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BUNDESVERWALTUNGSGERICHT BVerwG 1 B 1.11 OVG 18 A 2222/09 BESCHLUSS In der Verwaltungsstreitsache hat der

BUNDESVERWALTUNGSGERICHT

BVerwG 1 B 1.11 OVG 18 A 2222/09

BESCHLUSS

In der Verwaltungsstreitsache

hat der 1. Senat des Bundesverwaltungsgerichts am 20. Juni 2011 durch die Präsidentin des Bundesverwaltungsgerichts Eckertz-Höfer, die Richterin am Bundesverwaltungsgericht Beck und den Richter am Bundesverwaltungsgericht Prof. Dr. Kraft

beschlossen:

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Die Beschwerde des Klägers gegen die Nichtzulassung der Revision in dem Beschluss des Oberverwaltungsge- richts für das Land Nordrhein-Westfalen vom 9. Oktober 2010 wird zurückgewiesen.

Der Kläger trägt die Kosten des Beschwerdeverfahrens.

Der Wert des Streitgegenstandes wird für das Beschwer- deverfahren auf 5 000 € festgesetzt.

G r ü n d e :

1 Die allein auf den Zulassungsgrund der grundsätzlichen Bedeutung der Rechts-

sache (§ 132 Abs. 2 Nr. 1 VwGO) gestützte Beschwerde des Klägers hat kei-

nen Erfolg.

2 Die Zulassung der Revision wegen grundsätzlicher Bedeutung der Rechtssache

setzt voraus, dass eine bestimmte entscheidungserhebliche und verallgemeine-

rungsfähig zu beantwortende Frage des revisiblen Rechts aufgeworfen wird, die

im Interesse der Einheit oder Fortbildung des Rechts der Klärung in einem Re-

visionsverfahren bedarf. Eine solche Frage lässt sich der Beschwerde nicht ent-

nehmen.

3 Die Beschwerde hält die Frage für klärungsbedürftig,

ob die Bedingungen des türkischen Staates zur Erlangung eines Nationalpasses, nämlich die Ableistung eines ver- kürzten Wehrdienstes von 21 Tagen sowie zusätzlich die Zahlung von 7 668 € den Rechtsbegriff der Zumutbarkeit im Sinne des § 5 Abs. 1 Aufenthaltsverordnung - AufenthV - erfüllen.

4 Sie trägt zur Begründung vor, im Staatsangehörigkeitsrecht sei unstreitig, unter

welchen Voraussetzungen die Ableistung des Wehrdienstes als Voraussetzung

für die Entlassung aus der bisherigen Staatsangehörigkeit unzumutbar sei. Die

allgemeinen Verwaltungsvorschriften zum Staatsangehörigkeitsgesetz sähen

unter Ziff. 12.1.2.3.2.2 ausdrücklich vor, dass eine solche Entlassungsbedin-

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gung unzumutbar sei, wenn der Einbürgerungsbewerber über 40 Jahre alt sei und seit mehr als 15 Jahren seinen gewöhnlichen Aufenthalt nicht mehr im Her- kunftsstaat habe, davon mindestens zehn Jahre im Inland. Könne die unzumut- bare Wehrdienstleistung durch Zahlung einer Geldsumme abgewendet werden (Freikauf), sei dies in der Regel unzumutbar, wenn das Dreifache eines durch- schnittlichen Bruttomonatseinkommens des Einbürgerungsbewerbers über- schritten werde. Ein Betrag von 5 112,02 € (umgerechnet 10 000 DM) sei im- mer zumutbar. Lege man diese Anforderungen zugrunde, sei die Ableistung des Wehrdienstes für den Kläger unzumutbar. Auch wenn es sich bei Fragen des Staatsangehörigkeitsrechts und solchen der Aufenthaltsverordnung um un- terschiedliche Rechtsgebiete handele, stelle statusmäßig gesehen die Ausstel- lung eines Reiseausweises für Ausländer, die der Kläger begehre, ein Minus gegenüber staatsangehörigkeitsrechtlichen Fragen dar. Es sei daher grundsätz- lich klärungsbedürftig, ob die anerkannten Voraussetzungen der Unzumutbar- keit der Entlassung aus der bisherigen Staatsangehörigkeit auf die Vorausset- zungen der Zumutbarkeit zur Erlangung eines Nationalpasses übertragen wer- den könnten.

