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000441~2

Hubert Frankemölle (Hrsg.)

Das bekannte Buch - das fremde Buch

Ferdinand Schöningh

Paderbom . München · Wien · Zürich

00044 1H2 94.64876

Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme

Die

Frankemölle (Hrsg.). - Paderbom; München; Wien; Zürich:

Schöningh , 1994

Blbtl : das bekannte Buc h - das fremde Buch f Hubert

ISBN 3-506-72609-9

NE: Frankemölle. Hubert (Hrsg.)

BayeriSChe

$taatsblbllothek

Mund"len

Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier

C 1994 Ferdinand Schöningh, Paderbom

(Verlag Ferdinand Schöningh GmbH, JUhenplatz I, 0-33098 Paderbom)

Alle Rechte vorbehalten . Dieses Werk sowie einzelne Teile desselben sind urhebefi'Cchtlicb geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen ist ohne vorherige schriftliche Zustimmung des Verlages nicht zulässig.

Printed in Gerrnany. Herstellung: Ferdinand Schöningh , Paderbom

ISBN 3-506-72609-9

1'j(1')06

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Hubm Franketnnl/e

Inhalt

Vorwort

0# • • • • •

• • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • •

1

 

,

Einfflhnong, Wonm es geht

1.

Jllrg

Ebach

Die Bibel.

Das bekannte Buch - das frenvle

7

ROckbUck in die Rmptionsgczcbir.hte. Vom VonustRndnj. und 'fon Vorurteilen

2. Mne-Lene Fe1l8u

Mysterium igitur in figura, ~tum in bistoria.

Wie die Bibel in der Alten Kirche gelesen

23

3.

Michael WeinTIch

Die Bibel legt sieb selber aus.

Die öllJliiiilw.ische Herausforderung des reformatorischen

 
oder vom verheißungsvollen Ärgernis

oder vom verheißungsvollen Ärgernis

angOJ

er Bibelauslegung

43

4. Hubm Franketnnl/e

Die sogenannten Antithcs

des Matthius (Mt S,21ff).

Hebt Mattbäua filr Christen das -Alte- TestlllWJt aufl

Von der Macht der Vorurteile

61

5. Hans F. Fuhs

Gilt das Alte Testa"",,'t noch?

000441~2

VI

Ansitze '''I!enwArtiger Reze~tion. Vom Leben zur Bibel, .on der Bibel zum Leben

6. Eriell GarluImmer

•Sie werden lachen -

die Bibel- .

Bibel und modeme Literatur

,

111

7. Peter Eicher

 

Selbstwerdung und Vaterverlust.

 

Literatur. psychoanJayse und Theologie in der Bibelauslegung

(ll15)

 

129

8.

Morie·1hue.s Wacker

Biblische Theologie und Minnerphantasie.

 

Das Beispiel Hos

 

155

9.

AgII<S Wuckelt

"Lot und die Samtange" .

 

Lebenswelten Jugendlicher und die Bibel

173

/0. Norben Mette

 

Kinder und Gleichnisse

 

185

11. Rainer Dillmann

Ermutigung 7lJm Glauben. Interaktionale Bibelauslegung am Beispiel des Hebräerbriefes

201

12. JONmIl<S Nigg<meier

"Den Unmündigen hast du es geoffenbart" (Mt 11,25).

Schriftgelehrte Theologie und die Bibel in der Pastoral der Befreiung in Lateinamerika

Bibel und Ökwnene

13. Ricllord SeIIlOter

Die eine Bibel und die vielen Konfessionen - Bleibt die Einheit eine Utopie?

217

233

Vorwort

von Hubert FrankemlJ/le

Der vorliegende Band doktlmentiert die Ringvorlesung der Professorinnen und Prof ssoren. Dozentinnen und Dozenten der Theologischen Hochsch ulen in

Paderbom

Evangelische und Kathohscbe Theologie der Universitit) 7llID -Jahr mit der Bibel 199r . Dieses -Jahr mit der Bibel- wurde zum ersten Mal von allen christlichen Kirchen und Verbänden der •Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen, Gemeinden und Gemeinschaften· (ACK) Deutschlands veranstaltet. Ziel der Ringvorlesung war es, daß Professoren und Dozenten der Theologi- schen Hochschulen von den verschiedenen Fiebern und vom jeweiligen Bibelver- stäodnis her versuchten, die Bedeutung der Bibel für den eigenen Glauben und für das eigene Fach darzusteUen. Mit der Vorstellung zum Teil ungewohnter Rezepti- onsweisen wollten die Referenten die scheinbare Bebnntheit der Texte konstruktiv in Frage stellen. um die Bibel 111 einem fremden Buch zu machen, das auch für heutige Leser seine Faszination keineswegs verloren und ihnen noch Neues zu sa- gen hat. Es ist erstaunlich, wie stark - ohne Absprache - von allen Referenten die Bibel mit ihrer Zweiteilung in Altes (bzw. besser: Erstes) und Neues Testa- ment als Einheit verstanden wird, zugleich aber auch als bleibendes -Fundament- und ·Seele der Theologie- (Vatikanum m gegenwärtiges Theologietreibe:n be- stimmt Paderbom mit seinen unterschiedlichen Theologischen Hochschulen erweist sich als locus theologicus; daß es keine theologia Paderbomensis gibt, belegt die Vielfalt der Rezeptionen der Bibel mit einer erstaunlichen Breite im Zugangsweg und in der Fragestellung. Von dieser bibeltheologischen Perspektive ist kein Fach ausgenommen; dies belegt die Bedeutung der Bibel für das gegenwärtige theologische Forschen und Lehren. Dabei geht die Faszination der Bibel einher mit der FrenyJheit ihrer Sprache und Botschaft; sie galt es, zu unterschiedlichen Zeiten, in verschiedenen Kulturen, noch konkreter: von sehr unterschiedlichen Menschen zu rezipieren - und dies in lcritischer Auslegung und Aneignung. Am Anfang stebt der Vortrag von JUrgtn Ebach. interpretiert er doch den Titel der RingvOriesuDg und damit auch dieses Buches. Seine These lautet: Das allzu bekannte Buch der Bibel muß dem heutigen Leser zuerst verfremdet werden, um es ihm dann bekannt ZU machen. Dieser einführende. mehr essayistische Beitrag. zeigt genau, worum es im gesamten Buch geht und warum sich die Anstrengung lohnt, die einzelnen bibeltheologischen, fundamentaltheologischen, katechetischen und rezeptionsgeschichtlichen Beiträge zu lesen und zu bedenken .

(Katholische

Fachhochschule,

Theologische

Fakultät,

die

Fächer

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2

Im ersten Teil stehen vier Beiträge, die illustrieren, mit welchen VOrBussetnm- gen, mit welchem Vorverständnis, aber auch mit welchen Vorurteilen man von Beginn an biblische Texte las. Hat man lange genug die Schriftauslegung der frü- hen Kirchenväter als schlechte und willkürliche Exegese eingestuft, plädiert Anne- une Fenger mit Recht dafür, diesen Umgang mit der Schrift nicht von fremden, nelJ'U!itlichen VoraussetZlJngen her zu bewerten. Es ist erstaunlich, wie die Strahl-

Iaaft der biblischen Bilder in dieser Lesart neu aufleuchtet, ohne daß für eine un-

kritische Rehabilitation der AllegolOse gewOiben wird. -

kritische Rehabilitation der AllegolOse gewOiben wird. - In Oricotierung an Mar- !in Luther entfaltet MichDel

In Oricotierung an Mar-

!in Luther entfaltet MichDel WeInrich in tiefdringenden Ausführungen die Frage

nac b der Autorität der Bibel und den rechten Umgang mit ihr. Den GrundJconflikt eineliicits mit der romiw:b-katboli.schen Kirche, die lehram.tliche Autorität bei der Schriftauslegung beanspruchte, und andererseits mit den Schwärmern und ihrer Berufung auf den lebendigen Geist löste Lutber mit seinem Grundsatz: Die Schrift legt sich selber aus, SO daß es bei jeder Schrift-Auslegung und -Aneignung um. das von der Schrift bezeugte gegenwärtige Wirken des heiligen Geistes gehen muß - mit allen Konsequenzm für die Theologie und für die christlichen Kirchen. Weiter gespannt ist die zeitliche Dimension im. Beitrag von Huben FrankemtJl~. Am. Beispiel der bis heute im. Verständnis umstrittenco Antithes 'H des Matthäus

(S,21-47: "Den Alten wurde gesagt, ich aber sage euch") wird die Last 1Inse"'r

christlichen Auslegungsgeschichte am Beispiel des Erzket'U!rs Marlcion (von dem die Be'U!ichnung W Antithesen w stammt), Tertullian, Luther, von Harnack bis hin ZU

neuesten bibeltheologischen und religionspädagogischen Veröffentlichungen illu-

striert. Da das (antijüdische) Problem nicht im Philologischen liegt, m,1ss',n für die Leset zunächst die sozialpsychologischen Vorurteile beim NallifiU genannt werden, bevor eine sachge.mäße Auslegung dieses zentralen Textes der sogenannten wBergpredigt- durchgeführt werden kann. - Wie eine solche sachgemiße, nicht

von polemischen Vorurteilen (in der Nachfolge Marlcions) belastete Bibelausle-

gung des ersten Teils der Bibel durchgeführt werden kann, belegt der Vortrag von Hans F. Fuhs . Die auch für Christen ungebrochene und unvenninderte Akh1alität des alttestallj( IItlichen Gottesbildes, der altbundlichen Jabwegemeinde und der Frage nach der Sinnhaftigkeit IIW%!!lscblicher Existenz angesichts von Leiderfahrung und Tod bestitigt den Titel der Ringvorlesung und den dieses Buches. Dies unter der VOrl 1l 85:tnJOg, daß man bereit ist, die antijüdische, christliche Brille abmle-- gen und das v~utc. bekannte Buch (geles::n mit den üblichen Klischees) als fremdes Buch neu zu entdecken in seiner ganzen Relevanz für den christlichen

Glauben.

Ging ea in den biaherigon Beitrigen um (RiIclt-)Blickc in die R""'Ptionage-

8Ch i c bte , so geht es in den weiteren BeiträgC31 um. untCIschiedliche gegen- wlttiger Reuption. Alle behandeln das Verhä1tnis von Leser und Text bzw. von Text und Leser, alle gehen dC31 Weg vom Leben zur Bibel bzw. von der Bibel Dirn Leben. Dabei läßt sich in der Abfolge der Beiträge deutlich eine 7lmehllude Kon- kretion der Beachtung der Gegenwart und der gegenwärtigen Leser feststellen, was jedoch keineswegs eine größere Textferne impliziert. Ganz im Gegenteil! Wie herausfordernd, faszinierend und produktiv das -Buch der Bucher w auf m0- deme Literaten eingewirkt hat, . belegt mit vielen Beispielen Erich Garhammer.

litenrisch

Literatur

als

Spiegel

des

allgemeinen

Zeitgeistes

will

Gegenwart

Vorwort

3

Vorwort 3 ·verdichten-. Wie sehr die biblische Art kritischer Wirklichkeitswahroehmnng ü_ dabei '-influßt,

·verdichten-.

Wie sehr die biblische Art kritischer Wirklichkeitswahroehmnng

ü_

dabei '-influßt, zeigt der Referent an ihrem Umgang mit der Bibel .

AktualiJierungen, Vertiemd'lngeo, Paraphrasicnmgen und freie Assoziatiooen zei- gen die ungebrochene Faszin·tion der Bibel bei den zeitgenössischen Schriftstel- lern. - Welche Tiefen ein Text wie das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15) eröffnet und zu welchem Aualegungsborizont er hinführen bnn, erfib.rt der Leser im Beitrag von Peter Eicher. Anband von Beispielen aua der Literatur (Voltaire, Gide, Rilke, K.fh) wird die Vielfalt der Rez.eptionsDlÖglichkeiten einsichtig b&- Iegt, ebenso .nhand von Beispielen aus der Theologie (K.techismus der Katboli-

:hen

Kin:he, Karl Barth) und aus der tiefenpsychologischen Aneignung die IM Bi-

-

belteJ.teI. Immu geht es um die Erfahrung des Außeraten, um. einen Prozeß, in

die Erfahrung des Außeraten, um. einen Prozeß, in Wie starte die je eigene Lebeoswelt und die

Wie starte die je eigene Lebeoswelt und die damit verbundenen Erfahrungen bei Minnern und Frauen die Lätüre biblischer Texte prägt, wird Am Beispiel der Ka- pitel 1-3 aus dem Buch des Propheten Hosea von Marle-There.s Wack.u glJn7llOd und zugleich unerbittlich vorgeführt. In Auseinandersetzung mit rninnerzeotrierten Auslegungen durch Wolff, von Baltbasar, Vogels, Ren.ud und Mauser nimmt die Ve:tfw·se.rin den Leser mit auf den Weg der Befreiung des Textes und seiner R&- zeptionsgeschichte durch minnliche Lesart hin zur Rezeption aus der Perspektive einer heute lebenden Frau, die mgleich als historisch-kritisch Ilbeitende Exegetin den Text als Text und den Text in seiner Umwelt aus dem 8.Jb.v.Cbr. zu Wort komny:n l18t.

