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WM-GRUPPE B

Spanien ist für mich mehr als eine Affäre

Als Kind musste unsere Autorin Spanien heiraten, jetzt stellt sie das WM-Team des Weltmeisters vor. Auch in der Gruppe B:

Hollands Diven und Australiens kiffende Surfer

VON Anna Kemper;Christof Siemes;Haluka Maier-Borst;Steffen Dobbert | 03. Juni 2014 - 16:02 Uhr

© Jorge Silva/Reuters

Dobbert | 03. Juni 2014 - 16:02 Uhr © Jorge Silva/Reuters Gut wie nie: Der Spanier

Gut wie nie: Der Spanier Sergio Ramos (Nummer 15) führt die Auswahl des Titelverteidigers in Brasilien an.

Am 12. Juni geht's los, 32 Mannschaften spielen in Brasilien um den Titel des Fußball- Weltmeisters. Für jedes Team hat ein Redakteur oder Autor von ZEIT ONLINE oder der ZEIT die Patenschaft übernommen. Vor dem WM-Beginn haben sie "ihre Jungs"

porträtiert. Lesen Sie heute die Teamvorstellungen der Gruppe B, die der Gruppe A finden

Sie hier ,

.

Spanien

Als ich dreizehn war, versprach mich mein Vater einem Land, das ich gar nicht kannte:

Spanien. Er war seit den achtziger Jahren beruflich oft in Madrid gewesen, er liebte die Stadt und wollte Spanisch lernen, hielt aber den ersten Sprachkurs nicht durch. Und dachte sich: Vielleicht bringe ich ja mehr Disziplin auf, wenn meine Tochter mitmacht. So lernte ich ab 1990 mit meinem Vater einmal in der Woche an der Volkshochschule die Sprache eines Landes, das mir vollkommen unbekannt war. Spanien und ich, das ist im Grunde eine arrangierte Ehe.

Wie es sich gehört, lernte ich meine künftige Liebe erst kennen, als ich ins heiratsfähige Alter kam. 2001 ging ich für ein Jahr zum Studieren nach Sevilla. Damals war in Spanien noch einiges anders. Den Kaffee zahlte man in Peseten. Während ich in der Bank ein

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Konto eröffnete, rauchte der Bankbeamte. Niemand kam auf die Idee, den Sinn der Siesta anzuzweifeln. Von Krise keine Spur.

© Stephan Pramme ANNA KEMPER

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ANNA KEMPER

Vor allem eins war anders, und das lernte ich in meinen letzten Wochen in Spanien, die mit der WM in Südkorea und Japan zusammenfielen: Die spanische Nationalmannschaft war ein Quell der Enttäuschung. Ich litt mit, als die Selección gegen Südkorea (nach zwei nicht gegebenen Toren!) rausflog und die Wut im Land so groß war wie die Schweißflecken von Nationaltrainer Camacho. Ich litt mit, als sie 2004 nicht mal die Gruppenphase überstand. Und ich litt mit, als sie 2006 gegen Frankreich im Achtelfinale scheiterte.

2008 kehrte sich alles um. Spanien geriet in die Krise, aber der Fußball wurde plötzlich ein Quell des Stolzes. Die Selección wurde Europameister. Scham und Schweißflecken waren vergessen. Die ganze Welt schwärmte plötzlich für den spanischen Fußball. Meine Liebe war nicht mehr exklusiv, ich musste sie teilen. Ich war nur noch eine von vielen. Das schmerzte.

Ich glaube, in diesem Sommer wird sich das ändern. Für viele der glühenden Verehrer war Spanien nur eine Affäre. Bitte nicht schon wieder Spanien, wird es heißen, ist doch langweilig! Der Abgesang auf den spanischen Fußball tönt lauter denn je. Angefangen hat er ja schon 2012 bei der EM: Spanien qualifizierte sich nur knapp fürs Viertelfinale und gewann gegen Italien im Finale, die nur noch zu zehnt auf dem Platz standen. Es deutete sich an, was sich am Ende dieser Saison beim FC Barcelona zeigte und ja auch den FC Bayern unter Guardiola ins Straucheln brachte: Das spanische Kurzpassspiel steht auf dem Prüfstein.

Spanien gegen den Rest der Welt, so wird es diesen Sommer sein. Alles ist möglich:

Mit Chile, Holland und Australien hat die Selección eine sehr schwere Gruppe erwischt. Vielleicht schaffen die Spanier es tatsächlich nicht, vor lauter Ballbesitz den Ball ins Tor zu schießen. Vielleicht köpft aber auch Sergio Ramos sie im Alleingang bis ins Finale. Nur eins ist sicher: Ich werde zu Spanien halten. Ich werde meine Liebe wieder ganz für mich allein haben. Arrangierte Ehen sind oft besser als ihr Ruf.

