt. Aus Angst vor dem, was geschehen war, hatte ich
mich fast völlig isoliert, was dann nur noch mehr Angst und
noch mehr Isolation erzeugte.
Er sagte mir auch noch, wie ungewöhnlich es sei, daß der
Übergang in die Leere so unvermittelt und so vollständig
geschah. Bei anderen hatte er ein solches Ereignis mehr in
Abschnitten erlebt, mit diskreten Einblicken, die eine Periode
der Gewöhnung erlaubten. Da ein solch plötzlicher Wandel im
Bewußtsein ungewöhnlich und daher eine einsame
Angelegenheit ist, kann er zu immensen Ängsten führen, bis
man «die Erfahrung nachvollziehen» und sie in einen
Zusammenhang setzen kann. Der Verstand muß zu der Einsicht
kommen, daß er die Erfahrung der Leere nicht verstehen kann
- und tatsächlich ist es auch gar nicht nötig. Doch der Verstand
tut sich schwer mit unfaßbaren Erfahrungen und tendiert dazu,
sie zu pathologisieren, weil er sie ganz einfach nicht verstehen
kann. Da der Verstand unfähig war, das zu verstehen, sendete er
die Botschaft aus, daß solche Erfahrungen schlecht oder der
reine Wahnsinn sind.
Wiederholt fragte ich Richard, warum die Angst immer
noch existiere. Er schloß sich der buddhistischen Sichtweise an.
Das Vorhandensein von Angst bedeutet, daß etwas
unvollständig ist, und er schlug mir vor, mit verschiedenen
Praktiken zu beginnen, um sie loszuwerden. Ich wandte ein,
daß es niemanden gab, der irgendeine dieser Praktiken
ausführen könnte, da es keinen lokalisierbaren Handelnden und
somit auch keinen Praktizierenden gab.
Diese Zeit unserer Freundschaft wurde zu einem
Wendepunkt. Bei seinem Vorschlag, ich solle einen Weg
finden, um die
Angst loszuwerden, ging Richard ganz offensichtlich von der
Voraussetzung aus, daß es einen persönlichen Handelnden gibt,
der diese Aufgabe erfüllen könnte. Ebenso schloß er aus der
Anwesenheit der Angst, daß etwas nicht in Ordnung war und
somit beseitigt werden müßte. Anscheinend lebte er nicht in der
Erfahrung der Leere der «Ich-heit». Er schloß des weiteren aus
der Anwesenheit der Angst, daß es einen persönlichen
Bezugspunkt gäbe, der Angst hatte. Ich hatte jedoch während
der ganzen Zeit unserer Diskussionen darauf bestanden, daß die
Angst sich niemals auf irgend jemanden bezog.
Ich begann mich ernsthaft zu fragen, ob Richard
tatsächlich die Erfahrung teilte, in jedem Moment zu wissen,
daß es keinen persönlichen Handelnden gab. Er gab
schließlich zu, daß dies nicht der Fall sei, obwohl er versucht
hatte, diesen Eindruck zu erwecken. Er bestätigte meine
Erfahrung aufgrund seiner jahrelangen Studien uralter Texte
und seiner eigenen Einblicke in die Leere der gesamten
Phänomenalität, die Minuten, Tage oder Wochen angedauert
hatten.
Da er mit großer Autorität aus der Sicht des traditionellen
Zen-Buddhismus gesprochen hatte, hatte er den Eindruck
eines Experten erweckt, der er in Wirklichkeit gar nicht war.
Jedenfalls konnte er mir hinsichtlich der Angst nicht
weiterhelfen, denn sein Verstehen der Leere war begrenzt. Ihn
hatten sowohl die psychologischen Theorien beeinflußt als auch
die Überzeugung des Zen, daß man «an seinem Charakter
arbeiten muß», um sich weiterzu-entwickeln. Als er zum ersten
Mal davon sprach, daß ich an meinem Charakter zu arbeiten
hätte, wußte ich augenblicklich, daß seine Empfehlungen auf
der Annahme basierten, daß es einen individuellen Handelnden
gäbe, der an seinem Charakter arbeiten kann. Ich hatte
erkannt, daß es einen solchen Handelnden gar nicht gibt, und
somit schien allein die Vorstellung einer Charakterarbeit
absurd.
Ich erinnerte ihn daran, daß ich kein «Ich» erlebte, das eine
innere Arbeit erledigen könnte, denn es gab gar kein «Innen», an
dem man hätte arbeiten können. Als schließlich klarwurde, daß
Richard die Erfahrung, wie ich sie ihm beschrieben hatte, nicht
in gleicher Weise teilte, bedankte ich mich für seine Begleitung
und verabschiedete mich.
Das Geheimnis der Leere

Mitternacht.
Keine Wellen,
kein Wind, das
leere Boot ist vom
Mondlicht
überflutet.
DOGEN

Ich existiere nicht,


doch das Universum ist mein Selbst.
SHIH t'OU

Auch wenn mir die Menschen, die ich wegen meiner


Erfahrungen kontaktiert hatte, sehr viel Bestätigung gaben,
brachte die Winterzeit des Nicht-Selbst immer noch keine
Freude. Wie sich herausstellte, wurde die Freude wie von einer
riesigen Flutwelle plötzlich und unwiderruflich ans Ufer des
Gewahrseins angespült, so wie die erste Welle des Abfallens des
Selbst vor zwölf Jahren.
Ausgehend von der klaren Erfahrung der Leere des Selbst
sollte mein Bewußtseinszustand ganz plötzlich in die nächste
Jahreszeit überwechseln - in die Erfahrung, daß es nicht nur
kein persönliches Selbst gibt, sondern auch keine anderen. Mit
anderen Worten: Ich war im Begriff, für immer in das
Gewahrsein der Einheit überzuwechseln, wo die Leere, die mein
Bewußtsein beherrschte, als die eigentliche Substanz aller
Schöpfung erkannt wurde. Nachdem sich das Geheimnis der
Leere auf diese Weise offenbart hatte, begann ich es als die
«unendliche Weite» zu beschreiben.
Inmitten einer besonders ereignisreichen Woche befand ich
mich auf einer Fahrt nach Norden, um Freunde zu besuchen, als
mir plötzlich bewußt wurde, daß ich durch mich selbst fuhr.
Viele Jahre lang hatte es überhaupt kein Selbst gegeben, doch
plötzlich, hier auf dieser Straße, war alles ich selbst, und ich
fuhr durch mich, um dorthin zu gelangen, wo ich bereits war.
Genaugenommen fuhr ich nirgendwohin, denn ich war bereits
überall. Die unendliche Leere, als die ich mich erkannt hatte,
offenbarte sich nun als die unendliche Substanz all dessen, was
ich sah.
Während sich dieser Übergang in die unendliche Weite der
Leere vollzog, begann ich intensiv zu meditieren. Sowohl morgens
als auch am Abend verbrachte ich mehrere Stunden damit,
einfach nur in dieser unendlichen Weite zu verweilen, während
am Baum der Leere die Blüten zum Vorschein kamen. Mich
überfiel ein starkes Bedürfnis nach einem stillen
Meditationsretreat, und so meldete ich mich für ein verlängertes
Wochenende im Januar in einem buddhistischen Center in den
Bergen von Santa Cruz an.
Auf meiner Fahrt dorthin durch die winterliche Landschaft
erschien mir alles viel fließender. Die Berge, Bäume, Felsen, Vögel
und der Himmel hatten ihre Unterschiede verloren. Wenn ich
mich umschaute, dann sah ich zuerst, wie sie alle eins waren,
und dann, wie in einer zweiten Welle der Wahrnehmung, sah
ich die Unterschiede. Doch die Wahrnehmung der Substanz, aus
der sie alle geschaffen waren, erfolgte nicht durch den
physischen Körper. Es war eher, als ob die unendliche Weite
sich selbst aus sich selbst heraus an jedem Punkt ihrer selbst
wahrnahm. Alles war von einer wunderschönen Stille
durchdrungen - keine Ekstase, keine Glückseligkeit, einfach nur
Stille. Gleichzeitig begann noch etwas anderes zu entstehen, das
sich bis zum heutigen Tag fortgesetzt hat - ich kann es nur als
«Verdichtung in die Einheit» beschreiben - und es war beides,
eine Erfahrung und eine Wahrnehmung. Seit diesem Tag wurde
es meine
ununterbrochene Erfahrung, mich durch die «Substanz», aus
der alles gemacht ist, zu bewegen und gleichzeitig aus ihr zu
bestehen. Was man zuerst wahrnimmt, ist der Stoff der Einheit,
seine Beschaffenheit, sein Geschmack und seine Substanz.
Diese nicht lokalisierbare, unendliche Substanz kann weder mit
den Augen, den Ohren oder der Nase wahrgenommen werden,
sondern nur von der Substanz selber, aus sich selbst heraus.
Wenn die Substanz der Einheit auf sich selbst trifft, nimmt sie
sich durch ihre eigenen Sinnesorgane wahr. Die Form ist wie ein
Gemälde auf der Leinwand der Einheit, in welcher alle - das
Gemälde, die Leinwand und die Hand, die es malt - eins sind.
Alleine mit der unendlichen Weite war ich genau auf diese
Einsicht gestoßen, die schließlich die Angst bloßlegte und ihren
eisernen Griff lockerte. Ich erkannte, daß sich der Verstand
hartnäckig an die falsche Vorstellung geklammert hatte, daß die
Präsenz von Angst die Gültigkeit der Erfahrung des Nicht-
Selbst in irgendeiner Weise beeinflussen würde. Die Angst hatte
den Verstand überlistet und davon überzeugt, daß ihre Präsenz
etwas zu bedeuten hätte, was gar nicht der Fall war. Die Angst
war vorhanden, jawohl, und das war auch schon alles! Die
Präsenz der Angst tat der Erfahrung, daß kein persönliches
Selbst existierte, nicht den geringsten Abbruch. Es bedeutete
lediglich, daß Angst vorhanden war.
Die Angst mußte nicht irgendwohin verschwinden, um das
persönliche Selbst als nicht-existent zu erkennen. Wo hätte sie
denn auch hingehen können? Sie hatte niemals existiert. Nichts
mußte sich verändern, nichts mußte ausgerottet werden, nichts
brauchte irgend etwas zu tun - außer lediglich zu sein. Alles
erscheint völlig simultan - Form und Leere, Schmerz und
Erleuchtung, Angst und Erwachen. Hatte man dies einmal
erkannt, schien alles so lächerlich einfach.
Der lähmende Griff der Angst begann sich zu lösen, und
mit
einem Schlag kam die Freude auf. Die Erfahrung der Leere hatte
ihr Geheimnis preisgegeben. Die Leere wurde als das erkannt,
was sie ist: die eigentliche Substanz von allem. Ich erkannte
schließlich, was schon immer direkt vor meinen Augen existiert
hatte, jedoch durch die Angst verschleiert worden war: Es gibt
nicht nur kein individuelles Selbst, sondern es gibt auch keine
anderen. Kein Selbst, keine anderen. Alles besteht aus der
gleichen Substanz der unendlichen Weite.
Als ich das Meditationszentrum erreichte, brachte ich mein
Gepäck aufs Zimmer und machte einen Spaziergang in den
umliegenden Wäldern. Ich wußte, daß ich aus nichts und
zugleich aus allem bestand, so wie alles in der Schöpfung. Wie
konnte ich das nur so lange übersehen haben? Es war die ganze
Zeit direkt vor meinen Augen gewesen, so nahe wie die Leere,
so leer wie die Leere und gleichzeitig so erfüllt.
Mit einem Schlag erinnerte ich mich an all die Zen-
Geschich-ten, die Richard mir erzählt hatte, und ich begann
herzhaft zu lachen und gleichzeitig zu weinen, unfähig, es
anzuhalten. Schließlich fiel ich auf den Waldboden nieder,
erschöpft von der unglaublichen Vision von allem. Zwölf Jahre
lang hatte ich um die Leere gewußt, sie gesehen, geatmet, und
nun ergoß sie sich in riesigen Flutwellen von leerer Fülle in das
gesamte Universum. Daß alles in dieser Leere vereint war,
schien auf einmal das Normalste auf der Welt zu sein, doch ich
hatte sehr lange gebraucht, um darauf zu stoßen. Ich glaube, es
war auf sich selbst gestoßen.
Überflüssig zu erwähnen, daß seitdem nichts mehr so war
wie zuvor. Die Tatsache, daß «Ich» nicht mehr existierte, daß es
keine Person mehr gab, ebnete schließlich vollständig den Weg
für die Erkenntnis, daß es nichts gibt, was ich nicht selbst bin.
Was übrigbleibt, wenn es kein Selbst mehr gibt, ist alles, was es
gibt.

