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Jazz Corner / 06.04.2008 / 19.

05 h

Titel 1: Jim Hall / Bob Brookmeyer – Skating in Central Park (ca. 4.25)

Mit einer bewundernswert feinsinnigen Einspielung aus dem Jahre 1979


begann die heutige Jazz Corner Ausgabe, zu der ich Sie, meine sehr geehrten
Hörerinnen und Hörer, wie immer recht herzlich begrüße. Damals trafen beim North
Sea Jazz Festival in Den Haag der Gitarrist Jim Hall und der Posaunist Bob
Brookmeyer aufeinander. Es ist faszinierend zu hören, wie sich die Beiden
umspielen, sich immer wieder die improvisatorischen Bälle zuwerfen und ihre
gemeinsame Reise durch subtile Klangwelten mit überraschenden Wendungen
schmücken. Kurzweilige 70 Minuten zeigen Hall und Broockmeyer auf der bei
Challenge erschienenen CD „Live at the North Sea Jazz Festival 1979“ Duo-
Virtuositäten in Vollendung.
Auch die folgende CD des Schlagzeugers Bill Stewart ist ziemlich
ungewöhnlich, zumindest, was die eher unübliche Instrumentierung mit Schlagzeug,
Piano und Hammond-Orgel angeht. „Incandescene“ heißt die CD, was übersetzt
soviel wie „Weißglut“ oder auch „glühen“ bedeutet. Und zum Glühen bringt das Trio
den CD-Player mit Sicherheit. Mal kraftvoll mit leichten Funk-Attitüden, mal sanft,
jedoch immer mit dem gewissen Etwas, einem eklatant treibenden Schlagzeug und
der pulsierenden Hammond über elegischen Pianoklängen, so präsentiert sich Bill
Stewart als einer der interessantesten Schlagzeuger, der die Fähigkeiten eines
Leaders problemlos mitbringt.
Überzeugen können Sie sich selbst im folgenden „Opening portals“ vom
Potential des Trios, dem neben Bill Stewart noch der Pianist Kevin Hays und
Organist Larry Goldings angehören. Erschienen ist „Incandescene“ beim Münchener
Label Pirouet.

Titel 4: Stewart – Opening portals (4.50)


Titel 1: Loren Stillman – Blind date (4.55)

Auch diese CD ist bei Pirouet erschienen: „Blind date“ heißt sie wie das eben
gehörte Titelstück, und ist von dem amerikanischen Altsaxophonisten Loren Stillman.
Dieser gerade einmal 28-jährige Youngster ist ein ungemein kreativer Kopf, wie man
schon auf seiner 2001 bei Nagel Heyer erschienenen CD „How sweet it is“ erahnen
konnte. Bereits mit 7 Jahren griff Loren zum ersten Mal zum Saxophon, inspiriert
durch seinen Onkel, den Saxophonisten Mike Stillman, und der Plattensammlung
seines Vaters. Dort fanden sich Größen wie Cannonball Adderley, John Coltrane
oder Miles Davis, die bei dem jungen Loren den Wunsch weckten, ebenso spielen
und improvisieren zu können. Nach einer klassischen Ausbildung leitete er mit
gerade einmal 16 Jahren seine erste eigene Gruppe und spielte eine CD ein. Es
folgten weitere Aufnahmen und Tourneen durch die USA, Japan und Europa. Mit
„Blind date“ ist ihm und seinem Quartett, bestehend aus dem Pianisten Gary
Versace, Bassist Drew Gress und Schlagzeuger Joey Baron, ein weiterer großer
Wurf gelungen. Entstanden ist eine CD voller unorthodoxer Klänge und
überraschender Details. So kippen einige Stücke aus ihrer stringenten Balance
schon mal in den Abgrund wilder Tonkaskaden, oder sie setzen rhythmisch ganz
besondere Akzente, wie das folgende „Major“ beweist.

Titel 7: Loren Stillman – Major (4.20)

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Soweit Loren Stillman von seiner CD „Blind date“. Sie hören die Jazz Corner
auf den Wellen von Radio Ostfriesland. Hier im Programm folgt nun ein
Konzertbericht über den amerikanischen Saxophonisten Dave Liebman, der am
vergangenen Sonntag im Leeraner Kulturspeicher zu Gast war.

Titel 6: Dave Liebman – Where is the one? (ca. 2.30)

Bericht:
„Lieb plays Wilder“; mit dieser durchaus doppeldeutigen Aussage widmete
sich der Saxophonist Dave Liebman 2003 dem kompositorischen Werk Alec Wilders.
In Leer nun erweiterte der Saxophonist, der mit den niederländischen Musikern
Marius Beets, Bass, und Eric Ineke, Schlagzeug, angereist war, das Repertoire auf
„Lieb plays Wilder and Weill“ um Kompositionen eben von Kurt Weill.
Und da sage noch einer, dass Jazzkonzerte mit dem Repertoire dieser beiden
Komponisten langweilig und angestaubt wirken würden. Weit gefehlt. Bereits im
ersten Stück blies der Saxophonist jeglichen Staub aus den Holzfugen des Leeraner
Kulturspeichers. Trotz offensichtlicher gesundheitlicher Probleme ließ Dave Liebman
keinen Zweifel an seiner Bedeutung im zeitgenössischen modernen Jazz
aufkommen. Da pumpte, röhrte, knatterte es aus Tenor- und Sopransaxophon, dass
das Zuhören eine reine Freude war. Immer wieder verließ der Saxophonist die Linien
der Kompositionen, um sich, lautstark angefeuert von Schlagzeuger Eric Ineke, in
offenere, sprich freiere Gewässer zu begeben. Und das man auch nach Sonny
Rollins noch eine gelungene Version des Moritats um Mackie Messer einspielen
kann, bewies das Trio ebenfalls.
Nachdem vor der Pause hauptsächlich die Werke von Kurt Weill im
Vordergrund standen, gab es im zweiten Set dann endlich Alec Wilder
Kompositionen zu hören, unter anderem auch das hier als Hintergrundmusik
verwendete „Where is the one?“. Und auch hier ging das Trio mit einer Intensität ans
Werk, die manchem der zahlreichen Zuhörer vor Staunen den Mund offen stehen
ließ. Eric Ineke, wild wie selten, zerstörte sogar im Übereifer das Trommelfell seiner
Snare, was für ihn zu einer kleinen Zwangspause und für die Besucher zu einer
kleinen Erholung wurde. Im Duo erklang das schöne „Moon and Sand“ mit
gelungenem Basssolo von Marius Beets. Gegen Ende des Konzertes kam es dann
gar zu einer Battle zwischen Saxophon und Schlagzeug, welches frisch repariert
dem Ansturm Eric Inekes überstand. Liebman schenkte dem Schlagzeuger nichts
und verausgabte sich wie ein Spitzensportler.
Fazit: Auch mit diesem Konzert bewies das Team um Veranstalter Wilfried
Berghaus wieder einmal sein glückliches Händchen für eine gelungene
Konzertveranstaltung. Nur weiter so, dann hat der Staub auch in Zukunft im Speicher
keine Chance.

