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← Würzburger Gestapochef Josef Gerum war der

grausamste. Er bewachte Hitler 1935 in Rothenburg und
versagte 1939 beim erfolglosen Attentat im
„Bürgerbräukeller“ München
Die Polizei, dein Freund und Massenmörder. Für die
Polizei gab es keine Stunde Null – sie konnte nach dem
Krieg nahezu bruchlos weiterarbeiten →
Dokument der Gestapostelle Nürnberg­Fürth 1938
Zelle in einem Gestapo­Gefängnis; Ort unbekannt
Gestapo und Schutzpolizei
im Einsatz
Die Gestapo begleitete die Todeszüge in den Osten in den Osten
Passierschein des Dinkelsbühler Gestapo­Beamten für die Zentrale in Berlin
Gestapo­Marke, Vorder­ und Rückseite
Telex der Gestapo in Sachen Schutzhaft eines Homosexuellen 1940
← Würzburger Gestapochef Josef Gerum war der
grausamste. Er bewachte Hitler 1935 in Rothenburg und
versagte 1939 beim erfolglosen Attentat im
„Bürgerbräukeller“ München
Die Polizei, dein Freund und Massenmörder. Für die
Polizei gab es keine Stunde Null – sie konnte nach dem
Krieg nahezu bruchlos weiterarbeiten →
Die Geheime Staatspolizei war an keinerlei Gesetze gebunden,
konnte verhaften, foltern und verschleppen. – Für Rothenburg
zuständig war die Gestapostelle Nürnberg­Fürth
Publiziert am 20. Januar 2014 von Wolf Stegemann
W. St. – Während der NS­Zeit glaubten viele Deutsche, an jeder Straßenecke stehe, in
jedem Gottesdienst sitze oder hinterm Gebüsch liege ein Agent der Gestapo. Dieser Glaube
blieb nicht auf die NS­Zeit beschränkt, sondern lebte – mehr oder weniger – in der
Bundesrepublik weiter und formte innerhalb wie außerhalb des heutigen Deutschland die
Vorstellungen über den nationalsozialistischen Polizeistaat und das Terrorregime, das den
Willen der Diktatur so hervorragend mit allen Mitteln durchzusetzen verstand. Die neue
Ordnung wurde teilweise durch Anwendung oder Androhung von brutaler Gewalt
errichtet, und sie war begleitet von zahllosen Gesetzen, Erlassen, Verordnungen oder
einfach Appellen und Aufrufen örtlicher Nationalsozialisten, die behaupteten, im Namen
Hitlers zu handeln (Robert Gellately in: „Die Gestapo und die deutsche Gesellschaft“).
Heinrich Himmler
übernahm die Polizei
„Im Jahr 1934 übergab mir dann
der damalige Ministerpräsident
Hermann Göring, unser
Reichsmarschall, in einer
unerhörten Großzügigkeit die
Geheime Staatspolizei
Preußens“, sagte Heinrich
Himmler später. Offiziell wurde
er 1936 zum Chef der gesamten
deutschen Polizei ernannt. Er
verzahnte SS und Polizei und
sorgte bei Hitler für freie Hand:
Per Gesetz wurde am 10.
Februar 1936 festgelegt, dass
sich die Gestapo an keinerlei
Gesetze halten muss. Was
immer sie tut, um Oppositionelle
auszuschalten oder die NS-
Rassenpolitik durchzusetzen,
alles war legal: Folter, Mord,
Verschleppung ins KZ. In
Paragraf sieben heißt es:
„Verfügungen und Anordnungen der Geheimen Staatspolizei unterliegen nicht der
Nachprüfung durch die Verwaltungsgerichte.“
Die lokale Organisation des Gestapo- und Polizeisystems
Nach der Erinnerung vieler, die einst im nationalsozialistischen Deutschland lebten,
beruhte die Effektivität der Gestapo und ihres Überwachungssystems auf dem großen
„Heer“ von Spitzeln und bezahlten Informanten, über das lokale Beamte verfügten. 1944
gab es im Deutschen Reich 31.374 Gestapo-Beamte, 12.792 Kriminalbeamte und 6.482 SD-
Leute. Demnach gab es im Reich am 1. Januar 1944 über 50.648 Sicherheitspolizisten
(Staatarchiv München). So fühlte sich der Bürger ständig von den Nationalsozialisten
beobachtet: in der Öffentlichkeit, am Arbeitsplatz und sogar in seinen eigenen vier
Wänden. Dieses Gefühl war jedoch keinesfalls auf die rein physische Gegenwart von
Gestapobeamten zurückzuführen. Die Mitgliederzahl der Gestapo war in Wirklichkeit
auffallend gering.
Ende 1944 bestand die Gestapo aus ungefähr 32.000 Leuten; davon waren etwa 3.000
Verwaltungsbeamte, 15.500 Vollzugsbeamte, 13.500 Angestellte und Arbeiter (darunter
9.000 so genannte Notdienstverpflichtete). Die „Verwaltungsbeamten“ besaßen die gleiche
Ausbildung wie andere Beamte und befassten sich mit Personalakten, Haushaltsfragen und
juristischen Problemen, die sich etwa aus dem Passgesetz ergaben. Den in der
„Führerschule“ besonders ausgebildeten „Vollzugsbeamten“ wurden ihre Aufgaben
entsprechend den verschiedenen Referaten, in die die Gestapo eingeteilt war, zugewiesen.
Diese Beamten hatten die eigentlichen Aufgaben der Gestapo, die gesetzlich niedergelegt
waren, auszuführen, obwohl auch ein Teil dieser Beamten nur mit reinen Büroarbeiten
beschäftigt war. Die Gestapo übernahm auch andere Organisationen und einen Teil ihres
Personals, zum Beispiel die Grenzpolizei.
Würzburger Gestapo war für Rothenburg zuständig
Nach Himmlers Erlass vom 15. Juli 1937 sollte die Gestapo in
Bayern künftig folgendermaßen organisiert sein: Es gab eine
Staatspolizeileitstelle, die für den Regierungsbezirk München­
Oberbayern zuständig war, und vier Staatspolizeistellen in den
Verwaltungszentren der vier übrigen Regierungsbezirke. In
Würzburg wurde 1929 die bisherige Dienststelle 9 in
„Staatspolizeiverwaltung Würzburg“ umbenannt. Am 1. April
1933 wurden, wie oben dargelegt, alle Politischen Abteilungen
im ganzen Land dem „Politischen Polizeikommandeur Bayerns“,
Himmler, unterstellt. Das Gesetz von 1937 bestätigte die
Veränderungen in der Polizeidirektion München und gab der
Münchener Gestapo das Recht, den übrigen Gestapostellen in Bayern Weisungen zu
erteilen, von ihnen Berichte entgegenzunehmen usw. Es machte auch die früheren
Politischen Abteilungen aller Polizeidirektionen zu selbständigen Behörden. So entstanden
vier (zentrale) Gestapostellen in Augsburg, Nürnberg­Fürth, Regensburg und Würzburg.
Diese regionalen Gestapostellen wurden sofort dem Geheimen Staatspolizeiamt in Berlin
direkt unterstellt, obwohl sie theoretisch auch dem jeweiligen Regierungspräsidenten
berichten sollten. Außerdem konnte die regionale Gestapo die reguläre Polizei, die
Bürgermeister, Stadtverwaltungen usw. als Hilfsorgane heranziehen. Für die Gestapo
wichtige Angelegenheiten, die den genannten Gruppen zur Kenntnis kamen, sollten an
diese weitergeleitet werden. Diese Berichte sind nicht zu verwechseln mit den „Meldungen
aus dem Reich“, in denen der SD Heydrichs die Stimmungslage der Bevölkerung festhielt
und an die höheren Dienststellen von Partei und Regierung verteilte.
Gestapo führte die
Deportationen der
Juden in die Lager
im Osten durch
Die Zusammenarbeit
zwischen der Gestapo
und den amtierenden
Staatsbehörden scheint
im großen und ganzen
gut funktioniert zu
haben, z. B. bei den
Maßnahmen gegen die
Juden und sogar bei
der Planung und
Durchführung der
Deportationen. Als
Himmler, Heydrich, Best und andere eine wirkliche Reichspolizei zu schaffen suchten, sollte
es im Aufbau der Politischen Polizei Bayerns und anderer deutscher Gaue weitere
Veränderungen geben, aber die Gestapo in Bayern behielt das 1937 errichtete System.
Parteifunktionäre arbeiteten in Rothenburg mit der Gestapo Hand in Hand
Alle Kreis­ und Ortspolizeistationen in Mainfranken unterstanden der Gestapo Würzburg,
die wiederum direkt der Gestapo Berlin unterstand. 1941 wurde die Würzburger Gestapo­
Stelle Filiale der Gestapoleitstelle Nürnberg­Fürth mit dem neuen Namen „Geheime
Staatspolizei, Staatspolizeidienststelle Nürnberg­Fürth Außendienststelle Würzburg“. Ihre
ehemaligen Filialen in Aschaffenburg und Schweinfurt wurden mit Ausnahme der Filiale in
Bamberg geschlossen. ZUständig für Rotheneburg udn ganz Mittelfranken war die Gestapo
in Nürnberg­Fürth, ab 1941 somit auch die Filiale Würzburg
Die Rothenburger Polizei sammelte Denunziationen und andere verdächtige
Wahrnehmungen und schickte diese zur Bearbeitung an die Gestapostelle Nürnberg bzw.
nach 1941 Würzburg, wo auch Anzeigen direkt von Rothenburger Bürgern eingingen.
Wenn also heute gesagt und geschrieben wird, dass beispielsweise die Gestapo die
Predigten des katholischen Pfarrers Wolfgang Müller in St. Johannis abgehört hatte, dies
auch in anderen Kirchen tat, dann kann man freilich davon ausgehen, dass es keine mit
Ledermäntel und Schlapphüten bekleidete Beamten der Gestapostelle Würzburg oder der
Gestapoleitstelle Nürnberg waren, sondern örtliche Polizeiwachtmeister,
Kriminalpolizisten, Stadtsekretäre oder sonstige Beamte, die im Dienst der Gestapo
standen und auch Bürger aus Überzeugung Spitzeldienste für die Gestapo leisteten. Auch
verlieh die Gestapo bei Bedarf Parteifunktionären polizeiliche Befugnisse wie dem
Rothenburger Obertruppführer Adolf Gast, der 1939 selbst sagte, dass er „eine höhere
Dienststellung“ im „Überwachungsdienst“ habe. Ebenso war NSDAP­Kreisleiter Erich
Höllfritsch Mitarbeiter der Gestapo und konnte als solcher Verhaftungen vornehmen.
Bekannt ist auch, dass der Rothenburger Friedrich Klenk 1936 wegen angeblicher
Beamtenbeleidigung sieben Monate ohne Verfahren in Schutzhaft saß. NSDAP­
Ortsgruppenführer Johann Strauß leitete das Verfahren ein. Ein Jahr später wurde auf
Anordnung der Gestapo allen ausländischen Landarbeitern im Bezirk Rothenburg die
Ausweise abgenommen, um sie besser überwachen zu können und die Abwanderung in
andere Arbeitsamtsbereiche zu verhindern, was als Verrat an Volk und Führer dargestellt
wurde. Untergebracht war die Gestapo in Nürnberg in der ehemaligen
Deutschhauskaserne an der Ludwigstraße. Im Krieg wurde das Gebäude beschädigt und
dann abgerissen. Im Neubau befindet sich heute das Polizeipräsidium.
Referate der Gestapo nur mit wenigen Beamten besetzt
Quellenmaterial aus verschiedenen Orten zeigt, dass normalerweise die wenigen Leute in
jeder Gestapostelle aus Beamten, Fernschreibern, technischen Hilfskräften, Angestellten,
Stenotypistinnen, Fahrern usw. bestanden. Diese waren in der Regel den verschiedenen
Abteilungen und Referaten zugeteilt, die mehr oder weniger dem sich immer wieder
ändernden Schema der Berliner Zentrale entsprachen. So hatte die Gestapo (Amt IV des
RSHA) sechs Abteilungen von A bis F: IV A war zuständig für „Gegner, Sabotage und
Schutzdienst”, IV B für „Politische Kirchen, Sekten und Juden“, IV C für „Personenkartei,
Schutzhaft, Presse und Partei“, IV D für „Großdeutsche Einflussgebiete“, IV E für
„Abwehr“, IV F für „Passwesen und Ausländerpolizei“. Diese Abteilungen waren jeweils
noch weiter unterteilt und spezialisiert.
Der Bereich des politischen Verhaltens, der in die Zuständigkeit der Gestapo fiel, war
umfassend und wuchs stetig. Das für Ostarbeiter und Polen zuständige Referat der
Düsseldorfer Gestapo hatte am 15. Juli 1943 zwölf besondere Unterabteilungen, die sich
mit allen möglichen Fragen von „Arbeitsverweigerung“ und „unerlaubtem Verlassen der
Arbeitsstelle“ bis zu „verbotenem Umgang und Geschlechtsverkehr“ befassten. Das
Referat „Wirtschaft“ zerfiel in acht Unterabteilungen. Für die Durchsetzung
wirtschaftlicher Verordnungen, die für die Dauer des Krieges erlassen wurden, war die
reguläre Polizei verantwortlich; dagegen sollte die Gestapo hinzugezogen werden, falls der
Täter eine „Persönlichkeit des öffentlichen Lebens“ war oder durch die Tat „in einem
großen Teil der Bevölkerung Beunruhigung hervorgerufen“ wurde.
Das Spitzelsystem der Gestapo
Es gibt wenig Material über das
Spitzelsystem der Gestapo, das nach
Meinung der Zeitgenossen so
umfassend war, dass seinem
wachsamen Auge fast nichts
verborgen blieb. In Wirklichkeit war
dieses System weit kleiner, als man
glaubte. Es gab verschiedene Arten
vertraulicher Informanten. Die
wichtigsten waren die V-Leute
(Vertrauens- oder Verbindungsleute):
häufig – aber nicht immer – bezahlt
wurden sie von den verschiedenen
„Referaten“ oder Sachbearbeitern in
den lokalen Gestapostellen angeworben; daneben gab es G­Leute (Gewährsleute), die im
allgemeinen gelegentlich Geschichten erzählten; schließlich gab es noch I­Leute
(Informationsleute, d. h. Informanten), die nicht zum eigentlichen System gehörten, aber
die öffentliche Stimmung beobachteten und der Polizei berichteten. Man weiß sehr wenig
über diese Leute – ihre Zahl, ihre Fluktuationsrate, ihre berufliche Tätigkeit und den
Beitrag, den sie zur Überwachung der Bevölkerung im Dritten Reich leisteten. Ein Ort in
Bayern, an dem man einiges Material zutage gefördert hat, ist die Gestapoleitstelle
Nürnberg, der die Würzburger Gestapo seit 1941 unmittelbar unterstand. Am 1.
September 1941 gab es in diesem Zentrum Mittelfrankens insgesamt 150 Gestapobeamte,
die für eine Bevölkerung von 2,77 Millionen Menschen (verteilt über 14.115
Quadratkilometer) zuständig waren. Dort gab es 1943/44 eine mit sechs Beamten besetzte
Spezialabteilung (IV N) für V­Leute, die über 80­100 „freie Mitarbeiter“ verfügte, die der
Gestapo regelmäßig Berichte lieferten, ihr jedoch offiziell nicht angehörten. Wahrscheinlich
sind die Zahlen für Nürnberg nicht so außergewöhnlich, denn die Zahl der V­Leute und der
Spezialgebiete, die eine Gestapostelle führen konnte, sowie die Höhe ihrer Vergütung und
sogar die Prüfung ihrer Zuverlässigkeit waren – wie die meisten anderen Angelegenheiten
der Gestapo – im ganzen Reich einheitlich geregelt.
Polizei neben der Gestapo
Zwischen der traditionellen Kriminalpolizei (Kripo) und der Gestapo bestand eine enge
Beziehung, denn „dem nationalsozialistischen Deutschland ist es selbstverständlich, dass
der Kampf gegen den politischen Staatsfeind und gegen den asozialen Verbrecher von einer
Hand geführt werden muss“ (Bernd Wehner: „Dem Täter auf der Spur. Die Geschichte der
deutschen Kriminalpolizei“, Bergisch Gladbach 1983). Die Kripo behielt neben der Gestapo
ihre eigene Identität, obgleich sich mit der Zeit eine Konvergenz entwickelte: Die Kripo
wurde der Gestapo immer ähnlicher und erhielt z. B. ebenfalls die Befugnis, „Schutzhaft“
zu verhängen, zumindest gegen „kriminelle“ Gruppen wie „Zigeuner“, „Arbeitsscheue“ und
so genannte „asoziale Elemente“.
Die Verfolgung von
Menschen, die gegen den
Buchstaben oder auch nur
den Geist des Gesetzes
verstießen, wurde seit
Kriegsbeginn forciert. Auf
Anweisung ihres
gemeinsamen Chefs
Heydrich im RSHA (der
Himmler direkt unterstellt
war) begannen Kripo und
Gestapo das „Stahlnetz“
über dem Land straffer zu
spannen. Abgesehen von
den ähnlichen Zielen gab es
auch eine personelle
Verbindung: Lokale
Gestapobeamte, besonders
die mittleren und unteren
Ränge, hatten früher der Kriminalpolizei angehört, und eine große Zahl von Gestapoleuten
war praktisch von der Kripo zur Geheimpolizei abkommandiert worden. Kripo und
Gestapo benutzten weiterhin herkömmliche Arten der Exekutive, wie Verhaftung, Verhör
und Beschlagnahme von Eigentum. Das unterschied beide vom SD, der als Organisation
der Partei zu diesen Maßnahmen nicht befugt war. Trotz dieser und anderer
Gemeinsamkeiten steht fest, dass die Gestapo im nationalsozialistischen Terrorsystem die
weit größere Rolle spielte – vor allem deshalb, weil sie nicht nur Verstöße gegen das
Strafrecht ahndete, sondern sich ausdrücklich für die Versuche des Regimes einsetzte,
Einstellungen und Verhaltensweisen zu verändern.
