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Grundwissen Mathematikstudium

Tilo Arens Rolf Busam Frank Hettlich Christian Karpfinger Hellmuth Stachel

Grundwissen
Mathematikstudium
Analysis und Lineare Algebra mit Querverbindungen

mit Beiträgen von Klaus Lichtenegger

Springer Spektrum
Autoren
Tilo Arens, Karlsruher Institut für Technologie (KIT), tilo.arens@kit.edu
Rolf Busam, Mathematisches Institut, Universität Heidelberg, busam@mathi.uni-heidelberg.de
Frank Hettlich, Karlsruher Institut für Technologie (KIT), frank.hettlich@kit.edu
Christian Karpfinger, Technische Universität München, karpfing@ma.tum.de
Hellmuth Stachel, Technische Universität Wien, stachel@dmg.tuwien.ac.at

ISBN 978-3-8274-2308-5 ISBN 978-3-8274-2309-2 (eBook)


DOI 10.1007/978-3-8274-2309-2

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grafische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Springer Spektrum
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013

Teile des Buches basieren auf Arens, Hettlich, Karpfinger, Kockelkorn, Lichtenegger, Stachel „Mathematik“, ISBN:
978-3-8274-2347-4, das für Anwender der Mathematik konzipiert wurde.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Ur-
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Planung und Lektorat: Dr. Andreas Rüdinger, Bianca Alton


Redaktion: Bernhard Gerl
Fotos/Zeichnungen: Thomas Epp und die Autoren
Satz: EDV-Beratung Frank Herweg, Leutershausen
Einbandabbildung: © Jos Leys
Einbandentwurf: deblik, Berlin

Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier

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Vorwort
Herauskristallisieren der diffizilen Unterschiede der Defini-
Ein Mathematikstudium beginnt zumeist mit den zwei tionen erscheint uns für das mathematische Verständnis sehr
großen Vorlesungsblöcken: Analysis und Lineare Algebra. hilfreich.
Beide sind wesentliche Bausteine für die Fundamente der
modernen Mathematik. Die Fächer haben mehr gemein, als Der kurze Abriss zur Geschichte der Mathematik soll Sie
es am Anfang vielleicht scheinen mag. Ihre Verzahnungen neugierig machen, auch diese Aspekte Ihres Fachs zu erfra-
bieten die Gelegenheit, viele Aspekte gleich von Beginn an gen. Denn der modernen und oft sehr eleganten Darstellung
besser zu verstehen. Wir Autoren möchten mit dem vorlie- der Mathematik geht eine fast 3 000-jährige Geschichte vor-
genden neuen Lehrbuch einen Weg in die Mathematik anbie- aus. Die Integration und die Begriffe Gruppe und Vektorraum
ten, der auch diese Verknüpfungen vermittelt. sind schöne Beispiele, wie spannend das Ringen um sinnvolle
Definitionen in der Mathematik war und bis heute ist.
Es ist uns Autoren bewusst, dass ein Einstieg in die Mathe-
Wir wünschen Ihnen mit dem Buch viel Freude und Erfolg
matik nicht leicht ist. Daher haben wir uns entschieden
auf Ihrem Weg in das faszinierende Fach Mathematik.
an unserem Lehrbuch Mathematik von Arens, Hettlich,
Karpfinger, Kockelkorn, Lichtenegger und Stachel anzu- Mit der Fertigstellung eines derart umfangreichen Werks ist
knüpfen und auch für ein Mathematikstudium eine ausführ- auch der Zeitpunkt der Danksagungen gekommen: Unser
liche Einführung anzubieten. Selbstverständlich nehmen in Dank gilt zunächst all den vielen Mathematikern, von de-
einem Lehrbuch für Mathematiker die Beweise eine zentrale nen wir Mathematik erlernen durften bzw. dürfen und die es
Stellung ein. In der gebotenen Breite werden diese erklärt. möglich machen, heute innerhalb eines Lehrbuchs einen sehr
In einigen uns sehr wichtig erscheinenden Fällen werden umfassenden Einstieg zur Mathematik zu bieten. Besonders
Beweise genauer unter die Lupe genommen, um Schwie- bedanken wir uns bei unseren Co-Autoren zum Lehrbuch
rigkeiten, Alternativen und/oder Argumentationen herauszu- Mathematik, Dr. K. Lichtenegger und Prof. Dr. U. Kockel-
arbeiten. Es sei noch angemerkt, dass bei Verwendung der korn, deren Materialien und Anregungen wir hier mit ein-
männlichen Sprachform wie „Mathematiker“, „Leser“, etc. fließen lassen konnten. Ein großer Dank geht auch an Prof.
stets Frauen und Männer gemeint sind. Dr. G. Kemper. Aus seinen Vorlesungen zur linearen Algebra
fanden einige raffinierte Beispiele und kurzweilige Beweise
Die Stoffauswahl orientiert sich am ersten Studienjahr, wobei ihren Weg in dieses Lehrbuch. Ebenso möchten wir uns bei
zur Orientierung die Analysis und die Lineare Algebra farbig Prof. Dr. N. Henze, Prof. Dr. R. Schulze-Pillot, Dipl.-Math.
markiert sind. Neben der Zusammenfassung der beiden Fä- M. Mitschele und M.Sc. T. Rösch für Anregungen und inten-
cher in einem Werk sind wir konzeptionell auch an anderen sives Korrekturlesen von Teilen des Manuskripts bedanken.
Stellen neue Wege gegangen. In Hinblick auf Umstellungen Für ein sorgsames allgemeines Redigieren bedanken wir uns
in den zeitgemäßen Bachelor- und Lehramtsstudiengängen bei Dipl.-Phys. M. Gerl. Perfekte Ausgestaltung vieler Ab-
haben wir etwa die lineare Optimierung und Aspekte der dis- bildungen verdanken wir Herrn Th. Epp. Außerdem hat er,
kreten Mathematik im Curriculum mit aufgenommen. Auch sowie Herr S. Haschler und Herr M. Schlöder Teile des Manu-
das Thema Integration bekommt mehr Raum. Üblicherweise skripts in LATEX umgesetzt. Auch dafür gilt unser Dank. Ganz
wird in einer Vorlesung nur ein Integrationsbegriff vorge- besonders bedanken wir uns für die fachkundige und stets
stellt. Es gibt aber verschiedene Zugänge. Wir stellen den umsichtige Zusammenarbeit mit Frau B. Alton und für die
aus unserer Sicht wichtigsten Begriff ausführlich vor, aber höchst kompetente und kreative Projektleitung durch Herrn
betrachten zudem auch zwei weitere Zugänge. Gerade das Dr. A. Rüdinger von Springer Spektrum.
Die Autoren
PD Dr. Tilo Arens ist als Dozent an der PD Dr. Christian Karpfinger lehrt an der
Fakultät für Mathematik des Karlsruher Technischen Universität München; 2004
Instituts für Technologie (KIT) tätig. Für erhielt er den Landeslehrpreis des Frei-
den Vorlesungszyklus Höhere Mathema- staates Bayern.
tik für Studierende des Maschinenbaus
und des Chemieingenieurwesens erhielt
er 2004 gemeinsam mit anderen Mitglie-
dern seines Instituts den Landeslehrpreis
des Landes Baden-Württemberg.

Dr. Rolf Busam ist Co-Autor eines er- Dr. Dr. h.c. Hellmuth Stachel ist seit mehr
folgreichen Lehrbuchs über Funktionen- als 30 Jahren Professor für Geometrie
theorie und von zwei Prüfungstrainern an der Technischen Universität Wien und
(über Analysis bzw. Lineare Algebra). seit 2011 emeritiert.
Während seiner langjährigen Lehrtätig-
keit als Akademischer Direktor an der Fa-
kultät für Mathematik und Informatik der
Universität Heidelberg liegt sein Interes-
senschwerpunkt in der komplexen Ana-
lysis und der Analytischen Zahlentheo-
rie. Ferner ist ihm die Lehreraus- und
-weiterbildung ein besonderes Anliegen.

PD Dr. Frank Hettlich ist als Dozent an


der Fakultät für Mathematik des Karls-
ruher Instituts für Technologie (KIT) tä-
tig. Für den Vorlesungszyklus Höhere
Mathematik für Studierende des Ma-
schinenbaus und des Chemieingenieur-
wesens erhielt er 2004 gemeinsam
mit anderen Mitgliedern seines Instituts
den Landeslehrpreis des Landes Baden-
Württemberg.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . V 5.3 Das Lösungskriterium und die Struktur
der Lösung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 180
1 Mathematik – eine Wissenschaft für sich 1 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185
1.1 Über Mathematik, Mathematiker und Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 186
dieses Lehrbuch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2
1.2 Die didaktischen Elemente dieses 6 Vektorräume – von Basen
Buchs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 und Dimensionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189
1.3 Ratschläge zum Einstieg in die 6.1 Der Vektorraumbegriff . . . . . . . . . . . . . . . . . 190
Mathematik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10 6.2 Beispiele von Vektorräumen . . . . . . . . . . . . 193
1.4 Eine kurze Geschichte der Mathematik . . . 13 6.3 Untervektorräume . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 196
6.4 Basis und Dimension . . . . . . . . . . . . . . . . . . 198
2 Logik, Mengen, Abbildungen – 6.5 Summe und Durchschnitt von Unter-
die Sprache der Mathematik . . . . . . . . 27 vektorräumen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 211
2.1 Junktoren und Quantoren . . . . . . . . . . . . . . 28 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 222
2.2 Grundbegriffe aus der Mengenlehre . . . . . 34 Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223
2.3 Abbildungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
7 Analytische Geometrie –
2.4 Relationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49
Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58
Rechnen statt Zeichnen . . . . . . . . . . . . . 227
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60 7.1 Punkte und Vektoren im
Anschauungsraum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 228
3 Algebraische Strukturen – 7.2 Das Skalarprodukt im Anschauungsraum . 232
7.3 Weitere Produkte von Vektoren im
ein Blick hinter die Rechenregeln . . . . 63
Anschauungsraum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 238
3.1 Gruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64
7.4 Abstände zwischen Punkten, Geraden
3.2 Homomorphismen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71
und Ebenen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 247
3.3 Körper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78
7.5 Wechsel zwischen kartesischen
3.4 Ringe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85
Koordinatensystemen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 257
Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95
Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 268
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 270
4 Zahlbereiche – Basis der gesamten 8 Folgen – der Weg ins Unendliche . . . . 275
Mathematik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101 8.1 Der Begriff einer Folge . . . . . . . . . . . . . . . . . 276
4.1 Der Körper der reelle Zahlen . . . . . . . . . . . . 102 8.2 Konvergenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 283
4.2 Anordnungsaxiome für die reellen Zahlen 106 8.3 Häufungspunkte und Cauchy-Folgen . . . . . 291
4.3 Ein Vollständigkeitsaxiom . . . . . . . . . . . . . . 114 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 299
4.4 Natürliche Zahlen und vollständige Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 300
Induktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117
4.5 Ganze Zahlen und rationale Zahlen . . . . . . 127 9 Funktionen und Stetigkeit –
4.6 Komplexe Zahlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134 ε trifft auf δ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 303
4.7 Vertiefung: Konstruktiver Aufbau 9.1 Grundlegendes zu Funktionen . . . . . . . . . . 304
der reellen Zahlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148 9.2 Beschränkte und monotone Funktionen . . 310
Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155 9.3 Grenzwerte für Funktionen und die
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156 Stetigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 313
9.4 Abgeschlossene, offene, kompakte
5 Lineare Gleichungssysteme – Mengen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 322
ein Tor zur linearen Algebra . . . . . . . . 165 9.5 Stetige Funktionen mit kompaktem
5.1 Erste Lösungsversuche . . . . . . . . . . . . . . . . . 166 Definitionsbereich, Zwischenwertsatz . . . . . . 330
5.2 Das Lösungsverfahren von Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 341
Gauß und Jordan . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172 Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 342
VIII Inhaltsverzeichnis

10 Reihen – Summieren bis zum Letzten . 347 14.8 Die Berechnung einer Jordan-Normalform
10.1 Motivation und Definition . . . . . . . . . . . . . . 348 und Jordan-Basis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 532
10.2 Kriterien für Konvergenz . . . . . . . . . . . . . . . 355 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 544
10.3 Absolute Konvergenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . 363 Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 546
10.4 Kriterien für absolute Konvergenz . . . . . . . 368
Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 376 15 Differenzialrechnung –
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 377 die Linearisierung von Funktionen . . . 551
11 Potenzreihen – Alleskönner unter den 15.1 Die Ableitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 552
15.2 Differenziationsregeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . 560
Funktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 381
15.3 Der Mittelwertsatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 569
11.1 Definition und Grundlagen . . . . . . . . . . . . . 382
15.4 Verhalten differenzierbarer Funktionen . . . 577
11.2 Die Darstellung von Funktionen durch
15.5 Taylorreihen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 583
Potenzreihen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 389
Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 593
11.3 Die Exponentialfunktion . . . . . . . . . . . . . . . . 398
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 594
11.4 Trigonometrische Funktionen . . . . . . . . . . . 403
11.5 Der Logarithmus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 409
16 Integrale – von lokal zu global . . . . . . 599
Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 413
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 414 16.1 Integration von Treppenfunktionen . . . . . . 600
16.2 Das Lebesgue-Integral . . . . . . . . . . . . . . . . . 604
12 Lineare Abbildungen und Matrizen – 16.3 Stammfunktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 613
Brücken zwischen Vektorräumen . . . . . 417 16.4 Integrationstechniken . . . . . . . . . . . . . . . . . . 618
12.1 Definition und Beispiele . . . . . . . . . . . . . . . . 418 16.5 Integration über unbeschränkte Intervalle
12.2 Verknüpfungen von linearen Abbildungen 422 oder Funktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 622
12.3 Kern, Bild und die Dimensionsformel . . . . 425 16.6 Parameterabhängige Integrale . . . . . . . . . . 633
12.4 Darstellungsmatrizen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 432 16.7 Weitere Integrationsbegriffe . . . . . . . . . . . . 637
12.5 Das Produkt von Matrizen . . . . . . . . . . . . . . 442 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 649
12.6 Das Invertieren von Matrizen . . . . . . . . . . . 446 Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 650
12.7 Elementarmatrizen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 451
12.8 Basistransformation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 455 17 Euklidische und unitäre Vektorräume –
12.9 Der Dualraum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 458 orthogonales Diagonalisieren . . . . . . . . 655
Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 462 17.1 Euklidische Vektorräume . . . . . . . . . . . . . . . 656
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 464 17.2 Norm, Abstand, Winkel, Orthogonalität . . 662
13 Determinanten – Kenngrößen 17.3 Orthonormalbasen und orthogonale
Komplemente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 668
von Matrizen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 469
17.4 Unitäre Vektorräume . . . . . . . . . . . . . . . . . . 678
13.1 Die Definition der Determinante . . . . . . . . . 470
17.5 Orthogonale und unitäre Endomorphismen 681
13.2 Determinanten von Endomorphismen . . . . 475
17.6 Selbstadjungierte Endomorphismen . . . . . . 691
13.3 Berechnung der Determinante . . . . . . . . . . 476
17.7 Normale Endomorphismen . . . . . . . . . . . . . 697
13.4 Anwendungen der Determinante . . . . . . . . 483
Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 705
Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 492
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 708
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 494

14 Normalformen – Diagonalisieren 18 Quadriken – vielseitig nutzbare


und Triangulieren . . . . . . . . . . . . . . . . . . 497 Punktmengen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 713
14.1 Diagonalisierbarkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 498 18.1 Symmetrische Bilinearformen . . . . . . . . . . . 714
14.2 Eigenwerte und Eigenvektoren . . . . . . . . . . 501 18.2 Hermitesche Sesquilinearformen . . . . . . . . . 724
14.3 Berechnung der Eigenwerte und 18.3 Quadriken und ihre Hauptachsen-
Eigenvektoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 503 transformation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 728
14.4 Algebraische und geometrische 18.4 Die Singulärwertzerlegung . . . . . . . . . . . . . . 741
Vielfachheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 510 18.5 Die Pseudoinverse einer linearen
14.5 Die Exponentialfunktion für Matrizen . . . . 519 Abbildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 743
14.6 Das Triangulieren von Endomorphismen . . 521 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 753
14.7 Die Jordan-Normalform . . . . . . . . . . . . . . . . 526 Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 754
Inhaltsverzeichnis IX

19 Metrische Räume – Zusammenspiel 23 Vektoranalysis – im Zentrum steht


von Analysis und lineare Algebra . . . . 759 der Gauß’sche Satz . . . . . . . . . . . . . . . . 951
19.1 Metrische Räume und ihre Topologie . . . . 760 23.1 Kurven im Rn . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 952
19.2 Konvergenz und Stetigkeit in 23.2 Das Kurvenintegral . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 960
metrischen Räumen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 768 23.3 Flächen und Flächenintegrale . . . . . . . . . . . 968
19.3 Kompaktheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 783 23.4 Der Gauß’sche Satz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 980
19.4 Zusammenhangsbegriffe . . . . . . . . . . . . . . . 792 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1002
19.5 Vollständigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 797 Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1003
19.6 Banach- und Hilberträume . . . . . . . . . . . . . . 803
Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 817 24 Optimierung – aber mit
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 819 Nebenbedingungen . . . . . . . . . . . . . . . . 1007
24.1 Lineare Optimierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1008
20 Differenzialgleichungen – 24.2 Das Simplex-Verfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . 1017
Funktionen sind gesucht . . . . . . . . . . . . 823 24.3 Dualitätstheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1026
20.1 Begriffsbildungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 824 24.4 Differenzierbare Probleme . . . . . . . . . . . . . . 1035
20.2 Elementare analytische Techniken . . . . . . . 833 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1042
20.3 Existenz und Eindeutigkeit . . . . . . . . . . . . . 841 Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1043
20.4 Grundlegende numerische Verfahren . . . . . 848 25 Elementare Zahlentheorie –
Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 854
Teiler und Vielfache . . . . . . . . . . . . . . . . 1047
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 855
25.1 Teilbarkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1048
25.2 Der euklidische Algorithmus . . . . . . . . . . . . 1049
21 Funktionen mehrerer Variablen –
25.3 Der Fundamentalsatz der Arithmetik . . . . . 1053
Differenzieren im Raum . . . . . . . . . . . . 859
25.4 ggT und kgV . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1054
21.1 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 860 25.5 Zahlentheoretische Funktionen . . . . . . . . . . 1057
21.2 Differenzierbarkeitsbegriffe: 25.6 Rechnen mit Kongruenzen . . . . . . . . . . . . . . 1063
Totale und partielle Differenzierbarkeit . . . 861 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1070
21.3 Differenziationsregeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . 875 Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1071
21.4 Mittelwertsätze und Schrankensätze . . . . . 883
21.5 Höhere partielle Ableitungen und der 26 Elemente der diskreten Mathematik –
Vertauschungssatz von H. A. Schwarz . . . 885 die Kunst des Zählens . . . . . . . . . . . . . . 1075
21.6 Taylor-Formel und lokale Extrema . . . . . . . 889 26.1 Einführung in die Graphentheorie . . . . . . . 1076
21.7 Der lokale Umkehrsatz . . . . . . . . . . . . . . . . . 895 26.2 Einführung in die Kombinatorik . . . . . . . . . 1090
21.8 Der Satz über implizite Funktionen . . . . . . 901 26.3 Erzeugende Funktionen . . . . . . . . . . . . . . . . 1097
Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 905 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1101
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 908 Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1103

22 Gebietsintegrale – das Ausmessen Hinweise zu den Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . 1107


von Mengen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 913
22.1 Definition und Eigenschaften . . . . . . . . . . . 914 Lösungen zu den Aufgaben . . . . . . . . . . . . . 1125
22.2 Die Berechnung von Gebietsintegralen . . . 922
Bildnachweis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1141
22.3 Die Transformationsformel . . . . . . . . . . . . . . 931
22.4 Wichtige Koordinatensysteme . . . . . . . . . . . 937 Symbolglossar deutsch/englisch . . . . . . . . . . 1143
Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 945
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 946 Index . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1161
Verzeichnis der Übersichten
Erkenntnisgewinn durch Abstraktion . . . . . . . . . . . . . . 809 Integrale über reguläre Flächen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 981
Approximation von Funktionen (kapitelübergreifend) 1037 Jacobi-Matrix und Differenzierbarkeit . . . . . . . . . . . . . 869
Eigenschaften der Determinante . . . . . . . . . . . . . . . . . . 482 Bestimmung einer Jordan-Basis . . . . . . . . . . . . . . . . . . 540
Differenzialgleichungen in den Anwendungen . . . . . 831 Rechenregeln zu den komplexen Zahlen . . . . . . . . . . . 139
Typen von Differenzialgleichungen erster Ordnung . 842 Konvergenzkriterien für Reihen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 372
Differenzialoperatoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1001 Kurven und Kurvenintegrale . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 963
Differenziationsregeln und Ableitungsfunktionen . . . 566 Die linearen Abbildungen ϕA : v → A v mit einer
Verhalten differenzierbarer Funktionen . . . . . . . . . . . 586 Matrix A . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 456
Beziehungen zwischen den verschiedenen Logik – Junktoren und Quantoren . . . . . . . . . . . . . . . . . 34
Differenzierbarkeitsbegriffen . . . . . . . . . . . . . . . . . 872 Mathematische Objekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79
Eigenschaften und Begriffe euklidischer bzw. Diagonalisieren einer Matrix . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 515
unitärer Vektorräume . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 682 Die gemeinsamen Eigenschaften ähnlicher Matrizen 543
Euler’sche Formel und trigonometrische Die verschiedenen Klassen von Matrizen . . . . . . . . . . 701
Funktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 406 Diagonalisieren von Matrizen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 745
Exponentialfunktion und Logarithmus . . . . . . . . . . . . 403 Die natürlichen Zahlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121
Folgen und Konvergenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 298 Potenzreihen und Taylorreihen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 592
Transformationen und Kombinationen von Primale und duale Probleme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1033
Funktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 308 Quadriken im A (R2 ) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 737
Stetige Funktionen und Unstetigkeiten . . . . . . . . . . . . . 318 Quadriken in A (R3 ) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 740
Sätze über Funktionen mit kompaktem Ratschläge für das Studium Mathematik . . . . . . . . . . . 12
Definitionsbereich und Gegenbeispiele . . . . . . . . . . 337 Körperaxiome für die reellen Zahlen . . . . . . . . . . . . . . 104
Eigenschaften von Gebietsintegralen . . . . . . . . . . . . . . 917 Die Axiome der reellen Zahlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118
Grenzwerte von Folgen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 290 Reell versus komplex . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 705
Gruppen, Ringe und Körper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86 Wichtige Reihen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 362
Homo-, Mono-, Epi-, Iso-, Endo-, Automorphismen 419 Relationen und Abbildungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55
Eigenschaften des Integrals . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 611 Tabelle einiger Stammfunktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . 617
Einige bestimmte Integrale . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 632 Produkte von Vektoren im R3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 248
Mathematik – eine
Wissenschaft für sich 1
Was bedeutet der Begriff
Mathematik ?
Was sind die Inhalte des ersten
Studienjahres?
Seit wann gibt es Mathematik ?

1.1 Über Mathematik, Mathematiker und dieses Lehrbuch . . . . . . 2


1.2 Die didaktischen Elemente dieses Buchs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
1.3 Ratschläge zum Einstieg in die Mathematik . . . . . . . . . . . . . . . . 10
1.4 Eine kurze Geschichte der Mathematik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13
2 1 Mathematik – eine Wissenschaft für sich

In der Mathematik, eine der ältesten Wissenschaften überhaupt, Wir mischen uns in den Streit nicht ein. Wir behaupten nicht,
geht es darum, Aussagen auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu dass Mathematik eine Natur- oder eine Geisteswissenschaft
überprüfen und allgemeingültige Aussagen zu beweisen und ist, sondern sehen Mathematik als eine Formalwissenschaft
diese als mathematische Sätze zu formulieren. Mathematik ist an. Zu den Formalwissenschaften gehören genau jene Wis-
eine exakte Wissenschaft, ist ein Satz bewiesen, so gilt dieser senschaften, die sich mit formalen Systemen beschäftigen.
für immer und ewig. Neben der Mathematik sind die Logik oder die theoretische
Informatik Beispiele solcher Formalwissenschaften.
Mit dem vorliegenden Buch wenden wir uns an Mathematik-
studierende der ersten Semester. Wir stellen die Themen des Auf jeden Fall aber ist die Mathematik eine Wissenschaft
ersten Studienjahrs, die in den Vorlesungen üblicherweise bei für sich. Während in den Geisteswissenschaften oder Na-
verschiedenen Dozenten gehört werden, in einer einheitlichen turwissenschaften frühere Erkenntnisse durch einen neuen
Schreibweise dar und zeigen die Zusammenhänge der verschie- Zeitgeist oder durch neue Experimente relativiert werden,
denen Gebiete auf. Dabei liegt das Augenmerk nicht nur auf sind mathematische Erkenntnisse ein für allemal korrekt. Die
einer vollständigen Beweisführung, wir versuchen auch oft Mo- Mathematik ist eine exakte Wissenschaft. Mathematische Er-
tivationen und Alternativen zu den gegebenen Beweisen und kenntnisse sind kulturunabhängig und prinzipiell von jedem
Vorgehensweisen anzugeben. Wir schildern auch stets Zusam- nachvollziehbar.
menhänge zu bereits behandelten und noch zu behandelnden
Ein wesentliches Merkmal der Mathematik ist es, dass ihre
Themen.
Inhalte streng aufeinander aufbauen. Jeder einzelne Schritt
Die Teilgebiete der Mathematik können in reine und ange- ist im Allgemeinen leicht zu verstehen, im Ganzen betrachtet
wandte Mathematik unterschieden werden, wenngleich bei aber ist die Mathematik ein außerordentlich komplexes und
manchen Teilgebieten eine solche Zuordnung sicherlich willkür- großes Gebiet. Es wurde im Laufe der vergangenen ca. 6000
lich erscheinen mag. Aber auf jeden Fall sind die Analysis und die Jahren von vielen Menschen zusammengetragen. Aber dazu
lineare Algebra grundlegend für jedes Teilgebiet. So ist es schon mehr in einem kurzen geschichtlichen Ausflug ab Seite 13.
lange an den verschiedenen Universitäten üblich, dass im ersten
Studienjahr vor allem diese beiden Gebiete den Großteil des
Studiums ausmachen. Die Inhalte dieser beiden, üblicherweise Was ist neu an diesem Lehrbuch?
zwei Semester andauernden Vorlesungen nehmen den meisten
Raum des vorliegenden Buches ein. Mathematiker sind in ihrem Sprachgebrauch oftmals etwas
Im ersten Kapitel sprechen wir über Mathematik und ihre Rolle . . . na ja sonderbar. Wir Autoren, allesamt Mathematiker,
unter den Wissenschaften. Wir geben auch einen Einblick in ihre haben im Interesse der Studierenden – also insbesondere in
rund 6000-jährige Geschichte, und selbstverständlich wollen Ihrem Interesse – versucht, uns von dieser sonst üblichen
wir auch die didaktischen Elemente vorstellen, die dieses Werk etwas kargen und nüchtern zweckorientierten Sprechweise
gegenüber anderen Lehrbüchern auszeichnen. zu distanzieren. Wir haben – so weit wie möglich – Formeln
und abstrakte Dinge in Worte gefasst. Das ist neu; aber nicht
nur das.

1.1 Über Mathematik, Schwierige Aufgabenstellungen gibt es zuhauf in der Mathe-


matik. Wir haben uns stets bemüht, komplexe, undurchsich-
Mathematiker und tige und schwierige mathematische Zusammenhänge aufzu-
dieses Lehrbuch lösen und Schritt für Schritt zu erklären. Wir schildern, stellen
dar, gliedern und liefern Beispiele für nicht leicht zu verste-
hende Dinge. Begreift man nämlich die Zusammenhänge in
„Mathematik“ ist jedem ein Begriff, vielen flößt er Respekt der Mathematik, so mag es vielleicht noch nicht unbedingt
ein, manche bekommen weiche Knie, aber nur wenige kön- zu einer Karriere in der mathematischen Forschung reichen,
nen den Begriff richtig einordnen. Was bedeutet „Mathema- aber zu einem erfolgreichen Abschluss des ersten Studien-
tik“, und zu welcher Art Wissenschaft gehört die Mathema- jahrs allemal. In dem vorliegenden Lehrbuch nehmen Erklä-
tik? rungen viel Platz ein. Das ist neu, aber es gibt noch mehr.
Mathematik ist eine vielschichtige Wissenschaft, man unter-
Mathematik ist eine Formalwissenschaft scheidet Algebra, Analysis, Geometrie, Numerische Mathe-
matik, Optimierung, Variationsrechnung, Wahrscheinlich-
Man unterscheidet verschiedene Typen von Wissenschaften. keitstheorie und viele weitere Fachrichtungen. „Mathematik
Es gibt Naturwissenschaften, Geisteswissenschaften, Sozial- zu treiben“ bedeutet jedoch immer ein- und dasselbe, nämlich
wissenschaften, Ingenieurwissenschaften usw. Man könnte lernen (griech. μαθ ηματ ικ ή τ έχνη, Mathematik = Kunst
streiten, ob Mathematik eine Naturwissenschaft oder eine des Lernens). Insofern ist vielleicht der Ansatz, Mathema-
Geisteswissenschaft ist. Der Streit ist so alt wie derjenige, ob tik nicht nach Fachrichtungen, sondern nach dem jeweiligen
Mathematik gefunden oder erfunden wird, oder die Frage: Wissenstand zu erlernen, sinnvoll. Wir versuchen das im vor-
„Gäbe es Mathematik auch ohne den Menschen?“ liegenden Werk, indem wir nicht die zwei Hauptgebiete des
1.1 Über Mathematik, Mathematiker und dieses Lehrbuch 3

ersten Studienjahrs, nämlich Analysis und lineare Algebra, Situation ist in der Tat noch verworrener: Kurt Gödel zeigte,
nacheinander bzw. getrennt voneinander, sondern ineinan- dass die vermutete Widerspruchsfreiheit innerhalb des be-
der verwoben und teils gegenseitig aufeinander aufbauend trachteten Axiomensystems weder bewiesen noch widerlegt
behandeln. Die Zusammenhänge der Gebiete und die Ähn- werden kann.
lichkeit der mathematischen Schlüsse werden so klarer. Und
Man ist in der Mathematik bemüht, Theorien und Strukturen
auf einem solchen Fundament, das Analysis und lineare Al-
auf ein Minimum an notwendigen und jedem einleuchtenden
gebra miteinander verbindet, kann die weitere Mathematik
Axiomen aufzubauen. Das Ersetzen eines einzelnen Axioms
der folgenden Studienjahre sicher aufgebaut werden. Das ist
durch ein anderes wird im Allgemeinen zu einer deutlich
neu, aber es gibt noch mehr.
anderen Theorie führen. Ein berühmtes Beispiel ist das fünfte
Bei den meisten Studierenden der Mathematik geht nach den Postulat, beschrieben auf Seite 4.
ersten Wochen des Studiums der Überblick über den in den
Die Festlegung auf ein bestimmtes Axiomensystem ist nicht
Vorlesungen behandelten Stoff verloren, da das Tempo übli-
absolut zu sehen. Es gibt stets gleichwertige andere Formu-
cherweise enorm ist und für Motivationen und Zielsetzungen
lierungen, und man kann ohne Weiteres auf verschiedenen
in der Vorlesung oft nur wenig Zeit bleibt. Bei den Studieren-
Ebenen in eine mathematische Theorie einsteigen. So wer-
den entwickelt sich schnell ein (evtl. auch durchaus berech-
den wir etwa in diesem Buch in Kapitel 4 die reellen Zahlen
tigtes) Gefühl dafür, dass die Wissenschaft „Mathematik“
axiomatisch einführen, das Induktionsaxiom aus obigem Bei-
unendlich ist. Tatsächlich aber ist der Stoffumfang des ersten
spiel ergibt sich dann als Folgerung aus den Axiomen über
Studienjahrs an den meisten Universitäten sehr ähnlich und
reelle Zahlen. Ebenso kann man aber auch bei einer axio-
im Allgemeinen in Modulkatalogen festgehalten. Wir haben
matischen Definition der natürlichen Zahlen beginnen und
versucht, einen Konsens dieser Themen in einem einzigen
die weiteren Zahlensysteme darauf aufbauen. Dann ist das
Buch zu fixieren. Die Inhalte des vorliegenden Buches soll-
Induktionsaxiom ein notwendiges Axiom.
ten alle Themen, mit denen Sie im ersten Studienjahr kon-
frontiert werden, enthalten. Insofern haben wir für Sie einen Ausgehend von einem Axiomensystem versuchen Mathe-
greifbaren Horizont geschaffen (nämlich die letzte Seite die- matiker weitere Wahrheiten abzuleiten. Eine solche abge-
ses Buches). leitete Wahrheit nennt man in der Mathematik oft Satz oder
Theorem.

Die Mathematik basiert auf Axiomen Die wichtigsten Bausteine und Schritte zum Formulieren ma-
thematischer Sachverhalte lassen sich in drei Typen untertei-
Die Mathematik im Sinne einer Wissenschaft zu beschreiben, len, in Definition, Satz und Beweis. Bevor wir uns in ein
ist gar nicht so einfach, und es gibt auch keine allgemein an- Meer von Begriffen, Aussagen und Beweisen stürzen, bietet
erkannte Definition. Will man es unbedingt in Worte fassen, es sich an, zunächst einige grundlegende logische Aspekte,
so könnte man die Mathematik vielleicht auffassen als eine Sprechweisen und Notationen herauszustellen.
Wissenschaft, die von Grundwahrheiten ausgehend versucht,
weitere Wahrheiten zu ermitteln.
Definitionen liefern den Rahmen
Diese Grundwahrheiten sind die sogenannten Axiome, nach
älterer Sprechweise auch Postulate genannt. Durch Definitionen werden die Begriffe festgelegt, mit de-
nen man später arbeiten kann. Auch Notationen, auf die man
Darunter verstehen wir Aussagen, die nicht beweisbar sind,
sich einigt bzw. die üblich sind, gehören im weiteren Sinne
die wir aber als gültig voraussetzen. Die Gesamtheit der
in diese Kategorie. Definitionen können weder wahr noch
Axiome ist das Axiomensystem.
falsch sein, wohl aber mehr oder weniger sinnvoll. Auf je-
den Fall muss eine Definition wohldefiniert sein, das heißt,
Beispiel Man kann die natürlichen Zahlen durch ein Sy-
die Beschreibung beinhaltet eine eindeutige Festlegung und
stem von Axiomen einführen. Eines davon ist das sogenannte
führt nicht auf Widersprüche. Außerdem sollte bei allen ver-
Induktionsaxiom, welches in einer Formulierung besagt:
wendeten Begriffen klar sein, worauf diese sich beziehen.
Jede nichtleere Menge natürlicher Zahlen besitzt ein kleinstes Bei dem folgenden Beispiel gehen wir davon aus, dass wir
Element. bereits wissen, was eine Funktion ist.
Kaum einer wird das bezweifeln, aber tatsächlich ist diese
Beispiel Wir definieren die Wurzelfunktion f durch: „Die
Aussage nicht beweisbar, wir nehmen sie als allgemeingül-
Wurzelfunktion ist die Funktion, die jeder nicht negativen re-
tiges Gesetz an, also als Axiom. 
ellen Zahl x die nicht negative reelle Lösung y der Gleichung
x = y 2 zuordnet.“
Eigentlich haben die Mathematiker im Laufe der Jahre
verschiedene Axiomensysteme entwickelt. Natürlich ist es Würde man auf die Einschränkung positiv verzichten, so ist
wichtig, dass sich diese Vereinbarungen nicht widersprechen. die Beschreibung nicht mehr wohldefiniert. Erlauben wir
Man versuchte, die Widerspruchsfreiheit der gängigen Axio- etwa negative Werte für y, so gibt es zwei Werte, ±y, die
mensysteme zu beweisen. Das ist aber nicht gelungen. Die jedem x zugeordnet werden können. Die Definition würde
4 1 Mathematik – eine Wissenschaft für sich

Hintergrund und Ausblick: Das fünfte Postulat


Ein historisches Beispiel, das die Bedeutung von Axiomen deutlich macht, ist das fünfte Postulat in Euklids Schrift Elemente.
Modifikationen dieses Axioms führen auf sogenannte nichteuklidische Geometrien. Ersetzen des Postulats ist also durchaus
sinnvoll und führt widerspruchsfrei auf andere Geometrien, die sich zunächst der gewohnten Intuition entziehen.

Etwa um 300 v. Chr. sammelte der griechische Mathe- Im ersten Fall führt die Annahme, dass es keine paral-
matiker Euklid das geometrische Wissen seiner Zeit und lele Gerade gibt, auf die sogenannte elliptische Geometrie.
bewies in seiner Schrift Elemente alle Ergebnisse auf der Diese kann man sich auf einer Kugeloberfläche vorstellen,
Grundlage von fünf Postulaten: wobei „Geraden“ durch Großkreise, also Kreise mit ma-
ximalem Radius, und „Punkte“ durch gegenüberliegende
1. Zwei Punkte lassen sich stets durch eine Strecke ver-
Antipoden gegeben sind.
binden.
2. Eine gerade Linie kann endlos als gerade Linie verlän-
gert werden. Ersetzt man hingegen das fünfte Postulat durch die An-
3. Um jeden Punkt lässt sich ein Kreis mit beliebigem nahme, dass es mehr als eine parallele Gerade gibt, so
Radius ziehen. landet man in der hyperbolischen Geometrie, die man auf
4. Alle rechten Winkel sind einander gleich. einer Sattelfläche illustrieren kann (Abbildung). Die Un-
5. Wenn beim Schnitt einer geraden Linie mit zwei weite- terschiede in diesen Geometrien sind elementar. So ist
ren geraden Linien die Summe der auf derselben Seite etwa im Gegensatz zur euklidischen Geometrie die Win-
liegenden Innenwinkel kleiner als zwei rechte Winkel kelsumme im Dreieck in der elliptischen Geometrie größer
ist, dann schneiden sich die beiden Geraden auf der als 180◦ und in der hyperbolischen kleiner als 180◦ .
Seite, auf der die beiden Winkel liegen.
Nichteuklidische Geometrien sind zumindest formal zur
gewohnten euklidischen Geometrie völlig gleichwertig,
β auch wenn Punkte und Geraden nicht mehr dem entspre-
α chen, was wir anschaulich darunter verstehen. Die mathe-
matischen Minimalanforderungen, um von einer Geome-
g2 trie zu sprechen, sind in allen drei Fällen gewährleistet.
g1

Beim Beweis der ersten 28 Sätze in den Elementen hat


Euklid das fünfte Postulat nicht benötigt. Er hätte daher
sicher gerne diese fünfte Aussage bewiesen und sie nicht
als Axiom vorausgesetzt. Aber es fand sich kein Beweis
und auch nachfolgende Generationen waren erfolglos. Erst
im 19. Jahrhundert wurde klarer, warum kein Beweis zu
finden ist. Das fünfte Postulat ist gleichwertig zum Paral-
lelenaxiom:

Zu einer Geraden und einem nicht auf ihr liegenden Punkt


gibt es eine und nur eine Gerade, die durch diesen Punkt
verläuft und die erste Gerade nicht schneidet.

Nimmt man nun an, dass dieses Postulat nicht gilt, so


gibt es zwei Alternativen: Entweder es gibt keine paral-
lele Gerade oder es gibt mehrere. (siehe auch Seite 18 und
Seite 266)
1.1 Über Mathematik, Mathematiker und dieses Lehrbuch 5

nicht auf eine eindeutige Zuordnung, also nicht auf eine Erst der Beweis macht einen Satz zum Satz
Funktion, führen. Genauso ist die Definition nicht wohlde-
finiert, wenn für x negative Werte zugelassen sind, da die Von jeder Aussage, die als Satz, Lemma oder Korollar infrage
Forderung nach reellen Zahlen für y dazu im Widerspruch kommen soll, muss klar sein, dass sie wahr ist. Sie muss sich
steht.  beweisen lassen. Tatsächlich ist das Führen der Beweise zu-
gleich die wichtigste und die anspruchsvollste Tätigkeit in der
Neben diesen Kriterien sollte eine Definition allerdings noch Mathematik – der Kern unserer Wissenschaft. Einige grund-
ein weiteres erfüllen – sie sollte zweckmäßig sein. Also letzt- legende Techniken, Sprech- und Schreibweisen wollen wir
endlich sollte eine Definition die sich anschließenden Über- hier vorstellen. In späteren Kapiteln werden weitere folgen,
legungen und Kalküle sinnvoll stützen und strukturieren. All wie zum Beispiel das Prinzip der vollständigen Induktion.
diese Bedingungen sind nicht trivial. Bei manchen wichtigen Betonen wir zunächst allerdings noch den formalen Rahmen,
Begriffen, etwa den komplexen Zahlen, hat es lange gedau- an den man sich beim Beweisen im Idealfall halten sollte. Da-
ert, bis eine saubere und zweckmäßige Definition gefunden bei werden zunächst einmal die Voraussetzungen festgehal-
war. ten, anschließend wird die Behauptung formuliert, und erst
Wenn wir im vorliegenden Buch einen Begriff definieren, dann beginnt der eigentliche Beweis. Ist der Beweis gelun-
so schreiben wir ihn fett. Manchmal sind zu definierende gen, so lassen sich die Voraussetzungen und die Behauptung
Begriffe sehr suggestiv, wir verwenden ihn dann gelegentlich zur Formulierung eines entsprechenden Satzes zusammen-
schon vor seiner Definition oder auch in den einleitenden stellen. Außerdem ist es meistens angebracht, auch den Be-
Absätzen zu den Kapiteln. In diesem Fall schreiben wir ihn weis nochmal zu überdenken und schlüssig zu formulieren.
dann kursiv. Ist ein Begriff aber erst einmal definiert, so ist Da das Ende eines Beweises für Außenstehende nicht immer
dieser im weiteren Text nicht mehr besonders hervorgehoben. auf den ersten Blick zu erkennen ist, kennzeichnet man es
häufig mit „qed“ (quod erat demonstrandum) oder einfach
mit einem Kästchen „“. Insgesamt haben wir stets folgende
Sätze formulieren zentrale Ergebnisse Struktur, an die Sie sich auch bei Ihren eigenen Beweisfüh-
rungen halten sollten:
Aussagen, die nicht nur wahr sind, sondern auch weitrei- Voraussetzungen: . . .
chende Konsequenzen haben, werden in der Mathematik gern Behauptung: . . .
als Sätze bezeichnet. Beweis: . . . 

Allgemein ist die oben angegebene Reihenfolge kein Dogma.


Beispiel Der Satz des Pythagoras ist ein Musterbeispiel:
Auch in diesem Buch werden manchmal Aussagen hergelei-
„In jedem ebenen rechtwinkligen Dreieck ist die Summe der
tet, also letztendlich die Beweisführung bzw. die Beweis-
Quadrate der Längen der Katheten gleich dem Quadrat der
idee vorweg genommen, bevor die eigentliche Behauptung
Länge der Hypotenuse.“
komplett formuliert wird. Dies kann mathematische Zusam-
Diese Aussage über alle ebenen rechtwinkligen Dreiecke menhänge verständlicher machen. Aber die drei Elemente,
hat zahllose Anwendungen in Mathematik, Technik und den Voraussetzung, Behauptung und Beweis, bei Resultaten zu
Naturwissenschaften. Hingegen besitzt eine Aussage wie identifizieren, bleibt trotzdem stets wichtig, um Klarheit über
„1 < 2“, obwohl sie zweifellos richtig ist, nicht genug Trag- Aussagen zu bekommen.
weite, um üblicherweise als Satz bezeichnet zu werden. 

O. B. d. A. bedeutet
Sätze werden die Werkzeuge sein, mit denen wir ständig um-
gehen. Die Kenntnis zu vermitteln, welche grundlegenden ohne Beschränkung der Allgemeinheit
mathematischen Sätze in der Analysis und der linearen Al-
gebra zur Verfügung stehen, wie sie bewiesen werden können Mathematiker haben manchmal etwas gewöhnungsbedürf-
und wie man sie anwendet, ist ein wesentliches Ziel dieses tige Sprechweisen. Zu diesen gehört auf jeden Fall das, was
Buchs. sich hinter o.B.d.A verbirgt. O.B.d.A steht für „Ohne Be-
schränkung der Allgemeinheit“, manchmal sagt man statt-
Die zentralen Aussagen einer Theorie werden als Satz oder dessen auch o.E.d.A., also „ohne Einschränkung der Allge-
als Theorem bezeichnet. Dient ein Satz aber in erster Linie meinheit“ oder ganz kurz o.E., d. h. „ohne Einschränkung“.
dazu eine oder mehrere folgende und weitreichendere Aussa- Solche Formulierungen benutzt man beim Beweis von Aus-
gen zu beweisen, wird er oft Lemma (Plural Lemmata, grie- sagen. Will man z. B. die Aussage
chisch für Weg) oder schlicht Hilfssatz genannt. Hingegen
bezeichnet man mit Korollar oder Folgerung Konsequen- Jede natürliche Zahl n > 1 wird von einer Primzahl geteilt
zen, die sich aus zentralen Sätzen ergeben. beweisen, so kann man sich auf ungerade Zahlen beschrän-
ken, da im Fall, dass n gerade ist, natürlich die Zahl 2 ein
Teiler von n ist. Mathematiker würden hier also den Beweis
6 1 Mathematik – eine Wissenschaft für sich

mit der folgenden Sprechweise beginnen: O. E. sei n > 1 modernen Mathematik ist. Diese Sichtweise von Mathematik
eine ungerade natürliche Zahl . . . . Kann man dann die Be- ist übrigens noch nicht alt und hat sich erst zu Beginn des
hauptung für jede ungeraden Zahlen zeigen, so hat man die zwanzigsten Jahrhunderts etabliert. Die Logik ist schon seit
Behauptung für jede natürliche Zahl n > 1 gezeigt. der Antike eine philosophische Disziplin, die wir hier nicht
ausführlich behandeln wollen. Wir werden uns nur auf die
Mit diesem o. E., etwas ausführlicher o.B.d.A, schließt man
Aspekte der Logik konzentrieren, die in Hinblick auf das
mögliche Fälle aus, für die die Aussage klar ist. Man kann
Beweisen grundlegend sind.
aber auch Fälle ausschließen, die analog gezeigt werden kön-
nen: Das Grundprinzip der Logik, dass alle verwendeten Aus-
Jede beschränkte monotone Folge (an ) reeller Zahlen kon- drücke eine klare, scharf definierte Bedeutung haben müs-
vergiert. sen, sollte selbstverständlich sein für alle wissenschaftlichen
Betrachtungen. Das Prinzip bekommt aber gerade in der Ma-
Den Beweis dieser Aussage könnte man mit O. E. sei (an ) thematik ein ganz zentrales Gewicht. Daher ist die aus gutem
monoton steigend . . . beginnen. Den zweiten Fall nämlich, Grunde nicht mit Symbolen geizende Sprache der Mathe-
also der Fall, dass (an ) monoton fallend ist, kann man analog matik am Anfang sicher gewöhnungsbedürftig. Sie unter-
behandeln. scheidet sich von der Alltagssprache durch eine sehr genaue
Meistens aber sind es vereinfachende Annahmen, die man Beachtung der Semantik.
mit dem Voranstellen von o. E. trifft. Durch die vereinfachte
Annahme wird der Beweis leichter oder übersichtlicher, der
allgemeine Fall wird aber dennoch mitbehandelt. Abstraktion ist eine Schlüsselfähigkeit
Beispiel Die folgende Aussage können wir unter verein-
In der Mathematik stößt man immer wieder auf das Phäno-
fachten Annahmen beweisen:
men, dass unterschiedlichste Anwendungsprobleme durch
Jedes Polynom a x 3+b x 2+c x+d mit a, b, c, d ∈ R, a  = 0, dieselben oder sehr ähnliche mathematische Modelle be-
hat eine Nullstelle in R. schrieben werden. Zum Beispiel beschreibt ein und dieselbe
Differenzialgleichung die Schwingung eines Pendels und
Wir dürfen o. E. voraussetzen, dass a = 1 gilt und begründen
die Vorgänge in einem Stromkreis aus Spule und Konden-
die Aussage für das Polynom
sator.
x3 + b x2 + c x + d . Die Fähigkeit, das Wesentliche eines Problems zu erkennen
und bei unterschiedlichen Problemen, Gemeinsamkeiten aus-
Ist diese Aussage für diese speziellen Polynome vom Grad 3
zumachen, die für die Lösung zentral sind, nennt man die
aber erst einmal begründet, so hat man die Aussage auch für
Fähigkeit zur Abstraktion. Für Mathematiker ist Abstrak-
alle Polynome vom Grad 3 begründet, da man wegen a  = 0
tion eine Selbstverständlichkeit, ein Studienanfänger hinge-
a x3 + b x2 + c x + d = a p gen hat, wie wir sehr wohl wissen, anfänglich seine Schwie-
rigkeiten damit. Aber Abstraktion ist nun mal unabdingbarer
mit einem Polynom p vom speziellen Typ, für den die Aus- Bestandteil mathematischen Denkens. Daher haben wir viel
sage bereits bewiesen ist, schreiben kann.  Wert darauf gelegt, Ihnen den Zugang zur Abstraktion mit
vielen Beispielen zu erleichtern.
Bei jeder Verwendung von o.B.d.A bzw. o.E. mache man
sich stets klar: Man begründet nur einen Spezialfall der zu Beispiel In der Abbildung 1.1 sehen Sie 16 Kinder. Sie
begründenden Aussage, aber jeder andere Fall wird damit können dieses Bild ausschneiden. Vertauscht man nun die
auch begründet, da jeder andere Fall offenbar gültig oder oberen beiden Teile des Puzzles, so sind wieder Kinder zu
ähnlich zu behandeln ist oder auf den speziellen Fall zurück- sehen. Jetzt sind es aber nur noch 15! Wie kommt das zu
führbar ist; es ist also keine Einschränkung der Allgemeinheit Stande?
gegeben. Als Schreiber oder Lehrender überträgt man beim
Benutzen der Floskel o. E. somit die Aufgabe an den Leser Das Problem ist schwer zu durchschauen, weil die Kinder mit
oder Hörer, sich sorgsam zu vergewissern, dass tatsächlich ihrem komplizierten Erscheinungsbild von den wesentlichen
der allgemeine Fall begründet wird. Aspekten ablenken. Man kann verstehen, was passiert, indem
man das Puzzle selber nachbildet. Zeichnen Sie auf ein Stück
Papier ein identisches Schema von drei Rechtecken. Nun aber
Logische Aussagen strukturieren Mathematik abstrahieren Sie von den Kindern: Statt der komplizierten Fi-
guren zeichnen Sie einfach senkrechte Striche. Nun, in dieser
In den Beschreibungen des Terminus Satz haben wir schon abstrakten Version, kann man viel besser verstehen, wie sich
an einigen Stellen von Aussagen gesprochen. Letztlich sind die unterschiedlichen Teile der Kinder/Striche verteilen und
nahezu alle mathematischen Sachverhalte wahre Aussagen wieso die unterschiedliche Anzahl zustande kommt. Versu-
im Sinne der Aussagenlogik, die somit ein Grundpfeiler der chen Sie, es sich selbst zu erklären.
1.1 Über Mathematik, Mathematiker und dieses Lehrbuch 7

Abbildung 1.1 Kopieren Sie die Seite, schneiden Sie das Puzzle aus und vertauschen Sie die beiden oberen Puzzleteile. Zählen Sie die Kinder. Eines scheint
verschwunden zu sein . . . (mit freundlicher Genehmigung, © Mathematikum Gießen).

Sie haben nun vom Werkzeug der Abstraktion Gebrauch ge- schrieben wird, um dessen Verhalten testen und den Entwurf
macht, um ein schwieriges Problem auf seine wesentliche damit weiter optimieren zu können.
Struktur zu reduzieren und so zu vereinfachen. 
Viele Rechenroutinen können heute bequem mit Computer-
Erkennt ein Mathematiker bei unterschiedlichen Problemen algebrasystemen (CAS) erledigt werden. Man kann Rechen-
gleiche Strukturen, so versucht er, diese Strukturen zu isolie- aufgaben aus unterschiedlichen Bereichen der Mathematik
ren und für sich zu beschreiben. Er löst sich dann von dem lösen. Dabei können solche Systeme nicht nur mit Zahlen
eigentlichen Problem und untersucht stattdessen die isolierte umgehen wie etwa auch ein Taschenrechner, ein Computeral-
abstrakte Struktur. Durch diesen Prozess wird es möglich, mit gebrasystem rechnet auch mit Variablen, Funktionen oder
ein und derselben mathematischen Theorie unterschiedliche Matrizen. Solche Systeme können im Allgemeinen
Probleme gleichzeitig zu lösen. lineare Gleichungssysteme lösen,
Heutzutage ist beispielsweise der Begriff des (abstrakten) Zahlen und Polynome faktorisieren,
Vektorraums aus keiner mathematischen Grundvorlesung Funktionen differenzieren und integrieren,
wegzudenken. Trotzdem hat es bis ins 20. Jahrhundert gedau- Stammfunktionen zu Funktionen angeben,
ert, bis die wenigen wichtigen Prinzipien erkannt und isoliert zwei- oder dreidimensionale Graphen zeichnen,
waren, die ihm zugrunde liegen. Das Prinzip der Abstraktion Differenzialgleichungen lösen,
und die damit verbundene Kraft der mathematischen Argu- analytisch nicht lösbare Integrale oder Differenzialglei-
mentation kennenzulernen, erachten wir als ein wesentliches chungen näherungsweise lösen uvm.
Lernziel. Auf der Internetseite www.matheweb.de finden sich Mate-
rialien, die Ihnen beispielhaft zeigen, welche Möglichkeiten
Computeralgebrasysteme bieten. Sie finden zu verschiede-
Computer beeinflussen die Mathematik nen Themen Arbeitsblätter, die erläutern, wie mathematische
Konzepte im Computeralgebrasystem Maple umgesetzt wer-
den.
Die Verbreitung des Computers hat die Bedeutung der Mathe-
matik ungemein vergrößert. Mathematik wirkt heute prak- In der numerischen Mathematik, kurz auch Numerik genannt,
tisch in allen Lebensbereichen, angefangen von der Tele- entwickelt und analysiert man Algorithmen, deren Anwen-
kommunikation, Verkehrsplanung, Meinungsbefragung, bis dungen (näherungsweise) Lösungen von Problemen mithilfe
zur Navigation von Schiffen oder Flugzeugen, dem Auto- von Computern liefern. Oftmals, vor allem in der Praxis, ist es
mobilbau, den neuen bildgebenden Verfahren der Medizin nämlich so, dass man z. B. Gleichungen erhält, die nicht exakt
oder der Weltraumfahrt. Es gibt kaum ein Produkt, das nicht lösbar sind oder deren Lösungen nicht in analytischer Form
vor seinem Entstehen als virtuelles Objekt mathematisch be- angegeben werden können. Hier schafft die numerische Ma-
8 1 Mathematik – eine Wissenschaft für sich

thematik Abhilfe. Im Gegensatz zu Computeralgebrasyste- 1.2 Die didaktischen Elemente


men arbeitet ein numerisches Verfahren stets mit konkreten
Zahlenwerten, nicht mit Variablen oder anderen abstrakten dieses Buchs
Objekten. Computeralgebrasysteme benutzen die Algorith-
men, die in der numerischen Mathematik entwickelt wurden. Dieses Lehrbuch weist eine Reihe didaktischer Elemente auf,
die Sie beim Erlernen des Stoffes unterstützen. Diese Ele-
Mit der numerischen Mathematik kommt man im Mathema- mente haben sich bereits in dem Buch „Mathematik“, das
tikstudium meist erst ab dem dritten Semester in Berührung. beim gleichen Verlag erschienen ist, bewährt und wurden für
Für das Verständnis der numerischen Mathematik ist ein fun- das vorliegenden Werk angepasst. Auch wenn diese didak-
diertes Wissen aus der Analysis und linearen Algebra unab- tischen Elemente eigentlich selbsterklärend sind, wollen wir
dingbar. kurz schildern, wie sie zu verstehen sind und welche Hinter-
gedanken wir dabei verfolgen.

Was macht man im ersten Studienjahr? Farbige Überschriften geben den


Kerngedanken eines Abschnitts wieder
Es hat sich als sehr sinnvoll erwiesen, dass man von den
vielen Gebieten der Mathematik im ersten Studienjahr vor Der gesamte Text ist durch farbige Überschriften geglie-
allem Analysis und lineare Algebra unterrichtet. Diese bei- dert. Eine solche Überschrift fasst den Kerngedanken des
den Gebiete sind fundamental: Sie schlagen eine Brücke von folgenden Abschnitts zusammen. In der Regel kann man
der Schulmathematik zur Hochschulmathematik, da Bekann- eine farbige Überschrift mit dem dazugehörigen Abschnitt
tes aus der Schulzeit behandelt wird und zugleich Wissen als eine Lerneinheit betrachten. Machen Sie nach dem Le-
geschaffen wird, das grundlegend für weitere Gebiete der sen eines solchen Abschnitts eine Pause und rekapitulieren
Mathematik ist. Sie die Inhalte dieses Abschnitts – denken Sie auch darüber
nach, inwieweit die zugehörige Überschrift den Kerngedan-
Üblicherweise haben es Mathematikstudierende, meist von
ken fasst. Bedenken Sie, dass diese Überschriften oftmals nur
einem Nebenfach abgesehen, erst mal mit Ana und LA zu tun
kurz und prägnant gefasste mathematische Aussagen sind,
(um gleich mal die Sprache der Studierenden zu benutzen).
die man sich gut merken kann, jedoch keinen Anspruch auf
In den Vorlesungen hört man beide Gebiete getrennt und üb-
Vollständigkeit haben – es kann hier auch manche Vorausset-
licherweise auch bei verschiedenen Dozenten. In unserem
zung weggelassen sein.
Buch liegen beide Gebiete ineinander verzahnt vor.
Im Gegensatz dazu gibt es die gelben Merkkästen. Sie be-
In der Analysis geht es um Funktionen und ihre Eigenschaf- inhalten meist Definitionen oder wichtige Sätze bzw. For-
ten. Für Konzepte wie Stetigkeit, Differenzierbarkeit oder meln, die Sie sich wirklich merken sollten. Bei der Suche
Integrierbarkeit ist der Begriff des Grenzwerts von zentraler nach zentralen Aussagen und Formeln dienen sie zudem als
Bedeutung. Den Themen aus diesem Bereich sind die Kapitel Blickfang. In diesen Merkkästen sind in der Regel auch alle
8, 9, 10, 11, 15, 16, 20, 21, 22, 23 dieses Buchs gewidmet. Voraussetzungen angegeben.
Die lineare Algebra ist die Theorie der Vektorräume. In die-
sen Bereich gehören die linearen Gleichungssysteme, die Definition einer Folge
Matrizen und viele Fragen der Geometrie. Wir stellen die- Eine Folge ist eine Abbildung der natürlichen Zahlen in
sen Bereich in den Kapiteln 5, 6, 7, 12, 13, 14, 17, 18 vor. eine Menge M, die jeder natürlichen Zahl n ∈ N ein
Sowohl lineare Algebra als auch die Analysis bauen auf Element xn ∈ M zuordnet.
grundlegenderen Überlegungen auf, die üblicherweise als
Abbildung 1.2 Gelbe Merkkästen heben das Wichtigste hervor.
Grundstrukturen bezeichnet werden. Dazu gehören etwa
die Mengen, Abbildungen, algebraische Strukturen und das
Von den vielen Fallstricken der Mathematik können wir Do-
Zahlensystem. Außerdem gibt es übergreifende Themen, die
zenten ein Lied singen. Wir versuchen Sie davor zu bewah-
sowohl auf der Analysis als auch auf der linearen Algebra
ren und weisen Sie mit einem roten Achtung auf gefährliche
aufbauen. Diesen Aspekten sind die Kapitel 2, 3, 4, 19, 24,
Stellen hin.
25, 26 gewidmet.

Die Zugehörigkeit der Kapitel zu den verschiedenen Gebie- Achtung: Man achte wieder auf die grundsätzlich ver-
ten erkennen Sie auch an den Kapiteleingangsseiten, den schiedenen Bedeutungen der Additionen, die wir mit ein und
Überschriften oder den Seitenzahlen: Die Kapitelnummern, demselben +-Zeichen versehen. Man unterscheide genau:
Überschriften und Seitenzahlen sind bei den Kapiteln zur f + g bezeichnet die Addition in KM und f (x) + g(x) jene
Analysis grün, bei den Kapiteln zur linearen Algebra blau in K.
und bei den grundlegenden und übergreifenden Kapiteln Abbildung 1.3 Mit einem roten Achtung beginnen Hinweise zu häufig ge-
braun. machten Fehlern.
1.2 Die didaktischen Elemente dieses Buchs 9

Um neue Begriffe, Ergebnisse oder auch Rechenschemata Unter der Lupe: Der Zwischenwertsatz
mit Ihnen einzuüben, haben wir zahlreiche Beispiele im Text Die Funktion f : [a, b] → R soll stetig sein und besitzt daher eine Minimalstelle x − und eine Maximalstelle x + auf [a, b]. Es
gibt dann für jedes y ∈ [f (x − ), f (x + )] eine Zahl x̂ ∈ [a, b] mit
integriert. Diese (kleinen) Beispiele erkennen Sie an der f (x̂) = y.

blauen Überschrift Beispiel, das Ende eines solchen Beispiels Verdeutlichung der Aussage: Die Aussage ist leicht am
Graphen einer stetigen Funktion wie dem in der Abbildung
Da a ∈ A liegt, ist diese Menge garantiert nichtleer. Au-
ßerdem ist die Menge beschränkt, denn offensichtlich ist
markiert ein kleines blaues Dreieck. einzusehen. Die Niveaulinie zu y muss bei einer stetigen
Funktion offensichtlich den Graphen schneiden. Genau an
A ⊆ [a, b]. Somit hat A ein Supremum, das wir mit x̂
bezeichnen.
einer solchen Stelle liegt die gesuchte Stelle x̂.
Was wissen wir über den Funktionswert von f an der Stelle
x̂ ? Wenn wir eine gegen x̂ konvergente Folge (xn ) aus A
Beispiel f (x)
betrachten, so folgt aufgrund der Stetigkeit von f , dass

⎛ En ∈ K
Die Einheitsmatrix n×n ist symmetrisch. f (x + )
⎞ f (x̂) = f ( lim xn ) = lim f (xn ) ≤ y
n→∞ n→∞

√1 2 i y ist.

