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Friedemann Spicker

Friedemann Spicker Kurze Geschichte des deutschen Aphorismus
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Kurze Geschichte des deutschen Aphorismus

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Friedemann Spicker

Kurze Geschichte des deutschen Aphorismus

Friedemann Spicker Kurze Geschichte des deutschen Aphorismus

Umschlagabbildungen:

Georg Christoph Lichtenberg © ullstein bild Friedrich Nietzsche © ullstein bild – Granger Collection Marie von Ebner-Eschenbach © ullstein bild Karl Kraus © ullstein bild – imagno Elias Canetti © ullstein bild – Tappe

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbi- bliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2007 · Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustim- mung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektro- nischen Systemen. Gedruckt auf säurefreiem und alterungsbeständigem Werkdruckpapier.

Internet: http://www.francke.de E-Mail: info@francke.de

Satz: Thomas Keller, Königswinter Druck und Bindung: Kessler Druck + Medien, Bobingen Printed in Germany

ISBN 978-3-7720-8247-4

„Genauigkeit und Seele.“ Für A.

Inhalt

I. Vorbemerkungen

9

II. Zur europäischen Vorgeschichte

11

A. 18. Jahrhundert

Das

16

I.

Die frühe deutsche La Rochefoucauld-Rezeption

18

Adolph von Knigge 18, Johann Caspar Lavater 18, Marianne Ehrmann 19, Friedrich Schulz 19

II.

Lebensphilosophie und Lehraphorismus

20

III.

Im Umkreis der werdenden Gattung

22

Friedrich Heinrich Jacobi 23, August von Einsiedel 24, Mutschelle 25

Sebastian

IV.

Der frühe Höhepunkt der Gattung um 1800

27

1. Georg Christoph Lichtenberg: Sudelbuch-Einfälle

28

2. Jean Paul: Gedanken und Bemerkungen

32

3. Das romantische Fragment

35

4. Johann Wolfgang von Goethe: Maxime und Aperçu

38

B. 19. Jahrhundert

Das

42

I.

Politische Aphoristik nach 1800

42

Friedrich Maximilian Klinger 42, Johann Gottfried Seume 49, Daniel Ludwig Jassoy 53, Wolfgang Menzel 55, Carl Gustav Jochmann 57, Ludwig Börne 63

II.

Biedermeier-Aphorismus

68

Rahel Varnhagen von Ense 69, Ernst von Feuchtersleben 72, August von Platen 77, Karl Immermann 78, Ludwig Feuerbach 78, Anton Fähnrich 80, Moritz Gottlieb Saphir 81, Adolf Glass- brenner 83

III.

Tagebuch und Aphorismus

83

Friedrich Hebbel 83, Franz Grillparzer 90

IV.

Nachlass-Notiz und Aphorismus

91

Johann Nestroy 91, Heinrich Heine 92, Nikolaus Lenau 93, Wilhelm Raabe 93

V.

Lebensweisheit: Arthur Schopenhauer

94

VI.

Der Aphorismus der sechziger bis achtziger Jahre

97

Karl Gutzkow 97, Berthold Auerbach 98, Friedrich Theodor Vischer 100, Ludwig Anzengruber 101, Joseph Fick 101, Otto Banck 102, Johann Jakob Mohr 103, Paul Rée 105

VII.

Prägung des Gattungsbewusstseins

106

1. Marie von Ebner-Eschenbach

106

2. Friedrich Nietzsche

112

VIII. Der Aphorismus um die Jahrhundertwende:

 

Gedankensplitter, Herzensaphoristik, Moralistik

120

Moritz Goldschmidt 122, Otto Weiß 123, Georg von Oertzen 124, Paul Nikolaus Cossmann 127, Emanuel Wertheimer 127, Emil Gött 129, Walther Rathenau 130, Arno Nadel 130, Richard Münzer 131, Ernst Hohenemser 132

C.

Das 20. Jahrhundert

134

I. Im Zeitalter des Impressionismus

135

Peter Hille 135, Isolde Kurz 137, Christian Morgenstern 138, Peter Altenberg 140

II. Der expressionistische Aphorismus

142

Rudolf Leonhard 145

III. Karl Kraus; Kraus-Nachfolge

147

Egon Friedell 153, Alfred Polgar 153, Anton Kuh 153

IV. Der österreichische Aphorismus der Zwischenkriegszeit

155

Hugo von Hofmannsthal 155, Arthur Schnitzler 157, Richard von Schaukal 159, Franz Kafka 160, Robert Musil 163

V. Der Aphorismus in der Weimarer Republik

166

Rudolf Alexander Schröder 166, Wilhelm von Scholz 168, Gerhart Hauptmann 169, Kurt Tucholsky 170

VI. Nationalsozialismus und Exil

172

Ernst Bertram 174, Richard Benz 178, Theodor Haecker 178, Franz

Werfel 179, Bertolt Brecht 180, Felix Pollak 181, Werner Kraft 181, Franz Baermann Steiner 182, Ludwig Strauß 183, Hans Margolius

184

VII. Aphorismus und Wissenschaft

187

Walter Benjamin 188, Theodor W. Adorno 188, Ludwig Wittgen- stein 190, Ferdinand Ebner 191, Rudolf Kassner 192

VIII. Der deutschsprachige Aphorismus in der Nachkriegszeit bis 1968

197

1. Tradition und Erneuerung in der Bundesrepublik

197

Der christlich-konservative Aphorismus (Friedrich Georg Jünger, Ernst Wilhelm Eschmann, Otto Heuschele, Fritz Diettrich, Fritz Usinger, Ernst Meister) 198, Lebenshilfe- und Erbauungs- aphoristik (Sigmund Graff) 200, Frauenaphoristik (Gertrud von Le Fort) 201, Zwischen Tradition und Erneuerung (Martin Kessel, Joachim Günther, Hans Kudszus, Hans Arndt, Hans Kasper) 202

2.