Gestapobeamte nach 1945 wieder im Polizeidienst
Bei Kriegsende gab es etwa 25.000 Gestapo­Mitarbeiter. Im Nürnberger Prozess von
1945/46 wurde die Gestapo zur verbrecherischen Organisation erklärt. „Die breite
Mehrheit der Gestapo­Beamten geriet in Haft“, sagt Historiker Stolle. Ihre
durchschnittliche Haftzeit habe drei Jahre betragen. Im Kalten Krieg wurden allerdings
viele Gestapo­Beamte in die neu geschaffenen Bundesbehörden aufgenommen. Ihr
zweifelhafter Sachverstand war wieder gefragt. Die erste Führungsspitze des
Bundeskriminalamtes bestand fast komplett aus ehemaligen Gestapo-Beamten und SS-
Führern. Auch andere Länder nehmen die Dienste der Ex­Gestapo­Mitarbeiter in
Anspruch. Für den britischen Geheimdienst arbeitete nach dem Krieg der Gestapo­Führer
Horst Kopkow, einst verantwortlich für die Ermittlungen gegen die Attentäter des 20. Juli
1944. Nach vier Jahren beim britischen Geheimdienst „MI6“ in London verschafften ihm
die Briten eine neue Identität in Deutschland. Der US­Geheimdienst beschäftigte den
„Schlächter von Lyon“, Klaus Barbie, der unter anderem den Résistance­Chef Jean Moulin
zwei Tage lang zu Tode gequält hatte. Aber auch in der DDR wurden verurteilte Gestapo­
Massenmörder als Informelle Mitarbeiter (IM) der Stasi angeworben.
Siehe auch den Artikel „Gestapo­ und SS­Leute arbeiteten als Beamte für den BND der
50er­ und 60er­Jahre. Bundeskanzler Konrad Adenauer billigte das höchstpersönlich“
in dieser Dokumentation.
________________________________________________________________
Quellen: Robert Gellately „Die Gestapo und die deutsche Gesellschaft. Die Durchsetzung der
Rassenpolitik 1933­1945“, 2. Aufl., Paderborn 1994. – Staatsarchiv Nbg. SpKA Rothenburg G15. – WDR
5 „ZeitZeichen“ vom 26. April 2013 (über Gestapo). – Auskunft Archivar Herbert Schott vom
Staatsarchiv Nürnberg (Mai 2014).
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gesprengt, um amerikanische
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Am 14. Mai neue Artikel::
Über das antisemitische Buch von
1938 "Eine Reichsstadt wehrt
sich" (Antisemitismus II) und über
die Reichsparteitage in Nürnberg.
Anzuklicken in "Aktuelles", über
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← Würzburger Gestapochef Josef Gerum war der
grausamste. Er bewachte Hitler 1935 in Rothenburg und
versagte 1939 beim erfolglosen Attentat im
„Bürgerbräukeller“ München
Die Polizei, dein Freund und Massenmörder. Für die
Polizei gab es keine Stunde Null – sie konnte nach dem
Krieg nahezu bruchlos weiterarbeiten →
Dokument der Gestapostelle Nürnberg­Fürth 1938
Zelle in einem Gestapo­Gefängnis; Ort unbekannt
Gestapo und Schutzpolizei
im Einsatz
Die Gestapo begleitete die Todeszüge in den Osten in den Osten
Passierschein des Dinkelsbühler Gestapo­Beamten für die Zentrale in Berlin
Gestapo­Marke, Vorder­ und Rückseite
Telex der Gestapo in Sachen Schutzhaft eines Homosexuellen 1940
← Würzburger Gestapochef Josef Gerum war der
grausamste. Er bewachte Hitler 1935 in Rothenburg und
versagte 1939 beim erfolglosen Attentat im
„Bürgerbräukeller“ München
Die Polizei, dein Freund und Massenmörder. Für die
Polizei gab es keine Stunde Null – sie konnte nach dem
Krieg nahezu bruchlos weiterarbeiten →
Die Geheime Staatspolizei war an keinerlei Gesetze gebunden,
konnte verhaften, foltern und verschleppen. – Für Rothenburg
zuständig war die Gestapostelle Nürnberg­Fürth
Publiziert am 20. Januar 2014 von Wolf Stegemann
W. St. – Während der NS­Zeit glaubten viele Deutsche, an jeder Straßenecke stehe, in
jedem Gottesdienst sitze oder hinterm Gebüsch liege ein Agent der Gestapo. Dieser Glaube
blieb nicht auf die NS­Zeit beschränkt, sondern lebte – mehr oder weniger – in der
Bundesrepublik weiter und formte innerhalb wie außerhalb des heutigen Deutschland die
Vorstellungen über den nationalsozialistischen Polizeistaat und das Terrorregime, das den
Willen der Diktatur so hervorragend mit allen Mitteln durchzusetzen verstand. Die neue
Ordnung wurde teilweise durch Anwendung oder Androhung von brutaler Gewalt
errichtet, und sie war begleitet von zahllosen Gesetzen, Erlassen, Verordnungen oder
einfach Appellen und Aufrufen örtlicher Nationalsozialisten, die behaupteten, im Namen
Hitlers zu handeln (Robert Gellately in: „Die Gestapo und die deutsche Gesellschaft“).
Heinrich Himmler
übernahm die Polizei
„Im Jahr 1934 übergab mir dann
der damalige Ministerpräsident
Hermann Göring, unser
Reichsmarschall, in einer
unerhörten Großzügigkeit die
Geheime Staatspolizei
Preußens“, sagte Heinrich
Himmler später. Offiziell wurde
er 1936 zum Chef der gesamten
deutschen Polizei ernannt. Er
verzahnte SS und Polizei und
sorgte bei Hitler für freie Hand:
Per Gesetz wurde am 10.
Februar 1936 festgelegt, dass
sich die Gestapo an keinerlei
Gesetze halten muss. Was
immer sie tut, um Oppositionelle
auszuschalten oder die NS-
Rassenpolitik durchzusetzen,
alles war legal: Folter, Mord,
Verschleppung ins KZ. In
Paragraf sieben heißt es:
„Verfügungen und Anordnungen der Geheimen Staatspolizei unterliegen nicht der
Nachprüfung durch die Verwaltungsgerichte.“
Die lokale Organisation des Gestapo- und Polizeisystems
Nach der Erinnerung vieler, die einst im nationalsozialistischen Deutschland lebten,
beruhte die Effektivität der Gestapo und ihres Überwachungssystems auf dem großen
„Heer“ von Spitzeln und bezahlten Informanten, über das lokale Beamte verfügten. 1944
gab es im Deutschen Reich 31.374 Gestapo-Beamte, 12.792 Kriminalbeamte und 6.482 SD-
Leute. Demnach gab es im Reich am 1. Januar 1944 über 50.648 Sicherheitspolizisten
(Staatarchiv München). So fühlte sich der Bürger ständig von den Nationalsozialisten
beobachtet: in der Öffentlichkeit, am Arbeitsplatz und sogar in seinen eigenen vier
Wänden. Dieses Gefühl war jedoch keinesfalls auf die rein physische Gegenwart von
Gestapobeamten zurückzuführen. Die Mitgliederzahl der Gestapo war in Wirklichkeit
auffallend gering.
Ende 1944 bestand die Gestapo aus ungefähr 32.000 Leuten; davon waren etwa 3.000
Verwaltungsbeamte, 15.500 Vollzugsbeamte, 13.500 Angestellte und Arbeiter (darunter
9.000 so genannte Notdienstverpflichtete). Die „Verwaltungsbeamten“ besaßen die gleiche
Ausbildung wie andere Beamte und befassten sich mit Personalakten, Haushaltsfragen und
juristischen Problemen, die sich etwa aus dem Passgesetz ergaben. Den in der
„Führerschule“ besonders ausgebildeten „Vollzugsbeamten“ wurden ihre Aufgaben
entsprechend den verschiedenen Referaten, in die die Gestapo eingeteilt war, zugewiesen.
Diese Beamten hatten die eigentlichen Aufgaben der Gestapo, die gesetzlich niedergelegt
waren, auszuführen, obwohl auch ein Teil dieser Beamten nur mit reinen Büroarbeiten
beschäftigt war. Die Gestapo übernahm auch andere Organisationen und einen Teil ihres
Personals, zum Beispiel die Grenzpolizei.
Würzburger Gestapo war für Rothenburg zuständig
Nach Himmlers Erlass vom 15. Juli 1937 sollte die Gestapo in
Bayern künftig folgendermaßen organisiert sein: Es gab eine
Staatspolizeileitstelle, die für den Regierungsbezirk München­
Oberbayern zuständig war, und vier Staatspolizeistellen in den
Verwaltungszentren der vier übrigen Regierungsbezirke. In
Würzburg wurde 1929 die bisherige Dienststelle 9 in
„Staatspolizeiverwaltung Würzburg“ umbenannt. Am 1. April
1933 wurden, wie oben dargelegt, alle Politischen Abteilungen
im ganzen Land dem „Politischen Polizeikommandeur Bayerns“,
Himmler, unterstellt. Das Gesetz von 1937 bestätigte die
Veränderungen in der Polizeidirektion München und gab der
Münchener Gestapo das Recht, den übrigen Gestapostellen in Bayern Weisungen zu
erteilen, von ihnen Berichte entgegenzunehmen usw. Es machte auch die früheren
Politischen Abteilungen aller Polizeidirektionen zu selbständigen Behörden. So entstanden
vier (zentrale) Gestapostellen in Augsburg, Nürnberg­Fürth, Regensburg und Würzburg.
Diese regionalen Gestapostellen wurden sofort dem Geheimen Staatspolizeiamt in Berlin
direkt unterstellt, obwohl sie theoretisch auch dem jeweiligen Regierungspräsidenten
berichten sollten. Außerdem konnte die regionale Gestapo die reguläre Polizei, die
Bürgermeister, Stadtverwaltungen usw. als Hilfsorgane heranziehen. Für die Gestapo
wichtige Angelegenheiten, die den genannten Gruppen zur Kenntnis kamen, sollten an
diese weitergeleitet werden. Diese Berichte sind nicht zu verwechseln mit den „Meldungen
aus dem Reich“, in denen der SD Heydrichs die Stimmungslage der Bevölkerung festhielt
und an die höheren Dienststellen von Partei und Regierung verteilte.
Gestapo führte die
Deportationen der
Juden in die Lager
im Osten durch
Die Zusammenarbeit
zwischen der Gestapo
und den amtierenden
Staatsbehörden scheint
im großen und ganzen
gut funktioniert zu
haben, z. B. bei den
Maßnahmen gegen die
Juden und sogar bei
der Planung und
Durchführung der
Deportationen. Als
Himmler, Heydrich, Best und andere eine wirkliche Reichspolizei zu schaffen suchten, sollte
es im Aufbau der Politischen Polizei Bayerns und anderer deutscher Gaue weitere
Veränderungen geben, aber die Gestapo in Bayern behielt das 1937 errichtete System.
Parteifunktionäre arbeiteten in Rothenburg mit der Gestapo Hand in Hand
Alle Kreis­ und Ortspolizeistationen in Mainfranken unterstanden der Gestapo Würzburg,
die wiederum direkt der Gestapo Berlin unterstand. 1941 wurde die Würzburger Gestapo­
Stelle Filiale der Gestapoleitstelle Nürnberg­Fürth mit dem neuen Namen „Geheime
Staatspolizei, Staatspolizeidienststelle Nürnberg­Fürth Außendienststelle Würzburg“. Ihre
ehemaligen Filialen in Aschaffenburg und Schweinfurt wurden mit Ausnahme der Filiale in
Bamberg geschlossen. ZUständig für Rotheneburg udn ganz Mittelfranken war die Gestapo
in Nürnberg­Fürth, ab 1941 somit auch die Filiale Würzburg
Die Rothenburger Polizei sammelte Denunziationen und andere verdächtige
Wahrnehmungen und schickte diese zur Bearbeitung an die Gestapostelle Nürnberg bzw.
nach 1941 Würzburg, wo auch Anzeigen direkt von Rothenburger Bürgern eingingen.
Wenn also heute gesagt und geschrieben wird, dass beispielsweise die Gestapo die
Predigten des katholischen Pfarrers Wolfgang Müller in St. Johannis abgehört hatte, dies
auch in anderen Kirchen tat, dann kann man freilich davon ausgehen, dass es keine mit
Ledermäntel und Schlapphüten bekleidete Beamten der Gestapostelle Würzburg oder der
Gestapoleitstelle Nürnberg waren, sondern örtliche Polizeiwachtmeister,
Kriminalpolizisten, Stadtsekretäre oder sonstige Beamte, die im Dienst der Gestapo
standen und auch Bürger aus Überzeugung Spitzeldienste für die Gestapo leisteten. Auch
verlieh die Gestapo bei Bedarf Parteifunktionären polizeiliche Befugnisse wie dem
Rothenburger Obertruppführer Adolf Gast, der 1939 selbst sagte, dass er „eine höhere
Dienststellung“ im „Überwachungsdienst“ habe. Ebenso war NSDAP­Kreisleiter Erich
Höllfritsch Mitarbeiter der Gestapo und konnte als solcher Verhaftungen vornehmen.
Bekannt ist auch, dass der Rothenburger Friedrich Klenk 1936 wegen angeblicher
Beamtenbeleidigung sieben Monate ohne Verfahren in Schutzhaft saß. NSDAP­
Ortsgruppenführer Johann Strauß leitete das Verfahren ein. Ein Jahr später wurde auf
Anordnung der Gestapo allen ausländischen Landarbeitern im Bezirk Rothenburg die
Ausweise abgenommen, um sie besser überwachen zu können und die Abwanderung in
andere Arbeitsamtsbereiche zu verhindern, was als Verrat an Volk und Führer dargestellt
wurde. Untergebracht war die Gestapo in Nürnberg in der ehemaligen
Deutschhauskaserne an der Ludwigstraße. Im Krieg wurde das Gebäude beschädigt und
dann abgerissen. Im Neubau befindet sich heute das Polizeipräsidium.
Referate der Gestapo nur mit wenigen Beamten besetzt
Quellenmaterial aus verschiedenen Orten zeigt, dass normalerweise die wenigen Leute in
jeder Gestapostelle aus Beamten, Fernschreibern, technischen Hilfskräften, Angestellten,
Stenotypistinnen, Fahrern usw. bestanden. Diese waren in der Regel den verschiedenen
Abteilungen und Referaten zugeteilt, die mehr oder weniger dem sich immer wieder
ändernden Schema der Berliner Zentrale entsprachen. So hatte die Gestapo (Amt IV des
RSHA) sechs Abteilungen von A bis F: IV A war zuständig für „Gegner, Sabotage und
Schutzdienst”, IV B für „Politische Kirchen, Sekten und Juden“, IV C für „Personenkartei,
Schutzhaft, Presse und Partei“, IV D für „Großdeutsche Einflussgebiete“, IV E für
„Abwehr“, IV F für „Passwesen und Ausländerpolizei“. Diese Abteilungen waren jeweils
noch weiter unterteilt und spezialisiert.
Der Bereich des politischen Verhaltens, der in die Zuständigkeit der Gestapo fiel, war
umfassend und wuchs stetig. Das für Ostarbeiter und Polen zuständige Referat der
Düsseldorfer Gestapo hatte am 15. Juli 1943 zwölf besondere Unterabteilungen, die sich
mit allen möglichen Fragen von „Arbeitsverweigerung“ und „unerlaubtem Verlassen der
Arbeitsstelle“ bis zu „verbotenem Umgang und Geschlechtsverkehr“ befassten. Das
Referat „Wirtschaft“ zerfiel in acht Unterabteilungen. Für die Durchsetzung
wirtschaftlicher Verordnungen, die für die Dauer des Krieges erlassen wurden, war die
reguläre Polizei verantwortlich; dagegen sollte die Gestapo hinzugezogen werden, falls der
Täter eine „Persönlichkeit des öffentlichen Lebens“ war oder durch die Tat „in einem
großen Teil der Bevölkerung Beunruhigung hervorgerufen“ wurde.
Das Spitzelsystem der Gestapo
Es gibt wenig Material über das
Spitzelsystem der Gestapo, das nach
Meinung der Zeitgenossen so
umfassend war, dass seinem
wachsamen Auge fast nichts
verborgen blieb. In Wirklichkeit war
dieses System weit kleiner, als man
glaubte. Es gab verschiedene Arten
vertraulicher Informanten. Die
wichtigsten waren die V-Leute
(Vertrauens- oder Verbindungsleute):
häufig – aber nicht immer – bezahlt
wurden sie von den verschiedenen
„Referaten“ oder Sachbearbeitern in
den lokalen Gestapostellen angeworben; daneben gab es G­Leute (Gewährsleute), die im
allgemeinen gelegentlich Geschichten erzählten; schließlich gab es noch I­Leute
(Informationsleute, d. h. Informanten), die nicht zum eigentlichen System gehörten, aber
die öffentliche Stimmung beobachteten und der Polizei berichteten. Man weiß sehr wenig
über diese Leute – ihre Zahl, ihre Fluktuationsrate, ihre berufliche Tätigkeit und den
Beitrag, den sie zur Überwachung der Bevölkerung im Dritten Reich leisteten. Ein Ort in
Bayern, an dem man einiges Material zutage gefördert hat, ist die Gestapoleitstelle
Nürnberg, der die Würzburger Gestapo seit 1941 unmittelbar unterstand. Am 1.
