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2005 13:11 Uhr Seite 855

Editorial

Konstruktion und Geotechnik


Konstruktion und Geotechnik sind benachbarte, zentrale Gebiete des Bauingenieurwesens
mit einem großen gegenseitigen Befruchtungspotential. Dieses sollte verstärkt genutzt wer-
den, um den Nachteilen einer zunehmenden Spezialisierung zu begegnen und das Bauinge-
nieurwesen insgesamt zu beleben.
Konstruktion und Geotechnik haben ihre gemeinsame Basis in der technischen Me-
chanik. Wesentliche Unterschiede ergeben sich dadurch, daß sich die Geotechniker mit dem
vorgefundenen Baugrund mit all seiner Vielfalt, seinen Inhomogenitäten und Unwägbarkeiten
auseinanderzusetzen haben, während die Konstrukteure die von ihnen eingesetzten Baustoffe
meist innerhalb verhältnismäßig enger Grenzen vorschreiben und kontrollieren können. Die
Entwicklung einer von der Baustatik sich abhebenden Boden- und Felsmechanik ist vor die-
sem Hintergrund verständlich. Grundsätzlich ist die Abgrenzung jedoch nur insofern begrün-
det, als sich Boden- und Felsmechanik im Unterschied zur Baustatik auch mit dem Einfluß
Peter Marti, ETH Zürich des Grundwassers befassen müssen.
Stehen in der Konstruktion Fragen des Entwurfs, des Kraftflusses und der konstrukti-
ven Durchbildung im Vordergrund, so sind dies in der Geotechnik die Prospektion, das Bau-
grundmodell, das geotechnische Konzept und die Beobachtung und allfällige Einflußnahme bei der Ausführung. Das
Erfassen des Vorhandenen und die Einsicht in dessen Entstehung bilden für die Geotechniker die Basis für das Erken-
nen von Möglichkeiten der technischen Einflußnahme. Umgekehrt steht das Ersinnen von Neuem und der Wille zur
Veränderung des von der Natur Dargebotenen den Konstrukteuren nahe.
Zur Erfassung des Tragverhaltens sowie für die Nachweise der Gebrauchstauglichkeit und der Tragsicherheit stüt-
zen sich Konstrukteure und Geotechniker auf analoge Methoden der Elastizitäts- und Plastizitätstheorie. Speziell her-
vorzuheben sind die Grenzwertsätze und die auf ihnen aufbauenden Methoden der Plastizitätstheorie, die heute eine
einheitliche Behandlung von Tragsicherheitsproblemen im ganzen Gebiet der Konstruktion und der Geotechnik gestat-
ten.
Für den Neubau von Tragwerken steht die Anwendung der statischen Methode der Plastizitätstheorie im Vorder-
grund. Für die Überprüfung bestehender Tragwerke gewinnt die kinematische Methode stark an Bedeutung. In der
Geotechnik werden meist die kinematische Methode oder entsprechende Näherungsverfahren verwendet. Mit der zu-
nehmenden Komplexität des Bauens im urbanen Raum wird jedoch die statische Methode immer wichtiger. Das die sta-
tische Methode charakterisierende Verfolgen des Kraftflusses, also das Erfassen des Kräftespiels im kleinen, tritt mehr
und mehr neben die mit der kinematischen Methode möglichen Prüfung des Gleichgewichts im großen.
Die Betrachtung lokaler Kraftgrößen gewinnt in der Geotechnik insbesondere auch wegen der zunehmenden An-
wendung von Bewehrungen, Verankerungen und Injektionen aller Art an Bedeutung. Damit entstehen eigentliche Ver-
bundkonstruktionen, und die Baugrundeigenschaften werden ähnlich wie die Baustoffeigenschaften in der Konstrukti-
on gezielt ausgenutzt. Andererseits empfiehlt sich in der Geotechnik häufig die Anwendung der Beobachtungsmethode.
Damit kann bei der Ausführung im Sinne von vorbehaltenen Entschlüssen flexibel auf die sukzessive sich enthüllenden
Baugrundeigenschaften eingegangen werden, anstatt unnötige und unwirtschaftliche Sicherheitsreserven vorzuhalten.
Ein ähnliches Vorgehen ist oft auch bei der Tragwerkserhaltung angezeigt.
Das zuweilen etwas hochgespielte Problem der Interaktion von Tragwerk und Baugrund ist eigentlich eine reine
Frage der Systemabgrenzung. Für Bauingenieure, die sich mit solchen Problemen befassen und sich mit offenem Sinn in
diesem Grenzgebiet zwischen Konstruktion und Geotechnik bewegen, ergeben sich aber allemal höchst interessante
Einsichten und bereichernde Erfahrungen. Es ist unserem Beruf zu wünschen, daß wir uns vermehrt diesen Herausfor-
derungen stellen.

© 2005 Ernst & Sohn Verlag für Architektur und technische Wissenschaften GmbH & Co. KG, Berlin · Beton- und Stahlbetonbau 100 (2005), Heft 10 855