Die Matrix A = ⎝ 2 −1 2 i + 1⎠ ∈ C3×3 ist nicht f (x − )


Nun müssen wir noch zeigen, dass f (x̂) = y gilt, d. h.,
wir müssen f (x̂) < y ausschließen. Dazu bietet es sich
i+1 3 11 a A x̂ x+ x− b x
an, einen Widerspruch zu konstruieren. Nehmen wir an,
f (x̂) < y. Dann muss wegen der Stetigkeit von f auch in
symmetrisch.  einer hinreichend kleinen Umgebung von x̂ diese Abschät-
zung gelten. Insbesondere existieren Stellen x zwischen x̂
Diskussion der Beweisidee: Da wir für eine beliebige und x + , für die f (x) < y ist. Dies ist aber ein Widerspruch
stetige Funktion die Stelle x̂ sicher nicht explizit ange- dazu, dass x̂ das Supremum von A ist. Für den formalen
Abbildung 1.4 Kleinere Beispiele sind in den Text integriert ben können, müssen wir abstrakter argumentieren, um die Beweis ist diese Argumentation sauberer zu formulieren.
Existenz einer solchen Stelle zu zeigen. Es bieten sich auf Mit der ε-δ-Beschreibung der Stetigkeit wird im Beweis
Grundlage des bisher Bewiesenen zwei Möglichkeiten an, eine Zahl x̃ ∈ [x̂, x + ] konstruiert, für die f (x̃) < y gilt.
die beide wesentlich auf dem Vollständigkeitsaxiom auf- Somit ist x̃ ein Element von A, aber größer als x̂.
Neben diesen (kleinen) Beispielen gibt es – meist ganzsei- bauen. Entweder konstruieren wir explizit eine Folge (xn ),
zu der wir Konvergenz in [a, b] zeigen können, und ver- Mit diesen Überlegungen haben wir den Fall f (a) < y

tige – (große) Beispiele. Diese ausführlich geschilderten Bei- suchen die Stetigkeit von f zu nutzen, um zu beweisen,
dass im Grenzfall gerade der Funktionswert y angenom-
vollständig erledigt. Für den Fall f (x̂) > y können wir
den Graphen von f an der Niveauline f (x) = y spiegeln.
Dies entspricht dem Betrachten von g(x) = y − f (x),
spiele behandeln meist komplexere oder allgemeinere Pro- men wird. Alternativ können wir versuchen, die Stetigkeit
zu nutzen, um eine Teilmenge von [a, b] zu finden, deren x ∈ [a, b]. Im Fall f (a) = y haben wir mit a schon
die Zwischenstelle gefunden. Insgesamt haben wir einen
bleme, deren Lösung mehr Raum einnimmt. Manchmal wird Supremum gerade die gesuchte Stelle ist. In beiden Fällen
besteht ein Beweis aus zwei Teilen. Man muss die Existenz vollständigen Beweis erarbeitet.
von x̂ sicherstellen und sich überlegen, dass f (x̂) = y gilt.
auch eine Mehrzahl prüfungsrelevanter Einzelbeispiele über- Im Haupttext wurde die zweite Möglichkeit für den Be- Bemerkungen:
weis gewählt. Ein erster rigoroser Beweis des Zwischenwertsat-
sichtlich in einem solchen Kasten untergebracht. Ein solcher zes wurde vom Mathematiker Bernard Bolzano
(1781–1848) in einer Arbeit aus dem Jahre 1817 ausge-
Umsetzung der Idee: Wir beschränken uns zunächst auf
Kasten trägt einen Titel, einen blau unterlegten einleiten- den in der Abbildung dargestellten Fall, dass f (a) < y
führt. Unabhängig erschien vier Jahre später ein Beweis
durch Augustin Louis Cauchy (1789–1857).
ist. Anschaulich ist klar, dass es zwischen a und x + min-
den Text, der die Problematik schildert, einen Lösungshin- destens einen Schnittpunkt mit der Niveaulinie f (x) = y
Das Vollständigkeitsaxiom wird nicht nur im Be-
weis verwendet, es ist auch fundamental dafür, dass
gibt. Um diesen zu konstruieren, definieren wir die Menge
weis, in dem das Vorgehen zur Lösung kurz erläutert wird, A durch
die Aussage überhaupt gilt. Konstruieren Sie selbst
ein Gegenbeispiel im Fall einer stetigen Funktion
A = {x ∈ [a, x + ] | f (x) ≤ y} . f : [a, b] ∩ Q → Q.
und schließlich den ausführlichen Lösungsweg (siehe Abbil-
dung 1.5).
Abbildung 1.6 Sätze bzw. deren Beweise, die von großer Bedeutung sind,
betrachten wir in einer sogenannten Unter-der-Lupe-Box genauer.
Beispiel: Betrag und Argument komplexer Zahlen
Gesucht sind die Beträge und die Argumente der Zahlen
z1
z1 , z2 , z1 + z2 ,

und
z2 sollten Sie die Frage beantworten können. Nutzen Sie diese
mit z1 = −1 + i und z2 = 1 + 3i.
Fragen als Kontrolle, ob Sie noch am Ball sind. Sollten Sie die
Problemanalyse und Strategie: Zunächst berechnen wir Betrag und Argument von z1 und z2 . Danach nutzen wir
die Rechenregeln, um die weiteren Beträge und Argumente zu bestimmen. Antworten nicht kennen, so empfehlen wir Ihnen, den vor-
 
Lösung: arg(z1 ) = arctan
−1
1
+π =−
π
4
+π =

4
hergehenden Text ein weiteres Mal durchzuarbeiten. Kurze
Beginnen wir mit den Beträgen der angegebenen Zahlen:
Wir berechnen

und √  Lösungen zu den Selbsttests („Antworten der Selbstfragen“)
√ √ 3 π
|z1 | = (−1)2 + 12 = 2 und |z2 | = 1 + 3 = 2 . arg(z2 ) = arctan = ,
1

3 finden Sie am Ende der jeweiligen Kapitel.
Für die Summe folgt weiter 3/2 √
√ wobei die Identität sin(π/3)/ cos(π/3) = 1/2 = 3
|z1 + z2 | = | − 1 + i + 1 + 3i| verwendet wurde. Das Argument der Summe berechnen
 √ √
?
wir direkt zu
= (1 + 3)2 = 1 + 3 √ π
arg(z1 + z2 ) = arg((1 + 3)i) = .
2
Den Betrag des Quotienten berechnen wir aus
   
 z1   z1 z2  1 1 1
Für den Quotienten folgt mit den Rechenregeln
   
Bestimmen Sie die beiden Lösungen der Gleichung z2 = i.
 = 
 z   |z |2  = 4 |z1 | |z2 | = 4 |z1 | |z2 | = √2 . arg
z1
= arg
z1 z2
2 2
z2 |z2 |2
Die Hauptwerte der Argumente von z1 und z2 lassen = arg(z1 z2 )
sich entweder aus einer Skizze der Zahlen in der Zah-
= arg(z1 ) + arg(z2 )
Abbildung 1.7 Selbsttests ermöglichen eine Verständniskontrolle.
lenebene ersehen oder wir berechnen diese mithilfe der
Wertetabelle für die trigonometrischen Funktionen auf 3 1 5
= arg(z1 ) − arg(z2 ) = π− π= π.
Seite 104 4 3 12
Im Allgemeinen werden wir Ihnen im Laufe eines Kapitels
Abbildung 1.5 Größere Beispiele stehen in einem Kasten und behandeln viele Sätze, Eigenschaften, Merkregeln und Rechentechni-
komplexere Probleme. ken vermitteln. Wann immer es sich anbietet, formulieren wir
die zentralen Ergebnisse und Regeln in sogenannten Über-
Manche Sätze bzw. ihre Beweise sind so wichtig, dass wir sie sichten. Neben einem Titel hat jede Übersicht einen einlei-
uns genauer unter die Lupe nehmen. Dazu dienen die Boxen tenden Text. Meist sind die Ergebnisse oder Regeln stich-
Unter der Lupe. Zwar sind diese Sätze mit ihren Bewei- punktartig aufgelistet. Eine Gesamtschau der Übersichten
sen stets auch im Fließtext ausführlich dargestellt, in diesen gibt ein Verzeichnis im Anschluss an das Inhaltsverzeich-
zugehörigen Boxen jedoch geben wir weitere Ideen und An- nis – die Übersichten dienen in diesem Sinne also auch als
regungen, wie man auf diese Aussagen bzw. ihre Beweise eine Art Formelsammlung (siehe Abbildung 1.8).
kommt. Wir geben oft auch weiterführende Informationen
Hintergrund und Ausblick sind oft ganzseitige Kästen, die
zu Beweisalternativen oder mögliche Verallgemeinerungen
eine Thematik behandeln, die weiterführenden Charakter hat.
der Aussagen (siehe Abbildung 1.6).
Meist kann das Thema wegen Platzmangels nur angerissen,
Ein sehr häufig eingesetztes Element ist das des Selbsttests. also keinesfalls erschöpfend behandelt werden. Die Gestal-
Meist enthält dieser Selbsttest eine Frage an Sie. Sie erkennen tung dieser Kästen ist analog zu jener von Übersichten. Die
dieses Merkmal an dem Fragezeichen. Mit dem Gelesenen Themen, die hier angesprochen werden, sind vielleicht nicht
10 1 Mathematik – eine Wissenschaft für sich

Übersicht: Die Klassifizierung der Folgen


Zum Ende eines jeden Kapitels haben wir Ihnen die wesent-
In diesem Kapitel wurden Eigenschaften bestimmter Klassen von Folgen genauer Untersucht. Hier werden diese Eigenschaften
und die Zusammenhänge zwischen ihnen noch einmal gesammelt dargestellt.
lichen Inhalte, Ergebnisse und zentralen Vorgehensweisen
Im folgenden Venn-Diagramm sind die Eigenschaften von Beispiel: Betrachten wir die Folge (an ) mit
in einer Zusammenfassung dargelegt. Die hier dargestell-
Folgen, die wir näher untersucht haben, und ihre Zusam-
menhänge als Teilmengen der Menge aller Folgen darge- 1
ten Zusammenhänge sollten Sie nachvollziehen können, und
an = 1 + , n ∈ N.
stellt. Zu jeder Klasse ist auch ein typischer Vertreter mit
angegeben.
n mit den geschilderten Rechentechniken, und Lösungsansät-
Da, für alle n ∈ N, 0 ≤ 1/n ≤ 1 ist, folgt auch 1 ≤ an ≤ 2.
Die Folge ist beschränkt und gehört zur gelben Menge. zen sollten Sie umgehen können.
alle Folgen Ferner ist

an+1 − an =
1 1
− =−
1
≤ 0.
Die erlernten Techniken können Sie an den zahlreichen Auf-
beschränkte Folgen n+1 n n (n + 1)
 konvergente


Folgen (n) gaben zum Ende eines jeden Kapitels erproben. Wir unter-
(−1)n 1 Die Folge ist monoton fallend und gehört damit zur blauen

n
(−1)n
n
monotone Folgen Menge im Diagramm. Das Monotoniekriterium besagt scheiden zwischen Verständnisfragen, Rechenaufgaben und
nun, dass die Schnittmenge der blauen und der gelben

(−1)n n
Menge, also gerade der grüne Bereich im Diagramm, nur Beweisaufgaben – jeweils in drei verschiedenen Schwierig-
aus konvergenten Folgen besteht. Somit ist (an ) konver-
gent. keitsgraden. Versuchen Sie sich zuerst selbstständig an den
Aufgaben. Erst wenn Sie sicher sind, dass Sie es alleine nicht
Abbildung 1.8 In Übersichten werden verschiedene Begriffe oder Rechenregeln
schaffen, sollten Sie die Hinweise am Ende des Buches zurate
zu einem Thema zusammengestellt.
ziehen oder sich an Kommilitonen wenden. Zur Kontrolle
finden Sie hier auch die Resultate. Sollten Sie trotz Hinwei-
unmittelbar grundlegend für das erste Studienjahr, sie sollen sen nicht mit der Aufgabe fertig werden, finden Sie auf der
Ihnen aber die Vielfalt und Tiefe verschiedener mathemati- Website www.matheweb.de die Lösungswege.
scher Fachrichtungen zeigen und auch ein Interesse an diesen
Themen wecken (siehe Abbildung 1.9).
1.3 Ratschläge zum Einstieg in
die Mathematik
Sie als Studienanfänger werden sich bald in der Situation
befinden, in der sich bereits Tausende vor Ihnen befunden
haben und sich auch noch Tausende nach Ihnen befinden
werden: Es ist oftmals gar nicht so schwierig, die Beweise aus
der Vorlesung nachzuvollziehen, es scheint aber manchmal
schier unmöglich, selbstständig einen Beweis zu formulieren.
Aber das Beweisen von Sätzen ist das A und O in der Ma-
thematik. Und da es kein allgemeingültiges Schema gibt, das
Ihnen einen Weg vorgibt, wie Sie beim Beweisen von Aussa-
gen vorzugehen haben, ist es – vor allem zum Studienbeginn –
so schwierig, überhaupt auch nur Ansätze zu finden, die zu
einem Beweis einer Aussage führen können.
Eine Regel aber gilt auf jeden Fall: Die Erfahrung macht den
Meister! Kennt man viele unterschiedliche Beweise, so hat
man ein ganzes Sammelsurium an Ideen, die schon einmal
zu Lösungen geführt haben; und die richtige Idee zu haben,
ist oftmals das Entscheidende zum Beweis eines Satzes.

Zu Studienbeginn sieht man bei großen


Beweisen zu und führt selbst nur kleine
Beweise

In der Vorlesung geht es gleich zu Beginn meist hoch her. Man


Abbildung 1.9 Ein Kasten Hintergrund und Ausblick gibt einen Einblick in ein rührt in den Grundlagen der Mathematik, spricht meist über
weiterführendes Thema. das Induktionsprinzip und das Wohlordnungsprinzip und be-
weist die Gleichwertigkeit dieser Prinzipien. Kein Mensch
Bitte beachten Sie, dass Sie weder die Hintergrund-und- erwartet dabei von Ihnen, dass Sie auf diesen Beweis inner-
Ausblicks-Kästen noch die Unter-der-Lupe-Kästen kennen halb kurzer Zeit selbst kommen sollten. Sie sollten solche Be-
müssen, um den sonstigen Text des Buchs verstehen zu kön- weise erst einmal nur nachvollziehen können. Die Beweise,
nen. Diese beiden Elemente bringen also nur zusätzlichen die man von Ihnen erwartet, sind deutlich einfacherer Natur.
Stoff, im restlichen Text wird nicht auf die vertiefenden Ele- In Ihren Übungen beweisen Sie anfangs zum Beispiel Unglei-
mente Bezug genommen. chungen, die Sie oftmals durch rechnerische Umformungen
1.3 Ratschläge zum Einstieg in die Mathematik 11

Abbildung 1.10 In dem Beweis des Satzes zur Primeigenschaft wird auf die Voraussetzungen und auf bekannte Ergebnisse zurückgegriffen.

erhalten. An das Formulieren von umfangreichen und kom-


plizierten Beweisen muss man langsam herangeführt werden.
Dazu gehört, dass Sie die Beweise aus den Vorlesungen ana-
lysieren, d. h.:
auf Korrektheit prüfen,
in Teilschritte gliedern,
überprüfen, wo die Voraussetzungen eingehen,
mit Beweisen ähnlicher Aussagen vergleichen,
alternative Beweise der gleichen Aussage vergleichen,
überprüfen, ob Modifikationen der Aussage (Verschär-
fung, Verallgemeinerung, Abschwächung) unter modifi-
zierten Voraussetzungen beweisbar sind.
Abbildung 1.11 In einer Vorlesung führt man Beweise gerne kurz und knapp.
Wir betrachten das an einem Beispiel (siehe Abbildung 1.10). Zum Verständnis sind die gesprochene Worte des Dozenten oft unablässig.
In einer Vorlesung sind die Beweise meist nicht so ausführlich
wie in einem Buch. Die Tafelanschrift ist dort viel knapper,
Schwierigkeiten und so sind viele „Beweise“ von Studienan-
aber dafür gibt es in einer Vorlesung noch die erklärenden
fängern unvollständig oder fehlerhaft.
Worte des Dozenten. Es ist wichtig, bei den Erklärungen am
Ball zu bleiben (Abb. 1.11). Sie können ihre eigene Beweisführungskompetenz schärfen,
indem Sie

Mit Kommilitonen und viel Hintergrundwissen unvollständige und/oder falsche Argumente in Beweisen
ist es leichter entdecken,
unvollständige Beweise komplettieren,
Man lernt sehr viel dabei, wenn man sich mit Kommilitonen falsche Beweise korrigieren oder durch Gegenbeispiele
zusammentut und die Beweisführungen zu den verschiede- widerlegen,
nen Aufgaben, die im Laufe des Studiums gestellt werden, anhand von Beweisversuchen unscharfe Hypothesen prä-
miteinander vergleicht. Natürlich hat man als Anfänger zisieren.
12 1 Mathematik – eine Wissenschaft für sich

Übersicht: Ratschläge für das Studium Mathematik


Es gibt hierfür keine allgemeingültigen Regeln. Wir geben Ratschläge, die wir im Laufe vieler Jahre gesammelt haben.

Zur Vorlesung Das konkrete Lösen von Aufgaben


– Denken und schreiben Sie mit. Durch das Schreiben – Lesen Sie die Aufgabenstellung genau: Ist nach einer
prägt sich der Stoff besser ein. Lösung oder einer Lösungsmenge gefragt? Im zwei-
– Es ist üblich, dass man nicht alle Inhalte einer Vorle- ten Fall sollten Sie auch eine Menge angeben.
sung sofort versteht; versuchen Sie aber stets am Ball – Ist Ihr Ergebnis plausibel? Stimmen die Einheiten?
zu bleiben. – Notieren Sie in Ihren Lösungen, wo Sie welche Er-
– Stellen Sie an den Dozenten Fragen, falls Sie etwas gebnisse der Vorlesung oder Übung benutzen; wie-
nicht verstanden haben. derholen Sie bei dieser Gelegenheit diese benutzten
– Auch Dozenten machen Fehler, weisen Sie ihn darauf Ergebnisse.
hin, falls Sie dies bemerken. – Was sind die Voraussetzungen in der Aufgabenstel-
Hausaufgaben und Nachbearbeitung der Vorlesung lung? Welche Begriffe der Aufgabenstellung kennen
– Planen Sie mehrere Stunden für Hausaufgaben und Sie aus der Vorlesung oder anderen ähnlichen Auf-
Nachbearbeitung der Vorlesungsinhalte ein. gabenstellungen?
– Erinnern Sie sich an die Themen, zentralen Defini- – Seien Sie nicht demotiviert, wenn Sie eine Aufgabe
tionen, Sätze und Regeln? nicht lösen können – auch beim Lösungsversuch
– Arbeiten Sie die Vorlesungsinhalte anhand der Auf- lernt man.
gaben nach. – Bearbeiten Sie viele Aufgaben, Übung macht den
– Machen Sie sich Begriffe und Notationen an eigenen, Meister.
einfachen Beispielen klar. – Wenn Sie bei einer Aufgabe nicht weiterkommen,
– Lernen Sie nicht stur auswendig, versuchen Sie, die sollten Sie überlegen, ob eine ähnliche Aufgabe in
Zusammenhänge zu verstehen. einer Tutor-/Zentralübung besprochen worden ist.
– Bilden Sie Arbeits- und Lerngruppen mit Kommili- Wie wurde sie dort gegebenenfalls gelöst?
tonen, mit denen Sie gut zusammenarbeiten können. – Auch wenn Sie einen (korrekten) Lösungsweg ge-
– Versuchen Sie sich an den Aufgaben zuerst selbst und funden haben, ist es manchmal sinnvoll über andere,
gehen Sie nicht unvorbereitet in Ihre Arbeitsgruppe. eventuell kürzere Wege nachzudenken.
Holen Sie sich erst dann Hinweise, wenn Sie nach in- Häufige Fehler
tensiver Beschäftigung mit einer Aufgabe nicht wei-
– Wird eine Voraussetzung nicht benutzt, so ist das Er-
terkommen.
gebnis selten richtig.
– Erklären Sie Ihren Kommilitonen den Stoff.
– Geben Sie an, woher ihre Variablen sind – so haben
– Formulieren Sie Ihre Lösungen so, dass jemand an-
Sie immer die Kontrolle über Ihre Elemente.
deres Ihre Gedankengänge verstehen und nachvoll-
– f −1 (x) ist oft zweideutig; Stichwort Umkehrfunk-
ziehen kann.
tion und Urbildmenge – beachten Sie das vor allem
– Haben Sie in Ihrer Vorlesungsmitschrift alle Fehler
auf Ihrem Taschenrechner.
ausgemerzt?
– Wenn Sie durch x − a teilen, müssen Sie den Fall
Übungsgruppen
x = a gesondert betrachten – teilen Sie nicht durch
– Stellen Sie Fragen.
null!
– Nutzen Sie die Möglichkeit zum Vorrechnen.
– Achten Sie auf Vorzeichen beim Ziehen von Wurzeln.
– Besuchen Sie jede Woche möglichst die gleiche
– Reflektieren Sie Ihre Rechnungen und Ergebnisse.
Übungsgruppe.
Seitenlangen Umformungen bei Haus- oder Klausur-
– Machen Sie sich mit den Aufgaben vor der Übung
aufgaben gehen oft Rechenfehler oder unpassende
vertraut – verstehen Sie alle Begriffe?
Ansätze voraus. Auch sehr große, rechenaufwendige
Der Umgang mit einem Lehrbuch
Zahlen deuten auf Fehler hin.
– Lesen Sie langsam.
– Gilt tatsächlich ⇔ oder doch nur ⇒ bzw. ⇐?
– Beachten Sie bei Sätzen alle Voraussetzungen. Suchen
Sie bei Herleitungen nach den Stellen, an denen die Prüfungsvorbereitung
Voraussetzungen benutzt werden. Achten Sie auf Ge- – Ständiges Mitarbeiten spart viel Prüfungsvorberei-
neralvoraussetzungen, wie etwa „X ist eine Menge“. tung.
– Gedankenstriche könnten fälschlicherweise auch als – Formulieren Sie die zentralen Definitionen, Sätze
Minuszeichen interpretiert werden. und Regeln separat in einer ausführlichen Zusam-
– Wenn Sie am Ende einer Zeile oder Seite etwas nicht menfassung.
verstehen, gucken Sie in die nächste Zeile bzw. Seite. – Machen Sie sich einen Spickzettel mit einer eige-
– Bedenken Sie, dass in einem Buch auch Druckfehler nen, stichwortartigen Gliederung: Was Sie notieren,
sein können. werden Sie wissen.
1.4 Eine kurze Geschichte der Mathematik 13

Beim Lösen von Aufgaben sollten Sie Hintergrundwissen Auswahl sein und ist auch durch die Vorlieben des Verfas-
benutzen, beachten Sie das folgende Beispiel. sers bestimmt. Eine kulturgeschichtliche Zeitreise vermittelt
die Lektüre „6000 Jahre Mathematik“ (Band 1 und Band 2)
Beispiel Wir betrachten erneut den Satz zur Primeigen- von Hans Wußing (Springer-Verlag 2008/2009). Von diesen
schaft und begründen auf eine andere Art und Weise wie beiden Bänden hat der Verfasser dieser „kurzen Geschichte
oben geschehen, dass jede Primzahl p die folgende, soge- der Mathematik“ zahlreiche Anregungen erhalten. Dankens-
nannte Primeigenschaft erfüllt: werterweise konnten auch einige Abbildungen übernommen
werden.
p | a b ⇒ p | a oder p | b, wobei a, b ∈ N .

Einen naheliegenden Beweisansatz findet man wie folgt:


p | a b bedeutet doch gerade, dass es ein c ∈ N gibt mit: Am Anfang war die Zahl

pc = ab. (1.1)
Zahlen, in allen Kulturen schon in einem frühen Stadium der
Nun denken wir an den Fundamentalsatz der Arithmetik, der Entwicklung zum Zählen, Rechnen und Vergleichen verwen-
hoffentlich vielen aus der Schulzeit bekannt ist. Dieser Satz det, spielen auch in unserem Alltagsleben eine nicht wegzu-
besagt, dass jede natürliche Zahl n > 1, von der Reihen- denkende Rolle. Ob Telefonnummern, Kontostände, Preise,
folge der Faktoren abgesehen, eindeutig als ein Produkt von Zinsen und Zeitangaben, Zahlen sind allgegenwärtig. Man
Primzahlen geschrieben werden kann, d. h.: kann sagen, dass die Geschichte der Mathematik mit der
Erfindung von Symbolen als Stellvertreter für Zahlen be-
ginnt. Ein ca. 25.000 altes Zeugnis hierfür ist der Ishango-
n = p1 · · · pr mit Primzahlen p1 , . . . , pr .
Knochen aus Zaire mit Strichmustern, die stellvertretend für
Zahlen stehen. Jüngeren Datums sind Tontafeln mit Keil-
Damit können wir obige Aussage begründen: Zerlegt man a b
schriftzeichen aus Mesopotamien. Die Babylonier verwende-
in ein Produkt von Primzahlen (was nach dem Fundamental-
ten ihr Zahlensystem, das auf der Basis 60 beruhte, nicht nur
satz der Arithmetik möglich ist), so taucht laut Gleichung
für Handel und zur Buchführung, sondern auch zu astrono-
(1.1) die Primzahl p als ein Faktor in dieser Zerlegung von
mischen Rechnungen. Auf dem berühmten Täfelchen√YBC
a b auf. Damit muss aber die Primzahl p Teiler einer der
7289 findet sich in Keilschrift ein Näherungswert für 2 auf
Faktoren a oder b sein, evtl. sogar von beiden. 
sechs Stellen genau (Abb. 1.12).

Das Beispiel zeigt, dass man Aussagen mit bekannten Tatsa-


chen oftmals schnell beweisen kann. Bedenken Sie also stets
beim Beweisen:

Gibt es bekannte Aussagen oder Sätze, die anwendbar


sind?
Gibt es Abhängigkeiten oder Ähnlichkeiten der zu zeigen-
den Aussage zu bekannten Aussagen?

Weitere Ratschläge finden Sie in der Übersicht auf Seite 12.


Abbildung 1.12 Täfelchen YBC 7289 mit Näherungswert für 2 auf sechs
Stellen genau (1 + 24/60 + 51/602 + 10/603 ≈ 1.414213).

1.4 Eine kurze Geschichte der Das Positionssystem der Babylonier mit der Grundzahl 60
Mathematik war sehr leistungsfähig und allen Zahlensystemen der Antike
(etwa dem der Griechen und Römer) überlegen.

Die Anfänge der Mathematik reichen weit in die Geschichte Unser geläufiges Stellensystem mit der Basis 10 und den
zurück. Höhlenmalereien aus Südfrankreich, Spanien und Ziffern 0, 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9 ist indischen Ursprungs und
Nordafrika bereits um 13.000 v. Chr. weisen einen bemer- kam über die Araber nach Europa. Um ca. 500 v. Chr. führten
kenswerten Sinn für Formeln auf. Schon in der älteren Stein- die Inder ein Zeichen für „Nichts“ (auf lateinisch „nullus“)
zeit finden sich Zeugnisse für Vorstufen des Zählens und ein, nämlich „0“. So konnten sie Zahlen wie 25 = 2 · 101 +
Rechnens in Form von Ritzen auf den Höhlenwänden und 5 · 100 und 2050 = 2 · 103 + 0 · 102 + 5 · 101 + 0 · 100
Kanten in Stöcken oder Knochen (30.000 bis 20.000 v. Chr.). unterscheiden. Bis zur endgültigen Klärung des Begriffs der
Die folgende kurze Geschichte der Mathematik kann nur eine „reellen Zahl“ hat es ziemlich lange gedauert. Dieser Prozess
14 1 Mathematik – eine Wissenschaft für sich

war erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts (G. Cantor (1883), ten, die Berechnung des Verpflegungsbedarfs für Soldaten
R. Dedekind (1888) ) abgeschlossen. etc. Dass in einem rechtwinkligen Dreieck mit den Katheten
a und b und der Hypotenuse c die Gleichung

a 2 + b2 = c2
Mesopotamien (ab ca. 3300 v. Chr. bis ca.
100 v. Chr.) gilt (sogenannter Satz des Pythagoras) war in Mesopotamien
bekannt. Das spezielle Zahlentripel 3, 4, 5 mit 32 +42 = 52
und ähnliche Zahlentripel waren bekannt. Solche Tripel wur-
Es ist wohl kein Zufall, dass sich die frühen Hochkulturen den von den Harpedonapten (Seilspannern) verwendet, um
um den sogenannten „fruchtbaren Halbmond“ am Nil, an rechte Winkel bei der Vermessung zu erzeugen (denn es gilt
Euphrat und Tigris (Mesopotamien) und den Indus und in auch die Umkehrung des Satzes des Pythagoras!).
China um den Huanghe entwickelten. Aus den Nomaden-
kulturen wurden sesshafte Bauernkulturen. Die Bedeutung Den Babyloniern war die Methode der quadratischen Er-
der Jagd nahm ab, weil es gelang Schafe, Schweine, Ziegen gänzung geläufig, und sie entwickelten Näherungsverfahren
und Rinder zu züchten. So konnten Teile der Bevölkerung zur Bestimmung von Quadratwurzeln aus natürlichen Zah-
von der unmittelbaren Nahrungsproduktion befreit werden. len, falls diese Zahlen keine Quadratzahlen waren. Es sind
Es konnten sich spezialisierte Berufsgruppen in Handwerk, Tabellen mit Quadratzahlen überliefert. Kam eine natürli-
Technik, Verwaltung, Kultur und Militär herausbilden. So che Zahl a, deren Wurzel zu berechnen war, in den Tabellen
entstand ab ca. 3000 v. Chr. in Mesopotamien, dem Zwei- nicht vor, so suchte man eine nächstkleinere Quadratzahl x02
stromland zwischen Euphrat und Tigris (heute politisch zum und rechnete mit ε := a − x02 die Wurzel von a nach der
Irak gehörig), eine blühende Kulturlandschaft, die von ver- Formel
schiedenen Völkerschaften (Sumerer, Akkader, Assyrer) be- √ 
ε
siedelt wurde. Städte wie Babylon, Ninive, Nippur, Uruk und a = x02 + ε ≈ x0 + .
2x0
Ur sind heute noch ein Begriff. Herrscher wie Hammurapi
√ B. erhält man2 für a = 27 = 25 + 2 den Näherungswert
(1728–1686 v. Chr.) und Nebukadnezar II (605–567 v. Chr.) Z.
sind vielleicht in Erinnerung (letzterer wohl auch durch die 27 ≈ 5 + 2 · 5 = 5.2 . Ob die Babylonier das Verfah-
grausame Behandlung von Gefangenen während seiner Herr- ren iteriert haben ist nicht bekannt, aber wahrscheinlich. Den
schaft). Unter Nebukadnezar begann auch die babylonische Griechen war die obige Näherungsformel ebenfalls bekannt;
Gefangenschaft des jüdischen Volkes. sie wird fälschlicherweise häufig nach dem griechischen
Mathematiker Heron von Alexandria (≈ 62 u. Z.) benannt.
Das Zahlsystem in Mesopotamien hatte in ausgereiftem Zu-
Durch Iteration erhält man einen Spezialfall des Newton-
stand zwei Keilschriftzeichen (den Keil für die Eins und den
Verfahrens.
Winkelhaken für zehn). Es war ein Positionssystem mit der
Basis 60 (Sexagesimalsystem), wegen des Winkelhakens für Auch die Methode der „quadratischen Ergänzung“ zur Lö-
die Zahl zehn hatte es eine dezimale Komponente. So ist etwa sung einer quadratischen Gleichung war den Babyloniern ge-
in Abbildung 1.13 die Zahl 42 = 4 · 10 + 2 in Keilschriftzei- läufig: Um etwa die Gleichung
chen zu sehen.
x 2 + 2x − 8 = 0

zu lösen, addierten die Babylonier 8 auf beiden Seiten:

x 2 + 2x = 8 .

Abbildung 1.13 Die Zahl 42 in Keilschriftzeichen.


Dann wird auf beiden Seiten das Quadrat der Hälfte von 2,
also 12 = 1, addiert, und man erhält:
Ein inneres Lückenzeichen (die Null) wurde aufgrund indi-
schen Einflusses um 500 v. Chr. eingeführt. Relikte dieses x 2 + 2x + 1 = 8 + 1 = 9
Zahlensystems finden sich heute noch bei der Einteilung des
Vollkreises in 360°, der Einteilung von Minuten in Sekun- oder
den. Die Tatsache, dass die Grundzahl 60 relativ viele Teiler
hat, vereinfacht das Rechnen mit Brüchen. (x + 1)2 = 9

Die mesopotamische Mathematik ist mit praktischen Proble- und damit x + 1 = ±3, d. h., x1 = −4 und x2 = 2 sind
men verbunden: Berechnung von Dämmen mit meist trapez- die Lösungen der Ausgangsgleichung. Der in der Bibel ge-
förmigem Querschnitt, Berechnung von Tempelfundamen- schilderte Turmbau zu Babel (Genesis 11.1–11.9) fällt auch
1.4 Eine kurze Geschichte der Mathematik 15

in diese Periode. Zusammenfassend kann man sagen, dass in schrittliche Technik ging einher mit Kenntnissen in Mathe-
Mesopotamien, speziell in Babylon, eine auf dem Sexage- matik und Astronomie.
simalsystem basierende leistungsfähige Mathematik (Geo-
Auch die chinesische Mathematik erlebte schon früh eine
metrie und Arithmetik) entwickelt wurde; allerdings fehlten
Blütezeit. Besonders erwähnenswert sind die „Neun Bü-
noch Lehrsätze und Beweise, deshalb kann man noch nicht
cher arithmetischer Technik“ (300–500 v. Chr.), eine Samm-
von Mathematik als Wissenschaft sprechen.
lung von 246 Aufgaben aus den Bereichen Landvermes-
sung, Landwirtschaft, Steuern, Handelserträge, Technik, Lö-
sung von Gleichungen, insbesondere lineare Gleichungen
Die Mathematik im alten Ägypten (die sogenannte Fang-Cheng-Methode zum Lösen von linea-
(ca. 3000 v. Chr. bis ca. 300 v. Chr.) ren Gleichungssystemen entspricht dem Gauß-Algorithmus),
simultane Kongruenzen (chinesischer Restsatz). Die Chine-
Ähnlich wie im Zweistromland hatten auch die ägyptischen sen verwendeten im Wesentlichen ein Dezimalsystem mit
Siedlungen am Flussufer des Nils mit jährlichen Über- Null. Im Übergang vom 7. ins 8. Jahrhundert wurden die indi-
schwemmungen zu kämpfen. Die Überflutungen waren je- schen Ziffern übernommen. Um 300 u. Z. findet sich die recht
doch entscheidend für die Landwirtschaft und damit das gute Näherung 3.14159 für die Kreiszahl π . Das 13. Jahr-
gesamte Leben in Ägypten. Wie der griechische Historiker hundert war ein „Goldenes Zeitalter“ für die chinesische
Herodot in seinem großen Epos über die Perser-Kriege be- Mathematik (Zitat Wußing a. a. O.). Das Pascal’sche Drei-
richtet, wurde „geometria“ von den Ägyptern benutzt, um eck zur Berechnung von Binomialkoeffizienten war ihnen
nach den Überflutungen das Ackerland neu zu vermessen. geläufig, ebenso wie Interpolationsformeln und Summenfor-
Dabei musste man rechte Winkel erzeugen können. Die meln und Berechnungsverfahren für Quadrat- und Kubik-
Ägypter verwendeten die gleiche Methode wie die Mesopo- wurzeln.
tamier. Pythagoräische Zahlentripel waren das wesentliche
Hilfsmittel.
Während aus Mesopotamien zahllose Tontafeln überliefert Die Mathematik der Maya
sind, sprudeln die Informationsquellen zur antiken ägypti-
schen Mathematik nicht so reichlich. Die ersten beiden Ur- Die verblüffenden intellektuellen Leistungen der Maya und
kunden sind Beispielsammlungen von 84 bzw. 25 Aufgaben, Azteken und der Inka in Südamerika bezüglich Bauwesen
die meist praxisorientiert waren und etwa die Verteilung von (Errichtung von Palästen, Gärten etc.) und insbesondere die
Löhnen auf mehrere Arbeiter, die Berechnung des Bedarfs Kalenderrechnung und die langfristige Voraussage von Son-
an Mehl zum Backen einer bestimmten Menge von Broten nenfinsternissen seien hier nur am Rande erwähnt. Die Maya
oder die Berechnung von Raum- und Flächeninhalten betra- verwendeten ein Positionssystem mit der Basis 20 und einer
fen. So konnten sie etwa den Materialbedarf für den Bau ihrer „Null“.
beeindruckenden Pyramiden berechnen. Für die Kreiszahl π,
das Verhältnis von Umfang und Durchmesser eines Kreises,
 2
verwendeten sie die brauchbare Näherung 16 ≈ 3.1605. Antike
9

Die Ägypter verwendeten ein etwas umständliches Dezimal- Im Zuge der sogenannten dorischen Wanderung besiedelten
system. Für jede Zehnerpotenz gibt es ein eigenes Zeichen in die Griechen die Inseln der Ägäis und die Westküste Kleinasi-
Gestalt einer Hieroglyphe, das entsprechend häufig wieder- ens. Um 900 v. Chr. beginnt die Entwicklung einer gemeinsa-
holt wird: men eigenständigen Kultur der griechischen Stämme (die ihr
Land Hellas und sich selbst Hellenen nennen). Homer schrieb
die Epen „Ilias“ und „Odyssee“ in der zweiten Hälfte des 8.
vorchristlichen Jahrhunderts. Im Jahr 776 v. Chr. fanden in
Olympia die ersten olympischen Spiele statt. Um diese Zeit
breitete sich die hellenistische Zivilisation und Kultur weit
im Mittelmeerraum aus. Es entstanden Kolonien in Unter-
italien und Sizilien, am Bosporus und am Schwarzen Meer.
Die Griechen hatten im Gegensatz zu den Mesopotamiern
Indische (ca. 1000 v. Chr. bis 1000) und chine- und Ägyptern, für die praktische Anwendungen im Vorder-
sische Mathematik (ca. 1000 v. Chr. bis 1300) grund standen, ein philosophisches Interesse an der Mathe-
matik. Als erster bedeutender Naturphilosoph wird Thales
In Indien entwickelten sich im Industal und in der Ganges- Milet (624–548 v. Chr.) angesehen. Auf häufigen Geschäfts-
ebene ca. 3000 v. Chr. Stadtkulturen (Mohenjo-Daro, Har- reisen kam er nach Ägypten, wo er die ägyptische Geome-
appa, Dehli). Es gab in den Städten rechtwinklig aufgebaute trie kennenlernte und die Bekanntschaft mit Erkenntnissen
Straßen, Häuser mit Badezimmern, wohldurchdachte Ab- der Babylonier machte. Es soll Thales angeblich gelungen
wassersysteme und Zitadellen. Diese vergleichsweise fort- sein, mithilfe babylonischer Tafeln die Sonnenfinsternis am
16 1 Mathematik – eine Wissenschaft für sich

28. Mai 585 v. Chr. vorherzusagen. Damit soll er dem lydi- die ersten „theoretischen Mathematiker“, da Anwendungen
schen König Krösus geholfen haben eine Schlacht zu gewin- für sie nicht im Vordergrund standen.
nen, da seine Feinde – von der Sonnenfinsternis überrascht
Die Begriffe „gerade Zahl und ungerade Zahl“ waren ih-
– erschrocken die Flucht ergriffen. Zahlreiche geometrische
nen geläufig.
Sätze werden Thales zugeschrieben, ob die Beweise von ihm
Sie kannten sogenannte „figurierte Zahlen“ wie Dreiecks-
stammen, ist wegen mangelnder Zeugnisse nicht sicher. Sätze
zahlen, also:
die Thales zugeschrieben werden, sind u. a.:
Jeder Peripheriewinkel über einen Durchmesser eines n(n + 1)
1 + 2 + 3 + ... + n = ,
Kreises ist ein rechter. 2
Der Durchmesser eines Kreises halbiert die Kreisfläche.
Viereckszahlen:
In einem gleichschenkligen Dreieck sind die Basiswinkel
gleich.
1 + 3 + 5 + ... + 2n − 1 = n2
Der Scheitelwinkelsatz: Schneiden sich zwei Geraden, so
sind die Scheitelwinkel gleich.
etc.
Zwei Dreiecke sind kongruent, wenn sie in einer Seite und
Sie kannten Beispiele von vollkommenen Zahlen, z. B.:
anliegenden Winkeln übereinstimmen.
Thales gilt als erster Mathematiker, der für seine Sätze auch 6=1+2+3
Beweise angab. Er war einer der Ersten, der aus der Mathe-
matik heraus neue Fragestellungen und Probleme formuliert oder
hat. Für viele Wissenschaftshistoriker beginnt mit solchen 28 = 1 + 2 + 4 + 7 + 14 .
Fragestellungen die Mathematik als Wissenschaft, während
vorher meist Anwendungen im Mittelpunkt standen. Dabei heißt eine natürliche Zahl n vollkommen, wenn sie
Summe ihrer Teiler ist, die kleiner als n sind.
Sie kannten eine Formel, um sogenannte pythagoräische
Zahlentripel, d. h. natürliche Zahlen x, y, z mit
Von den Pythagoräern bis zu Diophant
x 2 + y 2 = z2
Pythagoras von Samos (≈ 560–480 v. Chr.) gründete nach
Reisen nach Ägypten und einer Gefangenschaft in Babylon zu erzeugen.
im Jahr 529 v. Chr. in Kroton (Unteritalien) eine Art Or- Der sogenannte „Satz des Pythagoras“, dass nämlich in
den, also eine religiöse Gemeinschaft, deren Mitglieder nach einem rechtwinkligen Dreieck mit den Katheten a, b und
strengen Regeln leben mussten. der Hypotenuse c gilt:

a 2 + b2 = c2 ,

war jedoch schon den Babyloniern, Chinesen und Indern


lange vor Pythagoras bekannt.
Das Wahrzeichen der Pythagoräer war das „Pentagramm“
(auch „Drudenfuß genannt). Es ist ein fünfzackiger Stern,
der im regelmäßigen 5-Eck durch dessen Diagonalen erzeugt
wird. Es zeigt sich, dass die Länge der Seite a zur Diagonalen
x im Verhältnis des „goldenen Schnitts“ steht:

a : x = x : (a − x) .

Hieraus folgerte der Pythagoräer Hippasos, dass Seite und


Diagonale eines regelmäßigen 5-Ecks nicht kommensurabel
Abbildung 1.14 Pythagoras (≈ 560–480 v. Chr.). sind. In unserer heutigen Terminologie bedeutet dies, dass

das Verhältnis xa = 5−1 2 ≈ 0.618034 keine rationale Zahl
Die Pythagoräer glaubten an die Unsterblichkeit der Seele,
darstellt, also irrational ist. Der goldene Schnitt tritt in der
die Seelenwanderung und waren überzeugt, dass die Göt-
Natur beim Wachstum von Pflanzen (Phyllotaxis) auf und
ter die Welt nach Zahlen und Zahlenverhältnissen geordnet
wird in der bildenden Kunst von der Antike (römische Säulen
haben. Ihr Motto war „Alles ist Zahl“. Sie bewiesen mathe-
und Tempeln) bis heute oft verwendet.
matische Sätze auf der Basis von Postulaten (Axiomen) und
Definitionen. Ihre Formulierungen waren häufig abstrakt und Die Existenz solcher irrationalen Zahlen störte das Selbst-
vielfach ohne Bezug auf die Realität. Die Pythagoräer waren verständnis der Pythagoräer gewaltig und war der Grund,
1.4 Eine kurze Geschichte der Mathematik 17

Bevölkerung von der Pest befreit werde. Mathematisch ist das


Problem einfach zu formulieren: Hat der gegebene Würfel
die Seitenlänge a, dann ist ein Würfel mit der Seitenlänge
x gesucht, für den x 3 = 2a 3 gelten muss. Die Konstruktion
x
mit Zirkel und Lineal ist nicht möglich, was aber erst im
19. Jahrhundert exakt bewiesen werden konnte.

Platon waren auch die fünf sogenannten platonischen Kör-


per bekannt: Würfel, Tetraeder, Oktaeder, Dodekaeder und
Ikosaeder. Sie sind dadurch gekennzeichnet, dass ihre Ober-
fläche durch regelmäßige n-Ecke begrenzt wird.
a
Platonische Körper (reguläre Polyeder)
Tetraeder 4 Dreiecke Feuer
Würfel (Hexaeder) 6 Quadrate Erde
Oktaeder 8 Dreiecke Luft
Abbildung 1.15 Die Längen der Seite a und der Diagonalen x stehen im regel- Dodekaeder 12 Fünfecke Welt

mäßigen 5-Eck im Verhältnis des goldenen Schnitts xa = 5−1
2 ≈ 0.618034, Ikosaeder 20 Dreiecke Wasser
einer irrationalen Zahl.

Die in der rechten Spalte stehenden Elemente wurden von


warum sich die Griechen nicht weiter um die Entwicklung Platon jeweils den geometrischen Objekten zugeordnet, wo-
des Zahlenbegriffs bemühten. Die Ausnahme war lediglich bei das Dodekaeder als Grundform für die Welt erschien.
Eudoxos.

Eudoxos von Knidos (≈ 400–350 v. Chr.) war Mathemati-


ker, Astronom, Arzt, Philosoph und Geograf. Er studierte in
Tarent und in Sizilien und dann in Athen bei Platon. Um ca.
500 v. Chr. gab es in Athen einen Neuaufschwung in Politik
und Wirtschaft bedingt durch politische und wirtschaftliche
Reformen.

Der Sokratesschüler Platon (427–347 v. Chr.) begründete


387 v. Chr. die „Akademie“ in Athen, eine einzigartige Philo-
sophenschule. Über dem Eingang zur Akademie stand: „Nie- Abbildung 1.16 Die fünf platonischen Körper.
mand trete ein, der nicht der Geometrie kundig ist“. Platon
hatte großen Einfluss auf die Mathematiker, und umgekehrt
Aristoteles (384–322 v. Chr.) war der wichtigste Schüler Pla-
wurde er stark von den Mathematikern beeinflusst. Ein be-
tons. Er war eher Philosoph und Biologe als Mathematiker.
sonderes Anliegen von Platon war die Reinheit der Methoden
Die von ihm entwickelte formale Logik ist jedoch schon
in der Mathematik. Als Konstruktionsprinzip in der Geome-
ganz auf mathematische Schlüsse gestützt. Seine Lehren be-
trie soll er „lediglich Zirkel und Lineal“ erlaubt haben. Drei
herrschten fast 2000 Jahre die Wissenschaftstheorie. Seine
Probleme waren es insbesondere, mit denen sich die griechi-
Diskussion des „potentiell und aktual Unendlichen“ kann
sche Mathematik auseinandersetzte:
man als Vorstufe von Cantors Mengenlehre und damit Aristo-
die Quadratur des Kreises, teles als Vorläufer der modernen Grundlagenforschung anse-
die Würfelverdopplung, hen. Aristoteles war auch einer der Erzieher Alexander des
die Dreiteilung eines Winkels. Großen.

Die Quadratur des Kreises besteht in dem Problem, eine Nach dem Tod von Alexander dem Großen (323 v. Chr.)
Kreisfläche in ein flächengleiches Quadrat zu verwandeln. sank die politische Macht Griechenlands und zugleich seine
Dass dieses Problem mit Zirkel und Lineal nicht zu lösen führende Stellung im Bereich der Wissenschaften. Neues
ist, bewies als erster 1882 F. Lindemann, indem er nachwies, wissenschaftliches Zentrum wurde die von Alexander dem
dass die Kreiszahl π eine transzendente Zahl ist. Es hat jedoch Großen am Nildelta gegründete Stadt Alexandria mit der Uni-
zu allen Zeiten brauchbare Näherungskonstruktionen gege- versität (dem Museion) und der größten Bibliothek der Welt.
ben. Hier wirkte nun 300 v. Chr. Euklid von Alexandria (seine Le-
bensdaten sind nicht genau bekannt, man geht davon aus,
Zu Platons Zeiten soll ein Orakelsprecher die Verdopplung dass er um 340 v. Chr. bis 270 v. Chr. gelebt hat und seine
des würfelförmigen Altars in Deli gefordert haben, damit die Hauptwirkungszeit um 300 v. Chr. lag).
18 1 Mathematik – eine Wissenschaft für sich

In den „Elementen“, die aus 17 Büchern (Kapiteln) bestehen, über schwimmende Körper (er hat das Auftriebsgesetz ent-
ist das mathematische Wissen der Vorgänger zusammenge- deckt), über Hebelgesetze und Schwerpunkte, ferner hat er
fasst, geordnet und gleichzeitg auch erweitert. Im Laufe der sich mit der Konstruktion von Flaschenzügen und Wasser-
Jahrhunderte sind unzählige Ausgaben erschienen. Die Ele- schrauben beschäftigt.
mente sind nach einer strengen Systematik aufgebaut. Sie
Unter weiteren Mathematikern der Alexandrinischen Peri-
enthalten: Definitionen, Postulate, Axiome, Probleme mit
ode ist vielleicht Aristarch von Samos (≈ 310–230 v. Chr.)
Lösungen, Sätze, Hilfssätze und deren Beweise. Das Axio-
zu nennen. Er war der Vertreter eines heliozentrischen Sy-
mensystem hat viele Schwächen und Inkonsistenzen, jedoch
stems, die Erde und die anderen Planten bewegen sich in
hat man es bei den Elementen wohl mit der ersten axiomatisch
Kreisbahnen um die Sonne (eine Vorstellung, die sogar von
aufgebauten Theorie zu tun. Wir wenden unser Augenmerk
Archimedes abgelehnt wurde). Ferner sei Eratosthenes von
auf das 5. Postulat:
Kyrene (≈ 276–195 v. Chr.) erwähnt, der den Erdumfang
5. „Und dass, wenn eine gerade Linie bei einem Schnitt mit durch Bestimmung des Sonnenwinkels in Assuan und Alex-
zwei geraden Linien bewirkt, dass innen auf derselben Seite andria mit ca. 46 000 km bestimmt hat (tatsächlicher Wert ca.
entstehende Winkel kleiner als zwei Rechte werden, dann die 40 075 km). Von Eratosthenes stammt auch das sogenannte
zwei geraden Linien bei Verlängerung ins Unendliche sich Sieb des Eratosthenes, eine Methode, alle Primzahlen bis zu
treffen auf der Seite, auf der die Winkel liegen, die zusammen einer vorgegebenen Schranke zu bestimmen.
kleiner als zwei Rechte sind“.
Als letzten dieser Reihe nennen wir Apollonios von Perge
Aus dem 5. Postulat folgt das berühmte Parallelenaxiom: Zu (265–170 v. Chr.), der sich umfassend mit Kegelschnit-
jeder Geraden g und einem Punkt P existiert (in der durch g ten beschäftigt hat und der auch durch den sogenannten
und P bestimmten Ebene) genau eine Gerade h, die durch P „Apollonios-Kreis“ bekannt ist. Mit Apollonios erlebte die
geht und zur Geraden g parallel ist. griechische Mathematik einen gewissen Abschluss, weil sich
der Machtmittelpunkt nach Rom verlagerte und die Weiter-
Vom Erscheinen der Elemente bis ins 19. Jahrhundert ha-
entwicklung der Wissenschaft kein zentrales Anliegen Roms
ben sich Mathematiker mit der Frage beschäftigt, ob man
war. Bedeutende mathematische Einzelleistungen in den Fol-
das Parallelenaxiom auch ohne Verwendung des 5. Postulats
gezeiten stammen von Hipparch von Nicäa (190–126 v. Chr.),
(das zum Parallelenaxiom gleichwertig ist) aus den übrigen
Heron von Alexandria (≈ 100 u. Z.) sowie Ptolemäus, der in
Axiomen folgern kann. Die Antwort ist „Nein“ und sie er-
seinem „Almagest“ die Lehren und Beobachtungen von sei-
folgte im 19. Jahrhundert unabhängig von
nem ptolemäischen Weltsystem zusammenfasste (Erde im
János Bolyai (1802–1860) und Mittelpunkt des Weltalls, Sonne, Planeten und Mond bewe-
Nikolai Lobatschewksi (1793–1856). gen sich auf Kreisbahnen um die Erde). Einer der bedeu-
tendsten Mathematiker des Altertums war ohne Zweifel Dio-
Sie gelten als Begründer der „nichteuklidischen“ (hyperbo-
phant von Alexandria (≈ 250 u. Z.). Sein Hauptwerk „Ma-
lischen) Geometrie.
thematika“ hatte starke Ausstrahlung auf die Neuzeit („Dio-
Die Beweisform von Euklid, die Aufteilung in Vorausset- phanti’sche Gleichungen“). Als letzten bedeutenden Mathe-
zung, Behauptung, Beweis, ist noch heute üblich. Der Satz matiker der Antike wird Pappus von Alexandria (≈ 320 u. Z.)
20 in Buch IX lautet: „Es gibt mehr Primzahlen als jede vor- betrachtet, dessen Hauptwerk die „mathematische Samm-
gelegte Anzahl von Primzahlen“. In unserer heutigen Ter- lung“ ist. Hypatia von Alexandria (um 400), die erste be-
minologie drücken wir das so aus: „Es gibt unendlich viele kannte Mathematikerin, erlitt ein tragisches Schicksal: Als
Primzahlen“. Nach Einschätzung von Experten sind die „Ele- Mitglied der neuen platonischen Schule geriet sie in Kon-
mente“ das einflussreichste Werk in der gesamten mathema- flikt mit fanatischen Christen und wurde von ihnen grausam
tischen Literatur. ermordet.
Der bedeutendste Mathematiker und das größte naturwissen- 395 (u. Z.) kam es zur Teilung des römischen Reiches in
schaftliche Genie der sogenannten Alexandrinischen Peri- Westreich (Ende 476) und Ostreich (Ende 1455). 529 wurde
ode (bis ≈ 150 n. Chr.) war jedoch Archimedes von Syrakus die platonische Akademie in Athen durch den römischen
287–212 v. Chr.). Er stammte aus Syrakus, studierte vermut- Kaiser Justinian gewaltsam geschlossen. Nachdem die Ma-
lich in Alexandria und wurde 212 in Syrakus von einem rö- thematikschule in Alexandria bereits um 415 erloschen war,
mischen Legionär ermordet. Er berechnete die Fläche von kennzeichnet das Jahr 529 den Untergang der antiken Mathe-
Kreisen, Ellipsen, Parabeln, die Volumina von Zylindern, matik in Griechenland, deren Tradition jedoch bis ca. 1400
Kegeln und Kugeln. Die geometrische Summenformel war in Byzanz gepflegt wurde.
ihm in einem Spezialfall geläufig. Er bewies die Ungleichung
630 zieht Mohammed (570–623) in seine Heimatstadt Mekka
3 10 10
71 < π < 3 70 . ein, seine Lehren begründen den Islam. Um 800 behandelt al-
Bei Archimedes finden sich erste Ansätze von Grenzwerten. Hwârâzmî aus Choraren (Gebiet um den Aralsee) als erster
Er entwickelte für die Armee von Syrakus technische Hilfs- islamischer Autor in seiner „Algebra“ Verfahren zur Auflö-
mittel, sodass Syrakus lange dem kriegerischen Ansturm der sung von Gleichungen (vorzugsweise lineare und quadrati-
Römer standhalten konnte. Archimedes verfasste Schriften sche Gleichungen).
1.4 Eine kurze Geschichte der Mathematik 19

Mittelalter Johannes von Gmunden (≈ 1384–1442),


Georg von Feuerbach (1423–1461),
Das Jahr 529 u. Z. markiert mit der Schließung der Philo- Johannes Müller (1436–1476) (genannt Regiomontanus).
sophenschule in Athen das Ende der hellenistischen Periode
und den Beginn der mittelalterlichen Periode der Mathema- Die Hauptleistungen dieser Mathematiker liegen auf dem Ge-
tik im europäisch-abendländischen Raum. Nach Ende des biet der Astronomie und der dafür notwendigen mathemati-
römischen Reiches versuchte die katholische Kirche die kul- schen Hilfsmittel, speziell der Trigonometrie.
turelle Tradition des römischen Reiches zu bewahren. In den
Mit dem beginnenden 16. Jahrhundert nahm die Zunft
Klöstern wurden Schriften vergangener Jahrhunderte, ins-
der Rechenmeister (Cossisten) einen enormen Aufschwung.
besondere die der Araber, ins Lateinische übersetzt und so
Adam Ries aus Staffelstein bei Bamberg veröffentlichte 1524
einem größerem Kreis von Lesern zugänglich gemacht, wo-
sein Algebralehrbuch „Coß“. Bedürfnisse des täglichen Le-
bei sich der französische Mönch Gerbert (940–1003), der
bens (Einkäufe auf dem Markt, kaufmännische Buchhaltung,
spätere Papst Sylvester II, besondere Verdienste erwarb. Von
Zinsrechnungen, etc.) machten es erforderlich, dass größere
ihm stammt auch die erste bekannte Abschrift des Abakus-
Bevölkerungskreise wenigstens mit den Grundrechenarten
Redmens. Im 12. und 13. Jahrhundert entwickelten italieni-
vertraut waren. Speziell diese wurden von den Rechenmei-
sche Städte wie Pisa, Florenz, Venedig, Mailand und Genua
stern gelehrt. Das Algebrabuch von Adam Ries erlebte 108
Handelsbeziehungen bis in den Nahen und Fernen Osten.
Auflagen und wurde bis ins 17. Jahrhundert nachgedruckt.
Wachsender Handel, Buchhaltung und Lagerhaltung erfor-
derten exakte Rechnungen. Mathematik, insbesondere in
Form von Rechnen und Messen, hatte wieder Konjunktur.
In Bologna (1119) und Padua (1222) wurden die ersten Uni-
versitäten gegründet, es folgten u. a. die Universitäten in Paris
(1214), Cambridge (1231), Prag (1348), Wien (1356), Hei-
delberg (1386), Köln (1388) und Erfurt (1392). Als bedeu-
tender Mathematiker dieser Periode ist Leonardo von Pisa
(≈ 1179–1250) zu nennen (genannt „Fibonacci“ = Sohn des
Bonacci). In seinem „liber abaci“ gibt er einen Überblick
über den Stand der Arithmetik und Algebra seiner Zeit. Er
rechnete systematisch mit arabischen Ziffern. Sein Werk bil-
dete die Grundlage für alle Rechenmeister und Algebraiker
der Folgezeit. In seinem „Practica Geometria“ behandelt Fi-
bonacci auch kubische Gleichungen. In diesem Werk treten Abbildung 1.17 Adam Ries.
auch die sogenannten „Fibonacci-Zahlen“ auf:

1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, . . . Ein weiterer bedeutender Rechenmeister in Deutschland war


Michael Stifel (≈ 1487–1567), sein Hauptwerk „Arithmetica
Jede Fibonacci-Zahl ist die Summe der beiden vorhergehen-
integra“ erschien 1544 in Nürnberg. Im Jahr 1545 erschien
den, die rekursive Definition lautet damit f1 = 1, f2 = 1 und
das von Gerolamo Cardano (1501–1576) verfasste Werk „Ars
fn+1 = fn + fn−1 (n ≥ 1). Die Fibonacci-Zahlen stehen in
magna sive de Regulis Algebraicis“. Es enthält Strategien zur
enger Verbindung zum „goldenen Schnitt“ (siehe Kapitel 8
Lösung von Gleichungen dritten und vierten Grades, die auf
und 14.)
Ergebnissen von Nicolo Tartaglia (≈ 1506–1559) und Sci-
pione del Ferro (≈ 1465–1525) zurückgehen. Rafael Bom-
Renaissance belli (1526–1572) rechnete unbefangen mit Wurzeln aus ne-
gativen Zahlen und stellte Regeln für das Rechnen mit ihnen
Die Zeit ab ca. 1400 nennt man in Europa Renaissance. auf. Man kann seine Regeln als Vorstufe des Rechnens mit
Es war tatsächlich nicht nur eine Wiedergeburt der wis- komplexen Zahlen betrachten (vgl. auch die Hintergrundbox
senschaftlichen und kulturellen Werke der Antike, sondern auf Seite 144 in Kapitel 4).
neue Technologien und Theorien wurden entwickelt. Dabei
Zu einer Revolution des astronomischen Weltbildes kam es
spielte die Erfindung der Buchdruckkunst durch Gutenberg
1543 mit der Veröffentlichung von „De Revolutionibus Or-
(um 1445) eine wesentliche Rolle. Sie ermöglichte eine we-
bium Coelestium“, dem Hauptwerk von Nikolaus Koperni-
sentlich schnellere Verbreitung von Information. Doch bis
kus (1423–1543). Aufgrund von Rechnungen und Beobach-
die ersten mathematischen Werke in Druck gingen, dauerte
tungen kam Kopernikus zum Schluss, dass sein heliozen-
es noch Jahrzehnte.
trisches System (die Sonne ist Mittelpunkt des Planetensy-
In der Frühzeit der Renaissance war die Universität Wien das stems) mit der Realität wesentlich besser vereinbar ist als
Weltzentrum der Mathematik. Im 15. Jahrhundert wirkten das geozentrische System des Ptolomäus. Er schloss damit
dort drei bedeutende Gelehrte: an Vorstellungen von Aristarchos von Samos (≈ 310–230
20 1 Mathematik – eine Wissenschaft für sich

v. Chr.) an. Das Werk von Kopernikus wurde 1616 von der meln beschrieb und sie rational zu erklären versuchte, und
katholischen Kirche auf den Index gesetzt. analog Johannes Kepler (1571–1630) die Himmelsmecha-
nik.
François Viète (1540–1603) (lat. Franciscus Vieta) propa-
gierte im Anschluss an die Cardani’schen Formeln das Rech- In die beschriebene Periode fällt auch die Entwicklung von
nen mit Buchstaben. Bekannt ist der nach ihm bekannte Rechenhilfsmitteln, z. B. die für die Navigation und Astro-
„Wurzelsatz“: Hat die Gleichung x 2 + px + q = 0 die Lö- nomie außerordentlich nützlichen Logarithmen u. a. durch
sungen (Wurzeln) x1 und x2 , dann ist p = −(x1 + x2 ) und John Napier (1550–1617), Michael Stifel (ca. 1487–1567)
q = x1 x2 . Hiervon gibt es Verallgemeinerungen auf Poly- und Henry Briggs (1561–1630).
nome höheren Grades. In die Barockzeit (ca. 1570–1770) fallen auch die Untersu-
Das x in Gleichungen geht auf René Descartes (1596–1650) chungen von Pierre de Fermat (1607–1665) zur Zahlentheo-
zurück. rie. Fermat beschäftigte sich intensiv mit Diophants „Arith-
metica“. Fermat war von Beruf Jurist, aber leidenschaftlicher
Hobby-Mathematiker. Er vermutete, dass Zahlen der Gestalt
n
Fn = 22 + 1, n ∈ N, stets Primzahlen sind. Das trifft für
F0 = 3, F1 = 5, F2 = 17, F3 = 257 und F4 = 65537
tatsächlich zu, aber bis jetzt wurde kein weiteres n gefunden,
für das Fn eine Primzahl ist. Zahlreiche Sätze und Methoden
der „Elementaren Zahlentheorie“ gehen auf Fermat zurück,
z. B. der sogenannte kleine Fermat’sche Satz, dass für eine
ganze Zahl a, die nicht durch die Primzahl p teilbar ist, stets
p ein Teiler von a p−1 − 1 ist. Bekannt für eine größere Öf-
fentlichkeit wurde Fermat, als 1994 von Andrew Wiles sein
„letzter Satz“ bewiesen wurde: Für n ∈ N, n ≥ 3 besitzt die
Gleichung
x n + y n = zn
Abbildung 1.18 René Descartes (1596–1650) nach einem Gemälde von Franz
Hals, 1648. keine Lösungen x, y, z ∈ N. Von der Aufstellung der Ver-
mutung, dass der Satz richtig sein könnte, bis zum Beweis
Er gilt als Begründer der neuzeitlichen Philosophie. Er kom- hat es ca. 350 Jahre gedauert. Fermat gilt neben Blaise Pascal
binierte Algebra mit Geometrie und begründete die „ana- (1623–1663) auch als einer der Begründer der Wahrschein-
lytische Geometrie“. Kartesische Koordinaten haben beson- lichkeitstheorie.
ders angenehme Eigenschaften. Mit seiner Existenzphiloso-
phie stellte er sich in einen krassen Gegensatz zu den Leh-
ren der katholischen Kirche. Er wurde von dieser und später Aufklärung
auch von der evangelischen Kirche massiv befehdet. Auch
seine Übersiedlung in die als liberal geltenden Niederlande Während Galileo Galilei noch im Jahr 1633 durch die Inqui-
(1628/29) stand unter keinem guten Stern. Nachdem Galilei sition verurteilt wurde, war das 17. Jahrhundert geprägt von
durch die katholische Kirche zum Widerruf gezwungen wor- einem fortschreitenden Rationalismus. Der Glaube an kirch-
den war, wurde auch in den Niederlanden Kopernikus’ Schrift liche und staatliche Autoritäten wurde immer stärker hinter-
auf den Index gesetzt und die Verbreitung des kopernikani- fragt. Das heliozentrische Weltbild setzte sich durch. Fort-
schen Weltbildes untersagt. Die Philosophie von Descartes schritte auf dem Gebiet der Mathematik und Physik waren
wurde 1642 von einem Expertengremium verworfen, weil sie dabei wesentlich. Man beachte aber, dass das 17. Jahrhun-
im Gegensatz zur offiziellen Theologie stehen würde. Seine dert ein „dunkles Jahrhundert“ war. Der dreißigjährige Krieg
Schriften wurden 1667 von der katholischen Kirche auf den (1618–1648), den die europäischen Staaten auf deutschem
Index gesetzt. Im Oktober 1649 folgte Descartes einem Ruf Territorium austrugen, die Kriege Ludwigs XIV, die Tür-
der für die Wissenschaften aufgeschlossenen schwedischen kenkriege (1683–1689), der englisch-niederländische Krieg
Königin Christine an den Königshof in Stockholm. Das Pro- (1665–1667) boten nicht gerade ideale Voraussetzungen für
jekt, in Stockholm eine Akademie der Wissenschaften zu die Weiterentwicklung der Mathematik und der Naturwissen-
gründen, konnte er nicht mehr realisieren, da er bereits am schaften. Daher ist es umso erstaunlicher, dass im Zeitraum
11. Februar 1650 verstarb. von 1620/30 bis etwa 1730/40 eine quasi revolutionäre Ent-
wicklung und ein Umschwung stattfand, der sowohl die Ziele
Der mehr als Maler denn als Mathematiker bekannte Albrecht als auch die Methoden betraf.
Dürer (1471–1528) verfasste ein Lehrbuch über die Perspek-
Man kann René Descartes und Pierre de Fermat schon zu die-
tive, in der sich viele Elemente der „projektiven Geometrie“
ser Epoche rechnen, die Hauptleistung war aber zweifelsohne
finden.
die Entstehung und der Ausbau des „Calculus“, des forma-
Galileo Galilei (1564–1642) begründete die Experimental- len Apparats der Differenzial- und Integralrechnung („Infi-
physik, indem er Naturphänomene mit mathematischen For- nitesimalrechnung“). Aufbauend auf schon auf Archimedes
1.4 Eine kurze Geschichte der Mathematik 21

zurückgehende Überlegungen und auf Vorarbeiten von Kep- Lösung einer Differenzialgleichung. Sein berühmtes, für die
ler und Cavalieri (≈ 1598–1647), John Wallis (1616–1703) Physik grundlegendes, Werk „Philosophiae Naturalis Prin-
und Isaac Barrow (1630–1677) schufen unabhängig von- cipia Mathematica“ (London 1687) macht jedoch von der
einander Isaac Newton (1643–1727) und Gottfried Wilhelm Fluenten- und Fluxionsrechnung keinen Gebrauch.
Leibniz (1646–1716) den „Calculus“. Mit der Beherrschung
Um 1685 kam es zwischen Newton und Leibniz zu einem
von Grenzprozessen konnte man eine große Fülle mathe-
heftigen Prioritätenstreit um die Entdeckung der Infinitesi-
matischer, naturwissenschaftlicher und praktischer Probleme
malrechnung. Leibniz kam auf die Integralrechnung bei der
lösen, manchmal auch nur mit Mühen.
Berechnung von Flächeninhalten von ebenen Figuren und
auf die Differenzialrechnung durch das Problem, Tangen-
ten
an gegebene Kurven zu berechnen. Das Integralsymbol
„ “ stammt von Leibniz, es erinnert an ein Summenzeichen.
Experten gehen heute davon aus, dass Newton und Leib-
niz die Infinitesimalrechnung unabhängig voneinander ent-
wickelt haben. Als Aufseher und Direktor der Münze in Lon-
don wurde Newton zum Schrecken der Geldfälscher. 1703
wurde Newton Präsident der berühmten Royal Society. Die-
ses Amt hatte er bis zu seinem Tod im Jahr 1727 inne.
Leibniz gilt als einer der letzten Universalgelehrten. Er war
nicht nur Mathematiker, sondern auch Philosoph, Theologe,
Biologe, Physiker und Techniker. Sein Wahlspruch für die
Mathematik war „Theoria cum Praxi“, sein Wahlspruch für
die Philosophie „Nihil sine Ratione“. Seine Vielseitigkeit be-
Abbildung 1.19 Isaac Newton (1643–1727). wies er mit der Entwicklung einer Rechenmaschine. Er war
ein Verfechter des Dualsystems (Zahldarstellung mit der Ba-
sis 2) und er konstruierte wichtige produktionsverbessernde
Maschinen für den Bergbau. Auf das Betreiben von G. W.
Leibniz wurde 1700 die „Berliner Societät der Wissenschaf-
ten“ gegründet, aus der die Berliner Akademie der Wis-
senschaften hervorgegangen ist. Seine Beiträge zur Deter-
minantentheorie lernen Studierende der Mathematik im er-
sten Semester kennen (Leibniz’sche Determinantenformel).
Durch persönlichen Kontakt mit dem russischen Zaren Peter I
(1672–1725) hatte Leibniz auch einen wesentlichen Einfluss
auf die Gründung der Akademie der Wissenschaften in St.
Petersburg (1724).
Zum weiteren Ausbau des Calculus trugen die Mitglieder
der Baseler Mathematikerfamilie Bernoulli wesentlich bei,
insbesondere die Brüder Jakob (1655–1705) und Johann
Abbildung 1.20 Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716).
(1667–1748). Beide lieferten auch wichtige Beiträge zur
Wahrscheinlichkeitsrechnung. Johann Bernoulli war außer-
1665/1666 war der Süden Englands von einer Pestepidemie
dem Lehrer von Leonard Euler (1707–1783), der alle über-
betroffen, allein in London starben fast 50 000 Menschen.
ragende Mathematiker der Blütezeit der Aufklärung. Mit
Newton verbrachte diese Zeit in seinem Geburtsort Woolst-
20 Jahren verließ er seine Heimatstadt Basel, um einen Ruf
horpe nahe der Stadt Grantham an der Ostküste Mitteleng-
an die Akademie in St. Petersburg anzunehmen. Euler war
lands. Während dieser Zeit entdeckte er die binomische
ungemein produktiv, im Jahr soll er etwa 800 Seiten ge-
Reihe, die Grundideen der Differenzialrechnung, das 1/r 2 -
schrieben haben. Von 1741–1764 wirkte Euler an der Ber-
Gesetz der Gravitation und die Spektralzerlegung des Lichts.
liner Akademie, kehrte aber wegen Differenzen mit Fried-
Unter dem Titel „Methodus Fluxionum et Serierum Infinita-
rich II (dem Großen) wieder nach St. Petersburg zurück.
rum“ veröffentlichte er 1671 eine schon relativ ausgefeilte
Durch eine Augenkrankheit erblindete er vollkommen, dik-
Darstellung der Differenzial- und Integralrechnung, in der
tierte aber dann seine Arbeiten einem Schreiber.
er erkannt hat, dass Differenziation und Integration Um-
kehroperationen voneinander sind. Fluenten sind physika- Euler war äußerst vielseitig, er vertiefte fast alle Zweige der
lische Größen, die von der Zeit abhängen, Fluxionen ihre Mathematik, insbesondere aber die Analysis und Zahlen-
Geschwindigkeiten. Die Fluxion einer Fluxion ist also die theorie. Die Basis e ≈ 2.718 281 828 (Euler’sche Zahl) der
Beschleunigung. Das Problem, eine Fluente zu einer gege- natürlichen Logarithmen berechnete er schon bis auf 23 Stel-
ben Fluxion zu bestimmen entspricht der Integration bzw. der len. Er propagierte das Rechnen mit komplexen Zahlen (wenn
22 1 Mathematik – eine Wissenschaft für sich