September 1941 gab es in diesem Zentrum Mittelfrankens insgesamt 150 Gestapobeamte,
die für eine Bevölkerung von 2,77 Millionen Menschen (verteilt über 14.115
Quadratkilometer) zuständig waren. Dort gab es 1943/44 eine mit sechs Beamten besetzte
Spezialabteilung (IV N) für V­Leute, die über 80­100 „freie Mitarbeiter“ verfügte, die der
Gestapo regelmäßig Berichte lieferten, ihr jedoch offiziell nicht angehörten. Wahrscheinlich
sind die Zahlen für Nürnberg nicht so außergewöhnlich, denn die Zahl der V­Leute und der
Spezialgebiete, die eine Gestapostelle führen konnte, sowie die Höhe ihrer Vergütung und
sogar die Prüfung ihrer Zuverlässigkeit waren – wie die meisten anderen Angelegenheiten
der Gestapo – im ganzen Reich einheitlich geregelt.
Polizei neben der Gestapo
Zwischen der traditionellen Kriminalpolizei (Kripo) und der Gestapo bestand eine enge
Beziehung, denn „dem nationalsozialistischen Deutschland ist es selbstverständlich, dass
der Kampf gegen den politischen Staatsfeind und gegen den asozialen Verbrecher von einer
Hand geführt werden muss“ (Bernd Wehner: „Dem Täter auf der Spur. Die Geschichte der
deutschen Kriminalpolizei“, Bergisch Gladbach 1983). Die Kripo behielt neben der Gestapo
ihre eigene Identität, obgleich sich mit der Zeit eine Konvergenz entwickelte: Die Kripo
wurde der Gestapo immer ähnlicher und erhielt z. B. ebenfalls die Befugnis, „Schutzhaft“
zu verhängen, zumindest gegen „kriminelle“ Gruppen wie „Zigeuner“, „Arbeitsscheue“ und
so genannte „asoziale Elemente“.
Die Verfolgung von
Menschen, die gegen den
Buchstaben oder auch nur
den Geist des Gesetzes
verstießen, wurde seit
Kriegsbeginn forciert. Auf
Anweisung ihres
gemeinsamen Chefs
Heydrich im RSHA (der
Himmler direkt unterstellt
war) begannen Kripo und
Gestapo das „Stahlnetz“
über dem Land straffer zu
spannen. Abgesehen von
den ähnlichen Zielen gab es
auch eine personelle
Verbindung: Lokale
Gestapobeamte, besonders
die mittleren und unteren
Ränge, hatten früher der Kriminalpolizei angehört, und eine große Zahl von Gestapoleuten
war praktisch von der Kripo zur Geheimpolizei abkommandiert worden. Kripo und
Gestapo benutzten weiterhin herkömmliche Arten der Exekutive, wie Verhaftung, Verhör
und Beschlagnahme von Eigentum. Das unterschied beide vom SD, der als Organisation
der Partei zu diesen Maßnahmen nicht befugt war. Trotz dieser und anderer
Gemeinsamkeiten steht fest, dass die Gestapo im nationalsozialistischen Terrorsystem die
weit größere Rolle spielte – vor allem deshalb, weil sie nicht nur Verstöße gegen das
Strafrecht ahndete, sondern sich ausdrücklich für die Versuche des Regimes einsetzte,
Einstellungen und Verhaltensweisen zu verändern.
Gestapobeamte nach 1945 wieder im Polizeidienst
Bei Kriegsende gab es etwa 25.000 Gestapo­Mitarbeiter. Im Nürnberger Prozess von
1945/46 wurde die Gestapo zur verbrecherischen Organisation erklärt. „Die breite
Mehrheit der Gestapo­Beamten geriet in Haft“, sagt Historiker Stolle. Ihre
durchschnittliche Haftzeit habe drei Jahre betragen. Im Kalten Krieg wurden allerdings
viele Gestapo­Beamte in die neu geschaffenen Bundesbehörden aufgenommen. Ihr
zweifelhafter Sachverstand war wieder gefragt. Die erste Führungsspitze des
Bundeskriminalamtes bestand fast komplett aus ehemaligen Gestapo-Beamten und SS-
Führern. Auch andere Länder nehmen die Dienste der Ex­Gestapo­Mitarbeiter in
Anspruch. Für den britischen Geheimdienst arbeitete nach dem Krieg der Gestapo­Führer
Horst Kopkow, einst verantwortlich für die Ermittlungen gegen die Attentäter des 20. Juli
1944. Nach vier Jahren beim britischen Geheimdienst „MI6“ in London verschafften ihm
die Briten eine neue Identität in Deutschland. Der US­Geheimdienst beschäftigte den
„Schlächter von Lyon“, Klaus Barbie, der unter anderem den Résistance­Chef Jean Moulin
zwei Tage lang zu Tode gequält hatte. Aber auch in der DDR wurden verurteilte Gestapo­
Massenmörder als Informelle Mitarbeiter (IM) der Stasi angeworben.
Siehe auch den Artikel „Gestapo­ und SS­Leute arbeiteten als Beamte für den BND der
50er­ und 60er­Jahre. Bundeskanzler Konrad Adenauer billigte das höchstpersönlich“
in dieser Dokumentation.
________________________________________________________________
Quellen: Robert Gellately „Die Gestapo und die deutsche Gesellschaft. Die Durchsetzung der
Rassenpolitik 1933­1945“, 2. Aufl., Paderborn 1994. – Staatsarchiv Nbg. SpKA Rothenburg G15. – WDR
5 „ZeitZeichen“ vom 26. April 2013 (über Gestapo). – Auskunft Archivar Herbert Schott vom
Staatsarchiv Nürnberg (Mai 2014).
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← Würzburger Gestapochef Josef Gerum war der
grausamste. Er bewachte Hitler 1935 in Rothenburg und
versagte 1939 beim erfolglosen Attentat im
„Bürgerbräukeller“ München
Die Polizei, dein Freund und Massenmörder. Für die
Polizei gab es keine Stunde Null – sie konnte nach dem
Krieg nahezu bruchlos weiterarbeiten →
Dokument der Gestapostelle Nürnberg­Fürth 1938
Zelle in einem Gestapo­Gefängnis; Ort unbekannt
Gestapo und Schutzpolizei
im Einsatz
Die Gestapo begleitete die Todeszüge in den Osten in den Osten
Passierschein des Dinkelsbühler Gestapo­Beamten für die Zentrale in Berlin
Gestapo­Marke, Vorder­ und Rückseite
Telex der Gestapo in Sachen Schutzhaft eines Homosexuellen 1940
← Würzburger Gestapochef Josef Gerum war der
grausamste. Er bewachte Hitler 1935 in Rothenburg und
versagte 1939 beim erfolglosen Attentat im
„Bürgerbräukeller“ München
Die Polizei, dein Freund und Massenmörder. Für die
Polizei gab es keine Stunde Null – sie konnte nach dem
Krieg nahezu bruchlos weiterarbeiten →
Die Geheime Staatspolizei war an keinerlei Gesetze gebunden,
konnte verhaften, foltern und verschleppen. – Für Rothenburg
zuständig war die Gestapostelle Nürnberg­Fürth
Publiziert am 20. Januar 2014 von Wolf Stegemann
W. St. – Während der NS­Zeit glaubten viele Deutsche, an jeder Straßenecke stehe, in
jedem Gottesdienst sitze oder hinterm Gebüsch liege ein Agent der Gestapo. Dieser Glaube
blieb nicht auf die NS­Zeit beschränkt, sondern lebte – mehr oder weniger – in der
Bundesrepublik weiter und formte innerhalb wie außerhalb des heutigen Deutschland die
Vorstellungen über den nationalsozialistischen Polizeistaat und das Terrorregime, das den
Willen der Diktatur so hervorragend mit allen Mitteln durchzusetzen verstand. Die neue
Ordnung wurde teilweise durch Anwendung oder Androhung von brutaler Gewalt
errichtet, und sie war begleitet von zahllosen Gesetzen, Erlassen, Verordnungen oder
einfach Appellen und Aufrufen örtlicher Nationalsozialisten, die behaupteten, im Namen
Hitlers zu handeln (Robert Gellately in: „Die Gestapo und die deutsche Gesellschaft“).
Heinrich Himmler
übernahm die Polizei
„Im Jahr 1934 übergab mir dann
der damalige Ministerpräsident
Hermann Göring, unser
Reichsmarschall, in einer
unerhörten Großzügigkeit die
Geheime Staatspolizei
Preußens“, sagte Heinrich
Himmler später. Offiziell wurde
er 1936 zum Chef der gesamten
deutschen Polizei ernannt. Er
verzahnte SS und Polizei und
sorgte bei Hitler für freie Hand:
Per Gesetz wurde am 10.
Februar 1936 festgelegt, dass
sich die Gestapo an keinerlei
Gesetze halten muss. Was
immer sie tut, um Oppositionelle
auszuschalten oder die NS-
Rassenpolitik durchzusetzen,
alles war legal: Folter, Mord,
Verschleppung ins KZ. In
Paragraf sieben heißt es:
„Verfügungen und Anordnungen der Geheimen Staatspolizei unterliegen nicht der
Nachprüfung durch die Verwaltungsgerichte.“
Die lokale Organisation des Gestapo- und Polizeisystems
Nach der Erinnerung vieler, die einst im nationalsozialistischen Deutschland lebten,
beruhte die Effektivität der Gestapo und ihres Überwachungssystems auf dem großen
„Heer“ von Spitzeln und bezahlten Informanten, über das lokale Beamte verfügten. 1944
gab es im Deutschen Reich 31.374 Gestapo-Beamte, 12.792 Kriminalbeamte und 6.482 SD-
Leute. Demnach gab es im Reich am 1. Januar 1944 über 50.648 Sicherheitspolizisten
(Staatarchiv München). So fühlte sich der Bürger ständig von den Nationalsozialisten
beobachtet: in der Öffentlichkeit, am Arbeitsplatz und sogar in seinen eigenen vier
Wänden. Dieses Gefühl war jedoch keinesfalls auf die rein physische Gegenwart von
Gestapobeamten zurückzuführen. Die Mitgliederzahl der Gestapo war in Wirklichkeit
auffallend gering.
Ende 1944 bestand die Gestapo aus ungefähr 32.000 Leuten; davon waren etwa 3.000
Verwaltungsbeamte, 15.500 Vollzugsbeamte, 13.500 Angestellte und Arbeiter (darunter
9.000 so genannte Notdienstverpflichtete). Die „Verwaltungsbeamten“ besaßen die gleiche
Ausbildung wie andere Beamte und befassten sich mit Personalakten, Haushaltsfragen und
juristischen Problemen, die sich etwa aus dem Passgesetz ergaben. Den in der
„Führerschule“ besonders ausgebildeten „Vollzugsbeamten“ wurden ihre Aufgaben
entsprechend den verschiedenen Referaten, in die die Gestapo eingeteilt war, zugewiesen.
Diese Beamten hatten die eigentlichen Aufgaben der Gestapo, die gesetzlich niedergelegt
waren, auszuführen, obwohl auch ein Teil dieser Beamten nur mit reinen Büroarbeiten
beschäftigt war. Die Gestapo übernahm auch andere Organisationen und einen Teil ihres
Personals, zum Beispiel die Grenzpolizei.
Würzburger Gestapo war für Rothenburg zuständig
Nach Himmlers Erlass vom 15. Juli 1937 sollte die Gestapo in
Bayern künftig folgendermaßen organisiert sein: Es gab eine
Staatspolizeileitstelle, die für den Regierungsbezirk München­
Oberbayern zuständig war, und vier Staatspolizeistellen in den
Verwaltungszentren der vier übrigen Regierungsbezirke. In
Würzburg wurde 1929 die bisherige Dienststelle 9 in
„Staatspolizeiverwaltung Würzburg“ umbenannt. Am 1. April
1933 wurden, wie oben dargelegt, alle Politischen Abteilungen
im ganzen Land dem „Politischen Polizeikommandeur Bayerns“,
Himmler, unterstellt. Das Gesetz von 1937 bestätigte die
Veränderungen in der Polizeidirektion München und gab der
Münchener Gestapo das Recht, den übrigen Gestapostellen in Bayern Weisungen zu
erteilen, von ihnen Berichte entgegenzunehmen usw. Es machte auch die früheren
Politischen Abteilungen aller Polizeidirektionen zu selbständigen Behörden. So entstanden
vier (zentrale) Gestapostellen in Augsburg, Nürnberg­Fürth, Regensburg und Würzburg.
Diese regionalen Gestapostellen wurden sofort dem Geheimen Staatspolizeiamt in Berlin
direkt unterstellt, obwohl sie theoretisch auch dem jeweiligen Regierungspräsidenten
berichten sollten. Außerdem konnte die regionale Gestapo die reguläre Polizei, die
Bürgermeister, Stadtverwaltungen usw. als Hilfsorgane heranziehen. Für die Gestapo
wichtige Angelegenheiten, die den genannten Gruppen zur Kenntnis kamen, sollten an
diese weitergeleitet werden. Diese Berichte sind nicht zu verwechseln mit den „Meldungen
aus dem Reich“, in denen der SD Heydrichs die Stimmungslage der Bevölkerung festhielt
und an die höheren Dienststellen von Partei und Regierung verteilte.
Gestapo führte die
Deportationen der
Juden in die Lager
im Osten durch
Die Zusammenarbeit
zwischen der Gestapo
und den amtierenden
Staatsbehörden scheint
im großen und ganzen
gut funktioniert zu
haben, z. B. bei den
Maßnahmen gegen die
Juden und sogar bei
der Planung und
Durchführung der
Deportationen. Als
Himmler, Heydrich, Best und andere eine wirkliche Reichspolizei zu schaffen suchten, sollte
es im Aufbau der Politischen Polizei Bayerns und anderer deutscher Gaue weitere
Veränderungen geben, aber die Gestapo in Bayern behielt das 1937 errichtete System.
Parteifunktionäre arbeiteten in Rothenburg mit der Gestapo Hand in Hand
Alle Kreis­ und Ortspolizeistationen in Mainfranken unterstanden der Gestapo Würzburg,
die wiederum direkt der Gestapo Berlin unterstand. 1941 wurde die Würzburger Gestapo­
Stelle Filiale der Gestapoleitstelle Nürnberg­Fürth mit dem neuen Namen „Geheime
Staatspolizei, Staatspolizeidienststelle Nürnberg­Fürth Außendienststelle Würzburg“. Ihre
ehemaligen Filialen in Aschaffenburg und Schweinfurt wurden mit Ausnahme der Filiale in
Bamberg geschlossen. ZUständig für Rotheneburg udn ganz Mittelfranken war die Gestapo
in Nürnberg­Fürth, ab 1941 somit auch die Filiale Würzburg
Die Rothenburger Polizei sammelte Denunziationen und andere verdächtige
Wahrnehmungen und schickte diese zur Bearbeitung an die Gestapostelle Nürnberg bzw.
nach 1941 Würzburg, wo auch Anzeigen direkt von Rothenburger Bürgern eingingen.
Wenn also heute gesagt und geschrieben wird, dass beispielsweise die Gestapo die
Predigten des katholischen Pfarrers Wolfgang Müller in St. Johannis abgehört hatte, dies
auch in anderen Kirchen tat, dann kann man freilich davon ausgehen, dass es keine mit
Ledermäntel und Schlapphüten bekleidete Beamten der Gestapostelle Würzburg oder der
Gestapoleitstelle Nürnberg waren, sondern örtliche Polizeiwachtmeister,
Kriminalpolizisten, Stadtsekretäre oder sonstige Beamte, die im Dienst der Gestapo
standen und auch Bürger aus Überzeugung Spitzeldienste für die Gestapo leisteten. Auch
verlieh die Gestapo bei Bedarf Parteifunktionären polizeiliche Befugnisse wie dem
Rothenburger Obertruppführer Adolf Gast, der 1939 selbst sagte, dass er „eine höhere
Dienststellung“ im „Überwachungsdienst“ habe. Ebenso war NSDAP­Kreisleiter Erich
Höllfritsch Mitarbeiter der Gestapo und konnte als solcher Verhaftungen vornehmen.
Bekannt ist auch, dass der Rothenburger Friedrich Klenk 1936 wegen angeblicher
Beamtenbeleidigung sieben Monate ohne Verfahren in Schutzhaft saß. NSDAP­
Ortsgruppenführer Johann Strauß leitete das Verfahren ein. Ein Jahr später wurde auf
Anordnung der Gestapo allen ausländischen Landarbeitern im Bezirk Rothenburg die
Ausweise abgenommen, um sie besser überwachen zu können und die Abwanderung in
andere Arbeitsamtsbereiche zu verhindern, was als Verrat an Volk und Führer dargestellt
wurde. Untergebracht war die Gestapo in Nürnberg in der ehemaligen
Deutschhauskaserne an der Ludwigstraße. Im Krieg wurde das Gebäude beschädigt und
dann abgerissen. Im Neubau befindet sich heute das Polizeipräsidium.
Referate der Gestapo nur mit wenigen Beamten besetzt
Quellenmaterial aus verschiedenen Orten zeigt, dass normalerweise die wenigen Leute in
jeder Gestapostelle aus Beamten, Fernschreibern, technischen Hilfskräften, Angestellten,
Stenotypistinnen, Fahrern usw. bestanden. Diese waren in der Regel den verschiedenen
Abteilungen und Referaten zugeteilt, die mehr oder weniger dem sich immer wieder
ändernden Schema der Berliner Zentrale entsprachen. So hatte die Gestapo (Amt IV des
RSHA) sechs Abteilungen von A bis F: IV A war zuständig für „Gegner, Sabotage und
Schutzdienst”, IV B für „Politische Kirchen, Sekten und Juden“, IV C für „Personenkartei,
Schutzhaft, Presse und Partei“, IV D für „Großdeutsche Einflussgebiete“, IV E für
„Abwehr“, IV F für „Passwesen und Ausländerpolizei“. Diese Abteilungen waren jeweils
noch weiter unterteilt und spezialisiert.