Maharishis Beschreibung der drei Stufen des Erwachens -Kos-


misches Bewußtsein, Gottes-Bewußtsein und Einheits-Bewußt-
sein - erschien mit einem Mal höchst zutreffend. Die ersten
Monate meiner Erfahrung, in denen das Beobachter-
Bewußtsein im Wachzustand, im Traum und im Schlaf
andauerten, waren ganz eindeutig der Zustand des Kosmischen
Bewußtseins. Und weil sich alle vorherigen Arten der
Wahrnehmung so abrupt und radikal verändert hatten, versetzte
dieser Bewußtseinszustand den Verstand in Panik.
Der dramatische Wandel zum Einheits-Bewußtsein war
ebenfalls eindeutig. Wenn als erstes die Substanz aller
Schöpfung und die Unterschiede erst an zweiter Stelle
wahrgenommen werden, dann gibt es keinen Zweifel, welcher
Bewußtseinszustand vorherrscht.
Und trotzdem wunderte ich mich immer noch, was der Ma-
harishi mit Gottes-Bewußtsein gemeint hatte. Er hatte es immer
als einen Zustand beschrieben, in dem man wahrnimmt, daß alle
Schöpfung von der Heiligkeit, vom Göttlichen erfüllt ist. Der
Wahrnehmende nimmt direkt durch das Gewahrsein Gottes
wahr. Nichts, was ich jemals erlebt hatte, paßte auf diese
bestimmte Beschreibung. Ich hatte auch niemals vom
Maharishi eine ähnliche Beschreibung der Erfahrung gehört,
daß man kein individuelles Selbst ist, was im Buddhismus
dagegen so klar beschrieben wird.
Erst als ich auf eine Geschichte von Jörge Luis Borges über
Shakespeare stieß, erwog ich die Möglichkeit, daß das Gottes-
Bewußtsein tatsächlich das Bewußtsein sein könnte, niemand
zu sein. «In ihm gab es niemanden», beginnt die Geschichte und
berichtet weiter, daß Shakespeare in seiner Kindheit glaubte, alle
anderen Menschen wüßten auch, daß sie niemand sind. Als er
jedoch über diese Erfahrung mit seinen Freunden sprach, erntete
er nur verwunderte Blicke, « die ihm seinen Fehler deutlich
machten, und er erkannte, daß ein Individuum innerhalb
seiner Gattung
besser nicht aus der Rolle fällt». Die Geschichte beschreibt ein
Leben in der Winterzeit der Leere, in der der Verstand,
angefeuert von der Angst, alles versuchte, was auch mein
Verstand unternommen hatte, um die Rückkehr eines
persönlichen Bezugspunktes in Gang zu bringen. Der Verstand
suchte ihn bei Freunden, in intensiven emotionalen Zuständen
und sexuellen Beziehungen, doch all diese Dinge bezogen sich
für keinen einzigen Augenblick auf irgend jemanden.
Als Shakespeare Schauspieler wurde, so fährt die Geschichte
fort, hatte er seinen idealen Beruf gefunden, bei dem er «spielen
konnte, jemand zu sein, vor einer Audienz, die spielte, ihn für
diese Person zu halten». Obwohl er sein ganzes Leben lang
versuchte, das Gefühl wiederherzustellen, jemand zu sein, ist
ihm das nie gelungen. Für alle anderen schien er ganz gewiß
jemand zu sein.
Am Ende heißt es dann: «In der Geschichte steht, als er
(Shakespeare) vor oder nach seinem Tod vor Gottes Angesicht
trat, sagte er zu Ihm: < Ich, der vergeblich so viele Männer
gespielt habe, möchte nur ein Mann sein: Ich selbst.) Und aus
dem Wirbelwind kam Gottes Stimme und sagte: <Auch ich
habe kein Selbst. In meinem Traum erschien die Welt, so wie
in deinem Traum deine Werke entstehen, mein Shakespeare,
und von all den Formen in meinen Träumen bist du eine, die,
genau wie ich, viele Männer spielt und keinen.»»
Entsprechend dieser Erzählung, die zugegebenerweise frei
erfunden ist, wurde Shakespeare permanent von der Angst dazu
verleitet, die Leere für etwas Falsches oder Problematisches zu
halten. Aus der Anwesenheit der Angst schloß er, daß die
Leere ein « seltsames Gebrechen » sei und versuchte daher für den
Rest seines Lebens den Anschein zu erwecken, jemand zu sein.
Diese Erfahrung kenne ich sehr gut. Die zehn Jahre nach dem
plötzlichen Erwachen in das Nicht-Selbst verbrachte ich damit,
den Anschein zu
erwecken, jemand zu sein. Die Angst, der treibende Faktor bei
diesem Unterfangen, ist erbarmungslos. Wenn der Verstand mit
der unvorstellbaren, unfaßbaren, undenkbaren Weite in
Berührung kommt, dann erzeugt das eine rasende Angst, und er
besteht darauf, daß etwas ganz entschieden falsch läuft, denn
ansonsten, so argumentiert er weiter, wäre die rasende Angst
nicht vorhanden. Das ist die Winterzeit der Leere.
Das letzte Kapitel dieser Geschichte verdeutlicht, daß das
Gottes-Bewußtsein die Erkenntnis ist, niemand zu sein. Aus der
Perspektive des Unendlichen ist es völlig offensichtlich, daß das
individuelle Selbst überhaupt nicht existiert. Die Vorstellung,
daß wir ein Selbst haben, welches die Dinge kontrolliert oder
vermittelt oder der Handelnde hinter unseren Handlungen ist,
ist absurd. Das individuelle Selbst ist nichts weiter als eine
Vorstellung davon, wer wir sind. Vorstellungen sind
Vorstellungen - und sonst nichts. Eine Vorstellung kann
niemals der Handelnde oder der Schöpfer von irgend etwas sein;
sie kann nur sein, was sie ist -eine Vorstellung.
Ein Leben in der unendlichen Weite

Da draußen,
jenseits der Vorstellungen von falsch und richtig,
gibt es eine Welt.
Dort treffe ich Dich.
Wenn sich die Seele dort im Gras niederläßt,
ist die Welt zu erfüllt, um über sie zu sprechen.
Ideen, Sprache,
sogar der Ausdruck »wir beide« machen keinen Sinn.
RUMI