1826 hatte er die Nichtauflösbarkeit der allgemeinen Glei-


chung 5. Grades bewiesen. Er hatte erkannt, dass durch die
Umkehrung elliptischer Integrale doppeltperiodische Funk-
tionen entstehen (C. F. Gauß hat dies auch entdeckt, aber nicht
publiziert). Aus der Analysis geläufig ist der abelsche Grenz-
wertsatz und aus der Theorie der elliptischen Funktionen das
„abelsche Theorem“. Abelsche Gruppen sind so selbstver-
ständlich, dass man gar nicht mehr an N. H. Abel denkt, son-
dern „abelsch“ mit „kommutativ“ gleichsetzt. Die Verallge-
meinerung des Begriffs der elliptischen Funktion auf Funk-
tionen mehrerer Variablen führt auf den Begriff der abelschen
Funktion.
Évariste Galois (1811–1832) konnte die Lösungen seiner Po-
lynomgleichungen in Zusammenhang bringen mit Permuta-
Abbildung 1.21 Leonard Euler (1707–1783). tionen der Lösungen, die eine Gruppe bilden, die sogenannte
Galois-Gruppe. Damit war der Begriff der Gruppe geboren.
Neben den Arbeiten von Abel und Galois, der 1832 im Alter
ihm dabei auch manchmal Fehler√ unterliefen), er führte 1777 von nicht mal 21 Jahren bei einem Duell ums Leben kam,
für das bis dahin gebrauchte −1 die Bezeichnung i ein beeinflussten vor allem die 1801 erschienenen Disquisitio-
(i2 = −1). Seine Untersuchungen zur Kombinatorik und nes Arithmeticae von C.F. Gauß die weitere Entwicklung der
Wahrscheinlichkeitstheorie sind heute noch Grundlage für Mathematik, wobei es auch viele vergebliche Versuche gab,
die Berechnung von Lebensversicherungen. die Fermat’sche Vermutung aus dem Jahre 1637 zu beweisen.
Als Zeitgenossen von Euler seien noch der französische
Mathematiker Rond d’Alembert (um 1750) und die „drei
großen L“:
Joseph Louis Lagrange (1736–1813),
Pierre Simon Laplace (1749–1827) und
Adrien Marie Legendre (1752–1833)
genannt. Lagrange gilt als einer der Begründer der Variati-
onsrechnung, er lieferte wichtige Beiträge zur Infinitesimal-
rechnung, zur Himmelsmechanik, er propagierte die Benut-
zung von Potenzreihen. Laplace lieferte Beiträge zur Theorie
der partiellen Differenzialgleichungen (Laplace-Operator), Abbildung 1.22 C. F. Gauß(1777–1855).

zur Theorie der Kugelfunktionen, zur Integraltransforma-


Schon zu seinen Lebzeiten galt C. F. Gauß (1777–1855) als
tionen (Laplace-Transformation) und zur Wahrscheinlich-
„Fürst der Mathematiker“ („Princeps Mathematicorum“). Er
keitstheorie („Laplace’scher Dämon“). Von Legendre stam-
vermutete im Alter von 14 Jahren, dass die Anzahl der Prim-
men wichtige Beiträge zur Himmelsmechanik, Variations-
zahlen unterhalb einer natürlichen Zahl durch logn n approxi-
und Ausgleichsrechnung, sowie zur Theorie der elliptischen
miert werden kann, wenn n hinreichend groß ist. Er lieferte
Integrale, zu Grundlagen der Geometrie und Zahlentheorie
mehrere Beweise des Fundamentalsatzes der Algebra, er cha-
(„Legendre-Symbol“).
rakterisierte die natürlichen Zahlen, für welche das regelmä-
ßige n-Eck mit Zirkel und Lineal konstruierbar ist. Mit dem
Das 19. Jahrhundert Erscheinen des „Disquisitiones Arithmeticae“ wurde Gauß
weltberühmt. Er entwickelte die Methode der Ausgleichs-
Mit Lagrange, Laplace und Legendre haben wir die Schwelle gleichung, mit deren Hilfe es gelang, den Planetoiden Ceres
zum 19. Jahrhundert überschritten und sind in die Welt der wiederzuentdecken. Es gibt kaum ein Gebiet in der Mathe-
mathematischen Abstraktion eingetreten. Die Arbeit von La- matik, das er nicht beherrschte, und zu zahlreichen Gebieten
grange über algebraische Gleichungen wurde von dem nor- hat er wegweisende Beiträge geleistet. Jedem Studierenden
wegischen Mathematiker Nils Henrik Abel (1802–1829) ver- sind die komplexen Zahlen und ihre Veranschaulichung in der
sehentlich erweitert. Seine Lebensgeschichte war eher tra- Gauß’schen Zahlenebene geläufig. Er führte 1831 den Begriff
gisch, er war ständig von Krankheit, Armut und unglückli- „komplexe Zahl“ ein. Die volle Akzeptanz der komplexen
chen Umständen verfolgt. Als es A. L. Crelle, dem Begrün- Zahlen in der Mathematik ist sicherlich auch sein Verdienst.
der des „Journals für die reine und angewandte Mathematik“, Sei Motto war „Die Theorie zieht die Praxis an, wie der Ma-
endlich gelungen war, für N. H. Abel eine Dauerstelle an der gnet das Eisen“. Die Gauß’sche Normalverteilung und das
Berliner Universität durchzusetzen, war Abel wenige Tage Bild von Gauß findet sich auf den bis 2001 gültigen 10-DM-
zuvor an Tuberkulose gestorben. Scheinen (Abb. 1.22). Er erfand mit Weber einen Telegrafen
1.4 Eine kurze Geschichte der Mathematik 23

und verbesserte die Konstruktion von Fernrohren. Auf seinen tionen“ genannt, später wurde die Bezeichnung umgedreht.
bei der Vermessung des Königreichs Hannover entstanden Die Reihendarstellung für die Weierstraß’sche ℘-Funktion
geometrische Überlegungen entwickelte er die Anfänge der findet sich schon 1847 bei G. Eisenstein (1823–1852).
Differenzialgeometrie. C. F. Gauß hat mit seinen „Disquisi-
Die weitere Entwicklung der komplexen Analysis im
tiones Arithmeticae“ die Mathematik des 19. Jahrhunderts,
19. Jahrhundert steht in engem Zusammenhang mit Proble-
insbesondere die Zahlentheorie, in der man auch unentwegt
men der Zahlentheorie. Die von A. M. Legendre und C. F.
versuchte, die Fermat’sche Vermutung aus dem Jahr 1637 zu
Gauß vermutete Formel
beweisen, wesentlich beeinflusst.
π(n)
War bis dato das Lösen von Gleichungen der Hauptgegen- lim n =1
n→∞
stand der Algebra, so entwickelte sich die Algebra zu einem log n
Gebiet, in welchem algebraische Strukturen wie Gruppen,
für die Anzahl π(n) der Primzahlen unterhalb n wurde 1896
Ringe, Körper, Vektorräume und Moduln im Mittelpunkt des
von dem französischen Mathematiker Jacques Hadamard
Interesses standen.
(1865–1963) und dem belgischen Mathematiker Charles De
Wir haben schon darauf hingewiesen, dass Euklids Paralle- la Vallée Poussin (1866–1962) unabhängig voneinander be-
lenaxiom (das fünfte Postulat) nicht aus den vier anderen wiesen. Bernhard Riemann war in seiner berühmten Arbeit
Axiomen abgeleitet werden kann. Der russische Mathemati- „Über die Anzahl der Primzahlen unter einer gegebenen Grö-
ker Nikolai Ivanowitsch Lobatschewski (1793–1856) und der ße“ nahe an einem Beweis. Die von Riemann aufgestellte Ver-
ungarische Mathematiker János Bolyai (1802–1860) stellten mutung, dass die Nullstellen der nach ihm benannten Zeta-
um 1830 Modelle für Geometrien vor, die nicht das fünfte Funktion in der rechten Halbebene alle den Realteil 21 haben,
Postulat erfüllten. Gauß war ein solches Modell vermutlich ist bis heute unbewiesen (siehe auch Millenniumprobleme).
auch geläufig. Bernhard Riemann (1826–1866) entwickelte
Richard Dedekind (1831–1916) war bei der Vorbereitung
die Ideen – aufbauend auf den Ideen von Gauß – weiter und
einer Vorlesung über Infinitesimalrechnung im Herbst 1858
begründete nach der Pionierarbeit von Gauß damit die Diffe-
am damaligen eidgenössischen Polytechnikum Zürich (heute
renzialgeometrie. Felix Klein (1849–1925) verwendete 1872
ETH) aufgefallen, dass eigentlich noch niemand die Existenz
den Gruppenbegriff zur Klassifikation der verschiedenen Ar-
der reellen Zahlen bewiesen hatte. Mit seinen beiden Schrif-
ten von Geometrien. David Hilbert (1862–1943) begründete
ten „Stetigkeit und irrationale Zahlen“ (1872) und „Was sind
die euklidische Geometrie in seinem Buch „Grundlagen der
und was sollen die Zahlen“ (1887) leistete er wesentliche
Geometrie“ (1899) axiomatisch.
Beiträge zur logisch arithmetischen Konstruktion der reellen
Das 19. Jahrhundert war gekennzeichnet durch die Exak- Zahlen (ohne Gebrauch der Intuition). Fast zeitgleich mit De-
tifizierung der Begriffe der Analysis. Bernhard Bolzano dekind lieferten K. Weierstraß, Charles Méray (1835–1911)
(1781–1848) formulierte als erster das heute als Cauchy- und Georg Cantor (1845–1918) entsprechende Konstruktio-
Kriterium bekannte Konvergenzkriterium für die Konvergenz nen der reellen Zahlen. Cantors Arbeit zur Theorie von un-
von (Funktionen-)Folgen. Er formulierte 1817 den nach ihm endlichen Mengen um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhun-
benannten Nullstellensatz für stetige Funktionen und gab als dert war auch ein wichtiger Meilenstein für die Analysis.
erster eine auf ganz R definierte stetige Funktion an, die in
Kennzeichnend für die Mathematik des 19. Jahrhunderts war
keinem Punkt differenzierbar ist. Dagegen glaubte der be-
vielleicht auch ihre Anwendungsbezogenheit. Die Theorie
kanntere französische Mathematiker Augustin-Louis Cauchy
der Wärmeausbreitung in Festkörpern wurde von Joseph
(1789–1857) noch, dass jede stetige Funktion auf R auch
Fourier (1768–1830) in seinem „Théorie de la chaleur“ 1807
differenzierbar ist. Seine formalen Definitionen zum Konver-
entwickelt. Fourier schuf die Grundlage der Theorie, die man
genzbegriff für Folgen und Reihen und zum Stetigkeitsbegriff
heute „Fourieranalyse“ nennt. Im Zusammenhang mit Ar-
finden sich in seinem berühmten „Cours d’Analyse“ aus dem
beiten in der Hydrodynamik und Elektrodynamik bewies der
Collège de France um 1820. Ein expliziter ε-δ-Beweis findet
englische Mathematiker und Physiker George Gabriel Stokes
sich lediglich beim Beweis des Mittelwertsatzes der Diffe-
(1819–1903) um 1850 den berühmten Stokes’schen Integral-
renzialrechnung. Cauchy ist jedoch ein Wegbereiter für die
satz.
neue Strenge in der Analysis. Eine exakte arithmetische Be-
gründung für das Rechnen mit Grenzwerten ist der Verdienst Eine Fülle neuer Ideen und mathematischer Methoden ent-
von Karl Weierstraß (1815–1897). wickelte Laplace um 1812. Fehlertheorie, statistische Mecha-
nik und Versicherungsmathematik sind Weiterentwicklungen
Cauchy und Weierstraß gelten als Begründer der „komplexen
der ursprünglich nur auf die Analyse von Glücksspielen kon-
Analysis“, die man im deutschen Sprachraum auch „Funk-
zentrierten Überlegungen von Laplace.
tionentheorie“ nennt. Zu deren Stammvätern ist auch Bern-
hard Riemann (1826–1866) zu zählen, der im Wettstreit mit Der norwegische Mathematiker Sophus Lie (1842–1899) be-
Carl Gustav Jacob Jacobi (1804–1851) auch die Theorie der gründete in seinen Arbeiten über Differenzialgleichungen die
elliptischen Integrale entwickelt hat. Die Umkehrung der el- heute nach ihm benannte Theorie der Lie-Gruppen, die z. B.
liptischen Integrale sind elliptische Funktionen. Historisch bei der Klassifikation von Elementarteilchen von Bedeutung
hat man zuerst die elliptischen Integrale „elliptische Funk- sind.
24 1 Mathematik – eine Wissenschaft für sich

Die Mathematik im 20. Jahrhundert ganz Deutschland wurden Mathematiker und Mathematike-
rinnen mit jüdischen Wurzeln entlassen oder zur vorzeiti-
Auf dem internationalen Mathematikerkongress in Paris im gen Emeritierung gezwungen. Besonders schwer traf es die
Jahr 1900 stellte David Hilbert seine 23 Probleme vor, wel- Universität Göttingen, an der auch David Hilbert seit 1895
che die Entwicklung der Mathematik im 20. Jahrhundert we- ordentlicher Professor war. Emmy Noether, Emil Artin, Her-
sentlich beeinflussen sollten. Nicht alle diese Probleme sind mann Weil, Richard Courant, Paul Bemays, Carl Ludwig Sie-
bis heute gelöst. Der entsprechende Wikipedia-Artikel gibt gel emigrierten ins Ausland, meist in die USA. Der Zahlen-
einen guten Überblick. Ostwalds Klassiker der exakten Wis- theoretiker Edmund Landau wurde seiner Ämter enthoben.
senschaften Band 252 „Die Hilbert’schen Probleme“ ist eine
hervorragende Referenz. Hilberts Traum, die gesamte Mathematik auf logischen Axio-
men aufzubauen, wurde endgültig durch den Unvollständig-
Wir gehen auf einige dieser Probleme etwas näher ein: Die keitssatz von Gödel (1931) und die Ergebnisse von Paul Co-
Fragestellung im 1. Hilbert’schen Problem lautet: Gibt es eine hen (1960/61) zerstört. Sowohl die Kontinuumshypothese als
Teilmenge von R, die überabzählbar ist und deren Mächtig- auch das sogenannte Auswahlaxiom, das in viele mathema-
keit (Kardinalitätszahl) echt kleiner ist als die der reellen tische Konstruktionen und Ergebnisse einfließt, können we-
Zahlen? Dass es eine solche Teilmenge nicht gibt, bezeich- der aus den Axiomen der von S. Zermelo und Paul Fraenkel
net man als Kontinuumshypothese (vergl. die Ausführungen entwickelten Mengenlehre bewiesen noch widerlegt werden.
in Kap. 4). Kurt Gödel hat 1938 gezeigt, dass die Verneinung Das ZF-System (ZF steht für Zermelo-Fraenkel) ist unvoll-
der Kontinuumshypothese nicht aus den üblichen Axiomen ständig und wird durch Hinzunahme des Auswahlaxioms
der Mengenlehre, dem ZFC-Axiomensystem beweisbar ist. zum ZFC-System (C für Axiom of Choice) ergänzt. Hilbert
1963/64 bewies P. Cohen (1934–2007), dass auch die Konti- beschäftigte sich von den philosophischen Grundlagen der
nuumshypothese selbst nicht aus dem ZFC-Axiomensystem Mathematik mit fast allen Fragen der Mathematik und ihren
beweisbar ist. Das Problem hängt unmittelbar zusammen mit Anwendungen, insbesondere in der Physik. Der Begriff des
dem 2. Hilbert’schen Problem: Sind die Axiome der Arith- „Hilbert-Raums“ ist für die Mathematik und ihre Anwendun-
metik widerspruchsfrei? gen von fundamentaler Bedeutung und sein Name sozusagen
Das 6. Problem stellt die Frage: Wie kann die Physik axio- verewigt.
matisiert werden? Gewisse Teilgebiete der Physik, z. B. die
Obwohl der zweite Weltkrieg (1939–1945) unendliches Leid
Quantenmechanik können axiomatisch behandelt werden,
über viele Völker der Welt gebracht hat, trug er auch zum
eine allgemeine axiomatische Darstellung der gesamten Phy-
Fortschritt der Wissenschaften bei. Alan Turing (1912–1954)
sik ist aber in weiter Ferne.
konnte mithilfe der von ihm entwickelten Automaten- und
Das 7. Hilbert’sche Problem stellt die Frage: Ist α β immer Algorithmentheorie universell einsetzbare Automaten (heute
transzendent, wenn α algebraisch (α  = 0, α  = 1) und β Turingmaschinen) entwickeln. Mit ihrer Hilfe gelang es
irrational und algebraisch ist? Alexander Gelfond (1934) und ihm und anderen Wissenschaftlern, den Verschlüsselungs-
Theodor Schneider

(1935 ) beantworteten die Frage mit „ja“, code der deutschen Verschlüsselungsmaschine Enigma ab
so ist z. B. 2 2 eine transzendente Zahl. 1943 zu knacken, der insbesondere auch in der Kommuni-
kation mit U-Booten eingesetzt wurde. Manche Historiker
Das 8. Hilbert’sche Problem enthält die von Bernhard Rie- sind der Meinung, dass die Entschlüsselung des Enigma-
mann (1826–1866) gestellte Frage, ob die Nullstellen der Codes ein wichtigen Beitrag zur Beendigung des zweiten
Riemann’schen ζ -Funktion in der Halbebene Re (s) > 0 alle Weltkriegs war. Nachdem Konrad Zuse (1910–1995) 1936
den Realteil 21 haben. Bekannte Nullstellen in dieser Halb- den ersten mechanischen Computer gebaut hatte, wurden
ebene haben den Realteil 21 . Mit Computereinsatz hat man im Zusammenhang mit dem Bau der ersten Atombombe
auch Zahlen 21 +it, t ∈ R, t < 1012 , getestet und nachgewie- (sog. „Manhattan-Projekt“) auch erste leistungsfähige elek-
sen, dass die Riemann’sche Vermutung für diese Zahlen rich- tronische Röhrenmaschinen entwickelt, mit denen die am
tig ist. Ein allgemeiner Beweis steht aber nach wie vor aus. Manhattan-Projekt beteiligten Mathematiker umfangreiche
Von den 23 Hilbert’schen Problemen hat die Clay-Foundation Simulationsrechnungen durchführen konnten.
die „Riemann’sche Vermutung“ in die sieben Millennium-
Probleme aufgenommen (siehe 21. Jahrhundert). Große Fortschritte während des 20. Jahrhunderts konnten
die klassischen mathematischen Gebiete Algebra, Geometrie
Die Wahrscheinlichkeitstheorie wurde 1933 von dem rus-
und Analysis aufweisen, die sich in viele, manchmal sehr ab-
sischen Mathematiker A. N. Kolmogorov axiomatisiert, was
strakte Richtungen weiterentwickelten. Die theoretische Ma-
bereits von Hilbert angemahnt worden war. Die Modellierung
thematik erhielt u. a. wesentliche Impulse durch die Entwick-
des Zufalls nimmt heute insbesondere in den Anwendungen
lung der Garbentheorie, der Kategorien und Funktoren, der
ein bedeutende Rolle ein.
Theorie der Faserbündel, der homologischen Algebra und der
War bis 1933 die Universität Göttingen ein Weltzentrum der Kohomologietheorie. Die von John von Neumann und Os-
Mathematik – vielleicht sogar das Weltzentrum der Mathe- car Morgenstern entwickelte Spieltheorie fand wichtige An-
matik – so änderte sich die Situation nach der Machtergrei- wendungen, z. B. in der Ökonomie. Die Optimierungstheo-
fung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 schlagartig. In rie wurde wesentlich weiterentwickelt. Große Fortschritte
1.4 Eine kurze Geschichte der Mathematik 25

gab es auf dem Gebiet der partiellen Differenzialgleichun- Primzahlen – früher für viele ein exotisches Gebiet der theo-
gen und dynamischen Systeme. Wichtige Fortschritte gab es retischen Mathematik – gewannen an Bedeutung für die Ge-
auch in den Bereichen Wahrscheinlichkeitstheorie und Sta- winnung optimaler Codes und für die Kryptographie.
tistik. Immer wieder fand man auch unbekannte Zusammen-
hänge zwischen abstrakten mathematischen Theorien und
physikalischen Anwendungen, z. B. der abstrakt entwickel-
ten Theorie der Topologie vierdimensionaler Mannigfaltig-
keiten und der Theorie der Elementarteilchen (Quarks, Eich-
Theorien, Yang-Mills-Gleichung). Durch diese Zusammen-
hänge wurde ab 1980 ein reger Austausch zwischen Mathe-
matik und theoretischer Physik eingeleitet.

Dem Computereinsatz kam eine immer größere Bedeutung


zu. Der Beweis des sogenannten Vier-Farben-Satzes durch
Appel und Haken im Jahr 1976 ist ein solches Beispiel. Von
zahlreichen Mathematikern wurde der Beweis aber nicht an-
erkannt, weil die Reduzierung auf spezielle Konfigurationen
Fehler aufwies. 1996 lieferten Daniel P. Sanders, Paul Sey-
mour und Robin Thomas einen transparenteren Beweis des Abbildung 1.23 Andrew Wiles (geb. 1953).
Vier-Farben-Satzes. Auch bei der Klassifikation der endli-
chen einfachen Gruppen war der Computer ein unersetzliches Kennzeichnend für die Mathematik im 20. Jahrhundert war
Hilfsmittel. Über 40 Jahre haben sich über 100 Mathemati- vielleicht, dass trotz großer Weiterentwicklung in Richtung
ker mit diesem Problem beschäftigt, aber es hat von 1980 bis Abstraktion tiefliegende Zusammenhänge zwischen einzel-
2004 gedauert, bis der Beweis letztlich akzeptiert wurde. nen Teilgebieten der Mathematik und der theoretischen Phy-
sik entdeckt wurden. So erhielten Atiyah und Singer 2004 den
Obsthändler wussten schon immer, wie man optimal Oran- Abelpreis für ihre Arbeiten. Der Abelpreis, der 2003 anläs-
gen stapelt, sehr früh wussten auch Militärs, wie man Ge- slich des 200. Geburtstages von N. H. Abel gestiftet wurde,
schosskugeln platzsparend lagert. In seinem Buch „Vom ist die höchstdotierte Auszeichnung (≈ 750.000 Euro) für au-
sechseckigen Schnee“ hat Johannes Kepler eine pyrami- ßergewöhnliche wissenschaftliche Leistungen auf dem Ge-
denförmige Anordnung der Kugeln beschrieben, die genau biet der Mathematik. Als „Nobelpreis der Mathematik“ gilt
π
√ ·100 Prozent des Gesamtvolumens der Pyramide ausma- jedoch die Fields-Medaille, die als einziger Deutscher bisher
3 2
chen (das bedeutet ≈ 74.048 Prozent). Dass es keine dichtere Gerd Faltings (geb. 1954) im Jahr 1986 für seinen Beweis der
Kugelpackung gibt, ist die sogenannte Kepler’sche Vermu- Mordell’schen Vermutung für diophantische Gleichungen er-
tung, deren mögliche Lösung 1998 von Tom Hales ange- halten hat. Der Preisträger darf nicht älter als 40 Jahre sein,
kündigt wurde. Der Knackpunkt war wieder der Computer- Wiles hatte 1994 diese Altersgrenze gerade überschritten.
einsatz zur Untersuchung vieler Fallunterscheidungen. Der
theoretische Teil des Beweises von Hales wurde in der Zwi-
schenzeit von einem Gutachtergremium für richtig befunden.
Ausblick ins 21. Jahrhundert
Hales schätzt, dass die formale Überprüfung des gesamten
Beweises noch ca. 20 Jahre dauern wird.
Das Jahr 2000 war das Weltjahr der Mathematik. In bewus-
Völlig ohne Computereinsatz konnte jedoch Andrew Wi- ster Anknüpfung an die 23 Hilbert’schen Probleme aus dem
les (geb. 1953) im Jahr 1993 die Fermat’sche Vermutung Jahr 1900 benannte im Mai 2000 das Clay Mathematics In-
(siehe Seite 20) beweisen, seither spricht man von „Fermat’s stitute (CMI) auf einer Tagung in Paris sieben bis dato unge-
Last Theorem“ (der endgültige Beweis wurde 1995 veröf- löste mathematische Probleme, für deren Lösung jeweils ein
fentlicht). Der Beweis der Fermat’schen Vermutung nach Preisgeld von einer Million Dollar ausgelobt wurde. Diese
ca. 350 Jahren war sicherlich das Highlight der Mathematik Millenniumprobleme stammen aus den Bereichen Zahlen-
des 20. Jahrhunderts. Der Beweis der Fermat’schen Vermu- theorie, Topologie, mathematische Physik und theoretische
tung war eigentlich ein „Abfallprodukt“ aus einem Beweis Informatik. Das erste Millenniumproblem wurde schon bei
der Taniyama-Weil-Shimura-Vermutung. Diese macht tief- Hilberts 23 Problemen genannt: die Riemann’sche Vermu-
liegende strukturelle Aussagen über elliptische Kurven und tung, dass die Nullstellen der Riemann’schen Zetafunktion in
Galois-Gruppen. Nur durch das Zusammenspiel verschie- der rechten Halbebene alle den Realteil 21 haben. Das siebte
dener mathematischer Disziplinen (z. B. algebraische Geo- war die Poincaré’sche Vermutung für die Dimension 3: Jede
metrie, Zahlentheorie, elliptische Kurven, Modulformen) kompakte dreidimensionale Mannigfaltigkeit, auf der jede
konnte Wiles sein Resultat erzielen, aus dem die Lösung des Schleife auf einen Punkt zusammengezogen werden kann,
über 350 Jahre alten Fermat’schen Problems der Zahlentheo- ist homöomorph zur Sphäre S 3 . Einen Beweis hierfür gab im
rie folgt. Die Zahlentheorie erhielt durch den Wiles’schen Jahr 2003 der russische Mathematiker Gregori Perelmann.
Beweis wesentliche Impulse. Hierfür wurde ihm die Fields-Medaille zugesprochen. So-
26 1 Mathematik – eine Wissenschaft für sich

wohl die Annahme der Fields-Medaille als auch das Millen- wirtschaft, Logistik, Versicherungswirtschaft, Banken und
niumpreisgeld lehnte er allerdings ab. Börsen, Finanzdienstleistungsindustrie). Ungeheure Daten-
mengen können nur mit Computerhilfe analysiert werden. In
Bereits im April 2002 wurde von dem rumänischen Mathe-
dem im Jahr 2008, dem Jahr der Mathematik in Deutsch-
matiker Preda Mihailescu (geb. 1955) die sogenannte Cata-
land, erschienenen Band Mathematik – Motor der Wirtschaft
lan’sche Vermutung bewiesen, die besagt: Die einzige ganz-
(Springer-Verlag) schreibt die Bundesministerin für Bil-
zahlige Lösung der Gleichung x p −y q = 1 mit x, p, y, q > 1
dung und Forschung, Annette Schavan, in einem Grußwort
lautet x = 3, p = 2, y = 2, q = 3.
u. a.:
Zahlreiche weitere Vermutungen, die zum Teil auch leicht
zu verstehen sind, harren noch der Lösung, so z. B. die Gold- „Hightech gibt es nicht ohne Mathematik. ,Mathematik. Al-
bach’sche Vermutung (Goldbach schrieb 1742 in einem Brief les was zählt‘ ist unser Leitsatz für das Wissenschaftsjahr
an Euler: Jede gerade natürliche Zahl n ≥ 4 lässt sich als 2008, das ,Jahr der Mathematik‘. Er unterstreicht, wie wich-
Summe von zwei Primzahlen darstellen). 1985 formulierten tig die Mathematik im Leben ist und wie sie unseren Alltag
Masser und Oesterlé die abc-Vermutung: Sind a, b, c paar- durchdringt.“
weise teilerfremde natürliche Zahlen mit a + b = c (daher Das Jahr der Mathematik hat sicher dazu beigetragen, die
der Name!) und ist rad(abc) < c1−ε für jedes ε > 0, dann Diskrepanz zwischen dem Ansehen der Mathematik in der
gibt es nur endlich viele

solcher Tupel (a, b, c). Dabei ist Öffentlichkeit und ihrer wahren Bedeutung zu verkleinern.
für n ∈ N rad(n) := p | n p das Produkt aller Primzahlen, Vielfach ist einer breiten Öffentlichkeit nicht bewusst, wie
die n teilen. So ist z. B. rad(10) = 2 · 5 = 10, rad(18) = 6 viel Mathematik in der Verkehrsplanung (etwa bei der Deut-
und rad(65 536) = 2. Im August 2012 veröffentlichte Shini- schen Bahn AG), in einem Handy oder Navigationsgerät, in
chi Mochizuki, der 1992 bei Gerd Faltings promoviert hatte, einem Computertomographen, einer Geldkarte oder einem
einen möglichen Beweis der abc-Vermutung, dessen Kor- Scanner an der Kasse eines Supermarkts steckt.
rektheit bis zur Drucklegung dieses Werks noch nicht ab-
schließend geprüft war. Sind die abc-Vermutung und gewisse Auch die Mathematik des 21. Jahrhunderts wird gekenn-
Verallgemeinerungen auf Polynomringe richtig, ergeben sich zeichnet sein durch die Pole „Theorie“ und „Anwendungen“,
wesentlich einfachere Beweise z. B. für die Mordell’sche Ver- gemäß dem Leibniz’schen Wahlspruch „Theoria cum praxi“,
mutung oder Sätze von C. L. Siegel und Th. Schneider über und der Feststellung von C. F. Gauß: „Die Theorie zieht die
diophantische Gleichungen. Der kanadische Mathematiker Praxis an wie der Magnet das Eisen“. Es gibt zahlreiche ma-
Robert P. Langlands entwickelte bereits 1966/67 eine Reihe thematische Herausforderungen sowohl auf theoretischer als
von Vermutungen über tiefliegende Zusammenhänge mathe- auch praktisch anwendbarer Ebene. Die Mathematik ist we-
matischer Theorien, die als „Langlands-Programm“ bezeich- gen ihrer universellen Anwendbarkeit zu einer Schlüsseltech-
net werden und an deren Lösung weltweit gearbeitet wird und nologie geworden. Mit einem Zitat von Eberhard Zeidler zur
das durch die Erfolge von Andrew Wiles und Richard Taylor Bedeutung der Mathematik sollen die Schnappschüsse aus
einen gewaltigen Schub erhalten hat. der Geschichte der Mathematik beendet werden:

Waren bis nicht vor allzu langer Zeit die Naturwissenschaf- „Die Mathematik ist ein wundervolles zusätzliches Erkennt-
ten, die Technik und die Wirtschaftswissenschaften die klas- nisorgan des Menschen, ein geistiges Auge, das ihn etwa
sischen Anwendungsgebiete der Mathematik, so haben in in der modernen Elementarteilchenphysik, der Kosmologie
der Zwischenzeit mathematische Methoden in den Lebens- und der Hochtechnologie in Bereiche vorstoßen lässt, die
wissenschaften (Biologie, Medizin), Sozialwissenschaften ohne Mathematik nicht zu verstehen sind, weil sie von un-
und auch Geisteswissenschaften Eingang gefunden. Auch serer Erfahrungswelt extrem weit entfernt sind.“ (Eberhard
die Industrie bedient sich zunehmend mathematischer Me- Zeidler in Wußing, 6000 Jahre Mathematik, Springer-Verlag
thoden (z. B. Verkehrsplanung, Energiewirtschaft, Material- 2009).
Logik, Mengen,
Abbildungen – die 2
Sprache der Mathematik
Wie führt man einen
Widerspruchsbeweis?
Wie lassen sich Mengen
beschreiben?
Was ist eine Abbildung?
Wodurch ist eine
Äquivalenzrelation
gekennzeichnet?

2.1 Junktoren und Quantoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28


2.2 Grundbegriffe aus der Mengenlehre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34
2.3 Abbildungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
2.4 Relationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49
Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60
28 2 Logik, Mengen, Abbildungen – die Sprache der Mathematik

Mathematik kann man als eine Sprache auffassen. Das Voka- Aussagen lassen sich mittels Junktoren
bular basiert auf der Mengenlehre, und die Logik übernimmt verbinden
die Rolle der Grammatik. Die Begriffe und Symbole der Men-
genlehre und der Logik werden dabei als eine Art Stenografie Meist ist man nicht nur an einzelnen Aussagen interessiert,
verwendet, um Definitionen, Sätze und Beweise prägnant und sondern will diese verknüpfen. Das geschieht wie in der All-
klar formulieren zu können. tagssprache mit Bindewörtern wie nicht, und oder oder. In
der formalen Logik nennt man diese Bindewörter Junktoren.
In diesem einführenden Kapitel stellen wir die für uns wesent-
lichen Begriffe und Symbole der Logik und Mengenlehre zusam- Wir bezeichnen im Folgenden Aussagen mit einzelnen Groß-
men. Da die präzise Einführung dieser Begriffe und Symbole buchstaben, etwa A, B, C. Dann notieren wir die Negation
für die Analysis und lineare Algebra, also im Wesentlichen für (NICHT-Verknüpfung) einer Aussage A durch ¬A. In der
das erste Studienjahr, nebensächlich ist, können wir auf einen Literatur finden sich auch die Notationen ∼A oder A für die
axiomatischen Aufbau verzichten. Wir benutzen einen intuitiven Negation.
Zugang zur Logik und Mengenlehre. Dieses Vorgehen, das auch
Wie man es erwartet, ist die Negation so definiert, dass
bei Anfängervorlesungen in der Mathematik üblich ist, hat sich
¬A dann falsch ist, wenn A wahr ist und umgekehrt. Mit-
bewährt. Man kann somit nach relativ kurzer Einführung schnell
hilfe einer Wahrheitstafel lassen sich derartige Sachverhalte
zu den Inhalten der Analysis und linearen Algebra kommen. Im
übersichtlich darstellen, indem man alle möglichen Kombi-
Laufe seines Studiums aber sollte sich jeder Mathematikstudent
nationen auflistet. WAHR und FALSCH werden wir dabei
mit einigen wenigen Inhalten der axiomatischen Mengenlehre
durch w und f abkürzen. Für die Negation erhalten wir
bzw. der mathematischen Logik vertraut machen.
A ¬A
Zur Mengenlehre gehören Abbildungen zwischen Mengen und
w f
Relationen auf Mengen. Bei der Einführung dieser Begriffe
f w
legen wir ein Augenmerk auf präzise Anwendungen der Be-
griffe und Symbole der Logik und der bis dahin entwickelten
Mengenlehre. Das erscheint einem Neuling in der Mathematik Beispiel Für eine reelle Zahl x ist etwa die Negation der
schnell pedantisch oder unnötig abstrakt. Tatsächlich aber ist Aussage „x < 5“ durch die Aussage „x ≥ 5“ gegeben. Die
das korrekte und genaue Anwenden des Formalismus eine un- Negation ist durch „x ist nicht kleiner 5“ gegeben und da es
abdingbare Notwendigkeit, um den Weg in die Gedankenwelt für reelle Zahlen drei Möglichkeiten gibt, kleiner, gleich oder
der Mathematik zu meistern. größer, bedeutet die Verneinung der Aussage „x ist größer
oder gleich 5“. 

?
2.1 Junktoren und Quantoren Geben Sie die Negationen der folgenden Aussagen an:
Die Sonne scheint.
Schwäne sind nicht schwarz.
In der Mathematik geht es darum, Aussagen auf ihren Wahr- 17
Es gibt eine natürliche Zahl, die größer als 8 und kleiner
heitsgehalt hin zu überprüfen. Eine Aussage fassen wir dabei
als 23
8 ist.
als einen feststellenden Satz auf, dem genau einer der Wahr-
heitswerte WAHR oder FALSCH zugeordnet werden kann.
Eine wahre Aussage wird in der Mathematik oft als Satz be- Neben der Negation haben wir noch die Konjunktion zweier
zeichnet. Den Nachweis der Wahrheit dieser Aussage nennt Aussagen, die UND-Verknüpfung, die durch das Symbol ∧
man einen Beweis des Satzes. Bevor wir uns aber an das ausgedrückt wird, und die Disjunktion, die ODER-Verknüp-
Beweisen von Sätzen machen, befassen wir uns mit einigen fung, mit dem Zeichen ∨. Eine Wahrheitstafel liefert uns die
Grundbegriffen der Aussagenlogik, um Aussagen kurz und verschiedenen Werte für die beiden Verknüpfungen:
prägnant formulieren zu können. Dabei betreiben wir eine
naive Logik, in der wir unterschwellig die sprachliche Vor- A B A∧B A∨B
stellung benutzen. Die mathematische Logik funktioniert auf w w w w
einem anderen formalen Niveau. w f f w
f w f w
Junktoren und Quantoren sind sogenannte Operatoren der f f f f
Logik. Mit Junktoren werden Aussagen verbunden, Quanto-
ren hingegen binden Variable; dabei verstehen wir unter einer
Variablen vorläufig ein Zeichen, für das beliebige Ausdrücke Beachten Sie, dass in der Logik die Disjunktion stets ein ein-
einer bestimmten Art eingesetzt werden können. schließendes ODER bezeichnet, im Gegensatz zur Umgangs-
sprache, in der oft nur aus dem Zusammenhang deutlich wird,
ob es sich nicht vielleicht um ein „entweder . . . oder“ han-
delt. Formal können wir mit den gegebenen Symbolen auch
2.1 Junktoren und Quantoren 29

ein ausschließendes ODER beschreiben durch wenn A wahr und B falsch ist. Ist also A von vornherein
falsch, dann ist die Gesamtaussage A ⇒ B immer wahr.
(A ∨ B) ∧ ¬(A ∧ B) .
A B A⇒B
In der Literatur wird für diese Verknüpfung die Bezeichnung w w w
XOR mit der Notation AX B genutzt. w f f
f w w
Ein weiterer Junktor, der neben dem XOR genutzt wird, ist f f w
die Verknüpfung NAND, die als

¬(A ∧ B) Beispiel Wir untersuchen das Produkt zweier ganzer Zah-


len m und n und betrachten die Implikation „Für alle natür-
geschrieben wird. Als Notation findet sich häufig A ↑ B. lichen Zahlen m und n gilt: Wenn m gerade ist, dann ist auch
Die Bedeutung der NAND-Operation liegt darin, dass sich das Produkt m · n gerade.“ In der Aussagen-Notation liest
Negation, Konjunktion und Disjunktion allein durch diese sich das als
Operation ausdrücken lassen.
A: „m ist gerade“,
B: „m · n ist gerade“,
? und zu untersuchen ist die Aussage, dass für alle natürlichen
Stellen Sie die Wahrheitswerte für die NAND- und die XOR-
Zahlen A ⇒ B gilt.
Verknüpfungen zusammen und beschreiben Sie die NAND-
Verknüpfung in Worten. Da es keine weiteren Einschränkungen gibt, haben wir vier
mögliche Fälle zu unterscheiden.
1. m und n sind beide gerade: Gerade Zahlen kann man in
Nicht nur die Festlegung auf ein einschließendes ODER
der Form m = 2 k, n = 2 l schreiben, wobei k und l
unterscheidet die logischen Junktoren von ihren umgangs-
natürliche Zahlen sind. Für das Produkt erhalten wir in
sprachlichen Gegenstücken. Wir verbinden mit den Worten
diesem Fall
und/oder oft einen zeitlichen oder gar kausalen Zusammen-
hang. m · n = 2 k · 2 l = 4 k l = 2 · (2 k l) .

ganze Zahl
Beispiel In der Alltagssprache gibt es einen Unterschied
zwischen „Otto wurde krank und der Arzt verschrieb ihm Sowohl Bedingung A als auch die Folgerung B sind wahre
Medikamente“ und „Der Arzt verschrieb ihm Medikamente Aussagen.
und Otto wurde krank.“ Im Rahmen der Aussagenlogik gibt 2. m ist gerade und n ungerade: Wenn n ungerade ist, gibt
es zwischen diesen beiden Sätzen hingegen keinerlei Unter- es eine natürliche Zahl l mit n = 2 l + 1, und es folgt:
schied. 
m · n = 2 k · (2 l + 1) = 4 k l + 2 k = 2 · (2 k l + k) .

Die Aussagenlogik macht solche Unterscheidungen nicht, ganze Zahl
kausale Zusammenhänge werden bei mathematischen Aus- Das Produkt ist wieder eine gerade Zahl. Auch hier sind
sagen und Beweisen stets explizit beschrieben. sowohl Bedingung A als auch Folgerung B wahre Aus-
sagen.
3. m ist ungerade und n gerade: In diesem Fall gibt es na-
Implikationen sorgen für klare Beziehungen türliche Zahlen k und l, sodass m = 2 k + 1 und n = 2 l
ist, und wir erhalten:
Eine weitere logische Verknüpfung, die für die Mathematik
ganz zentral ist, ist die Implikation. Diese WENN-DANN- m · n = (2 k + 1) · 2 l = 4 k l + 2 l = 2 · (2 k l + l) .

Verknüpfung wird manchmal auch als Subjunktion bezeich- ganze Zahl
net. Es geht um die Logik des mathematischen Folgerns der
Art „Wenn A wahr ist, so ist auch B wahr“ oder kurz gesagt Nun ist die Bedingung A falsch, aber die Folgerung B
„Aus A folgt B.“ hingegen wahr.
4. m und n sind ungerade, jetzt gilt:
Bei der Definition dieser Verknüpfung von Aussagen geht
man einen auf den ersten Blick recht seltsamen Weg. Ge- m · n = (2 k + 1) · (2 l + 1) = 4 k l + 2 k + 2 l + 1 =
nauso wie oben bei der UND-Verknüpfung beschrieben, be- = 2 · (2 k l + k + l) +1,
zeichnet die Implikation weder einen zeitlichen noch einen 
ganze Zahl
kausalen Zusammenhang zwischen den Aussagen, was uns
aber umgangssprachlich durch die Formulierungen „wenn ... mit entsprechenden Zahlen k und l. Wir bekommen ein
dann“ bzw. „folgt“ suggeriert wird. Die Aussage „A impli- ungerades Produkt. Hier sind also sowohl Bedingung A
ziert B“, formal notiert durch A ⇒ B, ist nur dann falsch, als auch Folgerung B falsch.
30 2 Logik, Mengen, Abbildungen – die Sprache der Mathematik

Zusammenfassend erhalten wir stets, dass, wenn A wahr ist, Gehen wir direkt vor und zeigen unmittelbar, dass, wenn A
auch B wahr ist. Bei falschem A sind beide Wahrheitswerte gilt, auch folgt, dass B richtig ist, so nennen wir den Be-
für B möglich. Für die Implikation A ⇒ B erhalten wir somit weis einen direkten Beweis und können dieses Vorgehen lo-
in allen vier Fällen den Wahrheitswert wahr. Die Situation A gisch durch A ⇒ B angeben. Im Gegensatz dazu können
wahr und B falsch tritt nicht auf. Also ist die Aussage A ⇒ B wir auch indirekt argumentieren. Dann zeigen wir: Wenn
richtig.  B nicht gilt, folgt, dass auch A nicht wahr ist. Diesen in-
direkten Beweis können wir formal durch die Implikation
Kommentar: In der Aussagenlogik gilt das Prinzip ex ¬B ⇒ ¬A beschreiben. Eine dritte Möglichkeit der Be-
falso quodlibet, – aus Falschem folgt Beliebiges. Mit einer weisführung, die uns häufiger begegnen wird, ist der Wider-
einzigen falschen Grundannahme kann man, zumindest prin- spruchsbeweis. Bei dieser Argumentation starten wir mit
zipiell, jede beliebige Aussage beweisen. der Annahme, dass A und ¬B wahr sind, und führen diese
Annahme auf einen Widerspruch. Mit den Notationen der
Aussagenlogik heißt dieses Vorgehen, dass wir zeigen, dass
Im Zusammenhang mit der Implikation werden zwei Sprech-
die Aussage ¬(A ∧ ¬B) wahr ist.
weise häufiger genutzt. Hat man eine wahre Implikation
A ⇒ B vorliegen, so sagt man, „A ist hinreichend für B“; Alle drei Varianten, einen Beweis zu führen, sind gleichwer-
denn, wenn die Implikation A ⇒ B wahr ist, so folgt aus tig. Dies machen wir uns anhand einer Wahrheitstafel klar
A wahr, dass auch B wahr ist. Oder die Situation wird aus
anderem Blickwinkel beschrieben durch „B ist notwendig A B (A ⇒ B) ¬B ⇒ ¬A ¬(A ∧ ¬B)
für A“, da wir die wahre Implikation auch so lesen können, w w w w w
dass A nur wahr sein kann, wenn B gilt. w f f f f
f w w w w
Im obigen Beispiel heißt dies, die Bedingung, dass m gerade f f w w w
ist, ist hinreichend dafür, dass m · n gerade ist. Oder eben
anders ausgedrückt, m kann nur gerade sein, wenn auch m · n Wir sehen, dass die Wahrheitswerte der drei Aussagen stets
gerade ist, d. h. die Bedingung „m · n gerade“ ist notwendig, gleich sind. Wir können uns also je nach Situation eine der
damit die Aussage „m ist gerade“ gilt. drei Varianten aussuchen, um einen Beweis zu führen. Im
Beispiel „Unter der Lupe“ auf Seite 31 sind die drei Varianten
der Beweisführung zu einer Aussage gegenübergestellt.
?
Für eine gegebene natürliche Zahl n stellen wir die drei Aus- Beispiel Wir beweisen ein berühmtes Ergebnis, das von
sagen Euklid stammt. Es handelt sich um die Aussage: „Es gibt
A: n ist durch 12 teilbar unendlich viele Primzahlen, also Zahlen, die nur durch eins
B: n ist durch 3 teilbar und sich selbst teilbar sind.“
C: 2 n ist durch 6 teilbar Den Beweis führen wir mittels Widerspruch. Man nimmt an,
gegenüber. Welche „notwendigen“ und „hinreichenden“ Be- es gäbe nur endlich viele Primzahlen. Dann muss es eine
ziehungen bestehen zwischen diesen Aussagen? größte geben, die wir mit p bezeichnen wollen. Nun bildet
man das Produkt aller Primzahlen von zwei bis p und addiert
eins:
Mit der Implikation haben wir die wichtigste logische Ver- r = 2 · 3 · 5 · 7 · 11 · . . . · p + 1
knüpfung von Aussagen für das Beweisen formuliert. Letzt- Diese neue Zahl r ist durch keine der Primzahlen von zwei
endlich sind mathematische Sätze, Lemmata und Folgerun- bis p teilbar, bei der Division bleibt immer ein Rest von eins.
gen meistens in Form von wahren Implikationen formuliert, Es gibt also nur zwei Möglichkeiten: Entweder es gibt eine
und Beweisen heißt, dass man begründet, warum eine Impli- Primzahl, die größer ist als p und durch die r teilbar ist, oder
kation wahr ist. Dabei zerfallen die Beweise üblicherweise in r ist selbst eine Primzahl. In beiden Fällen erhalten wir einen
einzelne kleine Beweisschritte, die für sich genommen wie- Widerspruch zur Annahme, dass p die größte Primzahl ist.
derum wahre Implikationen sein müssen.
Formal wurden in diesem Beweis die beiden Aussagen
A: p ist eine Primzahl
B: Es gibt eine Primzahl p̃ mit p̃ > p
Varianten der Beweisführung – direkt,
betrachtet und die Implikation A ⇒ B durch einen Wider-
indirekt und durch Widerspruch spruch gezeigt. 

Bei den Begriffen hinreichend und notwendig deutete sich


schon an, dass wir verschieden argumentieren können, um Äquivalenz heißt genau dann, wenn
einen Beweis einer Aussage in der Form A ⇒ B, also „aus
A folgt B“, zu führen. Drei logische Varianten werden häufig Die drei oben aufgeführten Möglichkeiten eine Implikation
genutzt. zu formulieren sind gleichwertig, die entsprechenden Spalten
2.1 Junktoren und Quantoren 31

Unter der Lupe: Beweistechniken


Es soll eine Behauptung auf drei Arten – direkt, indirekt und mittels Widerspruch – bewiesen werden. Die Behauptung lautet,
dass für zwei positive Zahlen a und b aus a 2 < b2 die Ungleichung a < b folgt.

Damit wir uns die logische Struktur der Argumente deut- Wir können diese Ungleichung etwa mit a multiplizieren:
lich machen können, geben wir zunächst den beiden Teilen
der Behauptung Namen, a2 ≥ a b

A : a 2 < b2 und ebenso auch mit b:


B: a < b.
a b ≥ b2 .
Generell sei bei beiden Aussagen noch vorausgesetzt, dass
a und b irgendwelche positive reelle Zahlen bezeichnen.
Damit haben wir aber schon die gesuchte Beziehung; denn
Beweisen sollen wir, dass die Implikation A ⇒ B wahr
kombinieren wir beide Ungleichungen, so gilt:
ist, wobei zur Beweisführungen nur elementare Eigen-
schaften der reellen Zahlen genutzt werden sollen.
a 2 ≥ ab ≥ b2 .
1. direkt: A ⇒ B ist wahr.
Dies ist genau ¬A. Also haben wir gezeigt: Wenn a < b
Beweis: Wir setzen
nicht gilt, dann kann auch a 2 < b2 nicht gelten. 

a 2 < b2 Als letzte Variante argumentieren wir mithilfe eines Wi-


derspruchs.
als wahr voraus. Um aus Ungleichungen Schlüsse zu zie-
hen, ist es oft nützlich, die Ungleichung so zu formulieren, 3. Widerspruch: (¬B) ∧ A ist falsch.
dass Ausdrücke positiv oder negativ sind. Deswegen bietet Beweis: Beim Widerspruchsbeweis versuchen wir, die
sich an, auf beiden Seiten −a 2 zu addieren. Dies liefert:
Annahme, dass ¬B und A gleichzeitig gelten können,
0 < b2 − a 2 .
d. h.,
Den Ausdruck auf der rechten Seite kann man mit einer b≤a und a 2 < b2 ,
binomischen Formel in zwei Faktoren zerlegen:
zu einem Widerspruch zu führen. Wir zeigen also, dass
0 < (b − a) (b + a). die Aussage A ∧ ¬B falsch ist. Zuerst multiplizieren wir
(¬B) mit a und erhalten a b ≤ a 2 . Zusammen mit der
Diese Darstellung der Ungleichung hilft uns nun weiter.
Annahme, dass A wahr ist, ergibt sich die Ungleichung
Da nach Voraussetzung a und b positiv sind, ist auch
b + a > 0, und wir dürfen durch (b + a) dividieren, ohne
a b ≤ a 2 < b2 .
dass es Probleme mit dem Ungleichheitszeichen gibt. Wir
erhalten
Nun multiplizieren wir (¬B) mit b und erhalten b2 ≤ a b.
0 < (b − a),
Die Ungleichungskette, mit diesem Ergebnis ergänzt, lau-
und damit ist a < b.  tet nun
a b ≤ a 2 < b2 ≤ a b.
Versuchen wir nun einen indirekten Beweis zu derselben
Implikation. Dies bedeutet a b < a b, was nicht sein kann. Wir ha-
ben also die Annahme, (¬B) ∧ A könnte gelten, zu einem
2. indirekt: (¬B) ⇒ (¬A) ist wahr. Widerspruch geführt. 

Beweis: Beim indirekten Beweis gehen wir von ¬B aus,


Kommentar: Wir haben mit dieser Aussage auf drei ver-
also von schiedenen Argumentationswegen gezeigt, dass die Wur-
a ≥ b. zelfunktion monoton steigend ist.

in der Wahrheitstafel liefern dieselben Werte. Aussagen, die Die Gesamtaussage A ⇔ B ist wahr, wenn A und B ent-
diese Eigenschaft haben, nennt man äquivalent. Äquivalenz, weder beide wahr oder beide falsch sind. Ist eine der beiden
die GENAU-DANN-WENN-Verknüpfung von Aussagen, ist Aussagen wahr, die andere falsch, so ist auch A ⇔ B falsch.
der logische Gleichheitsbegriff für Aussagen. Sie wird durch
einen Doppelpfeil ⇔ zwischen den Aussagen symbolisiert
und wird gelesen als „es gilt genau dann A, wenn B gilt“.
32 2 Logik, Mengen, Abbildungen – die Sprache der Mathematik

Die zugehörige Wahrheitstabelle lautet: dass ln x > 0 ist, und somit x > 1 gelten muss. Wir haben
C ⇒ A bewiesen und somit die Kette geschlossen. Wegen
A B A⇔B
dieser Beweisstruktur A ⇒ B ⇒ C ⇒ A spricht man auch
w w w von einem Ringschluss. 
w f f
f w f
f f w
Symbole müssen inhaltlich gelesen werden
Manchmal wird für die Äquivalenz zweier Aussagen auch
die Formulierung verwendet, dass Aussage A „notwendig Zur Formulierung mathematischer Aussagen werden oft
und hinreichend“ für Aussage B ist. Symbole eingesetzt. Diese ermöglichen, sinnvoll eingesetzt,
Wir haben schon gesehen, dass Äquivalenz zwischen A und eine effiziente und übersichtliche Beschreibung von Sach-
B vorliegt, wenn der Spezialfall eintritt, dass die Implikation verhalten in der Mathematik. Man beachte aber auch, dass
zweier Aussagen in beide Richtungen wahr ist. Genauer be- ein Symbol je nach Zusammenhang für verschiedene Dinge
deutet die Beobachtung, dass die beiden Aussagen A ⇔ B stehen kann.
und ((A ⇒ B) ∧ (A ⇐ B)) äquivalent sind.
Beispiel Das simple Zeichen 0 kann z. B. – je nach Zu-
Im Sinne einer Beweisführung heißt dies, dass wir Äqui-
sammenhang – die Zahl Null, den Nullvektor, eine identisch
valenz von zwei Aussagen zeigen können, indem wir ge-
verschwindende Funktion, die Nullmatrix oder allgemein das
trennt beweisen, dass die beiden Implikationen gelten. Die-
neutrale Element einer additiv geschriebenen Gruppe bedeu-
sen Weg werden wir bei komplizierteren Äquivalenzbewei-
ten, und damit sind die Möglichkeiten bei Weitem noch nicht
sen sehr häufig nutzen. Der Vorteil dabei liegt darin, dass sich
erschöpft.
so unterschiedliche Beweistechniken nutzen lassen, etwa die
eine Richtung durch einen direkten Beweis und die andere In manchen Fällen kann hier eine zusätzliche Kennzeich-
Richtung durch einen Widerspruch. nung, etwa Fettdruck bei Vektoren, ein wenig helfen, aber
auch damit ist das Problem nicht aus der Welt geschafft. Man
? muss sich von Fall zu Fall überlegen, was die Null in diesem
Stellen Sie eine Wahrheitstafel auf, die die Äquivalenz von Zusammenhang bedeuten soll. 
A ⇔ B und ((A ⇒ B) ∧ (A ⇐ B)) belegt.
Diese Verwendung von Symbolen steht nicht im Widerspruch
zur oben verlangten Eindeutigkeit der Begriffe. Aber es be-
Beispiel Wir machen uns das Vorgehen bei Äquivalenz- deutet eine gewisse Herausforderung sowohl für Autoren als
beweisen an einem einfachen Beispiel klar. Für eine reelle auch für Leser von mathematischen Texten. Es ist die Auf-
positive Zahl x betrachten wir drei Aussagen gabe desjenigen, der einen mathematischen Text verfasst,
sicherzustellen, dass bei jedem Symbol klar ist, was es in
A : x > 1, B : x 2 > 1, C : ln x 2 > 0 . diesem Kontext bedeutet. Umgekehrt bleibt es Aufgabe des
Lesers mathematischer Texte, nicht nur rein formal zu lesen,
Um die Äquivalenz von A und B zu zeigen, könnten wir fol- sondern die jeweilige Bedeutung der abkürzenden Notatio-
gendermaßen argumentieren. Zunächst zeigen wir A ⇒ B: nen im Hinterkopf zu haben.
Wenn x > 1 gilt, so folgt, indem wir die Ungleichung mit x
multiplizieren, die Ungleichungskette x 2 = x · x > x > 1.
Lesen von Symbolen
Also ergibt sich x 2 > 1. Andererseits gilt B ⇒ A. Dazu
wählen wir einen indirekten Beweis; denn aus der Annahme Bei jedem in einer mathematischen Aussage vorkom-
x ≤ 1 folgt x 2 ≤ x und somit x 2 < 1. Also gilt x 2 > 1 menden Symbol muss man sich bewusst machen, was
impliziert x > 1. dieses Symbol hier bedeutet, um die Aussage verstehen
und verwenden zu können.
Nun könnten wir die Äquivalenz zwischen A und C zeigen.
Damit hätten wir die Äquivalenz aller drei Aussagen bewie-
sen. Häufig bietet sich aber bei mehreren Äquivalenzen eine In diesem Sinne werden wir versuchen, in diesem Werk die
Kette von Implikationen an. Statt die Äquivalenzen separat Verwendung von Symbolen auf ein angenehmes Maß zu be-
zu beweisen, zeigen wir schränken. Zwei häufig in der Literatur genutzte, abkürzende
Notationen im Zusammenhang mit der Formulierung von
A ⇒ B, B⇒C und C ⇒ A. Aussagen müssen wir aber noch ansprechen.
Die erste dieser drei Implikationen haben wir oben gezeigt. Oft will man Aussagen über eine ganze Klasse von Objekten
Wir setzen nun voraus, dass wir bereits wissen, dass ln 1 = 0 machen, etwa „Zu jeder reellen Zahl x gibt es eine natürliche
ist und dass der natürliche Logarithmus monoton steigend Zahl n, die größer ist als x.“
ist. Damit folgt direkt B ⇒ C. Als Letztes ergibt sich aus
In den meisten Fällen werden wir dabei mit den beiden Phra-
0 < ln(x 2 ) = 2 ln x , sen „es gibt“ und „für alle“ völlig auskommen.
2.1 Junktoren und Quantoren 33

Beispiel nur wohldefiniert, wenn wir vorher gezeigt haben, dass es


überhaupt eine solche Zuordnung gibt, also die Existenz der
Es gibt eine gerade Zahl, die durch drei teilbar ist.
Wurzelfunktion bewiesen haben, und zweitens sichergestellt
Für alle natürlichen Zahlen n gilt:
haben, dass es nur eine Funktion mit dieser Eigenschaft gibt,
n(n + 1) also die Eindeutigkeit der Definition. Ein weiterer wichtiger
1 + 2 + ··· + n = .  Aspekt bei mathematischen Sätzen sind die Voraussetzun-
2
gen. Wir fragen uns oft, sind die Voraussetzungen „scharf“
Mit „es gibt“ machen wir eine Existenzaussage und mit „für im Sinne von notwendig oder sind sie nur hinreichend für die
alle“ eine Allaussage. Aussage. Verallgemeinerungen von Voraussetzungen führen
uns oft zu neuen mathematischen Aspekten, etwa in unserem
Um Existenz- oder Allaussagen machen zu können, benö-
Beispiel der Wurzelfunktion auf die komplexen Zahlen, die
tigen wir eine Beschreibung A(x) des Sachverhalts in Ab-
wir später besprechen werden.
hängigkeit einer oder mehrerer Variablen. Dabei wird A(x)
zu einer Aussage, wenn spezifiziert wird, was mit der Varia- Quantoren, Variablen und Junktoren werden von nun an mit-
blen x gemeint ist. Solche Ausdrücke nennt man Aussage- einander zu vielfältigen Aussagen zusammengesetzt. Sehr oft
formen. hat man es dabei auch mit Verschachtelungen zu tun, deren
Abhängigkeiten unbedingt zu beachten sind.
So ist im obigen Beispiel die Gleichung

n(n + 1) Beispiel Wir betrachten die Aussage „Zu jeder reellen


1 + 2 + ... + n =
2 Zahl x gibt es eine natürliche Zahl n, die größer als x ist.“
Hier haben wir zunächst eine Allaussage, der eine Existenz-
eine Aussageform A(n). Erst zusammen mit der Festlegung aussage folgt, also formal
„für alle natürlichen Zahlen n“ oder einer Festlegung der
Form „für n = 5“ wird daraus eine Aussage. ∀ x ∈ R ∃ n ∈ N: x < n .

Die Gesamtaussage ist in diesem Fall wahr.


Quantoren erlauben knappes Hinschreiben
Würde man einfach naiv die Reihenfolge der Aussagen um-
von Existenz- und Allaussagen
stellen, so erhielte man „Es gibt eine natürliche Zahl n, die
größer ist als jede reelle Zahl x.“ Das ist eine ganz andere
Für diese beiden Formen von Aussagen gibt es formale
Aussage. In diesem Fall ist sie zudem falsch. Die Reihen-
Schreibweisen, die wir wegen ihrer weiten Verbreitung nicht
folge der Quantoren spielt fast immer eine entscheidende
verschweigen wollen. Man nutzt dazu Quantoren, die die
Rolle. 
Gültigkeit von Aussagen quantifizieren sollen. Die beiden
hier angesprochenen sind
Existenz- und Allaussagen lassen sich natürlich auch negie-
Existenzquantor ∃ ren, dabei ändert sich ihr Charakter von Grund auf. Sagen
„∃ x : A(x)“ ist gleichbedeutend mit wir, eine Aussage A trifft nicht auf alle x zu, so muss es
„Es existiert ein x, für das A(x) wahr ist“. zumindest ein x geben, für das A nicht gilt. Umgekehrt ver-
Allquantor ∀ neinen wir, dass es ein x gibt, für das A gilt, so muss A für
„∀ x : A(x)“ ist gleichbedeutend mit alle x falsch sein.
„Für alle x ist A(x) wahr“.
Kurz, die Verneinung einer Allaussage ist eine Existenzaus-
Wobei jeweils A(x) eine Aussageform bezeichnet. sage, die Verneinung einer Existenzaussage ist eine Allaus-
sage. In formaler Notation liest sich das als
Achtung: Eine Existenzaussage von der Form „Es gibt ¬ (∀ x : A(x)) ist äquivalent zu ∃ x : ¬A(x),
ein x, für das A gilt,“ bedeutet, dass zumindest ein derarti-
ges x existiert. A darf aber auch für mehrere oder sogar alle ¬ (∃ x : A(x)) ist äquivalent zu ∀ x : ¬A(x).
möglichen x wahr sein. Meinen wir, dass es genau ein ent-
Betrachten Sie mit diesem Wissen nochmal die letzten bei-
sprechendes Objekt geben soll, also eines und nur eines, so
den Selbstfragen auf Seite 28. Abschließend weisen wir noch
müssen wir das dazusagen. Wie auch überall sonst in Mathe-
auf zwei weitere Beweistechniken hin, die man leicht überse-
matik und Logik müssen wir die Sprache ernst nehmen und
hen kann. Um eine Existenzaussage zu zeigen, genügt es ein
sauber einsetzen.
konkretes Beispiel anzugeben, bei dem die betreffende Aus-
sageform zur wahren Aussage wird. Genauso ist es ausrei-
Fragen nach Existenz, „gibt es . . . ?“, und nach der Eindeu- chend, ein Gegenbeispiel anzugeben, um eine Allaussage zu
tigkeit, „gibt es höchstens ein . . . ?“ sind zentral in der Ma- widerlegen. Natürlich gibt es kein Rezept, wie man im Einzel-
thematik und werden uns sehr oft begegnen. Schon der ein- fall ein Beispiel bzw. Gegenbeispiel findet. Ein erfolgreiches

fache Versuch, die Wurzelfunktion zu definieren (als x  → x, Ausprobieren erfordert im Allgemeinen ein weitreichendes

wobei x diejenige Zahl ist, deren Quadrat x ergibt), ist Verständnis des betrachteten Problems.
34 2 Logik, Mengen, Abbildungen – die Sprache der Mathematik

Übersicht: Logik – Junktoren und Quantoren


Wir fassen hier die wichtigsten Junktoren und Quantoren noch einmal kurz zusammen.

Wichtige Junktoren Einige wichtige logische Äquivalenzen


¬ Negation (NICHT) (A ⇔ B) ⇔ ((A ⇒ B) ∧ (B ⇒ A))
∧ Konjunktion (UND)
∨ Disjunktion (ODER) (A ⇒ B) ⇔ ¬(A ∧ ¬B) (Widerspruchsbeweis)
⇒ Implikation (WENN-DANN) (A ⇒ B) ⇔ (¬B ⇒ ¬A) (indirekter Beweis)
⇔ Äquivalenz (GENAU-DANN-WENN)
A B ¬A A ∧ B A ∨ B A ⇒ B A ⇔ B (A ∨ B) ⇔ ¬(¬A ∧ ¬B)
w w f w w w w (A ∧ B) ⇔ ¬(¬A ∨ ¬B)
w f f f w f f
f w w f w w f Quantoren
f f w f f w w ∃ Existenzquantor („es gibt ein . . . “)
∀ Allquantor („für alle . . . “)
Außerdem werden gelegentlich verwendet:
↑ (NAND) mit A ↑ B ⇔ ¬(A ∧ B) Verneinen von Quantoren
X (XOR) mit AX B ⇔ ((A ∨ B) ∧ ¬(A ∧ B)) ¬(∀x : A(x)) ist äquivalent zu ∃x : ¬A(x)
¬(∃x : A(x)) ist äquivalent zu ∀x : ¬A(x)

Beispiel Wir können die Aussage „Es gibt eine ganzzah- Diese Definition ist so nicht sinnvoll, sprich keine Definition:
lige Lösung der Gleichung x 4 −2x 3 −11x 2 +12x +36 = 0,“ Der zu definierende Begriff Menge wird durch einen unde-
dadurch beweisen, dass wir eine Lösung, nämlich x = 3, an- finierten Begriff Zusammenfassung erklärt. Und tatsächlich
geben. kamen kurz nach Cantors Definition einer Menge die ersten
Beispiele, die Cantors Mengenlehre zum Einsturz brachten
Genauso lässt sich die Aussage „Für alle reellen Zahlen (siehe Seite 35). Aber für unsere Zwecke innerhalb der li-
x gilt x 2 + 23 x + 32
17
≥ 0, “ dadurch widerlegen, indem nearen Algebra und Analysis, also insbesondere im ersten
3
man x = − 4 einsetzt. Man erhält dann nämlich den Wert Studienjahr, ist der intuitive Begriff einer Menge im Sinne
 2
3
− 23 · 43 + 32
17 1
= − 32 .  einer Zusammenfassung von wohlunterschiedenen Objekten
4
zu einem Ganzen völlig ausreichend. Eine präzise Definition
einer Menge ist möglich. Dies erfordert aber einen erhebli-
chen Aufwand, der üblicherweise in Spezialvorlesungen zur
2.2 Grundbegriffe aus der Mengenlehre betrieben wird. Wir verzichten auf eine sol-
che präzise Definition und beschreiben Mengen durch ihre
Mengenlehre Eigenschaften.

Auch wenn wir schon erste (mathematische) Formeln be-


trachtet haben, so haben wir bisher nur über Mathematik ge- Mengen sind durch ihre Elemente gegeben
sprochen und eigentlich noch keine Mathematik gemacht –
wir haben die Grammatik der Sprache Mathematik geschil- Ist M eine Menge, so werden die wohlunterschiedenen Ob-
dert. Nun kommen wir zum Alphabet der Mathematik – der jekte x von M die Elemente von M genannt.
Mengenlehre. Wir werden uns nun mit Definitionen, Sät- Der Grundbegriff der Mengenlehre ist die Elementbeziehung,
zen und Beweisen auseinandersetzen und dabei in den tiefen wir schreiben
Gründen der Mathematik graben. Dabei berühren wir gleich
ein Thema, das Komplikationen mit sich bringt – der Begriff x ∈ M, falls x ein Element der Menge M ist, und
der Menge. Georg Cantor, der Begründer der Mengenlehre, x ∈ M, falls x nicht Element der Menge M ist.
definierte diesen Begriff wie folgt: Dabei sind für x ∈ M Sprechweisen wie „x ist Element von
M“ oder „x liegt in M“ üblich. Analog sagt man „x ist nicht
Element von M“ oder „x liegt nicht in M“ für x ∈ M.
Der Mengenbegriff nach Cantor
Mengen lassen sich auf zwei verschiedene Arten angeben:
Unter einer Menge verstehen wir jede Zusammenfas-
Man kann die Elemente einer Menge explizit auflisten oder
sung M von bestimmten, wohlunterschiedenen Objekten
man beschreibt die Elemente durch ihre Eigenschaften. Die
x unserer Anschauung oder unseres Denkens zu einem
explizite Angabe der Elemente ist vor allem bei kleinen Men-
Ganzen.
gen sinnvoll.
2.2 Grundbegriffe aus der Mengenlehre 35

Beispiel Die Mathematiker betrachten die Zahlenmengen nicht als von


Die Menge M aller Primzahlen, die kleiner als 10 sind, ist Gott gegeben. Durch mathematische Prozesse können aus N0
die Zahlenmengen Z, Q, R und C Schritt für Schritt gewon-
M = {2, 3, 5, 7} . nen werden. Auf diese Prozesse gehen wir im Kapitel 4 ein.
Auch die Menge N0 kann durch einen mathematischen Pro-
Die (unendliche) Menge N der natürlichen Zahlen kann zess konstruiert werden. Dazu geht man mengentheoretisch
wie folgt beschrieben werden: vor. Man erhält die natürlichen Zahlen sukzessive aus der
Null durch folgende Festlegungen:
N = {1, 2, 3, . . .} . 
0 = ∅, 1 = {∅}, 2 = {∅, {∅}}, 3 = {∅, {∅}, {∅, {∅}}, . . .
Neben dieser expliziten Angabe der Elemente einer Menge
Man beachte, es ist z. B. 3 = {0, 1, 2}, . . . In diesem Sinne
kann man die Elemente einer Menge auch durch ihre Eigen-
sind die natürlichen Zahlen Mengen, deren Elemente Mengen
schaften erklären: Ist E eine Eigenschaft, so ist
sind.
M = {x | E (x)}
Achtung: Die Begriffe Element und Menge sind somit
die Menge aller Elemente x, die die Eigenschaft E haben. relativ. Bildet man z. B. die Menge aller oben aufgeführten
Dabei wird der senkrechte Strich | gesprochen als Mengen, also

„für die gilt“ oder „mit der Eigenschaft“ . M = {N, N0 , Z, Q, R, C, ∅} ,

Eine eventuelle Grundmenge, aus der die Elemente x sind, so ist etwa Z einerseits Menge (von ganzen Zahlen), zugleich
wird oft vor dem Strich | festgehalten. aber auch Element (nämlich der Menge M).