Der Bereich des politischen Verhaltens, der in die Zuständigkeit der Gestapo fiel, war
umfassend und wuchs stetig. Das für Ostarbeiter und Polen zuständige Referat der
Düsseldorfer Gestapo hatte am 15. Juli 1943 zwölf besondere Unterabteilungen, die sich
mit allen möglichen Fragen von „Arbeitsverweigerung“ und „unerlaubtem Verlassen der
Arbeitsstelle“ bis zu „verbotenem Umgang und Geschlechtsverkehr“ befassten. Das
Referat „Wirtschaft“ zerfiel in acht Unterabteilungen. Für die Durchsetzung
wirtschaftlicher Verordnungen, die für die Dauer des Krieges erlassen wurden, war die
reguläre Polizei verantwortlich; dagegen sollte die Gestapo hinzugezogen werden, falls der
Täter eine „Persönlichkeit des öffentlichen Lebens“ war oder durch die Tat „in einem
großen Teil der Bevölkerung Beunruhigung hervorgerufen“ wurde.
Das Spitzelsystem der Gestapo
Es gibt wenig Material über das
Spitzelsystem der Gestapo, das nach
Meinung der Zeitgenossen so
umfassend war, dass seinem
wachsamen Auge fast nichts
verborgen blieb. In Wirklichkeit war
dieses System weit kleiner, als man
glaubte. Es gab verschiedene Arten
vertraulicher Informanten. Die
wichtigsten waren die V-Leute
(Vertrauens- oder Verbindungsleute):
häufig – aber nicht immer – bezahlt
wurden sie von den verschiedenen
„Referaten“ oder Sachbearbeitern in
den lokalen Gestapostellen angeworben; daneben gab es G­Leute (Gewährsleute), die im
allgemeinen gelegentlich Geschichten erzählten; schließlich gab es noch I­Leute
(Informationsleute, d. h. Informanten), die nicht zum eigentlichen System gehörten, aber
die öffentliche Stimmung beobachteten und der Polizei berichteten. Man weiß sehr wenig
über diese Leute – ihre Zahl, ihre Fluktuationsrate, ihre berufliche Tätigkeit und den
Beitrag, den sie zur Überwachung der Bevölkerung im Dritten Reich leisteten. Ein Ort in
Bayern, an dem man einiges Material zutage gefördert hat, ist die Gestapoleitstelle
Nürnberg, der die Würzburger Gestapo seit 1941 unmittelbar unterstand. Am 1.
September 1941 gab es in diesem Zentrum Mittelfrankens insgesamt 150 Gestapobeamte,
die für eine Bevölkerung von 2,77 Millionen Menschen (verteilt über 14.115
Quadratkilometer) zuständig waren. Dort gab es 1943/44 eine mit sechs Beamten besetzte
Spezialabteilung (IV N) für V­Leute, die über 80­100 „freie Mitarbeiter“ verfügte, die der
Gestapo regelmäßig Berichte lieferten, ihr jedoch offiziell nicht angehörten. Wahrscheinlich
sind die Zahlen für Nürnberg nicht so außergewöhnlich, denn die Zahl der V­Leute und der
Spezialgebiete, die eine Gestapostelle führen konnte, sowie die Höhe ihrer Vergütung und
sogar die Prüfung ihrer Zuverlässigkeit waren – wie die meisten anderen Angelegenheiten
der Gestapo – im ganzen Reich einheitlich geregelt.
Polizei neben der Gestapo
Zwischen der traditionellen Kriminalpolizei (Kripo) und der Gestapo bestand eine enge
Beziehung, denn „dem nationalsozialistischen Deutschland ist es selbstverständlich, dass
der Kampf gegen den politischen Staatsfeind und gegen den asozialen Verbrecher von einer
Hand geführt werden muss“ (Bernd Wehner: „Dem Täter auf der Spur. Die Geschichte der
deutschen Kriminalpolizei“, Bergisch Gladbach 1983). Die Kripo behielt neben der Gestapo
ihre eigene Identität, obgleich sich mit der Zeit eine Konvergenz entwickelte: Die Kripo
wurde der Gestapo immer ähnlicher und erhielt z. B. ebenfalls die Befugnis, „Schutzhaft“
zu verhängen, zumindest gegen „kriminelle“ Gruppen wie „Zigeuner“, „Arbeitsscheue“ und
so genannte „asoziale Elemente“.
Die Verfolgung von
Menschen, die gegen den
Buchstaben oder auch nur
den Geist des Gesetzes
verstießen, wurde seit
Kriegsbeginn forciert. Auf
Anweisung ihres
gemeinsamen Chefs
Heydrich im RSHA (der
Himmler direkt unterstellt
war) begannen Kripo und
Gestapo das „Stahlnetz“
über dem Land straffer zu
spannen. Abgesehen von
den ähnlichen Zielen gab es
auch eine personelle
Verbindung: Lokale
Gestapobeamte, besonders
die mittleren und unteren
Ränge, hatten früher der Kriminalpolizei angehört, und eine große Zahl von Gestapoleuten
war praktisch von der Kripo zur Geheimpolizei abkommandiert worden. Kripo und
Gestapo benutzten weiterhin herkömmliche Arten der Exekutive, wie Verhaftung, Verhör
und Beschlagnahme von Eigentum. Das unterschied beide vom SD, der als Organisation
der Partei zu diesen Maßnahmen nicht befugt war. Trotz dieser und anderer
Gemeinsamkeiten steht fest, dass die Gestapo im nationalsozialistischen Terrorsystem die
weit größere Rolle spielte – vor allem deshalb, weil sie nicht nur Verstöße gegen das
Strafrecht ahndete, sondern sich ausdrücklich für die Versuche des Regimes einsetzte,
Einstellungen und Verhaltensweisen zu verändern.
Gestapobeamte nach 1945 wieder im Polizeidienst
Bei Kriegsende gab es etwa 25.000 Gestapo­Mitarbeiter. Im Nürnberger Prozess von
1945/46 wurde die Gestapo zur verbrecherischen Organisation erklärt. „Die breite
Mehrheit der Gestapo­Beamten geriet in Haft“, sagt Historiker Stolle. Ihre
durchschnittliche Haftzeit habe drei Jahre betragen. Im Kalten Krieg wurden allerdings
viele Gestapo­Beamte in die neu geschaffenen Bundesbehörden aufgenommen. Ihr
zweifelhafter Sachverstand war wieder gefragt. Die erste Führungsspitze des
Bundeskriminalamtes bestand fast komplett aus ehemaligen Gestapo-Beamten und SS-
Führern. Auch andere Länder nehmen die Dienste der Ex­Gestapo­Mitarbeiter in
Anspruch. Für den britischen Geheimdienst arbeitete nach dem Krieg der Gestapo­Führer
Horst Kopkow, einst verantwortlich für die Ermittlungen gegen die Attentäter des 20. Juli
1944. Nach vier Jahren beim britischen Geheimdienst „MI6“ in London verschafften ihm
die Briten eine neue Identität in Deutschland. Der US­Geheimdienst beschäftigte den
„Schlächter von Lyon“, Klaus Barbie, der unter anderem den Résistance­Chef Jean Moulin
zwei Tage lang zu Tode gequält hatte. Aber auch in der DDR wurden verurteilte Gestapo­
Massenmörder als Informelle Mitarbeiter (IM) der Stasi angeworben.
Siehe auch den Artikel „Gestapo­ und SS­Leute arbeiteten als Beamte für den BND der
50er­ und 60er­Jahre. Bundeskanzler Konrad Adenauer billigte das höchstpersönlich“
in dieser Dokumentation.
________________________________________________________________
Quellen: Robert Gellately „Die Gestapo und die deutsche Gesellschaft. Die Durchsetzung der
Rassenpolitik 1933­1945“, 2. Aufl., Paderborn 1994. – Staatsarchiv Nbg. SpKA Rothenburg G15. – WDR
5 „ZeitZeichen“ vom 26. April 2013 (über Gestapo). – Auskunft Archivar Herbert Schott vom
Staatsarchiv Nürnberg (Mai 2014).
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← Würzburger Gestapochef Josef Gerum war der
grausamste. Er bewachte Hitler 1935 in Rothenburg und
versagte 1939 beim erfolglosen Attentat im
„Bürgerbräukeller“ München
Die Polizei, dein Freund und Massenmörder. Für die
Polizei gab es keine Stunde Null – sie konnte nach dem
Krieg nahezu bruchlos weiterarbeiten →
Dokument der Gestapostelle Nürnberg­Fürth 1938
Zelle in einem Gestapo­Gefängnis; Ort unbekannt
Gestapo und Schutzpolizei
im Einsatz
Die Gestapo begleitete die Todeszüge in den Osten in den Osten
Passierschein des Dinkelsbühler Gestapo­Beamten für die Zentrale in Berlin
Gestapo­Marke, Vorder­ und Rückseite
Telex der Gestapo in Sachen Schutzhaft eines Homosexuellen 1940
← Würzburger Gestapochef Josef Gerum war der
grausamste. Er bewachte Hitler 1935 in Rothenburg und
versagte 1939 beim erfolglosen Attentat im
„Bürgerbräukeller“ München
Die Polizei, dein Freund und Massenmörder. Für die
Polizei gab es keine Stunde Null – sie konnte nach dem
Krieg nahezu bruchlos weiterarbeiten →
Die Geheime Staatspolizei war an keinerlei Gesetze gebunden,
konnte verhaften, foltern und verschleppen. – Für Rothenburg
zuständig war die Gestapostelle Nürnberg­Fürth
Publiziert am 20. Januar 2014 von Wolf Stegemann
W. St. – Während der NS­Zeit glaubten viele Deutsche, an jeder Straßenecke stehe, in
jedem Gottesdienst sitze oder hinterm Gebüsch liege ein Agent der Gestapo. Dieser Glaube
blieb nicht auf die NS­Zeit beschränkt, sondern lebte – mehr oder weniger – in der
Bundesrepublik weiter und formte innerhalb wie außerhalb des heutigen Deutschland die
Vorstellungen über den nationalsozialistischen Polizeistaat und das Terrorregime, das den
Willen der Diktatur so hervorragend mit allen Mitteln durchzusetzen verstand. Die neue
Ordnung wurde teilweise durch Anwendung oder Androhung von brutaler Gewalt
errichtet, und sie war begleitet von zahllosen Gesetzen, Erlassen, Verordnungen oder
einfach Appellen und Aufrufen örtlicher Nationalsozialisten, die behaupteten, im Namen
Hitlers zu handeln (Robert Gellately in: „Die Gestapo und die deutsche Gesellschaft“).
Heinrich Himmler
übernahm die Polizei
„Im Jahr 1934 übergab mir dann
der damalige Ministerpräsident
Hermann Göring, unser
Reichsmarschall, in einer
unerhörten Großzügigkeit die
Geheime Staatspolizei
Preußens“, sagte Heinrich
Himmler später. Offiziell wurde
er 1936 zum Chef der gesamten
deutschen Polizei ernannt. Er
verzahnte SS und Polizei und
sorgte bei Hitler für freie Hand:
Per Gesetz wurde am 10.
Februar 1936 festgelegt, dass
sich die Gestapo an keinerlei
Gesetze halten muss. Was
immer sie tut, um Oppositionelle
auszuschalten oder die NS-
Rassenpolitik durchzusetzen,
alles war legal: Folter, Mord,
Verschleppung ins KZ. In
Paragraf sieben heißt es:
„Verfügungen und Anordnungen der Geheimen Staatspolizei unterliegen nicht der
Nachprüfung durch die Verwaltungsgerichte.“
Die lokale Organisation des Gestapo- und Polizeisystems
Nach der Erinnerung vieler, die einst im nationalsozialistischen Deutschland lebten,
beruhte die Effektivität der Gestapo und ihres Überwachungssystems auf dem großen
„Heer“ von Spitzeln und bezahlten Informanten, über das lokale Beamte verfügten. 1944
gab es im Deutschen Reich 31.374 Gestapo-Beamte, 12.792 Kriminalbeamte und 6.482 SD-
Leute. Demnach gab es im Reich am 1. Januar 1944 über 50.648 Sicherheitspolizisten
(Staatarchiv München). So fühlte sich der Bürger ständig von den Nationalsozialisten
beobachtet: in der Öffentlichkeit, am Arbeitsplatz und sogar in seinen eigenen vier
Wänden. Dieses Gefühl war jedoch keinesfalls auf die rein physische Gegenwart von
Gestapobeamten zurückzuführen. Die Mitgliederzahl der Gestapo war in Wirklichkeit
auffallend gering.
Ende 1944 bestand die Gestapo aus ungefähr 32.000 Leuten; davon waren etwa 3.000
Verwaltungsbeamte, 15.500 Vollzugsbeamte, 13.500 Angestellte und Arbeiter (darunter
9.000 so genannte Notdienstverpflichtete). Die „Verwaltungsbeamten“ besaßen die gleiche
Ausbildung wie andere Beamte und befassten sich mit Personalakten, Haushaltsfragen und
juristischen Problemen, die sich etwa aus dem Passgesetz ergaben. Den in der
„Führerschule“ besonders ausgebildeten „Vollzugsbeamten“ wurden ihre Aufgaben
entsprechend den verschiedenen Referaten, in die die Gestapo eingeteilt war, zugewiesen.
Diese Beamten hatten die eigentlichen Aufgaben der Gestapo, die gesetzlich niedergelegt
waren, auszuführen, obwohl auch ein Teil dieser Beamten nur mit reinen Büroarbeiten
beschäftigt war. Die Gestapo übernahm auch andere Organisationen und einen Teil ihres
Personals, zum Beispiel die Grenzpolizei.
Würzburger Gestapo war für Rothenburg zuständig
Nach Himmlers Erlass vom 15. Juli 1937 sollte die Gestapo in
Bayern künftig folgendermaßen organisiert sein: Es gab eine
Staatspolizeileitstelle, die für den Regierungsbezirk München­
Oberbayern zuständig war, und vier Staatspolizeistellen in den
Verwaltungszentren der vier übrigen Regierungsbezirke. In
Würzburg wurde 1929 die bisherige Dienststelle 9 in
„Staatspolizeiverwaltung Würzburg“ umbenannt. Am 1. April
1933 wurden, wie oben dargelegt, alle Politischen Abteilungen
im ganzen Land dem „Politischen Polizeikommandeur Bayerns“,
Himmler, unterstellt. Das Gesetz von 1937 bestätigte die
Veränderungen in der Polizeidirektion München und gab der
Münchener Gestapo das Recht, den übrigen Gestapostellen in Bayern Weisungen zu
erteilen, von ihnen Berichte entgegenzunehmen usw. Es machte auch die früheren
Politischen Abteilungen aller Polizeidirektionen zu selbständigen Behörden. So entstanden
vier (zentrale) Gestapostellen in Augsburg, Nürnberg­Fürth, Regensburg und Würzburg.
Diese regionalen Gestapostellen wurden sofort dem Geheimen Staatspolizeiamt in Berlin
direkt unterstellt, obwohl sie theoretisch auch dem jeweiligen Regierungspräsidenten
berichten sollten. Außerdem konnte die regionale Gestapo die reguläre Polizei, die
Bürgermeister, Stadtverwaltungen usw. als Hilfsorgane heranziehen. Für die Gestapo
wichtige Angelegenheiten, die den genannten Gruppen zur Kenntnis kamen, sollten an
diese weitergeleitet werden. Diese Berichte sind nicht zu verwechseln mit den „Meldungen
aus dem Reich“, in denen der SD Heydrichs die Stimmungslage der Bevölkerung festhielt
und an die höheren Dienststellen von Partei und Regierung verteilte.
Gestapo führte die
Deportationen der
Juden in die Lager
im Osten durch
Die Zusammenarbeit
zwischen der Gestapo
und den amtierenden
Staatsbehörden scheint
im großen und ganzen
gut funktioniert zu
haben, z. B. bei den
Maßnahmen gegen die
Juden und sogar bei
der Planung und
Durchführung der
Deportationen. Als
Himmler, Heydrich, Best und andere eine wirkliche Reichspolizei zu schaffen suchten, sollte
es im Aufbau der Politischen Polizei Bayerns und anderer deutscher Gaue weitere
Veränderungen geben, aber die Gestapo in Bayern behielt das 1937 errichtete System.
Parteifunktionäre arbeiteten in Rothenburg mit der Gestapo Hand in Hand
Alle Kreis­ und Ortspolizeistationen in Mainfranken unterstanden der Gestapo Würzburg,
die wiederum direkt der Gestapo Berlin unterstand. 1941 wurde die Würzburger Gestapo­
Stelle Filiale der Gestapoleitstelle Nürnberg­Fürth mit dem neuen Namen „Geheime
Staatspolizei, Staatspolizeidienststelle Nürnberg­Fürth Außendienststelle Würzburg“. Ihre
ehemaligen Filialen in Aschaffenburg und Schweinfurt wurden mit Ausnahme der Filiale in
Bamberg geschlossen. ZUständig für Rotheneburg udn ganz Mittelfranken war die Gestapo
in Nürnberg­Fürth, ab 1941 somit auch die Filiale Würzburg
Die Rothenburger Polizei sammelte Denunziationen und andere verdächtige
Wahrnehmungen und schickte diese zur Bearbeitung an die Gestapostelle Nürnberg bzw.
nach 1941 Würzburg, wo auch Anzeigen direkt von Rothenburger Bürgern eingingen.
Wenn also heute gesagt und geschrieben wird, dass beispielsweise die Gestapo die
Predigten des katholischen Pfarrers Wolfgang Müller in St. Johannis abgehört hatte, dies
auch in anderen Kirchen tat, dann kann man freilich davon ausgehen, dass es keine mit
Ledermäntel und Schlapphüten bekleidete Beamten der Gestapostelle Würzburg oder der
Gestapoleitstelle Nürnberg waren, sondern örtliche Polizeiwachtmeister,
Kriminalpolizisten, Stadtsekretäre oder sonstige Beamte, die im Dienst der Gestapo
standen und auch Bürger aus Überzeugung Spitzeldienste für die Gestapo leisteten. Auch
verlieh die Gestapo bei Bedarf Parteifunktionären polizeiliche Befugnisse wie dem
Rothenburger Obertruppführer Adolf Gast, der 1939 selbst sagte, dass er „eine höhere
Dienststellung“ im „Überwachungsdienst“ habe. Ebenso war NSDAP­Kreisleiter Erich
Höllfritsch Mitarbeiter der Gestapo und konnte als solcher Verhaftungen vornehmen.
