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Burger beider deutscher Staaten

appellieren an den Bundestag


SAGE» SIE NEIN!

Wir wenden uns an Sic als Abgeordnete, weil von Ihrem Verhalten wesentlich die Entscheidung über die Auf¬
stellung neuer amerikanischer Flugkörper abhängt. Nach dem Grundgesetz hat jeder Abgeordnete frei nach
seinem Gewissen zu entscheiden. Entscheiden Sie in dieser ernsten Situation ohne Fraktionszwang nach ihrem
Gewissen! Sagen Sie Nein zu dieser neuen Rüstungsrunde! Setzen Sie ein Signal der Umkehr,für Entspannung
in der Welt und Disengagement in Europa!

Wir appeljieren an Sie; die Argumente für und wider die Stationierung der neuen Raketen noch einmal
und im Lichte der sei! dem NATO-Dopj»elbr?chlti_G veränderten Voraussetzungen zu überprüfen:

1. Niemand sollte die gegen Westeuropa gerichteten sowjetischen SS-2o verharmlosen, aber muß der Vorteil,
den die UdSSR durch sic in dem besonderen Bereich der landgestützten Mittelstreckenraketen gewonnen
hat, durch die Stationierung von ebenfalls landgestüzten amerikanischen Raketen ausgeglichen werden?
Kommt es bei Atomwaffen überhaupt auf Gleichgewicht an? Gewiss nicht, wenn doch ihr einziger Zweck,
sofern cs überhaupt einen solchen gibt, in der Abschreckung bestehen soll. Sind nicht sowohl die franzö¬
sischen und englischen Mittelstreckenraketen als auch die see-und luftsestützten amerikanischen ‘Vorge¬
schobenen Nuklearsysteme' jede für sich als Abschreckung gegen den Einsatz der SS*2o bei weitem aus¬
reichend? Gerade neue landgestützte und entsprechend verwundbare Raketen können überhaupt nicht zur
Abschreckung dienen. Dessen ungeachtet muß an der Forderung festgehalten werden, daß die SS-2o abge¬
baut und verschrottet werden müssen.
2. Die neuen amerikanischen Raketen wären nicht ein blosser Ausgleich für die SS-2o. sondern würden eine
Eskalation darstellcn, da sic das russische Kernland mit einer bisher unbekannten Treffgenauigkeit inwenigen
Minuten erreichen könnten.Diese Tatsache gewinnt eine zusätzliche Bedeutung angesichts der von U.S.Re- ’
gierungsberatern entwickelten Pläne, die einen Atomkrieg auf Europa begrenzbar und gewinnbar machen
sollen. Auch wenn wir hoffen, daß der amerikanische Prasjdcnt diese Pläne nicht in die Tat umsetzt, sollte
sich der Bundestag doch darüber im Klaren sein, daß er .mit einpr Zustimmung zur Stalionirninj» dem Ober¬
haupt eines anderen Staates die Möglichkeit einräumt, einen atomaren Krieg von deutschem Boden aus in
Gang zu setzen. Auch genügt, die Existenz dieser Pläne um die Stationierung der neuen Raketen in sow¬
jetischen Augen als übermässige Bedrohung erscheinen zu lasser. Die Folge der Stationierung wird daher
die von der UdSSR angekümliete ‘Nach-Nachrustung* in der DDR und den anderen osteuropäischen Staaten
sein. Künftig wird bei jeder weltpolitischen Krise jede Seite einen Präventivschlag der anderen fürchten müssen.
Ebenso erhöht sich das Risiko eines in seinen Folgen unkorrüjicrbarcn Fehlalarms. Führt dann nicht die
Stationierung der neuen amerikanischen Raketen zum Gegenteil dessen, was sic bezwecken sollte: zu einer
dramatischen Erhöhung der Gefahr eines baldigen Atomkrieges in Mitteleuropa und zu einer erschreckenden
Verminderung der Sicherheit im Osten und im Westen?
3. Von der Bundesregierung wird inzwischen als das entscheidende Argument für die Stationierung die Not¬
wendigkeit der Loyalität angeführt. Aber darf ein Abgeordneter bestätigen und beschließen, was er für falsch
erkennt, ja wovon er weiß, daß es zum kollektiven Selbstmord führen kann, nur um die Verlässlichkeit und
Bündnistreuc der Bundesrepublik unter Beweis zu stellen? Ist die Welt im Atormeitalter nicht zu komplex
und gefährlich geworden, als daß wir die Unfähigkeit, eine Vorentscheidung unter veränderten Bedingungen
zu revidieren, noch als Tugend ansehen dürfen? Gerade große Teile des amerikanischen Volkes und be¬
deutende amerikanische Politiker erhoffen sich jetzt wenigstens von den Europäern einen Akt der Vernunft.
4. Erforderlich ist eine entschiedene Rückkehr >.u einer Politik der Entspannung und viel Phantasie bei ihrer
Neugestaltung. Angesichts des auf deutschem Boden an<»chäuften ungeheuren atomaren und konventionellen
Waffenpotcntiais ist cs die besondere Verpflichtung deutscher Politiker, eine wirkliche Abrüstung einzuleiten.
Wir appclljercn an den Bundestag, sich der Politik der Konfrontation und bedingungslosen BlocKbindung,
die die Teilung Europas und insbesondere Deutschlands weiter zu verliefen droht, zii widersetzen. Das von
der jetzigen Bundesregierung geäußerte Interesse an einer Verbcsserun» des Verhältnisses zur DDR ist mit dem
Vollzug der ‘Nachrüstung' nicht zu vereinbaren. Wem cs um bessere Beziehungen zwischen beiden deutschen
Staaten und um das W’ohl des deutschen Volkes geht, kann der Stationierung "nicht zustimmen. Diese wäre
auch ein Schlag gegen die Friedenskräfte in der DDR, insbesondere gegen die eigenständigen Friedensinitiativen.
Die große Mehrheit der Bevölkerung lehn! - wie eindeutig aus Meinungsumfragen hervorgellt - ,|ic Stationierung
ab und zieht allemal die unbefristete Fortführung der Verhandlungen und den Aufschub der Stationierung vor.

