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Verhalten und Erleben entwickelte. Werdende Kultur erreichte mit dem Wagen und auf dem Tier die nahe Ferne; der Kahn und die Schiffe fuhren über die gefürchteten Wasser, die Brücke wölbte sich erst primitiv, dann kunstvoll über den Strom. Es entstanden gesellschaftliche Lebensformen und erhielten sich bei allem Wandel ihrer äußern Gebärde durch die Zeiten hindurch. Man könnte fortfahren, freilich nicht endlos! Denn es besteht eine nur begrenzte Zahl menschlicher Grunderlebnisse, so wie auch der Einzelmensch nur durch wenige große Begegnungen mit dem Dasein geht. Diese sind im Archetyp zum Bild, zum sich wiederholenden Vorgang geworden, sozusagen ein Destillat aus allem Wesentlichen, was immer auf Erden geschah, geschieht und immer wieder geschehen wird. Es scheint so zu sein, daß die tausendfältige Wiederholung diese urtümlichen Bilder mit innerer Kraft angereichert hat. In ihrer Kraft werden die urtümlichen Bilder von Generation zu Generation weitergereicht. Die Zahl der archetypen Symbole ist also beschränkt. Dafür sind sie wahre Energiezentren. Jung weist in einer kleinen Bemerkung einmal darauf hin, daß es sich bei den typischen Gestalten des Unbewußten um prinzipiell Ähnliches handle, wie in dem stetigen Wiederholen von gewissen morphologischen und funktionellen Ähnlichkeiten der Natur. Es sind von vorneherein "vorhandene Formen oder biologische Normen seelischer Tätigkeiten." Nicht unser Ich verfügt über sie; vielmehr sind sie als ein Ahnenerbe jedem Menschen von Anfang an mitgegeben. Ohne es zu wissen, handeln wir nach ihnen. Und wenn wir nach ihnen handeln, handeln wir richtig. Nicht nur das körperliche Funktionieren, das sich ja zum größten Teil ohne unser Willenszutun nach überlieferten biologischen Gesetzen vollzieht, nein auch das seelisch-geistige Leben hat offenbar seine von Urzeiten her tief eingegrabenen "Bahnen", die man ohne Schädigung kaum verlassen darf. In den wesentlichen Dingen tun wir, was der Mensch immer getan hat, im Glück und in der Not, im Zusammenleben der Familie, im Werk des Tages und vor allem dann, wenn eine ungewohnte Entscheidung an ihn herantrat. Der tiefste Lebensgrund und das typische Verhalten des Menschen bleiben sich gleich, wenn sie auch die für jeden Einzelmenschen bezeichnende individuelle Gestaltung haben. Deshalb können wir, beiläufig bemerkt, die Berichte vom Tun der Menschen in vergangenen Zeiten, also deren Geschichte und vor allem die großen Dichtungen verstehen, in denen das Bild des allgemein menschlichen Tuns gestaltet wurde. Vielleicht noch zutreffender, wenn auch einer Sphäre entstammend, die manchem Leser fremd sein wird, ist der Vergleich mit jenen Formkräften, welche in einer höchst gesetzhaften Weise auskristallisierende Flüssigkeiten in ganz bestimmte, für sie typische Kristallformen zwingt. Man denke nur an das Wasser, das zu Schneekristallen wird. So verläuft auch das psychische Leben unter den Gesetzen unsichtbarer, leitender Formkräfte. Die Psychologie sucht diese bewußt zu erfassen; im Traume und in der Vision stellen sie sich uns als Bilder des Unbewußten vor das bewundernd erlebende innere Gesicht. Solche Groß-, solche Urbilder treten im Traume unter sehr bezeichnenden Umständen auf: nämlich dann, wenn es sich in der Entwicklung des Träumers nicht mehr um rein persönliche, sich bloß auf die private Lebensgestaltung beziehende Angelegenheiten handelt. Der Traum antwortet bekanntlich auch auf die Tageserlebnisse. Er tut es, wovon noch zu sprechen ist, meist mit einem sogenannten kleinen, einem Alltagstraum. Archetype Bilder und Symbole erscheinen also nicht dann, wenn es um dieses oder jenes Stellenangebot geht; sie äußern sich nicht zur Frage, ob wir nächste Woche in die Ferien fahren oder besser zu Hause arbeiten sollen. Es ist dem kollektiven Unbewußten in uns gleichgültig, ob wir unsere Verlobung anfangs September oder anfangs Oktober bekanntgeben werden, wie es sich auch nicht um den Termin unseres Wohnungswechsels kümmert. Es überläßt die Bewältigung kleinerer Probleme dem dafür zuständigen Bewußtsein. Mächtig strömen die urtümlichen Bilder uns dagegen zu, wenn allgemein menschliche Motive, Grunderlebnisse, wenn die Hauptprobleme der Persönlichkeitsbildung in Frage stehen. Sie tauchen dann auf, wenn in unserm Leben eine Stufe überwunden, eine höhere Stufe gewonnen werden muß. Dieses innere Geschehen, das in den meisten Menschen im Laufe ihres Lebens geschehen muß, wird nun begleitet von diesen Bildern, die den Glanz ewiger Frische haben. Das "Kind" war zu jeder Zeit da, Weiterleben und Zukunftsmöglichkeit verkörpernd. Frauen werden in die Nähe ihres tiefsten Wesens getragen, wenn sie im Traume ein Kind erwarten (es wird später davon zu reden sein, daß auch Männer ihr "Kind" in sich erwarten dürfen). Durch alle Zeiten hindurch haben Mütter ihre Liebe und ihre Sorge nie ausgehen lassen, aber auch nicht ihr Behaltenwollen dessen, was ihrem Reich entspringt. Darob