Der Nachkriegsaphorismus in Österreich und der Schweiz 209

Der österreichische Konservativismus der Nachkriegszeit (Heimi- to von Doderer, Herbert Eisenreich, Hans Lohberger) 209, Politische und experimentelle Öffnung (Werner Schneyder) 212, Der Schweizer Aphorismus 213, Konservativismus und Einzelgängertum (Ludwig Hohl, Hans Albrecht Moser, Erich Brock, Max Rychner) 213, Von der Politisierung der siebziger Jahre bis zur Postmoderne (Kurt Marti, Felix Philipp Ingold) 219

3. Sonderweg: Der Aphorismus in der DDR

221

Die Unverantwortlichkeit des Aphorismus 221, Affirmative Satire und Aphorismus (Günter Cwojdrak, André Brie, Werner Ehren- forth) 222, Aphorismus und Opposition (Horst Drescher) 224

Der deutschsprachige Aphorismus 1945–1970

225

IX. Der Aphorismus in der Bundesrepublik nach 1968:

Satire, Wortspiel, Sozialkritik

227

Adorno und die Folgen 227, Aphorismus und Satire 229, Auf der

Wortspielwiese 231, In der Nachfolge der klassischen Moralistik (Nikolaus Cybinski, Michael Rumpf, Karlheinz Deschner) 232, Hippokrates und kein Ende 235, Der pragmatische Aphorismus

236

X. An den Grenzen der Gattung

236

1. Aphorismus und Wörterbuch

237

2. Essay und Aphorismus

239

Albrecht Fabri 239, Erwin Chargaff 240

3. Zwischen Lyrik und Aphorismus

240

Hans Peter Keller 241, Spruch und Epigramm (Günter Kunert, Erich Fried) 242, Elazar Benyoëtz 244

4. Aufzeichnung, Tagebuch, Journal

247

Ernst Jünger 249, Elias Canetti 251, Wolfdietrich Schnurre 253, Peter Handke 255

XI. Postmoderner

Fragmentarismus

258

Botho Strauß 258, Martin Walser 260, Franz Josef Czernin 261

Der deutschsprachige Aphorismus 1970–2000

263

D. Anhang 267

I. Nachweis der Zitate 267

II. Literatur 275

1. Quellen (mit zugehöriger Sekundärliteratur)

275

2. Allgemeine Sekundärliteratur

311

3. Anthologien

316

III. Personenregister

317

I.

Vorbemerkungen

Das Ziel dieses Buches ist es, zum ersten Mal einen Überblick über die histori- sche Entwicklung einer Gattung in Deutschland zu geben, die zwar an Auf- merksamkeit hinter Großgattungen wie dem Roman oder der Lyrik eindeutig zurücksteht, in der aber doch Schriftsteller über fast drei Jahrhunderte hin- weg Großes geleistet haben und immer noch leisten. Dem entspricht auf der Seite der Leser ein nicht nachlassendes Interesse an Aphorismen oder kurzen Sprüchen, die auf ihr Leben direkten Einfluss haben können, sei es, dass sie als Lebensregeln generell oder Maximen in einer besonderen Lebenslage ü- bernommen werden, sei es, dass sie aus reiner Freude am Denken und an den Möglichkeiten der Sprache aufgenommen werden und den Anlass zu eige- nem Weiterdenken bilden. Über den engeren akademischen Zirkel hinaus wünscht sich das Buch diese Leser; im Hinblick auf sie ist es geschrieben. Direkten Einfluss haben Texte wie: „Wer nicht mindestens aller Verbrechen fähig ist, kann nicht tugendhaft sein“ (Rudolf Leonhard) oder: „Wer nicht den Irrtum wagt, wird kaum den Weg zum Heil finden“ (Otto Heuschele) oder:

„Wer nicht glücklich sein will, braucht nur aufrichtig zu sein“ (Hans Kuds- zus) durch eine Eigenschaft, die die Literaturwissenschaftler Nichtfiktionalität nennen und die die Aphorismen in aller Regel von den Großgattungen Ro- man, Drama, Lyrik unterscheidet. Sie spielen nicht in einem Möglichkeitsfeld, sie betreffen die Wirklichkeit ihrer Leser unverbildet: Tugend, Irrtum, Glück sind ja als Themen „wirklich“ für jedermanns Lebensgestaltung nicht ganz nachrangig. Darin haben die Aphorismen für viele Leser gewiss ihren beson- deren Wert. Auf der Seite des Autors heißt das, dass sie von der Literatur wie von einer im Leben und im Erleben verwurzelten Philosophie herkommen; sie sind die Frucht eines unsystematischen Erlebnisdenkens. Und im Gegen- satz zum Sprichwort, mit dem ihnen die isolierte Kürze gemeinsam ist, tragen sie jeweils das höchst individuelle Gepräge ihres Autors mit all seinen Einsei- tigkeiten, Widersprüchen, Anmaßungen. Gerade dadurch reizen sie ja den Leser zum Widerspruch, treiben ihn in eine gedankliche Auseinandersetzung. Viele rhetorische Raffinessen, allen voran die Paradoxie, haben die Autoren zu diesem Zweck aufgewandt. Damit sind wir schon bei Definitionselementen für die Texte, um deren Geschichte es hier gehen soll. „Ist das eigentlich ein Aphorismus?“ Das ist ja berechtigterweise die Frage, die ganz am Anfang steht, wenn man mit dieser Gattung umgeht. Zitate aus größeren Zusammenhängen, Romanen vielleicht, Pointen etwa aus Interviews, Sentenzen aus Theaterstücken: sie wollen wir ausscheiden, nicht nur weil die Sache ins Uferlose verliefe, sondern auch, weil uns die Forschung mit dem Kriterium der Autorintention ein brauchbares Unterscheidungsinstrument an die Hand gibt. Es leuchtet ja ein, zunächst einmal zu fragen, ob der Autor diesen pointierten und isolierten Einzelsatz auch als solchen gewollt hat oder ob er aus einem Kontext gerissen ist (gar