Beispiel Kommentar: Wir haben hier einen Sachverhalt angespro-


M = {x ∈ N | x > 2 , x ≤ 9} = {3, 4, 5, 6, 7, 8, 9}. chen, dem man in der Mathematik wiederholt begegnet: Man
M = {x | x ist eine gerade natürliche Zahl} = {2, 4, 6, kann eine mathematische Struktur durch ein (widerspruch-
. . .} = {x ∈ N | ∃ k ∈ N mit x = 2 k}.  freies) Axiomensystem festlegen oder aus grundlegenderen
Strukturen konstruieren. Das Musterbeispiel hierfür ist die
Wir geben im Folgenden gesammelt die sogenannten Zah- Menge der reellen Zahlen, die einerseits durch ein Axiomen-
lenmengen an. Diese sind den meisten Lesern aus der Schul- system festgelegt werden kann, andererseits über Zwischen-
zeit gut vertraut. Wir werden diese Mengen immer wieder in stufen aus der leeren Menge konstruiert werden kann. Wir
Beispielen zu allen möglichen Mengenoperationen heranzie- behandeln dieses Beispiel ausführlich im Kapitel 4.
hen, die wir in den folgenden Abschnitten behandeln werden.
Diese Zahlenmengen werden wir im Kapitel 4 ausführlich
diskutieren.
Zwei Mengen sind gleich, wenn sie
N = {1, 2, 3, . . .} – die Menge aller natürlichen Zahlen, Teilmengen voneinander sind
N0 = {0, 1, 2, . . .} – die Menge aller natürlichen Zahlen
mit der Null, Wir nennen eine Menge A eine Teilmenge einer Menge B,
Z = {0, 1, −1, 2, −2, . . .} – die Menge aller ganzen falls jedes Element von A auch ein Element von B ist und
Zahlen, schreiben dafür A ⊆ B oder B ⊇ A, d. h.,
Q = {m n | n ∈ N, m ∈ Z} – die Menge aller rationalen
Zahlen, A ⊆ B ⇔ Für alle x ∈ A gilt x ∈ B .
R – die Menge aller reellen Zahlen,
C = {a + i b | a, b ∈ R} – die Menge aller komplexen Die Teilmengenbeziehung ⊆ wird Inklusion genannt, und
Zahlen. man sagt auch „die Menge A ist in B enthalten“ oder „die
Menge B umfasst A“.
Kommentar: Die reellen Zahlen, also die Elemente von Dass A keine Teilmenge von B ist – wir schreiben dafür
R, können auch explizit angegeben werden. Dazu sind aber A ⊆ B oder B ⊇ A – bedeutet, dass es in A ein Element
weitere Begriffe nötig, die wir erst in den folgenden Kapiteln gibt, das nicht in B ist.
entwickeln werden.
Wir halten nun unsere erste beweisdürftige Aussage fest:
Es ist auch sinnvoll, von einer Menge zu sprechen, die keine
Elemente enthält – die leere Menge ∅. Auch die Schreibweise Die leere Menge ist Teilmenge jeder Menge
{} ist für die leere Menge üblich. Wir können die leere Menge Für jede Menge M gilt:
des Weiteren durch Eigenschaften beschreiben:
∅ ⊆ M und M ⊆ M .
∅ = {x ∈ N | x < −1} .
36 2 Logik, Mengen, Abbildungen – die Sprache der Mathematik

Hintergrund und Ausblick: Die Russell’sche Antinomie


Cantors Mengenbegriff führt zu Widersprüchen. Folglich ist seine Beschreibung einer Menge keine Definition im mathematischen
Sinne. Wir geben dazu ein Objekt an, das nach Cantors Definition eine Menge sein müsste, aber sich nicht mit den Regeln der
Mathematik vereinbaren lässt.
Die Bildung von Mengen, die nur endlich viele Elemente Beginn des 20. Jahrhunderts die von Cantor und ande-
enthalten, ist unproblematisch. Schwierigkeiten können ren entwickelte Mengenlehre ad absurdum geführt und
aber auftreten bei der Bildung gewisser unendlicher Men- die Entwicklung axiomatischer Mengenlehren eingeleitet
gen. Die Mengen N, Z, Q, R, C sind unendliche Men- und mitbestimmt.
gen, aber dennoch so klein, dass auch sie unproblema-
Der intuitive Hintergrund für den in der Antinomie (griech.
tisch sind. Wir brauchen Zusammenfassungen, die noch
Unvereinbarkeit von Gesetzen) auftretenden Widerspruch
viel größer sind.
ist der: Das oben definierte Gebilde M = {x | x ∈ x} ist
Für Mengen A dürfte A  ∈ A wohl der Normalfall sein; riesengroß. Viel zu viele Objekte haben die Eigenschaft,
Mengen, die sich selbst als Element enthalten, scheinen nicht Element von sich selbst zu sein. Also ist festzuhalten:
etwas suspekt zu sein. Aber auch A ∈ A ist vorstellbar, Es ist Vorsicht geboten bei der Bildung allzu großer (un-
man denke etwa an einen Verein, der Mitglied bei sich endlicher) Mengen. Für den Inhalt der Mathematik des
selbst ist. ersten Studienjahres soll der Hinweis reichen, dass alle
hier auftretenden Mengen und Mengenbildungen im Rah-
Wir definieren eine Zusammenfassung, die nach Cantors
men der gebräuchlichen Mengenlehre akzeptabel sind –
Definition eine Menge ist:
aber mit etwas Mutwillen kann man auch hier Schaden
M = {x | x  ∈ x} . anrichten: Sprechen Sie nie von der Menge aller Vektor-
räume oder Gruppen oder Körper, ... – eine solche gibt es
Nun fragen wir, ob M ein Element der Menge M ist, oder
nicht.
ob das nicht der Fall ist. Es muss ja laut Logik gelten:
Die Antinomie von Russell hat eine berühmte Veranschau-
Entweder ist M ∈ M oder es ist M  ∈ M .
lichung, die wir nicht vorenthalten wollen:
Genau eine der beiden Aussagen ist richtig, genau eine
falsch. Der Barbier eines Ortes, der genau die Bewohner des Or-
tes barbiert, die sich nicht selbst barbieren, barbiert der
Angenommen, es ist M ∈ M. Dann hat M die Eigen- sich selbst?
schaft M ∈ M – ein Widerspruch.
Angenommen, es ist M  ∈ M. Dann hat M die Eigen- Im Rahmen der axiomatischen Mengenlehre werden allge-
schaft M ∈ M – ein Widerspruch. meinere Objekte – die sogenannten Klassen – eingeführt.
Mengen sind dann spezielle Klassen. Die Vorstellung, dass
Zusammen: Sowohl M ∈ M als auch M  ∈ M sind falsch. Mengen kleine Klassen sind, ist dabei äußerst nützlich.
Mit diesem Beispiel von Russell brach die naive Mengen-
lehre von Cantor zusammen. Literatur
Was lässt sich daraus schließen? So naiv darf man Men- U. Friedrichsdorf, A. Prestel, Mengenlehre für den Mathe-
gen nicht bilden. Diese Konstruktion von Russell hat zu matiker, Vieweg, 1985

Beweis: Die erste Inklusion begründen wir durch einen Achtung: Man beachte, dass die Schreibweise A ⊆ B
Widerspruchsbeweis. Dazu nehmen wir an, es existiert eine nicht falsch ist, falls sogar A  B gilt.
Menge M, für die gilt ∅  ⊆ M. Hiernach gibt es in ∅ ein
Element, das nicht in M liegt. Dies ist ein Widerspruch. Somit Beispiel Es gelten die folgenden (echten) Inklusionen
stimmt die Annahme nicht: Es existiert keine Menge M mit bzw. Negationen von Inklusionen:
∅ ⊆ M, anders ausgedrückt: ∅ ⊆ M für jede Menge M. Die
{1}  {1, 2} und {1} ⊆ {1, 2} und {1, 2} ⊆ {1, 2}.
Aussage M ⊆ M gilt aufgrund der Tatsache, dass für jedes
{1, 2}  ⊆ {1, 3} und {1, 2} ⊆ {11, 4}.
Element m aus M offensichtlich m ∈ M gilt. 
N  N0 ⊆ Z  Q ⊆ R  C. 

Wenn A ⊆ B, aber B ⊆ A gilt, so heißt A echte Teilmenge ?


Formulieren Sie A ⊆ B und A  B mithilfe von Quantoren.
von B. Wir schreiben dafür A  B oder B  A. Dass A eine
echte Teilmenge von B ist, bedeutet: Jedes Element von A
ist ein Element von B, in B aber gibt es mindestens noch ein Wir sagen, die zwei Mengen A und B sind gleich, wenn
weiteres Element, das nicht in A ist. sie die gleichen Elemente enthalten. Mithilfe der Inklusion
können wir das wie folgt formal ausdrücken:
2.2 Grundbegriffe aus der Mengenlehre 37

Gleichheit von Mengen Die Menge


Die Mengen A und B sind gleich, in Zeichen A = B,
A ∪ B = {x | x ∈ A ODER x ∈ B}
wenn jedes Element von A ein Element von B ist und
jedes Element von B eines von A ist, kurz:
heißt die Vereinigung von A und B.
A = B ⇔ ((A ⊆ B) ∧ (B ⊆ A)) .
A B
Um zu beweisen, dass zwei Mengen A und B gleich sind,
geht man also wie folgt vor:
Wähle ein beliebiges Element x in A und zeige, dass x in Abbildung 2.2 Die Vereinigung A ∪ B enthält alle Elemente, die in A oder B
B liegt. Das zeigt A ⊆ B. enthalten sind.

Wähle ein beliebiges Element x in B und zeige, dass x in


A liegt. Das führt zur zweiten Inklusion B ⊆ A. Und schließlich nennt man die Menge

Oftmals lassen sich beide Inklusionen in einem Schritt zei- A \ B = {x | x ∈ A UND x ∈ B}


gen:
A = B ⇔ ((x ∈ A) ⇔ (x ∈ B)) . die Differenz von A und B.
In der Analysis beweist man die Gleichheit zweier reeller
Zahlen a und b manchmal ganz ähnlich: Man zeigt a ≤ b A B
und b ≤ a.
Auf den folgenden Seiten folgen mehrere Beispiele, in denen
wir die Gleichheit von Mengen begründen. Abbildung 2.3 Die Differenz A \ B enthält alle Elemente von A, die kein
Element von B sind.

Kommentar: Unsere Definition der Gleichheit von Men- Gilt A ∩ B = ∅, so heißen A und B disjunkt oder auch
gen ist extensional: Zwei Mengen sind gleich, wenn sie die- elementfremd.
selben Elemente enthalten. Der juristische Gleichheitsbegriff
von Vereinen ist nicht extensional; zwei Vereine, die diesel- Für die Durchschnitts- und Vereinigungsbildung gelten Re-
ben Mitglieder haben, sind nicht unbedingt gleich. Der Sän- chengesetze, die von den ganzen Zahlen her bekannt sind.
gerverein Frohsinn und der Schützenverein Ballermann von
Entenhausen sind verschieden, obwohl sie dieselben Mitglie-
Rechengesetze für Durchschnitts- und Vereinigungs-
der haben, der eine Verein ist steuerbegünstigt, der andere
bildung
nicht. Dass zwei gleiche Objekte auch stets gleiche Eigen-
schaften besitzen, sagt das auf Leibniz zurückgehende Er- Für beliebige Mengen A, B und C gelten
setzbarkeitstheorem aus, dessen Gültigkeit wir axiomatisch die Assoziativgesetze:
voraussetzen.
A ∩ (B ∩ C) = (A ∩ B) ∩ C und
A ∪ (B ∪ C) = (A ∪ B) ∪ C ,

Mengen kann man vereinigen, miteinander die Kommutativgesetze:


schneiden, voneinander subtrahieren, und A ∩ B = B ∩ A und A ∪ B = B ∪ A ,
manchmal kann man auch das Komplement
betrachten die Distributivgesetze:

Für zwei Mengen A und B heißt die Menge A ∩ (B ∪ C) = (A ∩ B) ∪ (A ∩ C) und


A ∪ (B ∩ C) = (A ∪ B) ∩ (A ∪ C) .
A ∩ B = {x | x ∈ A UND x ∈ B}

der Durchschnitt von A und B.


Beweis: Es gilt:
A B
A ∩ (B ∩ C) = A ∩ {x | x ∈ B ∧ x ∈ C}
= {x | x ∈ A ∧ x ∈ B ∧ x ∈ C}
= {x | x ∈ A ∧ x ∈ B} ∩ C
Abbildung 2.1 Der Durchschnitt A ∩ B enthält alle Elemente, die sowohl in A
als auch in B enthalten sind. = (A ∩ B) ∩ C
38 2 Logik, Mengen, Abbildungen – die Sprache der Mathematik

und Beweis: Wir zeigen das erste Gesetz, das zweite beweist
man analog. Weil die Komplemente stets bezüglich derselben
A ∩ B = {x | x ∈ A ∧ x ∈ B} großen Menge M gebildet werden, verwenden wir die Kurz-
= {x | x ∈ B ∧ x ∈ A} schreibweise Ac , B c für die Komplemente. Die Gleichheit
= B ∩ A. der Mengen (A ∪ B)c und Ac ∩ B c ergibt sich aus:

x ∈ (A ∪ B)c ⇔ x ∈ M \ (A ∪ B)
Das Assoziativ- und Kommutativgesetz für die Vereinigung
begründet man analog. Zu begründen sind noch die Distri- ⇔ x ∈ (M \ A) ∩ (M \ B)
butivgesetze. Es gilt: ⇔ x ∈ Ac ∩ B c .

Dabei liefert ⇒ die Inklusion (A ∪ B)c ⊆ Ac ∩ B c und ⇐


x ∈ A ∩ (B ∪ C) ⇔ x ∈ A ∧ (x ∈ B ∨ x ∈ C)
die Inklusion Ac ∩ B c ⊆ (A ∪ B)c . Insgesamt folgt damit
⇔ (x ∈ A ∧ x ∈ B) ∨ (x ∈ A ∧ x ∈ C) (A ∪ B)c = Ac ∩ B c . 

⇔x ∈A∩B ∨ x ∈A∩C
⇔ x ∈ (A ∩ B) ∪ (A ∩ C) . Die Inklusion A ⊆ B lässt sich mit den eingeführten Men-
genoperationen kennzeichnen, offenbar gelten
Somit sind die beiden Mengen A ∩ (B ∪ C) und (A ∩ B) ∪
(A ∩ C) gleich, beachte hierzu die Bemerkung nach der De- (i) mit der Vereinigung:
finition der Gleichheit von Mengen auf Seite 37. Um das
A⊆B ⇔A∪B =B,
zweite Distributivgesetz zu zeigen, geht man analog vor. 
(ii) mit dem Durchschnitt:
Ist A eine Teilmenge von B, A ⊆ B, so heißt die Menge A ⊆ B ⇔ A ∩ B = A,

CB (A) = B \ A (iii) mit der Differenz:

das Komplement von A bzgl. B. A ⊆ B ⇔ A \ B = ∅.

?
Begründen Sie kurz diese Äquivalenzen.
B A

Das kartesische Produkt zweier Mengen A


Abbildung 2.4 Das Komplement CB (A) enthält alle Elemente von B, die nicht und B ist die Menge aller geordneten Paare
Element von A ⊆ B sind.

In einer euklidischen Ebene E lässt sich jeder Punkt p be-


Z. B. gilt
züglich eines kartesischen Koordinatensystems durch zwei
CZ (N) = {0, −1, −2, . . .} und CN (N) = ∅ . reelle Zahlen a und b beschreiben, und umgekehrt bestimmt
jedes geordnete Paar (a, b) zweier reeller Zahlen a und b
einen Punkt der Ebene. Wir können somit die euklidische
Achtung: Auch die Schreibweise Ac ist für das Komple- Ebene E als die Menge aller geordneten Paare auffassen
ment der Menge A üblich. Bei dieser Schreibweise muss aber (siehe Abb. 2.5):
klar sein, bezüglich welcher Menge das Komplement gebil- R2 = R × R = {(a, b) | a, b ∈ R} .
det wird. Beachte das obige Beispiel für Nc .
Im Allgemeinen gilt (a, b) = (b, a), z. B. ist
Das Komplement einer Vereinigung ist der Schnitt der Kom-
plemente, und das Komplement eines Schnittes ist die Ver- (2, 1) = (1, 2) .
einigung der Komplemente, das besagen die Regeln von De
Morgan: Solche Mengen geordneter Paare kann man mit beliebigen
Mengen A, B bilden. Die Menge

Die Regeln von De Morgan A × B = {(a, b) | a ∈ A, b ∈ B}


Für beliebige Mengen A, B ⊆ M gelten die Regeln: heißt kartesisches Produkt oder Produktmenge von A und
B. Dabei ist A = B erlaubt, für A × A schreiben wir kurz
CM (A ∪ B) = CM (A) ∩ CM (B) ,
A2 . Für zwei Elemente (a, b), (c, d) ∈ A × B gilt:
CM (A ∩ B) = CM (A) ∪ CM (B) .
(a, b) = (c, d) ⇔ a = c , b = d .
2.2 Grundbegriffe aus der Mengenlehre 39

y Die Menge
{(x, 0) ∈ R2 | x ∈ R}
ist die x-Achse und

b p {(0, y) ∈ R2 | y ∈ R}

ist die y-Achse in der Ebene R2 . 

Zur Darstellung eines Punkts des dreidimensionalen eukli-


dischen Raumes benötigt man drei reelle Zahlen. Weil bei
vielen Problemstellungen, z. B. aus der Physik, auch drei
Dimensionen nicht ausreichen, definieren wir allgemein für
endlich viele Mengen A1 , A2 , . . . , An mit n ∈ N

a x 
n
Ai = A1 × · · · × An
Abbildung 2.5 Der Punkt p = (a, b) hat die Koordinaten a und b.
i=1
= {(a1 , . . . , an ) | a1 ∈ A1 , . . . , an ∈ An }
D. h. zwei geordnete Paare sind genau dann gleich, wenn sie
komponentenweise gleich sind. das kartesische Produkt von A1 , . . . , An . Das Element
(a1 , . . . , an ) heißt ein (geordnetes) n-Tupel. Für zwei
Kommentar: Wir sind bei der Einführung der kartesischen n-Tupel (a1 , . . . , an ), (b1 , . . . , bn ) ∈ A1 × · · · × An gilt
Produkts einer intuitiven Auffassung gefolgt und haben eine
Definition des Begriffs geordnetes Paar vermieden. Sind A (a1 , . . . , an ) = (b1 , . . . , bn ) ⇔ a1 = b1 , . . . , an = bn .
und B Mengen, so ist nach K. Kuratowski das geordnete Paar
(a, b) für a ∈ A und b ∈ B (mengentheoretisch) definiert als Falls alle Mengen gleich einer Menge A sind, d. h. A = A1 =
· · · = An , so schreibt man kürzer An für A × · · · × A. Im
(a, b) = {{a}, {a, b}} . Fall A = R und n = 3 erhält man so den (dreidimensionalen)
Anschauungsraum
Es macht keine große Mühe nachzuweisen, dass die obige
Gleichheit für geordnete Paare tatsächlich gilt. R3 = {(a1 , a2 , a3 ) | a1 , a2 , a3 ∈ R} .

Beispiel
{a, b, c}×{1, 2} = {(a, 1), (a, 2), (b, 1)(b, 2), (c, 1), (c, 2)} Die Potenzmenge einer Menge M ist die
Menge aller Teilmengen von M
und
A × ∅ = ∅. Ist M eine Menge, so heißt
Die (Anschauungs-)Ebene kann man als R2 = R × R be-
schreiben. Sind A und B endliche Intervalle in R, so kann P (M) = {A | A ⊆ M}
man die Menge
die Potenzmenge von M. Ihre Elemente sind sämtliche Teil-
A × B = {(a, b) | a ∈ A , b ∈ B} mengen von M; man beachte, dass nach dem Satz auf Seite
35 für jede Menge M die leere Menge ∅ und M Elemente
als rechteckige Fläche zeichnen, siehe Abbildung 2.6. von P (M) sind. Für die Potenzmenge von M ist auch die
Schreibweise 2M gebräuchlich.

Beispiel Für die Potenzmenge der leeren Menge M = ∅


erhalten wir
P (M) = {∅} .
A A×B Man beachte den Unterschied: ∅ ist eine Menge, die kein Ele-
ment enthält, aber {∅} ist eine Menge, die genau ein Element,
nämlich die leere Menge ∅, enthält; es gilt:

∅ ⊆ ∅ und ∅ ∈ {∅} .

B Die Potenzmenge der Menge M = {1} lautet:


Abbildung 2.6 Darstellung des kartesischen Produkts A × B als Rechtecks-
fläche. P (M) = {∅, {1}} .
40 2 Logik, Mengen, Abbildungen – die Sprache der Mathematik

Die Potenzmenge der Menge M = {1, 2} ist: Achtung: Einer vorgegebenen Menge ist zuweilen nicht
anzusehen, ob sie endlich ist oder nicht. Es ist bis heute nicht
P (M) = {∅, {1}, {2}, {1, 2}} . bekannt, ob die Mengen
M = {n ∈ N | 2n − 1 ist Primzahl} und
Und schließlich gilt für die Potenzmenge der Menge M =
{1, 2, 3}: F = {n ∈ N | 2n + 1 ist Primzahl}
endlich oder unendlich sind.
P (M) = {∅, {1}, {2}, {3}, {1, 2},
{2, 3}, {1, 3}, {1, 2, 3}} .  Wir formulieren einige Aussagen für die Mächtigkeiten end-
licher Mengen:
Man sieht, dass die Anzahl der Elemente der Potenzmenge
Mächtigkeiten und Mengenoperationen
von M mit der Anzahl der Elemente von M zunimmt. Im
nächsten Abschnitt werden wir dies genauer erläutern. Tat- Für endliche Mengen A, B und C gilt:
sächlich enthält die Potenzmenge einer unendlichen Menge (i) |A ∪ B| + |A ∩ B| = |A| + |B|.
M auch mehr Elemente als die bereits (unendliche) Menge (ii) |A × B| = |A| · |B|.
M. Das ist zwar schwer vorstellbar, man kann es aber bewei- (iii) |P (A)| = 2|A| .
sen (siehe Aufgabe 2.18).
Wir verallgemeinern Durchschnitt und Vereinigung auf be- Beweis: (i) Es ist |A| + |B| die Gesamtzahl der Elemente
liebige nichtleere Teilmengen X von P (M). Für ∅  = X ⊆ aus A und B. Elemente, die sowohl in A als auch in B auf-
P (M), d. h. X ist eine nichtleere Menge von Teilmengen von tauchen – das sind genau die Elemente in A ∩ B – werden in
M, ist der Menge A ∪ B aber nur einmal gezählt. Daher ergibt sich
  die Formel in (i).
X= A = {x ∈ M | ∀ A ∈ X : x ∈ A}
(ii) Die Anzahl der Möglichkeiten geordnete Paare (a, b) mit
A∈X
a ∈ A und b ∈ B zu bilden ist genau |A| · |B|.
der Durchschnitt von X und (iii) Gilt A = ∅, so erhalten wir P (A) = {∅} und somit die
  gewünschte Formel
X= A = {x ∈ M | ∃ A ∈ X : x ∈ A}
A∈X
1 = |P (A)| = 2|A| = 20 .
Wir bestimmen nun im Fall A  = ∅, etwa A = {a1 , . . . , an },
die Vereinigung von X. die Anzahl der Möglichkeiten, eine Teilmenge M von A zu
wählen. Das Element a1 kann in M liegen oder eben nicht, das
sind zwei Möglichkeiten, das Element a2 kann ebenfalls in M
Die Mächtigkeit einer Menge M ist die Anzahl liegen oder eben nicht, das sind erneut zwei Möglichkeiten.
der Elemente von M Das setzt man fort bis zum Element an und erhält genau
2n = 2|A| Möglichkeiten, eine Teilmenge M von A wählen
Eine präzise Definition einer endlichen Menge werden wir zu können. 

auf Seite 45 nachreichen. Für die nächsten Betrachtungen


reicht die Vorstellung aus, dass eine endliche Menge M da- Kommentar: Wir haben |M| = ∞ für jede unendliche
durch gegeben ist, dass M nur endlich viele Elemente enthält. Menge M gesetzt. Tatsächlich ist das für viele Zwecke un-
Wir nennen genau. So gibt es z. B. mehr reelle Zahlen, als es natürliche
 Zahlen gibt, und noch größer als R ist die Potenzmenge P (R).
|M| =
n , falls M endlich ist und n Elemente enthält, Diese quantitativen Unterschiede kann man mit einer feine-
∞ , falls M nicht endlich ist ren Definition von Kardinalzahlen erfassen, für die man auch
eine Addition + und Multiplikation · in sinnvoller Weise er-
die Mächtigkeit oder Kardinalzahl von M, z. B. gilt: klären kann. Es ist bemerkenswert, dass die obigen drei For-
meln auch für beliebige unendliche Kardinalzahlen gelten.
|{2, 3, 5, 7}| = 4 , |∅| = 0 , |{7, 7}| = 1 , |R| = ∞ .

2.3 Abbildungen
Kommentar: Neben |M| sind auch die Schreibweisen
Oftmals wird der Begriff Abbildung von einer Menge X in
card(M) und #M eine Menge Y als eine Vorschrift erklärt, die jedem x in X
genau ein y in Y zuordnet. Wir sind etwas genauer und ver-
für die Mächtigkeit von M üblich. meiden eine Definition durch einen nicht definierten Begriff.
2.3 Abbildungen 41

Eine Abbildung f ist durch Definitionsmenge, Wir werden für die Abbildung f = (X, Y, Gf ) meist deut-
Wertemenge und Graph gegeben licher
f : X → Y, x → f (x)
Man beachte, dass bei der folgenden Definition X = Y und schreiben oder 
auch X = ∅ oder Y = ∅ zugelassen sind. X → Y,
f:
x → f (x).
Definition einer Abbildung Man beachte die beiden verschiedenen Pfeile. Jener ohne
Querstrich zeigt von der Definitionsmenge X zur Werte-
Gegeben seien zwei Mengen X und Y . Eine Abbildung
menge Y von f , jener mit Querstrich steht zwischen den
f von X in Y ist ein Tripel
Elementen der Paare (x, f (x)) ∈ Gf .
f = (X, Y, Gf ) , wobei Gf ⊆ X × Y
Achtung: In der Definition einer Abbildung wird verlangt,
die Eigenschaft hat, dass es zu jedem x ∈ X genau ein dass jedes x ∈ X genau ein Bild y ∈ Y besitzt. Es wird nicht
y ∈ Y gibt mit (x, y) ∈ Gf . verlangt, dass jedes y ∈ Y (genau) ein Urbild x ∈ X besitzt
Für das durch x eindeutig bestimmte Element y schrei- (vgl. auch Abbildung 2.7).
ben wir f (x). Anstelle von „f ist eine Abbildung von X in Y “ sagt man
Die Menge X heißt Definitionsmenge von f , Y heißt auch „f ist eine Abbildung von X nach Y “. Wir bevorzugen
Wertemenge von f und Gf der Graph von f . in, da dies deutlicher macht, dass nicht jedes Element in der
Wertemenge auch Bild eines Elements aus der Definitions-
menge zu sein braucht.
Bei der Definitionsmenge spricht man auch vom Definitions-
bereich, und anstelle von Wertemenge sagt man auch Wer-
tebereich. Der Graph Gf ⊆ X × Y ist meist nicht explizit Sind X und Y endliche Mengen, so kann man sich Abbildun-
angegeben, sondern durch die Vorschrift, wie man f (x) aus gen auch mithilfe von Pfeilen veranschaulichen (Abb. 2.7).
x gewinnt.
Wir haben Abbildungen als ein Tripel (X, Y, Gf ) von Men-
gen definiert, weil damit verständlich wird, dass zwei Abbil-
dungen nur dann gleich sind, wenn ihre Definitionsmengen,
ihre Wertemengen und ebenso ihre Graphen übereinstimmen.
So ist zum Beispiel für jede echte Teilmenge X   X oder
Y  Y

g = (X , Y, Gg ⊆ X ×Y ) oder h = (X, Y  , Gh ⊆ X ×Y  )


X Y
etwas anderes als
Abbildung 2.7 Von jedem x ∈ X muss genau ein Pfeil ausgehen, und der darf
bei einem beliebigen y ∈ Y enden.
f = (X, Y, Gf ⊆ X × Y ) ,
Beispiel
obwohl es durchaus sein kann, dass die Graphen Gf , Gg Für jede Menge X ist
und Gh jeweils die gleichen sind; man beachte das folgende 
Beispiel. X → X,
x → x
Beispiel Die drei Abbildungen
eine Abbildung von X in sich. Sie heißt die Identität auf
(1) g = (R, R, 2
{(x, x ) | x ∈ R}) , X und wird mit idX oder IdX bezeichnet.

(2) h = (R≥0 , R, {(x, x 2 ) | x ∈ R≥0 }) ,


Es ist 
R>0 → R,
f:
(3) k = (R, R≥0 , {(x, x 2 ) | x ∈ R}) x → x 2 + x − 1
eine Abbildung von R>0 in R. Abbildungen von Teilmen-
sind verschieden, obwohl die Graphen Gg und Gk gleich gen von Rn bzw. Cn in Teilmengen von Rm bzw. Cm nennt
sind. Es gilt nämlich man auch Funktionen und wählt gerne die Schreibweise

(1) Gg = {(x, x 2 ) | x ∈ R} ⊆ R × R , f : R>0 → R , f (x) = x 2 .


(2) Gh = {(x, x 2 ) | x ∈ R≥0 } ⊆ R≥0 × R , Nur dann, wenn aus dem Kontext die Wertmenge und
(3) Gk = {(x, x 2 ) | x ∈ R} ⊆ R × R≥0 .  der Definitionsbereich einer Funktion klar erkennbar
42 2 Logik, Mengen, Abbildungen – die Sprache der Mathematik

sind, sprechen wir gelegentlich kurz von der Funktion Wir dehnen diese Begriffe auf naheliegende Art und Weise
y = f (x) oder f (x) = x 2 . auf Teilmengen von X bzw. Y aus.
Es ist  Ist f : X → Y eine Abbildung, so heißt für jede Teilmenge
P (N) → N0 ∪ {∞}, A ⊆ X und B ⊆ Y die Menge
g:
x → |x|
eine Abbildung von der Potenzmenge von N in N0 ∪ {∞}. f (A) = {f (a) | a ∈ A} ⊆ Y
Daher ist x eine Teilmenge von N und |x| ihre Mächtigkeit.
die Bildmenge von A unter f oder das Bild von A unter f
Eine Abbildung a von der Menge der natürlichen Zahlen und die Menge
N in R 
N → R,
a: f −1 (B) = {x ∈ X | f (x) ∈ B} ⊆ X
n  → a(n)
nennt man auch eine reelle Folge, anstelle von a(n) die Urbildmenge von B unter f oder das Urbild von B unter
schreibt man an und für die Abbildung a kurz (an )n∈N . f . Im Fall einer einelementigen Menge Y , d. h. Y = {b}, gilt
Folgen spielen eine zentrale Rolle in der Mathematik, wir
haben ihnen das Kapitel 8 gewidmet. f −1 ({b}) = {x ∈ A | f (x) = b} .
Etwas allgemeiner als reelle Folgen sind Familien. Sind I
und X beliebige Mengen, so nennt man jede Abbildung Beispiel Wir betrachten die Abbildung
 
I → X, P (N) → N0 ∪ {∞},
x: g:
i  → xi = x(i) x → |x|.

eine Familie von Elementen aus X. Für die Abbildung x Die Bildmenge von A = {∅, {2}, {56}} ⊆ P (N) ist g(A) =
schreibt man kurz (xi )i∈I – die Definitionsmenge I der {0, 1}, und die Urbildmenge von {2} ⊆ N0 ∪ {∞} ist die
Familie x dient also als Indexmenge. Die Bilder der Indizes Menge aller zweielementigen Teilmengen von N. 
i sind die Elemente xi ∈ X. Wir schreiben für die Familie
x auch kurz
Achtung: Bei einer einelementigen Menge B = {b} ⊆ Y
x = {(i, xi ) | i ∈ I } . schreibt man gerne einfacher f −1 (b) anstelle f −1 ({b}),
Im Fall I = N und X = R erhalten wir die reellen Fol-
gen zurück. Sind die Elemente xi von X wiederum Men- f −1 (b) = {x ∈ X | f (x) = b} ⊆ X .
gen, so nennt man die Familie (xi )i∈I auch ein Mengen-
Diese Schreibweise ist aber mit Vorsicht zu genießen. Man-
system. 
che Abbildungen f haben eine sogenannte Umkehrabbil-
dung. Für diese Umkehrabbildung ist die Schreibweise f −1
? üblich. Es ist dann f −1 (y) das Bild von y unter der Abbil-
Für die Menge aller Abbildungen f von X in Y ist auch dung f −1 , insbesondere also ein Element der Bildmenge der
die Schreibweise Y X üblich. Zeigen Sie, dass im Falle Abbildung f −1 . Bei obiger Schreibweise ist aber f −1 (y) =
|X|, |Y | ∈ N gilt: f −1 ({y}) eine Teilmenge der Definitionsmenge von f . Wir
werden die etwas umständlichere Schreibweise f −1 ({y}) be-
|Y X | = |Y ||X| . vorzugen, um solche Verwirrungen gar nicht aufkommen zu
lassen.

Sowohl Elemente als auch Teilmengen können Zwei Abbildungen sind gleich, wenn sie die
Bilder und Urbilder haben gleiche Definitions- und Wertemenge haben
und die Bilder jeweils gleich sind
Ist f : X → Y eine Abbildung, so heißt y = f (x) ∈ Y das
Bild von x unter der Abbildung f – es ist y durch f eindeu-
Eine Abbildung ist f dann vollständig definiert, wenn ihre
tig bestimmt. Und das Element x ∈ X heißt ein Urbild des
Definitionsmenge X, ihre Wertemenge Y und ihr Graph
Elements y ∈ Y – das Element x ist durch f und y nicht
notwendig eindeutig bestimmt.
Gf = {(x, f (x)) | x ∈ X} ⊆ X × Y
y = f (x)
angegeben sind. In den folgenden Beispielen wird der Graph
↑ ↑ Gf häufig implizit durch die Abbildungsvorschrift x →
das Bild von x ein Urbild von y f (x) angegeben.
2.3 Abbildungen 43

Beispiel Die Abbildungen Man beachte, dass f |A = (A, Y, Gf |A ) mit


 
R → R, N → N,
f: und g: Gf |A = {(x, f (x)) | x ∈ A} ⊆ A × Y
x → x 2 x → x 2

haben identische Abbildungsvorschriften, nämlich x  → x 2 ; natürlich wieder eine Abbildung ist. Im Fall A = X gilt
man schreibt bei der expliziten Angabe der Vorschrift auch f |A = f .
f (x) = x 2 . Aber die Abbildungen haben sehr verschiedene
Beispiel Die Restriktion der Funktion
Eigenschaften:
√ √ 
y = 2 hat unter f die zwei Urbilder 2 und − 2; R → R,
f:
y = 2 hat unter g kein Urbild.  x → x 3
Sind f und g zwei Abbildungen von X nach Y , etwa
auf N, das ist die Abbildung
Gf = {(x, f (x)) | x ∈ X} und Gg = {(x, g(x)) | x ∈ X} , 
N → R,
so folgt unmittelbar aus der Gleichheit von Mengen und jener f |N : ,
n  → n3
von geordneten Paaren:
ist die reelle Folge (n3 )n∈N . 
Gleichheit von Abbildungen
Für zwei Abbildungen f, g : X → Y gilt:
?
f = g ⇔ f (x) = g(x) ∀x ∈ X. Geben Sie eine Funktion f : A → B an, sodass f |A dasselbe
Bild wie f hat, obwohl A eine echte Teilmenge von A ist.
Beispiel Es seien f und g Abbildungen von N nach N0 ,
wobei
f (x) = kleinster nicht negativer Rest bei ganzzahliger Divi- Kommentar: In der Mathematik steht man oft vor dem
sion von x durch 3. umgekehrten Problem, dem sogenannten Fortsetzungspro-
blem: Gegeben ist eine Abbildung f : A → Y und eine A
g(x) = kleinster nicht negativer Rest bei ganzzahliger Divi- umfassende Menge X, d. h. A ⊆ X. Das Problem lautet: Gibt
sion von x 3 durch 3. es eine Abbildung f˜ : X → Y mit f˜|A = f , die eine gewisse
Die beiden Abbildungsvorschriften sind verschieden, aber es geforderte Eigenschaft besitzt.
gilt:
f (1) = 1 = g(1) , f (2) = 2 = g(2) , f (3) = 0 = g(3) .
Allgemein erhält man f (x) = g(x) für alle x ∈ N. Das liegt Das Auswahlaxiom garantiert die Existenz
daran, dass n3 − n = (n − 1) n (n + 1) ein Vielfaches von 3
einer Auswahlfunktion
ist. Die Abbildungen f und g sind somit gleich. 

Wir haben in einem Abschnitt auf Seite 38 das kartesische


Die Restriktion einer Abbildung f ist eine Produkt für endlich viele Mengen A1 , . . . , An eingeführt. Es
Teilmenge von f macht keinerlei Schwierigkeiten, das Produkt auf beliebige
Mengensysteme auszudehnen: Ist I eine beliebige (Index-)
Wir werden sowohl in der Analysis wie auch in der linea- menge und (Xi )i∈I ein Mengensystem, so nennt man
ren Algebra häufig Abbildungen einschränken, d. h. wir be-  
trachten eine gegebene Abbildung f : X → Y nur auf einer  
Xi = f : I → Xi | f (i) ∈ Xi für alle i ∈ I
Teilmenge A ⊆ X. Weil wir den Definitionsbereich ändern,
i∈I i∈I
betrachten wir eine neue Abbildung, für diese müssen wir ein
neues Symbol einführen. das kartesische Produkt von (Xi )i∈I . Man beachte zwei
spezielle Fälle:
Definition der Restriktion einer Abbildung
Ist I = {1, . . . , n}, so stimmt die Definition mit dem be-
Ist f : X → Y eine Abbildung, so nennt man für jede
reits definierten (endlichen) kartesischen Produkt überein:
Teilmenge A ⊆ X die Abbildung
  
n
A → Y, Xi = Xi .
f |A :
x  → f (x) i∈I i=1

die Restriktion oder Einschränkung von f auf A.

Ist Xi = ∅ für ein i ∈ I , so ist i∈I Xi = ∅.


44 2 Logik, Mengen, Abbildungen – die Sprache der Mathematik

Etwas Ähnliches hat man bei dem Produkt von Zahlen: Ist im Je zwei verschiedenen Elementen aus X sind auch zwei
Produkt a1 · · · an ein Faktor ai = 0, so ist a1 a2 · · · an = 0. verschiedene Elemente aus Y zugeordnet und
jedes Element aus Y wird einem x zugeordnet,
Was aber passiert, wenn Xi  = ∅ ist für alle i ∈ I ? Solange die
Menge I endlich ist, z. B. |I | = n, ist alles unproblematisch: die eine Abbildung haben kann, Namen:
Das kartesische Produkt ist dann nichtleer, da Elemente des
kartesischen Produkts explizit in der Form (x1 , . . . , xn ) mit Definition von Injektivität, Surjektivität und Bijek-
xi ∈ Xi angegeben werden können. Falls I unendlich ist, so tivität
sagt das Auswahlaxiom der Mengenlehre:
Eine Abbildung f : X → Y heißt
injektiv, falls aus f (x1 ) = f (x2 ) für x1 , x2 ∈ X
Das Auswahlaxiom folgt x1 = x2 ,
Ist I = ∅ eine Menge und (Xi )i∈I ein Mengensystem surjektiv, falls zu jedem y ∈ Y ein x ∈ X existiert
nichtleerer

Mengen Xi , so ist auch das kartesische Pro- mit f (x) = y,
dukt i∈I Xi nichtleer, bijektiv, falls f injektiv und surjektiv ist.

Xi  = ∅ . Wir können die Definitionen auch anders formulieren, es gilt
i∈I nämlich offenbar:
Eine Abbildung f : X → Y ist genau dann injektiv, wenn
Achtung: Das Auswahlaxiom ist ein Axiom. Die Aussage für x1 = x2 aus X stets f (x1 ) = f (x2 ) folgt.
des Axioms ist nicht beweisbar, wir erkennen sie dennoch als Eine Abbildung f : X → Y ist genau dann injektiv, wenn
gültig an (vgl. Seite 3). Wir werden stets deutlich machen, zu jedem y ∈ Y höchstens ein x ∈ X mit f (x) = y
wann wir von dem Axiom Gebrauch machen. existiert.
Eine Abbildung f : X → Y ist genau dann surjektiv, wenn
Nach dem Auswahlaxiom gibt es eine Auswahlfunktion f (X) = Y gilt.
 Eine Abbildung f : X → Y ist genau dann surjektiv, wenn
f:I → Xi mit f (i) ∈ Xi ∀ i ∈ I , zu jedem y ∈ Y mindestens ein x ∈ X mit f (x) = y
i∈I existiert.
d. h. eine Abbildung f , die aus jeder der Mengen Xi genau Eine Abbildung f : X → Y ist genau dann bijektiv, wenn
ein Element, nämlich f (i), auswählt. zu jedem y ∈ Y genau ein x ∈ X mit f (x) = y existiert.
Wir verdeutlichen die Problematik an einem Beispiel. Alle diese Kennzeichnungen sind wichtig, man sollte sich
diese daher gut einprägen. Die bijektiven Abbildungen sind
Beispiel Gegeben seien unendlich viele Paare von Schu- gerade jene Abbildungen, die man umkehren kann, auf diese
hen, das sind unsere unendlich vielen nichtleeren Mengen Kennzeichnung kommen wir bald zu sprechen.
Xi , |I | = ∞, mit |Xi | = 2. Gibt es eine Auswahlvorschrift
Für endliche Mengen kann man sich die Begriffe an einer
(eine Funktion), die (simultan) aus jedem Paar von Schuhen
Skizze veranschaulichen (siehe Abb. 2.8).
genau ein Element, d. h. genau einen Schuh, auswählt? Ja! –
z. B. die folgende: Eine injektive bzw. surjektive bzw. bijektive Abbildung nennt
man oft auch kürzer Injektion bzw. Surjektion bzw. Bijek-
f ordnet jedem Paar von Schuhen den linken Schuh des Paa-
tion.
res zu.
Nun dasselbe für Socken statt Schuhe. Gibt es eine Aus- Beispiel
wahlvorschrift, die aus jedem Sockenpaar genau eine Socke Ist M die Menge aller Menschen und bezeichnet |KH(m)|
auswählt? Wie könnte eine solche Vorschrift lauten? die Anzahl der Kopfhaare von m ∈ M, so ist die Abbil-
dung 
Das Auswahlaxiom besagt, dass es eine Auswahlfunktion
M → N0 ,
gibt; das ist eine schwache Existenzaussage. Bei den Schuhen f:
m → |KH(m)|
hatten wir mehr, nämlich die explizite Angabe einer solchen
Auswahlfunktion.  weder injektiv noch surjektiv. Es gibt nämlich minde-
stens zwei (verschiedene) Menschen m1 und m2 , die keine
Wir kommen in Kürze erneut auf das Auswahlaxiom zu spre- Kopfhaare haben, d. h. |KH(m1 )| = |KH(m2 )|, sodass f
chen. nicht injektiv ist. Und es gibt sicherlich keinen Menschen,
der 1010 ∈ N Kopfhaare hat. Folglich ist f auch nicht sur-
jektiv.
Injektiv plus surjektiv ist bijektiv Die Abbildung

Bei einer Abbildung f : X → Y ist jedem x ∈ X genau ein N → N,
f:
y ∈ Y zugeordnet. Wir geben den zusätzlichen Eigenschaften n → n + 1
2.3 Abbildungen 45

injektiv, injektiv,
surjektiv nicht surjektiv ?
Ist die Abbildung

N → N0 ,
f:
n → n − 1

injektiv, surjektiv oder bijektiv ?

nicht injektiv, nicht injektiv,


Kommentar: Man kann zu jeder injektiven Abbildung f
surjektiv nicht surjektiv durch Einschränkung der Wertemenge auf das Bild von f
eine bijektive Abbildung erklären: Ist

f:X→Y

injektiv, so ist die Abbildung



X → f (X)
f˜ :
x → f (x)

Abbildung 2.8 Illustration der Eigenschaften injektiv und surjektiv. Nur die bijektiv.
Abbildung links oben ist sowohl injektiv als auch surjektiv, also bijektiv.

ist injektiv, da gilt:


Zwei Mengen sind gleichmächtig, wenn es
n + 1 = f (n) = f (m) = m + 1 impliziert n = m . eine Bijektion zwischen ihnen gibt

Die Abbildung f ist nicht surjektiv, da das Element 1 ∈ N Wir werden nun Mengen nach ihrer Größe klassifizieren. Da-
nicht als Bild auftritt: bei werden uns injektive, surjektive und bijektive Abbildun-
gen als Maßstab dienen.
 n ∈ N mit f (n) = 1 .
Gleichmächtige Mengen
Da f nicht surjektiv ist, ist f auch nicht bijektiv.
Die Abbildung Zwei Mengen A und B heißen gleichmächtig, wenn es
eine bijektive Abbildung f : A → B gibt. Wir schreiben

N → {±1}, dann
f: A ∼ B oder |A| = |B| .
n  → (−1)n

ist surjektiv (f (1) = −1 und f (2) = 1), aber nicht injek- Man schreibt weiterhin
tiv (f (1) = f (3)) und somit auch nicht bijektiv.
Für jede Menge X ist die Abbildung idX : X → X, |A| ≤ |B| ,
idX (x) = x eine Bijektion.
Für die Abbildungen wenn es eine injektive Abbildung von A in B gibt, und
 
R → R, R≥0 → R, |A| < |B|
f1 : f2 :
x → x 2 , x → x 2 ,
  für
R → R≥0 , R≥0 → R≥0 ,
f3 : f4 : |A| ≤ |B| , jedoch |A|  = |B| ;
x → x 2 , x → x 2
d. h., es gibt eine injektive Abbildung von A in B, aber keine
gilt: bijektive. In dieser Situation sagt man auch „A hat eine klei-
 f1 ist weder surjektiv (−1  ∈ f (R)) noch injektiv nere Mächtigkeit als B“ oder „B hat eine größere Mächtigkeit
(f (−1) = f (1)). als A“.
 f2 ist nicht surjektiv (−1  ∈ f (R)) aber injektiv
Im Fall
(f (x) = f (y) ⇒ x = y).
√ |A| = |{1, 2 . . . , n}| ,
 f3 ist surjektiv (y ∈ R≥0 ⇒ f ( y) = y) aber nicht
injektiv (f (−1) = f (1)). d. h., es gibt eine Bijektion von A in {1, 2 . . . , n}, setzt man
 f4 ist sowohl surjektiv (siehe f3 ) als auch injektiv |A| = n und nennt A endlich, wenn es ein n ∈ N0 gibt mit
(siehe f2 ).  |A| = n.
46 2 Logik, Mengen, Abbildungen – die Sprache der Mathematik

Bei Abbildungen zwischen endlichen und gleichmächtigen gilt für jedes n ∈ N:


Mengen folgt die Bijektivität aus der Injektivität bzw. Sur-
jektivität, es gilt nämlich: |Z| = |n Z| .

Lemma Die Mengen N0 und Z sind gleichmächtig, |N0 | = |Z|,


Für jede Abbildung f : A → B zwischen endlichen und das folgt aus der Bijektivität der Abbildung
gleichmächtigen Mengen A und B, d. h. |A| = |B| ∈ N0 ,

sind äquivalent: N0 → Z,
f: 1
(i) f ist injektiv, n → 4 (1 − (−1) (2n + 1)).
n

(ii) f ist surjektiv, Es gilt f (0) = 0. Für alle ungeraden n ∈ N, n = 2 k − 1


(iii) f ist bijektiv. mit k ∈ N gilt f (2 k − 1) = k, und für alle geraden n ∈ N,
n = 2 k mit k ∈ N gilt f (2 k) = −k. Folglich ist f surjek-
tiv. Die Abbildung f ist auch injektiv, denn aus f (n) =
Beweis: (i) ⇒ (ii): Die Abbildung f : A → B sei injektiv. f (m) folgt zunächst (−1)n (2n + 1) = (−1)m (2m + 1).
Dann gilt Aus Vorzeichengründen folgt weiter, dass n und m beide
|f (A)| = |A| = |B| . gerade oder beide ungerade sind. Daraus wiederum folgt
Aus f (A) ⊆ B folgt damit f (A) = B. Somit ist f surjektiv. 2n + 1 = 2m + 1 und somit n = m. Also ist f tatsächlich
bijektiv.
(ii) ⇒ (iii): Die Abbildung f : A → B sei surjektiv. Ange- Das Intervall (−1, 1) = {x ∈ R | −1 < x < 1} ist
nommen, es gibt a, a  ∈ A mit a  = a  und f (a) = f (a  ). gleichmächtig zu R. Es ist nämlich
Dann folgt:
|f (A)| < |A| = |B| . ⎧
⎨(−1, 1) → R,
Das ist ein Widerspruch zu f (A) = B. Damit ist begründet, f: x
⎩ x →
dass f injektiv und somit bijektiv ist. 1 − x2
(iii) ⇒ (i): Falls f bijektiv ist, so ist f auch injektiv. 
eine Bijektion. Den Nachweis hierfür haben wir als
Übungsaufgabe gestellt. 
Im Fall |A| = |N| heißt A abzählbar; es gibt dann eine bi-
jektive Abbildung i → xi von N auf A – man kann also die Jede endliche Menge hat weniger Elemente als die unend-
Elemente von A abzählen: x1 , x2 , x3 . . . Die unendlichen liche Menge N. Die unendliche Menge N hat wiederum we-
Mengen A kann man durch |N| ≤ |A| charakterisieren, d. h., niger Elemente als die unendliche Menge R. Wir zeigen nun,
eine Menge A ist genau dann unendlich, wenn es eine injek- dass sich diese Folge von größer werdenden Mengen beliebig
tive Abbildung von N in A gibt. Auf Seite 122 zeigen wir: fortsetzen lässt. Die Potenzmenge einer Menge hat nämlich
immer eine echt größere Mächtigkeit als die zugrunde lie-
|Q| = |N × N| = |N| gende Menge. Folglich gibt es beliebig große Mengen.
– abzählbar mal abzählbar bleibt abzählbar.
Mit dem Intervallschachtelungsprinzip oder dem berühmten Die Mächtigkeit der Potenzmenge
Cantor’schen Diagonaltrick kann man Für jede Menge A gilt |A| < |P (A)|.

|N| < |R|


Beweis: Die Abbildung ι : A → P (A), a → {a} ist in-
begründen (siehe Seite 123). Somit ist die nicht endliche jektiv, sodass |A| ≤ |P (A)| gilt. Wir begründen, dass keine
Menge R nicht abzählbar. Eine nicht endliche Menge, die surjektive Abbildung von A auf P (A) existiert.
nicht abzählbar ist, nennt man überabzählbar. Bei solchen
Angenommen, es gibt eine surjektive Abbildung f : A →
Mengen kann man die Elemente nicht mehr mit den natür-
P (A). Für jedes a ∈ A ist dann f (a) ⊆ A. Wir betrachten
lichen Zahlen durchnummerieren. Die Menge R ist ein Bei-
die Menge B = {a ∈ A | a ∈ f (a)} ∈ P (A). Weil f
spiel einer überabzählbaren Menge.
surjektiv ist, gibt es ein a ∈ A mit f (a) = B.
Beispiel 1. Fall: a ∈ B. Dann ist a ∈ A und a ∈ f (a) = B, ein
Für jede natürliche Zahl n ist die Abbildung Widerspruch.

Z → n Z, 2. Fall: a ∈ B. Dann ist a ∈ A und a ∈ B = f (a), also doch
f:
z → n z a ∈ B, ein Widerspruch.
injektiv (aus f (z1 ) = f (z2 ) folgt z1 = z2 ) und surjektiv Da in beiden Fällen ein Widerspruch eintritt, muss die An-
(das Element n z ∈ n Z ist Bild von z ∈ Z unter f ). Daher nahme falsch sein. 
2.3 Abbildungen 47

Man kann Abbildungen hintereinander Der Fall X = Y = Z ist besonders interessant. Sind f und
ausführen, falls die Bildmenge der einen im g zwei Abbildungen von einer Menge X in sich,
Definitionsbereich der anderen liegt f : X → X und g : X → X ,
Sind f eine Abbildung von X in Y und g eine Abbildung so ist auch g ◦ f eine Abbildung von X in sich. Dadurch ist
von Y in Z, eine Multiplikation auf der Menge aller Abbildungen von
f : X → Y und g : Y → Z , X nach X erklärt. Diese Multiplikation hat ein sogenanntes
Einselement, die identische Abbildung:
so können wir die beiden Abbildungen hintereinander aus-
führen, d. h., wir bilden aus den beiden Abbildungen f und idX ◦f = f und f ◦ idX = f .
g das Produkt g ◦ f :
Man beachte, dass diese Multiplikation nicht kommutativ ist,
Die Komposition von Abbildungen im Allgemeinen gilt:
Es seien f : X → Y und g : Y → Z Abbildungen. Dann f ◦ g = g ◦ f .
ist 
X → Z,
g◦f:
x  → g(f (x)) Beispiel Gegeben sind die Abbildungen
eine Abbildung von X nach Z. Diese heißt die Kompo-  
sition oder Hintereinanderausführung oder Verket- R → R, R → R,
f: und g : .
tung von f und g. x → x 2 x → 2 x + 1

Dann gilt:
Das Bild (g ◦ f )(x) von x unter der Abbildung g ◦ f entsteht
durch Anwenden von g auf das Bild f (x) von x unter f . g(f (x)) = 2 x 2 + 1 und f (g(x)) = 4 x 2 + 4x + 1 .
Achtung: Nicht immer können zwei Abbildungen f und g Folglich gilt g ◦ f = f ◦ g. 
zu einer Abbildung g ◦ f zusammengesetzt werden. Möglich
ist das genau dann, wenn das Bild von f im Definitionsbe- Aber – und das ist wichtig! – diese Multiplikation ist asso-
reich von g liegt (siehe Abb. 2.9). ziativ:

g Die Komposition ist assoziativ


Dg
Gegeben seien drei Abbildungen:
f
f1 : X1 →X2 , f2 : X2 →X3 , f3 : X3 →X4 .
Wg◦f
f (Df )
Df Dann sind f3 ◦ (f2 ◦ f1 ) und (f3 ◦ f2 ) ◦ f1 Abbildungen
von X1 nach X4 , und es gilt:

Wf f3 ◦ (f2 ◦ f1 ) = (f3 ◦ f2 ) ◦ f1 .
g◦f

Abbildung 2.9 Eine Verkettung von Abbildungen ist nur dann möglich, wenn
Beweis: Sowohl f3 ◦ (f2 ◦ f1 ) als auch (f3 ◦ f2 ) ◦ f1 sind
der Bildbereich der ersten im Definitionsbereich der zweiten enthalten ist. Abbildungen von X1 nach X4 . Zu zeigen ist daher nur, dass
für jedes x ∈ X1 beide Abbildungen dasselbe Element in X4
Beispiel Die beiden Abbildungen liefern, und das sieht man ganz einfach durch Auswerten der
  Abbildungen für ein (beliebiges) x ∈ X1 :
N → R, R≥0 → R≥0 ,
f: und g : √
n → n1 x → x (f3 ◦ (f2 ◦ f1 ))(x) = f3 ((f2 ◦ f1 )(x)) = f3 (f2 (f1 (x))) ,
können zu ⎧ ((f3 ◦ f2 ) ◦ f1 )(x) = (f3 ◦ f2 )(f1 (x)) = f3 (f2 (f1 (x))) .
⎨N → R≥0 ,
g◦f: 
⎩ n → 1 Somit sind die beiden Abbildungen gleich. 
n
verkettet werden. Hingegen ist das für Bei dieser Multiplikation von Abbildungen tauchen Ähnlich-
  keiten zu Zahlenmengen auf. Wir betrachten die Menge M
N → R, R≥0 → R≥0 ,
f: und g : √ aller Abbildungen f einer Menge X in sich mit der Mul-
n → − n1 x → x
tiplikation ◦ – man schreibt dafür (M, ◦). Wir vergleichen
nicht möglich, weil Quadratwurzeln im Reellen nur für po- diese algebraische Struktur (M, ◦) z. B. mit (Z, +). In bei-
sitive Argumente definiert sind.  den Strukturen gilt das Assoziativgesetz und beide enthalten
48 2 Logik, Mengen, Abbildungen – die Sprache der Mathematik

ein Einselement, in (M, ◦) ist das idX , in (Z, +) lautet es Daher können wir zu jedem bijektiven f eine weitere Abbil-
0. Die Verknüpfung ◦ in M ist nicht kommutativ, die Ver- dung g : Y → X definieren: Wir setzen
knüpfung + in Z hingegen schon. Es ist ein wesentlicher
und notwendiger Abstraktionsschritt, sich daran zu gewöh- g(y) = x für das (eindeutige) x mit f (x) = y .
nen, dass man mit Abbildungen rechnen kann als wären es
Zahlen. Die Abbildungen f : X → Y und g : Y → X können wir
hintereinander ausführen, wir können sowohl f ◦ g wie auch
g ◦ f bilden, da die Bildmenge von f bzw. g in der De-
Genau die bijektiven Abbildungen sind finitionsmenge von g bzw. f liegt. Wir werten nun diese
Abbildungen
umkehrbar
g ◦ f : X → X und f ◦ g : Y → Y
Wir zeigen, dass sich die bijektiven Abbildungen umkehren
lassen. Wir stellen diesem wichtigen Satz von der Umkehr- für x ∈ X und y ∈ Y aus:
abbildung ein Lemma voran.
g ◦ f (x) = g(f (x)) = g(y) = x = idX (x) und
Lemma f ◦ g(y) = f (g(y)) = f (x) = y = idY (y) .
Für Abbildungen f : X → Y und g : Y → X gelte:
Mit dem Satz zur Gleichheit von Abbildungen auf Seite 43
f ◦ g = idY . folgt nun g ◦ f = idX und f ◦ g = idY , wir halten fest:
Dann sind f surjektiv und g injektiv.
Satz von der Umkehrabbildung
Beweis: Wir zeigen zuerst, dass f surjektiv ist: Es sei Ist f : X → Y eine bijektive Abbildung, so existiert
y ∈ Y gegeben. Wegen f ◦ g = idY gilt: genau eine Abbildung g : Y → X mit

f (g(y)) = y . g ◦ f = idX und f ◦ g = idY .

Somit ist y das Bild des Elements x = g(y) ∈ X unter f . Man nennt g die Umkehrabbildung oder die zu f in-
verse Abbildung. Man bezeichnet sie üblicherweise mit
Nun begründen wir, dass g injektiv ist: Dazu sei g(y1 ) = f −1 . Die Abbildung f −1 ist ebenfalls bijektiv und hat
g(y2 ) für y1 , y2 ∈ Y angenommen. Nun wenden wir die die Umkehrabbildung
Abbildung f an und erhalten
(f −1 )−1 = f .
f (g(y1 )) = f (g(y2 )) .

Wegen der Voraussetzung folgt y1 = y2 . 


Beweis: Die Existenz der Umkehrabbildung haben wir
schon gezeigt. Wir begründen die Eindeutigkeit von g: Ist
Falls also g ◦ f = idX und f ◦ g = idY gilt, so besagt dieses auch g  : Y → X eine Abbildung mit
Lemma, dass f und g injektiv und surjektiv sind.
f ◦ g  = idY und g  ◦ f = idX ,
Folgerung
Sind f : X → Y und g : Y → X zwei Abbildungen so folgt:
mit den Eigenschaften
g  = idX ◦g  = (g ◦ f ) ◦ g  = g ◦ (f ◦ g  ) = g ◦ idY = g .
g ◦ f = idX und f ◦ g = idY ,
Schließlich zeigt obige Folgerung, dass die Abbildung g, d. h.
so sind g und f bijektiv. f −1 , bijektiv ist. Und die beiden Gleichungen

Wir wollen diese Aussage nun umkehren, d. h., wir erklären f ◦ f −1 = idY und f −1 ◦ f = idX
zu einer bijektiven Abbildung f : X → Y eine neue Abbil-
dung g : Y → X, sodass die beiden Gleichheiten g◦f = idX zeigen wegen der bewiesenen Eindeutigkeit der Umkehrab-
und f ◦ g = idY erfüllt sind. bildung, dass f die Umkehrabbildung von f −1 ist, d. h.

Ist f : X → Y eine bijektive Abbildung, so existiert zu jedem f = (f −1 )−1 . 

y ∈ Y genau ein x ∈ X mit f (x) = y (beachte die Definition


auf Seite 44), d. h.
Existiert zu f eine Umkehrabbildung f −1 , so sagt man auch
−1
|f ({y})| = 1 für jedes y ∈ Y . kurz f ist umkehrbar oder f ist invertierbar.
2.4 Relationen 49

Achtung: Ist f : X → Y bijektiv und B ⊆ Y , so hat das Die Abbildung g ◦ f ist surjektiv: Zu jedem z ∈ Z existiert
Zeichen f −1 (B) nun zwei Bedeutungen: wegen der Surjektivität von g ein y ∈ Y mit g(y) = z. Zu
diesem y ∈ Y wiederum existiert wegen der Surjektivität
A1 = f −1 (B) = {x ∈ X | f (x) ∈ B}
von f ein x ∈ X mit f (x) = y. Insgesamt erhalten wir mit
ist die Urbildmenge von B unter f , und diesen x und y:

A2 = f −1 (B) g ◦ f (x) = g(f (x)) = g(y) = z ,

ist die Bildmenge von B unter f −1 . Das macht aber nichts, sodass das Element z ∈ Z ein Urbild x ∈ X bezüglich der
es gilt nämlich A1 = A2 . Das sieht man wie folgt: Abbildung g ◦ f hat. 

x ∈ A1 ⇔ f (x) = b ∈ B
⇔ x = f −1 (b) ∈ f −1 (B)
⇔ x ∈ A2 .
2.4 Relationen
Man beachte auch die grundverschiedenen Bedeutungen von Wir können aus jeder injektiven Abbildung eine bijektive Ab-
−1 −1 bildung machen. Dazu ist es nur notwendig, die Wertemenge
f (x) und (f (x)) .
einzuschränken, siehe den Kommentar auf Seite 45. Ist es
Das Element (f (x))−1 ist das Inverse von f (x) aber f −1 (x) auch möglich, aus einer surjektiven Abbildung eine bijek-
ist das Bild von x unter der Abbildung f −1 . tive zu machen? Die Antwort ist ja, wir zeigen das in diesem
Abschnitt. Wir werden dazu den Begriff der Gleichheit ver-
Beispiel gröbern. Wir werden Elemente einer Menge als äquivalent
Für jede Menge X ist id−1
X = idX .
bezeichnen, wenn sie gewisse vorgegebene gleiche Eigen-
Die Abbildung schaften haben. Diese zueinander äquivalenten Elemente fas-
 sen wir dann in Mengen zusammen und behandeln diese
N → N0 , Mengen wieder als Elemente einer Menge. Das hat eine Ähn-
f:
n → n − 1 lichkeit mit Schubläden – zueinander äquivalente Elemente
ist bijektiv, ihre Umkehrabbildung lautet werden in Schubläden gesteckt, und es wird dann mit den
 Schubläden anstelle der Elemente weitergearbeitet.
−1 N0 → N,
f : . Wir betrachten also erneut Mengen, wobei nun Elemente
n → n + 1
einer Menge zueinander in einem Verhältnis stehen. Ein sol-
ches Verhältnis, wir werden das als Relation bezeichnen, defi-
In der Analysis werden wir den Logarithmus
nieren wir zuerst sehr allgemein. Wir werden dann Ordnungs-
ln : R>0 → R , y  → ln y und Äquivalenzrelationen betrachten.
als die Umkehrabbildung der (bijektiven) Exponentialab-
bildung Eine Relation auf X ist eine Teilmenge von
exp : R → R>0 , x  → ex X×X
definieren. 
Es seien X und Y beliebige Mengen. Jede Teilmenge ρ ⊆
Die Hintereinanderausführung g ◦ f zweier Abbildungen f X × Y heißt (binäre bzw. zweistellige) Relation auf X × Y .
und g von einer Menge X in sich ist wieder eine Abbildung Wir werden nur binäre Relationen betrachten und sprechen
von X in sich. Sind g und f bijektiv, so ist auch g ◦f bijektiv. von nun an kurz von Relationen. Der Graph Gf einer Ab-
bildung f von X in Y ist eine Relation auf X × Y mit der
Die Komposition von bijektiven Abbildungen ist bi- zusätzlichen Eigenschaft, dass es zu jedem x aus X genau
jektiv ein y aus Y gibt.
Sind f : X → Y und g : Y → Z bijektiv, so ist auch
g ◦ f : X → Z bijektiv.
?
Vornehm ausgedrückt spricht man beim Graph einer Abbil-
dung f von einer linkstotalen und rechtseindeutigen Relation
auf X × Y – warum wohl ?
Beweis: Die Abbildung g ◦ f ist injektiv: Aus
Außerdem nennt man den Graph einer injektiven Abbildung
g(f (x)) = g(f (y)) auch linkseindeutig und den einer surjektiven auch rechtstotal
– warum wohl ?
mit x, y ∈ X folgt wegen der Injektivität von g
f (x) = f (y) .
Im Fall X = Y , das werden wir im weiteren stets vorausset-
Aus der Injektivität von f folgt nun x = y. zen, spricht man auch kurz von einer Relation auf X.
50 2 Logik, Mengen, Abbildungen – die Sprache der Mathematik

Man beachte, dass eine Relation ρ auf X eine Menge von ge- jedes x ∈ R. Wir fassen die für uns wichtigen Eigenschaften,
ordneten Paaren aus X × X ist. Durch die Teilmenge ρ wer- die eine Relation haben kann, zusammen:
den ganz bestimmte Paare aus X ×X ausgezeichnet, nämlich
genau diejenigen, die zueinander in der Relation ρ stehen. Reflexiv, symmetrisch, antisymmetrisch und transitiv
Anstelle von (x, y) ∈ ρ schreibt man auch x ρ y und benutzt Eine Relation ρ auf der Menge X heißt:
die Sprechweise „x steht in Relation zu y“, reflexiv, wenn für alle x ∈ X gilt x ρ x,
symmetrisch, wenn für alle x, y ∈ X mit x ρ y gilt
x ρ y ⇔ (x, y) ∈ ρ . y ρ x,
antisymmetrisch, wenn für alle x, y ∈ X mit x ρ y
und y ρ x gilt x = y,
Beispiel
transitiv, wenn für alle x, y, z ∈ X mit x ρ y und
Auf der Menge N ist die Teilbarkeit | eine Relation. Dabei
y ρ z gilt x ρ z.
sagt man, eine natürliche Zahl a teilt eine natürliche Zahl
b, wenn es ein c ∈ N gibt mit a c = b. Als Schreibweise
verwendet man dafür a | b. Es gilt: Wir sehen uns erneut die letzten Beispiele an und erhalten:

| = {(a, b) ∈ N × N | a | b} . Beispiel
Die Relation | auf N ist reflexiv, antisymmetrisch und tran-
Zum Beispiel gilt (3, 3), (3, 9), (12, 36) ∈ | . sitiv.
Auf der Menge X aller Geraden der Ebene ist die Paral- Die Relation  auf der Menge X aller Geraden einer Ebene
lelität  eine Relation. Es gilt: ist reflexiv, symmetrisch und transitiv.
Die Relation ≤ auf R ist reflexiv, antisymmetrisch und
 = {(g, h) ∈ X × X | g  h} . transitiv.
Die Relation ≡ (mod n) auf Z ist reflexiv, symme-
Auf der Menge R der reellen Zahlen ist die Anordnung
trisch und transitiv. Wir weisen die Transitivität nach: Es
≤ eine Relation. Es gilt:
gelte a ≡ b (mod n) und b ≡ c (mod n). Folglich gilt
n | a − b und n | b − c. Hieraus erhalten wir
≤ = {(a, b) ∈ R × R | a ≤ b} .
a − b = r n und b − c = s n
Wir definieren eine Relation ρ auf der Menge Z der ganzen
Zahlen. Es seien n ∈ N und a, b ∈ Z. Wir sagen, a ist für ganze Zahlen r und s. Eine Addition dieser beiden
kongruent zu b modulo n, falls n die Zahl a − b teilt, Gleichungen liefert
kurz: a − c = (a − b) + (b − c) = (r − s) n ,
aρb ⇔ n | a −b.
d. h. n | a − c. Damit ist gezeigt a ≡ c (mod )n.
Für n = 3 gilt z. B. (5, 2), (−2, 1), (4, 4) ∈ ρ. Für Die Gleichheit = auf X ist reflexiv, symmetrisch, anti-
diese Relation ρ schreibt man üblicherweise ≡, genauer symmetrisch und transitiv.
≡ (mod n), d. h., Die Inklusion ⊆ auf P (X) ist reflexiv, antisymmetrisch
und transitiv. 
a≡b (mod n) ⇔ n | a − b .