Warum wird Spanien Weltmeister?

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Man muss nur in Sergio Ramos Gesicht schauen, um zu sehen, dass die Spanier auch nach so vielen internationalen Titeln noch nicht satt sind. Und wer glaubt, die Spieler hätten ihren Zenit überschritten: Erstens wird es immer noch reichen, um jedem Gegner Respekt einzuflößen. Zweitens haben die Spanier nicht nur Xavi und Iniesta, sondern auch viele tolle junge Spieler. Und einen Trainer, der sich von nichts beunruhigen lässt: Vicente del Bosque

Warum nicht? Die Spanier haben seit der Niederlage in der Vorrunde gegen die Schweiz bei der WM 2010 nur ein einziges Pflichtspiel verloren: das Finale des Confed-Cups vergangenen Sommer. In Brasilien. Gegen Brasilien

Wer ist der geheime Star des Teams? Sergio Ramos. Er ist in der Form seines Lebens und platzt vor Selbstbewusstsein. Seine Kopfballtore sicherten Real Madrid La Décima, den zehnten, langersehnten Europapokal der Landesmeister. Macht er bei der WM so weiter, wie er in der Champions League aufgehört hat, ist er ein Kandidat für den Titel als Weltfußballer.

Holland

© Laurent Dubrule/Reuters

Titel als Weltfußballer. Holland © Laurent Dubrule/Reuters Große Fußballnation oder nicht? Wie gut Holland ist,

Große Fußballnation oder nicht? Wie gut Holland ist, verrät der Trainer Louis van Gaal nicht.

Trotz früherer Erfolge und der rasend schnellen Qualifikation für 2014 (gegen einen Haufen europäischer Fußballzwerge) weiß man noch nicht, ob Holland wirklich eine der ganz großen Fußballnationen ist. Für mich als Kind des Niederrheins waren sie lange nur die Gegend, wo man am Wochenende hinfuhr, um billig einzukaufen: Benzin, Kaffee, Käse, Gras.

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Holländischen Fußball schauten wir nicht, weil er wegweisend war, sondern weil man von der Sportschau allein nicht satt wurde und Venlo gegen Twente über die Antenne auf dem Dach einfach so reinrieselte. Man vergisst das ja leicht: Bei den sechs WM-Turnieren vor 1974 waren die Holländer gar nicht dabei! Und selbst nach Platz zwei in Deutschland war die Qualifikation für das größte aller Turniere keine Selbstverständlichkeit.

privat CHRISTOF SIEMES Christof Siemes, geboren 1964 in Mönchengladbach, ist seit 1993 Redakteur bei der

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CHRISTOF SIEMES

Christof Siemes, geboren 1964 in Mönchengladbach, ist seit 1993 Redakteur bei der ZEIT und Mitglied der Deutschen Akademie für Fußballkultur.

So bleiben auch diesmal etliche unterhaltsame Unwägbarkeiten. Dass der Erfahrenste, Rafael van der Vaart, nun raushumpelte, überrascht in Hamburg niemanden und ist auch keine Katastrophe; Tropenhitze hätte seinem geruhsamen Dieselbetrieb eh nicht gut getan. Dass aber alle zehn vorläufig nominierten Abwehrspieler über null WM-Erfahrung verfügen und zusammen nicht annähernd auf so viele Länderspiele kommen wie van der Vaart alleine (78:109), kann vielleicht nicht mal die gereifte Diven-Offensive mit Robben, Sneijder und van Persie sowie dem Grand Old Schlachtross Dirk Kuijt kompensieren.

Warum werden die Niederlande Weltmeister? Weil es früher auf dem Bolzplatz nach drei Ecken einen Elfer gab und es nach drei Vizeweltmeisterschaften (1974, 1978, 2010) nur gerecht wäre, den Pokal endlich mal der größten unter den kleinen Fußballnationen zu geben.