5 Dieses Vorbringen führt nicht auf eine klärungsbedürftige Rechtsfrage, die in einem Revisionsverfahren in verallgemeinerungsfähiger Weise beantwortet werden könnte. Wie die Beschwerde zutreffend ausführt, beurteilt sich das Be- gehren des Klägers auf Verlängerung seines Reiseausweises für Ausländer nach § 5 AufenthV. Danach kann einem Ausländer, der nachweislich keinen Pass oder Passersatz besitzt und ihn nicht auf zumutbare Weise erlangen kann, nach Maßgabe der nachfolgenden Bestimmungen ein Reiseausweis für Ausländer ausgestellt werden. Nach Abs. 2 der Vorschrift gilt es u.a. insbeson- dere als zumutbar im Sinne des Abs. 1, die Wehrpflicht, sofern deren Erfüllung nicht aus zwingenden Gründen unzumutbar ist, und andere zumutbare staats- bürgerliche Pflichten zu erfüllen (Nr. 3). Die von der Beschwerde aufgeworfene Frage, ob die Ableistung des vom türkischen Staat verlangten verkürzten Wehrdienstes von 21 Tagen sowie zusätzlich die Zahlung von 7 668 € aus zwingenden Gründen unzumutbar im Sinne dieser Vorschriften sind, lässt sich nicht unabhängig von den besonderen Umständen des jeweiligen Einzelfalles

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beantworten und ist deshalb einer über den Einzelfall hinausgehenden verall- gemeinerungsfähigen Klärung in einem Revisionsverfahren nicht zugänglich.

6 Auch die Frage, ob die vorläufigen Anwendungshinweise des Bundesministeri- ums des Innern zum Staatsangehörigkeitsgesetz - VAH-StAG - vom 17. April 2009 hinsichtlich der Unzumutbarkeit der Wehrdienstleistung als Bedingung für die Entlassung aus der Staatsangehörigkeit in Ziff. 12.1.2.3.2.2 bei der Beurtei- lung der Unzumutbarkeit der Ableistung des Wehrdienstes im Rahmen von § 5 AufenthV heranzuziehen sind, verleiht der Sache keine rechtsgrundsätzliche Bedeutung. Bei dem Erfordernis der Unzumutbarkeit der Erfüllung des Wehr- dienstes aus zwingenden Gründen im Sinne von § 5 Abs. 2 Nr. 3 AufenthV handelt es sich um einen gerichtlich voll überprüfbaren unbestimmten Rechts- begriff (vgl. Urteile vom 30. Juni 2010 - BVerwG 5 C 3.09 - NVwZ-RR 2010, 926 und vom 28. Oktober 1998 - BVerwG 8 C 16.96 - BVerwGE 107, 338 <340>). Die Gerichte sind bei dessen Auslegung und Anwendung nicht an hierzu erlas- sene norminterpretierende Verwaltungsvorschriften gebunden. Diese dienen lediglich der Steuerung des behördlichen Verwaltungshandelns, haben aber keine Rechtsnormqualität. Deshalb ist auch die Frage, ob die Verwaltungsvor- schriften, die das Bundesministerium des Innern zum Erfordernis der unzumut- baren Bedingungen für die Entlassung aus der ausländischen Staatsangehörig- keit in § 12 Abs. 1 Satz 2 Nr. 3 StAG erlassen hat, für die Auslegung der Unzu- mutbarkeit aus zwingenden Gründen im Rahmen von § 5 Abs. 2 Nr. 3 AufenthV im gerichtlichen Verfahren maßgeblich sind, ohne Weiteres zu verneinen. Ob die Ableistung des Wehrdienstes aus zwingenden Gründen unzumutbar im Sin- ne dieser Bestimmung ist, ist vielmehr im jeweiligen Einzelfall auf Grund einer Gesamtbetrachtung aller relevanten Umstände zu beurteilen. Dabei ist zu be- achten, dass § 5 Abs. 2 Nr. 3 AufenthV mit der Formulierung „aus zwingenden Gründen unzumutbar“ schon dem Wortlaut nach höhere Anforderungen an die Unzumutbarkeit der Erfüllung der Wehrpflicht stellt als § 12 Abs. 1 Satz 2 Nr. 3 StAG mit der Formulierung „unzumutbare Bedingungen“. Dies erscheint auch sachlich gerechtfertigt, weil mit der Ausstellung eines Reiseausweises für Aus- länder ein Eingriff in die Personalhoheit eines anderen Staates erfolgen kann und somit zwischenstaatliche Belange berührt werden können (vgl. zur Ausstel- lung eines Fremdenpasses nach dem AuslG 1965: Urteil vom 3. Mai 1973

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- BVerwG 1 C 59.70 - BVerwGE 42, 143). Dies ist bei der Verleihung der deut- schen Staatsangehörigkeit unter Beibehaltung der bisherigen Staatsangehörig- keit nicht in gleichem Maße der Fall.

7 Von einer weiteren Begründung wird abgesehen (§ 133 Abs. 5 Satz 2 Halbs. 2 VwGO).

8 Die Kostenentscheidung folgt aus § 154 Abs. 2 VwGO. Die Festsetzung des Streitwertes ergibt sich aus § 47 Abs. 1 und 3, § 52 Abs. 2 GKG.

Eckertz-Höfer

Beck

Prof. Dr. Kraft