Auf jeder Menge X ist die Gleichheit = eine Relation. Kommentar: Die Relation ist besser auf der Menge der
Auf der Potenzmenge P (X) jeder Menge X ist die Inklu- Gegenstände des täglichen Lebens ist sicherlich als eine tran-
sion ⊆ eine Relation.  sitive Relation zu verstehen. Findet man etwa, dass Schoko-
lade besser ist als ein Apfel und dass ein Apfel besser ist
als Spinat, so wird man sicher auch der Meinung sein, dass
Kommentar: Eigentlich ist eine Relation ρ auf X × Y ein Schokolade besser ist als Spinat.
Tripel ρ = (X, Y, Rρ ), wobei Rρ ⊆ X × Y . In diesem Sinne
ist eine Abbildung eine spezielle Relation.

Eine Ordnungsrelation ist reflexiv,


antisymmetrisch und transitiv
Relationen können reflexiv, symmetrisch,
antisymmetrisch oder transitiv sein Wir sind es gewohnt, die natürlichen Zahlen anzuordnen,
dabei betrachten wir für beliebige a, b, c ∈ N die folgenden
Regeln als selbstverständlich:
Eine Relation ρ auf einer Menge X ist nichts weiter als eine
Menge von Paaren aus X×X. Betrachten wir z. B. die Menge a ≤ a,
X = R der reellen Zahlen. Hier haben wir die bekannte Rela- aus a ≤ b und b ≤ a folgt a = b,
tion ≤. Diese Relation ≤ hat z. B. die Eigenschaft x ≤ x für aus a ≤ b und b ≤ c folgt a ≤ c.
2.4 Relationen 51

Diese Regeln sind genau die Reflexivität, Antisymmetrie und a ≮ a für alle a ∈ X (Irreflexivität),
Transitivität. aus a < b und b < c folgt a < c (Transitivität).
Eine solche Ordnungsrelation < ist genau dann linear, wenn
Ordnungsrelation, geordnete Menge
für alle a, b ∈ X gilt
Eine Relation ρ auf einer Menge X heißt eine Ord-
nungsrelation auf X, wenn sie reflexiv, antisymme- a < b oder a = b oder b < a (Trichotomie),
trisch und transitiv ist. Man nennt dann (X, ρ) eine aus a < b und b < c folgt a < c (Transitivität).
geordnete Menge. Tatsächlich liefert diese (lineare) Ordnungsrelation nichts
Neues: Ist nämlich ≤ eine (lineare) Ordnungsrelation in un-
Wir erhalten sofort einfache Beispiele: serem Sinne auf X, so liefert die Relation <, die man erhält
durch die Vereinbarung
Beispiel
Da ≤ eine Ordnungsrelation auf der Menge R der reellen a < b :⇔ a ≤ b und a = b ,
Zahlen ist, ist (R, ≤) eine geordnete Menge.
Da die Teilbarkeit | auf N eine Ordnungsrelation ist, ist eine (lineare) Ordnungrelation auf X wie eben geschildert.
(N, | ) eine geordnete Menge. Und es gilt auch die Umkehrung: Ist < eine (lineare) Ord-
Die Potenzmenge jeder Menge X ist mit der Ordnungsre- nungsrelation auf X wie eben geschildert, so ist die Relation
lation ⊆ eine geordnete Menge (P (X), ⊆).  ≤, die man erhält durch die Vereinbarung

Man beachte, dass man bei einer Ordnungsrelation nicht ver- a ≤ b :⇔ a < b oder a = b,
langt, dass jedes x zu jedem y in Relation steht, z. B. kann
eine (lineare) Ordnungsrelation auf X in unserem Sinne.
man die Teilmengen {1, 2} und {3} von X = {1, 2, 3} nicht
miteinander vergleichen, es gilt:

{1, 2}  ⊆ {3} und {3} ⊆ {1, 2} .


Ein maximales Element muss kein größtes
Das ist beim Beispiel mit den reellen Zahlen ganz anders. Element sein
Man kann für beliebige x und y aus R entscheiden, ob
Ist ≤ eine Ordnungsrelation auf einer Menge X, so können
x≤y oder y≤x
wir die Elemente der Menge X größenmäßig erfassen. Bei
gilt. Diese zusätzliche Eigenschaft einer Ordnungsrelation einer linearen Ordnungsrelation können wir sogar von je zwei
bekommt einen eigenen Namen: Elementen a, b ∈ X entscheiden, welches von beiden größer
bzw. kleiner ist. Insbesondere kann man bei einer endlichen
Eine Ordnungsrelation ρ einer geordneten Menge (X, ρ) Menge sogar entscheiden, welches das größte bzw. kleinste
heißt lineare oder totale Ordnungsrelation, wenn für je zwei Element ist. Eventuell haben auch unendliche Mengen ein
Elemente x, y ∈ X gilt größtes oder ein kleinstes Element, allgemein definiert man:
x ρ y oder y ρ x . Ein Element a ∈ X heißt größtes Element von X, falls
für alle x ∈ X gilt a ≥ x.
Ein Element a ∈ X heißt kleinstes Element von X, falls
? für alle x ∈ X gilt x ≥ a.
Ist die Ordnungsrelation | auf N linear?
Das kleinste und das größte Element ist, falls es denn existiert,
eindeutig.
Ist (X, ρ) eine geordnete Menge und Y ⊆ X, so erhält man
durch Einschränkung von ρ auf Y eine Ordnung auf Y – Lemma
die von X auf der Teilmenge Y induzierte Ordnung. Der Es sei (X, ≤) eine geordnete Menge. Falls in X ein
Einfachheit halber verwendet man oft für die neue Relation, größtes oder kleinstes Element existiert, so ist dieses
nämlich für die Einschränkung von ρ wieder dasselbe Zei- eindeutig bestimmt.
chen ρ.

Beispiel Die Ordnungsrelation ≤ auf der Menge R der


Beweis: Sind a, b ∈ X größte Elemente, so gilt
reellen Zahlen induziert auf der Teilmenge Q ⊆ R eine Ord-
nungsrelation ≤.  a ≥ b , da a ≥ x ∀ x ∈ X und
b ≥ a , da b ≥ x ∀ x ∈ X ,
Kommentar: In manchen Lehrbüchern wird eine Ord-
nungsrelation < auf einer Menge X als irreflexive und tran- folglich gilt a = b. Analog zeigt man die Behauptung für das
sitive Relation eingeführt: kleinste Element. 
52 2 Logik, Mengen, Abbildungen – die Sprache der Mathematik

Beispiel {1, 2} {1, 3} {2, 3}


Die Menge N hat bezüglich der üblichen Ordnung das
kleinste Element 1, aber kein größtes Element. Die Men-
gen Z und R haben bezüglich der üblichen Ordnungen
weder ein größtes noch ein kleinstes Element.
Wir betrachten die Potenzmenge P ({1, 2}) mit der Ord-
{1} {2} {3}
nungsrelation ⊆:

P ({1, 2}) = {∅, {1}, {2}, {1, 2}} . Abbildung 2.10 Die eingezeichneten Pfeile symbolisieren die Inklusion. Es gibt
maximale und minimale Elemente, aber kein größtes und kein kleinstes Element.
Wegen {1} ⊆ {2} und {2} ⊆ {1} sind die Elemente {1} und
{2} nicht miteinander vergleichbar, sodass die Ordnungs- Im Gegensatz zu größten und kleinsten Elementen sind maxi-
relation nicht total ist. male und minimale Elemente im Allgemeinen keineswegs
Das Element {1, 2} ist das größte Element, das Element eindeutig bestimmt. Aber es gilt:
∅ das kleinste.
Nun betrachten wir die folgende Teilmenge X der Potenz- Lemma
menge von M = {1, 2, 3}: Jedes größte Element von (X, ≤) ist ein maximales
X = {{1}, {2}, {3}, {1, 2}, {2, 3}, {1, 3}} , Element.
Jedes kleinste Element von (X, ≤) ist ein minimales
die aus allen ein- und zweielementigen Teilmengen von M Element.
besteht. Die Menge X ist mit der Inklusion ⊆ nicht linear
geordnet. Es gibt weder ein größtes noch ein kleinstes Beweis: Ist a ∈ X ein größtes Element, so folgt aus a ≤ x
Element.  für ein x ∈ X sogleich a ≥ x und somit a = x. Analog zeigt
man die Behauptung für das kleinste Element. 
Endliche linear geordnete Mengen haben stets ein größtes
und ein kleinstes Element. Das letzte Beispiel zeigt, dass
dies für endliche nicht linear geordnete Mengen nicht richtig Man beachte auch die Abbildung 2.11.
sein muss. Und trotzdem gilt etwa

{1} ⊆ {1, 3} , {1, 2}

sodass man doch auch wieder sagen kann, dass {1, 3} größer
ist als {1}, und es gibt in X kein Element, das größer ist als
{1, 3} und auch keines, das kleiner ist als {1}. Dies erfasst {1} {2}
man mit den Begriffen minimales und maximales Element:
Ist ≤ eine Ordnungsrelation auf der Menge X, so sagt man:
Ein Element a ∈ X heißt maximales Element von X, falls
für alle x ∈ X gilt: Aus a ≤ x folgt a = x. ∅
Ein Element a ∈ X heißt minimales Element von X, falls
für alle x ∈ X gilt: Aus x ≤ a folgt x = a. Abbildung 2.11 Die eingezeichneten Pfeile symbolisieren wieder die Inklusion.
Das maximale Element {1, 2} ist das eindeutig bestimmte größte Element.
Ein Element ist also genau dann maximal, wenn es kein Ele-
ment gibt, das noch echt größer ist und minimal, wenn es
kein Element gibt, das noch echt kleiner ist. Wir greifen das
letzte Beispiel noch einmal auf. Das Zorn’sche Lemma garantiert die Existenz
Beispiel Die Menge
maximaler Elemente

X = {{1}, {2}, {3}, {1, 2}, {2, 3}, {1, 3}} Das Zorn’sche Lemma liefert eine ganz wesentliche Beweis-
methode für die Existenz maximaler Elemente. Für eine
versehen mit der Inklusion ⊆ ist geordnet, aber nicht linear
knappe Formulierung dieses Lemmas führen wir einen wei-
geordnet. Jedes der Elemente
teren Begriff ein.
{1}, {2}, {3}
Eine geordnete Menge (M, ≤) heißt induktiv geordnet,
ist ein minimales Element, und jedes der Elemente wenn jede linear geordnete Teilmenge X ⊆ M eine obere
Schranke in (M, ≤) besitzt, d. h., wenn ein s ∈ M existiert
{1, 2}, {2, 3}, {1, 3} mit x ≤ s für alle x ∈ X.

ist ein maximales Element (vgl. Abbildung 2.10).  Das Zorn’sche Lemma besagt:
2.4 Relationen 53

Lemma von Zorn


Jede induktiv geordnete nichtleere Menge (M, ≤) be-
8
sitzt ein maximales Element. >
>
>>
>
>
>
>
>
>
>
>
Das Lemma von Zorn ist ein Axiom der Mengenlehre. Man >>
>
>
>>
kann zeigen, dass es zum Auswahlaxiom äquivalent ist. Die- >
>
>
>
>
>
ser Nachweis, der in einer Vorlesung zur Mengenlehre ge- >
>
>>
>
>u
führt wird, ist nicht ganz einfach. Wir werden das Lemma [u] <

von Zorn benutzen, um zu beweisen, dass jeder Vektorraum >
>
>>
>
>
eine Basis besitzt (siehe Seite 207). >
>
>
>
>
>
>>
>
>
>>
>
>
>
>
>
>
Eine Äquivalenzrelation ist reflexiv, >
>
>>
>
>
:
symmetrisch und transitiv
|
Während Ordnungsrelationen antisymmetrisch sind, sind
Äquivalenzrelationen symmetrisch. {z g
[g ]

}
Äquivalenzrelation
Eine Relation ρ auf einer Menge X heißt Äquivalenz-
Abbildung 2.12 Die zueinander parallelen Geraden bilden eine Äquivalenz-
relation, wenn ρ reflexiv, symmetrisch und transitiv ist. klasse – es gibt unendlich viele verschiedene Äquivalenzklassen mit jeweils
unendlich vielen Elementen.

In unserem Sammelsurium aus Beispielen auf Seite 50 finden


wir Äquivalenzrelationen: Zahlen b, die zu a kongruent modulo n sind:

Beispiel a≡b (mod n) ⇔ n | a − b


Die Parallelität  auf der Menge der Geraden X in der ⇔ a − b = n c für ein c ∈ Z
Ebene ist eine Äquivalenzrelation. ⇔ b ∈ {a + n c | c ∈ Z} = a + n Z .
Für jedes n ∈ N ist die Relation ≡ (mod n) eine Äqui-
valenzrelation auf der Menge Z.  Somit gilt:
[a]≡ = a + n Z . 
Ist ρ eine Äquivalenzrelation auf einer Menge X, so schreibt
man anstelle von (x, y) ∈ ρ oft x ∼ y und spricht dies als ?
„x ist äquivalent zu y“ aus. In dieser Schreibweise bedeuten Es ist sehr leicht, sich Beispiele für Äquivalenzrelationen
die Axiome einer Äquivalenzrelation: aus dem täglichen Leben zu konstruieren: Bezeichnet M die
Menge aller Menschen und |KH(m)| die Anzahl der Kopf-
x ∼ x für alle x ∈ X (ρ ist reflexiv),
haare von m ∈ M, so erklären wir zwei Menschen als äqui-
aus x ∼ y folgt y ∼ x (ρ ist symmetrisch),
valent, wenn sie gleich viele Kopfhaare haben, d. h.,
aus x ∼ y, y ∼ z folgt x ∼ z (ρ ist transitiv).
Ist ∼ eine Äquivalenzrelation auf der Menge X, so nennt man m1 ∼ m2 ⇔ |KH(m1 )| = |KH(m2 )| .
für jedes x ∈ X die Teilmenge Begründen Sie, dass ∼ eine Äquivalenzrelation auf M ist und
beschreiben Sie die Äquivalenzklassen von ∼.
[x]∼ = {y ∈ X | x ∼ y} ⊆ X

die Äquivalenzklasse von x bezüglich ∼. In der Äquivalenz-


klasse [x]∼ sind somit alle Elemente aus X enthalten, die zu Die Menge aller Äquivalenzklassen wird auch als Quotien-
x äquivalent sind. tenmenge bezeichnet. Dabei ist das Symbol X/∼ für diese
Menge üblich:
Beispiel X/∼ = {[x]∼ | x ∈ X} .
Bei der Parallelität  auf der Menge X der Geraden einer
Ebene E enthält die Äquivalenzklasse [g]∼ von g ∈ X Die Elemente der Menge X/∼ sind die Äquivalenzklassen
die Menge aller zu g parallelen Geraden. bezüglich der Relation ∼. Insofern sind also in X/∼ die zu-
Bei der Äquivalenzrelation ≡ (mod n), n ∈ N, besteht einander äquivalenten Elemente zu einem Element [x]∼ zu-
die Äquivalenzklasse [a]∼ von a ∈ Z aus all jenen ganzen sammengefasst. In dieser Sichtweise kann man die Menge
54 2 Logik, Mengen, Abbildungen – die Sprache der Mathematik

Beispiel: Vergröberung des Definitionsbereiches einer Abbildung


Es seien X, Y Mengen und f : X → Y eine Abbildung. Begründen Sie: Durch

x ∼ y ⇔ f (x) = f (y)

wird eine Äquivalenzrelation auf X definiert. Für ein x ∈ X sei [x] ∈ X/∼ die Äquivalenzklasse von x bezüglich ∼ .
Zeigen Sie weiter, dass durch f∗ : X/∼ → f (X), [x]  → f (x) eine bijektive Abbildung erklärt wird.

Problemanalyse und Strategie: Wir zeigen, dass die Relation ∼ reflexiv, symmetrisch und transitiv ist. Um zu zeigen,
dass durch f∗ eine Bijektion gegeben ist, ist erst einmal zu begründen, dass f∗ tatsächlich eine Abbildung ist, dann erst
prüfen wir die Abbildung auf Bijektivität.

Lösung: zes) den Wert zuordnet, die die Abbildung f jedem Ele-
Wegen f (x) = f (x) für jedes x ∈ X gilt x ∼ x für jedes ment der Äuivalenzklasse zuordnet:
x ∈ X (Reflexivität). 
Es gelte x ∼ y mit x, y ∈ X. Dann gilt f (x) = f (y), X/∼ → f (X),
f∗ :
d. h. f (y) = f (x). Es folgt y ∼ x (Symmetrie). [x] → f (x).
Nun gelte x ∼ y und y ∼ z, x, y, z ∈ X. Dann gilt
Es ist zu erwarten, dass diese Abbildung nun injektiv ist,
f (x) = f (y) und f (y) = f (z), d. h. f (x) = f (z). Es
wir haben ja gerade die Nichtinjektivität beseitigt. Be-
folgt x ∼ z (Transitivität).
vor wir aber dieses f∗ auf Injektivität und Surjektivi-
Damit ist bereits begründet, dass ∼ eine Äquivalenzrela-
tät überprüfen, müssen wir uns überlegen, ob f∗ über-
tion ist.
haupt eine Abbildung von X/∼ in f (X) ist, d. h., ob
In der Äquivalenzklasse
f∗ ⊆ (X/∼) × f (X) mit der Eigenschaft, dass es zu
[x] = {y ∈ X | x ∼ y} = {y ∈ X | f (x) = f (y)} jedem Element [x] genau ein Element aus f (X) gibt.
Weil wir einer Äquivalenzmenge [x] einen Wert zuordnen,
liegen alle Elemente aus X, die unter der Abbildung f den nämlich f (x), der vom Repräsentanten x abhängt, müs-
gleichen Wert in Y annehmen. sen wir sicherstellen, dass dieser Wert unabhängig von
Ist die Abbildung f injektiv, so ist jede Äquivalenzklasse der Wahl des Repräsentanten ist: Würde nämlich für ein
einelementig, da im Falle der Injektivität aus f (x) = f (y) y ∈ X mit [x] = [y] gelten f (x) = f (y), so wäre durch
die Gleichheit x = y folgt. f∗ keine Abbildung gegeben, da einem Element [x] = [y]
Ist die Abbildung f nicht injektiv, so gibt es (mindestens) der Definitionsmenge verschiedene Werte f (x) = f (y)
eine Äquivalenzklasse, die mehr als ein Element enthält. zugeordnet werden würden.
Die folgende Abbildung deutet die Zerlegung von X in die Wir begründen, dass das bei unserer Abbildung f∗ nicht
Äquivalenzklassen an. der Fall ist: Es sei y ∈ X mit [x] = [y] gewählt. Es
gilt dann x ∼ y. Nach der Definition besagt dies aber
f (x) = f (y). Folglich ist f∗ eine Abbildung. Man sagt,
X/∼
dass die Abbildung wohldefiniert ist.
Die Abbildung f∗ ist injektiv: Aus f∗ ([x]) = f∗ ([y])
folgt f (x) = f (y) und damit x ∼ y. Dies besagt gerade
[x] = [y].
Die Abbildung f∗ ist surjektiv: Das Element f (x) ∈
f (X), x ∈ X, ist Bild des Elements [x] ∈ X/∼.
Damit ist gezeigt, dass die Abbildung f∗ bijektiv ist.
X Y
Kommentar: Ist die Abbildung f bereits injektiv, so
Wir vergröbern die Abbildung f nun. Wir unterscheiden bestehen die Äquivalenzklassen [x] aus genau einem Ele-
nicht mehr zwischen zueinander äquivalenten Elementen, ment, [x] = {x}. Die Quotientenmenge X/∼ = {[x] |
sondern fassen diese zu einem Element zusammen, d. h., x ∈ X} ist dann eine Menge von einelementigen Teilmen-
wir betrachten eine Abbildung, die auf den Äquivalenz- gen von X. Strenggenommen muss man also schon noch
klassen definiert ist und jeder Äquivalenzklasse (als Gan- zwischen f und f∗ unterscheiden.

X/∼ als eine Vergröberung der Gleichheit auf X betrach- In dem ausführlichen Beispiel auf dieser Seite vergröbern wir
ten – zueinander äquivalente Elemente in X werden in X/∼ den Definitionsbereich X einer Abbildung f zu X/∼. Die
nicht mehr unterschieden. Abbildung f∗ , die auf dieser gröberen Menge X/∼ erklärt
werden kann, ist dann injektiv.
2.4 Relationen 55

Übersicht: Relationen und Abbildungen


Es seien X und Y Mengen. Eine Relation ρ auf X ist eine Teilmenge von X × X, und der Graph Gf einer Abbildung f von X
in Y ist eine Teilmenge von X × Y . Wir verschaffen uns einen Überblick über die behandelten Eigenschaften von Relationen
und Abbildungen.

Eine Relation ρ auf X heißt Ordnungsrelation auf X, falls ρ reflexiv, antisymme-


trisch und transitiv ist,
reflexiv, falls für alle x ∈ X gilt x ρ x,
lineare Ordnungsrelation auf X, falls ρ eine Ord-
symmetrisch, falls für alle x, y ∈ X mit x ρ y gilt
nungsrelation ist mit der zusätzlichen Eigenschaft
y ρ x,
antisymmetrisch, falls für alle x, y ∈ X mit x ρ y und ∀ x, y ∈ X : xρy oder yρx .
y ρ x gilt x = y, Eine Abbildung f : X → Y heißt
transitiv, falls für alle x, y, z ∈ X mit x ρ y und y ρ z injektiv, falls für alle x1 = x2 , x1 , x2 ∈ X, gilt
gilt x ρ z. f (x1 ) = f (x2 ),
Eine Relation ρ auf X heißt surjektiv, falls es zu jedem y ∈ Y ein x ∈ X gibt mit
f (x) = y,
Äquivalenzrelation auf X, falls ρ reflexiv, symme- bijektiv, falls es zu jedem y ∈ Y genau ein x ∈ X gibt
trisch und transitiv ist, mit f (x) = y.

Relation g ⊆ X × X Relation f ⊆ X × Y

reflexiv linkstotal rechtseindeutig

reflexive Relation Abbildung

symmetrisch transitiv linkseindeutig rechtstotal

reflexive symmetrische reflexive transitive Injektion Surjektion


Relation Relation

transitiv symmetrisch antisymmetrisch rechtstotal linkseindeutig

..
Aquivalenzrelation Ordnungsrelation Bijektion

linear

lineare Ordnungsrelation

Eine Äquivalenzrelation zerlegt die Menge X 


(a) X = x∈X [x]∼ .
in nichtleere, disjunkte Äquivalenzklassen (b) [x]∼ = ∅ für alle x ∈ X.
(c) [x]∼ ∩ [y]∼ = ∅ ⇔ x ∼ y ⇔ [x]∼ = [y]∼ .
Die Bedeutung einer Äquivalenzrelation auf einer Menge X
liegt darin, dass man die Menge X mit der Äquivalenzrela-
Beweis: (a), (b) Aufgrund der Reflexivität gilt x ∈ [x]∼ .
tion in die disjunkten, nichtleeren Äquivalenzklassen zerle-
Somit ist jede Äquivalenzklasse nichtleer. Außerdem ist je-
gen kann und ferner, dass Äquivalenz auf X, d. h. x ∼ y, zur
des Element von X in einer Äquivalenzklasse enthalten. Das
Gleichheit in X/∼, d. h. [x]∼ = [y]∼ , führt. Es gilt nämlich:
begründet bereits die ersten beiden Aussagen.

Die Aussage in (c) beweisen wir durch einen Ringschluss


Äquivalenzrelationen zerlegen die Grundmenge in (Seite 32).
ihre nichtleeren Äquivalenzklassen
Ist X eine nichtleere Menge und ∼ eine Äquivalenzre- (c) Es sei [x]∼ ∩[y]∼ = ∅ vorausgesetzt. Für u ∈ [x]∼ ∩[y]∼
lation auf X, so gilt: gilt x ∼ u, y ∼ u. Wegen der Symmetrie und der Transitivität
von ∼ folgt x ∼ y.
56 2 Logik, Mengen, Abbildungen – die Sprache der Mathematik

Nun sei x ∼ y vorausgesetzt. Wir wählen ein u ∈ [x]∼ . Jedes Paar {a, b} mit einem weiblichen a ∈ M und männ-
Wegen x ∼ u und x ∼ y folgt mit der Symmetrie und Tran- lichen b ∈ M ist ein Repräsentantensystem dieser Äqui-
sitivität y ∼ u, d. h. u ∈ [y]∼ bzw. [x]∼ ⊆ [y]∼ . Analog valenzrelation ∼.
zeigt man [y]∼ ⊆ [x]∼ , sodass [x]∼ = [y]∼ . Wir betrachten die Potenzmenge P (N). Nennt man zwei
Elemente A, B ∈ P (N) äquivalent, in Zeichen A ∼ B,
Es gelte nun [x]∼ = [y]∼ . Wenn die Klassen gleich sind, ist
wenn sie gleich viele Elemente enthalten, so ist ∼ offenbar
ihr Durchschnitt natürlich nichtleer.
eine Äquivalenzrelation. Die Äquivalenzklassen enthalten
Damit sind die drei Äquivalenzen in (c) bewiesen.  jene Teilmengen von N mit je gleich vielen Elementen,
z. B.:
 [∅]∼ = {∅}.
Nach diesem Satz liefern die Äquivalenzklassen von X eine
 [{1}]∼ = {{1}, {2}, . . .} – die einelementigen Teilmen-
Partition der Menge X, d. h., X ist disjunkte Vereinigung
gen von N.
nichtleerer Teilmengen, nämlich ihrer Äquivalenzklassen.
 [{1, 2}]∼ = {{1, 2}, {2, 3}, . . .} – die zweielementigen
Anstelle von einer Partition spricht man auch von einer Zer-
Teilmengen von N.
legung.
 [N]∼ – die unendlichen Teilmengen von N (z. B. N, 2N,
2N + 1). 

Wir betrachten ausführlich ein weiteres Beispiel, das nicht


nur im ersten Studienjahr eine fundamentale Rolle spielt, die
Restklassen modulo n.

Die Restklassen modulo n zerlegen Z in


n Äquivalenzklassen

Wir kommen erneut auf das schon wiederholt betrachtete


Beispiel der Äquivalenzrelation ≡ kongruent modulo n,
Abbildung 2.13 Eine Partition der Menge X ist eine Zerlegung von X in
disjunkte nichtleere Teilmengen – im Allgemeinen sind weder die Teilmengen
n ∈ N, zurück. Für jedes n ∈ N ist ≡ auf der Menge der
noch die Anzahl der Teilmengen endlich. ganzen Zahlen Z eine Äquivalenzrelation: Zwei ganze Zah-
len a und b sind äquivalent, falls n die Differenz a − b teilt:
Ist ∼ eine Äquivalenzrelation auf einer Menge X, so nennt
man jedes Element a ∈ [x]∼ einer Äquivalenzklasse einen a≡b (mod n) ⇔ n | a − b .
Repräsentanten oder Vertreter der Äquivalenzklasse [x]∼ ,
Für jedes a ∈ Z ist nach dem Beispiel auf Seite 53
jeder Repräsentant vertritt nämlich seine Klasse, denn es gilt
nach obigem Satz: [a]≡ = a + n Z
a ∈ [x] ⇔ [a]∼ = [x]∼ . die Äquivalenzklasse von a. Folglich zerfällt Z in disjunkte
Äquivalenzklassen. Um sämtliche Äquivalenzklassen kon-
Man nennt R ⊆ X ein Repräsentanten- oder Vertreter-
kret und übersichtlich angeben zu können, führen wir eine
system von ∼, falls R aus jeder Äquivalenzklasse genau
andere Beschreibung der Äquivalenzrelation ein. Dazu be-
einen Repräsentanten enthält, d. h.
nötigen wir die Division mit Rest.
|R ∩ [a]∼ | = 1 für jedes a ∈ X .
Division mit Rest
Beispiel Gegeben sei n ∈ N. Zu jeder ganzen Zahl a ∈ Z gibt es
Bezeichnen M die Menge aller Menschen und g(m) ∈ genau ein Paar ganzer Zahlen q, r mit
{weibl., männl.} das Geschlecht von m ∈ M, so erklären
wir zwei Menschen als äquivalent, wenn sie das gleiche a = q n + r und 0 ≤ r < n .
Geschlecht haben, d. h., für m1 , m2 ∈ M gilt:
Man nennt r den Rest von a bei Division mit Rest
m1 ∼ m2 ⇔ g(m1 ) = g(m2 ) . durch n.

Die Menschheit M zerfällt bezüglich dieser Äquivalenz-


Beispiel Wir teilen die ganze Zahl 21 durch 4 mit Rest:
relation in die zwei Äquivalenzklassen der männlichen
und weiblichen Bevölkerungsgruppen, und es gilt: 21 = 5 · 4 + 1 .
[Angela Merkel]∼ = [Hillary Clinton]∼ sowie Die Zahl 21 hat somit den Rest 1 bei Division mit Rest
[Nigel Kennedy]∼ = [Boris Becker]∼ . durch 4. 
2.4 Relationen 57

Kommentar: Tatsächlich sind die Existenz und Eindeu- Die Restklassen modulo n
tigkeit der Zahlen q und r zu beweisen. Wir tun das auf
Für jedes n ∈ N sind
Seite 129.
0 + n Z , 1 + n Z , . . . , (n − 1) + n Z
Nun können wir die Kongruenz modulo n mithilfe der Divi-
sion mit Rest charakterisieren: sämtliche verschiedene Restklassen modulo n. Es ist so-
mit R = {0, 1, . . . , n − 1} ein Repräsentantensystem
Charakterisierungen der Kongruenz modulo n
– dabei haben wir aus jeder Restklasse den kleinsten
Es sei n eine natürliche Zahl. Für zwei ganze Zahlen a positiven Repräsentanten gewählt.
und b sind äquivalent:
a ≡ b (mod n).
n | a − b. Anstelle von a + n Z schreibt man oft auch kurz a; manch-
a + n Z = b + n Z. mal lässt man selbst den Querstrich weg und identifiziert die
a und b haben bei Division mit Rest durch n den Restklasse a mit seinem Repräsentanten a.
gleichen Rest.
Beispiel
Im Fall n = 1 gibt es genau eine Restklasse
Beweis: Dass die ersten drei Aussagen gleichwertig sind,
wurde bereits gezeigt. Wir zeigen die Gleichwertigkeit der
0 = 0 + 1Z = Z.
dritten und vierten Aussage. Dazu teilen wir zwei ganze Zah-
len a und b mit Rest durch n:
Es sind je zwei ganze Zahlen äquivalent, da die Differenz
a = q1 n + r1 , b = q2 n + r2 mit 0 ≤ r1 , r2 < n . beliebiger Zahlen stets von 1 geteilt wird.
Im Fall n = 2 gibt es genau zwei Restklassen
Man beachte:
r1 − r2 ∈ {−(n − 1), . . . , −1, 0, 1, . . . , n − 1} . 0 = 0 + 2 Z = {0, ±2, ±4, . . .} ,

Damit gilt: 1 = 1 + 2 Z = {±1, ±3, ±5, . . .} .

a + n Z = b + n Z ⇔ a − b = n c für ein c ∈ Z Die Menge Z wird aufgeteilt in die geraden und ungeraden
⇔ (q1 − q2 ) n + (r1 − r2 ) = n c, c ∈ Z ganzen Zahlen.
Im Fall n = 6 gibt es genau sechs Restklassen
⇔ r1 − r2 = n d für ein d ∈ Z
⇔ r1 = r2 , 0 = 0 + 6 Z = {. . . , −12, −6, 0, 6, 12, . . .} ,
da wegen der obigen Größeneinschränkung von r1 − r2 nur 1 = 1 + 6 Z = {. . . , −11, −5, 1, 7, 13, . . .} ,
der Fall d = 0 möglich ist. Die zwei Zahlen a, b sind somit
2 = 2 + 6 Z = {. . . , −10, −4, 2, 8, 14, . . .} ,
genau dann kongruent mod n, wenn sie denselben Rest bei
Division durch n haben.  3 = 3 + 6 Z = {. . . , −9, −3, 3, 9, 15, . . .} ,
4 = 4 + 6 Z = {. . . , −8, −2, 4, 10, 16, . . .} ,
Wegen der Charakterisierung der Kongruenz mit den Resten
nennt man die Äquivalenzklassen der Kongruenz modulo n 5 = 5 + 6 Z = {. . . , −7, −1, 5, 11, 17, . . .} .
auch Restklassen modulo n.
Es ist Z = 0 ∪ 1 ∪ 2 ∪ 3 ∪ 4 ∪ 5, und es ist R =
Wir erhalten nun eine sehr einfache Beschreibung der Rest-
{0, 1, 2, 3, 4, 5} ein Repräsentantensystem. Ebenso gut
klassen modulo n. Für jedes a ∈ Z gilt
können wir natürlich auch R  = {12, −5, 8, −9, 16, 5}
[a]≡ = a + n Z = r + n Z , als Repräsentantensystem wählen. 

wobei r ∈ {0, 1, . . . , n − 1} der Rest bei Division von a


durch n mit Rest ist. Im nächsten Kapitel werden wir auf der Menge Zn =
{0, 1, . . . , n − 1} der Restklassen modulo n, n ∈ N, eine
Folglich liegt jedes a ∈ Z in einer der Restklassen Addition und eine Multiplikation erklären. Es wird so mög-
lich, mit den Äquivalenzklassen k umzugehen wie z. B. mit
0 + n Z , 1 + n Z , . . . , (n − 1) + n Z .
den ganzen Zahlen. Der Fall, dass n sogar eine Primzahl ist,
Und da je zwei der hier angegebenen Restklassen verschieden wird ein besonderes Augenmerk verdienen. In diesem Fall
sind (die Differenz zweier Repräsentanten ist nicht durch n kann man jedes von 0 verschiedene Element sogar inver-
teilbar), erhalten wir: tieren.
58 2 Logik, Mengen, Abbildungen – die Sprache der Mathematik

Zusammenfassung

Die Grundlagen der Mathematik sind die Logik und die Definition einer Abbildung
Mengenlehre. Es ist zu Beginn des Mathematikstudiums üb-
Gegeben seien zwei Mengen X und Y . Eine Abbildung
lich, Logik und Mengenlehre nicht axiomatisch, sondern naiv
f von X in Y ist ein Tripel
zu betreiben. Wir betrachten Aussagen, Variable, Junktoren
und Quantoren als das, was man sich darunter vorstellt und f = (X, Y, Gf ) , wobei Gf ⊆ X × Y
verzichten gelegentlich auf präzise Definitionen, die uns zu
lange davon abhalten würden, grundlegende mathematische die Eigenschaft hat, dass es zu jedem x ∈ X genau ein
Sachverhalte aus der linearen Algebra und Analysis zu disku- y ∈ Y gibt mit (x, y) ∈ Gf .
tieren. Mithilfe der Junktoren UND, ODER, NICHT, WENN-
Für das durch x eindeutig bestimmte Element y schrei-
DANN und GENAU-DANN-WENN und Variablen und den
ben wir f (x).
Quantoren ∃ und ∀ bilden wir aus einfachen Aussagen kom-
plexe Aussagen, die wir auf ihren Wahrheitsgehalt hin unter- Die Menge X heißt Definitionsmenge von f , Y heißt
suchen. Wertemenge von f und Gf der Graph von f .

Der naive Umgang mit dem Begriff der Menge als eine
Wir schreiben für die Abbildung f = (X, Y, Gf ) oft ein-
Zusammenfassung wohlunterschiedener Objekte führt zu
facher
Widersprüchen in der Mathematik, man vergleiche etwa die
f : X → Y, x → f (x) .
Russell’sche Antinomie. Solange man aber mit kleinen Men-
gen hantiert, ist diese nicht präzise definierte Vorstellung Abbildungen ordnen jedem Element der Definitionsmenge
einer Menge durchaus sinnvoll. Im ersten Studienjahr kom- ein Element der Wertemenge zu. Eine Abbildung heißt in-
men wir zumindest mit der Vorstellung aus, dass Mengen jektiv, falls je zwei verschiedene Elemente der Definitions-
durch die Angabe ihrer Elemente gegeben sind. menge auch zwei verschiedene Bilder haben und surjektiv,
falls jedes Element der Wertemenge Bild eines Elements der
Wir werden nicht nur im ersten Studienjahr sehr oft vor dem
Definitionsmenge ist. Eine Abbildung, die injektiv und sur-
Problem stehen, dass wir von zwei Mengen zeigen müssen,
jektiv ist, nennt man bijektiv. Bei einer bijektiven Abbildung
dass sie gleich sind, das tut man, indem man zeigt, dass die
gehört zu jedem Element x der Definitionsmenge genau ein
beiden Mengen ineinander enthalten sind:
Element f (x) der Wertemenge. Daher ist es sinnvoll, zwei
Mengen als gleichmächtig zu bezeichnen, wenn es eine Bi-
Gleichheit von Mengen jektion zwischen diesen Mengen gibt.
Die Mengen A und B sind gleich, in Zeichen A = B,
Ist f eine Abbildung von X nach Y und g eine solche von
wenn jedes Element von A ein Element von B ist und
Y nach Z, so kann man die Abbildungen hintereinander aus-
jedes Element von B eines von A ist, kurz:
führen und erhält die Komposition
A = B ⇔ ((A ⊆ B) ∧ (B ⊆ A)) . 
X → Z,
g◦f: .
x → g(f (x))
Die üblichen Operationen mit Mengen sind teils aus der
Schule bekannt: Man kann Mengen vereinigen, A∪B, schnei- Es ist sehr wichtig zu wissen, dass diese Komposition ◦ von
den, A ∩ B, man kennt die Mengendifferenz A \ B, das Kom- Abbildungen eine assoziative Verknüpfung ist, d. h., es gilt
plement CB (A) einer Menge in einer Obermenge und das
kartesische Produkt A × B von Mengen. Und natürlich kennt h ◦ (g ◦ f ) = (h ◦ g) ◦ f
man auch die Mächtigkeit einer Menge |A|, das ist (wieder
für Abbildungen f, g, h mit passenden Definitions- und
etwas naiv gesprochen) die Anzahl der Elemente der Menge.
Wertemengen. In der linearen Algebra etwa werden wir die
Naiv deswegen, da man von der Anzahl ja eigentlich nur dann
Assoziativität der Matrizenmultiplikation mithilfe der Asso-
sprechen kann, wenn diese endlich ist. Eine präzisere Defini-
ziativität dieser Komposition begründen.
tion der Mächtigkeit ist mit einem anderen Begriff möglich,
und zwar mit dem Begriff der Abbildung. Ist X eine Menge, so nennt man die Abbildung idX von X
in sich, die jedem x sich selbst zuordnet, die Identität von X,
Der Begriff der Abbildung ist zentral in der Mathematik. In
idX (x) = x für alle x ∈ X. Nun kann es natürlich sein, dass
der Analysis geht es vor allem darum, Abbildungen von Men-
für zwei Abbildungen f : X → Y und g : Y → X gilt
gen von reellen oder komplexen Zahlen (später auch von kar-
tesischen Produkten reeller oder komplexer Zahlen) in eben- g ◦ f = idX und f ◦ g = idY .
solche Mengen zu untersuchen, man spricht in der Analysis
auch von Funktionen; in der linearen Algebra sind die soge- Dann nennt man f bzw. g umkehrbar oder invertierbar und g
nannten linearen Abbildungen Kern der Untersuchungen. bzw. f die Umkehrabbildung oder das Inverse zu f bzw. g.
Zusammenfassung 59

Tatsächlich sind es genau die bijektiven Abbildungen, die


antisymmetrisch, wenn für alle x, y ∈ X mit x ρ y
umkehrbar sind:
und y ρ x gilt x = y,
transitiv, wenn für alle x, y, z ∈ X mit x ρ y und
Satz von der Umkehrabbildung y ρ z gilt x ρ z.
Ist f : X → Y eine bijektive Abbildung, so existiert
genau eine Abbildung g : Y → X mit Eine Relation ρ auf einer Menge X heißt eine
g ◦ f = idX und f ◦ g = idY . Ordnungsrelation auf X, wenn sie reflexiv, antisymme-
Man nennt g die Umkehrabbildung oder die zu f in- trisch und transitiv ist und
verse Abbildung. Man bezeichnet sie üblicherweise mit Äquivalenzrelation auf X, wenn sie reflexiv, symmetrisch
f −1 . Die Abbildung f −1 ist ebenfalls bijektiv und hat und transitiv ist.
die Umkehrabbildung Hat man auf X eine Ordnungsrelation ρ gegeben, so kann
−1 −1
(f ) =f. man die Elemente von X größenmäßig erfassen, es kann
sein, dass größte und kleinste, minimale und maximale Ele-
mente existieren. Während kleinste und größte Elemente
Da wir begründet haben, dass die Komposition von bijektiven
einer Menge im Falle der Existenz eindeutig bestimmt sind,
Abbildungen wieder bijektiv ist, haben wir mit der Komposi-
ist das bei minimalen und maximalen Elementen keineswegs
tion eine Verknüpfung auf der Menge G aller bijektiven Ab-
so.
bildungen einer Menge X in sich erhalten: Die Komposition
je zweier Bijektionen von X ist wieder eine Bijektion, wei- Viele Sätze in der Mathematik benötigen die Existenz von
terhin ist die Komposition assoziativ, die Identität idX ist eine maximalen Elementen bezüglich einer Ordnungsrelation.
Bijektion von X mit der Eigenschaft idX ◦f = f = f ◦ idX Das Lemma von Zorn garantiert die Existenz eines maxima-
für jede Bijektion f von X; und für jede Bijektion ist auch len Elementes unter der Bedingung, dass die Ordnungrelation
deren Inverses eine solche. In der Sprechweise von Kapitel 3 induktiv ist und die Menge nichtleer ist. Dieses Lemma von
heißt dies, dass (G, ◦) eine Gruppe ist. Zorn ist aber kein übliches Lemma, sondern ein Axiom der
Mathematik.
Für jede Menge X nennt man jede Teilmenge ρ ⊆ X×X eine
Relation auf X. Dieser Begriff ist sehr allgemein. Interessant Neben den Ordnungsrelationen spielen die Äquivalenzrela-
sind zwei spezielle Relationen, nämlich die Ordnungsrelation tionen eine wichtige Rolle. Eine Äquivalenzrelation ρ auf
und die Äquivalenzrelation. Zuerst erwähnen wir die für das X zerlegt die Menge X in disjunkte, nichtleere Äquivalenz-
Weitere nötigen zusätzlichen Eigenschaften, die eine Rela- klassen. Dabei liegen in einer Äquivalenzklasse eben ge-
tion haben kann. nau all jene Elemente, die zueinander in der Relation ρ ste-
hen. In gewisser Weise wird bei einer Äquivalenzrelation die
Reflexiv, symmetrisch, antisymmetrisch und transitiv Gleichheit von Elementen aufgeweicht zu einer Ähnlichkeit
Eine Relation ρ auf der Menge X heißt: von Elementen und alle zueinander ähnlichen Elemente zu
reflexiv, wenn für alle x ∈ X gilt x ρ x, der Äquivalenzklasse zusammengefasst. Im nächsten Kapi-
symmetrisch, wenn für alle x, y ∈ X mit x ρ y gilt tel werden wir zeigen, dass es durchaus auch sinnvoll sein
y ρ x, kann zwischen Äquivalenzklassen Verknüpfungen einzufüh-
ren und damit zu rechnen.
60 2 Logik, Mengen, Abbildungen – die Sprache der Mathematik

Aufgaben
Die Aufgaben gliedern sich in drei Kategorien: Anhand der Verständnisfragen können Sie prüfen, ob Sie die Begriffe und
zentralen Aussagen verstanden haben, mit den Rechenaufgaben üben Sie Ihre technischen Fertigkeiten und die Beweisaufgaben
geben Ihnen Gelegenheit, zu lernen, wie man Beweise findet und führt.
Ein Punktesystem unterscheidet leichte Aufgaben •, mittelschwere •• und anspruchsvolle ••• Aufgaben. Lösungshinweise
am Ende des Buches helfen Ihnen, falls Sie bei einer Aufgabe partout nicht weiterkommen. Dort finden Sie auch die Lösungen
– betrügen Sie sich aber nicht selbst und schlagen Sie erst nach, wenn Sie selber zu einer Lösung gekommen sind. Aus-
führliche Lösungswege, Beweise und Abbildungen finden Sie auf der Website zum Buch.
Viel Spaß und Erfolg bei den Aufgaben!

Verständnisfragen Unter der Annahme, dass die Unschuldigen die Wahrheit ge-
sagt haben, finde man den Täter bzw. die Täterin.
2.1 • Welche der folgenden Aussagen sind richtig?
Für alle x ∈ R gilt:
2.7 •• Es seien A eine Menge und F eine Menge von
(a) „x > 1 ist hinreichend für x 2 > 1.“
Teilmengen von A. Beweisen Sie die folgenden (allgemeine-
(b) „x > 1 ist notwendig für x 2 > 1.“
ren) Regeln von De Morgan:
(c) „x ≥ 1 ist hinreichend für x 2 > 1.“
(d) „x ≥ 1 ist notwendig für x 2 > 1.“  
 
A\ B = (A\B) und
2.2 •• Wie viele unterschiedliche binäre, also zwei Aus- B∈F B∈F
sagen verknüpfende Junktoren gibt es?  
 
A\ B = (A\B) .
Rechenaufgaben B∈F B∈F

2.3 • Beweisen Sie die Äquivalenzen:


(A ∨ B) ⇔ ¬(¬A ∧ ¬B), 2.8 •• Es seien A, B Mengen, M1 , M2 ⊆ A, ferner
(A ∧ B) ⇔ ¬(¬A ∨ ¬B). N1 , N2 ⊆ B und f : A → B eine Abbildung. Zeigen Sie:
(a) f (M1 ∪ M2 ) = f (M1 ) ∪ f (M2 ),
2.4 •• Zeigen Sie die Transitivität der Implikation, also (b) f −1 (N1 ∪ N2 ) = f −1 (N1 ) ∪ f −1 (N2 ),
die Aussage (c) f −1 (N1 ∩ N2 ) = f −1 (N1 ) ∩ f −1 (N2 ).
((A ⇒ B) ∧ (B ⇒ C)) ⇒ (A ⇒ C) . Gilt im Allgemeinen auch f (M1 ∩ M2 ) = f (M1 ) ∩ f (M2 )?

Beweisaufgaben 2.9 •• Es seien A, B nichtleere Mengen und f : A → B


2.5 √•• Zeigen Sie durch einen Widerspruchsbeweis, eine Abbildung. Zeigen Sie:
dass 2 keine rationale Zahl ist. Formulieren Sie dazu zu- (a) f ist genau dann injektiv, wenn eine Abbildung
nächst die beiden Aussagen, g: B → A mit g ◦ f = idA existiert.
A: „x ist die positive Lösung der Gleichung x 2 = 2“ (b) f ist genau dann surjektiv, wenn eine Abbildung
und g: B → A mit f ◦ g = idB existiert.
B: „Es gibt keine Zahlen a, b ∈ Z mit x = ab .“

2.6 •• Geheimrat Gelb, Frau Blau, Herr Grün und 2.10 •• Es seien A, B, C Mengen und f : A → B,
Oberst Schwarz werden eines Mordes verdächtigt. Genau g : B → C Abbildungen.
einer bzw. eine von ihnen hat den Mord begangen. Beim (a) Zeigen Sie: Ist g ◦ f injektiv, so ist auch f injektiv.
Verhör sagen sie Folgendes aus: (b) Zeigen Sie: Ist g ◦ f surjektiv, so ist auch g surjektiv.
Geheimrat Gelb: Ich war es nicht. Der Mord ist im Salon (c) Geben Sie ein Beispiel an, in dem g ◦ f bijektiv, aber
passiert. weder g injektiv noch f surjektiv ist.

Frau Blau: Ich war es nicht. Ich war zur Tatzeit mit Oberst 2.11 •• Es seien A, B Mengen und f : A → B eine
Schwarz zusammen in einem Raum. Abbildung. Die Potenzmengen von A bzw. B seien A bzw. B.
Herr Grün: Ich war es nicht. Frau Blau, Geheimrat Gelb und Wir betrachten die Abbildung g : B → A, B  → f −1 (B  ).
ich waren zur Tatzeit nicht im Salon. Zeigen Sie:
Oberst Schwarz: Ich war es nicht. Aber Geheimrat Gelb war (a) Es ist f genau dann injektiv, wenn g surjektiv ist.
zur Tatzeit im Salon. (b) Es ist f genau dann surjektiv, wenn g injektiv ist.
Antworten der Selbstfragen 61

2.12 •• Begründen Sie die Bijektivität der auf Seite 46 2.16 •• Auf einer Menge A seien zwei Äquivalenzrela-
angegebenen Abbildung tionen ∼ und ≈ gegeben. Dann heißt ∼ eine Vergröberung
⎧ von ≈, wenn für alle x, y ∈ A mit x ≈ y auch x ∼ y gilt.
⎨(−1, 1) → R,
(a) Es sei ∼ eine Vergröberung von ≈. Geben Sie eine sur-
f: x
⎩ x → . jektive Abbildung
1 − x2 f : A/≈ → A/∼
an.
2.13 •• Geben Sie für die folgenden Relationen auf Z (b) Für m, n ∈ N sind durch
jeweils an, ob sie reflexiv, symmetrisch oder transitiv sind. x ∼ y ⇔ m | (x − y)
Welche der Relationen sind Äquivalenzrelationen? und
x ≈ y ⇔ n | (x − y)
(a) ρ1 = {(m, n) ∈ Z × Z | m ≥ n}, Äquivalenzrelationen auf Z definiert.
(b) ρ2 = {(m, n) ∈ Z × Z | m · n > 0} ∪ {(0, 0)},
Bestimmen Sie zu n ∈ N die Menge aller m ∈ N, sodass
(c) ρ3 = {(m, n) ∈ Z × Z | m = 2n},
∼ eine Vergröberung von ≈ ist.
(d) ρ4 = {(m, n) ∈ Z × Z | m ≤ n + 1},
(e) ρ5 = {(m, n) ∈ Z × Z | m · n ≥ −1}, (c) Geben Sie die Abbildung f aus Teil (a) für m = 3 und
(f) ρ6 = {(m, n) ∈ Z × Z | m = 2}. n = 6 explizit an, indem Sie für sämtliche Elemente von
Z/≈ das Bild unter f angeben.
2.14 •• Wo steckt der Fehler in der folgenden Argumen-
2.17 •• Es sei ρ eine reflexive und transitive Relation
tation?
auf einer Menge A. Zeigen Sie:
Ist ∼ eine symmetrische und transitive Relation auf einer (a) Durch
Menge M, so folgt für a, b ∈ M mit a ∼ b wegen der Sym- x ∼ y ⇔ ((x, y) ∈ ρ und (y, x) ∈ ρ)
metrie auch b ∼ a. Wegen der Transitivität folgt aus a ∼ b
wird eine Äquivalenzrelation auf A definiert.
und b ∼ a auch a ∼ a. Die Relation ∼ ist also eine Äquiva-
(b) Für x ∈ A sei [x] ∈ A/∼ die Äquivalenzklasse von x
lenzrelation.
bezüglich ∼ . Durch
[x]  [y] ⇔ (x, y) ∈ ρ
2.15 •• Zeigen Sie, dass die folgenden Relationen
wird eine Ordnungsrelation auf A/∼ definiert.
Äquivalenzrelationen auf A sind. Bestimmen Sie jeweils die
Äquivalenzklassen von (2, 2) und (2, −2). 2.18 •• Es seien A eine Menge und P (A) die Potenz-
(a) A = (a, b) ∼ (c, d) ⇔
R2 , a2 =+ b2 c2 + d 2. menge von A. Zeigen Sie:
(b) A = R2 , (a, b) ∼ (c, d) ⇔ a · b = c · d. (a) Es gibt eine injektive Abbildung A → P (A).
(c) A = R2 \{(0, 0)}, (a, b) ∼ (c, d) ⇔ a · d = b · c. (b) Es gibt keine surjektive Abbildung A → P (A).

Antworten der Selbstfragen

S. 28 S. 30
Die Negationen lauten: Offensichtlich ist A hinreichend für B; denn, wenn die Zahl
Die Sonne scheint nicht. durch 12 teilbar ist, ist sie sicher auch durch 3 teilbar. Also
Es gibt mindestens einen schwarzen Schwan. ist die Implikation A ⇒ B wahr. Das bedeutet gleichzeitig,
Alle natürlichen Zahlen sind entweder kleiner oder gleich dass B eine notwendige Bedingung für A ist.
17 23
8 oder größer oder gleich 8 . Genauso ist A hinreichend für C und somit C notwendig für
A. Bei der Beziehung zwischen B und C beobachten wir,
S. 29 dass B sowohl notwendig als auch hinreichend für C ist.
Die Wahrheitstabelle ist Diese Beziehung zwischen Aussagen wird äquivalent ge-
nannt, wie wir noch sehen werden.
A B A ↑ B AX B
w w f f S. 32
w f w w
A B A ⇔ B A ⇒ B B ⇒ A (A ⇒ B)
f w w w
∧(B ⇒ A)
f f w f
w w w w w w
Die NAND-Verknüpfung können wir etwa so beschreiben: w f f f w f
A ↑ B ist genau dann falsch, wenn die Aussagen A und B f w f w f f
beide wahr sind. f f w w w w
62 2 Logik, Mengen, Abbildungen – die Sprache der Mathematik

S. 36 S. 45
Es gilt Aus f (n) = f (m) folgt n − 1 = m − 1 und somit n = m.
A ⊆ B ⇔ ∀ x ∈ A: x ∈ B Damit ist f injektiv. Ist n ∈ N beliebig, so gilt mit n + 1 ∈ N
und offenbar f (n+1) = n. Damit ist f auch surjektiv. Schließlich
ist f bijektiv.
A  B ⇔ (∀ x ∈ A : x ∈ B) ∧ (∃ y ∈ B : y  ∈ A) .
S. 49
S. 38 Der Graph Gf einer Abbildung f ist eine linkstotale Rela-
Es sind jeweils die zwei Implikationen ⇒ und ⇐ zu zei- tion, da es zu jedem x ∈ X ein y ∈ Y mit (x, y) ∈ Gf gibt
gen. Beim Nachweis von ⇒ wird die Aussage links davon – das x steht links. Der Graph ist rechtseindeutig, da es zu
vorausgesetzt und die Aussage rechts davon begründet, bei jedem x ∈ X genau ein y ∈ Y mit (x, y) ∈ f gibt – das y
Nachweis von ⇐ ist es genau umgekehrt: steht rechts.
(i) ⇒: A ∪ B = {x | x ∈ A ∨ x ∈ B} = {x | x ∈ B} = B. Bei einer injektiven Abbildung f ist für jedes y ∈ Y das
⇐: x ∈ A ⇒ x ∈ B. x ∈ X mit (x, y) ∈ Gf eindeutig bestimmt – das x steht
links. Bei einer surjektiven Abbildung f gibt es zu jedem
(ii) ⇒: A ∩ B = {x | x ∈ A ∧ x ∈ B} = {x | x ∈ A} = A. y ∈ Y ein x ∈ X mit (x, y) ∈ Gf – das y steht rechts.
⇐: x ∈ A ⇒ x ∈ B.
S. 51
(iii) ⇒: A \ B = {x | x ∈ A ∧ x  ∈ B} = ∅. Nein, z. B. sind die beiden natürlichen Zahlen 3 und 7 nicht
⇐: x ∈ A ⇒ x ∈ B. miteinander vergleichbar, es gilt weder 3 | 7 noch 7 | 3.

S. 42 S. 53
Ist X = {x1 , . . . , xn }, so gilt für jedes f ∈ Y X Jeder Mensch hat genauso viele Kopfhaare wie er selbst, d. h.,
m ∼ m für jedes m ∈ M. Und wenn m1 genauso viele Kopf-
f = {(x1 , f (x1 )) . . . , (xn , f (xn ))} . haare wie m2 hat, so hat m2 genauso viele wie m1 , d. h.
m1 ∼ m2 ⇒ m2 ∼ m1 . Analog begründet man m1 ∼ m2
Für jedes f (xi ) hat man |Y | viele Möglichkeiten, damit gibt und m2 ∼ m3 impliziert m1 ∼ m3 . In der Äquivalenz-
es genau |Y |n verschiedene Abbildungen f von X in Y . klasse
[m]∼ = {n ∈ M | m ∼ n}
S. 43
Z. B. f : R → R, f (x) = x 2 . Die Restriktion f |R≥0 der liegen all jene Menschen, die gleich viele Kopfhaare haben
Funktion f auf die nichtnegativen reellen Zahlen hat dasselbe wie m.
Bild wie f .
Algebraische Strukturen
– ein Blick hinter die 3
Rechenregeln
Was bedeuten Gruppen, Ringe
und Körper in der Mathematik?
Was versteht man unter der
Symmetriegruppe eines
Ornaments?
Was ist der euklidische
Algorithmus?

3.1 Gruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64
3.2 Homomorphismen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71
3.3 Körper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78
3.4 Ringe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85
Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97
64 3 Algebraische Strukturen – ein Blick hinter die Rechenregeln

Die Tätigkeit, die umgangssprachlich mit „Rechnen“ bezeichnet Ausdrücke an und erhalten einen eindeutigen Ausdruck der-
wird, ist ein zielorientiertes Hantieren mit Symbolen und mit selben Art wie die Ausgangswerte. Im Sinne von Kapitel 2
Regeln, die man einfach weiß, ohne sie immer extra aufzulisten. liegt eine Abbildung von Elementepaaren auf ein einzelnes
Im Rahmen der Schulmathematik sind die Symbole Zahlen, Element vor. Das vierte Beispiel schieben wir vorerst bei-
Unbestimmte, aber auch Mengen oder Funktionen. Auch die seite, denn das „Ergebnis“ ist schließlich ein Bruch, also von
Rechenoperationen wie Addition, Subtraktion, Multiplikation, anderer Art als die Eingangselemente.
Vereinigung, Durchschnitt, Differenziation und Integration wer-
Wir verallgemeinern: Weil das Operationssymbol alles mög-
den durch Symbole ausgedrückt.
liche bedeuten kann, schreiben wir dafür ∗, ohne zu erklären,
In diesem Kapitel wollen wir genauer klären, was man eigentlich was damit gemeint ist. Wir legen uns auch nicht fest, worauf
klarstellen sollte, bevor man mit dem „Rechnen“ beginnt. Ganz wir die Operation anwenden; wir sprechen in der folgenden
im Sinne des Bestrebens der Mathematik, das Gemeinsame Definition lediglich von den Elementen a, b einer Menge.
bei verschiedenartigen Problemstellungen aufzudecken und da- Bei dieser Allgemeinheit können wir natürlich nichts über
mit zu abstrahieren, werden wir gewisse Grundeigenschaften das Ergebnis der Operation sagen. Wir wissen nur, dass es
von Rechenoperationen kennenlernen. Dabei unterscheiden wir eindeutig ist und bezeichnen es mit dem Symbol a ∗ b.
diese nicht nach den Objekten, auf welche diese Operationen
anzuwenden sind, sondern einzig nach den Regeln, welche für Definition einer Verknüpfung
diese Operationen gelten. Nur so ist der Blick auf das Wesent- Ist M eine nichtleere Menge, so heißt eine Abbildung
liche möglich.

M × M → M,
Zudem werden wir einzelne, häufig auftretende Grundtypen ∗:
algebraischer Strukturen kennenlernen, in welchen gewisse (a, b) → a ∗ b
Regeln gleichzeitig erfüllt sein müssen. Dazu gehören jedenfalls
Verknüpfung auf M.
die Gruppen, Ringe und Körper, aber noch viele andere, die in
diesem Rahmen außer Acht bleiben.
Beispiel
Wir bauen im Folgenden auf einfachen Kenntnissen der Schul- Die Addition zweier ganzer Zahlen a, b zu a + b sowie
mathematik auf und nutzen die Grundbegriffe und logischen deren Multiplikation zu a · b, aber auch die Subtraktion
Schlussweisen aus Kapitel 2. Bei den reellen und komplexen zu a − b sind Verknüpfungen auf Z.
Zahlen legen wir unser Hauptaugenmerk auf deren algebraische Ebenso stellen die Addition zweier reeller Zahlentripel
Eigenschaften; die Ordnungseigenschaften folgen im nächsten gemäß
Kapitel. Wir werden aber nicht nur mit Zahlen „rechnen“, (a1 , a2 , a3 ) + (b1 , b2 , b3 ) =
sondern auch Mengen oder Abbildungen miteinander „multipli- (a1 + b1 , a2 + b2 , a3 + b3 )
zieren“. Diese Stufe der Abstraktion stellt für Studienanfänger oder auch die Bildung des Vektorprodukts
eine klare Hürde dar, ist aber unumgänglich für ein tieferes
(a1 , a2 , a3 ) × (b1 , b2 , b3 ) =
mathematisches Verständnis.
(a2 b3 − a3 b2 , a3 b1 − a1 b3 , a1 b2 − a2 b1 )
Verknüpfungen auf R3 dar.
3.1 Gruppen Für je zwei Mengen M1 , M2 sind die Mengen M1 ∩ M2 ,
M1 ∪ M2 und M1 \ M2 wohldefiniert. Handelt es sich
Werden zwei Geldbeträge addiert, so ist das Ergebnis wohl- bei M1 und M2 um Teilmengen einer Menge G, so sind
bestimmt und wieder ein Geldbetrag. Dasselbe gilt, wenn wir auch M1 ∩ M2 , M1 ∪ M2 und M1 \ M2 Teilmengen von
von dem ersten Geldbetrag den zweiten subtrahieren, doch G. Somit bedeuten ∩, ∪ und \ Verknüpfungen auf der
erwarten wir dabei ein anderes Ergebnis. Wir können ande- Potenzmenge P (G) (siehe Kapitel 2, Seite 37) 
rerseits (a +b) mit (a −b) multiplizieren und für das Produkt
Das Ergebnis einer Verknüpfung ∗ auf M ist wiederum ein
(a 2 − b2 ) schreiben. Dagegen steht uns für das Ergebnis der
Element von M. Die Verknüpfung führt also nicht aus der
Division (a + b) : (a − b) kein neuer Ausdruck zur Ver-
Menge heraus. Wir sagen: M ist abgeschlossen gegenüber
fügung; wir können das Ergebnis höchstens noch als Bruch
a+b der Verknüpfung ∗ .
a−b darstellen; aber „ausgerechnet“ haben wir dabei eigent-
lich nichts. ?
Welche der folgenden Operationen stellt eine Verknüpfung
Was ist das Gemeinsame dieser verschiedenen Operationen?
auf der Menge N der natürlichen Zahlen dar: Addition, Sub-
traktion, Multiplikation, Division?
Addition und Subtraktion sind Beispiele einer
Verknüpfung In der obigen Definition einer Verknüpfung wird nicht ver-
langt, dass das Ergebnis a ∗ b von der Reihenfolge unab-
Bei den ersten drei Beispielen wenden wir eine Rechenopera- hängig ist – im Gegenteil, M × M ist ja die Menge der ge-
tion, die Addition, Subtraktion oder Multiplikation, auf zwei ordneten Paare und daher (a, b) = (b, a), sofern a = b
3.1 Gruppen 65

ist. Die Subtraktion ganzer Zahlen ist offensichtlich ein Bei- Element mit dieser Eigenschaft. Das zu a linksinverse Ele-
spiel einer Verknüpfung, bei der die Reihenfolge wesentlich ment ist −a, denn (−a) + a = 0. (N, +) und (N0 , +) sind
ist. Wir werden dies als Normalfall betrachten und verstehen keine Gruppen, denn es fehlen die inversen Elemente.
a ∗ b = b ∗ a als Zusatzbedingung. (Q, ·) ist keine Gruppe. Zwar gibt es das linksneutrale
Element 1, und etwa zu 2 gibt es das Linksinverse 21 , denn
Ist ∗ eine Verknüpfung auf der Menge M, so gilt für a, b, 1
c ∈ M: 2 · 2 = 1. Aber es gibt kein linksinverses Element zu
0, also keine rationale Zahl a mit a · 0 = 1. Jedoch ist
a =b ⇒ a∗c =b∗c und c∗a = c∗b. (3.1) (Q \ {0}, ·) eine Gruppe, und ebenso ist (R \ {0}, ·) eine
kommutative Gruppe. 