sind sie als allgemeine Gestalt, als "die große Mutter" zeitlos geworden. Der "Krieger" hat jederzeit das Sterben angenommen oder annehmen müssen, und der "Wanderer" ist zu jeder Zeit durch Landschaften und Menschengruppen hindurchgegangen. Stets war man "jung", stets war man "alt", Armut und Angst waren immer da, und immer wieder hat das Leben seine Früchte den Menschen dargeboten. Das "Haus" wurde gebaut, und das "Feuer" verzehrte es. Strom und See waren jederzeit Gleichnisse des Lebens. Dies alles sind urtümliche Symbole. Wenn wir drinnen oder draußen an einem typisch gefährlichen Ort anlangen, in sehr tiefe Konflikte geraten, aber auch wenn die paar wenigen großen Freuden des Daseins aufblühen, dann greifen die Träume zurück auf die Urbilder, auf archetype Handlungen und Gedanken einer Menschheit, die sich selbst aus allen Nöten und in allen Erschütterungen immer wieder zurecht gefunden hat. Wir verbinden uns mit ihrem uralten Wissen, das sich freilich sehr selten in verstandesgemäßer, einfacher Formulierung, sondern eben in großen Gleichnissen mitteilt. Das Traumbild, das sich auf diese innern Inhalte bezieht, verstehen wir freilich oft nur mit der Hilfe eines Deuters, der sich in diesen Gleichnissen ein wenig auskennt. Selbst oder mit seiner Hilfe kommen wir in Berührung mit den Energien, die sich im Gefäß jener Urbilder sammeln. Nach einem Worte Nietzsches, der freilich manche Zusammenhänge nur ahnte, machen wir "in Schlaf und Traum das Pensum frühem Menschentums noch einmal durch" und speisen uns dabei aus dem Lebensvorrat, den Tausende von dahingegangenen Generationen als den Gehalt ihrer Erfahrung im Symbol aufspeicherten. Die tiefere Beschäftigung mit diesem Phänomen, notwendig zum Verstehen des Traumes, festigt uns immer mehr in der Auffassung, im Archetyp sei Leben in eine große bildhafte Ordnung zusammengeronnen. Die Begegnung mit ihm - sie geschieht im Traum und seiner Deutung - führt in die innere Ordnung. Wir gewinnen dabei die Haltung des Dauernden, des im höchsten Sinne "Üblichen". Das allgemein und ursprünglich Menschliche, das unsichtbar hinter dem Einzelmenschlichen und dessen scheinbar zufälligem Tun steht und immer gestanden hat, spricht sich in den Träumen in allgemein verbindlichen Bildern aus. Es ist also nicht mehr ein Herr B., der in unser Zimmer tritt, sondern ein großer grauer Mann, vielleicht trägt er einen Kremphut und ist von einem Mantel umweht, der den großen Wanderer anzeigt. In uns erregt er, was zuviel Ruhe und Bequemlichkeit suchte. - Wir waren vielleicht noch nie am Meer, standen noch nie auf wilden Bergeshöhen, wanderten nie durch endlose Schneefelder der Ebenen oder der Firne; nicht alle haben das Schrecknis des Krieges durchgemacht und manche haben es verlernt, im Raume einer Kirche ihre Seele zu sättigen. Im Traume aber wogt es um unser gefährdetes kleines Schiff; wir überschreiten eine wilde Gletscherspalte, haben uns verirrt in eisiger Winterlandschaft. Wir befinden uns in einem fürchterlichen Krieg und wissen nicht, ob wir aus seinem Blut und Feuer unser Leben retten. Schöne Dome umschließen uns, und das Antlitz der Götter oder des Gottes leuchtet. Wer von uns hat schon einen Goldschatz gefunden? Im Traume sehen wir ihn schimmern, vielleicht bewacht von einem Drachen oder einem fürchterlichen Riesen. Dieses ist die eine, die Großsprache der Träume. Sie ist weit entfernt vom Lebensstil unserer Gegenwart mit ihren Schreibmaschinen, normierten Haushaltsgegenständen, der Zeitung, dem Postscheck und den landwirtschaftlichen Geräten einer entwickelten Technik. Freilich in den letzten Jahren ist diese elementare Welt in ihrer entsetzlichsten Form über die europäische Menschheit hereingebrochen und hat viele an die bittersten Anfänge menschlichen Seins zurückgestellt. Es beginnt allmählich Gemeingut psychologischer Auffassung zu werden, daß Großträume in der Sprache und ihrer Erzählung den Mythen und Märchen höchst verwandt sind. Diese sind denn auch nichts anderes als gestaltete, geformte, durch die Jahrhunderte weitergegebene Erfahrung menschlichen Schicksals. Von ihnen unterscheidet sich der Traum nur darin, daß er nicht ihren geordneten, sichtbar sinnvollen Zusammenhang besitzt. Er stellt sich dem Bewußtsein nicht so annehmbar eindrücklich dar, wie die Geschichten von Herkules, die Mythen von Baldur und dem bösen Loki, wie das Märchen vom Zwerg, der seinen Namen nicht nennen will, vom Dornröschen, das aus seinem Schlafe erweckt werden möchte. Im Traum und im Mythos ist die gleiche formende Bildkraft am Werke. Sie sprechen, auch wenn ihre Kausalität nicht als dieselbe erscheint, doch die gleiche Sprache. Man kann deshalb die erstaunliche, gegenwartsfremde Sprache der großen Träume besser verstehen, wenn man die großen Mythologien der Völker, etwa die sogenannt griechischen und germanischen Sagen, die Märchen Europas und Asiens kennt und wenn möglich erfährt, was primitive Völker, die noch in der magischen Welt leben, sich erzählen.