Dieses Leben wird nun in dem permanenten, immer


präsenten Gewahrsein der unendlichen Weite, die ich bin, gelebt.
In diesem Zustand gibt es absolut keinen Bezugspunkt, und
doch existiert gleichzeitig ein weites Feld von Gefühlen,
Gedanken, Handlungen und Reaktionen. Das Unendliche - die
Substanz von allem und gleichzeitig der Ozean, in dem alles
erscheint und vergeht - ist sich immer seiner selbst gewahr, egal
ob der Körper schläft, träumt oder wach ist.
In jedem einzelnen Augenblick beteiligt sich dieser Körper-
Verstand-Kreislaufbewußt an dem Sinnesorgan, durch welches das
Unendliche sich selbst wahrnimmt. Niemals kommt ein
lokalisierbares «Ich» ins Spiel. Diese Nicht-Lokalisierbarkeit
der unendlichen Weite ist tatsächlich der Hauptbestandteil der
Erfahrung, und die Unendlichkeit dieser Nicht-Lokalisierbarkeit
enthüllt sich selbst immer mehr als unendlich.
An der Bushaltestelle in Paris hatte sich das «Ich»
aufgelöst
und ist nie wieder in irgendeiner Form aufgetaucht.
Zusammen mit dieser Auflösung kam die Erkenntnis, daß das
«Ich», welches scheinbar im Hintergrund die Fäden dessen zog,
was «mein» Leben zu sein schien, niemals existiert hat. In den
letzten Jahren ist ebenfalls deutlich geworden, daß es nicht nur
kein «Ich», sondern auch keine « anderen » gibt. Die
Wahrnehmung von « keinen anderen» ist inzwischen so stark,
daß nichts anderes wahrgenommen wird. Das Leben wird aus
der unendlichen Substanz heraus gelebt, aus der es besteht; und
diese Substanz, die das ist, was und wer wir sind, ist sich
ununterbrochen ihrer selbst, aus sich selbst heraus, gewahr.
Was für eine außerordentliche Art zu leben!
Die unendliche Weite erfordert nicht, daß etwas
verschwinden muß, damit sie die unendliche Weite sein
kann. Wohin könnte auch schließlich etwas in dieser
unendlichen Weite verschwinden? Aber es taucht ein ganzes
Spektrum von «selbst-bezo-genen» Gefühlen wie
Verlegenheit, Gehemmtheit, Schande, Neid, Selbstmitleid,
Selbstbezogenheit oder Selbstbeobachtung einfach nicht mehr
auf. Da das individuelle Selbst, auf das sie sich bezogen haben,
nicht mehr existiert, haben sie keine Basis mehr, auf der sie
entstehen könnten.
Das gleiche gilt für alle selbstbezogenen Aspekte der
Gedanken, Körperempfindungen und Handlungen. Auch wenn
diese Erfahrungen weiterhin stattfinden, beziehen sie sich weder
auf jemanden, auf ein Ich, noch erscheinen sie, um einem
persönlichen Zweck zu dienen oder ein Ziel zu erreichen. Taten
geschehen und Worte werden ausgesprochen, ohne daß dem ein
Denken vorausgeht. Alles ist von einer Unmittelbarkeit, einer
Direktheit durchdrungen, die völlig von persönlich
ausgerichteten Intentionen frei ist. Die reine Gegenwart von
Gedanken, Gefühlen oder Handlungen wird in keiner Weise
interpretiert, sie werden lediglich als vorhanden registriert. Die
unendliche Weite nimmt mit absoluter Klarheit wahr, daß
Gedanken nichts weiter als Gedanken, Ge-
fühle nur Gefühle und Handlungen nur Handlungen sind. Es
gibt kein Abwägen mehr, ob ein bestimmter Gedanke nun
richtig oder falsch ist. Es gibt einfach kein Urteil von gut oder
schlecht, von richtig oder falsch - alles ist lediglich, was es ist.
In diesem Zustand wird auch niemals etwas als ein Problem
erachtet. Etwas als ein Problem zu betrachten, setzt voraus, daß
sich etwas verändern oder aufhören muß, damit das Problem
gelöst werden kann. Doch für mich brauchen Umstände,
Erfahrungen und Menschen nichts anderes zu sein als das, was
sie sind — denn was sie sind, ist die unendliche Weite. Nichts
muß sich verändern, verschwinden oder sich in etwas anderes
transformieren, damit die unendliche Weite die unendliche
Weite sein kann. Die unendliche Weite ist immer, wer und was
alles ist.
Nehmen wir zum Beispiel die Beziehung zu einem starken
Gefühl wie Ärger. Die Beziehung der unendlichen Weite zum
Ärger ist ähnlich wie die Beziehung des Ozeans zum Seegras,
das in ihm umherschwimmt. Der Ozean würde sich niemals
über das Seegras beschweren und darauf bestehen, daß es
entfernt wird, damit der Ozean der Ozean sein kann. Genauso
würde sich die unendliche Weite niemals über die Anwesenheit
von Ärger oder irgend etwas anderem beschweren, das in ihr
auftaucht - und aus dem sie gleichzeitig auch besteht — oder
darauf beharren, daß nichts mehr davon auftaucht. Die
unendliche Weite verändert sich niemals, egal wie zahlreich
oder intensiv die Dinge erscheinen. Nichts, was erscheint, wird
jemals als Problem betrachtet.
Erst seit kurzem begegnet sich die unendliche Weite selbst in
jeder einzelnen Person, mit der sie in Kontakt kommt. Während
des ersten Jahrzehnts der Erfahrung, die ich als Winterzeit der
Leere bezeichne, bestand eine starke Befürchtung, daß es nicht in
Ordnung wäre, niemand zu sein. Wie können Beziehungen
entstehen, sagte die Furcht, wenn es niemanden gibt, der eine
Beziehung eingeht? Und trotzdem geschahen sie, auch wenn
es nie-
manden gab, kein Ich, auf das sie sich bezogen. Der Verstand
war völlig verblüfft von diesem Mysterium, daß Beziehungen
nicht aus einem persönlichen Grund und in der Abwesenheit
eines persönlichen Selbst entstanden. Über die Jahre jedoch
wurde der Verstand gezwungen anzuerkennen, daß sich die
normalen Funktionen - ob nun in Beziehungen, als Mutter, bei
der Arbeit, im Studium oder beim Bezahlen von Rechnungen —
trotz seiner Ängste nicht verschlechtert hatten.
In der Winterzeit der Beziehungen versuchte ich stets wie
jemand zu erscheinen, der eine Beziehung zu einer Person hatte,
die mich für diese Person hielt - auch wenn ich gleichzeitig
wußte, daß ich niemand war. Die Erinnerung daran, wie es ist,
jemand zu sein, blieb, und die Angst des Verstandes davor,
niemand zu sein, erzeugte solch unglaubliche Ängste, daß
Beziehungen einen aus Angst gebildeten Umriß von jemandem
heraufbeschworen. Erst als schließlich ohne Zweifel klarwurde,
daß die Anwesenheit von Angst und Sorge lediglich bedeutete,
daß sie und alles andere gleichzeitig in der unendlichen Weite
vorhanden waren, änderte sich die Jahreszeit der Beziehungen.
Die Frühlingszeit der Beziehungen war überwältigend. Mit
den Augen der Unendlichkeit zu sehen - der Substanz von
allem, die sich selbst durch jedes Partikel ihrer selbst mit dem
eigenen Sinnesorgan wahrnimmt - und zu erkennen, daß
Beziehungen niemals einen persönlichen Handelnden
erforderten, war eine derart radikale Sichtweise, daß der
Verstand «einen Purzelbaum schlug» und zugab, daß er diese
unbegreifliche Wahrheit einfach nicht erfassen konnte. Als der
Verstand schließlich die Grenzen seines Bereiches anerkannte
und aufhörte, Dinge außerhalb seines Fassungsvermögens zu
pathologisieren, schob sich der unbeschreiblich freudvolle
Geschmack der unendlichen Weite, die sich selbst erlebt,
machtvoll und für immer in den Vordergrund.
Die Erkenntnis, daß alles aus der gleichen Substanz
besteht,
löschte alle Beziehungen aus, weil es keine Erfahrung mehr von
jemand anderem gab. Ohne einen anderen gab es nichts
Getrenntes, um sich darauf zu beziehen. Natürlich existierten
auch weiterhin die Funktionen der Beziehungen, und es wirkte
immer so, als ob sie völlig unbeeinträchtigt fortbeständen.