Beweis: a ∗ c bezeichnet das Bild des Paares (a, c) unter der In den bisher vorgestellten Beispielen war das neutrale Ele-
Abbildung ∗ : (M ×M) → M. Im Falle der Gleichheit a = b ment eindeutig. Auch waren die Gruppen kommutativ, und
gilt (a, c) = (b, c); also müssen auch deren Bilder überein- natürlich ist dann ein linksneutrales Element zugleich rechts-
stimmen. Aus demselben Grund hat a = b die Gleichheit der neutral, d. h., a ∗ e = a, und das linksinverse Element a  zu
Paare (c, a) = (c, b) zur Folge und weiter c ∗ a = c ∗ b . a ist auch rechtsinvers, d. h., a ∗ a  = e. Der folgende Satz
Wir können (3.1) auf folgende Weise in Worte fassen: Die wird zeigen, dass dies nicht nur auf kommutative Gruppen
in einer Gleichung ausgedrückte Übereinstimmung zwischen beschränkt bleibt, sondern allgemein der Fall ist.
der linken und der rechten Seite bleibt bestehen, wenn man Man hätte demnach so wie in manchen Lehrbüchern im
beide Seiten von rechts mit demselben Element verknüpft. Axiom (G2) gleich die Existenz eines einzigen neutralen Ele-
Dasselbe gilt für eine Verknüpfung von links. mentes fordern können sowie in (G3) zu jedem Element a
die Existenz eines links- und gleichzeitig rechtsinversen Ele-
ments. Es ist aber das Bestreben in der Mathematik, in den
Gruppen sind durch drei Axiome Definitionen möglichst wenig zu fordern. Deshalb wird hier
gekennzeichnet der Mehraufwand in Form des folgenden Satzes samt zuge-
hörigem Beweis in Kauf genommen.
Je nach Art der Regeln, die für eine Menge M mit einer
Verknüpfung ∗ gelten, lassen sich verschiedene Begriffe de- Satz vom neutralen und vom inversen Element
finieren. Wir beginnen mit einem, der in unterschiedlchsten In jeder Gruppe (G, ∗) gibt es genau ein neutrales Ele-
Bereichen der Mathematik auftritt und dessen Rechenregeln ment e mit e ∗ x = x ∗ e = x für alle x ∈ G.
uns vom Rechnen mit Zahlen sehr vertraut sind.
Ferner gibt es zu jedem a ∈ G genau ein inverses Ele-
ment a −1 mit der Eigenschaft
Definition einer Gruppe
Die Menge G mit der Verknüpfung ∗ heißt Gruppe, a ∗ a −1 = a −1 ∗ a = e .
wenn die folgenden Eigenschaften erfüllt sind:
(G1) Für alle a, b, c ∈ G gilt: (a ∗ b) ∗ c = a ∗ (b ∗ c), Das inverse Element a −1 ist somit gleichzeitig links-
d. h., die Verknüpfung ∗ ist assoziativ. und rechtsinvers.
(G2) Es existiert ein linksneutrales Element e ∈ G mit
e ∗ a = a für alle a ∈ G. Beweis: Wir zeigen dies in vier Schritten, indem wir je-
(G3) Zu jedem a ∈ G existiert ein hinsichtlich e links- weils ein wichtiges Zwischenergebnis formulieren und dann
inverses Element a  ∈ G mit a  ∗ a = e. begründen:
Wir sprechen kurz von der Gruppe (G, ∗).
Gilt stets a ∗ b = b ∗ a, so heißt die Gruppe kommutativ (i) In einer Gruppe ist das hinsichtlich e zu a linksinverse
oder abelsch – nach dem norwegischen Mathematiker Element a  zugleich rechtsinvers. Somit gilt auch a ∗ a  = e .
Niels H. Abel (1802–1829). Beweis: Nach der Definition einer Gruppe gibt es zu a ein
a  mit a  ∗ a = e und ferner zu a  ein a  mit a  ∗ a  = e.
Folglich gilt nach den einzelnen Punkten der Gruppendefini-
? tion
Wir betrachten auf der Menge P (M) aller Teilmengen von
M = {1, 2, 3} die Verknüpfungen ∩, ∪ und \. Welche sind e
(G3) (G2) (G3)
= a  ∗ a  = a  ∗ (e ∗ a  ) = a  ∗ (a  ∗ a) ∗ a 
assoziativ? Für welche existiert ein linksneutrales Element? (G1) (G3) (G2)
Gibt es linksinverse Elemente? = (a  ∗ a  ) ∗ (a ∗ a  ) = e ∗ (a ∗ a  ) = a ∗ a  .
(ii) Das linksneutrale Element e ist zugleich rechtsneutral,
daher stets auch a ∗ e = a.
Beispiel Beweis: Es ist
Offensichtlich ist (Z, +) eine kommutative Gruppe. Da-
a ∗ e = a ∗ (a  ∗ a) = (a ∗ a  ) ∗ a = e ∗ a = a.
(G3) (G1) (i) (G2)
bei ist 0 linksneutral, denn 0 +a = a, und 0 ist das einzige
66 3 Algebraische Strukturen – ein Blick hinter die Rechenregeln

Nun fehlt noch der Nachweis der Eindeutigkeit sowohl von bei der Verknüpfung nicht ohne Weiteres vertauschen. Dies
e als auch von a −1 . gilt z. B. auch bei der folgenden, in allen Gruppen gültigen
Formel:
(iii) In einer Gruppe ist das neutrale Element e eindeutig be-
(a ∗ b)−1 = b−1 ∗ a −1 . (3.3)
stimmt. Der Hinweis „hinsichtlich e“ bei den inversen Ele-
menten kann somit entfallen.
?
Beweis: Angenommen, e ist ebenfalls ein neutrales Element. Wie kann (3.3) bewiesen werden?
Dann gilt:
e = e ∗ e = e .
(ii) (G2)
Gruppen sind in vielen Bereichen der Mathematik anzutref-
Somit ist e eindeutig bestimmt. fen. Wir beginnen mit den geläufigen Beispielen:

(iv) In einer Gruppe ist das inverse Element a  zu a ∈ G Beispiel


eindeutig bestimmt. Auf Seite 65 wurde bereits gezeigt, dass die ganzen Zah-
len Z hinsichtlich der Addition eine kommutative Gruppe
Beweis: Angenommen, a  ist ebenfalls ein inverses Element bilden mit 0 als neutralem Element und (−x) als inver-
zu a. Dann gilt: sem Element zu x. Dasselbe gilt für die Gruppen (Q, +),
(R, +) und (C, +).
a  = a  ∗ e = a  ∗ (a ∗ a  ) = (a  ∗ a) ∗ a  = a  .
(ii) (i) (G1) (G3)
Die auf Seite 64 vorgestellte elementweise Addition reel-
ler Zahlentripel ergibt die Gruppe (R3 , +) mit dem neu-
Somit ist a  eindeutig bestimmt. tralen Element (0, 0, 0). Natürlich gibt es die analogen
Damit ist nun aber der oben aufgestellte Satz vom neutralen Gruppen (Rn , +) und (Cn , +), n ∈ N.
und inversen Element vollständig bewiesen.  Neben den additiven Gruppen gibt es die multiplikativen
(Q \ {0}, ·), (R \ {0}, ·) und (C \ {0}, ·). Sie sind eben-
falls kommutativ; das neutrale Element ist 1, und 1/x ist
Wir bezeichnen von nun an das eindeutig bestimmte Inverse invers zu x. Wir schreiben statt x · y −1 einfacher xy . Übri-
von a mit a −1 , sofern die Verknüpfung keine Addition ist. gens, in nicht kommutativen Gruppen wäre diese Bruch-
Bei einer additiven Verknüpfung schreiben wir −a für das zu darstellung nicht sinnvoll, denn man könnte nicht zwi-
a inverse Element. Wir halten weiterhin fest: schen x ∗ y −1 und y −1 ∗ x unterscheiden.
Die auf Seite 64 vorgestellte Verknüpfung zweier Zahlen-
Die Kürzungsregeln tripel zu dem Vektorprodukt ergibt hingegen keine Gruppe,
In Gruppen gelten die beiden Kürzungsregeln: denn „ד ist nicht assoziativ. Dies zeigt das folgende Bei-
spiel mit e1 = (1, 0, 0), e2 = (0, 1, 0) und e3 = (0, 0, 1):
a ∗ b = a ∗ c ⇒ b = c,
(3.2) (e1 × e1 ) × e2 = (0, 0, 0), hingegen
b ∗ a = c ∗ a ⇒ b = c.
e1 × (e1 × e2 ) = e1 × e3 = (0, −1, 0).
Hier gibt es übrigens auch kein neutrales Element, also
Beweis: Wir verknüpfen beide Seiten der Gleichung a ∗ kein Tripel e mit e × (x1 , x2 , x3 ) = (x1 , x2 , x3 ) für alle
b = a ∗ c von links mit dem Inversen a −1 von a. Dann folgt (x1 , x2 , x3 ) ∈ R3 . 
mit (3.1) a −1 ∗ (a ∗ b) = a −1 ∗ (a ∗ c) und weiter wegen der
Assoziativität e ∗ b = e ∗ c, also b = c.  Handelt es sich bei der Gruppenverknüpfung nicht ausdrück-
lich um eine Addition, so spricht man gerne neutral von der
? Gruppenmultiplikation und nennt das Ergebnis auch Produkt.
Wie lässt sich die zweite Kürzungsregel beweisen?

Die bijektiven Abbildungen einer Menge auf


Mithilfe der Kürzungsregeln (3.2) erkennen wir z. B. sich bilden eine Gruppe
a∗b =a ⇒ b =e sowie a ∗ b = b ⇒ a = e. Eine neue Art von Verknüpfung tritt in dem folgenden Bei-
spiel auf, und diesmal handelt es sich um eine nicht kommu-
tative Gruppe:
?
Warum gilt in einer Gruppe (G, ∗) stets (y −1 )−1 = y für G sei die Menge der bijektiven Abbildungen einer Menge
y ∈ G? M auf sich, also der Permutationen von M. Wie gewohnt,
bezeichnet das Symbol ◦ die Hintereinanderausführung. Da-
mit ist ◦ eine Verknüpfung auf G, denn sind f und g zwei
Die bisher vorgestellten Regeln für Gruppen wirken vertraut; Bijektionen von M, so gilt:
man kennt sie alle aus der Schulmathematik. Nur bei der
f g
Reihenfolge muss man achtgeben; man darf die Reihenfolge g ◦ f : x → f (x) → g ◦ f (x) = g (f (x)) für x ∈ M,
3.1 Gruppen 67

und g ◦ f ist wieder bijektiv (Seite 49). Wir zeigen, dass aus den Kürzungsregeln (3.2) folgt
(G, ◦) eine Gruppe ist, die Permutationsgruppe von M.
(a ◦ c = b ◦ c oder c ◦ a = c ◦ b) ⇒ a = b.
Die Verknüpfung ◦ ist assoziativ, denn bei f, g, h ∈ G ist
Dass die Permuationsgruppe (G, ◦) von M nicht kommutativ
g ◦ f : x → g(f (x)), h ◦ (g ◦ f ) : x  → h (g(f (x))) , ist, zeigt ein Vergleich der Produkte
h ◦ g : x → h(g(x)), (h ◦ g) ◦ f : x  → h (g(f (x))) . g ◦ i : 1 → 2, 2 → 1, 3 → 3, g ◦ i = h,
also
i ◦ g : 1 → 1, 2 → 3, 3 → 2, i ◦ g = f.
Dies gilt nicht nur für Bijektionen, sondern für alle hinter-
einander ausführbaren Abbildungen, wie bereits in Kapi- Somit gilt:
tel 2 festgestellt worden ist. g ◦ i = i ◦ g.
Neutrales Element ist die identische Abbildung Die Bijektion i rückt jede Zahl zyklisch um 1 weiter; zyklisch
idM : x → x für alle x ∈ M. heißt 1 → 2 → 3 → 1. Damit wird klar, warum i −1 = j ist,
Zu jeder Bijektion f von M existiert nach Kapitel 2 denn j macht dasselbe in der entgegengesetzten Richtung.
(Seite 48) die Umkehrabbildung f −1 ∈ G mit f −1 ◦ f =
idM . Die Gruppe der Permutationen einer Menge von n Elementen
heißt symmetrische Gruppe und wird üblicherweise mit Sn
bezeichnet. Demnach behandeln wir in diesem Beispiel die
Satz von der Permutationsgruppe
symmetrische Gruppe S3 .
Die bijektiven Abbildungen einer nichtleeren Menge M
auf sich bilden hinsichtlich der Hintereinanderausfüh- ?
rung ◦ eine Gruppe, die Permutationsgruppe von M. Ergänzen Sie in der obigen Gruppentafel die fehlenden Ele-
mente.
Nun sei M = {1, 2, 3}: Dann umfasst die Permutations-
gruppe G von M die folgenden Bijektionen: Bei einer genaueren Analyse der obigen Gruppentafel kann
man feststellen, dass die Teilmenge {i, j, e} abgeschlossen
e: 1 → 1, 2  → 2, 3  → 3,
ist unter ◦, denn die Produkte i ◦ i = j , i ◦ j = j ◦ i = e
f: 1 → 1, 2  → 3, 3  → 2,
und j ◦ j = i wie auch alle jene mit e haben als Ergebnis
g: 1 → 3, 2  → 2, 3  → 1,
wieder ein Element aus dieser Teilmenge. Diese Teilmenge
h: 1 → 2, 2  → 1, 3  → 3,
von nur 3 Permutationen bildet für sich eine Gruppe. Dafür
i: 1 → 2, 2  → 3, 3  → 1,
gibt es ein Fachwort:
j: 1 → 3, 2  → 1, 3  → 2.

Offensichtlich ist e = idM . Jede der Bijektionen f, g, h bil-


Untergruppen sind Teilmengen einer Gruppe,
det genau ein Element von M auf sich ab, d. h. lässt dieses
fix. Es ist f (1) = 1, g(2) = 2 und h(3) = 3. die selbst wieder Gruppen sind

Wie die durch Hintereinanderausführung entstehenden Pro- Ist (G, ∗) eine Gruppe, und hat eine Teilmenge H von G die
dukte aussehen, zeigt in übersichtlicher Form die folgende Eigenschaft, hinsichtlich der von G stammenden Verknüp-
Tabelle. Offensichtlich könnten die oberste Zeile und die fung eine Gruppe zu sein, so heißt H Untergruppe von G.
Spalte links vom Doppelstrich auch weggelassen werden,
Wir verwenden für die Verknüpfung auf H einfachheitshal-
nachdem die dort aufgelisteten Faktoren bei Multiplikation
ber dasselbe Symbol ∗ wie in G, sprechen also von der
mit dem neutralen Element e erneut als Produkte auftreten.
Gruppe (H, ∗), obwohl mit der „von G stammenden Ver-
Der verbleibende und hier gelb schattierte Teil der Tabelle
knüpfung“ eigentlich die Einschränkung ∗|H ×H von ∗ : G ×
rechts vom vertikalen und unter dem horizontalen Doppel-
G → G auf H × H gemeint ist.
strich heißt Gruppentafel von G.
Hat man festzustellen, ob eine gegebene Teilmenge H eine
◦ e f g h i j Untergruppe der Gruppe (G, ∗) ist, so müssen nicht alle
e◦ e f g h i j Gruppenaxiome überprüft werden. Das folgende Kriterium
f◦ f e zeigt, dass es ausreicht, in H die Abgeschlossenheit gegen-
g◦ g e h über ∗ und die Existenz der inversen Elemente nachzuweisen.
h◦ h e
i◦ i f j e Untergruppenkriterium
j◦ j e i Sind (G, ∗) eine Gruppe und H eine Teilmenge von G,
so ist H dann und nur dann eine Untergruppe von G,
Absichtlich sind in dieser Gruppentafel noch einige Felder wenn gilt:
frei gelassen worden, um Sie zu aktiver Mitarbeit anzuregen: (U1) H ist nicht die leere Menge.
(U2) Für alle x ∈ H ist zugleich x −1 ∈ H .
Jedes der 6 Elemente e, . . . , j muss in jeder Spalte und in (U3) Aus x, y ∈ H folgt stets (x ∗ y) ∈ H .
jeder Zeile der Gruppentafel genau einmal vorkommen, denn
68 3 Algebraische Strukturen – ein Blick hinter die Rechenregeln

Beweis: Die Formulierung „dann und nur dann“ erfordert, Beweis mithilfe des Untergruppenkriteriums:
dass wir zweierlei zeigen müssen: Zu (U1): H ist nichtleer, weil die identische Abbildung
(i) Ist H eine Untergruppe, so gelten die im Untergruppen- idM jedenfalls N fix lässt, also zu H gehört.
kriterium geforderten Aussagen (U1), (U2) und (U3).
Zu (U2): Bildet die Bijektion f ∈ G die Teilmenge N auf
(ii) Treffen umgekehrt diese drei Aussagen zu, so ist H eine
sich ab, so trifft dasselbe auf die Umkehrabbildung f −1
Untergruppe von G, also (H, ∗) eine Gruppe.
zu. Also liegt auch f −1 in H .
Zu (i): Nach (G2) muss H ein neutrales Element enthalten; Zu (U3): Wenn schließlich neben f auch g die Teilmenge
also ist H nichtleer und damit (U1) bestätigt. N auf sich abbildet, so tut dies auch g ◦ f .
So können wir z. B. für den Sonderfall M = {1, 2, 3}
Als Gruppe enthält H gemäß (G3) mit jedem Element a auch
mit der Gruppentafel von Seite 67 sofort erkennen, dass
das Inverse a −1 . Somit ist auch (U2) erfüllt.
{e, f } eine Untergruppe von (G, ◦) ist, denn e und f sind
Nachdem (H, ∗) eine Gruppe ist, muss nach der Definition die einzigen Permutationen von M, die das Element 1 fix
einer Verknüpfung auf Seite 65 mit x, y ∈ H auch stets x ∗ y lassen. Ebenso sind {e, g} und {e, h} Untergruppen. 
in H liegen. Also gilt (U3).
Weitere Beispiele von Untergruppen werden in dem Essay
Zu (ii): Wegen (U3) ist H bezüglich der von G stammenden auf Seite 70 vorgeführt. Dort geht es um bijektive Selbstab-
Verknüpfung ∗ abgeschlossen. Also liegt eine Verknüpfung bildungen unendlicher Punktmengen.
auf H vor.
Wir zeigen im Folgenden, dass jede Untergruppe H von
Die Verknüpfung ∗ auf H ist assoziativ, denn dies ist in ganz (G, ∗) Anlass für eine Äquivalenzrelation ∼H auf der Menge
G garantiert. G ist. Wir definieren
Wegen der Forderung H = ∅ in (U1) gibt es mindestens ein
g2 ∼H g1 ⇐⇒ g1−1 ∗ g2 ∈ H.
Element a ∈ H . Nach (U2) liegt das Inverse a −1 in H und
wegen (U3) auch das Produkt a ∗ a −1 = e. Also gibt es in Offensichtlich ist g2 genau dann hinsichtlich ∼H äquivalent
H ein neutrales Element. zu g1 , wenn g1−1 ∗ g2 = h, also g2 = g1 ∗ h ist mit einem
Das letzte Gruppenaxiom (G3) ist schließlich mit der Forde- h ∈ H . Die Menge der zu g1 äquivalenten Elemente lautet
rung (U2) identisch.  also
g1 ∗ H = {(g1 ∗ h) | h ∈ H }.

Eine ausführliche Diskussion des Untergruppenkriteriums Dass die Relation ∼H auf G tatsächlich reflexiv, symmetrisch
wird in der Box auf Seite 69 präsentiert. und transitiv ist, ergibt sich nun einfach aus den Untergrup-
peneigenschaften von H . Damit sind die Mengen g ∗ H für
Nun wenden wir uns einigen Beispielen von Untergruppen g ∈ G Äquivalenzklassen. Wir nennen sie Linksnebenklas-
zu: sen von H . Auch H = e ∗ H gehört dazu.
Beispiel Alle Linksnebenklassen sind gleich mächtig, denn die Ab-
Jede Gruppe (G, ∗) mit neutralem Element e enthält die bildung
Untergruppen {e} und G. Man nennt diese Untergruppen H → g ∗ H mit h → g ∗ h
die trivialen Untergruppen von G. Wenn wir von einer
echten Untergruppe H sprechen, so meinen wir damit, ist eine Bijektion. Nachdem die Linksnebenklassen als
dass H keine triviale Untergruppe von G ist. Damit ist H Äquivalenzklassen zu einer Partition von G führen (siehe
sicherlich eine echte Teilmenge von G. Seite 55), also jedes Element von G in genau einer Linksne-
Offensichtlich ist in der Folge der Gruppen (Z, +), (Q, +), benklasse vorkommt, erhalten wir im Falle endlicher Grup-
(R, +) und (C, +) jede eine echte Untergruppe der folgen- pen die Anzahl |G| der Elemente von G, wenn wir |H | mit
den. Dasselbe trifft auf die Folge (Q \ {0}, ·), (R \ {0}, ·) der Anzahl der Linksnebenklassen von H in G multiplizie-
und (C \ {0}, ·) zu. Da das Produkt zweier positiver Zah- ren. Damit haben wir das folgende Resultat hergeleitet.
len und auch der Kehrwert einer positiven Zahl stets wie-
der positiv sind, ist (R>0 , ·) eine echte Untergruppe von Satz von Lagrange:
(R \ {0}, ·). Ist H Untergruppe der endlichen Gruppe G, so ist die
Wie im Beispiel auf Seite 66 sei (G, ◦) die Gruppe der Anzahl |H | der Elemente von H ein Teiler von |G|.
Permutationen einer Menge M, und es sei N ⊆ M eine
Teilmenge von M. Mit H sei die Menge derjenigen Bijek-
Wenn wir unsere Relation abwandeln zu
tionen f ∈ G bezeichnet, die die Teilmenge N von M auf
sich abbilden und damit N als Ganzes fix lassen. Damit ist g2 ∼H g1 ⇔ g2 ∗ g1−1 ∈ H,
gemeint, dass jedes f ∈ H die Forderung f (x) ∈ N er-
füllt für alle x ∈ N , was wir kurz als f (N) ⊆ N schreiben so entsteht erneut eine Äquivalenzrelation. Diesmal fungie-
können. Dann ist H eine Untergruppe von G. ren die Rechtsnebenklassen H ∗ g als Äquivalenzklassen.
3.1 Gruppen 69

Unter der Lupe: Untergruppenkriterium


Gegeben sind eine Gruppe (G, ∗) sowie eine Teilmenge H von G. Das Untergruppenkriterium gibt notwendige und
hinreichende Bedingungen dafür an, dass H eine Untergruppe ist, also selbst eine Gruppe hinsichtlich der von G auf H
induzierten Verknüpfung.
Will man ganz exakt sein, so muss man die Verknüpfungen in G und H auch verschieden bezeichnen. Schreiben wir also
vorübergehend ∗ für die Beschränkung von ∗ auf H × H . Dann stehen die beiden Gruppen (G, ∗) und (H, ∗ ) zur Diskussion.

Neutrale Elemente: Äquivalente Bedingungen:


Nach (G2) muss H ein neutrales Element enthalten. Die- Manchmal werden die beiden Bedingungen (U2) und (U3)
ses neutrale Element e von H ist die eindeutige Lösung in einer einzigen Forderung zusammengefasst, nämlich in:
der Gleichung a ∗ x  = a für ein a ∈ H . Nun stimmen (U4) Aus x, y ∈ H folgt stets (x ∗ y −1 ) ∈ H .
für a, e ∈ H ⊂ G die Produkte überein, ob diese bei-
Wir zeigen im Folgenden, dass die drei Bedingungen (U1),
den Elemente nun in H oder in G verknüpft werden, also
(U2) und (U3) zusammengenommen äquivalent sind zu
a ∗ e = a ∗ e . Daher ist e gleichzeitig eine Lösung
(U1) und (U4):
der in G eindeutig lösbaren Gleichung a ∗ x = a in G.
Dies beweist, dass das neutrale Element e von (H, ∗ ) „(U1,U2,U3) ⇒ (U1,U4)“:
gleichzeitig neutrales Element e von (G, ∗) ist. Damit ist Ist (H, ∗ ) eine Untergruppe, treffen also (U1), (U2) und
auch sichergestellt, dass für a ∈ H das inverse Element (U3) zu, so folgt aus x, y ∈ H mit (U2) auch y −1 ∈ H
a −1 unabhängig davon ist, ob wir die Gruppen (G, ∗) oder und nach (U3) weiter x ∗ y −1 ∈ H .
(H, ∗ ) meinen.
„(U1,U4) ⇒ (U1,U2,U3)“:
Ist (G, ∗) eine Gruppe, und treffen auf die Teilmenge
Zur Notwendigkeit von (U2):
H ⊂ G die Bedingungen (U1) und (U4) zu, so gibt es
Dass (U1) und (U3) allein nicht ausreichen als Kennzeich-
ein x ∈ H , und wir können in (U4) y = x setzen. Da-
nung einer Untergruppe, zeigt die Multiplikation auf der
mit liegt auch x ∗ x −1 = e in H , und e ist das neutrale
Menge der ganzen Zahlen. Z \ {0} ist zwar abgeschlossen
Element in ganz G.
unter der in der Gruppe Q \ {0} definierten Multiplika-
Setzen wir andererseits in (U4) x = e, so ist mit y ∈ H
tion, aber deshalb noch keine Untergruppe, nachdem in Z
auch e ∗ y −1 = y −1 ∈ H . Also gilt (U2).
inverse Elemente fehlen.
Schließlich erkennen wir, dass H abgeschlossen ist be-
züglich ∗ : Aus x, y ∈ H folgt y −1 ∈ H und weiter
mit (U4) x ∗ (y −1 )−1 = x ∗ y ∈ H .

Gruppen lassen sich oft aus gewissen Operationen r und s anwenden. Es wird sich herausstellen,
Grundelementen erzeugen dass lediglich 6 verschiedene Werte als Ergebnisse auftreten:
Durch Anwendung von r entsteht aus 3 der Kehrwert
Am Ende dieses Abschnitts wenden wir uns einem Beispiel r(3) = 13 ; durch s geht 3 in s(3) = 1 − 3 = −2 über.
zu, das deshalb etwas schwerer zu erfassen ist, weil die Ele- Wenn wir auf die neuen Werte wiederum r oder s anwen-
mente der Gruppe Bijektionen einer unendlichen Menge sind. den, so entstehen 1 − 13 = 23 und − 21 , oder wir kehren zum
Das Beispiel ist aber recht instruktiv, denn es bereitet künftige
Ausgangswert 3 zurück. Ferner ist r( 23 ) = 23 , und ebenso ist
Begriffe wie Erzeugendensystem und Isomorphie vor.
s(− 21 ) = 23 . Weder r, noch s führen 23 in Werte über, die bis-
her noch nicht aufgetreten sind. Also bleibt es bei der Menge
Beispiel Ausgangspunkt ist die Gruppe (G, ◦) mit G als
der Bilder:  
Menge der Bijektionen von R \ {0, 1} auf sich. Allerdings
1 2 1 3
beschränken wir uns auf diejenigen Bijektionen, welche aus 3, , −2, , − , .
den folgenden zwei Abbildungen zusammensetzbar sind: 3 3 2 2
Wir werden erkennen, dass es auch für andere x ∈ R nie
1
r : x → und s : x  → 1 − x; mehr als sechs verschiedene Bilder gibt. Hinter diesem Phä-
x nomen steckt nämlich eine nur sechs Elemente umfassende
r bedeutet den Übergang zum Reziprokwert; hier muss x = 0 Untergruppe H , welche trotzdem alle möglichen Produkte
ausgeschlossen werden. s kann als Spiegelung an x = 21 der Bijektionen r und s enthält.
bezeichnet werden; hier muss x = 1 ausgeschlossen werden,
weil dessen Bild x = 0 fehlt. Nach (U3) enthält H neben r und s auch

Wir wollen zunächst nur die Zahl 3 ∈ R herausgreifen und r 1 r 1


r ◦ r : x → → 1 = x,
auf diese wiederholt und in beliebiger Reihenfolge die beiden x x
70 3 Algebraische Strukturen – ein Blick hinter die Rechenregeln

Hintergrund und Ausblick: Symmetriegruppe eines Ornaments aus der Alhambra


Welche Bewegungen bringen das unten links ausschnittsweise gezeigte und eigentlich unbegrenzt vorzustellende Ornament
F mit sich zur Deckung?
Wir verzichten hier auf die genaue Definition des Begriffs Bewegung; diese folgt in Kapitel 7. Uns genügt die folgende
anschauliche Vorstellung: Wir kopieren den vorliegenden Ausschnitt auf eine Folie und versuchen, diese auf verschiedene
Arten derart über das Original zu legen, dass die Kopie des Ornaments genau das darunterliegende Ornament F überdeckt.
Ausgehend von der randgetreuen Lage kann beispielsweise durch eine geeignete Verschiebung der Kopie nach rechts eine
neuerliche Überdeckung der Ornamente erreicht werden. Die Folie darf auch umgedreht werden.

Mit jeder deckungsgleichen Position ist eine Abbildung diesem Fall nur mehr Drehungen. Wir sagen, die Quadrat-
der Punkte des Originals F auf die jeweils darüberliegen- mitte ist ein vierzähliges Drehzentrum.
den Punkte der Kopie verbunden. Wenn wir die Kopie
als mit dem Original identisch auffassen und deren Trä-
gerebene als R2 interpretieren, so liegt jeweils eine bijek-
tive Punktabbildung R2 → R2 vor, und diese nennen wir
eine Deckbewegung des Ornaments F . Die vorhin als Bei-
spiel erwähnte Verschiebung nach rechts ist eine derartige
Deckbewegung.
Alle Deckbewegungen bilden eine Gruppe, die Symme-
triegruppe von F , denn offensichtlich sind alle drei An-
forderungen aus dem Untergruppenkriterium erfüllt. Nun kehren wir zurück zu dem kompletten Ornament F .
Bei allen Überlegungen müssen wir voraussetzen, dass der Offensichtlich bringen die Drehungen durch ganzzahlige
gezeigte Ausschnitt soweit typisch ist für das unbegrenzte Vielfache von 90◦ um die Quadratmitten nicht nur die
Ornament F , dass eine Übereinstimmung der Kopie mit Teilfigur F1 mit sich zur Deckung, sondern das ganze Or-
dem Original innerhalb des Ausschnitts auch eine Über- nament. Dazu kommen nun noch alle Translationen, also
einstimmung außerhalb garantiert. Parallelverschiebungen, welche ein Quadratzentrum in ein
anderes überführen. Alle diese vierzähligen Zentren sind
im Gesamtbild links durch kleine rote Quadrate markiert.
Die Symmetriegruppe von F wird damit unendlich groß.
Sie umfasst auch die Drehungen durch ganzzahlige Viel-
fache von 90◦ um die zwischen den Quadratzentren lie-
genden Kreuzungspunkte, die in der Abbildung links blau
markiert sind. Schließlich gehören auch noch weitere Dre-
hungen durch 180◦ dazu. Deren Zentren heißen zweizäh-
lig, und sie sind links durch grüne Rauten gekennzeichnet.

Beginnen wir mit der rechts oben gezeigten quadratischen


Teilfigur F0 von F . Man kann die Figur F0 durch Dre-
hungen um das Zentrum durch 90◦ , 180◦ oder 270◦ mit
ihrer Ausgangslage zur Deckung bringen. Dasselbe trifft
auch auf die Spiegelungen an den unter 0◦ , 45◦ , 90◦ oder
135◦ geneigten Quadratdurchmessern zu. So entsteht zu- Es gibt übrigens 17 verschiedene ebene Symmetriegrup-
sammen mit der identischen Abbildung eine insgesamt 8 pen, welche Translationen in verschiedenen Richtungen
Elemente umfassende Gruppe, die Symmetriegruppe die- enthalten. Man nennt diese Gruppen auch ebene kristal-
ser quadratischen Teilfigur. lografische Gruppen. Die dem obigen Beispiel zugrunde
Betrachten wir nun einen größeren Ausschnitt F1 des Or- liegende Symmetriegruppe wird üblicherweise mit p4 be-
naments; nehmen wir zur quadratischen Figur F0 auch zeichnet.
noch die davon ausgehenden Linien dazu (Abbildung Literatur
rechts unten). Für F1 sind die Spiegelungen keine Sym- E. Quaisser: Diskrete Geometrie. Spektrum Akademischer
metrieoperationen mehr. Die Symmetriegruppe umfasst in Verlag, Heidelberg 1994
3.2 Homomorphismen 71

also r ◦ r = e mit e als identischer Abbildung, und ebenso lich nicht von der gleichfalls 6 Elemente umfassenden sym-
metrischen Gruppe S3 aus dem Beispiel von Seite 67 unter-
s s 
s ◦ s : x → 1 − x  → 1 − (1 − x) = x. scheidet.

Damit gilt r −1 = r und s −1 = s. Abbildungen, die diese


Eigenschaft erfüllen und von der identischen Abbildung 3.2 Homomorphismen
verschieden sind, heißen übrigens selbstinvers oder involu-
torisch.
Wir beziehen uns zunächst auf das obige Beispiel. Die von r
Der Untergruppe H müssen aber auch die Produkte und s erzeugte Gruppe (H, ◦) umfasst die 6 Elemente

1 x−1 1 H = {e, r, s, r ◦ s, s ◦ r, r ◦ s ◦ r}.


s ◦ r : x → 1 − = und r ◦ s : x →
x x 1−x
Dabei ist r ◦ r = s ◦ s = e. Aber auch das letzte Element
angehören. Dabei ist nach (3.3) r ◦ s ◦ r ist involutorisch.
Zum Vergleich betrachten wir nochmals die Gruppentafel der
(r ◦ s)−1 = s −1 ◦ r −1 = s ◦ r.
symmetrischen Gruppe S3 aus Beispiel 3 (Seite 66), wobei
diesmal die Farben verdeutlichen sollen, dass in jeder Zeile
Nun fehlen noch r ◦ s ◦ r und s ◦ r ◦ s. Die beiden sind gleich,
und in jeder Spalte alle 6 Elemente vorkommen:
denn
s◦r x − 1 r x ◦ e f g h i j
r ◦ (s ◦ r) : x  → → ,
x x−1 e◦ e f g h i j
f◦ f e i j g h
r◦s 1 s 1 x
s ◦ (r ◦ s) : x → → 1 − = . g◦ g j e i h f
1−x 1−x x−1
h◦ h i j e f g
Auch r ◦ s ◦ r = s ◦ r ◦ s ist involutorisch, denn nach zwei- i◦ i h f g j e
maliger Anwendung der Kürzungsregeln (3.3) folgt: j◦ j g h f e i

(r ◦ s ◦ r)−1 = r −1 ◦ s −1 ◦ r −1 = r ◦ s ◦ r.
Hier sind die Elemente f und g involutorisch, denn f ◦ f =
g ◦ g = e. Aber auch h hat diese Eigenschaft.
Verknüpft man r ◦ s ◦ r = s ◦ r ◦ s rechts mit r oder s, so ist
die neue Abbildung gleich r ◦ s oder s ◦ r. Die folgende Bijektion ψ : H → S3 bildet die Elemente von
H auf jene von S3 ab:
Ebenso ist ein Produkt von mehr als vier r- und s-Abbil-
dungen auf eines von höchstens 3 Abbildungen reduzierbar: ψ : e → e, r → f, s → g, r ◦ s → i,
Wann immer nämlich in diesem Produkt zwei gleiche Abbil-
s ◦ r → j, r ◦ s ◦ r → h.
dungen aufeinanderfolgen, kann man diese weglassen. Hier-
auf kann man die Tripel r ◦ s ◦ r und s ◦ r ◦ s wegen de-
Dabei hat ψ eine besondere Eigenschaft, die sich erst bei
ren Gleichheit gegeneinander austauschen, wodurch an den
genauem Hinsehen offenbart. Es ist z. B.
Anschlussstellen wiederum zwei gleiche aufeinanderfolgen
können, die dann wegzulassen sind. Dies geht so lange, bis
ψ(r ◦ s) = i = f ◦ g = ψ(r) ◦ ψ(s),
nur mehr ein Produkt von höchstens 3 Abbildungen vorliegt.
ψ(s ◦ r) = j = g ◦ f = ψ(s) ◦ ψ(r)
Dies beweist: Führt man endlich oft die Bijektionen r oder
s hintereinander aus, so entstehen keine neuen Abbildungen und
gegenüber den bisherigen sechs. Die Menge
ψ(r ◦ s ◦ r) = h = f ◦ g ◦ f = ψ(r) ◦ ψ(s) ◦ ψ(r).
H = {e, r, s, r ◦ s, s ◦ r, r ◦ s ◦ r}
Tatsächlich bekommt man in allen Fällen das ψ-Bild eines in
ist abgeschlossen unter ◦, und zudem ist zu jeder Abbildung H gelegenen Produkts von r- und s-Abbildungen, indem man
auch die Inverse enthalten. Nach dem Untergruppenkriterium zunächst jeden einzelnen Faktor mittels ψ abbildet und dann
ist H eine Untergruppe von G. Weil jedes Element aus H ein die Multiplikation nach der obigen Gruppentafel vornimmt.
Produkt von endlich vielen r- und s-Abbildungen ist, sagen
wir, diese Untergruppe wird von r und s erzeugt, oder r und In diesem Abschnitt widmen wir uns generell derartigen ver-
s bilden ein Erzeugendensystem von H . knüpfungstreuen Abbildungen, denn sie ermöglichen es, bei
verschiedenen Gruppen gemeinsame Strukturen zu erken-
Wir werden im nächsten Abschnitt erkennen, dass sich diese nen. Dabei beschränken wir uns aber nicht nur auf bijektive
Gruppe (H, ◦) trotz ihrer etwas mühsamen Herleitung eigent- Abbildungen.
72 3 Algebraische Strukturen – ein Blick hinter die Rechenregeln

Bei einem Homomorphismus ist das Bild eines Die zu Beginn dieses Abschnitts gezeigte Bijektion zwi-
Produkts stets gleich dem Produkt der Bilder schen der Gruppe H aus dem Beispiel von Seite 69 und
der Permutationsgruppe S3 zeigt, dass (H, ◦) isomorph ist
zur symmetrischen Gruppe S3 . 
Definition eines Homomorphismus
Eine Abbildung ψ : G → G der Gruppe (G, ∗) in die Das Beispiel in der Box auf Seite 73 zeigt mithilfe eines Ho-
Gruppe (G , ∗ ) heißt Homomorphismus, wenn für alle momorphismus, dass man zwischen geraden und ungeraden
a, b ∈ G die Eigenschaft Permutationen unterscheiden kann.

ψ(a ∗ b) = ψ(a) ∗ ψ(b)


Ein Homomorphismus G → G weist
gilt. Ist ψ bijektiv, so heißt ψ Isomorphismus und ins-
besondere bei G = G Automorphismus.
bestimmte Gesetzmäßigkeiten auf
Zwei Gruppen heißen isomorph, wenn zwischen ihnen Wir stellen nun einige Eigenschaften von Homomorphismen
ein Isomorphismus existiert. zusammen:

Ist ψ ein Homomorphismus, so kommt es nicht darauf an, Lemma


ob zwei Elemente a, b ∈ G zuerst verknüpft werden und (i) Der Homomorphismus ψ : G → G bildet das neutrale
dann deren Produkt durch ψ abgebildet wird, oder ob die Element e von G auf das neutrale Element e von G ab.
Elemente zuerst einzeln durch ψ abgebildet und dann deren (ii) Der Homomorphismus ψ : G → G bildet das inverse
Bilder in G verknüpft werden. Die Abbildung ψ ist mit den Element von a auf das inverse Element des Bildes ψ(a)
Verknüpfungen vertauschbar oder kurz: ab, also ψ(a −1 ) = [ψ(a)]−1 .
(iii) Ist ψ : G → G ein Homomorphismus, so ist die Bild-
Das Bild des Produkts ist gleich dem Produkt der Bilder. menge ψ(G) eine Untergruppe von G .
Die unterschiedlichen Verknüpfungssymbole ∗ und ∗ sollen
Beweis: (i) Für alle a ∈ G gilt a = a ∗ e, daher auch
verdeutlichen, dass die Verknüpfungen in G und G ganz
ψ(a) = ψ(a) ∗ ψ(e) und somit ψ(e) = e .
unterschiedlich sein können.
(ii) Aus a ∗ a −1 = e folgt
Es folgen einige Beispiele:
ψ(a ∗ a −1 ) = ψ(a) ∗ ψ(a −1 ) = ψ(e) = e
Beispiel
Hinter den Vorzeichenregeln für die Produkte positiver und somit ψ(a −1 ) = [ψ(a)]−1 .
oder negativer reeller Zahlen verbirgt sich ein Homomor-
phismus: Die Abbildung (iii) Wir verwenden das Untergruppenkriterium von Seite 67:
Es ist ψ(G) = ∅, da e unter den Bildelementen vorkommen
 muss. Die Abgeschlossenheit der Bildmenge gegenüber der
1 für x > 0,
ψ : R \ {0} → {1, −1}, x  → ψ(x) = Multiplikation ∗ ist gegeben, denn aus ψ(a), ψ(b) ∈ ψ(G)
−1 für x < 0
folgt
ist ein surjektiver Homomorphismus von (R \ {0}, · ) auf ψ(a) ∗ ψ(b) = ψ(a ∗ b) ∈ ψ(G).
({1, −1}, · ), denn stets ist
Schließlich ist für jedes ψ(a) ∈ ψ(G) das inverse Element
wegen (ii) gleich ψ(a −1 ) und daher gleichfalls ein Bildele-
ψ(x · y) = ψ(x) · ψ(y) .
ment. 

Die Abbildung
Der folgende Satz, welcher Arthur Cayley (1821–1895) zu-
ψ : Z → Q >0 , x → 2 ,x geschrieben wird, unterstreicht die Wichtigkeit der Permuta-
tionsgruppen für die Theorie endlicher Gruppen.
also z. B. 0 → 1, 1  → 2, 2  → 4, −1  → 21 , −2  → 41 ,
ist ein injektiver Homomorphismus (Z, +) → (Q >0 , · ), Der Satz von Cayley
denn
Jede Gruppe (G, ∗) mit n Elementen ist isomorph zu
x+y x y einer Untergruppe der symmetrischen Gruppe Sn .
ψ(x + y) = 2 = 2 · 2 = ψ(x) · ψ(y).

? Beweis: Dieser Satz basiert auf einer Beobachtung, auf


Ist ψ : x → 2x ein Homomorphismus der Gruppe (Z, +) die bereits auf Seite 67 hingewiesen wurde: In jeder Zeile
auf sich oder der Gruppe (R \ {0}, · ) auf sich? der Gruppentafel von G muss jedes der n Elemente genau
einmal vorkommen; nur die Reihenfolge variiert. Genauer:
3.2 Homomorphismen 73

Beispiel: Signum einer Permutation


Eine Permutation σ ∈ Sn der Zahlen 1, . . . , n ändert deren Reihenfolge ab auf die Folge (σ (1), σ (2), . . . , σ (n)).
Wir sprechen von einem Fehlstand von σ , wann immer in der Folge der Bildelemente eine größere Zahl vor einer kleineren
steht, wenn also σ (i) > σ (j ) ist bei i < j .
σ
So weist z. B. die Permutation σ ∈ S5 mit (1, 2, 3, 4, 5) → (3, 2, 4, 5, 1) fünf Fehlstände auf, nämlich (3, 2), (3, 1),
(2, 1), (4, 1) und (5, 1), denn rechts steht 3 vor 2 und 1, 2 vor 1, und ebenso befinden sich 4 und 5 vor 1.
Weist die Permutation σ ∈ Sn genau f Fehlstände auf, so heißt sgn σ = (−1)f Signum der Permutation σ . Die Permutation
σ heißt gerade, wenn sgn σ = 1 ist, sonst ungerade. Wir wollen den folgenden Satz beweisen, der später auch noch bei
den Determinanten im Kapitel 13 eine Rolle spielen wird.
Satz vom Signum einer Permutation
Die Abbildung sgn : Sn → {−1, 1} mit σ  → sgn σ = (−1)f ist ein Homomorphismus (Sn , ◦) → ({−1, 1}, · ), denn es
gilt: sgn(σ2 ◦ σ1 ) = sgn σ2 · sgn σ1 .

Problemanalyse und Strategie: Im Beweis verwenden wir für das Signum der Permutation σ die Formel
 σ (j ) − σ (i)
sgn σ = . (∗)
j −i
i<j

Dabei ist das Symbol für ein Produkt. Im konkreten Fall wird über alle möglichen Paare (i, j ) aus {1, . . . , n} mit
i < j multipliziert. Diese Formel ergibt etwa für das obige Beispiel, nämlich für σ ∈ S5 , den Ausdruck
(2 − 3)(4 − 3)(4 − 2)(5 − 3)(5 − 2)(5 − 4)(1 − 3)(1 − 2)(1 − 4)(1 − 5)
sgn σ = = −1.
(2 − 1)(3 − 1)(3 − 2)(4 − 1)(4 − 2)(4 − 3)(5 − 1)(5 − 2)(5 − 3)(5 − 4)

Lösung: Das rechte Produkt ist offensichtlich gleich sgn σ1 .


Zur Begründung dieser Produktformel beachten wir, dass Wir zeigen, dass das linke mit sgn σ2 übereinstimmt. Dazu
in den Faktoren des Nenners alle ungeordneten Paare (i, j ) ändern wir die Bezeichnung; wir setzen darin i  = σ1 (i)
verschiedener Elemente vorkommen, die aus {1, . . . , n} und j  := σ1 (j ). Es entsteht:
ausgewählt werden können. Dabei steht immer das grö-
ßere Element vor dem kleineren, weshalb das Produkt über  σ2 (j  ) − σ2 (i  )
.
alle Differenzen im Nenner positiv ist. j  − i
i<j
Im Zähler treten ebenfalls alle möglichen Paare auf, denn
Permutationen sind bijektiv. Daher stimmt der Absolut- Dies stimmt aus folgenden Gründen mit sgn σ2 überein:
betrag des im Zähler auftretenden Produkts mit jenem aus Wenn (i, j ) alle möglichen Paare verschiedener Zahlen
dem Nenner überein. Allerdings führt jeder Fehlstand we- aus {1, . . . , n} durchläuft, so tut dies auch (i  , j  ), denn σ1
gen σ (i) > σ (j ) zu einer negativen Differenz. Also liefert ist eine Bijektion. Wegen
die Produktformel (∗) tatsächlich den geforderten Wert
(−1)f . σ (j ) − σ (i) σ (i) − σ (j )
=
j −i i−j
Beweis des obigen Satzes:
ist es in der obigen Formel für sgn σ gleichgültig, ob das
Aus der eben bewiesenen Formel folgt für das Produkt
einzelne Paar (i, j ) im Zähler und Nenner in der Reihen-
sgn(σ2 ◦ σ1 ) zweier Permutationen:
folge (i, j ) oder (j, i) verwendet wird. Damit bleibt, wie
 σ2 ◦σ1 (j ) − σ2 ◦σ1 (i) behauptet,
sgn(σ2 ◦ σ1 ) = .
j −i
i<j sgn(σ2 ◦ σ1 ) = sgn σ2 · sgn σ1 ,

Wir

erweitern nun Zähler und Nenner mit dem Produkt und sgn ist als surjektiver Homomorphismus bestätigt. 

i<j (σ1 (j ) − σ1 (i)) und gruppieren um, indem der Zäh-


ler des linken Produkts mit dem Nenner des rechten kom- ?
biniert wird und umgekehrt. Dies ergibt: Warum ist das Produkt zweier ungerader Permutationen
 σ2 ◦σ1 (j ) − σ2 ◦σ1 (i)  σ1 (j ) − σ1 (i) aus Sn eine gerade Permutation? Warum hat σ −1 dasselbe
sgn(σ2 ◦ σ1 ) = · Signum wie σ ?
i<j
σ1 (j ) − σ1 (i) i<j
j −i
74 3 Algebraische Strukturen – ein Blick hinter die Rechenregeln

Steht in der zum neutralen Element g1 = e gehörigen Zeile


von links nach rechts die Folge (g1 , g2 , . . . , gn ), so steht in
der Zeile, die zu gi gehört die Folge (gi , gi ∗g2 , . . . , gi ∗gn ).
Wir ordnen nun dem Element gi ∈ G diejenige Permutation e f g h i j
zu, welche (g1 , g2 , . . . , gn ) auf (gi , gi ∗ g2 , . . . , gi ∗ gn ) Abbildung 3.1 Darstellung der symmetrischen Gruppe S3 = {e, . . . , j } als
abbildet. Dies führt zur Abbildung Untergruppe der Permutationsgruppe S6 . Dabei sind die zu permutierenden 6
Elemente diesmal auf einem Kreis angeordnet. Die einzelnen Permutationen
ψ : G → Sn , gi  → ψ(gi ) mit ergeben sich aus den Zeilen der Gruppentafel auf Seite 71.
ψ(gi )
(g1 , g2 , . . . , gn )  −→ (gi , gi ∗ g2 , . . . , gi ∗ gn ).

Für die Permutation ψ(gi ) gilt also e = g1  → gi = gi ∗ e, Sind zwei Gruppen isomorph, so ist man geneigt zu sagen, es
g2 → gi ∗ g2 , . . . , gn → gi ∗ gn , somit kurz: handele sich um „dieselbe“ Gruppe, denn in beiden Gruppen
bestehen dieselben Relationen zwischen den einzelnen Ele-
ψ(gi ) : gk → gi ∗ gk für k = 1, . . . , n. menten. Wie die Gruppenelemente aussehen, ist aus struk-
tureller Sicht nebensächlich. Üblicherweise sagt man auch
ψ ist injektiv, denn ψ(gi ) = ψ(gj ) bedeutet zu zwei isomorphen Gruppen, dass sie bis auf Isomorphie
gleich sind.
(gi , gi ∗ g2 , . . . , gi ∗ gn ) = (gj , gj ∗ g2 , . . . , gj ∗ gn ),

und schon die jeweils ersten Elemente zeigen, dass daraus


gi = gj folgt. Im Kern sind viele Informationen über den
Wir beweisen als Nächstes, dass ψ ein Homomorphismus ist: Homomorphismus enthalten
Die dem Produkt gi ∗ gj zugeordnete Permutation lautet:
Mit jedem Homomorphismus ψ : G → G ist auch eine Un-
ψ(gi ∗ gj ) : gk → (gi ∗ gj ) ∗ gk = gi ∗ (gj ∗ gk ) tergruppe von G verbunden.
für k = 1, . . . , n. Dabei ist gj ∗ gk das Bild von gk unter der
Permutation ψ(gj ), und dieses geht durch ψ(gi ) in gi ∗ (gj ∗ Der Kern eines Homomorphismus
gk ) über. Also gilt, wie behauptet:
Ist ψ : G → G ein Homomorphimus, so heißt die
ψ(gi ∗ gj ) = ψ(gi ) ◦ ψ(gj ). Menge der Urbilder des neutralen Elements e von G
Kern des Homomorphismus ψ. Wir bezeichnen diese
Nach dem obigen Lemma ist die Bildmenge ψ(G) eine Un- Menge mit ker ψ.
tergruppe der Permutationsgruppe Sn . Somit gibt es einen Demnach ist ker ψ = {a ∈ G | ψ(a) = e }.
injektiven Homomorphismus von G auf diese Untergruppe,
also einen Isomorphismus.
Lemma
Übrigens kann die injektive Abbildung ψ : G → Sn bei
Der Kern des Homomorphismus ψ : G → G ist eine
n > 2 niemals surjektiv sein. Dazu brauchen wir nur die
Untergruppe von G.
Anzahlen der Elemente zu vergleichen: Die Gruppe G ent-
hält n Elemente. Die symmetrische Gruppe Sn umfasst
Beweis: Das Lemma auf Seite 72 sagt unter (i), dass
n! = n · (n − 1) . . . 2 · 1 das neutrale Element e von G im Kern vorkommt. Also ist
ker ψ = ∅.
Permutationen σ : (1, 2, . . . , n)  → (k1 , k2 , . . . , kn ), denn Aus a, b ∈ ker ψ folgt ψ(a) = ψ(b) = e und somit weiter
für k1 ∈ {1, . . . , n} gibt es n Möglichkeiten; für k2 ∈
{1, . . . , n} \ {k1 } bleiben n − 1, für k2 ∈ {1, . . . , n} \ {k1 , k2 } ψ(a ∗ b) = ψ(a) ∗ ψ(b) = e ∗ e = e ,
n − 2 Möglichkeiten und so weiter.
Wegen n! > n bei n > 2 ist somit die Bildmenge ψ(G) eine also auch (a ∗ b) ∈ ker ψ.
echte Untergruppe von Sn .  Schließlich folgt aus a ∈ ker ψ, also ψ(a) = e :

−1
ψ(a −1 ) = [ψ(a)]−1 = e
(ii)
Die Abbildung 3.1 zeigt als Beispiel zu dem Satz von Cay- = e ,
ley, dass die symmetrische Gruppe S3 mit der Gruppentafel
auf Seite 71 isomorph ist zu einer Untergruppe von S6 . Da- also a −1 ∈ ker ψ. Mithilfe des Untergruppenkriteriums ist
bei sind die zu permutierenden sechs Elemente diesmal als somit ker ψ als eine Untergruppe von G nachgewiesen. 
Ecken eines regulären Sechsecks dargestellt, und die Pfeile
zeigen, wie diese Ecken durch die Permutationen transfor- Beispiel Wir betrachten nochmals die obigen Beispiele
miert werden. von Homomorphismen und bestimmen die jeweiligen Kerne.
3.2 Homomorphismen 75

Bei dem auf der Seite 72 vorgestellten Homomorphismus Beweis: Die Aussage ψ(a) = ψ(b) ist äquivalent zu
ψ von R \ {0} auf {1, −1} enthält der Kern genau alle [ψ(a)]−1 ∗ ψ(b) = e , also nach der Homomorphieeigen-
positiven reellen Zahlen, also ker ψ = R>0 . schaft (ii) ψ a −1 ∗ b = e , und genau dann ist x = a −1 ∗ b
Bei dem injektiven Homomorphismus ψ : x  → 2x von im Kern enthalten und b = a ∗ x. Dafür schreiben wir kurz
Seite 72 ist ker ψ = {0}, denn 0 ist neutrales Element von
(Z, +). b ∈ (a ∗ ker ψ) = {a ∗ x | x ∈ ker ψ}.
Das Beispiel auf Seite 72 behandelt den Isomorphismus Auf analoge Weise lässt sich die Äquivalenz zwischen (1) und
von H auf die symmetrische Gruppe S3 . Auch hier ent- (3) begründen: Die Aussage ψ(a) = ψ(b) ist auch äquivalent
hält ker ψ nur das neutrale Element, also die identische zu ψ(b) ∗ [ψ(a)]−1 = e , und dies gilt genau dann, wenn
Abbildung aus H . b = y ∗ a mit y ∈ ker ψ, also b ∈ ker ψ ∗ a. 
In dem Beispiel auf Seite 73, der homomorphen Abbil-
dung der Permutationen σ ∈ Sn auf deren Signum, um-
fasst der Kern genau die geraden Permutationen von Sn ,
also jene mit sign (σ ) = 1. Diese bilden nach obigem Satz Jeder Homomorphismus von G nach G
eine Untergruppe von (Sn , ◦), die alternierende Gruppe bestimmt eine Zerlegung von G in Klassen
An vom Grad n. So ist z. B. die auf Seite 67 vorge-
von Elementen mit jeweils gleichem Bild
stellte Untergruppe {e, i, j } der S3 gleich der alternierende
Gruppe A3 , denn die Permutationen e, i und j sind gerade,
Die Fasern des Homomorphismus ψ haben die Form
wie die Abzählung ihrer Fehlstände zeigt. 
Bereits im Beispiel auf Seite 53 wurde darauf hingewiesen, a ∗ ker ψ = ker ψ ∗ a. (3.4)
dass jede Abbildung ϕ : M → N in der Definitionsmenge Man nennt sie Nebenklassen von ker ψ. Nach Seite 68 sind
M eine Äquivalenzrelation festlegt, wenn Elemente mit dem- sie gleichzeitig Links- und Rechtsnebenklassen des Kerns
selben Bild als zueinander äquivalent definiert werden. Die ker ψ.
zugehörigen Äquivalenzklassen sind die Fasern der Abbil-
dung ϕ. Die Gleichung a ∗ ker ψ = ker ψ ∗ a bedeutet nicht, dass
G kommutativ ist, sondern nur, dass zu jedem u ∈ ker ψ ein
x3 u ∈ ker ψ existiert mit a ∗ u = u ∗ a sowie ein u ∈ ker ψ mit
eine Faser von ϕ
u ∗ a = a ∗ u. Der Kern ist damit eine Untergruppe von G
mit der besonderen Eigenschaft, dass jede Linksnebenklasse
gleichzeitig eine Rechtsnebenklasse ist. Eine derartige Un-
tergruppe U von G heißt Normalteiler von G: In diesem Fall
R3 gilt für alle a ∈ G

x a ∗ U = U ∗ a.
ϕ
Folgerung (D)
er Kern ker ψ des Homomorphismus ψ : G → G ist
ϕ (R 3) ein Normalteiler von G.
x2
x1 ϕ (x )
Man kann übrigens beweisen, dass sich diese Folgerung auch
umkehren lässt: Zu jedem Normalteiler U von G gibt es einen
Abbildung 3.2 Die Fasern der Abbildung ϕ : R3 → R3 mit (x1 , x2 , x3 ) →
Homomorphismus ψ mit ker ψ = U .
(x1 , x2 , 0) sind Geraden parallel zur x3 -Achse.
?
Dies gilt insbesondere für Homomorphismen ψ : G → G . Wir haben festgestellt, dass zu jedem u ∈ ker ψ ein u ∈ ker ψ
Eine spezielle Faser ist dabei der Kern ker ψ als Menge existiert mit u ∗ a = a ∗ u.
der Urbilder des neutralen Elements e ∈ G . Das folgende
Lemma führt auf eine einheitliche Darstellung aller Fasern. (1) Warum ist für ein fest gewähltes a ∈ G die Abbildung

ψa : G → G, u → u = a −1 ∗ u ∗ a
Lemma
Ist ψ : G → G ein Homomorphismus, so sind die folgen- ein Isomorphismus von (G, ∗) auf sich, also nach Seite 72
den Aussagen zueinander äquivalent: ein Automorphismus? Man nennt ψa einen inneren Automor-
phismus von G.
(1) Die Elemente a, b ∈ G haben dasselbe Bild ψ(a) =
ψ(b); (2) Warum bildet ψa jeden Normalteiler U von G auf sich
(2) Es gibt ein x ∈ ker ψ mit b = a ∗x, also b ∈ (a ∗ker ψ); ab?
(3) Es gibt ein y ∈ ker ψ mit b = y ∗a, also b ∈ (ker ψ ∗a).
76 3 Algebraische Strukturen – ein Blick hinter die Rechenregeln

Beispiel Wir bestimmen für zwei Homomorphismen die Als Fasern des Homomorphismus ψ sind die Nebenklassen
Nebenklassen des Kerns. von ker ψ gleichzeitig Äquivalenzklassen. Daher ermögli-
chen sie eine Partition von G. Jedes Element von G gehört
Bei dem Homomorphismus ψ von (R \ {0}, · ) auf
genau einer Nebenklasse an. Die folgende Tabelle zeigt in der
({1, −1}, · ) aus dem ersten Beispiel auf Seite 72 ist
linken Spalte die Menge der Nebenklassen, die mit G/ ker ψ
ker ψ = R>0 . Die zweite Nebenklasse, das Urbild von
bezeichnet wird, und rechts die jeweiligen Bildelemente.
−1, lautet im Sinne von (3.4):
G/ ker ψ ψ(G)
R<0 = (−1) · R>0 = R>0 · (−1).
ker ψ e
a ∗ ker ψ = ker ψ ∗ a ψ(a)
Bei der homomorphen Abbildung sgn der Permutationen b ∗ ker ψ = ker ψ ∗ b ψ(b)
auf deren Signum (Seite 73) umfasst ker sgn = An die ge- .. ..
raden Permutationen von Sn . Nachdem das Produkt einer . .
geraden und einer ungeraden Permutation ungerade ist,
kann die zweite Nebenklasse, die Menge aller ungeraden Wir können uns die Nebenklassen als „Ablagefächer“ vor-
Permutationen, mithilfe einer beliebigen ungeraden Per- stellen, in die wir alle Elemente von G je nach Bild einsortiert
mutation σ  im Sinne von (3.4) als σ  ◦ An oder auch als haben. Dann ist es weniger überraschend, wenn wir dem-
An ◦ σ  geschrieben werden.  nächst auf der Menge der Nebenklassen eine Verknüpfung
definieren. Dann rechnen wir statt mit Zahlen oder Abbil-
dungen eben mit den Fächern, indem wir je zwei Fächern ein
? „Produktfach“ zuordnen.
Warum ist die Menge der ungeraden Permutationen keine
Untergruppe von (Sn , ◦)?

Auch Nebenklassen können miteinander


Alle Nebenklassen des Kerns ker ψ sind gleich groß, ge- verknüpft werden
nauer formuliert, sie sind mit dem Kern gleichmächtig. Es
gibt nämlich die bijektive Abbildung Wir definieren auf der Menge G/ ker ψ der Nebenklassen
 von ker ψ – sie stehen in der linken Spalte der obigen Tabelle
ker ψ → a ∗ ker ψ, – eine Verknüpfung ". Dabei halten wir uns an das Produkt
f:
x  → a ∗ x. der jeweils in der rechten Spalte stehenden Elemente, wenn
wir definieren:
?
Warum ist diese Abbildung f bijektiv? (a ∗ ker ψ) " (b ∗ ker ψ) = (a ∗ b) ∗ ker ψ.

Die Produkt-Nebenklasse steht in derjenigen Zeile der Ta-


Der Kern eines Homomorphismus ψ spielt nicht nur eine belle, in welcher rechts das Produkt der Bilder steht.
Rolle bei der Beschreibung aller Fasern, sondern an ihm ist
G/ ker ψ ψ(G)
auch die Injektivität von ψ erkennbar.
··· ···
 a ∗ ker ψ ψ(a) 
Kennzeichnung eines injektiven Homomorphismus
" b ∗ ker ψ ψ(b) ∗
Der Homomorphismus ψ : G → G ist genau dann in- (a ∗ b) ∗ ker ψ ψ(a) ∗ ψ(b)
jektiv, wenn ker ψ = {e} ist mit e als neutralem Element
··· ···
von G.

Wir können die Verknüpfung " aber auch wie folgt be-
Beweis: Ist ψ injektiv, so wird nach (i) lediglich das neu- schreiben: Um das Produkt zweier Nebenklassen zu be-
trale Element e ∈ G auf das neutrale Element e von G kommen, wählen wir aus beiden Klassen ein Element aus,
abgebildet. Ist umgekehrt ker ψ = {e}, so umfassen alle Ne- also einen Repräsentanten a bzw. b. Anschließend verknüp-
benklassen jeweils nur ein Element. Dies bedeutet, zu jedem fen wir die beiden und erklären diejenige Nebenklasse zur
Bildelement in ψ(G) gibt es nur ein Urbild in G; also ist ψ Produkt-Nebenklasse, in welcher a ∗ b liegt.
injektiv. 
Ist der Homomorphismus nicht injektiv, so ist der Reprä-
sentant einer Nebenklasse nicht eindeutig. Wir müssen da-
Ein Beispiel für einen injektiven Homomorphismus ist her noch zeigen, dass " tatsächlich eine Verknüpfung auf
ψ : (Z, +) → (Q >0 , · ) mit x  → 2x von Seite 72. Wir ha- G/ ker ψ ist. Dies erfordert den Nachweis, dass die Produkt-
ben bereits festgestellt, dass hier der Kern nur ein Element Nebenklasse unabhängig ist von der Wahl der Repräsentan-
enthält, nämlich ker ψ = {0}. ten. Also ersetzen wir a durch a  ∈ (a ∗ ker ψ) und b durch
3.2 Homomorphismen 77

b ∈ (b ∗ ker ψ), d. h. a  = a ∗ u und b = b ∗ v mit


ψ(G)
u, v ∈ ker ψ, und wir prüfen nach, in welcher Klasse jetzt a
das Produkt liegt: a ∗ker ψ ψ e
b∗ker ψ ker ψ ψ(a)
e
a  ∗ b = (a ∗ u) ∗ (b ∗ v) = a ∗ (u ∗ b) ∗ v.
b

..
···

.
ψ(b)
G
Nun wissen wir wegen der Normalteiler-Eigenschaft des
Kerns, dass zu u ∈ ker ψ ein u ∈ ker ψ existiert mit ϕ
u ∗ b = b ∗ u. Daher folgt:
b∗ker ψ
a  ∗ b = a ∗ (b ∗ u) ∗ v = (a ∗ b) ∗ (u ∗ v),
. G/ ker ψ
.
.
ker ψ
a ∗ker ψ
und dieses liegt in (a ∗ b) ∗ ker ψ, denn mit u, v ∈ ker ψ
gehört wegen der Untergruppeneigenschaft auch u ∗ v dem
Abbildung 3.3 Illustration zum Homomorphiesatz: Der Homomorphismus
Kern an. ψ : G → G induziert einen Isomorphismus ϕ zwischen der Faktorgruppe
G/ ker ψ (unten) und der Bildmenge ψ(G) (rechts oben).
Diese kurze Rechnung hat bestätigt: Die Produkt-Neben-
klasse ist tatsächlich unabhängig von der Auswahl der Re-
präsentanten. Kommentar: (a) Die zwei Abbildungen im Homomor-
phiesatz sind streng auseinanderzuhalten: ψ ist die Abbil-
Die Faktorgruppe G/ ker ψ dung der Elemente von G in G , während ϕ jene der Neben-
klassen, also der Elemente von G/ ker ψ, auf die Bildmenge
Ist ψ : G → G ein Homomorphismus, so ist
ψ(G) ⊆ G ist.
(G/ ker ψ, ") eine Gruppe. Man nennt (G/ ker ψ, ")
die Faktorgruppe von G nach dem Kern von ψ. (b) Ist ψ nicht surjektiv, so ist ψ(G) eine echte Untergruppe
von G . Stattzu sagen, die Faktorgruppe (G/ ker ψ, ") ist
isomorph zu ψ(G), ∗ , hätten wir auch sagen können, die
Beweis: Das oben definierte Produkt " ist bereits als Ver- Abbildung G/ ker ψ → G mit a ∗ ker ψ → ψ(a) ist ein
knüpfung auf G/ ker ψ nachgewiesen worden. Die Assozia- injektiver Homomorphismus.
tivität ist gesichert, denn
Beweis: des Homomorphiesatzes: Die Abbildung ϕ ist
(a ∗ ker ψ " b ∗ ker ψ) " c ∗ ker ψ = (a ∗ b ∗ c) ∗ ker ψ injektiv, weil der Kern von ϕ, also die Urbildmenge von e ∈
= a ∗ ker ψ " (b ∗ ker ψ " c ∗ ker ψ). G , lediglich die Nebenklasse e ∗ ker ψ = ker ψ umfasst.
Die Verknüpfungstreue von ϕ folgt direkt aus der Definition
Die Nebenklasse ker ψ = e ∗ ker ψ ist neutrales Element für von ", denn
diese Multiplikation, denn
ϕ : (a ∗ ker ψ) " (b ∗ ker ψ) → ψ(a) ∗ ψ(b),
(e ∗ ker ψ) " (a ∗ ker ψ) = a ∗ ker ψ. wobei

Schließlich ist (a −1 ∗ ker ψ) invers zu (a ∗ ker ψ), denn ψ(a) = ϕ(a ∗ ker ψ) und ψ(b) = ϕ(b ∗ ker ψ). 

(a −1 ∗ ker ψ) " (a ∗ ker ψ) = (a −1 ∗ a) ∗ ker ψ = ker ψ.



Das Rechnen mit Restklassen erweist sich als
ein Beispiel zum Homomorphiesatz
Die obige Tabelle mit dem Verknüpfungszeichen " auf der
linken und ∗ auf der rechten Seite deutet bereits an, dass die Wir schließen ein wichtiges Beispiel an, in welchem mit
Faktorgruppe aus der linken Spalte isomorph ist zu jener der Nebenklassen gerechnet wird. Der zugrunde liegende Homo-
Bildelemente in der rechten Spalte. Dies ist die Aussage des morphismus zeigt sich hier erst nachträglich; deshalb spre-
folgenden Satzes. chen wir vorerst nur von Äquivalenzklassen.
Zwei ganze Zahlen x und y heißen kongruent modulo 5,
Homomorphiesatz wenn x − y durch 5 teilbar ist. Dies ergibt eine Äquivalenz-
Ist ψ : G → G ein Homomorphismus der Gruppe relation auf der Menge Z, denn sie ist reflexiv, symmetrisch
(G, ∗) in die Gruppe (G , ∗ ), so ist und transitiv, wie in Kapitel 2 auf Seite 56 gezeigt worden ist.
Die Äquivalenzklassen fassen alle diejenigen Zahlen zusam-
ϕ : G/ ker ψ → ψ(G), a ∗ ker ψ  → ψ(a) men, die bei der ganzzahligen Division durch 5 denselben
Rest ergeben. So ist z. B. diejenige Klasse, welcher 1 ange-
ein Isomorphismus
 der Faktorgruppe (G/ ker ψ, ") auf hört, nämlich
die Gruppe ψ(G), ∗ .
1 = {. . . , −14, −9, −4, 1, 6, 11, 16, . . . }
78 3 Algebraische Strukturen – ein Blick hinter die Rechenregeln

die Klasse derjenigen ganzen Zahlen, die den Rest 1 haben. Gruppe (Z5 , ⊕) ist genau die Faktorgruppe (Z/{0}, ⊕). Der
Wir können diese Zahlen auch als z = 1 + 5 k mit k ∈ Z im Homomorphiesatz auftretende Isomorphismus ϕ ist die
darstellen. Deshalb ist 1 = 1 + 5 · Z. identische Abbildung.
Nachdem der Rest 0, 1, 2, 3 oder 4 sein kann, gibt es insgesamt In ähnlicher Weise können wir auch eine Multiplikation "
die Klassen von Restklassen erklären: Wir ordnen zwei Restklassen die-
jenige Klasse als Produkt zu, in welcher das Produkt der
0 = 5 · Z, 1 = 1 + 5 · Z, . . . , 4 = 5 · Z + 4. Repräsentanten liegt. Wieder zeigt sich die Unabhängigkeit
von der Wahl der Repräsentanten, denn
Wir nennen sie die Restklassen modulo 5 und bezeichnen
ihre Menge mit Z5 . Also ist Z5 = {0, 1, 2, 3, 4}. (r + 5k) · (s + 5l) = r · s + 5(5kl + rl + ks).
Auf der Menge dieser Klassen erklären wir nun die Verknüp-
fung ⊕ ganz ähnlich wie vorhin die Multiplikation " von Ne- Auch hier hängt die Produkt-Restklasse nur von den Resten
benklassen in der Faktorgruppe: Wir ordnen zwei Restklassen r, s der zwei gegebenen Restklassen ab. Dies ergibt nach Aus-
diejenige Klasse als Summe zu, in welcher die Summe der schluss von 0 die folgende Produkttafel:
Repräsentanten liegt. Wieder zeigt sich die Unabhängigkeit
von der Wahl der Repräsentanten, denn " 1 2 3 4
1" 1 2 3 4
(r + 5k) + (s + 5l) = (r + s) + 5(k + l).
2" 2 4 1 3
Die Summen-Restklasse hängt also nur von den Resten r, s 3" 3 1 4 2
der zwei gegebenen Restklassen ab. Dies ergibt die folgende 4" 4 3 2 1
Verknüpfungstafel:
So ist z. B. 3 " 4 = 2, also 3 · 4 = 2 mod 5.
⊕ 0 1 2 3 4
(Z5 \ {0}, ") ist eine Gruppe, denn in jeder Zeile und jeder
0⊕ 0 1 2 3 4
Spalte der Produkt-Gruppentafel kommt das neutrale Ele-
1⊕ 1 2 3 4 0 ment 1 genau einmal vor.
2⊕ 2 3 4 0 1
3⊕ 3 4 0 1 2 Die Abbildung der ganzen Zahlen auf die jeweilige Rest-
klasse, genauer
4⊕ 4 0 1 2 3
ψ· : Z \ 0 → Z5 \ {0}, z = r + 5k → r, 1 ≤ r < 5,
So ist etwa 2 ⊕ 4 = 1, was zumeist in der Form

2 + 4 ≡ 1 (mod 5) ist ebenfalls ein surjektiver Homomorphismus

geschrieben wird mit dem gewöhnlichen Additionszeichen. ψ· : (Z \ 0, · ) → (Z5 \ {0}, "),

Diese Addition von Restklassen ist kommutativ und asso- und (Z5 \ {0}, ") ist genau die Faktorgruppe dieses Homo-
ziativ, weil dies auch auf die Addition ganzer Zahlen zutrifft. morphismus.
(Z5 , ⊕) ist eine Gruppe, denn 0 ist das neutrale Element, und
in jeder Spalte der obigen Verknüpfungstafel kommt jede der ?
5 Restklassen genau einmal vor. Also gibt es zu jedem rech- −1 −1
ten Summanden genau einen linken Summanden derart, dass Wie lauten 2 und 3 in der multiplikativen Gruppe der
deren Summe 0 ist. Restklassen modulo 5?