Die beiden folgenden Beiträge gr<:ifen dezidiert katecbetiscbe und r<:ligioospid-

agogiscbe Aspekte bei der beutigen Reu:ption bibliscber Texte auf. Ag

Wuckelt

ocs±reibt (auch anband neuester Umfragen 11,m Verhältnis von Jugendlieben und Bibel) die LeI:;<nsweJ.ten Jugendlicher heute. ihre soziologische Situ.tion und skiz- ziert Wege einer sinnvollen Bibelarbeit mit bibelfeiDen und Jci.rcbenfremden Ju- gendlichen. - Noch konkreter wird die bibeldidaktische Aufgabe der Textver-

mittlung im Beilnlg von Narben Merte entfaltet. Er geht der aktuellen r<:ligiona-

pädagogischen Fragestellung nach, ob biblische Gleichnisse übe:tbaupt dan) go-

eignet sind, schon in der Gnmdscbule eingoeset zt Z11 ws; den. Sind Kinder in diesem Alter aufgrund ihrer entwicklungspsychologiscben VOf8 l1ss e-!zllngen in der Lage, Gleichnisse zu verstehen? Da Pro und Kontra sich in weitvedneiteten relili M

onsdid·ktischen

scheinbar unversöhnlich gegenilbemehen, erweist sich dies~r Beitrag als notwen- diges Plidoyer zur V.ers·chlichung der Diskussion hinsichtlich der Möglichkeiten und Grenzen der verschiedenen Konzeptionen nlm Religionsuntenicht. In jedem Fall ist das Eigenrecht einer eigeostlndigen Theologie der Kinder festmhalten. Gingen die beiden letzten Beitrige von allgemein soziologischen oder entwick.-

hmgspoycbologischen GeaichlBpun1rten aus, so berücksichtigt Rai Dillmann die

konkrete Situation von Bibellueisen in der Gemeinde. Filr sie legt sich als M&- thode die inlenlktionale BibelallSl.gong nahe, bei der im Gespräcb die eigenen

Konreptionen

(von

A.Bucher,

H.Halbfu

und

I.Baldermann)

Glaub

-

und leben"'lfahrungen und die in der biblischen Überlieferung ver-

dichteten Glaubeus- und LebwS'

weiden. Texte wetdea dabei als konkrete Handlungsanweipmgen VeiB ' nden • Wu

miteinander in Korrelation gebliCht

fahrungen

4 bei etzihlenden Texten der Bibel vielfach erprobt ist, wird hier Z]lm ersten Mal an

4

4 bei etzihlenden Texten der Bibel vielfach erprobt ist, wird hier Z]lm ersten Mal an einem

bei etzihlenden Texten der Bibel vielfach erprobt ist, wird hier Z]lm ersten Mal an

einem ort theologisch gepristeo Text dun:~gesp;elt.

Wie st.rt: die nrnehll-ade KonkJetion in der Beachtung der Gegenwart und der gegeawirtigen I tllBT ganz bei der Sache der Bibel ist, bestätigt der VOIORg von JolumIu!s Niggemelu. Er ist erwachsen und gewachsen aus und in langjihrigen Er- r.hnlDaen pastoraler Arbeit im Nordosten Brasiliens und versteht sich als konluete Bihellibeit ·vor Ort-. Europiische Leser erfahren sich als Lernende gegenüber dem Umgang der lateinamerikanjschen Leser mit der Bibel.

Wu wirc ein Buch zur Bibel. in dem nicht die Frage nacb ihrer Funktion filr

die Einheit der christlicheo Kirchen thematisiert wUrde? Richard Schlillu zeichnet

mit kriftigen Strichen die -Einheit der Kirche- nacb römisch-katholischem Ver-

ständnis sowie nach dem des Ökulienjschen Rates der Kirchen. um dann heide

Damit die Einheit der Kir-

chen keine Utopie bleibt, wird die These aufgestellt, nicbttheologische Faktoren ni1chteJuer einzm!chitzen und eine gemeinsame, veränderte konfessionelle Identität von der Bibel her zu gewinnen. Mit diesem Hinweis sind wir am Ende des Saml'lVllbandes angelangt und stehen sachlich doch bestenfalls an einem Anfang. Daher wären verstärkt im. gegenwärti- gen Umgang mit der Bibel das jeweilige Vorverständnis und Vorurteil und

kritisch 711 beoerlOen, 80 daß die jeweils eigene Theologie ihre Grenze und Relati- vitlt von der biblischen Botschaft her gewänne. Dies gilt selbstverständlich nicht zuletzt für den ök-wk"jschen Dialog, aber auch für die angeblich so objektive hi- storisch-kritische Methode der Bibelauslegung. Letzteres hatte Josq Ernst mit sei- nem VOJbag -Das Evangelisch-Katholische und das Katholisch-Evangelische im

Lllkasevangelium. Ein Öku m "l,;sches Modell- aufgearbeitet, auf des

hier verzichtet werden muß (der Beitrag ist erschienen in: -Theologie im Werden-,

heraussegebeo von J.Hajnz. Paderbom: Schöningh-Verlag 1992, 83-103). Unter

dem Aspekt der Wirlcmclglichkeiten der Bibel in gegenwirtiger Zeit werden die zablreichen Hörer der Ringvorlesung auch den Vortrag von Beribert MaJrkn DIrn Thema -Die Bibel in der Putoral der Neuevangelisieruog- vennissoo. (zum Ansatz vgI. etwa den., Neu mit Gott. Einübung in christliches Leben und Zeugnis, Frei- burg 21991 , 14-42.2631). Am Ende dieses Vorwortes hat vielfiltiger Dank zu stehen. Zunächst den Kolle- ginnen und Kollegen aus den verschiedenen theologischen Abteilungen in Pader-

bom

Mitarbeiter Volker Garske (verantwortlich für PtC5'Mrbeit), die die Idee einer Ringvorlesung mm -Jahr mit der Bibel- 711 ihrer eigenen machten und in ve.tschie- defA" Vorgespiichen die Reihe mitkonzipienen. Sodann ihnen und allen andeaen RefetwteG, die im. nechhinein ihren Vortrag für den Druck hea"beitet en . Um die Druckvorlage hohe Verdienste erworbai babeo sich meine Sekretärin, Magdaleoe Schmits, und der -Retter in der Not- aus dem HochschuJrecbenzt:ntrum, Erhard Hilbig, da unterschiedliche Disketten kompatibel gemacht und diverse Zitierweiseo einander angeglichen werden mußten . Beim letzteren wurden sie unterstützt von Anke Schilttfort, meiner studentischen Hilfskraft, die auch die Druckfehler auf- sp(b1e. Ihr und Hcike Beo-Schroedter, meiner Assistentin. verdanke ich wichtige Hinweiae zum Layout und zur Gliederung des Buches.

weinem

KODuptionen an biblischen Vorstellungen

zu

,ssen.

en

Abdruck

(R.Dillmann.

J . Ernst,

N.Mette.

M. Weinrich.

A. Wudzlt)

und

OOOHI~2

Vorwarf

5

Ein letzter Dank gilt dem Schöningh-Verlag und seinem lektor, Dr. Hans J. Ja-

cobs, fiir den Entsr1duß zur Veröffentlichung, der schHe8lich durch einen nam_

von seiten des I andcskirchen1mtes der Evangelischen

Kirche von Westfalen und des Kirchenkreises Paderbom, vor allem aber der Erz-

diöpse Paderbom enorm erleichtert wurde, was auch den Käufern dieses Buches beim Preis zustatten kommt.

haften Druckkostenzu

huß

Mein Wunsch: Möge dieses Buch jedem Leser die Bibel als Lebens- und Glau- bciFlSbuch neu erschließen helfen und Anstöße für ein neues Selbstverständnis in

den christlichen Theologien und Km:hen liefern. Filr alle Adle "'Ien bleiben die

Worte Martin Luthers aus der Vorrede lllm Buch der Sprüche Salomos aktuell:

-Das billig ein jeglicher Mensch. so fromm 2ll werden gedenkt, solch Buch wohl möcht für sein täglich Handbuch oder Betbuch halten und oft drinnen lesm und sein Leben drinnen ansehen. -

Padetbom. im November 1993

00044 182

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Das bekannte Buch -

das fremde Buch. Die Bibel

Einleituogsvortrag zur gleichlautenden Paderbomer Rlngvorle- slIog 1992/93

Jargen Ebach

I.

Vor ziemlich geoau hundert Jahren informierte, so wird berichtet, der Berliner

Hofpltwget und FiIhrer der u1trakonservativen Fraktioo Adolf Stöcker den

Reich

er b.be erlebt. da8 ,,,ob'61. MittoJschüler nicht gewußt bittoo, wer der König Usia

war. Die Bestünung steigerte sich zum Entsetzen, als einige Abgeordnete zu verstehen gaben, sie wüßten es auch nicht. Ich möchte es uns ersparen, den entsprechenden Test heute in diesem Raum. durchzufiihren; vielleicht tröstet Sie, daß ich es nicht ohne weiteres wagen würde, diese Frage in einem theologischen En"'4i 711 stellen

Die Anekdote zeigt zweierlei. Die Bibelkenntnjs$C der ZeitgenosS\n waren of-

über die Ergebnisse einer Schulvisitation. Mit DcstÜflJmg berichtete er.

g

fenbar immer schon erschreckend schwach -

die zu wiSS ' 41 glaubten und Ilauben, was man dann ZU wisSC'l habe. Das ist das

eine. Und das andere ist: Was man weiß, scheint, was die Bibel angeht, jm1'1"W wenilCf 711 WClden. Wir bewelen Ims jnllOweit im ßeieich üblicher Kulturkritik.

Die, die heute tlber den Bildungsmangel gelenwärtiler Studierender zu klagen

wenn es nach dem Urteil derer lebt,

pfl.g

fort. Wenn ich nun im folgeodro einiges aber den gegenwirtigen Umgang mit der Bibel Cl zihle (Geles :OCl. Gehörtes und Selbsteriebtes), dann geht es mir dabei

nicht um die Art der Kulturkritik, die von der beschworenen Einigkeit lebt, Suns- würde 80 etwas Dumm e : 8 natürlich nicht p8'!Siereo . Es geht mir stattdcsse:n um

einen ersten VClsllch der Beschreibung, wie bekannt und wie fremd dieses Buch

heute ist.

In einer germanistischen Disse-rtation wird bei einem zeitgenössischen Autor der

siod die. über de1en Bildung""'Dgel einst ihre Lehrer klagten -

und so

Satz

dCllD sie wiss!o nicht. was sie tunS zitiert und mit einer erliuternden

Fußnote komu':ntiert. Sie lautet: Das ist der deutsche Titel des Jaua-Dean-Films

-Rebels of no C8"SC'1 s J',,4!'\fI Dem? War da nicht noch etwas?