Bekannt ist auch, dass der Rothenburger Friedrich Klenk 1936 wegen angeblicher
Beamtenbeleidigung sieben Monate ohne Verfahren in Schutzhaft saß. NSDAP­
Ortsgruppenführer Johann Strauß leitete das Verfahren ein. Ein Jahr später wurde auf
Anordnung der Gestapo allen ausländischen Landarbeitern im Bezirk Rothenburg die
Ausweise abgenommen, um sie besser überwachen zu können und die Abwanderung in
andere Arbeitsamtsbereiche zu verhindern, was als Verrat an Volk und Führer dargestellt
wurde. Untergebracht war die Gestapo in Nürnberg in der ehemaligen
Deutschhauskaserne an der Ludwigstraße. Im Krieg wurde das Gebäude beschädigt und
dann abgerissen. Im Neubau befindet sich heute das Polizeipräsidium.
Referate der Gestapo nur mit wenigen Beamten besetzt
Quellenmaterial aus verschiedenen Orten zeigt, dass normalerweise die wenigen Leute in
jeder Gestapostelle aus Beamten, Fernschreibern, technischen Hilfskräften, Angestellten,
Stenotypistinnen, Fahrern usw. bestanden. Diese waren in der Regel den verschiedenen
Abteilungen und Referaten zugeteilt, die mehr oder weniger dem sich immer wieder
ändernden Schema der Berliner Zentrale entsprachen. So hatte die Gestapo (Amt IV des
RSHA) sechs Abteilungen von A bis F: IV A war zuständig für „Gegner, Sabotage und
Schutzdienst”, IV B für „Politische Kirchen, Sekten und Juden“, IV C für „Personenkartei,
Schutzhaft, Presse und Partei“, IV D für „Großdeutsche Einflussgebiete“, IV E für
„Abwehr“, IV F für „Passwesen und Ausländerpolizei“. Diese Abteilungen waren jeweils
noch weiter unterteilt und spezialisiert.
Der Bereich des politischen Verhaltens, der in die Zuständigkeit der Gestapo fiel, war
umfassend und wuchs stetig. Das für Ostarbeiter und Polen zuständige Referat der
Düsseldorfer Gestapo hatte am 15. Juli 1943 zwölf besondere Unterabteilungen, die sich
mit allen möglichen Fragen von „Arbeitsverweigerung“ und „unerlaubtem Verlassen der
Arbeitsstelle“ bis zu „verbotenem Umgang und Geschlechtsverkehr“ befassten. Das
Referat „Wirtschaft“ zerfiel in acht Unterabteilungen. Für die Durchsetzung
wirtschaftlicher Verordnungen, die für die Dauer des Krieges erlassen wurden, war die
reguläre Polizei verantwortlich; dagegen sollte die Gestapo hinzugezogen werden, falls der
Täter eine „Persönlichkeit des öffentlichen Lebens“ war oder durch die Tat „in einem
großen Teil der Bevölkerung Beunruhigung hervorgerufen“ wurde.
Das Spitzelsystem der Gestapo
Es gibt wenig Material über das
Spitzelsystem der Gestapo, das nach
Meinung der Zeitgenossen so
umfassend war, dass seinem
wachsamen Auge fast nichts
verborgen blieb. In Wirklichkeit war
dieses System weit kleiner, als man
glaubte. Es gab verschiedene Arten
vertraulicher Informanten. Die
wichtigsten waren die V-Leute
(Vertrauens- oder Verbindungsleute):
häufig – aber nicht immer – bezahlt
wurden sie von den verschiedenen
„Referaten“ oder Sachbearbeitern in
den lokalen Gestapostellen angeworben; daneben gab es G­Leute (Gewährsleute), die im
allgemeinen gelegentlich Geschichten erzählten; schließlich gab es noch I­Leute
(Informationsleute, d. h. Informanten), die nicht zum eigentlichen System gehörten, aber
die öffentliche Stimmung beobachteten und der Polizei berichteten. Man weiß sehr wenig
über diese Leute – ihre Zahl, ihre Fluktuationsrate, ihre berufliche Tätigkeit und den
Beitrag, den sie zur Überwachung der Bevölkerung im Dritten Reich leisteten. Ein Ort in
Bayern, an dem man einiges Material zutage gefördert hat, ist die Gestapoleitstelle
Nürnberg, der die Würzburger Gestapo seit 1941 unmittelbar unterstand. Am 1.
September 1941 gab es in diesem Zentrum Mittelfrankens insgesamt 150 Gestapobeamte,
die für eine Bevölkerung von 2,77 Millionen Menschen (verteilt über 14.115
Quadratkilometer) zuständig waren. Dort gab es 1943/44 eine mit sechs Beamten besetzte
Spezialabteilung (IV N) für V­Leute, die über 80­100 „freie Mitarbeiter“ verfügte, die der
Gestapo regelmäßig Berichte lieferten, ihr jedoch offiziell nicht angehörten. Wahrscheinlich
sind die Zahlen für Nürnberg nicht so außergewöhnlich, denn die Zahl der V­Leute und der
Spezialgebiete, die eine Gestapostelle führen konnte, sowie die Höhe ihrer Vergütung und
sogar die Prüfung ihrer Zuverlässigkeit waren – wie die meisten anderen Angelegenheiten
der Gestapo – im ganzen Reich einheitlich geregelt.
Polizei neben der Gestapo
Zwischen der traditionellen Kriminalpolizei (Kripo) und der Gestapo bestand eine enge
Beziehung, denn „dem nationalsozialistischen Deutschland ist es selbstverständlich, dass
der Kampf gegen den politischen Staatsfeind und gegen den asozialen Verbrecher von einer
Hand geführt werden muss“ (Bernd Wehner: „Dem Täter auf der Spur. Die Geschichte der
deutschen Kriminalpolizei“, Bergisch Gladbach 1983). Die Kripo behielt neben der Gestapo
ihre eigene Identität, obgleich sich mit der Zeit eine Konvergenz entwickelte: Die Kripo
wurde der Gestapo immer ähnlicher und erhielt z. B. ebenfalls die Befugnis, „Schutzhaft“
zu verhängen, zumindest gegen „kriminelle“ Gruppen wie „Zigeuner“, „Arbeitsscheue“ und
so genannte „asoziale Elemente“.
Die Verfolgung von
Menschen, die gegen den
Buchstaben oder auch nur
den Geist des Gesetzes
verstießen, wurde seit
Kriegsbeginn forciert. Auf
Anweisung ihres
gemeinsamen Chefs
Heydrich im RSHA (der
Himmler direkt unterstellt
war) begannen Kripo und
Gestapo das „Stahlnetz“
über dem Land straffer zu
spannen. Abgesehen von
den ähnlichen Zielen gab es
auch eine personelle
Verbindung: Lokale
Gestapobeamte, besonders
die mittleren und unteren
Ränge, hatten früher der Kriminalpolizei angehört, und eine große Zahl von Gestapoleuten
war praktisch von der Kripo zur Geheimpolizei abkommandiert worden. Kripo und
Gestapo benutzten weiterhin herkömmliche Arten der Exekutive, wie Verhaftung, Verhör
und Beschlagnahme von Eigentum. Das unterschied beide vom SD, der als Organisation
der Partei zu diesen Maßnahmen nicht befugt war. Trotz dieser und anderer
Gemeinsamkeiten steht fest, dass die Gestapo im nationalsozialistischen Terrorsystem die
weit größere Rolle spielte – vor allem deshalb, weil sie nicht nur Verstöße gegen das
Strafrecht ahndete, sondern sich ausdrücklich für die Versuche des Regimes einsetzte,
Einstellungen und Verhaltensweisen zu verändern.
Gestapobeamte nach 1945 wieder im Polizeidienst
Bei Kriegsende gab es etwa 25.000 Gestapo­Mitarbeiter. Im Nürnberger Prozess von
1945/46 wurde die Gestapo zur verbrecherischen Organisation erklärt. „Die breite
Mehrheit der Gestapo­Beamten geriet in Haft“, sagt Historiker Stolle. Ihre
durchschnittliche Haftzeit habe drei Jahre betragen. Im Kalten Krieg wurden allerdings
viele Gestapo­Beamte in die neu geschaffenen Bundesbehörden aufgenommen. Ihr
zweifelhafter Sachverstand war wieder gefragt. Die erste Führungsspitze des
Bundeskriminalamtes bestand fast komplett aus ehemaligen Gestapo-Beamten und SS-
Führern. Auch andere Länder nehmen die Dienste der Ex­Gestapo­Mitarbeiter in
Anspruch. Für den britischen Geheimdienst arbeitete nach dem Krieg der Gestapo­Führer
Horst Kopkow, einst verantwortlich für die Ermittlungen gegen die Attentäter des 20. Juli
1944. Nach vier Jahren beim britischen Geheimdienst „MI6“ in London verschafften ihm
die Briten eine neue Identität in Deutschland. Der US­Geheimdienst beschäftigte den
„Schlächter von Lyon“, Klaus Barbie, der unter anderem den Résistance­Chef Jean Moulin
zwei Tage lang zu Tode gequält hatte. Aber auch in der DDR wurden verurteilte Gestapo­
Massenmörder als Informelle Mitarbeiter (IM) der Stasi angeworben.
Siehe auch den Artikel „Gestapo­ und SS­Leute arbeiteten als Beamte für den BND der
50er­ und 60er­Jahre. Bundeskanzler Konrad Adenauer billigte das höchstpersönlich“
in dieser Dokumentation.
________________________________________________________________
Quellen: Robert Gellately „Die Gestapo und die deutsche Gesellschaft. Die Durchsetzung der
Rassenpolitik 1933­1945“, 2. Aufl., Paderborn 1994. – Staatsarchiv Nbg. SpKA Rothenburg G15. – WDR
5 „ZeitZeichen“ vom 26. April 2013 (über Gestapo). – Auskunft Archivar Herbert Schott vom
Staatsarchiv Nürnberg (Mai 2014).
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← Würzburger Gestapochef Josef Gerum war der
grausamste. Er bewachte Hitler 1935 in Rothenburg und
versagte 1939 beim erfolglosen Attentat im
„Bürgerbräukeller“ München
Die Polizei, dein Freund und Massenmörder. Für die
Polizei gab es keine Stunde Null – sie konnte nach dem
Krieg nahezu bruchlos weiterarbeiten →
Dokument der Gestapostelle Nürnberg­Fürth 1938
Zelle in einem Gestapo­Gefängnis; Ort unbekannt
Gestapo und Schutzpolizei
im Einsatz
Die Gestapo begleitete die Todeszüge in den Osten in den Osten
Passierschein des Dinkelsbühler Gestapo­Beamten für die Zentrale in Berlin
Gestapo­Marke, Vorder­ und Rückseite
Telex der Gestapo in Sachen Schutzhaft eines Homosexuellen 1940
← Würzburger Gestapochef Josef Gerum war der
grausamste. Er bewachte Hitler 1935 in Rothenburg und
versagte 1939 beim erfolglosen Attentat im
„Bürgerbräukeller“ München
Die Polizei, dein Freund und Massenmörder. Für die
Polizei gab es keine Stunde Null – sie konnte nach dem
Krieg nahezu bruchlos weiterarbeiten →
Die Geheime Staatspolizei war an keinerlei Gesetze gebunden,
konnte verhaften, foltern und verschleppen. – Für Rothenburg
zuständig war die Gestapostelle Nürnberg­Fürth
Publiziert am 20. Januar 2014 von Wolf Stegemann
W. St. – Während der NS­Zeit glaubten viele Deutsche, an jeder Straßenecke stehe, in
jedem Gottesdienst sitze oder hinterm Gebüsch liege ein Agent der Gestapo. Dieser Glaube
blieb nicht auf die NS­Zeit beschränkt, sondern lebte – mehr oder weniger – in der
Bundesrepublik weiter und formte innerhalb wie außerhalb des heutigen Deutschland die
Vorstellungen über den nationalsozialistischen Polizeistaat und das Terrorregime, das den
Willen der Diktatur so hervorragend mit allen Mitteln durchzusetzen verstand. Die neue
Ordnung wurde teilweise durch Anwendung oder Androhung von brutaler Gewalt
errichtet, und sie war begleitet von zahllosen Gesetzen, Erlassen, Verordnungen oder
einfach Appellen und Aufrufen örtlicher Nationalsozialisten, die behaupteten, im Namen
Hitlers zu handeln (Robert Gellately in: „Die Gestapo und die deutsche Gesellschaft“).
Heinrich Himmler
übernahm die Polizei
„Im Jahr 1934 übergab mir dann
der damalige Ministerpräsident
Hermann Göring, unser
Reichsmarschall, in einer
unerhörten Großzügigkeit die
Geheime Staatspolizei
Preußens“, sagte Heinrich
Himmler später. Offiziell wurde
er 1936 zum Chef der gesamten
deutschen Polizei ernannt. Er
verzahnte SS und Polizei und
sorgte bei Hitler für freie Hand:
Per Gesetz wurde am 10.
Februar 1936 festgelegt, dass
sich die Gestapo an keinerlei
Gesetze halten muss. Was
immer sie tut, um Oppositionelle
auszuschalten oder die NS-
Rassenpolitik durchzusetzen,
alles war legal: Folter, Mord,
Verschleppung ins KZ. In
Paragraf sieben heißt es:
„Verfügungen und Anordnungen der Geheimen Staatspolizei unterliegen nicht der
Nachprüfung durch die Verwaltungsgerichte.“
Die lokale Organisation des Gestapo- und Polizeisystems
Nach der Erinnerung vieler, die einst im nationalsozialistischen Deutschland lebten,
beruhte die Effektivität der Gestapo und ihres Überwachungssystems auf dem großen
„Heer“ von Spitzeln und bezahlten Informanten, über das lokale Beamte verfügten. 1944
gab es im Deutschen Reich 31.374 Gestapo-Beamte, 12.792 Kriminalbeamte und 6.482 SD-
Leute. Demnach gab es im Reich am 1. Januar 1944 über 50.648 Sicherheitspolizisten
(Staatarchiv München). So fühlte sich der Bürger ständig von den Nationalsozialisten
beobachtet: in der Öffentlichkeit, am Arbeitsplatz und sogar in seinen eigenen vier
Wänden. Dieses Gefühl war jedoch keinesfalls auf die rein physische Gegenwart von
Gestapobeamten zurückzuführen. Die Mitgliederzahl der Gestapo war in Wirklichkeit
auffallend gering.
Ende 1944 bestand die Gestapo aus ungefähr 32.000 Leuten; davon waren etwa 3.000
Verwaltungsbeamte, 15.500 Vollzugsbeamte, 13.500 Angestellte und Arbeiter (darunter
9.000 so genannte Notdienstverpflichtete). Die „Verwaltungsbeamten“ besaßen die gleiche
Ausbildung wie andere Beamte und befassten sich mit Personalakten, Haushaltsfragen und
juristischen Problemen, die sich etwa aus dem Passgesetz ergaben. Den in der
„Führerschule“ besonders ausgebildeten „Vollzugsbeamten“ wurden ihre Aufgaben
entsprechend den verschiedenen Referaten, in die die Gestapo eingeteilt war, zugewiesen.
Diese Beamten hatten die eigentlichen Aufgaben der Gestapo, die gesetzlich niedergelegt
waren, auszuführen, obwohl auch ein Teil dieser Beamten nur mit reinen Büroarbeiten
beschäftigt war. Die Gestapo übernahm auch andere Organisationen und einen Teil ihres
Personals, zum Beispiel die Grenzpolizei.
Würzburger Gestapo war für Rothenburg zuständig
Nach Himmlers Erlass vom 15. Juli 1937 sollte die Gestapo in
Bayern künftig folgendermaßen organisiert sein: Es gab eine
Staatspolizeileitstelle, die für den Regierungsbezirk München­
Oberbayern zuständig war, und vier Staatspolizeistellen in den
Verwaltungszentren der vier übrigen Regierungsbezirke. In
Würzburg wurde 1929 die bisherige Dienststelle 9 in
„Staatspolizeiverwaltung Würzburg“ umbenannt. Am 1. April
1933 wurden, wie oben dargelegt, alle Politischen Abteilungen
im ganzen Land dem „Politischen Polizeikommandeur Bayerns“,
Himmler, unterstellt. Das Gesetz von 1937 bestätigte die
Veränderungen in der Polizeidirektion München und gab der
Münchener Gestapo das Recht, den übrigen Gestapostellen in Bayern Weisungen zu
erteilen, von ihnen Berichte entgegenzunehmen usw. Es machte auch die früheren
Politischen Abteilungen aller Polizeidirektionen zu selbständigen Behörden. So entstanden
vier (zentrale) Gestapostellen in Augsburg, Nürnberg­Fürth, Regensburg und Würzburg.
Diese regionalen Gestapostellen wurden sofort dem Geheimen Staatspolizeiamt in Berlin
direkt unterstellt, obwohl sie theoretisch auch dem jeweiligen Regierungspräsidenten
berichten sollten. Außerdem konnte die regionale Gestapo die reguläre Polizei, die
Bürgermeister, Stadtverwaltungen usw. als Hilfsorgane heranziehen. Für die Gestapo
wichtige Angelegenheiten, die den genannten Gruppen zur Kenntnis kamen, sollten an
diese weitergeleitet werden. Diese Berichte sind nicht zu verwechseln mit den „Meldungen
aus dem Reich“, in denen der SD Heydrichs die Stimmungslage der Bevölkerung festhielt
und an die höheren Dienststellen von Partei und Regierung verteilte.