Wenn wir jeder ganzen Zahl z ihre Restklasse zuordnen durch


die Abbildung

ψ : Z → Z5 , z = r + 5k  → r bei 0 ≤ r < 5, 3.3 Körper


so entsteht ein surjektiver Homomorphismus
Die rationalen Zahlen bilden hinsichtlich der Addition eine
ψ+ : (Z, +) → (Z5 , ⊕). Gruppe, und sie enthalten auch eine multiplikative Gruppe.
Ebenso stehen bei den reellen und bei den komplexen Zah-
Die Restklassen sind gleichzeitig die Fasern von ψ+ , also len zwei Verknüpfungen zur Verfügung, die Addition und die
die Nebenklassen des Kerns ker ψ+ = {0}. Wir könnten da- Multiplikation, und diese führen jeweils zu Gruppen. Dies ist
her statt Z5 auch Z/ ker ψ+ = Z/{0} schreiben oder noch der Anlass, eine neue wichtige algebraische Struktur einzu-
komplizierter Z/(5 · Z). Die in der obigen Tafel dargestellte führen, die Mengen mit zwei Verknüpfungen betrifft.
3.3 Körper 79

Übersicht: Mathematische Objekte


Während Euklid (∼ 365–300 v. Chr.) noch glaubte definieren zu müssen, was in der Geometrie die Grundbegriffe „Punkt“
und „Gerade“ bedeuten, sind wir seit David Hilbert (1862–1943) bereits vertraut damit, dass Definitionen wie z. B. jene einer
Gruppe nicht sagen, um welche Objekte es sich bei den Gruppenelementen handelt, sondern nur, welche Eigenschaften diese
erfüllen müssen. Dieser Grad der Abstraktion ist zweifellos eine der Stärken der Mathematik, denn damit werden oft völlig
verschieden scheinende Dinge miteinander vergleichbar, und Eigenschaften des einen können direkt auf das andere übertragen
werden.
Die in dieser Übersicht gesammelten Beispiele sollen den Leser damit vertraut machen, dass auch Mengen, Äquivalenzklassen
oder Abbildungen mathematische Objekte sind, mit denen man so wie mit Zahlen rechnen kann. Es ist ein Ziel in der
Mathematik, hinter verschiedenen Strukturen das gemeinsame abstrakte Konzept erkennen zu können.

Gruppen Räume
Der Gruppenbegriff ist einer der weitreichendsten inner- Liegt in einer kommutativen Gruppe zusätzlich eine ska-
halb der Mathematik. Nachstehend eine kleine Auswahl lare Multiplikation vor, anschaulich die Möglichkeit,
von Beispielen mit verschiedenartigen Objekten. Elemente zu strecken oder zu stauchen, so ergibt sich
eine erheblich stärkere algebraische Struktur, der Vektor-
a) Gruppen von Zahlen: raum.
In (Z, +), (R3 , +), (Q \ {0}, · ) oder (C \ {0}, · ) sind
die Gruppenelemente Zahlen oder Zahlentripel. Die Ad- a) Der Anschauungsraum:
dition und Multiplikation modulo einer Primzahl p führt Der Anschauungsraum, die Idealisierung unseres physika-
zu Gruppen (Zp , +) und (Zp \ {0}, ·). Auch hier werden lischen Raumes, enthält Punkte als Grundobjekte. Daraus
„nur“ Zahlen miteinander verknüpft. entwickeln wir im Kapitel 7 den dreidimensionalen Vek-
torraum R3 , dessen Grundobjekte als Äquivalenzklassen
b) Mengen als Gruppenelemente: geordneter Punktepaare oder auch als Pfeile mit einem ge-
Wenn wir die Elemente 0, . . . , 4 von Z5 als Restklas- meinsamen Anfangspunkt aufzufassen sind. Der R3 wird
sen auffassen, also 0 = {. . . , −10, −5, 0, 5, 10, . . . }, im Kapitel 12 zum Begriff des K-Vektorraums verallge-
1 = {. . . , −9, −4, 1, 6, 11, . . . } usw., dann sind die meinert, und dessen Elemente heißen Vektoren.
Gruppenelemente Mengen, sogar unendliche Mengen. So-
bald aber jede einzelne Menge durch ein Symbol gekenn- b) Funktionen als Vektoren:
zeichnet ist, ist man wieder zurück beim Rechnen mit In Kapitel 19 lernen wir Banach- und Hilbert-Räume ken-
Symbolen. nen. Dabei werden Funktionen mit bestimmten Eigen-
Liegt ein Homomorphismus ψ : G → G vor, so sind der schaften wie Stetigkeit, Differenzierbarkeit oder Integrier-
Kern und dessen Nebenklassen die Elemente der Faktor- barkeit zu Vektorräumen zusammengefasst, so dass die al-
gruppe G/ ker ψ . Auch in dieser Gruppe wird mit Men- gebraische Struktur eines linearen Raums erhalten bleibt
gen „gerechnet“. Dabei sind Verknüpfungen von Mengen und Resultate aus dem Anschauungsraum ihre Entspre-
nicht ungewöhnlich, denn die Vereinigung oder der Durch- chung finden.
schnitt von Mengen führen ja wieder zu Mengen; nur ist
dabei keine Rede von Gruppeneigenschaften. c) Vektorraumhomomorphismen und Funktionale:
Wir werden erkennen, dass auch die linearen Abbildun-
c) Gruppen von Abbildungen: gen zwischen zwei K-Vektorräumen V und V  einen
In der so wichtigen Gruppe (Sn , ◦) der Permutationen der Vektorraum Hom(V , V  ) bilden. Die Vektoren sind also
n-elementigen Menge M sind die Gruppenelemente bi- in diesem Fall Vektorraumhomomorphismen. Der Dual-
jektive Selbstabbildungen von M, und die Verknüpfung raum V ∗ zu V ist der Raum Hom(V , K); dessen Vektoren
ist die Hintereinanderausführung. Bei den Symmetrieope- sind Linearformen. Die Linearformen, die mit einem
rationen eines Ornamentes handelt es sich um bijektive Abstandsbegriff im Vektorraum verträglich sind, heißen
Selbstabbildungen einer unendlichen Menge, nämlich der Funktionale bzw. allgemeiner Operatoren. Auch auf dieser
Ebene, wobei zudem Längen und Winkelmaße unverän- Abstraktionsstufe spielen die Vektorraumeigenschaften
dert bleiben. Derartige Abbildungen gehören zur Gruppe eine wesentlicher Rolle.
der ebenen Bewegungen.
80 3 Algebraische Strukturen – ein Blick hinter die Rechenregeln

In Körpern gibt es zwei Verknüpfungen und es Wir erkennen, dass (Z5 , ⊕, ") ein Körper ist, denn
gelten drei Axiome (Z5 , ⊕) ist eine Gruppe und es gelten (K2) und (K3) mit 0
als Nullelement und 1 als Einselement. (Z5 , ⊕, ") heißt
Restklassenkörper modulo 5 .
Definition eines Körpers
Wir werden demnächst erfahren, dass es nicht nur zu 5,
Eine Menge K mit den zwei Verknüpfungen,
sondern zu jeder Primzahl p einen Restklassenkörper Zp
der Addition
gibt. Hingegen liefert z. B. Z4 = {0, 1, 2, 3} keinen Kör-
−1
+ : K × K → K, (x, y)  → x + y per. In Z4 fehlt nämlich ein 2 , denn für jedes ganz-
zahlige k ist das Produkt 2 · k geradzahlig; es kann dem-
und der Multiplikation nach niemals bei ganzzahliger Division durch 4 den Rest
1 haben. 
· : K × K → K, (x, y)  → x · y,
Wir wollen uns nun schrittweise einige Aussagen über Kör-
heißt Körper (K, +, · ), wenn die folgenden Eigenschaf- per erarbeiten, die ähnlich wie bei den Gruppen zum Teil
ten erfüllt sind: bereits in die Definition übernommen hätten werden können
(K1) (K, +) ist eine Gruppe. Das neutrale Element 0 – wie etwa die anschließend bewiesene Kommutativität der
heißt Nullelement; das zu a ∈ K inverse Element Addition (iii). Aber wir bleiben dabei, in die Definitionen nur
wird mit −a bezeichnet. das unbedingt Notwendige aufzunehmen.
(K2) Die Teilmenge K = K \ {0} ist bezüglich der Ein-
(i) Wegen 1 ∈ K = K \ {0} gilt 1 = 0.
schränkung · von · auf K × K eine kommutative
Gruppe mit dem Einselement 1 als neutralem Ele- Ein Körper K enthält also mindestens zwei Elemente. Wir
ment. werden tatsächlich einen Körper mit nur zwei Elementen
(K3) Es gilt das Distributivgesetz: kennenlernen.

a · (b + c) = (a · b) + (a · c). In Körpern gilt ferner:


(K3) (3.2)
Wird statt (K2) gefordert, dass (K , · ) eine nicht kommu- a · 0 = a · (0 + 0) = a · 0 + a · 0 $⇒ 0 = a · 0
tative Gruppe ist, und zudem (K3) noch durch das zweite Auf dieselbe Weise folgt mithilfe der Kürzungsregel (3.2)
Distributivgesetz auch 0 · a = 0, also insgesamt:
(a + b) · c = (a · c) + (b · c) (ii) Für alle a ∈ K ist a · 0 = 0 · a = 0.
ergänzt, so heißt K Schiefkörper. Für das Rechnen mit 0 gelten also in beliebigen Körpern K
dieselben Regeln wie in Q oder R.
Die Regel „Punktrechnung geht vor Strichrechnung“ macht
die Klammern auf der rechten Seite des Distributivgesetzes Obwohl in (K2) das Assoziativgesetz für die Multiplikation
entbehrlich. Häufig wird in Körpern der Punkt als Multipli- nur in K \ {0} gefordert ist, gilt es auch unter Einschluss des
kationszeichen überhaupt weggelassen. Nullelements, denn es ist z. B. (a · b) · 0 = a · (b · 0) = 0.

Beispiel ?
1. Offensichtlich sind (Q, +, · ) und (R, +, · ) Körper. Da- Warum muss das Nullelement bei der multiplikativen Gruppe
gegen ist (Z, +, · ) kein Körper, denn in Z gibt es z. B. von K ausgeschlossen werden?
kein Element 2−1 mit 2 · 2−1 = 1.
2. In Abschnitt 3.2 haben wir uns bereits mit den Restklassen
modulo 5 befasst, also mit Aus (ii) kann man folgern, dass die von Q und R her ver-
trauten Vorzeichenregeln in allen Körpern K gelten. So ist
Z5 = {0, 1, 2, 3, 4}, wobei z. B.

0 := {. . . , −10, −5, 0, 5, 10, . . . } = 5 · Z, 0 = 0 · b = (a + (−a)) · b = a · b + (−a) · b


1 := {. . . , −9, −4, 1, 6, 11, . . . } = 5 · Z + 1, ⇒ −(a · b) = (−a) · b.
2 := {. . . , −8, −3, 2, 7, 12, . . . } = 5 · Z + 2 usw.
Dabei ist −(a · b) bezüglich der Addition invers zu (a · b).
Auch haben wir bereits eine Addition ⊕ und eine Mul- Analog gilt −(a · b) = a · (−b) sowie (−a) · (−b) = a · b.
tiplikation " von Restklassen eingeführt mit der Eigen- Statt a + (−b) schreiben wir ab jetzt kürzer a − b.
schaft, dass die Abbildung
Nun berechnen wir (1 + 1) · (a + b) auf zwei Arten:
z = r + 5k  → r bei 0 ≤ r < 5
(1 + 1) · (a + b) = 
zu Homomorphismen bezüglich der Addition und der 1 · (a + b) + 1 · (a + b) = a + b + a + b
Multiplikation führt. (1 + 1) · a + (1 + 1) · b = a + a + b + b
3.3 Körper 81

Mithilfe der Kürzungsregel (3.2) bezüglich der Addition er- bei 1 < r, s < p nicht unbedingt in einer der Restklassen
gibt sich daraus die folgende Aussage. 1, . . . , p − 1 vorkommen muss. Sobald nämlich p = rs ist
mit r, s > 1, liegt das Produkt in 0; r und s wären Nullteiler
(iii) Für alle a, b ∈ K gilt b + a = a + b, d. h. die Addition
dieser Multiplikation.
in Körpern ist stets kommutativ.
Angenommen, es gelten gleichzeitig a · b = 0 und a  = 0. Ist hingegen p eine Primzahl, besitzt p also nur 1 und p als
Dann existiert a −1 , und es ist Teiler, so kann rs kein ganzzahliges Vielfaches von p sein,
weil r und s kleiner als p und daher nicht durch p teilbar sind.
b = (a −1 · a) · b = a −1 · (a · b) = a −1 · 0 = 0. Also ist " eine Verknüpfung auf Zp \ {0}. Sie ist assoziativ
und kommutativ; es gibt das neutrale Element 1.
Das bedeutet:
Wir zeigen, dass zur Restklasse r bei 1 < r < p ein x mit
(iv) In einem Körper folgt aus a · b = 0 stets a = 0 oder 1 < x < p existieren muss mit r " x = 1. Dabei verwenden
b = 0. wir die Abbildung
Man kann auch sagen: In Körpern gibt es keine Nullteiler, 
also keine Elemente x, y ∈ K \ {0} mit x · y = 0. Dies folgt Zp \ {0} → Zp \ {0},
λr :
schon deshalb, weil „·“ eine Verknüpfung in K = K \ {0} x → r " x,
ist, also wegen der Abgeschlossenheit bei x, y ∈ K auch
x · y ∈ K sein muss. bei welcher jede Klasse links mit r multipliziert wird. Diese
Abbildung ist injektiv, denn bei r " a = r " b unterscheiden
Wir fassen die eben hergeleiteten Aussagen noch einmal zu- sich ra und rb durch ein Vielfaches von p, d. h., p teilt r(a −
sammen: b). Wegen 1 < r < p muss p ein Teiler von a − b sein und
daher a = b.
Körpereigenschaften
Ein Körper enthält mindestens die zwei verschiedenen Also durchlaufen die p−1 Produkte r"1, r"2, . . . , r"p − 1
Elemente 0 und 1. In einem Körper ist die Addition stets alle p − 1 Restklassen aus Zp \ {0}. Darunter muss unbedingt
kommutativ. Ein Körper ist frei von Nullteilern. auch 1 vorkommen.
Die notwendige Bedingung, dass p eine Primzahl ist, erweist
Man könnte meinen, dass ebenso wie die Kommutativität der sich somit als hinreichend. Sie garantiert, dass (Zp \ {0}, ")
Addition auch jene der Multiplikation bereits aus den übri- eine Gruppe ist. Nachdem auch die distributiven Gesetze gel-
gen Körpereigenschaften hergeleitet werden kann. Dass dies ten, weil sie ja in Z erfüllt sind und durch den Homomorphis-
nicht möglich ist, beweist das auf Seite 83 gezeigte Beispiel mus (r + kp) → r nicht zerstört werden, ist die folgende
eines Schiefkörpers. Aussage bewiesen:
Vorerst folgen aber noch zwei weitere Beispiele von Körpern.
Satz vom Restklassenkörper
Ist p eine Primzahl, so ist
Zu jeder Primzahl p > 1 gibt es einen
 
Restklassenkörper Zp = {0, 1, . . . , p − 1}, ⊕, "

Oben haben wir den Restklassenkörper modulo 5 betrachtet. ein Körper, der Restklassenkörper modulo p.
Wie sieht es aus, wenn wir 5 durch eine andere natürliche
Zahl p > 1 ersetzen, also die Menge der Restklassen
Der kleinste Körper ist Z2 = {0, 1}. In ihm ist 0 + 1 = 1 und
Zp = {0, 1, . . . , p − 1} 1 + 1 = 0. Das „kleine Einmaleins“ besteht überhaupt nur
aus der trivialen Regel 1 · 1 = 1.
betrachten? Führen die Addition und Multiplikation von
Restklassen aus Zp ebenfalls zu Gruppen? In Zukunft werden wir auch in Restklassenkörpern die Ad-
dition und Multiplikation wie gewohnt mit + und · be-
Die Summe
zeichnen statt mit ⊕ und ", und auch die Querstriche zur
(r + kp) + (s + lp) = (r + s) + (k + l)p, 0 ≤ r, s < p, Kennzeichnung der Restklassen lassen wir meist weg. Statt
(a ⊕ b) " c = d schreiben wir einfach (a + b)c = d.
liegt bei r + s < p in der Restklasse r + s, andernfalls in
r + s − p. Das Ergebnis hängt also nur von den Klassen r
und s ab. Somit ist ⊕ eine Verknüpfung auf Zp , und wie bei ?
Z5 lässt sich begründen, dass (Zp , ⊕) eine Gruppe ist. Berechnen Sie im Restklassenkörper modulo 7 den Wert
4−6
Bei der Multiplikation ist zu beachten, dass x = (4 − 6) · (1 − 6)−1 , den man auch als Bruch
1−6
schreiben könnte.
(r + kp) · (s + lp) = rs + (klp + ks + rl)p
82 3 Algebraische Strukturen – ein Blick hinter die Rechenregeln

Die Restklassenkörper sind an sich interessant, weil sie end- Folgerung (D)
liche Körper sind. Darüber hinaus spielen sie in der Zahlen- ie Menge
theorie, in der Kryptographie und in der Codierungstheorie
eine wichtige Rolle. Letztlich gäbe es ohne den kleinsten C = {z = a + i b | (a, b) ∈ R2 }
Körper Z2 keine Digitalisierung und keine Computer.
bildet einen Körper (C, +, · ) mit 0 = 0 + i 0 als Nullelement
und 1 = 1+i 0 als Einselement, den Körper der komplexen
Der Körper der komplexen Zahlen ist Zahlen.
eine echte Erweiterung des Körpers
der reellen Zahlen Wir widmen uns den algebraischen Eigenschaften von C.
Auf Seite 64 wurde die elementeweise Addition von reellen
Zahlentripeln eingeführt und im Anschluss daran gezeigt, Die Konjugation ist ein Automorphismus
dass (R3 , +) eine Gruppe ist. Dasselbe ist natürlich auch Die Abbildung
mit Zahlenpaaren (a, b) ∈ R2 möglich. Man kann aber auch 
eine Multiplikation von Zahlenpaaren erklären, sodass nach C → C,
:
Ausschluss von (0, 0) eine Gruppe entsteht. z = a + i b → z = a − i b
Das ist zunächst überraschend, wird aber nach den folgen- ist bijektiv und heißt Konjugation. Sie ist additiv und
den Betrachtungen gleich klar: Wir notieren das Zahlenpaar multiplikativ, d. h., es gilt:
(a, b) in der Form
z = a +ib z1 + z2 = z1 + z2 und z1 · z2 = z1 · z2 .
und nennen jedes solche z eine komplexe Zahl (in Kapitel 4
werden die komplexen Zahlen ausführlich behandelt). Dabei
ist i die imaginäre Einheit, welche der Regel i2 = −1 ge- Beweis: Es seien z1 = a1 + i b1 und z2 = a2 + i b2
nügt. Die reelle Zahl a heißt Realteil Re z und die reelle Zahl komplexe Zahlen mit a1 , a2 , b1 , b2 ∈ R. Dann gilt:
b Imaginärteil Im z. Statt z = a + i b schreiben wir auch
z1 + z2 = (a1 + a2 ) + i(b1 + b2 ) = (a1 + a2 )−i(b1 + b2 )
z = a + b i. Wir nennen die komplexen Zahlen mit Im z = 0
reell, jene mit Re z = 0 rein imaginär. = z1 + z2 .

Wie bereits betont, wird die Summe der beiden komplexen und
Zahlen z1 = a1 + i b1 und z2 = a2 + i b2 elementeweise
gebildet, z1 · z2 = (a1 a2 − b1 b2 ) + i (b1 a2 + b2 a1 )
z1 + z2 = (a1 + a2 ) + i(b1 + b2 ). = (a1 a2 − b1 b2 ) − i (b1 a2 + b2 a1 )

Es werden also die Realteile addiert und ebenso die Imagi- = (a1 − i b1 ) (a2 − i b2 ) = z1 · z2 . 

närteile. Beim Produkt gehen wir „distributiv“ vor, nutzen


die Gleichung i = −1 und setzen wie bei der Multiplikation Man nennt eine Abbildung ψ von einem Körper K in sich
reeller Zahlen mit i die Assoziativität und die Kommutativität mit der Eigenschaft
voraus:
ψ(a + b) = ψ(a) + ψ(b) und ψ(a b) = ψ(a) ψ(b)
z1 · z2 = (a1 + i b1 )(a2 + i b2 )
= a1 a2 + i a1 b2 + i b1 a2 + i2 b1 b2 für alle a, b ∈ K einen Körperautomorphismus. Offenbar
= (a1 a2 − b1 b2 ) + i (a1 b2 + a2 b1 ) ist ein Körperautomorphismus ein Automorphismus von K
bezüglich der Addition und ebenso ein Automorphismus von
Damit ist die Multiplikation komplexer Zahlen kommutativ, K \ {0} bezüglich der Multiplikation.
d. h., z1 z2 = z2 z1 . Zudem ist die Multiplikation assoziativ,
d. h., (z1 z2 )z3 = z1 (z2 z3 ), wie man durch Nachrechnen Nach obigem Satz ist die Konjugation ein Körperautomor-
bestätigen kann. Gibt es auch ein z−1 ? phismus von C. Mehr über die komplexen Zahlen erfahren
Sie im Kapitel 4.
Die zu z = a + i b konjugiert komplexe Zahl ist z = a − i b,
und es gilt:
z · z = (a + i b) · (a − i b) = a 2 + b2 ∈ R. So wie Untergruppen gibt es auch
Unterkörper
Hieraus erhalten wir für das Inverse von z = a + i b bei
(a, b) = (0, 0)
Der Körper C ist eine Erweiterung des Körpers R. Man kann
−1 −1 a −ib 1 umgekehrt auch sagen, dass R ein Unterkörper von C ist.
z = (a + i b) = 2 = z.
a +b 2 z·z Allgemeiner definiert man:
3.3 Körper 83

Ist (K, +, · ) ein Körper und L eine Teilmenge von K, wobei ist definiert als
(L, +, · ) hinsichtlich der von K stammenden Verknüpfun-
gen ebenfalls ein Körper ist, so heißt L Unterkörper oder q1 + q2 = (a1 + a2 ) + i(b1 + b2 ) + j(c1 + c2 ) + k(d1 + d2 ).
Teilkörper von K.
Damit ist (H, +) eine kommutative Gruppe mit dem Nullele-
Offensichtlich ist (Q, +, · ) ein Unterkörper von (R, +, · ) ment 0 = 0 + i 0 + j 0 + k 0. Offensichtlich ist die additive
und dieser Unterkörper von (C, +, · ) und weiter vom Schief- Gruppe (H, +) isomorph zu (R4 , +) (vergleiche das Beispiel
körper (H, +, · ), der gleich genauer vorgestellt wird. auf Seite 64).
Bei den bisherigen Beispielen war die Multiplikation stets Bei dem Produkt der beiden Quaternionen q1 , q2 gehen wir
kommutativ, d. h., es galt: analog zu C vor: Jeder Summand von q1 wird mit jedem
Summanden von q2 multipliziert, wobei für die Produkte der
a b = b a für alle a, b ∈ K .
Quaternioneneinheiten die folgenden Regeln gelten:
Das folgende Beispiel beweist, dass es auch Schiefkörper
i · i = j · j = k · k = −1
gibt. Der folgende Körper spielt auch in der analytischen
Geometrie eine Rolle, wie das Kapitel 7 zeigen wird.
und
i · j = k , j · k = i , k · i = j,
j · i = −k , k · j = −i , i · k = −j .
Die Quaternionen bilden einen Schiefkörper
Die erste Zeile zeigt, dass die Quadrate der Quaternionen-
Jede komplexe Zahl ist eine Zusammenfassung zweier reeller einheiten übereinstimmen mit dem Quadrat der imaginären
Zahlen mithilfe der imaginären Einheit i. Bei den Quater- Einheit. Die Formeln für die gemischten Produkte von i, j
nionen sind es vier reelle Zahlen, und es gibt drei Quater- oder k lassen sich wie folgt zusammenfassen:
nioneneinheiten i, j, k. Die Quaternionen wurden 1843 von
Hamilton entdeckt (siehe Abbildung 3.4). Die Menge der j
Hamilton’schen Quaternionen lautet:
k
H = { q = a + i b + j c + k d | (a, b, c, d) ∈ R4 }.

Eine Quaternion q mit c = d = 0 sieht wie eine komplexe i


Zahl aus, jene mit b = c = d = 0 wie eine reelle Zahl. Somit Abbildung 3.5 Regel für die gemischten Produkte der Quaternioneneinheiten
gilt H ⊇ C ⊇ R, und die nachstehend definierten Verknüp- i, j und k.
fungen in H enthalten die Addition und die Multiplikation
der reellen sowie der komplexen Zahlen als Sonderfälle. Folgen die zwei Faktoren in zyklischer Reihe aufeinander
(siehe Pfeilrichtung in Abbildung 3.5), so ist das Produkt
gleich der dritten Einheit. Andernfalls ist das Produkt gleich
dem Negativen der dritten Einheit.
Das Produkt zweier Quaternionen lautet somit:

(a1 + i b1 + j c1 + k d1 ) · (a2 + i b2 + j c2 + k d2 )
= (a1 a2 − b1 b2 − c1 c2 − d1 d2 )
+ i (a1 b2 + b1 a2 + c1 d2 − d1 c2 )
+ j (a1 c2 − b1 d2 + c1 a2 + d1 b2 )
+ k (a1 d2 + b1 c2 − c1 b2 + d1 a2 ).

1 = 1 + i 0 + j 0 + k 0 ist ein Einselement. Analog zu C heißt


die Quaternion q := a − i b − j c − k d konjugiert zu q.
Das Produkt q1 · q2 bei a2 = a1 , b2 = −b1 , c2 = −c1 und
d2 = −d1 ergibt:
Abbildung 3.4 Gedenktafel für Sir Hamilton, den Entdecker der Quaternionen, q · q = a 2 + b 2 + c 2 + d 2 ∈ R.
an der Brougham-Bridge in Dublin: „Here as he walked by on the 16th of October
1843 Sir William Rowan Hamilton in a flash of genius discovered the fundamental
formula for quaternion multiplication i2 = j2 = k 2 = ijk = −1 & cut it on a Somit existiert bei q = 0 die inverse Quaternion
stone of this bridge“.
1 1
q −1 = q= q
Die Summe der beiden Quaternionen a 2 + b2 + c2 + d 2 q ·q

q1 = a1 + i b1 + j c1 + k d1 , q2 = a2 + i b2 + j c2 + k d2 mit q · q −1 = (q · q)/(q · q) = 1.
84 3 Algebraische Strukturen – ein Blick hinter die Rechenregeln

Alle Produkte von je drei Quaternioneneinheiten sind as- Ein wichtiges Beispiel ist dazu R; wir können ja die Grö-
soziativ, wie man durch einzelnes Nachrechnen bestätigen ßen von je zwei reelle Zahlen vergleichen. In der folgenden
kann, z. B. Definition werden gewisse Anordnungseigenschaften von R
als Axiome verwendet. Die Eigenschaften dieser Anordnung
(i · j) · k = k · k = −1 = i · (j · k). von R werden in Kapitel 4 ausführlich behandelt.
Damit ist aber auch die Multiplikation von Quaternionen as-
Ein Körper K heißt angeordnet, wenn er einen Positivitäts-
soziativ.
bereich enthält, das ist eine Teilmenge P von K mit folgen-
Die Multiplikation ist allerdings nicht kommutativ, denn z. B. den Eigenschaften:
i · j = −j · i. Aber es gelten die beiden Distributivgesetze,
woraus folgt: 1. P ∪ (−P ) = K,
2. P ∩ (−P ) = {0},
3. P + P ⊆ P,
Quaternionenschiefkörper 4. P · P ⊆ P.
(H, +, · ) ist ein Schiefkörper.
Dabei bedeuten −P = {−x ∈ K | x ∈ P } und P + P ⊆ P
bzw. P · P ⊆ P , dass mit x, y ∈ P stets auch die Summe
Nun folgen noch einige Begriffe, die beim Umgang mit Kör-
x + y bzw. das Produkt x · y in P liegen.
pern eine Rolle spielen.
Man nennt die Elemente aus P \{0} positiv und jene aus
−P \{0} negativ.
Die Charakteristik eines Körpers ist null oder
eine Primzahl Ist K ein angeordneter Körper mit dem Positivitätsbereich
P \{0}, so wird durch die Definition
Werden in einem Körper K der Reihe nach die Summen 1,
1 + 1, 1 + 1 + 1, 1 + 1 + 1 + 1, . . . gebildet, so sind we- x ≤ y ⇐⇒ y − x ∈ P
gen x + 1 = x (Kürzungsregel) aufeinanderfolgende Werte
stets verschieden. Es ist aber möglich, dass in der Folge der eine lineare Ordnungsrelation auf der Menge K erklärt.
Summen Wiederholungen auftreten, dass also etwa
?
y + (1 + 1 + · · · + 1) = y Begründen Sie das.
ist, woraus (1 + 1 + · · · + 1) = 0 folgt. In einem endlichen
Körper muss das so sein, denn es stehen ja nur endlich viele
Ist x ∈ K positiv, d. h. x ∈ P \{0}, so ist wegen x 2 = x·x ∈ P
Werte als Summen zur Verfügung. Die kleinste Anzahl n > 0
auch x 2 positiv. Und ist x negativ, d. h. x ∈ −P \{0}, so ist
mit der Eigenschaft, dass die Summe von n Einsen null ergibt,
wegen −x ∈ P das Element −x positiv und damit wegen
heißt Charakteristik char K des Körpers K. Gibt es hingegen
x 2 = (−x) · (−x) ∈ P auch x 2 positiv. Da K = P ∪ (−P )
kein derartiges n, so wird char K = 0 definiert.
gilt, haben wir damit gezeigt, dass jedes von O 2 verschiedene
So ist z. B. die Charakteristik von Z2 = {0, 1} gleich 2, denn Quadrat in einem angeordneten Körper positiv ist. Insbeson-
1 + 1 = 2 ∈ 0. Analog ist char Zp = p. Aber Zp ist nicht dere ist 1 = 1 · 1 positiv, 1 ∈ P , und damit ist −1 ∈ −P
der einzige Körper mit dieser Charakteristik. Andererseits ist negativ.
char Q = char R = char C = 0.
Der Körper R hat den Positivitätsbereich
Wir werden der Körpercharakteristik später vor allem dann
begegnen, wenn bei Aussagen gewisse Werte der Charakte- P = R≥0 = {x ∈ R | x ≥ 0}
ristik ausgeschlossen werden müssen. So muss z. B. immer
dann, wenn in einem Körper durch 2 dividiert wird, der Fall und ist damit ein angeordneter Körper. Der Körper C hinge-
char K = 2 ausgeschlossen werden, weil dort 2 = 0, d. h. gen nicht, denn dann wäre das Quadrat −1 = i · i positiv,
−1 = 1 ist und eine Division durch 0 wegen des Fehlens von daher 1 = −(−1) negativ – im Widerspruch zur vorhin be-
0−1 nicht möglich ist. wiesenen Aussage.

?
In manchen Körper kann man die Elemente in Begründen Sie, dass ein angeordneter Körper die Charakte-
ihrer Größe unterscheiden ristik null hat.

Unter den verschiedenen Relationen wurden in Kapitel 2


auch Ordnungsrelationen behandelt. Es gibt auch Körper, Neben den Gruppen und Körpern, die wir ausführlich behan-
auf welchen eine Ordnungsrelation definiert ist, die in ge- delt haben, spielen in der Algebra die im folgenden Abschnitt
wisser Weise mit den Körperverknüpfungen verträglich ist. behandelten Ringe eine wesentliche Rolle.
3.4 Ringe 85

3.4 Ringe erfüllen. So gewinnt man die reellen Nullstellen der Funk-
tion f . Betrachten wir konkret das Polynom
Die von Körpern geforderten Bedingungen lassen sich auf f (x) = x 2 + 1 .
verschiedene Weise abschwächen. So kann man ja auch
ganze Zahlen addieren und multiplizieren; (Z, +) ist eine Das Polynom hat in R keine Nullstellen, da die Gleichung
kommutative Gruppe und es gibt 0 und 1. Aber es fehlen x 2 + 1 = 0 in R nicht lösbar ist, in R sind Quadrate stets po-
inverse Elemente. sitiv. Analytisch ist man fertig, die Funktion f hat in ihrem
Definitionsbereich keine Nullstelle. Aber algebraisch ist die
Definition eines Ringes Auflösung der Gleichung noch längst nicht erledigt: Es trifft
Eine Menge R mit zwei Verknüpfungen + und · heißt zwar zu, dass es keine reellen Nullstellen gibt, aber kann es
Ring, wenn gilt: nicht sein, dass es einen R umfassenden Körper gibt, in dem
1. (R, +) ist eine kommutative Gruppe. eine Nullstelle von f liegt? Und tatsächlich liegt in C  R
2. Die Multiplikation · ist assoziativ. die komplexe Zahl i mit i2 = −1; damit sind i und −i zwei
3. Es gelten die Distributivgesetze (a + b) · c = (a · c) verschiedene Nullstellen von f , die für die analytische Dis-
+ (b · c) und a · (b + c) = (a · b) + (a · c). kussion der Funktion f : R → R ohne Belange sind, für
algebraische Zwecke aber zur Auflösung der Gleichung füh-
Hat ein Ring (R, +, ·) die zusätzlichen Eigenschaften: ren.

die Multiplikation ist kommutativ, Es hat sich für die Algebra als sehr zweckmäßig erwiesen,
es existiert ein neutrales Element 1  = 0 bezüglich der Polynome in einem anderen Licht darzustellen, als dies in
Multiplikation, der Analysis üblich ist. Wir betrachten in der Algebra das x
in R gibt es keine Nullteiler nicht als eine reelle Zahl, wir fassen es als eine Unbestimmte
auf, in die wir z. B. Zahlen einsetzen können. Man verwen-
so nennt man den Ring R einen Integritätsbereich. det in der Algebra sogar gerne ein anderes Symbol für die
Unbestimmte als in der Analysis – wir werden X schreiben
Beispiel – und verwenden eigentlich genauer die Bezeichnungen
Jeder kommutative Körper ist ein Integritätsbereich.
(Z, +, ·) ist ein Integritätsbereich. Es gibt nämlich keine Polynom in der Algebra und
Nullteiler. Polynomfunktion in der Analysis.
Die Menge der Restklassen modulo 12 Diese Bezeichnungen werden aber keineswegs konsequent
Z12 = {0, 1, . . . , 11} benutzt. Auch wir werden in der Analysis oftmals wieder
von Polynomen sprechen, obwohl wir Polynomfunktionen
ergibt einen Ring (Z12 , ⊕, "). Dieser ist nicht nullteiler- meinen.
frei, denn wegen 3 · 4 = 12 ist 3 " 4 = 0, obwohl 3, 4  = 0
Wir beginnen nun bei „Adam und Eva“ und erklären, was ein
gilt. 
Polynom ist. Man tut gut daran, vorläufig zu vergessen, was
es mit den oben erwähnten Polynomfunktionen auf sich hat.
Wir vertiefen die Ringtheorie nicht weiter und behandeln
Wir kommen auf diese nach der Einführung der Polynome
nur ausführlich ein für uns wichtiges Beispiel eines Rings,
wieder zurück.
nämlich den Polynomring.
Weil wir in der Mathematik darauf achten, dass Definitionen
Die klassische Algebra ist die Lehre von der Auflösung von
sinnvoll sind, müssen wir erklären, was eine Unbestimmte
Gleichungen der Form
ist. Das ist gar nicht so einfach, es sind dazu einige Vorbe-
a n x n + · · · + a1 x + a 0 = 0 trachtungen nötig.

mit Koeffizienten an , . . . , a0 aus einem Körper. Die linke


Seite dieser Gleichung assoziiert man als Student des ersten Folgen, die nur endlich viele Folgenglieder
Semesters im Allgemeinen mit einem Polynom, also mit einer ungleich 0 haben, sind fast überall 0
reellen Funktion der Form
Der Ausdruck a0 + a1 X + · · · + an X n ist durch seine Koef-
f : R → R , f (x) = an x n + · · · + a1 x + a0 ,
fizienten a0 , . . . , an und 0 = an+1 = an+2 = · · · eindeutig
wobei die Koeffizienten a0 , . . . , an reelle Zahlen sind. Und gegeben:
beim Element x hat man in etwa im Hinterkopf, dass x die Für jedes i ∈ N0 gilt: Vor Xi steht ai .
reellen Zahlen durchläuft. Will man die Nullstellen des Poly-
noms f bestimmen, so steht man vor der Aufgabe, die Zahlen Aber das ist nichts anderes als die folgende Abbildung
x ∈ R zu bestimmen, die die Gleichung 
N0 → R ,
a: mit ai = 0 für alle i > n .
f (x) = an x n + · · · a1 x + a0 = 0 i  → ai
86 3 Algebraische Strukturen – ein Blick hinter die Rechenregeln

Übersicht: Gruppen, Ringe und Körper


Wir stellen die Axiome für Gruppen, Ringe und Körper zusammen. Dabei ersetzen wir bei den Gruppen bewusst die ursprünglich
etwas schwächeren Forderungen nach einem linksneutralen und linksinversen Element durch äquivalente, aber übersichtlichere
Bedingungen. Auch bei den Körpern gibt es geringfügige Abweichungen gegenüber früher: Wir schreiben alle Bedingungen
aus, um sie leichter mit jenen bei Ringen vergleichen zu können.

Gruppe: (6) a (b + c) = a b + a c und (a + b) c = a c + b c.


Es sei G eine nichtleere Menge mit einer Verknüpfung
∗ : (G × G) → G. Es heißt (G, ∗) eine Gruppe, wenn
Körper:
für alle a, b, c ∈ G gilt:
Es sei K eine Menge mit den beiden Verknüpfungen
(1) (a ∗ b) ∗ c = a ∗ (b ∗ c).
+ : (K × K) → K und · : (K × K) → K. Es heißt (K, +, ·)
(2) Es existiert ein Element e ∈ G mit e ∗ a = a = a ∗ e.
ein Körper, wenn für alle a, b, c ∈ K gilt:
(3) Zu jedem a ∈ G existiert ein a −1 ∈ G mit a −1 ∗ a =
(1) a + b = b + a.
e = a ∗ a −1 .
(2) a + (b + c) = (a + b) + c.
Ring: (3) Es gibt ein Element 0 (Nullelement) in K mit
Es sei R eine Menge mit den beiden Verknüpfungen 0 + a = a.
+ : (R×R) → R und · : (R×R) → R. Es heißt (R, +, ·) (4) Zu jedem a ∈ K gibt es −a ∈ K (inverses Element)
ein Ring, wenn für alle a, b, c ∈ R gilt: mit a + (−a) = 0.
(1) a + b = b + a. (5) a (b c) = (a b) c.
(2) a + (b + c) = (a + b) + c. (6) Es gibt ein Element 1 = 0 (Einselement) in K mit
(3) Es gibt ein Element 0 (Nullelement) in R mit 0 + a = 1 · a = a = a · 1.
a. (7) Zu jedem a ∈ K \ {0} gibt es a −1 ∈ K (inverses
(4) Zu jedem a ∈ R gibt es −a ∈ R (inverses Element) Element) mit a a −1 = 1 = a −1 a.
mit a + (−a) = 0. (8) a b = b a.
(5) a (b c) = (a b) c. (9) a (b + c) = a b + a c.

Wir haben hierbei ai anstelle von a(i) geschrieben. Die Ab- wählen wir ab jetzt einen beliebigen kommutativen Ring R
bildung a wiederum können wir durch die endlichen vie- mit 1. Man gewinnt dadurch viel; und man kann sich für R
len von null verschiedenen Bilder eindeutig festlegen, man stets einen der vertrauten Ringe Z oder R denken.
schreibt
Vielleicht ist es auch sinnvoll, an dieser Stelle darauf hin-
a = (a0 , a1 , . . . , an , 0, . . .)
zuweisen, dass, egal wie abstrakt das Folgende erschei-
und nennt die Abbildung a auch eine Folge mit den Folgen- nen mag, wir doch wieder bei der vertrauten Darstellung
gliedern ai (in Kapitel 8 werden wir Folgen ausführlich dis- a0 + a1 X + · · · an X n für Polynome landen werden. Dann
kutieren). Von den endlichen vielen möglichen Ausnahmen wird aber X ein wohldefiniertes Objekt sein, an dem nichts
a0 , . . . , an abgesehen sind alle Folgenglieder null. Man be- „Unbestimmtes“ haften wird.
achte, dass es auch zugelassen ist, dass manche oder alle der
endlichen vielen Zahlen a0 , . . . , an ebenfalls null sind. Weil
die Anzahl der endlich vielen Elemente a0 , . . . , an mehr
Der Polynomring R[X] besteht aus allen
oder weniger nichts ist im Vergleich zu der Anzahl der Ele-
mente von N, hat sich die folgende Sprechweise eingebürgert: Folgen mit der Eigenschaft, dass fast alle
Man sagt Folgenglieder null sind
ai = 0 für fast alle i ∈ N0 Wir betrachten nun die Gesamtheit aller Abbildungen von N0
und meint damit, dass ai  = 0 für nur endlich viele i ∈ N0 . nach R, die die Eigenschaft haben, dass fast alle Bilder den
Wert null haben. Wir bezeichnen diese Gesamtheit mit dem
? Symbol R[X]:
Können Sie eine Abbildung g : N0 → R angeben, die nicht
für fast alle i ∈ N0 und dennoch unendlich oft den Wert 0
Die Polynome über R
hat?
Wir nennen jede Abbildung a : N0 → R mit a(i) = 0
für fast alle i ∈ N0 ein Polynom. Die Menge
Wir erklären nun Polynome als Folgen, die fast überall den
Wert 0 haben. Dabei wollen und müssen wir uns keineswegs R[X] = {a : N0 → R | a(i) = 0 für fast alle i ∈ N0 }
auf reelle Folgen festlegen. Wir lassen als Wertemenge sol- ist die Menge aller Polynome über R.
cher Abbildungen einen Ring zu. Anstelle des Körpers R
3.4 Ringe 87

Ein Polynom ist eine Folge in R, die nur an endlichen vielen cr = 0 für alle r > max{m, n},
Stellen aus N0 einen von null verschiedenen Wert annimmt. ds = 0 für alle s > m + n.

Beispiel Es sind Beispiel Gegeben seien die reellen Polynome a = (1, 2,


0, 3, 0, . . .) und b = (0, 1, 1, 0, . . .). Dann gilt:
(1, 1, 1, 1, . . . , 1, 0, 0, . . .) und (0, . . . , 0, 1, 0, 0, . . .)
a + b = (1, 3, 1, 3, 0, . . .),
Polynome über jedem kommutativen Ring R mit 1 – dabei
a · b = (0, 1, 3, 2, 3, 3, 0, . . .) . 
stehen jeweils die ersten Auslassungspunkte . . . für endlich
viele ausgelassene Werte. 

Die Menge der Polynome bildet mit der


Polynome werden komponentenweise Addition + und der Multiplikation · einen
addiert, die Multiplikation erfolgt durch kommutativen Ring (R[X], +, ·)
Summation über die Produkte mit gleicher
Indexsumme Für die Menge R[X] der Polynome über R gilt mit den eben
definierten Verknüpfungen + und ·:
Wir erklären auf der Menge R[X] aller Polynome eine Ad-
dition und eine Multiplikation. Es seien Satz vom Polynomring
Für jeden kommutativen Ring R mit 1 ist (R[X], +, ·)
a = (a0 , . . . , an , 0, . . .) , b = (b0 , . . . , bm , 0, . . .)
ein kommutativer Ring mit 1.
zwei Polynome aus R[X]. Wir definieren nun die Addition
und Multiplikation durch:
 Beweis: Es sind im Einzelnen nachzuweisen: (i)
N0 → R, (R[X], +) ist eine kommutative Gruppe, (ii) die Multipli-
a + b:
k  → a k + bk , kation · ist assoziativ, (iii) die Multiplikation ist kommutativ,

N0 → R, (iv) es gibt ein Einselement und (v) es gilt das Distributivge-
a · b:
k  → i+j =k ai bj . setz.

Die Addition ist also komponentenweise erklärt, die Multi- Es seien a = (a0 , a1 , a2 , . . .), b = (b0 , b1 , b2 , . . .) und
plikation sieht etwas ungewohnt aus, wir geben explizit die c = (c0 , c1 , c2 , . . .) Polynome aus R[X].
ersten Folgenglieder an: (i) Dass + eine Verknüpfung auf R[X] ist, haben wir schon
festgestellt. Die Addition ist auch assoziativ, da die Addition
(a0 , a1 , a2 , a3 , . . .) + (b0 , b1 , b2 , b3 , . . .)
in R assoziativ ist:
= (a0 + b0 , a1 + b1 , a2 + b2 , a3 + b3 , . . .)
    (a + b) + c = (a0 + b0 + c0 , a1 + b1 + c1 ,
=c0 =c1 =c2 =c3
a2 + b2 + c2 , . . .)
und
= a + (b + c) .
(a0 , a1 , a2 , a3 , . . .) · (b0 , b1 , b2 , b3 , . . .)
Die Verknüpfung ist wegen
= (a0 b0 , a0 b1 + b0 a1 , a0 b2 + a1 b1 + a2 b0 ,
   a + b = (a0 + b0 , a1 + b1 , a2 + b2 , . . .)
=d0 =d1 =d2
= (b0 + a0 , b1 + a1 , b2 + a2 , . . .) = b + a
a0 b3 + a1 b2 + a2 b1 + a3 b0 , . . .) .

=d3 auch kommutativ. Das neutrale Element ist die Nullfolge
0 = (0, 0, . . .) ∈ R[X], es gilt nämlich
Bei der Multiplikation beachte man, dass die Summe der
Indizes der Summanden des k-ten Folgenglieds stets k ergibt. 0 + a = (0 + a0 , 0 + a1 , 0 + a2 , . . .) = a .

Offenbar sind Summe und Produkt zweier Folgen, bei de- Und schließlich gibt es zu jedem Element ein Inverses in
nen fast alle Folgenglieder null sind, erneut solche Folgen. R[X], denn für −a = (−a0 , −a1 , −a2 , . . .) ∈ R[X] gilt
Genauer kann man sagen: offenbar a + (−a) = 0. Somit ist (i) gezeigt.
Es seien a = (a0 , a1 , a2 , . . .) und b = (b0 , b1 , b2 , . . .) (ii) Wir zeigen, dass das Assoziativgesetz der Multiplikation
Polynome aus R[X] mit ak = 0 für alle natürlichen k > n gilt:
und bl = 0 für alle natürlichen l > m, d. h.,
(a b) c = (d0 , d1 , d2 , . . .) mit
⎛ ⎞
a = (a0 , . . . , an , 0, . . .), b = (b0 , . . . , bm , 0, . . .) . ! ! !
dl = ⎝ ai bj ⎠ ck = (ai bj ) ck .
Dann gilt für die Folgenglieder cr der Summe a + b und für
r+k=l i+j =r i,j,k∈N0
die Folgenglieder ds des Produkts a b: (i+j )+k=l
88 3 Algebraische Strukturen – ein Blick hinter die Rechenregeln

Nun klammern wir anders: Der Ring R ist ein Teilring von R[X]
a (b c) = (d0 , d1 , d2 , . . .) mit
⎛ ⎞ Völlig analog zu einem Teilkörper erklärt man den Begriff
! ! ! Teilring: Eine Teilmenge S eines Rings R heißt ein Teilring
dl = ai ⎝ bj ck ⎠ = ai (bj ck ) .
von R, wenn S mit den von R induzierten Verknüpfungen
i+s=l j +k=s i,j,k∈N0
i+(j +k)=l selbst wieder einen Ring bildet. Die sogenannten trivialen
Da beide Male dasselbe Element herauskommt, in R gilt näm- Teilringe sind der Nullring {0} und der ganze Ring R. Wir
lich das Assoziativgesetz, gilt das Assoziativgesetz auch in zeigen nun, dass wir den Ring R stets als Teilring des Poly-
R[X]. nomrings R[X] auffassen können. Hierbei ist eine Feinheit
zu berücksichtigen: Natürlich ist der Ring R selbst niemals
(iii) Die Multiplikation ist kommutativ, da sie in R kommu- Teilmenge von R[X] – die Menge R[X] ist eine Menge von
tativ ist: ⎛ ⎞ Folgen, deren Folgenglieder aus R sind; und die Elemente
! ! ! aus R sind nicht von dieser Form, daher gilt:
ab = ⎝ ai bj , ai bj , ai bj , . . .⎠
i+j =0 i+j =1 i+j =2 R  R[X],
⎛ ⎞
! ! !
=⎝ bj ai , bj ai , bj ai , . . .⎠ und es hat eigentlich keinen Sinn bei R von einem Teilring
j +i=0 j +i=1 j +i=2 von R[X] zu sprechen. Aber wir betten nun den Ring R in
den Polynomring R[X] ein. Dabei meint man, dass man eine
= ba.
injektive, additive und multiplikative Abbildung angibt, die
den Ring R in den Polynomring R[X] einbettet. Eine additive
(iv) Das Einselement ist die Folge 1 = (1, 0, 0, . . .) ∈
und multiplikative Abbildung zwischen Ringen bezeichnet
R[X], es gilt nämlich für jedes a ∈ R[X]:
man auch als Ringhomomorphismus:
1 a = (1, 0, . . .) (a0 , a1 , a2 , . . .) = (a0 , a1 , a2 , . . .) = a .

(v) Wir begründen das Distributivgesetz. Es gilt: Ringhomomorphismus


(a + b) c Eine Abbildung ϕ : S → S  zwischen Ringen S und
⎛ S  nennt man einen Ringhomomorphismus oder kurz
! ! Homomorphismus, wenn für alle r, s ∈ S gilt:
=⎝ (ai + bi )cj , (ai + bi )cj ,
ϕ(r + s) = ϕ(r) + ϕ(s),
i+j =0 i+j =1
⎞ ϕ(r s) = ϕ(r) ϕ(s).
!
(ai + bi )cj , . . .⎠
Wir können einen solchen Ringhomomorphismus von R in
i+j =2
⎛ R[X] angeben:
! ! 
=⎝ ai cj + bi cj , ai cj + bi cj , R → R[X],
ι:
i+j =0 i+j =1 r → (r, 0, 0, . . .).

!
ai cj + bi cj , . . .⎠ . Jedem Ringelement r ∈ R wird die Folge a ∈ R[X] mit
i+j =2 a0 = r und ai = 0 für i = 0 zuordnet. Nun zeigen wir:

Und nun berechnen wir


Lemma
ac+bc Für jeden kommutativen Ring R ist die Abbildung
⎛ ⎞
! ! ! 
=⎝ ai cj , ai cj , ai cj , . . .⎠ R → R[X],
ι:
i+j =0 i+j =1 i+j =2 r → (r, 0, 0, . . .)
⎛ ⎞
! ! !
+⎝ bi cj , bi cj , bi cj , . . .⎠ ein injektiver Ringhomomorphismus.
i+j =0 i+j =1 i+j =2

! ! Beweis: Für alle r, s ∈ R gilt:
=⎝ ai cj + bi cj , ai cj + bi cj ,
i+j =0 i+j =1
⎞ ι(r + s) = (r + s, 0, 0, . . .)
! = (r, 0, 0, . . .) + (s, 0, 0, . . .)
ai cj + bi cj , . . .⎠ .
i+j =2 = ι(r) + ι(s) ,
Somit gilt (a + b) c = a c + b c, d. h. es gilt das Distributiv- ι(r s) = (r s, 0, 0, . . .) = (r, 0, 0, . . .) (s, 0, 0, . . .)
gesetz.  = ι(r) ι(s) .
3.4 Ringe 89

Folglich ist ι ein Ringhomomorphismus. wobei a an (n + 1)-ter Stelle steht. Für ein beliebiges
P = (a0 , a1 , a2 , . . . , an , 0, 0, . . .) ∈ R[X] finden wir
Die Abbildung ι ist zudem injektiv: Es gelte ι(r) = ι(s) für
mit unserer Definition der Addition in R[X];
r, s ∈ R, d. h.,

(r, 0, 0, . . .) = (s, 0, 0, . . .) . P = a 0 X 0 + a 1 X + a 2 X 2 + · · · + an X n .

Hieraus folgt r = s.  Wir schreiben kürzer


!
n !
Nach diesem Lemma ist P = ai X i oder P = ai X i .
i=0 i∈N0
ι(R) = {(r, 0, . . .) | r ∈ R} ⊆ R[X]
Man beachte, dass P = i
i∈N0 ai X nur eine andere
isomorph zu R, es ist nämlich die Abbildung Schreibweise für die Abbildung P : N0 → R, P (i) = ai
ist. Daher ist ein Koeffizientenvergleich möglich:
R → ι(R[X]), r  → (r, 0, . . .)

eine Bijektion. D. h., wir können die Elemente (r, 0, . . .) ∈ Der Koeffizientenvergleich
R[X] mit den Elementen r ∈ R identifizieren. Hierbei ersetzt Zwei Polynome i∈N0 ai X i und i∈N0 bi X i sind ge-
man gewissermaßen die Elemente (r, 0, . . .) in R[X] durch nau dann gleich, wenn sie die gleichen Koeffizienten
die entsprechenden Elemente r aus R – daher auch der Begriff haben, d. h.:
einer Einbettung. Übrigens bezeichnet man Einbettungen oft
! !
mit dem griechischen Buchstaben ι (wie Injektion). ai X i = bi X i ⇔ ai = bi für alle i ∈ N0 .
Wir unterscheiden von nun ab die Bilder ι(r) ∈ R[X] und i∈N0 i∈N0
r ∈ R nicht mehr und fassen R als einen Teilring von R[X]
auf. Wir nennen die Elemente r ∈ R auch die Konstanten
von R[X].
?
Wieso ist die folgende Aussage nicht ganz korrekt?
Wir führen nun eine neue Schreibweise ein und erhalten da-
durch für die Elemente aus R[X] die bekannte Darstellung !
n !
m
ai X i = bi X i ⇔ n = m und ai = bi für alle i .
als Polynome in der Form ni=0 ai X i in einer Unbestimmten
i=0 i=0
X, wobei X ein Element von R[X] ist.

Das Polynom (0, 1, 0, . . .) ist die Addition und Multiplikation lauten mit dieser Schreibweise
wie folgt:
Unbestimmte X
⎛ ⎞ ⎛ ⎞
! ! !
Unter der Vielzahl von Polynomen in R[X] wählen wir nun ⎝ ai X i ⎠ + ⎝ bi X i ⎠ = (ai + bi ) Xi ,
ein ganz bestimmtes Polynom aus und geben diesem den i∈N0 i∈N0 i∈N0
Namen X. Die Abbildung ⎛ ⎞ ⎛ ⎞ ⎛ ⎞
⎧ ! ! ! !
⎝ ai X i ⎠ · ⎝ bj X j ⎠ = ⎝ ai bj ⎠ X k .
⎨N0 →  R,
X: 1, falls i = 1, i∈N0 j ∈N 0 k∈N0 i+j =k
⎩ i →
0, falls i  = 1
Wir wiederholen das Beispiel von Seite 87 mit dieser neuen
liegt in R[X], es ist X(k) = 0 für alle k ≥ 2. Ausgeschrieben
Schreibweise für Polynome:
lautet das Element X ∈ R[X]

X = (0, 1, 0, 0, . . .) . Beispiel Gegeben seien die reellen Polynome P = 1 +


2 X + 3 X 3 und Q = X + X 2 . Dann gilt:
Die mysteriöse Unbestimmte X ist damit eine wohlbestimmte
Abbildung von N0 nach R. Für die im Ring R[X] definierten P + Q = 1 + 3 X + X2 + 3 X3 ,
Potenzen X0 = 1, Xn+1 = Xn X folgt: P · Q = (1 + 2 X + 3 X3 ) · (X + X 2 )
X n = (0, 0, . . . , 0, 1, 0, . . .), = X + 3 X2 + 2 X3 + 3 X4 + 3 X5 . 

wobei die 1 an (n + 1)-ter Stelle steht und sonst nur


Nullen vorkommen. Für a ∈ R erhalten wir nun wegen Die Multiplikation der Folgen ist genau so definiert, dass mit
a = (a, 0, 0, . . .) = a X 0 : dieser neuen Schreibweise das bekannte distributive Ausmul-
tiplizieren der einzelnen Summanden von Polynomen funk-
a Xn = (0, . . . , 0, a, 0 . . .), tioniert.
90 3 Algebraische Strukturen – ein Blick hinter die Rechenregeln

Mit den erklärten Verknüpfungen + und · in R[X] haben wir die bekannten Polynomfunktionen zurück. Aber die (alge-
die Polynome in ihrer vertrauten Form und mit vertrauten braischen) Polynome sind universeller: In späteren Kapiteln
Rechenregeln gewonnen: werden wir in Polynome noch ganz andere Dinge einsetzen,
z. B. kann man Polynome oder Abbildungen oder Matrizen
für X einsetzen.
Darstellungssatz für Polynome
Es ist
⎧ ⎫ Das Einsetzen in Polynome
⎨! ⎬ Es sei R ein kommutativer Teilring des Rings S. Für ein
R[X] = ai X i | ai ∈ R, ai = 0 für fast alle i ∈ N0 Polynom P ∈ R[X],
⎩ ⎭
i∈N0
!
n
ein kommutativer Ring mit Einselement 1. Für das Null- P = ai X i = a0 + a1 X + · · · + an X n
polynom 0 gilt ai = 0 für alle i ∈ N0 . i=0

und jedes Element c ∈ S ist das Element


Man nennt R[X] den Polynomring in der Unbestimmten X
über R. !
n
P (c) = ai ci = a0 + a1 c + · · · + an cn
Beispiel Für die Polynome P = 1 + 2 X + 3 X2 , Q = i=0
X + 2 X 2 ∈ R[X] gilt:
ein Element aus S – man sagt, man setzt in X das Ele-
Im Fall R = Z oder R = R: ment c ∈ S ein.

P + Q = 1 + 3 X + 5 X2 ,
Achtung: Man beachte die grundverschiedenen Bedeu-
P · Q = X + 4 X2 + 7 X3 + 6 X4 .
tungen der Addition und Multiplikation: Bei
Im Fall R = Z6 :
ai · X i + ai+1 · X i+1
P + Q = (1 + 2 X + 3 X2 ) + (X + 2 X2 )
sind + und · die Addition und Multiplikation von Polynomen
= 1 + (2 + 1) X + (3 + 2) X2 aus R[X]. Bei
= 1 + 3 X + 5 X2 , ai · ci + ai+1 · ci+1
2 2
P · Q = (1 + 2 X + 3 X ) · (X + 2 X )
sind + und · die Addition und Multiplikation von Ringele-
= X + (2 + 2) X2 + (2 · 2 + 3 · 1) X3 + 3 · 2 X4 menten aus S.
= X + 4 X2 + X3 . 
Nun können wir alle möglichen Elemente von Ringen, die R
umfassen, in Polynome über R einsetzen:
Das Einsetzen in Polynome ist ein
Homomorphismus Beispiel
Wir können in das Polynom P = 1 + X 2 ∈ R[X] die
Wir haben Polynome als Folgen mit nur endlich vielen komplexe Zahl i ∈ C ⊇ R einsetzen:
von null verschiedenen Folgengliedern eingeführt. Durch die
Festlegung X = (0, 1, 0, . . .) haben wir mithilfe der erklär- P (i) = 1 + i2 = 0 ∈ C .
ten Addition und Multiplikation von Polynomen die vertraute
Gestalt,
In C hat das reelle Polynom eine Nullstelle, in R hingegen
!
n nicht.
ai X i = a0 + a1 X + · · · + an X n Da der Polynomring R[X] den Ring R umfasst, können
i=0 wir Polynome in Polynome einsetzen. Für P = 1+X und
Q = X + X 2 aus R[X] gilt:
zurückgewonnen. Aber immer noch sind die so gewonnenen
Polynome für den Anfänger etwas Ungewohntes – sie wirken P (Q) = 1 + X + X 2 ∈ R[X] . 
abstrakt und haben scheinbar kaum etwas mit den wohlbe-
kannten Polynomfunktionen gemein. Dass dem ganz und gar
nicht so ist, wollen wir als Nächstes begründen. Wir werden Wir betrachten nun den Fall R = S. Hält man ein Polynom
jetzt in Polynome einsetzen, genauer: Wir werden in die Un- P ∈ R[X] fest und setzt in dieses Polynom alle Elemente
bestimmte X z. B. Zahlen einsetzen. So gewinnen wir dann x ∈ R ein, so erhält man eine Abbildung von R nach R:
3.4 Ringe 91

⎛ ⎞
Die Polynomfunktion ! !
c ⎝ ai X + i
bi X i⎠
Für jedes P ∈ R[X] nennt man die Abbildung i∈N0 i∈N0
 ⎛ ⎞
R → R !
P̃ : =c ⎝ (ai + bi ) Xi ⎠
x  → P (x)
i∈N0
die zu P gehörige Polynomfunktion. Ein Ele- ! ! !
= (ai + bi ) ci = ai ci + bi ci
ment c ∈ R heißt Nullstelle von P , falls
i∈N0 i∈N0 i∈N0
P (c) = 0. ⎛ ⎞ ⎛ ⎞
! !
=c ⎝ ai X i⎠
+ c ⎝ bi X i⎠
.
Beispiel i∈N0 i∈N0

Für P = X2 − X + 2 ∈ R[X] ist


Die Abbildung c ist multiplikativ, da
 ⎛ ⎞
R → R,
P̃ : ! !
x → x 2 − x + 2 c ⎝ ai X i bi X i ⎠
i∈N0 i∈N0
die zu P gehörige Polynomfunktion. ⎛ ⎛ ⎞ ⎞
Für P = X2 + X ∈ Z2 [X] ist ! !
=c ⎝ ⎝ ak bl ⎠ X i⎠

 i∈N0 k+l=i
Z2 → Z2 , ⎛ ⎞
P̃ : ! !
x → x 2 + x ⎝
= ak bl ⎠ c i
i∈N0 k+l=i
wegen P (0) = 0 = P (1) die Nullfunktion, obwohl P
nicht das Nullpolynom ist. und
Für P = X2 − 1 ∈ Z8 [X] hat die Polynomfunktion ⎛ ⎞ ⎛ ⎞
! !
 c ⎝ ai X i⎠
c ⎝ bi X i⎠
Z8 → Z8 , i∈N0 i∈N0
P̃ : ⎛ ⎞⎛ ⎞
x → x 2 − 1
! !
=⎝ ai c i ⎠ ⎝ bi c i ⎠
wegen P (1) = P (3) = P (5) = P (7) = 0 die vier Null- i∈N0 i∈N0
stellen 1, 3, 5 und 7.  ⎛ ⎞
! !
= ⎝ ak bl ⎠ ci . 

Das Einsetzen von Elementen c ∈ R in X erklärt eine Abbil- i∈N0 k+l=i


dung: Für jedes c ∈ R ist

R[X] → R,
c : Der Grad eines Polynoms ist der Index des
P  → P (c)
höchsten von null verschiedenen
eine Abbildung vom Ring der Polynome in den Ring R. Wir Koeffizienten
zeigen nun den wichtigen Satz:
Ist P = i∈N0 ai X i ∈ R[X] ein Polynom, so nennt man

Der Einsetzhomomorphismus max{i ∈ N0 | ai = 0}, wenn P = 0,
deg P =
Für jedes c ∈ R ist die Abbildung −∞, wenn P = 0
 den Grad von P und vereinbart für alle n ∈ N0 :
R[X] → R
c :
P  → P (c)
−∞ < n, −∞+n = n+(−∞) = (−∞)+(−∞) = −∞ .
ein Ringhomomorphismus – der Einsetzhomomorphis-
Es sei P = a0 + a1 X + · · · + an X n , an = 0, ein Polynom
mus.
vom Grad n. Dann heißen
a0 das konstante Glied von P ,
Beweis: Es seien i∈N0 ai X i , i∈N0 bi X ∈ R[X]
i an der höchste Koeffizient von P , und es heißt
zwei Polynome. Die Abbildung c ist additiv, da P normiert, wenn an = 1.
92 3 Algebraische Strukturen – ein Blick hinter die Rechenregeln

Beispiel Es ist Mit Polynomen über Integritätsbereichen können wir ebenso


wie in Z eine Division mit Rest durchführen, dabei entspricht
2 + 3 X 2 + X 5 ∈ Z[X] die Forderung b = 0 der Forderung bn ist invertierbar, wobei
bn der höchste Koeffizient von Q = 0 ist, und die Rolle des
ein Polynom vom Grad 5 mit konstantem Glied 2 und höchs- Betrags | · | übernimmt der Grad deg, genauer:
tem Koeffizienten 1 – das Polynom ist also normiert. 
Division mit Rest
Wir stellen fest:
Es seien P , Q ∈ R[X], Q = 0. Wenn der höchste Koef-
fizient von Q invertierbar in R ist, existieren Polynome
Die Gradformel
S, T ∈ R[X] mit
Für beliebige Polynome P , Q ∈ R[X] gilt:
P = Q S + T und deg T < deg Q .
deg(P + Q) ≤ max{deg(P ), deg(Q)},
deg(P Q) ≤ deg(P ) + deg(Q) .
Beweis: Die Menge M = {P − Q H | H ∈ R[X]} ist
Ist R ein Integritätsbereich, so gilt sogar: nichtleer. Daher gibt es in M ein Polynom T = rn X n +
· · · + r1 X + r0 ∈ M mit minimalem Grad n. Es gilt somit
deg(P Q) = deg(P ) + deg(Q) . T = P − Q S für ein S ∈ K[X].
Wäre n = deg T ≥ m = deg Q, Q = bm X m + · · · + b1 X +
b0 , so bilde das Polynom
Beweis: Ist P oder Q das Nullpolynom, so gelten offenbar
 −1 n−m 
alle Aussagen. Nun seien P und Q von null verschieden. Es T  = T − Q rn bm X ∈M.
seien an der höchste Koeffizient von P und bm der von Q.
Da sich bei der Addition von Polynomen mit gleichem Grad Dieses Polynom T  liegt in M, da es wegen T = P − Q S
die höchsten Koeffizienten zu null addieren können, gilt auf die Form P − Q H hat. Wir berechnen nun:
jeden Fall die erste Ungleichung.
T  = rn X n + rn−1 X n−1 + · · · + r0
Ist R ein Integritätsbereich, so ist das Produkt an bm der von  −1 
− rn X n + rn bm bm−1 X n−1 + · · ·
null verschiedenen höchsten Koeffizienten an und bm wieder  −1 
von null verschieden. Da an bm in diesem Fall der höchste = rn−1 − rn bm bm−1 Xn−1 + (· · · )Xn−2 + · · · .
Koeffizient von P Q ist, gilt die letzte Gleichheit.
Es ist also deg T  < deg T im Widerspruch zur Wahl von
Ist R kein Integritätsbereich, so kann durchaus der Fall T . Das zeigt die Existenz von S und T mit den geforderten
an bm = 0 eintreten. In diesem Fall gilt die Ungleichung Eigenschaften. 

deg(P Q) ≤ deg(P ) + deg(Q). 