Mil Millionen Mitbürgern appellieren wir an Ihr Gewissen, einen neuen Schritt zur Fortsetzung des Rüstungs¬
wettlaufs zu verweigern, und beschwören Sie:

SAGEN SIE NEIN!

Berlin, den lO.Oktober 1983

Initiatoren und Verantwortliche :


HEINRICH AI.BERTZ, ULRICH ALBRECHT. ASTRID ALBRECHT-HEIDE.PETER BRANDT,
ANDREAS BÜRO, INGEBORG DREWITZ. MARTIN JÄNICKE. OSKAR LAFONTAINE, JO LEINEN.
ALFRED MECHTKRSHEIMER, HORST EBERHARD RICHTER, RUDOLF STEIN KE,
MICHAEL THEUNISSEN. ERNST TUGENDHAT. WERNER VITT, JÖRG ZINK.
ERSTUNTERZEICHNER AUS DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

HEINRICH ALBERTZ DIETRICH GOLDSCHMIDT ANDREAS REITZ


eh.Regierender Bürgermeister Hochschullehrer Facharzt f.Kinderheilkunde
von Berlin MARIANNE GOSE INGRID TIIIENEL-SAAGE
ULRICH ALBRECHT Gesaintdt.Friedensinitiative Oberstudienrätin
Friedensforscher PETER HÄRTLING RICHARD SAAGE
ASTRID ALBRECHT—HEIDE Schriftstellet Privatdozent
Hochsehullehrerin SARAH HAFFNER Malerin URSULA SCHAAF
CARL AMERY Schriftsteller Journalistin
FRANZ VON HAMMERSTEIN
HERBERT AMMON Studienrat Leiter d. Ev.Akademie Berlin CHRISTA u.HEINZ SCHAADE
Berlin
GUNTER AXT Hochschullehrer MICHAEL HANSCH
Katechet HEINRICH SCHIRMBECK
RUDOLF BAHRO Schriftsteller
Bundesvorstand ‘Die Grünen“ WOLFGANG FRITZ HAUG
Hochschullehrer GERHARD SCHMIDT
HINRICH BALLER Architekt Mitglied d. Europaparlaments
JÖRN »EHER
INNEN BALLER Architekt Zahnarzt RUEDI SEILER
HEINZ BAUER PETER HERRLICH Naturwissenschaftler
Hochschullehrer der Medizin Hochschullehrer Genetik JOHANNO STRASSER
HERBERT BEGEMANN UWE HILKE Redaktucr u.HS-Lchrcr
Naturwissenschaftler Zahnarzt FRANZISKA SPERR
CHRISTEL BEILMANN WOLFCANG HOCHHEIMER Publizistin
Redakteurin Psychotherapeut PETER STEIN Regisseur
GEORG BENZ JOSEPH HUBER RUDOLF STEIN KE
Gewerkschaftssekretär IGM Sozialwissenschaftler Ak atomwaffenfreies Europa
WOLFGANG BIERMANN MARTIN JÄNICKE WOLFGANG STERNSTEIN
Geschäftsführer der BIFIAS Politiologc Friedcns-u.Konfliktforschcr
MANFRED BISSINGER IKA KLAR Bin INGE STOLTEN