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Vorbemerkungen

verkürzt), von dem her er erst seine ganze Bedeutung gewinnt. Die For- schung hat sich in den letzten Jahren verstärkt um solche Fragen bemüht, und sie hat differenziert und Grenzbereiche untersucht, wie es ihre Aufgabe ist. So hat sie beispielsweise die scheinbar klare Autorintention mit der Untersu- chung nachgelassener, also nicht selbst veröffentlichter Texte wieder proble- matisiert. Sie stellt Fragen: Kann man gedrängte, treffende Knappheit über einen Begriff wie Konzision hinaus definieren? Wie lang ist Kürze? Und wie kurz? Gehört ein Einzelwort noch in die Gattung? Und mehr noch: Wie weit sind uns die eigenen Bezeichnungen der Autoren maßgebend? Ist eigentlich alles, was sich selbst „Aphorismus“ nennt, ein Aphorismus? Und wenn sie „Fragmente“ schreiben, nehmen wir das trotzdem und mit welchen Gründen in die Gattung hinein? Neuere Fachlexika und Enzyklopädien bilden den Forschungsstand gut ab; sie unterrichten den Interessierten in beliebiger Tie- fe, der Anhang verzeichnet sie. Der Leser dieser Gattungsgeschichte wird die Auffassungen des Verfassers in diesen Fragen implizit wahrnehmen, eben einfach dadurch, ob und wie dieser die Aphorismen in einen Text einfügt, den er als „Geschichte“ einer „Gattung“ erzählend konstruiert. Er hat dazu zahlreiche systematische und vor allem historisch orientierte Vorarbeit geleis- tet; das Interesse am Aphorismus, analytisch-rezeptiv wie auch produktiv, begleitet ihn seit je. Zum Schluss noch einige eher technische Bemerkungen. Der Umfang, der einzelnen Autoren zugebilligt wird, zeugt nicht unbedingt von ihrer Bedeu- tung; die Proportionen sind zum Teil kompensatorisch verschoben, je nach dem, wie umfänglich ein Aphoristiker bisher behandelt worden ist. So wird man Jochmann im Verhältnis zu Novalis oder Feuchtersleben im Verhältnis zu Lichtenberg relativ breit dargestellt finden. Im Übrigen bildet sich die For- schung ab, die gerade im 18. und 19. Jahrhundert noch manches Desiderat vorfindet; zur Gegenwart hin fließen primäre wie sekundäre Quellen ent- schieden stärker. Die Darstellung kann und muss hier differenzierter sein; sie stützt sich überdies auf eine frühere Arbeit (Spicker 2004). Primärzitate sind mit Kurztitel (sofern nötig) und Seitenzahl in Klammern im Text nachgewie- sen; sie sind dann problemlos über das Literaturverzeichnis aufzufinden, das auch die ansonsten kaum vermeidlichen Titelfriedhöfe im Text ersetzt. Auf […] am Anfang oder Ende eines verkürzt wiedergegebenen Aphorismus wurde verzichtet. Im Anhang ist mit Hinweis auf die Seite die Sekundärlitera- tur zitiert, auf die sich der Verfasser wörtlich bezieht oder an die er sich be- sonders stark anlehnt. Im Übrigen sind ihre Ergebnisse der besseren Lesbar- keit wegen nicht in jedem Fall nachgewiesen. Die Sekundärliteratur ist aber selbstverständlich in die Darstellung eingeflossen; sie ist im Literaturver- zeichnis in Auswahl aufgeführt.

II.