Gestapo führte die
Deportationen der
Juden in die Lager
im Osten durch
Die Zusammenarbeit
zwischen der Gestapo
und den amtierenden
Staatsbehörden scheint
im großen und ganzen
gut funktioniert zu
haben, z. B. bei den
Maßnahmen gegen die
Juden und sogar bei
der Planung und
Durchführung der
Deportationen. Als
Himmler, Heydrich, Best und andere eine wirkliche Reichspolizei zu schaffen suchten, sollte
es im Aufbau der Politischen Polizei Bayerns und anderer deutscher Gaue weitere
Veränderungen geben, aber die Gestapo in Bayern behielt das 1937 errichtete System.
Parteifunktionäre arbeiteten in Rothenburg mit der Gestapo Hand in Hand
Alle Kreis­ und Ortspolizeistationen in Mainfranken unterstanden der Gestapo Würzburg,
die wiederum direkt der Gestapo Berlin unterstand. 1941 wurde die Würzburger Gestapo­
Stelle Filiale der Gestapoleitstelle Nürnberg­Fürth mit dem neuen Namen „Geheime
Staatspolizei, Staatspolizeidienststelle Nürnberg­Fürth Außendienststelle Würzburg“. Ihre
ehemaligen Filialen in Aschaffenburg und Schweinfurt wurden mit Ausnahme der Filiale in
Bamberg geschlossen. ZUständig für Rotheneburg udn ganz Mittelfranken war die Gestapo
in Nürnberg­Fürth, ab 1941 somit auch die Filiale Würzburg
Die Rothenburger Polizei sammelte Denunziationen und andere verdächtige
Wahrnehmungen und schickte diese zur Bearbeitung an die Gestapostelle Nürnberg bzw.
nach 1941 Würzburg, wo auch Anzeigen direkt von Rothenburger Bürgern eingingen.
Wenn also heute gesagt und geschrieben wird, dass beispielsweise die Gestapo die
Predigten des katholischen Pfarrers Wolfgang Müller in St. Johannis abgehört hatte, dies
auch in anderen Kirchen tat, dann kann man freilich davon ausgehen, dass es keine mit
Ledermäntel und Schlapphüten bekleidete Beamten der Gestapostelle Würzburg oder der
Gestapoleitstelle Nürnberg waren, sondern örtliche Polizeiwachtmeister,
Kriminalpolizisten, Stadtsekretäre oder sonstige Beamte, die im Dienst der Gestapo
standen und auch Bürger aus Überzeugung Spitzeldienste für die Gestapo leisteten. Auch
verlieh die Gestapo bei Bedarf Parteifunktionären polizeiliche Befugnisse wie dem
Rothenburger Obertruppführer Adolf Gast, der 1939 selbst sagte, dass er „eine höhere
Dienststellung“ im „Überwachungsdienst“ habe. Ebenso war NSDAP­Kreisleiter Erich
Höllfritsch Mitarbeiter der Gestapo und konnte als solcher Verhaftungen vornehmen.
Bekannt ist auch, dass der Rothenburger Friedrich Klenk 1936 wegen angeblicher
Beamtenbeleidigung sieben Monate ohne Verfahren in Schutzhaft saß. NSDAP­
Ortsgruppenführer Johann Strauß leitete das Verfahren ein. Ein Jahr später wurde auf
Anordnung der Gestapo allen ausländischen Landarbeitern im Bezirk Rothenburg die
Ausweise abgenommen, um sie besser überwachen zu können und die Abwanderung in
andere Arbeitsamtsbereiche zu verhindern, was als Verrat an Volk und Führer dargestellt
wurde. Untergebracht war die Gestapo in Nürnberg in der ehemaligen
Deutschhauskaserne an der Ludwigstraße. Im Krieg wurde das Gebäude beschädigt und
dann abgerissen. Im Neubau befindet sich heute das Polizeipräsidium.
Referate der Gestapo nur mit wenigen Beamten besetzt
Quellenmaterial aus verschiedenen Orten zeigt, dass normalerweise die wenigen Leute in
jeder Gestapostelle aus Beamten, Fernschreibern, technischen Hilfskräften, Angestellten,
Stenotypistinnen, Fahrern usw. bestanden. Diese waren in der Regel den verschiedenen
Abteilungen und Referaten zugeteilt, die mehr oder weniger dem sich immer wieder
ändernden Schema der Berliner Zentrale entsprachen. So hatte die Gestapo (Amt IV des
RSHA) sechs Abteilungen von A bis F: IV A war zuständig für „Gegner, Sabotage und
Schutzdienst”, IV B für „Politische Kirchen, Sekten und Juden“, IV C für „Personenkartei,
Schutzhaft, Presse und Partei“, IV D für „Großdeutsche Einflussgebiete“, IV E für
„Abwehr“, IV F für „Passwesen und Ausländerpolizei“. Diese Abteilungen waren jeweils
noch weiter unterteilt und spezialisiert.
Der Bereich des politischen Verhaltens, der in die Zuständigkeit der Gestapo fiel, war
umfassend und wuchs stetig. Das für Ostarbeiter und Polen zuständige Referat der
Düsseldorfer Gestapo hatte am 15. Juli 1943 zwölf besondere Unterabteilungen, die sich
mit allen möglichen Fragen von „Arbeitsverweigerung“ und „unerlaubtem Verlassen der
Arbeitsstelle“ bis zu „verbotenem Umgang und Geschlechtsverkehr“ befassten. Das
Referat „Wirtschaft“ zerfiel in acht Unterabteilungen. Für die Durchsetzung
wirtschaftlicher Verordnungen, die für die Dauer des Krieges erlassen wurden, war die
reguläre Polizei verantwortlich; dagegen sollte die Gestapo hinzugezogen werden, falls der
Täter eine „Persönlichkeit des öffentlichen Lebens“ war oder durch die Tat „in einem
großen Teil der Bevölkerung Beunruhigung hervorgerufen“ wurde.
Das Spitzelsystem der Gestapo
Es gibt wenig Material über das
Spitzelsystem der Gestapo, das nach
Meinung der Zeitgenossen so
umfassend war, dass seinem
wachsamen Auge fast nichts
verborgen blieb. In Wirklichkeit war
dieses System weit kleiner, als man
glaubte. Es gab verschiedene Arten
vertraulicher Informanten. Die
wichtigsten waren die V-Leute
(Vertrauens- oder Verbindungsleute):
häufig – aber nicht immer – bezahlt
wurden sie von den verschiedenen
„Referaten“ oder Sachbearbeitern in
den lokalen Gestapostellen angeworben; daneben gab es G­Leute (Gewährsleute), die im
allgemeinen gelegentlich Geschichten erzählten; schließlich gab es noch I­Leute
(Informationsleute, d. h. Informanten), die nicht zum eigentlichen System gehörten, aber
die öffentliche Stimmung beobachteten und der Polizei berichteten. Man weiß sehr wenig
über diese Leute – ihre Zahl, ihre Fluktuationsrate, ihre berufliche Tätigkeit und den
Beitrag, den sie zur Überwachung der Bevölkerung im Dritten Reich leisteten. Ein Ort in
Bayern, an dem man einiges Material zutage gefördert hat, ist die Gestapoleitstelle
Nürnberg, der die Würzburger Gestapo seit 1941 unmittelbar unterstand. Am 1.
September 1941 gab es in diesem Zentrum Mittelfrankens insgesamt 150 Gestapobeamte,
die für eine Bevölkerung von 2,77 Millionen Menschen (verteilt über 14.115
Quadratkilometer) zuständig waren. Dort gab es 1943/44 eine mit sechs Beamten besetzte
Spezialabteilung (IV N) für V­Leute, die über 80­100 „freie Mitarbeiter“ verfügte, die der
Gestapo regelmäßig Berichte lieferten, ihr jedoch offiziell nicht angehörten. Wahrscheinlich
sind die Zahlen für Nürnberg nicht so außergewöhnlich, denn die Zahl der V­Leute und der
Spezialgebiete, die eine Gestapostelle führen konnte, sowie die Höhe ihrer Vergütung und
sogar die Prüfung ihrer Zuverlässigkeit waren – wie die meisten anderen Angelegenheiten
der Gestapo – im ganzen Reich einheitlich geregelt.
Polizei neben der Gestapo
Zwischen der traditionellen Kriminalpolizei (Kripo) und der Gestapo bestand eine enge
Beziehung, denn „dem nationalsozialistischen Deutschland ist es selbstverständlich, dass
der Kampf gegen den politischen Staatsfeind und gegen den asozialen Verbrecher von einer
Hand geführt werden muss“ (Bernd Wehner: „Dem Täter auf der Spur. Die Geschichte der
deutschen Kriminalpolizei“, Bergisch Gladbach 1983). Die Kripo behielt neben der Gestapo
ihre eigene Identität, obgleich sich mit der Zeit eine Konvergenz entwickelte: Die Kripo
wurde der Gestapo immer ähnlicher und erhielt z. B. ebenfalls die Befugnis, „Schutzhaft“
zu verhängen, zumindest gegen „kriminelle“ Gruppen wie „Zigeuner“, „Arbeitsscheue“ und
so genannte „asoziale Elemente“.
Die Verfolgung von
Menschen, die gegen den
Buchstaben oder auch nur
den Geist des Gesetzes
verstießen, wurde seit
Kriegsbeginn forciert. Auf
Anweisung ihres
gemeinsamen Chefs
Heydrich im RSHA (der
Himmler direkt unterstellt
war) begannen Kripo und
Gestapo das „Stahlnetz“
über dem Land straffer zu
spannen. Abgesehen von
den ähnlichen Zielen gab es
auch eine personelle
Verbindung: Lokale
Gestapobeamte, besonders
die mittleren und unteren
Ränge, hatten früher der Kriminalpolizei angehört, und eine große Zahl von Gestapoleuten
war praktisch von der Kripo zur Geheimpolizei abkommandiert worden. Kripo und
Gestapo benutzten weiterhin herkömmliche Arten der Exekutive, wie Verhaftung, Verhör
und Beschlagnahme von Eigentum. Das unterschied beide vom SD, der als Organisation
der Partei zu diesen Maßnahmen nicht befugt war. Trotz dieser und anderer
Gemeinsamkeiten steht fest, dass die Gestapo im nationalsozialistischen Terrorsystem die
weit größere Rolle spielte – vor allem deshalb, weil sie nicht nur Verstöße gegen das
Strafrecht ahndete, sondern sich ausdrücklich für die Versuche des Regimes einsetzte,
Einstellungen und Verhaltensweisen zu verändern.
Gestapobeamte nach 1945 wieder im Polizeidienst
Bei Kriegsende gab es etwa 25.000 Gestapo­Mitarbeiter. Im Nürnberger Prozess von
1945/46 wurde die Gestapo zur verbrecherischen Organisation erklärt. „Die breite
Mehrheit der Gestapo­Beamten geriet in Haft“, sagt Historiker Stolle. Ihre
durchschnittliche Haftzeit habe drei Jahre betragen. Im Kalten Krieg wurden allerdings
viele Gestapo­Beamte in die neu geschaffenen Bundesbehörden aufgenommen. Ihr
zweifelhafter Sachverstand war wieder gefragt. Die erste Führungsspitze des
Bundeskriminalamtes bestand fast komplett aus ehemaligen Gestapo-Beamten und SS-
Führern. Auch andere Länder nehmen die Dienste der Ex­Gestapo­Mitarbeiter in
Anspruch. Für den britischen Geheimdienst arbeitete nach dem Krieg der Gestapo­Führer
Horst Kopkow, einst verantwortlich für die Ermittlungen gegen die Attentäter des 20. Juli
1944. Nach vier Jahren beim britischen Geheimdienst „MI6“ in London verschafften ihm
die Briten eine neue Identität in Deutschland. Der US­Geheimdienst beschäftigte den
„Schlächter von Lyon“, Klaus Barbie, der unter anderem den Résistance­Chef Jean Moulin
zwei Tage lang zu Tode gequält hatte. Aber auch in der DDR wurden verurteilte Gestapo­
Massenmörder als Informelle Mitarbeiter (IM) der Stasi angeworben.
Siehe auch den Artikel „Gestapo­ und SS­Leute arbeiteten als Beamte für den BND der
50er­ und 60er­Jahre. Bundeskanzler Konrad Adenauer billigte das höchstpersönlich“
in dieser Dokumentation.
________________________________________________________________
Quellen: Robert Gellately „Die Gestapo und die deutsche Gesellschaft. Die Durchsetzung der
Rassenpolitik 1933­1945“, 2. Aufl., Paderborn 1994. – Staatsarchiv Nbg. SpKA Rothenburg G15. – WDR
5 „ZeitZeichen“ vom 26. April 2013 (über Gestapo). – Auskunft Archivar Herbert Schott vom
Staatsarchiv Nürnberg (Mai 2014).
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← Würzburger Gestapochef Josef Gerum war der
grausamste. Er bewachte Hitler 1935 in Rothenburg und
versagte 1939 beim erfolglosen Attentat im
„Bürgerbräukeller“ München
Die Polizei, dein Freund und Massenmörder. Für die
Polizei gab es keine Stunde Null – sie konnte nach dem
Krieg nahezu bruchlos weiterarbeiten →
Dokument der Gestapostelle Nürnberg­Fürth 1938
Zelle in einem Gestapo­Gefängnis; Ort unbekannt
Gestapo und Schutzpolizei
im Einsatz
Die Gestapo begleitete die Todeszüge in den Osten in den Osten
Passierschein des Dinkelsbühler Gestapo­Beamten für die Zentrale in Berlin
Gestapo­Marke, Vorder­ und Rückseite
Telex der Gestapo in Sachen Schutzhaft eines Homosexuellen 1940
← Würzburger Gestapochef Josef Gerum war der
grausamste. Er bewachte Hitler 1935 in Rothenburg und
versagte 1939 beim erfolglosen Attentat im
„Bürgerbräukeller“ München
Die Polizei, dein Freund und Massenmörder. Für die
Polizei gab es keine Stunde Null – sie konnte nach dem
Krieg nahezu bruchlos weiterarbeiten →
Die Geheime Staatspolizei war an keinerlei Gesetze gebunden,
konnte verhaften, foltern und verschleppen. – Für Rothenburg
zuständig war die Gestapostelle Nürnberg­Fürth
Publiziert am 20. Januar 2014 von Wolf Stegemann
W. St. – Während der NS­Zeit glaubten viele Deutsche, an jeder Straßenecke stehe, in
jedem Gottesdienst sitze oder hinterm Gebüsch liege ein Agent der Gestapo. Dieser Glaube
blieb nicht auf die NS­Zeit beschränkt, sondern lebte – mehr oder weniger – in der
Bundesrepublik weiter und formte innerhalb wie außerhalb des heutigen Deutschland die
Vorstellungen über den nationalsozialistischen Polizeistaat und das Terrorregime, das den
Willen der Diktatur so hervorragend mit allen Mitteln durchzusetzen verstand. Die neue
Ordnung wurde teilweise durch Anwendung oder Androhung von brutaler Gewalt
errichtet, und sie war begleitet von zahllosen Gesetzen, Erlassen, Verordnungen oder
einfach Appellen und Aufrufen örtlicher Nationalsozialisten, die behaupteten, im Namen
Hitlers zu handeln (Robert Gellately in: „Die Gestapo und die deutsche Gesellschaft“).
Heinrich Himmler
übernahm die Polizei
„Im Jahr 1934 übergab mir dann
der damalige Ministerpräsident
Hermann Göring, unser
Reichsmarschall, in einer
unerhörten Großzügigkeit die
Geheime Staatspolizei
Preußens“, sagte Heinrich
Himmler später. Offiziell wurde
er 1936 zum Chef der gesamten
deutschen Polizei ernannt. Er
verzahnte SS und Polizei und
sorgte bei Hitler für freie Hand:
Per Gesetz wurde am 10.
Februar 1936 festgelegt, dass
sich die Gestapo an keinerlei
Gesetze halten muss. Was
immer sie tut, um Oppositionelle
auszuschalten oder die NS-
Rassenpolitik durchzusetzen,
alles war legal: Folter, Mord,
Verschleppung ins KZ. In
Paragraf sieben heißt es:
„Verfügungen und Anordnungen der Geheimen Staatspolizei unterliegen nicht der
Nachprüfung durch die Verwaltungsgerichte.“
Die lokale Organisation des Gestapo- und Polizeisystems
Nach der Erinnerung vieler, die einst im nationalsozialistischen Deutschland lebten,
beruhte die Effektivität der Gestapo und ihres Überwachungssystems auf dem großen
„Heer“ von Spitzeln und bezahlten Informanten, über das lokale Beamte verfügten. 1944
gab es im Deutschen Reich 31.374 Gestapo-Beamte, 12.792 Kriminalbeamte und 6.482 SD-
Leute. Demnach gab es im Reich am 1. Januar 1944 über 50.648 Sicherheitspolizisten
(Staatarchiv München). So fühlte sich der Bürger ständig von den Nationalsozialisten
beobachtet: in der Öffentlichkeit, am Arbeitsplatz und sogar in seinen eigenen vier
Wänden. Dieses Gefühl war jedoch keinesfalls auf die rein physische Gegenwart von
Gestapobeamten zurückzuführen. Die Mitgliederzahl der Gestapo war in Wirklichkeit
auffallend gering.
Ende 1944 bestand die Gestapo aus ungefähr 32.000 Leuten; davon waren etwa 3.000
Verwaltungsbeamte, 15.500 Vollzugsbeamte, 13.500 Angestellte und Arbeiter (darunter
9.000 so genannte Notdienstverpflichtete). Die „Verwaltungsbeamten“ besaßen die gleiche
Ausbildung wie andere Beamte und befassten sich mit Personalakten, Haushaltsfragen und
juristischen Problemen, die sich etwa aus dem Passgesetz ergaben. Den in der
„Führerschule“ besonders ausgebildeten „Vollzugsbeamten“ wurden ihre Aufgaben
entsprechend den verschiedenen Referaten, in die die Gestapo eingeteilt war, zugewiesen.
