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MONTAG, 7.

JULI 2003 MEDIEN aktuell 7

Das Pentagon und die Presse~


1 R A K K R 1 EG Das militärische Medienmanagement der USA zielte auf maximale Kooperation. Teil 1.

von THOMAS Rrn

„Eingebettet“.~ Chris TQrnlinson (r.) von „Associated Press“ verpflegt zusammen mit Soldaten des 7 Infanterieregimentes in der irakischen Wüste.

D
je Berichterstattung im haben die USA den Vietnamkrieg Smith, Medienkorrespondent der ten“ zu erzielen. Ziel müsse es
Irakkrieg, so scheint es, jedoch verloren. bekannten Nachrichtensendung‘ sein, als militärische Quelle
war eine ,‚Win-Win-Situa- Nach Vietnam setzte sich in News Hour des Senders PBS, glaubwürdig zu sein und deshalb
tion“, ein Positivsummenspiel. Militärkreisen daher die Lesart spricht von dem ‚,innovativsten. bevorzugt zu werden. Erst dann
Beide, das Militär und die vom „medialen Dolchstoj3“ durch. Aspekt der Berichterstattung des hätten Presseoffiziere eine
Medien, haben einen bedeuten- Die eigenen Medien hätten die zweiten Golfkrieges“. Chance, Einfluss auf die Bericht-
den Nutzen aus ihrer engen eigene Offentlichkeit gegen das Die PR-Strategen im Pentagon erstattung zu nehmen.
Zusammenarbeit gezogen. Beide Militär aufgebracht, weswegen zielten daher darauf ab, die vor- Ein wichtiges Element dieser
gingen dabei jedoch auch ein man nicht in der Lage gewesen herrschende konfrontative Hal- Politik ist die Initiative: „Die
beträchtliches Risiko ein. sei, einen militärischen Sieg zu tung zwischen Medien und Mili- Informationsinitiative in einem
Der Irakkrieg war ein Medien- erzwingen. Der Krieg sei an der tär durch enge Kooperation zu Konflikt zu erlangen und zu
krieg. Uber Wochen beherrschte Heimatfront verloren worden. ersetzen. Gerade weil das Militär erhalten kann eine mächtige
das Ereignis die Medien in aller Ergebnis war eine restriktive angesichts der frei erhältlichen Waffe sein“. Der Erste, der Infor-
Welt. Einige Journalisten berich- Informationspolitik in allen fol- Kommunikationstechnologien, mationen herausbringe, belehrt
teten „frei“ aus dem bombardier- genden militärischen Einsätzen. wie etwa Mobiltelefone oder das die neueste Doktrin zur Infornia-
ten Bagdad. Andere Reporter Erst mit der Operation ,‚Iraqi Internet, immer weniger Kon- tionskri~gführung der Air Force,
waren bei vorrückenden US-Ein- Freedom“ änderte sich das Ver- trolle über die Informationen setzt den Kontext und bestimmt
heiten „eingebettet“, und berich- hältnis zwischen Militär und habe, welche die Medien der die Richtung der öffentlichen
teten aus der Perspektive de~ Sol- Medi&n grundlege4. Die vor Offentlichkeit präsentieren, Debatte. Daher sei es „extrem
daten. allem unter dem Schlagwort „Em- müsse auf beiden Seiten eine wichtig, vollständige und, wahr-
Allenfalls während des Viet- bedding“ bekannt gewordene Atmosphäre der Kooperation heitsgemäße Information als
namkriegs konnten Journalisten Medienarbeit des Pentagons war geschaffen werden. Erster zur Verfügung zu stellen“.
so offen vom Kampfgeschehen das Ergebnis einer „außerordent- Die neue Doktrin zu „Urban Dies treffe besonders auf Infor-
Bericht erstatten und das Gesche- lichen Evolution“, wie sich des- Operations“ fordert explizit, mationen über eigene Fehler zu.
hen ungehindert in Bildern fest- sen damalige Sprecherin Victoria „maximale Kooperation zwischen Teil 2 folgt in der kommenden
halten - anders als den Irakkrie2 Glarke ausdrückte. Terence den Medien und den Streitkräf- Auszabe.
MONTAG, 14. JULI 2003 MEDIEN aktuell 7

Das Pentagon und die Presse


1 i~ A 1< K R 1 E G Das militärische Medienmanagement der USA zielte auf maximale Kooperation. Teil 2 und Schluss.
von THOMAS RID