Zur europäischen Vorgeschichte

Aus vornehmlich drei antiken Quellen speist sich der Aphorismus, wie er sich seit der Renaissance in Europa entwickelt. Die Ausgangspunkte verbin- den sich mit den Namen Hippokrates, Seneca und Plutarch. Die „Aphorismen“ des Hippokrates, als Sammlung von Lehrsätzen das berühmteste Buch innerhalb einer großen Anzahl hippokratischer Schriften, das sich auf den griechischen Arzt aus dem 5. Jh. vor Chr. selbst freilich nicht zurückführen lässt, geben der Gattung nicht nur den Namen; sie begründen über den spätrömischen Arzt Galen, über Paracelsus im 16. und Herman Boerhaave im frühen 18. Jahrhundert auch eine Tradition medizinischer Aphoristik und besonderer Affinität der Ärzte zu dieser literarischen Kurz- form. Boerhaaves „Aphorismi“ (1709) sind mit rund 50 Nachdrucken und Übersetzungen das 18. Jahrhundert hindurch das entscheidende Zwischen- glied zwischen Hippokrates und einer Hippokrates-Renaissance im späten 18. Jahrhundert, mit der eine regelrechte Konjunktur des (populär-) wissenschaft- lichen Aphorismus verbunden ist. Das Vorbild medizinischer Lehrbuch- Aphoristik wird nämlich auf andere Wissenschaften übertragen, beispielswei- se die Physik, die Pädagogik oder die Astronomie. Wo der Übergang von der medizinischen zur politischen Heilung vollzo- gen wird, verknüpft sich diese Tradition mit dem nachhaltigen Einfluss von Senecas Sentenzen, wie sie in Gnomologien, antiken Spruchsammlungen, überliefert sind, sowie der Tacitus-Kommentierung mit ihrem Kürze-Ideal als der zweiten Quelle in den ersten modernen Aphorismen, so bei Francesco Guicciardini (1483-1540), dem Florentiner Politiker und Diplomaten, der nach erzwungenem Rückzug in den „Ricordi“ (1576) praktische Ratschläge für das politische Leben formuliert. Wenn dabei der Schutz vor Täuschung und die Möglichkeit der Berechnung im Zentrum stehen, so fordert er Erfahrung und Unterscheidungsvermögen, damit der Leser die Widersprüche und Parado- xien recht versteht. Vor allem aber ist hier das „Oráculo manual“ (1647) des spanischen Jesuiten und Hochschullehrers Baltasar Gracián (1601-1658) zu nennen. Dieses „Handorakel“ gibt gleichfalls Regeln und Ratschläge zum Verhalten im politischen Leben, die in den Problemen von Gesellschaft und Individualität, Herrschaft und Abhängigkeit, Berechnung und (Selbst-)Täu- schung, Schein, Realität und Realität des Scheins ihre Mitte haben. Der leiten- de Gesichtspunkt dabei ist das Gegeneinander von Verstand, Selbst- und Menschenkenntnis, Beherrschung der Affekte einerseits, der inneren Abhän- gigkeit von der Gesellschaft andererseits. Der Weg vom Kommentar zu litera- rischer Eigenständigkeit ist bei Gracián im Miteinander von – eigenem – Aphorismus und Selbstkommentierung gut zu beobachten. Mit La Rochefou- cauld knüpft die französische Moralistik bei ihm an. In Deutschland ist er Mitte des 19. Jahrhunderts von größter Wirkung auf seinen Übersetzer Scho- penhauer.

12

Zur europäischen Vorgeschichte

Die dritte Quelle stellen Apophthegmata dar, aus einer bestimmten Situa- tion hervorgegangene und in sie eingebundene Denksprüche, wie sie seit Plutarch überliefert sind. Hier fließt auch die gesamte religiöse Spruchweis- heit vor allem aus der Bibel ein. Erasmus von Rotterdam stellt in der ent- scheidenden Umbruchzeit der Renaissance neben kommentierten Sprichwör- tern 1536 die maßgebende Sammlung von Apophthegmata zusammen. Wenn er 1540 „Aphorismen“ schreibt, so will er in diesen nur lose miteinander ver- bundenen Sätzen seine Loslösung vom System der Scholastik dokumentieren. Die Sammlungen deutschsprachiger Sprichwörter und Apophthegmata von Johannes Agricola (1529) und Julius Wilhelm Zincgref (Ausgaben von 1626 bis 1693) bis Georg Philipp Harsdörffer (1655), Samuel von Butschky (1666) und Johann Riemer (1687) dokumentieren den Zusammenhang mit der frü- hen Gattungsgeschichte unmittelbar; Heinrich Hoffmann von Fallersleben hat sie im 19. Jahrhundert unter dem Titel „Aphorismen und Sprichwörter aus dem 16. und 17. Jahrhundert“ (1844) gesammelt. Die Überschneidungsberei- che der Gattung nicht nur mit Sprichwort und Apophthegma, auch mit Regel, Maxime und Sentenz, mit Zitat und Anmerkung, (Fuß-)Note und Marginalie erklären sich aus dieser mehrfach verästelten Vorgeschichte; sie beherrschen auch die frühe deutsche Gattungsgeschichte. Zur Schlüsselfigur für die europäische Aphoristik wird der englische Staatsmann und Philosoph Francis Bacon (1561-1626), der sich nicht nur mit der Gattung der Apophthegmata – sammelnd und reflektierend – auseinan- dersetzt, sondern 1620 gegen die „traditio methodica“ eine neue „traditio per aphorismos“ in einem „Novum Organum“, eben einem „Neuen Organ der Wissenschaften“, begründet und erprobt. Von einem neuen, auf Beobachtung und Experiment gegründeten empirischen Wissenschaftsbegriff her vermittelt er die unsystematisch vereinzelte, mit konkreter Erfahrung angereicherte Erkenntnis. Apophthegmatik und vor allem Antisystematik verbinden sich in der Form des Aphorismus zu einem Vorbild, das in die wissenschaftliche Aphoristik wie in die noch namenlose literarische Aphoristik gleichermaßen hinüberführt, so bei Swift in England und bei Lichtenberg in Deutschland. Im Frankreich des 17. Jahrhunderts kommt die Gattung unter dem Begriff der Maxime zu einer ersten Blüte, für die vornehmlich die Namen La Roche- foucauld und andererseits Pascal, dann La Bruyère und des weiteren Vauve- nargues und Chamfort stehen. Sie werden als Moralisten bezeichnet; das meint hier aber nicht Moralprediger, das meint Autoren, „die die Sitten der Menschen beobachten, ihr eigenes Verhalten und das ihrer Umwelt analysie- ren, über das Wesen des Menschen und die Motive seines Handelns nach- denken und ihre Reflexionen in unsystematischer, dem Gegenstand der Beob- achtung angemessener Form zur Darstellung bringen.“ Montaigne geht La Rochefoucauld wie auch Pascal mit seinen „Essais“ (1580) voraus. Aphoris- mus und Essay sind in der Betonung des Individuellen, in ihrer Systemskep- sis und ihrem logisch-ästhetischen Ineinander verwandt; der Essay wird oft- mals als so etwas wie die Ausführung oder Ausbreitung eines Aphorismus

