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24 CHORPRAXIS SEPTEMBER 2010 NEUE CHORZEIT

Foto: Martin Gemeinhardt

Über allen Wipfeln ist Schütz


Porträt des Heinrich-Schütz-Ensembles aus Vornbach im Bayerischen Wald

„Wo, bitteschön, liegt Vorn- er seit alters her, vor allem Komponist, der mich am musik und Musikpädagogik in
bach?“ Nicht nur die Teilneh- durch das dortige Benedikti- meisten beschäftigt hat, über Regensburg nach, nachdem er
mer des Internationalen nerkloster und den Besitz ei- den ich am meisten selber ge- schon 10 Jahre im Beruf stand
Chorwettbewerbs im irischen ner wunderbaren Barockorgel forscht und gearbeitet habe und vielfältig als Chorleiter ge-
Cork Anfang Mai brauchten aus der Passauer Orgelbau- und zu dem ich auch die arbeitet hatte.
Geographie-Nachhilfeunter- schule. stärkste Affinität gespürt ha-
richt, um die Heimat des dies- So abgelegen der Ort Vorn- be, weil ich eben in dieser Mu- Von 12 auf 200
jährigen 1. Preisträgers zu lo- bach ist, so überraschend kam sik eine ganz starke Wurzel in 15 Jahren
kalisieren. Auch die meisten auch der Erfolg dieses Chores für die spätere europäische
deutschen Chorbegeisterten beim Wettbewerb in Irland, Chormusik gesehen habe“. In seinem Wohnort Vornbach
hierzulande sind da wohl wie Pressesprecherin Veroni- Nach wie vor leitet Martin verfolgte Martin Steidler mu-
überfordert. Also: Das Hein- ka Ott erzählt: „Das war abso- Steidler das Heinrich-Schütz- sikalisch zunächst etwas ganz
rich-Schütz-Ensemble Vorn- lut unglaublich. Wir hatten Ensemble Vornbach, das in Persönliches: „Am Anfang
bach gründete sich im Jahr damit nie gerechnet.“ Vor al- kleiner Besetzung begann und hatte ich eigentlich gar kei-
1993 in jenem niederbayeri- lem die letzten Tage und Wo- sich zunächst ausschließlich nen Chor im Sinn, sondern
schen Grenzort Vornbach, der chen vor dem Wettbewerb auf die Alte Musik konzentrier- wollte selbst ein neues Pro-
zur Gemeinde Neuhaus am hat sie als intensive Erfahrung te. Fruchtbare „Umwege“ ste- jekt als Sänger machen.“
Inn zählt und 1977 Bundes- erlebt: „Was sich da noch alles hen dabei am Beginn der Nach einem Jahr bereits hatte
sieger im Wettbewerb „Unser getan hat, was sich gesteigert Chorgründung des Heinrich- sich im Wohnort Vornbach
Dorf soll schöner werden“ hat, was an Qualität heraus- Schütz-Ensembles Vornbach. ein Kreis passionierter Sänge-
wurde. Zum Landkreis Passau kam, an Gruppendynamik, Martin Steidler hatte zunächst rinnen und Sänger gebildet.
gehörig, liegt dieser Ort direkt wie man sich zusammenge- nach seiner Passauer Schulzeit Ehemalige Schulfreunde aus
an der österreichischen Gren- rauft hat – das ist eine Erfah- in Wien nicht etwa Chorlei- Passau kamen hinzu: „Wir fin-
ze. Kultureller Schauplatz ist rung, die ich kaum beschrei- tung, sondern Klavier studiert, gen dann tatsächlich mit
ben kann.“ Dass es nicht nur aber auch Erfahrungen als zwölf Leuten an.“ Das war im
Martin Steidler ist Gründer und zum ersten Preis reichte, son- Sänger im Arnold-Schönberg- Februar 1993. Erster Proben-
Dirigent des Heinrich-Schütz- dern auch zum Gewinn des Chor gemacht und dort wich- ort war das private Architek-
Ensembles Sonderpreises für die beste tige Dirigenten kennengelernt, turbüro von Erwin Wenzl, ei-
beim Wettbewerb dargebote- unter anderem Nikolaus Har- nem der Gründungsmitglie-
ne Interpretation eines Wer- noncourt. Nach dem Studium der. „Da fingen wir dann an,
kes von Heinrich Schütz („Die kam er in die Nähe von Passau Alte Musik zu singen mit Wer-
mit Tränen säen“), erfüllt zurück, um an einer Musik- ken von Schütz und Byrd.“
wohl auch Chorgründer Mar- schule auf dem Land zunächst Schnell fanden erste Konzer-
tin Steidler mit besonderem Klavier zu unterrichten. An ei- te bereits Beachtung in der
Stolz, der vor 17 Jahren den nem musischen Gymnasium Region, besonders in Passau,
Chor nach diesem großen in Passau setzte er seinen be- dessen reichhaltiges Kulturle-
Komponisten des Barock und ruflichen Weg dann fort. Ein ben bis heute besonderer Be-
der protestantischen Kirchen- Spezialstudium im Fach Chor- zugspunkt für den Chor ist –
musik benannte: „Heinrich leitung holte er dann erst be- man denke nur an die „Fest-
Schütz war mein persönliches rufsbegleitend an der Hoch- spiele Europäische Wochen
Steckenpferd. Das war der schule für Katholische Kirchen- Passau“.
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Das Heinrich-Schütz-Ensemble Chor viele Sängerinnen und dass wir diese lange im Chor Stimmproben haben den