Diese Beamten hatten die eigentlichen Aufgaben der Gestapo, die gesetzlich niedergelegt
waren, auszuführen, obwohl auch ein Teil dieser Beamten nur mit reinen Büroarbeiten
beschäftigt war. Die Gestapo übernahm auch andere Organisationen und einen Teil ihres
Personals, zum Beispiel die Grenzpolizei.
Würzburger Gestapo war für Rothenburg zuständig
Nach Himmlers Erlass vom 15. Juli 1937 sollte die Gestapo in
Bayern künftig folgendermaßen organisiert sein: Es gab eine
Staatspolizeileitstelle, die für den Regierungsbezirk München­
Oberbayern zuständig war, und vier Staatspolizeistellen in den
Verwaltungszentren der vier übrigen Regierungsbezirke. In
Würzburg wurde 1929 die bisherige Dienststelle 9 in
„Staatspolizeiverwaltung Würzburg“ umbenannt. Am 1. April
1933 wurden, wie oben dargelegt, alle Politischen Abteilungen
im ganzen Land dem „Politischen Polizeikommandeur Bayerns“,
Himmler, unterstellt. Das Gesetz von 1937 bestätigte die
Veränderungen in der Polizeidirektion München und gab der
Münchener Gestapo das Recht, den übrigen Gestapostellen in Bayern Weisungen zu
erteilen, von ihnen Berichte entgegenzunehmen usw. Es machte auch die früheren
Politischen Abteilungen aller Polizeidirektionen zu selbständigen Behörden. So entstanden
vier (zentrale) Gestapostellen in Augsburg, Nürnberg­Fürth, Regensburg und Würzburg.
Diese regionalen Gestapostellen wurden sofort dem Geheimen Staatspolizeiamt in Berlin
direkt unterstellt, obwohl sie theoretisch auch dem jeweiligen Regierungspräsidenten
berichten sollten. Außerdem konnte die regionale Gestapo die reguläre Polizei, die
Bürgermeister, Stadtverwaltungen usw. als Hilfsorgane heranziehen. Für die Gestapo
wichtige Angelegenheiten, die den genannten Gruppen zur Kenntnis kamen, sollten an
diese weitergeleitet werden. Diese Berichte sind nicht zu verwechseln mit den „Meldungen
aus dem Reich“, in denen der SD Heydrichs die Stimmungslage der Bevölkerung festhielt
und an die höheren Dienststellen von Partei und Regierung verteilte.
Gestapo führte die
Deportationen der
Juden in die Lager
im Osten durch
Die Zusammenarbeit
zwischen der Gestapo
und den amtierenden
Staatsbehörden scheint
im großen und ganzen
gut funktioniert zu
haben, z. B. bei den
Maßnahmen gegen die
Juden und sogar bei
der Planung und
Durchführung der
Deportationen. Als
Himmler, Heydrich, Best und andere eine wirkliche Reichspolizei zu schaffen suchten, sollte
es im Aufbau der Politischen Polizei Bayerns und anderer deutscher Gaue weitere
Veränderungen geben, aber die Gestapo in Bayern behielt das 1937 errichtete System.
Parteifunktionäre arbeiteten in Rothenburg mit der Gestapo Hand in Hand
Alle Kreis­ und Ortspolizeistationen in Mainfranken unterstanden der Gestapo Würzburg,
die wiederum direkt der Gestapo Berlin unterstand. 1941 wurde die Würzburger Gestapo­
Stelle Filiale der Gestapoleitstelle Nürnberg­Fürth mit dem neuen Namen „Geheime
Staatspolizei, Staatspolizeidienststelle Nürnberg­Fürth Außendienststelle Würzburg“. Ihre
ehemaligen Filialen in Aschaffenburg und Schweinfurt wurden mit Ausnahme der Filiale in
Bamberg geschlossen. ZUständig für Rotheneburg udn ganz Mittelfranken war die Gestapo
in Nürnberg­Fürth, ab 1941 somit auch die Filiale Würzburg
Die Rothenburger Polizei sammelte Denunziationen und andere verdächtige
Wahrnehmungen und schickte diese zur Bearbeitung an die Gestapostelle Nürnberg bzw.
nach 1941 Würzburg, wo auch Anzeigen direkt von Rothenburger Bürgern eingingen.
Wenn also heute gesagt und geschrieben wird, dass beispielsweise die Gestapo die
Predigten des katholischen Pfarrers Wolfgang Müller in St. Johannis abgehört hatte, dies
auch in anderen Kirchen tat, dann kann man freilich davon ausgehen, dass es keine mit
Ledermäntel und Schlapphüten bekleidete Beamten der Gestapostelle Würzburg oder der
Gestapoleitstelle Nürnberg waren, sondern örtliche Polizeiwachtmeister,
Kriminalpolizisten, Stadtsekretäre oder sonstige Beamte, die im Dienst der Gestapo
standen und auch Bürger aus Überzeugung Spitzeldienste für die Gestapo leisteten. Auch
verlieh die Gestapo bei Bedarf Parteifunktionären polizeiliche Befugnisse wie dem
Rothenburger Obertruppführer Adolf Gast, der 1939 selbst sagte, dass er „eine höhere
Dienststellung“ im „Überwachungsdienst“ habe. Ebenso war NSDAP­Kreisleiter Erich
Höllfritsch Mitarbeiter der Gestapo und konnte als solcher Verhaftungen vornehmen.
Bekannt ist auch, dass der Rothenburger Friedrich Klenk 1936 wegen angeblicher
Beamtenbeleidigung sieben Monate ohne Verfahren in Schutzhaft saß. NSDAP­
Ortsgruppenführer Johann Strauß leitete das Verfahren ein. Ein Jahr später wurde auf
Anordnung der Gestapo allen ausländischen Landarbeitern im Bezirk Rothenburg die
Ausweise abgenommen, um sie besser überwachen zu können und die Abwanderung in
andere Arbeitsamtsbereiche zu verhindern, was als Verrat an Volk und Führer dargestellt
wurde. Untergebracht war die Gestapo in Nürnberg in der ehemaligen
Deutschhauskaserne an der Ludwigstraße. Im Krieg wurde das Gebäude beschädigt und
dann abgerissen. Im Neubau befindet sich heute das Polizeipräsidium.
Referate der Gestapo nur mit wenigen Beamten besetzt
Quellenmaterial aus verschiedenen Orten zeigt, dass normalerweise die wenigen Leute in
jeder Gestapostelle aus Beamten, Fernschreibern, technischen Hilfskräften, Angestellten,
Stenotypistinnen, Fahrern usw. bestanden. Diese waren in der Regel den verschiedenen
Abteilungen und Referaten zugeteilt, die mehr oder weniger dem sich immer wieder
ändernden Schema der Berliner Zentrale entsprachen. So hatte die Gestapo (Amt IV des
RSHA) sechs Abteilungen von A bis F: IV A war zuständig für „Gegner, Sabotage und
Schutzdienst”, IV B für „Politische Kirchen, Sekten und Juden“, IV C für „Personenkartei,
Schutzhaft, Presse und Partei“, IV D für „Großdeutsche Einflussgebiete“, IV E für
„Abwehr“, IV F für „Passwesen und Ausländerpolizei“. Diese Abteilungen waren jeweils
noch weiter unterteilt und spezialisiert.
Der Bereich des politischen Verhaltens, der in die Zuständigkeit der Gestapo fiel, war
umfassend und wuchs stetig. Das für Ostarbeiter und Polen zuständige Referat der
Düsseldorfer Gestapo hatte am 15. Juli 1943 zwölf besondere Unterabteilungen, die sich
mit allen möglichen Fragen von „Arbeitsverweigerung“ und „unerlaubtem Verlassen der
Arbeitsstelle“ bis zu „verbotenem Umgang und Geschlechtsverkehr“ befassten. Das
Referat „Wirtschaft“ zerfiel in acht Unterabteilungen. Für die Durchsetzung
wirtschaftlicher Verordnungen, die für die Dauer des Krieges erlassen wurden, war die
reguläre Polizei verantwortlich; dagegen sollte die Gestapo hinzugezogen werden, falls der
Täter eine „Persönlichkeit des öffentlichen Lebens“ war oder durch die Tat „in einem
großen Teil der Bevölkerung Beunruhigung hervorgerufen“ wurde.
Das Spitzelsystem der Gestapo
Es gibt wenig Material über das
Spitzelsystem der Gestapo, das nach
Meinung der Zeitgenossen so
umfassend war, dass seinem
wachsamen Auge fast nichts
verborgen blieb. In Wirklichkeit war
dieses System weit kleiner, als man
glaubte. Es gab verschiedene Arten
vertraulicher Informanten. Die
wichtigsten waren die V-Leute
(Vertrauens- oder Verbindungsleute):
häufig – aber nicht immer – bezahlt
wurden sie von den verschiedenen
„Referaten“ oder Sachbearbeitern in
den lokalen Gestapostellen angeworben; daneben gab es G­Leute (Gewährsleute), die im
allgemeinen gelegentlich Geschichten erzählten; schließlich gab es noch I­Leute
(Informationsleute, d. h. Informanten), die nicht zum eigentlichen System gehörten, aber
die öffentliche Stimmung beobachteten und der Polizei berichteten. Man weiß sehr wenig
über diese Leute – ihre Zahl, ihre Fluktuationsrate, ihre berufliche Tätigkeit und den
Beitrag, den sie zur Überwachung der Bevölkerung im Dritten Reich leisteten. Ein Ort in
Bayern, an dem man einiges Material zutage gefördert hat, ist die Gestapoleitstelle
Nürnberg, der die Würzburger Gestapo seit 1941 unmittelbar unterstand. Am 1.
September 1941 gab es in diesem Zentrum Mittelfrankens insgesamt 150 Gestapobeamte,
die für eine Bevölkerung von 2,77 Millionen Menschen (verteilt über 14.115
Quadratkilometer) zuständig waren. Dort gab es 1943/44 eine mit sechs Beamten besetzte
Spezialabteilung (IV N) für V­Leute, die über 80­100 „freie Mitarbeiter“ verfügte, die der
Gestapo regelmäßig Berichte lieferten, ihr jedoch offiziell nicht angehörten. Wahrscheinlich
sind die Zahlen für Nürnberg nicht so außergewöhnlich, denn die Zahl der V­Leute und der
Spezialgebiete, die eine Gestapostelle führen konnte, sowie die Höhe ihrer Vergütung und
sogar die Prüfung ihrer Zuverlässigkeit waren – wie die meisten anderen Angelegenheiten
der Gestapo – im ganzen Reich einheitlich geregelt.
Polizei neben der Gestapo
Zwischen der traditionellen Kriminalpolizei (Kripo) und der Gestapo bestand eine enge
Beziehung, denn „dem nationalsozialistischen Deutschland ist es selbstverständlich, dass
der Kampf gegen den politischen Staatsfeind und gegen den asozialen Verbrecher von einer
Hand geführt werden muss“ (Bernd Wehner: „Dem Täter auf der Spur. Die Geschichte der
deutschen Kriminalpolizei“, Bergisch Gladbach 1983). Die Kripo behielt neben der Gestapo
ihre eigene Identität, obgleich sich mit der Zeit eine Konvergenz entwickelte: Die Kripo
wurde der Gestapo immer ähnlicher und erhielt z. B. ebenfalls die Befugnis, „Schutzhaft“
zu verhängen, zumindest gegen „kriminelle“ Gruppen wie „Zigeuner“, „Arbeitsscheue“ und
so genannte „asoziale Elemente“.
Die Verfolgung von
Menschen, die gegen den
Buchstaben oder auch nur
den Geist des Gesetzes
verstießen, wurde seit
Kriegsbeginn forciert. Auf
Anweisung ihres
gemeinsamen Chefs
Heydrich im RSHA (der
Himmler direkt unterstellt
war) begannen Kripo und
Gestapo das „Stahlnetz“
über dem Land straffer zu
spannen. Abgesehen von
den ähnlichen Zielen gab es
auch eine personelle
Verbindung: Lokale
Gestapobeamte, besonders
die mittleren und unteren
Ränge, hatten früher der Kriminalpolizei angehört, und eine große Zahl von Gestapoleuten
war praktisch von der Kripo zur Geheimpolizei abkommandiert worden. Kripo und
Gestapo benutzten weiterhin herkömmliche Arten der Exekutive, wie Verhaftung, Verhör
und Beschlagnahme von Eigentum. Das unterschied beide vom SD, der als Organisation
der Partei zu diesen Maßnahmen nicht befugt war. Trotz dieser und anderer
Gemeinsamkeiten steht fest, dass die Gestapo im nationalsozialistischen Terrorsystem die
weit größere Rolle spielte – vor allem deshalb, weil sie nicht nur Verstöße gegen das
Strafrecht ahndete, sondern sich ausdrücklich für die Versuche des Regimes einsetzte,
Einstellungen und Verhaltensweisen zu verändern.
Gestapobeamte nach 1945 wieder im Polizeidienst
Bei Kriegsende gab es etwa 25.000 Gestapo­Mitarbeiter. Im Nürnberger Prozess von
1945/46 wurde die Gestapo zur verbrecherischen Organisation erklärt. „Die breite
Mehrheit der Gestapo­Beamten geriet in Haft“, sagt Historiker Stolle. Ihre
durchschnittliche Haftzeit habe drei Jahre betragen. Im Kalten Krieg wurden allerdings
viele Gestapo­Beamte in die neu geschaffenen Bundesbehörden aufgenommen. Ihr
zweifelhafter Sachverstand war wieder gefragt. Die erste Führungsspitze des
Bundeskriminalamtes bestand fast komplett aus ehemaligen Gestapo-Beamten und SS-
Führern. Auch andere Länder nehmen die Dienste der Ex­Gestapo­Mitarbeiter in
Anspruch. Für den britischen Geheimdienst arbeitete nach dem Krieg der Gestapo­Führer
Horst Kopkow, einst verantwortlich für die Ermittlungen gegen die Attentäter des 20. Juli
1944. Nach vier Jahren beim britischen Geheimdienst „MI6“ in London verschafften ihm
die Briten eine neue Identität in Deutschland. Der US­Geheimdienst beschäftigte den
„Schlächter von Lyon“, Klaus Barbie, der unter anderem den Résistance­Chef Jean Moulin
zwei Tage lang zu Tode gequält hatte. Aber auch in der DDR wurden verurteilte Gestapo­
Massenmörder als Informelle Mitarbeiter (IM) der Stasi angeworben.
Siehe auch den Artikel „Gestapo­ und SS­Leute arbeiteten als Beamte für den BND der
50er­ und 60er­Jahre. Bundeskanzler Konrad Adenauer billigte das höchstpersönlich“
in dieser Dokumentation.
________________________________________________________________
Quellen: Robert Gellately „Die Gestapo und die deutsche Gesellschaft. Die Durchsetzung der
Rassenpolitik 1933­1945“, 2. Aufl., Paderborn 1994. – Staatsarchiv Nbg. SpKA Rothenburg G15. – WDR
5 „ZeitZeichen“ vom 26. April 2013 (über Gestapo). – Auskunft Archivar Herbert Schott vom
Staatsarchiv Nürnberg (Mai 2014).
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← Würzburger Gestapochef Josef Gerum war der
grausamste. Er bewachte Hitler 1935 in Rothenburg und
versagte 1939 beim erfolglosen Attentat im
„Bürgerbräukeller“ München
Die Polizei, dein Freund und Massenmörder. Für die
Polizei gab es keine Stunde Null – sie konnte nach dem
Krieg nahezu bruchlos weiterarbeiten →
Dokument der Gestapostelle Nürnberg­Fürth 1938
Zelle in einem Gestapo­Gefängnis; Ort unbekannt
Gestapo und Schutzpolizei
im Einsatz
Die Gestapo begleitete die Todeszüge in den Osten in den Osten
Passierschein des Dinkelsbühler Gestapo­Beamten für die Zentrale in Berlin
Gestapo­Marke, Vorder­ und Rückseite
Telex der Gestapo in Sachen Schutzhaft eines Homosexuellen 1940
← Würzburger Gestapochef Josef Gerum war der
grausamste. Er bewachte Hitler 1935 in Rothenburg und
versagte 1939 beim erfolglosen Attentat im
„Bürgerbräukeller“ München
Die Polizei, dein Freund und Massenmörder. Für die
Polizei gab es keine Stunde Null – sie konnte nach dem
Krieg nahezu bruchlos weiterarbeiten →
Die Geheime Staatspolizei war an keinerlei Gesetze gebunden,
konnte verhaften, foltern und verschleppen. – Für Rothenburg
zuständig war die Gestapostelle Nürnberg­Fürth
Publiziert am 20. Januar 2014 von Wolf Stegemann
W. St. – Während der NS­Zeit glaubten viele Deutsche, an jeder Straßenecke stehe, in
jedem Gottesdienst sitze oder hinterm Gebüsch liege ein Agent der Gestapo. Dieser Glaube
blieb nicht auf die NS­Zeit beschränkt, sondern lebte – mehr oder weniger – in der
Bundesrepublik weiter und formte innerhalb wie außerhalb des heutigen Deutschland die
Vorstellungen über den nationalsozialistischen Polizeistaat und das Terrorregime, das den
Willen der Diktatur so hervorragend mit allen Mitteln durchzusetzen verstand. Die neue
Ordnung wurde teilweise durch Anwendung oder Androhung von brutaler Gewalt
errichtet, und sie war begleitet von zahllosen Gesetzen, Erlassen, Verordnungen oder
einfach Appellen und Aufrufen örtlicher Nationalsozialisten, die behaupteten, im Namen
Hitlers zu handeln (Robert Gellately in: „Die Gestapo und die deutsche Gesellschaft“).