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8

Jllrgen Ebach

Ein bekannter deutscher Historiker merkt in einem Sammelband von Aufsätzen und Reden gleich zweimal an, die deutsche Sprache habe das Wort: Wt die Toten ihre Toten begraben. Die deutsche Sprache? War da nicht noch etwas? In einem Iotnstgcschichtlichen Seminar einer ehrwürdigen deutschen Universitit habe der Seminarleiter, so wurde mir glaubwiirdig berichtet, K.reuzigungsbilder

gezeigt und interpretiert. Nach einer Weile habe sich ein Student gemeldet und um

Aufklänmg darüber gebeten, wer denn da dargestellt

Imllh-SiWn

gibt

es

nettere

Varianten

des

Themas:

Eine

Bochl1mer Grund-

schullehrerin führt eine 3. K1a ss e in die Bibel ein. Man vergleicht verschiedene Ausgabeo, schaut sich Bibeln in fremden Schriften an und sucht dann nach ein paar biblischen Geschichten und Figuren, die wenigstens einige Schülerinnen und Schiller anS!tzweise kennen. Viel wird es nicht. Die Vbrerin will auf die Sprilnge helfen: Eine Ce schichte kennt Ihr vielleicht noch: Da wird einer von einem großen

Fisch ver

-

Janoschl

hluckt

Strahlen auf dem Gesicht eines Kindes: Ich weiß, wie der hieß

Icb möchte noch zwei kleine Geschichten erzih1en, die über die jeweils zu be- richtende Unkenntnis hinaus auf ein Dilemma führen. Vor einigen Jahren fragte mich ein Promovend der Literaturwissenschaft nac·h der biblischen Fundstelle eines literarischen Zitats. Nach einigem Suchen fand ich sie und legte die aufgeschlagene Bibel dem Fragesteller vor. Der formulierte sogleich seine Fußnote und zitierte, wie er es gelernt hatte, die Seitenzahl. Ich gab ihm den Rat, er möge doch bei ei- ner Bibelstelle nicht die Seiten-, sondern die Kapitel- und VerszahJ nennen. Der junge Wisl mschaftler war verblüm, daß die Bibel demnach kein Buch wie jedes andere sei, das man mit Verfasser, Titel, Ort, Jahr und Seite zitiert, und fürchtete sichtlich einen Verweis seines Betreuers, wenn die Seitenzahl fehle. Aber nun eine Art Cegengeachichte: Bei einem wissmschaftlichen Kolloquium filhrte eine Privatdozentin bei der Interpretation eines Textes eines gegenwärtigen Philosophen eine Bibelstelle an. Sie war falsch. Ich wollte in der DiJkussion nicht belser MSlerisch auftrumpfen, meinte aber doch, die Kollegin im späteren privaten Gespräch auf das VeiSehen aufmerksam machen ZU sollen. Sie reagierte empört. Woher sie denn das wils ' " solle, sie habe das bei .XY. so gefunden lind abge-- schrieben, und wie sie denn das nachprüfen solle. Sie besitze ja nicht einmal eine Bibel. Ich wandte ein, wenn es sich um. ein Goetbe--Zitat handelte und sie keine Goetho-Ausgabe bes'6e, wQrde sie doch auch in dio Bibliothek geben und nach- schlagen. Das sei etwas ganz andetes, erwiderte sie, ihrerseits verbUlfft über die Zumutuna, daß INn die Bibel behandeln solle wie jedes andere Buch. Ich möchte die Frage, inwieweit di~ Bibel ein Buch wie jedes andere lind in- wieweit sie ein Buch wie kein andetes sei. jetzt nicht auf der inhaltlichen Ebene diskuti6JUl, sondern noch eine Weile bei scheinbaren Außerlichkeiten bleiben. Dem gehört, daß Bibeln noch imlim anders ammchen als andere Bücher. Die mei· sten Ausgaben sind schon SO gedruckt. als wollten sie das Les'" verhindern. Da gibt co Spolteo wie bei einom Lexikon. nicht selten ungewohn•• Drucktypon und eine Buchst a hengro8e, die eher nlm Entziffem als Dirn Lu :41 auffordert. Da gibt es in manchen Ausgabeu fettgedruckte Verse, wie wenn im Reclam·Heft VOD Wil- helm Tell die beruhmt gewordenen Zitate fettgedruckt wiren. Da gibt es Worte, die kaum noch jemandem vet'b:aut sind. Wer z.B . versteht ohne Erklänmgeo, daß

-

00044 1~2

00044 1~2 9 -Reis- in Jesaja 11 keine Reiskörner und das entsprechende Ros' des da1Jlgehöreo- den

9

-Reis- in Jesaja 11 keine Reiskörner und das entsprechende Ros' des da1Jlgehöreo- den Weibnachtsliedes keine Rose, geschweige denn ein Roß meinen, daß im seihen Jesajakapitel du -Panier- wenig mit PaniefT1Y"h1 ZU tun hat und daß der -Jrrs~·, von dem wdie Art kam-, weder Jesus Doch Jesaja ist? Nicht nur die gan7 &enylM Worte sind ja das Problem, sondern oft gerade die, die man Zl1 verstehen meint und deshalb nicht versteht. Ich vergesse nie das Eingeständnis eines Studenten in einem Bochumer Seminar. der in einem Referat über die Stadttore JemsaJems an die Beschreibung des Tores kam, das nach der Qumraogemeinde der Esseuer (auf der 2. Silbe betont) benannt ist, und in unvenalschtem Ruhrgebietsdeutsch sagte:

Und das Tor hier heißt (auf der 1. Silbe betont:) Ess:ner Tor, warum. weiß ich auch Nichts irreführender, als wenn das Fremde bekannt scheint. Was hier auf recht oberflächlicher Ebene gilt, läßt sich, wie ich später zeigen möchte, auch in anderer Hinsicht auf unser Ringvorlesungsthema beziehen. Heutige Menschen tun sich schwer mit der Bibel. Das Jahr mit der Bibel ist ja wohl auch ein Ausdruck dieser Schwierigkeit. Es mutet immerhin seltsam an, daß die lGrchen ein solches Jahr ausrufen. Sollten 1991 und 1993 weniger "Jahre mit der Bibel" sein? Werden wir hald das Jahr mit der Orgel, das Jahr mit der Predigt, das Jahr mit der Taufe oder das Jahr mit der Kollekte bekomllkj"? Ich möchte dies 7 n ersten Zugang zum Thema mit einem kleinen Seitenblick auf die Kategorie ·Buch w beenden. Bekannt und fremd ist ja nicht nw dieses Buch, bekannt und fremd wird zunehmend ein Buch als solches. Vielleicht kennen sie den Cartoon, in dem eine Mutter ihrem etwas ratlos mit einem Buch in der Hand dastehenden Kind sagt: Du mußt nicht den Knopf zum Anstellen sucben, das ist ein Buch. Es gab Zeiten, in denen die Bibel für viele Menschen das einzige Buch war, das sie besaßen und in dem. sie lasen . Heute ist nicht zu erwarten, daß Menschen, die auch sonst keine Bücher lesen, ausgerechnet in diesem noch lesen sollten. Nun gibt es dagegen eine ebenso zu bebildernde Reihe von Gründen, die dafür sprechen, daß die Bibel oder wenigstens einige ihrer Worte, Bilder, Motive sebr wohl einen hohen Bekanntheitsgrad haben. Untrügliches Zeichen dafür ist der Ge- brauch biblischer Motive in der Werbung. Da gab es die Jeans, deren Rückseite auf Plakaten dargestellt und mit der Unterschrift ·Folge mir nach'- versehen wa- ren . Da gibt es z.Zt. die Reklame fiir das Auto ·Clio·, die in vielen Folgen in ZeitungsanU!igen, in Radio und Fernsehen von der Paradiesgeschichte lebt. Die Werbefachleute wiFsen, daß sie an Bekanntes anknüpfen können, sonst gäbe es diese Werbung nicht. Es ist kaum vorstellbar, daß Motive eines anderen Buches 80 verwendbar wären. Wie steht es also mit dem geläufigen Slogan vom -Bestseller ohne LMM W ? Ich möchte nlch diesem ersten anekdotischen Zugang einen kurzen Blick auf Zahlen und Daten richten.

10

Jllrgm EbtICh

1 0 Jllrgm EbtICh D. Nach wie vor ist die Bibel das meist V6Ibieitete Buch der

D.

Nach wie vor ist die Bibel das meist V6Ibieitete Buch der Welt. Sie ist in nahezu

2000 Spl1lCb i1bet allein im Jahr 1991 wurden durch die Bibelgesellschaften

in der Welt über 60 Milli"""" Bibelausgaben verteilt. darunter über 18 Millionen Ausgaben der g",mton Bibel. Einige Zahlen dea Jahres 1991 für Deutschland:

'Oie Gute Nachricht. Die Bibel in heutigem Deutsch' wurde 460000mal verkauft,

die Luther-Bibel 42SOOOmal, die katholische EinheitsübersetZl10g in ihren ver- schiedenen Ausgaben ca. 330<X10mal. Gegenüber dem Vorjahr stiegen die Ver- keufirubJcm. um 6 %. DIm kom"-1l1 neben zahlreichen weniger verbreiteten Aus- g''''91 jihrlich 300000 Exemplare des Neuen Testaments in Luther-Uberset7]lDg,

die der Gideonmmd verteilt. Das alles sind gewaltige Zahlen, die die Bibel als

zt:

-

-Bestseller-

auswcisc:n.

wBestseller ohne ll'5er-1

Wie

aber

steht

es

mit

der

bekannten

Formulierung

Niemand wird auf den Gedanken kommen, die Kiufer oder Empfänger einer Bi- bel mit der Zahl der I 'lief gleicbvl!!ejzen. Daß in etwa 70 % aller deutschen Haus- halte eine oder m.,JUete Bibeln vorhanden sind, heißt nicht, daß sie in 70 % aller Hansb,lte zum -I ;sytotr gehören. Aber muß man nicht auch bei vielen anderen Bestae11em mit gutem Grund fragen, in wie weit die Käufer- bzw. VeiSchenker- zahJeo mit den J eSEJlahleo Übereinstimmen? Es gibt ja noch immer das wgute

Buch", daa auf jeden bürgerlichen Gahentisch gchört, und selbst waa dielnteUek-

tuellen und ihre B6chenegale betriffi, wäre zu fragen. wie viele von denen, die, sagen wir: den -Mann ohne Eigenschaften-, wDas Kapital- oder Klopstocks Werke zu Hause stehen haben, diese Bücher wirklich gelesen haben (den Referenten ein- aeschloss'41). Und wenn man die Antwort, man habe zwar nicht das ganze Buch

mal wieder darin gelesen. nicht nur für die genannten

Werke oder z.B. ftlr -Die Fackel-, ftlr Goethes oder Heines Werke gelten läßt, sondern auch ftlr die Bibellekti1re. dann ergibt sich ftlr die Bibellektüre ein immer- hin erstaunliches Bild. Gut 1/4 aller Mitglieder der evangelischen Kirche in Deutschlsnd lesen Dlmindest mehrmals im Jahr in der Bibel, und zwar au.ßerhalb

geles:ld , wohl aber im"

,r

der Gottesdienste oder andetet Ici.rchlicher Veranstaltungen . Das

U:!M' unter den Besituun -

in der Zeit der 1981 bcgonneoeo und 1986 und dann 1992 im. deutsch-deutschen Vergleich wiederholten Befragung von Daiber und Lubtis im wesmtlichen kon- stant bis leicht steigend ist. Es gibt also, halten wir das fest. viele Millionen Bi- belleserinnen und Bibelleser in Deutschland. Wenn die Bibel danach ein -Bestseller ohne Leser- ist, wUßte ich gern, was ein Bestseller mit LeseiD wäre.

sind also ca. 2S %

Ich halte das für eine elstaunJiche Zahl, die Gbrigens

m.

Wenn es auf der einen Seite im Blick auf die Lektiire der Bibel so viel Fremdheit gibt und auf der andelen Seite das Interesse an der Bibel nach wie vo r groß ist, dann liegt es nahe, eine Zielvorstellung wie wFrenvlheit überwindenl w zu formulie- ren. Den Menschen die Bibel näher zu bringen, ihnen zu helfen sich in den Worten

Hlb2

DM bekanltu Buch - das fmruk Buch. Die Bibd

11

lind Texten der Bibel wiederzufinden - wäre das nicht Aufgabe von Kirchen und Theologien? So Rehr man auf einer allgemeinen Ebene einer solchen Zielvorstel- bmg zustimmen wird, so sehr kommt es doch darauf an, entsprechende Versuche daraufhin 111 befragen, ob sie nicht - salopp gesprochen - auf der anderen Seite deI Pferdes hinunterfallen, soll sagen: ob nicht die Uberwindung der Fremdheit diesM Buches mit dem Ziel von Nähe, Einfühlung und Identifikation ihrerseits Ge- fahren enthält. Was ich meine, wird vermutlich etwas deutlicher, wenn ich nmächst über den Umgang mit Fremden und Fremdem uberbaupt spreche. D. gibt es einen doppelten Mißbrauch. Der eine besteht in all den bekannten und in dies;"i Jahren und Tagen im. vereinigten Deutschland auf böse Weise aktuellen Formen der Abwehr, Ausstoßung, Feindschaft bis hin zu geWlinschter oder praktizierter

••

Vernichtung.

Der

Haß

der Autochthonen (der Eingesessenen) gegenüber den

Fremden scheint zu wachsen, je weniger die Autochthonen sich wirklich behei- matet fühlen. Das Recht derer. die angeblich oder tatsächlich zuerst da waren, ge- genüber den je Hinzukommenden, jene brutale Logik des Gesäßes, ist gegenwärtig zu offenlnmdig, um noch ausführlicher beschrieben werden zu m'isS\h. Subtiler ist dagegen eine andere Form der Auslöschung des Fremden. Sie will in der Regel ganz philanthropisch und mit besten Absichten Fremdheit überwinden und löscht gende damit die eigene Würde und eigene Qualität des Fremden gleichsam durch Aufsaugung. Erst wenn das Fremde als Fremdes. der oder die Fremde als Fremder oder Fremde als Bereicherung meines Lebens erfahren wird, erst wenn ich im. Fremden etwas mir Entgegenkommendes wahrnehmen kann, das ich nicht selbst bin, nicht selbst sein kann und nicht selbst produrieren kann und das darin mir un- ersetzbar ist, wären beide Formen der Abwehr des Fremden übelWUDden. Gewiß sind die treuherzigen Plakate, auf denen deutsche Prominente versichern. auch sie seien Ausländer, viel sympathischer als die rabiaten·Ausländer-und-Asylanten- raus·-Parolen; weniger problematisch sind sie kaum. Wenn wir alle Ausländer sind, haben wir das Problem des Zusammenlebens verschiedener Sprachen und Kulturen ebenso scheinbar beseitigt, wie wenn es keine Ausländer bei uns gäbe. Uberdies frage ich mich, wie sich eine türkische Arbeiterin oder ein afrikanischer

Asylheweiber mit ih= konkreten Leheos- und Üherlehensproblemen filhlen mö-

gen, wenn Reiche und Prominente von der Plakatwand herab versichern, sie seien in der gleichen Lage.