Chefredaktuer Konkret Stell v.Landcsvorsitzende d.SPD Schriftstellerin
KAROLA BLOCH Tübingen HORST KLAUS DIETER STURM
MANFRED BOETTCHER Gewerkschafter Dramaturg
Studienrat FRIEDEL KRIECHBAUM GERI) TEICHLER Arzt
Hochschullehrerin
WILLIAM BORM MICHAEL TI1EUNISSEN
ch.AIterspräsidcnt des HORST KURNITZKY Philosoph
Deutsehen Bundestages Autor
HANS THIERSCH
PETER BRANDT Historiker OSKAR LAFONTAINE Hochschullehrer
Oberbürgermeister von
MARTIN BREIDERT Pfarrer Saarbrücken EBERHARD TRÄNKLE
ULRICH BRIEFS Physiker
JUTTA LAMPE Schauspielerin
Wiss.Referent WSI/DGB KLAUS TRAUBE Publizist
DIETER u.INGE LASER
HELMUT BUCK Schauspieler ERNST TUGENDHAT
I.BcvoUm.d.IG Metall Philosoph
0 LEINEN
ANDREAS BÜRO
Hochschullehrer
*tel.Vorsitzender des BBU KLAUS VACK
Sckr. Komitee f.Grundrechte
ALFRED MECHTERSHEI MER
HOI MAR VON DITFURTH Friedensforscher MARIE VEIT
Schriftsteller Hochschullehrerin
KLAUS MÖBIUS
H ANSFER DINAN D DÖBLER Naturwissenschaftler Experi¬ WOLFGANG VENOHR
Schriftsteller mentalphysik Chefredaktuer
LEO DO MZ ALS KJ HUBERTUS MYNAREK FRITZ VILMAR
Vcrlagsbuchhändler Hochschullehrer Vergl.Relegions- Hochschullehrer
INGEBORG DREWITZ wissensschaft
WERNER VITT
Schriftstellerin SUSANNE V.PACZENSkY Gewerkschafter
AXEL EGGEBRECHT Autorin MICHAEL VOGT
Schriftsteller HANS PLIENINGER TV-Redakteur
HELGA EINSELE
Hochschullehrerin
emr.HochschulIehrcr d.Chemic
HORST EBERHARD RICHTER
E RGEN P.WALLMANN
>lizist
ANTONIE ZU EULENBURG Psychoanalytiker KLAUS WEIFFENBACH
Sozialarbciterin KLAUS RIEDEL Theaterleiter Schaubühne
ANDREAS FLITNER Erzichungß Wissenschaftler THEODOR WEIßENBORN
Hochschullehrer REINHARD RIEMERSCHMID Schriftsteller
SONJA FLITNER Architekt UWE WESEL Jurist
Hochschullehrerin UTA RIEMERSCHMID URSULA WITT Lehrerin
ANNE FROMMANN Hausfrau
JÖRG ZINK Pfarrer
Hochschullehrerin ECKART ROTTKA Richter
HELMUT CHRISTIAN GÖRLITZ OTTOKAR RUNZE GERHARD ZWERENZ
Regisseur Regisseur Schriftsteller
ERSTUNTERZEICHNER AUS DER DEUTSCHEN DEMOKRATISCHEN REPUBLIK