Warum nicht? Weil Fußball nicht gerecht ist. Weil wir es schon 1974, als wir definitiv die Besten waren, nicht geschafft haben. Weil wir gleich im ersten Gruppenspiel das WM-Finale von 2010 gegen Spanien wiederholen müssen. Weil im letzten Gruppenspiel die aufgedrehten Chilenen warten. Weil sich Robbens bester (und einziger) Trick – von rechts außen zur Mitte zischen und mit links schießen – inzwischen bis Brisbane herumgesprochen hat. Weil sich beim kleinsten Problem die großen Egos in Oranje auf die Füße treten werden. Weil, weil, weil …

Wer ist der geheime Star des Teams? Zu vielen Namen im Aufgebot (Jeremain Lens, Leroy Fer, Bruno Martins Indi) fällt selbst grachtengeborenen Fußballflüsterern kaum was ein. Deshalb wird sich alles um den drehen,

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der für diese bunte Mischung verantwortlich ist: den Trainer, Louis van Gaal. Und weil er eine noch größere " trut " (niederl. "Zicke") sein kann als seine Altstars, freuen wir uns schon jetzt auf seine herablassenden Belehrungen des unverständigen Fußballfußvolks, warum er auch im Falle einer Niederlage wie immer alles richtig gemacht hat. Tod oder Gladiolen

Chile

© Guido Manuilo/STR

gemacht hat. Tod oder Gladiolen Chile © Guido Manuilo/STR Torhüter Johnny Herrera ist fußballerisch nur zweite

Torhüter Johnny Herrera ist fußballerisch nur zweite Wahl, tänzerisch aber ganz weit vorn.

Als Sebastián Piñera noch Chiles Präsident war, hüpfte er von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen, und behielt dennoch seinen Posten. Sein Landsmann, der Fußballtrainer Manuel Pellegrini, wusste zeitweilig nicht, ob er bei Manchester City oder United angestellt ist und gewann trotzdem die Premier League. Der chilenische Spitzenstürmer Alexis Sánchez verfehlte regelmäßig das freie Tor , trägt aber immer noch das ehrwürdige Trikot Barcelonas.

Chile, das ist das Land für alle Tollpatsche und Herumwurstler, die am Ende Glück haben. Ehrensache, dass ich als nebenberuflicher Fauxpas-Tester über das Land schreibe, in dem ich 2013 drei Monate als Reporter gearbeitet habe.

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© privat HALUKA MAIER-BORST Haluka Maier-Borst ist Volontär im Ressort Wissen. Mehrfach drohte ihm der

© privat

HALUKA MAIER-BORST

Haluka Maier-Borst ist Volontär im Ressort Wissen. Mehrfach drohte ihm der Entzug des deutschen Passes, nachdem die Leute gesehen hatten, wie schlecht er kickt. Das macht er mit lateinamerikanischer Leidenschaft wett. Seine Profilseite finden Sie hier.

Vergangenes Jahr war mein Bild von der chilenischen Mannschaft getrübt. Das mag daran gelegen haben, dass selbst der neue Wundercoach Jorge Sampaoli eine Niederlage gegen den Erzrivalen Peru nicht verhindern konnte. Die WM-Qualifikation war in Gefahr. Vielleicht war es aber auch das Gemisch aus Zigarettenrauch und Frittierfett, das schwadendick durch die Bar zog und das chilenische "Ambiente" verursachte. Jedenfalls war auf dem manchmal flackernden Bildschirm von der roten Bestie nicht viel zu sehen.

Mittlerweile hat sich das geändert. La Roja hat von den sechs folgenden Qualifikationsspielen kein einziges verloren. Und sogar der DFB-Elf hat man kurzzeitig das Fürchten gelehrt. Nach der 0:1-Niederlage Chiles Anfang März sprach Jogi Löw ein Lob aus: "Es gibt nicht nur in Deutschland gute Fußballer."

In dieser Gruppe wird es Sampaolis Team trotzdem nicht einfach haben. Namhafte Spieler wie der Ex-Leverkusener Arturo Vidal und Gary Medel stehen auf dem Platz neben Mannschaftskollegen aus der eher schwachen chilenischen Liga. Doch vielleicht meint es der Fußballgott gut und lässt im Land der präzisen Schönspielerei die rasanten aber oft chaotischen Chilenen ein ganzes Weilchen mitwursteln.

Warum wird Chile Weltmeister? Weil Chilenen sogar Weltmächte baff zurücklassen können. Bei seinem Besuch in Washington setzte sich der damalige Präsident Piñera für ein Erinnerungsfoto hinter den Schreibtisch des mächtigsten Mannes der Welt. Vorgefühlt, ob er das überhaupt darf, hatte er nicht. Als Reporter fragten, welche anderen Präsidenten sich dies bereits getraut hätten, antwortete Barack Obama trocken: "Keiner. Er ist der Einzige."

Warum nicht? Mayonnaise. Das kleine Land in den Anden hat mit 2,3 Kilogramm den dritthöchsten Pro- Kopf-Verbrauch nach den Großmächten Amerika und Russland. Ob eine fettige, in der Hitze faulende Paste die beste Ernährungsgrundlage für eine Sportlernation bildet?