Zur europäischen Vorgeschichte

13

verstanden. Diese Nähe ist schon in den beiden entscheidenden Figuren der Frühgeschichte des Essays, neben Bacon eben in Montaigne, personifiziert. François de La Rochefoucauld (1613-1680) darf man als Schöpfer einer neuen literarischen Form bezeichnen. Seine „Réflexions ou sentences et ma- ximes morales“ (1665) entstehen, nachdem er sich 1652 enttäuscht aus der großen Politik zurückgezogen hat, als durchaus individuelle Kunstform auf dem Boden einer Kultur des literarischen Salons. Er schafft damit als der im eigentlichen Sinne erste europäische Aphoristiker das Muster der Gattung (oder zumindest deren verbreitetsten Grundtyp). Die Maximen führen, mehr- fach überarbeitet, die Kunst der Beobachtung des Menschen als eines Gesell- schaftswesens in äußerster Verknappung und Zuspitzung zur Pointe auf einen Höhepunkt. Themen sind die in der französischen Moralistik wie in der Geschichte des Aphorismus überhaupt immer wieder bedachten: Glück und Unglück, Liebe und Freundschaft, Leidenschaft und Eifersucht, Ruhm und Ehre, Geiz und Neid, Lob und Schmeichelei. Eigenliebe ist für ihn die ent- scheidende Triebfeder allen menschlichen Handelns, der von aller Selbsttäu- schung befreite honnête homme, der sittlich und gesellschaftlich vollendet Gebildete, sein Ideal. Von der Grundvoraussetzung des individuellen Egois- mus her werden die Ambivalenz von Tugend und Laster blitzlichtartig be- leuchtet, die Tugend und ihr Anschein, Täuschung und Selbsttäuschung scharf analysiert. Stilistische Mittel wie Parallelismus, Antithese, Chiasmus werden dabei gattungsprägend. Konzentriert auf den isolierten Einzelsatz und nicht mehr den ganzen Denkprozess vermittelnd: so wirken seine Maxi- men vorbildlich und sind formal wie inhaltlich von beispielloser Wirkung, in Deutschland namentlich etwa auf Ebner-Eschenbach und bis ins 20. Jahrhun- dert hinein. Die „Pensées“ (postum 1669/70 veröffentlicht) des Religionsphilosophen und Mathematikers Blaise Pascal (1623-1662) stehen ihnen, was Einfluss und Modellbildung betrifft, kaum etwas nach. Die fragmentarisch gebliebenen Entwürfe zu einem zusammenhängenden Buch sind möglicherweise erst unter dem Einfluss des Erfolges der „Maximen“ als losgelöste „Gedanken“ veröffentlicht worden. Trotzdem hält sie die jüngere Forschung unter Beru- fung auf Pascal selbst für eine essentiell fragmentarische Darstellung. Sie erstreben in der Synthese von wissenschaftlichem Geist und religiöser Lei- denschaft eine Verteidigung des christlichen Glaubens gegen den Rationalis- mus der Zeit. Die ethisch-religiöse Forderung, nicht die literarische Gestal- tung ist für Pascal maßgebend; fanatischer Glaubensernst steht an der Stelle der Skepsis. Höchste geistige Prägnanz und Durchdringung verbinden sich bei ihm mit Unterwerfung im Glauben, ein Miteinander, das schon für Lich- tenberg, erst recht dann für Nietzsche nicht nachvollziehbar ist, das gleich- wohl in seiner Dialektik und seinem bohrenden Versuchen, das Undefinierba- re zu definieren und unlösbare Fragen paradox zu beantworten, alle religiösen deutschen Aphoristiker bis zum Ende des 20. Jahrhunderts auf das stärkste beeinflusst.