-

Was hat das mit unserem Thema zu tun?

Kaum. von Plakatwänden herab, aber sehr wohl in zahlreichen Morgenandachten, Piedigteo, Bibliodrama-Statements kann ma D Sätze hören, die recht ähnlich klin- gen: Ich bin Sara, wir alle sind (irgendwie) in der Wüste, ich kann mich gut in Maria Magdalena hineinversetzen, ich identifiziere mich mit Zacbäus - oder, we- nig anders: für mich ist Jesus - und nun folgen Zuscbreibungen, die (da 7l ! gibt es ja neuerdings genügend Bestseller-Material) genau das be&Cbreiben, was man selbst gern sein will: ein neuer Mann, ein Revolutionär, ein Vertreter der 3S-Stunden- Woche, ein Frauenfreund, ein Oberökologe, ein Tierfreund und dergleichen mehr. wMein w Jesus ist der wahre Jesus, verfäJscht von der Kirche von Beginn an. Und weil die Kirche im!'lV\r schon alles verfälscht hat und weil die Fälschungen schon

()()()441~2

12

Jilrgm Ebach

in der Bibel selbst begonnen haben, kann es keine Einrede von Bibel und Be-

kenntnis gegen -meinen- Jesus geben, im Gegenteil: er muß ja umso wahrer sein,

je mehr er sich vom tradierten Bild entfernt. Das -für mich

- am Beginn einer

Diskussion über Bibeltexte beansprucht nach meinem Eindruck co ipso Authenti- zität. Wer da widelspricht oder anders zweifelt als mit einem additiven -und für

mich ist

Aber was ist mit den Stellen in der Bibel, die sicb mit den Wunschvorstellungen von Nähe, Einfühlung und Identifikation nicht vereinbaren Jassen? Da gibt es be- wihrte Strategien. Handelt es sich um einen alttestamentlichen Text (wenn man ihn nicht mag, heißt es in der Regel -alttestamentarisch-), so zieht noch imiller das

alte AT-NT-Schema: das Abzuweb=de wird als jüdisch erldärt, von dem das

Wahre, Christliche sich abhebe. Daneben gibt es die Möglichkeit, das, was man nicht übernehmen will, historisch ZU erklären (das war eben damals noch so), wogegen das -Richtige- stets als überzeitlich wahr gilt. Und schließlich kann man störende Aussagen einfach weglassen, gern mit der Erklärung, dieser Vers sage einem jetzt nichts, man könne jetzt nicht damit umgehen, wolle es aber so stehen lassen - und wie dergleichen Spracbmuster der -Einfiihlung in die Bibel- noch

-, macht sieb der schlimmsten Verfehlung schuldig, der -Verkopfung- .

sein mögen. Auf diese Weise wird die Bibel nall -

ob das, was da so nall wird,

die Bibel ist, ist weniger ausgemacht. Auf diese Weise - und das wollte ich mit meinen Zuspitzungen und Über- zeichnungen deutlich machen - steht auch die Aufhebung der Fremdheit der Bibel in einer neuCQ Gefahr, die der Auslöschung des Fremden durch Aufsaugung ver- wandt ist. Deshalb könnte auch für die Fremdheit biblischer Worte, die zeitlich und räumlich von weit her kommen, gelten was für fremde Menschen gilt. Erst wenn das Fremde als Fremdes zur Bereicherung meines Lebens wird, kann es mir andetes sagen als das, was ich mir selbst sagen, was ich selbst produzieren, selbst sein bnn. Ich gehe einen Schritt weiter: Damit die Bibel uns etwas sagen kann, muß sie erst fremd werden. Nicht nur gegen die modische Einfiih.lung, sondern vor allem gegen die seit Jahrhunderten geübte VeiWertung der Bibel, wie wenn sie -unser- Buch wire (unser abendländisches Kulturgut, lInser christlicher Besitz), muß zuerst die Fremclheit der Bibel im doppelten Sinne des Wortes behauptet werden.

IV.

-Siehe, wie fein und lieblich ist's, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen!- So lautet - in der Luther-Bibel fettgedruckt, weil überzeitlich und zur allfälligen Behelligung gedacht - der etste Vers von psalm 133. Nun, wer wollte der Aus- sage nicht rustimmenl Sie scheint von gesellschaftlichen Veränderungen unabhän-

enleben

von Bmdern vorstellen mag, ganz gleich auch, ob an leibliche Brüder gedacht ist oder ob man für diesen psalm an die Eintracht unter Priestern denken soll. Daß es -fein und lieblich- ist, wenn unter Brüdern Eintracht und Friede ist, ist wahr. Dem Psalmisten scheint das so evident nicht zu sein. Jedenfalls hilt er es für ange-

gig ZU sein, ganz gleich, wie man sich konkret das einträchtige Zusam

000441~2

000441~2 13 bracht, die Aussage mit einem Vergleich zu bekräftigen. Wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen, dann

13

bracht, die Aussage mit einem Vergleich zu bekräftigen. Wenn Brüder einträchtig

beieinander wohnen, dann ist das SO schön wie

verglei chm ? Mit etwas. das, wie nun auch der letzte mögliche Skepti.k.er

einrlll"

schön ist. Also denn: -Wie fein und lieblich ist's, wenn Brüder eintrichtig beieinander wohnen. Es ist-, ich zitiere den Ps'lmbeginn weiter, -wie das feine

- ja, womit soll man das

' mllß, über jeden Zweifel und jeden Gescbmacksunterschied erhaben

Salböl auf dem Hauplc Aarons, das herabfließt in sein

Bart

So schön also ist für den psalmisten die bniderliche Eintracht. Man stelle es sich vor (im Text des pseJms ist es nicht ausgeführt, weil he:kanntö in ägyptischen Ori- belli oft dargestellt): Ein Tänzer oder eine Tänzerin trägt auf dem Kopf einen s0- genannten Salbkegel. Der sieht etwa SO aus wie ein ZlIkkerhut und besteht ans ge- härtetem RirinUSÖI. Durch. den Tanz und die Hitze schmilzt das 01 und fließt lang- sam herab über das Gesicht der Tänzerin oder eines tanzenden aaronitischen Prie-

-

sters, es rinnt über die Wangen

hinunter - so in der Fortsetzung in Psalm 133 - bis llIm Gewandsaum. So schön

wie dieses Gefühl also ist die brüderliche Eintracht

(Rizinusöll) , es trieft in den Bart und rinnt weiter

. Ich VetUlUte. daß unter UDS der Wert brüderlicher Eintracht dwch den buchstäb-

lich amilchigen (Rizinusöll) Vergleich nicht gerade sinnlilliger geworo

wird man sogleich einweoden, daß Gerüche und Gefilhle nicht lrulturinvariant

sind. Was MMSCben im alten Orient als angenehm empfanden. was sie gern r0- chen, schl'eckten. auf der Haut spürten, ist nicht untwtingt dasselbe, was wir da empfinden, lind ebenso versteht sich, daß das undifferem;;erte -wir- sofort aufzu- lösen wäre in sehr individuelle Vorlieben und Abneigungen. Was aber - diese Frage ist das Ziel der kleinen Erinnerung an den Vergleich in Psalm 133 - läßt IIns annehllH'l, daß wir auf der Ebene anderer Gefühle mit den Menschen der Bibel mitfüh.len, IIns in sie einfilhlen könnten? Wer sagt uns denn , daß Worte wie -Liebe-, -Treue-, -Lust- in der Bibel das meinen, .was wir dabei empfinden? Kann man auf der Ebene des Gefühls und der Einfilhlung überwinden, was sich auf der Ebene der, wie man gern sagt, ·Weltbilder- als -garstiger Graben der Geschichte- manifestiert? Ich vermute, daß es auf eine Selbsttäuschung oder eine Täuschung hjnausläuft, die Distanz, die man auf der Ebene der Noww!l. der IMre, der -Theologie- empfindet, durch die Nähe der Gefühle m kompünsieren zu können. Auf all dieSEn Ebenen gibt es Distanz und Nähe, Bekanntc8 und Frenytes, Verstandenes und Nichtverstandenos. Die Dialektik von Nähe und Feme, die für die Begegnung von Menschen gilt, ist auch im. Umgang mit diesem Buch zu achten. Vielleicht versteht man auch einen anderen Menschen nur dann, wenn da etwas bleibt, was man nicht versteht und doch achtet . Auch da wäre es

gefihrlich, das Nahe fi1r das Eigentliche und das fremd Bleibende fi1r Marginales,

ist. Nun

AuszlIblcndendes ZU halten.

v,

Man mag bedauern, daß die Bibel. ihre Worte, ihre Geschichten heute vielen Men- schen. unbekannt geworden sind. in der Unhehnntheit der Bibel liegt aber auch

000441~2

14

Jargrn Eb4ch

eine Chance. Denn es ist ja bei nicht wenigen biblischen Texten und Geschichten gerade ihre ßekanntheit, die sie entschärft. Ich möchte das an zwei Beispielen er- läutern. Das etste ist die nun wirklich bekannte Geschichte vom -barmherzigen

Samariter- . Da fragt ein Schriftgelehrter Jesus danach, wie er Anteil a.m Leben in

könne. Er wird auf die Tora verwiesen. Jesus und

der fragende jüdische Lehrer sind sich einig darin, daß der Kern der Tora in der Verbindung von Gottesliebe und Nächstenliebe besteht. Der jüdische Lehrer fragt Jesus als einm anderen jfidischen Lehrer nuo nach der Konkretion: Wer ist mein Nächster? Und nun erzihJt Jesus die Geschichte von dem unter die RAuber Gefalle- nen, dem. nicht ein an ihm vorübergehender Priester und nicht ein ebenfalls vor- übergehender Levit ZU Hilfe kOmilkill, sondern ein eben nicht vorübergehender Samaritaner, ein Feind also, der ibm hilft und so ihm z]lm Nächsten wird. Auf den Fragesteller und die, denen die Geschichte elzäblt wurde, mußte die eigenhim1iche Verkehrung der Rollen (die Frage: ·Wer ist mein Nächster?- wird in die Frage verwandelt: Wem muß ich in konkreter Situation der Nächste werden) und ebenso die (filmtcchnisch gesprochen) -Besetzung- der Rollen verblüffend bis verstörend wirken . So konnte die Geschichte zur Antwort werden . Wie aber geht es uns, wenn wir die Geschichte wieder und wieder gehört haben? Wir kennen (das ist das etste) die Antwort, bevor wir die Geschichte hören. Wir sind (zweitens) nicht mehr verblüfft über die ·Rollenbesetzung-; sie ist uns vielmehr längst zum neuen Stereotyp geworden, zum formalen (die zwei ersten sind es nicht, der dritte muß es sein) und ebenso zum rollensperifischen (es gehört sich nach einschlägigen Kitschmustern, daß die anständigen Honoratioren nur scheinbar anständig sind und daß der verkannte Außenseiter sich als Edelmensch darstellt). Und drittens: die Rolle des -Samariters- ist, hören wir die Geschichte heute, gerade nicht mehr anti- typisch, sondern typisch besetzt: der Samariter kommt doch schon mit seinem Auto, auf dem -Samariterhilfsdienst- Können wir an dieser Geschichte noch etwas lernen? Wir könnten heute etwas lernen, wenn wir ihre Exposition ernster nähmen und in ihr Stereotype kritisch hinterfragten. Es gilt ja als ausgemacht, daß der Fragesteller lediglich eine spitz- findige Fangfrage vorgebracht habe, um Jesus der Inkompetenz oder einer ihn entlarvenden Aussage zu überführen. Doch kann man das -er wollte ihn prüfen- des Textes durchaus positiv verstehen, nämlich im. Sinne einer genauen und ver- antworteJen Nachfrage bei einem beiden Diskutanten zentralen Problem. Und wie wäre es (ich nehme eine gelegentliche Bemerkung von Martin Leutzsch auf), wenn der Abschnitt in unseren Bibeln heute so -überschrieben wäre: -Jesus und ein jüdi- scher IMrer sind sich in zentralen Fragen des Glaubens einig-? So geles::u und so nf:ll befragt, vermag auch der Text aus Lukas 10 heute kritische Fragen und ver- blü.ffmde Beobachtungen elwöglicheo. Aber die Geschichte vom -barmherDgen Samariter- selbst ist ZU bekannt, als daß sie noch aufzustören vermöchte. Könnte man da nicht geradezu hoffen, sie möge so unbekannt werden, daß sie wieder be- fremden und so belehren. könnte? Abnlich steht es, um einen zweiten Text kurz anzusprechen, mit der Geschichte vom großen Weltgericht in Matthäus 25. -Was ihr einem von diesen meinen ge- ringsten GC6Chwistem getan habt, das babt ihr mir getan-. Das sagt der WeIten- richter denen, die das nicht wußten. Daß sich am Verhalten zu den schwächsten

seiner ewigen Fülle bekomm.,

-

000 441~2

Dtu bd:allllu Buch -

dasfitmde Buch. Die Bibel

15

und hilfsbedürftigsten Mitmenschen zeigt, wie man sich zum Herrn der Welt ver- hält, ist eine ungeheure Pointe des Textes. Aber was sollen die tun, die die Ge-- schichte kennen? Gerade die intentionslose Nächsten- und Fremdenliebe, die hier DJm Kriterium beim Weltgericht wird, ist nicht wiederholbar. Freilich enthält das für die -Insider- eine neue Pointe. Denn keine noch so perfekte Diakonie, !ceine noch so aufopfemdc Nächstenliebe kann für sie die rettende Seite beim Weltgericht vexbÜfgen. Und deshalb sollten wir gerade diese Geschichte wohl doch kennen, denn sie wird UDS gerade dann fremd, wenn wir uns auf sie wie eine hehnnte be- ziehen woUen. Sie wird uns 111m Gerichtswort von außen, je mehr wir sie verin- nerlicht haben. Vielleicht deutet sich hier so etwas wie ein Ausweg aus dem Di- lemma ZU großer Bekanntheit an. Vielleicht muß man gerade die bekannten Texte der Bibel so genau kvn und hören, daß sie wieder fremd werden

VI.