SASCHA ANDERSON CHRISTINE KAHLAU NORBERT RETTIG


AXEL BEYER RAINER KOBES ANDREAS RICHTER
EVELYNE BEYER MARTIN KÖNIG RÜDIGER ROSENTHAL
ANTJE BÖTTGER MATTHIAS KRUMBHOLZ CORNELIA SCHLEIME
MARTIN BÖTTGER DETLEF KUCHARZEWSKI HANS-PETER SCHNEIDER
BÄRBEL BOIILEY UWE KU LISCH REINHARD SCHULTZ
INGRID BREHMER HEIKO LIETZ HEIKE SOMMERFELD
BIRGIT BRONNERT EKKEHARD MAAS PETRA STREIT
HENRY DAHMS WILLFRIEDE MAAfc RALPH SYROWATKA
UTE DELOR JAN MARKOWSKI WOLFGANG TEMPLIN
REINER DIETRICH MARCEL MECKEL HANS-JOCHEN TSCHICHE
HANS DONARSKI GISELA METZ TABEA TSCHICHE
EVA-MARIA EPPELMANN DIETMAR M1EHLKE WOLFRAM TSCHICHE
RAINER EPPELMANN KERSTEN MIEHLKE KERSTIN WAWERZINEK
WERNER FISCHER BODO NIEDLICH PETER WAWERZINEK
REINER FLÜGGE DETLEF OPITZ REINHARD WEIDAUER
GUDRUN GIERKE VOLKER OTTO REGINA WEIS
ELKE GRAUPNER CHRISTOPH POLSTER GUNDULA WEISSHUHN
HARALD HAUSWALD GERD POPPE REINHARD WEISSHUHN
KATJA HAVEMANN ULRICKE POPPE JUSTUS WERDIN
EBERHARD HENKE LORENZ POSTLER KATRIN WERLICH
MATTHIAS HOH-STEIN WOLFGANG PÜSCHEL BERND WEU
ECKART HÜBENER UWE RADICKE GÜNTHER WEU
GERD JÄGER LUTZ RATHENOW WINFRIED WEU

DDR, lo.Oklober 1983

Bei ausreichenden zahlenden Unterzeichnern können wir voraussichtlich am 19.November Grob-


anzeigen in folgenden Zeitungen schalten: FAZ, Al jg. Deutsches Sonntagsblatt,Christ und Welt, Frank¬
furter Rundschau,Süddeutsche Zeitung, TAZ und einigen regionalen Zeitungen. Damit würden wir in
der entschcidencn Woche der Regierungserklärung von Bumleskanzler Kohl etwa fünf bis sechs Millionen
Leser erreichen. Helfen Sie dabei mit. Es kommt auf die Unterstützung des Einzelnen an. Vielen Dank.

Hiermit erkläre ich: Ich unterstütze den OFFENEN BRIEF VON BÜRGERN DER BUNDES¬
REPUBLIK DEUTSCHLAND AN DEN DEUTSCHEN BUNDESTAG und bin mit der Veröffent-
lichung meines Namens in Zeitungsanzeigen einverstanden.
Die Kosten der Veröffentlichung betragen:
30 DM für jede Einzelperson '
20 DM für Studenten, Zivildienstleistende, Arbeitslose etc.
100 DM für Gewerkschaftsgruppen, Initiativen, Parteigliederungen, Institutionen etc.
Um Spenden wird gebeten. Steucrabzugsfähigc Quittungen können ausgestellt werden. Bitte
Stichwort: Berufsbezeichnung, Funktion oder ähnliches für die Veröffentlichung angeben.
Bitte deutlich schreiben.
—► ACHTUNG: Unterzeichnungen können nur bis zum Sonnabend, d. l2.Novembcr 1983 (Posteingang)
berücksichtigt werden.

Name/Anschrift Unterschrift Bcrufsbczcichnung Betrag DM


Name/Anschrift Unterschrift Berufsbezeichnung Betrag DM

O Verrechnungsscheck in Höhe von.DM liegt bei.


0 Zahlung in Höhe von.DM cingczahlt am.auf die Konten
O Geldscheine in Höhe von.DM liegen bei.
0 Ich bitte um die Zusendung von.Exemplaren des Offenen Briefes an den Deutschen
Bundestag.

Konten: Rudolf Steinke, Sonderkonto, Postscheckamt Berlin West (BLZ loo loo Io) Nr.182 65 - lo3
oder: Rudolf Steinke, Sonderkonto, Berliner Commerzbank (BLZ loo 4oo oo) Nr.71 666 22

Adresse: SAGEN SIE NEIN, Goltzstr.l3b, looo Berlin 3o Tel. o3o/216 15 27