Anscheinend hat an der Bushaltestelle in Paris der menschliche


Kreislauf dieses Lebens damit begonnen, bewußt an dem
Sinnesorgan teilzunehmen, mit dem die unendliche Weite sich
ununterbrochen selbst wahrnimmt. Die unendliche Weite ist die
Substanz aller Dinge und existiert überall gleichzeitig, wo
Formen erscheinen. Die Form existiert als diese unendliche
Weite und gleichzeitig in dieser unendlichen Weite, so wie ein
in den Sand gemaltes Bild, bei dem das Bild selbst aus der
gleichen Substanz besteht wie das, was «innerhalb» und
«außerhalb» des Bildes ist. Und so ist alles, was eine Form zu
sein scheint, ebensowenig von der unendlichen Weite getrennt.
Der menschliche Kreislauf besteht aus der gleichen
Substanz. Nimmt er bewußt an dem Sinnesorgan teil, das die
unendliche Weite immer benutzt, um sich selbst
wahrzunehmen, dann wird sich der menschliche Kreislauf
gewahr - nicht durch seine eigenen Sinnesorgane, sondern durch
das Sinnesorgan der unendlichen Weite -, daß die Substanz des
Unendlichen sein natürlicher Zustand ist. Wenn das deutlich
geworden ist, dann verbindet sich der Kreislauf ganz bewußt
mit der Wellenbewegung der unendlichen Weite und beginnt,
eine unaufhörliche Ehrfurcht vor allem zu erleben, was existiert.
Wie ich bereits erwähnt habe: Wenn deutlich wird, daß es
keinen persönlichen Bezugspunkt gibt, dann wird auch klar, daß
es niemals einen persönlichen Bezugspunkt gegeben hat, daß
alles von einem unsichtbaren Handelnden ausgeführt wird und
schon immer ausgeführt worden ist. Dieser Handelnde
beginnt nicht
erst zu agieren, wenn er als der Handelnde erkannt wird. Er ist
immer der Handelnde gewesen; das persönliche Selbst war
niemals der Handelnde. Somit entfaltet sich das Leben weiterhin
wie gewohnt, und alles wird so erledigt, wie es auch vor der
Erkenntnis der unendlichen Weite erledigt wurde. Da es
sowieso niemals einen persönlichen Handelnden gegeben hat,
verändert die Erkenntnis dieser Wahrheit nichts am Ablauf der
Geschehnisse. Alle Funktionen laufen weiter wie bisher -
denken, fühlen, agieren oder Beziehungen eingehen. Der
einzige Unterschied ist - und darüber besteht nicht der geringste
Zweifel -, daß sie sich niemals auf jemanden bezogen oder zu
jemandem gehört haben.
Sinngemäß beziehen sich auch die persönlichen
Fürwörter, die in diesem Buch auftauchen nicht auf jemanden.
Da gibt es kein «mir», kein «Ich», kein «mein». Was in diesem
Buch beschrieben wurde, ist lediglich die Geschmacksprobe
von der unendlichen Weite, von dem Unendlichen, das sich
selbst aus sich selbst heraus erfährt - es gibt absolut
niemanden, auf den sich diese Beschreibungen beziehen.
Während die Funktionen weiterhin ablaufen, ist für mich
inzwischen deutlich geworden, daß sie niemals einen
persönlichen Zweck erfüllt haben, sondern daß sie lediglich das
geschehen lassen sollten, was die unendliche Weite im Dienste
der Freiheit für angebracht hielt. Die unendliche Weite hat
ihren eigenen, unpersönlichen Wunsch, sich selbst direkt durch
sich selbst wahrzunehmen und benutzt dazu jedes menschliche
Wesen. Die bewußte Teilnahme des Kreislaufes am Sinnesorgan
der unendlichen Weite ist der Zustand des Friedens - der
natürlich auftretende, menschliche Zustand. Das Mysterium der
unendlichen Weite beinhaltet das Wissen um die besten
Möglichkeiten, diesen Frieden deutlich werden zu lassen. Dieser
Kreislauf wird und wurde schon immer von einem Moment zum
nächsten im Dienste dieser mysteriösen, unendlichen Weite
benutzt.
Auch in den Beziehungen laufen alle Funktionen weiter ab
wie bisher, es entstehen lediglich keine selbst-bezogenen
Gedanken, Gefühle und Empfindungen mehr. Zum Beispiel
findet die Sexualität weiterhin statt, jedoch ohne Sehnsucht
oder Begierde, die selbstbezogenen Aspekte dieser Funktion.
Sex dient nicht mehr einem persönlichen Verlangen und hat
auch keine tiefere Bedeutung, die ihn zu etwas anderem macht,
als er im Moment tatsächlich ist. So wie alle anderen
Funktionen wird die des Sex in Anspruch genommen, wenn es
die unendliche Weite aus einem mysteriösen, nicht-
persönlichen Grund für angebracht hält. Wird Liebe gemacht,
dann gibt es niemanden, der mit jemandem Liebe macht. Wie
könnte der Verstand das jemals begreifen?
Der ununterbrochene Ablauf aller Funktionen in einem
Zustand von Frieden ist wahrlich eine ehrfurchtgebietende Art
zu leben. Sie hat keine Ähnlichkeit mit der krassen Leere, als die
es die Angst darzustellen versucht. Wenn mir Leute erzählen,
daß sie das Persönliche nicht aufgeben wollen, weil sie
glauben, damit auch die Liebe, die Freude oder die tieferen
Gefühle aufzugeben, dann verstehen sie nicht, daß es das
Persönliche niemals gegeben hat. Nichts wird aufgegeben.
Liebe, die einen persönlichen Zug aufweist, basiert auf dem
vom Verstand konstruierten Gefühl des Getrenntseins. In solch
einem getrennten Zustand beinhaltet Liebe das Verlangen,
sich mit dem anderen zu vereinigen, um Erfüllung zu finden.
Aus der Perspektive der unendlichen Weite aber existiert der
andere gar nicht. Wenn die unendliche Leere sieht, daß alles
von ihr selbst aus ihr selbst besteht, dann ist das allerhöchste
Vertrautheit. Der Geschmack eines jeden einzelnen Momentes
der unendlichen Weite in der Wellenbewegung ihrer selbst - so
wie sie sich selbst durch jedes Teilchen ihrer selbst überall
wahrnimmt - erzeugt eine Liebe, die keine Grenzen kennt und
alles weit in den Schatten stellt, was sich der Verstand unter
der idealen Liebe, die er sucht, vorstellen könnte.
Freude ist auch in ihrer nicht-persönlichen Erscheinungsform
überwältigend. In der unendlichen Weite des natürlich
auftretenden Zustandes zu leben, ist wie im Ozean der
nichtpersönlichen Freude zu schwimmen. Diese Freude, die
niemandem gehört, hat nichts mit der Freude gemein, die sich
scheinbar auf jemanden bezieht oder jemandem gehört. Die
Leere ist so unglaublich erfüllt, so absolut, so grenzenlos
glückselig in sich selbst.
Diese Augen sehen das unglaubliche Wohlwollen des
Universums, das in jeder Hinsicht absolut vertrauenswürdig ist.
Es gibt nichts, wovor man Angst haben müßte. Für alles ist in
jedem Augenblick bestens gesorgt - und ist es immer gewesen. So
wie die unendliche Weite durch diese Augen die postmoderne
Welt betrachtet, wird sie berührt von den unzähligen Formen
des Leidens, die es gibt, und verspürt das Bedürfnis, darüber zu
sprechen.
Da die Kollision mit der Leere in meinem achtundzwanzig-
sten Lebensjahr geschah - ohne eine Suche meinerseits, ohne
einen Lehrer oder eine traditionelle Abstammung und bevor
ich überhaupt von einem nicht-persönlichen Selbst gehört hatte
-, scheint die unendliche Weite diesen Kreislauf dafür
ausgebildet zu haben, über spirituelle Praktiken zu reden. Die
Art und Weise, in der die Erfahrung stattfand, machte deutlich,
daß die Leere sich selbst in den Vordergrund schiebt, ohne auf
grünes Licht vom Verstand zu warten. Das Unendliche wartet
nicht darauf, daß der Verstand es begreift, damit es existieren
kann. Tatsächlich findet das Erfassen des Unendlichen außerhalb
der Sphäre des Verstandes statt. Das Unendliche erkennt sich
selbst aus sich selbst her-
aus.
Das stellt natürlich alle spirituellen Praktiken, das Studium
uralter Texte oder sogar ein «spirtuell» geführtes Leben in
Frage. Die meisten Praktiken implizieren ein «Ich», das die
Praktiken ausführen kann und zum Schluß ein bestimmtes Ziel
erreicht. Doch wenn ein solches «Ich » die Übung ausführt, um
die nicht-
lokalisierbare, unendliche Weite des nichtpersönlichen Selbst zu
erreichen, dann entsteht daraus ein Rätsel oder ein
Widerspruch: Man glaubt, daß ein persönlicher Handelnder
existiert, der die Praktiken richtig ausführt, um zu der
Erkenntnis zu gelangen, daß es keinen persönlichen
Handelnden gibt.
Doch der Bezug zu einem persönlichen Handelnden steht
in völligem Kontrast dazu, wie das Unendliche existiert. In
diesem Leben ist seit dem Ereignis an der Bushaltestelle absolut
klargeworden, daß es keinen persönlichen Handelnden gibt
und niemals wo auch immer gegeben hat. Anweisungen für eine
Technik oder einen Lebenswandel, die besagen, daß ein «Ich»
etwas «tun» muß, um zu erwachen, setzen damit eine Beziehung
von Ursache und Wirkung voraus, die einfach nicht besteht. Wie
kann ein persönliches «Ich», das gar nicht existiert, jemand sein,
der etwas tut, damit das Erwachen geschieht?
Des weiteren lehren die meisten spirituellen Praktiken,
daß das Erwachen irgendwo anders ist und daß man es erreichen
oder erlangen muß. Dabei sind wir doch immer die unendliche
Weite - ständig, ohne jede Unterbrechung! Es ist der natürlich
auftretende menschliche Zustand. Wohin auch könnte die
unendliche Weite entschwinden? Wo könnte sich das
Unendliche verstecken? Was könnten wir möglicherweise tun,
um zu der unendlichen Weite zu werden, wenn wir sie bereits
sind?
Viele Techniken empfehlen auch, daß etwas ausgemerzt,
angehalten oder geläutert werden muß, damit wir zu dem
werden können, was wir in Wirklichkeit sind. Doch die
unendliche Weite ist in jedem Augenblick alles. Nichts existiert
außerhalb von ihr, und nichts muß von ihr ausgeschlossen
werden. Schließlich reden wir hier von dem Unendlichen.
Viele Traditionen heben ganz besonders stark hervor, daß
der Verstand erst zur absoluten Ruhe kommen muß, bevor die
unendliche Weite verwirklicht werden kann. Das setzt voraus,
daß die
diesbezüglichen Aktivitäten des Verstandes und das Erwachen in
einer Beziehung zueinander stehen. Doch wenn man andererseits
bestimmte Praktiken ausübt, um den Verstand ruhiger werden zu
lassen oder ihn anzuhalten, mag das Ergebnis ein ruhiger
Verstand sein. Doch das Unendliche wird nicht vom Verstand
wahrgenommen oder erfaßt. Das Unendliche erkennt sich
selbst.
In diesem bestimmten Leben geschah das Erwachen
nicht, weil der Verstand still wurde. Es wurde keinerlei
psychologische oder spirituelle Technik angewendet, und es gab
auch keine offensichtliche Ursache. Vielmehr enthüllte sich die
unendliche Weite selbst aufrecht mysteriöse Weise: Ich stand
lediglich an einer Bushaltestelle. Wie kann man dann also
behaupten, daß es einer bestimmten Methode oder Technik
bedarf, um das Erwachen geschehen zu lassen?
Da ich keine vorgeschriebenen Techniken angewendet
hatte, um zu erkennen, daß es kein persönliches Selbst gibt,
kann ich natürlich auch niemandem dazu raten, sie zu
praktizieren. Sich nach strengen Praktiken zu richten, könnte
möglicherweise nur noch mehr Vorstellungen davon erzeugen,
wie dieser erwachte Zustand aussehen könnte oder wie man
sich ihm nähert. Doch wie kann sich der Verstand etwas
nähern, das er gar nicht verstehen kann? Die unendliche Weite
ist ganz einfach unvorstellbar. Auch wenn sie ständig
vorhanden ist, kann sie der Verstand nicht erkennen, denn das
Unendliche wird nicht mit dem Verstand wahrgenommen. Das
Unendliche nimmt sich selbst wahr.
Damit möchte ich auf keinen Fall andeuten, daß man
keinen Praktiken folgen sollte, sondern lediglich, daß es keinen
Praktizierenden gibt, der als Handelnder hinter der ganzen
Angelegenheit steht. Dies trifft für jegliche Art von Aktivitäten
zu: Es gibt keinen Spaziergänger, das Spazierengehen
geschieht; keinen Autofahrer, das Autofahren geschieht; keinen
Denkenden, das Denken geschieht. Daß es keinen
Praktizierenden gibt (und nie
gegeben hat), bedeutet auf keinen Fall, daß keine Praktiken
ausgeführt werden. Wenn es naheliegend ist, daß eine
spirituelle Praktik ausgeführt werden soll, dann wird das so
geschehen. Wenn es naheliegend ist, daß man meditiert oder
heilige Lieder singt, auf Reisen geht, herumläuft, einen Altar
aufbaut, bestimmte Speisen zu sich nimmt, bestimmte
Handlungen ausführt oder bestimmte Lehrer besucht, all das
wird auch weiterhin geschehen, so wie es schon immer
geschehen ist. Es wird durch die Hand des mysteriösen, nicht
lokalisierbaren Handelnden ausgeführt, der hinter allem steht.
Diese Praktiken jedoch auf der Vorstellung aufzubauen, daß
man die unendliche Weite, die man ja bereits ist, nicht
verwirklichen kann, wenn man sie nicht genaue-stens befolgt -
und man daher eine spirituelle Niete ist -, heißt sein Leben auf
dem erfolgreichen Funktionieren eines nichtexistenten «Ich»
aufzubauen.
Das Unendliche offenbart sich für den Verstand auf
mysteriöse, unbegreifliche und unfaßbare Weise. Doch der
Verstand tendiert entsprechend seiner eigentlichen Natur dazu,
Dinge abzulehnen, die er nicht erfassen kann. Wenn er also mit
der unendlichen Weite in Berührung kommt, dann versucht er
auf sehr überzeugende Weise, sie abzuwerten. Mir haben zum
Beispiel viele Menschen erzählt: «Ich habe die unendliche
Weite, von der du redest, erfahren, doch es fühlte sich
vollkommen leer und schal an. Ich habe kein Interesse, das
weiter zu verfolgen.» Was sie da beschreiben, ist nicht die
unbeschreibliche Erfahrung selbst, sondern lediglich ihr
Verstand, der mit dem Unbeschreiblichen in Berührung
gekommen ist. Wenn der Verstand durchschaut, daß
Erfahrungen keinen «jemand» enthalten, mit dem er sie erfüllt
glaubte, dann rastet er aus und führt überzeugende
Argumente an, warum die Leere absolut nicht erstrebenswert
ist.
In meinem Fall hatte der Verstand mit allen Mitteln
versucht, die Leere des persönlichen Selbst zu pathologisieren,
um sie wie-

der loszuwerden. Dieser Versuch blieb erfolglos. Doch viele


Menschen haben mir berichtet, daß ihr Verstand es geschafft
habe, die Leere anscheinend wieder verschwinden zu lassen,
und es blieb nur die Erinnerung daran, wie unangenehm der
Kontakt mit dem Unbegreiflichen für den Verstand war. Der
Verstand benutzt dann diese Erinnerung als Beweis dafür, daß
man die Leere unter allen Umständen vermeiden sollte.
Der Kontakt des Verstandes mit der Leere, die ohne einen
persönlichen Bezugspunkt ist, sollte niemals mit der direkten
Erfahrung der unendlichen Weite verwechselt werden, die auf
keinen Fall über den Verstand läuft. Es ist lediglich die
Erfahrung der Reaktion des Verstandes auf die unendliche
Weite und nichts ande-
res.
Ich habe bereits vorhin erwähnt, daß es keinen persönlichen
Handelnden gibt, doch das sollte nicht so ausgelegt werden, als
ob nichts vollbracht würde. Schließlich hat es niemals einen
persönlichen Handelnden gegeben, und trotzdem ist es
offensichtlich, daß Autos gefahren, Kinder versorgt und
Beziehungen geführt werden. Wenn der Verstand sieht, daß
Dinge erledigt werden, dann schließt er daraus, daß es
jemanden geben muß, der sie ausführt, denn ansonsten würde
nichts erledigt werden. Doch die unendliche Weite hat niemals
darauf gewartet, daß der Verstand begreift, daß es keinen
Handelnden geben muß, damit Handlungen ausgeführt werden
können. Das Handeln entsprang immer einer nicht
ortsgebundenen Quelle, die für einen Verstand, der von
Interpretationen und Anspielungen gespeist wird, verwirrend
ist. Die unendliche Weite folgert nicht aus den Handlungen,
daß es jemanden geben muß, der sie ausführt. Sie erkennt ganz
klar, daß Handlungen aus der gleichen überall befindlichen
Quelle gespeist werden wie alles andere auch.
Die unendliche Weite beinhaltet den unpersönlichen
Wunsch, sich selbst zu erfahren. Dies scheint der Sinn des
Lebens