Vornbach trifft sich zu Proben- Sänger organisatorische Auf- halten können. Auch die viel Chor deutlich nach vorne ge-
phasen an den Wochenenden – gaben übernehmen: „Eine Be- intensivere Arbeit eines sol- bracht“, stellt Steidler fest. Die
oder auf Chorwettbewerben, sonderheit des Chores ist un- chen Wochenendes hat sich sängerische Kompetenz des
wie auf diesem Bild in Spittal/ ser großes Netzwerk, nicht absolut bewährt.“ Mittlerwei- Einzelnen sei ganz klar der
Österreich 2007, wo erstmals ein nur an Sängern, sondern auch le gibt es einen „Pool“ von fast Schlüssel zum Erfolg. „Jeder
internationaler 1. Preis gefeiert an Leuten, die bereit sind, sich 200 Sängerinnen und Sän- Sänger muss einfach lernen,
werden konnte. wirklich zu engagieren, bis ins gern, aus dem heraus die ein- mit seiner Stimme umzuge-
kleinste Detail. Der eine küm- zelnen Projekte besetzt wer- hen. Die Färbung von Vokalen
mert sich um die Finanzen, den. A-cappella-Programme und andere Grundlagen der
der nächste um die Öffent- und oratorische Projekte lau- Artikulation spielen eine ganz
Innerhalb von drei Jahren lichkeitsarbeit, der dritte um fen zeitlich parallel, ohne sich große Rolle.“ Diese sängeri-
entwickelte sich der Chor ge- Sponsorengelder oder einen gegenseitig auszuschließen. schen Fähigkeiten müssen
radezu explosionsartig. Der Kirchenraum für Konzerte.“ und sollen dann ganz be-
Wirkungsraum erstreckte sich Von 18 bis 65 Jahren sind Zurück zu den wusst eingesetzt werden, vor
sehr schnell auf das ganze alle Altersgruppen im Chor Ursprüngen mit allem im Sinne der Homoge-
Dreiländereck (Deutschland, vertreten, auch alle Berufs- nität des Chorklanges.
Chormusik a cappella
Tschechien, Österreich) mit stände sind hier zu finden. Das traditionelle Reper-
Passau als Zentrum: „Trotz- Viele Chorsängerinnen und Nach der A-cappella-Grün- toire mit Schütz, Bach,
dem“, so Martin Steidler, „ist -sänger wurden besonders zu dungsphase und einer Periode Brahms, Mendelssohn und
Vornbach natürlich immer ein Beginn von der Uni Passau re- mit chorsinfonischen Werken Bruckner liegt Martin Steidler
fester Standpunkt geblieben krutiert. Um diese auch nach (2. Sinfonie von Gustav Mah- besonders am Herzen. In der
und wir haben uns dort sehr Ende ihres Studiums halten zu ler) hat seit 2003/2004 eine Neuen Musik hat der Chor da-
engagiert, eine Kulturszene können, ist der Chor seit 2006 Rückbesinnung auf Chormu- gegen noch Nachholbedarf.
aufzubauen. Ich war damals auf projektbezogenes Proben sik a cappella stattgefunden Ein besonderer Meilenstein
aktiv bei der Gründung des an Wochenenden umgestie- – mit spürbarer Qualitätsstei- war zuletzt Arnold Schön-
Kulturfördervereins der Ge- gen. Die Proben selbst finden gerung. Seit dieser Zeit bergs „Friede auf Erden“, ein
meinde Neuhaus dabei, zu nun in Passau statt. Immerhin nimmt das Heinrich-Schütz- Werk des Umbruchs hin zur
der Vornbach gehört.“ Es gibt reisen die Sängerinnen und Ensemble an Wettbewerben klassischen Moderne. Aktuell
also das treue Publikum aus Sänger mittlerweile sogar aus teil und pflegt intensive Ko- setzt sich der Chor außerdem
der engeren Region, das man Prag oder München zur Probe operationen mit Chören wie mit Thomas Jennefelts „Ge-
sich auch ein wenig „erzogen“ an. Für Martin Steidler ist die- Juvenis (Diersbach), Laetitia sängen am ersten Abend des
hat. Lebendige Kulturarbeit ser Probenmodus einer der (Prag) oder Balsis (Riga). Einen Krieges“ (2003) auseinander,
auf dem Land, in der Provinz, entscheidenden Momente da- weiteren Sprung nach vorn das nur auf Vokalisen auf-
ist also möglich, gerade durch für, die künstlerische Qualität machte der Chorklang, nach- baut. Für Martin Steidler gilt
chormusikalisches Wirken. des Chores steigern zu kön- dem vor drei Jahren die im Bereich der neuen Chor-
Wer heute Chöre leitet, so nen: „Eben dadurch“, so Steid- Stimmbildung zur festen Ein- musik folgende Maxime: „Ich
Martin Steidler, müsse auch ler, „dass wir auf dieses Weise richtung wurde. „Ein- bin immer auf der Suche nach
Unternehmer sein, gerade bei die Möglichkeit anbieten kön- zel- und Kompositionen mit mehreren
großen oratorischen Projek- nen, dass auch auswärtige Gruppen- Ebenen, mit einer Konstrukti-
ten. Veronika Ott betont zu- Leute mitsin- stimm- on, die einerseits klangliche
dem, dass das ganze nur funk- gen kön- bildung Schönheit, andererseits aber
tioniere, weil im nen und sowie auch ein tiefer gehendes
System hat.“
Tim Koeritz
Foto: Veronika Ott