Das Thema -Fremdheit-, -Fremde-, -Fremdes- hat, bezogen auf die Bibel, noch einen ganz andeiet1 Aspekt. In den beiden bekannten Texten, von denen ich gerade sprach, geht es nicht zuletzt um Fremde. Als Fremder wird der Samaritaner dem unter die Räuber Gefallenen DIrn Nächsten, und zu den Geringsten unter den Ge- schwistern gehören in Matthäus 25 die Fremden ("Ich bin ein Fremder gewesen", sagt der Menschensohn, -und ihr babt mich aufgenommen-). Wenn es um. Fremd- heit der Bibel gebt, steht mit zur Debatte, wie in der Bibel selbst von Freuden und Fremdem die Rede ist. Obwohl es sich dabei um ein großes und nicht in wenigen Worten zu erschöpfendes Thema handelt, möchte ich es wenigstens in un.setem Zu- sammenhang ansprechen und auf unseren Zusammenhang beziehen. Die ersten Fremden, die in der Bibel genannt werden, sind die Kinder Abra- h,ms, ist Israel selbst (1. Moso 15). Das eigene Fremdling-Sein, das eigene Exil ist die Erfahrung, von der her der Grundsatz des Verhaltens gegenüber den Frem- den bestimmt ist. -Die Fremden sollt ihr nicht bedrucken, denn ihr kennt das Le- ben der Fremden, ihr seid ja auch Fremde gewesen in Agypten!· So steht es in 2. Mose 23,9, und zahlreiche ähnliche und ebenso begründete Weisungen finden sich in allen großen Rechtskorpora der hebräischen Bibel. 3. Mose 19,33 sagt IInmj6_ verstindlich: -Du sollst den Fremden lieben wie dich selbst!- (Eine kleine Anmerkung zur Lektüregeschichte: Ist es schon nut wenigen Chri- sten bekannt, daß die Forderung der Nächstenliebe kein erst im Neuen Testament fotmuJiertes Gebot ist, sondern in 3. Mose 19,18 steht und als Gebot der Tora im Neuen Test'''d.t zitiert wird, SO ist der ganz entsprechend formulierte Satz über die Ftc"derdiebe wenige Verse später in 3. Mose 19 fast unbekannt. In 3. Mose 19 geht ihm eine andere Weisung voraus, die die Ehrfurcht vor dem Alter ein- schirft. Sie ist in den Lutherbibeln fettgedruckt, der folgende Satz über die Frem- denliebe ist es nicht. So kann es kommen, wenn Bibelkommissionen festlegen, was als i1belZ"itlich gilltig und besondel1! beherzigenswert hervonuhehen sei und was nicht.)

••

16 Du Recht des FJc",;1en gehört :ru den in der Bibel bcBOOders betonteo Weisun- geo.

16

16 Du Recht des FJc",;1en gehört :ru den in der Bibel bcBOOders betonteo Weisun- geo. Daß

Du Recht des FJc",;1en gehört :ru den in der Bibel bcBOOders betonteo Weisun-

geo. Daß du in aktuellen Debotten Bed

tung

haben soUoe, muß ich kaum beto-

Mn. So reizvoll es wäre, über dieses Thema mehr ZU sagen. möchte ich heute doch du Aug:; Ylliedc. nicht auf diese ThfllNtik richten, sondern auf die Frage, wie sieb

du bibliache Recht des und der Fremden auf unsere Frage Dach Bek;aDntheit und

F.e".tbeit der Bibel beziehen li8t.

Das in der Bibel fonnulierte Recht des Fremden könnte heute für die Bibel

selbst rekl.miert werden. Worte der Bibel können, meine ich, gerade dann waht-

genomudi werden, wenn sie in ihrer Unterschiedenheit von IIDsp.iem sonstigen

Reden wahrgeoomn. 31 wwdm. Ich weiß. daß es hier auch um Gescbmacksurteile geht, aber ich habe das Gefilhl, daß die einschlägigen Venruche der ÜberwluDg der Bibel in Alltagsdeutsch häufig das, was vetmittelt waden soll, in Benalität

außöeeD

Traditionelle Morgwandachtc:o. im Radio mögen oft penetrant sein. Aber

ge"f'uEal an den in -Hör mal 1 Minute 30 zu·-Art in flotter Form grnldeteo Verldindigungs-Spots von NDR 2. SWF 3, Radio Schleswig-Hoistein und jhnli_

chen Programmen wirkt noch die ödeste alte Morgenandacht wie ein aufstörender

mag ja sein , daß die Morgenandacht alln10ft die

FremdkÖJper im Programm, Es

wirklichen _

v

fehlt;

der Typ der Fast-food-Verkündiguog schligt he-

reim du Bedilrfnis tot und IDuß daher nicht einmal mehr dan.n leiden. es 111 ver- fehlen. Wenn früher der Pfarrer zur Morgeodandachtaufnabme ins Radiostudio bm, lachte der halbe Seoder, weil er in aller Regel 80 unprofessioneU , 50 -danebco- schien. Heute dÜlfen die bei Privatsendem angestellten und von der Kirc:he bezahlten Pfarrer mit den anderen Redakteuren in die S'pmmkneipe. Sie

können reden .wie sie, ihre Sprache dem Rhythmus der Musik anpassMl. die gefor-

derte Fröhlichkeit 'rube.bringeo. Ihre Beiträge stören die Werbung nicht, kurz: sie

fallen nicht weiter auf. Angepa8t an die, wie man sagt, ·Programmfarbe- werden

auf dieee Weise auch Kirche und Bibel -bekannt-, verlieren ihre Freavlbeit. wer- den wie du und ich und Dash UDd Pop und McDonalds und das Wetter von Mor-

Kreuz, Maria und Madonna, S1ephanus und

gen. Jesus und der Stau am K

'ne!

Soeffi -

.n

wild eins.

Ich möchte ein Gegeobeispiel nennen. Zu Beginn des letzten Jahres sendete der WDR 3 In drei Tagen eines WocbMmdes insgesamt 11 Stunden Bibeltexte. Da

wurden

von

guten

Scbauspielcrinnen

und

Schauspielern

alttes t 'l!Ieutliche

Ge-

acbichteo von den Vätem:zjbJungen des 1. Mosebuches bis zu den Geschichten

von David hintereinander vorgeJes :

ben: J"'4)I Joyce. Ulysp", lmd Schiller, Abfall der Niederlande. Kein Kirchen- proJll'mm war also pmeint, soodern Bibel als Weltliteratur. Und wie man auch die Aufführung eines klassi.ecben Dnmls nicht durch Kommentare und Erläute- rungen ZU unte:tbioch en pflegt. gab es auch hier nichts als den biblischen Text zu hören. Ein FrenvJkörper in mMreier Hinsicht : 11 Stunden ein Buch, von Freitag bis Soantagabnnd etwa vier Stunden täglich, unterbrochen nur durch kurze musi- kalische Pan., Und ein PrenvJk6rper für das programm: Bibel als Literatur.

Viele Menscben hörteo. die Texte wie 211m ersten Mal. Endlich einmal in den

Es hatte Zllvor zwei ihnlichc Projekte &eg&-

,.

großell ZUpmilkQlhängen, nicht die kunen Perikopen für die Predigteo

schweige denn fett gedruckte Merksprüche für alle l

g&-

ebenslagen.

Große Geschich-

ten mit langem Atem. Ges:hichten. die von weit her komillen. Grscbichteo. die

DM beklutnle BlICh -

du Jmrtde llIICh. Dfe BIbel

17

DM beklutnle BlICh - du Jmrtde llIICh. Dfe BIbel 17 denn plötzlich sehr genau die unmittelbare

denn plötzlich sehr genau die unmittelbare Gegenwart treffen (es traf sich, daß die Sfadwmg während des Golfkriegs lief; das Aktuelle war gegenwärtig, weil es nicht seplmt war). Auch so kann die Bibel ein (etwas) bebnntc(re)s Buch werden, ohne um. die Würde ihrer Frenylheit betrogen m werden.

VII.

Die WUrde der Fremdheit der Bibel m wahren und sie so bekannt m machen, das könDto SO etwas wie ein Ziel sein . So kann sie mir sagen, was ich mir nicht selbst sagen kenn . TWit, Liebe, Vergebung - das Wichtigste im Leben bnn ich mir nicht selbst sagen. Wenn ich mir aber das, was ich mir nicht selbst sagen kann, sa- gen I'ne, dann kann es mich erreichen und m einem Teil meines Lebens werde» . Aber gibt es nicht dagegen den Einspruch des neuzeitlichen Subjektivismus und der Milndigkeit? Ist es nicht ein Zeichen von Unmündigkeit, sich etwas sagen zu lassen? Ist es nicht Ausweis des Erwachsen-geworden-seins, sich nichts mehr sa- gen l·s8::o. zu müssen? Wie verhält sich, so kann man die Frage auf den Begriff bringeo, die Autoritit der Bibel zur Mündigkeit des Menschen? Dan! kommt: Wie soll m.n von der Autorität der Bibel reden, wenn sie doch so viele Widc:raprüche und unvereinbare Aussagen enthilt? Was denn soll m8n sich sagen lassen: daß - mit 1. Mose 1 - die Welt gut, ja sehr gut sei, oder - mit 1. Mose 2;3 - die vor- findliehe Realität als Folge des Sündenfalls dem Menschen widrig sei, daß - mit Paulus - allein der Glaube zihle, oder - mit dem lakobusbrief - auch und ge- rade die Werke? SOU man - mit Lukas - an die lungfrauen.geburt glauben oder

- mit Marlcus und Paulus - nichts davon wissen? Soll man - mit einigen VerSCil

der Sintflutgeschichte

- 8Chichte mit der als Schwester ausgegebenen Frau beim Pharao oder beim König von Gerat - oder erlebte sie gar nicht Abraham, sondern lsaak? Wie kann ein Buch - bekannt oder fremd - , das so viele Widerspruche auf- weist, von dem es nicht einmal eine authentische, autorisierte Originalfassung gibt, sondern nur viele z.T. divergierende Handschriften, Autorität beanspruchen? Wie könneD Weisungen aus einer Zeit, deren ökonomische, gesellschaftliche, kul- turelle, ja auch geographische oder klimatische Bedingungen sich von unserCll oft so grundlegend unterscheiden, uns hier und heute mr Weisung werden? Spannungen und Widerspnlche in der Bibel und der Abstand der biblischen Welt mr Realitit gegenwärtiger lndustriegesellschaften - das sind zwei gewichtige p,mkte beim Nachdenken über die Bedeutung der Bibel heute. Wiederum kmn ich allenfalls versuchen, einige wenige Hinweise m geben. Zuerst Dlm Stichwort ·WideasplÜche-. Da gibt es die übliche und nicht falsche Auskunft, die Bibel sei eine S.mmlung literarischer Zeugnj!lse aus verschiedenen Zeiten, von \lCischi~ dwen Verfassern, mit verschiedenen Intentionen. Der oder die Verfasser der Schöpfungsgeschichte in 1. Mose 1 z.B. hätten eine andere Theologie, eine andeae Anthropologie, eine andere Lehre über das Verhältnis von Mensch und Natur - um. nur dicee Punkte zu IJCOnCD - vertreten als der oder die Verfasset der folgen-

zwei

reine Tiere in der Arche wähnen oder

mit

- derselben Geschichte

-

.ndeaeu VerSCil

je sieben? Erlebte Abraham die Ge-

00044 162

18

00044 162 18 den Paradiesgcschichte. Beide Texte seien in verschiedenen Zeiten, aus verschie- denen Erfahrungen formuliert

den Paradiesgcschichte. Beide Texte seien in verschiedenen Zeiten, aus verschie-

denen Erfahrungen formuliert worden. Diese Auskunft dürfte (ich will vorsichtig

sein, demn alle Theorien über die Entstehung dieser Texte können bestenfalls be- gn 1n dete Hypothes~iI1 sein) richtig sein. Aber bleibt es bei ihr, greift sie zu kurz Diejenigen nämlich, die beide Uberlieferungen zu einem Text 'n1semil.u.brachten, b'b<41 die untetscbiedliche Akllllltuierung sehr wohl erkannt. Wenn sie in der im