Heinrich Himmler
übernahm die Polizei
„Im Jahr 1934 übergab mir dann
der damalige Ministerpräsident
Hermann Göring, unser
Reichsmarschall, in einer
unerhörten Großzügigkeit die
Geheime Staatspolizei
Preußens“, sagte Heinrich
Himmler später. Offiziell wurde
er 1936 zum Chef der gesamten
deutschen Polizei ernannt. Er
verzahnte SS und Polizei und
sorgte bei Hitler für freie Hand:
Per Gesetz wurde am 10.
Februar 1936 festgelegt, dass
sich die Gestapo an keinerlei
Gesetze halten muss. Was
immer sie tut, um Oppositionelle
auszuschalten oder die NS-
Rassenpolitik durchzusetzen,
alles war legal: Folter, Mord,
Verschleppung ins KZ. In
Paragraf sieben heißt es:
„Verfügungen und Anordnungen der Geheimen Staatspolizei unterliegen nicht der
Nachprüfung durch die Verwaltungsgerichte.“
Die lokale Organisation des Gestapo- und Polizeisystems
Nach der Erinnerung vieler, die einst im nationalsozialistischen Deutschland lebten,
beruhte die Effektivität der Gestapo und ihres Überwachungssystems auf dem großen
„Heer“ von Spitzeln und bezahlten Informanten, über das lokale Beamte verfügten. 1944
gab es im Deutschen Reich 31.374 Gestapo-Beamte, 12.792 Kriminalbeamte und 6.482 SD-
Leute. Demnach gab es im Reich am 1. Januar 1944 über 50.648 Sicherheitspolizisten
(Staatarchiv München). So fühlte sich der Bürger ständig von den Nationalsozialisten
beobachtet: in der Öffentlichkeit, am Arbeitsplatz und sogar in seinen eigenen vier
Wänden. Dieses Gefühl war jedoch keinesfalls auf die rein physische Gegenwart von
Gestapobeamten zurückzuführen. Die Mitgliederzahl der Gestapo war in Wirklichkeit
auffallend gering.
Ende 1944 bestand die Gestapo aus ungefähr 32.000 Leuten; davon waren etwa 3.000
Verwaltungsbeamte, 15.500 Vollzugsbeamte, 13.500 Angestellte und Arbeiter (darunter
9.000 so genannte Notdienstverpflichtete). Die „Verwaltungsbeamten“ besaßen die gleiche
Ausbildung wie andere Beamte und befassten sich mit Personalakten, Haushaltsfragen und
juristischen Problemen, die sich etwa aus dem Passgesetz ergaben. Den in der
„Führerschule“ besonders ausgebildeten „Vollzugsbeamten“ wurden ihre Aufgaben
entsprechend den verschiedenen Referaten, in die die Gestapo eingeteilt war, zugewiesen.
Diese Beamten hatten die eigentlichen Aufgaben der Gestapo, die gesetzlich niedergelegt
waren, auszuführen, obwohl auch ein Teil dieser Beamten nur mit reinen Büroarbeiten
beschäftigt war. Die Gestapo übernahm auch andere Organisationen und einen Teil ihres
Personals, zum Beispiel die Grenzpolizei.
Würzburger Gestapo war für Rothenburg zuständig
Nach Himmlers Erlass vom 15. Juli 1937 sollte die Gestapo in
Bayern künftig folgendermaßen organisiert sein: Es gab eine
Staatspolizeileitstelle, die für den Regierungsbezirk München­
Oberbayern zuständig war, und vier Staatspolizeistellen in den
Verwaltungszentren der vier übrigen Regierungsbezirke. In
Würzburg wurde 1929 die bisherige Dienststelle 9 in
„Staatspolizeiverwaltung Würzburg“ umbenannt. Am 1. April
1933 wurden, wie oben dargelegt, alle Politischen Abteilungen
im ganzen Land dem „Politischen Polizeikommandeur Bayerns“,
Himmler, unterstellt. Das Gesetz von 1937 bestätigte die
Veränderungen in der Polizeidirektion München und gab der
Münchener Gestapo das Recht, den übrigen Gestapostellen in Bayern Weisungen zu
erteilen, von ihnen Berichte entgegenzunehmen usw. Es machte auch die früheren
Politischen Abteilungen aller Polizeidirektionen zu selbständigen Behörden. So entstanden
vier (zentrale) Gestapostellen in Augsburg, Nürnberg­Fürth, Regensburg und Würzburg.
Diese regionalen Gestapostellen wurden sofort dem Geheimen Staatspolizeiamt in Berlin
direkt unterstellt, obwohl sie theoretisch auch dem jeweiligen Regierungspräsidenten
berichten sollten. Außerdem konnte die regionale Gestapo die reguläre Polizei, die
Bürgermeister, Stadtverwaltungen usw. als Hilfsorgane heranziehen. Für die Gestapo
wichtige Angelegenheiten, die den genannten Gruppen zur Kenntnis kamen, sollten an
diese weitergeleitet werden. Diese Berichte sind nicht zu verwechseln mit den „Meldungen
aus dem Reich“, in denen der SD Heydrichs die Stimmungslage der Bevölkerung festhielt
und an die höheren Dienststellen von Partei und Regierung verteilte.
Gestapo führte die
Deportationen der
Juden in die Lager
im Osten durch
Die Zusammenarbeit
zwischen der Gestapo
und den amtierenden
Staatsbehörden scheint
im großen und ganzen
gut funktioniert zu
haben, z. B. bei den
Maßnahmen gegen die
Juden und sogar bei
der Planung und
Durchführung der
Deportationen. Als
Himmler, Heydrich, Best und andere eine wirkliche Reichspolizei zu schaffen suchten, sollte
es im Aufbau der Politischen Polizei Bayerns und anderer deutscher Gaue weitere
Veränderungen geben, aber die Gestapo in Bayern behielt das 1937 errichtete System.
Parteifunktionäre arbeiteten in Rothenburg mit der Gestapo Hand in Hand
Alle Kreis­ und Ortspolizeistationen in Mainfranken unterstanden der Gestapo Würzburg,
die wiederum direkt der Gestapo Berlin unterstand. 1941 wurde die Würzburger Gestapo­
Stelle Filiale der Gestapoleitstelle Nürnberg­Fürth mit dem neuen Namen „Geheime
Staatspolizei, Staatspolizeidienststelle Nürnberg­Fürth Außendienststelle Würzburg“. Ihre
ehemaligen Filialen in Aschaffenburg und Schweinfurt wurden mit Ausnahme der Filiale in
Bamberg geschlossen. ZUständig für Rotheneburg udn ganz Mittelfranken war die Gestapo
in Nürnberg­Fürth, ab 1941 somit auch die Filiale Würzburg
Die Rothenburger Polizei sammelte Denunziationen und andere verdächtige
Wahrnehmungen und schickte diese zur Bearbeitung an die Gestapostelle Nürnberg bzw.
nach 1941 Würzburg, wo auch Anzeigen direkt von Rothenburger Bürgern eingingen.
Wenn also heute gesagt und geschrieben wird, dass beispielsweise die Gestapo die
Predigten des katholischen Pfarrers Wolfgang Müller in St. Johannis abgehört hatte, dies
auch in anderen Kirchen tat, dann kann man freilich davon ausgehen, dass es keine mit
Ledermäntel und Schlapphüten bekleidete Beamten der Gestapostelle Würzburg oder der
Gestapoleitstelle Nürnberg waren, sondern örtliche Polizeiwachtmeister,
Kriminalpolizisten, Stadtsekretäre oder sonstige Beamte, die im Dienst der Gestapo
standen und auch Bürger aus Überzeugung Spitzeldienste für die Gestapo leisteten. Auch
verlieh die Gestapo bei Bedarf Parteifunktionären polizeiliche Befugnisse wie dem
Rothenburger Obertruppführer Adolf Gast, der 1939 selbst sagte, dass er „eine höhere
Dienststellung“ im „Überwachungsdienst“ habe. Ebenso war NSDAP­Kreisleiter Erich
Höllfritsch Mitarbeiter der Gestapo und konnte als solcher Verhaftungen vornehmen.
Bekannt ist auch, dass der Rothenburger Friedrich Klenk 1936 wegen angeblicher
Beamtenbeleidigung sieben Monate ohne Verfahren in Schutzhaft saß. NSDAP­
Ortsgruppenführer Johann Strauß leitete das Verfahren ein. Ein Jahr später wurde auf
Anordnung der Gestapo allen ausländischen Landarbeitern im Bezirk Rothenburg die
Ausweise abgenommen, um sie besser überwachen zu können und die Abwanderung in
andere Arbeitsamtsbereiche zu verhindern, was als Verrat an Volk und Führer dargestellt
wurde. Untergebracht war die Gestapo in Nürnberg in der ehemaligen
Deutschhauskaserne an der Ludwigstraße. Im Krieg wurde das Gebäude beschädigt und
dann abgerissen. Im Neubau befindet sich heute das Polizeipräsidium.
Referate der Gestapo nur mit wenigen Beamten besetzt
Quellenmaterial aus verschiedenen Orten zeigt, dass normalerweise die wenigen Leute in
jeder Gestapostelle aus Beamten, Fernschreibern, technischen Hilfskräften, Angestellten,
Stenotypistinnen, Fahrern usw. bestanden. Diese waren in der Regel den verschiedenen
Abteilungen und Referaten zugeteilt, die mehr oder weniger dem sich immer wieder
ändernden Schema der Berliner Zentrale entsprachen. So hatte die Gestapo (Amt IV des
RSHA) sechs Abteilungen von A bis F: IV A war zuständig für „Gegner, Sabotage und
Schutzdienst”, IV B für „Politische Kirchen, Sekten und Juden“, IV C für „Personenkartei,
Schutzhaft, Presse und Partei“, IV D für „Großdeutsche Einflussgebiete“, IV E für
„Abwehr“, IV F für „Passwesen und Ausländerpolizei“. Diese Abteilungen waren jeweils
noch weiter unterteilt und spezialisiert.
Der Bereich des politischen Verhaltens, der in die Zuständigkeit der Gestapo fiel, war
umfassend und wuchs stetig. Das für Ostarbeiter und Polen zuständige Referat der
Düsseldorfer Gestapo hatte am 15. Juli 1943 zwölf besondere Unterabteilungen, die sich
mit allen möglichen Fragen von „Arbeitsverweigerung“ und „unerlaubtem Verlassen der
Arbeitsstelle“ bis zu „verbotenem Umgang und Geschlechtsverkehr“ befassten. Das
Referat „Wirtschaft“ zerfiel in acht Unterabteilungen. Für die Durchsetzung
wirtschaftlicher Verordnungen, die für die Dauer des Krieges erlassen wurden, war die
reguläre Polizei verantwortlich; dagegen sollte die Gestapo hinzugezogen werden, falls der
Täter eine „Persönlichkeit des öffentlichen Lebens“ war oder durch die Tat „in einem
großen Teil der Bevölkerung Beunruhigung hervorgerufen“ wurde.
Das Spitzelsystem der Gestapo
Es gibt wenig Material über das
Spitzelsystem der Gestapo, das nach
Meinung der Zeitgenossen so
umfassend war, dass seinem
wachsamen Auge fast nichts
verborgen blieb. In Wirklichkeit war
dieses System weit kleiner, als man
glaubte. Es gab verschiedene Arten
vertraulicher Informanten. Die
wichtigsten waren die V-Leute
(Vertrauens- oder Verbindungsleute):
häufig – aber nicht immer – bezahlt
wurden sie von den verschiedenen
„Referaten“ oder Sachbearbeitern in
den lokalen Gestapostellen angeworben; daneben gab es G­Leute (Gewährsleute), die im
allgemeinen gelegentlich Geschichten erzählten; schließlich gab es noch I­Leute
(Informationsleute, d. h. Informanten), die nicht zum eigentlichen System gehörten, aber
die öffentliche Stimmung beobachteten und der Polizei berichteten. Man weiß sehr wenig
über diese Leute – ihre Zahl, ihre Fluktuationsrate, ihre berufliche Tätigkeit und den
Beitrag, den sie zur Überwachung der Bevölkerung im Dritten Reich leisteten. Ein Ort in
Bayern, an dem man einiges Material zutage gefördert hat, ist die Gestapoleitstelle
Nürnberg, der die Würzburger Gestapo seit 1941 unmittelbar unterstand. Am 1.
September 1941 gab es in diesem Zentrum Mittelfrankens insgesamt 150 Gestapobeamte,
die für eine Bevölkerung von 2,77 Millionen Menschen (verteilt über 14.115
Quadratkilometer) zuständig waren. Dort gab es 1943/44 eine mit sechs Beamten besetzte
Spezialabteilung (IV N) für V­Leute, die über 80­100 „freie Mitarbeiter“ verfügte, die der
Gestapo regelmäßig Berichte lieferten, ihr jedoch offiziell nicht angehörten. Wahrscheinlich
sind die Zahlen für Nürnberg nicht so außergewöhnlich, denn die Zahl der V­Leute und der
Spezialgebiete, die eine Gestapostelle führen konnte, sowie die Höhe ihrer Vergütung und
sogar die Prüfung ihrer Zuverlässigkeit waren – wie die meisten anderen Angelegenheiten
der Gestapo – im ganzen Reich einheitlich geregelt.
Polizei neben der Gestapo
Zwischen der traditionellen Kriminalpolizei (Kripo) und der Gestapo bestand eine enge
Beziehung, denn „dem nationalsozialistischen Deutschland ist es selbstverständlich, dass
der Kampf gegen den politischen Staatsfeind und gegen den asozialen Verbrecher von einer
Hand geführt werden muss“ (Bernd Wehner: „Dem Täter auf der Spur. Die Geschichte der
deutschen Kriminalpolizei“, Bergisch Gladbach 1983). Die Kripo behielt neben der Gestapo
ihre eigene Identität, obgleich sich mit der Zeit eine Konvergenz entwickelte: Die Kripo
wurde der Gestapo immer ähnlicher und erhielt z. B. ebenfalls die Befugnis, „Schutzhaft“
zu verhängen, zumindest gegen „kriminelle“ Gruppen wie „Zigeuner“, „Arbeitsscheue“ und
so genannte „asoziale Elemente“.
Die Verfolgung von
Menschen, die gegen den
Buchstaben oder auch nur
den Geist des Gesetzes
verstießen, wurde seit
Kriegsbeginn forciert. Auf
Anweisung ihres
gemeinsamen Chefs
Heydrich im RSHA (der
Himmler direkt unterstellt
war) begannen Kripo und
Gestapo das „Stahlnetz“
über dem Land straffer zu
spannen. Abgesehen von
den ähnlichen Zielen gab es
auch eine personelle
Verbindung: Lokale
Gestapobeamte, besonders
die mittleren und unteren
Ränge, hatten früher der Kriminalpolizei angehört, und eine große Zahl von Gestapoleuten
war praktisch von der Kripo zur Geheimpolizei abkommandiert worden. Kripo und
Gestapo benutzten weiterhin herkömmliche Arten der Exekutive, wie Verhaftung, Verhör
und Beschlagnahme von Eigentum. Das unterschied beide vom SD, der als Organisation
der Partei zu diesen Maßnahmen nicht befugt war. Trotz dieser und anderer
Gemeinsamkeiten steht fest, dass die Gestapo im nationalsozialistischen Terrorsystem die
weit größere Rolle spielte – vor allem deshalb, weil sie nicht nur Verstöße gegen das
Strafrecht ahndete, sondern sich ausdrücklich für die Versuche des Regimes einsetzte,
Einstellungen und Verhaltensweisen zu verändern.
Gestapobeamte nach 1945 wieder im Polizeidienst
Bei Kriegsende gab es etwa 25.000 Gestapo­Mitarbeiter. Im Nürnberger Prozess von
1945/46 wurde die Gestapo zur verbrecherischen Organisation erklärt. „Die breite
Mehrheit der Gestapo­Beamten geriet in Haft“, sagt Historiker Stolle. Ihre
durchschnittliche Haftzeit habe drei Jahre betragen. Im Kalten Krieg wurden allerdings
viele Gestapo­Beamte in die neu geschaffenen Bundesbehörden aufgenommen. Ihr
zweifelhafter Sachverstand war wieder gefragt. Die erste Führungsspitze des
Bundeskriminalamtes bestand fast komplett aus ehemaligen Gestapo-Beamten und SS-
Führern. Auch andere Länder nehmen die Dienste der Ex­Gestapo­Mitarbeiter in
Anspruch. Für den britischen Geheimdienst arbeitete nach dem Krieg der Gestapo­Führer
Horst Kopkow, einst verantwortlich für die Ermittlungen gegen die Attentäter des 20. Juli
1944. Nach vier Jahren beim britischen Geheimdienst „MI6“ in London verschafften ihm
die Briten eine neue Identität in Deutschland. Der US­Geheimdienst beschäftigte den
„Schlächter von Lyon“, Klaus Barbie, der unter anderem den Résistance­Chef Jean Moulin
zwei Tage lang zu Tode gequält hatte. Aber auch in der DDR wurden verurteilte Gestapo­
Massenmörder als Informelle Mitarbeiter (IM) der Stasi angeworben.
Siehe auch den Artikel „Gestapo­ und SS­Leute arbeiteten als Beamte für den BND der
50er­ und 60er­Jahre. Bundeskanzler Konrad Adenauer billigte das höchstpersönlich“
in dieser Dokumentation.
________________________________________________________________
Quellen: Robert Gellately „Die Gestapo und die deutsche Gesellschaft. Die Durchsetzung der
Rassenpolitik 1933­1945“, 2. Aufl., Paderborn 1994. – Staatsarchiv Nbg. SpKA Rothenburg G15. – WDR
5 „ZeitZeichen“ vom 26. April 2013 (über Gestapo). – Auskunft Archivar Herbert Schott vom
Staatsarchiv Nürnberg (Mai 2014).
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