D
er beabsichtigte militäri-
sche Nutzen dieses Vorge-
hens war eine truppen-
nahe und den Krieg grundsätz-
lich unterstützende Berichterstat-
tung in den amerikanischen
Medi~ri, um damit eine stabile
öffentliche Meinung an der „Hei-
matfront“ herzustellen. Clarke
kommentierte die militärische
Medienarbeit jüngst im Broo-
kings Institute: „Wir wussten, je
mehr Leute das US-Militär sehen
würden, desto mehr würden sie
die Mission verstehen.“ Journalis-
ten seien glaubwürdiger als offi-
zielle Sprecher. Hätte Donald
Rumsfeld etwa in einem Briefing
behauptet, dass irakische Solda-
ten in ziviler Kleidung kämpfen,
hätten ihm viele Leute wohl
nicht geglaubt. Diese Nachricht
sei aber von „hunderten von
glaubwürdigen und unabhängi-
gen Journalisten“ verbreitet wor-
den. „Wir wussten“, erläuterte
1
Clarke weiter, „dass dies ein sehr
Nahe der StadtAd Diwaniyah im Zentral-Irak: FotografRobert Nickelsberg vom „Time --
effektives Werkzeug sein würde“.
Laptop mit einer Kampfiacke vor der Sonhe, während er Bilder per Satellitentelefon in die Heimat übermittelt.
Dabei fühlen sich die meisten
Journalisten nicht einmal instru-
mentalisiert. Für die Medien be- „ihren“ Einheiten zusammen Militärs ist im Irak nicht einge- gemacht“. Nicht nur irakische
stand der Nutzen in einem besse- essen, schlafen, beschossen und treten. Angesichts der asymmet- Generale, sondern auch zukünf-
ren Zugang zum Feld und zum verletzt werden, ist das Risiko rischen militärischen Uberlegen- tige Gegner schauten CNN. Die
Kampfgeschehen. Etwa 700 Jour- besonders groß, vom objektiven heit der USA hat das Pentagon Berichterstattung diene daher
nalisten waren eingebettet. Von Beobachter zum parteiischen die Medien im Gegenteil sogar auch dem Zweck, die militärische
keinem Krieg zuvor gab es derart Teilnehmer zu werden. „Es gab als Machtverstärker (force multi- Führung des Gegners einzu-
aufregende Bilder und spektaku- eine Art Stockholm-Syndrom“, plier) genutzt - und damit gewis- schüchtern und zu erschrecken -
läre Geschichten, etwa die Befrei- gibt Franken zu, der bei den sermaßen als Waffe verwendet. gewissermaßen als mediale Di-
ung von Jessica Lynch. Terence Mannes eingebettet war. Unter Major John G. Roos führte mension von Shock and Awe.
Smith spricht von „einer Art inti- diesem Syndrom wird jene emo- nach dem Krieg im Armed Forces Sowohl das Pentagon als auch
men, unmittelbaren, absorbieren- tionale Bindung verstanden, wel- Journal aus: „Das Pentagon beab- die US-Presse haben in diesem
den, fast süchtig machenden che Entführungsopfer zu ihren sichtigte mit der Entscheidung, Positivsummenspiel gewonnen.
Berichterstattung“. Der für CNN Entführern entwickeln, ange- Teile der Medien in wichtige Die Medien bekamen attraktive
eingebettete Reporter Bob Fran- lehnt an den Fall einer Geisel- Kampfeinheiten einzubetten, Geschichten, das Militär konnte
ken drückt „große Anerkennung“ nahme in einer Bank in Schwe- einen Sturm von Bildern und die öffentliche Meinung an der
aus, die „Tone“ Clarke und das den 1973. Berichten mit einer eindeutigen Heimatfront sichern und gleich-
Pentagon dafür verdienen, dass Das militärische Risiko des Botschaft zu entfachen: Terroris- zeitig seine Schlagkraft dem Geg-
die Möglichkeit der Berichterstat- Einbettens von Journalisten war ten und jene, die sie unterstüt- ner vorführen. Für die Medien
tung „immens verbessert“ wurde. ebenfalls beträchtlich. Wäre der zen, haben keinen sicheren war das Dilemma dabei jedoch,
Das Einbetten barg jedoch ein Irakkrieg ein langer, verlustrei- Unterschlupf.“ Lucian Truscott‘ dass dieses Spiel kein freiwilliges.
journalistisches Risiko. Verschie- cher und sehr grausamer Krieg Absolvent der US-Militärakade- war: entweder die Journalisten
dene Kritiker machten auf die geworden, hätte er ebenfalls an mie .West Point, spitzte dies in beugten sich den Regeln oder sie
Gefahr aufmerksam, Reporter der Heimatfront verloren werden der New York Timos zu, indem er verloren den Zugang und damit
könnten ihrer „Quelle zu nähe können. Ein erneuter medialer schrieb, die Administration habe die Möglichkeit, über den Krieg
kommen“. Wenn Journalisten mit Dolchstoß in den Rücken des US- „die Medien zu einer Kriegswaffe zu berichten.