I . Mosebuch bald folgenden Flutgeschichte zwei unter.;chiedliche Überlieferungen

brw.chten, daß im jetzt vorliegenden Text durchaus widerspni;cldich

-

00 z"s·mme

bald von zwei, bald von vierzehn reinen Tieren in der Arche die Rede ist, so müs- sen sie Gründe gehabt haben, um der Vielfalt der Überlieferungen willen dies~n

Widetspmch in Kauf zu neh"',

schen des biblischen Altertums haben faktisch oder implizit die, die meinen, jene alten Tradenten hätten das nicht gemerkt und erst wir klugen aufgeklärten Men- ecben der Nenurit nähmeu wahr, daß 2 14 ist? Soll man den alten Tradenten nicht weoigstena zutrauen, bis 3 (oder bis 14) zählen ZU können? Es ist jener Uberlegen- heilsdßnkel mancher moderner historisch-kritischer Exegeten gegenüber dem. Re- flexionspotential der Alten, das den Blick auf die eigene WUrde biblischer Texte aUzuoft verstellt bat. Gewiß: es gehört m den Schwierigkeiten der Her iliE\ueutik, daß niemand etwas anders wahrnehmen kann als mit eigenen Augen, mit eigenen Plau.sibilitätskategorien. Aber es gibt keinen Grund anDlDe}un en , daß die Men-

, ja 211 wollen. Was für ein Bild von den Men-

-

sehen klOger geworden sind. Unter allen fragwürdigen Fortschrittstheorien wäre das die dümmste. Also noch einmal die Frage, mit welcher Logik, mit welcher in- tention, mit welchen Wabmebmungskategorien denn die Tradenten biblischer Texte sie in ihrer Widersprochlicbkeit, in ihrer Vielschichtigkeit überliefert haben. Könnte es sein, daß Wahrheit und Leben mehrdeutig und vielschichtig sind? Es gibt, das habe ich aus der jiidischen Bibelauslegung gelernt, Geschichten, die nur wahr sind, weil ihre Gegengescbicbten auch wahr sind. -Die Welt ist herrlich. Die Welt ist schrecklich. - So formuliert es H. Gollwitzer in einer Thesenreihe am Ende seines Buches -l{rurnl!4:'S Holz. Aunechter Gang- . Die Welt ist herrlich. Die

Welt ist schrecklich -

das ist nur gegeneinander und nur nJsam"en wahr. Jedes

als auch- machte die Aussage banal. Die Welt ist

gut, ja sehr gut und: Domm und Disteln, Schweiß und Arbeit, Schmer ZtD beim

-zwar, aber- oder ·sowohl -

Oebim! -

das eine gilt, weil und indem das andere auch gilt.

Und was das

scheinbar so formale Neben- und Gegeneinander von 2 oder 14 reinen Tieren in

der Arche angeht - könnte es nicht sein, daß die Treue DIrn Widerspruch, das

Emslw:b

Im Talmud ist oft vom Gegensatz zweier rabbinischer Schulen die Rede. Da gibt es die Schule Hille1s und die Schule Schamrnajs. Mild die eine, SbCilg die andere.

Wie die jüdische Überlieferung mit diesem Gegensatz umgeht, möchte ich an ei- nem Beispiel .zeigen. Da geht es um die Frage, wie groß eine Laubhütte sein muß bzw. wie klein sie sein darf, um noch geeignet 211 sein, das LaubhO"Mfest gültig zu begehen. Immer kleiner weIden die Laubhütten beim Diskurs der RabbiDen

, zweier Überlieferungen mehr üblt als die formale Eindeutigkeit?

aber die Fng., ob auch di

noch reiche. Am Ende geht es um den Fall, daß j&-

mm d in rillmlicher Enge eine Hütte gemacht hatte, in die er nur noch seiDeo Kopf

steckm konnte. Reicht zur Not auch das noch? Und nun heißt es, die Schule Hil~

leis habe auch das noch bejaht, die Schule Schammajs aber nicht . Es folgt die Aus-

00044 1~2

Das Inhmnu Buch -

das.fremth Buch. Die Bilnl

19

Irunft. die Schul. HilIeIs habe .ich durchgesetzt. Aber es geht weiter. Warum habe die Schule HilIei. sich durchgesetzt. Die Antwort lautet: Die Schule HilIeIs hat

der Schule Scbammajs mit 1lberliefert

hat. (bErubin 13b in Verbindung mit Sukka n.7) Nicht die Auffassung setz! sich durch, die stark genug ist, die Argumente der Gegner nieder 1ll machen, sondern die, die stark genug ist, auch der gegenteiligen Auffassung ihr Recht zu Jass ;' .

Das ist etwas anderes, als wenn in unseren wissmscbaftlichen Produktionen

sich durchges~lzt. weil sie die ArgU"K

te

gonüßlich in den Fußnoten a1l die falsc"en Auffassungen genannt wetden (l Ja:

VgI. noch immer, falsch, Meyer 1892

tigkeiten umso triumphaler zu zelebrieiUi. Hier geht es nicht um die Archivienmg früherer Irrtümer, sondern darum, daß auch das andere sein Recht behält, daß es, auch wenn ich heute widerspreche, einmal wieder ins Recht kommen kann, vor

allem, daß nicht dem Vergcsm anheim zu geben ist, was heute nicht gelten soll.

Und es geht (auch diese Gegenprobe ist nötig) nicht um Indifferenz . Die Haltung

. Die

ist kein: Es könnte so sein, und wenn es nicht so ist, dann ist es eben anders

), um auf dieser Basis die eigenen Rich-

Diskussionen der Rabbinen leben vom strikten Gegeneinander verschiedener Posi- tionen. In der Halacha (anniherungsweise könnte man sagen: in der Ethik) geht es um klare Entscheidungen. Wann der Schabbat beginnt, WInn eine Laubhütte noch ange"'?SS'4i ist, das muß filr die Praxis eindeutig geldirt werden. In der Aggada (annäberungsweise könnte man sagen: in der Bibelauslegung) ist es anders . Da ist jede neue Möglichkeit, jeder neue Aspekt, jede ncue Verknüpfung ein Zuwachs, ein kleines Stück mehr an Verstehen des Reichtums und der Vielfalt der Worte der Bibel selbst. Hier kann es nicht vielfältig, nicht bunt genug sein. Auch hier vertritt der einUJIne u.brer im Namen seiner umrer eine Auffassung. Pluralismus und

Ausgewogeoheit ist nicht das Prinzip für den einzelnen Ausleger. Die Vielfalt stellt sich im Gespräch heraus. So wird das Gegeneinander zum Miteinander, ei- nem Miteinander, in dem die Konturen und Widerspruche im doppelten Sinne des Wortes aufgehoben sind.

(Erlauben Sie mir einen Seitenblick auf die entsprechende christliche Exegese.

-Was ist

der Skopus des Textes-?, lautet im Fachjargon die Frage. Eindeutig soll festge- stellt werden, was zentral und was marginal ist. Wenn es dann um die Konsequen- zen gcht, setzt die Mehrdeutigkeit ein. Hat man, um es DlDIspitzen, den eindeuti-

gen Skopus eines Textes hcrauspräpariert, dann woUen ihn die einen mit und die anderen ohne Waffen realisieren. Da sind wir ganz pluralistisch, Hauptsache, wir sind lIns einig, was der Text eigentlich sagen will Wurde in der historisch-kritischen Exegese die je gegenwärtige Logik 7!Im Maß- stab des Urteils über die Bibeltexte, so wird in mancherlei alternativen Ausle- gungsweisen die gegenwlrtige Moral Dlm Maßstab. In der Bibel soll stehen, was

der Auslegung

eine Spielart der Fremdenfeindlichkeit. Auf beiderlei Weise wird das Speiiige, das Gegenläufige getilgt, gelöscht. Darum liegt mir bei unserem Thema so sehr daran, die Bibel - auch - fremd sein 1ll lasseo. Die sogenannten WidoisplÜche der Bibel sind keine logischen Schnitzer und nicht das Ergebnis IInnlreichendeo Verstandes. Sie sind auf der Seite der Ve.tf-ssM Widelspjegelungen des gelebten ~ vieler Generationen in ihren jeweiligen

Da gilt es, in der Auslegung Zll einem eindeutigen Ergebnis Zll komme

)

man, was frau heute filr richtig hält . Ich sehe in beiden Fow

:n

000441~2

20

000441~2 20 Erfahrungen, ihrem jeweiligen Tun und Ho"",. Und sie sind auf der Seite der zu

Erfahrungen, ihrem jeweiligen Tun und Ho"",. Und sie sind auf der Seite der zu einer Einheit gewordcncifII Bibel als ganrer der Ausweis eines Verstehens von

WahJbeit in ihrer Vie'

.s darum (ich wied2'hole es). daß

eine 001' 5"bich.tc mweilm nur wahr ist. wenn und weil ihre OegeogM"bichtc auch

wahr i.t.

ichtigkeit.

des Wiss

OegeogM"bichtc auch wahr i.t. ichtigkeit. des Wiss VIII, Aber wie können die Zeug:niP5~ des gelebten Lebens

VIII,

Aber wie können die Zeug:niP5~ des gelebten Lebens früherer Generationen und ihrt!S auf Gottes Wort für uns Autorität haben? Hat nicht geIade die Verab- solutierung biblischer Wahrheiten in der Geschichte der Kirchen als Gewalt- und DisziplinierungsinstnlJl# 41t gedient? War es nicht die Leistung der Aufklärung und der von ihr hcdoliliioo.den historisch-kritischen Bibelauslegung. von solchen Zwingen zu befieien7 War es nicht befreiend zu erkPllDen, daß biblische Au_gen keine überzeitlichen Wahrheiten sind, aondem im!l4'if auch Ausdruck zeitgebundener K"'l'mtnisse und Auffusungw? Daß sich die Sonne nicht um. die Erde drehe. wie man es aus Josua 10 herausgelcs ::u hatte. muRte gegen die Icirchliche lehre behauptet werden. Daß die Welt nicht in sieben Tagw erschaffen wurde. daß Jesus aller Wahrscheinlich- keit nach nicht in Betlehem geboren wurde, daß das Volk. Israel kaum mit mehre- ren 100 000 Mann durch die Wüste zog. daß lericho schwerlich durch Trompeten- schaH seiner Mauern verlustig ging, daß Mythen, Sagen und Legenden nicht den

Anspruch auf historische Richtigkeit erhcbec - sind das nicht alles Ergebnisse der nenmitlichen Bibelauslegung, hinter die wir nicht zurück gehen sollten? Kei- neswegs plidiere ich für ein Zurückgehen hinter die Aufldänmgsposition. Zu fra- gen ist jedoch - minclestens - zweierlei. Die eine Frage, die zur Kritik der Kritik auffordert. bezieht sich darauf,daß im Zuge der Historisierung der Bibelauslegung die historische Faktizität zur einzig autorisierten Wahrheitsinstanz wurde. In der Bibelausleeung entstand die Rede vom -historischen Kern - einer Geschichte. Die Geschichte vom Durchmg der Israeliten durchs SchiHil4'er z.B. wurde 80, wie sie in der Bibel steht, entmythologisiert. Was blieb, war der historische Kern: Eine kleine Gruppe von Menschen. die in irgendeiner Beziehung zum späteren Israel steht •• ber nicht das Volk: Israel war, floh aus Agypten und konnte übeIT'!!r('hender weise einer Verfolgertruppe entkommen, weil sie an einer nicht mehr ermittelbaren Stelle einen nicht genau zu beschreibenden Wasserlauf durchqueien konnte, in dem die Verfolger umbII'§! . In der Tat: Historisch läßt sich kaum. TM.br sagen. Weder Moac, noch das Meer, weder MUjam noch der Pharao, weder das Gebet des Mose vor noch das Lied der Mirjam nach dem Durchzug. weder der Stab. den Mose ins W'n!i warf, noch der Wind, der die Wa'ser in zwei Siuten teilte, geschweige dcon das Loblied der Engel , das nach dem Midrasch Gott veibot. weil die Agyp- ter, seine Geschöpfe, ertranken, können historische Faktizität beanspruchen. Aber

imuErhin -

gendwie durch. Wenn die Wahrheit der Geschichte an diesem -historischen Kern- hingt, dann beruht die Wahrheit von Rotkippchen darauf. daß es wirklich kleine