für die Menschen zu sein - daß die unendliche Weite auf sich
selbst stößt, egal wohin sie sich auch wendet. Die Vorstellung
von persönlichem Wachstum oder innerer Entwicklung steht in
jeder Beziehung im Widerspruch dazu, wie die unendliche
Weite existiert. Das Streben nach dem Erwachen impliziert ein
Gefühl von Zukunft, welches ausschließt, sich in dem zu
sonnen, was jetzt in diesem Augenblick ist. Ich sehe keinen Sinn
darin, eine Methode zur Evolution anzuwenden, die beinhaltet,
irgendwohin zu kommen oder etwas anderes zu werden. Sobald
man sich auf den Weg macht, irgendwohin zu kommen, ist das
Überwältigende dessen, was ist - das Hier und Jetzt - nicht mehr
verfügbar. Und der noch wichtigere Aspekt dabei ist, daß dieses
Irgendwo, das Menschen zu erreichen versuchen, nicht
lokalisierbar ist, da es in jedem Moment überall zugegen ist.
Alle Vorstellungen darüber, das spirituelle Erwachen zu
erreichen, basieren auf der Annahme, daß es jemanden gibt,
ein Ich, das die Praktiken ausführen und somit das Ziel
erreichen kann. Doch dieser Jemand existiert gar nicht. Nehmen
wir zum Beispiel die weitverbreitete spirituelle Vorstellung, daß
wir « aus dem Weg gehen müssen, damit das Unendliche durch
uns hindurchfließen kann». Dies setzt einen nichtexistenten
Jemand voraus, der dann herausfindet, wie er sich hingeben
kann. Wir müssen erkennen, daß sowohl die spirituellen als
auch die psychologischen Praktiken, jede einzelne von ihnen,
auf Vorstellungen davon basieren, wer wir zu sein glauben.
Dieser Glaube geht dann als die Wahrheit durch, wer wir sind.
Die Vorstellung, wir seien der Handelnde, der unsere Taten
bestimmt, macht uns noch lange nicht zum Handelnden, egal
wie oft wir uns auch dazu verleiten lassen, sie als Wahrheit
anzuerkennen.
Dann gibt es noch die Vorstellung, daß wir unseren
Verstand zur Ruhe bringen müssen, um uns zu befreien. Doch
wer soll den Verstand zur Ruhe bringen? So wie alles andere ist
auch der Ver-

stand lediglich das, was er ist. Ein Verstand, der Gedanken


erzeugt, macht keine Probleme; er tut lediglich das, was ein
Verstand nun einmal tut. Der Verstand besteht aus der gleichen
unendlichen Leere wie alles andere auch. Diese Leere verändert
sich niemals, egal ob der Verstand aktiv oder passiv ist. Das
Unendliche wartet auch nicht darauf, daß der Verstand etwas tut
oder aufhört etwas zu tun, damit sich die unendliche Weite sich
selbst offenbaren kann. Sollte der Verstand aus irgendeinem
Grund zur Ruhe kommen, dann geschieht das lediglich als Teil
des unergründlichen Mysteriums.
Probleme gibt es nur dann, wenn der Verstand der
Anwesenheit von Gedanken eine bestimmte Bedeutung zumißt -
zum Beispiel, daß ich schlecht oder unspirituell bin und daß ich
niemals in meiner Meditation weiterkommen werde, es sei denn,
ich kann die Gedanken zum Stillstand bringen. Gedanken und
Vorstellungen sind niemals ein Problem, außer man gibt ihnen
eine Bedeutung, die sie gar nicht haben. Werden sie lediglich
als Gedanken und Vorstellungen erkannt, dann identifiziert
man sich auch nicht mit ihnen. Dinge ausschließlich und genau
als das zu erkennen, was sie sind, ist der eigentliche Zustand der
Erkenntnis, denn das genau ist die Art und Weise, wie die
unendliche Weite immer alles sieht.
Dinge als das zu erkennen, was sie sind, bedeutet mit den
Augen der unendlichen Weite selbst zu schauen. Dieses Schauen
geschieht ohne Unterlaß, ob wir uns dessen bewußt sind oder
nicht. Anstatt vom Verstand in die Irre geführt zu werden,
durchschaut die unendliche Weite all die Versuche des
Verstandes, uns trickreich die Überzeugung zu verkaufen, daß
wir ein individuelles «Ich » seien, das unser Leben bestimmt.
Sie durchschaut auch, wie die Vorstellung von dem, was wir sind,
sich im Verstand ganz nach vorne drängt und darauf besteht, daß
es nicht nur eine Vorstellung ist, sondern wer wir in
Wirklichkeit sind. Die unendliche

Weite nimmt das Unendliche überall wahr (wo sonst könnte


es auch sein?) und beobachtet dann, wie jeder auf der Suche
danach ist.
Das am weitesten verbreitete Dilemma, mit dem Leute zu
mir kommen, ist die Erfahrung des Gefühls, vom Unendlichen
« abgeschnitten» zu sein. Dieses Gefühl ist besonders dann
schmerzhaft, wenn sie vorher die unendliche Weite bereits in
aller Klarheit erlebt hatten und es ihnen dann später vorkam,
daß sie anscheinend wieder «verschwunden» war. Sie suchen
nach einer Möglichkeit, mit dem Unendlichen permanent in
Kontakt bleiben zu können. Genau diese Frage beinhaltet zwei
unausgesprochene Annahmen, die allgemein für wahr
gehalten werden. Erstens: Es gibt ein «Ich», das vom
Unendlichen abgeschnitten ist und das sich «selbst darauf
ausrichten» kann, sich wieder damit zu verbinden, wenn man
nur die richtige Methode anwendet. Zweitens: Das Unendliche
hat sich irgendwohin verflüchtigt. Dies sind typische Beispiele
für Vorstellungen, die meistens als Wahrheit durchgehen.
Es gibt jedoch gar kein individuelles «Ich», das
herausfinden kann, wie sich das Unendliche wieder aufspüren
ließe. Der wichtigere Punkt jedoch ist: Wohin würde das
Unendliche entschwinden? Wir reden hier ja schließlich nicht
von etwas, das man unter dem Teppich verstecken kann. Wenn
du die Dinge ausschließlich und genau als das erkennen
könntest, was sie sind, dann würdest du auch erkennen, daß
das «Du», welches erkennt, die unendliche Weite selbst ist.
Die «Charakterarbeit», die sowohl von der Psychotherapie
als auch von einigen spirituellen Traditionen - den Zen-
Buddhismus eingeschlossen - empfohlen wird, führt in eine
ähnliche Sackgasse, weil dabei die Dinge nicht als das gesehen
werden, was sie ganz einfach sind. Eine entspanntere Art zu
sein, enthüllt sich auf ganz natürliche Weise, wenn man die
Vorstellungen nicht als

Wahrheit durchgehen läßt. Dieses Entspanntsein ist genau das


Gegenteil von «Charakterarbeit» mit ihren klaren
Vorstellungen davon, wie wir sein könnten, wenn wir nur
entsprechend an unserem Charakter arbeiteten. Wenn wir uns
auf solch eine «Charakterarbeit» einlassen, dann betreten wir
ein Labyrinth des Zukünftigen. Es liegt in der Natur der Sache,
daß es unmöglich ist, ein Ziel zu erreichen, das auf einem «Ich»
aufbaut, welches uns dorthin bringen wird. Auch die
«Charakterarbeit» basiert auf der gleichen fälschlichen
Überzeugung, daß es einen individuellen Handelnden gibt, der
den Kurs des Lebens bestimmt und sein eigenes «Ich»
verbessern kann.
Meine Arbeit als Psychologin hat mir einen Sitz in der
ersten Reihe im Theater der menschlichen Leiden verschafft. Es
ist offensichtlich, daß die traditionelle Psychotherapie auf
Prinzipien aufgebaut ist, die die gesamte Palette menschlicher
Erfahrung pa-thologisiert und ihren Erfolg daran mißt, wie gut
wir den festgefügten Vorstellungen davon, wie unsere
menschlichen Erfahrungen auszusehen haben, entsprechen. Wir
werden darauf trainiert, uns «da durcharbeiten» zu müssen, daß
wir «loslassen», «uns auseinandersetzen», «uns arrangieren»
oder uns von verschiedenen Aspekten unserer Erfahrungen «
befreien » müssen, damit wir ein erfülltes Leben führen können.
Wir « müssen mit unseren Gefühlen in Kontakt kommen», «uns
selbst finden», «müssen wissen, was wir wollen, so daß wir es
auch erreichen können», «uns von niemandem ausnutzen
lassen» und «auf unsere wahre innere Stimme hören».
Betrachtet man es aus der Perspektive der unendlichen Weite,
dann sind all diese Vorstellungen nur das, was sie sind —
Vorstellungen. Wir sollten sie nicht mit der Wahrheit
verwechseln.
Seit die Frühlingsblüte der unendlichen Weite begann,
hat sich meine psychotherapeutische Arbeit mit Klienten
während der letzten Jahre radikal verändert. Ich kann meine
Arbeit auch
nicht mehr als Psychotherapie bezeichnen, denn sie richtet sich
nicht nach irgendwelchen Prinzipien psychologischer Theorien
oder Interventionen. Mein Ziel für alle ist die Freiheit - die
absolute Freiheit. Ich möchte nicht, daß Klienten ihre Gefühle
verändern, sich durch Kindheitstraumata arbeiten oder
Symptome loswerden. Ich möchte, daß sie frei werden, indem
sie erkennen, daß die Dinge lediglich das sind, was sie sind.
Als erstes frage ich jeden einzelnen, wer er zu sein glaubt. Das
zieht normalerweise eine umfassende Untersuchung all der
Vorstellungen nach sich, die er von anderen Menschen
übernommen hat und für die wahrhaftige Definition dessen
hält, wer er ist. Schon in jungen Jahren vermittelt uns unsere
Kultur ein klares Bild von der Person, die wir werden sollen,
und die meisten von uns versuchen mit ganzem Herzen und mit
aller Kraft, diese Person zu werden.
Alle Menschen, mit denen ich gearbeitet habe, sind sich
bewußt geworden, daß sie ihre «Identität» aus Informationen
konstruiert haben, die letztlich reine Schlußfolgerungen sind.
Aus dem, was andere Leute ihnen erzählt und über sie gesagt
haben und daraus, wie sie von ihnen behandelt wurden, haben
sie gefolgert, wer sie sind. Basierend auf den Interpretationen
dessen, was all diese Aussagen über sie bedeuten könnten,
wurde dann derjenige geformt, der man zu sein glaubt. Wie
zum Beispiel: Mein Vater hat mich völlig ignoriert, also bin ich
nicht interessant oder liebenswert genug. Oder: Meine Mutter
hat mich immer als faul bezeichnet, also muß es wohl stimmen.
Solche Konstruktionen gibt es in vielen Bereichen, nicht
nur im Verstand. Persönliche Bezugspunkte können im
emotionalen, physischen und auch energetischen Bereich
geschaffen werden. Diese vielfältigen Bezugspunkte des Gefühls,
wer wir zu sein glauben, können anfänglich recht verwirrend
sein, doch sie operieren alle auf der gleichen Basis: Dinge
werden als etwas deklariert, was