14

Zur europäischen Vorgeschichte

Das Interesse der französischen Moralistik, die Sitten und Konventionen des Menschen zu beobachten und seine Handlungsantriebe und Normen zu analysieren, manifestiert sich bei Jean de La Bruyère (1645-1696) in Maximen und Porträts, den „Caractères“ (1688), Charakterskizzen in der Tradition The- ophrasts, in denen sich Konservatismus mit Sozialkritik verbindet. Gedanken der Vorgänger, Montaignes, Pascals, La Rochefoucaulds, werden hier am Objekt demonstriert. Stilistisch und motivisch sind Maxime und Porträt eng verbunden. Die treffsichere Darstellung der variablen Vielfalt des Menschlich- Widersprüchlichen überwiegt das systematische Interesse. Aphoristische, auf die eine bewegende Mitte hin kondensierte Kurzporträts – ‚Er-Aphorismen‘ könnte man sie nennen – sind seither ein Typ innerhalb der Gattung, der von Lichtenberg bis Canetti weit verbreitet ist. In vielem moderner erscheinen Luc de Clapiers, Marquis de Vauvenar- gues (1715-1747) und erst recht Nicolas Chamfort (1741-1794), die beide vom Vorrang der Affekte gegenüber der Vernunft ausgehen und das Herz – le coeur – gegen den Kopf ausspielen. Vauvenargues steht mit seinen „Réflexi- ons et maximes“ (1746) in bewusster Opposition zu La Rochefoucauld. Skep- sis auch gegenüber der Ratio selbst führt ihn zu einem weniger partiellen Menschenbild, in dem Leidenschaft sich mit Verstandesschärfe paart. Seine Maximen lassen eher als das rationale Kalkül scharfer Distinktion Gefühl und Spontaneität erkennen. Stilistisch durchweg weniger ambitioniert als die des Vorgängers, ragen sie durch die Modernität ihres ambivalenten Denkens wie ihres Menschenbildes heraus. Der Lyriker und Dramatiker Chamfort beob- achtet in seinen postum veröffentlichten „Maximes et Pensées, Caractères et Anecdotes“ (1795) nicht mehr von höherer Warte aus unwandelbare Charak- terzüge ‚des‘ Menschen, sondern den veränderbaren Menschen in einer be- stimmten historischen Situation, den Umwälzungen der Französischen Revo- lution nämlich, der er selbst zum Opfer fällt. Er ist ein Gesellschaftsanatom auf der Grenze von Aphorismus und Anekdote, der den historischen Wandel mit Witz, Ironie und Sarkasmus reflektiert, das subjektive Element betont und die ironisch-witzige Erkenntnis in der Person des Aphoristikers beglaubigt sieht. Damit steht er nicht nur am Ende der moralistischen Maxime, er schafft gleichzeitig die Voraussetzung für das Entstehen der modernen Aphoristik und ist im zeitgenössischen Deutschland von großer Wirkung insbesondere auf die Brüder Schlegel, später dann auf Schopenhauer und Nietzsche. Wenn die Vorgeschichte der Gattung in Deutschland von Überschneidun- gen vom Sprichwort bis hin zu Sentenz und Zitat geprägt ist, so entwickelt sich aus der frühen französischen Blüte zum einen das für lange Zeit kanoni- sche Modell der Maxime als des rhetorisch pointierten Einzelsatzes. Das hat in der Literaturwissenschaft zu vielfältigen Überlegungen geführt. Man hat von zwei verschiedenen Gattungen oder von einem französischen und einem deutschen Gattungsmodell sprechen wollen und in dieser Hinsicht dann auch besonders das Fragment der deutschen Frühromantik herausgehoben; erst in jüngerer Zeit setzt sich der Aphorismus als Gattungsbezeichnung auch in Frankreich mehr und mehr durch. Zum andern liegt hier aber auch der

Zur europäischen Vorgeschichte

15

Grund für weitere Grenzbereiche, so zu Essay, Porträt und Anekdote. Durch Offenheit zu verschiedenen Seiten ist die Gattung seitdem in besonderem Maße geprägt. Das erschwert ihre Beschreibung ebenso wie ihre Geschichts- schreibung.

A. Das 18. Jahrhundert

Wenn die Forschung für die Aufklärung mit ihrem „instrumentellen Dich- tungsbegriff“ zum einen die „Durchlässigkeit der Grenzen zwischen fiktiona- ler und nichtfiktionaler Literatur“ und zum andern die „offenkundige Vorlie- be für poetische Genres mit didaktischer Ausrichtung“ beobachtet hat, dann ist zu beiden Tendenzen an hervorragender Stelle auch vom Aphorismus zu sprechen. Die Leitlinien für die Anfänge seiner deutschen Gattungsgeschichte liegen durch den skizzierten europäischen Rahmen fest. Das ist zum einen eine Ver- spätung. Der Aphorismus entwickelt sich, wie zu sehen war, aus der Antike heraus in der Renaissance in Italien und Spanien, von wo er nach Frankreich wechselt; dort kommt es zu einer ersten Hochblüte, bedingt durch bestimmte soziale Bedingungen wie die Kultur des Salons. England folgt. Das ist zu- nächst noch vom wissenschaftlichen Aphorismus Bacons her zu erklären, nach den englischen Übersetzungen La Rochefoucaulds von 1670 und 1685 als frühe Wirkung der französischen Moralistik. Die Verspätung wird in Deutschland als Chance genutzt; die Frühgeschichte der Gattung kulminiert von den verschiedensten Quellen her in einer schnellen, eigenständig akzen- tuierten und vielgestaltigen Blütezeit um 1800. Zum andern ist eine doppelte Unschärfe zu konstatieren. Auch sie resul- tiert aus der verästelten Vorgeschichte. Eine Trennung zwischen literarischen und nichtliterarischen Aphorismen führt für das 18. Jahrhundert in die Irre. Es geht um einen ungeschiedenen Zwischenbereich zwischen (wissenschaftli- cher) Anthropologie und (literarischer) Moralistik, eine Lebensphilosophie und eine Literatur der Selbst- und Menschenkenntnis. Für diese Wissenschaft vom Menschen wird die französische Moralistik vorbildlich. So werden wir in einem ersten Kapitel die frühe deutsche La Rochefoucauld-Rezeption skizzie- ren. Der Begriff „Aphorismus“ bezeichnet aus der hippokratischen Tradition heraus seit Bacon im Gegensatz zur systematischen Darlegung die (populär-) wissenschaftliche Schreibart in unverbundenen Lehrsätzen, die im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts in Deutschland zu einer regelrechten Modeer- scheinung wird und solcherart nur teilweise in der Nähe der werdenden Gat- tung anzusiedeln ist. Diesem Lehraphorismus im Zusammenhang der Le- bensphilosophie hat der Abgrenzung wegen ein weiteres kurzes Kapitel zu gelten. Zu derselben Zeit kommt es im Umkreis der Gattung und in Verbindung mit der Lebensphilosophie zu einer wachsenden aphoristischen Praxis ohne „Aphorismus“. Der literarische Aphorismus entwickelt sich unter wechseln- den metaphorischen Bezeichnungen und mit einer zunächst schwierigen Publikationssituation von Exzerpt und Zitat, von Glosse, Anmerkung und Marginalie, von Regel und Maxime, auch von Apophthegma und Anekdote