Wer ist der geheime Star des Teams?

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Johnny Herrera. Ist nur der zweite Torhüter, trotzdem sollten Freunde des Ausdruckstanzes auf seinen Einsatz hoffen. Niemand springt so kunstvoll und sinnlos zwischen zwei Pfosten umher wie der 33-jährige Keeper Chiles.

Australien

© Matt King/Getty Images

Keeper Chiles. Australien © Matt King/Getty Images Australiens Mittelfeldspieler Mile Jedinak Als ich einmal

Australiens Mittelfeldspieler Mile Jedinak

Als ich einmal vom Cannabis-Rauch leicht betört in Brisbane am Strand saß und auf die Wellen des Ozeans schaute, begann ich über Fußball zu sprechen. Das war noch vor der WM 2006 in Deutschland. Neben mir lagen ein frisch verheiratetes Paar (Flitterwochen) und zwei Surfer-Typen, die nach jedem Zug lange schwiegen und schmunzelten.

Damals war ihr Nationalteam, die Socceroos , benannt nach den heimischen Kangaroos , in Europa Gesprächsthema. Guus Hiddink, der holländische Star-Trainer hatte in Down Under als Nationalcoach angeheuert und gesagt, Australien habe das größte sportliche Potenzial, das er je gesehen habe. Klang so, als würde er die Aussies zum WM-Titel führen.

"Hahahaaaaa!" sagte der eine Surfer-Typ dazu. Der andere erwiderte: " So fuuuuuunny ." Das Pärchen beschäftigte sich mit sich selbst, und ich begriff, dass Fußball hier nicht das Wichtigste ist.

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© ZEIT ONLINE STEFFEN DOBBERT Steffen Dobbert ist verantwortlicher Redakteur im Ressort Sport bei ZEIT

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STEFFEN DOBBERT

Steffen Dobbert ist verantwortlicher Redakteur im Ressort Sport bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

In Australien läuft vieles anders als im alten Europa, das Wasser beispielsweise. Es fließt verkehrt herum in den Abfluss, Kängurus hopsen von links nach rechts und rechts nach links über die Straßen, und selbst die Bäume widersetzen sich deutschen Gewissheiten. Sie lassen im Herbst keine Blätter fallen.

Auch auf den Fußball schauen die Australier anders als etwa Südamerikaner oder Europäer. Der runde Ball ist ihnen im Vergleich zum Rugby- oder Football-Ei suspekt. Soccer , die drittbeliebteste Sportart, gilt vielen als Sport für Weicheier.

All das spricht nun, vor der WM 2014, natürlich vor allem für die australische Mannschaft. Was wäre ich sonst für ein Pate! Es kann ein Vorteil sein, wenn nicht die halbe Nation ausflippt, weil der Bundestrainer seinen Lappen verliert oder ein Nationalspieler seinen Döner . In Australien können Fußballer noch Fußballer sein, sich ganz ohne öffentlichen Druck auf den Ball konzentrieren. Nennen wir es: den Vorteil des Underdog.

Warum wird Australien Weltmeister? Weil nicht nur Guus Hiddink längst wieder abgereist ist (nachdem er es 2006 bis ins Achtelfinale geschafft hatte), sondern auch Holger Osieck. Der Deutsche, der 1990 an der Seite des Kaisers Weltmeister wurde, qualifizierte sich zwar als Chefcoach mit den Socceroos für die WM 2014, wurde aber im Herbst nach zwei 0:6-Schlappen entlassen. Neuer Trainer ist der fast zwanzig Jahre jüngere Ange Postecoglou, ein Australier, der in Griechenland geboren wurde und als Spieler und Trainer vier Mal australischer Meister wurde. Postecoglou versteht die australische Gelassenheit und ist zugleich ein Fußballfachmann. Er hat ein Team aus jungen Socceroos geformt, die zwar keiner kennt, die aber deshalb für viele Überraschungen gut sind. Postecoglou könnte zum Klinsmann Australiens werden.

Warum nicht? Weil Surfen und Kiffen in Australien auch ohne WM-Titel ganz gut funktionieren.

Wer ist der geheime Star des Teams? Mile Jedinak, der defensive Mittelfeldspieler, ist neben dem gealterten Stürmerstar Tim Cahill (New York Red Bulls) der einzige international erfahrene Spieler. Jedinak spielt in der Premier League als Kapitän für Crystal Palace und hat dort in der Rückrunde bereits viele Engländer beeindruckt. Wenn es für die Aussies gut läuft, führt Jedinak sein Team ins Achtelfinale.

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