sie gar nicht sind. Irn Bereich des Verstandes werden Gedanken
und Vorstellungen als das verkauft, was wir tatsächlich sind. Im
emotionalen Bereich sind es die Gefühle, im physischen die
Körperempfindungen und im energetischen alle entsprechenden
Vibrationen oder Muster.
Die moderne psychologische Welt untermauert diese
Täuschung, indem sie Menschen darin bestärkt, zwischen dem
«wahren Selbst» und dem «unwahren Selbst» zu unterscheiden,
zwischen wahren Gedanken und unwahren Gedanken, wahren
Gefühlen und unwahren Gefühlen, wahren Empfindungen und
unwahren Empfindungen, sogar zwischen wahren und
unwahren energetischen Frequenzen. Wer unterscheidet
zwischen wahr und unwahr? Und wahr und unwahr für wen?
Gedanken, Gefühle, Empfindungen und energetische
Frequenzen sagen nichts über einen imaginären Jemand aus, sie
sind einfach, was sie sind.
Im Fahrwasser dieser Vorstellungen darüber, wer wir sind,
taucht gleich die nächste Verwirrung auf: Das Negative wird
normalerweise für die Wahrheit gehalten. Schließlich ist das
Negative sehr überzeugend und scheint so tief zu gehen. Das
Positive sehen wir als oberflächlich und zeitlich begrenzt an,
doch das Negative, oh ja! Wenn das auftaucht, glauben wir
wirklich, in der Gegenwart von Wahrheit zu sein.
In unserer westlichen therapeutischen Kultur bedeutet eine
Beziehung zu haben in den meisten Fällen, sich über Probleme
auszutauschen. Wenn sich jemand weigert zu offenbaren, was
für ihn in seinem Leben am schwierigsten ist, dann sagt man
ihm nach, daß er sich «zurückhält» oder sich «zurückgezogen
hat» oder «nicht vertrauenswürdig ist». Doch wenn er seine
Probleme enthüllt, dann glaubt man, daß er die Wahrheit über
sich selbst preisgibt.
Diese Überbewertung des Negativen ist in unserer Kultur
weit verbreitet. Fast jeder, der mir an meinem Schreibtisch
gegenüber-

sitzt und von seinem Leben erzählt, ist davon überzeugt, daß
das Negative in ihm der Wahrheit am nächsten kommt. Alle
sind davon überzeugt, daß in ihrem Innersten etwas durch und
durch Verdorbenes schlummert, daß sie ganz tief im Inneren
schlecht sind und sowieso immer wieder im Negativen enden
werden. Die Menschen halten ihre schlimmsten Ängste für die
Wahrheit, und niemand hat sie je daraufhingewiesen, daß
Ängste nicht mehr als das sein können, was sie sind - Ängste.
Die Pathologisierung menschlicher Erfahrungen,
aufrechterhalten durch die Über-Psychologisierung unserer
Kultur, ist ein weiteres Übel, das sich als Wahrheit verkleidet
hat. Wir haben uns
von der Psychologie davon überzeugen lassen, nur ganz
bestimmte Erfahrungen als angemessen zu betrachten. Wir
haben Worte übernommen, die unsere Erfahrungen mit
bestimmten Etiketten versehen, und wir haben ihnen gegenüber
dadurch eine ablehnende Haltung eingenommen. Die
unendliche Weite patho-logisiert nicht einmal ansatzmäßig,
denn sie kann absolut nichts als falsch wahrnehmen.
Es ist absurd zu glauben, daß wir bestimmte Aspekte unserer
Erfahrungen loswerden müssen, damit sie akzeptabel sind. Es
wäre genauso, wie ich bereits vorher erwähnt habe, als wenn
sich der Ozean darüber beschweren würde, daß er nicht der
Ozean sein kann, solange Seegras in ihm herumschwimmt. Der
Ozean bleibt der Ozean, egal was er enthält. Wir sind die
unendliche Weite, und wir beinhalten alles — Gedanken,
Gefühle, Empfindungen, Vorlieben, Ängste, Vorstellungen,
sogar Identifikationen. Nichts muß irgendwohin verschwinden.
Wohin sollte es auch?
Psychologische Anweisungen, die auf eine Heilung abzielen,
deuten damit an, daß bestimmte Gedanken oder Gefühle ein
Zeichen dafür sind, daß wir nicht akzeptabel sind.
Spirituelle Anweisungen, die als Ziel das Erwachen oder
eine Transformation haben, deuten damit an, daß
bestimmte Gedan-
ken oder Gefühle Hindernisse für die spirituelle Entfaltung sind.
Denn wie könnten wir, so behaupten sie, die unendliche Weite
sein und trotzdem Verwirrung oder Angst, Wut oder Traurigkeit
erleben?
Doch die Anwesenheit von Gedanken und Gefühlen
bedeutet lediglich, daß Gedanken und Gefühle vorhanden sind.
Wir interpretieren unsere Erfahrungen und glauben, daß sie
etwas (normalerweise Negatives) über uns aussagen.
Diese Auslegung verursacht Leiden, wenn sie als die
Wahrheit durchgeht. Wird sie aber lediglich als das erkannt,
was sie ist - eine Interpretation -, dann gibt es nicht das
geringste Problem; sie ist ganz einfach ein weiterer Teil der
unendlichen Weite.
Man sollte sich natürlich davor in acht nehmen, dieses «die
Dinge als das zu sehen, was sie sind» nicht als eine Technik zu
benutzen, um Gefühle oder Verstandeszustände loszuwerden,
die der Verstand als unerwünscht bezeichnet.
Keine Erfahrung ist ein Zeichen dafür, daß du nicht die
unendliche Weite bist. Deshalb muß auch nichts ausgemerzt
werden. Das Leiden wird nicht durch bestimmte Umstände oder
Erfahrungen verursacht, sondern einzig und allein durch die
Interpretation des Verstandes.
Wenn ich Leute dazu ermuntert habe, die Dinge zu sehen,
wie sie sind, gehen sie heim und praktizieren manchmal rigoros
diese «Technik» und folgern dann, daß sie versagt haben, weil
das, was erkannt wurde, sich nicht aufgelöst hat. Die unendliche
Weite jedoch zielt nicht darauf ab, etwas loszuwerden. Die
unendliche Weite, die wir in Wirklichkeit alle sind, leidet nie.
Deshalb erwartet sie auch nicht, daß etwas entfernt wird, um
das Leiden zu beenden.
Der Sinn des menschlichen Lebens hat sich offenbart. Die
unendliche Weite hat diese menschlichen Kreisläufe erschaffen,
um sich selbst aus sich selbst heraus zu erfahren, wie es
ansonsten

nicht möglicht wäre. Diese Menschlichkeit bietet der Substanz,


aus der wir alle bestehen, die Möglichkeit, sich selbst zu lieben
-und die Liebe des Unendlichen für sich selbst ist absolut
überwältigend. Die Worte «Liebe, Glückseligkeit und Ekstase»
können nur annähernd das Ausmaß der Wertschätzung des
Unendlichen für sich selbst beschreiben, wie es durch diese
menschlichen Kreisläufe ausgedrückt wird.
Wir alle sitzen im gleichen Boot. Wir alle bestehen aus der
gleichen unendlichen Substanz, und wenn eine Anzahl von
menschlichen Kreisläufen gleichzeitig und bewußt am
Unendlichen teilhaben, dann steigert sich das Ausmaß an Liebe,
wie es das Unendliche für sich selbst empfindet, ganz ungemein.
Das ist die Kraft dessen, was allgemein als Gemeinschaft
bezeichnet wird. Das Staunen, die Liebe, die Ekstase und die
Glückseligkeit des Unendlichen weiten sich ununterbrochen
aus, während es in sich selbst zu einem nie endenden
Crescendo anschwillt. Für die unendliche Weite gibt es keine
Grenzen, die sie daran hindern könnte, sich noch weiter
auszudehnen, während sie in sich selbst wogt und die
ekstatische Liebe noch verstärkt, die sie aus sich selbst heraus
für sich selbst verspürt.
Dieses Leben entfaltet sich nun in einem Zustand, bei dem
wahrgenommen wird, daß das Unendliche innerhalb einer
Unendlichkeit existiert, und das ist wahrlich eine Erfahrung, die
sich jeder Beschreibung entzieht. Doch auf diese Weise scheint
sich das Unendliche natürlicherweise sich selbst zu
präsentieren.
Für all dies gibt es kein Ende, so wenig wie es einen Anfang
gegeben hat. Es gibt nur immer wieder «bus hits», wie ich sie
mittlerweile nenne, bei denen sich das Unendliche immer noch
mehr ausweitet.
Die Substanz der unendlichen Weite ist für sich selbst in
jedem Moment so direkt erfahrbar, daß der Kreislauf
manchmal eine weitere Anpassungsphase braucht, um sich an
ein noch un-
endlicheres Gewahrsein zu gewöhnen. Auf die Frage, wer ich
bin, gibt es nur eine Antwort: Ich bin das Unendliche, die
unendliche Weite, welche die Substanz aller Dinge ist. Ich bin
niemand und zugleich jedermann, nichts und alles - genau wie
du.
Epilog: Gespräche mit der unendlichen Weite
Da es nichts gibt, um darüber zu meditieren,
gibt es keine Meditation.
Da man nicht vom Weg abkommen kann,
gibt es kein Verirren.
Es gibt zwar eine unendliche Vielfalt von tiefgehenden
Praktiken, doch existieren sie für den Verstand
in seinem wahren Zustand nicht.
Da, es weder die Praktiken noch den Praktizierenden gibt,
wird, wenn von jenen — ob sie praktizieren oder nicht —
erkannt wird, daß der die Praktiken Praktizierende
nicht existiert — dadurch das Ziel der Praktiken erreicht —
und auch das Ende der Praktiken selbst.
PADMASAMBHAVA