Das 18. Jahrhundert

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her, als Miszelle und Fragment. Dieser Umkreis reflektiert die breit gefächerte Herkunft. Bei Exzerpt und Zitat, Anmerkung, Marginalie und Glosse kann Fremdes – als solches unausgewiesen – mit dem Eigenen verschmelzen, oder Fremdem wird etwas Eigenes angefügt, das sich verselbstständigen kann. Bei Jean Paul steht das Zitat- und Exzerpthafte im Zentrum, auch Goethe lässt den Zusammenhang noch erkennen, wenn er ohne Bedenken und ohne Her- kunftsnachweis „Eigenes und Angeeignetes“ zusammenbringt. Regel und Maxime gehören von den Anfängen in der Romania her zu den Synonymen des Aphorismus-Begriffes. Graciáns „Lebensregeln“ finden sich terminolo- gisch beispielsweise noch in Johann Caspar Lavaters „Regeln zur Selbst- und Menschenkenntniß“ oder in Adolph von Knigges Aphorismen wieder, die er „Regeln des Umgangs“ nennt. Die Maxime dringt durch die französischen Moralisten ins Deutsche ein, so etwa bei Herder und Friedrich Schlegel, gele- gentlich auch bei Lichtenberg. Das Fragment gilt in der anthropologischen Literatur in der Mitte des 18. Jahrhunderts vielfach als teilkongruente Be- zeichnung, bis es gegen sein Ende hin die literarische Epoche der Romantik geradezu prägt (und das in einer Weise, die manche Forscher in der Vergan- genheit dazu bewogen hat, es als eigene Gattung zu sehen). Die Miszelle schließlich ist als ein von vorneherein offener Sammelbegriff angelegt. Dem Epigramm muss eine besondere Bemerkung gelten. Im Englischen wird der Aphorismus gelegentlich als ‚prose epigram’ bezeichnet, und Prosa- Epigramme gehören auch in Deutschland im Zuge der poetischen Emanzipa- tion der Prosa vom Vers zu dem Umkreis, aus dem die Gattung heraus- wächst. Man hat sogar den Rückgang der Epigrammatik und das Aufkom- men der Aphoristik in einem Zusammenhang miteinander gesehen; noch Mitte des 19. Jahrhunderts ist keine strenge begriffliche Trennung zu beob- achten. Im weiteren Sinne gehören Gespräch, Essay, Brief zu solchen Ver- mischten Bemerkungen, die vermehrt buchfähig werden und sich dem von – wissenschaftlicher – Anthropologie wie – literarischer – Moralistik her glei- chermaßen zu eröffnenden Bereich der Menschenkunde zuwenden. Die be- liebte Mischgattung der „Ana“ (in Anlehnung beispielsweise an Texte von Taubmann als Taubmanniana) sammelt kleine Formen wie Erzählungen, An- ekdoten, Bemerkungen und Einfälle und ist gleichermaßen zu berücksichti- gen. So weit ist der „Umkreis der werdenden Gattung“ zu ziehen, in dem das Aphoristische in einem dritten Kapitel aufzusuchen ist. Das Zusammenwirken von moralistischer Tradition, Hippokrates- Rezeption und praktisch-empirischem Interesse am Studium des Menschen führt zu einer regelrechten Blüte. Der entscheidende Einschnitt, der die Vor- von der Frühphase der Gattungsgeschichte trennt, die sogleich zur Hochpha- se wird, ist nach 1780 anzusetzen. Neben- und in rascher Folge nacheinander kommen die bedeutendsten Autoren der frühen Gattungsgeschichte zu Wort (Kap. IV): Georg Christoph Lichtenberg und Jean Paul, die Romantiker Nova- lis und Friedrich Schlegel und nur chronologisch zuletzt Johann Wolfgang von Goethe.

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I. Die frühe deutsche La Rochefoucauld-Rezeption

Es liegt in der Konsequenz der einleitenden Bemerkungen, dass nicht von einer strengen Trennung, nur von einer ausgliedernden Akzentuierung zu sprechen ist, wenn wir die ersten deutschen Gattungsversuche hier zusam- menstellen, die überwiegend im Zeichen der Rezeption vor allem La Roche- foucaulds, dann auch Pascals und La Bruyères stehen. So ist gleich bei dem ersten Autor, bei Adolph von Knigge, zu beobachten, dass das verspätete Interesse an den klassischen Maximen der Moralisten aus einem popularphi- losophischen Kontext heraus zu verstehen ist. Dass die Forschung von der Frage, wer der Erste sei, besonders stimuliert wurde, ist naheliegend. Aber August Bohses (1661-1742) „Unterschiedliche Gedancken“ (1699), die zuletzt ins Feld geführt wurden, sind entgegen ersten Vermutungen sämtlich Übersetzungen aus dem Französischen. Wie Bohse mit seiner La Rochefoucauld-Rezeption am Anfang des 18. Jahrhunderts steht, so Friedrich Schulz an seinem Ende, nun aber – und das erst ist be- zeichnend – auch mit eigenen Aphorismen. Chronologisch zwischen beiden, gegen das Ende des Jahrhunderts hin, sind vor allem drei Autoren und Autorinnen aus der Nachfolge La Rochefou- caulds zu begreifen. Adolph von Knigge (1752-1796), als aufklärerischer Schriftsteller, Popularphilosoph und Romancier gleichermaßen erfolgreich, gibt in seinen „Aphorismen“ (in „Der Roman meines Lebens“, 1781) und „Sprüchen“ (1784) als „Beobachter des Menschen“ Lebensregeln, die mit ihren Imperativen wie „Hüte Dich”, „Behaupte nie”, „Traue nicht” den Geist des moralistischen Skeptizismus atmen. Sie stehen im Zusammenhang seines Konzeptes der Lebensphilosophie. Knigge, der übrigens bei dem Verleger Dieterich in Göttingen Mitbewohner eines weit bekannteren Aphoristikers ist, nämlich Lichtenbergs, diktiert im „Roman meines Lebens“ einem Hofmeister „Auszüge aus meines Freundes Systeme“ (33) in die Feder und fiktionalisiert damit seine Maximen: „In jeder Sache sey der Erste oder der Letzte, wenn Du ein großer Mann werden willst.“ (38) Auch sein „Umgang mit Menschen“ (1788), das als einziges seiner Werke bis heute bekannt geblieben ist, will praktische Lebensklugheit vermitteln. Das Buch bietet „Regeln des Um- gangs“, etwa „Sei vorsichtig im Tadel und Widerspruche!“ (49) und erinnert in der Form, in der es diese mit einem Kommentar verbindet, an Gracián. Der Zürcher Geistliche Johann Caspar Lavater (1741-1801), der vor allem mit seinen höchst anfechtbaren (und angefochtenen) „Physiognomischen Fragmenten“ im literarhistorischen Gedächtnis blieb, schreibt sich mit seinen „Vermischten Gedanken“ (1774), den daraus erwachsenen „Vermischten unphysiognomischen Regeln zur Selbst- und Menschenkenntniß“ (1787), den „Vermischten Lehren an seine Tochter Anna Luisa“ (1796) und anderen, auch postumen Bänden mit Denksprüchen und mit manchem Unedierten, noch immer unzureichend erforscht, im Schnittpunkt von Brief, Tagebuch, Spruch-