Soweit ein Konzertbericht über das Dave Liebman Trio im Kulturspeicher in


Leer vom letzten Sonntag. Natürlich gibt es auch noch ein bisschen Musik von Dave
Liebman aus dem Album „Lieb plays Wilder“, und zwar das blueslastige „Trouble is a
man“, welches in Leer leider nicht zu hören war.

Titel 3: Dave Liebman – Trouble is a man (4.45)


Titel 6: H2S2 – Down town (5.15)

Von Dave Liebman in die Alpen. Das war soeben das Quartett H2S2 aus der
Schweiz. Auf ihrer CD „Dance in town“ servieren sie einen frischen, modernen Jazz,

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der die Ausflüge in freie Gefilde nicht scheut, ohne jedoch allzu lärmig daher zu
kommen. „Down town“ war der Titel, und erschienen ist die CD bei Meta Records.
Auch die nächste Band kommt aus der Schweiz. Das Trio Tré machte 2005
bei seinem Debüt in der Reihe Jazzthing / Next generation auf sich aufmerksam.
Damals gefiel mir persönlich der in kurzen und ultrakurzen Häppchen gespielte Stop-
and-go Jazz in der ungewöhnlichen Besetzung mit Schlagzeug, Posaune und
Tenorsaxophon sehr gut. Nun, auf der neuen CD „Karpfen in Wilhelmsdorf“ hat sich
diese Idee ein bisschen überlebt. 23 Titel in 40 Minuten langweilen einfach, weil
erstens kein Spielfluss aufkommt, und zweitens die Stücke ohne Bedeutung bleiben.
Hier wäre eine Weiterentwicklung dieses Konzeptes dringend angeraten.
Auch von dieser, bei Double Moon erschienenen CD gibt es mit „Bill“ eine in
diesem Falle wirklich kurze Hörprobe.

Titel 1: Tré – Bill (2.25)


Titel 13: Gianluca Petrella – Low tide (5.25)

Das war der italienische Posaunist Gianluca Petrella mit seiner Indigo 4, hier
unter anderem unterstützt von dem Sänger John deLeo. Auf „Kaleido“ präsentiert er
nach traurigem Beginn, an dem der Jazz zu Grabe getragen wird, einen frechen Mix
aus Free Jazz und Elektronik, schwankend zwischen Spaß und Ernst. An vielen
Stellen schimmert unterschwellig der Humor von Lester Bowie hervor. Wild,
manchmal ungezähmt ist „Kaleido“, auch wenn das eben gehörte „Low tide“ mal ein
bisschen ruhiger ausfällt.
Erschienen ist die CD bei Blue Note, genau wie auch der folgende Silberling
von Gonzalo Rubalcaba. „Avatar“ ist das mittlerweile 13. Album des Pianisten für das
Label. Dabei zeigt der 44-jährige Rubalcaba aber immer noch keine
Ermüdungserscheinungen. Und das aus seinen ursprünglich geplanten Aufnahmen
mit einer Trioformation und Standardthemen nun ein neues Quintett mit überwiegend
Eigenkompositionen geworden ist, macht „Avatar“ nur interessanter. Neben dem
tänzerisch leichten „This is it“ finden sich sehr groove-orientierte Titel ebenso auf der
CD wie auch das klassische „Preludio Corto No.2“. Kindlich verspielt ist der Titel
„Infantil“, den Rubalcaba seinem Freund, dem Gitarristen John McLaughlin gewidmet
hat, und den können Sie jetzt hier in der Jazz Corner bei Radio Ostfriesland hören.

Titel 6: Gonzalo Rubalcaba – Infantil (6.55)

Die Zeit ist der ewige Gegner des Moderatoren. Knapp 1 Stunde Jazz Corner
neigt sich dem Ende zu. Ich hoffe, die Sendung hat Ihnen gefallen, und wenn Sie
möchten, dann schreiben Sie mir doch einmal unter der E-Mail Adresse
jazzcorner@web.de. Wenn Sie mögen, dann hören wir uns in 14 Tagen wieder,
dann unter anderem mit dieser Dame hier, der Sängerin Dianne Reeves, die im
Interview ihr vorgestern erschienenes neues Album vorstellen wird. Mit ein paar
Takten daraus verabschiedet sich am Mikrofon Ihr ...

Titel 1: Dianne Reeves – Just my imagination

Hermann Mennenga

Radio Ostfriesland
Jazz Corner
An der Berufsschule 3
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