FRAGE Du hast gesagt, daß du keine Praktiken empfehlen


könntest, weil es keinen Handelnden gibt, der sie ausführt.
Wie ist es dann mit uns, die wir noch keinen «bus hit» erlebt
haben? Was sollen wir solange tun?
ANTWORT Was auch immer durch den nicht lokalisierbaren
Handelnden, der schon immer der Handelnde gewesen ist,
geschehen soll. Es gibt kein «Ich», das entscheiden muß, was
getan werden soll, damit die Handlung stattfinden kann. Ich
behaupte nicht, daß es keine spirituellen Praktiken gibt.
Doch es gibt einfach niemanden, der sie ausführt. Wenn die
Praktiken darauf basieren, daß sie jemand vorschriftsmäßig
ausfüh-
ren muß, um das richtige Ergebnis zu erreichen, dann halten sie
an der Meinung fest und verstärken sie sogar, daß es ein
getrenntes, individuelles Selbst gibt.
Der nicht lokalisierbare Handelnde, der hinter allem
steht, gibt sich auf ganz eindeutige Weise zu erkennen. Wenn es
offensichtlich ist, daß Meditation stattfinden soll, dann wirst
du meditieren. Wenn es offensichtlich ist, daß eine politische
Aktivität stattfinden soll, dann wirst du politisch aktiv werden.
Es gibt niemanden, der sein Leben auf eine bestimmte Weise
führen muß, damit es der Mühe wert oder damit es gehaltvoll
ist. Es gibt niemanden, auf den sich irgend etwas davon bezieht -
Gedanken, Gefühle, Taten, Ereignisse. Es ist einfach, was es ist
und immer war. Es ist wahrlich absolut überwältigend.
Wir erleben diese Ehrfurcht, wenn wir die Natur betrachten
- Bäume, Blumen, die Berge oder das Meer. «Ist es nicht absolut
überwältigend?» sagen wir. Es scheint recht einleuchtend, daß
hinter der Natur kein lokalisierbarer Handelnder steckt und es
niemanden gibt, auf den sie sich bezieht. Und trotzdem fühlen
sich die Menschen getrennt von dem Bereich der Natur. Sie
erkennen, daß das Mysterium der Natur überwältigend ist, doch
sie glauben, daß es in ihrem Leben darum geht, daß jemand
dafür verantwortlich ist, damit die Dinge geschehen. Wenn sich
bestimmte Dinge ereignen, dann wird dem eine gewisse
Bedeutung in bezug auf diesen fiktiven Jemand gegeben, und
wenn andere Dinge geschehen, dann hat das wieder eine andere
Bedeutung. Dann macht man eine Therapie und versucht, sich
zu ändern — jemand Besseres zu werden, um ein besseres Leben
führen zu können.
Doch für diesen menschlichen Kreislauf gibt es keine
Zweifel, daß jedermann und alles die unendliche Weite ist.
Wenn ein anderer menschlicher Kreislauf eine konstruierte
«Ich-heit» präsentiert und sie als das, was er ist, darzustellen
versucht, dann wird diese Konstruktion augenblicklich als
das erkannt, was sie ist - ein Haufen von Vorstellungen oder
Gefühlen oder Körperempfindungen. Es ist einfach ein
Gebilde, das genau wie alles andere auch vorhanden ist.
Die meisten spirituellen Praktiken beinhalten die
Überzeugung, daß man irgendwohin kommen muß, wo man
im Moment nicht ist - ein Bestimmungsort, den man
Verwirklichung oder Erleuchtung nennt. Doch die
Verwirklichung ist nicht irgendwo anders: sie ist der
natürlich auftretende menschliche Zustand. Sie gehört
niemandem. Sie ist, was wir alle sind. Die spirituellen
Praktiken erschaffen eine Menge Bilder davon, wie dieser
Zustand aussieht. Wenn ich zum Beispiel schilderte, wieviel
Angst ich erlebte, dann war die Antwort immer, daß etwas
mit mir nicht in Ordnung wäre, denn Angst sei ein Zeichen
dafür, daß ich mich nicht im wahren Zustand befände. Doch
Angst ist lediglich, was sie ist, und sie ist ebenfalls in der
unendlichen Weite dessen, was wir sind, vorhanden.
FRAGE Was kannst du zu der Erfahrung sagen, sich zwischen
den verschiedenen Handlungen oder Richtungen zu
entscheiden?
ANTWORT Die Moment-zu-Moment-Erfahrung in diesem
Fall ist, daß es im Leben keine Wahl gibt, weil es niemanden
gibt, der wählen könnte. Den Handlungen gehen niemals
Gedanken oder Gefühle voraus oder gar der Versuch, die
Dinge in den Griff zu bekommen. Alles geschieht sehr
unmittelbar. Keine Wahl zu haben, ist die Erfahrung des
Offensichtlichen von Moment-zu-Moment.
Natürlich haben die meisten von uns im Leben das
Gefühl, daß es ein «Ich» gibt, welches die Entscheidungen
trifft, und daß als Folge dieser Entscheidungen ganz
bestimmte
Handlungen geschehen. Man hat Vorstellungen davon, wer die
Entscheidungen trifft und was sie im Gegensatz zu falschen zu
richtigen Entscheidungen macht. Diese Vorstellungen
erschaffen, wie ich es nenne, den konstruierten Bezugspunkt.
Wenn man durch die Augen dieses Bezugspunktes schaut
anstatt durch die Augen der unendlichen Weite, dann sieht das
für den Verstand so aus, als gäbe es nur sehr begrenzte
Handlungsmöglichkeiten, obwohl sie in Wahrheit unbegrenzt
sind. Der Verstand schreibt sich selbst die Handlungen zu und
sagt: «Ich habe es getan», und schon scheint sich diese Handlung
auf jemanden zu beziehen. Doch das ändert nichts an der
Tatsache, daß es niemals einen persönlichen Handelnden gibt.
Da dieser Prozeß so grenzenlos und unfaßbar ist, erschafft der
Verstand bei seinem Versuch, es zu verstehen, die Idee von der
freien Wahl. FRAGE Kannst du uns angesichts dessen, was du
gerade gesagt
hast, erklären, weshalb du diese Diskussionen anbietest?
ANTWORT Es gibt eine Menge Vorstellungen von diesem
natürlich auftretenden Zustand. Dieses Leben wurde
anscheinend von der unendlichen Weite so geformt, daß es mit
keinem dieser Vorstellungen übereinstimmt. Mein Gott, ich
stand doch nur an der Bushaltestelle! Wie kann also das, was
ich getan habe, diese Erfahrung hervorgerufen haben? Dieses
Leben dient lediglich als eine Beschreibung, und eines der
Dinge, die es beschreibt, ist, daß dieser Zustand niemandem
gehört. Er ist nicht etwas, das man von jemandem bekommen
kann. Er ist das, was wir alle sind. So betrachtet ist das stärkste
Geräusch der Klang des unendlichen Ozeans - der Ozean, der
wir alle sind.
FRAGE Da der Verstand das alles nicht begreifen kann, heißt
es, daß gewisse Lehrer, die in diesem Zustand verweilen,
ihn anderen vermitteln können. Du hast ihn ganz
offensichtlich
nicht von einem lebenden Meister vermittelt bekommen.
Glaubst du, daß es möglich ist, daß eine Person es einer
anderen vermitteln kann?
ANTWORT Die Vorstellung, etwas zu vetmitteln, unterstellt,
daß es jemandem gehört und an jemand anderen
weitergegeben werden kann. Doch das entspricht nicht im
mindesten dem, wie die unendliche Weite sich selbst aus
sich selbst heraus wahrnimmt. Jeder ist, was er bereits ist.
Wie könnte es noch vermittelt werden? Dieser menschliche
Kreislauf kann lediglich die unendliche Weite wahrnehmen,
aus der alles besteht. Werden andere menschliche Kreisläufe
lediglich als solche wahrgenommen, dann kann
möglicherweise die unendliche Weite in ihren Erfahrungen
mehr in den Vordergrund rücken.
FRAGE Wird die unendliche Weite, von der du sprichst, als
Liebe und Licht wahrgenommen?
ANTWORT Der Verstand muß erkennen, daß er das nicht
begreifen kann, was ich zu beschreiben versuche. Die
unendliche Weite nimmt sich selber in jedem Augenblick
zugleich in jedem einzelnen Teil ihrer selbst aus sich selbst
heraus wahr. Das bezeichne ich als das Sinnesorgan des
Unendlichen. Es hat keinen eigenen Geschmack, es
nimmt sich einfach selbst waht.
Dieser menschliche Kreislauf wurde an der
Bushaltestelle in die bewußte Teilnahme am Sinnesorgan
der unendlichen Weite, die sich selbst in jedem Moment aus
sich selbst heraus wahrnimmt, katapultiert. Sobald der
menschliche Kreislauf beginnt, bewußt daran
teilzunehmen, hat die unendliche Weite einen bestimmten
Geschmack. Ich kann es nicht in persönlichen Begriffen
ausdrücken, denn alles, was ich jetzt sehe, ist nur scheinbar
persönlich. Anstelle von Licht und Liebe würde ich eher den
Ausdruck Wellenbewegung benutzen — die
Wellenbewegung der unendlichen Weite. Wenn man
beispielsweise in einer heißen Badewanne sitzt und sich
nicht bewegt, dann spürt man die Hitze des Wassers
nicht. Sobald man sich bewegt, spürt man die Hitze.
Genauso bietet der menschliche Kreislauf der unendlichen
Weite die Möglichkeit, seine eigene unendliche Weite
durch diese Wellenbewegung, wie ich es nenne, zu
erfahren.
Der Verstand kann das nicht erfassen. Doch wer man ist,
wird von sich selbst ununterbrochen wahrgenommen.
Niemand wird benötigt, um das zu erfassen, damit es sich
selbst erfassen kann. Es erscheint simultan mit allem,
was man zu sein glaubt. Wenn du es Liebe nennen
willst, schließe ich mich dem an, doch ich möchte nicht,
daß es mit jener Liebe verwechselt wird, die sich auf ein
persönliches Selbst bezieht. Die unendliche Weite erlebt
ganz gewiß Freude dabei, wenn sie sich selbst erfährt.
Ganz nüchtern betrachtet, scheint diese Freude der Sinn des
menschlichen Lebens zu sein — nämlich den menschlichen
Kreislauf bewußt am Sinnesorgan der unendlichen
Weite, aus der er besteht, teilhaben zu lassen.
Schließlich ist es das, was wir alle sind. Es ist recht
schwierig, eine visuelle Beschreibung zu geben, denn es
liegt außerhalb des Wahrnehmungsbereiches. Ich kann
nur sagen, daß alle Formen, von denen wir normalerweise
annehmen, daß sie mit etwas erfüllt sind — zum Beispiel
einem bestimmten Bezugspunkt besondere Wichtigkeit
oder Bedeutung zu geben -, als leer erkannt werden. Man
könnte es mit einer Linie vergleichen, die man in den
Sand zieht. Sowohl die Linie als auch alles, was
innerhalb und außerhalb von ihr ist, besteht aus
demselben Sand.
FRAGE Kann ich irgend etwas tun, um dieses Geschehen
für
mich zu beschleunigen? Oder ist es einfach Gnade?
ANTWORT Es gibt niemanden, dem ich raten könnte, was er

tun soll, damit er zur unendlichen Weite wird. Du bist sie bereits
— immer und ewig. Die Anweisungen, bestimmte Praktiken
auszuüben, basieren auf einem Bezugspunkt, doch ein solcher
Bezugspunkt existiert für die unendliche Weite überhaupt nicht.
Die Frage, wer was tun kann, um dahin zu kommen, wo man
bereits ist, ist absurd.
Ob es aus reiner Gnade geschieht, kann ich nicht sagen. Ich
stand ganz einfach an einer Bushaltestelle. Alles ist von einem
unglaublichen Mysterium durchwoben. Es gab niemanden, der
versuchte, so stark wie möglich zu vertrauen oder zu akzeptieren
oder sich vollkommen hinzugeben, damit dies geschehen
konnte. Ich wollte es noch nicht einmal. Ich kann dir also nicht
sagen, was man tun sollte, denn das würde sich auf jemanden
beziehen, der der Ausführende ist. Auf unendlich mysteriöse
Weise kümmert sich der nicht lokalisierbare Handelnde in
jedem Moment um alles.
Schau dir die Welt an und stell dir vor, die Bäume, die
Wolken, die Sterne und Planeten würden daraufwarten, daß
der Verstand sie begreift, damit sie existieren können! Oder
stell dir vor, der Körper würde darauf warten, daß der Verstand
begreift, wie ein Baby entsteht, bevor der Körper schwanger
wird. «Wie soll ich den Verstand konstruieren? Wo soll ich das
Herz hintun? Vielleicht sollte ich jetzt den Blutkreislaufin
Bewegung setzen?» Um all dies kümmert sich das, was so völlig
außerhalb der Wahrnehmungsfähigkeit des Verstandes liegt, so
daß dabei die Frage von Vertrauen erst gar nicht ins Spiel
kommt.
Daher gebe ich nur zwei Empfehlungen. Erstens: Erkenne
die Dinge lediglich als das, was sie sind, denn so sieht die
unendliche Weite immer alle Dinge. Gedanken sind Gedanken.
Gefühle sind Gefühle. Der Körper ist nur der Körper. Es ist die
Interpretation des Verstandes, die dazu führt, daß Leiden
entsteht - das Gefühl, daß da ein Problem ist, daß Angst,
Wut oder Traurigkeit Zeichen dafür sind, daß mit mir etwas
nicht stimmt, daß bestimmte Gefühle oder Erfahrungen
eliminiert werden müssen, damit ich in Ordnung bin, daß
etwas praktiziert oder erreicht werden muß, um die
unendliche Weite zu werden. Auf diese Weise interpretiert
der Verstand ununterbrochen, doch die unendliche Weite
erkennt mit einem Blick, daß alle Dinge nur das sind, was
sie sind.
Die zweite Empfehlung - eigentlich eher eine
NichtEmpfehlung - ist, dem Offensichtlichen zu folgen,
denn auf diese Weise enthüllt der mysteriöse Handelnde,
der hinter jedem einzelnen Leben steht, permanent die
Wahrheit eines jeden Momentes. Damit will ich nicht sagen,
daß man erst herausfinden muß, was das Offensichtliche
ist, bevor man ihm dann folgt. Der Verstand nimmt
normalerweise das Offensichtliche nicht wahr und wertet
gerne ab, was er nicht wahrnehmen kann. Nimm nur die
Redensart: «Das ist einfach zu offensichtlich.» Es ist
demnach nicht kompliziert oder schmerzhaft genug. Der
Verstand tendiert zu komplexen Gebilden und Kampf. Das
ist der Bereich des Verstandes.
FRAGE Wenn du das tust, was offensichtlich ist, woher weißt
du dann, daß dich der Verstand nicht ganz subtil in die Irre
führt und dich davon überzeugen will, daß du das
Offensichtliche tust, wenn das in Wirklichkeit gar nicht
der Fall ist?
ANTWORT Du beschreibst, wie der Verstand einen
Bezugspunkt aufbaut, den er dann entsprechend seiner
eigenen Standards nach dem Offensichtlichen abfragt:
«Woher weiß ich, daß ich dem Offensichtlichen folge? Ist
es wirklich das Offensichtliche, oder ist es das vielleicht
nicht? Wenn ich das wahrhaftig Offensichtliche finde, dann
werde ich ihm folgen.» Doch der Verstand kann das
Offensichtliche nicht identifizie-