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exzerpt und Aphorismus in die Gattungsgeschichte ein. Um die Kenntnis des Menschen aus seiner Beobachtung heraus geht es in jedem Fall. Die französi- schen Moralisten erhalten von daher in seiner Anthologie „Salomo, oder Leh- ren der Weisheit“ (1785) Platz; Pascal hat für ihn fundamentale Bedeutung, La Rochefoucauld – wenngleich kritisch rezipiert – wird ihm zum „Lehrer der Menschenkenntnis“. Der Anhang sammelt dementsprechende eigene Maxi- men: „Thue, was du sollst, so kannst du thun, was du willst.“ (Ausgewählte Schriften 1, 332) Der Zeitgenosse Jean Paul hat ihn schon genau aus diesem Kontext heraus verstanden. Im Wesentlichen zielt seine Rezeption freilich in eine andere Richtung: Als „Worte des Herzens“ sind diese Texte zusammen mit Auszügen aus seinen Werken seit 1825 in über dreißig Auflagen bis ins 20. Jahrhundert hinein als „Quelle des Trostes“ „Für Freunde der Liebe und des Glaubens“ populär. Die Schauspielerin und Zeitschriftenherausgeberin Marianne Ehrmann (1755-1795), für die Lavater zum Vorbild wird, hat in den letzten Jahren besonderes Interesse hervorgerufen: als früher Beleg für die Gattungstradition generell und insbesondere als erste deutsche Aphoristikerin. Sie wendet die klassische Aufklärerposition auf ihr Geschlecht an: „Vernunft leuchtet überall hin, ohne sie bleiben die Frauenzimmer Mägde, deren Nase nicht weiter reicht, als es ihre niedrige Denkungsart erlaubet.“ (1994, 13); von daher ver- bindet sie das Denken mit der klassischen Menschenbeobachtung: „Man muß zu erst Denkerinn seyn, ehe man Beobachterinn werden kann.” (105) So interessant diese Entdeckung ist, als Beleg für eine männliche Kodierung der Form, die Autorinnen prinzipiell missachtet, kann dieses einzelne Beispiel nicht gelten. Interessant genug bleibt es, wie ihre „Kleinen Fragmente für Denkerinnnen“ (1789) sich mit ihrer plakativen Antithese nicht nur in die Nachfolge La Rochefoucaulds stellen; ihre aphoristische Schreibweise, an Reihenbildungen zu Bescheidenheit, Eitelkeit, Zutrauen oder Ähnlichem orientiert, entwirft im Sinne angewandter Ethik ein eingeschränkt emanzipatorisches Gegenbild aus weiblicher Sicht („Philosophie eines Weibes”, 1784; Ignaz Felner: „Philosophie eines Mannes”, 1785). Ein doppel- ter Tenor kennzeichnet sie: neben der Frauenerziehung ein gegen die „Herren Männer“ (97) und deren Frauenbild gerichteter: „Der Mann, der gerne ver- spricht, hält gewiß desto schwerer Wort.“ (128) Es ist aus der zeitgenössischen Perspektive reizvoll, sie als frühe Gegenstimme gegen das ewige Frauenthe- ma männlicher Aphoristiker zu zitieren, beginnend mit den „Einzelnen Ge- danken“ ihres Zeitgenossen Johann Georg Heinzmann von 1792: „Gebrech- lichkeit, dein Name ist Weib!“ In ihren „Aphorismen zur weiblichen Lebensphilosophie” (1796) verwendet sie den Begriff wohl zum ersten Mal in der deutschen Literatur für eine Sammlung von isolierten Kurzprosatexten. Friedrich Schulz (1762-1798) betätigt sich als freier Autor auf nahezu allen Gebieten, die ihm das Auskommen sichern können: dem Roman, dem Reise- bericht, dem Kinderbuch, der Übersetzung. So ist er auch als Übersetzer von „De la Rochefoucault’s Sätzen aus der höhern Welt- und Menschenkunde“ (1793) und anderen aus französischen Schriftstellern exzerpierten „Aphoris-