Der Beweis ist konstruktiv, wir geben auf Seite 93 ein aus-
Beispiel Im Fall R = Z6 gilt für die Polynome P = führliches Beispiel an.
2 X2 + 1 und Q = 3 X + 1:

P Q = 2 X2 + 3 X + 1, Ein Polynom hat höchstens n Nullstellen

insbesondere also deg(P Q) < deg(P ) + deg(Q).  Nach dem Satz zur Division mit Rest können wir jedes Po-
lynom P ∈ R[X] durch das Polynom Q = X − a mit a ∈ R
vom Grad 1 mit Rest teilen. Es existieren gemäß dem Satz
? zu P ∈ R[X] und a ∈ R Polynome S, T ∈ R[X] mit
Warum definiert man deg 0 = −∞?
P = (X − a) S + T und deg T < deg(X − a) = 1,

d. h., T ∈ R ist eine Konstante. Nun setzen wir a für X ein


Bei der Division von P durch Q bleibt ein Rest und erhalten:
mit Grad kleiner als deg(Q) P (a) = (a − a) S(a) + T = T .

Auf Seite 56 haben wir die Division mit Rest angegeben. Im Ist nun a eine Nullstelle von P , d. h., P (a) = 0, so folgt
Ring Z lässt sich diese Division mit Rest wie folgt formulie- T = 0. Damit ist gezeigt:
ren: Zu je zwei ganzen Zahlen a, b ∈ Z mit b  = 0 existieren
ganze Zahlen q, r mit Folgerung (H)
at ein Polynom P ∈ R[X] eine Nullstelle a ∈ R, so
a = q b + r und 0 ≤ r < |b| . existiert ein S ∈ R[X] mit P = (X − a) S.
3.4 Ringe 93

Beispiel: Division von Polynomen mit Rest


Wir teilen das Polynom

P = 4 X5 + 6 X3 + X + 2 ∈ Z[X] durch Q = X2 + X + 1 ∈ Z[X] und


P = X5 + X 4 − 4 X3 + X 2 − X − 2 ∈ Z[X] durch Q = X2 − X − 1 ∈ Z[X]

mit Rest.
Problemanalyse und Strategie: Wir benutzen die Methode aus dem Beweis des Satzes zur Division mit Rest.

Lösung:
Die Anfangsterme der Polynome P und 4 X3 ·Q stimmen überein, den Rest müssen wir korrigieren; man erhält sukzessive:

(4 X5 + 6 X3 + X + 2) = (X 2 + X + 1) (4 X 3 − 4) X2 + 6 X − 2
−(4 X3 X 2 + 4 X3 X + 4 X 3 1)
− 4 X4 + 2 X3 + X + 2
− (−4 X 2 X 2 − 4 X2 X − 4 X 2 1)
6 X3 + 4 X2 + X + 2
− (6 X 3 + 6 X2 + 6 X)
− 2 X2 − 5 X + 2
− (−2 X 2 − 2 X − 2)
− 3X + 4

Damit ist
4 X 5 + 6 X3 + X + 2 = (4 X3 − 4 X2 + 6 X − 2) (X 2 + X + 1) − 3 X + 4 .
In der Rechnung entspricht das Polynom in der zweiten Zeile dem Polynom b−1 a Xn−k Q und das Polynom unter dem
ersten Strich entspricht P0 . Das Weitere ist eine Wiederholung des Verfahrens.
Nun zum zweiten Beispiel:

(X5 + X 4 − 4 X3 + X 2 − X − 2) = (X 2 − X − 1) (X 3 + 2 X2 − X + 2)
−(X 5 − X 4 − X3 )
2 X4 − 3 X3 + X2
− (2 X4 − 2 X3 − 2 X2 )
− X3 + 3 X2 − X
− (−X 3 + X2 + X)
2 X2 − 2 X − 2
− (2 X 2 − 2 X − 2)
0

Damit ist
X 5 + X 4 − 4 X3 + X 2 − X − 2 = (X 2 − X − 1) (X 3 + 2 X2 − X + 2) .
94 3 Algebraische Strukturen – ein Blick hinter die Rechenregeln

Wir können hieraus folgern: Kommentar: Im Allgemeinen ist es außerordentlich


schwierig bis unmöglich, die Nullstellen von Polynomen
über R vom Grad 3 und höher zu bestimmen. Aus der Schule
Abspalten von Linearfaktoren
ist man es gewohnt, dass man die Nullstellen von reellen Po-
Es seien R ein Integritätsbereich und P  = 0 ein Polynom lynomen höheren Grades erraten kann, sie sind bei den Bei-
vom Grad n über R. spielen aus der Schule meist ganze Zahlen, die nahe der Null
(a) Sind a1 . . . , ak ∈ R verschiedene Nullstellen von liegen. Das Erraten der Nullstellen scheitert aber schon beim
P , so gilt: Polynom P = X3 − 0.4 X2 + 0.04 X − 1.2 X2 + 0.48 X +
0.048 ∈ R[X]. Tatsächlich ist die Situation wie folgt:
P = (X − a1 ) · · · (X − ak ) Q
Ein Polynom P = a ∈ R[X] \ {0} vom Grad 0 hat keine
für ein Q ∈ R[X]. Nullstelle in R.
(b) Es hat P höchstens n verschiedene Nullstellen in R. Ein Polynom P = a X + b ∈ R[X] vom Grad 1 hat die
(c) Sind S, T Polynome vom Grad ≤ n und gilt Nullstelle − ab in R.
S(ai ) = T (ai ) für n + 1 verschiedene Elemente Ein Polynom P = a X2 +b X +c ∈ R[X] vom Grad 2 hat
a1 . . . , an+1 aus R, so gilt S = T . im Fall D = b2 − 4 a c ≥ 0 die beiden nicht notwendig

verschiedenen Nullstellen −b± 2a
D
in R.
Im Allgemeinen sind alle bekannten Formeln zur (exak-
Beweis: (a) Für k = 1 steht dies in der obigen Folgerung.
ten) Bestimmung der Nullstellen von reellen Polynomen
Es sei k ≥ 2, und die Behauptung sei richtig für k − 1:
vom Grad größer oder gleich 3 zu kompliziert, als dass
man sie tatsächlich zur Bestimmung benutzt. Man benutzt
P = (X − a1 ) · · · (X − ak−1 ) S
vielmehr numerische Verfahren, mit deren Hilfe man die
für ein S ∈ R[X]. Einsetzen von ak liefert mit dem Einsetz- Nullstellen näherungsweise ermittelt.
homomorphismus: Genauere Aussagen zu den Nullstellen von Polynomen vom
Grad 3 und größer und zu den Tatsachen, die dahinter stecken,
0 = P (ak ) = (ak − a1 ) · · · (ak − ak−1 ) S(ak ) können wir an dieser Stelle noch nicht machen. Üblicher-
weise lernt man die Hintergründe zu diesen recht „verzwick-
und damit S(ak ) = 0, weil R nullteilerfrei ist. Mit der obigen ten Sachverhalten“ in einer Vorlesung zur (nichtlinearen)
Folgerung erhalten wir S = (X − ak ) Q für ein Q ∈ R[X], Algebra, die man meist erst ab dem zweiten Studienjahr
also P = (X − a1 ) · · · (X − ak ) Q. besucht.
(b) Hätte ein Polynom P vom Grad n mehr als n Nullstellen,
so könnten wir nach dem Teil (a) mehr als n Linearfaktoren
abspalten. Mit der Gradformel würde dann aber folgen, dass Man sagt, ein Polynom zerfällt in Linear-
der Grad von P auch größer als n ist. Dieser Widerspruch
faktoren, wenn es sich als Produkt von
liefert die Behauptung.
Polynomen vom Grad 1 schreiben lässt
(c) Wegen deg(S − T ) ≤ n und (S − T )(ai ) = 0 für i =
1 . . . , n + 1 folgt S − T = 0 nach der bereits bewiesenen Nach dem Satz über das Abspalten von Linearfaktoren auf
Aussage in (b). Somit gilt S = T .  Seite 94 können wir jedes Polynom P ∈ R[X] über einem
Integritätsbereich R mithilfe seiner Nullstellen in R zerlegen.
Achtung: Das Polynom X 2 − 1 ∈ Z8 [X] vom Grad 2 hat Dazu führen wir eine neue Sprechweise ein. Man sagt, eine
die vier verschiedenen Nullstellen 1, 3, 5, 7 ∈ Z8 ; der Ring Nullstelle a ∈ R des Polynoms P ∈ R[X] hat die Vielfach-
Z8 ist kein Integritätsbereich. heit ν, wenn

P = (X − a)ν Q mit Q(a) = 0


Beispiel
Das Polynom P = X4 − 6 X 3 + 11 X 2 − 6 X ∈ R[X] hat gilt. Sind nun a1 , . . . , ar alle verschiedenen Nullstellen von
wegen P in R der Vielfachheiten ν1 , . . . , νr , so gilt:

P = (X − a1 )ν1 · · · (X − ar )νr Q
X4 − 6 X3 + 11 X2 − 6 X = X (X − 1) (X − 2) (X − 3)
mit einem Polynom Q, das in R keine Nullstelle mehr hat.
die vier verschiedenen Nullstellen 0, 1, 2, 3. Liegen sämtliche Nullstellen von P in R, dann ist Q ∈ R eine
Das Polynom P = X5 − 2 X4 + 2 X3 − 2 X2 + X ∈ R[X] Konstante; in diesem Fall sagt man, das Polynom P zerfällt
hat wegen in Linearfaktoren, es ist dann nämlich ein Produkt einer
Konstanten mit linearen Polynomen, d. h. von Polynomen
X 5 − 2 X4 + 2 X3 − 2 X2 + X = X (X − 1)2 (X 2 + 1) vom Grad 1. Außerdem gilt in diesem Fall:

die zwei verschiedenen Nullstellen 0 und 1.  ν1 + · · · + νr = deg P .


Zusammenfassung 95

? Wir haben in diesem Kapitel Gruppen, Ringe und Körper so


Was ist im Fall r = deg P los? weit dargestellt, wie wir es für unsere Zwecke in der Analy-
sis und der linearen Algebra benötigen werden. Dabei haben
wir nur an der Oberfläche der Theorien dieser algebraischen
Beispiel Strukturen gekratzt. In einer Vorlesung zur (nichtlinearen)
Das Polynom P = X 4 − 6 X 3 + 11 X 2 − 6 X ∈ R[X] Algebra, die man üblicherweise im zweiten Studienjahr hört,
zerfällt wegen werden Gruppen, Ringe und Körper ausführlicher behandelt.
Aber auch in dieser Vorlesung werden nur grundlegende Re-
X4 − 6 X3 + 11 X2 − 6 X = X (X − 1) (X − 2) (X − 3) sultate erarbeitet, und zwar üblicherweise genauso viele wie
nötig sind, um die in einer Algebravorlesung behandelten
über R in Linearfaktoren. Fragen zur Auflösbarkeit von algebraischen Gleichungen zu
Das Polynom P = X5 − 2 X4 + 2 X3 − 2 X2 + X ∈ R[X] klären. Tatsächlich aber ist alleine die Gruppentheorie eine
zerfällt wegen der umfangreichsten mathematischen Theorien überhaupt.
Um nur eine vage Vorstellung davon zu bekommen, erwäh-
X 5 − 2 X4 + 2 X3 − 2 X2 + X = X (X − 1)2 (X 2 + 1) nen wir, dass es in der Gruppentheorie einen Satz gibt, dessen
Beweis etwa 5000 Seiten umfasst; und dabei ist dieser so-
über R nicht in Linearfaktoren, da X 2 + 1 keine Nullstelle
genannte große Satz, der alle endlichen einfachen Gruppen
in R hat. Wegen X 2 + 1 = (X + i) (X − i) ∈ C[X] zerfällt
beschreibt, nur einer von vielen Sätzen. Für das erste Stu-
P aber sehr wohl über C in Linearfaktoren. 
dienjahr aber kommen wir mit unseren wenigen Resultaten
zur Gruppen-, Ring- und Körpertheorie aus.
Kommentar: Der sogenannte Fundamentalsatz der Alge-
bra (siehe Seite 339) besagt, dass jedes Polynom P ∈ C[X]
in Linearfaktoren zerfällt.

Zusammenfassung

Wir betrachten Mengen M mit einer Verknüpfung, also einer Definition eines Homomorphismus
Abbildung ∗ : M × M → M, (a, b)  → a ∗ b.
Eine Abbildung ψ : G → G der Gruppe (G, ∗) in die
Gruppe (G , ∗ ) heißt Homomorphismus, wenn für alle
Definition einer Gruppe a, b ∈ G
(G, ∗) ist eine Gruppe, wenn die Verknüpfung ∗ asso- ψ(a ∗ b) = ψ(a) ∗ ψ(b)
ziativ ist, wenn es ein neutrales Element e ∈ G gibt mit
e ∗ a = a für alle a ∈ G und wenn zu jedem a ∈ G ein ist. Ist ψ bijektiv, so spricht man von einem Isomorphis-
inverses Element a −1 ∈ G existiert mit a −1 ∗ a = e. mus und insbesondere bei G = G von einem Auto-
morphismus.
In jeder Gruppe (G, ∗) ist das neutrale Element e eindeutig
mit e ∗ x = x ∗ e = x, und zu jedem a ∈ G gibt es genau ein
inverses Element a −1 mit a ∗ a −1 = a −1 ∗ a = e. 
Ist ψ : G  → G ein Homomorphismus, so ist das Bild
Ein wichtiges Beispiel einer Gruppe ist die Menge der bijek- ψ(G), ∗ eine Untergruppe von (G , ∗ ). Eine wichtige
tiven Abbildungen einer nichtleeren Menge M auf sich mit Rolle spielt der Kern ker ψ, die Menge der Urbilder des neu-
der Hintereinanderausführung ◦ als Verknüpfung, die Per- tralen Elements von G . Der Kern ist eine Untergruppe von
mutationsgruppe von M. G, und genau bei ker ψ = {e} mit e als neutralem Element
von G ist der Homomorphismus ψ injektiv.
Sind (G, ∗) eine Gruppe und H eine Teilmenge von G, so
heißt H Untergruppe von G, wenn auch H hinsichtlich der Die Fasern des Homomorphismus ψ : G → G , also die
Verknüpfung ∗ eine Gruppe ist. Kennzeichnend dafür ist, Mengen der Urbilder der Elemente ψ(a) ∈ G , sind gleich-
dass H nichtleer ist, mit jedem x zugleich x −1 enthält und zeitig Links- und Rechtsnebenklassen des Kerns, nämlich
x, y ∈ H stets (x ∗ y) ∈ H zur Folge hat. gleich den Mengen a ∗ ker ψ = ker ψ ∗ a.
Ist G endlich und (H, ∗) eine Untergruppe von (G, ∗), so ist Auf der Menge G/ ker ψ aller Nebenklassen von ψ ist durch
nach dem Satz von Lagrange die Anzahl |H | der Elemente (a ∗ ker ψ) " (b ∗ ker ψ) = (a ∗ b) ∗ ker ψ eine Verknüpfung
von H ein Teiler von |G|. definierbar.
96 3 Algebraische Strukturen – ein Blick hinter die Rechenregeln

Homomorphiesatz 0 ist dabei dem Nullpolynom mit ai = 0 für alle i ∈ N0


zugeordnet.
Ist ψ : G → Gein Homomorphismus der Gruppe
(G, ∗) in die Gruppe (G , ∗ ), so ist Das Polynom mit a(0) = 0, a(1) = 1 und a(i) = 0 für
ϕ : G/ ker ψ → ψ(G), a ∗ ker ψ  → ψ(a) i > 1 wird als Unbestimmte X bezeichnet. Zusammen mit
den Potenzen X0 = 1 und X n+1 = X n · X können wir
ein Isomorphismus
 der Faktorgruppe
 (G/ ker ψ, ") schließlich das Polynom a ∈ R[X] mit a(i) = ai darstellen
auf die Gruppe ψ(G), ∗ der Bilder. als
a 0 X 0 + a 1 X + a 2 X 2 + · · · + an X n .
Ein Körper ist eine Menge K mit zwei Verknüpfungen, der
Addition und der Multiplikation, wobei gilt: Zwei Polynome i∈N0 ai X i und i∈N0 bi X i sind genau
dann gleich, wenn ai = bi ist für alle i ∈ N0 .
(K, +) ist eine kommutative Gruppe mit dem Nullele-
Angenommen, R ist ein kommutativer Teilring des Rings
ment 0 als neutralem Element und −a als zu a inversem
S. Dann kann man jedes c ∈ S in das Polynom P =
Element. n
i=0 ai X ∈ R[X] einsetzen, also das Element P (c) =
i
(K \ {0}, · ) ist eine kommutative Gruppe mit dem Eins- n
i=0 ai c ∈ S berechnen.
i
element 1 als neutralem Element.
Es gilt das Distributivgesetz a · (b + c) = (a · b) + (a · c). Im Fall R = S erhält man für jedes P ∈ R[X]
Wichtige Beispiele sind der Körper (R, +, · ) der reellen P̃ : R → R, x → P (x),
Zahlen sowie (C, +, · ), der Körper der komplexen Zahlen die zu P gehörige Polynomfunktion. Ein Element c ∈ R
z = a + i b mit (a, b) ∈ R . Für jede Primzahl p ist
2
heißt Nullstelle von P , falls P (c) = 0 ist.
Zp = {0, 1, . . . , p−1}, +, · ein Körper, der p Elemente
umfassende Restklassenkörper modulo p.
Der Einsetzhomomorphismus
Die von Körpern geforderten Bedingungen lassen sich auf Für jedes c ∈ R ist die Abbildung
verschiedene Weise abschwächen. (R, +, · ) heißt Ring, c : R[X] → R, P → P (c)
wenn (R, +) eine kommutative Gruppe ist, die Multiplika-
ein Ringhomomorphismus, der Einsetzhomomorphis-
tion assoziativ ist und wenn beide Distributivgesetze erfüllt
mus.
sind.
Ein Ring kann Nullteiler besitzen, also Elemente a, b  = 0 Für P ∈ R[X] \ {0} nennt man den Index des höchsten von
mit a · b = 0. Ist der Ring R nullteilerfrei, ist die Multiplika- null verschiedenen Koeffizienten den Grad deg P von P .
tion kommutativ und existiert ein Einselement, so nennt man
R einen Integritätsbereich. Für beliebige Polynome P , Q ∈ R[X] gilt:

Wichtiges Beispiel eines Rings ist der Polynomring R[X] deg(P + Q) ≤ max{deg(P ), deg(Q)},
in der Unbestimmten X über dem kommutativen Ring R mit deg(P · Q) ≤ deg(P ) + deg(Q).
Einselement. Die folgende Definition der Polynome kommt
ohne den Begriff einer Unbestimmten aus. Ist R ein Integritätsbereich, so gilt deg(P · Q) = deg(P ) +
deg(Q).
Die Polynome über R
Wir nennen jede Abbildung a : N0 → R mit a(i) = 0 für Division mit Rest
fast alle i ∈ N0 ein Polynom. Die Menge aller Polynome Es seien P , Q ∈ R[X], Q = 0. Wenn der höchste Koef-
über R wird mit R[X] bezeichnet. fizient von Q invertierbar in R ist, existieren Polynome
S, T ∈ R[X] mit
Polynome werden komponentenweise addiert; die Multipli- P = Q S + T und deg T < deg Q.
kation erfolgt durch Summation über die Produkte mit glei-
cher Indexsumme. Daraus können wir folgern, dass wir bei einem Polynom P =
0 über einem Integritätsbereich R und mit den Nullstellen
Satz vom Polynomring a1 . . . , ak ∈ R Linearfaktoren abspalten können, es gilt
Für jeden kommutativen Ring R mit 1 ist (R[X], +, · ) somit
ein kommutativer Ring mit 1.
P = (X − a1 ) · · · (X − ak ) Q für ein Q ∈ R[X] .

Nachträglich können wir die Elemente r aus R mit den Poly- Insbesondere hat ein Polynom über einem Integritätsbereich
nomen a mit a(0) = r und a(i) = 0 für i > 0 identifizieren. vom Grad n ≥ 0 höchstens n Nullstellen.
Aufgaben 97

Aufgaben
Die Aufgaben gliedern sich in drei Kategorien: Anhand der Verständnisfragen können Sie prüfen, ob Sie die Begriffe und
zentralen Aussagen verstanden haben, mit den Rechenaufgaben üben Sie Ihre technischen Fertigkeiten und die Beweisaufgaben
geben Ihnen Gelegenheit, zu lernen, wie man Beweise findet und führt.
Ein Punktesystem unterscheidet leichte Aufgaben •, mittelschwere •• und anspruchsvolle ••• Aufgaben. Lösungshinweise
am Ende des Buches helfen Ihnen, falls Sie bei einer Aufgabe partout nicht weiterkommen. Dort finden Sie auch die Lösungen
– betrügen Sie sich aber nicht selbst und schlagen Sie erst nach, wenn Sie selber zu einer Lösung gekommen sind. Aus-
führliche Lösungswege, Beweise und Abbildungen finden Sie auf der Website zum Buch.
Viel Spaß und Erfolg bei den Aufgaben!

Verständnisfragen 3.7 • Untersuchen Sie die folgenden inneren Verknüp-


fungen R × R → R auf Assoziativität, Kommutativität und
3.1 •• Sudoku für Mathematiker. Es sei G =
Existenz von neutralen Elementen.
{a, b, c, x, y, z} eine sechselementige Menge mit einer in-
%
neren Verknüpfung · : G × G → G. Vervollständigen Sie die (a) (x, y) → 3 x 3 + y 3 . (b) (x, y) → x + y − x y.
untenstehende Multiplikationstafel unter der Annahme, dass (c) (x, y) → x − y.
(G, ·) eine Gruppe ist.

· a b c x y z 3.8 •• Es seien die Abbildungen f1 , . . . , f6 : R \


a c b {0, 1} → R \ {0, 1} definiert durch:
b x z
c y 1 x−1
f1 (x) = x , f2 (x) = , f3 (x) = ,
x x 1−x x
y 1 x
f4 (x) = , f5 (x) = , f6 (x) = 1 − x .
z a x x x−1

3.2 • Zeigen Sie: In einer Gruppe sind die Gleichungen Zeigen Sie, dass die Menge F = {f1 , f2 , f3 , f4 , f5 , f6 }
x ∗ a = b und a ∗ y = b eindeutig nach x bzw. y auflösbar. mit der inneren Verknüpfung ◦ : (fi , fj ) → fi ◦ fj , wobei
fi ◦ fj (x) = fi (fj (x)), eine Gruppe ist. Stellen Sie eine
3.3 •• Es sei K = {0, 1, a, b} eine Menge mit 4 veschie- Verknüpfungstafel für (F, ◦) auf.
denen Elementen. Füllen Sie die folgenden Tabellen unter der
Annahme aus, dass (K, +, ·) ein Schiefkörper (mit dem neu- 3.9 •• Bestimmen Sie alle Untergruppen von (Z, +).
tralen Element 0 bezüglich + und dem neutralen Element 1
bezüglich ·) ist. Begründen Sie Ihre Wahl.
3.10 •• Verifizieren Sie, dass G = {e, a, b, c} zusam-
+ 0 1 a b · 0 1 a b men mit der durch die Tabelle
0 0 · e a b c
1 1 e e a b c
a a a a e c b
b b b b c e a
c c b a e
3.4 • Kann ein Polynomring K[X] ein Körper sein?
definierten Verknüpfung · : G × G → G eine abelsche
3.5 • In welchen Ringen gilt 1 = 0? Gruppe ist, und geben Sie alle Untergruppen von G an.

Man nennt (G, ·) die Klein’sche Vierergruppe.


Rechenaufgaben
3.6 • Untersuchen Sie die folgenden inneren Verknüp- 3.11 • In Q[X] dividiere man mit Rest:
fungen N × N → N auf Assoziativität, Kommutativität und
Existenz von neutralen Elementen. (a) 2 X4 − 3 X3 − 4 X2 − 5 X + 6 durch X 2 − 3 X + 1.
(b) X 4 − 2 X3 + 4 X2 − 6 X + 8 durch X − 1.
(a) (m, n) → mn .
(b) (m, n) → kgV(m, n).
(c) (m, n) → ggT(m, n). 3.12 •• √ Bestimmen
√ Sie ein Polynom P ∈ Z[X] mit der
(d) (m, n) → m + n + m n. Nullstelle 2 + 3 2.
98 3 Algebraische Strukturen – ein Blick hinter die Rechenregeln

Beweisaufgaben Verknüpfungen + und ·, die für P , Q ∈ R[[X]] wie folgt


erklärt sind:
3.13 •• Es seien U1 und U2 Untergruppen einer Gruppe
G. Zeigen Sie: (P + Q)(m) = P (m) + Q(m) , (P Q)(m)
!
(a) Es ist U1 ∪U2 genau dann eine Untergruppe von G, wenn = P (i) Q(j ) ,
U1 ⊆ U2 oder U2 ⊆ U1 gilt. i+j =m
(b) Aus U1 = G und U2  = G folgt U1 ∪ U2  = G.
(c) Geben Sie ein Beispiel für eine Gruppe G und Unter- ein kommutativer Erweiterungsring mit 1 von R[X] ist –
gruppen U1 , U2 an, sodass U1 ∪ U2 keine Untergruppe der Ring der formalen Potenzreihen oder kürzer Potenz-
von G ist. reihenring über R. Wir schreiben P = i∈N0 ai X i oder

i=0 ai X (also P (i) = ai ) für P ∈ R[[X]] und nennen
i
3.14 •• Es sei G eine Gruppe. Man zeige: die Elemente aus R[[X]] Potenzreihen. Zeigen Sie außer-
(a) Ist die Identität Id der einzige Automorphismus von G, dem:
so ist G abelsch. (a) R[[X]] ist genau dann ein Integritätsbereich, wenn R ein
(b) Ist a → a 2 ein Homomorphismus von G, so ist G Integritätsbereich ist.
abelsch. (b) Eine Potenzreihe P = i∈N0 ai X i ∈ R[[X]] ist genau
(c) Ist a → a −1 ein Automorphismus von G, so ist G dann invertierbar, wenn a0 in R invertierbar ist.
abelsch. (c) Bestimmen Sie in R[[X]] das Inverse von 1 − X und
1 − X2 .
3.15 ••• Es sei R ein kommutativer Ring mit 1. Zeigen
Sie, dass die Menge R[[X]] = {P | P : N0 → R} mit den

Antworten der Selbstfragen

S. 64 des Axioms (G1) lässt sich (b−1 ∗ a −1 ) als eine Lösung der
Addition und Multiplikation ja, denn Summe und Produkt Gleichung x ∗ (a ∗ b) = e bestätigen.
zweier natürlicher Zahlen liegen wieder in N. Hingegen sind
S. 67
Subtraktion und Division keine Verknüpfungen auf N, denn ◦ e f g h i j
z. B. die Differenz 2−3 und der Quotient 2/3 sind keine natür-
e◦ e f g h i j
lichen Zahlen mehr. Die Subtraktion wäre eine Verknüpfung
auf Z, die Division eine auf Q \ {0}. f◦ f e i j g h
g◦ g j e i h f
S. 65 h◦ h i j e f g
∩ und ∪ sind assoziativ, \ nicht, wie das Beispiel
i◦ i h f g j e
({1, 2} \ {1}) \ {2} = ∅, {1, 2} \ ({1} \ {2}) = {2} j◦ j g h f e i

zeigt. Linksneutral hinsichtlich ∩ ist die Gesamtmenge S. 72


{1, 2, 3}; hinsichtlich ∪ ist die leere Menge ∅ linksneutral. Es ist ψ(x + y) = 2(x + y) = 2x + 2y = ψ(x) + ψ(y).
Wegen (M1 ∩ M2 ) ⊆ M2 gibt es nur zur Gesamtmenge ein Daher ist ψ ein Homomorphismus (Z, +) → (Z, +). Dage-
Linksinverses bezüglich ∩. Wegen (M1 ∪ M2 ) ⊇ M2 gibt gen ist ψ(x · y) = 2(x · y) = (2x) · (2y) = 4xy. Daher liegt
es nur zu ∅ ein Linksinverses bezüglich ∪. Die Potenzmenge kein Homomorphismus von (R \ {0}, · ) auf sich vor.
P (M) ist somit für keine der genannten Verknüpfungen eine S. 73
Gruppe. sgn(σ2 ◦σ1 ) = (−1)·(−1) = 1. Ferner ist sgn(σ −1 )·sgn σ =
S. 66 sgn e = 1, sofern mit e das neutrale Element von Sn , also
Beide Seiten der Gleichung b ∗ a = c ∗ a werden von rechts die identische Abbildung bezeichnet ist.
mit dem Inversen a −1 von a multipliziert. S. 75
S. 66 (1) Es gibt die Umkehrabbildung (ψa )−1 = ψa −1 , und
Das inverse Element zu y ist eindeutig. Andererseits ist
ψa (u ∗ v) = a −1 ∗ (u ∗ v) ∗ a
y −1 ∗ y = e . Somit ist y das Inverse zu y −1 .
= a −1 ∗ u ∗ (a ∗ a −1 ) ∗ v ∗ a
S. 66 = (a −1 ∗ u ∗ a) ∗ (a −1 ∗ v ∗ a)
Das inverse Element zu (a ∗ b) ist eindeutig, und mithilfe = ψa (u) ∗ ψa (v).
Antworten der Selbstfragen 99

Bei kommutativem G ist ψa für alle a ∈ G gleich der Iden- S. 84


tität, und jede Untergruppe von G ist ein Normalteiler. Die Relation ≤ ist

(2) Wegen a ∗ U = U ∗ a gibt es für alle u ∈ U ein u ∈ U reflexiv, da für jedes x ∈ K wegen x − x = 0 ∈ P folgt
mit x ≤ x,
ψa (u) = a −1 ∗ u ∗ a = a −1 ∗ a ∗ u = u, antisymmetrisch, da aus x ≤ y und y ≤ x sogleich
y − x, x − y ∈ P folgt, und wegen x − y = −(y − x)
und u → u ist eine Bijektion U → U . Somit ist ψa (U ) = U . bedeutet dies y − x ∈ P ∩ (−P ) = {0}, d. h., x = y,
reflexiv, da aus x ≤ y und y ≤ z zum einen y − x ∈ P
S. 76 und zum anderen z − y ∈ P folgt; wegen P + P ⊆ P
Diese Menge ist nicht abgeschlossen gegenüber ◦, denn das folgt nun (y − x) + (z − y) = z − x ∈ P , d. h., x ≤ z,
Produkt zweier ungerader Permutationen ist gerade. Oder linear, da für alle x, y ∈ K wegen K = P ∪ (−P ) die
noch kürzer: Diese Menge enthält kein neutrales Element. Differenz y − x in P oder in −P liegt, d. h., es gilt x ≤ y
oder y ≤ x.
S. 76
Es gibt die inverse Abbildung f −1 : a ∗ ker ψ → ker ψ mit S. 84
a ∗ x = y → a −1 ∗ y = a −1 ∗ a ∗ x = x. Die Summe 1+1+· · ·+1 kann in einem angeordneten Körper
niemals null werden, da Summen von positiven Elementen
stets positiv sind.
S. 78
−1
2 = 3, denn 2 " 3 = 1 oder einfach 2 · 3 ≡ 1 mod 5.
−1 S. 86
Damit ist umgekehrt 3 = 2, also 2 · 3 ≡ 1 mod 5. Die Abbildung g, die jeder geraden natürlichen Zahl die 0
und jeder ungeraden natürlichen Zahl die 1 zuordnet.
S. 80
Es gibt hinsichtlich der Multiplikation in K kein inverses S. 89
Element zu 0, also kein x ∈ K mit x · 0 = 1, denn nach (ii) Man betrachte etwa die zwei Polynome 1 + X und
ist dieses Produkt stets 0. 1 + X + 0 X 2 . Diese Polynome sind gleich, obwohl m = n.

S. 81 S. 92
Wir rechnen modulo 7. Es ist Weil dann die Gradformel für alle Polynome stimmt.

(4 − 6) · (1 − 6)−1 ≡ 5 · 2−1 ≡ 5 · 4 ≡ 6 (mod 7), S. 95


Dann haben alle Nullstellen die Vielfachheit 1, d. h., das Poly-
nachdem 2 · 4 ≡ 1 (mod 7) ist. nom hat lauter verschiedene Nullstellen.
Zahlbereiche – Basis der
gesamten Mathematik 4
3,
Was ist eine reelle, was ist eine
komplexe Zahl?
141592
86208 653
Worin liegen die Unterschiede
6 4062 99 5 zwischen einer rationalen und
1
7 8 7 2 553953 3 4 4 6 1 228844 8 1 18 6
94081 einer irrationalen Zahl?

8 03 2841027019 7 7
1 6 6 6072602491 75

97 48
7 7 0 9 3 0 3 8 109465 4434 2 8 8 1 2 2 0

2 7 4 5 3 7 8 6 7 80 3 1 6 5 2 7 8 5 8
Warum ist eigentlich
5 3 9 30 3 6 0 0 1 1 3 3 0 5 4 1 2 6
58 3

8 0
4 4 9 4861 17153 2664 09 3

1 8 2 3 2 4 5 8 7605 2 1636 0 6 3 1 1 2 2
0 844609550 2

3 9 1 1 5
2 + 3 = 6?

93 534211 383
30
6 8 7

81932611
2 5 1 1 7938 3 3 6 7 3 3 6 2 47 9 3 1 5
59

4 7 46
530 7 1

7 8 2 54807446237 69 8
6 1 2 31767523846 406
5 03 540 95919 436 2

3 0

238462643
2 0 3 6 9 1 2 2 729737 0851 8 3 0 1 2 1 9

9 9 4 5 1 14 3 0 8 690420 5113 9 4 9 4 9 9 5
0974944

9 8

74
8
3 1 8

78721468
6 2 6 3 7119 6 0 8 6 4 0 3 4 44 4 0 9 8
0 6 66
896 7 4

5 8 4 6 2 4 9 5 394737 4071 4 6 5 4 0 5 9

3 0 2 2 8 1 6 0 9 6 3185 181
7 4 8 437 27577 921 9

2
6 7
6 5 7 7 2 3 5 4 280014 9999 5 6 1 1 9 1 7

1 12 1362 53469 7130 95 6

9 3
0 1

95
8 8 9 7 297 11881 5105 21 7

38752886
1 7 1 3 7283 5 3 7 8 7 5 9 3 75 8 7 5 0
0 8 45

8
5 8 3 6 19 3 87311 7101 97 2

5 4 4 5 0 8 3 8 174728 0056 1 7 1 7 2 6 6

3 8 8 52572010654 519
9 9
9 5 2 5546 92164 5956 00 3

2 2 85

3 9 85
3 87 9590 89957 2019 28 0

91249721
8 0 4 1 3883 8 1 7 5 4 6 3 7 47 7 5 2 8
3 7 7 8 7 8 8 6 519531 5651 5 3 3 8 1 2 6
3
73 8 6

5 3 2 7913 50604 7485 18 2

9 0 9 4 7 1 0 1 819429 649
1 1 8 5 1 6 8 6 117620 3758 5 5 8 8 2 5 3

6 4 25

5 0
62 9

55
0 3 1 5836 46462 6370 90 9

69491293
0 1 2 5 9706 4 0 2 4 7 4 9 6 43 1 3 6 5
8 9 3 1 9 8 9 4 697165 2718 3 7 4 4 7 7 4
3 9
3 2 8 47 5 3 12533 0804 76 7

3 1 98

4 5 8 5 0 3 0 2 8 61829 732
1
82 6 6

9 7 0 2 1 4 1 9 992873 8256 0 4 2 6 2 1 4

5 1 74
6 8
0 0 1 9 4 1 7 2 196340 2192 1 9 9 2 0 0 8

87202755
6 3 3 4 4496 7 2 8 9 0 9 7 7 79 6 0 2 5
7 9 74
43 6
55 4 3

6 5 7 0 8 0 6 6 5 4694 7901 1 9 8 8 4 5 2

5 5 7 136 11573525 727


3 6
0 0 7 9 4 2 5 2 7 8464 1295 5 1 8 1 1 1 8

5 4 081 60 1 8

7 6
32 5

52
1 6 5 5 0 1 4 16 8 6 2 5 7 3 5 6 8 4 6

62099219
8 1 4 8 5453 8 3 8 2 7 9 6 7 92 2 2 1 1
3 3 8 0 7 5 7 4 1082 45 4924 6 8 4 3 6 1 3
6 0
2 23 624 1 72327 1898 85 1

9 4 55

9 7 8 86 269456042 766
91 3 4

3 4 2 7 5 4 1 0 0 9251 0368 8 3 7 8 7 6 2

5 8 41
3 2
4 4 9 8 1 7 3 9 2 97 81 3478 9 6 0 8 6 0 6

84 3643
71917287
8 4 022 61 6 7

9
78 5

46
0 1 123 86 4 8

77
8 5 2 85 7 5 7 3 9 6 2

6
1 5
09 2

6 6
96 1
5

6
4
7 7 62

56 8 4
5 7

18 3
0 504
7 8
5 3 50

88 5

05 9 6
63 6
4
1 0 51

67
0

9
01 8

04 9 0

0 4 94
1 9 5 4 2 7 8 6 2 20391 252
9 7

3 3 7 9 0046 8 0 0 6 4 2 2 5 14 6 6 8 5
49 9

00 7 2

34
4 3

94601653
2 1 96

5 2
4 24 39073941433 147
75 4

8 5 7 9 7971 9 2 1 7 3 2 1 7 28 0 7 4 2
32 7 4
92 2

2 8 53566369 27
2 7 9 69269956909 360
08 9 8
1 2

8 2 0 5 6697 8 2 3 5 4 7 8 1 60 3 8 1 1
1

66024058 47
2 09 134

1 5
2 6 7 5 3 7 9 7 7 47268 240
32 6 6
7
0

7 9 4 5 4111 3 9 0 0 9 8 4 8 88 2 9 5 3
30 9

50695950 35
6 92 575

6 6
9 8 0 82303019520 766
6

84 5 0
9

00 3

2 14 66130019278 904
0 5 2 73035982534 850
5 3 5 1 8273 0 8 2 5 3 3 4 4 69 9 9 9
14 5

92 07211349
2

7 68 710 81
5 2 50792279 27
2 2 2 7 1452635608 798

7
8

1 7 4 47371907021 527
5 3

8 1 9 4 195516 7 3 5 1 8 835370 5 7 22 8 0
3 9
5

19 748 16094
6 2
96
1 1 0 9 1 48 1 5 2 0 9 2606 9 2 3 48 9
1

2 0 56485 4
3 9 5 1 4 8505 5 9 6 4 4 6 2 2 93 0 6 6
9 86513282 028
939 8419716

4.1 Der Körper der reellen Zahlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102


4.2 Anordnungsaxiome für die reellen Zahlen . . . . . . . . . . . . . . . . . 106
4.3 Ein Vollständigkeitsaxiom für die reellen Zahlen . . . . . . . . . . . . 114
4.4 Natürliche Zahlen und vollständige Induktion . . . . . . . . . . . . . . 117
4.5 Ganze Zahlen und rationale Zahlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127
4.6 Komplexe Zahlen: Ihre Arithmetik und Geometrie . . . . . . . . . . . 134
4.7 Vertiefung: Konstruktiver Aufbau der reellen Zahlen . . . . . . . . 148
Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156
102 4 Zahlbereiche – Basis der gesamten Mathematik

Zahlen stellen eine wichtige Grundlage der gesamten Mathe- Geläufig sind die Darstellungen reeller Zahlen durch Dezi-
matik, speziell aber der Analysis dar. malzahlen,
Man kann den Standpunkt von R. Dedekind und L. Kronecker 1/2 = 0.500000000000000000 . . .
einnehmen und die reellen Zahlen ausgehend von den na- 1/7 = 0.142857142857142857 . . .
türlichen Zahlen über die ganzen und die rationalen Zahlen √
2 = 1.414213562373095049 . . .
konstruieren. Doch stellt sich gleich die Frage: „Was ist eine
natürliche Zahl?“. Nach dem Vorbild von G. Peano (1889) und π = 3.141592653589793238 . . .
R. Dedekind (1888) lassen sich die natürlichen Zahlen mittels e = 2.718281828459045235 . . .
der sogenannten Peano-Axiome charakterisieren. Aus diesen
Dabei steht π für die Kreiszahl und e für die Euler’sche Zahl.
Grundannahmen leiten sich alle Aussagen über das Rechnen
Man könnte die Menge der reellen Zahlen als die Menge
mit natürlichen Zahlen ab, so wie man es aus der Schule ge-
aller Dezimalzahlen definieren, stößt dabei aber offenkundig
wohnt ist. Mit relativ einfachen algebraischen Mitteln lassen
sofort auf Probleme. Während im Falle von 1/7 die Bedeu-
sich aus den natürlichen Zahlen die ganzen Zahlen und die ra-
tung der Punkte „. . .“ noch erkennbar ist, bleibt unklar, was
tionalen Zahlen konstruieren. Der Übergang von den rationalen
die Punkte bei π und e bedeuten. Bei der Dezimaldarstellung
Zahlen zu den reellen Zahlen erfordert jedoch kompliziertere
von π + e und π · e treten weitere Schwierigkeiten auf.
Begriffsbildungen aus der Analysis bzw. der Algebra.
Die Grundzahl 10 des Dezimalsystems ist zwar kulturhisto-
Wir werden daher hier nicht so vorgehen, sondern den Stand- risch bedeutsam. Aus mathematischer Sicht ist sie jedoch
punkt einnehmen, dass jeder intuitiv weiß, was reelle Zahlen durch keine besondere Eigenschaft ausgezeichnet. Man kann
sind, und die reellen Zahlen axiomatisch einführen. Die natür- jede natürliche Zahl g, die größer oder gleich 2 ist, als Grund-
lichen, die ganzen und die rationalen Zahlen werden wir als zahl für die g-al-Entwicklung reeller Zahlen wählen. Für die
Teilmengen der reelle Zahlen definieren. In dem Vertiefungsab- Darstellung reeller Zahlen im Computer sind besonders die
schnitt 4.7 gehen wir auf den oben skizzierten konstruktiven Grundzahlen g = 2 und g = 16 praktisch. Nach der Beschäf-
Aufbau der reellen Zahlen ausgehend von den Peano-Axiomen tigung mit Reihen gehen wir auf die Darstellung reeller Zah-
für die natürlichen Zahlen ein. len durch g-al-Entwicklungen ein (siehe auch Kapitel 10).

Die reellen Zahlen sind die Basis der Analysis


4.1 Der Körper der reellen Um uns nicht gleich zu Beginn mit den oben geschilder-
Zahlen ten Problemen bei den Dezimalentwicklungen reeller Zahlen
auseinandersetzen zu müssen, wählen wir hier einen axioma-
tischen Zugang zu den reellen Zahlen. Wir setzen dabei ihre
Zahlen – in allen Kulturen schon in einem frühen Stadium Existenz voraus. Es sollte an dieser Stelle bemerkt werden,
zum Zählen und Rechnen verwendet – spielen in unserem dass die Erweiterung und Präzisierung des Zahlbegriffs das
Alltagsleben eine nicht wegzudenkende Rolle. Ob Hausnum- Ergebnis einer fast viertausendjährigen Entwicklung war, die
mern, Telefonnummern, Kontostände, Preise, Zinsen, Zeitan- erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts abgeschlossen wurde.
gaben usw., überall sind Zahlen gegenwärtig. Zahlen erregen Unsere Vorgehensweise stellt die historische Entwicklung
selten Emotionen, aber die Verschuldung der Bundesrepublik quasi auf den Kopf.
bringt manche oder manchen zum Nachdenken. „6 Richtige“
im Lotto erregen dagegen freudige Gefühle. Kaum vorstell- Um eine tragfähige Basis für den Aufbau der Analysis zu
bar kleine Zahlen, wie etwa das Planck’sche Wirkungsquan- schaffen, fixieren wir den Begriff der reellen Zahl, indem
tum h = 6.626069... · 10−34 mit der Einheit Joulesekunden wir Axiome für die reellen Zahlen angeben. Dies sind Grund-
spielen in der modernen Physik eine fundamentale Rolle. eigenschaften, die wir als wahr betrachten und nicht weiter
Während nach dem Motto der Schule des Pythagoras (etwa hinterfragen, aus denen sich aber alle weiteren Aussagen über
5. bis 3. Jh. v. Chr.) noch galt: reelle Zahlen ableiten lassen.

„Alles ist Zahl!“, Axiome der reellen Zahlen


Es gibt drei Serien von Axiomen für die reellen Zahlen:
stellte R. Dedekind in seiner fundamentalen Arbeit aus dem
(K) die Körperaxiome
Jahre 1888 die Frage:
(AO) die Anordnungsaxiome
„Was sind und was sollen die Zahlen?“ (V) ein Vollständigkeitsaxiom

Zwei Jahre vorher hatte L. Kronecker auf der Berliner Na- Wir machen dabei die folgende Grundannahme:
turforscherversammlung den Standpunkt vertreten:
Es gibt eine Menge R, die den obigen Axiomen genügt. Wir
„Die ganzen Zahlen hat der liebe Gott gemacht, alles nennen R die Menge der reellen Zahlen. Was das im Ein-
andere ist Menschenwerk.“ zelnen bedeutet, wird im Folgenden erklärt.
4.1 Der Körper der reellen Zahlen 103

Kommentar: Die Frage nach der Existenz bleibt zunächst Genauso verfährt man für die Gleichung a · x = b, wenn
offen! Auch ist an dieser Stelle noch nicht klar, ob es nur eine a = 0 ist. Man ersetzt einfach das Pluszeichen durch ein
Menge gibt, die den obigen Axiomen genügt. Malzeichen und das Inverse der Addition −a durch das In-
verse der Multiplikation a −1 , das wegen der Voraussetzung
Statt „a ist eine reelle Zahl‘‘ schreiben wir „a ∈ R“ und a = 0 existiert. Auch wird das neutrale Element der Addition
sagen „a ist Element von R‘‘. 0 durch das neutrale Element der Multiplikation 1 ersetzt. 

Die Körperaxiome begründen das Rechnen


Aus den Axiomen lassen sich alle weiteren
Wir beginnen mit den Grundeigenschaften, die zur Begrün- Rechenregeln ableiten
dung des Rechnens, d. h. der Addition, der Subtraktion, der
Multiplikation und der Division, ausreichen. In den Axiomen
Da bereits in Abschnitt 3.3 ähnliche Überlegungen behandelt
kommen nur Addition und Multiplikation vor, Subtraktion
wurden, vergleiche man die folgenden Ausführungen damit.
und Division werden aus diesen abgeleitet.
Die in der Übersichtsbox auf Seite 104 aufgeführten Kör- Folgerung
peraxiome (K) besagen, dass die reellen Zahlen R mit den Für alle a ∈ R gilt −(−a) = a.
Verknüpfungen der Addition und Multiplikation einen Kör-
per bilden, wenn man darunter eine Menge K versteht, in Beweis: Zum Beweis beachten wir, dass −(−a) die ein-
welcher je zwei Elementen eine Summe a + b und ein Pro- deutig bestimmte Lösung x der Gleichung (−a) + x = 0
dukt a ·b so zugeordnet sind, dass für die Elemente von K die ist. Es gilt weiterhin (−a) + a = 0, und daher folgt die Be-
(A1) bis (A4), (M1) bis (M4) und (D) entsprechenden Regeln hauptung aus der Eindeutigkeit der Lösbarkeit der Gleichung
gelten. Ein Körper ist eine algebraische Struktur, die in Ka- (−a) + x = 0. 

pitel 3 eingeführt wurde. Später werden wir sehen, dass das


System der obigen Axiomen (K), (AO) und (V) die reellen Eine analoge Aussage gilt natürlich auch für die Multipli-
Zahlen im Wesentlichen, d. h. bis auf Isomorphie, eindeutig kation. Da dazu nur das „+“ durch ein „·“ zu ersetzen ist,
festlegt. verläuft auch der Beweis völlig analog.
Erfahrungsgemäß bereitet der Umgang mit Axiomen Stu-
Folgerung
dienanfängern Schwierigkeiten. Wir stellen einige sicher gut
Für alle a ∈ R, a = 0, gilt (a −1 )−1 = a.
bekannte Aussagen vor, um zu sehen, wie sich diese Folge-
rungen aus den Axiomen ergeben. Wir benutzen dabei die
Beweis: Die Zahl x = (a −1 )−1 ist Lösung der Gleichung
eindeutige Lösbarkeit von Gleichungen.
(a −1 )x = 1. Ebenfalls löst x = a diese Gleichung. Daher ist
nach der Eindeutigkeit der Lösung der Gleichung (a −1 )x = 1
Eindeutige Lösbarkeit elementarer Gleichungen wirklich (a −1 )−1 = a. 

Für die Gleichung a + x = b mit reellen Zahlen


a, b existiert genau eine reelle Zahl x, welche diese
Die nächste Folgerung ist ein Ausdruck mit zwei reellen Zah-
Gleichung löst, nämlich x = b + (−a) = b − a.
len und somit etwas komplizierter. Aber auch hier läuft der
Zu je zwei reellen Zahlen a, b, wobei a  = 0 gilt,
Beweis auf ein schlichtes Anwenden der Axiome hinaus.
gibt es genau ein x ∈ R mit ax = b, nämlich x =
a −1 b. Für a −1 b schreiben wir auch den Bruch ab und Folgerung
nennen ihn den Quotienten von b und a. Für alle a, b ∈ R, a, b = 0, gilt (ab)−1 = b−1 a −1 .
Wegen der Vertauschbarkeit von Faktoren (M1) lässt sich
der letzte Ausdruck auch als a −1 b−1 schreiben.
Beweis: Dass x = b +(−a) die Gleichung a +x = b löst,
überprüft man durch Einsetzen: Da die Existenz des inversen Beweis: Die inverse Zahl (ab)−1 ist die eindeutig be-
Elements (−a) gesichert ist, folgt mit dem Kommutativge- stimmte Lösung der Gleichung (ab)x = 1. Andererseits wird
setz: die Gleichung auch von b−1 a −1 gelöst, da (ab)(b−1 a −1 ) =
a +[b+(−a)] = a +b+(−a) = a +(−a)+b = 0+b = b , a(bb−1 )a −1 = aa −1 = 1. Dies zeigt die Identität beider
Zahlen. 

wobei wir noch die Eigenschaft des neutralen Elements 0 zur


Addition genutzt haben. Umgekehrt folgt aus der Gleichung Der folgende Satz von der Nullteilerfreiheit scheint selbstver-
a + x = b durch beidseitiges Addieren von −a die Identität ständlich, ist aber ebenso eine Konsequenz aus den Axiomen.
a +x +(−a) = b +(−a). Mit dem Kommutativgesetz erhält
man für die linke Seite a + x + (−a) = a + (−a) + x = Folgerung (Nullteilerfreiheit der reellen Zahlen)
0 + x = x. Also ist x = b + (−a) die einzige Lösung der Für alle a, b ∈ R gilt ab = 0 genau dann, wenn a = 0 oder
Gleichung. b = 0 ist.
104 4 Zahlbereiche – Basis der gesamten Mathematik

Übersicht: Körperaxiome für die reellen Zahlen


Wir stellen die Körperaxiome aus Kapitel 3 noch einmal ausführlich für die reellen Zahlen zusammen. Je zwei reellen Zahlen a
und b ist genau eine weitere reelle Zahl a + b, die Summe von a und b, und genauso eine weitere reelle Zahl a · b, das Produkt
von a und b, zugeordnet. Diese Zuordnungen heißen Addition und Multiplikation, und sie erfüllen die zusammengestellten
Eigenschaften.

(A1) Für alle a, b ∈ R gilt a + b = b + a. Kommutativgesetz


bezüglich „+“

(A2) Für alle a, b, c ∈ R gilt (a + b) + c = a + (b + c). Assoziativgesetz


bezüglich „+“

(A3) Es gibt eine Zahl 0 ∈ R, sodass a + 0 = a für alle a ∈ R gilt. Existenz eines neutralen
Elements bezüglich „+“

(A4) Zu jedem a ∈ R gibt es eine Zahl (−a) ∈ R mit a + (−a) = 0. Existenz eines inversen
Elements bezüglich „+“

(M1) Für alle a, b ∈ R gilt a · b = b · a. Kommutativgesetz


bezüglich „·“

(M2) Für alle a, b, c ∈ R gilt (a · b) · c = a · (b · c). Assoziativgesetz


bezüglich „·“

(M3) Es gibt eine Zahl 1 ∈ R (1  = 0), sodass a · 1 = a für alle a ∈ R gilt. Existenz eines neutralen
Elements bezüglich „·“

(M4) Zu jedem a ∈ R (a  = 0) gibt es ein a −1 ∈ R, für das a · (a −1 ) = 1 gilt. Existenz eines inversen
Elementes bezüglich „·“

(D) Für alle a, b, c ∈ R gilt a · (b + c) = (a · b) + (a · c). Distributivgesetz

Die Axiome (A1) bis (A4) besagen, dass die reellen Zah- bestimmt. Geläufige Rechenregeln, wie (−a)(−b) = ab,
len R bezüglich der Addition eine abelsche Gruppe (mit speziell (−1)(−1) = 1 oder (a − b)(a + b) = a 2 − b2
dem neutralen Element 0) bilden. Mit (M1) bis (M4) sind lassen sich aus den obigen Axiomen ableiten. Zur Ver-
die von Null verschiedenen Elemente aus R eine abelsche einfachung der Schreibweise notieren wir statt a · b oft
Gruppe (mit dem neutralen Element 1  = 0) bezüglich der einfach ab und halten uns an die Regel Punktrechnung
Multiplikation. Beide Verknüpfungen sind über das Dis- geht vor Strichrechnung. Diese Vorfahrtsregel erspart uns
tributivgesetz (D) miteinander verbunden. Die neutralen viele Klammern. Das Distributivgesetz schreibt sich dann
Elemente 0 bzw. 1 sowie die inversen Elemente (−a) bzw. so:
a −1 sind wie in jeder abelschen Gruppe jeweils eindeutig a(b + c) = ab + ac .

Beweis: Wie auf Seite 81 bereits gesehen, folgt mit b = 0 Algebraische Strukturen, in denen der Nullteilersatz nicht
aus gilt, wurden in Kapitel 3 angesprochen. Ein Beispiel ist der
a · 0 = a · (0 + 0) = a · 0 + a · 0 Restklassenring Z6 , in dem 2 · 3 = 6 = 0 gilt, wobei aber
und der eindeutigen Lösbarkeit der Gleichung a·0+x = a·0, 2 = 0 und 3 = 0 sind. Wir werden weitere wichtige Bei-
dass a · 0 = 0 ist. Genauso gilt für a = 0 die Gleichung spiele, wie den Ring der stetigen Funktionen auf R (siehe
0 · b = 0. Kap. 9) oder der Ring der n × n-Matrizen für n ≥ 2 (siehe
Seite 445 in Kap. 12) kennenlernen, für welche das Pro-
Sei umgekehrt a · b = 0. Dann ist zu zeigen: a = 0 oder dukt von zwei vom Nullelement verschiedenen Elementen
b = 0. Wäre b = 0, dann braucht nichts bewiesen werden. das Nullelement ergibt.
Also nehmen wir b = 0 an. Nach Axiom M4 existiert das
Inverse b−1 , und es folgt:
0 = (a · b) · b−1 = a(b · b−1 ) = a · 1 = a. 
4.1 Der Körper der reellen Zahlen 105

? ?
Beweisen Sie Beweisen Sie noch den zweiten Teil der ersten Aussage, dass
(−1)(−1) = 1, für jedes x ∈ R mit x = 0 und a, b ∈ R, b = 0 die Gleichung
indem Sie von 1 + (−1) = 0 ausgehen. Können Sie das a ax
Ergebnis auf =
b bx
(−a)(−b) = ab
gilt.
für a, b ∈ R verallgemeinern?

Als letztes Beispiel betrachten wir noch einen komplizier-


teren aber wohlbekannten mathematischen Ausdruck, einen
Die Regeln der Bruchrechnung folgen aus den Spezialfall der binomischen Formeln. Wie üblich nutzen wir
Körperaxiomen die Notationen 2 = 1 + 1 und x 2 = xx für x ∈ R.

Ein weiteres Beispiel für die Anwendung der Axiome ist die Folgerung
für das Rechnen mit Zahlen grundlegende Bruchrechnung. Für alle a, b ∈ R gilt die binomische Formel

Folgerung (a + b)2 = a 2 + 2ab + b2 .


Für alle a, b, c, d ∈ R, b  = 0, d  = 0 gilt:
Erweitern und Kürzen Beweis: Wir geben in jedem Beweisschritt die verwende-
a c ax a ten Axiome kurz ohne weitere Kommentierung an.
= ⇔ ad = bc und für 0  = x ∈ R : = .
b d bx b
(a + b)2 = (a + b)(a + b) nach Def.
Addieren bzw. Subtrahieren von Brüchen = (a + b)a + (a + b)b nach (D)
a c ad ± bc = a(a + b) + b(a + b) nach (M1)
± = .
b d bd = (aa + ab) + (ba + bb) nach (D)
Für b = d muss man die Erweiterung nicht durchführen. = ((aa + ab) + ba) + bb nach (A2)
Im Fall b = d wird bd der gemeinsame Nenner genannt. = (aa + (ab + ab)) + bb nach (A2), (M1)
= (aa + (ab · 1 + ab · 1)) + bb nach (M3)
Multiplizieren von Brüchen
= (aa + ab(1 + 1)) + bb nach (M3), (D)
a c ac = aa + (1 + 1)ab + bb
· = . nach (M1)
b d bd
= a 2 + 2ab + b2 nach Def.

Division von Brüchen, d. h. Doppelbrüche
a
b ad Im weiteren Verlauf des Kapitels werden wir die Körper-
Ist zusätzlich c  = 0, dann gilt c = .
d bc axiome häufig ohne großen Kommentar verwenden. Dies
sollte Sie jedoch nicht dazu verleiten, schnell darüber hin-
wegzugehen. Die mathematische Fachsprache kann sehr kurz
Beweis: Exemplarisch beweisen wir die erste Aussage.
und prägnant sein, sie ist aber gerade deswegen auch kompli-
Zunächst zeigen wir die Hinrichtung. Multiplizieren wir die ziert. Machen Sie sich daher als kleine Übung jeden Schritt
linke Gleichung mit bd, dann erhalten wir mit der Kommu- im vorangegangenen Beweis klar!
tativität die folgenden Äquivalenzen:
Wenn auch bis jetzt nur Altbekanntes – wie z. B. die Vorzei-
−1 −1 chenregeln, ein Spezialfall der binomischen Formel oder die
(ab )(bd) = (cd )(bd)
−1 Regeln der Bruchrechnung – herausgekommen ist, hat die
⇔ a(b b)d = c(d −1 d)b axiomatische Methode den Vorteil, dass die aus den Körper-
⇔ a·1·d =c·1·b axiomen abgeleiteten Regeln für alle Körper gelten.
⇔ ad = cb . Davon gibt es – wie schon bemerkt – sehr viele, z. B. bilden
die rationalen Zahlen oder die komplexen Zahlen Körper be-
Für die Rückrichtung gilt nach Division der Gleichung züglich der jeweils dort definierten Operationen der Addition
ad = bc durch bd = 0 die Gleichung: und der Multiplikation.
ad bc a c Im dritten Kapitel ist uns schon ein „skurriler“ Körper mit
= oder = . 
bd bd b d nur zwei Elementen 0̄ und 1̄ begegnet. Wir erinnern an die
106 4 Zahlbereiche – Basis der gesamten Mathematik

Additions- und Multiplikationstabelle dieses Körpers Z2 : Ordnungsrelationen auf den reellen Zahlen

+ 0̄ 1̄ · 0̄ 1̄ Man definiert für a, b ∈ R die Relationen


a < b bzw. b > a genau dann, wenn b − a ∈ R>0
0̄ 0̄ 1̄ 0̄ 0̄ 0̄ ist, und
1̄ 1̄ 0̄ 1̄ 0̄ 1̄ a ≤ b bzw. b ≥ a genau dann, wenn a < b oder
a = b gilt.
In der Literatur findet man statt Z2 auch die Bezeichnungen
F2 , Z/2Z oder GF(2), wobei GF für Galois Field steht. Dieser
Körper ist das einfachste Beispiel aus der Serie der Restklas- Im ersten Fall sagen wir a kleiner b bzw. b größer a und
senringe Z/p Z, p prim, die jeweils Beispiele für Körper mit im zweiten Fall a kleinergleich b bzw. b größergleich a.
p Elementen sind (siehe Abschnitt 3.3). Beziehungen der Form

Dass auch in R die Gleichung a<b oder a ≤ b

nennt man Ungleichungen oder in manchen Zusammenhän-


1+1=0
gen auch Abschätzungen.
gilt, können wir bisher nicht ausschließen. Erst mit den An-
ordnungsaxiomen wird sich ergeben, dass in R diese Glei-
Die Relation „<“ ist transitiv und
chung nicht erfüllt sein kann.
translationsinvariant

Einige zentrale Eigenschaften dieser Relationen stellen wir


4.2 Die Anordnungsaxiome für zusammen und geben ausführliche Begründungen, wie diese
aus den Axiomen folgen.
die reellen Zahlen
Folgerung (Trichotomiegesetz)
Die Anordnungsaxiome, welchen wir uns nun zuwenden Für je zwei reelle Zahlen a, b gilt genau eine der drei
wollen, stellen die Grundlage für das Rechnen mit Unglei- Aussagen:
chungen und für Abschätzungen dar.
a < b oder a = b oder a > b.

Ungleichungen sind in der Analysis Beweis: Man muss nur die Definition einsetzen:
mindestens so wichtig, wie Gleichungen
a < b bedeutet b − a ∈ R>0 ,
in der Algebra a = b bedeutet b − a = 0,
a > b bedeutet a − b = −(b − a) ∈ R>0 .
Im dritten Kapitel auf Seite 84 wurde der Begriff des an-
geordneten Körpers eingeführt. Die reellen Zahlen bilden Nach (AO1 ) tritt für die reelle Zahl b − a genau eine dieser
einen angeordneten Körper, d. h., in R ist eine Teilmenge Fälle ein. 

R>0 , die positiven Zahlen, ausgezeichnet, sodass folgende


Axiome gelten. Für Ungleichungsketten ist die nächste Folgerung von ent-
scheidender Bedeutung.
Anordnungsaxiome der reellen Zahlen
(AO1 ) Für jede reelle Zahl a gilt genau eine der Aus- Folgerung (Transitivität)
sagen: Für beliebige Zahlen a, b, c ∈ R gilt, dass aus a < b
und b < c die Ungleichung a < c folgt.
a ∈ R>0 oder a = 0 oder (−a) ∈ R>0 .
Beweis: Aus a < b, d. h., b − a ∈ R>0 und b < c, d. h.,
(AO2 ) Für beliebige a, b ∈ R>0 gilt a + b ∈ R>0 . c −b ∈ R>0 folgt nach (AO2 ) sofort (c −b)+(b −a) ∈ R>0 .
(AO3 ) Für beliebige a, b ∈ R>0 gilt a · b ∈ R>0 . Damit ist (c − a) ∈ R>0 , und es gilt a < c. 

Statt „a ∈ R>0 “ sagen wir auch, dass a positiv ist und ver-
wenden dafür die Abkürzung a > 0. Ist −a ∈ R>0 , dann Gleichsinnige Ungleichungen darf man
heißt a negativ . Wir schreiben kurz a < 0.
addieren
Eine reelle Zahl ist nach (AO1 ) entweder positiv oder negativ
oder gleich null. Durch Auszeichnung der positiven reellen Natürlich sollten sich die Anordnungsaxiome mit denen der
Zahlen kann man nun zwei reelle Zahlen der Größe nach Addition und der Multiplikation vertragen. Dies wird im Fol-
vergleichen. genden nachgewiesen. Wir beginnen mit der Addition.
4.2 Die Anordnungsaxiome für die reellen Zahlen 107

Folgerung (Translationsinvarianz) Die fünfte Aussage folgt durch zweimaliges Anwenden der
Für a, b, c, d ∈ R gilt, dass aus a < b und c ≤ d ersten Aussage. Man setzt zuerst c = a −1 = a1 und erhält
die Ungleichung a + c < b + d folgt: a · a1 < b · a1 bzw. 1 < ab . Nun wendet man mit c = b−1 = b1
Insbesondere ergibt sich aus a < b für c ∈ R: die erste Aussage erneut an und erhält 1 · b1 < ab · b1 . Diese
Ungleichung ist identisch mit b1 < a1 . 
a+c <b+c

Beweis: Wir behandeln zunächst den Fall c < d. Es gelten


dann (b − a) ∈ R>0 und (d − c) ∈ R>0 . Nach (AO2 ) ist auch Beim Invertieren von positiven reellen Zahlen
(b − a) + (d − c) ∈ R>0 . Da aber dreht sich das <-Zeichen der Ungleichung um
(b − a) + (d − c) = b + d − (a + c) Mit der Umkehrung der letzten der obigen Aussagen kann
man sagen, dass sich beim Invertieren von positiven reellen
gilt, folgt a + c < b + d. Für c = d schließt man analog:
Zahlen das „<“-Zeichen in der Ungleichung umdreht. Wir
Die Ungleichung a + c < b + c ist gleichbedeutend mit
beweisen diese Aussage, indem wir diese Umkehrung zeigen.
(b + c) − (a + c) ∈ R>0 , und es ergibt sich:

(b + c) − (a + c) = (b − a) + (c − c) = (b − a) + 0 Folgerung
1 1
Ist ab > 0, so gilt a < b genau dann, wenn < ist.
= b − a ∈ R>0 .  b a

Beweis: Als Hilfsgröße betrachten wir


Ein wenig mehr müssen wir aufpassen, wenn wir die Ver-
träglichkeit mit der Multiplikation untersuchen. 1 1 b−a
− = .
a b ab
Folgerung (Verträglichkeit mit der Multiplikation)
Für beliebige a, b, c ∈ R mit c  = 0 gelten folgende „⇐‘‘: Ist a < b, dann ist b − a > 0. Weiter ist nach Voraus-
Aussagen: setzung (ab)−1 > 0. Der rechte Bruch ist somit positiv, und
es gilt:
Aus a < b und c > 0 folgt ac < bc. 1 1 1 1
Aus a < b und c < 0 folgt ac > bc. − > 0 oder < .
a b b a
Aus 0 ≤ a < b und 0 ≤ c < d folgt 0 ≤ ac < bd.
a > 0 ist gleichbedeutend mit a −1 > 0. „⇒‘‘: Ist die linke Seite positiv, so muss wegen ab > 0 auch
Aus 0 < a < b folgt 0 < b1 < a1 . b − a > 0 gelten, und es ist a < b. 

Beweis: Für die erste Aussage sei c > 0. Dann ist zu In Kapitel