ren. Und die unendliche Weite, die wir alle sind, erkennt den
Verstand als genau das, was er ist und genau tut, was ein
Verstand nun einmal tut.
FRAGE Ich bin mir nicht bewußt, einen Bezugspunkt zu
konstruieren. Ich fühle mich gezwungen, das zu tun, was
meine Intuition mir als das Offensichtliche anbietet, und in
dem Moment fühlt sich das alles sehr natürlich und gefällig
an. Doch ich weiß, daß ich manipuliert werde.
ANTWORT Du beschreibst, wie der Verstand als Empfänger der
Wahrheit hingestellt wird. Doch das Offensichtliche wartet
nicht darauf, daß der Verstand es wahrnimmt, damit es
gelebt werden kann. Der Verstand mag es nicht, wenn man
ihn übergeht, also produziert er Zweifel, ob das
Offensichtliche nun die passende oder die unpassende
Handlung wäre. War es das Offensichtliche, oder bin ich
hereingelegt worden? Das ist lediglich die Reaktion des
Verstandes auf etwas, das er nicht begreifen kann. Die
unendliche Weite verlangt nicht vom Verstand, in
irgendeiner Weise anders zu sein. Sie erkennt ihn lediglich
als das, was er ist — also gibt es keine Probleme. Nur wenn
die Zweifel, die der Verstand konstruiert hat, mit der
Wahrheit verwechselt werden - oder mit Problemen oder
Angelegenheiten, die man erst lösen muß, um zu wissen, was
offensichtlich ist - dann beginnt das Leiden.
FRAGE Sprichst du nicht nur von einem unendlicheren,
universelleren Verstand? Ich meine nicht, daß man den
Verstand ignorieren sollte.
ANTWORT Der Verstand muß als das erkannt werden, was
er ist. Er besteht aus der gleichen Substanz wie das
Unendliche -so wie alles andere auch. Die unendliche Weite
als den unendlichen Verstand zu bezeichnen, ist auch nicht
anders, als von einem unendlichen Körper oder von
unendlichen Gefühlen zu sprechen. Warum sollte man
unendlicher Verstand sagen?
Warum sagst du nicht einfach, daß es das Unendliche ist,
das den Verstand als das erkennt, was er ist?
Ich will damit auf keinen Fall sagen, daß man den
Verstand ignorieren sollte. Die unendliche Weite sieht den
Verstand nicht als ein Problem oder als ein Zeichen dafür,
daß etwas nicht in Ordnung ist oder verändert werden muß.
Der Verstand ist vorhanden, und er besteht aus der gleichen
Substanz wie alles andere. Für die westliche Welt ist es jedoch
sehr wichtig, den Verstand als das zu erkennen, was er ist,
denn man hat ihm beigebracht, das Steuerrad zu
übernehmen, um den Bezugspunkt herzustellen und daran
festzuhalten.
FRAGE Was hat dich dazu gebracht, nach einer solchen
Erfahrung Psychotherapeutin zu werden?
ANTWORT Eine der Aufgaben der unendlichen Weite, die
durch diesen Kreislauf geschehen, scheint zu sein,
Psychotherapeuten zu erreichen. Ich habe eine
Trainingsgruppe mit Psychotherapeuten ins Leben berufen,
weil ich all dies den The-rapeuten vermitteln möchte, deren
Beruf es ja ist, Leiden zu beenden. Es gibt so viele starre
Vorstellungen darüber, wie wir sein sollten und was gesund
oder ungesund ist. Anstatt Menschen dabei zu unterstützen,
die Dinge zu sehen, wie sie sind, hat dieser Berufszweig ein
Diagnose-Handbuch erstellt, das ein weites Gebiet
menschlicher Erfahrungen pathologisiert. Allem, was
entsteht, wird eine psychologische Bedeutung zugeordnet,
bestimmte Dinge werden als unerwünscht, abnormal oder
funktionsunfähig angesehen und müssen somit ausgemerzt
werden, damit eine « Heilung» oder « Gesundung» geschehen
kann. Doch wer soll sie ausmerzen und warum? Das
Unendliche erwartet nicht, daß irgend etwas ausgemerzt
wird. Die Präsenz von Gedanken, Gefühlen oder
Verhaltensweisen beeinflussen für keinen einzigen
Augenblick die Unendlichkeit des Unendlichen.
FRAGE Wie ist das mit dem Leiden? Gibt es unnötiges Leiden,
oder ist das Leiden genauso vollkommen wie alles andere
auch?
ANTWORT Wenn man Dinge nicht als das erkennt, was sie
sind, sondern ihnen eine andere Bedeutung gibt, dann
erzeugt das Leiden. Den negativen Bezugspunkt, das
negative Selbstbild für die Wahrheit zu halten, ist im Westen
weitverbreitet. Das Negative scheint wesentlich echter und
tiefer als alles andere zu sein. Wenn Menschen über ihre
Probleme reden, dann gibt es ihnen das Gefühl, sich
wirklich zu kennen. Die Verherrlichung des Negativen ist
unglaublich stark.
Wenn jedoch diese negativen Vorstellungen,
Überzeugungen oder Gefühle einfach als das erkannt
werden, was sie sind, dann gibt es kein Leiden. Doch wenn
sie für das gehalten werden, was ich bin, dann entsteht das
Gefühl, daß mit mir etwas nicht stimmt, und erst wenn ich
mich verändere und mich von der Negativität befreie, wird
mein Leben annehmbar sein. Ich nenne das die Anklage:
Man konstruiert negative Bezugspunkte, die dann alle
Beweise dafür liefern, warum sie die Wahrheit sind.
Die Leute sagen zu mir: «Selbstverständlich bin ich das.
Sieh doch nur, wie ich mich verhalte, wie ich mich fühle und
wie ich denke. Ganz sicher stimmt mit mir etwas nicht.» Sie
verweisen manchmal sogar auf Therapeuten, bei denen sie
waren, oder auf etwas, das sie in Büchern gelesen haben, um
ihren Fall zu untermauern. « Siehst du, ich verhalte mich
anders, als es der Autor beschrieben hat oder mein
ehemaliger Thera-peut für gesund oder spirituell hielt.»
Im Aikido lernt man, wie man beim Angriff des
Gegners sein Momentum dazu benutzt, ihn aus dem
Gleichgewicht zu werfen. Wenn man sich wehrt, schafft
man unnötige Konflikte. Das trifft genauso auf alle
Gedanken, Gefühle und an-
dere Erfahrungen zu, die im Ozean unseres Selbst auftauchen.
Der Ozean lehnt sie niemals ab, er schafft niemals einen
negativen Bezugspunkt und sagt: «Verdammt noch mal, das
Seegras ist immer noch da. Mit mir stimmt etwas nicht!» Wenn
sie auftauchen, dann nimmt sie der Ozean als das wahr, was sie
sind, und dann verflüchtigen sie sich wieder auf ganz natürliche
Weise.

(Diese Fragen und Antworten stammen aus öffentlichen


Gesprächen, die im Frühjahr 1996 stattfanden.)
Anerkennung
Ich möchte all jenen danken, die in dem mysteriösen
Ablauf des Unendlichen, so wie er sich in diesem Leben
manifestiert hat, ire Rolle gespielt haben. Viele von ihnen haben
einen entscheidenden Beitrag geleistet, um diese Beschreibung,
die Sie gerade gelesen haben, ins Leben zu rufen.
Lisa und Myron Segal, meinen Eltern, die mich in diese
Welt gebracht haben, Daniel und Robert Segal, meinen
Brüdern, für ihre Partnerschaft im Familienleben. Maharishi
Mahesh Yogi für seine Beschreibung des transzendentalen
Bereiches. Den öffentlichen Pariser Verkehrsmitteln, die eine
Bushaltestelle zur Verfügung stellten, weil gerade kein Bodhi-
Baum in der Nähe war. All den Psychotherapeuten, die
erfolglos versucht haben, die unendliche Weite zu heilen. Steven
Kruszynski für seine Partnerschaft in der Winterzeit und seine
Vaterrolle für Arielle.
All jenen, die die Anwesenheit der unendlichen Weite
während der Winterzeit bestätigten: Jean Klein, Jack Kornfield,
Christopher Titmuss, Andrew Cohen, Gangaji, Hameed Ali,
Reb Anderson, Poonjaji, Ram Dass, John Tarrand.
Ramana Maharshi, zu allen Jahreszeiten anwesend.

Mit dem Einbruch des Frühlings haben sich folgende Personen


als Mitspieler in der unendlichen Weite erwiesen: Stephan
Bodian, indem er die unendliche Weite aus der Abstellkammer
geholt hat und ein talentierter Herausgeber und Freund war.
Michael Batli-ner mit seinem radikalen Enthusiasmus. All jene,
die mit der ersten Welle kamen und dann mit einer größeren
Gemeinde teilten, was sie erkannt hatten: Richard Miller, John
Prendergast, Judith
Shiner, Elliott Isenberg, Peter Scarsdale, Lela Landman, Krishna.
Neil Lupa für seine Kameradschaft in der unendlichen Weite.
Und schließlich all jene, die an der Beschreibung der
unendlichen Weite in Diskussionen, privaten Gesprächen und
kleinen Gruppen teilgenommen haben.

Suzanne Segal ist am 31. März 1997 an Krebs gestorben.