-

-

da sei ein historischer Kern : Irgendwer zog irgendwann irgendwo ir-

000441~2

Du bek.annle Buch - d4r.frmwh Buch . Die Bibel

21

Mädchen, Wälder, Wölfe und rote Mützen gibt. Wo die Wahrheitsfnlg. mit der Historizität identifiziert wird. wird die Faktizität zum einzigen Maßstab der Wirklichkeit. Dann aber gibt es keinen Raum für Kunst, für Utopien, für Träume,

fiir Gebete. Wo die Frage, ob das, was die Bibel berichte, sich tatsächlich 80 zu-

getragen habe, zum Gra d U4:ver ihrer Wahrheit wird, da geht es so Zll, als

würde

jemand das Qualitätsurteil über ein Frauenbild Picassos davon abhängig machen,

ob es ~gendwo eine Frau gebe, die tatsächlich so aussehe. Wohlgemerkt: Diese Kritik der Kritik gilt in zweifacher Richtung - gegen die, die behAupten, was nicht historisch verifizierbar sei, sei unwirklich, ebellso wie gegen die, die be- haupten, was wirklich sei, wisse auch historische Faktizität beanspruchen können. DazlJ zum Abschluß noch eine andere Überlegung. Gewiß: Es gibt noch immer einen Biblizismus, der Menschen das eigene Denken verwehren will. Es gibt noch immer die Gewalt, die mit biblischen Worten ausgeu.bt wird - politisch, aber auch in den Biographien einreJner Menschen. Das mußt du glauben, das mußt du tun,

Aber die Gefahr dieser Gewalt scheint

mir lAngst nicht mehr die einzige und - aufs ganze gcs±en jedenfalls in der bun- desrepublikanjschen Gesc'lscbaft - nicht einmal die Hauptgefahr. Sie besteht, wenn ich recht sehe, in einer anderen Gewalt, der nämlich, die man den biblischen Texten selbst antut, indem INn sie zurichtet na ch dem Maßstab der eigenen Logik. der eigenen Moral. -Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit- (so A. Kluges Filmtitel) zeigt sich auch hier. Ist es denn das Hauptproblem unserer Zeit, daß Menschen noch immer und vor allem tradierten Nounen, überkommenen Werten,

unhinterfragen Autoritäten friiherer Zeiten blind folgen? Ist nicht längst das andere zur Signatur "n&r.ier Zeit geworden? Wir gehen mit der Erde und ihren Ressourcen um, als gehöre sie UnSClrer Generation . Wir leben so, als hätten wir Verantwortung weder für die. die nach uns kommen, noch für die, die vor nns waren. Generati- onsimperialismus, die Zurichtung des uns Uberkommenen nach unSeten Zwecken, die Instromentalisierung von Menschen, von Geschichte, von Leben nach unseren Zwecken - das scheint mir die Hauptgefahc. Was sich unseren Bedürfn.iVeD. nicht

fügen will. wird

getilgt. Auch die Geschichte der BibeUektüre der Neuzeit könnte unter den Stich- worten -Kolonialismus· und ·Imperialismus- geschrieben werden. Deshalb am Ende abenna1s ein Plidoyer für die Bibel als fremdes Buch. Wenn wir in ihr nicht finden wollen, was wir ohnehin scho n kennen, dann vermag sie uns ZU sagen, was wir IIns nicht selbst sagen können. Als -fremdes· Buch sollte sie bekannt werden.

Und was die Aufgabe der professionellen Bibelausleger angeht, so möchte ich es mit einer zweiteiligen Maxime halten. Wir soUten die Bibeltexte 80 gMau an- schauen, daß das Fremde ein wenig vertrauter und das Vertraute ein wenig fremder

das ist Gottes Wille, das ist Gottes

-

fügt, wird zugerichtet, bis es sich fügt . und was sich partout nicht

wird.

Und ganz zum Schluß ein kleiner philologischer Hinweis: Das hebräische Verb. das man mit -genau anschauen- verdeutschen kann. nakar, ist wurzelverwandt mit einem Wort für den Fremden: nom . Das Fremde ist das, was man genau an- schauen muß - nicht das, was man lieber nicht sehen will. ·Du hast mich so fmmdlich genau angeschaut, obwohl ich doch eine Fremde bin-, sagt Ruth Zll Boas. Der biblische Erzähler spielt hier mit dem ZnsemlllE\llhang der beiden

000 441~2

22

000 441~2 22 Worte. Ruth ist eine Flemde, die in Israel Heimat findet . Auch nachdem

Worte. Ruth ist eine Flemde, die in Israel Heimat findet . Auch nachdem sie in die

F.milieostruktur Israels aufgeooJlUll!lO ist, ja zur Ahnfrau Davids wird. heißt sie

-die MOIbitcrin-. Diese Knnnurichnung dient nicht mehr der AUSglWZJlOg, son- dern bleibt Met mal ihrer oomndelUl Geschichte. So kann sie veJuaut, bekannt.

ja ben 1 hmt wetden und doch eine Frenvle bleiben.

So könnte die Bibel ein bekanntes, ein vertrautes Buch sein und ein fremdes Buch bleiben . So könnte sie zu uns gehö ren, o bwohl sie nicht UDS gehört .

000 44'112

Mysterium igitur in figura, peccatum in historia'

Wie die Bibel in der Alten Kirche gelesen wurde

1.

EinfilbnlDg

Anne-Lene Fenger

Im Zuge der Ausführungen der Bestimmungen der Liturgie-Konstitution. Sacrosanctum Concilium., des 2. Vatikanischen Konzils wurde eine umfangreiche Reform. des Stundengebetes durchgeführtl. Hinsichtlich eines wichtigen Teiles der Liturgia horarum, des psalteriums, heißt es in der "Allgemeine(n) Einführung zum

Stundengebet": "Die drei psal",

58 (57 LXX),

83 (82 LXX) und

109 (108

LXX), in denen der Flucbcharakter überwiegt, sind in das Psalterium des Stunden-

gebetea nicht aufgenomll,.n. Ebenso sind einudne derartige Vetse ande:ter p

ausge1ass:'Il, was am Beginn jeweils vetmerkt ist. Diese Textauslassungen erfolgten wegen gewisser psychologischer Schwierigkeiten, obwohl FluchpsaJ,,+eJ') sogar in der Frömmigkeit des Neuen Testaments vorkomliiNI (z.B. Offb 6,10) und in keiner Weise 1,IIm Verfluchen verleiten wollen. d Bedenken wir, daß nicht nur die nicht in das Psalterium des Stundengebets auf- genommenen Psalmen, sondern auch die "gestrichenen" Verse durch Jahrhunderte

hindurch von Christen gebetet wurden, dann stellt sich unausweichlich die Frage:

lllw41

, "Im Obertraaenen Sinne ein HeiIl,eheimni., in der Geschichte eine Sünde;" Ambroaiw von Mai-

land, expoa . ev,l. Luc m, 38; CSEL 32 , IV, 121;IBKV AmbroaiUI D, 14.5 . AmbroeiUI brinat hier

und die "Ermorduna" dei Uria SOnde ein Heillgeschehen voqc:bildet wird :

Die Berufu.na: der Heiden durch Jeaul ChriIlUI. Weitere Yeqleichbare Formulicrunaen dea Ambro- IiUl bei J.Huhn, Bewertu"'l und Gebrauch der Heiligen Schrift durch den Kirchenvater Ambroaiw:

auf die kurze Fomx:l, daß der Ehebruch Dlvida mit (b,tKb. dea Köni,1 David war und bleibt, in dieaem Ereignil aber

1 IU 17 (19.58) 387-396, ebd . 390. V,1. dln! : SC IV; bea . 89 und 92; Rahner - Vcqrimler. Kleine. Konzilakompendium. Freibur):

1961,76-81, ebd . 17r. Die Reronn wurde am

1. November 1910 durch Plp. Plul VI. approbiert

uod tral Im 11 . April 1911, dem o.e~nnlal, in Kraft .

, AJlaemcinc Einßlhruna: zum Stundenacbet 131 ; Dokumeme zum R.6milChen Sblndcnacbet. Trier

197.5 (- NKD 34) . 116 . Zu den einzelnen

VetICn, die ",eatrichen wurden" v,1. B.Zeaaer, 0.1

Brate Te.ameDl. Die jOdiJchc Bibel und die Christen, DOlICldorf 1993. 39. Anm 4.5. Zur Proble.- madk der "Fluchpaalmen" aßacmein und den von Exepn vor allem aclen die Streichuoa: einzel·

ner VetIC p1tend aemachten P.imvlnden VII. u.a. M&1beqer, Zur Probletnatit WId Hcmmft der sopnannten FlucbpuJmen: TIbZ 91(1988) 183-216 mil weiterer Lit. und Zenacr. TeliameDl. 38- 41 . Ahnlicbe "psycholoaiJcbe bzw . lheoloriJcbe Schwieri,keiten" werden und wurden auch hin- sichtlich anderer (atJ und ntI) Texte von vielen Autoren namhaft acmachl .

000441~2

24

000441~2 24 Hatten die Generationen vor ,ms keine ·psychologischen Schwierigkeiten· mit die- &eil PnlilWll .md

Hatten die Generationen vor ,ms keine ·psychologischen Schwierigkeiten· mit die- &eil PnlilWll .md VeUk::U'r Anbind eines Beispiels sei angedeutet, daß die Bischöfe und Theologen der Alten Kirche durch einen bestimmten Zugang zum Psalterium im besonde:ten und zur Bibel im allgemeinen zwar den ·Fluchcharak:ter- etlicher Texte wahm ab ll 4 ", sie aber zugleich in einer Weise deuteten, die die "psychologischen Schwierigkeiten" nicht aulkomI1Wl ließen: Als Ausgangspunkt

sei Ps 137,9 gewählt':

"Wohl dom, der deino (-der Tochtor Bahol) Kinder [lOCkt und si. am Felsen

zeJ Iil:'btMttertl- Sowohl Augustjnus als auch Eusebius und

Vers wie folgt: In Babyion erkennen sie die gottfeindliche

Macht, in den Kindern die VOD ihr hervorgebrachten bösen Gedanken und Werke, im Felsen, an dem die Kinder zerschmettert werden sollen, ]esus Christus, den Fels des Heils. 7 Der Ged.nkengang, der zu dieser Deutung führt, sei kurz skjz- ziert: Babyion bezeichnet nicht nur die große Stadt am Euphrat, sondern steht n.ch Apk 17,5 in Verbindung mit weiteten Stellen aus dem AT und NT auch als Meta- pher fl1r das Widergöttliche schlechthin.' Durch Kombination verschiedener SchriftsteUen mitein.nder erweist sich ·Kinder- als Metapher für all das, was je- m.nd aus seinem Inneren hervorbringt', und schließlich bezeichnen zahlreiche aU

kOlliilditiCiCil dies:

Hilarius von Poitier'

und ntl Stellen" Gott bzw. Christus als den "Fels des Heil

". So willkiirlicb und

hergeholt lms die Interpretation von Ps 137.9 auf den ersten Blick eiScheinen mag. so einleuchtend wird sie, wenn wir bereit sind, die Grund.nnahme der Väter ZU

Über den Wortsinn hinaus deuten die verwendeten Termini auf etwas

IDdei06 hin, sio sind als. Metaphern zu le5.,. Wld demgemiß zu deuten. Der DY.t.- phorische Charakter kommt dies n l1 Worten aber nicht ·einfach so· m. sondern ist durch Verbindung v6ischiedener SchriftsteUen miteinander ZU erschließen .

.kn

tieren:

,

7

Zur

bj·orUch-kritilcboo.

lbor

lucb

"ipiritueUon"

DeUnlOi

der

"AuchpMhoon"

und

dor

·,~·ricboooo VOrM" v,l. MaiberJOr. Problematik, 186-189 mit Amn. 7-19. Mit Roeht oIletdiOl'

."

iII

Molborpr lut doo "lborzllubUc:hon" Gebrauch der "AuchpMlmco" bin: val. uO . 193,

Amn. 27.

Im SnnYMnbucb

dieler Pylm vOliuebon mr dio VOlpOr

Im DioD8U., dor 4 . Woche; zu boten

Be.,. bei Maiberpr. P.oblelll8tik 186, Anm. 6; v,l. lucb dio Deutuna von Ps 109 durch Aup-

Wm,. und J !Phor mit aUordiDp UDVorbnnbarcm roliaiÖlem Antijud.ill1J1uI. Nlhorc Analbon Mli-

boli., uO. 193, Anm. 29. hurenlne darlte lOin, dI& H.U . v . Baltbuar, Olno Aunfohll'" Au-

I'.w

Dun,." VOD PI 137,9 (- 136 LXX) völli, ObeiJeht; AuroliUII AuI',ci,,'I, Über die Pul- meD, lUIpWIhlt WId Ilbcrtnpo v . H.U. v. Ba)lhl'u, Eintjedeln 1983 (- ~bo Meiaor,

u

P"'ntioPI in P 10'01 vorteJlC, Ps 109 (l08 LXX) mit nur 6 Zeilen "Ibtut" und die ,C-

1iDd.u.ntinp nur dio Vo,. 1

6,

IUI,.IIMen wurden Vv. 7-9 .

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Bel. 20), 232; 318-322.

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,

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Zu die. 7r harpr.,,,rion bemem P.Maiberpr, Prob1emetik, Iie Iti eupci

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dann .bctr fort: "'IIIiI"'rbin iII

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aatiquierten ,Ueacri-

Sinn zu venteben• .u beim pmeinM"ICD Pu1menpb et Iu. PrtAell du Oratorium zu vorloa-

tl r'l rr, crineo Vemiclm·

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"

(uO . 116). A.uedrOcklkh lCIi darautbinpwiNen. daß ein enr

heMkm<'er,

in oioor mehr

cb.riatolotiKlHpiritueUoa Buaue dweha" •• ezipierter ONndp4l nke in der VlIorirutpl'","'ion '

obc-so zum Tra,en kon,

Verbind,,", von "SOnde Uftd Fluch" UDd die

: Die durchli", bibl

itche

Bitte duum, 00ll101bc möee SElNB Oerecbti,kcit unter UM lu6icbtco. (v,1. uO . 186t mit BeN-

tu.oc IlUtD.Bonhoetrer) .

VJI. dm' z .B. AupItiDuI, Bn,"" in Flln,).7 . u.ö. CC1\rL 40; X,3 .

VJI. du" Aul"."'" P-.rrin Fl137,2OI1; COtrL4O; X,3, 1977.

I V,l. z.B. uO . 21n; CCbrL 40; X,3, 1977nl.

00044 1~2

00044 1~2 2, Die Vorans<etzungen der Bibelinterpretation der Kirchenväter 25 Die eben angedeutete Auslegung von Ps

2,

Die Vorans<etzungen der Bibelinterpretation der Kirchenväter

25

Die eben angedeutete Auslegung von Ps 137.9 findet sich in einer Predigt. die Au- gustinus (354430; seit 395 Bischof) in seiner Bischofsstadt Hippo gehalten hat. 11 Er mutet seiner Zuhörerschaft den langen Weg dun:h die Heilige Schrift zu und weiß. daß der größte Teil der Gemeinde seinen Weg nicht nur mitvollziehen kann. sondern diese Art der Auslegung einer SchriftsteUe von ihm erwartet. 12 Er selbst berichtet in den 'Confessiones" über Ambrosius (339/40-397; seit 374 Bischof von

der damals mit

seinem kraftvoUeo Wort Deinem Volk das 'Mark Deines Weizms' und das

Mailand); ·So bm ich nach Mailand zum Bischof Ambrosius

'Frelldmöl' und 'des Weines nüchterne Tnmkenheit' darbot

Ich hörte ihn,

wc.m er zum Volk sprach, voll Inteh,ue, freilich nicht in der gehörigen inneaw

Verfassung, vieJmehr um mir ein Urteil zu bilden, ob seine Rednergabe ihrem Ruf

entspräche

Was mich vor allem bewegte, war die Behandlung

des einen und anderen alttest a "w4.tlichen Textes, wobei des öfteten sich Rätseltö- sten, die mir, "ach dem Buchstaben aufgefaßt, tödlich geworden waren. Da nun viele Stellen der alttesta"k41tlichen Bücher eine Auslegung im geistigen Sinne er-

• man könne denen, die das

Gesetz und die Propheten verwarfen und verlachten. ÜbeihaUpt etwas entgegenset-

Ich freute mich (nur) an der einnehl ••c.nden Art seines VOibags; er

zeugte von höherer Bildung

fuhren. SO nahm ich VOletst meine Meinung zurück

zen. • ,)

Wie läDt sich begründen, daß zwei so unterschiedliche Gemeinden, die in der damaligen kaiserlichen Residenntadt Mailand und die in der nordafribnischen Hafenstadt, ihren Ptedigem nicht nur begeistert zuhörten, wenn sie alttestal!l'utli- ehe Bücher "im geistigen Sinne" auslegten, sondern dies offensichtlich von ihren Bischöfen erwarteten? Der nächstliegende Schluß dürfte sein: Die Zuhörer und Zuhörerinnen waren an dies 4. Umgang mit Texten gewöhnt und zwar nicht nur durch eine christliche Tradition der Auslegung, sondern aufgrund ihrer ·profanen Bildung- .'.

11 Die 7.blreichen direkten Anreden &D die Zuh6rer und Zuh6rerinnen dieler enarntio deutlich auf.

•2

eilen den Prediau:baraber

Zu

Oe

doclrina chri.ilna (aUChriEtcD 396; 426 . Cbenetzuna : BKV, Bd . 49; Auault1raa vm, 6-225):

alt CrD ,Iaz kune Einlllbruna: E.Daumann. Schrittventlndnil und reliai6te Ertenntnia nach

dem heilipa AuI'l"im

acbe Schriftaualepftl M c b Aul' •.cinl ProlOS ZU Oe doctrina cbri.ciIM : KuD 1(1955) 59-69 . 85·

Aupltinul Schrittventlndnil und

,:TI"bZ

leinen Anweialn,en zur AwJelUna der Bibel v,l.

87(1978) 257· 274 und: P .Bronnet, Ourilmltiacbe und melhodi·

1m: in beiden Aufdtzen weitere Literetur .

I ) Au ,.i,

, COD!e,ai one , V,13/4; die emacbeidenden Bepitte die

Ziu.w sind: 'Mark Dein"

Weize

Bucb

', 'Preudeo&', 'nGcbteme TNnbobeit dea WeinN'. 'lieb Rlu.el l6aten, die pecb dem

a

aufaer.&, r6cllicb wanD' uDd •Aualeauua in aeiltipm Sia

•.

Au,,,.i,.,, hielt lieb.

zwitcbea Herb. 384 und Juni 387 mit eiDer Un10rbrecbuna von Sepwrnber 386 bia MIn 387 in MlalDd luf. In die piche Zeit werden u .• . Ambroaiua Predipn: 4bet du Se-b•••ewerk (- Ex-

Hmllllron) datiert,

I. Zur Intiken Bild"'" aUrmein v,l. H.J . Matrou, Gedichte der &&buna im kll

·

ben Al&er-

tum, MOnchen 19n ( -

dtv W"LMenICbafU. Reihe 4275) uDd B. Paul, GelCb;cbte der chri.licboa

Eniebuna. Bd . 1: Ami ke und Miaelalter. Freibura 1993.

000441~2

000441~2 2.1 Homer- und Hesiodimerpretation in der hellenistischen Antike " Seit dem 6.15. Jb.V.Cbr. setzt sich

2.1 Homer- und Hesiodimerpretation in der hellenistischen Antike

"

Seit dem 6.15. Jb.V.Cbr. setzt sich aus verschiedenen Gn inden die Ubeneugung duICh, HOil« lehre in seinen Epen nicht den. Polytheismus, sondern er ·offenbare hinter dem, was die Aussage im Wortsinn bezeichnet, etwas ganz ande:tcs, etwas viel Tieferes, und durch diese geheime Lehre wolle er die Menschen zu heilbrin- gender Erkenntnis führen.· u Vorallsset71rng dieser Sicht der hOlllClischen Epen war nicht nur ihr literarisch-normativer Charakter sondern auch ihr Gebrauch in der Ausbildung. Darüberhin8U8 gilt Homer, vergleichbar der Pythia, als von Apollon begeistert. Seide, die Pythia und Homer, teilen übetili(11schlicbes Wissm in eine'" RltsclspnICb mit. Unter dieser Gnmdvoranssetllmg -ist Philologie nichts

andet :s als eine subtile KIrnst des Enlschh1nelns, eine KIrnst, die eben auf das ge-

richtet ist, was die vordergrilndige Aussage

in di"ser

philosophischen Gottesvorstellung und

HOII.VS· 17 sollen bcs~,itigt werden. Als weiterer wichtiger Gesichtspunkt ist zu ."1Oen: Es gibt nur einen, mit sich selbst identisch bleibenden Logos, der sich niemals irrt. Unter dieser Vorauu&mng kann das eigmtlicb von HOIn-" Gemeinte dnil von den Philosophen hier und jetzt Erkannten nicht wideJsprecben, auch wenn Homer die eine Wahrheit anders aussagt, wenn sie hinter dem literaten Sinn verborgen wurde, so daß der tiefere Sinn, die hyponoia, erschlossen werden muß . Einen wichtigen Schritt hin zur Erarbeitung von Kriterien der Hornerexegese wird dadurch getan, daß genauer gefragt wird, ob eine einzelne Wendung Horners, ja eine ganze Schrift ·physikoteron- oder -ethikoteron- zu verstehen seL 11 Als klassi- sches Beispiel einer Horner-Interprelation ethikoteron darf Horaz (65-8 v.Chr.) angeführt werden: Nach ihm ist -die llias ein Lehrgedicht über die scblimilriJ Folgen des Zornes. Zu ihr tritt die Odyssee in Kontrast. Denn Odysse lls verkÖipett das Ideal des Wisulden und Weisen .• 19 Aber nicht nur -etbikoteron- wurde HOI!4!lf ausgelegt, sondP'11D auch ·psychologisc h " als Darstellung von Vorgängen in der menschlichen Seele, oder ·physikalisch-, als -Verschlljsselung· (= ainigma) kosmischer Vorginge, schließlieb, als H&hstform, -theologisch· bzw. im. Sinne der -ersten Philosophie- . 2O

verbirgt.

_16 Das apologetische Element WideJSprüche zwischen einer

Homer-Interpretation ist unverkennbar:

-den. frivol wirkenden Göttergcs±icbten

u

H.D6rrie, Zur Methodik .aljhr BnJCM: ZNW 6S(1974)121-138, cbd . 122; val. auch : H. Qraf

RovenlIow, Epocbcn der Bibelaualepna, Bd . 1: Vom Alten Teet'mcm bit Oriacnea, München

1990,37-44. ebd . 39 .

111 D6rri0. Methodik 124 . H . D6nie und H . ReveDI.I.ow weden aUJdroctlicb daraufhin. daß mit Platon und AriIIoteloa aucb cine • ncI ero Sicht Homen (und Heliods) einletzt, die aUcrdioc. -letzten Eadea docb nur BpilOdc- blieb (uO, 127).

17

H .C.ncik-Ijodemaier. Art. AUeaoreeeIAUeaoric : H.ndbuch reliaiou-wiuena:haftlicber ONDdbe-

triffe. hna . von H.Cercik u.• . • Bd . I, SWttprt - Berlin 1988. 424-432, cbd . 429 .

 

11

Val

D&ric, Mccbodik 127 . D6rrio wei. wohlbeJrüntlet daraufhin, daß die etoi.cbeo und (DeU-)-

pl·'nm.cbon Horne", und Plato&-lIKrpreten bevorzuJl den Komparativ verwc

teten,

um damit

au m 'dr6cken, daß .ucb dieae Homerexc,cae nur Nlherunar.vette eraeben könne . VoU au acbllpft werden kano da. in (lp rachlichen) Symbolen Au.,edrückte nic (val. ebd .).

 

19

D6nie, Methodik 126 . Wir haben in dieaer Deutuna eine Rezeption der Werke Homera vor 1UlI,

die in iblMln die atoiacbe JiJbik -aoaecSeutet" findet .

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BeilpieIe 8lr dic venchiedencn Woiaen der Aual0PDl bei H.Rcven11ov, Epochen 39-41.

 

00044 1~2

Wie lasm Klrchmv6lt'r die Blbt'17

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2.2 Di~ Aus~gung der -Septuaginta- durch Philon von Alexandrien

Diese Weise des Umganges mit alten, -heiligen- Texten blieb nicht auf den Be- reich der kJassjschen antiken Philosophie, der Stoa und des (Neu-)Platonismus be- scbrlnkt, sondern sie fand mit dem jüdisch-hellenistischen Religionsphilosophen

Phi10n von A1exandrien (I. Hälfte des I.Jb.D.Chr.) auch Eingang in das Judentum

außerhalb palästina" - und über ihn auch in die christliche Exegese. Mit seinen

nicht-jüdischen Zeitgenossen Alexandriens teilt Philon die Grundüberzeugung, daß

·Wahrheit im eigentlichen Sinn des Wortes

nur in einem das Sichtbare über-

schreitenden Deteich zu finden-l i sei. Das Zeugnis dieser Wahrheit findet sieb

nvb Philon nicht bei HOlü6l oder sonst